Nro. 28. 11. Juli 1869. Der Mensch ist nie so schön, als wenn er Verzeihung erbittet oder selbst verzeiht. Jean Paul. Der Habich und der Hätlich als Geschäftsfreunde. Viertes Kapitel. Gan) Dürrensce rechnet, über die Sumine aber muß einer aus dem Heuboden übernachten. Die Sonne ist eben untergegangen, als die Beiden in Dürrensce anlangen, einer zu Fuß, — der andere mit Extrapost. Bald geht's wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund: der Habich hat seine Feldgüter an den Hättich verkauft, auf die und die Art, der Hättich aber weiß es noch nicht einmal, wie viel die Kaufsunime beträgt! — Trompeten, Pauken und Schubladen, was macht das nun für Aufsehen im ganzen Ort! —> Ganz Dürrensce wird rebellisch, kein Mann kann zu Haus bleiben. Alles läuft in's Wirthshaus, die Weiber machen sich eine Ursach, um mit der Nachbarin anzubinden, die Mägde bleiben dicßmal noch länger als gewöhnlich am Brunnen, selbst die Kühe im Stall stecken die Köpfe zusammen, und die Katzen vergessen die Mäuscjagd. Im Wirthshaus aber bilden sich nun auch sogleich verschiedene Parteien. Die einen zanken über den Habich: solch' einen dummen Streich hätte die „unnütze Gräte" doch noch nicht gemacht, jetzt könnt' es ein Blinder sehen, daß der ohne Vormund in der Welt nicht gut thäte; um ein Paar lumpige Gulden, — denn mehr könnte doch nicht herauskommen, seine sämmtlichen Besitzungen an den hungrigen Hättich zu verkaufen — und das Rittergut noch drcinzugeben! Es wäre keine Gerechtigkeit im Land, wenn der Habich nicht fünfundzwanzig baar aufgezählt bekäme und am besten wär' er auf Lebenszeit im Korrektionshaus aufgehoben! — Andere sagten: Hört, ihr Nachbarn, das Ding hat euch einen Haken, der Habich versteht sich aus's Rechnen bester, als wir Alle, und seit ein Paar Wochen schon hat er ein Gesicht gemacht, wie der Fuchs, wenn der Jäger 's Fangeisen am Bein hat! Der Hätlich hat sich gewiß auf eine Art anführen lassen, dem Habich ist Alles zuzutrauen. Und auf seine eigenen Kosten hat er sich mit Extra- Post gewiß nicht nach Haus fahren lasten. Die Meisten freilich wußten nicht, was sie sagen sollten, sie saßen da wie Leute, die eine Suppe auScsten sollen, und haben doch keinen Löffel dazu. Etliche aber forderten vom Wirth Kreide, das Ding müßte sich ja doch ausrechnen lassen! Während sie nun da auf der langen Wirthstafel rechnen und rechnen, sind noch lange nicht beim zwanzigsten Grundstück angelangt, und haben doch schon mehr als tausend Gulden, und es geht ihnen ein Licht auf, wo es mit der Summe noch hinaus will, der Wirth aber ist gescheiter, als die Rechner, und schreit unter sie hinein, sie verstünden das Rechnen nicht, solche Summe könnt' unmöglich zutreffen! — Während besten hat der Hättich nun seiner Frau Eröffnungen über seine heutigen Unternehmungen und Erfolge gemacht. Und zwar mit nicht geringen Hoffnungen und Erwartungen. Er hat nicht gezweifelt, seine Frau Eheliebste wird ihm mit Thränen der Rührung um den Hals fallen und wird zu den Kindern sagen: Da — Kinder, da seht eucrn Vater und Wohlthäter vor euch, dem küßt die Hand, dem habt ihr's zu danken, daß einmal Jedes 218 rinter euch eine reichliche Versorgung haben wird. Die Frau aber hat zu den Kindern . gar nichts gesagt, und die Kinder haben ganz dumm da gestanden, — als wollten sie sagen: ein Linsengericht jetzt wär' uns lieber, als alle zukünftigen Weltvcrbesserungen. — Dagegen sind der Frau über dem Handel mit dem Habich alle Haare zu Berg gestanden, sie ist bald roth geworden, wie ein gesottener Krebs, bald wieder blaß, wie eine s getünchte Wand, und ein Gesicht hat sie gemacht, als ob sie am liebste» den Habich ! beim Kragen nehmen und den Hättich mit dem Habich durchprügeln möchte. Endlich hat ^ sie dann auch Worte der Anerkennung