Uro. 36. 5. Sept. 1869. Augsburger onntags-Blatt. Von deinen Kindern lernst du mehr, als sie von dir. Sie lernen eine Welt von dir, die nicht mehr ist; Du lernst von ihnen eine, die nun wird und gilt. Friedrich Rückert Die Hand. Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Liedcr«ivru schlössen vor dem unsern ruht. Vielleicht mochte die Fricdcnsstille der Natur heute nicht ihren ganzen Zauber auf die Gedankenvolle ausüben, weil ihr Blick verlangend in die Ferne schweifte und ihre Brust von Zeit zu Zeit einen Seufzer auSstieß, und doch lag in diesem blauen Auge ein tiefer Glanz, eine erquickende Wärme, wie Beides in solch' Poetischer Frische nur aus einer die Schönheiten der Natur erfassenden Seele kommt. . Die ganze Erscheinung der am Fenster Sitzenden hatte etwas zartes, ätherisches, es I lag schon jener ernste Hauch darüber gebreitet, der zumeist aus dem reichen Born der ^ Schmerzen quillt, und das Leben nicht nach Stunden und Tagen, sondern nach den - Pulsschlägen des Herzens zu zählen lehrt. ! Die mehr als dürftige, rohe Umgebung contrastirte eigen mit der feinen, lieblichen ! Gestalt. ! Diese zierlichen, weißen Hände hatten dort an dem schmutzigen Heerde mit seinem l einzigen rußbeladcnen Kessel nichts zu schaffen gehabt, diese feinen, schlanken Schultern nicht da« Joch schwerer Körperarbeit getragen, — das lehrte der erste Blick, nur die 282 Kleidung war schlicht und einfach, und würde fast die eines ehrsamen Bürger-TöchterleinS nicht erreicht haben. Sie konnte kaum 15 Jahre zählen, und man würde sie noch für ein Mädchen gehalten haben, wenn nicht der oft vom Fenster hinweggleitcnde — und auf ein neben ihr schlummerndes Kind zärtlich ruhende Blick bekundet, daß sie bereits die Pflichten einer Mutter zu erfüllen habe. Und sie mußte dieser schönen Aufgabe mit schwärmerischer Begeisterung nachkommen, denn das sonst umwölkte Auge blickte so sorgend, liebend, so mutterglücklich auf den neben ihr in einem. Korbe Schlummernden. Plötzlich hörte sie den Hufschlag von Pferden, und sie wollte freudig erregt hinaus und den Kommenden entgegen eilen, besann sich aber auf ihr Kind, das nach ihrem besorgten Mutterhcrzen während ihrer Entfernung Gefahr laufen konnte und blieb, um die Kommenden au der Thüre zu empfangen. Der erste der Reiter, den das junge Weib zärtlich in die Arme schloß, war eine hochaufgeschossene, jugendlich trotzige Gestalt, voll Kraft und Feuer. Er konnte höchstens 20 Jahre alt sein, aber in seinem Auge lag schon der Blick des gereiften Weltmannes, um seine Lippen spielte jenes ruhige Lächeln, —- an dem der Wille Anderer rücksichtslos zerschellt, wenn er dem eigenen durchkreuzend zu nahen wagt. Das krause, schwarze Haar, die niedrige, aber gedrungene Stirn, das lebhaft blitzende Auge — Alles verrieth den Feuergeist, der in seiner Seele brodelt. Seine Bewegungen waren leicht und elastisch, mit welcher Gewandtheit schwang er sich nicht aus dem Sattel — seine ganze Erscheinung voll Anmuth und Adel — so angenehm und gefällig konnte damals nur ein galanter Königshof erziehen. Sein Begleiter, der „Georg" genannt wurde, — ein blutjunges Bürschlcin mit einem schon recht verschlagen hofmännischen Gesicht, war augenscheinlich der Diener des Ersteren; denn er hielt sich in ehrerbietiger Entfernung — und blieb draußen mit den Pferden beschäftigt, während Jener mit seinem jungen Weibe in die Stube trat. „Du kommst erst heut'! Wie hab' ich dich erwartet und ersehnt, du wolltest ja schon gestern eintreffen! Und welche Nachricht bringst du?" — frug sie ängstlich besorgt und ihr Auge ruhte forschend auf den Lippen des Geliebten. „Wir müssen fort, eiligst fort," entgcgnete dieser hastig, „dein Batcr hat an die Tante in Sagan geschrieben, daß die Zeit des Bcsuchcns längst verstrichen, und er — des Wartens müde, uns selbst holen lasten würde." „O Gott! — mir ahnte nichts Gutes," — seufzte das junge Weib, „wir sind zu unglücklich." „Ich bin nur froh," cntgegnete der junge Mann, „daß der schlaue Georg den für die Tante bestimmten Brief aufgefangen hat, und daß ich überhaupt auf den glücklichen Einfall gekommen bin, ihn krank werden und dort zu lasten." „Aber, — werden wir fort können, Boleslaus?" — und sie zeigte besorgt auf den Kleinen. Eine Unmuthswolkc überzog seine Stirn, und er sagte zögernd: „Ich habe den ganzen Weg über ein Auskunftsmittcl nachgedacht, und es gibt nur eines." „Und welches?" frugen die Augen der noch Unglücklicheres Fürchtenden, während die Lippen geschlossen blieben. Er blickte sie scharf und forschend an, als wolle er prüfen, ob sie schon jetzt dem heftigen Schlage gewachsen sei, oder ob er damit noch zurückhalten müsse, aber die Zeit drängte und er liebte es nicht, dies Zögern, dies Zurückschcucn vor einem kecken Wort, und sagte darum fest und ruhig: „Wir müssen den kleinen Ludwig zurücklassen." „Mein Kind!" rief die junge Mutter aus, und stürzte auf den Korb des Kleine» zu, als wolle sie ihn vor jedem Angriff schützen. „Boleslaus, das kaun dein Ernst nicht sein!" 283 „Mein voller Ernst, bei Gott! Ich kenne keinen andern Ausweg, — als gerade den," — war die Antwort. „Nein, nein, — von meinem Kinde laß' ich mich nicht trennen, — das darf mir Niemand rauben!" rief das junge Weib in einer Aufregung, die von der, trotz ihrer Jugend, in ihr wogenden Mutterliebe ein glänzendes Zeugniß gab. „Sei vernünftig! glaubst du denn nicht, daß ich unser Kind eben so innig liebe? Aber die Nothwendigkeit gebietet, uns auf kurze Zeit von ihm zu trennen — wir müssen," — gegcnrcdete Boleslaus. „Wir müßen?" — frug Margarethe befremdet und mit ganz eigener Betonung; „nein, Boleslaus, wir müssen nicht! Wer zwingt uns denn dazu, unsere Lage länger geheim zu halten?" „Die Ehre!" erwiderte dieser fest und entschlossen. „Und wenn wir uns dem Vater entdeckten? Er ist wohl streng und finster, aber Schlimmeres kann uns nicht begegnen, als hier uns droht!" „Nein, nimmermehr!" war die Antwort; „ich will nicht zum Hohn und Spott des ganzen Landes werden, will nicht, daß jede Dirne dich mit hochmüthig überlegenem Auge ansehen soll, während du sie einst Alle überstrahlen wirst." „Ach, was härm' ich mich um die ganze Welt, wenn ich dich und mein Kind nur hab'!" — war ihre liebevolle, schwärmerische Antwort. „Der Schimpf verzehrt auch das größte Glück," erwiderte Boleslaus, „nein, — Margarcth, all' diese Sorgen und Mühen, diese fortwährenden Anstrengungen hätten wir nur gemacht, um nah' am Ziel, durch unsere Thorheit Alles zu verderben? — Noch ist nichts entdeckt," fuhr er lebhaft fort, „dein Vater denkt uns in Sagan, und Dank der alten Tante blöden Augen, daß du so lange bei ihr bleiben konntest. Auf Georg kann ich mich verlassen, er ist rein wie Gold, und dies alte dumme Weib, bei der wir uns eingemiethet, sieht nur auf unsere böhmischen Dukaten, und schecrt sich sonst um nichts; doch ist sie gut und ehrlich, und du traust ihr ja selbst. Alles geht gut, sogar bester als ich zu hoffen gewagt, und ich sollte jetzt vor den Vater treten und demüthig sagen: Als du uns Beide gen BreSlau zur Erlernung der deutschen Sprache in's Kloster schicktest, da haben wir noch andere Studia getrieben, soll mich züchtigen lasten wie einen Buben, nein, das thue ich nicht, eher reiß' ich mir die Zunge aus dem Munde!" -— In seinem Auge blitzte ein stolzes Fener, seine Brust hob sich, und er schüttelte unmuthig, entschlossen das Haupt, als müsse er jedem feigen Gedanken hartnäckig die Stirn bieten. „Und du willst mich von unserem Kinde trennen? Boleslaus, sei nicht so grausam gegen mich, — thu' es um unserer Liebe willen nicht!" Und sie rang flehend zu ihm die Hände. Er faßte sie in die seinen, und sah, von dem Schmerz des jungen Weibes bewegt, ihr liebevoll in das Auge. „Gretchcn, gerade um unserer Liebe willen muß es sein, schilt mich nicht hart, dw Zukunft wird dich milder urtheilen lehren. Sieh, die Trennung ist ja nur auf kurze Zeit; sobald wir vermählt, ziehen wir nach Schlesien und dann ist der kleine Ludwig wieder unser." Das gcängstigte Weib neigte das Haupt. Sie hatte den beredten Worten Boleslaus nichts mehr entgegen zu stellen, sie fühlte nur ein schneidend-unaussprechlich Weh in ihrer Brust, — und daß ein ganzer Himmel schmerzlich erschütternd in ihr zusammen brechen wolle. Sie nahm ihr Kind aus dem Korbe, das sogleich die Augen aufschlug, und die schon wohlgckanntc Mutter anlächelte. In diesen lieben treuen Augen halte sie sich so glücklich gesonnt, sie waren die lichten, freundlichen Sterne gewesen, die allein noch in ihr düsteres, glanzloses Leben gefunkelt, jetzt sollte es völlig Nacht werden, und mit diesem Vernichtenden Gedanken erwachte die Mutterliebe von Neuem in voller Innigkeit und Stärk«. (Fortsetzung folgt.) 284 Nach der Schlacht von Königgratz. Ein in Leipzig erscheinendes belletristisches Blakt hat am Gedenktage der Schlacht von Königgrätz eine Reihe von ergreifenden Schilderungen dieses traurigen Tages veröffentlicht, aus welchen wir einige im Nachstehenden mittheilen. Der Verfasser schreibt: Auf dem Probluser Kirchhof war man am Begraben. Man hatte meist nicht weit zu tragen, denn am dichtesten lagen die Gefallenen auf dem Kirchhof selbst. Der Kirchhof ist in allen modernen Schlachten Lieblings-Kampfcsstätte; die Todten fallen zu den Todten. In den Kirchthurm hatte eine Granate ein großes Loch geschlagen, das Pfarrhaus war durchlöchert, — in dem Zimmer des Pfarrers steckten I I Kugeln. Vor dem großen Dorfbrunnen stand ein Posten, um die letzten Wasserreste für die Verwundeten zu sichern. An dem Dorfsaume, nach dem Westen zu, hinter einem Hcckcnzaun, lagen sächsische Jäger in langer Reihe und weiter nach dem Westen hin, von wo unser Angriff kam, unsere Sechsundfünfziger (d. h. die vom Regiment Nro. 56). Eben schritt ein Traucrzug auf den Kirchhof zu. Es waren Füsiliere von der Sten Compagnie, die ihren Hauptmann von Monbart zu Grabe trugen. Sie hatten für ihn in Eile einen schlichten Sarg gezimmert, und sein letztes Haus mit Blumen geschmückt. Als sie ihn in sein Grab gesenkt, dicht an der Kirche, kratzten sie seinen Namen an die Wand des Gotteshauses ein; eh' die Sonne unter war, stand noch manch' anderer Name darunter. Von Problus bis Mokrowous ist eine halbe Stunde. Hier war der Wiesengrund wie gepflügt. In der Meierei lagen Vierundfünszigcr. Aus ihr heraus trugen sie eine Bahre, auf der zwei Todte lagen, ein galizischer Katholik, ein pommerscher Protestant. Der Ortspfarrer folgte in reichem Ornate, neben ihm ein evangelischer Geistlicher im Feldrock mit Binde und Päffchen. Der Eine betete sein cks proluiniis und kater noster, der Andere schloß mit dem Vater unser. Der katholische Geistliche nahm die Schaufel, und warf Erde in die Gruft; dann reichte er sie dem protestantischen Geistlichen; der nun ein Gleiches that. Ein Augenzeuge schreibt: „Ich hatte doch in etwas den Eindruck von dem: ich glaube an eine heilige, allgemeine christliche Kirche." Neben Mokrowus liegt Dohalitzka Mitten im Dorf, auf einem freien Platz, stand ein Cruzifix, umgeben von fünf stattlichen Linden. In die eine war eine Granate eingeschlagen und hatte einen mannsstarken Ast wie ein Reis zersplittert; die Splitter lagen umher, das Staket war zertrümmert, aber der Gekreuzigte war unversehrt. Muß doch vor ihm alle Gewalt sich beugen! In der schönen, weithin sichtbaren Kirche befanden sich über 100 Verwundete. Einzelne hockten in den Gängen der hochgewölbtcn Kirche, die Mehrzahl lag um den Altar herum, und blickte hinauf zu dem Bilde des Gekreuzigten. Orgel und Kanzel waren hinausgetragen, die Fenster zerschossen, und doch war das ganze Gotteshaus mit seinen Bewohnern eine gewaltige Predigt von dem „Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig nnd beladen seid, ich will euch erquicken." lind sie waren mühselig und beladen. Einer lag da mit gespaltenem Schädel, so daß man auf das Hirn sehen konnte; einem Anderen war die Schulter weggerissen, er starb; auf einem groben, leinenen Tuch (er war nicht anders tranSportirbar) ließen sie ihn in die Gruft hinab; da lag er in seiner Blöße und seine gebrochenen Augen, die Niemand ihm zugedrückt, schauten aus der Grabestiefe zum Himmel auf. Mangel an Allem, kein Stroh, kein Wasser. Einem österreichischen Rittmeister reichte ein Feldgeistlicher ein Bröckchen Schiffszwicback und einen Tropfen Wein; dem Wicderauslebcnden stürzten die Dankes- Thränen aus den Augen, — und er segnete die Hand, die ihm mit so Wenigem so Viel gethan. Von Dohalitzka führt ein hübscher Weg etwas bergab nach Sadowa. Es sind nur 20 Minuten. Hier in Sadowa lagen die Schwervcrwundcten in der Zuckerfabrik zwischen den Kesseln und hydraulischen Pressen deS Siedehauses. In-dem Wirthshause, wohin man die verwundeten Offiziere geschafft hatte, war es schon wieder leer geworden. — Hier hatten Oberst-Lieutenant v. Pannewitz vom Regiment Elisabeth und Freiherr 285 v. Putlitz vom 49sten ausgehaucht; schon hatten sie dem Ncpomukbildc gegenüber, das neben dem Wirtbshause steht, hart an der Straße „unter den Apfelbäumcn von Sadowa" ihr Grab gefunden. Treue Hände richteten eben die schlichten Kreuze aus. Der katholische Todtengräbcr kniete, während die letzten Worte gesprochen wurden, am Grabe und betete mit. Im Wirthshause mußten auch sterbende Oesterreichcr gelegen haben. Eine Soldaten- Gruppc, Pommern vom Kolbcrger Regimen:, fanden eben ein kleines Amulct zwischen den Ritzen der Dielen und mühten sich, die Inschrift zu entziffern. Es glückte erst, als ein Offizier herantrat. Die Inschrift war in französischer Sprache: „O Maria, ohn' Sünd' empfangen, bitt' für uns." Es mochte von: ungarischen Oberst Scrinny (?), Commandeur des Regiments Württemberg, hier verloren sein, der die Nachtstunden, ehe man ihn nach Horsitz schaffte, in diesen Räumen zugebracht hatte. Oberst Scrinny, als der Iohannitcrrittcr v. Werder ihm ein Stück Kommißbrod und ein Rcsichcn Madeira gab, hatte es mit den Danlcsworten hingenommen: „Und ich, ich darf nicht einmal wünschen, Ihnen einen gleichen Liebesdienst leisten zu können." In Ober-Dohalitz, das nur aus zehn bis zwölf Häuscr-Etablissemcnts besteht, sah es grausig aus. Aus diesen Häusern, als sie in Brand gerathen waren, hatten sich alle Verwundeten, die sich noch bewegen konnten, meist Oesterreichcr, in die Höfe und Gärten geschleppt; die anderen waren verbrannt. Jene halten seit 2-t Stunden kein anderes Labsal gehabt, als den Nachtthau. Als endlich Hilfe kam, hörte man nichts als den Ruf vocia, vorig, und wenn ihnen Wasser aus einen: nahe gelegenen Teich gereicht wurde, klang es Urüelli, Döioki von ihren zitternden Lippen. Aehnlich wie im Holawalde, an dessen Südspitze Ober-Dohalitz liegt, sah es im Swicpwaldc aus, und in den Dörfern, die ihn umgeben, in Cistowcs, in Benatek, in Maslowed und weiter zurück in Ccrekwitz. In Cistowcs lagen viele Sicbenundzwanziger und Garde-Füsiliere. Dazu welche Bilder auf der Dorfgafsc! Ein Jäger, an die Wand gelehnt, aus sein Gewehr gestützt, war stehend gestorben. In einem Brunnen mit zertrümmerter Einfassung lag ein todter Uhlane, mit dem Pferde hineingestürzt. Eine der Scheunen war mit österreichischen Verwundeten überfüllt. Einer, ein Banatcr voni Ncgimcnie Eoronini, war durch die Brust geschaffen. Unter jammervollem Keuchen bemühte er sich krampfhaft, den Mantel von der blutbedeckten bloßen Brust wegzuziehen; es wollte nicht glücken; Keiner verstand ihn; endlich bemerkte man, daß noch 30 Patronen in der Tasche seines Mantels steckten, deren Gewicht ihm fast den Athem geraubt harte. . . . Im Schlöffe von Horenowcs war ein Lazarcth. Hier lag Oberst v. Zychlinski, für den sein Musterbursche einen mächtigen Topf Rahm in einem Versteck entdeckt hatte. — Als der Rahm den Obersten erquickt hatte, rrat Pastor Besser aus Waldenburg den Rahmtopf wie eine Erbschaft an. Freund und Feind wurden mit diesem Leckerbissen gespeist, und ein österreichischer Hauptmann vom Regiment Mecklenburg, — der beim „preußischen Erbsenwerfen," wie er sich ausdrückte, zwei Kugeln in den Arm erhalten hatte, erklärte ein Mal über das andere, daß ihm in der „ganzen verflixten Campagne" nichts so geschmeckt habe, wie dieser Topf Nahm. — Aber solcher heiteren Bilder waren nicht viele. Ein Offizier schreibt: „Wir kamen in ein Gehölz, das zwischen den drei Dörfern Cistowcs, Benatek und MaSlowed liegt (der Swicpwald). Hier hatte der Kampf am Meisten'gewüthet; eine Menge todter Oesterreichcr lagen unter und über einander, etwas entfernter sahen wir Gcsindet, das beschäftigt schien, die Leichen zu Plündern. Um sie wie Raubvögel zu verscheuchen, schoflen wir unsere Revolver ab. Und wirklich, sie verschwanden oder schienen zu verschwinden. In demselben Augenblick, wer beschreibt unser Erstaunen! erhoben sich wohl zwanzig von den Todtgcglaubtcn, streckten uns flehend ihre Arme entgegen und baten mit schwacher Stimme um Wasser. Das wenige, waS wir 886 bei uns hatten, war bald verbraucht. Ich versprach einem österreichischen Oberst, der vor« am Gehölz lag, so bald als möglich mit Wasser und einem Arzt wieder zu kommen, und ritt nach dem nächsten Dorf. Aber wo hier Hilfe hernehmen! Endlich glückte es, aber Wohl zwei Stunden mochten vergangen sein. Als wir in den Wald zurückkamen, erkannten wir den Platz kaum wieder. Die Oesterreicher alle geplündert, — ohne die Uniformen lagen sie da, keiner regte sich mehr. Ich trat heran und rief: „Hier ist Wasser, Master!" Alles vergeblich, still blieben sie. Den österreichischen Obersten konnte ich unter den Todten nicht mehr herausfinden. Entsetzt verließen wir den Wald." Auch Thaten christlicher Liebe kamen vor; leider nur sehr vereinzelt. Wir geben ein solches Beispiel. Zwischen Ober-Dohalitz und Dohalitzka lag ein Neunundvierziger, vergessen, unter unsäglichen Schmerzen, — kein lebendes Wesen in der Nähe. „Schon glaubte ich mich dem Tode nahe (so erzählt er selbst), als ein junges Mädchen erschien, einen großen Weinkrug in der Hand, und mir zu trinken gab; dann holte sie Master und wusch und verband meine Wunden. Wie hab' ich's da empfunden: „Und Gott sandte seine Engel!" — Der Name dieses heldenmüthigcn Mädchens, die noch viele Andere in gleicher Weise erquickte, war Josepha Kalina, eine Czechin. Uebrigens