Nro. 35 29. August 1869. Das Mutterherz ist der schönste und unverlierbarste Platz des Sohnes, selbst wenn er schon graue Haare trägt — und Jeder hat im Weltall nur ein einziges Herz. A. Stifter. Der Wunder-Doetor. (Schluß) Viertes Kapitel. Der kaiserliche Brautwerber. „Bleib' nur hier stehen," — sprach der Kleine zu Franz!, als sie die Herberge zu Straß erreicht hatten und durch den offenen Thorweg, welcher in der Umzäunung angebracht war, in den Hausflur traten. „Der Erzherzog ist schon hier angelangt, — nur muß ich erst sehen, ob er auch geneigt ist, Dich zu sprechen." Mit diesen Worten trat er zu einer Thüre, vor welcher zwei Waidgescllen standen welche ehrfurchtsvoll ihre Hüte vor dem Kleinen abzogen und ihm die Thür öffneten. Franzl konnte nicht begreifen, wer nur der räthselhafte Alte sein könne. In der Schenke zu Zcll hatten ihn Einige als Bergknappen, Andere als Zigeuner, wieder Andere als Marktschreier erkannt; er selbst hatte ihn so kurioses Zeug schwätzen hören, daß er mehrmals versucht gewesen war, zu glauben, bei dem Kleinen müsse es im Oberstübchen nicht ganz richtig sein. — Er konnte seine Nengicrde nicht länger zügeln und mußte ihr Befriedigung verschaffen. Er trat zu einem der Jäger, indem er den Hut rückte, und sprach: „Guter Freund, kannst Du mir nicht sagen, wer der Mann im braunen Rocke ist, der eben hier hineinging?" „Wie?" fragte der Waidmann, „Du kennst ihn nicht?" „I nu," antwortete Franzl, „ich kenne ihn wohl, aber nicht so genau, daß ich wissen könnte —" „Wessen Standes er ist, darüber kann ich Dir schon Auskunft geben. Er ist —" „Reinhold! Siegfried!" recf in diesem Augenblicke ein Ritter, aus dem Gemache des Erzherzogs tretend. „Sogleich!" entgegncten die beiden Jäger und folgten Jenem in das Gemach, die Thüre hinter sich schließend. Nun wußte Franzl wieder eben so viel, als er zuvor gewußt hatte. — »Nu, sei er wer er sei," — brummte er endlich vor sich hin, „wenn er mir nur meine Lenerl verschafft." Sticht lange, so öffnete einer der Jäger abermals die Thüre — und winkte Franzl hinein zu treten. Franzl folgte ungesäumt dieser Einladung, — obgleich ihm das Blut zum Herzen drang, da er, der noch nie mit einer höheren Person, als dem Pfarrhcrrn seines Ortes oder einem Vogte aus der Nachbarschaft, gesprochen hatte, jetzt vor den Landesherr», den gewaltigen Max, treten sollte. Doch faßte er sich bestmöglichst, riß den Hut vom Kopfe, und trat, den Daumen der linken Hand nach Landessitte in den Hosenträger gehäkelt, in die Stube. Diese war ein ziemlich geräumiges Viereck, ganz nach Art jener Landleute eingerichtet, und hatte zwei Fenster und einen Bettwinkel oder Alkoven, — welcher mittelst eines Vorhanges bedeckt war. In der Mitte der Stube war ein Tisch gedeckt, an welchem Erzherzog Max mit dem Grafen Falkenstein, Künigl von der Wart, dem Freihcrrn Handl und noch einigen Herren von seiner Begleitung saß. Hinter dem Erzherzog standen mehrere Knappen und Jägersleute, die ihn bedienten. Der Kleine war so eben von seinem Stuhle, der sich zunächst an jenem des Erzherzogs befand, aufgestanden, als Franz! eintrat. „Lccs suZitarium!^ sprach zu Max gewendet der Kleine. Aller Augen wandten sich nach Franzl, der einige linkische Verbeugungen machte, und dann, verlegen den Hut in den Händen drehend, stehen blieb. „Ei sieh'!" — rief Maximilian, als er ihn eine Weile angesehen hatte, „das ist ja, so ich nicht irre, — eine alte Bekanntschaft. Hast Du nicht vor zwei Tagen einem Gemsenjäger vom Gehänge am Hainzberge herabgeholfen?" „Wohl hab' ich das —" stotterte Franzl. „Nun, dieser Gemsenjäger war ich und bin Dir noch dafür zum Danke verpflichtet,, denn ohne Deine Beihilfe wäre es mir etwas sauer geworden, von dem Exile herabzu- kommen. Freilich war's nur ein Kinderspiel gegen die Martinswand bei Innsbruck, — aber einige Quetschungen hätte es dennoch abgegeben. „Wie mir dieser kleine Herr hier sagte, hat Dir Dein künftiger Schwiegervater die Hand seiner Tochter verweigert," — fuhr er nach einer Pause fort, „weil Du bei ihm verleumdet worden, und hat geschworen, — sie Dir nur dann zu geben, wenn der Erzherzog von Oesterreich um sie für Dich wirbt." „So ist's, gnädigster Herr," antwortete Franzl. „Nun, ich will meinen Dank für Deinen Waidmannsdienst dadurch abtragen, daß ich Dir die Dirne verschaffe. Wo hält sich jetzt der Alte auf?" „Er muß schon in Straß angelangt sein, oder ehestens hier anlangen." „Wie nennt er sich?" „Hans Silbermüller ist sein Geschlecht, aus —" Auf dieses flüsterte Max dem Grafen Künigl von der Wart, — welcher ihm zur Rechten saß, Einiges in das Ohr, worauf sich dieser sogleich entfernte. „Du bist aus Kleinboden," fuhr hierauf Max zu Franzl gewendet fort. „Aus Kleinboden im Unter-Jnnthal," antwortete dieser. „Kennst Du die Dirne schon lange?" „Ach ja," erwiderte Franzl. „Es mögen schon drei Jahre sein, daß ich der Silbermüller Leni zu Gefallen auf die Kirmeß nach Stcrzingcn kam, und seit dieser Zeit keine Kirmeß vorüber gehen lassen konnte, ohne hinüber zu kommen, um sie zu sehen." „Sie ist ein gar wackeres Geschöpf," fuhr Franzl fort, „und treuherzig und ehrlich. Doch wagte ich es niemals, um sie anzuhalten, obgleich Vater und Mutter mir schon lange anliegen, zu heirathcn; denn ich glaubte immer, sie sei viel zu hübsch für mich einfachen Buben, obgleich wir sonst gar gut zusammen paßten. „Bor einigen Tagen erst führte mich der Zufall zu Zell mit ihrem Vater zusammen, und das Gespräch lenkte sich eben auf's Heirathen und ich ersah, daß der Alte nit abgeneigt sei, mir seine Tochter zum Weibe zu geben. Da hielt ich um sie an und Silber- müller willigte ein — aber das verdammte Scheibenschießen, welches hierauf folgte, — machte Alles wieder zu Wasser." In diesem Augenblicke trat Graf Künigl von der Wart wieder in die Stube und sprach zu dem Erzherzoge: „Er ist bereits in Straß und befindet sich gegenwärtig sammt seiner Tochter in dem Gemeinde-Zimmer unserer Herberge." „Da hat der Zufall wieder einmal einen glücklichen Einfall gehabt, sie hieher zu führen," sprach Max. „Man rufe den Alten zu mir sammt seiner Tochter!" befahl er sodann, und zwei Jäger eilten zur Thüre hinaus, während er sein Gespräch mit dem 279 leider aber konnte man ihn eben doch nicht abweisen. Der Grund, warum? klärte sich alsbald auf, wie er in den Speisesaal eintrat — die Tafel bestand nämlich größtentheils aus oommis vo7NAeur8, — die sich sogleich über ihn hermachten, mit dem Tagesthema, der Krakauer Klostcrgcschichte, beginnend. Der Pfarrer, die Absicht derselben merkend, daß man ihn nur harranguircn und in Harnisch bringen wolle, nahm sich jetzt extra vor, nichts zu erwidern und ruhig dabei zu bleiben. Als alle möglichen Versuche der Handelsbeflissenen, seine Ruhe und seinen Appetit zu stören, nichts halfen, kannte ihr Aerger keine Grenzen und man reichte ihm nicht einmal mehr die Platten. Endlich sagte ein Anwesender: „Hören Sie, geistlicher Herr, Ihren Gleichmuth muß ich doch bewundern." „Ja, wissen Sie, sagte der Pfarrer, ich habe eben tagtäglich solche Gesellschaft um mich, wie diese da und da ist Gleichmuth sehr nöthig." „Ja, wer sind Sie den, mit Verlaub? welche Stellung bekleiden Sie?" „Nun, das kann ich Ihnen jetzt doch nicht gerade sagen", erwiderte der Pfarrer. Während dieses Gespräches hatte die ganze zahlreiche Tischgesellschaft nach und nach zugehorcht und immer mehr wurde in ihn gedrungen, sich zu erkennen zu geben. Endlich auf langes Zureden that er es: Ich bin, sagte er, der kath. Hausgeistliche der Irrenanstalt N. und nannte dabei den Namen einer weithin bekannten Heilanstalt für Geisteskranke. Ein schallendes Gelächter war natürlich die Antwort der übrigen Gäste und der Eindruck auf die zudringlichen Commis war ein solcher, wie wenn man einen Stein in einen Teich voll Quack oder Frösche wirft. (Bad. Beob.) Würde der Arbeit. Es ist ein großes, erhabenes Wort, die Arbeit. Die Arbeit, und sei sie die Physische oder die des Geistes, umfaßt das Streben nach Erfolgen, und in dem Moment, wo man zu streben anfängt, beginnt man erst ein Mensch, ein Mitglied der Gesellschaft zu werden. Erst beim Streben entwickeln sich die verschiedenen Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen. » * Und der Pjensch ist auch zur Arbeit erkoren. Arbeit ist sein Beruf, Thätigkeit seine Bestimmung. Nur durch die Arbeit sein Glück zu begründen, durch ununterbrochene Thätigkeit ein schönes, glückliches Loos zu erreichen, das ist der Zweck des menschlichen Daseins. Wer sich vor der Arbeit fürchtet, in Unthätigkeit seine Tage zubringt, schließt sich selbst aus der Gesellschaft aus; denn in den Kreis derselben gehört nur Jener, der seine Aufgabe als Mensch treu und redlich erfüllt. Die Arbeit ist also der Beruf des Menschen; sie ist aber auch eine Nothwendigkeit zu seiner Existenz. Wenn man nicht arbeitet, seine natürlichen Kräfte und Anlagen nicht gebraucht, — müssen diese erschlaffen und endlich den Dienst, zu dem sie ursprünglich bestimmt waren, gänzlich versagen. Ein solcher Mensch ist stumpf gegen jede bessere Regung, nur mit stupidem Blick kann er seine Umgebung betrachten; das Leben muß ihm verdrießlich vorkommen, in seinem Wesen bleibt immer eine große Leere, die nur zu oft zu seiner Pein wird, und wird er plötzlich der Mittel, sein Leben zu erhalten, beraubt, ist er das unglücklichste Wesen auf der Erde! Den« nichts ist furchtbarer für einen Menschen, der nie die Arbeit gekannt, als plötzlich zu dieser seine Zuflucht nehmen zu wüsten! Und wie beim Einzelnen, so auch bei. ganzen Staaten zeigen sich die furchtbarsten Folgen des Müssiggangs. Staaten, in denen die Arbeit nicht gepflegt und unterstützt wird, sind nur Schattcnstaaten, ihr Untergang ist eine Nothwendigkeit. Blicken wir nur die Türkei an, die von Natur zum Paradies bestimmt ist, was ist sie heute? Ein Laud, das der leiseste Hauch der Zeit in Tausende von Splittern zerschmettern wird! 280 Ohne Arbeit ist das Dasein kein Leben, es ist nur ein bloßes Bcgetircn. Die Arbeit entwürdigt den Menschen nicht, die Arbeit adelt ihn. Der Adel der Geburt ist ein nichtsbedeutendes Diplom, das man mit auf die Welt bringt, ohne im Geringsten dabei ein Verdienst zu haben. Nur die Arbeit und die Intelligenz — und ist diese nicht eine Folge der Arbeit? — sind die wahren, die einzigen Adels-Diplome, die die ganze weite Welt als gültige Dokumente anerkennt! Im Nord und Süd, in Ost und West, soweit die Spuren des menschlichen Seins reichen, kennt man die Arbeit, und wo man arbeitet, lernt man auch die Arbeit würdigen. Die Arbeit ist für den Menschen keine Erniedrigung, sie ist seine Würbe; — nur> durch die Arbeit wurde Großes bewirkt; die Arbeit ist der allmächtige, alle Welten bewegende Odem der Menschheit. In England und Amerika, den Ländern der rastlosen Thätigkeit, ist nur die Arbeit der allgemeine Maßstab des menschlichen Werthes. Die Arbeit, jede Arbeit, und sei sie die Arbeit des letzten Holzkncchtes oder des ersten Maschinenarbciters ist an sich gleich, daher keine unehrenhafte. Vor der Natur sind alle Menschen gleich, Allen wurden Kräfte verliehen; gebraucht diese ein Jeder in der rechten, angemessenen Weise, dann wäre es des Menschen unwürdig, deßhalb Einen vorziehen und den Andern zurücksetzen zu wollen, weil seine Arbeit nicht so kunstvoll ist, als die des Ersten. Die Arbeit im Vereine mit der Intelligenz ist der mächtigste Hebel zur Hebung der staatlichen Bedeutung und des nationalen Wohlstandes. Lernt daher die Arbeit achten, und die Männer, durch die sie bewirkt wird, ehren! Sowie die Arbeit des Menschen Beruf und seine Würde ist, so ist sie auch sein Glück; das Gefühl, zum allgemeinen Nutzen thätig gewesen zu sein, beglückt den Menschen. Wäre das Bewußtsein, nützlich zu arbeiten, nicht ein süßer Lohn für die Mühen und Drangsale, mit denen die Arbeit verbunden ist, wie hätten Männer wie Gutenberg, Seunefcldcr, Watt, Jaquard und viele Andere ihre großen Aufgaben erfüllt, die Tausende von Hindernissen, mit denen ihr Weg versperrt war, überwunden?! Ohne dieses beruhigende und belohnende Gefühl mären sie es,zu erreichen nie im Stande gewesen. Gewiß, das Loos der Arbeiter ^st schwer, schwer durch.die Unnatur der Verhältnisse gemacht: aber desto größer ihr Lohn, wenn sie treu und redlich ihre Aufgabe erfüllen. Ihr Männer der Arbeit, ihr Frauen und Mädchen der anstrengenden Thqjigleit, die ihr mit Noth, mit Entbehrungen kämpfen müßt, die ihr vielleicht auf die Schätze des Reichen, des durch Zufall Reichen, mit Neid blickt; die ihr kummervoll durch Arbeit euer Leben erhaltet, Tage und Nächte darauf verwendet: die Hand auf's Herz! Wart ihr dabei nie glücklich? Sagt euch nie eine geheime Stimme den Lohn für all' die Leiden und Drangsale? Und wart ihr es nicht, dann — beherzt das, daß ihr an der hohen Aufgabe der Menschheit thätig seid, und das beglückende Gefühl wird nicht ausbleiben. Ehret die Arbeit, achtet euch in ihr! Auch bei uns wird die Stunde schlagen, wo man den Menschen nicht mehr darnach beurtheilen wird, was er jährlich zu verzehren Hat, oder wie viel Pferde er sich hält, nicht seinen Werth darnach messen wird' was er nicht thut, sondern darnach, was er gethan! 2 (Concerte für Pferde.) Englische LordS zeigen gewöhnlich viel Neignng zu excentrischen Einfällen, aber die übcl^pakknicsten Ideen besaß unzweifelhaft Lord Holland, ein Zeitgenosse William des Dritten. Eine seiner Licblings-Gewohnheitcn war es, seinen Marstall von Rennpferden einmal.in der Woche mit einem Concert zu regaliren. Zu diesem Behufe ließ er eigens eine Gallcerie erbauen, und er behauptete, daß die Musik das Gemüth der Thiere erheitere unrd deren Temperament veredle. Druck, Verlag und Redaction des Litcrarischen Instituts von itr. M. .yuttlcr.