^ro. 30. Augsburger 25. Juli 186g onntags-BIatt. Eine liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn reich, indem er sich einen Schatz der Erinnerung au gleichgültigen Dingen dadurch anhäuft. Göthe. Der Habich und der Hättich als Geschäftsfreunde Fünftes Kapitel. Eine theure Zeche und was für Verdienste dabei der berühmte Nechtsgelchrtc Wachsnastus gehabt. In allen Häusern von Dürrcnsee war an jenem Morgen böses Wetter, nur beim Habich nicht. So in's Große hatte der seine einfältigen Streiche doch noch nicht getrieben. Der Hättich war freilich ein Geizkragen, das konnte ihm in ganz Dürrensee und Umgegend Jedermann bezeugen, obwohl die guten Dürrensee'r darin meist im gleichen Spital mit ihm lagen. Aber sonst war er doch eine ehrliche Haut, Niemand hatte ihm etwas Böses nachzusagen. War's nicht schändlich von dem Nichtsnutz, dem Habich, — ihn mit dem einfältigen Rechen-Exempel so hinter's Licht zu führen? Ueber dem Handel konnte der Hättich ja um sein Vermögen kommen, und was sollte daraus werden, wenn der Habich einmal so viel Glück mit seiner Büberei machte, so viel Geld in die Hände bekam? Also berief der Schultheiß, es war ein tapferer, wackerer Dorfsmonarch, den ganzen Gemeinderath. Bald war ein Beschluß gefaßt; die Männer wollten den Habich vorsortiern, ihm seine Schlechtigkeit mit einem guten Scheuerlappen einreiben, ihm erklären: „Euern dummen Handel leiden wir von Gemeinde wegen nicht! " Aber man muß den Spatz nicht eher würgen, als bis man ihn beim Schwanz erwischt hat. Der Gemeinde-Diener war sogleich ausgesandt worden, den Delinquenten beizuschaffen, aber siehe da, das Nest war leer. Sonst hielt es der Habich mit einem gründlichen Morgenschlaf, dicßmal hatte er Lunten gerochen, die Nachbarn hatten ihn in aller Frühe vom Haus gehen sehen; Niemand wußte, wohin er gerathen war. Erst am späten Abend war es thunlich, ihm in des Schulzen Haus einen Zwangspaß auszustellen. Gefangen war der Vogel darum noch nicht; Schultheiß und Beisitzer im Dorfs- Gericht hatten einen schweren Stand mit dem Habich. Anfänglich versucht er die Männer durch allerlei Grimassen und andere Albernheiten in's Lachen zu bringen. Wie sie aber keinen Spaß verstehen wollten, im Gegentheil, ihn um die Wette abkanzelten, und für seine Schlechtigkeit salbten, wie er's verdiente: er hätte sein Lebtag nichts getaugt und es wär' ein Unglück für ihn gewesen, daß er nicht vom ersten Tag seiner Mündigkeit an einen Vormund gehabt hätte, — da stellt sich der Bursch auf die Hinterfüße, macht Männchen und thut der Gemeinde-Obrigkeit eine Predigt, die ihre Zuhörerschaft wenig befriedigt haben muß, denn der Schultheiß drohte ihm nicht bloß mit einer Geldstrafe, sondern auch mit dem Loch im Landgericht, dessen Fenster hinten auf den Hof hinausgeht. Komparent blieb indeß dabei, es träfe in der Sache ihn kein Vorwarf, sie sollten lieber den Hättich in's Gebet nehmen: der wäre doch Manns genug, um einen Kauf abzuschließen; sollte aber der Handel, der doch vor'm Notariat abgeschlossen wäre, dem hohen Rath zu Ehren wieder rückwärts gehen, so brauchte der Hättich einen Vormund und nicht der Habich, er wollte auch im Landgericht darauf antragen, und es wär' eine schöne Wirthschaft in Dürrensee, daß sie einen zum Pfleger setzten, der erst bei seiner 234 Frau das Einmaleins borgen müßte. Was das aber für eine Wirthschaft im Land geben sollte, wenn Einer mit Vortheil sein Eigenthum veräußern könnte, und jeder Narr dürfte sagen: „da will ich auch erst gefragt sein!" Wenn einmal der Schultheiß seine großen Besitzungen verkaufen wollte, seinetwegen für sieben Batzen und acht lose Heller, so thät' er auch Protestiren und er wollte einmal sehen, ob das nicht Geltung hätte! — Kurz, es war dem Habich schwer beizukommen; auch damit war nichts ausgerichtet, daß ihn Einer fragte, wie er denn solch' eine Uebervorthcilung vor seinem christlichen Gewissen verantworten wollte? Denn erstlich meinte der Habich, wie alle von seiner Sorte, mit dem Gewisien wär' heut zu Tage nichts mehr anzufangen, man müsse sich durch die Welt durchhelfen, wohl oder übel. Und zweitens brauchte er nach seiner Meinung keine Gewissens-Bedenkcn: der Hättich hätte ja auch keine gehabt, mit dem müßt' er auf alle Fälle brüderlich theilen Es ist eben in der Welt noch kein Bär gewesen, der im Alter tanzen gelernt hätte, und der Mohr ist nicht gut weiß zu waschen. So ward die Sitzung geschlossen, ohne daß man an das gewünschte Ziel gekommen wäre. Der Habich aber riegelte sich dann wieder in sein Haus ein, grüßte nicht und dankte nicht, der Hättich und seine Frau konnten nicht vor ihn und noch weniger an ihn kommen. Nach drei Tagen endlich gelang es doch. Nur war nichts mit ihm anzufangen, ob auch einmal die Hättichin statt ihres Mannes kam, alle ihre Kinder mitbrachte und fast einen Fußfall gethan hätte. Wenn ein Handel rückgängig werden sollte, dabei blieb er, so müßten beide Theile einverstanden sein, er aber (der Habich) wäre einverstanden, daß der Hättich ihm in der bedungenen Zeit die 17,476 fl. 15 kr. schaffte; er könnte seine zwei und dreißig Brodfrcsser nicht los werden, und brauchte für die alle Tage Geld genug; wenn er aber einmal alt wäre, — und könnte nicht mehr für sich sorgen, so würd' ihn der Hättich sammt seiner Frau auch nicht als Kostgänger begehren. Aber er ginge jetzt bald nach Amerika, — und was er zur Reise nicht brauchte, davon wollte er in Dürrensee ein Narrcnhaus bauen, der Hättich könnte Inspektor d'rin werden. Für der Hättichin ihre Kinder hätte er ja vorgesorgt: das Rittergut gäbe Brod und Kuchen für ein halbes Dutzend Kinder, ein junger Has, ein junges Gras, das Hunger- leiden lernten sie bei Zeiten von ihren Alten, — und was weiß ich, wie viel sein loses Maul sonst noch Geifer ausgcschäumt hat. Wie nun der Hättich und seine Frau nichts ausrichten, — so mischen sich jetzt die Nachbarn in den Handel, nur ein Paar Hetzer (an denen nirgends in der Welt Mangel ist, und nicht einmal in Dürrensee), nehmen die Partie des Verkäufers. Geholfen hat's natürlich eben so viel, als wenn Einer zu einem hungrigen Hund spricht: du, sei doch so gefällig, und laß den Knochen da fahren, ich will noch eine Suppe davon kochen, nachher sollst du ihn wieder kriegen! Da ist denz Schultheißen die Sache endlich doch über den Spaß hinübcrgcgaugen, Zeit war nicht mehr zu versäumen, in der ganzen Wicsenstadter Gegend war von nichts die Rede, als vom Habich und vom Hättich, und ihrem merkwürdigen Güterhandcl, und wenn ihrer Zehn ihren Spott am Hättich hatten, so war bei Zwanzigcn der Unwille über den Habich desto größer. Also der Schultheiß macht sich einen Gang nach Wcisen- stadt, den Hättich nimmt er sogleich mit. Sie gehen erst zum Herrn Notar, der konnte ja das Beste thun. Aber bei dem war auch nichts auszurichten. Es warf ihm nämlich sein Notariats-Geschäft alljährlich so wenig über dreitausend Gulden ab, — daß er die Advokatur nebenbei fortb'etrieb. Sogleich im Anfang hatte er gemerkt: der Handel kann der Vater eines lustigen Prozesses werden. Was konnte er auch dazu, daß die Menschheit so wenig Verstand hat, besonders die Dürrcnsee'r Menschheit; (Gottlob, daß nicht alle Herren Juristen solche Philosophen sind). Sein Bescheid lautete so: die Sache ginge das Notariat nichts mehr an, ein Notar wäre nicht dazu da, das Publikum bei Handels- Geschäften zu berathen, und noch weniger große Kinder an der Hand zu führen, sondern die „Privatgeschäfte" zu erleichtern und deren „rechtskräftigen Abschluß" in die Hand zu 235 nehmen. Ihm wär's ganz gleichgültig, wie Ihrer Zwei mit einander fertig würden, der Handel könnte nur dann wieder rückwärts gehen, wenn beide Theile den betreffenden Antrag stellten. Ein Anderes wär's, wenn Käufer sich entschließen wollte, gegen den Berkäufer zu prozcssiren. Nur müßte er für den Fall dazu rathen, einen geschickten und zuverlässigen Anmalt zu nehmen, denn es gäbe da einen bösen Rechtsstreit. Die Sache ließe sich schon durchbringcn, ihm wäre in seiner Praxis ein ähnlicher Prozeß schon einmal vorgekommen, ohne ihn wäre er freilich verloren gewesen. — Weiland Herr Doctor Eisenbart hatte es ja auch im Brauch, zu den Schwindsüchtigen zu sagen: ich will euch schon durchbringcn, alle andern Doctores verstehen sich auf diese böse Krankheit nicht! So treten denn die Beiden wieder ab und lassen sich jetzt beim Herrn Landrichter anmelden. Der aber sagte so, — ich kann nichts dazu, daß er sich ein wenig vornehm ausgedrückt hat, bei den Juristen niuß man schon zufrieden sein, wenn sie nur nicht statt deutsch in lateinischen und andern heidnischen Brocken reden. Die Sache, sagte er, hat zwei ganz verschiedene Seiten, eine sittliche und eine rechtliche Seite. Von der sittlichen aus betrachtet ist sie ganz einfach: Jedermann muß zugestehen, der Handel ist von Seiten des Verkäufers in schlechter, boshafter und betrügerischer Absicht angesponnen, — vom Käufer dagegen unbedachtsam, nämlich ohne Berücksichtigung des Belangs der Kaufbedingungen eingegangen worden. Nachdem also der Käufer hierüber klar geworden, so wäre es Pflicht des Verkäufers, und wenigstens edel von ihm gehandelt, — vom Vollzug des Kaufvertrags abzustehen. Das ist die sittliche Seite der Sache. Aber, fuhr er fort, ganz anders stellt sie sich von der rechtlichen Seite. Von dieser nimmt sich das Einfachste oft ganz seltsam aus. Das Recht hat eine wächserne Nase und es gibt Fälle, wo auch die gerechteste Sache vor den Gerichten nicht auszufcchtcn ist. Ein Prozeß könnte günstig, aber auch ebenso ungünstig für den Käufer ausfallen, ein gewissenhafter Advokat wird Bedenken tragen, ihn anzunehmen. Denn es handelt sich um den Nachweis der böslichcn Absicht des Verkäufers einerseits, — und der augenblicklichen Unzurechnungsfähigkeit des Käufers andererseits, beide Beweise aber sind mißlich. Ein magerer Vergleich ist besser, als ein fetter Prozeß. Das Landgericht aber wird sein Möglichstes thun, dem Käufer zu einem billigen und erträglichen Abkommen zu verhelfen. So sagte der Landrichter. Und da griff denn der Hättich mit beiden Händen zu. Ein Termin ward anberaumt. Der Landrichter gab sich alle erdenkliche Mühe, den Habich zur Vernunft zu bringen. Freilich, auch er hatte ein hartes Stück Arbeit dem Bruder Nichtsnutz gegenüber, — ein halber Advokat war an dem verdorben. Er wollte sich nicht geben, das Notariats-Protokoll hatte er ja in der Tasche. Einmal berief er sich auf Recht und Gerechtigkeit: wenn ein Handel, in aller Form Rechtens abgeschlossen, nichts gelten sollte, so brauchte man ja auch keinen Notar anzustellen. Ein andermal wieder berief er sich auf den Willen des Käufers, der ja kein Kind, sondern ein angesehener Mann in seiner Gemeinde wäre: er hätte selbigcsmal ja keine Ruhe vor ihm gehabt; es sei ihm nicht eingefallen, ihm seine Güter aufzudringen, aber der sei ganz erpicht darauf gewesen, wie eine Gans, die Einer zum Garten hinten hinausjagt, und die vorn wieder hereinkommt; auf den Betrieb des Hättich hätte er dazumal sogleich mit in's Notariat gehen müssen. Nunmehr wollte er seine Besitzungen dem Käufer auch abtreten, dem Herrn Notar sei die Sache ja auch nicht bedenklich gewesen, und der sei doch gerade so gut studirt, wie die Herren vom Landgericht. Uebrigens reue es ihn jetzt, daß er so großmüthig gewesen, das Rittergut noch wegzuschenken, das sei eine cdelmüthige Handlung gewesen, für die er eine. öffentliche Auszeichnung verdiene, und künftig wolle er nicht wieder so gutmüthig sein. — Bekanntlich ist noch kein Spitzbube im Zuchthaus gesessen, der nicht gesagt hätte, er sei der tugendhafteste Mensch auf Gottes Erdboden. Der Landrichter drang endlich mit Zweierlei durch. Das eine war auch ein Rechen- Exempel, schlug also in's Handwerk des Verkäufers. Allerdings für 17,476 fl. 15 kr. habe er dem Hättich seine Besitzungen verkauft, nun sollte er nur nachrechnen, wie viel 236 er von dieser Summe wirklich erhalten würde. Könne der Hättich die erkauften Güter i nicht behaupten und das Geld nicht schaffen, — so müsse sich Verkäufer an diesen selbst schadlos halten, das übrige Vermögen des Käufers sei da nicht in Anspruch zu nehmen; es sei aber vorauszusehen, daß der Käufer für das geringe Gütchen nicht viel sein würden, das „Rittergut" habe Verkäufer verschenkt — und könne Käufer dieses auf eigene Rechnung verkaufen, dann seien noch die Consensschulden abzuwälzen, am Ende werde Verkäufer nicht einmal Geld übrig behalten, nach Amerika zu gehen. — Das war das Eine, und der Habich hatte gegen diese Rechnung nicht Viel zu sagen. Das Andere aber juckte, kitzelte und biß noch besser. Der Landrichter hatte sich alte Akten vorlegen > lasten, und eröffnete daraus dem Hans Habich von Dürrensee die angenehme Aussicht, ! schließlich doch noch unter Vormundschaft zu kommen. Mit dem Schultheißen verständigte er sich für diesen Fall sogleich dahin, daß sich als Vormund für den Habich der Hättich am besten gualificiren werde. Diese beiden Dinge aber, das Rechen-Exempel und der Hättich als Vormund, das war für den Habich doch auf einmal des Guten zu Viel. Der Habich wird also weich, der Hättich ist es schon lange gewesen, und das Ende vom Lied ist, daß der Hättich sich zu Protokoll erklärt, — dem Habich als Reukauf den Betrag von 150 Gulden zu entrichten; derselbe sollte binnen vierzehn Tagen vor m Landgericht abgewählt werden, die Gerichtskosten hatte der Käufer desgleichen auf seine Rechnung übernommen. Dem Hättich ist's nun freilich sauer angekommen, als er blanke 150 Gulden für nichts und wider nichts in's Landgericht tragen mußte, und seiner Frau noch sauerer. Denn das war's so ziemlich, was sie das Jahr zuvor erarbeitet, zum Theil durch Kargen und Geizen zusammengeschunden hatten. Der Hättich war gleichwohl froh, als er um ! 150 Gulden das Rittergut wieder los geworden war, die waren doch eher aufzubringen als 17,476 fl. 15 kr. Uebrigens ist es ihm ergangen, wie dem Pudel, der zu heulen anfängt, wenn er an die Stelle kommt, wo er einmal Prügel bekommen. Nur hat wohl Niemand in der ganzen Pudelschaft an seine Prügel so oft denken müssen, — wie der Hättich an seinen Handel mit dem Habich und das nachfolgende Rechen-Exempel. Der Weg auf seine Aecker führt ihn fast täglich am Rittergut vorbei, und wer kann dafür, daß man im Dürrensee'r Flur fast überall Weisenstadt liegen sieht. Beim Gedächtniß an die schlaflose Nacht auf dem Heuboden hat er sich hoffentlich auf Christi Wort besser verstehen gelernt: Niemand lebet davon, daß er viele Güter hat. Ist doch Niemand : in der Welt ein ärmerer Teufel, als wer sich vom Geizteufel reiten läßt, von solchem I Ritt haben noch Jedem endlich die Rippen im Leib weh gethan. Wer's aber sonst nicht j glaubt, kann's nachlesen Matth. l6, 26 und 1. Tim. 6, 9, daß dabei noch ganz was Anderes auf dem Spiel steht, als mottenfressige Güter, — weil beim lieben Gott kein „Reukauf" gilt. Nun komme ich aber noch einmal an den Habich. Der ist wohl mit seinen 150 Gulden seelenvergnügt nach Haus gegangen? Das konnte nicht fehlen, wenn's nicht so wäre in der Welt, daß wer andern eine Grube gräbt, endlich doch selbst hineinfällt. Und ganz Dürrensee war der Meinung, er könnte von seinem Geld nicht viel davon- bringen, gewiß gehe es nach dem Wort: wie gewonnen, so zerronnen. Wie viel er von dem Sündengeld in seine Hände bekommen, mag der Leser selbst urtheilen, wenn ich im Vertrauen bemerke, was er auf dem Heimweg gegen einen Dürrensee'r Knecht geäußert hat. Es wär' doch schändlich, sagt' er, daß er nicht einmal die Kosten für die Extrapost herausgeschlagen hätte! Wie? hat er denn nicht 150 Gulden ausgezahlt bekommen? — Ja freilich hat sie der Hättich für ihn im Landgericht auf den Tisch gezählt und der Habich hat quittiren wüsten. Aber auf demselben Tische liegt auch eine Rechnung des Notariats, — und der Habich hat Zweierlei außer Acht gelassen: einmal hat er seit der Extrapostfahrt vergessen, daß im Protokoll steht: „sämmtliche Kosten trägt Hans Habich als Verkäufer." Und zweitens hat er in seiner Gefcheitigkeit übersehen, daß der Notar ! 237 seine Kosten nicht nach dem wirklichen Werth des Verkaufs-Objekts berechnet, sondern nach dem Betrag des Kaufschillings. Also die 17,476 sl. 15 kr., — dem Hättich thuen sie nicht mehr weh, aber dem Habich geht darüber sein ganzes bischen Profit verloren, er kann nichts dagegen thun, — denn der Landrichter versichert, der Notar habe „ganz richtig gerechnet." Da hat denn der Hättich jenen Tag wohl ein langes Gesicht gemacht, — aber der Habich noch ein längeres. Die Leute in Dürrensee haben darüber eine große Freude gehabt, und war die Freude nicht recht und nicht christlich, so war sie doch zu entschuldigen. Denn ein Geizhals und ein Betrüger sind wohl Beides keine Leute nach dem Herzen Gottes, aber es muß doch so sein: „Wer Wind säet, wird Sturm ärnten." Der Habich soll nachmals noch mehr als einen schlechten und dummen Streich gemacht haben, denn was schlecht ist, ist allewege auch dumm, und was dumm ist, ist schlecht. Nach Amerika ist er nicht ausgewandert, und ein Narrenhaus hat er auch nicht gebaut. Wenn er aber einmal sterben wird, so wird er wohl mit dem Bekenntniß des Hans Dampf aus der Welt gehen: „Es gibt keine brodlosere Kunst, als die Narrheit; und wer das bei Zeiten bedenkt, wird wohl fahren." Bismarck und Lassalle. Ueber die Persönlichen Begegnungen dieser in der zeitgenössischen Geschichte jedenfalls merkwürdigsten Männer erzählt der Wiener-Wanderer nachstehende Einzclnheiten, welche auch für jetzt noch Interesse haben und auf manche Erscheinungen der Gegenwart, z. B. auf das Verhältniß der Arbeiterpartei zur (preußisch-gesinnten) Fortschrittspartei erklärende Schlaglichter werfen. Das Blatt beginnt mit der bekannten Solinger Versammlung, wegen deren Auflösung Lassalle ein über den „fortschrittlichen Bürgermeister" klagendes Telegramm an Hrn. v. Bismarck schickte. Die Erzählung fährt dann fort: Die Antwort des Herrn v. Bismarck, die im Sinne Lassalle's war, traf zu spät ein, die Versammlung konnte nicht fortgesetzt werden, der schlimme Bürgermeister hatte zuvor seinen Zweck ereicht, aber auch gleichzeitig eine ministerielle Rüge davon getragen. Als im Herbste Lassalle von seiner Reise, dir er nach der Schweiz ausgedehnt hatte, zurückkam, war es selbstverständlich, daß er dem Minister, an den er damals ohne ihn persönlich zu kennen, sich telegraphisch gewendet, seinen Besuch machte. Er traf den Minister ein wenig überrascht über seinen plötzlichen Besuch in seinem Arbeitskabinet. In seiner cheva- leresken, ungenirten Weise bot Bismarck seinem Gaste Stuhl und Cigarre, Lassalle so jeder Formalität enthebend. Die Solinger Angelegenheit war mit wenigen Worten erledigt. „Unsere Polizei ist sehr eiferig, mir könnte es selbst ergehen, daß irgend ein Bürgermeister mich arrctiren läßt," scherzte Bismarck. „Sie haben es aber auch ein Bischen stark getrieben," fuhr er fort,, „unsere Fortschrittspartei liebt es nicht, wenn man ihr den Spiegel so nahe vors Gesicht hält." Und wie absichtslos zog er dabei aus einem Stoß Papiere Lassalles Solinger Rede, die inzwischen im Druck erschienen war und die jedenfalls das stärkste ist, was jemals gegen die preußische Fortschrittspartei gesagt wurde, hervor. Damit war die Unterhaltung auf das politische Gebiet gebracht, und Lassalle war überrascht, wie genau Bismarck alle seine Schriften und Fugblätter gelesen, selbst das neueste, ein kleines Flugblatt,an die Berliner Arbeiter, welches bereits polizeilich konfiszirt war, befand sich in Bismarcks Besitz. „Aber sagen Sie dem Herrn Untersuchungsrichter nichts davon, sonst läßt er mir es wegnehmen," äußerte Bismarck launig. — „Wird die Arbeiterpartei bei den nächsten Wahlen mit der Fortschrittspartei stimmen?" frug im Laufe des Gespräches Bismarck. — „An allen den Orten, wo sie nicht selbstständig auftreten kann aus numerischer Schwäche gewiß, es sei denn da, wo Kandidaten auftreten, die persönlich im Kampfe gegen uns zu feindselig vorgegangen, wie z. B. Schulze-Delitzsch, Reichenheim, 238 Löwe-Calbe und andere," erwiderte Lassalle. — „Warum stimmen Sie nicht überhaupt mit der konservativen Partei, da, woSie keine Aussicht haben, Ihre Kandidaten durchzusetzen? Unsere Interessen sind ja gemeinschaftliche, Sie kämpfen von Ihrem wie von unserem Standpunkte gegen das Bestreben der Bourgeoisie, die Herrschaft an sich zu reißen." Bismarck sprach diese Phrase mit der ungenirten Offen- heit, die ihn vor allen seinen Kollegen auszeichnet. Lassalle lächelte. „Augenblicklich, Excellenz," replizirte er, „mag es so scheinen, als sei eine Allianz zwischen der Arbeiterpartei und der konservativen Partei möglich, aber wir würden nur eine kurze Strecke Weges miteinander gehen, um dann um so erbitterter uns zu bekämpfen." — „Ah!" lachte Herr v. Bismarck, „Sie meinen, es kommt dabei nur darauf an, wer von uns der Mann ist, der mit dem Teufel Kirschen essen kann!" — Damit verließ die Unterhaltung das politische Gebiet. Ein zweiter Besuch Lassalles bei Bismarck fand im Sommer 1864 statt Lassalle hatte mehrere Beschwerden gegen untere Behörden, die hie uud da den allgemeinen Arbeiterverein maßregelten, anzubringen und liebte cS, derlei Dinge kurz und persönlich abzumachen. Der schleswig-holsteinische Krieg war soeben siegreich beendet und selbstverständlich wendete sich das Gespräch bald dieser brennenden Frage zu. Lassalle befürwortcte die Annexion Schleswig- Holsteins. Bismarck meinte: nur auf dem Wege der Bundesreform ließe die schleswig-holsteinische Frage sich lösen. Hierauf entwikclte er ausführlich einen Bundesreformplan, wonach er das allgemeine direkte Wahlrecht Proklamircn und alle Deutschen, ohne Unterschied der Geburt, für wählbar in den Preußischen Landtag erklären wollte. Aehn- lich wie Cavour es seiner Zeit mit dem piemontesischen Parlament gemacht. Lassalle fand dieses Projekt halb und unausführbar, und der Gedanke beschäftigte ihn lebhaft, denn als er einige Monate später in Genf eintraf, wo er seinen Tod finden sollte, erzählte er seinen Freunden jene Unterredung und Bismarcks Plan. Als Lassalle sich bei Herrn v. Bismarck verabschiedete, sagte er ihm: Ich werde die Annexion Schleswig- Holsteins in mein Programm aufnehmen. Herr v. Bismarck lächelte: Vielleicht, daß dieser Punkt Ihres Programmes inErfüllung geht, wenn auch jetzt nicht, doch später. Das war der letzte Besuch Lassalle's bei Herrn von Bismarck, der in Folge dessen sich oft mit größter Anerkennung über Lassalle aussprach. Ein französischer Edelmann 4- Vor einigen Tagen starb die Zierde des kath. Adels Frankreichs, Baron Croye in seinem 83 Lebensjahr. Schon unter dem ersten Kaiserreiche betrat er die öffentliche Laufbahn, auf der er sich schnell zu den höchsten Ehrcnstcllen erschwang. Im Jahre 1830 trat er aus politischen Motiven von dieser ab, pnd legte seine Würde als Präfekt von Digne nieder, weil er aus Achtung und Pietät gegen die vertriebenen Bourbonische Königsfamilie von Orleans nicht dienen wollte. Von diesem Augenblick an widmete er sich ganz dem Dienste Gottes und der hilfsbedürftigen Menschheit. Stunden lang lag er in Betrachtung und Gebet vor den Altären auf seinen Knien, seine Pfarrkirche hatte keinen fleißigern Besucher, sein Seelsorger kein treueres Pfarrkind, den Hausarmcn und Waisen wo er ein besorgter Vater, verlassene Kranke verpflegte er mit Vorliebe. Pius IX verehrte er mit großer Bewunderung, ihm brachte er seine Ersparungcn, welche er in seinem Schlosse seit der italienischen Annexion eingeführt hotte, zum Opfer; ja als die Trauerkunde von dem unglücklichen Gefecht von Castelfidardo zu ihm gedrungen, rief er laut: „Wäre ich doch erst 30 Jahre alt, ich würde die Scharte auswetzen helfen!" In seinem 80 Lebensjahre eilte er noch nach Nom, um die Verwundeten in den Militärspitälcrn zu Pflegen und dem Papste doch einigermaßen dienstbar zu sein. „Auch das schlechte Schild kann einen Streich abhalten "lau- 239 tete seine Antwort, als ihn seine Freunde auf seine Unfähigkeit, Dienste leisten zu können, aufmerksam machten und ihn bestürmten, den Abend seines Lebens in süßer Ruhe in seinem Schlosse zuzubringen. Doch er ließ sich nicht abhalten, unternahm eine beschwerliche Reise und wurde Krankenwärter in Rom. A^s die Ruhe und Ordnung wieder hergestellt war und sich die Lazarcthc allmählich lichteten, begab er sich wieder in die Heimath, wo er sich in der Ausübung guter Werke zu seinem Ende vorbereitete. Er starb in den Armen seines geistlichen Freundes nnter dem Gebete: "In In Domino spornvi ei neu conlnn- ckor in neternnrn!" Ehre solchem Adel. Ein Sklavenmarkt in Niederbayern. (Auch ein Beitrag zur socialen Frage.) Eine ganz eigenthümliche Erscheinung des Landlebens ist der sogenannte Dienstboten- Markt, auch Sklavenmarkt genannt, welcher jährlich Mitte Juli im Städtchen Osterhasen stattfindet. Da werden keine Kaufmanns-Waaren feilgeboten, da ist kein Dultstand aufgeschlagen, — sondern Menschen bieten hier sich selber feil. Und das ist ein solches gegenseitiges Hinauf- und Heruntcrbictcn, daß zwischen diesem Dienstbotcn-Markt und einem amerikanischen Sklavcnmarkt nur der einzige Unterschied ist, daß in Amerika Händler ihre Menschcnhaare zu Markte bringen, während hier der Mensch sich selber verhandelt. Der bedeutendste Tag für diesen Handel ist der zweite Sonntag im Juli, also gerade die Zeit vor der Ernte. So eben ist die Frühmesse zu Ende. Da stehen die Burschen, die Mägde in Reihen, in Gruppen, im bunten Durcheinander und lassen die Bauern und Bäuerinnen, die oft aus weiter Ferne herkommen, und nach allen Seiten suchend und musternd cinherschreiten, durchpassiren. Man sieht es den Bauern und Bäuerinnen an, daß sie mißmuthig sind, denn gar Manchen sind ihre Dienstboten noch vor der Ernte davon gelaufen; sie schauen argwöhnisch um sich, denn nur zu oft hat sich das Sprüchwort bewährt: „Es kommt nichts Besseres nach!" Lange wird so hin und her spekulirt, bis auf einmal der Ruf: „Bauer, magst mich?" diesen zum Stehen bringt. Jetzt geht der Handel los und eine jede Partei entfaltet all' ihren Scharfsinn, allen Witz, die eine um den Lohn hinaufzuschrauben, die andere, ihn hcrabzudrückcn. Beobachten wir ein wenig die Mcnschenarten, welche sich hier feilbieten. Die erste ist die der sogenannten „Bauernschinder." Diese Menschen bringen ihren Lohn fast regelmäßig alle Sonntage ein, wenn sie nicht gar schon „im Voraus" sind. Rückt die Erntezeit nahe, so drangsalircn sie ihre Dienstherrschaft auf alle mögliche Weise. Sagt der Bauer nur ein Wort, so entgegnen sie ihm: „Bauer, weißt du was, ich gehe, mich hält nichts auf!" — oder sie gehen fort, ohne ein Wort zu sagen. — Erträgt der Bauer mit Resignation eine Zeit lang ihr Schimpfen über das Essen, ihr nächtliches Ausbleiben, ihr Ruiniren der Werkzeuge u. s. w., dann machen diese Menschen es so arg, daß der Bauer sie selber ausschafft, nur um Ruhe im Hause zu haben. Das ist also die Race der Bauernschinder. Ihren Lohn haben sie bereits eingebracht, der Bauer läßt sie durch das Gericht nicht Anschaffen, wenn sie entlaufen, das wissen sie, weil dann die letzten Dinge ärger würden, als die ersten. Heute nun stehen sie da und sind zu haben, nicht um jeden Preis, sondern nur um guten, denn wenn sie wieder einstehen, erhalten sie fast den nämlichen Lohn, als wenn sie zu Lichtmeß begonnen hätten. Gewöhnlich aber verdingen sie sich als „Erntcknechte" nur für einige Wochen um 20, 25—30 fl.!! und gute Kost! Die zweite ist die der „Wanderer," welche nie länger als ein Jahr in einem Platze bleiben. Diese sprechen schon lange vom Dienstboten-Markt in Osterhasen, gleichsam als drohten sie beständig dem Hausvater: „Willst du, daß ich bei dir bleiben soll, so mußt du mir mehr Lohn geben." Da aber der Lohn gewöhnlich ohnehin schon über alles 240 Maß und Ziel hinaus ist, so ist der Bauer in diesem Punkte taub, geht auf den Dienstboten-Markt und handelt sich einen andern Knecht ein, aber auch der Knecht geht und verschachert sich einem andern Herrn, um es im nächsten Jahre wieder so zu machen. Die dritte Art, die aber nur in wenigen Exemplaren vertreten ist, — ist die der „Ordentlichen," welche durch irgend ein Verhältniß, sei es, daß irgend Einer erst vom Militär zurückkam, oder daß seine frühere Dienstherrschaft vom Hofe kam, — oder sonst einen Weg des Fleisches ging, noch zur Verfügung stehen. Diese brauchen indeß selten den Dienstboten-Markt zu betreten. Wenn sie wirklich zu den „Ordentlichen" gehören, werden sie selbst aufgesucht und gedungen. Unter der ersten Art, — den sogenannten Bauernschindern, gibt es aber noch eine „eigene Nation," welche sich zu gleicher Zeit an mehrere Bauern verdingen, von einem Jeden das „Drangeld" nehmen, aber zugleich einen Jeden anführen. Da dieses Drän- Geld unter einem Gulden nicht leicht betrügt, so machen diese „Schwindler" ein artiges Geschäft und für den Sonntag Nachmittag ist reichlich gesorgt. Denn das ist gleichsam Gesetz: das Drangeld muß an diesem Tage d'ran, es wird „verjuxt." Das ist der „Sklavenmarkt" in Osterhasen, vielleicht der einzige in ganz Bayern. Ursache dieser Erscheinung ist cinestheils der Laudmann selbst. Denn würden die häuslichen Verhältnisse noch jenen einfachen patriarchalischen Charakter haben, gemäß welchem die Dienstboten noch ats Glieder der Familie betrachtet und auch behandelt wurden, dann würde auch ein innigeres Zusammenhalten zwischen Hausherren und Dienstboten stattfinden. Der Bauer hätte dann nicht mehr nothwendig, seine Dienstboten auf dem Markte zu suchen, diese würden vielmehr ihn aufsuchen. Andcrnthcils haben aber die Dienstboten ihre Forderungen und Ansprüche so gesteigert, daß denselben fast nicht mehr genug geleistet werden kann. Dadurch entsteht gegenseitige Unzufriedenheit und wo diese eingekehrt ist, da ist es aus mit dem Frieden und der Liebe, da gibt es täglich Reibereien, Aufhetzungen, Zank und Streit und der Schluß ist: der Dienstbote geht und bietet sich auf dem Markte feil; ein Bauer kommt und dingt ihn, — da die Zeit drängt und die Ernte vor der Thüre ist. (Landsh. Ztg.) In der vorigen Nummer des Sonntagsblattes brachten wir nach der „Kölner Ztg.", welche ihrerseits das New-Yorker „Tadlet" als Quelle angibt, die durch alle Blätter laufende Schauergeschichte „Eine Schlangensccne." Der berühmte Naturforscher und Direktor des Berliner Aquariums, Dr. A. Brehm, schreibt über dieselbe unter Anderem Folgendes: „Es gibt keine Schlange auf der ganzen Erde, auch keine der Wissenschaft „bisher bekannte, welche ihre Beute vor dem Verschlingen zerstückelt, — keine, welche in „der von dem Mührchen - Erzähler geschilderten Weise sich beträgt." In einem „Münchener Blatte" stand vor Kurzem folgende Anzeige: „Den resp. Hundebesttzern zeige ich hiermit an, daß ich dieselben schcere, wasche und ihnen auch die Ohren stutze." Charade (Zweisilbig.) Als noch die erste sich mühte Vollkommen die Zweite zu schaffen, Als gute Sitte noch blühte, Und wir nicht gleich den Affen Nur strebten nach fremden Moden, Bei Tiinken, Spielen und Tanzen, Da hieß es noch vom Ganzen: Es hat einen goldenen Boden/ Druck, Verlag und Redaction des litterarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr.