Nro. 39. 26. Sept. 1869. Aengstlich zusinuen, was mauhätte thun können, ist das übelste, was man thun kann- Lichtenberg. Die Hand Historische Novelle von Ludwig Habicbt. (Fortsetzung.) Jetzt war Friede geworden und Ruhe in's Land gekehrt. Es schien darnach von dem ehrenwerthcn Baltzer eine rechte Last genommen zu sein. Der während des Krieges zuweilen unwirsche, ungeduldige Mann war wieder leut- und redselig wie zuvor, daß sich darüber sein treues Eheweib recht glücklich fühlte. Er war überhaupt ein viel erfahrener Mann, der nicht blos gedankenlos vor sich hingelcbt, sondern nach Grund und Ursache der Dinge geforscht hatte, und darum den Seinen über Kieles Aufschluß geben konnte, was ihnen fremd und räthselhaft. Wenn die Feierabcndstunde nahte und der Meister mit seinen Gesellen den Hammer niedergelegt, dann erzählte er wohl gern von seinen früheren Fahrten, als Soldat unter Herzog Conrad zu Glogau, der gegen Heinrich Crassus von Liegnitz, den Großvater des jetzigen Boleslaus, Krieg geführt. Die junge Frau aber konnte die jüngst verflossene Vergangenheit nicht überwinden, und frug einmal, warum denn der finstere Boleslaus in's Land gezogen und Alles vernichtet und verheert, wie roh und grausam nicht dies Alles gewesen. „Aber, verdenken kann ich's ihm nicht," bemerkte der Schmied, „er hat nur hcim- bezahlt, was der Glogauer Ahn, der strenge Conrad, seinem Großvater zugefügt." „Und was hat denn der gemacht?" frug Ludwig erwartungsvoll. „Er hat den armen Heinrich gefangen genommen und in einen Käfig so lange eingesperrt, bis dieser in Verzweiflung ihm die Hälfte seiner Länder abgetreten, um nur frei zu werden." „Aber, er war ja Herzog," — bemerkte der Junge, „da mußte er sich nicht gefangen geben." „Ei, seht' mal den kecken Mund, thust ja, als wärst du selbst ein Fürstensohn! — Es würde wohl nicht so leicht gewesen sein," fügte der Erzähler erläuternd hinzu, „wenn er nicht von einem seiner Leute, dem er noch dazu sein volles Vertrauen geschenkt, im Bade überfallen und seinem Feinde Conrad überliefert worden wäre." „O, das ist recht schlecht von dem Kerl!" „Ja wohl, mein Söhnchen, selbst dann noch, wcnn's — wie hier — aus Rache geschah. Heinrich hatte, des Verräthers Vater — wegen eines begangenen Mordes hinrichten lassen." „Nun, dann war ja Heinrich im Recht," bemerkte sein Weib. „O — solch' rachsüchtige, elende Menschen!" „Aber Conrad war noch elender, diesen Schurkenstreich zu benutzen, und ihn in einen Martcrkäsig zu sperren, in dem der Gefangene weder stehen noch liegen, ja nicht einmal gehörig sitzen konnte." „Das ist abscheulich!" riefen die Zuhörer entrüstet aus. 306 „Jetzt hat nun des Gefangenen Enkel, Baleslaus, diese Schuld an den Nachkomme« Canrad's gerächt; nur daß das Land die Verbrechen und die Schuld seiner Fürsten am «eisten zu tragen und zu fühlen hat." „Dann ist's recht von Boleslaus, daß er Krieg geführt," — sagte der Knabe mit funkelnden Augen. „Wie Prächtig muß das sein! Wenn ich groß werde, dann thu' ich das Alles auch " Die Mutter verwies ihm die wilden Reden, doch Baltzcr sagte lächelnd: „Laß ihn «ur, das wird ein tüchtiger Schmied." Solche Erzählungen entzündeten die Phantasie des Knaben, er träumte von nichts, als Kampf, und wollte einmal ein tüchtiger Kriegsmann werden. Sobald er nur den Hammer schwingen gelernt, schmiedete er sich mit Hülfe seines Pflegevaters ein kleines Schwert, und nun war der Held fertig, der auf dem Flügelrösse Phantasie in jede, auch die heißeste Schlacht zog, und mit glücklichem Selbstbewußtsein «ls Sieger heimkehrte. Das Mädchen war ganz anderer Natur. Still und unmuthig lebte sie ihre Kindheit hin, aber doch hatte das ruhig-verständige Walten der Mutter, hier durch