Nro. 26. 27. Zum 1869 Augsburger Es gleichen Pflichten blumigen Gewinden. Die ähnlich man muß an den Stab Der aufrechtstehenden Gewohnheit binden, Sonst fallen lästig sie herab. Johannes Schrott. Der Habich ««d der Hättich als Geschäftsfreunde. Drittes Kapitel. Ein hitziger Handel, zu dem endlich der Postillon die Begleitung bläst. Einmal nämlich hat der Habich in Wcisenftadt zu thun, ich weiß nicht was. Im halben Mond daselbst kehrt er ein, findet aber niemand in der Wirthsstube. Weil er aber doch gern Kameradschaft haben möchte, so steht er hinaus in's Kabinett (Kafcnett sagen die Dürrcnsec'r, und die Wcisenstadter meist auch). Siehe da sitzt leibhaftig, aber ganz still sein guter Freund der Hättich, schmaust ein Wiener Würstchen von dem seine Frau nichts misten soll, und trinkt ein GiaS Bier dazu. Hab' ich dich. Freund Spatz, denkt er und setzt sich zu ihm. Der Hättich kann nichts dawider thun, denn im Wirthshaus muß man zum Nachbar nehmen wen man findet. Ich weiß übrigens nicht waS die beiden im Anfang mit einander verhandelt haben, der Habich hat wohl dafür gesorgt, daß die Weisheit davon nicht in Strömen auf die Gaste gelaufen ist. Allmälig aber wird der Habich ernsthafter, macht endlich ein feierlich Gesicht und fragt den Hättich: Vetter, weißt denn schon, daß ich meine „Sachen" verkaufen will? Du Narr, antwortet der Hättich, du und deine Sachen verkaufen! Wovon willste denn nachher leben, wenn du deine Sachen nicht mehr hast? Brauchst dir aber nicht viel Müh' zu geben, vielleicht thut dir 'sLandgcricht bald den Gefallen und sorgt für den Verkauf und fragt dich nicht einmal ob du's zufrieden bist! DaS war ein Hieb, über dem könnte der Habich das Gesicht verziehen. Aber er läßt sich's nicht anmerken und fragt wieder: Nu, was geht's dich an, wenn der Habich verhungern will? Er will aber nicht verhungern sondern 'nübcr nach Amerika, da ist so einer wie der Habich bester angesehen als in dem Dürrensee, dem Nattcnnest. Jetzt meint nun der Hättich, der Einfall wär' gut, in Amerika könnte der Habich noch sein Glück machen: da liefen gewiß gleich alle Leute an's Meer und sagte, so'« Hauptnarr wär' doch noch nicht gesehen worden so lange das ganze Amerika stünde. — Das war wieder ein Stich und grob dazu. Aber der Habich verschluckt auch das. Der Hättich dagegen will nun auch einen Spaß machen, also fragt er den Habich und gähnt dazu, was er denn für sein ganzes Gelumpe haben wollt', das Rittergut aber müßt' auch dabei sein. Sein Haus that' er verkaufen, antwortet der Habich, damit wollt' er vor seiner Reise übcr'S Meer 'nc Stiftung machen. Aber seine Güter wären ihm feil und er thäte sie wohlfeil geben. Für s kleinste wollt er ganz wenig nehmen, nur 'neu Kreuzer, füc's nächste zwei Kreuzer, denn das wär' schon ein Eckchen größer, für'S- Er kann nicht gleich weiter reden, denn der Hättich bricht in ein lauteS Lachen au» und sagt: Narr du! und thut dazu einen Schluck aus seinem BicrglaS. 202 Drr Habich aber läßt sich nicht irre machen und fährt fort: für'S dritte Grundstück wieder noch einmal so viel, nämlich vier Kreuzer. — Jetzt weiß der Hättich nicht, soll er lachen, soll er sich erzürnen, denn der Spaß klingt ihm gar zu dumm. Wie aber der Habich fortfährt, für'S vierte Grundstück acht, für's fünfte sechzehn Kreuzer, für'S sechste zweiunddrcißig und so fort, immer für'S nächste Grundstück das doppelte vom Preis des vorhergehenden zu fordern bis zum zwanzigsten, das „Rittergut" aber sollte das einund zwanzigste sein und das sollte der Käufer noch dreinbe- kommcn,-da ist der Hättich nach und nach ruhig und immer ruhiger und ernsthafter geworden. In ihm arbeitet's als wär' er ein lebendiger Berg