gefunden. Ob er denn sein Bischen Verstand i nicht einmal von Dürrensee bis Weisenstadt tragen könnte, und warum er sich nicht erst j cuu Thor einen Vormund ausgebcten hätte, eine Weiseustadter Katz' wär' gescheidtcr, als er, »nd doch wollte er der gescheiteste Mann in der Gegend sein. Es wär' ihr aber j nicht zu viel, sie nähm' die Ofengabel oder 'n Dreschflegel, und arbeitet ihm auf dem ! Fell herum, bis er noch einmal hineinliefe und brächte es ihr schriftlich, daß der Habich ! seine Güter behielte und das Rittergut auch. Das war die kurze Summe ihrer Erör- ! terungen, obwohl sie eigentlich noch gar nicht wußte, was bei dem Exempel herauskam, «S ging ihr nur so etwas davon als Ahnung vor. ? Natürlich steht ihr Hättich in seiner Unschuld da, der geduldige Ehekrüppel, wie i einer der gerade den Verdienst-Ordeu bekommen soll, und dafür zum Zeitvertreib von der »»dankbaren Welt mit Erdklößen beworfen wird. Aber er bleibt gelassen und hat ordentlich Mitleiden mit seiner Frau: sie vcrstcht's halt nicht bester, und wenn sie ihr Glück erst einmal in Zahlen ausdrücken kann, so wird das Wetter bei ihr desto freundlicher und beständiger werden, das versteht sich. (Fortsetzung folgt.) Ein verfehltes Leben. (Schluh) Die alte Frau gewahrte mein ehrfurchtsvolles Benehmen, und statt, — davon > geschmeichelt, nun nach ihren Aufträgen zu fragen, für die sie meine Bewunderung einernten mußte, wich sie diesem Gespräche sichtlich aus, und lenkte meine Aufmerksamkeit ^ ouf andere Sachen. Plötzlich stieß die in ihrem Käsig hausende Eule ihr abscheuliches ^ Geschrei aus. Die Kranke rief ihr begütigend freundlich zu und ich frug offen, „warum sie gerade ein so häßliches Thier sich zu ihrer Unterhaltung ausgesucht habe, — ein so lichtscheues?" Sie zuckte zusammen, ihre Augen schienen sich zu umflorcn. „Warum? ..." preßte sie langsam hervor, dann folgte ein tiefer Seufzer, und sie senkte den Kopf wie erschöpft auf die Brust und versank in Schweigen. „Mein Gott!" — rief ich erschrocken, „ich habe wohl damit irgend eine Saite i Ihres Herzens unangenehm berührt?" « „Nein, nein," — entgegnetc sie, „ich habe zu Ihnen ein eigenes Vertrauen gefaßt, ! vielleicht ist's gut, daß ich endlich Jemand meine Vergangenheit erzähle und Wunden ' berühre, die trotz der Länge der Zeit nicht heilen wollten ..." Ich blickte erwartungsvoll in ihr sehr bleiches Gesicht und sie begann: - „Wie Sie mich so sehen, alt, krank und häßlich, muß es Ihnen freilich sonderbar ! vorkommen, wenn ich Ihnen von Tagen erzähle, wo ich jung war und wo die schönsten Männer mir huldigten und mir ihr Herz zu Füßen legten." ! Ich wollte ihr entgegnen: „Auch jetzt noch, durch den dichten Schleier des Alters ^ gewahrt man, daß Sie einstmals schön gewesen sind." s Sie mochte aber meine Gedanken errathen haben, und fuhr rasch fort: „Man ! feierte meine Schönheit, und jetzt, da ich eine Ruine geworden, kann ich wohl ohne Eitelkeit davon erzählen; aber ich war jung und reich, zu früh in die große Welt getreten, s «nd die zahlreiche Bewunderung der Männerwelt verrückte mir das kleine, damals leere ^ ! 219 sind eitle Köpfchen. Ich schaukelte mich auf den gefährlichen Wellen der Gefallsucht mil einem Uebcrmuth, der seiner Strafe nicht entgehen konnte, und sie traf mich hart und fürchterlich." Die alte Frau schwieg und starrte lange vor sich hin. Endlich erhob sie den thränenfeuchten Blick. „Wie es mich angrinst, das häßliche alte Thier," begann sie wieder, beinahe furchtsam auf die Eule zeigend, die wieder ruhig mit geschlossenen Augen in ihrem Winkel brütete. „Ist es doch, als kenne sie meine ganze Schuld, meine Eitelkeit, mein ganzes vergangenes Leben, und doch ist es längst nicht mehr dasselbe Thier, das damals wie ein düsterer Nachtvogel in mein lichtes