den Einfluß des lebhaften, beweglichen Vaters, eine Mischung von Phantasie und Träumerei erhalten, die dem kleinen Wesen ganz wohl stand. Wo die Mutter schlicht und einfach, doch sauber, im Hause herum ging, und mit stillem Ernst nur Eines zu kennen schien, die Sorge für ihre Familie, da fing das kleine Püppchen schon an, sich zu putzen und zu schmücken, und sie konnte außer sich vor Freude werden, wenn ihr der Vater ein goldschimmernd Band oder dergleichen schenkte, das sie dann mit rechter Geschicklichkeit an ihrem Kleidchen anzubringen suchte. Ihrer keimenden Eitelkeit war es ganz recht, daß Ludwig auf die an den Garten anstoßende Stadtmauer, von den über dieselbe herüberhängenden Baumästen eine Art Zelt gebaut, es ihr geschenkt, und mit seiner schwunghaften Phantasie zum Schloß und sie zum Edelfräulein erhoben. Wie schön sah sich's nicht da herunter in die weite, blühende Flur, wie schweifte da der Blick so frei und selig in's Weite, wie er's von dem Altan eines Schlosses nicht freier gekonnt. Da spannen die Kleinen reich und blühend ihren Lebenstraum aus und die grünen Blätter schmiegten sich an ihre erhitzten Wangen, — als wollten sie von künftiger Erfüllung lispeln. Wer saß nicht einmal in einem solchen Schlosse? Wen umwehte nicht jedes Lüftchen mit einem wunderbar zauberischen Athem — wer träumte nicht den lieblichen, ewig süß im Herzen nachklingenden Frühling — wem schimmerte nicht durch das Blättergrün der Hoffnung eine lachend glückliche Zukunft? Und wem welkten und dorrten nicht diese Blätter allzufrüh? In des Knaben Phantasie stiegen dann die glänzendsten Bilder auf. Er träumte sich aus's Schlachtfeld, verrichtete Heldenthaten und stieg immer höher und höher, bis er als Graf auf edlem Rosse vor der Schmiede-Werkstatt halten und dort Alle in Erstaunen und Entzücken versetzen konnte. Aber solch' kühnem Fluge der Phantasie vermochte seine kleine Spielgefährtin nicht zu folgen, und wenn er eben noch in voller Rüstung auf Prächtigem Renner gesessen, dann sprach sie davon, wie hübsch das sein würde, wenn er mit hinter dem Amboß stehen und nicht blos Hufeisen, wie der Vater, sondern auch goldene Ringe und Spangen schmieden würde. Eine solch' nüchterne Entgegnung kühlte Ludwig nicht ab, vielmehr schwatzte er sich mit um so größerer Zuversicht in das närrische Zeug hinein, bis dann die Kleine beunruhigt und geärgert zur Mutter lief und ihr klagte, daß Bruder Ludwig nicht Schmied werden wolle, wie es doch der Vater sei, sondern — Graf. 307 Die Mutter aber lächelte gutmüthig zu de» Streit und frug: „Warum willst du den« nicht, daß Ludwig Graf wird?" „Nein," erwiderte die Kleine fast weinend: „er soll hier bleiben und iu meinem Schlöffe wohnen." „Das wird er schon," beschwichtigte sie die Mutter, „werde nur erst groß, dann bleibt er dir zu Lieb gewiß!" „Wenn aber ihr Mann etwas davon plaudern hörte," sagte er stets ironisch: „O ja, er wird noch Grafenschmied werden." Ludwig galt in der Familie als Sohn. Weder Baltzer noch seine Frau hatten dem Knaben je mitgetheilt, daß er nur ein 'Aufgenommener sei, weil sie ihn liebten und ihnen sein kindlich anschmiegendes Wesen so wohl that, daß sie es durch eine solche Mittheilung nicht erkalten lasten wollten. Er war inzwischen ziemlich herangewachsen, — und half dem Schmied fleißig und eifrig bei seiner Arbeit, so gut er eS vermochte. Da, eines Tages, als der Letztere nicht daheim, kam der dicke Meister Gerber mit einer Bestellung. Die Hausfrau wies ihn an Ludwig. „Ei, seht 'mal, was das für ein tüchtiger Junge wird," bemerkte er gutmüthig, „da haben wir doch etwas Gutes gefunden, nicht wahr, Frau Meisterin?" — Sie hatte doch insgeheim den Meister Gerber über das damals