Vesuvius, in dem es wallt und kocht und braust bis oben Feuer, Steine, Asche und Rauch hinausschlagcn. Ein Weile sitzt er da und schaut den Habich mit großen Augen an. Darnach wechseln in...seinem Gesicht Schatten und Licht. Endlich bricht's los, er heißt den Habich einen Lumpen und Esel uni den andern, will ihn zur Thür hinaus werfen, sich von solch einem Nichtstanger nicht für Narren halten lasten. Und doch muß er im nächsten Augenblick wieder lachen daß ihm die Ribben krachen, den wo ist ihm je solch eine ausgesuchte Dummheit vorgekommen! Wieder ihm nächsten Augenblick fährt's ihm gleichwohl durch den Kopf was doch aus dem Habich seinen Gütern zu machen wäre, und was er für 'neu Mann machen wollt', wenn er das „Rittergut" drein bekäme. Der Hättich würde bald gauz ernst geworden sein! Aber nein, meint er wieder, das ganze ist von dem Habich doch bloß eine Dummheit. Und weil der gar so ein einfältig Gesicht dazu macht.,, so fängt's in ihm noch einmal inwendig zu kochen an daß das Töpfchcn überlauft.. Er. begehrt auf, schlägt mit der Faust auf den Tisch und sagt endlich — ich weiß , nicht-, was, grob genug wird'» herausgekommen sein; denn war der Hättich gleich Gcuieindcpflcger, so-folgt daraus nicht, daß er im Schimpfen einem seiner Mitnachbarn etwas hinausgegehcn. hätte. Ueber dem Lärm kommen mehr Leute in den halben Mo»d und lasten sich. im Kabinett nieder. Unter ihnen ist der eine ein gewesener Landgcrichtsschreibcr, der andere ein Fremder der mit der Eisenbahngescllschaft einen LiefcrungSkontrakt abgeschlossen hat, der dritte ein Jude aus der Hofheimer Gegend, der Mondwirlh aber steht auch bei der Gesellschaft und läßt die Gäste durch seinen Buben mit Bier versorgen. In einem Gasthof kommen wohl allerlei Dinge vor, aber so was hat er doch noch nicht erlebt und es geht ihm ein Licht darüber auf, daß das mit der neuen Eisenbahn und dem gesteigerten Weltverkehr zusammenhängen muß. Bald haben sich drei Parteien gebildet. Als Vertreter der einen Partei spricht der Schreiber: der Verkäufer ist ein Narr; wär' das Gütchen auch noch so klein, HauS, Hof und Garten ist allein mehr werth als das dumme Exempel ausmacht. Der .Fremde im Name» der zweiten Partei spricht , mit Würde: meine Herrn, das Ding:.macht , hundert Gulden und vielleicht viel mehr, es fragt sich nur vor welchem Umfang und. wclckzer Ertragsfähigkeit die Felder sind.. Der Jude aber, der eine Partei für sich. bildet, sitzt eine gute Weile ganz vertieft da, .auf einmal springt er auf den Hättich zu, klopft ihm von hinten aus die Schulter und spricht:. ;nci, Bruder, laß dir rathe, laß dir rathe, ein arger Handel, eiu böser Handel, ei» schwerer Handel! (Fortsetzung folgt.) „Sie sind 30 Jahre alt?" — fragte eiu Aktuar eine Dame, die er zu Protokoll vernahm. — „Nein, zwanzig," antwortete diese. — „Aber ich bin doch mit Ihnen m einem Jahre geboren!" — „Ei uun," sagte die Schöne schnippisch, „Sie werden wohl. rascher gelebt haben." Kalme Schwelte, Lotteriesetzer. Von N. Denneberg. Es ist ein kalter Wintcrtag, der Schnee bedeckt wie ein Leichentuch Wald und Flur, das Eis bildet Blumen auf den Fenstern, — und doch geht es lustig zu in der Schule von Iffcrl Melaincd. Was sage ich Schule, ich verbessere mich und sage im Cheder. Der Familienname meines ersten Meisters und Lehrers ist mir entfallen, mein Gedächtniß hat nur den Vornamen und Charakter aufbewahrt. Zur Zeit als diese Erzählung sich abspielt, gab es in Nikolsburg noch keine öffentliche hebräische Schule; das Hebräische ward in einem Zimmer gelehrt. Die Lehrer an diesen Schulen brauchten keine Studien gemacht zu haben, hatten nicht nöthig, sich einer Prüfung zu unterziehen, der Lehrer machte