tti-o. 29 18. Juli 1869. Angsbnrger Sonnta Wo Du den Weg nicht weißt, folg' einem sichrer Du; Doch, ob der Führer auch den Weg weiß, siehe zu! Der Habich und der Hättich als Geschäftsfreunde Viertes Kapitel. (Schluß) Weil er nun sein Glück doch auch selber gern mit Zahlen hätte ausdrücken mögen, so geht er also noch an demselben Abend in's Schulhaus, und bittet den Herrn Schulmeister um die Bemühung, ihm die Summe so ein wenig auszurechnen. Und daß eS keinen Irrthum geben kann, legt er ihm auch das Protokoll vor, das aus Respekt vor seiner Frau sammt den Wiener Würstchen noch in der Scitentasche stecken geblieben ist. Der Schulmeister muß anfänglich lachen: das wäre allerdings ein gespaßiger Handel, und gescheiter wär's wohl gewesen, Verkäufer und Käufer wären über eine bestimmte Summe miteinander eins geworden, vom Herrn Notar wär's unbegreiflich, daß er zum Abschluß solchen Geschäfts die Hand geboten hätte, — indeß der Nachtheil würde doch schwerlich auf des Hättich'S Seite sein. — Wie er aber ein Weilchen gerechnet hat, hält er auf einmal innc und spricht: Freund Hättich, um ein Paar hundert Gulden habt Ihr wahrscheinlich zu theuer gekauft, und ich fürchte, um ein Paar tausend; ich hätte selbst nicht gedacht, daß aus den Kreuzern durch die Verdoppelung solche Zahlen herauskommen sollten! — Und je länger er rechnet, desto nachdenklicher schüttelt er mit dem Kopf, so daß dem Hättich das Hcrzwasser zusammenlaufen und die Unkraft zugehen will. Er muß sich von der Frau Schulmeistern: einen Stuhl auskitten, und sitzt nun da — nicht anders als ein Delinquent, der sich das Todcsurtheil vorlesen lassen soll. Der Schulmeister schüttelt wieder mit dem Kopf — herüber und hinüber. Freund, spricht er endlich, und es wird ihm selbst beinahe flau dabei, entweder — ich habe mich verrechnet, oder ihr seid ein geschlagener Mann; laßt mich noch einmal von vorn an rechnen, ich will doch sicher gehen! — Er rechnet und rechnet, und schüttelt wieder; — eine lange Viertelstunde vergeht. Endlich steht er mit seinem Papier vom Tisch auf, — nimmt den Hättich bei der Hand und spricht: Freund Hättich, ihr dauert mich — und helf' euch Gott, daß euch der Schlag nicht rührt! Das Rittergut kommt euch theuer zu stehen, wißt ihr, wie theuer ihr das zwanzigste Grundstück bezahlen müßt? Um — um — — — 8738 st. 8 kr., und das ganze Gütchen kostet euch demnach die Kleinigkeit von — 17,476 st. 5 kr., mit Worten — sieb zehntausend vierhundert sechsundsicbzig Gulden fünf Kreuzer, — keinen Pfennig mehr und keinen weniger. Wenn der Habich auf dem Handel besteht, und das Landgericht schafft euch keine Hülfe, so sitzt ihr in einer Patsche, aus der man euch mit allem Dürrenseer Vorspann nicht herausziehen kann. — Was seid ihr aber auch so unbedacht gewesen, und habt euch den Betrag nicht vorher ausrechnen lasten: „Vorgethan und nachbedacht, hat Manchen in groß Leid gebracht." Im Anfang hat dem Hättich immer noch ein Hoffnungslicht geschienen, ein schwaches wenigstens. Der Schulmeister hat sich eben doch verrechnet: es sind nicht sicbenzehn- tausend Gulden, sondern siebentausend — oder nein, nicht siebentausend, sondern ebensoviel hundert, — wie sollen auch aus den erbärmlichen Kreuzern so viel tausend Gulden werden können! So thut ihm denn. der Schulmeister den Gefallen, nimmt die ganze 226 Rechnung von Anfang an noch einmal durch, und läßt den Hättich nachrechnen, wozu der freilich „römische Zahlen" braucht. Und richtig, der Schulmeister kommt an einen Fehler. Nur bleiben zum Unglück die 17,476 Gulden wie eine Mauer stehen, und — statt fünf Kreuzer wcrden's fünfzehn, so daß der Hättich einen Zorn auf die Kreuzer bekommt und sagt, nun wollt' er erst, daß es sechzehn wären, und seinetwegen könnten alle Kreuzer die Fettsucht oder die Schwindsucht kriegen. Nun komme ich mit meiner Erzählung freilich in Verlegenheit. Ich soll beschreiben, wie's dem Hättich zu Muth gewesen, und ich kann's doch nicht. Sein Entsetzen soll ich malen, und es fehlen