N,-o. 33. 15. August 1869. Ach, der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt, Und es ehret der Knecht nur den Gewalisamen; An das Göttliche glauben Die allein, die es selber sind. Hölderlin. Der Wuuder-Doctor. Zweites Kapitel. Das Com plott. St. ClothildiStag, welcher auf diesen lustigen Abend folgte, und an welchem das Bcflschießen abgehalten werden sollte, fiel an einem Sonntage. Aus allen benachbarten Dörfern hatten sich die Bewohner zu dieser beliebten Volksbelustigung eingesunken. — Die Straßen von Hell waren mit Menschen von jedem Alter angefüllt. Weiber und Kinder, Greise und Buben drängten sich in der bunten Nationaltracht der Tiroler durcheinander. Ringsum erblickte man Männer mit grünen Hosenträgern, schwarzen Beinkleidern und breiten, spitz zulaufenden Hüten von weißer oder schwarzer Farbe, — und Weiber mit hübschen Miedern, schwarzen, grün- oder roth - verbrämten Röcken, — und langen Zöpfen mit bunten Bändern durchflochtcn. Franzl, Silbcrmüllcr und Lcni wanderten, nachdem sie andächtig die „Frühmesse" gehört'hatten, durch die Gruppen der verschiedenen Landleutc; welche sich in vorzüglicher Menge um die alterthümliche Kirche und auf dem Fricdhofe versammelt hatten, und sprachen bald mit diesen, bald mit jenen Bekannten. Leni hatte ihren Sonntagsstaat, den sie eigens zu diesem Feste mitgenommen hatte, angezogen, und sah in den schwarzen, pauschcnden Tuchröcken, mit dem kleinen Fürtuch, den rothen, straff anliegenden Strümpfen und den Leder-schuhen mit bunten Bandschleisen gar stattlich aus. Die Bursche schauten auch gar viel nach dem schönen Mädchen hin, jedoch Lcni merkte wenig darauf, und unterhielt sich gar köstlich mit ihrem Franzl. So verging in ungetrübter Heiterkeit die Hälfte des Tages. Der kleine Fremde aber war nirgends zu sehen, er hatte sich nach der Aussage des Wirthes schon mit dem ersten Morgenschimmer davon gemacht. Nach dem Nachmittags-Gottesdienste verfügten sich sämmtliche Schützen zu dem Richter des Ortes, welcher der Vorstand der Gilde war, und von dessen Wohnung aus der Aufzug nach der Schießstättc gehen sollte. Während sich die rüstigen Prcisbcwcrber, worunter sich auch Silbermüller und Franzl befanden, noch an einem „Krüglein Wein" »letzten, stahlen sich zwei Schützen von der Gesellschaft fon, nachdem sie sich gegenseitig Winke gegeben hatten, sich zu entfernen. Es waren zwei entfernte Anverwandte Silbcrmüllers, der Eine Namens Wildhaucr,t der Andere Namens Dreißler. Als sie sich weit genug von dem Hause entfernt glaubten, — um nicht beobachte, werden zu können, begann Wildhaucr also zu Dreißler zu sprechen: „Ich winkte Dir mir zu folgen, und ich glaube, Du ahnst es bereits, was die Ursache sein mag, warum ich es that." / 258 „Ich zweifle nicht," — sprach dieser, „daß es dieselbe ist, welche auch mich bewog. Dich schon heute Morgens aufzusuchen." Wildhauer drückte Drcißlcr die Hand. „Wir verstehen unS. Wir waren bis jetzt Nebenbuhler — und werden es bleiben, bis das Schicksal entschieden, welcher von uns Beiden die schmucke Lcni deS alten Silbcrinüllers sammt der hübschen Aussteuer erhalten wird. Jetzt aber, da dieser Gelbschnabel aus Kleinbodcn, der gleichsam wie ein aus dem Himmel Herabgefallener Bräutigam erscheint, uns einen Strich durch unsere Rechnung zn machen droht, müssen wir unsere vereinten Kräfte aufbieten, seine Absichten zu nichte zu machen." „Wie aber wollen wir dieses anfangen?" versetzte der Andere. „Der Alte und die Dirne scheinen dem Buben gewogen und —" „Wenn auch — Du kennst den alten Silbermüllcr und seine Heftigkeit. Wenn es »«r dem Buben gelingt, besser zu