sei gleich bei dieser Gelegenheit ausgesprochen, daß es sehr fraglich ist, ob die Schlachtfeld- Geier blos böhmisches Gesinde! waren. Viele Gerüchte sprechen von „Marodeurs," und mannigfache Anzeichen liegen vor, daß unserer eigenen (der preußischen) Armee seltsame Gestalten folgten. Man hat diesem Punkt ernste Aufmerksamkeit gewidmet. Vom Swiepwalde aus wandten wir uns nach Chlnm, um hier unsere Wanderung zu schließen Welch' ein Anblick wartete unser hier! Gleich am Ausgange des Dorfes, in einem Hohlwege, begegneten wir den Hufspuren des „rothen Pferdes," von dem die Apokalypse spricht. Schritt vor Schritt wuchsen die Würgezeichen. Unsere Ponies scheuten — ein todtes Pferd lag am Wege, dort wieder eins, daneben noch die Leiche eines Reiters, eines österreichischen Uhlanen, der seinen Säbel in erstarrter Faust hielt. Auf beiden Seiten des Weges, dessen lehmiger Boden reichlich roth gefärbt war, zwischen zertrümmerten Wagen und Kanonen, lagen Haufen von Todten. ... In der Chlumer Kirche, deren Thurm und Dach von mehrer.n Granaten getroffen war, lagen die Verwundeten in so dichten Schichten, daß man mit äußerster Behutsamkeit zwischcnhin gehen mußte, um Keinen zu verletzen. . . . Am 5. Juli brach die Armee auf, um südwärts zu marschiren. Die Arbeit war gethan; die Verwundeten hatten ihr Lager, die Todten ihr Grab. Freilich nicht Alle; es waren ihrer zu Viele; noch am achten war das Feld nicht völlig klar. Ein Offizier vom vierten Corps, der am genannten Tage von Ncdelist aus, wo er ein Commando hatte, einen Ritt über das Schlachtfeld machte, hat uns folgende Schilderung gegeben: „Verflossenen Sonntag ließ ich mein Pferd satteln, um einmal ganz allein das Schauerliche des Schlachtfeldes zu sehen. Das war jedenfalls für mich an diesem Tage das Beste; ich hatte nichts um mich her, als meinen Burschen und einen großen, schwarzen Jagdhund, das Geschenk eines sterbenden österreichischen Offiziers. Die untergehende Sonne warf bereits ihre letzten Strahlen auf das Feld, als ich aus Ncdelist heraustritt und der kühle Abcndwind trieb mir den Leichen- und Blutgeruch entgegen. Einen nicht an diesen Geruch Gewöhnten würde eine Ohnmacht angekommen sein; ich kannte ihn schon und ritt weiter, um nach Ehlum und Sadowa zu gelangen, wo die Hauptschlacht geschlagen worden war. Todtenstille herrschte ringsum, welche nur manchmal durch die Unruhe meines Pferdes und Hundes unterbrochen wurde. Beide vertrugen den scharfen Blutgcruch nicht; sobald wir an eine Stelle kamen, wo ein Verwundeter gelegen hatte, schnaufte das Pferd mit weit geöffneten Nüstern und stampfte mit den Hufen auf den Boden, der Hund ging in großen Kreisen um die bezeichnete Stelle herum und heulte fürchterlich. Erst nach einer Aufmunterung mit den Sporen ging das Pferd ruhig über Alles hinweg — und jagte x 287 endlich eine Lerche auf, die zwar singend in die Höhe stieg, aber einen Gesang anstimmte, wie ich ihn sonst bei Lerchen nie gehört habe. Es klagte mehr, als es schmetterte. — Dieser Vogel war seit mehreren Tagen der erste, der mir zu Gesichte kam, denn während des Schlachtenlärms hatten sich die freundlichen Sänger entfernt. Ohne ein gewisses Ziel zu verfolgen, ritt ich weiter und gelangte zu einer Muttergottcsstatne. Ach, welch' ein trauriges Schauspiel bot sich hier dar! Um sie herum lagen zwanzig Todte, einige mit halbgeöffneten gebrochenen Augen, die nach dem MuttergotteSbilde hingerichtet waren. Andere hielten Rosenkränze und Kruzifixe in den Händen; sie hatten wahrscheinlich bis zu ihrem Ableben gebetet; nur Einer hatte ein Spiel Karten vor sich liegen; von denen er eine krampfhaft in der erstarrten Hand hielt. An den Leichen zeigten sich die verschiedenartigsten Wunden. Einem Jäger hatte die Kugel den ganzen Hintcrkopf weggerissen. Jedenfalls sind an dieser Statue Mehrere gefallen, und andere Verunglückte find zu ihnen gekrochen, um daselbst ihr Leben zu beschließen. Ich sprang vorn Pferde und kniete nieder, um für die Todten zu beten. M i s e e l l e r». * Ueber eine Eisenbahnschlacht in Amerika erzählt die „Engl. Corresp." : „Ein Kampf absonderlicher Art, von dessen Gleichen der Schlachtenbesinger Homer sich nichts hätte träumen lassen, hat am Uten dieß im Staate New-Uork an der Albany- Susquchanna-Bahn gewüthet. Die Eric-Gesellschaft und die Albany-Gescllschaft liegen in Fehde um eine Schiencnstrecke zwischen Tunnel-Station und Hapcrsviüe, und dieser Streit ist mit Truppenmassen ausgefochten worden, wie viele deutsche Kleinstaaten sie nicht in's Feld zu schicken vermöchten: 1200 bis 1400 Mann standen mit Pistolen, Keulen und andern Waffen einander gegenüber. Gegen 4 Uhr Nachmittags besetzten 7 bis 800 Bahnarbciter und Beamte der Eric-Gesellschaft die Tunnel-Station, während die Albany-Gesellschaft mit 350 bis 400 Mann das andere Ende des'Tunnels besetzt hielt. Die Eric eröffnete den, Kampf, — um das streitige Gebiet zu erobern. Zwei Wagen wurden mit etwa 250 Leuten gefüllt, eine Lokomotive vorgespannt und mit Hurrah ging es durch den Tunnel. In ihm trafen sie auf keinen Widerstand, auf der andern Seite aber fanden sie eine Schiene anSgehobcn. Schnell wurde sie erneuert und die Fahrt fortgesetzt, als ihnen an einer Biegung ein Zug mit Albany - Leuten entgegenkam. Mit einem gewaltigen Krach platzten die Maschinen auf einander, indessen die Kämpfer absprangen und das Handgemenge begannen. Die Eric-Leute zogen jedoch den Kürzern, und flohen durch und über den Tunnel hin; ihre Locomotive trat gleichfalls arg beschädigt den Rückweg an. Die Albany-Leute setzten in aller Eile ihre nicht minder stark mitgenommene und zum Theile vom Geleise gedrängte Maschine in Stand und auf die Schienen, um den Sieg durch die Verfolgung zu krönen. Sie fanden jedoch die Gegner gesammelt und verstärk! am andern Ende des Tunnels, wo nun der Kampf von Neuem mit großer Wuth auLbrach. Der Angriff war eine ganz imposante Affaire. Pistolen wurden abgefeuert, Steine geschleudert, Keulen geschwungen, und in das Getümmel hinein schollen Drohungen und wilde Flüche. Um 8 Uhr machte die einbrechende Dunkelheit und noch wirksamer die Ankunft des 44sten Regiments oer Schlacht ein Ende. Das Verzeichnis; der Verwundeten ist von ziemlicher Länge; die Erie-Leute waren am schlimmsten weggekommen, doch konnten sie sich dafür eines Gefangenen rühmen. Sie hätten ihn niedergeschlagen, wäre nicht ein Bekannter aus den Reihen der Feinde für ihn eingetreten, der den Vorschlag machte, ihn als Gefangenen zu behandeln, so daß also die Formen des regelrechten Krieges unter civilisirten Völkern beobachtet wurden. Am folgenden Tage bezogen die beiden „Eisenbahn-Heere" wieder ihre Positionen, — doch war das 44ste Regiment glücklicher Weise am Orte geblieben, und verhinderte eine neue Auflage des Kampfes. Der Gouverneur des Staates nahm die Bahn vorläufig in Besitz, und 288 ieauftragtc einen höhern Polizei-Beamten mit der Oberleitung des Verkehrs, bis der Streit vor den Gerichtshöfen zum Austcage gebracht sein wird." * (Englische Sitten.) Ein eigenthümliches Volksfest, das noch aus dem Mittelotter stammt, wurde den 16. Anglist nach einem Zwiichenraum von zwölf Jahren zum ersten Male wieder in Dunmay, einem Flecken in »er Grafschaft Ess-x, unter zahlreicher Betheiligung von Nah' und Fern abgelwtten. Den Hanpipunkt des Festes bildet nämlich die Ueberreichung geräucherter Su-m stiren l silttl;«'!» oh ttuaoii) an solche Ehepaare, die beschwören können, daß sie, „seir Jahr und Tag" vcrbeira'hct, während ihrer Ehe nicht ein einziges Mal mit einander geschmollt oocr ein böies Wsll gewechselt haben Der Hergang des idyllischen Festes ist lmz folgender: Anf einem großen Rasen- platze ist eine Bühne errichtet, deren Vorhang nach Äbsnielung einer Ouvcüure in die Höhe geht und emen ergötzlichen Anblick stycn läßt Ein Richter Eoll"ginm in scharlach- rothen mit Hermelin besetzten Staatsrooen nno mit g-wall gen Allongen-Perüuen angethan, sowie eine aus zwölf Personen best'hende Jn>y n-hmen mir oravi!ä,ischer Gebcrde ihre Sitze ein und bctto darauf erscheinen die vc,schie)cnen Ehepaare, wllchr sich um den Preis des Tages bewerben. Der präsidirende Nickiier uiuctwirfr o.e letzlcrn einem längeren spaßyaslen Vc,hör und die Jury erkennt ihnen den P-e-s zn. In großer Prozession mit allem Mummenschanz des Mitielollcrs ausgestattet, werden hierauf die preisgekrönten Ehepaare durch das Städtchen geführt, ihnen dann die gerämyerien Speckseiten feierlich überreicht und das altmodische Fest schließe mit allerlei modernen BolkSspielen. (Eine Frauenpredigt.) Eine alte Jungfer, Susanns B. Anthony, hielt im Frauen-Emancipatious-Club in New-Orleans folgenden Vortrag: „Die Männer sind Diebe. Woher haben sie das Geld? Gestohlen haben sie's den armen Arbeitern, die sie für sich. schwitzen lassen. Wir sollten uns nicht genireu und ihnen alles, was nur bekommen können, nehmen. Will eine Frau des Abends den Club besuchen, so brummt oet Mann, spricht wohl gar, es schicke sich nicht, Abends noch auszugehen. Wenn er aber mit seinen Cumpanen trinkt, schlechte Witze reiht und wer weiß noch was treibt, soll die Frau ruhig sein und den Mund nicht ansthnn. Dieses Gebot wird nun allerdings nicht befolg!; es wäre auch Miami, wenn es befolgt würde, denn dann wären wir ja weiter nichts als türkische Sklavinnen. „Dein Platz ist bei den Kindern", das sind gewöhnlich die Worte, mit denen ein Mann einer Frau klar machen will, daß sie verpflichtet ist, daS Hans zu hüten. Schon, aber wenn der Platz der Frau bei den Kindern ist, so ist es doch der des Mannes auch. Gehören die Kinder dem Vater nicht so gut wie der Mutter? Hat die Mutter mit den Kindern nicht genug Plage, loll sie die Sklavin ihrer Kinder sein? Kaun der Mann nitt eben so gut einmal zn Haufe sitzen, das „Baby" wiegen und sür dessen Bcönrinisse sorgen, wie tue Mutter, die es mit Schmerzen geboren hat, und die manchmal in einer Woche mehr Qual auszustehen hat, als der Mann zeitlebens? Diese Zustande müssen amhör'u, und die Bildung der Distrikts-Vereine ist der erste Schriit dazu. Hier mögen sich all' o-e Weiber, die mühselig und beladen sind, einsenden und darüber berathen, wie die Männer zu lu kriegen sind. Doch zunächst müssen nur Geld haben. Geld ist zu allen Dingen nothwendig, ab^r am alleruuenkbehrlichsten ist es, wenn man einen Krieg sühren will. Wer müssen es bekommen, aus die e ne oder die andere Weise. Mit dem bloßen Taschenvisitiren ist es nicht gethan, das wirst zu wenig ab- List und Schmeichelei sind die Waffen, die der Frau von der Natur verliehen sind, und deren muß sie sich auch bedienen. Der Mann ist ein der Schmeichelei ungemein zugängliches Thier; schmeichelt ihm, verwirrt ihn, bestecht ihn durch Eure Liebkosungen, thut ihm Alles zn Gefallen, braucht alle Kniffe, die Euch Eure Schlauheit und Euer Witz eingeben, und verschafflEuch Geld, GeldI" Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von ttr. M. Huttler.