so eigenthümliche Ercigniß auszuhorchen gesucht, und der etwas selbstgefällige Mann freute sich so ganz im Stillen, daß sein Wort bei diesem seelenguten Weibchen zugetroffen. Um sie nur zu beruhigen, begann er auch heute wieder davon zu sprechen. Die Frau, nicht ganz ohne Absicht, setzte das Gespräch, anstatt abzubrechen, weiter fort, und der Gerber erging sich in ein Langes und Breites über die gar so spassige Finde-Geschichte, und so erfuhr Ludwig zum ersten Mal, daß er in diesem Hause nur ein Fremder sei. Ein recht tiefer Schmerz durchzuckte seine Brust. Er fühlte sich plötzlich so vereinsamt, so von all' den liebenden Herzen für ewig hinweggcristen, daß er hinaus in den Garten eilen und seinen Thränen freien Lauf lasten mußte. Die gute Frau hatte damit nichts Arges, sie würde eine solche Entdeckung nicht herbeigeführt haben, das lehrte sie ihr gutes Herz, aber sie stellte sich ihr nicht geradezu in den Weg und vielleicht aus triftigem Grunde. Sie sah ihres Kindes zärtlich Anschmiegen an den vermeintlichen Bruder, und dachte sich das so hübsch und Passend, wenn die Beiden ein Paar würden, und da war es gut, daß sich das Verhältniß aufklärte; waren sie dennoch wirkliche Geschwister, so dachte die verständige Frau weiter — dann mußte der verschlossene Mann doch endlich seine Schuld bekennen. Aber er schwieg, obwohl ihn das Ereigniß unangenehm zu berühren schien, denn er liebte Ludwig und kannte seine bewegliche, leicht empfindliche Seele, um den verwundenden Stachel, den diese Nachricht für ihn haben mußte, zu mildern, war er gegen diesen noch sanfter und freundlicher als sonst. Ulrike aber bemerkte tröstend: „Aergere dich nicht, ich mag doch keinen anderen Bruder, als dich, — und will dich immer so lieb haben, wie jetzt, wenn du nur bei uns bleibst." Ludwig mußte die gleiche, unveränderte Liebe und Wärme seiner Umgebung fühlen, und davon im beunruhigten Gemüth besänftigt werden, aber in dem Innersten seiner Brust zitterte zuweilen der schmerzaufwühlcnde Gedanke herauf: „Du bist ein Findling!" (Fortsetzung folgt.) 308 Ueber den Einfluß des Baumwuchses auf die Verbreitung der Cholera. Die Süddeutsche Presse erhält über diesen Gegenstand die folgende sehr interessante Mittheilung des Herrn Dr. v. Pettenkofer: München, 14. August. Die Süddeutsche Presse hat vor einigen Tagen einen Artikel über den Einfluß der Bäume auf den Wassergehalt des Bodens und damit auch auf den Stand des Grundwassers enthalten, der mich veranlaßt, Ihnen einige mit diesem Gegenstand in Verbindung stehende Notizen aus dem auf Befehl der indischen Regierung gedruckten, zu Ende Juni dieses Jahres erschienen und mir vom Verfasser zugeschickten neuesten Berichte über die Cholera in Indien, vom General-Inspektor der Hospitäler im Bengalischen Medizinal-Dcpartement, l>r. John Murray, mitzutheilen. Dieser Bericht, welcher in den medizinischen Zeitschriften einläßlich besprochen werden wird, ist wesentlich auf die Beantwortungen der von der indischen Regierung an sämmtliche Aerzte Indiens gerichteten Fragen gegründet. Eine dieser Fragen (I 8) betrifft den Einfluß der Bäume auf die Einschränkung der Cholera und beweist, daß man auch in Indien auf einen gewissen Einfluß von Baumpflanzungen aufmerksam geworden ist. Unter den auf diese Frage eingelaufenen Antworten sind einige sehr schlagend. So werden von Beatson (1- k. Otkioisting vsput^ Inspuotor Kvnoral, Lsn- §sl I.) folgende Thatsachen angeführt: In der sehr weit verbreiteten Cholera-Epidemie von Allahabad im Jahre 1859, sind unbezweifelt jene Truppenabthcilungen, deren Wohnungen den Vortheil nahestehender Bäume hatten, verschont geblieben, und zwar genau im Verhältniß der Dichtigkeit und Nähe dieses Schutzes. Die europäische Kavallerie in den Wellington Barracks, die zwischen vier Reihen stattlicher Mango-Bäume, obschon immer noch etwas offen liegen, litt viel weniger als das vierte europäische Regiment, dessen Quartiere auf einem der ganzen Kraft der Winde ausgesetzten Hügel lagen; während in der bengalischen reitenden Artillerie, die ihren Wohnsitz in einem Mangowäldchen hatte, nicht ein einziger Krankheitsfall vorkam. Und diese Ausnahme kann nicht als zufällig betrachtet werden, da im folgenden Jahre das Verhältniß sich genau ebenso wiederholte. Griffith (U. ^ssistunt Lur^son, ülackras I) äußert sich in folgender Weise: Die Gegenwart von Bäumen wirkt wohlthätig, und ich glaube, daß einige Baumarten vorthcilhafter wirken als andere. Von einem Dorfe Namens Bhudrogaum in diesem Distrikte wird behauptet, daß es noch niemals von der Cholera heimgesucht worden sei. Es ist von Nccmbäumen umgeben. Vor einigen Monaten bat ich den Kapitän Dovcton, welcher Forstmeister ist, um Auskunft über diesen Ort. In 1865, so sagte er, wo die Cholera im Hoshuugabad-Distrikte wüthete, besuchte ich Bhudrogaum, wo ich zu meinem Erstaunen erfuhr, daß daselbst nicht ein einziger Cholerafall vorgekommen war, während in den umliegenden Dörfern die Menschen in großer Zahl starben. Dieses Dorf, welches nach allen Angaben niemals von der Cholera besucht worden ist, liegt auf einer hohen Uferstelle des Sungul-Flusses und ist im Osten und Westen von nordwärts und südwärts laufenden Waldstrichen eingeschlossen. Diese Junglcstrecken liegen aber tiefer als das Dorf, und in dieser Beziehung sind alle benachbarten Dörfer ebenso günstig gelegen. Aber einen bcmerkenswerthen Umstand hat der Ort für sich: er ist von einer außerordentlichen Zahl von Neembäumen umgeben; und auf diesen Umstand wurde meine Aufmerksamkeit gleich bei meiner Ankunft gelenkt. Nach den Beobachtungen, die ich in den vergangenen neun Jahren zu machen Gelegenheit gehabt, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß ein von Wald umgebenes Dorf (a jun^lo villn^e) der Gefahr der Cholera weniger ausgesetzt ist, als ein Dorf ohne Bäume in seiner Umgebung, daß aber, wenn in einem Walddorfe einmal die Krankheit ausbricht, die Wirkungen viel schlimmer sind, indem eine größere Verhältnißzahl der Bevölkerung von derselben befallen wird. Ein anderer Beobachter, Guisc, 0- /O Usput^ lnspr. 6enl, LönZal I.) erklärt sich wie folgt: Dieses Jahr wurde wieder eine Abtheilung des 77. Regiments in ein Lager geschickt, weil sich am 17. September einige Fälle von Cholera gezeigt hatten. Die Regen hatten aufgehört. Lagergrund mit einem guten Wasserabfluß wurde in einem ausgedehnten Bestand von Mangobäumen gefunden. Die Leute waren den ganzen Tag in der freien Luft unter dem Schutze der Bäume und die Wirkung sowohl in der Beseitigung aller Cholerasymptome, wie überhaupt in dem Gesundheitszustände und der Gemüthsstimmung der Mannschaft war höchst befriedigend. Williams l>>V. b-ui-Ason iUnjor illuckru8 I.) sagt: Ich kann aus eigener Erfahrung kein Beispiel anführen, daß Bäume der Verbreitung der Cholera Schranken gesetzt, Beispiele aber sind bekannt, daß nach dem Abschlagen von Bäumen die Cholera an Orten erschienen ist, die vorher davon frei gewesen waren. So sehr ich an die Richtigkeit der angeführten Thatsachen glaube, so wenig kann ich die manchmal gegebenen Erklärungen annehmen. Die einen meinen, das Wirksame sei der Schalten, den die Bäume den Menschen gegen die Sonnenhitze gewähren; andere meinen, es liege in der luftrcinigendeu Kraft der vegetirenden Blätter, und wieder andere sind der Ansicht, daß die Bäume durch Abhaltung gewisser Luftströmungen wirken. Daß das alles nicht das Wesentliche sein kann, geht aus den Beobachtungen von Grif- fith und Dovelon hervor, wonach Jungle-Orte zwar häufiger verschont bleiben als andere, aber viel schwerer leiden, wenn in ihnen die Krankheit doch einmal ausbricht. Interessant ist für mich, was Mac Leod (Sur^eon Major, klackras I.) sagt: Da Fieber-Malaria fähig ist, vom Winde weiter getragen zu werden, so ist es ganz begreiflich, daß dieselbe von Bäumen aufgehalten werden kann, und es gibt Thatsachen, welche stark dafür sprechen. Von der Cholera aber glaube ich, daß sie tellurischer Entstehung ist, und daß die Erde selbst ein Hauptmedium für die Fortpflanzung dieser Krankheit bildet. Was immer aber diese Hypothese sein mag, — eins ist sicher, nämlich, daß das Choteragift sich gegen den Wind verbreitet, dem schärfsten Paffatwindc entgegen, und eine solche Fähigkeit scheint mir unvereinbar mit der Annahme, daß dieses Gift in seiner Fortbewegung von Bäumen aufgehalten werden könne. Daß jedoch Bäume wohlthätig wirken, indem sie die Luft reinigen, bin ich überzeugt, und deshalb glaube ich in der That, daß ihre Anpflanzung und Erhaltung anzurathcn ist. Auch in Europa haben schon einige darauf aufmerksam gemacht, daß in einer sonst gleich beschaffenen Gegend hier und da große Wälder der Ausbreitung der Cholera Schranken setzten. Wilkens führte jüngst einige Beispiele aus Schlesien, aus der Umgegend von Breslau an, und erklärt den Einfluß der Wälder, übereinstimmend mit mir, unter Beziehung auf das Grnndwasser. Dieser Einfluß großer Baumpflanzungcn und Wälder erinnert mich lebhaft an das Verhalten der Moore in Bayern während der Cholera-Epidemie des Jahres 1854, wo z. B. die zahlreichen und bevölkerten Ortschaften im Donaumoos, zwischen Pöttmes, Schrobcnhausen, Jngolstadt und Neuburg, von einem Gürtel von Ortscpidcmicn umgeben waren, ohne daß sich die Krankheit epidemisch ins Donaumoos hinein fortsetzte, trotz der individuell doch gewiß sehr disponirten armen Bevölkerung derselben. Der Boden des Donaumooscs scheint damals noch zu feucht gewesen zu sein, als die Epidemie in der Nähe war und ihr Keim eingeschleppt werden konnte. Wenn die Mango- und Ncem- Wälder in Indien unter gewissen Umständen eine Immunität gegen Cholera verleihen, so hat das unzweifelhaft keinen andern Grund, als die Immunität der niederen Stadttheile von Lyon, welche durch den Einfluß der Rhone auf die örtlichen Grundwasserverhältnisse bedingt ist. An einem Orte könnte daher das Niederschlagen eines Waldes dieselben Folgen und aus den nämlichen Ursachen haben, wie anderswo das zeitweise Austrocknen eines Moores oder die zeitweise Ableitung eines Flusses. 310 Schlagende Wetter. Ein Augenzeuge der Gruben - Explosion im Plauen'schen Grunde bei DreSde«, gibt im Chemnitzer Tageblatt folgende Erläuterungen zu der Explosion: „Die Entstehung und Verbreitung von „schlagenden Wettern" ist ihrer Natur nach, so viel man sich auch nach dieser Richtung hin bemüht hat, noch so wenig erkannt, die zu ihrer Wahrnehmung und gegen ihre Entzündung anzuwendenden Mittel sind im Ganzen noch so unzuverlässig, daß bei der größten Vorsicht der Gruben-Verwaltung doch leicht einmal alle Maßregeln noch ungenügend sein können, oder daß nur ein Einziger von den in der Grube Anwesenden ein wenig unvorsichtig zu sein braucht um diese alle der Verbrennung oder dem augenblicklichen Tode auszusetzen. „Das Kohlenwasserstoffgas bildet im Gemenge mit atmosphärischer Luft die schlagenden Wetter. Es entwickelt sich in vielen Steinkohlengruben aus den Steinkohlen. Da es leichter ist, als die atmosphärische Luft, so steigt es bei ungestörter Ausströmung aus dem Kohlcnflötze in die höher gelegenen Theile der Grubenbaue, ohne sich mit dieser zu vermischen, und in diesem Falle brennt es bei der Entzündung mit blauer Flamme ohne Detonation ruhig weg. Vermischt sich aber das Kohlcnwasscrstoffgas mit der Luft, entweder durch die Bewegung der Arbeiter, oder durch die in den Gruben stattfindende Ventilation, so cxplodirt das Gemenge bei der Berührung mit einer Flamme. Bei dieser Explosion entsteht ein außerordentlich starker Luftstoß und eine für den Augenblick sehr hohe Hitze. Die weiteren Folgen der Explosion bestehen darin, daß an Stelle der vorherigen schlagenden Wetter der sogenannte „Nachschwaden" tritt, d. i. ein Gemenge von Kohlensäure und Stickstoff, in dem einen oder anderen Falle noch mit etwas Kohlenwasserstoff oder etwas Sauerstoff. Dieser Nachschwaden macht das Athmen der Menschen unmöglich, führt sie daher oft noch zur schnellen Erstickung, wenn sie nicht vorher schon verbrannt oder zerschmettert wurden, und zwar verbreitet sich der Nachschwaden in den Gruben bedeutend weiter, als vorher die Explosion, so daß oft noch Leute dieser nachträglichen Erstickung unterliegen, welche weit von dem Herde der eigentlichen Explosion entfernt liegen. „Die gewöhnliche Art der KohlenwasserstoffgaS-Entwickelung in den Kohlengruben findet auS den eben in der Kohlengewinnung st-hendcn Flötztheilen, also an den Arbeits- punkten statt. In dieser Art liegt die geringere Gefahr, denn m allen Grubenbauen, wo sich Spuren solcher Entwicklung zeigen, läßt man ununterbrochen arbeiten, damit das ausströmende Kohlcnwafferstoffgas durch die Grubenlampen fortlaufend zur ruhigen Verbrennung gelange und überhaupt sicy nicht in größerer Menge unbeobachtet ansammle. Bleibt dennoch einer oder der andere solcher bcdcnkcncrregendeil Punkte Feiertags ohne Arbeiter, so läßt man zur allmählichen Vcrbrcnuung des Kohlenwasserstoffgases in dem höchsten Punkte eine ewige Lampe brennen und läßt jedenfalls den Bau von einem zuverlässigen Manne zuerst untersuchen, ob auch keine Gefahr vorhanden sei. Es geschieht dieß mittels der sogenannten Sicherhcitslampe, d. h. einer besonders construirten Grubenlampe, welche bei richtigem Gebrauche die Anwesenheit von Kohlenstosfwasscrgas durch Vergrößerung und blaue Färbung der Flamme verräth, bevor dieses GaS zur Entzündung gelangen kann. Die Voruntersuchung aller einigermaßen bcdenkencrrcgcnden Baue nach einem Arbcits- stillstande hat auch bei dem freiherrlich v. Burgk'schcn Werke stets gewissenhaft stattgefunden und so auch ohne allen Zweifel am Unglücksmorgcn nach dem vorhergegangenen Feiertage. Zeugcnbcrichte darüber gibt es natürlich in diesem Falle nicht. Bei vorliegendem Ereignisse mag dagegen die andere, seltenere, aber ungleich gefährlichere Art von Verbreitung schlagender Wetter stattgefunden haben. Nämlich in den alten unzugänglichen, weil zusammengebrochenen Kohlenabbauen sammelt sich ebenfalls Kohlcnwaffcrstoffgas an, welches, wenn es hier und da einmal durch eine der zahlreichen offenen Verbindungen in die gangbaren Grubenbaue in geringer Menge übertritt, bei 4 einer guten Ventilation mit weggeführt wird, ohne schädlich zu werden. Geschieht cS aber in großer Menge und geschieht eS bei etwas gehemmter Ventilation, so kommt es vor, daß sich unter jedenfalls gleichzeitigen noch andern nicht erforschten Einflüssen die gangbaren Grubenbaue von den verbrochenen aus innerhalb kurzer Zeit in ausgedehntem Maße mit schlagenden Wettern füllen, ohne daß man eine Ahnung davon hat. So scheint es auch hier der Fall gewesen zu sein. Am 1. August trat nach lange anhaltender Hitze ein Gewitter ein, welches, wie es gewöhnlich geschieht, so wahrscheinlich auch hier die Ventilation mehr oder weniger hemmte. Gleichzeitig wurde am 2. August früh ein besonderes niedriger Barometerstand beobachtet, welcher, wie man andern Orts mehrfach bemerkt hat, den Austritt von schlagenden Wettern aus den alten Bauen zu befördern scheint. Dazu mögen noch andere Umstände hierbei mitgewirkt haben; kurz, als die 327 Mann ziemlich vor ihren Arbcitspunktcn angelangt waren, trat die Explosion der unver- muthcten Anhäufung von schlagenden Wettern ein. Die Heftigkeit des Schlages war derartig, daß die Meisten durch das Hinanwerfen an die Wände, die Decke und den Fußboden zerschmettert, ja, buchstäblich zerfetzt wurden. Man fand sie häufig ohne Kopf, ohne Arm oder Beine, welche Theile weit fortgeschleudert waren; dabei wurden die Kleider sämmtlich vom Leibe gerissen und überzog sich dieser durch die hohe Hitze mit einer schwarzen Kohlenkruste. Nur die weitest Entfernten erlagen der Erstickung durch den Nachschwa- den; die große Mehrzahl aber ward gänzlich verstümmelt und deßhalb völlig unkenntlich angetroffen, weil sie von der Explosion unmittelbar betroffen wurden. Diese war so heftig, daß ein 300 Schritt langes, etwa 4 Schritt weites Tunnclgewölbe zum Theil auseinandergcpreßt und die Zimmerung in den Strecken größtenteils zerstört wurde. In Folge dessen sind diese Strecken vieler Orts derartig zusammengebrochen, daß jetzt 130 Mann mit ihrer Wiederausräumung beschäftigt sind und man gewiß noch verschiedene Wochen dabei zubringen muß. Unter den hereingebrochenen Stein« und Holzmassen lagen nun die Leichen verstreut umher. Der Hopfen-Markt in Nürnberg. . * * Das eben erschienene Septcmberheft der Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins enthält folgende Schilderung über den Hopfenmarkt zu Nürnberg: Wenn in den letzen zehn Jahren die Bicrsabrilation einen enormen Aufschwung erfuhr, so war es besonders der Hopfenbau, der seine große Verbreitung dieser Industrie zu verdanken hatte. Unter allen Hopfen produeirenden Ländern des ganzen Continents hat sich nun seit der Cultur des Hopfens kein Land in ähnlicher Weise verdient gemacht, als Bayern, und in diesem Lande selbst keine andere Provinz, welche auf dieses Verdienst einen gleichen , Anspruch machen könnte, als Mittelfranken. Spalt, Altdorf, Hersbruck und Lauf sind wohl in der That die Stammorte, wo Hopfen zuerst gepflanzt und die Cultur dieses Produktes in einer Weise gepflegt wurde, die es nach und nach. Dank seiner vortheil- § haften geeigneten Bodenbeschaffcnhcit, auf die Ausbildung und Vollkommenhcitsstufc brachte, i welche dasselbe nun einnimmt. Aber auch manche andere Länder, besonders Böhmen, ! Baden, Württemberg, Polen rc. haben den Hopfen seit zehn Jahren mit großem Eifer s kultivirt, so daß um den Verschleiß desselben Besorgnisse rege wurden. Ohne Absatz konnte diese umfassende Cultur, welche von der Verwerthung und dem Verschleiß abhängig war, nicht betrieben werden, und es war hauptsächlich die alte Handelsstadt Nürnberg, welche in dieser Beziehung der Pcoduction in vortrefflicher Weise entgegenkam. Schon > vor 50 Jahren war Nürnberg für das Ausland der Weltmarkt und die Bezugsquelle ^ des Hopfens; seine Handelsfirmen machten schon zu Anfang dieses Jahrhunderts größere l Hopfensendnngcn nach überseeischen Plätzen. Seitdem jedoch Eisenbahnen, Dampfschiffe und Verkehrswege bestehen, konnte sich der Hopfenhandel freier entfalten. Viele und bedeutende Handelsfirmen kamen nach Nürnberg, und der Verkehr ist einer der großartigsten 312 in der großen Handelswelt, Nürnberg der größte Hopfenhandels-Platz geworden Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Handelsfirmen daselbst, und erweitern die bestehenden Handlungshäuser ihre Geschäfte so, daß der Nürnberger Exporthandel von allen, selbst von den entferntesten ProductionS-Ländern, Hopfen bezieht, und hiegcgcn denselben in alle Welttheilc wieder verschleißt. Der Hopfenmarkt Nürnberg's ist daher auch zum Welt- Markte geworden, und was den eigentlichen Markt betrifft, so besteht derselbe ohne alle amtliche Controle und Aufsicht; er wird hauptsächlich in der Karolinenstraße und Brunn- Gasse, in der Nähe der Lorcnzkirche, frcqucnlirt, weil dort viele Commissions-Geschäfte etablirt, zum Lagern des Hopfens eingerichtet und die meisten Hopfen-Handlungen im Lorenzcr-Viertel zu finden sind. Die Preise des Nürnberger Hopfenmarktcs gelten für alle Hopfcnländer als Regulator; an allen Handelsplätzen und überall, wo Spcculation für Hopfenbau und Hopfenhandel erwacht ist, — werden die Course und Berichte des Hopfenmarktes mit Spannung erwartet, so daß in Zeiten des bewegteren Geschäftes, in der Saison, — der Telegraph Tag und Nacht beschäftigt und kaum im Stande ist, die zahllosen Depeschen über das Markt-Ergebniß und die Operationen des Handels in alle Himmelsgegenden zu verkünden. Die Hauptmarkttagc sind: Dienstag, Donnerstag und Samstag; am Schluß des Marktes wird die „Allgemeine Hopfen-Zeitung" ausgegeben, welche außer den Resultaten des Marktes, Nachrichten aus allen Hopfcnbau treibenden Ländern, sowie von allen anderen bedeutenden Märkten bringt. Der jährliche Umsatz des Marktes beträgt nach zehnjährigem Durchschnitte 200,000 Ballen; einen ähnlichen Betrag erhalten die Hopfen-Handlungen direkt aus den Productions-Bezirken. Am Nürnberger Markte betheiligcn sich hauptsächlich die Händler von Fürth und Bambcrg, aber auch die ausländischen von Frankfurt, Mainz, Mannheim, Böhmen und Belgien sind zahlreich vertreten, welche großcnthcils in den Gasthöfcn zum „Strauß," zur „goldenen Eiche" und zur „Himmelsleiter" in der Karolinenstraße Wohnung nehmen. Während der Hauptsaison kam es schon oft vor, daß an Einem Tage 2 — 3000 Ballen zu Markte gebracht wurden, und da der Handel sich auf den Straßen bewegt, so wird bei lebhaftem Geschäfts-Verkehre nicht selten die Passage gehemmt, und in den am Markte gelegenen Wein-, und Bicrwirlhschaften des :c. Dörner, Jung Weihmann und Adelmann — das Geschäft zuweilen mit Hilfe eines frischen Glases abgeschlossen. Bei guter Stimmung und Bedarf ist selbst die größte Zufuhr bis Mittags 12 Uhr umgesetzt und etwa eine Stunde später sind fremde und einheimische Käufer und Verkäufer im „Cafe Lotter," wie in einer Hopfen-Börse, zum Cafe versammelt, die Conjuncturen und Situation des Geschäftes zu berathen, überhaupt der Spcculation Rechnung zu tragen. Die Gcschäfrs- Jahre 1867 und 1868 waren für Händler wie für Produzenten keine rentable. Die Uebcrprvduktion verursachte sehr niedrige Preise, denn der Hopfcnbau hat mit der Bier- Fabrikatiou nicht gleichen Schritt gehalten, und dieselbe weit überholt. Die Preise des Nürnberger Hopfenmarktes gestalteten ^ich seit August 1866 wie folgt: 1866. August 64—78 sl., September 85 — 93 fl., Oktober 90—104 fl., November 100—110 fl., Dezember 115 —123 fl. 1867. Januar 119 —131 fl., Februar 111 —120 fl., März 111-120 fl., April 112—110 fl., Mai 110—116 fl., August 110—121 fl., September 64—71 fl., Oktober 47— 59 fl., November 41—51 fl., Dezember 35—45 fl. 1868. Januar 29—47 fl., Februar 28 — 42 fl., März 27-35 fl, April 27—35 fl., Mai 28 — 35 fl., Juni 30 — 40 fl., Juli 50 fl., August 60 — 70 fl., September 30—48 fl., Oktober 2l—35 fl., November 14—24 fl., Dezember 17—26 fl. (Grabschrift.) Auf dem Grabsteine eines amerikanischen Advokaten ist folgende Inschrift zu lesen: „Der Tod folgte nicht dem Beispiele des Advokaten; er machte kurzen Prozeß mit ihm." Druck, Verlag und Redaction des litterarischen Instituts von Dr. M. Huttler.