^1-0. 40. 3. Octbr. 1869. Was wir gebrauchen, baden, macht uns reich — Wir haben das nicht, was w'r nicht gebrauchen. So wären denn die meisten Menschen reich, Wenn sie nicht wünschten, was sie nicht gebrauchen, lind was der nicht besitzet, der es hat. L Scheser- Die Hand. Historische Novelle von Ludwig Habicht. IN. Sie haben mich geleitet, als ich mich fortgemacht, Sie haben krank zum Sterben mich wieder heimgebracht. Ch amis so. Fünfzehn Jahre waren seit den im ersten Kapitel geschilderten Ereignisse» verstrichen. Wir finden den damals noch jungen Mann der Hütte, merklich gealtert, in dem weilen Saale eines Schlosses wieder, in finstern Gedanken auf- und niedergehend. Eine wilde, — geräuschvolle Vergangenheit mußte an seine hcißklopfendc Schläfe gepocht, finstere Leidenschaften verheerend in seiner Brust gehämmert haben, denn das damals so frische, jugendliche Gesicht trug den Stempel frühen Alters. Sein früher kohlschwarzes Haar halte schon einige Silbcrstreifen, die in solchen Jahren nicht auf ein „ausgelebt," sondern „ausgebrannt" sein schließen ließen. Nur seine Gestalt war stärker, kräftiger geworden, die früher etwas zu schmalen Schultern schienen jetzt besser jedem Unglück trotzen zu können, denn sie hatten sich zu voller Maunesweite ausgedehnt. § Und nach all' diesen Veränderungen würde man schwerlich in dem jetzigen Herzog l Boleslaus von Brieg jenen Eindringling der Waldhülte wieder erkannt haben. Nur das j früher schon dunkel aufflammende Auge hatte jetzt etwas noch düsteres, unheilvcrkünden- ! deres, und der entschlossene Zug seines Gesichtes war bis zum Starrsinn verhärtet. Die junge, unglückliche Mutter, die damals sich schmerzlich von ihrem Kinde trennen mußte, war die Tochter des Königs Wenzel von Böhmen, jetzt Boleölaus Weib. Da > sein Vater früh verstorben, war er vom Böhmenkönig an den Hof genommen und dort erzogen worden, denn die Väter hatten schon ihre Kinder in der Wiege mit einander verlobt. Aus dem Brcslaucr Kloster hatte sie die Furcht vor Entdeckung bald hinweg, und zu einer in Sagan rcsidirendcn Tante getrieben, die alt und halb blind, den Zustand > ihres Gastes nicht gewahrte. Ihr Kammermädchen wurde bestochen, die klebrigen bekamen ! das junge Weib nicht zu Gesicht. Endlich aber fühlten sich die Flüchtigen auch dort nicht mehr sicher, und Boleslaus halte die Hütte im Walde aufgesucht, seinen Pagen > aber, wie wir wissen, noch in Sagan zurückgelassen, um etwaige Briefe von seinem Schwiegervater in Empfang zu nehmen, und so gelang cS, sich vor Entdeckung zu schützen ! und ohne den geringsten Argwohn nach Prag zurück zu kommen. Eine Königstochter, eine künftige Herzogin — durfte nicht der Schande allgemeiner Verachtung anheimfallen, dies war Boleslaus treibender Gedanke, und daher seine an Grausamkeit grenzende Härte. 314 Der Page Georg war nach kurzem Herumstreifen in der Welt ganz ruhig wieder zu BolcSlauS gekommen, mit dem Bericht: »der kleine Ludwig sei bald nach ihrer Abreise gestorben." Boleslaus sah ihn streng und durchbohrend an: „Der Knabe ist nicht todt, das lügst du — und wenn cr's wäre, dann trägst du selbst die Schuld und sollst es büßen!" Er streckte die Hand aus, ihn zu züchtigen, da mußte ein anderer Gedanke ihm durch die Stirn fahren, denn er sagte jetzt ruhig: „Georg, das war sehr leichtsinnig; doch, ich will dir verzeihen, unter dem Beding, auch Margareth zu berichten, daß der kleine Ludwig todt, sag' ihr, daß er still und freundlich verschieden." Georg stutzte; in diesem Augenblicke erst fühlte er einen Vorwurf über den Leichtsinn, nnt dem er die arme Margareth so tief und schneidend verwunden wolle, aber es war nicht viel Zeit zu besinnen, hier drohte eine strenge Strafe, dort galt es, nur die Lüge zu wiederholen, und er willigte ein, um freventlich in die Brust der Mutter einen Giftpfeil des Schmerzes zu schießen, tiefer und tödtlicher, als es Beide geahnt. Und was bewog Bolcslans zu diesem Schritt? Er wollte noch ferner für den Kleinen sorgen, aber dem unaufhaltsam fortnagcnden Schmerz der Mutter ein Ende machen — wenn er todt, dann mußte sie über seinen Verlust zur Ruhe kommen, es war ja ein natürliches Unglück, dem sich durch nichts entgegentreten ließ, und dann wollte er dem Drängen seiner künftigen Frau, das er bestimmt erwarten konnte, ihr den Jungen gleich nach der Hochzeit zurückzugeben, vorbeugen. — Jahre mußten erst vorüberrauschen, ehe er diesen Schritt wagen durfte, dieß war sein fester Entschluß und lieber wollte er sie jetzt täuschen, als täglich, stündlich dieß Andrängen um ihr Kind ertragen, dem er doch einschicken nicht stattgeben wollte. Er log sich selbst vor, um so beglückender würde dann für sie die Nachricht sein, daß es noch lebe. — Georg, nicht er, war ja in dem Falle nur der Betrüger. König Wenzel hatte ihre Verbindung erst auf das kommende Jahr festgesetzt — welch' lange Zeit, während Margareth, deren ganze Liebe zu ihrem Kinde von Neuem erwachte, fortwährend ihren Verlobten bat, doch jetzt Alles zu bekennen und Ludwig heimzuholen. Dem mußte, wiewohl auf grausame Weise, ein Ende gemacht werden. Der Schmerz des jungen Weibes war ein herzzcrschncidender, und BolcSlauS bereute bald seine rasche That, ohne aber in sich die Kraft zu finden, seine Schuld und die Wahrheit zu bekennen. Oft fehlt selbst kräftigen Charactcren jener Muth, selbst dann die Wahrheit zu sagen, wenn sie uns die von Andern erworbene Zuneigung und Achtung kostet, und man schleppt lieber die Kette des eigenen verdammenden Bewußtseins mit sich herum, erträgt, wenn auch im Innersten gedemüthigt, unverdiente Wcrthschätzung, als durch ein offenes Bekenntniß allen Schein und Schimmer über den Haufen zu werfen, und mit Entschlossenheit von Neuem die verlorene Achtung wieder zu gewinnen. Der junge Bolcslans hatte ein Jahr nach seiner Flucht den Besitz seines verwaisten Herzogthums angetreten, und seine erste That war, wie wir gelegentlich erfuhren, die Bestrafung der Glogaucr Herzöge — und Wicdererobcrung eines großen Theils der früheren Äesitzthümer. Jetzt wollte er dem Münsterbergcr Herzoge auf den Leib rücken, der auch noch ein früher geraubtes Stück Land im Besitz hatte. Die Pläne waren alle geschmiedet, ihm fehlte nur noch Eines — Geld dazu, denn er hatte das Sparen und Haushalten nie geliebt, und bei Gelagen und Bautet wurden die Einkünfte des, — die Nachwchen dcS Tartarcncinsalles noch spürenden Landes leichtsinnig verschleudert. Gab es gerade keine Fehde, dann begann daheim ein tolles Leben; die Seele des Herzogs mußte sich fortwährend in den Strudel wilder Lust stürzen, um — wie er vermeinte, sich recht „herzoglich" auszutoben. Zwar gab es noch Stunden, in denen in ihm der bessere Mensch zurückkehrte, in denen er sich sogar des tollen Treibens schämte; aber Margareih's tief verletztes Gemüth vermochte dann nicht sogleich den Reuigen 315 freundlich aufzunehmen, und sich zu jener Entschlossenheit aufzuraffen, die zur glückliche» Stunde das Verlorne Herz wieder erobert. Sie weinte in solchen Momenten still vor sich hin, und fühlte in diesem flüchtigen „zu