schießen als der Alte, so haben wir gewonnen Spiel." „Der Alte ist ein guter Scheibenschütze —" „Er war es einst, willst Du sagen, aber seine Sehkraft hat abgenommen und seine Hand beginnt zu zittern. Auf jeden Fall müssen wir sie gegen einander hetzen. Du weißt, wenn ein Schütze einmal in's Schießen kommt, — so vergißt er Alles um sich herum, und denkt nur an das Ziel. Jetzt komm', wir wollen zur Gesellschaft zurück, und den Beiden so viel als möglich zutrinken, um sie zu unsern Absichten zu stimmen." Nach diesem kurzen, aber honetten Zwiegespräche, begaben sich die beiden Ehrenmänner wieder in das Haus des Richters, und mischten sich unter die übrigen Gäste. Lustig krcis'te indessen hier der Weinkrug von einer Hand zur andern, und Silbermüller und Frauzl hatten schon in bester Freundschaft einige Male mit einander angeklungen, und auch das Zubringen der klebrigen erwiedert, als Wildhaucr und Drcißlcr ihnen aus's Neue ihre Krüge zum Anstoßen darboten, welches sie auch, nach Schützen- weise, nicht ausschlagcu durften und mochten, und das diese in erheuchelter Freundlichkeit einige Male wiederholten. Endlich wurde das Zeichen zum Aufbruche geg-ben. Ein Schütze mit einer hohen Fahne, von welcher weiße und grüne Bänder heruntcrflattcrtcn, an denen sich die Preise, «us Gold- und Silbcistückcn bestehend, befanden, machte den Anfang des ZugeS. Diesem folgten zwei kleine, hanswurstartig gekleidete Jungen, welche bei dem Schießen die Zieler- dicnstc versahen, — von denen jeder ein Fähnlein mit einem kurzen Stiele trug, von welchen das eine von weiß und grüner, das andere von rother Farbe war. Ihnen folgten mehrere Spielleute, dann der Richter von Zcll, als Schützcnmcifler »nd Preisrichter mit den Aeltcsteu des Ortes, und nach diesen sämmtliche Schützen, — jeder den Hut mit Huifedcrn und Gemsbart geschmückt, — und die Armbrust über der Achsel. Den Schützen schlössen sich sämmtliche Weiber, Mädchen und Kinder des Dorfes und der Umgegend an, unter welchen sich auch Leni mit einer Freundin, die sie zufällig i» Zcll getroffen hatte, befand. Der Zug ging unter lautem Gejauchzt, Gelärm und Musik auf mehreren Umwegen durch das Dorf, an der Kirche vorüber, und sodann zu der Schießstültc. Diese war eine schöne, große Waldwiesc, ungefähr eine Viertelstunde außer Zell, rings von grünen, waldbcwachsencn Bergen umschlossen, hinter welchen die mit ewigem „ Schnee und Eis bedeckten Höhen der hohen Mauxr und deS Löffels hervorblickten. An dem obern Raine der Wiese war ein Zelt von rother und weißer Leinwand aufgeschlagen, welchem gegenüber an dem entgegengesetzten Ende die Scheibe aufgepflanzt war. Neben dem Zelte flatterte eine hohe Fahne von grün und weißer Farbe lustig in der Luft. Der Richter und die Aeltcsteu nahmen in dem Zelte Platz, von welchem sie den ganzen Schicßplan übersehen konnten. Neben diesen platzirtcn sich die Spicllcutc, an welche sich die Zusehcr in buntem Gemenge reihten. Als die Versammlung etwas ruhiger geworden, erhob sich der Richter, nahm seinen 259 Hut von dem Kopfe, und sprach: „Ihr werthen Schützen, Bürger und Landleute! — Ihr seid allhier abermals versammelt, um einer Volksbelustigung, die seit langer Zeit i« unseren Bergen heimisch und beliebt, wie in keiner andern Gegend ist, bei uwohnen, bei welcher Jedweder seine Fertigkeit und Geschick im Schießen nach der Scheibe darthun wird. „Demjenigen, welchem von Euch der beste Schuß gelingt, wird der Preis zu Theil, bestehend in zwei Gold- und vier großen Silbcrmünzen, und einem Waidfähnlcin »o« weiß und grüner Farbe, zur Erinnerung an den heutigen Tag. „Ich, als Aeltester von Zell