Aro. 34. 22. August 1869 „Es gibt keine Klöster, die nicht menschlichen Natur Ehre machen." bewunderungswürdige Seelen in sich bergen, die der Voltaire. Lssai ,ur le inoours c. 139. Der Wunder-Doetor. Drittes Kapitel. Die Begegnung im Walde. Als die Schützen wieder unter fröhlicher Musik und in derselben Ordnung, in der sie ausgezogen, !» dem Hause des Richters angekommen waren, fanden sie daselbst eine reich besetzte Abend-Tafel. Die Spielleute hatten ihre Plätze in der Stube eingenommen und musicirten frisch darauf los, während die Schützen den aufgetragenen Speisen und dem Weine tapfer zusprachen. Nach dem Mahle begannen die jüngern Schützen einen Tanz mit den Dirnen, bei welchem Franzl als Schützenkönig den Vortänzer machen mußte. Von den Andern dazu aufgefordert, näherte er sich daher der Tochter Silbermüllcrs, und bat sie, den ersten Walzer mit ihm zu tanzen. Lcni, welche an den Mienen ihres Vaters wohl abnehmen konnte, daß er es lieber sähe, wenn sie Franzl eine abschlägige Antwort geben würde, getraute sich doch nicht, dieses zu thun, da sie wußte, daß kein Mädchen dem „Schützenkönig" den ersten Tanz verweigern dürfe. Sie reichte daher, obwohl etwas zögernd, dem Bittenden ihre Hand, und Beide begannen, unter dem Beifallsklatschen der Menge und dem fürchterlichsten Wüthen der Spiellcutc, den Walzer. Bald aber drehte sich Alles in lustigen Wirbeln, nur die Aeltcren waren bei ihren Krügen sitzen geblieben, und sahen, mit Ausnahme Silbermüllers, mit Wohlgefallen der Lustbarkeit des fröhlichen jungen Volkes zu. „Um's Himmelswillen," flüsterte Leni, als sie sich unbemerkt sah, zu Franzl, „suche den Vater wieder zu besänftigen, — er ist schrecklich „aufgebracht" gegen Dich. Der Wildhaucr — " Da kamen sie wieder in das Gewirre und Lcni mußte abbrechen. Stach Beendigung des Tanzes führte Franzl seine Tänzerin wieder zu ihrem Vater zurück, aber Dreißlcr und Wildhaucr hatten daselbst die noch unbesetzten Stühle bereits eingenommen, so daß Franzl gezwungen war, — sich Platz an einem anderen Tische zu suchen. Vergebens versuchte er mehrere Male sich dem Silbcrmüller oder seiner Tochter zu nähern, immer wußten Wildhaucr und Dreißler ihn daran zu verhindern, und so geschah es, daß die Stunde zum allgemeinen Aufbruche gekommen war, ohne daß die Feindseligkeit zwischen ihm und Silbermüller beigelegt worden wäre. Franzl hoffte am nächsten Morgen Gelegenheit zu finden, mit ihm auf dem Wege nach seiner Heimath zusammen zu kommen. Flüchtig nahm er daher mit Anbruch des Tages von dem Schützcnmeistcr und den andern Bekannten Abschied, als er hörte, daß sich der Silbcrmüller mit seiner Tochter bereits entfernt habe, und verfolgte die Straße nach dem Unterinnthale, welche sie ebenfalls eingeschlagen haben mußten. Er war noch 266 keine halbe Stunde rüstig fortgeschritten auf der an den nackten, — himmelanstrebenden Felsen sich fortschlängelnden Bergstraße, als er schon dpn alten Silbermüller mit seiner Tochter im Geleite jener beiden Tiroler in der Ferne ansichtig wurde, und daher seine Schritte verdoppelte. Bald hatte er die Wanderer eingeholt, und trat mit seiner gewöhnlichen Freimüthigkeit zu dem Alten, welcher ihn kaum anblickte. „Silbermüller," redete er diesen an, „Du hast einen Groll auf mich, dessen Grund Du mir erst entdecken mußt, da ich mich nicht erinnern kann. Dich auch nur mit einem Blicke beleidiget zu haben." „Hast, scheint's, gar ein kurz Gedächtniß," erwiderte rauh der Alte. „Aber wozu noch Erklärungen? Du weißt, was Du zu erwarten hast — d'Lenerl bekommst nit." „ES müßt' denn sein," lachte Dreißlcr, „der Erzherzog von Oesterreich wirbt selbst um sie für Dich beim Silbcrmüllcr." „Silbermüller," sprach Franzl, durch den Spott auf's Acußcrstc gebracht, — und vertrat dem Alten den Weg, „schaust, ich laß Dich nit von der Stell', bis Du mir nit die Ursach' Deiner plötzlichen Feindschaft sagst." „Bube!" — brauste dieser auf, „willst Du mich noch einmal höhnen, wie Du es schon gethan hast, als mir der zweite Schuß mißlang?!" „Ich Euch gehöhnt?" fragte Franzl voll Erstaunen. „Schaut's, jetzt spielt er noch gar den Unschuldigen," bemerkte Dreißlcr halblaut, sich zu Silbermüller wendend. „Stand ich doch selbst neben Dir, als Du ein schallendes Gelächter aussticßest, — wie der-Silbermüller fehlte," — sprach jetzt Wildhauer, mit frecher Stirne vor Franzl hintretcnd. „Elender Vcrläumder!" schrie dieser außer sich und schlug den Wildhauer so gewaltig in's Gesicht, daß er zu Boden stürzte. „Was? Du willst Dich an uns vergreifen?" rief Dreißlcr, indem er mit erhobenem Alpeustocke auf Franzl zusprang. „Vater! um's Himmelswillen," schrie Leni in heftigster Angst. „Keinen Schritt vorwärts. Du elender Mensch," donnerte Franzl, indem er seine Armbrust auf Dreißlcr anlegte, vor welcher dieser voll Schrecken einige Schritte zurückprallte. „Ich weiß nun, was die Ursache ist," fuhr Franzl hierauf fort, „und werde mit Euch Beiden noch darüber rechten. Du aber, Silbcrmüllcr, sei nit zu voreilig. — Wir werden uns wiedersehen, wenn Du ruhiger geworden bist." Mit diesen Worten war er in dem nahen Fichtcnwalde verschwunden. Schimpfend hatte sich indeß Wildhauer, der durch den Schlag zwei Zähne eingebüßt hatte, von der Erde aufgerafft und schwur, sich blutig für diese Beleidigung an Franzl zu rächen. Auch Dreißlcr stimmte in dieses Lied ein, und spie alle seine Galle auf den jungen Schützen aus. Nur Silbermüller, welcher mit seiner Tochter ganz verwundert der unerwarteten Begebenheit zugesehen halte, war nachdenkender geworden, und ging schweigend an Leni's Seite die Bergstraße hinan, welche sich um das kahle Fels- gebirg nach dem Dörfchen Straß himvand. Franzl aber war, fast außer sich vor Wuth und Verzweiflung, durch das Dickicht des Waldes fortgerannt, — ohne selbst zu wissen, wohin er eigentlich wollte. Immer wüster und fürchterlicher wurde die Wildniß um ihn her. Ungeheure Kalkfclscn, die von oben bis unten zum Theil geborsten, zum Theile in Steinströme zerbröckelt waren, — ragten an beiden Seiten zwischen wild verworrenem Gestrüppe und verkrüppelten Nothtannen empor. Viele dieser Bäume lagen zerschmettert, astlss und dürre durcheinander hingestreckt, als das Denkmal einer Lawine, welche einst diesen Strich verwüstete. Es war eine Gegend, über welche die Natur alle ihre Schrecken verbreitet zu haben schien. Tiefe, melancholische Stille herrschte rings umher, — nnr zuweilen schlug das dumpfe 267 Gemurmel der Ziller an sein Ohr, welche tief in den Schluchten unter beständigem Falle fortströmt und sich einen Ausweg nach dem Jnn durch diese Felsenlabyrinthe bricht. Um so mehr mußte es ihn in Verwunderung setzen, als er in dieser schauervollen Wildniß Plötzlich eine kreischende männliche Stimme vernahm. Rascher vorwärts schreitend aber stellte sich ihm gleich darauf eine Scene dar, welche er am allerwenigsten an diesem Orte zu sehen erwartet hatte. Er war nämlich kaum einige Schritte durch das Dickicht vorgedrungen, — als sich dieses endigte und er vor sich einen öden Felsenkcfsel erblickte, aus welchem die Töne gekommen waren. Der Inhaber dieser Stimme aber war Niemand Anderer, als jenes kleine, braune Männchen, dessen Bekanntschaft er schon in der Schenke zu Zell gemacht hatte, und das mitten im Thäte, in der Rechten eine Rolle Papier haltend, mit welcher es, wie ein Geisterbeschwörcr, die Lüfte durchfocht, gar heftig hcrumsprang und für Franz! ganz unverständliches Zeug vor sich hin schrie. Franzl konnte sich nicht anders denken, als daß der Alte verrückt geworden sei, als ihn dieser mit Einemmale erblickte, sogleich seine seltsame Lustbarkeit einstellte, und einen Folianten und mehrere Schriften, die zerstreut im Moose umherlagen, auflas. „Was treibst Du hier für tolles Zeug, Alter?" fragte Franzl mit unmuthigem Gesichte. „Tolles Zeug?" antwortete der Kleine. „I nu, wie man's nimmt. Was der Eine für klug hält, kommt dem Andern wie toll vor. Ich freue mich eben über meine gelungene Entdeckung, von der Du freilich nichts verstehst — und wenn ich mich recht freuen will, so geh' ich in den dicken Wald, da freuen sich die Vöglein auch und die Quellen, und das Laub am Baum, da singt und murmelt und säuselt Alles mit. Die Menschen können das viel weniger, das macht, weil ihnen die alte Schlange „Inviäia^ im Herzen sitzt, die immer hervorguckt, so oft ein Anderer glücklicher geworden ist, als sie." „Du hast nicht ganz Unrecht, Alter," erwiderte Franzl nachdenkend, „und darum möchte ich Dich um Rath befragen," setzte er nach einer kleinen Pause hinzu; „Du bist , zwar ein sonderbarer Kauz, wie mir noch kein Zweiter je vorgekommen, aber Du scheinst mir trotz Deiner Narrheit doch vernünftiger, als die Anderen alle. Schaust, — d'rum möcht' ich Dich fragen, was ich in meiner schlimmen Lage, die Deiner Voraussagung > nach jetzt wirklich eingetroffen ist, unternehmen soll." „Hm, Du machst gar sonderbare Complimente," erwiderte der Kleine, „aber rücke heraus, doch schnell, ich muß heute noch vor Mittag in Straß sein." „Auch mein Weg führt dahin," sagte Franzl. „Nun, so laß uns aufbrechen," erwiderte Jener, indem er seine Taschen mit den Büchern und Schriften vollstopfte, den Folianten unter den Arm nahm, und mit einem schwarzen abgenützten Sammtbarctt das kahle Haupt bedeckte. „So, jetzt osserire mir , Deine Fatalitäten, wir wollen sehen, wie ihnen abzuhelfen." Hierauf machten sich Beide auf den Weg, und Franzl erzählte dem Kleinen ohne Umschweife das Vorgefallene. Der Kleine schüttelte Anfangs den Kopf, wurde aber immer heiterer, so daß er am Ende der Erzählung in ein lautes, schallendes Gelächter ausbrach, worüber Franzl fast zornig wurde. „Er verweigert Dir also hartnäckig die Dirn?" fragte hierauf der Kleine. „Er will nichts mehr von mir wissen," cntgegnetc Franzl. „Uono, Iiena," rief Jener, „und der Maximilianus" — hier brach er wieder in ein unmäßiges Lachen aus — „soll für Dich werben?" s ,,Ja," sagte Franzl, „mit diesen Worten hat er mich gehöhnt.* 1 „Lnno, optime," rief der Kleine abermals. ! »Hcrr," donnerte der junge Schütze, „jetzt hab' ich's aber g'rad genug —" „Irumrns, Bürschchcn, taoeas!" sprach hierauf der Kleine, indem er die buschigen ' Augenbrauen zusammenzog, so daß sie einen Triangel bildeten, „nur mir gefolgt. — 268 Nicht so hitzig, der Hohn soll Ernst werden. Ich stelle Dir den Brautwerber. Noch eins, wo ist dermalen der Alte mit seiner Tochter?" „Sie müssen heute gegen Mittag das Dörfchen Straß erreichen," antwortete Franzl. „Gut," — kicherte der Kleine wieder, »heute noch soll der Maximilianus für Dich werben. Mein Wart darauf." „Wie?" — fragte Franzl erstarrt, „der Erzherzog?" „Nun ja, der Erzherzog von Oesterreich soll für Dich werben. Jetzt folge mir nur, und kümmere Dich um nichts weiter. Dachte ich's doch gleich, daß eS solch' eine Kleinigkeit sei. Wenn aber Euch Menschenkindern das Geringste über die Quere-- Sieh' da," rief er Plötzlich, indem er vor einer Alpenschnecwurz am Wege stehen blieb, »eine wunderschöne pinc;uioulu ulpinu, ein prachtvolles Exemplar, das kann ich hier «icht stehen lasten." »Aber Herr," fragte jetzt Franzl, „wie willst Du es anfangen?" „Abschneiden," antwortete der Kleine. „Ach, ich rede nicht von der Pflanze hier, sondern von dem Erzherzog —" versetzte Franzl ärgerlich. „Ja so," — fuhr der Kleine fort, während er mittelst eines Messers die Pflanze von dem Stengel trennte, und sie in seinen Folianten legte. „Nichts leichter, als das. Der Erzherzog ist eben auf der „Gemsjagd" in dieser Gegend, und bleibt heute über Mittag in Straß. Horch, hörst Du die Jagdhörner?" In der That vernahm Franzl die Klänge von fernen Hörnern, lustig durch da» Gewälde schallen. „Aber — sag' mir nur, Alter, Du bist doch nicht ein Herr aus des Erzherzog'» Gefolge?" fragte Franzl. „Stellenweise zur Unterhaltung, ja, — doch laß uns jetzt lieber die Füße als die Zunge in Bewegung setzen," ermähnte der Kleine, „damit wir noch zu rechter Zeit unser Ziel erreichen." „Nun, in des Himmels Namen," rief Franzl, indem er die Armbrust wieder über die Schulter warf, und seinem spindeldürren Gelcitsmanne folgte, der mit einer wunderbaren, seinem Alter kaum zuzumessenden spinncnartigen Behendigkeit den Pfad, welcher sich Hinwand, vorauseilte. Während dieses in dem öden Felsenthale vorgefallen, hatte der alte Silbermüller mit seiner Tochter bereits die Herberge in Straß erreicht, wo derselbe aber viele Waid- mannsleute und Ncitcrbuben mit ihren Rossen angetroffen. Er zog gar höflich den Hut vor ihnen und befragte sie, was sie hier vorhätten? „Wir erwarten den Erzherzog von einer Gemsenjagd," sprachen Einige. „Den Erzherzog?" fragte Silbermüller. „Ja," antwortete der Befragte, „er wird hier seinen Mittags-Jmbiß nehmen." „Da kömmt er schon! Da kömmt er schon!" riefen die Anderen, während laute» Hörnergetön vernehmbar wurde und auf der Bergstraße Staubwolken aufwirbelten. Freudig überrascht, den geliebten Landesherr», den er vor vier Jahren das erste Mal bei einem Rennen zu Innsbruck gesehen hatte, jetzt wieder zu erblicken, drängte sich Silbermüller, den Hut unter'm Arm, — mit seiner'Tochter an das Thor der Herberge welches Jener passiren mußte. Die Jagdhörner waren indeß immer näher gekommen, deutlich erschallten die munteren Weisen. Jetzt kam der herzogliche Jäger hcrangebraust, neben ihm Graf Falkcnstcin, Freiherr Hendl von Goldrain und noch gar viele andere vornehme Ritter und Herren, Alle in grünen Jagdwämscrn mit wehenden Federbüschen auf den Hüten. Mit freudigem Jubel umdrängte das Landvolk seinen geliebten Landesfürsten, der eS mit freundlicher Herablassung begrüßte. 269 Vor der Herberge angelangt, sprang Max mit der Leichtigkeit eines gewandten Reiters von dem schäumenden Rosse, und wandte sich zu dem Grafen Falkenstein und dem Freiherr» Heindl von Goldrain, welche ebenfalls abgesessen waren, und sich ihm mit entblößtem Haupte näherten. Nachdem er einige Worte mit ihnen gewechselt, grüßte er noch einmal Alle freundlich, mit seinem Adlerblicke die Anwesenden überfliegend, und trat in die Herberge, aus welcher ihm der Eigenthümer derselben unter fortwährenden Bücklingen entgegen kam. Die beiden erwähnten Herren und noch vier andere, welche sich in dem Gefolge befanden, folgten dem Erzherzoge. Silbcrmüller hatte kein Auge von Max verwendet, und stand noch immer, wie Leni, in freudiger Aufregung an der alten Stelle, als sich ihm Dreißler näherte und hämisch lachend zuflüsterte: „Na, — wenn das der Franz! wüßte, so könnte er gleich den herzoglichen Herrn um seine Fürsprache bei Euch bitten." „Keinen Scherz mit der Person unseres Max!" cntgegnete der Silbermüllcr entrüstet, faßte sodann die Hand seiner Tochter und folgte der Menge, welche sich in die allgemeine Schenkstubc drängte. „Hm!" brummte Dreißler, dem Alten einen bösen Blick nachwerfend, „das Eisen ist noch nicht heiß genug geschmiedet, aber Geduld, — an den Schmied-Gesellen soll es nicht fehlen!" (Forts, f.) (Eine äsopische Fabel.) Es kamen einmal der Thiere mancherlei in einem großen Walde zusammen, ohne sich aufzufressen, obschon sie sonst.Todfeinde waren. Da waren zu sehen der Fuchs und der Schakal, der Affe, das Kamcel und der Wolf — sondcrhcitlich aber viele Esel. — Und es redete der Fuchs und sprach: Meine Herren! Sehr würdige Gcsinnungs - Genossen und Freunde! Wir Alle huldigen der zeitgemäßen Bildung, wir Alle wandeln im Lichte der höchsten Aufklärung, und unsere erste Aufgabe ist und bleibt, die ultramontancn Geistcssinstcrnisse, so aus vergangenen Zeiten noch in unser Jahrhundert hereinragen, mit allen Mitteln zu verscheuchen, und den Tag herbeizuführen, an dem die Sonne vollgcrcifter Intelligenz die Ricscngräber überwundenen Aberglaubens triumphirend beleuchtet! — (Die ganze Versammlung fühlt sich gehoben; zwei alte Esel umarmen sich.) — Sie haben gehört, meine Herren, von der Krakauer Geschichte! Gelegener, ich versichere, konnte nichts in diesen Tagen uns kommen, — in diesen Tagen, wo bereits durch verunglückte Arbeiten Vieler das große Werk Gefahr zu laufen im Begriffe war. Aus dieser Klostcraffaire muß darum möglichst Kapital geschlagen werden. — Das Kamecl: Ja, ja, da muß Etwas geschehen um jeden Preis! Ich weiß zwar nicht, was — aber Etwas muß geschehen, so viel sage ich! — Der Affe: Das macht man einfach so, man muß diesen Fall sofort nach unserer Art pikant zurichten, das Fenster der bewußten Zelle gänzlich „vermauern", eine Masse Todten- schädel, Gerippe, Folterwerkzeuge ringsum anhäufen, die Grüuelthatcu der letzten sechs Jahrhunderte sammt allen mitternächtlichen Leihbibliothek-, Schand- und Schauer- Geschichten nach Spieß, Krämer und Dellarosa dem Ultramontanismus beherzt in die Schuhe schieben; mit einem Worte: das Ganze zu einem derartigen Bissen präpariren, daß für zeitgemäße Kost auf wenigstens zwei Monate gesorgt ist. — Der Schakal: Der Affe hat Recht, so muß die Sache angefaßt werden. Was mich betrifft, so werde ich als Corrcspondcnt der „verwunschenen Stalllatcrne" das Erreichbare leisten. — Ein Esel: Aber, wenn wir zu Viel sagen, kommen unliebe Berichtigungen. — Der Schakal zum Wolf in's Ohr: Diese Esel wissen noch nicht, daß wir Berichtigungen uns grundsätzlich verschließen. — Der Wolf: Zählen Sie, meine Herren, auf meine volle Mitwirkung. Als Redakteur der „Schaftrünke" werde ich nichts versäumen. — Der Fuchs: Meine Herren, ich danke Ihnen im Voraus für die rege Theilnahme, die Sie der angeregten Arbeit zu widmen gedenken. Auf diese Weise können wir noch Viel wirken für unsern Zweck. Ich halte die Sitzung für geschlossen! — (Nachdem sie noch 270 ihr BundeSlied geheult, verloren sich die Thiere, jedes in sein Gebüsch.) Diese Fabel aber zeigt, wie man „öffentliche Meinung" macht! -r. Merkwürdiges Zahlen-Verhältniß. * London, den 10. August. Zwischen der Geburt Ludwig's des Heiligen von Frankreich und jener Ludwig's XVI. verflossen bekanntlich 539 Jahre, denn Ludwig der Heilige wurde geboren.1215 fügt man die Distanz von so hat man das Geburtsjahr Ludwig XVI. Geburt der Prinzessin Jsabella, der heiligen Schwester des heil. Ludwig fügt man die Distanz hinzu so hat man das Geburtsjahr der gottseligen Prinzessin und Martyrin Elisabeth, Schwester Ludwig's XVI Tod Ludwig's VIII., Vater des heil. Ludwig . dazu die bekannte Distanz .... Tod des Dauphin Ludwig, Vater Ludwig's XVI. Vermählung Ludwig's des Heiligen dazu die Distanz. Vermählung Ludwig's XVI. Thronbesteigung Ludwig's des Heiligen dazu die Distanz ...... Thronbesteigung Ludwig's XVI. Ludwig der Heilige schließt siegreich Frieden mit Heinrich II! hiczu die bekannte Distanz .... Ludwig XVI. schließt siegreich Frieden mit Georg III. Ludwig der Heilige wird gefangen . hiezu die Distanz. Ludwig XVI. wird am 6. Oktober 1789 gefangen Ludwig der Heilige ist in der Gefangenschaft von den Seinen verlassen. hiczu die Distanz . . ... Ludwig XVI. Familie flüchtet sich in's Ausland Stiftung der Pastoral-Innung, deren Vorsteher Jako später apostasirte . hiezu die Distanz Anfang der Jakobiner durch einen Priester-Apostaten . 539 Jahren hinzu. 1754 1223 539 1764 1226 539 1765 1226 539 '1770 1235 539 1774 1243 539 71782 1250 539 -1789 1250 539 1789 1250 539 1789 Ludwig der Heilige will die Welt verlassen, um sich zu den Jakobiten in die Einsamkeit zurückzuziehen . . 1254 hiezu die Distanz.539 Ludwig XVI. ist den Jakobinern preisgegeben . . . 1793 Ludwig der Heilige besucht in Folge eines Gelübdes auf seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft die Kirche der heiligen Magdalcna in der Provence . . . 1254 hiezu die Distanz . ..539 Ludwig XVI. stirbt auf dem Schaffst; sein Leichnam wird auf dem Kirchhof St Magdatena beerdigt, und von den Bewohnern der Provence dahin begleitet . . 1793 27 l ^ (Eine Rechnung über Menschenfleisch.) Ein Correspondent des „Boston Travellcr" schreibt von Port Hudson, Louisiana, unter Anderem: „Man sagt uns, daß alle alten Pflanzer von Louisiana eine genaue Rechnung über alle frei gewordenen Sklaven aufgemacht haben, damit sie solche sofort überreichen können, wenn die Regierung kommt, die Sklaven zu bezahlen, was, wie sie glauben, eines schönen Tages geschehen wird. Wir haben eine solche Rechnung in richtiger Form, d. h. nach des Pflanzers Idee, aufgemacht — gesehen, nnd da wahrscheinlich wenige unserer Leser ein solches Documcnt vor sich gehabt haben, so geben wir es hier in treuer Uebersetzung: Die federalen Autoritäten schulden an Nathan Foeling: Für die nachbenannten Sklaven, welche dem Unterzeichneten ungesetzlicher Weise genommen nnd in Freiheit gesetzt sind, gegen das Recht ihres Eigenthümers und entgegen dem bestehenden Urtheil aller christlichen Männer und Frauen: Joseph, 55 Jahre alt, einäugig und ein wenig lahm; 1860 wurden 500 Dollar für ihn geboten, berechne den Behörden jedoch nur . 230 Doll. Caleb, ungefähr 32 Jahre alt, etwas schwindsüchtig, aber nicht bedeutend 600 „ Sam, ein Junge von 23 Jahren, sehr lebhaft, wurde von einem Pferde in den Rücken gestoßen, was ihn aber zur Feldarbeit nicht unfähig macht. 900 „ Sarah, Dienerin im Hause, nett und aufgeweckt .... 500 „ Jmi, ein großer Junge, Gewicht 190 Pfund, 29 Jahre alt, arbeitet ohne Aufseher .. 2200 „ Dinah, ein lOjährigcs Mädchen, sehr aufgeweckt und zutraulich . 400 „ Old Salomon, 74 Jahre alt, gut zum Kornausziehen und zum Baumwolle-Aushülsen zu gebrauchen. 300 „ Betsey, Frau Caleb's, 30 Jahre alt, hat gesunde Zähne und flinke Hände, ist gesund. 800 „ Betsey und John, ihre Kinder, 3 und 5 Jahre alt,'alle fett und rund (100 Doll. pr. Stück). 200 „ Verna, ein kräftiges Hausmädchen, sehr niedlich und bescheiden, fast weiß, von guter Gemüthsart, eine lirst-olass-Hand als Haus- Mädchen in eines Gentlemans - Familie. 1800 „ Obiges ist eine richtige Rechnung, die Preise niedriger als der wirkliche Werth meiner Sklaven, die mir von den federalen Behörden genommen sind, und für welche ich Zahlung verlange. Nathan Foeling." Miseellen. Unter der Ueberschrift: „Alljährlich sich wiederholende Aussprüchc eines Altenburger Bauers, auch anderswo zu hören," bringt die Oder-Zeitung Folgendes: „Die Witterig itz und is se gor nicht gut — gor nischt nütze, 'S regnet zur unrechten Zeit, 's is 'ne truckne Nässe und och so sehre dörre; 's werd e traurig Johr; 's wächst so viel Hunger- Kraut. — 's Korn wächst zu sehre uf cmol, un was übertrieben is, togt nicht; 's lernt nicht schütten; schiene stieht's, das is wohr, aber 's gibt nischt, mit en Worte. Qäcken sin och sehre viel drinne. — Un de Kärschen, die sin alle derfroren, un was do hie un da noch druf hängt, das Gutt derbarm, das frästen dc Sperlige un de Stobre. Wcnn's nicht regnt, wer'n se wohl süße, aber kleene bleib'» se, un 's fällt och so viel ab; der Boom hat kenne Nahrung. Wcnn's regnt, wer'n se wühl grüß, aber nich süße, se krieg'n kenn Geschmock. — De Sperlige un de Stohre sitzen den ganzen Tog d'ruf — schießen dorf mer nich d'ruf, un 's Geklapper wer'n die Luder gewohnt. — Klee gut steht er, wie c Wold, grüß un o viel, olles, olles — ober füttern thut er nich; 's Vieh werd krank darnach, un 'S gibt keene Milch; se fräffen sich den Wannst vull, aber weiter is nicht. — Kartoffel, da schießt ju olles in's Kraut — 's wird wenig oder gor nischt wer'n mit de Kartoffeln dos Äohr. — Gorken, für die is de Witterig gut, de Gorken verlangen Feichtigkeit un Wärme — aber 's Ungeziefer un de Schnäcken un do is och so c schwarzer Käfer un de Wärme — nee, mit de Gorken is olle Jahre waS! Kurz, is c traurig's Johr, hinten und vurne!" (Eine Nase als Erbin.) Ein reicher Particulier hat jüngst in London das Zeitliche gesegnet und sein großes, mehrere Millionen betragendes Vermögen, der Miß B. . . vermacht. Die Gcrichtspersonen stellten sich der Dame vor, um die Empfangs- - Bescheinigung des Legats zu erwirken; doch zu ihrem großen Erstaunen erklärte sie, den Erblasser nicht zu kennen. Doch, fügt sie nach einiger Ueberlcgung hinzu, führen Sie mich zu ihm hin. Bei der Leiche angekommen, wird deren Antlitz aufgedeckt und Miß B... stößt einen Schrei der höchsten Ueberraschung aus. Ich kenne ihn, sagt sie, das ist der Herr, der mich drei Jahre hindurch mit seinen Gunstbezeigungen verfolgt und selbst Verse auf meine Nase gemacht hat. Im Hyde-Park und Covcnt-Garden war er immer vor mir in Betrachtungen versunken. Bei der Eröffnung der Papiere des Verstorbenen fand man wirklich mehrere Episteln zu Ehren der hübschen Nase, und mehr als fünfzig Entwürfe derselben als Profil oder sn laos. Das Testament übrigens schloß mit folgenden Worten: „Ich bitte Miß B . . ., die Uebermachnng meine« ganzen Vermögens anzunehmen, zu gering noch gegen die unaussprechlichen Gefühle, die mir während dreier Jahre die Betrachtung ihrer Person, namentlich ihrer wundervollen Nase »erschafft hat!" Miß B. . . hat angenommen. Ein Opfer der Wissenschaft. (Französische Gcrichtsscene.) Der Präsident: Was ist Ihre Beschäftigung? — Der Angeklagte (nach einem Schluchzen): Opfer der Wissenschaft! — Was? — Opfer der Wissenschaft, ich wiederhole das; seit mehreren Jahren war ich hinterher, die relative Stärke der verschiedenen Alkohol-Flüssigkeiten cnd- giltig festzustellen. Die Entdeckung ist mir schließlich gelungen: der stärkste ist der Absynth. Ich habe vyn zwei bis zwölf Litres Wein getrunken, keine Wirkung; dann habe ich es mit einem Schoppen Branntwein versucht, wieder keine Wirkung; später griff ich zu acht Kannen Bier, abermals wirkungslos; endlich setzte ich noch ein kleines Glas Absynth auf, — und jetzt hatte ich den Finger auf dem rechten Loche: Das Problem war gelöst! W Warum ist wohl die Lerche so froh Und tirilirt und jubelt so? Warum? Sie saugt des Himmels Acthcr ein Und trinkt den funkelnden Sonnenwein, D'rum kann, d'rum kann ihr Herz auch fröhlich sein. a r u m? Die Blume, warum mit lachendem Duft Wiegt sie ihr Köpfchen in der Luft? Warum? Ihr Kelch wird ja von Thau nie leer, Ihr Köpfchen ist »on Wein so schwer, D'rum wiegt sie's, wiegt sie's lachend hin und her. Und ich mit trauerndem Gemüth Warum sing' ich solch' frohlockend Lied? Warum? Mir gaben's Lerchen und Blumen ein, . Daß man des Harmes kann beim Wein Vergessen und jubelnd singen und fröhlich sein. Druck, Verlag und Redaction des Literarifchcn Instituts von llr. M. Huttter.