ihr Zurückkehren" erst recht das Herbe ihres Verlustes. Ein erfreutes, glückliches Gefühl würde ihn gefesselt, die halb erstorbenen Gefühle der Zuneigung von Neuem belebt haben, diese weichlichen Thränen, dieser verschlossen stumme Schmerz scheuchten ihn aber schnell zurück und jagten ihn zu neuen, noch wilderen Zerstreuungen. Er konnte nicht ahnen, welch' wunderbare Veränderung sein liebend Wiederkommen in ihr hervorbrachte. Der Sonne warmer Strahl durchzittcrt den dichten Nebelschleier, und drückt die düsteren Wolken nieder — einzelne Tropfen suchen den Weg zur Erde, man zürnt ihnen nicht — nur der heftige, aufbrausende Charakter des Herzogs wollte sogleich eine wolkenfreie Stirn, ein klares Auge, auf daß ihn nichts empfindlich an sein schweres Unrecht gcmahue. In diesen Thränen lag kein Vorwarf, es waren nur die Vorboten eines hellen Tages. Margarcth hatte ihrem Gatten noch einen Sohn geboren, der zu Ehren des Großvaters auf den Namen Wenzel getauft, ganz nach dem Vater geartet, ein kecker, derber Zunge geworden, und mit seinen wilden Streichen die besorgte Mutter gar oft ängstigte. Die Phantasie führte ihr darum das Bild des verlorenen Ludwig nur um so sanfter und freundlicher vor die Seele, in ihm würde sie gewiß verwandtere Saiten gefunden haben, doch er war todt und ihr anschlußbedürftiges Gemüth cvnccntrirte jetzt die ganze Liebe auf den noch Lebenden der, obwohl wild und aufbrausend, sich dennoch zärtlich an seine Mutter anschmiegte, und wenn er sie weinen sah, tröstend zu ihr mit kindlicher Zuversicht sagte: „Weine nur nicht, lieb' Mutter, wenn ich werde groß sein, dann treib' ich Alle fort, die dich geärgert haben!" Und diese Thränen waren immer reichlicher und heftiger geflossen, als eine Fremde sich als Gast und dann als Geliebte in das Herz von Boleslaus Hingeschlichen und ihn völlig zu beherrschen gelernt. Es war eine Herzogin aus Croaticn, die ihr unruhiger, rastloser Geist aus ihrem Vatcrlande getrieben, und die in BreSlau bei ihrer Durchreise mit Boleslaus zusammengetroffen war. Die königliche Figur, das brennende, dunkle Auge, der Stolz und die Hoheit in ihrem ganzen Wesen imponirten ihm: daö war eine Erscheinung — willenSkrästig, stark und entschieden, die jedem Sturm zu trotzen wagte, und so liebte es Boleslaus. Wo ihm eine entschiedene Persönlichkeit durch schroffes, rücksichtsloses Auftreten Achtung abzwang, da gab er im Behagen über solch' keckes Wesen mehr nach, als es sonst seiner trotzigen Natur gemäß, während er gegen Diejenigen, die weich und hilflos sich fortwährend unter seinen Willen beugten, immer tyrannischer und härter wurde. Gegen eine so glänzend üppige Erscheinung mußte in Boleslau's Augen die blaffe, aus weicheren Stoffen geschaffene Margarcth bald in den tiefsten Schatten treten, und was zuerst Wohlgefallen an dieser kräftigen Frauengcstalt, das loderte bald in heftiger Leidenschaft auf, die von dem verschlagenen, hcrrschsüchtigen Frauenzimmer durch Zurückhaltung noch gesteigert wurde. Je offener und stärker sich BoleSlauS Liebe zeigte, — je größer mußte die Kluft zwischen ihm und Margarcth werden, die den Verlust des noch immer geliebten Mannes nicht verschmerzen konnte, und einsam weinend aus ihrem Zimmer saß, während er im großen Saale mit der Croalin bankcttirtc, und der lustige Gesang, die Lcbehoch's für den schönen Gast bis zu ihr hinüberschaütcn. Die Croatin übte eine unumschränkte Gewalt auf den Herzog aus. Er, der mit eiserner Despotie jeden fremden Willen eingeschüchtert und überall den Tyrannen gespielt, war ihr gegenüber ein willenloses Geschöpf, das, um einen einzigen, freundlichen Blick aus ihren feurigen Augen Alles hinzugeben im Stande war. 316 Seine Frau wurde ihm immer gleichgültiger, — je tiefer er sich in die Netze dr» schlauen Weibes verstrickt, bis er zuletzt mit dem Gedanken vertraut wurde, sich Marga- rcths völlig zu entledigen. Die Croatin war reich, sehr reich, ein gewichtiger Grund mehr, sie und ihr Vermögen zu erobern, aber, um zu diesem Ziele zu gelangen, mußte eine Trennung von Margareth stattfinden, dies hatte ihm der unheimliche Gast längst zu verstehen gegeben; doch, so oft und vielfach er mit diesem Gedanken sich herumgeschleppt, einer gewissen Scheu konnte er sich nicht erwehren, Margareth — diesem unglücklichen Geschöpf, einen solch' tödtlichcn Dolchstoß zu versetzen. Jetzt beschäftigte ihn der Plan eines Feldzuges gegen den Münsterbcrger, und mit dem dringenden Bedürfniß nach Geld tauchte auch dieser oft zurückgedrängte Gedanke von Neuem auf — und stärker denn je. „Es muß sein," sagte er sich, — und damit waren die Würfel gefallen. Er begriff eigentlich diese Margareth nicht, die so ruhig-schweigend seinem verbrecherischen Treiben zusehen konnte. Wie gern Hütte er gesehen, wenn sie ihm selbst den Handschuh hingeworfen und „Valet" gesagt. Um sie aufzustacheln und zu einem Bruche zu bewegen, hatte er sein Wesen mit der Croatin desto offener und freier getrieben, und sogar zugelassen, daß die Letztere im frechen Ucbermuth, selbst au Margareth — ihre Despvtenlaune ausgeübt, und da er die Triebfeder nicht finden konnte, die ihr ruhig fließend Blut in Wallung zu bringen vermöchte, so verachtete er sie wegen einer Schwäche, die Alles duldete und Alles litt. Vielleicht würde sie seine Liebe wieder gewonnen haben, wenn sie den Kampf mit dem schönen Gaste aufgenommen und diesen mit Entschlossenheit auS dem Felde geschlagen hätte. Wir sagen: „vielleicht?" Bolcslaus sollte bald erfahren, daß sie dennoch so schwach und elend nicht war, als er geglaubt, und daß mehr verletzter Stolz als Schwäche sie abgehalten, mit der Croatin in die Schranken zu treten. Denn oft ist es die Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des Feindes, die uns hindert, einen frechen Angriff abzuwehren, und wir schweigen lieber, als uns im Kampfe mit Gcsindel zu beschmutzen. Während oben BoleslauS noch brütend und gedankenvoll in seinem Zimmer auf- und abging, spielte der kleine Wenzel unten auf dem Schloßplatz Ball. Die Croatin ruhte nachlässig im Neitanzuge in der Nähe des Knaben auf einer Bank, und erwartete den Herzog, um mit ihm auf die Jagd zu reiten. Ein grünes Sammtkleid umschloß ihre hohe Gestalt, schwarze Locken umwallten das scharfe, ausdrucksvolle Gesicht, in den Augen blitzte es oft nach Falkenart unheimlich — bcutelüstern auf, um dann wieder eine gedankenlose Leere, ein gelangweiltes Nichts zu zeigen. Sie spielte ungeduldig mit der Reitpeitsche, während ihr Hut mit den wogenden Federn am Boden lag und ihr kleines Füßchen ihn bald vor-, bald rückwärts schob. Die Ungeduld steigerte sich, denn wirklich war BolcSlaus so sehr in seinem Hin- brütcn gefangen, daß er zum ersten Mal die Croatin warten ließ. Der Knabe schien sich wenig um die Croatin zu kümmern, und blickte nur lächelnd zu seiner Mutter hinauf, die von einer Fensternische des Schlosses ihm zusah, und wenn er den Ball recht weit geworfen, Beifall zunickte. Da auf einmal nahm der eine Wurf des Jungen eine unglückliche Richtung, der Ball flog gerade der dort ruhenden Croatin in's Auge. Sie sprang wie eine verwundete Tigerin wüthend auf, und rief den Jungen zu sich heran, der ohne Zögern entschlossen auf sie zuging. „Warte, Bestie, ich will dich werfen lehren;" rief sie aus, und schwang über ihm drohend die Peitsche. „Schlage mich nicht, ich hab'S nicht gern gethan," vertheidigte sich der Junge. 317 „Ich habe wohl gesehen, wie oft du hierher warfst, mich zu treffen, du nichtsnutzige Range/' und sie schwang von Neuem die Peitsche. „Du darfst mich nicht schlagen, du böses, gemeines Weib, du bist schuld, daß die Mutter alle Tage weint, denn du bist schlecht und willst sie nur in's Grab ärgern," — erwiderte trotzig der Junge. Die Augen der Croatin funkelten vor Wuth, — denn obwohl nur ein Knabe ihr gegenüberstand, fühlte sie sich doch von den so treffenden Worten auf's Tiesste verletzt, und im höchsten Zorn siel die Peitsche auf Wcnzet'S Rücken. 'Sie hob zu einem zweiten Schlag die Penschc, — da stand ihr schon Margareth gegenüber, und griff ihr mit einer heftigen Gebcrde in den Arm. Das war nicht mehr die sanfte, Alles über sich ergehen lassende Frau, das war eine ganz andere, höhere, wüthigere, das war eine ihr Kind vertheidigende Mutter, die ihr gegenüber stand. „Wie kannst du, freche Dirne, es wagen, mein Kind zu züchtigen!" donnerte sie der Croatin zu, die — von der ungewöhnlichen Erscheinung verblüfft, vergeblich all' ihre Keckheit aufraffen wollte, und wie ein Schulkind sich entschuldigend bemerkte: „Er hat mich mit dem Ball geworfen!" „Und das gibt dir ein Recht, ihn zu schlagen? Hinaus mit dir. Elende, die du den Frieden meines Hauses vergiftet und nur tausendfache Qualen über mich gebracht!" Die schwache Frau schien die große Fremde weit zu überragen, und in dem vollen, siegenden Bewußtsein ihres guten Rechts in den Staub zu drücken. So groß ist die Macht des Geistes, die in wichtigen Augenblicken selbst über die größte, zügelloseste Masse, wie über den einzelnen, noch so Ungeberdigcn herrscht, wenn sie im Feuereifer all' ihre Kräfte auf einen Punkt concentrirt. Ihr Auge ruhte mir so stolzer Verachtung auf ihrer Gegnerin, ihre Hand wies sie so zwingend und drohend hinweg, daß sie dem geistigen Uebcrgcwicht Margareths gewichen wäre, wenn nicht ein Blick auf die in der Nähe herumstehenden, dem Schauspiel beifällig zusehenden Hoflcute ihren zu Boden gedrückten Stolz und damit die alte Entschlossenheit geweckt hätte. Jetzt mußte sich entscheiden, wer Sieger blieb, das fühle sie, und mit den hastig hcrvorgcstürzten Worten: „Du triumphirst zu früh," stürmte sie in's Schloß. Aber auch Margareth ahnte, daß die Entscheidungsstunde geschlagen, daß ein Fort- leiden und Fortdnldcn nicht mehr am Platze, daß eine von ihnen das Feld räumen müsse, und sie wollte wenigstens in dieser gewichtigen Stunde der Croatin keinen höhern Einfluß auf ihren Mann gönnen, und eilte ihr nach. Die Croatin hatte BoleslauS in der Rüstkammer zu finden gehofft, so daß Margareth, die genau wußte, wo er sich befand, sogar der Croatin zuvor kommen konnte. BoleslauS blickte erstaunt auf — sein Weib hier — und in diesem aufgeregten Zustande zu sehen. Sie eilte liebevoll, wenn auch hastig, auf ihn zu und sagte: „BoleslauS, schütze mich vor diesem Weibe, die sich erfrecht, unser Kind zu schlagen! Jage sie hinweg oder ich — dein Weib, muß fort." Noch konnte sich der Angeredete in das fremde Benehmen Margarcth'S nicht finden, da trat schon die Croatin herein. Hier fühlte sie wieder festen Boden unter den Füßen, und stolz und hochfahrend, wie sie damit bei BoleslauS Alles erzielt, schritt sie auf ihn zu: „Ich komme, dir Lebewohl zu sagen, BolcSkaus!" begann sie mit halb wehmüthig einschmeichelnder, halb zürnender Stimme. Ich war in deinem Hause ein Gast und dein Weib hat sich erkühnt, mich zu beschimpfen und wie eine elende Dirne zu behandeln. — Ich muß Augenblicks von hier hinweg, aber ich werde seiner Zeit Rechenschaft fordern für diese Schmach." „Ich weiß ja gar nicht, was eS gibt," entgcgncte BoleslauS verlegen, der jetzt das 318 Gewitter heraufziehen sah, und doch vor dessen Entscheidung bangte. „Erklärt mir doch dies unglückselige Ereign iß." „Es gibt nichts zu erklären, Boleslaus!" entgegnete Margareth, „nur z« wählen. Wir Beide dürfen nicht mehr unter einem Dache wohnen. Willst du die Buhlerin behalten, dann muß ich gehen!" „Weib! mäßige dich," entgegnete Boleslaus heftig, „ehrst du das Gastrccht so wenig, dann steht es schlimm mit uns!" „Ja, wohl steht es schlimm mit unS," bemerkte Margareth mit einem so klagend schmerzlichen Tone, daß er hätte tief in sein Herz dringen müssen, wenn dies nicht bereits allzusehr verblendet und befangen gewesen wäre. „Ich fühle, daß du das Gastrccht nur zu hoch ehrst, wär' Alles, wie es sein sollte, dann stände ich jetzt nicht hier, dann hätte die Elende nie gewagt, mein Kind zu schlagen, dann würdest du ihr nicht ein freundlich Ohr leihen und dein Weib so tief verletzen!" „Du hörst sie von Neuem lästern," — bemerkte die Croatin, „und so hat sie eS unten vor den Leuten gethan; das ist ein zu schmählicher Schimpf, — den ertrage ich nimmer: Ich will gehen, daß du Frieden erhältst mit deinem kleinen, hübschen Weibchen, die dich so artig unter dem Pantoffel hält. Leb' wohl, Boleslaus — sei herzlich für alles Gute bedankt!" Und ihm wie zum Abschied die Hand reichend, ging sie zur Thür. Das schlaue Weib kannte ihre Macht, daß sie es nun bis zum Aeußersten treiben müsse, um das Feld zu behaupten. Sie zeigte eine Entschlossenheit in ihrem Wesen, die Boleslaus keinen Augenblick zweifeln ließ, daß es ihr mit der Abreise Ernst sei. Und das konnte, — das durfte er nicht zulassen. Er hatte, abgesehen von seiner Leidenschaft für die Croatin, jetzt eben bis zur Ueberzeugung gefunden, daß er ganz nothwendig Geld brauche, und ihm hätte es Vermcssenhcit gedünkt, sich jetzt die Croatin entgehen zu lassen, die zur einzigen, ergiebigen Quelle für ihn werden konnte. — Ob früh, ob spät, der Bruch mußte geschehen! — und nach kurzem Zögern, als sie an der Thür zum letzten Mal zurückblickte, stürzte er auf sie zu — und hielt sie eifrig und freundlich zurück. (Fortsetzung folgt.) In der Industrie-Ausstellung. Welch zaubervoller Anblick, Welch feenhafte Pracht! Jst's Wahrheit, oder Märchen Aus „tausend eine Nacht?" So fragt' ich, als die Schwelle Des Tempels ich betrat, Und sah in tausend Formen Des Geistes stolze That. Wie die geschäfl'ge Biene Von Blum' zu Blume stiegt, Und süßen Honig naschend. Auf gold'nem Kelch sich wiegt; So flog ich in den Hallen Des Nicscndoms umher; Und als ich sollte scheiden, Wie fiel mir das so schwer! Doch sieh mit einem Male War alle Lust dahin; Was war's doch, was so plötzlich Verändert meinen Sinn? Es waren — Särge, mitten Im Tempel ausgestellt. Auf daß sie mächtig rufen: „O eitle Pracht der Welt!" Wie eine Todtenstätte Hat mich der Ort gcdäucht; Ich wollte nichts mehr sehen, Das Scheiden war so leicht! Vsl. llieckkl. 319 Religion «n- Poesie. In unsern Tagen findet — ein Gedicht freilich nur schwer Freunde und Hörer; Geld und Politik absorbircn fast alle freien und unfreien Stunden der Meisten. Weil indeßcn doch auch noch Freunde der Dichtkunst gefunden werden, so mag eS gegönnt fein, denselben zu konstatiren, daß sie in k. Gall Morels „Gedichten* (Einficdcln, bei Bcnziger, 2. Bdchcn.) mehr als Gewöhnliches, nämlich erhabene und erhebende Gedanken in korrekter, edler Form und Haltung finden werden. Viele dieser Gedichte behandeln religiöse Begebenheiten und Lehren, andere sind Naturbetrachtungen, oder Sinngedichte: auch Grabschriftcn u. a. gewiß lescnswcrthe Grabes-Poesien auf theuere und werthe Personen sind hier enthalten. * (Eine Audienz beim Papst.) Der katholische Bischofvon Bombay, Meu- rin, hatte jüngst die Ehre, außer vom König mtd der Königen von Preußen, auch vom Papst empfangen zu werden, welch' letztere Audienz er in folgender interessanten Weise beschreibt: „Am 28. Juni ll'/r Uhr Morgens empfing mich der heilige Vater im Vatikan. Ich kann die Gefühle nicht schildern, welche ich in seiner ehrwürdigen Gegenwart empfand. Da er vor seinem Schreibpulte saß, wurde ich daran verhindert, den Pantoffel zu küssen, aber er reichte mir seine Hand, die ich — ich konnte mir nicht helfen —> so herzlich drückte und küßte, daß er es noch lange nachher gefühlt haben muß. Ich nahm auf sein Geheiß ihm gegenüber Platz und unterhielt mich mit ihm wohl über 20 Minuten. Dann überreichte ich ihm den Peterspfcnnig (2,400 Rupien) in Gold, welchen er auf den Tisch legte. Ehe ich mich verabschiedete, zog ich ein schönes polychromisches Bildniß der heiligen Jungfrau hervor, und überreichte es dem Papst mit den Worten, daß meine Gemeinde zu Bombay seinen Segen sich schriftlich erbäte. Hierauf ergriff er seine Feder und schrieb unter das Bildniß: vous deneckieat populum Lonckm^onsem, et lidoret eum üb omni malo, ot ckvckuout 6uin in somilss zusliti-ie, ckliritutis olikkiientjgo eijslam 8. 86m junii 1869. ?iu5 ?. ?. IX. — Das Gemäl- wird eingerahmt und in der Kathedrale in perpelinim roi mnmnriain aufgehangen tv erden. Nachdem ich Sr. Heiligkeit in den herzlichsten Worten meinen Dank ausgesprochen, entfernte ich mich.* * (Dominospieler unterm Wasser.) Eine der interessantesten Abtheilungen der letzten Pariser Welt-Ausstellung war die sogenannte Burg, welche, zwischen der Jena-Brücke und der Brücke deS Jnvalidcn-Hotels am Ufer der Seine gelegen, alle auf den Sccdienst und die Flußschifffahrt bezüglichen Gegenstände umfaßte. Da die Taucher namentlich die Aufgabe haben Werthgcgcnstände, die auf gestrandeten Schiffen sich befanden, aus der Tiefe des Wassers hervorzuholen, so wurden auch die zur Ausstellung gebrachten Taucher-Apparate jener Abtheilung zugewiesen. Ein Vergleich derselben mit den einstigen Taucherglocken weist darauf hin, daß die Technik auch auf diesem Gebiete einen gewaltigen Schritt nach vorwärts machte, obwohl das Princip, dem unter dem Wasserspiegel beschäftigten Arbeiter die zur Erhaltung seines Lebens nöthige Lust zuzuführen, dasselbe geblieben ist. Die schwerfällige Taucherglocke siel aber weg und während die minder empfindlichen Theile des Tauchers durch einen Kautschuk-Anzug lediglich gegen den Andrang des Wassers geschützt sind, ist der Kopf des Taucbcrs von einem Apparate umschlossen, bei dessen Herstellung der. Maschinenschlosser, der Metalldreher, der Glaser, der Riemer, der Handschuhmacher und Seiler in gleicher Weise mitwirken. Derselbe bildet eine Maske, welche an ihrem oberen Theile am Kopfe des Tauchers festsitzt und demselben erlaubt, mittelst der an dem Helme angebrachten Fenster nach allen Richtungen umherzuspühcn. Gegen den Mund zu erweitern sich dieselben derart, daß der Taucher die in der Maske vorhandene unverdorbene Luft aufathmen kann, während er die von 320 der Lunge ausgcstoßenc Luft durch ein Ventil in das Wasser hinausbläst. Selbstver- stündlich wird die gute Luft fortwährend erneuert, da eine auf dem Schiffe befindliche Luftpumpe, welche mit dem Taucher durch einen wasserdichten Schlauch in Verbindung steht, dem Apparate fortwährend frische Luft zuführt. Die mit solchen Apparaten versehenen Taucher der Pariser Ausstellung hielten sich stundenlang unter dem Wasserspiegel auf, und das Publikum konnte mittelst eines bis auf den Grund der Seine hinabrcichen- den wasserdichten Baues bis zu ihnen hinabsteigen, alle ihre Bewegungen beobachten und zu seinem Erstauen bemerken, wie diese modernen Flnßgölter, in der Tiefe dcS Wassers in bequemen Lchnstühlcn sitzend, auf einem kleinen Tischchen ihre Partie Domino spielten. ^ (Jeder sein eigener Leuchter.) Ivctot, von Böranger im „König von ?)vetot" besungen, wird bald auf eine reellere Weise als durch die Dichtung unsterblich gemacht werden. Ein dortiger Hutmachar hat nämlich unser an Erfindungen so reiches Jahrhundert um eine neue bereichert. Er hat einen Leuchthut erfunden, mit welchem er in getreuer Nachahmung des Berangcr'schen Königs, der blos mit einer baumwollenen Nachtmütze gekrönt ist, seinen Kunden das Haupt bedecken wird. Dieser Leuchthut ist zur Aufnahme einer Laterne eingerichtet und macht es einem Jeden möglich, selbst in dunkelster Mitternacht sein eigener und fremder Leute freundlicher Leitstern zu sein. Natürlich findet die Erfindung sofort universelle Anerkennung, Jedermann wird Latcrncnträgcr und — man bedenke nur, welche Summen Geldes jährlich allein Herr Hausmann in Paris an Straßen-Beleuchtung ersparen und dem General Leboeuf zur Fabrikation neuer ChassePotS zur Verfügung stellen kann! Ohne Frage, der Hutmacher von Hmtot ^ Wohlthäter der Menschheit und man würde ihm sofort ein Denkmal errichten, wenn auch nur, um ihn schon bei Lebzeiten in Stein gehauen zu sehen, wenn nicht jede Nacht sein lebensvolles Denkmal wäre. Unsere Straßen und Plätze werden bei Nacht wie frisches Gehölz in Sommernächten aussehen, in welchem sich eine Masse Johanniskäfer und Irrlichter Rendezvous geben, und diese fortdauernde Illumination wird so allgemein werden, daß in künftigen Zeiten, wenn zu Ehren eines hohen Gastes illuminirt werden soll, man tiefe Dunkelheit vorschreiben wird, auf daß Jedermann sein eigenes Licht sein müsse. — Unbestreitbar gehen wir erleuchteten Zeiten entgegen. Auf einer alten Tafel im Dom zu Lübek steht geschrieben: Ihr nennet mich Meister — und fraget mich nicht, Ihr nennet mich Licht — und sehet mich nicht, Ihr nennet mich Weg — und gehet mich nicht, Ihr nennet mich Leben — und begehret mich nicht, Ihr heißet mich weise — und folget mir nicht, Ihr heißet mich schön -- und liebet mich nicht, Ihr heißet mich reich — und bittet mich nicht, Ihr heißet mich ewig — und suchet mich nicht, Ihr heißet mich barmherzig — und trauet mir nicht, Ihr heißet mich edel — und dienet mir nicht, Ihr nennet mich allmächtig — und ehret mich nicht, Ihr nennet mich gerecht — und fürchtet mich nicht. Werd' ich Euch verdammen — verdenkt mir's nicht. Vater: Karl, warum hast du nicht geweint, wie man deine Großmutter begrabe» hat? — Sohn: Guck, Vater, ich habe allewcil druckt, aber — ich kann nicht greinen, außer ich krieg' Prügel. Druck. Vorlag und Redaction des Literarischcn Instituts von Dr. M. Huttler.