mir doch die Farben dazu. Also muß ich mit einem Vergleich Rath schaffen. Mancher Patient denkt, und mancher Doctor leider auch: „viel hilft viel." Wenn also Einer, auf weise Anordnung seines Doctors, um Magen und Eingeweide auözukuriren, — den Absud von zehn Loth Senncsblättern tränke, vermischt mit einem halben Schoppen Rhabarbara-Tinktur, damit das aber desto gründlicher wirkt, noch die Auflösung von einem Viertelpfund Glaubersalz nachgösse; und wenn nun dieses Tränklein unter den Wcstcnknöpfcn zu rumoren anfinge, so daß Lunge und Leber, — Herz und Magen in Aufruhr kommen, alle Lebensgeister matt werden, der Patient nicht weiß, ob er sich oder den Doktor segnen soll, — — so ungefähr, freilich eben nur „ungefähr," so ist's über dem-heillosen Rechen-Exempel dem Hättich zu Muth geworden. Die Medicin hat in ihm grausam zu wirken angefangen, Seele und Geist, Sinn und Verstand wollen ihm aus dem Leim gehen, es nebelt ihm vor den Augen. Einer, der solch' eine Pferdskur angetreten, nimmt nun wohl etwas Stärkendes: er greift an ein Ricchfläschchen, oder sucht mit schwarzem Kaffee nachzuhelfen. So nimmt der Hättich seine Zuflucht zuerst auch noch zu einem letzten Trost. Der Schulmeister „muß" sich eben doch in den „Gulden verrechnet" haben, oder — er treibt seinen Spaß mit ihm, weil er weiß, daß er schwach im Rechnen ist. Wie er das aber dem Schulmeister eben sagen will — denn das Unglück reitet schnell — da klopft Jemand draußen an's Fenster, und der Wirthssohn fragt, ob der Herr Schulmeister den Handel zwischen dem Habich und Hättich erfahren hätte, im Wirthshaus wäre fast das ganze Dorf beisammen, sie hätten nachgerechnet und eine grausanie Summe herausgebracht, d'rum wär' er hergelaufen, um zu fragen, ob sie richtig gerechnet hätten, da auf dem Käsepapier hätt es Einer aufgeschrieben. Nun kommt es also noch darauf an, ob die beiderseitigen .Rechnungen zusammenstimmen. Und wieder steckt irgendwo ein RechnungSfchlcr, denn die im Wirthshaus haben wirklich statt fünfzehn „sechzehn Kreuzer" herausgebracht. — Leider stehen auch auf dem Käscpapicr geschrieben an Gulden 17,476. Nun wird's wohl vorbei sein, oder die ganze Welt ist gegen den Hättich in einer Verschwörung begriffen. Gut, daß der Mensch mehr Unglück als Glück ertragen kann. Der Hättich steht also auf, reicht dem Schulmeister die Hand, will ihm Dank sagen und heimgehen. Aber darüber fällt ihm doch das Herz vor die Füße, — und wie ihn der Schullehrcr so erbärmlich ansieht, so kommt ihn das Weinen an, er kann lange nicht aufhören, — so daß auch die Schulmeistcrin und ihre Magd mitweinen müssen. Da ist schwer trösten. Der Habich, meint der Schulmeister, wäre wohl nicht der Beste, schon manchen bösen Streich hätte er ausgeführt, und das Schlimmste wäre, daß der Handel schriftlich abgemacht wäre im Notariat. Aber mit allem Zorn und Acrger, mit Galle und Thränen wäre nichts gebessert. Er gäbe den Rath, einmal den nächsten Morgen abzuwarten, und dann es mit dem Habich in Güte zu versuchen; Jedermann in Dürrensee würde dabei auf seiner Seite stehen; der Habich bestände doch vielleicht nicht auf dem Handel, und wollte er sich nicht einreden lassen, so sei der Herr Landrichter auch noch da, zu solch' ungerechter Sache könne doch die hohe Obrigkeit nicht mithelfen. Das Alles leuchtet dem Hättich ein. Aber er ist gleichwohl schwer zu beruhigen. Die Zahl 17,476 klingt zu gräulich, für den Hättich wenigstens, der's doch mitsammt seiner langjährigen zweispännigcn Geizerei nicht Tausendweise wegzuschenken hat. Ein 227 Trost wäre ihm noch übrig geblieben, der einzige nachhaltige. Es hätte ihm Jemand sagen müssen: Siehst du, Freund, das hat so kommen müssen, damit du von deinem Gcldhunger kurirt wirst, die Arznei ist zwar stark und bitter, aber sie ist gut und sie kann dir heilsam werden. Indeß, einmal war jetzt Niemand da, ihm eine solche Buß- Predigt zu thun — der Schulmeister hatte wohl so was im Sinn, aber er meinte, es sei noch zu früh damit, ihm den Standpunkt klar zu machen, — dann zweitens, hätte diese Predigt jetzt wirklich schwerlich verfangen. Denn noch viel banger als über der bösen Zahl ward dem armen Käufer vor seiner — Frau. Wär' er nur erst einmal über die hinüber gewesen! Dann hätt' er im Nothfall wirklich sein bischen Hab' und Gut verkauft um den Habich zu bezahlen, hätte Stroh und Disteln gegessen, und'Wasser dazu getrunken. Aber die Frau, die Frau! Sie hatte ihn sogleich nach seiner Heimkunft so grimmig angeleuchtet, und da hatte sie doch vom Betrag der Kaufsumme selbst noch nichts gemußt. Er sah es kommen, — was für Ehrenbogen sie ihm mit Besen, Ofengabcln und andern nützlichen Gewächsen bauen, wie er vor ihr stehen würde, stumm, gegen ihre wohlverdienten Scheltworts Was ist also zu thun? Der gute Schulmeister kann's doch nicht auf sein Gewissen nehmen, daß der arme Gemeindepfleger von seiner Lebensgefährtin zu Pulver oder Brei zusammengestoßen wird. So erklärt er sich denn bereit, — an seiner Stelle das erste Gewitter zu bestehen, den Blitzableiter vorzustellen. — Kommst leider schon zu spät, du mitleidige Schulmcisterseele! Ein Paar naseweise Nachbarsöhne haben der Hättichin das Exempel und die Summe schon vorgelegt. Sie fährt in ihrer Stube bereits herum wie ein wahnsinniger Kehrbesen, wehe dem, der jetzt in ihre Mache kommt! Der Schulmeister ist kaum zu ihr hineingetreten, und hat etwas vom Zweck seines späten Zuspruchs laut werden lassen, so ist er auch schon mit einer Sturmfluth von Verwünschungen übergössen. Es wär' vor'm ganzen Landgericht Weisenstadt und Wurzenbach nicht zu verantworten, Frau und Kinder an so 'neu Lumpen wie der Habich zu verhandeln, sie hätt' es „ihrem" schon hundert Mal vorgezeigt, er wär' der größte Oelgötz' von der Welt, — aber geglaubt hätt' er's nicht, bis er's nun mit Händen greifen müsse. Der Schulmeister könnt' auch was Besseres thun, als über solch' einen liederlichen Hausvater noch die Hände halten, er solle lieber seine ungezogenen Schulbuben ausprügcln, damit wär' doch was genützt in der Welt; sie aber wollte mit „ihrem" schon allein fertig werden, da ließe sie sich von Niemand drein reden, und wenn der Pfarrer selbst käme! Sie hat noch lange fortgezankt — und es hat dabei einen Hagel von bitterbösen Redensarten abgesetzt. Wer will auch den Faden abschneiden, den eine böse Frau im Zorn zu spinnen angefangen. Der Schulmeister versucht bald von der einen, bald von der andern Seite etwas zu ihrer Beruhigung zu sagen. Wie er aber sieht, daß er damit nur Oel in's Feuer gießt, so greift er endlich nach der Thür und gibt „gute Nacht." Dem Hättich braucht er nicht lange Bericht abzustatten, denn der hat Alles — Wort für Wort — mit angehört, er weiß, wie viel die Uhr geschlagen hat. Wo warst du denn während des Unwetters, armer Gemeindepflcger? Ach, du hast ganz demüthig draußen gestanden der Hausthür gegenüber, am Scheunenthor, und deine Kniee und Waden haben geschlottert. Es ist dabei stockfinster geworden und am Himmel wettcrleuchtct's So thut denn der Schulmeister noch einmal Barmherzigkeit an der leidenden Menschheit: erbietet dem Hättich für diese Nacht ein Bett an in seiner obern Stube. Der Hättich trägt jedoch Bedenken, die Gefälligkeit anzunehmen, das hätte ein neues Ungewitter bei sciner Frau geben können. So dankt er noch einmal für alle geleistete Gefälligkeit, geht ganz sachte auf den Heuboden, und tröstet sich, da er nicht schlafen kann, einstweilen mit den Mäusen da oben, die vor der Katze mcht sicher sind. Das Heu ist weich, aber Schlaf will nicht in seine Augen kommen. Denn bald muß er zürnen über den Habich, bald ärgert er sich über sich selbst, bald sorgt er sich wegen der Zukunft ab, bald bangt ihm vor den bösen Dürrenseer Zungen, und wie er des Handels wegen von aller Welt L>polt 228 zu leiden haben wird. Wenn aber ja ein Schlummer auf ihn niedersinken will, — so träumt ihm entweder von feiner Frau und ihren langen Fingernageln, oder vorn Habich, der ihm aus der Extrapost heraus einen Zettel entgegenhält und eine himmellange Zahl darauf, so daß er zusammenfährt und wieder wach wird. Endlich früh nach dem ersten Hahnenruf ist er dennoch ein wenig eingeschlafen. — Der Frau aber ist es um ihre Hälfte doch leid geworden, hatte er sich in der Angst etwa gar ein Leid angethan, oder wollte er sich eines anthun? So steht sie denn auf, zündet die große Stall-Laterne an, durchsucht das ganze Haus, — ruft überall leise: „Hättich, Hättich!" — sucht im Stall und in der Scheune, und wie sie endlich des Schläfers auf seinem Heulager ansichtig wird, eS ist darüber schon ein wenig hell geworden, und sie sieht, wie er so blaß daliegt, und vor Herzensangst sind ihm die Backen eingefallen und die Augen weit in ihre Höhlen zurückgetreten, so geht in ihrer Witterung doch auch etwas vor: der Ingrimm weicht, das Mitleid will Herr werden, die Sorge um die böse Zahl tritt in den Hintergrund zurück, die schweren Wolken ihres Gemüths entladen sich in einer Thränenfluth. Sie fängt so jämmerlich zu weinen an, daß ihr Hättich davon erwacht. Ahn rühren die Thränen seiner Frau nun auch wieder, und es haben dann die Beiden mit einander geweint, wie ein Paar Kinder, die nichts zu essen haben, erst auf dem Heuboden, daß die Nachbarn davon aufgewacht sind, dann in der Stube. Schließlich hat die Frau an ihren sorgenvollen Mann einen „schwarzen Kaffee" gewendet und selber mitgetrunken; von den Wiener Würstchen hat sie eins gegessen und er auch eins. Bei ihm hätte sie den Luxus freilich sparen können, denn ihm war's jetzt wie Einem, dem nach scharfem Winterwcttcr die Februar-Sonne warm auf den Rücken scheint. Ueber'm Trinken aber ist ihm ein vergessener Bibelspruch eingefallen: „Der Geiz ist eine Wurzel alles Uebels, welches hat Etliche gelüstet — und sind vom Glauben irre gegangen, und machen ihnen selbst viele Schmerzen." (Forts, f.) Eine Schlau genscene. Aus dem Tagebuche eines Soldaten, der in dem letzten amerikanischen Kriege dem General Sherman auf seinem langen, mühevollen Marsche von den Ufern des Mississippi bis Savannah am atlantischen Ocean folgte, bringt der New-Aork Tadlet eine schaudererregende Erzählung: „Wir hatten," so schreibt der Soldat, „den ganzen Tag in einer brennenden Sonnenhitze marschirt. Dichte Staubwolken verdunkelten die Atmosphäre und erstickten uns fast. Doch beseelt durch den Muth unseres tapferen Generals, dessen Geist einem jeden seiner Soldaten eingehaucht schien, — strengten wir alle Kräfte an, um die Tausende sich uns entgegenstellenden Schwierigkeiten zu überwinden. Man mag sich aus der Beschreibung meiner Person ein Bild meiner Kameraden machen. Mein Käppi war beschmutzt und zerrissen; mein Bart in Unordnung, so wie mein Haupthaar, das seit einer Woche nicht mehr gekämmt worden, voll Staub und Ungeziefer. Meine Augen waren durch die Sonnenstrahlen entzündet und meine Schläfe pochten wie im Fieber. — Der Tornister, auf dem die Büchse lag, drückte meine Schultern. Das Blut durchströmte wie Feuer meine Adern, und meine Füße waren von so vielen Meilen Marsch zerrissen. — Meine braven Kameraden waren in nicht besseren! Zustande. Manche waren auf dem langen Marsche in Folge eines Sonnenstiches oder übermenschlicher Anstrengung todt hingefallen. Oft durchschritten wir ein Gehölz, und wie freuten wir unS, in seinen Schatten ausruhen zu können, — oder wenigstens erfrischt zu werden. Eben ! hatten wir ein solches wieder verlassen, als wir in eine weite Ebene traten, welche in einiger Entfernung an einen Sumpf stieß, in dem sich zahlreiche Reptilien badeten und ihren häßlichen Kopf aus dem Wasser reckten, um die sie umgebenden Miasmen einzu- athmen. Von Zeit zu Zeit bemerkten wir eine große schwarze Schlange, eine Otter oder eine Viper durch das Gestrüppe kriechen. Als wir uns einem fast ausgetrockneten Moraste näherten, erhob sich eine ungeheure Schlange in demselben, die ihre Kiefer aufriß und zuklappte, und ein unheimliches Gezische ausstieß, als habe sie jene fremden Gestalten, welche ihre Einsamkeit störten, erschrecken wollen. Doch immer vorwärts ging es mit uns. Shermanu setzte seinen siegreichen Marsch bis zum Meere unaufhaltsam fort, und weder Wald noch Sumpf, noch Fluß noch Ebene oder Berge vermochten ihn zu hemmen. Gegen die Neige jenes Tages, von dem ich vorhin redete, blieben mehrere unseres Corps zurück. Auch ich gehörte zu denselben. Ich war nicht im Stande, mich weiter fortzuschleppen, und als die Nacht hereingebrochen, war unser Gros uns schon eine bis zwei Meilen voraus. Da ich den Ueberfall irgend eines wilden Thieres fürchtete, wenn ich auf der Erde einschlafen sollte, suchte ich ein ziemlich nahe gelegenes Gehölz zu erreichen, nahm einen Schluck Brandy aus meiner Feldflasche und erkletterte einen ziemlich hohen Baum, der am Wege stand, nicht weit von einem Sumpfe entfernt, in dem eine Menge Schilfbüschel und Köcher staguircnden Wassers sich abwechselten. Ich machte mir Aeste und Zweige zurecht, und nachdem ich die nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen, einen Fall zu verhindern, bereitete ich mich zum Schlafe. Doch ich vermochte Anfangs nicht einzuschlafen. Aümählig beruhigten sich meine Nerven, meine Augenlider senkten sich und unbewußt hielt mich bald ein erquickender Schlummer umfangen. — Ich mochte einige Stunden geschlafen haben, —- als ein bitteres Jammergeschrei vom Fuße meines Baumes mich aufschreckte. Ich sah hinab und war Zeuge einer furchtbaren Scene, die ich in meinem Leben nie vergessen werde, und deren Erinnerung mich noch zittern macht. Einer meiner Kameraden wurde bei lebendigem Leibe von den Schlangen verzehrt. — Er mußte auch den Versuch gemacht haben, auf den Baum zu steigen, aber erschöpft zurückgefallen sein. Welch' ein Schauspiel! Der Mond schien in voller Klarheit und beleuchtete den Sumpf, der von Uugethümen zu wimmeln schien. In dichter Reihe von allen Farben kamen sie heran und näherten sich ihrer Beute, und ihre Schwänze schlugen auf und nieder — und glänzten schwarz, grün, gefleckt und kupferfarben. Mein armer Kamerad, der so vielen Kämpfen Trotz geboten und so manche Meile durchschritten hatte, wurde nun das Opfer dieser Bestien. Ein halbes Dutzend kleinerer, lang und rund wie ein Arm, mit breiten Kiefern, verzehrten seinen Kopf, Augen und Ohren waren schon verschwunden, und er wand sich unter seinem letzten Lebenshauchc. Eine größere dunkle, von der Länge eines Mannes, hatte sich durch die Kleider in den Unterkörper eingebohrt, und ungefähr ein Dutzend anderer derselben Art begannen ihr scheußliches Mahl an Füßen, Beinen und wo immer sie ankommen konnten. Man glaubte eine Schaar kriechender Geier zu sehen, die den Körper des Unglücklichen bedeckten, — sich drehten und wandten und zischten. Ein abscheulicher Anblick, der bei Weitem größeres Entsetzen einflößte, wie ein gewöhnlich in Verwesung begriffener Leichnam mit seinen Myriaden von Würmern. Ich versuchte mich zu rühren und einen Schrei auszustoßen; aber der Schrecken hatte mich fast gelähmt. Krampfhaft griff ich nach meiner Büchse und feuerte in die Masse hinein. Eine gewaltige Schlange wand sich tödtlich getroffen hin und her. Im Nu stürzte eine Menge anderer über dieselbe, ohne Zweifel angelockt durch den Geruch des Fleisches, womit sie sich gemästet hatte, und begann hier eine neue Mahlzeit. Es kam mir vor, als habe die Menge der aus dem Sumpfe und dem Gehölze herbeieilenden Schlangen kein Ende. Von allen Seiten vernahm ich Gezisch, Geräusch und Geklapper. Ich lud wieder und feuerte zum zweiten Male, um wenigstens meinen Kameraden zu rächen, so viel es in meiner Macht stand. Wieder wurde ein Ungeheuer gctödtet und das furchtbare Bankett fand neue Nahrung und wurde fortgesetzt. Selbst die Blutlachen meines Kameraden wurden aufgesogen, um den letzten Tropfen Blut kämpften die Bestien, so lange auch noch ein Fetzen Fleisch zu verzehren war, bissen sie sich nach allen Seiten, bis zuletzt die im Kampfe Erlegencn der Gegenstand ihrer Gier wurden. Ich konnte meine Augen von dieser Scene nicht abwenden und wollte den Ausgang sehen. Ihr Gezische, ihre raschen Bewegungen, die wogenden Linien, welche ihre glatten und ge- schmeidigen Körper in dieser unentwirrbaren Masse bildeten, sind weder zu beschreiben, noch mit dem Pinsel wieder zu geben. Ueber eine Stunde sah ich diesem Schlangenkampfe zu, als mir der Gedanke aufstieg, daß dieselben mich auch entdecken könnten, und was mir dann bevorstehen würde. Mehr als ein stechendes Auge hatte sich schon nach dem Baume gewandt, als ich Feuer gab. Und wirklich, ein Angriff auf mich sollte nahe genug heranrücken. Eine mächtige Schlange hatte einen kleinen Nest meines Kameraden erhäscht, als die anderen ihr denselben streitig machen wollten. Um ihnen zu entgehen, wirft sie sich auf den Baum zu, schwingt sich um dessen Stamm, und beginnt in raschen Windungen hinauf zu klettern, gefolgt von einer Menge anderer. Sie kam mir näher, bog aber ihren Kopf gegen ihre Feinde zurück; die Windungen ihres glatten Körpers glichen einer Metallkette, welche die Knoten des Stammes umschlang. Ein Theil ihrer Beute entfiel ihr, so rasch waren ihre Drehungen und Bewegungen. Ich glaubte mich verloren. Meinen Säbel riß ich aus meiner Scheide. Der Ast, der meine Hauptstütze bildete, war bereits von ihr erreicht; ein Schlag, und ihr Kopf war von ihrem Rumpfe getrennt. Schwer siel ihre Masse zur Erde und riß die andere», die ihr gefolgt, mit hinab. Ich sah ihren häßlichen Kopf noch über die Erde rollen, und Blut und Geifer aus ihrem Maule fließen. Doch, nun war ich gerettet, denn die Aufmerksamkeit der übrigen Ungeheuer war von mir abgelenkt. Sie begannen bald, sich nach dem Sumpfe und dem Gehölze zurückzuziehen. Ich hörte mit freudigem Zittern das sich entfernende Geraschel im Laube, und das Geplatsche des Wassers der Pfützen des Sumpfes, in welches sie sich hineinstürzten. Alles wurde still; aber hinabzusteigen, ehe es Tag war, wagte ich nicht. Kaum sandte die Sonne ihre ersten Strahlen, da machte ich mich, die Büchse zum Schusse geladen, und den bloßen Säbel zwischen meinen Zähnen, hinab zu den Gebeinen meines unglücklichen Kameraden. Ich floh, denn ich konnte diesen Anblick nicht länger ertragen. Bei jedem Schritte, den ich machte, glaubte ich eine Legion jener Ungeheuer auf meiner Verfolgung. Ich begegnete jedoch bald einer Rciterabthcilung, welche die Nachzügler zusammen suchen sollte, und diese brachte mich in einem furchtbaren Zustande körperlicher und geistiger Erschöpfung in's Lager. Oft habe ich diese furchtbare Episode unseres Marsches meinen Kameraden erzählt, aber ich glaube, die Hölle mit all' ihren Schrecken könnte nicht einen schrecklicheren, tieferen Eindruck auf mich machen, als diese „Vernichtung" meines Kameraden an einem Sumpfe in Süd-Carolina." Der Moorrauch. Ostsriesland, im Juui. Am 5 Mai d. I. hatten wir hier den ersten der Tage, die weder dem Aesthetiker nachdem Asthmatiker gefallen; den ersten der Tage, der den blauen Himmel mit einem schmutzig gelben Nebel bedeckt und die Luft bald derartig damit anfüllt, daß man nur einigermaßen entfernte Gegenstände kaum zu unterscheiden vermag, der die Sonne erst citroncngclb, dann orange und endlich bluthroth erscheinen läßt. Nase und Augen verspüren einen brandigen, scharfen Geruch. — Das ist die Erscheinung, die den Naturforschern so lange Zeit eine Nase gedreht hat, daß sie sich in den albernsten Hypothesen ergingen. Daß man . das Kind des eigenen Landes in Amerika suchen zu müssen glaubte, war bei dem Streben, Alles „weit her" zu holen, noch einigermaßen zu ent chuldigen. Aber auf der Versammlung der Naturforscher zu Wien im Jahre 1856 sprachen sich noch verschiedene Gelehrte dahin aus, daß dieses Phänomen bislang unerklärlich sei, ja, im Jahre 1858 stellte Alex. Müller in der Akademie der Wissenschaften zu Stockholm die Behauptung auf, der Moorrauch (Höherauch, Heerauch rc.) entstehe daraus, daß die Luft durch „Lufttröpfchen", das sind veränderte Theilchen der atmosphärischen Lust, trübe geworden; diese Tröpfchen brächen das Licht anders, als 231 die umgebende Luft, wobei er sich auf die scheinbar zitternden Bewegungen beruft, die man wahrnimmt, wenn erwärmte Luft sich bei ihrer Aufsteigung mit kälterer vermischt. Andere fanden die Erscheinung in einem zersetzten Gewitter begründet und noch Andere sahen nur abgefallene Komcteuschwänze darin, und ein Bremer hat einmal gesagt, die Moorbrenner seien keine Menschen, sondern Ungeheuer und er sähe keine Nothwendigkeit ein, daß sie existiren müßten. Letztere Frage ist besonders im vorigen Jahre mehrfach erörtert, ohne daß eine Lösung herbeigeführt wäre Diese wird auch so bald noch nicht kommen, denn die Versuche, die das Moorbrennen ersetzen wollen, liegen theils noch in den Windeln, theils sind sie noch nicht geboren. Sehen wir uns die Sache etwas genauer an. Eine größere Moorfläche bietet nicht viel Einladendes, vielmehr ist ihr Anblick traurig und öde. Man sieht und hört hier nicht das freudige Schassen und Treiben arbeitsamer Menschen, hört nicht das Wiehern der Pferde, das Brüllen des Rindviehes, den Gesang munterer Vögel, das Jauchzen und Lärmen einer frohen Kinderschaar, nur das Rauschen gelbgrüncr Binsen und leichcn- blasser Riedgräser, so wie das Klagen eines vereinzelten Moorhnhncs unterbricht die trostlose Ocde. In stundenweiter Umgebung findet man weder Baum noch Strauch, noch weniger eine menschliche Gestalt, nur dürres Haidckraut und graues MooS starrt den einsamen Wanderer an, der diesen trüglichcn Boden betritt. Dergleichen kleinere und größere Bodcnflächcu haben wir im Nordwcsten Deutschlands, sowie in Holland, nicht geringe. Wir unterscheiden die Moore in Hoch- und Leedmoore, letzere sind bereits abgegraben und werden vorzugsweise durch Brennen kul- tivirt, erstere befinden sich noch im jungfräulichen Zustande. Man säet auf die abgegrabenen Moore in den ersten Jahren nur Buchweizen, mißräth eine solche Ernte, so sind Bewohner unk Anwohner des Moores Verhältnissen ausgesetzt, wie denen, die das Mißrathcn der Kartoffel in Irland und im Erzgebirge hervorruft. Soll ein bis dahin noch wüstes Moor zum Buchweizenbau eingerichtet werden, so ist vor allen Dingen auf gute Abwässcrung Bedacht zu nehmen. Man zieht in gewissen Entfernungen Grüben und bringt die gewonnene Erde in Haufen, durch die der Wind spielen kann. Dies geschieht im Herbst. Im Monate Mai, wenn die größten Feinde des weiblichen Buchweizen, die Nachtfröste, nicht mehr zu befürchten sind, wird Feuer in jene Haufen gebracht und die brennenden Theile werden nun gegen den Wind über den ganzen Acker geworfen, wodurch auch alle am Boden liegenden Klöße entzündet werden. Denn darauf eben beruht das Gelingen der Arbeit. Die Erhitzung des Bodens ist der eigentlich befruchtende Faktor, durch das Brennen muß dem Boden die die Vegetation hindernde Säure entzogen werden. Die Asche allein würde wenig nützen. Mitten in diesem Feuer, in diesem höllischen Rauche, steht nun der Moorbaucr in starken Stiefcl-Holzschuhen und wirft mittelst einer langgestielten, alten, durchlöcherten Pfännkuchcnpfanne die brennenden Stücke dahin, wo es Noth thut, lockert das Ganze von Zeit zu Zeit wieder auf und wirft die glimmenden Stücke stets gegen den Wind. Zugleich hat er darauf zu achten, daß der Boden nirgends in Flammen geräth, sondern nur gelinde brennt und schmaucht. Selten ist das Moor so trocken, daß solches ohne menschliche Hilfe weiter brennt, und deßhalb verläßt auch der Moorbrenncr gegen Abend schweißtriefend seine saure Arbeit, solche am nächsten Morgen wieder fortzusetzen. In einzelnen Fällen kommt ihm aber doch das Feuer aus der Gewalt, und wenn alsdann ein starker Wind das Feuer vor sich Peitscht, dann entstehen zuweilen Brände, die mit Hilfe einer ordentlichen Dosis Phantasie an die Prairiebrände Amerika's erinnern. Noch vor wenigen Jahren wurde auf diese Weise auf dem großen Fchn eine bedeutende Strecke verwüstet, und sogar sieben Wohnungen wurden eine Beute des Feuers. Daß auf diese Weise in Ostfricslaud und Umgebung eine ansehnliche Masse Rauch erzeugt wird, bedarf keines Beweises. Es werden etwa 50,000 Morgen Moor gebrannt und die Asche bedeckt durchschnittlich in einer Höhe von 1^/^ Centimeter den Boden. Über dem 25 232 Ouadratmeilcn großen bourtangcr Moore betrug wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge während des Brennens die Höhe der Rauchinasse 9 -10,000 Fuß; diese ganze Luftschicht war alles mit dichtem Rauche angefüllt, und Dr. Fink hat berechnet, daß an 25 Moor- Rauchtagen 73 Millionen Pfund Rauch produzirt werden. Es hängt eben vom Winde ab, — wer nach uns mit diesem Rauche gesegnet werden soll. Im Jahre 1857 begann man bei einem ziemlich starken nordöstlichen Winde hier am 6. Bkai mit dem Brennen. Schon am folgenden Tage zeigte sich der Moorrauch in Utrecht, etwas später, als der Wind mehr östlicher geworden war, schweifte derselbe über Lccuwardcn nach dem Heller und besuchte bis zum 15tcn das Meer. Nun wurde der Wind nordwestlich, der Moorrauch kam vom Meere zurück und erreichte am 16ten wieder Utrecht und etwas später auch Nymwcgen. Am 16ten und an den folgenden Tagen sah man ihn auch in Hannover, Münster, Köln, Bonn, Frankfurt; am 17ten war er schon nach Wien vorgedrungen, erreichte am 18ten Dresden, und am 19ten Krakau. Nicht selten führt der Wind den Moorrauch über See nach England, seltener gewahrt man ihn in der Schweiz, wo er aber doch mehrfach zu Schaffhausen, Zürich, Basel und Genf wahrgenommen wurde. Wahrscheinlich ist dies seine äußerste südliche Grenze, da ihm wohl die Alpen ein „bis hiehcr und nicht weiter" zurufen. Daß der Moorrauch unangenehm und lästig ist, das unterschreiben wir Ostfriesen aus vollster Seele. Je nach der Windrichtung haben wir außer unserem eigenen, bald den holländischen, bald den oldenburgischen, bald den westphälischcn Moorrauch, — aber trotzdem fällt es hier keinem Menschen ein, das Verbot des Moorbrcnncns zu befürworten, weil wir Alle wissen, daß ein solches Verbot Tausende von fleißigen Arbeitern an den „Bettelstab" oder „über's Meer" jagen würde. Wir hoffen allerdings, daß es Gegnern des Moorbrennens dann gelingen werde, ein darauf bezügliches Verbot zu erwirken, wenn es der Theorie und Praxis gelungen ist, ein hinreichendes Acquivalent in Anwendung zu bringen. Ob das jetzt in Arembcrg - Meppcn und sonst verwandte Kali sich bewähren wird, ist zur Zeit noch durchaus unentschieden. Außer dem Besprochenen hat man gegen den Moorrauch ein ganzes Heer Anklagen erhoben, die, wenn sie nur halb wahr wären, ein „Verbot" dringend erheischen würden. Er soll der Gesundheit nachteilig sein, Regen und Gewitter zurückhalten, Wind erzeugen, Nachtfröste befördern, die Haarmücke mit sich führen, nachteilig auf die Weinernte wirken u. s. w. Aber alle diese Anklagen sind nicht zu beweisen. Wir hoffen, daß das Moorbrenncn ein baldiges Ende haben möge, wünschen aber, daß vorher unseren Moorbaucrn Mittel und Wege gezeigt werden, auf andere Weise sich ihren Acker dienstbar zu machen. Versteht die Wissenschaft das, so werden mir Ostfricsen ihr auch nach dieser Seite hin zu bedeutendem Danke verpflichtet sein. *) Der Herr Verfasser sucht alle diese Klagen über den Hecrrauch zu widerlegen. Er bemerkt z. V. über die angebliche Schädlichkeit für den Weinbau: „Berichtet doch ini Jahre 1826 die Regierung zu Trier an den König, daß der Moorrauch auf den Weinbau einen ganz entschieden nachteiligen Einfluß ausübe, ärger als jede andere Wittcrungs Erscheinung. Die Erfahrung hat diese Belchuloigung in ihr Nichts aufgelöst; denn in keinem Jahre wurde das Rheinthal stärker vom Movrranche heimgesucht, als 1858, und in diesem Jahre fiel die Weinlese >o günstig aus, daß alle Hoffnungen überstiegen wurden." (Im Verhöre.) „Angeklagter, Ihr seid schon sieben Mal verurthcilt worden. Gebt Ihr das zu?" — „Ja wohl, Herr Präsident, allein ich lege kein großes Gewicht darauf!" Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr.