Nro. 27. 4. Juli 1869. Gleichwie der flammende Tag unsern Blicken die unzähligen Himmelslichtcr raubt, so werden durch das heitere Glück unzählige Gedanken von hohem Werth uad von göttlichem Lichte für den Menschen ausgelöscht. Aoung. Ein verfehltes Leben. Erzählung von Ludwig Habicht. (Nachdruck rttLoten.) Wenn wir ein altes runzelvolles Gesicht sehen, dann denken wir unwillkürlich, wa6 muß das Alles erlebt und erfahren haben, ehe das Schicksal alle diese vielen Linien auf die Stirn und das Antlitz zog, sie vertiefte und verdickte und zu einem völligen Sorgenspiegel verkörperte? Was für Sorge, Noth und Kummer muß einen stillen Einzug in das klopfende Herz halten, ehe es auf dem so blühenden, frischen Antlitz alle die Eindrücke sympathetisch wiedergibt, die sich dort festgraben und dort ihre stumme und doch beredte Geschichte schreiben? Wir können auf manchem sorgcndurchfurchten Antlitz zurücklesen — die ganze Vergangenheit, das ganze schicksalsschwere Dasein, das nichts als eine Kette von Täuschungen, bitteren Erfahrungen und dunklen Schmerzen war, — oft aber genügt auch schon ein einziger fürchterlicher Schlag des Schicksals, um diese düstere Chiffreschrift hervorzurufen. Und auf all' diesen Gesichtern ruhte einst der Glanz der Jugend, vielleicht der Schönheit, und jetzt liegt das Alles vor uns so tief verschleiert, daß kaum unser schärfster Blick noch eine Spur davon entdeckt. Ich kannte ein solches altes, runzelbedecktes Gesicht, — das einer alten Jungfer. Sie lebte in tiefster Zurückgezogenheit von der Welt fast dürftig, obwohl sie ein bedeutendes^ Vermögen besitzen sollte. Aber man suchte sie auch nicht auf, man scheute vor dem alten Frauenzimmer zurück, — die immer in schwarzen Kleidern über die Straße schritt und so finster aussah, als trage sie eine rechte altjüngferliche „Verdrossen- und Vergessenheit" mit sich herum. Ihre Mäßigkeit legte man bald als Geiz, ihren häufigen Kirchenbesuch als Frömmelei aus; man hatte sie nirgends gern. Niemand sprach ein freundlich entschuldigendes Wort von ihr, die so hartherzig sei, daß sie jeden Bettler von der Thür weise, sich von ihrer alten Dienstmagd von jedem Unglück gewissenhaft berichten lasse, um sich darüber freuen zu können. So sagten wenigstens die Leute. Sie hatte nicht, wie andere alte Jungfern, eine Katze, einen Huvd — oder einen Kanarienvogel zu ihrem Umgänge, ihrer Unterhaltung, sondern etwas weit Absonderlicheres, das sie vollends in Verruf bringen mußte, — eine Eule, für die sie die zärtlichste Sorge trug, die sie selbst fütterte und mit der sie sich oft, wie mit einem Menschen, unterhalten sollte. Daß dieser sonderbare Geschmack sie in den Augen der Menschen noch verhaßter machte, verstand sich in der kleinen, klatschsüchtigen Stadt von selbst; — man nannte sie nach ihrer Gesellschafterin „die Eule," und erschöpfte sich in Gehässigkeit gegen die Aermste, suchte sie absichtlich zu beleidigen und zu kränken, und je ruhiger sie die Pöbclhaftigkeit hinnahm, desto mehr häuften sich dieselben. Ich hatte die alte Frau schon mehrfach gesehen, von ihren Wunderlichkeiten genug gehört, als daß ich nicht ein Interesse für sie hätte fassen sollen, und besonders war mir das Halten einer Eule doch etwas gar Ungewöhnliches, das gewiß mit dem Schicksal dieser alten Frau in Beziehung stand; und das Glück, oder vielmehr das Unglück war mir günstig, hierüber Ausschluß zu erhalten. ^ 210 Es war an einem Wintcrtage, als ich durch die Straßen schritt, und durch einen Zusammenlauf von Menschen aufgehalten, näher trat, um zu sehen, was es gäbe. Die unglückliche alte Frau lag an der Erde, man umstand sie lachend und spottend, ohne daß ihr Jemand hülfrcich die Hand gereicht hätte. Ich stieß einige rohe Gaffer bei Seite, Näherte mich der Gefallenen, und sie vermochte wenigstens mit meiner Hülfe aufzustehen, und auf meinen Arm gestützt, langsam fortzuhinken. Ein Paar Gassenjungen hatten die arme Frau mit ihrem Schlitten rücksichtslos umgefahren, — und anstatt die Buben zu züchtigen, freute man sich des gelungenen Witzes, — der alten Eule einen Schabernack gespielt zu haben. Ich begleitete sie an ihre Wohnung, wollte ihr einen Arzt besorgen, sie lehnte es aber ab und bat mich nur, sie recht bald zu besuchen, um mir danken zu können. Alle ihre einfachen, kurzen Aeußerungen verriethen eine Bildung, wie ich sie unter dieser schrullenhaften Hülle nicht erwartet hatte; und ich ging schon am andern Tage hin, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Man hatte mir die wunderlichsten Geschichten von ihrer Wohnung erzählt! Es sollte ein finsterer Malepertus sein, schmutzig und ärmlich, und ich fand das freundlichste, behaglichste Stübchen. Zwar waren die Meubles alle einfach, nirgends ein Prunk, eine Zier, wie sie Frauen lieben; aber dennoch konnten diese ärmlich-einfachen Räume an- muthen, weil Alles sauber und geschickt geordnet an seinem Platze stand, und die Sonne durch helle Scheiben ihre wärmsten Strahlen in das Zimmer schickte. Die arme Frau hatte geglaubt, daß ihr Unfall weiter keine nachtheiligen Folgen haben würde, sie lag aber doch bei meinem Besuche zu Bett; und wie sie dort mit dem abgemagerten, blassen Gesicht in dem blüthcnweißen Kiffen ruhetc, kam sie mir durchaus nicht eulenhaft vor, und ich begriff nicht, wie sich anf dies wahrhaft schöne Matronen. Antlitz ein solcher Haß werfen konnte. Freilich war sie heute von der großen, schwarzen Haube befreit, die sie so schrecklich alt machte; sie trug ein sauberes Nachthäubchen, das eine hohe, wenn auch tief durchfurchte Stirn sehen ließ. Diese dunklen, jetzt so matten Augen, mußten einst geglänzt und um diese fein geschnittenen Lippen die Grazien gespielt haben. Die Nase war noch jetzt untadelhaft, nur um den eingefallenen Mund lag ein Zug, mehr des Grames als des Schmerzes. Das jetzt etwas zu sehr vorstehende Kinn mußte dem Gesichte einst in seinen Blüthcntagen einen entschiedenen, vielleicht mit Welt und Leben spielenden Ausdruck gegeben haben. Nach Allem also war sie gewiß einst eine Schönheit gewesen, und heute — ein verachtetes, und von allem Volk gering geschätztes Weib. Sie klagte über nichts, nur über eine allgemeine Schwäche, die sie am Ausstehen hinderte, und war nur darüber unglücklich, morgen noch nicht das Zimmer verlassen zu können, da sie einige nothwendige Einkäufe zu machen habe, aber sich allzn schwach fühle, um dies wagen zu können. Meine vorgefaßte gute Meinung über die Alte schwand bei ihren peinlichen Klagen, daß sie an das Zimmer gefesselt sei, da diese Sorge jedenfalls mir aus ihrem Geize entsprang; ich sagte daher auch etwas trocken, „daß es nichts helfe, und sie sich schon eine Frau dafür würde miethen müssen," weil ich gehört hatte, daß sie aus Geiz noch ihr Dienstmädchen entlassen habe, und sich nur von einer Frau die Aufwartung machen ließ. Sie schien meinen Vorwurf zu fühlen; ihr Auge umflorte sich für einen Augenblick, dennoch blieb sie mir jede Antwort schuldig, was mich noch mehr gegen ihr kleinlich geiziges Wesen aufbrachte. Plötzlich begann sie: „Ach, mein Herr, ich habe zu Ihnen ein eigenes Vertrauen gefaßt, und wage deßhalb eine große Bitte. Gewiß sollte ich der Alten ihre Einkäufe besorgen, da kostete es nichts; nein — ich danke, Madlene! Und wirklich neugierig wartete ich auf den Inhalt der Bitte meiner Kranken, die mir schon merklich eulenhafter vorkam. „Wollten.Sie vielleicht den Schrank dort am Fenster aufmachen?" >— begann sie wieder mit schwacher, zitternder Stimme; „man muß rechts herumdrehen, — es ist ein 211 eigenthümliches Schloß, dort im untersten Schabe — aber ich bemühe sie gewiß zu sehr?" Ich wollte doch sehen, wie weit ihre Unverschämtheit gehen würde, und schickte mich an, ihrer Weisung zu folgen. „Es sind gerade 12 Thaler, die darin liegen." Nichtig, —> meine liebenswürdige Eule, wo ist der Korb, dachte ich ingrimmig, damit ich dir die Rüben und den Salat nach Hause schleppe, oder — wahrscheinlich nur Kartoffeln. Und diese Frau war einmal schön gewesen, und nur der brennende Geiz hatte Alles bis auf die Knochen aufgezehrt! Welche Metamorphosen! — Der Pflanzenkeim wird Knospe, Blüthe und endlich Frucht, und immer neue — wunderbare Schönheit entfaltet sich in diesen leisen, harmonischen Uebergängen; nur das Mcnschenherz kann ohne Spur seiner früheren Schönheit, seiner Gedankenfülle in den Staub zerfallen. Armes altes Weib! „Nein, ich wage es doch nicht," begann jetzt wieder die Eule, „ich werde übermorgen schon wieder ausgehen können, — und auf einen Tag kommt es am Ende nicht an, obwohl —" „O, ich bin jetzt einmal im Zuge," — entgegnete ich mit Ironie, „ich hab' ei« Talent zum Einkaufen — und werde Ihnen schon Ihre Viktualien zur Zufriedenheit bringen." Die bisher so ernste Frau brach unwillkührlich in ein heiteres Lachen aus, das sie aber plötzlich abbrach; und mir die Hand reichend, sagte sie: „Verzeihen Sie mir, — Sie hatten Recht, ich bin ja die alte, geizige Eule; aber eS war doch etwas Anderes, mit dem ich Sie belästigen wollte." „Ich habe dort in der Vorstadt an mehrere Leute etwas zu zahlen, und möchte gern, daß dies heute geschehe; es ist eine Grille von mir, aber es würde mir peinlich fein, wenn ich es unterlassen müßte." Ich erbot mich wiederholt — und jetzt freundlicher dazu, und sie nannte mir die Namen der Empfänger, die ich mir aufschrieb. Dem Schuhmacher Lindner 5 Thaler, dem Böttcher Weinhold, dem Schneider Borisch, dem Schlaffer Wunderlich jedem zwei Thaler, dem Tischler Blühm einen Thaler, so, — das waren die zwölf Thaler. — Vielleicht hatte die Alte dort Bestellungen gemacht, und ich versprach, die Auszahlung auf das Getrculichste zu besorgen und ihr die Quittungen beizubringen. „Das ist nicht nöthig," entgegnete sie eifrig. „Aber wie können Sie denn wissen, daß ich das Geld abgeliefert?" Sie blickte mich vorwurfsvoll an, und sagte ganz einfach: „Nicht wahr, Sie erfüllen mir die Bitte?" Und so fühlte ich wohl, daß, obgleich diese Person schrecklich geizig sein muffe, sie doch nicht mißtrauisch war, wie man sie verschrieen hatte, und wenigstens in dem letzten Punkte hatte auch ich ihr Unrecht gethan, aber selbst in dem ersteren sollte ich empfindlich beschämt werden. Welch' überraschende Aufschlüsse wurden mir zu Theil! Auf meiner Wanderung fand ich zuerst den Schuhmacher Lindner. Er lag krank zu Bett, und als ich ihm seine fünf Thaler aufzählte und ihm sagte, daß die alte Dame krank sei, da rang er jammernd die Hände und klagte: „O Gott, laß sie nicht sterben, was sollen wir Aermstcn anfangen!" — Er hatte bisher jeden Freitag nur zwei Thaler erhalten, seit jenem Erkranken aber fünf Thaler, und bei all' den'Uebrigen, an die ich Zahlung zu leisten hatte, hörte ich dasselbe. Man verehrte die Frau wie eine Heilige, — und doch durften diese Armen nicht» davon verlauten lassen, sie hatte es streng verboten und bei dem leisesten Wort mit ihrem Wegbleiben gedroht; aber was mich noch mehr in Erstaunen setzte, war, daß es wirklich Arme waren, die sich die Alte ausgesucht hatte, Arme, die trotz ihres Fleißes unter einem Joche schmachteten, das ohne der Hülfe dieser Edclmüthigcn sie erdrückt haben würde. Ich war von dem Erfahrenen ganz aufgeregt, und konnte den andern Tag nicht erwarten, an dem ich die alte Frau wieder besuchen woll». Welch' räthsclhaftc, sonderbare Erscheinung, in unsern Tagen, wo man ohne Geräusch nicht wohlzuthun vermag k 212 Warum ertrug diese Frau geduldig den Haß und die Verachtung ihrer Nachbarn, ließ sich ruhig als geizig und boshaft auSschclten? Warum führte sie ein so karges Leben, während sie so reiche und regelmäßige Spenden austheilte? Das waren Fragen, die mich bis zur Stunde meines Besuches auf das Lebhafteste beschäftigten. Ich fand die alte Dame heute schon in ihrem Lehnstuhl sitzend, obwohl sie noch immer über große Schwäche klagte. Mit welch' andern Augen betrachtete ich sie heute; «icht mehr mit denen des physiognomischen Forschers, sondern mit denen der Verehrung. Die letzten, finstern, menschenscheuen Züge schienen sich vor mir aufzuhellen, und noch eine andere Schönheit, als die gestern beobachtete, glänzte mir aus dem alten runzlichen Gesicht entgegen, eine Schönheit, die eben nicht im Antlitz, sondern in der Seele liegt. Ja, sie war schön, eine ächte Matrone, jetzt gewahrte ich es erst, in ihrem Auge ruhte Licht und Frieden, über ihrem ganzen Wesen lag ein Hauch tiefen Seclenschmerzcs ausgebreitet, der verschönt und durchgeistigt. Wie hatte ich dies edle Gesicht nicht schon längst schön finden und in das allgemeine Urtheil einstimmen können: „Die häßliche alte Eule!" (Fortsetzung folgt.) Der Habich «nd der Hättich als Geschäftsfreunde Drittes Kapitel. (Schluß) Nun muß sich merkwürdiger Weise treffen daß der Jude sogleich darauf abgerufeu wird, denn auf dem Markt ist zwischen dem Sternwirth und dem Weisenheimer Wasser- hannes ein Handel um ein paar dreijährige Stiere losgegangen, und wo in aller Welt kann denn so ein Handel ohne Juden fertig werden. So liegen also die zwei anderen Parteien noch eine Weile im Streit, es dauert aber nicht lang, so ist im Kabinett Niemand sitzen geblieben als der Verkäufer und sein Währmann. Dem letzteren nämlich ist der Handel in den Kopf gestiegen, er bringt ihn nimmer heraus. Der Habich, denkt er, ist zwar ein Narr gewesen sein Lebtag und die Leute sagen: einem Narren und einem Betrunkenen weicht ein Fuder Heu aus. Aber auf seinen Vortheil hat er sich nie verstanden, er hätte sonst anders hausgehalten, so wird eben auch dieser Verkauf ein Stück Narrheit sein; am Ende ist's auch das beste wenn er seine Güter losschlägt, unter seinen Händen können sie ja doch nicht bleiben; unser einem aber, der sich's Tag für Tag blutsauer werden läßt, ist'S zu gönnen wenn er einmal einen guten Fischzug thut. — So ein Hättich der nimmer genug kriegen kann, weiß eben auch auf's Gewissen ein Pflaster und das neunte Gebot aus dem Katechismus zu streichen: du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Freilich der Jude hat gewarnt, und ein Jude kann rechnen! Aber, wer weiß, worauf der Jude hinauswill, ob er den Hansel nicht anderswo zu seinem Vortheil von neuem losgchen lassen will? Wenn der Kaufpreis auch auf fünfhundert Gulden hinanliefe — aber es ist ja keine Nede von fünfhundert! - so viel sind die kleineren Wiesen mit den Krautbcetcn werth, und nun noch das Rittergut als Dreingabe, soll da der Hättich nicht zugreifen? Schwenselens, denkt er also Summa Snmmarum und es lacht ihm das Herz im Leib dabei, wenn die Sach' nur schon im Reinen wär', denn so 'ne Gelegenheit kommt nicht wieder in hundert Jahren! Freilich noch einmal kommt er in Nöthen. Der Habich nämlich greift auf einmal nach seinem Stecken, hat noch viel Geschäfte bis auf den Abend und will weiter. Wie nun der Hättich denkt: „Entweder oder, jetzt oder nie!" Und fragt den Habich, ob's ihm denn wirklich ein Ernst mit dem Verkauf und den Verkaufs-Bcdingnissen ist, und der Habich antwortet: Ja freilich wär's ihm ernst und die Bekanntmachung würde bald im „Weisenstadter Anzeiger" stehen; — da muß doch der Hättich noch fragen, wie's denn 213 mit den Hypothekenschulden sollte gehalten werden, die auf dem Grundbesitz hafteten. Und da sagt denn der Habich, die Schulden that' er vom Kaufgeld bezahlen, und die Notariats - Gebühren auch, nur sechs Batzen Trinkgeld wollt' er sich ausmachen. Das aber kann der Hättich wieder nicht begreifen. Es ruhten doch mehr als 1500 fl. Schuld auf dem Habich scheu Grundbesitz, da mußten ja die Gläubiger zu kurz kommen; — oder — der Habich trieb eben doch in der ganzen Sache seinen Spott mit ihm. Jetzt fällt ihm aber wieder ein, was der Schreiber gesagt hat, und der Fremde hat ja auch gemeint, die Sache wär' an sich so übel nicht. Also, noch ist Poleu nicht verloren, auf die sechs Batzen Trinkgeld sollt's ihm auch nicht ankommen, wer nichts wagt, — gewinnt nichts. So erklärt denn der Hättich dem Habich, er wäre ein Liebhaber zu seinen Gütern auf die gestellten Verkaufsbedingungen, und wenn's ihm just gelegen wär', — so könnte die Sache ja sogleich richtig gemacht werden beim Herrn Notar. Der Herr Notar aber wohnte dazumal dem halben Mond in Weisenstadt schräg gegenüber (jetzt hat er sich ein eigenes Haus gebaut vor'm Herb- stadter Thor), rauchte so eben aus seinem braunen Meerschaumkopf zum Fenster hinaus und hatte sonach Zeit, — einem Täublein für schweres Geld auf Verlangen die Federn rupfen zu helfen. Es dauert nunmehr nicht lange, so haben die zwei ihre Zeche bezahlt beim Mondwirth, oder vielmehr der Hättich hat bezahlt für sich und den Habich — denn in so einem Fall muß doch auch ein Hättich sich als Mann von Geld ausweisen, — die sechs Batzen Trinkgeld sind auch berichtigt, und wieder ein Paar Minuten später stehen sie schon in des Notars Geschäftszimmer. Was beliebt? — — Die Antwort wollte eigentlich der Hättich geben, er brachte die Sache aber nicht recht zusammen, und der Habich mußte ihm den Vortrag abnehmen. Da wußte jetzt der Hättich eigentlich wieder nicht, wie er daran war, war er verrathen oder verkauft? Was kommt denn dem Notar in den Kopf, daß er sich, wie der Habich — eben erst ein wenig in den Zug kommt, herumdreht, durch'S Fenster in den Garten hinunter sieht, nachher sich sein Schnupftuch vor den Mund hält und wie versessen darauf herumbcißt? Was hat das zu bedeuten? Warum lach: der Mann so grausam? Findet er den Handel so spaßig und denkt: einer von euch Beiden ist ein Esel, ich sag's aber nicht welcher? Und der Habich hat doch seine schwarz-weiße Brille nicht aufgesetzt! Es ist aber nicht lange Zeit, sich darüber zu besinnen. Denn der Herr Notar hat sich allmählig doch beruhigt, seinen Schnauzbart g.'strichen und thut bereits allerlei Fragen an den Verkäufer wie an den Käufer, um den geschäftlichen Abschluß der Sache vorzubereiten. Und wie das fertig ist, streicht er seinen Schnauzbart wieder, kritzelt dann erst eine Weile auf einem Papicrfetzen herum, sieht bald den Habich, bald den Hättich an mit einem Gesicht, wie der Hättich noch keines gesehen hat, und darauf wird denn das Protokoll ausgesetzt, der Herr Notar diktirt es bloß, der Schreiber muß es auf einen großen Papierbogen schreiben. Jetzt wird die Niederschrift vorgelesen, von beiden Seiten unterzeichnet, endlich auch noch das große NotariatSsiegel aufgedrückt, als Zeichen, daß der Handel rcchtsgiltig vollzogen ist, der Staat selbst im Namen des Rechts „Ja" dazu gesagt hat. Auf besonderes Ansuchen des Käufers wird auch sogleich eine Abschrift zu seinem Gebrauch angefertigt, er setzt sich während dessen auf einem Siuhl nieder, will doch sein Glück schwarz auf weiß am Abend nach Dürrensee hinaustragen. Die Kosten- Bercchuung soll später nachfolgen; denn der Verkäufer hat — wie bemerkt, neben den Schulden, auch die gerichtlichen Kosten aus sich genommen. Nun, im Protokoll hat's doch gestanden, wie hoch sich die Kaufsumme belaufen hat? — Nein, und das war eben das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte. Denn der Habich wußte, wie er daran war, für ihn brauchte der mündlich abgeschlossene Handel nur einer vorsichtigen schriftlichen Abfassung. Der Hättich aber schwieg, — weil er die 214 Sache durch die Berechnung rückgängig zu machen fürchtete. Der Notar endlich sah auS dem seltsamen Handel einen lustigen Prozeß erwachsen und schwieg gleichfalls. Und jetzt macht denn der Hättich schnell seine übrigen Besorgungen ab, nimmt seiner Frau ein Paar Wiener Würstchen mit vom halben Mond, daß sie sich, nachdem der Mann so gute Geschäfte gemacht, auch einmal etwas zu gut thun kaun, und schnellen Schritts gcht's nach Dürrensce zu. Es ist ein heißer Abend, — aber was fragt so ein tapferer „Käufer" nach Hitze oder Kälte. Er kommt sich ja doch vor, wie der Hase im Kohlgarten. Was für einen frohen Abend wird's bei seiner Heimkunft geben, — seine Frau wird aus lauter Freude Pfannkuchen backen, wer wollte nicht so seltenen Glückes froh werden! Schon ist der Hättich droben auf der Höhe, — wo der Wegweiser nach Bcrnheim, Ober- und Untcrauernheim steht, da raffelt etwas hinter ihm her. Es muß eine Extra- Post sein, denn der Postillon vorndraus bläst das Lied: Mein Schatz, was fehlet dir, Daß du nicht gehst mit mir? Wie aber das Geschirr näher kommt und der Hättich voll Ehrfurcht bei Seite tritt und so eben seinen Hut vor dem vornehmen Herrn in der Extrapost abnehmen will, — o Wunder, da glotzt der Habich heraus, und macht dem Hättich eine lange Nase, hqt auch seine zwiefarbige Brille aufgesetzt. Was da der Hättich für Augen gemacht, un!^ wie er den Habich im Herzen verachtet hat! Erst Hab' und Gut verschleudert, nachher noch mit Extrapost von Wcisenstadt nach Dürrensce gefahren, und Gesichter dazu geschnitten! — Die Dürrensecr aber fahren mit den Köpfen zu Fenstern und Thüren heraus und wissen nicht, was der Habich' mit der Extrapost zu bedeuten haben soll. — Er fährt übrigens durch's Dorf ganz langsam, so daß der Hättich hinterher gehen muß. Denn so muß es Einem gehen, der durchaus auf der Extrapost in den Reichthum hinein- kutschiren will: die Extrapost fährt vor ihm her und er ist am Ende noch froh, wenn er nicht auf der Straße liegen bleibt. Hättich, wie wird dieser Tag endigen! (Fortsetzung folgt.) Der Svessartwald. Jeden Freund des Waldes muß es mit Freuden erfüllen, wenn er hört, daß bei der leider immer mehr um sich greifenden Zerstörung der Wälder, es im deutschen Vaterland noch Forste gibt, die mustergiltig sind. Ein solcher ist der „Speffart," von dem in einem Bericht über den Aschaffenburgcr Forstvereinstag folgendes zu lesen ist: „Der Speffart oder Speßhardt, im Nibelungenliede Spechteshardt, Spcchtswald (silvn picsria) genannt, voreinst zum Saume des hercynischen Waldes gehörig, und nach der Geographie des Mittelalters bis an den Steiger- und Thüringerwald, ja, bis zu den böhmischen Wäldern sich erstreckend, füllt in seiner heutigen Ausdehnung nur den südlich gewandten Bogen des MainS, von Gemeinden über Millenberg nach Aschaffenburg und Hanau. — Seine nördlichen Ausläufer werden von der Einzig, die nordöstlichen von der Sinn begrenzt. Der Speffart im engeren Begriff, dessen Höhe in der Hauptwafferscheide ungefähr 1500 Fuß über der Nordsee beträgt, in einzelnen Gipfeln aber 1800 bis 1900 Fuß erreicht, ist von ununterbrochenen Forsten bedeckt, die ein Areal von etwa 165,000 bahr. Tagwerk oder 218,000 Preußischen Morgen (über 20 Quadratmcilcn) einnehmen. Es ist begreiflich, daß, wo an hoch und günstig gelegenen Stellen, die Gelegenheit zu einer Fernsicht nach allen Züchtungen weit hinaus über die Rücken und Kuppen des Berg- landes und in seine tief eingefchnitteuen Thäler geboten ist, das Auge überall buchstäblich nichts wie Himmel und Wald erblickt. Aber weit mehr noch wie diese enorme Ausdehnung ist die Beschaffenheit des WaldcS einzig in ihrer Art, und diese Beschaffenheit ist es, welche, sowohl nach dem Urtheile der Fachmänner wie der Laien, den „Speffart" 215 zur Krone aller deutschen Waldungen macht. Wenn auch in Bezug auf räumliche Ausdehnung die Buchcnbestände im Spefsart weitaus vorherrschen, so bleibt es doch die Eiche, die ihm den höchsten Ruhm erwirbt. Nirgendwo sieht man diese Königin der Wälder in solcher Pracht, wie hier; -— kerzengerade Stämme, deren Schaft in der Höhe von 80 bis 100 Fuß, im beschlagenen Zustande noch einen Durchmesser von 1>/i Fuß ergibt, ragen nicht etwa hier und da, sondern wie ein dichter Wald von Säulen auf. Man wird nicht müde, sie zu bewundern. Noch vor fünfzig Jahren gab es nicht wenig Stellen im Spefsart, welche den Charakter dcS Urwaldes trugen. Große Massen von Eichenholz verfaulten unbenützt. Selbst heute noch fällt manche Eiche dem Verfaulen anheim, obwohl im Ausbaue von Abfuhrwegen in den letzten Jahrzehnten überaus viel geschehen ist, um die Nutzbarmachung alles Holzes zu ermöglichen. Die in der Zeit von 1850 bis 1861 in den Staatswaldungen des Spefsart ausgeführten Wcgebauten erstrecken sich bis aus nahezu 40,000 Ruthen, also auf 20 Meilen. Von dem gesammten Wald-Areal des Spefsart gehören dem Staate 106,443 Tagwerk, den Gemeinden, Stiftungen und sonstigen Corporativnen 10,515, den Standes - und Gutsherren und anderen Privaten 47,629 Tagwerk. Was die Bestände anbelangt, so gibt es gemischte Eichen- und Buchen- Bestände, reine Eichenbeständc, reine Buchenbestände und Nadelholzbestände. Im Innern des WaldeS sind es zumal die Laubholzbeständc, welche in Erstaunen setzen, ganze Abtheilungen von 120- bis 140jährigen Buchen, untermischt mit 300- bis 400jährigen Eichen, letztere mit einer Schafthöhe von 80 bis 100 Fuß. Derartige Bestände enthalten pro Tagwerk einen Holzvorrath von mehr als 120 Klaftern. Der Eindruck, welchen man beim Durchstreifen des Spefsart empfängt, ist um so mächtiger, als man halbe Tage wandern kann, ohne eine Ortschaft oder auch nur ein einziges Haus zu erblicken. Nur in den Thälern finden sich spärliche Ansiedlungen. , Die Bevölkerung lebt nur vom Walde — vom Holzfällen, Holzzurichten, Holztransport, Kohlenbrennen und Taglöhnerarbeiten bei Forstculturcn und Wcgebantcn. Daß die Forstwirthe auf ihrer Tour oft genug in Bewunderung ausbrachen, bedarf keiner Erwähnung. Neben dem großen, — herrlichen Walde erregte auch der königliche Wildpark viel Interesse; er umfaßte eine Fläche von etwa 22,000 preußischen Morgen, und enthält Nothwild und Sauen. Außerhalb des Parkes ist der Wildstand, wozu auch der Auerhahn gehört, nicht von großer Bedeutung." Miseellen. (Ein heiteres Testament.) Die Kunstgeschichte kennt einen Katzen-Nafael, als Gegenstück dazu hat die Weltgeschichte jetzt einen Katzen-Peabody auszuweisen. In Colum- bus (Ohio) ist ein vermögender Mann gestorben, welcher seine nächsten Verwandten dadurch an der Nase herumführte, daß er sie sämmtlich enterbte, und seine Hinterlassenschaft in aller Form Rechtens zur Errichtung eines Asyls für siranke und altersschwache Katzen bestimmte. Das Columbus-Journal liefert eine genaue Beschreibung des Planes, wie er im Testamente ausgcführlich vorgesehen ist. Dieselbe läßt die aufrichtige Freundschaft des Erblassers für das Katzengeschlecht und das tiefe Eindringen in dessen Natur nur ahnen, nicht begreifen. So umfaßt der Plan, welcher, von kunstgeübter Hand gezeichnet, dem Testamente beiliegt, geräumige Höfe für den süßen Verkehr, der dem liebesbedürftigcn Katzenherzcn unentbehrlich ist, sowie auch künstliche Rattenlöcher, welche beständig mit Rattenkönigen uud Unterthanen zu bevölkern sind. Damit aber das biedere Katzcnvölkchen das Waidwerk nicht bald satt bekommt, sind den Ratten durch die geistreichsten Vorkehrungen zahlreiche Gelegenheiten zum Entschlüpfen geboten, so daß das Vergnügen des Pürschganges nicht gestört wird. Hohe Mauern mit sanft absteigenden Dächern sollen gebaut werden für die Mondschein-Promenaden und die anderen nächtlichen Lustbarkeiten, wie Concerte, Liebes-Abenteur u. dgl. Daß das Katzen-Elysium in 216 großartigem Style erbaut und mitten in dem bevölkertsten Theile irgend einer amerikanischen Stadt (würde dem Congreß in Washington eine solche Nachbarschaft nicht vielleicht willkommen sein?) hincingcsetzt werden soll, daß ferner unverhcirathete Frauenzimmer von nicht unter 30 Jahren den Tempel nebst seinen Schätzen als eine Art moderner Vestalinncn beschützen sollen. Alles das sei nur nebenbei bemerkt, denn die letzte Bestimmung ist die, welche die erhabenste Idee des Ganzen verwirklicht, und deßhalb dem prosaischen Alltagsverstande des Europäers als die verrückteste von allen erscheinen mag. Es heißt darin: „Sintemalen ich mein ganzes Leben hindurch gelehrt worden bin, zu glauben, daß Alles an und um den Menschen nutzbringend sein solle, sintemalen ferner u. s. w. . . . bestimme nnd verfüge ich hiemit, daß die Eingeweide meines Körpers zu Darmsaiten gemacht und verkauft und daß mit dem Erlös ein Accordion gekauft werden soll, welches in dem Auditorium des Katzenhospitals Tag und Nacht von einer der Wärterinnen gespielt werden soll, damit die Katzen das Privilegium haben, sich stets an demjenigen! Instrumente die Ohren erlaben zu können, welches ihren natürlichen Stimmen am nächsten kommt." Den Namen dieses Katzen-Peabody gibt das amerikanische Blatt nicht; er scheint demnach der Elaste der „ungenannten" Wohlthäter anzugehören. * In den Steinbrüchen von Leicestershire ist gegenwärtig eine Drahtbahn ^Wire Tramway) in Gebrauch, auf welcher ansehnliche Lasten mit beträchtlicher Geschwindigkeit befördert werden. Diese „Eisenbahn ohne Durchsuchungen, Erhöhungen, Tunnels, Viadukte oder Brücken," wie „Herapaths Journal" die erwähnte neue Erfindung bezeichnet, besteht aus einem endlosen Drahtseil, das auf einer Reihe von massiven Pfosten, die in Zwischenräumen von 150 Fuß aufgepflanzt sind, gespannt ist. Eins der Enden dieses Seils ist um eine Art Trommel gewunden, die von einer tragbaren Dampfmaschine in Bewegung gesetzt, das Seil mit einer Schnelligkeit von 6 englischen Meilen in der Stunde forttreibt. An dem Seile werden am LadungSpunkte, in der Nähe der Steinbrüche, vermittelst eines sinnreich construirtcn Gehänges eine beliebige Anzahl Kasten befestigt, von denen jeder einen Centner Steine trägt, die nach der drei Meilen davon gelegenen Eisenbahnstation mit überraschender Leichtigkeit befördert werden.- Aehnliche Drahtbahnen, wie die in Leicestershire, werden gegenwärtig in Frankreich, Italien und Spanien construirt. Anerkannte Ingenieure haben es sogar für möglich erklärt, — eine solche Drahtbahn von stärkster Bauart zwischen Dover und Calais anzulegen, auf welcher, wenn durch eine Linie von starken, in der Meercsmitte zu versenkenden Pfeilern unterstützt, Passagiere ohne Schwierigkeit oder Gefahr über den „Canal" befördert werden können. Die Kosten einer solchen Unternehmung würden sich verhältnißmäßig sehr billig stellen, etwa 1800 bis 1500 Lsterl. pro Meile, bei einer Tragkraft von 1000 Tonnen per Tag. — Der Erfinder dieses „Draht-Tramway's" ist ein Engländer Namens Hodgson. „Sag' Mama, warum hat denn mein Brüderchen sterben müssen?" — „Sich! er war ein so braves, gutes Kind, da hat der liebe Gott ihn zu sich genommen; die bösen Kinder dagegen läßt er hier, die kann er nicht brauchen." — „Aber, Mama, bist Du denn ein „böses" Kind gewesen, weil Dich der liebe Gott nicht geholt hat?" Post-Expeditor: „Das Paquet macht neun Kreuzer, mit Schein zwölf Kreuzer in Summa." — Bauernweib: „Was kost's nachher im Winta?" (Winter.) Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von 1)r. M. Huttlcr.