Alro. 31. 1. August 1869. 4 - Wenn ich Haffe, so nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Fr. v- Schiller. Der Wunder-Doctor. Line österreichische Dorfgeschichte von H. Malten. (Nachdruck verboten.) Erstes Kapitel. Der geheimnißvolle Fremde. Zu Zcll, im Zillcrthal, war großes Scheiben- und Preisschießcn. Lustig ging's dort immer her, und darum hatten sich auch diesmal eine große Zahl der besten Schützen aus der Umgegend da zusammen gefunden. Schon am Tage vor St. Clothildis, wo das Schießen losgehcn sollte, waren die meisten Bauernhäuser mit Fremden gefüllt, vorzüglich aber die Dorfschenke, über deren Eingangsthüre man die Nenne las: „Frisch und fröhlich -u seiner Zeit, Fromm und treu in Ewig eit." Hier wimmelte es von rüstigen Preisbewerbern und schießlustigen Tirolern. Der Schenk- Wirth und seine zwei flinken Töchter konnten kaum die Gäste befriedigen. Bereits mochte es acht Uhr vorüber sein. Die Lust und Gesprächigkeit der Versammelten hatte ihren höchsten Glanzpunkt erreicht, da trat ein junger Schütze, die Armbrust über der Achsel und den Kopf mit einem weißen Tuche, an welchem einige Blut- stecken sichtbar waren, verbunden, in die Stube. „Sieh' da, der Franzl Pfeiffer aus Kleinboden," rief der alte Silbermüller, der mit seiner Tochter Lcni an einem Tische unter den fröhlichen Schützen saß. „Was zum Gukuk haben sie denn Dir gethan?" — fuhr er fort, „daß Du den Schädel eingewickelt hast, wie eine Spittlcrin von Innsbruck." „Pah," rief Franzl, welcher Alle freundlich gegrüßt hatte, indem er seine Armbrust von der Schulter nahm, „eine Kleinigkeit! Der Abend hat mich auf dem Hainzberg überrascht, da wollte ich einen näheren Weg einschlagen nach Zcll, und kam auf eine Sandlehne, die sich unter mir ablöste. Schon glaubte ich, es sei rein aus mit mir, — als ich zum Glück noch in dem vorragenden Ginster auf einem Flesblocke hängen blieb. Zu meiner nicht geringen Verwunderung aber fand ich dort einen Kameraden, der denselben Weg über die Gcröllwand dahin gemacht hatte." „Der Kukuk!" rief der Silbcrmüllcr, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug, indeß Leni, im Schreck über die Gefahr, ihre Hände gefaltet hatte. — „Und wer war der Waghals?" „Ja, weiß ich's?" antwortete Franzl. „Aber es war sein Glück, daß ich dahin kam, und mein Glück, daß ich ihn fand, denn ohne dem wäre es wohl Jedem schwer geworden, allein und mit ganzen Gliedern, in das Thal zu kommen. „Als wir unten waren, bedankte er sich bei mir und ich bedankte mich bei ihm. Wir drückten einander die Hände, und er sagte mir, daß er ein Jäger aus Innsbruck sei. Mit dem gingen wir auseinander." „Nun," sprach Kaspar Brodmeier, ein Bauer auS Nothholz, „diesmal bist Du 242 «och mit heiler Haut davon gekommen, ein andermal laß' das Wegabkürzen bleiben in der Nacht, junger Gesell, wenn Du nicht Deine Knochen zu Markte tragen willst." „Ach jal" — sagte jetzt auch Leni, „geh' doch nicht wieder bei der Nacht über die flüstern Berge, die Sandlehnen lösen sich so leicht ab von den Felsen, vorzüglich wenn eS geregnet hat." „Da wäre Dir wohl leid um mich, wenn mir was passirte?" fragte Franzl, indem er Leni treuherzig in die blauen, treuen Augen blickte, — die sie in kindlicher Unschuld schnell zu Boden senkte. „Ei freilich," — antwortete sie dann schüchtern, „Du bist ja auch ein recht guter Mensch!" „Woher weißt Du denn das?" „Vom alten Gemmi, dem Du das Gras vom Berge holtest, —> als er krank darnieder lag," antwortete Leni. „Ja, der Gemmi ist eine ehrliche, alte Haut, warum sollte man ihm nicht einen Gefallen thun? Aber Blitz," fuhr Franzl fort, „die Numplerci hat mich hungrig und durstig gemacht. Heda, Wirthshaus! Eine Schüssel Türkcnmus oder ein Paar ordentliche Knödel, vor Allem aber einen Krug Wein, vom besten!" „So recht!" rief der Silbermüllcr; „die Hand her, Franzl, Du bist ein wackerer Bub I Die Leut, die frisch bei der Arbeit und beim Essen sind, die mag ich gut leiden." „Da habt's in beiden Stücken Euren Mann gefunden," lachte Franzl. Auf diese und ähnliche Weise wurde die Unterhaltung fortgesetzt. Ueberall herrschte Fröhlichkeit. Besonders angenehm aber unterhielt sich Franzl mit seiner Nachbarin, der rosenwangigen Leni, die er schon früher gerne gesehen hatte, und der zn lieb er öfters auf die Kirchwcih nach Sterzingen hinüber gekommen war. Auch schien es, daß Leni dem jungen Schützen nicht gerade abgeneigt sei. Der Silbermüllcr sprach unterdessen dem Wcinkruge tapfer zu und war, wie man zu sagen Pflegt, in seiner rosigsten Laune. „Hör', Alter," nahm jetzt der Peter Lutzbichl, dessen Nachbar, ein Vogclhändler aus Endach, das Wort: „Du bist ein wohlhabender Mann und hast Dein Schäflein im Trockenen, — jetzt solltest Du Dich doch einmal um 'n Mann für Deine Lenerl umschauen." „Hm, sie soll sich selbst umschauen," antwortete der Silbermüllcr, „aber ich glaub' halt immer, daS Mädel mag Keinen." „Ist das wahr?" fragte Franzl seine Nachbarin. „Ach, der Vater macht immer so Späß," sagte Leni mit pnrpurrothcn Wangen. „Na, der Franzl da," fuhr der frühere Nedner schmunzelnd fort, „der wär' so grad' ein gemachter Bub' für sie." „Ich?" sagte Franzl, dem jetzt plötzlich alles Blut zn Kopf stieg. „Nun ja!" rief helllachend der Händler, „steh' nur nit so verlegen da, als wüßt's keine Drei zn zählen." „Ich bin durchaus nit verlegen," nahm Franzl das Wort, „wenn ich dem Silber- müller und seiner Tochter zuständig bin, so soll er an mir einen Schwicger bekommen, an dem kein Mann in ganz Tirol ungestraft etwas aussetzen soll." „Potz Blitz! — das geht ja gar auf eine Hochzeit loS!" — rief der der Leni gegenübersitzende Schneidermeister Bocksbart!, und stieß dabei sein volles Weinkrügcl um, daß das edle Getränk über den Tisch in reichlichen Strömen auf Leni's Schürze und die Beinkleider der Nebensitzenden hinunterfloß. „Na, und die Kindstanf' ist auch nit mehr fern," brummte Lutzbichl, seine Leder- hose von dem unerwarteten Bade reinigend. „Hör' Franzl," nahm nach einer Pause der Silbermüller das Wort, „hast Du im Gruft ein Aug' auf mein Mädel?" 243 „Ich kann's «it läugnen," — sprach Franzl. „Deine Leni ist eine wackere, brave Dir», und hat auch einen Batzen, und ich mein', wir schickten u»S wohl zusammen, — wenn-" „Na, wenn?" fragte der Silbermüller. „Du und Deine Alte einwilliget. Mein Vater hat schon öfters gesagt: Franzh, die Silbermüllcrs Leni wär' ein Weib für Dich, häuslich und fromm und —" „Hat er das?" — erwiederte der Silbermüllcr. „Na, schaust Franzl, Dein Alter ist ein wackerer Mann, der seine Sach' immer ordentlich beisammen g'haltcn hat, und ich glaub', sein Bub' wird auch nit aus der Art schlagen. Nun, was meine Eiwilligung anbelangt, die hast Du; jetzt schau halt, wie Du mit den Weibern zurecht kommst." „Vater Silbermüllcr!" rief Franzl, „Ihr habt einen Menschen glücklich gemacht.* „WaS? Bist Du bei den Wcibsleuten Deiner Sache schon so gewiß?" rief der , Müller in komischer Verwunderung. „Nun, Sonntag über acht Tage sprich in Ster» ; zingen bei mir auf eine Schüssel Knödel ein, da wollen wir weiter von der Sache ^ sprechen." I „Eine Hochzeit! Eine Hochzeit!" riefen die Schützen, „da muß Einer ein Paar Schoppen zum Besten geben." „Meinetwegen zehn," rief Franzl, indem er in die Hände klatschte und eine« helle» Juchzer ausstieß. Da ging abermals die Thüre auf — und in die Stube trat ein kleiner Man« i» einem braunen Rocke, schwarzen Unterkleidern und Strümpfen von derselben Farbe. — Sein Haupt war fast durchgehend kahl, mit Ausnahme des stark bewachsenen Hinter- theils und eines schwarzen Haarbüschels auf der Mitte des Scheitels, welches auf der Stirne in einen Spitz zusammenlief. Sein Antlitz war bleich, verkümmert — und voll l tiefer Furchen, sein dunkles Auge war voll Feuer und sein Blick durchdringend. „Ist noch Platz für einen Fremden bei Euch?" fragte das Münnlein den Wirth, ; der ihm eben entgegen trat. , „Für keine Maus," antwortete dieser. „Nun, so geh' ich wieder," sprach der Kleine glcichmüthig. „Vorerst aber möchf ich noch ein Krüglein Wein." „Dös kannst schon haben," antwortete der Wirth und holte das Verlangte. „Hm," — brummte der Kleine, indem er mehrere Male nachdenklich den Kopf schüttelte und den Finger auf die spitze Nase legte, „es ist doch sonderbar! — Hm —* „Was hast denn, Alter?" rief da einer der Bauern, die sich auf der Ofenbank bei Bier und Schnaps wohlgeschchcn ließen. „Ei, nichts," versetzte glcichgiltig der Kleine. „Da draußen auf dem Wege hierher, gerade dem Kirchensteige gegenüber, fand ich jetzt schon drei Silberbatzen auf der Straße t liegen, je einer zehn Schritte von dem andern. Ich wette, wenn man mit einem Lichte t genauer nachsehen würde, so müßte man noch mehrere finden. Da seht nur," mit diese» Worten zeigte er den Bauern einige Silbcrstücke. „He, das ist kurios!" meinten diese; „wer muß nur die hier verloren haben?" ' Nicht lange aber, so erhob sich Einer nach dem Andern, und verließ die Stube, ' so daß der Kleine gar bald einen bequemen Platz auf der Ofenbank gefunden hatte. — ^ Während sich nun das Münnlein auf seinem Platze breit machte, und ein Krüglein j Wei» nach dem andern von dem Schenkwirthe begehrte, steckten die Andern ihre Köpfe zusammen — und wechselten mit leiser Stimme ihre Meinungen über den sonderbaren Fremden in dem braunen Rocke, der ihre einfältigen Landsleute so in den April geschickt. „Ich habe den Maikäfer schon einmal gesehen," sprach der Silbermüller, „es war zu Schwatz, wo er in der Schenke mitten unter Bergknappen saß und ganz erstaunlich ' über den Bergbau sprach, daß alle Knappen darüber Mäuler und Ohren aufsperrten." 244 „So ist er wohl ein Bergmann, der auf Entdeckungen ausgeht?" — erwiederte der Schenkwirth. „Ah na," fiel diesem der Lutzbichl in die Rede, „ein Bergmann ist der nit, er ist ein Doktor. Ich hab' ihn selbst zu Innsbruck beim Sensenschmied getroffen." „Was falll's Euch ein," sprach gehcimnißvoll der Schneidermeister Bocksbart!. „Ich weiß am besten, wer er ist. Ein Zauberer ist er, ein Hexenmeister. Es sind noch nit vierzehn Tage, als ich ihn mitten unter einem Trupp Zigeuner im Walde fand, mit denen er ganz friedlich am Feuer saß und sich mit ihnen unterhielt, — wie einer vo« Ihresgleichen." „Wenn er das ist," erwiederte Franzl, „so werden wir's wohl erfahren." Mit diesen Worten stand er auf und näherte sich mit seinem Trinkkruge dem Kleinen. „Nichts für ungut, alter Herr," redete er diesen an. „Ich bring' Dir'S!" „Lrutias!^ — erwiederte dieser — und nippte etwas Weniges an dem Kruge. „Zum Vergelt hier v»n dem Meinen!" — fuhr er sodann fort, indem er Franzl den seinen darreichte. Dieser that einen Zug daraus, gab den Krug sodann dem Kleinen zurück, — »nd setzte das Gespräch folgendermaßen fort: „Wie mir dort ein Kamerad gesagt hat, — so steigst Du lustig auf unsere» Bergen herum." „Ja," erwiederte der Kleine, „Eure Berge sind schön, habe keine schöneren in der Schweiz und in Italien gesehen." „Nicht wahr," sagte Franzl, „und sie enthalten auch wohl viel edle Metalle?" „Je nun, man findet wohl Goldadern, auch Goldglätt, und goldig KicSerz, sonst Kupfer, Blei und Quecksilber." „So bist Du wohl ein Bergmann? — mit Verlaub zu fragen." „Zuweilen." „Und gehst jetzt auf Entdeckungen aus?" „Wie mau's nimmt," antwortete der Kleine. „Ich sehe mich wohl zuweilen nach den Hirschschwämmen um, und beobachte die Bäume, wo sie zwiselig sind, — auch die Quellen, ob sich kein kicsartigcr Staub auf ihnen absetzt und wie derlei Observationcs mehr in den Bergbüchern «ngegebcn, aber — Alles nur aus Unterhaltung." „Hm, — jetzt weißt Du's," brummte der Silbermüller lachend in den Bart. (Fortsetzung folgt.) Schlangen-Rache. Ein Engländer, Namens Barclay, hatte sich mit Spekulationen an Gold- und Silberminen ein ansehnliches Vermögen erworben, und beschloß nach einem längeren Aufenthalte in Brasilien sich dort im vorigen Jahre gänzlich anzusiedeln. Er kaufte im nordwestlichen Theile des Landes eine beträchtliche Bodenflächc, die er niit unermüdlichem Fleiße aus einer Wilduiß in eine wohnliche Gegend zu verwandeln bemüht war, und welche bald seine Anstrengungen reichlich zu belohnen versprach. Nach einiger Zeit reiste er zum Vergnügen in seine Heimath, — heirathete dort eine hübsche, junge Dame und führte sie hinüber in sein neues, — freilich nur hölzernes Haus, das er mit allen nur erdenklichen Komforts ausgeschmückt und eingerichtet hatte; eine luftige Veranda führte um das Erdgeschoß und hielt die Zimmer kühl und die Fenster waren bis zum Erdboden geführt, um sie wie Thüren öffnen zu können. Trotz aller Komforts und trotz der Natur- Schönheiten fühlte sich dir junge Frau nicht glücklich; fortwährend war sie in Aufregung und Furcht vor den großen Insekten, vor den eklen Reptilien, die in Brasilien in so furchtbarer Menge von der üppigen Natur erzeugt werden. 245 Wenn sie den Kasten einer Commode öffnete, kroch ein Tausendfuß, der mehrere Zoll lang war, heraus, und iu den Schränke» waren Spinnen von der Größe einer Wallnuß nichts Ungewöhnliches. Große Eidechse» mit den prächtigsten Farben mußte« des Abends aus dem Schlafzimmer verjagt werden; waren sie auch ungefährlich, — s» schreckten sie doch stets die junge Frau, die selbst des Nachts durch das Eindringen der Mo-kitos keine Nuhe fand. Das Schrecklichste aber war für sie die Menge der Schlangen; sie hatte eine Furcht davor, die sich trotz des so häufigen Anblickes nie abschwächen wollte. Eines TageS wurde eine giftige Tubola auf dem Flure des Hauses losgeschlagen, bald darauf eine Klapperschlange auf dem Grasplätze vor der Veranda, und denselben Tag eine 11 Fuß lange, junge Anaconda-Schlange; daß die Erzählungen und grauenhafte» Geschichten der Dienerschaft über bestandene Abenteuer nicht zur Beruhigung der arme» Frau dienten, ist selbstverständlich. Sie faßte schließlich den Vorsatz, ihr Haus mit keinem Schritte zu verlassen, und führte ihn, zum Verdruß ihres wilden, furchtlosen Manne« auch wirklich aus. An einem schönen Sommermorgcn machte sich Letzterer früh auf, um auf eine« entfernten Theil seiner Besitzung die Arbeiter beim Urbarmachen deS Landes zu coutro- lircn. Natürlich that er dicS zu Pferde und führte selbstverständlich sein gutes Doppelgewehr mit sich, ohne das kein Pflanzer dortiger Gegend sich auch nur hundert Schritte v»n seinem Hause entfernt. Beide Läufe waren mit Posten geladen, die selbst bei der Begegnung eines Jaguars vollkommen genügen konnten. Die Koutrole hielt Herr» Barclay ziemlich lange auf, und es war hohe Mittagszeit, als er durch den schmale» Wald hcimritt, — der zwischen seinem Hause uud dem Felde lag. Um diese Tageszeit herrscht in den tropischen Waldungen eine Todlcnstille, die das Zirpen der Grille, da« Summen deS glänzenden Käfers, der von Blume zu Blume fliegt und weithin gehört wird, nur noch fühlbarer macht. Die großen riesigen Bäume, die üppige Vegetation zu ihren Füßen, Alles scheint zu schlafen und träumend Siesta zu halten. Nichts aber zeigt die Todcsruhc mehr, als die von den hohen Zweigen herabhängenden Liancngewinde, die «lS Guirlanden mit den schönsten Blüthen von einem Baume zum andern sich ziehen, und zu allen andern Tageszeiten v»m leisesten Winde sich hin- und herschankelu und balsamischen Duft aushauchen. Jetzt — zur Mittagszeit, hängen sie todt und steif, al« wärcn sie von Draht gemacht. Durch diese Scenerie ritt der Pflanzer, versunken im Beschauen der üppigen Natur, als er Plötzlich aus seinen Träumen geweckt wurde, denn dicht vor ihm bewegte sich, mitten in der Nuhe, ein herabhängendes Liancngewinde Er wartete einige Augenblicke, bis die Bewegung aufhörte, und da sein Pferd durchaus keine Furcht verrieth, was es in der Nahe eines Puma oder Jaguar bestimmt gethan hätte, ritt er vorsichtig näher. Lange spähte er vergeben«. Endlich sah er zu seinem Entsetzen auf einem hohen, dicken Aste eine schwarze Anakonda-Schlange, die den Schwanz um den Ast gewickelt, den Körper zusammengerollt, den Kopf wohl zwei Fuß erhoben hielt, also bereit war, auf das nahende Opfer herabzuschießen. Der Pflanzer stieg behutsam vom Pferde, fand bald eine Stelle, von wo aus sich der Kopf des Ungethüms klar gegen den blauen Himmel abzeichnete und schoß. Er hatte gut gezielt, denn nur einmal zischte die Schlange noch auf, dann erhob sie sich und siel mit mächtiger Wucht, unter dem Prasseln der Zweige zur Erde. Der Vorsicht halber schoß er noch einmal, trennte dann mit seinem Jagdmesser den zerschossenen Kopf vom Rumpf, und kam auf den unglückseligen Gedanken, die Beute mit nach Hause zu nehmen. Durch einen Lcderriemen befestigte er sie an den Sattel, und schleifte das über 28 Fuß messende Thier langsam nach. Vor der Veranda angekommen, machte er Halt, legte den todten Körper zusammengeringelt hin und begab sich zur Siesta, da er wußte, daß die glühende Hitze des Tages auch seine Frau zur Nahe getrieben. AtS es kühler geworden, weckte er sie, erzählte ihr sein Abenteuer, suchte ihr die Furcht vor Schlange» 246 «uSzureden und überredete sie endlich, mit ihm in den Garten zu gehen und seine Trophäe zu bewundern. Zögernd that sie es, er führte sie so nahe heran, daß sie keine fünf Schritte von dem Rumpfe entfernt war, da — Entsetzen! schießt ein schwarzes Ungeheuer «uf die Frau loS, beißt sie in die Wange und verschwindet pfeilschnell in hohem Grase! Das Ganze war das Werk eines Augenblicks, die Frau schrie furchtbar auf, fiel ihrem Gatten ohnmächtig in die Arme, der noch immer zu träumen wähnte, denn der Körper der gctödtctcn Schlange lag unbeweglich vor ihm. Leider war es aber schreckliche Wahrheit. Das Weibchen des gctödtcten Thieres war der Blutspur gefolgt, hatte sich unter den Körper dcS todten Männchens zusammengeringelt, war wüthend bei der Annäherung des Paares hervorgeschofsen und nach dem Bisse wieder entflohen. Die Frau Llicb lange in ihrer Betäubung befangen, endlich erwachte sie unter den heftigsten Krämpfen und hauchte folgenden Tages, trotz aller Gegenbemühungen, ihr Leben aus. Die Bettler von Paris. ^ Viele seltsame Geschichten werden von den von blinden Bettlern angesammelten Reichthümern erzählt, und Paris scheint ihr Paradies zu sein. Zwei nette Geschichten courstrcn gegenwärtig über das gute und gedeihliche Geschäft dieser Blindheit. Die erste betrifft einen vermeintlich blinden Mann, der eine neue Methode des Taschendiebstahls erfunden. Er durchwandert die Straßen mit dem traurigen, nach aufwärts gerichteten Antlitz eines Blinden, bis er zu einer lebhaften Passage kommt, wo er alle Zeichen der Furcht, die Straße zu kreuzen, merken läßt. Er fleht das Mitleid der Vorübergehenden an, ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen. Irgend ein mitleidiger Herr erfaßt seinen Arm und führt ihn über die Straße. Der arme blinde Mann spricht ihm seinen Dank aus, und er geht mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben, seines Weges; wenn er aber kürz darauf nach seiner Nhr greift, findet er, daß er schmählich bestohlcn worden ist. — Der Held in der zweiten Geschichte ist ein wirklich blinder Bettler, den man stets in einem Thorweg am Boulevard Sebastopol, fast vis-ä-vis dem I'Iaoo ckos ^rls-ol-Illoliers sitzen sehen kann. Ein Herr passirte oft diesen Weg, und Pflegte dem Blinden stets ein Zwei-Sousftück zu schenken, aber eines Tages wirft er aus Versehen einen Doppel-LouiSd'or in den Hut des Bettlers. Bald nachher entdeckt er sein Versehen und eilt nach dem Boulevard Sebastopol zurück, um sich das Geld wieder geben zu lassen. Aber statt des blinden Bettlers findet er einen Krüppel. — „Wo ist der Blinde?" fragte er; „Sie meinen wohl Monsieur Benjamin?" erwidert der Krüppel. „So eben ist er nach Hause zum Frühstück gegangen." — „Ist es weit?" — „Nur ein Paar Schritte in der liuo ein l'olit Lurrvuu.^ Dort angekommen, fragt der Herr den Concierge: „Wohnt Monsieur Benjamin hier?" — „Ganz recht, zweiten Stock, Thüre rechter Hand," — lautet die prompte Antwort. Er steigt die Treppe hinauf und zieht die Klingel. Ein nett gekleidetes Dienstmädchen öffnet. Er wird auf Befragen, ob er Monsieur Benjamin sprechen könne, in ein elegantes Vorzimmer geführt, welches die Einsicht in ein Speisezimmer gestattet, wo eine Tafel mit feinem, weißen Gedecke, Krystall und Silber, bewundernswürdig arrangirt ist. Ehe er noch daran denken kann, ob hier nicht ein Irrthum seinerseits obwaltet, wird er in ein in türkischem Geschmack ausgestattetes Gemach geführt, wo der Blinde mit lächelnder Miene auf einem Divan sitzt. „Sie wünschen mich zu sprechen," beginnt er das Gespräch. „Ja, mein Herr!" erwidert unser Freund, fast verwirrt. — „Es thut mir sehr leid, Sie zu stören, aber ich glaube, — oder vielmehr vermuthe, — daß, als ich heute Morgen den Boulevard Sebastopol passirte, ich Ihnen durch Versehen anstatt zwei Sous, zwei Louis gab." — Mit größter Kaltblütigkeit sagte der Blinde: „Sehr leicht möglich — ich habe meine Kassa noch nicht nachgezählt; waltet ein Irrthum ob, nichts leichter, als ihn zu rectifi- ciren." Er zieht die Glocke und beauftragt das eintretende Mädchen, Monsieur Ernst 247 zu fragen, ob er unter der heutigen Einnahme ein 40 Frankenstück gefunden habe. Dar „Goldstück" findet sich vor und wird seinem Eigenthümer auf einem chinesischen Tablett vornehm überreicht. Ehe dieser aber sich damit entfernt, sagte der Blinde: „Pardo«, Monsieur, Sie vergessen etwas — Sie haben mir zwei Sous zurückzuerstatten.' Miseellen. (Folgen eines Bienenstiches.) Die Ehefrau des Försters K., eine jugendlich aussehende, etwas fein gebaute, lebensfrohe Frau, die trotz einer starken Familie sich so wohl conservirt hatte, daß sie mehrfach von Fremden nicht für die Frau, sondern für die älteste Tochter im Hause angesehen wurde, — zeigte sich jeder Zeit sehr empfindlich gegen den Bienenstich. Es wurden bei ihr durch einen einzigen Stich stets die bedenklichsten Affektioncn hervorgerufen. Namentlich war sie vor sechs Jahren in Folge eine» Stichs mitten auf den Kopf dem Ersticknngstode nahe, indem ihr ganzer Körper vom Kopf bis zur Zehe verschwelt, und wahrscheinlich auch die Luftwege sich verengt hatten. Asthmatische Erscheinungen der beängstigendsten Art hielten mehrere Stunden an. Später löste sich die Krankheit in einen, den ganzen Körper bedeckenden Ncsselausschlsg auf. — Da dieser Krankheit--Anfall ganz evident nur durch den Bienenstich hervorgerufen war, wollte der Förster, ein passionirter Züchter, (mein erster Lehrmeister) die Bienen ganz abschaffen, ließ sich aber durch die Frau selbst daran hindern. Am 28. Mai l. Js. früh Morgens hatte K., der noch immer einen Stand von 25 Völkern hält, an einige» Stöcken opcrirt, wobei der eine etwas in Aufregung gerathen war. Er mahnte deßhalb seine Familienglieder zur Vorsicht. Dessen ungeachtet erhielt die Frau, jetzt 44 Jahre alt, bis dahin völlig wohl und heiter, beim Betreten des Hofs einen Stich hinter das linke Ohr. Sofort taumelte sie, halb ohnmächtig, von der Stelle, erreichte mit Mühe das Schlafzimmer, wo eine Tochter die Biene abnahm und den Stachel entfernte, wurde demnächst von den Herzucilcnden völlig bewußtlos auf's Bett niedergelegt, und war nach einer Viertelstunde -— eine Leiche. Nach der Aussage des Arztes soll ein Gehirnschlag den Tsd herbeigeführt haben. Diese Darstellung ist völlig wahrheitsgetreu. — Hoffentlich wird sie keinem Leser der Dienen-Zeitung ein Schreckmittel sein, ihn der Bienenzucht zu entfremden. Wir Bienenzüchter sind ja glücklicher Weise nicht so reizbare Naturen, sondern zumeist aus derberem Materialc gebaut. Bcachtenswerth aber dürfte der Fall sein, um zu constatircn, wie stark unter Umständen der Stich der Biene wirken kann. — Zugleich möge er den Bienenzüchtern als Mahnung dienen, mit ihren Lieblingen nicht allzu sorglos zu sein, sondern ihre Stände möglichst zu verwahren und reizbaren Personen, namentlich kleineren Kindern, den Zutritt zu verwehren. — NüderSdorf, den 10. Juni 1869. Becker, Oberförster. (Aus der Eichstüdtcr-Biencnztg.) (Eine Predigt, die mit einem Fluch anfängt.) Der D'octor C . . ., einer der bekanntesten Prediger New-^orks, besteigt eines Sonntag Morgens, als die Hitze eine wahrhaft tropische war, die Kanzel — und ruft der andächtig versammelten Gemeinde statt aller Anrede die Worte zu: „Gott verdamm' mich, wir haben heut eine verfluchte Hitze!" — Durch die bestürzten Mienen und die Aufregung seiner Zuhörer, die ihren Ohren nicht trauten, — aufmerksam gemacht, wischt er sich den Schmeiß von der Stirn und wiederholte dennoch, jedes einzelne Wort deutlich betonend, die oben erwähnte Phrase. — Darauf heftet er einen ruhigen, frommen Blick auf die nun erst recht empörte Gemeinde, und fuhr fort: „Diese Worte, meine theuren Brüder, entfuhren dem profanen Munde eines jungen Mannes, als ich gerade über die Schwelle dieses Gotteshauses ging." Und nun weiter predigend, nahm er das zweite Gebot: Du sollst nicht fluchen! zum Vorwande seiner Predigt, während er wohl vorher über einen anderen Text zu predigen gesonnen gewesen sein mochte. Sein Vortrug war übrigens so erbaulich. 248 daß alle Anwcscndeu in tiefster Rührung und mit Seelenfrieden im Herzen die Kirche »erließen! * (Ander und Rossini.) In dem jüngst erschienenen Buche ^Rils ok Rossini" wird erzählt, wie Ander zum ersten Male mit Rossini bei einem Diner zusammentraf, das Carafa seinem berühmten Landsmannc zu Ehren gegeben hatte. Nach aufgehobener Tafel setzte sich der „Maestro" auf Ersuchen des Gastgebers an das Piano, und sang Figaro's Cavatine „D-»-AO nl lnototum äolln cito." „Ich werde — erzählt Auber — nie die Wirkung vergessen, welche sein gediegener Gesang auf mich ausübte. Rossini harte eine wunderschöne Baritonstimme — und er sang mit einer Begeisterung und einer Kraft, welcher in derselben Parthic weder Pcllcgrini noch Galli oder Lablache sich genähert haben. Seine Kunst zu accompagnircn war gleich wundervoll, nicht auf Tasten, sondern auf einem Orchester schienen die geläufigen Hände deS gewandten Pianisten zu gallopiren. Als er geendigt, sah ich mechanisch auf die Elfcnbcintasten; es schien mir, als sähe ich sie rauchen. Bei meiner Nachhausckunft bezeugte ich große Lust, alle meine Partituren in's Feuer zu werfen. „Vielleicht erwärme ich sie dadurch," sagte ich zu mir selbst, — „überhaupt, was nützt das Schassen von Musik, wenn mau nicht componiren kann — »ie Rossini!" * (Warum nimmt man beim Grüßen den Hut ab?) In einer Abhandlung über dieses Thema in Dickcn's Wochenschrift tlio Voar Rönne!" wird hervargchoben, daß die alten Brittanier und Gallier ihr Haar ungestört wachsen ließen, so daß es öfter die Hüfte erreichte. Den Römern, welche später die Länder der beiden Bölkerstämmc eroberten, war dieser lange Haarwuchs ein Gräuel, und sie unterzogen die Gallier und Britten einer schimpflichen Schur. Zum Beginne des fünften Jahrhunderts gründete Pharamond sein Königreich in der Provinz, welche seither den Namen Frankreich trägt Die Gallier wurden bis zur Knechtschaft herabgewürdigt und die Eroberer legten unbarmherzig die Schecrc an die Häuptern ihrer Opfer. Seitdem wurde es in ganz Europa zur Regel, daß langes Haar die ausschließliche Apanage der Großen und Edlen des Landes sei. Nicht nur Leibeigenen und Vasallen, sondern freien Bürgern und Bauern wurde nicht gestattet, ihr Haar lang zu tragen. Den Leibeigenen eines adeligen Gutsbesitzers schecrte man sogar während des fünften, sechsten und siebenten Jahrhunderts gänzlich den Kopf kahl, und von dieser Zeit datirt sich die Sitte des Hutabnehmens beim Grüßen. DaS Entblößen des Hauptes hieß so viel als: „Sehen Sie, mein Herr, ich bin ihr Diener, ich habe kein Haar." * Im Themse-Polizei-Gcricht wurden drei Matrosen wegen Einschmuggelnd von acht Pfund Tabak zu der üblichen Geldbuße, dem dreifachen Werthe und Zolle des consiScirten Gutes vcrurtheilt. Sie zahlten die Strafe und baten um Rückgabe deS Tabaks. Auf die Erwiderung des Richters, daß die Confiscation des Tabaks einen Theil der Strafe bilde, und derselbe Ihrer Majestät der Königin verfallen sei, — sagte einer der Matrosen: „Raucht denn die Königin? — Wenn, so möge ihr der Tabak wohl bekommen." (Aller guten Dinge sind drei.) Gast: „Ei, Herr Wirth, Sie bringen ja meinem Freunde drei Schnäpse auf einmal?" — Wirth: „Ja, der Herr Verwalter trinkt im«» b»r dem Schnaps einen Schnaps, und nach dem Schnaps wieder einen Schnaps!" Auflösung der Charade in Nr. 30: _ „Handwerk." Druck, Verlag und Redaction des Litcrarischen Instituts von vr. M. Huttlcr.