Sonnenlcben flatterte . . . Aber zum ewigen Mahnruf, der jede Eitelkeit in mir erstickt, der mich zum Besseren anspornt, halte ich mir dieses Thier und mit seinem Gekrächz dringt es schneidender in mein Herz, als die Stimme des härtesten Bußprcdigers. Doch, ich will Ihnen ja von meiner Zagend erzählen," fuhr sie mit bitterem Lächeln fort: „Lange hatte ich, nach ächter Kokcltenart, mein Herz vor jeder ersten Neigung zu bewahren gewußt, ich wollte froh und glücklich dahin flattern durch das Leben, wollte die junge Männerwelt um einen Blick meiner Augen, um das kleinste Zeichen meiner Gunst wetteifern sehen, und dazu brauchte ich vor Allem ein freies ungebundenes Herz. „Unter der Menge meiner Anbeter — nicht wahr? wie lächerlich klingt dies Wort in dem Munde einer alten Jungfrau," unterbrach sie sich selbst, „und doch ist's wahrlich nicht Eitelkeit, die mich von meinen Anbetern sprechen läßt, sondern ich muß es, — unter ihnen befanden sich zwei Brüder, die ganz besonders sich mir zu nähern — und meine Liebe zu erringen suchten. Der ältere, Arthur, war ein blühender, junger Man», voll Geist und Leben. Wie blitzten seine Augen, wie lächelte sein Mund! Ich sah ihn und zum ersten Male fühlte ich jene elektrische Strömung durch mein Herz zittern, die uns sagt: Ihm nur allein gehörst du zu eigen. Ich liebte ihn — und doch wollte es mein eitles, thörichtes Herz nicht gestehen, und auch mit ihm sein Spiel treiben. Der jüngere Bruder, Wolfgang, war ganz das Gegentheil von Arthur; blond, weich uud- Iräumerisch, wagte er kaum, sich mir zu nähern, und mich auch nur von fern anzubeten. „Ich fühlte nichts Mahlverwandtes zwischen mir und Wolfgang, mein Herz hatte längst für den Bruder entschieden, und doch trieb es mich dämonisch, gerade ihn, — den stillen, träumerischen Menschen aufzumuntern; ich wollte nur, — wie ich mir selbst schmeichelnd vorredete, — ihn aus seinen Träumereien und Idealen herausreißen und aus den Bodcu der Wirklichkeit versetzen, und ich Elende ..." Die Erzählerin hielt, überwältigt von der Macht der Erinnerungen, erschöpft innc, und fuhr erst nach langer, schmerzlicher Pause fort: „Doch ich greife der Zeit vor, und ermüde Sie recht mit den Schilderungen meines Treibens, das bei Koketten immer ein und dasselbe bleibt! Ich hatte mich verrechne!, ich kannte nicht das stolze Herz Arthurs, des älteren Bruders, der, anstatt von meiner Koketterie erwärmt zu werden, sich sichtlich von mir entfernte; und doch liebte er mich mL der ganzen Gluth seines jungen, feurigen Herzens, — das hatte ich wohl erkannt und herausgefühlt, denn das Auge der Liebe sieht scharf, es sieht mit dem Herzen! Anstatt dadurch gewarnt zu werden, wollte ich die Saiten noch höher spannen; mein Gott! — ich trieb mit dem armen Wolfgang ein schändliches, frevles Spiel. Er glaubte sich vo» mir geliebt, schien nur von einem Lächeln meines Mundes zu leben, — und jetzt wagtr ich schon nicht mehr, ihn aus seinen süßen Träumen gewaltsam aufzurütteln; ich wollte der Zeit überlassen, das Band zwischen uns allmählig zu lösen und aufzuheben." „Ich hatte von meinem Vater, der schon als Kind allen meinen Launen den Zügel schießen ließ, reiten gelernt, und mein größtes Vergnügen blieb es, mit einer glänzende« Cavalcade zu Pferde in der Umgegend umher zu schwärmen. „Eine Frau zu Pferde fühlt am besten, welchen Zauber sie auszuüben vermag! — Macht es den Mann stolz und kühn, dahin zu fliegen auf einem guten Noß, so wir!» das Weib vollends übermüthig und tausend tolle Gedanken schießen ihm durch den Kops. 220 Ich fand an meinen mich verehrenden Gefährten stets willige Vollstrecker meiner wildesten Launen und übermüthigsten Wünsche. Kein Baum war ihnen zu hoch, wenn cS galt, mir einen Vogel zu erhäschen, kein Fels unersteigbar, mir