und Vorstand der hiesigen Schützenlade, ermähne Euch daher, daß Ihr Euch ruhig und bcschcidcntlich verhalten wollet, damit dieses Alles, s» wie es sich geziemt, in Frieden und guter Eintracht vor sich gehe, und somit laßt unS denn in St. Hubcrtns und des Himmels Namen das Schießen beginnen." Hierauf ließ sich der Richter wieder auf seinen Stuhl nieder, und die „Schützen* mußten die Loose, welche den Rang bestimmten, nach dem auf Jeden der Schuß kam, aus einem Korbe lesen. Gespannte Aufmerksamkeit herrschte unter den Zuschcrn wie unter den Preiswerbern. Da trat der Lutzbichl, dm das Loos zum ersten Schuß bestimmte, aus den Reihen. Er nahm seine Armbrust, legte an, maß eine geraume Weile die Entfernung und drückte ab. Der Bolzen schlug in den dritten Kreis. Ein allgemeiner Jubel erfolgte. Lutzbichl trat zurück und überließ seine Stelle dem Kohlhammcr aus Zirl, dieser einem Schützen aus Schwatz und so fort. Silbcrmüllcr und Franzl hatten beinahe die letzten Nummern getroffen. Keiner ihrer Vorgänger aber vermochte inner den zweiten Kreis zu treffen, — ja ' Manche trafen sogar in den ersten, und auch außerhalb desselben, welchem immer ei» schallendes Gelächter folgte. Jetzt kam die Reihe an Franzl. Mit raschen Schritten trat er aus den Reihe» der Schützen, faßte, nachdem er seinen Anstand genommen, die Armbrust — und drückte nach kurzem Bemessen ab. Ein allgemeiner Jubel folgte dem Schliffe. Franzl hatte den vierten Kreis getroffen. Bescheiden, aber mit glühenden Wangen trat er zurück, mit flüchtigem Blick Lenr »nter den Zuschauern suchend. Noch einige Schützen, worunter auch Wildhauer und Dreißlcr, folgten ihm, aber abermals fehlte Jeder von ihnen. Endlich kam der Schaß auf Silbcrmüller. „Du wirst doch dem naseweisen Buben nicht den Preis lassen!" — raunte ihm Wildhaucr zu. „Sieh' nur, wie er lächelt," flüsterte Dreißlcr, „er glaubt schon, des Sieges ganz sicher zu sein." SilbcrmüllerS Stirne zog sich in finstere Falten, doch faßte er sich schnelle, trat vor und legte an. Man sah, daß eS seine alte Schützenehre galt. Jetzt drückte er ab. Jubel über Jubel — er hatte ebenfalls den vierten Kreis getroffen. Mit beinahe stolzer Miene trat er wieder unter die Schützen-Versammlung, und blickte lächelnd auf Lern hinüber, die ihm freudig mit dem Tuche zuwinkte. Die Nachfolgenden trafen nur mehr den zweiten und dritten Kreis. Als sämmtliche Schützen geschaffen hatten, erhob sich der Richter wieder und sprach: „Wie Ihr gesehen habet, Ihr wackeren Schützen, so sind dieses Mal die Beste» unter Euch: Franzl Pfeiffer anS Kleinboden und der Hans Silbermüllcr aus Sterzingeu. Beiden gebühret für heute die Ehre nnd der Preis als Schützenkönig. Da diese Würde aber nach altem Herkommen nur Einer dieser beiden Schützen bekleiden, und die mit dieser Würde verbundenen Preise in Empfang nehmen kann und darf, so mache ich den Ausspruch: Franzl Pfeiffer hat mit dem HanS Silbermüller „noch Einmal" um den Preis zu schießen." 260 Alles fand diesen AuSspruch gerecht und billig, — und Franz! und Silbermüller traten vor. Franz! spannte besonnen die Armbrust und legte an. — Aller Augen waren auf das Ziel gerichtet. Jetzt drückte er ab — sein Bolzen hatte mitten in das Schwarze getroffen.. Die Berge widerhallten von dem Jubelgeschrci der Menge, — Mützen und Hüte flogen in die Lust, die Musik machte einen fürchterlichen Tusch, während die Zieler Bockssprünge machten, wie toll um die Scheibe tanzten, und ein rothes Fähnlein auf dieselbe pflanzten. Nur Lein, welche ihren Vater und seinen Ehrgeiz, der beste Schütze zu sein, kannte, zitterte in banger Erwartung. „Jetzt, Silbermüller, nimm Dich zusammen,- flüsterte Wildhaucr. Mittlerweile war eine neue Scheibe neben der alten aufgerichtet und Silbermüllcr trat auf seinen Stand. Silbermüllcr, merklich aufgeregt, legte an, maß bedächtiger als das erste Mal und drückte ab. Aber unter dem Abdrücken zitterte seine Hand, der Bolzen flog weit über die Scheibe hinaus. Während diesem hatte sich Drcißler hinter Franzl geschlichen, und schlug in diesem Augenblicke eine schallende Lache auf, welcher eine zahlreiche Begleitung folgte. Silbermüllcr wendete sich, fast erstarrt vor Schreck, Wuth und Scham über sein Mißgeschick, noch mehr aber über diesen Hohn, — nach der Gegend, von welcher jenes Gelächter kam, und erblickte Franzl, der ganz unbefangen auf seine Armbrust gelehnt dastand. „Der war's!" flüsterte Wildhauer. Dem Alten schwindelte, so, daß ihn Wildhaucr am Arme fassen mußte, wollte er ihn nicht umsinken lassen. Indessen halten die Schützen Franzl umringt und brachten ihm ihre Glückwünsche. Auch der Richter sammt seiner Umgebung erhob sich und trat zu Franzl, ihm den Preis, welchen schöngeschmückte Mädchen auf Polstern trugen, einzuhändigen. Ebenso kamen die Jungen in den Narrenklcidcrn herbei, und überreichten ihm das Waidfähnlein und das Centrum, aus einem Nagel bestehend, den sie auf einem Teller trugen. Jubelnd und lärmend umdrängten die Zuschauer die Gesellschaft. Nur Lcni, welche die Bewegung ihres Vaters gesehen hatte, — war verwirrt und schluchzend zu diesem getreten, und faßte ihn besorgt am Arme. Als Franzl den Preis erhalten hatte, trat auch Silbermüllcr, den seine Tochter vergebens zu bewegen gesucht hatte, den Schauplatz seines Unheils zu verlassen, zu Franzl. Er war merklich blaß geworden und seine Augen funkelten. „Franzl," sprach er mit einer »or Grimm zitternden Stimme, ,.ich wünsche Dir Glück zu Deinem Preise, Du bist ein guter Schütze. Aber —" flüsterte er ihm mit gedämpfter Stimme in das Ohr, indem er ihn einige Schritte seitwärts zog, „die Lein bekommst Du nicht — merk' cS Dir wohl; eS müßte denn," setzte er mit hämischem Lächeln hinzu, „der Erzherzog Maximilian selbst für Dich um ihre Hand bei mir werben." Mit diesen Warten drehte er ihm den Rücken zu — und entfernte sich mit seiner Tochter, welche noch einen wehmüthig klagenden Blick auf den betroffenen Schützenkönig zurückwarf. Franzl stand wie aus den Wolken gefallen, und wußte nicht, ob er träume oder wache, so unerwartet traf ihn dieser Schlag. Wildhauer aber drängte sich durch's Gewühl zu Drcißler hin, drückte diesem die Hand und flüsterte: „Bravo! das haben wir gut gemacht. Der Alte ist glücklich in die Falle gegangen." (Fortsetzung folgt.) 261 Pa er Hyacinthe. Ueber den ?. Hyacinthe finden wir in den „Hist.-Pol. Bl." folgende Notizen: „Bor ungefähr 25 Jahren trat ein achtzehnjähriger Jüngling in'S Seminar und kurz darauf in den Orden der unbcschuhtcn Carmeliten. Hier lebte er eine lange Zeit, von der Außenwelt unbeachtet und ungekannt, die Pflichten des OrdenSlcbcnS erfüllend. Von dieser Außenwelt selbst empfing er nichts als einige Bücher und spendete ihr dafür die bescheidenen Erstlingsarbciten seines Seelsorgcr-AmteS bis eines TageS — lange Jahre nachher — das Publicum von Paris, streng und gefährlich wie kein anderes, wenn cS gilt einen Ruf zu begründen, aus der Kirche trat und sagte: „Lacordaire hat einen Nachfolger gefunden." Zum zweitenmale Male war in Pater Hyacinthe ein OrdcnSmann aufgetreten, der schon mit dem Mönchsgewande, daS ertrug, in den entschiedensten Gegensatz mit allen Tendenzen seiner Zeit tretend, sein Talent fern von ihr in der Einsamkeit ausgebildet hatte und nun plötzlich, aber auf die Dauer, sich durch sein merkwürdiges Verständniß derselben, durch seine außerordentliche Beredsamkeit und die Gewalt seines Geistes das Recht erwarb, seinen LandSlcuten und Mitbürgern die Wahrheit zu sagen — und von ihnen gehört zu werden. Der Vergleich mit dem großen Dominicaner konnte verderblich für ihn werden; allein ?. Hyacinthe bestand die Probe und mit den Jahren wuchs sein Ruf . . . Gerade deshalb, weil unter seiner Kutte ein Herz schlägt, daS für keine der gerechtfertigten Anforderungen seiner Zeit gefühllos bleibt, hat er wie kein Anderer das Recht, ihr die bittere Wahrheit zu sagen. Die Freiheit, die Civilisation, die Philanthropie sind ihm nicht leere Worte oder feindselige Begriffe, sondern heiliger Ernst. . . . Die schöne Definition, die Lacordaire vom Priester gab, indem er von ihm sagte: kort eomms lo ciinmnnt, vt tanllro comine unv mörv (stark wie der Diamant und zärtlich wie eine Mutter), suchte ?. Hyacinthe zur Wahrheit werden zu lasten. Nachsichtig gegen den Irrthum und mild gegen die Schwachheit, überwältigt ihn der Anmuth nur dann, wenn er dem Unrecht begegnet, das im Namen der Wahrheit begangen wird, weil er die Drachensaat wohl kennt, die auS diesem traurigen Samen ersteht, und weiß, daß oft Blut und Thränen nicht hinreichen, um die Spur zu vertilgen, die sie zurückläßt." — In demselben Artikel heißt es von Montalembert: „Der junge Pmr, der damals kaum 21 Jahre alt vor der französischen Pairskammer mit seiner jungen Beredlsamkeit den Boden erkämpfte, auf welchem die Untcrrichtsfreiheit sich entfalten sollte, und der seit dieser Zeit immer in den ersten Reihen stand, wo cS gilt, Ehre, Freiheit, Recht und Gewissen zu vertheidigen, hat zu früh den Kampfplatz verlassen müssen. Wenn auch seine alten Genossen und jungen Verehrer die Hoffnung für ihn noch nicht aufgegeben haben, so überwiegt doch die Furcht, er möge von dem schweren Leiden nicht mehr vollkommen genesen, das ihn noch in den besten Jahren befallen hat. Wenn seine Freunde vom SchmerzenSlagcr wiederkehren, das ihn gefesselt hält, so erzählen sie bewundernd, wie der Schmerz nichts über ihn vermöge. Er vergißt sich selbst und alles, was ihn Persönlich berührt, um die Kraft, die er dem Leiden abringt, den großen Fragen zuzuwenden, denen er sein Leben und alle Vorzüge seiner reichbegabtcn Natur mit einer Hingebung geweiht hat, von deren Aufrichtigkeit und Treue die Geduld dcS Christen ein letztes Zeugniß gibt." Etwas über Menschenfresser. Nur in wenig Ländern noch herrscht der schauerliche Gebrauch, daß ein Mensch den andcni aufzehrt, sei es, wenn er ihn als Feind besiegt und getödtct, sei eS, daß er einfach ein menschliches Wesen handwerksmäßig abschlachtet, um sich von dem Fleisch des Getödtctcn zu nähren. Mau hatte geglaubt, daß diese gräuliche Entartung dcS Mensche», seit der Ansiedelung der Holländer in Südafrika, dort ganz verschwunden sei; ein englischer Reisender, Namens Bswkcr, aber bestätigt in seinem Reisebericht, daß im 262 Basutoland in Südostafrika noch immer Menschenfresser Hausen. Bowker kam von einige« Eingcbvrnen begleitet — im Dezember 1868 in's innere Gcbirg, an den verlassene» MissionSpostcn Cana. Die Wanderer befanden sich in einer sehr wilden Landschaft plötzlich vor einer ungeheuren Höhle. Sie traten hinein und fanden auf dem Boden ganze Haufen von Menschenknochen und Gebeinen aufeinander geschichtet. Bowker erzählt: „Man kann sich denken, unter welcher Aufregung ich diese düstere Höhle untersuchte. — Der Führer geleitete mich an eine Stelle, wo einige rauhe, unregelmäßige Stufen in eine dunkle Gallerte führten; dort wurden die Schlachtopfcr aufbewahrt, bis au sie die Reihe kam. An ein Entrinnen von dort war nicht zn denken. Bei Wilden, welche etwa durch HungcrSnoth zum Aeußcrsten getrieben werden, um ihr nacktes Leben zu fristen, findet der Eannibalismus eine Erklärung. Mit dem Volke hier verhält sich aber die Sache ganz anders: Diese Menschen bewohnten ein fruchtbares Land, in welchem auch Wild in Menge vorhanden war. Aber trotzdem machten sie nicht bloß Jagd auf ihre Feinde, um dieselben aufzufressen, sondern sie verzehrten sich unter einander, sie machten Gefangene von ihrem eigenen Stamme, und wenn eben keine andere Schlachtopfcr vorhanden waren, dann kamen ihre eigenen Weiber und Kinder an die Reihe! Eine träge oder zanksüchtige Frau wurde ohne Weiteres abgethan, und gab ein leckeres Mahl; ein Kind, das zu viel schrie, wurde ohne Weiteres, still gemacht und gekocht; Kranke und Schwache ließ man nicht des natürlichen Todes sterben, sie hätten ja dann nicht den Magen Anderer füllen können. So war cS mit diesem Volk beschaffen. Man sagt zwar, daß sie den Eannibalismus schon seit vielen Jahren aufgegeben hätten, ich fand aber in der Höhle ganz untrügliche Beweise dafür, daß die Praxis noch nicht verloren gegangen ist, denn einige Knochen waren sehr frisch; sie hatten augenscheinlich einem starkknochigen Manne angehört, dessen Schädel hart wie Erz war; an den Gelenken befand sich noch Mark und eine fettige Substanz. Er konnte erst vor einigen Monaten geschlachtet worden sein. „Diese Höhle gehört zn den größten in der ganzen Gegend und diente, nach den von mir eingezogenen Erkundigungen, den Cannibalen als eine Art von Hauptquartier. Bor dreißig Jahren war übrigens das gesaimnte Land vom Molutaflusse bis zum Calc- don, dann auch ein Theil der Region an, Putesanaflusse von Menschenfressern bewohnt, welche Schrecken unter den umwohnenden Stämmen verbreiteten. Sie schickten Jagd- partien aus, welche sich in der Nähe betretener Pfade oder Gärten, Triften oder Tränkeplätze» in Hinterhalt legten und cS vorzugsweise auf den Fang von Frauen und Kindern abgesehen hatten. „Noch heute leben viele alte Eannibalen, und an demselben Tage, an welchem ich jene Höhle besuchte, machte ich mit einem derselben Bekanntschaft. Er ist nun etwa scchszig Jahre alt. Als er noch in der Höhle hauLte, sing er einst drei junge Weiber; davon nahm er eins zu seiner Gefährtin, die beiden anderen wurden gekocht. Jene Ehe ist dann eine recht glückliche gewesen, und die Frau Gemahlin hat sich bald au die neue Lebensweise gewöhnt; man zeigte mir den Winkel, welcher dieser glücklichen Familie zum Aufenthalte gedient. Ein Sprößlmg derselben, ein hübscher, strammer Junge, brachte mir Milch. Der Mann heißt Nantlutscnt, die Frau Matcgycni. Als ich die Höhle verließ, fand ich einen zerbrochenen Kinderschadcl, welcher gleichsam als Blumentopf für eine Knollcnpflanze, eine Asphodelacec, diente. „Ich habe mit einigen Freunden auch mehrere Cannibalcnhöhlcn an den Quellen deS Caledon besucht. Masche derselben sind geräumig, aber keine ist so groß, wie die eben beschriebene in der Nähe von Thaba Bosin. Jene Caledon-Höhlen werden noch jetzt bewohnt, aber nicht mehr von Cannibalen. Dort erzählte mir ei» alter Wilder, daß er in der guten, alten Zeit etwa dreißig Menschen gekocht habe; er hielt cS für sehr ungerecht und abgeschmackt, daß daS Mensebenkvchrn in Abgang gekommen sei. Es schein!, als ob für manche Leute ein großer Reiz im Eannibalismus liege Einst wurde ein 263 hübsches, junges Mädchen geraubt, aber nicht verzehrt, «eil einer der Wilden eS zn« Weibe