sich selbst zum Lehrer, er nahm sich selbst vorn Tisch deS Herrn das Diplom der Befähigung. Mein Lehrer, Iffcrl Melamed, war ein braver Mann. Bis zu seinem vierzigsten Jahre ein ehrlicher Geschäftsmann, — er nährte sich und seine Familie im Schweiße feines Angesichts, und es ging ihm ziemlich gut. Aber Iffcrl wirthschaftete ab und ward Lehrer. Er lehrte die Anfangsgründe und das Beten. Der Cursus an dieser Hochschule dauerte ein Jahr, und die entlassene» Schüler wanderten dann in ein anderes Cheder, — um die begonnenen Studien unter Leitung anderer mehr erfahrener Lehrer auf breiterer Basis fortzusetzen. Es herrschte freudiges Leben in der Schule Jsserl's, und alles sanfte Zureden half nichts. Wir kleinen Schüler ließen unseren Zungen freien Lauf, wir lachten, scherzte» und jubelten. Ruhe herrschte niemals bei Iffcrl, aber heute ging cö gar zu toll her. Wir hatten auch alle Ursache, uns zu freuen. Abends war der erste Channka (Weihnachts)- Abend; da wird das erste Lichtlein angezündet, wobei man recht schön singt, wenn wa» eS eben kann; da wird gesprungen, gehüpft, getanzt, gespielt und die Kinder werde» beschenkt. Ein köstlicher Abend -— voller Wonne und Seligkeit. Der Lärm bei Iffcrl war zu groß. „Wendet Belfcr, wo bist Du?" rief Iffcrl aus. „Bist Du ein Belfer!" Er, der gute Iffcrl, vergaß, daß Wendel selbst erst den Kinderschuhen entwachsen, selbst erst vierzehn Jahre zählte, bei den Kinderspielen selbst erst mit zum Kinde wurde, und seine Würde als Belfcr (oder Behelfcr, Untcrlehrcr) vergaß. Wendel, das Kind armer Eltern, kernte nothdürftig lesen und schreiben, und ward Plötzlich zur Dignität eines Behclsers erhoben, einer Stellung, zu der seine kühnsten Träume ihn nicht für befähigt erachtet hätten. Sein Gehalt, von Iffcrl redlich ausgezahlt, war sehr unbedeutend, dafür hatte er aber freie Kosttage bei den Eltern seiner Zöglinge und am Roschhachoidisch (am ersten Tage -— des jüdischen Monates), je nach Vermögen oder Herzensgüte der Mniter einige Kreuzer Nekrcations-Geld, auch dann und wann einen Apfel oder anderes Obst zur Jause. Den Appell seines DircktorS überhörte Mcndel, oder wollte ihn überhören, um die heute Abends zu hoffenden Sportcln nicht in Frage zu stellen. Seine Aufgabe ging dahin, die Sympathie seiner jungen Freunde heute besonders zu Pflegen, denn die gute Fürsprache der Kleinen hatte ihm oft schon manches Gute gebracht. Mcndel war ein schlauer Politiker, und kannte den Weg zum Herzen der gefühlvollen Mütter. „Kinder," sagte der gutwillige Iffcrl, welcher sich nun ganz verlassen sah, „wenn Ihr nicht ruhig seid, schick ich Euch nach Hause!" „Guter, goldener Nabbe (Lehrer," schrien Alle gleichsam aus Einer Kehle, „schicke« Sie uns nach Hause, aber gleich." Da trat Kalme Schmecke ein; sein Gesicht strahlte von himmlischer Freude. Wer ist Kalme Schmecke und was war geschehen? Wer vor vierzig Jahren in Nikolsburg gelebt, wird sich einer langen, hagere» Gestalt erinnern, die Stunden lang Straße auf und ab ging, mit sich selbst redete, Worte schnell vor sich hin murmelte, selbstgefällig lächelte, stets grübelte und scheu Jedem auswich, wenn eS anging, doch Jedem Rede stand, der ihn aufhielt, und in seinem 204 tiefe» Jdecngange störte. Diese Gestalt war Kalme Schwelle. Aus seiner Jugend weiß ich nichts zu erzählen; als ich ihn kennen lernte, war er ein Mann in den Bierzigen. Er war fromm, betete und fastete. Unter den Ersten im Tempel eintretend, war er unter den Letzten, die ihn verließen. Mehr Arbeiter des Gedankens, war er kein Freund der Arbeit, wie wir sie in der Prosa dcö Lebens austasten, und arbeitete nur dann, wenn die äußerste Nothwendigkeit ihn dazu zwang; dann aber arbeitete er unverdrossen, trug Holz, spaltete es, ging um wenige Kreuzer als Bote nach benachbarten Dörfern u. s. w. Er wußte wenig, beinahe nichts, aber er war ein großer Rechner — wirklich ein großer Meister im Rechnen, was noch mehr zu verwundern, da er nicht «inmal die Ziffern kannte. Rechnen war die Leidenschaft seines Lebens, war sein Leben selbst. In jungen Jahren träumte ihm, — er werde eine Quinttcrne machen und ein reicher Mann werden. Dieser Traum war sein Unglück. Von da an arbeitete Kalme Schinelke nicht mehr. Wozu auch? Er wird eine Quintterne machen und reich werden. Fünf Nummern setzte er bei jeder Ziehung. Viele Jahre flössen dahin, sie wurden nicht gezogen. Während dieser Zeit that er nichts als rechnen. So und so viel Gulden werde ich gewinnen, so und so viele Kreuzer und Pfennige werde ich, muß ich haben, Las war seine vollste, kräftigste Ueberzeugung, die durch keinen Zwischcnfall erschüttert werden konnte. Jedes Kind kannte bereits den Jdeengang Kalme Schmelke's, und er wurde deßhalb von Jedermann interpellirt, wann endlich seine Quintterne gezogen, und wie viel Gulden, Kreuzer und Pfennige er haben werde. Tausend und tausend Mal gefragt, gab er tausend und tausend Mal geduldig Antwort. Und was wirst Du mit so vielem Gelde machen? — war gewöhnlich die andere Frage. Und abermals antwortete Kalme Schwelle mit gläubiger Ueberzeugung: „Ich werde viel, viel Geld haben, und mir einen Pelz und Paraplui kaufen." Während dieses Dialoges hatten sich mehrere Buben gesammelt, die neckten nun den guten, braven Menschen, der ein Kinderfreund war, und alle Neckereien gutmüthig einsteckte. Die bösen Buben zupften ihn, liefen davon, kamen wieder, zupften ihn wieder, »nd liefen wieder davon. Einige warfen sogar kleine Stcinchcn nach dem guten Manne, der sie alle liebte Endlich verlor die gute Seele Kalme Schwelle doch die Geduld, er lief den Jungen nach, erreichte sie, packte den erst Besten, hob die Hand auf, und ließ sie sinken. Er halte nicht den Muth, nicht daS Herz zu schlagen. Seine großen blauen Augen füllten sich mit Thränen, und weinend und schluchzend sagte er den Kindern: »Ihr martert mich und ich habe Euch Alle so lieb! Dich und Dich," und nannte er Alle bei ihren Namen. „Ich werde eine Quintterne machen, viel Geld gewinnen und Euch Alle reichlich beschenken. Aber gebt mir Ruhe, ich liebe Euch ja unsäglich." Dieser Mensch wohnte bei Jsterl Mclamed. Er halte kein Bett, er schlief auf dem Backofen. Seine Habscligkeiten trug er gewöhnlich bei sich, und Wäsche und Kleidung war in einem kleinen Sackluche in irgend einem Winkel der unansehnlichen Behausung ausbewahrt. „Kalme Schmelkc, was wird aus Dir werden," sagte ihm oft Jsterl Mclamed, der ihm befreundet und verwandt war; „was wird das Ende sein?" „Laß mich in Ruhe, mein guter Jsterl, Du wirst sehen, ich gewinne in der Lotterie, dann bin ich reich — und Dein Schade wird cS auch nicht sein," antwortete stets der Interpelliere. Nun mischte sich Elkelc, die treue Gattin Jstcrl's, in's Gespräch. Elkele unterstützte ihren Mann durch ihren Fleiß, sie war Scholethsctzcrin (Lieblingsspcisc am SamStag), »nd gewann durch ihre Emsigkeit an einem Tage mehr, als Jsterl in der ganzen Woche durch sein pädagogisches Wirken. „Jsterl," sagte die wackere Frau, „laß Kalme Schmclke in Ruhe. Ja, ja, er wird gewinnen." Auch Breindl, die einzige Tochter Jstcrl's, zollte dem sanften Kalme Schwelle Beifall und Jsterl mußte nachgeben. 205 „Breindl," rief nun Kalme Schwelle begeistert aus, „ich danke Dir aus vollem Herzen für den guten Glauben. Gott soll und wird mir helfen, und dann sollst Du GotteS Wunder sehen. Laß mich nur reich werden. Du liebes, gutes Mädchen, dann werde ich zuerst an Dich denken; Du bist stattlich herangewachsen. Du bist züchtig, aber bald —" Kalme Schwelle hielt inne. Breindl crröthete. Sie schien die nicht beendete Rede ganz gut verstanden und gewürdigt zu haben, denn sie warf dankvolle Blicke auf den Mann, der arm »nd verlassen in der Welt dastand, und Brosamen gold'ner Träume dem gläubigen und hoffenden Mädchen spendete. „Wenn ich gewonnen," sagte Kalme Schmelke noch, „dann habe ich mein Ziel erreicht. Ich habe dann nicht umsonst Jahr aus Jahr ein gebetet, gefastet, Hunger und Durst, Kälte und Hitze, Spott, Hohn, Hintansetzung ertragen, dann" — seine Stimme ward feierlich, seine Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten, dann schrie er laut auf, daß die friedliche Familie erschrocken zusammenfuhr — „dann schwöre ich beim allmächtigen Gott, beim Gott unserer Vätcr, setze ich nicht mehr in die Lotterie!" „Amen," — sagte Jsscrl, „und jetzt wünsche ich zu Deinem Heile, daß Du bald gewinnst." „Amen," betete Kalme Schmelke nach, versenkte sich in seine alten, ihm lieb gewordenen Träume, hörte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging, — und schien ganz dem Kreise entrückt zu sein, in welchem er sich befand. Seit dieser Unterhaltung waren mehrere Jahre dahingerauscht; die Nummern, die Kalme Schmelke golden träumte, wurden nicht gezogen. Wer den Schaden hat, — hat auch den Spott. Kalme Schmelke war die wohlfeile Zielscheibe des gemeinen Witzes. Seine Augen wurden matt — sie hatten ja viel in einsamen Nächten geweint, seine Haare bleichten, und Breindl sing an, wenn auch nicht alt zu werden, doch das Alter zu fürchten, in welchem arme, wenn auch tugendhafte Mädchen sich vergebens nach einem Freier umsehen. Da kam der Tag der Erlösung. Was der Wahnsinn ersonnen, wurde durch göttliche Fügung zur Wahrheit — zur vollen, glänzenden Wahrheit. Kalme Schmelke gewann, seine fünf Nummern wurden gezogen. Wer beschreibt den Jubel! Lange stand er da, wie eine Bildsäule, als ob der Schlag ihn getroffen, konnte er kein Glied bewegen — dann schloß er die Augen, öffnete sie, traute sich selbst, seinen Sinnen nicht. Nach und nach gewann er die Fassung, und ein Strom von Thränen der Freude ergoß sich aus seinen Augen. Auch seine Sprache fand er wieder. Er faltete die Hände und betete still vor sich hin. WaS er gebetet, ich weiß es nicht, aber ich kann es ahnen. Nochmals schaute er die fünf goldenen Nummern an, dann hüpfte er auf und hinein in's Amt, laut aufschreiend: „Wer hat Recht!" „Jetzt will ich mein Geld haben." Der Beamte erwiederte, daß er sich noch einige Tage gedulden müsse. „Geben Sie mir tausend Gulden indeß für Breindl — das gute, süße Kind, das mich niemals gemartert, mich stets getröstet, wenn alle Welt mich gehöhnt und verspottet hat. Da haben Sie den Zettel, ich versetze ihn, ich vertraue ihn Ihnen an, Sie sind ein braver Mann, aber die tausend Gulden für Breindl muß ich gleich haben — auch einige Gulden für einen Pelz und ein Paraplui — und einige Gulden für Geschenke meiner Freunde. Ich will den Kleinen zeigen, daß ich Ihnen keinen Groll nachtrage, daß ich sie Alle unaussprechlich liebe." Der Beamte willfahrte, und nun eilt Kalme Schmelke in sein Quartier — in Jsscrl's Wohnung. „Jsscrl, Elkcle, Breindl," schrie er auf, „ich bin der glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden, ich bin nicht verrückt, ich habe gcwouueu; viel, viel, da hast Du, Breindl." 206 > 4 l kr übergab ihr die erwähnten tausend Gulden. „Jetzt kannst Dn hcirathen! Armes Mädchen, Du wartest schon lange darauf! Und auch für Dich, Jsserl, habe ich waö eingekauft, und für Dich, klkele, treue Freundin, und für Euch Alle, — Ihr tteinen Spitzbuben, die Ihr mich gehöhnt." Und er beschenkte uns Alle. Drei Tage wäre» verflossen, da hüllte sich Kalme Schmclke in seinen neuen Wolfspelz und ging, das heiß ersehnte Paraplui unter dem Arme, nach dem Lotto-Amte, um sein vieles Geld zu holen. Doch. welche Enttäuschung harrte dort seiner. Der Beamte erklärte ihm rundweg, daß das Gericht auf die gewonnene Summe Beschlag gelegt und er unter Kuratel gesetzt sei. „Warum das?" fragte Kalme Schmclke wie vom Blitz getroffen. Der Beamte zögerte mit der Antwort. „Weil ich ein Narr bin?" — fuhr Kalme Schmclke fort. Der Beamte nickte bejahend. Jetzt wurde Kalme Schmclke rasend, er rief auS: „Ich ein Narr? Durch mein Gewinnen habe ich aller Welt bewiesen, daß ich nicht verrückt bin. Warum bin ich ein Narr? Ich habe bewiesen, daß meine Träume in Erfüllung gingen. Wen habe ich jemals beleidigt? Wen habe ich gekränkt? Wem bin ich zur Last gefallen? Meine Schwester ist reich, habe ich sie angebettelt? Bin ich ihr nicht jedes Mal aus dem Wege gegangen, wenn ich ihr begegnete, weil ich fürchtete, daß sie sich meiner schäme? Thut daS ein Narr? Das hast Du mir gethan, Schwester Röcheln, Dein Mann, der Nosch- hakol (Bürgermeister) ist groß und mächtig in der Gemeinde, der Obcramtmann, der Justitiär und der Amtsschreiber sind Purim (Fasching) bei ihm geladen. Dein Mann kann Alles, waS er will. Ich muß schweigen, darf mich nicht auflehnen, sonst sperrt man mich ein." All' sein Toben half nichts, Kälme Schmclke wurde unter Sequestration gestellt. Er blieb als Pensionär bei Jsserl, — erhielt einen neuen Nock, eine Sammtmütze und wöchentlich einige Kreuzer für Schnupftabak und andere kleine Bedürfnisse. Die Schenkung au Breindl wurde nicht angefochten. Der Frohsinn war für immer von ihm gewichen, er rechnete nicht mehr, scherzte »icht »lehr mit den Kindern, spazierte nicht mehr in den Straßen umher, saß Stunden lang vor sich im Zimmer, ohne ein Wort zu sprechen, selbst sein Liebling Breindl konnte den Geist der Schwcrmulh nicht von ihm bannen. »Laß mich gehen," sagte er öfters dem um ihn bekümmerten Mädchen. „Mir ist nicht zu helfen, Deinen Hochzeitstag will ich noch erleben, dann gehe ich gerne zu den Bätern ein. Weine nicht, süßeS Kind, wir müssen Alle dorthin!" Und so war eS in der That. Das Mark seines Lebens war verdorrt, er welkte hin wie der Baum, dem man jedes Naß entzogen. Breindl's Hochzeit wurde gefeiert. Das alte Ehepaar Jsserl Mclamcd und Elkele, Scholethsetzcrin, tanzten. In einem Winkel saß der arme Kalme Schmclke. Freude röthete seine sonst fahlen Wangen, und Wirte des Segens entströmten seinen matten Lippen. Die eben getraute Frau Breindl naht sich ihm, drückt die kalte Hand des bewährten Freundes und versuchte ihn durch Worte des Trostes zu erheitern. „Mir ist ja heute, jetzt sehr wohl, Du bist unter die Haube gekommen, wirst ein braves, treues Weib werden, was will ich niehr? Gelobt und gepriesen sei Jehova! Jetzt aber geh' und laß mich allein." Die Hochzeitsgäste hatten sich entfernn, und noch saß an der nämlichen Stelle Kalme Schmclke; man mahnte ihn, seine Lagerstätte aufzusuchen und sich zur Ruhe zu begeben. Man weckte ihn vergebens. Unter den Hochzcitsklängcn hatte die gute Seele ausgehaucht. Diese Hochzeit wollte er erleben, er erlebte sie und starb unbeachtet und nur beweint v»u der treuen Familie Jsserl Mclamcd s. Miseellen. Man schrieb der „N. Fr. Pr." aus Trieft, 30. Mai: Die in unserem Hafew ankernde Nacht „Mäkrusfa"deS Vizckönigö von Aegyptcn bietet, wie kaum ein anderes Objekt, auf einem vcrhältnißmüßig kleinen Raume eine wirklich schenswcrthe Vereinigung orientalischer Pracht und abendländischer Industrie. In England um den Preis von 400,000 Pfd. St. gebaut, soll diese Jacht unter allen ähnlichen Fahrzeugen an Pracht nur der andern Jacht nachstehen, welche der Vicekönig dem Sultan zum Geschenk gemacht hat. Die „Makrussa" ist ein Raddampfer von etwa 400 Fuß Länge mit einer Maschine von 800 Pferdckraft und 8 Armstrong-Kanonen; sie hat den Weg von Venedig nach Trieft in 3>/i Stunden zurückgelegt, so daß auf die Stunde die außerordentliche Geschwindigkeit von über 16 Seemeilen kommt. Aus dem Hinterdeck befindet sich der sehr geräumige Speiscsaal, in Weiß und Gold gehalien. Ringsherum läuft ein breites Ruhebett, das, gleich den um den großen in der Mitte aufgestellten Mahagonitisch befindlichen Lehn- stählen, mit kostbarem, farbenprächtigem Tapetenstoffe überzogen ist. Fünf in der Län- genaxe deS Schiffes angebrachte Säulen von silberähnlichem Metalle stützen den Plafond und tragen je einen Kranz von Leuchtern mit tulpeuförmigeu Gläsern. Gleiche Leuchter sind an den Scitenwändcu in zahlreichen Gruppen abwechselnd zwischen den Fensterlucken i> und den auf Schildkrot - und Perlmuttcrgrund eingelegten Obststücken angebracht. Vor i diesem Speiscsaal befindet sich ein grüumigeS StiegcnhauS, in welchem eine Doppcltreppe unter Deck führt. Die einzelnen Stufen dieser, einen wahrhaft überraschenden Anblick gewährenden Treppe sind von starkem Milchkrhstalle mit hellblauer Zeichnung, verbunden j mit weißem, silberglänzendem Metalle, welches auch in schönen Arabesken das Geländer >. bildet. Die Treppe mündet in einen reich dckorirten Raum, vor welchem Achter der > EmpfangSsalon, gegen die Maschine zu die Schlafgcmächcr des VizckönigS liegen. In letztere, welche für Fremde nicht zugänglich sind (es soll dieses Verbal auf unangenehmen z Erfahrungen beruhen), gelaugt man durch Thüren aus Spiegelglas und Ebenholz. Den d beiden Sliegcnabsätzcn gegenüber befinden sich die mit kostbaren Vorhängen versehenen ! Eingänge zum EmpfangSsalon. Hier wiederholt sich im erhöhtem Grade die Pracht des- SpeisesaalS; kunst- und wcrthvolle kreisrunde Mosaiktische wechseln mit prächtigen Otto- manen ab; die Wände sind ebenfalls mit Mosaikstückcn herrlicher Arbeit eingelegt. Den überigcn Theil deS Schiffes bis zur Maschine und den Radkasten nehmen die Cabiucn j für das Gefolge und die Schiffsoffiziere ein; die vorderen Räume sind für die Mannschaft (dermalen 387 Mann). Unter den gehißten Schiffsbootcn sticht insbesondere der fast blutrothe Gig deS VizckönigS, aus Mahagoniholz heraus. ^ Als Napoleon I. aus Elba entwichen war, verzeichnete der „Monsieur," damals von Lonis XVIII. rcdigirt, das Vorrücke» deS Kaisers wie folgt: Der „Menschenfresser" ist entwischt, — der „corsischc Währwolf" ist in Frankreich gelandet, — der „Tiger" kommt, — das „Ungeheuer" hat in Grenoble übernachtet, — der „Tyranu" ist in Lyon eingetroffen, — der „Usurpator" zeigt sich in der Umgebung von PariS, — „Bvuaparte" rückt vor, wird aber nie in Paris einziehen, — „Napoleon" wird morgen unter unsern Brustwehren stehen, — der „Kaiser" ist in Foutaineblcau eingetroffen, — und zuletzt „Se. Kaiserliche Majestät" zog am 21. März „in der Mitte seiner getreuen Unterthanen" in den Tuilerien ein. ' -- .. Beim Eintragen der Namen in die jüngst ausgelegten Listen zur Einkommensteuer zeichnete eine Briefträgerfrau in Berlin, deren Mann hoffnungslos erkrankt in der Charits, siegt: Baldige Briefträger-Wittwe. 208 * In Regentstrcet, London, ist gegenwärtig eine höchst kuriose Ausstellung z« sehe». In einem geschmackvoll dccorirten Zimmer zeigt ein junger Engländer einen Marstall darstellender Flöhe, oder wie er sich in seinen Annoncen ausdrückt „abgerichteter ApterouS Insekten." Viele Mühe, Zeit und Ausdauer muß eS dem Aussteller gekostet haben, die Darstellungen dieser Thierchen zu der Vollkommenheit zu bringen, die sie gegenwärtig an den Tag legen. Die Insekten ziehen Wagen, — nehmen Schiffe in'S Schlepptau, feuern eine Kanone ab, produciren sich auf dem Seil, springen, tanzen und führen auf einem weißen glatten Tische verschiedene andere Evolutionen aus. Das Wunder der Ausstellung liegt aber weniger in dem Genie der Flöhe, als in der b«- wundernswerthen Construction und Nettigkeit der ganzen Maschinerie. Nach Jahre langer, mühevoller Arbeit hat der Besitzer der Floh-Menagerie nach eigenen Ideen und mit eigener Hand eine Anzahl von Liliput-Artikeln zu seinen Darstellungen fabricirt, die jedem Zuschauer ei» »»geheucheltes Erstaunen abnöthigen. Während der Productione» seiner Jnsektchen gibt der Aussteller seinen Besuchern höchst belehrende Auskunft über diesen speciellen Zweig der Naturgeschichte. Die „englischen Flöhe" bezeichnet er als die gelehrigste» Schüler, obwohl die russischen, belgischen und deutschen ihnen an Talent und Gelehrigkeit nicht viel nachstehen sollen. Einige der „liliputanischcn Darsteller" wurden als „sehr alte Herren" bezeichnet, sie zählten der Monate nenn, und waren nun, den Naturgesetzen zufolge, dem Ende ihrer Tage nahe. Drei oder vier Monate gilt bei den Flöhen als ein sehr schönes Alter. Mit rührender Zuneigung und als Äcquivalent dafür, daß die Productionen der Flöhe seine» Lebensunterhalt ausmachen, gestattet der „Manager" seinen Acteurs von seinem eigenen Blute zu leben. Nach beendeter Darstellung versammelt sich die kleine Hecrde auf der Rückseite seiner Hand zum Diner — und dann wird die ganze Schaar, nachdem zuvor jeder Floh vorsichtig zwischen zwei Miniaturdecken gelegt worden, in eine Schachtel placirt, wo sie nach gethaner Arbeit sicher schlummert und keinen Schaden anrichtet. Der ungezähmte Vorrath au Flöhen — 2 bis 300 — wird in einer mit Wolle angefüllten, wohl verstopften Flasche aufbewahrt. Aus Anlaß der Erwähnung einer seltenen Uhr in Nro. 24 des „SonntagSbl.", die in Frankreich gefertigt worden, und alle seitherigen Leistungen der „Uhrmacherkunst" übertreffen soll, wird zur Ehre der deutschen Uhrmacherkunst darauf aufmerksam gemacht, daß sich i» Kloster Ebrach ein deutsches Kunstwerk befindet, welches jenem französischen würdig zur Seite gestellt werden dürfte. Es ist dies eine von Johann Christian Schuster gefertigte astronomische Uhr, welche eine Erd- und eine Himmelskugel in Bewegung setzt. Dieselbe zeigt außer dem Gewöhnlichen — die Wochentage, Monate, den Datum, den Mondwechsel, Sonne- und Mondslauf in ihrem gehörigen Auf- und Untergang, desgleichen das Eintreten der Zeichen des Thicrkreiscs, und dadurch die Jahreszeiten und alle vier Jahre den Schalttag, den Stand der Sonne, Mond und Gestirne zur Erde in jeder Stunde des Tages und der Nacht, desgleichen die Stunde, welche jedes Land der Erde hat, wann in jedem die Sonne auf- und untergeht u. s. w. Dabei ist das ganze Uhrwerk auffallend einfach, und leistet Alles mit erstaunlich „wenig Räderwerk." Die Uhr wird alle acht Tage aufgezogen. Was die Größe betrifft, so nimmt sie den Raum auf einem Pfeilertische oder einer Commode in Anspruch. Wer sich für dieses Kunstwerk intcrcssirt, dem wird solches zu jeder Zeit Herr Daniel Barcnöfeld in Kloster Ebrach mit Vergnügen vorzeigen. (Der schöne Titel.) Du, Frau,, jetzt han i au an Titel, den i scho lang g'möcht hält'. Der Herr Landrichter h«t g'sagt, i wär' an Damnifikat. Wie moinst, daß sich'- «nsnimmt, wenn i mi jetzt nnterschreib: Hesekicl Schäufcrle, Damnifikat?! Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von l)r. M. Huttler.