eine Blume zu verehren. „Wir waren eines Tages weiter als gewöhnlich in die Hügelreiche Landschaft hinausgejagt, und streckten uns dann ermüdet in das weiche Moos unter hohen Eichen, durch die das Sonnenlicht in tausend goldenen Punkten hindurchzitterte. Es war ein herrlicher Tag, — ein wunderbares Blau ruhte glockenhell über der Erdet O, ich fühle noch den ganzen Zauber dieser weichen, elastischen Luft, die sich schmeichelnd um meine Stirn legte, den Zauber dieses lauschigen Plätzchens, dieser Waldeinsamkeit, der ein reiches Entzücken in unsere Seele goß! . . . Am Waldessäume zog sich eine Hügelkette hin, die sich uns gegenüber zu einem höhern Felsen gipfelte, bis zu besten Fuße die Eichen ihren dunklen Schatten warfen. Unsere Pferde grasten in hübschen Gruppen, wir dünkten uns aus der Welt entflohene Ritter, die wunderliche Abenteuer zu bestehen hätten. Aber die stille, große Natur konnte nicht lange zu unsern, — das Geräusch des Stadtlcbens gewohnten Herzen sprechen. Wir vertrieben uns die Zeit mit Scherzen, und schwärmten von den bunten, phantastischen Tagen des Minnedicnstcs; bestand doch auch meine Umgebung anfahrenden Rittern, die sich dem Dienste einer Dame geweiht hatten. Da gewahrte ich plötzlich in einer Fclsenspaltc ein abscheulich häßliches Thier; ich zeigte hin, — und man rief von allen Seiten: Eine Eule, eine junge Eule! Ach, die möcht' ich haben, das wäre ja ganz etwas Besonderes, und mich im Kreise umsehend, frug ich lachend, fortgetrieben von dem eben gepflogenen Gespräch: Wer wagt es, NittcrSmann oder Knapp? Was wäre unser Lohn? entgcgnete man scherzend. „Den Lohn bestimme ich später, er soll ein königlicher sein! Ein Paar meiner Begleiter sprangen sogleich auf, und suchten auf einem Umwege die Höhe des Felsens zu erreichen, aber Wolfgang hatte mein letztes Wort kaum gehört, als er sich auch schon in gewohnter Schwärmerei zur direkten Erklimmung des steilen Felsens anschickte, um den Andern zuvorzukommen. Sein Bruder warf sich ihm abwehrend entgegen: Um Goltes- willen, laß die Tollheit! Dach Wolfgang stieß ihn unsanft zurück und rief erregt: Ah, du willst nur mein süßes Glück nicht gönnen! „Verletzt davon zog sich Arthur zurück und warf sich verstimmt und grollend abseits von uns unter einen Baum, während Wolfgang, allen klebrigen vorancilend, mit Geschick und Eifer den Felsen erklomm, das junge Thier, trotz seines Widerstandes, aus seiner Spalte zog, und es in sein Taschentuch hüllend, sich nun anschickte, mit ihm langsam herabzuklcttern. „Ich jubelte schon in meiner übermüthigen Laune dem glücklichen Fange entgegen, da hörte ... ich einen wilden Schmerzcnsschrei und, o Entsetzen, erblickte Wolfgang blutend am Boden. Er war durch das Halten des Thieres behindert, ausgegütten und zum Unglück auf einen scharfen Stein gefallen. Er war todt! ..." Die Hände der Erzählerin zitterten, ihre Lippen bebten, — eine Thräne nach der andern rollte über ihre welke Wange, und sie versank in ein tiefes Hinbrüten. Ich blickte erschüttert auf die alte Frau, der die finsterste Stunde ihres Lebens wieder so deutlich entsetzlich an der Seele vorüberzog, daß eS ihr daS ganze Herz zerschnitt. Ich bat sie tief bewegt, ihre Erzählung abzubrechen; sie aber achtete nicht auf mich, — und wiederholte mit lautloser, zitternder Stimme: „Er war todt." Dann fuhr sie leise fort, daß ich meinen Stuhl dem ihren näher rücken mußte, um sie zu hören: „Sein Bruder hatte ihn wanken sehen, von ihm kam der wilde Schmerzcnsschrei; er war auf Wolfgang zugestürzt und kniete bereits, als wir vor Entsetzen hineilten, an seiner Leiche. Es wagte Niemand ein Wort zu sprechen, und wir umstanden blaß und zum Tode erschrocken die Gruppe. „Aber es war ein fürchterlicher Anblick! Arthur hatte sich über die Leiche