nahm. Nach Verlauf einiger Zeit kam der Vater in Begleitung eines Missionär- in die Höhle und löste sein Kind auS; der Preis betrug ein halbes Dutzend Ochse». Ein Paar Wochen blieb die Cannibal-Gattin bei ihren Eltern, aber eines schönen TageS entlief sie wieder und blieb dann bei ihren Freunden in der Höhle. „In früherer Zeit waren in dieser ganzen Gegend Löwen in großer Menge vorhanden. Manche derselben zogen das Fleisch des Menschen allem Anderen vor - - und wurden namentlich auch den Höhlen-Cannibalen lästig und gefährlich. Diese verfertigten uun, um die thierischen Camubalen zu fangen, steinerne Fallgruben; als Köder warfen sie Kinder hinein, welche durch ihr Schreie» und Wimmern die wilden Thiere herbeilockten! Bei Thaba Bosiu lebt noch jetzt eine alte Frau, die mir selber erzählte, daß sie als Köder in cine-Löwenfallc geworfen worden sei; die Bestien waren jedoch nicht erschienen, und so hatte man sie nach Verlauf einiger Zeit wieder herausgenommen. „Alle diese Höhlenbewohner sind Unterthanen Moschesch's, die aus den Ucbcrrestcn verschiedener Stämme bestehen. Der alte Häuptling gab sich die größte Mühe, den CannibaliSmus unter seinem Volke auszurotten, und am Ende setzte er die Sache durch; fast Alle haben den barbarischen Brauch aufgegeben; sie sind Viehzüchter, Vichdicbe und treiben auch etwas Ackerbau." Miscelleu. Ein merkwürdiges Schauspiel auf dem Gebiete der Ex- und EndoS-Mose gab der berühmte englische Münzmcistcr, Mr. Graham, unlängst den Besuchern seines Laboratoriums. Mctalldrähte wurden lebendig, streckten und dehnten, krümmten und wandten sich wie Schlangen. Die Drähte, bandartig durch s Wasser gezogen, bestanden aus dem Metalle Palladium und standen mit den Polen einer elektrischen Batterie in Verbindung. So wie der Strom auf sie wirkte, wickelten sie sich schnell aus, dehnten sich auS und streckten sich wie lebendig. Jetzt wurde der elektrische Strom umgekehrt und die langgestreckten Schlangen krochen wieder zusammen, — bis sie die ursprüngliche Gestalt und Größe wieder erreicht halten. Dabei zeigte er durch geniale Apparate, daß diese Ausdehnung durch Vcrschluigung verhältnißmüßig ungeheurer Massen von WassersiosfgaS oder Hydrogcn entstanden war, und durch llmkchrung des elektrischen Stromes das verschlungene Hydrogcn wieder frei ward. Dieß ist zugleich der natur- wisscnschastlich-unumstößliche Beweis, daß diese leichteste aller Lnftarten ein Metall ist, wie eS denn auch unter dem Namen Hhdrogcnium unter diese Gattung von elementaren Körpern bereits vffieicll angenommen worden ist. Mau kann nun auch schon ohne Leichtsinn behaupten, daß alle anderen Arten unserer atmosphärischen Luft metallischen Charakters sind, und unter Umständen noch als solche gefesselt und dargestellt werden können. Die alten Alchemisten versuchten auS unedlen Metallen Gold zu machen; wer weiß, was künftige naturwissenschaftliche Zauberer noch aus der Luft schassen und schöpfen werden! Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, daß mau Wafserstoffgas in Form von Viergroschcn-Stückchcn in luftdichten Taschen bei sich trage, diese nach Bedürfniß entfessele, so die Taschen in einen Luftballon verwandele, und durch die Lüste fliege, was wenigstens eine bessere Neuerung sein würde, als die jetzt zur Manie werdenden ftrampelbcinigen Fahrfoltcrn oder Vctocipedcs. Und besteht nicht unsere Nahrung wesentlich aus Luflartcn? Diese müssen erst mühsam durch Pflanzen und Thiere in verdauliche Nahrung umgewandelt und verdichtet werden. Warum sollte es einem künftigen Genie von Chemiker nicht gelingen, eine Art von Zauber-Kochapparat zu erfinden, welcher auf der einen Seite die atmosphärische Luft mit den reichen Bestandtheilen von Stickstoff, d. h. wesentlich fleischlichem Nahrungsstvff, einzieht, um sie auf der anderen Seile als Beefsteaks oder gebratenes Geflügel mit Sauce von sich zu geben ulid uns durch eine anderweitige mechanische Vorrichtung appetitlich aufzutischen? 264 Wachte Wie frisch erquickt, wie frisch erquickt Der munt'rc Wachtelschlag, Wenn's »uS dem Kornfeld bickberwickl Am heißen Sommcrtag! Das klingt aus »oller Brust so hell Wie sprudelnd »uS dem Fels ein Quell. „Sei wihlgemuth! Sei wihlgemuth!" Das ist der Wachtel Nath. Brennt noch so heiß der Sinne Gluth Nur fröhlich bei der That! Ein fröhlich Singen spät uud früh Versüßt des TagcS Last und Müh'! „Vertrau' dem Herrn! — Vertrau' dem Herrn!" DaS ist der Wachtel Ruf. Der Herr behütet jährlich gern Die Saaten, die er schuf; And ab eS donnert, blitzt und kracht, Gctrrst, der Herr im Himmel «acht! l s ch l a g. „Gott Lob und Preis! — Gott Lob «nd Preis!" Das ist der Wachtel Lehr'! Die Felder sind zur Ernte weiß, Gebt unserm Gott die Ehr'! Für jede Garbe: „Gott sei Dank!" Die unter eurer Sichel sank! „Vergeht nicht mein! Vergeht nicht mein!" Das ist der Wachtel Bitt'. Und räumt mir auch ein Ncstchcu eiu Von eurem Aehrenschnitt; Vergesset nicht deS Armen heut, Wenn euch der gute Tag erfreut! „Behüt' euch Gott! Behüt' euch Gott!" DaS ist der Wachtel Gruß. E< naht die biit're WiuterSnoth, Darum ich scheiden muß; Der Herr bewahr' euch Alle fromm. Bis über'S Jahr ich wieder komm'! Der Gebrauch der Gabeln wurde lange Zeit bei Tafel als überflüssig betrachtet, so groß auch in anderer Beziehung der gastronomische Luxus früherer Zeiten war. Uebcrhaupt herrschten im Mittclaltcr eigenthümliche Tafelgebräuche. So hatte beispielsweise bei der Krönung der Königin Anna Bolena eine Dame den beneidens- werlheu Platz zu den Füßen der Königin unter dem Tische, und dabei das Amt, der Letzteren ein Tuch vorzuhalten, wenn sie ausspeie, oder, wie es wörtlich heißt, „anderweit ihre B.qucmlichkeit haben wollte." Die stolze, „jungfräuliche Königin" Elisabeth aß mit den Fingern, obwohl damals schon Gabeln bekannt waren; denn das Vorurtheil gegen dies Instrument war damals unter den höheren Classen so groß, — wie es in unserem Jahrhundert unter deu niedern gegen das Maschinenwesen war. Ein Geistlicher predigte im Jahre 1612 gegen den Gebrauch der Gabeln, — als einer „Schmähung gegen die Vorsehung, seine Nahrung mit den Fingern anzugreifen." Noch vierzig Jahre später ersehen wir aus einer Schrift, die 1652 herauskam: „Der Gebrauch silberner Gabeln ist in der jüngsten Zeit von einigen Stutzern aufgebracht worden; er verpflanzte sich von Holland nach Italien, und von dort nach England." Noch lauge Zeit nach ihrer Einführung wurden sie als ein Zeichen der höchste» Stutzcrhasligkeit angesehen. (DaS reicht nicht.) Ein Pariser, der dir wenig löbliche Angewohnheit hatte, sich regelmäßig drei Mal die Woche zu betrinkcn, seine lichten Augenblicke aber dazu benutzte, seine Frau zu Prügeln, faßte den Entschluß, sich seiner werthen Ehehälfte ganz zu entziehen. Er verschwand von Paris und schrieb seiner Gattin von Havrc aus, daß er sich auf einem Schisse von 500 Tonnen nach Amerika einschiffe. „Fünfhundert Tonnen," sprach «achsinnend seine Gattin, „wenn die Uebcrfahrt lange dauert, wird das Quantum kaum reichen." Ein ziemlich ruinirter Börsenspekulant legte sich auf die Schriftstcllcrei. Jemand sagte von ihm: „Erst hat das Papier ihn ruinirt, jetzt ruinirt er das Papier." Druck, Lerlog und Redaction des Literarnchen Instituts von llr. M. Huttler.