Ni-o. 32. 8. August 1869. Wer früh umberspäht mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Noth Den schreckt der Berg nicht, wer darauf geboren. S chiller. Der Wunder-Doctor. Erlies Kapitel. (Fortsetzung.) Franzl aber, den die Antwort nicht sehr befriedigte, dachte nun mit einem Male den Kleinen zum Bekenntniß zu bringen, und sprach: „Da Du so ein gelehrter Man» bist, Alter, so wirst Du mir wohl auch sagen können, »b es denn wahr ist, daß es Menschen gibt, die aus den Händen Anderer, deren Schicksal und was ibncu zuständig ist, entnehmen können?" „Warum sollte man das nicht?" — antwortete der Kleine. „Die Welt ist voller Wunder, es fehlt nur oft an dem Oculo, sie zu sehen." „So könntest Du vielleicht wohl gar selbst —" „Ich habe mich mit der Cabala und Chiromantik lange Zeit abgegeben, — aus Unterhaltung, versteht sich, und habe manche Complexion aus den Lineamenten errathen." „Ei, so setz' Dich doch an unsern Tisch," rief jetzt der Silbermüller; „Du scheinst mir ein geselliger Kumpan, und solche Lcut' mag ich gut leiden." „Ja, setz' Dich zu uns, alter Herr," riefen Lutzbichl und BockSbartl, während der Wirth aufstand und ihm Platz machte. „Nun, meinetwegen," sprach der Kleine, „ich liebe ebenfalls lustige Kumpanei; — aber seht, da kommen noch welche," — fuhr er lächelnd fort, als er die Bauern, die er hinausgefoppt, mit mürrischen Mienen wieder in die Stube treten sah. „Na, habt Ihr keinen Batzen mehr gefunden?" „Du bist ein loser Vogel, der uns bloß um den Platz geprellt hat," — antwortete Einer von ihnen. „Es geschah uns aber ganz recht," — sagte der Zweite, „warum waren wir so vernagelt und haben es nicht gleich gemerkt." „Alter Herr," sprach der Silbermüller, „wie Du vorhin sagtest, so kannst Du aus den Händen lesen. Da wir so lustig bei einander sitzen, so könntest Du uns wohl ein kleines Kuuststückchen zum Besten geben. Dafür will ich Dir meine Lagerstclle im Hinter- stübcheu abtreten, und heute Nacht hier in der Gcmeindcstube auf dem Stroh vorlicb nehmen." — „Topp! — Es gilt!" — rief der Kleine. „Noch einen Krug Wein," rief er dem Wirthe zu, „und nun reich Deine Pfote her." „Da ist sie," sagte der Silbermüller, und reichte ihm die nervige Rechte. Der Kleine betrachtete sie lauge Zeit mit einem ernsthaften Gesichte, fuhr mit dem Zeigefinger einige Male über die Linien der Hand hin und wieder, und sprach sodann, indem er die Stirne in gelehrte Falten zog: „Du hast nach den Andeutungen, die ich aus Deiner Hand entnehme, eine lange Lebenslüste, jedoch zeigt mir auch diese Mcnsalis, welche hier den Qnadrangnlus berührt, daß Jemand in kurzer Zeit ein Ungemach über Dich bringen wird." 250 „Dem Schurken soll ja gleich das Donnerwetter auf den Kopf!" — fuhr der Silbermüller auf. „Und kann man den schlechten Kerl nicht erkennen?" fragte er weiter. „Wenn mich diese Linie, welche in Form einer Angel durch die Nestrictam geht, nicht betrügt," erwiederte gelassen der Kleine, „so bist Du es selbst, der sich jenes Ungemach bereiten wird." „So ist's recht!" brummte Silbcrmüller in den Bart, während die ganze Gesellschaft in ein unmäßiges Gelächter auSbrach. „Nun weiter, weiter! Jetzt ist die Reihe an der Leui." Der Kleine erfaßte Leins Hand, betrachtete sie aufmerksam und prophezeite ihr daraus viel Schönes für die Zukunft, — behauptete aber ebenfalls, daß sich in ihren Lincamenten ein zu erwartendes Ungemach ankündige, — welche Prognosis er auch bei Franzl, als er dessen Hand betrachtete, zu finden vorgab, wodurch die Fröhlichkeit der Gesellschaft beinahe in Etwas gestört wurde. „Na, wißt Ihr was," sagte plötzlich der Kleine, „lasten wir die vis latalis der Zukunft sich selbst enträthseln, und unterhalten wir uns auf eine angenehmere Weise." Hierauf begann ' er mit gar seltsamer Behendigkeit mehrere wunderbare Gaukler- Künste zn machen, worüber die guten Tirolerschützen beinahe außer sich gericthcu. „Jetzt gebt Acht, jetzt kommt das Hauptstück!" rief er diesen zu. „Du hübsche Dirne, gib mir den Blumenstrauß, den Du in Deinem Busenlatz stecken hast," sprach er zur Lcni, welche ihm sogleich das Verlangte darreichte. „Seht, hier ist ein Strauß," suhr er fort, indem er denselben den Zuschauern zeigte, „es ist ein ganz gewöhnlicher Strauß von Alpenrosen, Spik und Balsaminen. Nun gebt Acht." — Hierauf brachte er eine kleine Glasviole aus der Tasche hervor, steckte den Blumenstrauß in dieselbe und verdeckte ihn mit einem Hute, den er ohne alle Umstände seinem Nachbar, dem Bocks- bartl, vom Kopfe zog. Als dieses Alles geschehen war, nahn: der Kleine eine sehr ernsthafte Miene an, räuspcrre sich, verdrehte gewaltig die Augen, neigte sich dann dreimal über den alten Filzdeckel und sprach mit hohlem Baste: „?ul/.i, putxi! lölpolitos, ckie ilir soick es! i^uno niiciuick sollguonckum ost, c>uvck omnia lrülinrius ^o/.oiAutu üdor- IrellsliU, ossloiui» ot spocluculum misorabilium, ckumeriuni oolisii!" Auf diese räthselhaften Worte nahm er den Hut von dem Blumensträuße, und wer schildert das Erstaunen der Versammlung — der ganze Strauß, mit Blume, Blatt und Stengel, hatte eine lichtgelbe Farbe. Nach einigen geheimnißvollen Manipulationen mit der Violc bedeckte er die Blumen abermals, und nachdem er eine ähnliche Zauberformel darüber gesprochen, — nahm er wieder den Hut weg, und siehe da, dieses Mal waren sie roth, wie auS dem brennendsten Scharlach gemacht, und als er dieses Experiment das dritte Mal wiederholte, hatten sie die schönste himmelblaue Farbe. Das vierte Mal jedoch war der Strauß wieder wie früher und keine Spur von feinen früheren Verwandlungen an ihm zu bemerken. „Das ist ein Teufelskerl!" brummte der Silbcrmüller. „Wenn's nur nicht am Ende der Gottseibeiuns selbst ist," — raunte ihm der vor Angst zitternde Lutzbichl in das Ohr. „Die Gesellschaft kommt mir nicht ganz geheuer vor," — miaute Bocksbart!, „ich dächte, wir suchten ihrer los zu werden/' In der That verlor sich bald ein Gast nach dem andern, und suchte seine Lagerstätte, bis endlich nur noch der Silbermüller, seine Tochter und Franzl allein bei dem Kleinen am Tische saßen. , „Sei noch einmal schön bedankt," — sprach der Silbermüller. „Obgleich Deine Geschichten da etwas nach Hexerei riechen, — so glaube ich doch, daß Alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Aber es ist spät geworden, ich dächte, wir suchten jetzt ebenfalls »nser Lager." 251 „Du hast recht, alte Brummkehle, est tompus llormioncü! Zch bin auch schon laß und ganz trümlich." Nach diesen Worten stand der Kleine auf und reichte dem Silbermüller die Hand. »Na, schlaf' in Frieden, und der liebe Herrgott und seine Heiligen behüt' Euch Alle zusammen!" Hierauf erfaßte er den Wirth und sprach: „Du, führe mich jetzt in das Rattenloch, das Ihr Schlafkammer nennt, und bringe mir sodann noch einen „Schnapps" zum Schlaftrunk hinüber." Mit diesen Worten zog er ihn mit sich zur Thüre hinaus. »Hm! Der Teufel ist er wohl nicht," sprach nach einigen Minuten der Silbermüller, welcher ihm, wie seine Tochter und der junge Schütze verwundert nachgesehen hatte, »aber wer er ist, das mag der Teufel errathen!" (Fortsetzung folgt.) Gesundheitspflege in Schulen. Von allen Gebäuden, in denen sich größere Menschenmengen regelmäßig versammeln, sind die Schulen unter dem Gesichtspunkt der Gesundheitspflege die wichtigsten und zugleich die am meisten vernachlässigten. Von den Lehrern abgesehen, haben ihre Besucher weder die Fähigkeit noch die Mittel, sich selbst zu helfen. Die verhültnißmäßig hohe durchschnittliche Bildung der Lehrer aber hat von praktischer Hygiene noch nichts in sich aufgenommen. So kommt es. daß, wenn die Wissenschaft einmal die Luft, oder das Licht, oder die Tische und Bänke einer Schule ihrer Prüfung unterwirft, die nachthei- ligen Einflüsse in stärkerer Thätigkeit begriffen vorgefunden werden, als in Krankenhäusern, Gefängnissen, Kasernen u. s. f., die meistens alle schon sowohl beim Bau wie während ihrer Benutzung einer gewissen eindringenden hygienischen Kontrole unterworfen werden. Die Verderbtheit der atmosphärischen Luft für menschliche Athmungszwecke mißt sich bekanntlich an ihrem Kohlensauregehalt. Kohlensäure ist das Exkrement des Athmungs- prozesses, wie Sauerstoff sein Unterhalter. Man nimmt an, daß die Beimengung der Kohlensäure, wenn die Luft eines Raumes athembar-gesund bleiben soll, das Verhältniß von Eins auf Tausend nicht übersteigen dürfe. Nun fand aber der englische Arzt Ros- und die Nebenschachte von über einer englischen Meile, wozu man sich die entsprechende Länge der Treibriemen denken mag. Einer dieser Treibriemen, z. B. der von Kautschuck, mißt 120 Fuß, und treibt eine in der benachbarten Nassaustreet im fünften Stockwerke eines Hauses stehende Maschinen- Prcsse; und ein anderer, aus Leder und 140 Fuß lang, setzt wieder in einer anderen Straße die in einem und demselben Gebäude, sowohl tief unten im Keller, als auch im obersten, dem Dachstockwerke befindlichen Druckmaschinen in Bewegung. Es ist aber erstaunlich, was diese Dampfmaschine, natürlich mit Hilfe der Presse, arbeitet. Sie druckt die zahlreichen Kindcrschriften einer hierin großen Firma, dient dann einem zweiten bedeutenden Verlags-Etablissemcnt, sowie einer Anzahl von Accidenz-Buchdruckercien, — druckt eine Masse von Magazinen und Büchern, versieht eine Steifrockfabrik und verschiedene große Buchbindereien mit der nöthigen Dampfkraft, und producirt endlich die manchmal sehr großen Auflagen von 50 — sage fünfzig —- verschiedenen Tag- nnd Wochcn- Blättcrn New - Tjorks (darunter z. B. die Auflage eines der gelesensten amerikanischen literarischcn Journale von 300,000 Exemplaren). Sachverständige mögen hieraus ermessen, wie viel Personen, Räumlichkeiten, Zeit und Feuerungs-Material durch diese gemeinschaftliche Theilnahme an einer Dampfmaschine erspart wird, — und dürfte dieses Beispiel, wo dieses System in so großartigem Maßstabe zur Anwendung gebracht ist, um so eher zur Nachahmung im Kleinen anregen. E r O schöne Erntezeit! Wie wogen all' die Ächren Gleich sanft bewegten Meeren, Auf Feldern weit und breit. Die Schnitter ziehen aus; Die blanken Sicheln schallen. Die gold'nen Aehrcn fallen, Und Garben werden draus. n t e l i c d. Die Garben führt man heim. Was Edles sproßt auf Erden Muß Brod des Lebens werden, Und neuer Segenskeim. Ruh', Erde, preisbedeckt! Für Wunden gibst du Garben Und hegest, die da starben, Bis Gottes Ruf sie «eckt. Die Frau ist das Herz der Welt, und dieses Herz ist dazu berufen, sich gegen alles Ungerechte und Gemeine aufzulehnen. 256 Die schwarze Johannisbeere. Dieser Beerenstrauch wird in Deutschland bei weitem nicht so häufig kultivirt, als er es verdient. In vielen Gegenden ist er gar nicht bekannt, oder ganz aus den Gärten Verschwunden, und es dürfte deßhalb nicht überflüssig sein, die Aufmerksamkeit wieder auf denselben hinzulenken. Vor Allem muß erwähnt werden, daß er eine äußerst genügsame Pflanze ist, die mit jedem Boden und mit jeder Lage vorlieb nimmt, wenig oder gar keiner Cultur bedarf, und doch alle Jahre reichlichen Ertrag liefert. Die reisen Früchte werden von vielen Personen sehr gerne roh genossen, — während sie von andern ihres eigenthümlichen, fast wanzenartigen Geruchs willen gemieden werden. Sie besitzen nicht unbedeutende mcdicinischc Kräfte, und sind deßhalb von Jenen, — die sie näher kennen, allgemein hoch geschätzt. Sie gelten für magenstärkend, sollen die Verdauung fördern und wirken, selbst in kleinen Portionen genommen, wohlthätig auf die Urin- und Stuhl- Entleerung ein. Wegen ihrer Harn- und schweißtreibenden Kräfte werden sie auch als Mittel gegen die Wassersucht empfohlen, wobei indeß hauptsächlich das Kraut als Thee angewendet wird. Als Volksmittel gegen die Gicht genießen sie eine gewisse Berühmtheit. Zu diesem Behufe werden die jungen Knospen oder Blätter grün oder getrocknet zu Thee benutzt, den man Morgens im Bette trinkt und darauf den Schweiß abwartet. Läßt man 8 Theile Honig mit 5 Maßthcilc Wasser bis auf '/< einkochen, thut alsdann 3 Theile zerdrückte Beeren hinzu und läßt beides gährcn, so hat mau einen angenehmen Gichtbccrmcth, wovon Morgens und Abends eine Tasse voll oft schon eine hartnäckige Gicht vertrieben. Die Blätter können zum Gelbfärbcn der Liqneurc, die Knospen und Beeren dazu benutzt werden, um dem Wein einen MuScateller-Gcschmack zu ertheilen. In Frankreich wird dieser Strauch in der ausgedehntesten Weise cultivirt, indem aus den Beeren ein sehr beliebter Ligucur bereitet wird, der einen ausgedehnten Handels-Gegenstand bildet. Der Hauptsitz dieser Cultur ist die Gegend von Dijon. Dieser Ligucur unter dem Namen lliciuviir ck« (.'asills bekannt, hat einen sehr angenehmen Geschmack, und gilt für sehr gesund. Mischt man unter den Saft der rothen Johannisbeere '/,» der schwarzen, und bereitet daraus in der gewöhnlichen Weise (unter Zusatz von Zucker und Wasser) durch Gährung einen Wein, so kann man denselben, — wenn er älter wird, nicht von ächtem Portwein unterscheiden. — Die jungen Blätter werden frisch zum Ansetzen des Maiweins mit andern Pflanzen, als Waldmeister, Melisse, Gundelrebe und Erdbecr- blüthe gebraucht, doch dürfen sie nur in ganz kleinen Quantitäten genommen werden, damit ihr Geruch nicht vorschmeckt. Frankfurter Schotelicdchen. (Aus der New-Dorker Zeitung.) Jetzt unsere Modcpöpperchcr Mit Zwickelcher und Häckelcher, Und ausgeschnittene Jäckelcher, Was trage doch für Nöckercher Was windisch wie die Fähnercher! Was ausgestopfte Becncrchcr! Was himmelhohe Nesterchcr! Was Schmink und Schönheitspflästcrcher. Und hinne hängt e Kisselche Das wackelt stets e Bisselchc Und rund herum Volantcrcher, Das macht's noch viel pikanterchcr, Was trage sie für Stieselcher, So eng, 's wird einem übelcher, Mit Wade wie Slreichhölzercher, So geh'n sie wie aus Stelzercher. Voll Gittcrchcr nnd Flittercher Mit ausgeschnitt'ne Miederchcr, Sie trage falsche Zöppercher Und Straßen-Kchruugs-Schleppercher. Wie trage Mvdepöpperchcr Jetzt gar so hoch die Köppcrcher, Verkrüppelt ihre Leibercher Und das nennt man jetzt Weibercher. Druck, Verlag und Redaction des Literarijckcn Jnst'luts von I)r. M. Huttlcr,