seine» Bruders gebeugt, und wischte ihm noch immer das Blnt von der Stirn, das dunkel 221 aus seiner tiefen Wunde strömte. Er schien uns nicht zu beachten im wilden Schmerz, um seinen Bruder ausgelöst, — den ich in den Tod geschickt und dem zu nahen ich nicht einmal wagte. „Der Todte hielt das Tuch noch fest in seiner linken Hand. Plötzlich begann das Thier darin sich zu bewegen und zu flattern. Arthur erwachte davon aus seinen Träumen, seinem Hinbrüten, sah mich. die Urheberin dieses Unglücks, händeringend stehen, — und es zuckte wild und dämonisch in ihm auf. Er zog das Thier aus dem Tuche, — schleuderte es mir zu Füßen und rief mit wuthersticktcr Stimme: „Elende, hier hast du deinen Lohn! Mag dich dies Thier gemahnen, ewig, unauslöschlich an deine Schuld, da du zwei Herzen gemordet. Ich fluche dir und deinem schnöden Treiben; ich hasse dich eben so tief, als ich dich einst geliebt; hinweg von dieser Leiche meines Bruders,— die du entweihest, fort, Mörderin!" — Betäubt, keines Wortes mächtig, schritt ich hinweg. Das Thier flatterte flügclgcbrochen zu meinen Füßen, ich hob es mechanisch auf. Auch in mir war etwas, ja Alles gebrochen; ich wagte nicht einmal mein Pferd zu besteigen, und ging allein zu Fuß zurück. Umstrahlt von Glück, vom Sonnengold der Freude, auf hohem Roß mit flatterndem Schleier, bewundert und gefeiert von Geführten war ich hinausgcschweist und — allein, arm und elend kehrte ich heim; — ein einziger Frosthauch hatte die Blüthcnwelt meines Lebens abgestreift, und daS so frische, rothe Blut wagte kaum noch trüb und kalt durch das Herz zu schleichen. Noch immer blauete derselbe lichtglänzcnde Himmel über mir, aber mein erstorbencs Auge fand ihn nicht mehr. Dieser einzige Gang halte mich zur Matrone gemacht, hatte ich doch mit einem Schlage Alles verloren. O mein Gott, mein Gott, und jetzt, da er mir geflucht, mich mit Abscheu von sich gestoßen, fühlte ich erst, wie heiß und unergründlich ich ihn geliebt. — Ich zog auS der großen Stadt hinweg und hierher ..." „Um hier ihre Schuld dadurch abzubüßen, daß sie geflissentlich den Haß und die Bosheit der Menschen auf sich herabziehen; das nenne ich ein Märtyrerthum!" — bemerkte ich. „Nein, nein," — cntgcgnetc sie, „eS ist ein Fluch; es fliehet, es haßt mich Alles, was mit mir in Berührung kommt, nur das Thier dort liebt mich, und doch ist es eine Geißel, die mich ewig peitscht. Und gestern war Freitag, Wolfgangß Todestag, darum bat ich Sie um diese Liebespflicht, weil ich selbst mein Gelöbniß nicht erfüllen konnte." Ich wollte die arme Frau trösten, sie beruhigen, ihr sagen, daß eine solche thatkräftige Reue, ein so stilles, schönes Wohlthun schon längst die Schuld gesühnt habe; sie lächelte bitter und reichte mir schweigend, wie zum Abschiede, die Hand, und ich entfernte mich tiefbewegt. DaS witde, häßliche Geschrei folgte mir nach. Acht Tage darauf trug man die arme Frau hinaus zu ihrer letzten Ruhestatt. — Sie halte ihr ganzes Vermögen einem Hospital vermacht. „Die Eule ist endlich todt," sagten lachend die Leute. Nur Arme folgten ihrem Sarge und weinten ihrer heimlichen Wohlthäterin einige Thränen nach. Sie hat jetzt Frieden — die arme Eule, und ihren „thörichten Jugendstreich" durch ein „verfehltes Leben" endlich gebüßt. Sei ihr die Erde leicht! Zur Geschichte der Steuern. Schon 1702 begegnen wir in Preußen der Kopfsteuer. Kein Stand war davon ausgeschlossen; selbst der Hof zahlte, wie auch heutzutage in England noch geschieht: der König jährlich 4000 Thlr., die Königen 2000, der Kronprinz 1000, die königliche« Brüdcr, je nach dem Grade, wie sie dem Throne am nächsten standen, 600 Thlr., LOS Thlr., 300 Thlr. Der gcsammte Militärstaud vom General-Fcldmarschall bis zum Stabs - Offizier mußte — wie grell im Gegensatze zu unsern heutigen Verhältnissen l «inen ganzen Monatssold entrichten. Bei weitem ant meisten kam aber dennoch, wie da- 222 gewöhnlich bei allen Auflagen der Fall ist, von den untern Volksklassen ein; jeder Hand- werksgesell mußte 12 Groschen, jeder Bauer 8—12 Groschen, ja sogar die Tagelohn verrichtenden Weiber vier Groschen an Kopfsteuer entrichten. Jede Jungfrau, die das wichtige Jahr zwanzig erreicht hatte, mußte, bis es ihr gelungen war, unter die Haube zu kommen, oder bis sie das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, 1 Thlr. an den Staats - Fiscus erlegen; das sollte zugleich zum Hcirathen ermuntern. Praktischer wäre es gewiß gewesen, den auch in unsern Tagen wieder aus's Tapet gebrachten Gedanken einer Hagestolzen - und Herbst - Gesellen - Steuer zu verwirklichen. Hand in Hand mit diesen Auflagen gingen verschiedene Luxus-Steuern. So eine „Carrofscn-Steuer", indeß blos für die Hauptstadt. Für Damen war eine „Fontangensteucr" erfunden, welche die. so einen Kopfputz trugen, mit 1 Thlr. jährlich entrichten mußten; ferner bestand eine Strumpf-, Schuh-, Stiefel-, Pantoffel- und Hutsteuer, für jedes Stück dieser Gegenstände mit einem Groschen jährlich zu entrichten. Unter die einträglichsten Steuern aber zählt die Perrücken-Stcucr. Sämmtliche Pcrrücken mußten mit spanischem Lack mar- kirt d. h. gestempelt werden. Das hatte gleichwohl nicht den erwarteten Erfolg, obschon man aus öffentlicher Straße nach Erlaubnißscheincn fragte und Personen, welche diese nicht vorzeigen konnten, die Perücke vom Kopfe riß. Deßhalb wurde verordnet: Hof- und S.aatödiencr bis zum General-Major hinab sollten von ihren Pcrrücken jährlich 2^ Thlr., die andern Beamten und Offiziere bis zum Major hinab 2 Thlr., alle bis zum Se rctär hinab 1 Thlr., alle übrigen Subaltern-Beamten, Kammerdiener, Kaufleute, Krämer und Bürger 16 Groschen, dann Handwerksgesellen, Lakaien und andere geringe Leute endlich V 2 Thlr. bezahlen. Außer den genannten Luxussteucrn begegnen wir noch manchen, mit denen man vorgeblich den Luxus besteuern wollte, aber in Wirklichkeit reelle Bedürfnisse traf. Dahin gehörten die auf den Genuß von Kaffee, Thee oder Chocolade gelegten, alljährlich mit zwei Thaler für jedes dieser Getränke abzuführenden Steuern. Friederich „der Große" ging bezüglich des Kaffee's noch weiter. Er theilte die Ansicht, daß der Kaffee schwäche und zum Soldatenstande untauglich mache; deßhalb monopolisirte er den Verkauf des Kaffee's, und nur die privilcgirten Stände, die adeligen Offiziere, Mitglieder der Landes - Collegien und Geistlichen durften selbst Kaffee brennen lassen. Eine fernere in Preußen lange Zeit übliche Auflage war die Prinzes- sinenstcuer, vom gcsammtcn Lande zu entrichten bei jeder Vcrhcirathung einer königlichen Prinzessin. Sie bcirug damals 20,000 Thlr. In Bayern besteuerte man, ganz im Gegensatze von König Fricderich I. von Preußen, unter Maximilian Joseph IN. (1745 — 1777) das Heirathen; „die Heirathslicenzen", wie sie genannt wurden, brachten jährlich 150,000 fl. ein. Vchse erzählt von einem Rcichsgrafcn, der ein Mal ein Bein gebrochen und zur Bestreitung der Kurkosten von seinen Unterthanen eine besondere „B einbruchs-Steuer" erhob, die auch nach völliger Wiederherstellung noch lange Jahre in Gebrauch geblieben. In einem andern deutschen Lande schrieb der Fürst eine allgemeine „Laxirsteuer" aus, die sogar vierteljährlich erhoben wurde. Jeder Bauer mußte vier Mal im Jahre zwei Loth Sclitzcr-Salz nehmen und sich mit seinem Scheine deßhalb bei seinem Schulzen legitimiern. (65. Vchse, Geschichte der deutschen Höfe, Band 48, pa^. 292). Noch toller trieb es Landgraf Friederich II. von Hcffcn- Kassel, der große Seelenverkäufer. Er erhob von seinen Unterthanen eine besondere Steuer für seine Maitressen u. Bastartc, einen eigens für diese bestimmten „Salz hell er". Der Einzige, der den Uebergrissm steuerte, war Kaiser Joseph U Er legte mehreren Fürsten das Handwerk gründlich, so z. B dem Fürsten Fricderich Karl von Ncuwied, dem er gebot, sich der willkürlichen Erhebung von Geldauflagcu, die dieser Duodez-Fürst unter dem naiven Titel „Allgemeine Landesnothdurft" sich zufließen ließ, zu enthalten und das zu viel Erhobene seinen klagenden Unterthanen zu erstatten. Ein der Nachahmung eben so würdiges als bedürftiges Beispiel. (Köln. Vztg.) 223 Eine katholische Schulseene rührendster und ergreifendster Art erzählt das Straubingcr Tagblatt aus Agums in Tyrol. Der Schullehrer in jenem tyrolischen Pfarrorte, Paul Nogglen, eben so tüchtig wie eifrig und von allen Schulkindern mit unbegränzter Anhänglichkeit geliebt, sank in eine gefährliche Lungenentzündung. Nun begannen die guten Kinder um die Genesung ihres unersetzbaren Lehres förmlich gegen den lieben Herrgott Sturm zu laufen. Schon am ersten Tag, an welchem sie Vakanz hatten, versammelten sie sich aus freiem Antriebe im Schulziminer und beteten für ihren kranken Lehrer. Nicht genug, sie zogen die ganze Pfarrgemeinde in ihr kindliches Anliegen hinein, indem sie für ihren heißgeliebten Lehrer das „allgemeine Gcbel" unter zwei sonntägigen Gottesdiensten abhalten ließen. Mit erfinderischer Liebe ordneten sie die Messe .,pro inkirmis" (für die Kranken) an, um dem gütigen Gott, den Herrn des Lebens, die Genesung ihres Lehrers abzuringen. Eigene Almosen legten sie aus ihren Sparbüchsen in die Opfcrstöcke der Pfarrei, und zuletzt drangen die liebenden himmclstttrmenden Schulkinder sogar in den Kooperator, mit ihnen den cinstündigen Krcuzgang zur MuttcrgvtteS von Tschenggls zu machen, bei welcher sie sich gemeinsam den gntcn Lehrer ausbatcn. Das tyrolische Pfarrvolk beobachtete mit Rührung und Freude die Schulkinder; „diese Gebete so vieler unschuldigen Kinder muß ja Gott doch erhören!" hieß es allgemein. Und wirklich: Pauj Nogglcr, der brave Lehrer, ist gerettet. Aber keine Feder beschreibt die innige Freude der Schulkinder und des Lehrers bei der ersten Zusammenkunft in der Schule, die vor ein paar Monaten erfolgt ist. Das Alles thaten die tyrolischen Schulkinder ganz aus eigenem Antriebe. Nun müßte einer schon sehr frostig geworden sein, wenn ihn solche Züge aus katholischen Volksschulen nicht innerlich rührten und befriedigten. Aber — vermöchte ein Mann aus der Münzstätte der „bayerischen Lehrerzeitung", in welchem die religiöse Wärme erloschen ist, eine so ächte, tiefe, cngelgleiche Schulkindcrliebc zu entflammen? Diese schöne Blume sproßt nur aus christlichem Boden. Ueber die Namie-Pflanze. * Ueber die Namie-Pflanze wird aus New-Iork Folgendes geschrieben: „Diese Pflanze wurde zuerst im Jahre 1844 von der Insel Java, ihrer Hcimath, nach Europa gebracht, erhielt den botanischen Namen „kloelimviiu t6nuei88ima" und erregte in Fabrikkreisen durch die Schönheit und große Festigkeit der Faser bedeutende Aufmerksammkeit. Man crmuthigte zur Ramie-Cultur in Ostmdien, und Quantitäten von dieser Pflanzenfaser treffen bereits jährlich in Europa ein, wo sie zu den feinsten Stoffen verarbeitet werden, die Leinen in jeder Beziehung übertreffen und au Glanz sich sogar mit Seidenstoffen messen können. Seitdem die Ramie im März 1867 nach den Ver: Staaten introducirt wurde, wandten Europäische Fabrikanten derselben erhöhte Aufmerksammkeit zu und dürfte die Ramie-Cultur namentlich für die Südstaaten von großem Vortheil sein, jedenfalls aber günstigere und sichere Resultate ergeben als die Cultur der Baumwolle, da sie den Witterungsciuflüsscn nicht wie jene ausgesczt, leichter und billiger anzubauen, und endlich eine perenuircnde Pflanze ist, die mindestens dreimal im Jahre geredtet i68p: geschnitten werden kann. Das Rohprodukt gilt jetzt oireu 10 Cents, die zubereitete Faser, welche durch die Zubereitung ungefähr die Hälfte an Gewicht verliert, oa 65 Cents Gold pur Pfund. Sandiger Boden ist am geeignetsten für die Cultur, und sollte derselbe zu einer gleichmäßigen Tiefe von 10 Zoll durch Pflügen wohl gelockert werden; die Wurzeln sind in einer Entfernung von je 6 Fuß zu pflanzen, die Ausläufer, wenn sie eine Länge von 3 bis 4 Fuß erreicht, ohne sie von der Stammwürze! gänzlich zu trennen, mit Erde zu bedecken, bis dieselben ebenfalls Wurzel geschlagen haben; erst dann sind dieselben herauszunehmen und von neuem zu stecken. Mit Ausnahme des Jätens vou Unkraut 224 erfordert die Cultur durchaus keim Arbeit. Ramie und China Gras werden, obwohl von zwei verschiedenen Pflanzen stammend (der Ramie von Looliineria tonsoissim» und China-Gras von der Uoeiimeriu neviu) in kaufmänischer Sprache gemeinschaftlich mit China-Gras bezeichnet. Die Versendung sollte sich zunächst auf das Rohprodukt beschränken, da für die Reinigung ein kostspieliger chemischer Proceß nothwendig, für den es bis jetzt an passenden Fabriken fehlt, doch wird binnen Kurzem mit dem Bau eines solchen, speciell für diesen Zweck einzurichtenden größeren Fabrik-Gebäudes in Ncw- Orleans begonnen werden." Miscellen. (Eine Schwalbengeschichte.) Man schreibt aus Genf: Vor einigen Tagen hatten wir hier ein für Zoologen höchst interessantes Schauspiel, welches wieder einen Beitrag zu der Rechtfertigung der Ansicht liefert, daß es den Thieren auch an Eombinationsgeist nicht fehlt. Unter dem Dache des Mctropolitanhotcls nisten einige Schwalben. Das Weibchen eines solchen Schwalben-Paarcs halte sich mit den Füßen in «inen Zwirnfadcn verwickelt, der, zwischen einem Fenster eingeklemmt — ini Winde hin- «nd herspielte, und sich dem Thiere wie eine Schlange um das Bein gelegt halte. Als das Schwalbenwcibchen nun durch Zappeln sich vergebens aus seinen Banden zu befreien suchte, kam das Männchen herbei, und Beide versuchten, aber umsonst, den Faden mit den Schnäbeln zu zerbeißen. Jetzt flog das Männchen fort, kehrte aber bald in Begleitung eines anderen Schwalben-Paares zurück. Die Thiere umkreisten die Gefangene zu verschiedenen Malen, setzten sich auf die Fensterbank und zwitscherten, als ob sie Kriegsrath hielten. Plötzlich packten alle drei den Faden mit den Krallen, und die Flügel ausstreckend, versuchten sie durch das Gewicht ihrer hängenden Körper das Band zu zerreißen. Dies Alles geschah im Angesichts einer großen Anzahl Neugieriger, welche vom .Jardin Lnglais" aus dem Schauspiel zusah. Endlich eilte ein Kellner des genannten Hotels in das obere Stockwerk, und als dieser den Faden mit einer Schcere zerschnitten hatte, flogen die Schwalben noch mehrere Male vor chem Kopf des Befreiers hin und her. Vielleicht um sich bei ihm zu bedanken, vielleicht glaubten die Thiere auch in ihm den Fallensteller zu sehen und sagten ihm Grobheiten. „Undank ist der Welt s'ohn." Der Kellner behauptet wenigstens, eine der Schwalben habe ihm zornig in's Gesicht fliegen wollen. Eine nobel gekleidete Dame begegnete auf der Straße einem Schusterjungen, der da schluchzte, daß ihn der Bock stieß. Von Mitleid bewegt, fragte sie den Knaben, was ihm denn geschehen sei, daß er so gar sehr weine? Der Schusterjunge: Ja schn's — der Meister hat mich mit seinem Schnupf- lüchel über's G'sicht g'haut. Die Dame: Sollte denn das Dir gar so wehe gethan haben? Schusterjunge: O mein Gnä-Frau, wenn mein Meister so a fein's Tüchel hütt', wie Sie, so hätt's nix g'macht. Aber der schneuzt sich in die Hand. Frage: Wer hat den tiefsten Keller? Antwort: -asmanhZ LZ(§ Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr.