Nro. 41. 10. Octbr. 1869. Angsbnrgev Den lohnt des Himmels Friede, der sein Schwert Nur in gerechtem, frommen Kriege zieht. Shakespeare, König Johann, Akt 1., Scene 1. Die Hand Historisckc Novelle von Ludwig Habiekt. (Fortsetzung.) , „Du darfst nicht so von uns scheiden," sagte er zärtlich, „ich will nicht, daß du mein Haus als unwirthbar anklagst, bleibe hier und Alles wird sich wieder aussöhnen!" „Nichts wird sich aussöhnen!" entgegnen die einmal aus ihrer Lethargie aufgerüttelte Margarcth, „wir sind am Ende! Du hast gewählt, nun denn, so muß ich gehen, und nach solcher Erfahrung gehe ich gern." Und ehe noch Bolcstaus Zeit zu einer Antwort finden konnte, war sie verschwunden. Die beiden Zurückgebliebenen sahen sich einander erstaunt an. Bolcslaus war bestürzt und erschüttert. Diese Entschlossenheit hätte ihm in früherer Zeit imponirt, heute aber war es bereits zu spät. Der Croatin höhnisches Gelächter, ihre Liebkosungen erstickten bald die sich regenden Gewissensbisse und Neuegedanken. Solche Naturen, ivie die Margareth's, lassen bis zu einem gewissen Punkt Alles über sich ergehe», wenn aber ihre Widerstandskraft aufgestachelt wird, führen sie ohne Schwanken, ohne das mindeste Zögern, mit einer Strenge und Entschlossenheit, die einmal erfaßten Gedanken aus, die uns bei den sonst so schüchternen, rücksichtsvollen Charakteren in Erstaunen setzt. Noch ehe Bvleslaus an die Tiefe des Bruches geglaubt, hatte Margarcth schon ihre Befehle zur Abreise gegeben und in wenigen Stunden war Alles gepackt. Was hatte sie denn viel mitzunehmen? An Sachen und Kostbarkeiten wenig — nur ihren großen, fürchterlich nagenden Schmerz trug sie mit hinweg, der schwer wog und schwerer drückte, als Alles Ucbrige. Boleslaus saß noch, das Jüngsterlebte sowie die vorgenommene Jagd vergessend, an der Seite der Croatin, da ritt schon Margarcth, von ihrem Sohne und einem kleinen Gefolge begleitet, zum Thore hinaus. Er blickte erschrocken ausi den kleinen Zug, das kam ihm doch zu plötzlich, überraschend, und sich den Liebkosungen der Croatin entwindend, die ihn vergeblich zurückzuhalten suchte, stürzte er hinunter und auf die Abreisenden zu, die noch am Thore durch den kleinen Wenzel aufgehalten worden waren, der durchaus sein Pscrdchen allein führen gewollt, und jeden Beistand hartnäckig zurückgewiesen. „Du gehst, Margarcth?" rief BoleslauS weich und mitd, und das ganze Unrecht seines Thuns schien er in diesen halb vorwurfsvollen, halb herzlichen Worten bekennen zu wollen. Sie sah ihn ruhig und gelassen an, als habe sie ihn nie gekannt, gab ihm keine Antwort und rief dann ihrem Gefolge zu: „Nur fort!" „So gehe!" — rief Boleslaus, von dieser kalten Ruhe erbittert, — „aber der Wenzel bleibt hier! " Bei diesen Worten wandte sie ihr Pferd um, richtete sich hoch auf, ein Flammen- 322 blick zuckte aus ihren Augen, sie war wieder ganz die Löwin, die ihr Junges schützt, und mit schneidender Stimme schlenderte sie ihm die Worte zu: „Wage nicht, mir mein zweites Kind von der Brust zu reißen." Es lag so viel Bitteres, — so viel drohend Jmponircndcs in ihren Worten, daß Boleslaus im Bewußtsein seiner Schuld niedergeschmettert schwieg, und ehe er ganz wieder „er selbst" wurde, war Margareth mit ihrem Gefolge schon seinen Augen entschwunden. Betäubt und niedergedrückt ging er zurück, verschloß sich für heute, — finster und menschenfeindlich, in seinem Zimmer, und ließ selbst die dringend klopfende „Croatin" nicht herein. Eine Falle der Croatin fürchtend, wich Margareth bald von dem gewöhnlichen Wege nach Böhmen ab und suchte durch Niederschlcsicn nach Prag zu kommen. Da, so nahe dem Schauplätze früherer, tiefer Schmerzen, stieg die Erinnerung an ihr geliebtes Kind lebendig in ihrer Seele auf. Sie wollte die alte Hütte wiedersehen, noch einmal etwas vor? ihrem Ludwig hören, und wie der kleine Engel von dieser Welt geschieden. Sie schlug dorthin den Weg ein; der Platz war nach einigem Forschen gefunden, und um ungestört zu sein, betrat sie, ihren Sohn der Obhut eines alten, treuen Dieners überlassend, allein die Hütte, die noch heute so morsch und zerfallen wie damals, gerade in ihrer Gebrechlichkeit dem Sturm der Zeit getrotzt zu haben schien. Auch drinnen in der Wohnung hatte sich nichts verändert. Vielleicht stand das ärmliche Hausgcräth nur bunter übereinander, als ob die Hütte schon seit Wochen nicht mehr bewohnt gewesen wäre. Ein schwaches Stöhnen aus der an die Stube anstoßenden Kammer lenkte ihre Aufmerksamkeit dorthin und sie trat ein. Da lag die Alte, bleich und elend auf ihrem Strohlager, halb besinnungslos nnd schon mit dem Tode kämpfcnd. Sie trat dicht an das Bett der Alten, beugte sich über sie hinweg und frug sie mit zitternder Stimme: „Kennst du mich noch?" Die Alte richtete das ausgebrannte trockene Auge auf Margareth, schrack zusammen und erst nach einer langen Weile, wie sich besinnend, erwiderte sie: „Ah, die Königstochter!" „Woher weißt du das? frug diese erstaunt. „O Kleine, so heimlich du auch thatest, mir entging es nicht. Kommst du nach deinem Kinde?" frug sie dann lauernd, „hi, hi, das würde Geld kosten." „Ich weiß ja, daß es todt," erwiderte Margareth mit tonloser, von der Erinnerung des Schmerzes überwältigtet- Stimme, „aber erzähle nur, wie der kleine Ludwig gestorben, doch rasch, rasch, ehe du mit ihm sein Schicksal theilst." „Ja so, ganz recht, er ist gestorben," sagte die Alte, als müsse sie an dem hingeworfenen Faden erst selbst die vergessene Vergangenheit aufsuchen, plötzlich durchkreuzte ein neuer Gedanke ihr dumpfes Hirn. Sie konnte ja für die Nachricht, daß der Kleine noch lebt, von der zärtlichen Mutter Geld erpressen. In ihren Augen funkelte es noch einmal unheimlich auf und sie keuchzte heraus: „Wenn nun das Kind noch lebte?" Ein Schauder überrieselte Margareth. Wir können ohnehin nicht an den Tod dessen glauben, den wir nicht sterben gesehen, und darum brauste es wunderbar beglückend durch ihre Brust, sie mußte diesen Worten glauben und doch, dieser Trug von Boleslaus, das wäre zu grausam, zu fürchterlich gewesen — sie frug, um sich zu vergewissern: „Lügst du nicht? O, spotte nicht meinem Schmerz, — zeige mir nicht trügerisch einen Himmel, um ihn sogleich zu vernichten. Wage es nicht, du solltest schrecklich büßen, mit mir dein Spiel getrieben zu haben," fügte sie drohend hinzu. 323 „Nein, ich schwöre dir, Ludwig lebt!" „Weib! bist du toll? sag' mir, wo du ihn hast, ich will ihn suchen, und müßte ich die ganze Welt durchwandern." „Aber ich bin arm, du läßt mich hier verschmachten, während ich dich glücklich gemacht," seufzte die Alte kläglich. „Du sollst Alles haben, reich werden, wie du dir's nie hast träumen lassen, überrede — rede! wo ist mein Kind?" rief ängstlich und hastig die Mutter. „Reich werden," krächzte die Alte langsam nach, sie wollte weiter sprechen, aber ein Krampfanfall erstickte ihre Stimme und regungslos lag sie eine Weile dort, mit dem Tode ringend. „Sage wo? — wo ist mein Ludwig?" rief die Unglückliche in Verzweiflung und suchte die sterbende Alte zur Besinnung aufzurütteln, die wirklich noch einmal die grauen > Augen aufschlug und kaum verständlich keuchte. „Also hundert Dukaten erhalt' ich, ist's nicht so? Nein — zweihundert Dukaten, welch' schöne Summe." „Aber sprich nur, sprich, du sollst ja Alles erhalten!" drängte Margaret!), die schon die vernichtende Sense des finstern Todes über der Alten schwingen sah. Sie wollte sich aufraffen, doch vergebens; immer unsicherer, schlaffer wurden die Bewegungen der Sterbenden, ihre Zunge schien gelähmt, die Finger tasteten au der zerrissenen Decke herum, die Augen begannen sich zu verschleiern — es mußte schnell Nacht werden, und mir auf den schrillen Angsiruf Margarethe: „Du sollst - du darfst nicht sterben!" schien daS Lcbenslämpchcu noch einmal aufflackern zu wollen, aber bereits war ihr Denken zerrissen, unzusammenhängend, und vorn Arm des Todes umschnürt, murmelte sie in kurzen Absätzen: „Ja warte — es war Freitags — Donnerstag — nein, richtig — eines Freitags, da nahm ich den Jungen — er schlief so gut, was die für Augen gemacht haben — hi, hi" — „Aber wohin? — unseliges Weib, wohin schlepptest du meinen armen Ludwig, ich lasse dich nicht sterben, — wo ist mein Sohn?" Zu spät. Die Alte keuchte verworren hervor: „Gute Leute das -- im Wagen;" ihre Rede wurde völlig unverständig, ein heiseres, „hi — hi" — blieb noch halb auf den Lippen und die Alte — war todt. „Todt — todt! mit meinem Sohne todt!" rief Margareth so schneidend klagend, daß es unheimlich durch daö Zimmer zitterte, „o, das ist mehr wie teuflisch, aber es taucht mir ein Lichtschimmer auf, ich soll meinen Sohn wiederfinden, wenn auch dieses tückische Weib mit dem Geheimniß auf den Lippen stirbt!" Der Schlag war zu hart für ihre ohnehin von den mannigfachen Qualen zermarterte Brust. Ein Blitzstrahl schien vernichtend auf sie niedcrzuzucken, und sie sank an dem Todteubettc der Alten bewußtlos zusammen. Als der kleine Wenzel, durch ihr langes Ausbleiben unruhig gemacht, — mit den Dienstleutcn hcreintrat, erwachte sie endlich aus ihrer Ohnmacht, richtete sich halb in die Höhe, und schlug ein Helles, erschütterndes Lachen auf: „Du lügst, Alte! sagtest du nicht, du wärest — ha, ha — ich glaube Niemand mehr, Boleslaus ließ auch meinen Ludwig sterben und er lebt! Alles — Alles — ist eine Lüge! Wie sie so stumm da liegt," — fuhr sie zum starren Schrecken der Umstehenden fort: „Lache nicht so tückisch — horst du das Gold, wie es klingt? — mein Sohn — mein Sohn — ich komme, ich rette dich. Ha, du willst ihn auf den Wagen legen; nein, nein, ich lasse dich nicht — ich vernichte dich — denn ich bin eine Mutter!" und sie stürzte auf die Leiche zu. Ihre Begleitung hielt sie mit Gewalt zurück, — man versuchte sie aus's Pferd zu 324 bringen, sie seufzte nur schwer auf. Ihr WuthauSbruch hatte sich gelegt, aber die Nacht des Wahnsinns breitete sich doch düster schaltend um ihre Stirn. Der kleine Wenzel stand jetzt plötzlich rath- und hilflos allein. lV. Daran ist schuld dein süßer Kuß, Der schnelle, zündende Funken, Daran ist schuld dein süßer Kuß, Den ich hinabgetrunken. M o s e u. Es war ein lustiges Treiben vor dem Schlöffe des Briegcr Herzogs. Knappen putzten die Waffen, Reisige zogen heran mit bunten Fähnlein, und die guten Bürger selbst Probten auf einem nahen Schießstande ihre Armbrust. Allem Anschein nach sollte ein neuer Strcifzug dcS kampflustigen BoleslauS beginnen, der jetzt bald hier, bald dorthin eilte, um zu ordnen, zu schlichten und Alle» in das gehörige Geleis zu bringen. Drei Jahre waren vergangen, seitdem Bolcslaus von der Erkrankung Margareth's berichtet worden, und er hätte sogleich seine Ehe durch den Bischof trennen lassen, um bald nachher zu einer Verheirathung mit der Croatin zu schreiten. später noch kam ihm das Gerücht, Margareth sei todt, daS im ganzen Lande verbreitet, vielleicht von dem Glogauer geflissentlich ausgestreut worden war, um die Unglückliche jedem verfolgenden Blick desto sicherer zu entziehen. Jetzt erst, nachdem BoleslauS die Croatin besaß, fühlte er die scharfen Dornen jener Rose, nach der er so verlangend die Hand ausgestreckt. Sie hatte sich schnell die Herrschaft über das ganze Hcrzogthum angemaßt, und schaltete mit einer Rücksichtslosigkeit und Willkür, die selbst dem an Quälereien und Druck aller Art gewohnten Volke auf die Länge zu hart und unerträglich wurde. Die Steuern und Zölle mußten erhöht werden, nur um die hohen Summen für die wilden Festlichkeiten, die sich förmlich zu jagen schienen, aufzubringen. In nie gesättigter, bacchantischer Lust stürzte sie den Herzog aus einem Vergnügen in das andere, so daß ihn selbst ein unbehagliches Gefühl heimsuchte, von einem Weibe in diesem tollen Treiben übertreffen zu werden. Ost hatte er Stunden, in denen er sich nach seiner sanften Margareth zurücksehnte. Sie war so ganz anders, stets lieb und freundlich gewesen, an ihrem stillen und ruhigen Wesen hatte sich die heiße Brandung seiner Leidenschaft am ehesten abgekühlt, und selbst über den wildesten Mann hat ja ein echtes Fraucngemüth einen gewissen besänftigenden Zauber, der gewöhnlich erst dann gewürdigt und geschätzt wird, wenn der gute Engel von der Seite gewichen, In solchen Stunden sann er oft gedankenvoll vor sich hin; die Bilder der Vergangenheit siegen in seiner unruhigen Seele auf, — er gedachte mit bitterer Reue seines ersten Weiches, die er so tief und mannigfach gequält, wie er sie von ihrem ersten geliebten Kinde hinweggerissen, und dann noch mit der Nachricht seines Todes getäuscht. — Sie war dabin gegangen, die arme, zu milde, weiche Frau, aber ihr Sohn konnte noch leben, und jftußte jetzt ein kräftiger Junge sein. Der Kleine war schon damals ganz das Ebenbild seiner Mutter, vielleicht würde ihm die Nähe dieses Knaben wohlthun, — wenn er so weiter nach der Mutter geartet. Wenigstens hätte er dann ein einzig anschmiegend Herz, das seiner bedurfte, und nach einem solchen sehnt sich ein kräftig fester Charakter stets, so viel er auch, in Stunden des Unmuths, die zärtlichen Arme dcS schwachen Epheu mit wildem Sinne von sich stößt. Die Croatin war ihm ähnlich, ja im Hang nach Tollheiten überlegen, und seinen Wenzel hatte der Glogauer nicht zurückgegeben, der mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, 325 > 7 ^ einen Schatz des früheren Feindes in Händen und damit die Handhabe zu besitzen, seiner Zeit die Feindseligkeit zu erneuern. Bolcslaus hatte vor ihm auf der Hut zu sein, und wollte doch dem Münstcrbcrger auf den Leib rücken, welch' so lange vorher entworfenes Unternehmen von der Croatin aber bis jetzt hinausgeschoben worden, die lieber den Herzog auf dem Schlosse zechend, als auf dem Felde kümpfend sah. Vielleicht konnte sie die Vergnügungen nicht entbehren, vielleicht wollte sie noch ihre volle Kasse schonen, genug, sie hatte bisher verstanden, den Streifzug aufzuhalten. Endlich war cS ihm nun gelungen, die Croatin für seine Pläne zugänglicher zu stimmen, und alle Vorbereitungen zum li-a>npse wurden getroffen — aber jetzt, da ihn die Croatin noch mit keinem Kinde beschenkt, erwachte auch die Sehnsucht nach dem Erstgebornen um so stärker, und er beschloß, Schritte für dessen Aufsuchung zu thun. Es galt ja eine schwere Schuld abzubüßen, die er an Margareth, wie an seinem eigenen Sohne begangen, und der verklärte Geist Margareth'S niußte freundlich auf ihn niederlächeln, wenn sie ihren Sohn wieder bei ihm aufgenommen sah. Indessen war er gegen den herrschsüchtigen Charakter seiner jetzigen Frau mißtrauisch geworden, die gewiß den jungen Eindringling mit scheelen Augen ansehen würde; er wollte die Sache überhaupt geheim halten, und den jungen Ludwig an den Hof ziehen, — ohne daS wahre Sach- »erhültniß aufzudecken. Wer war zu dieser geheimen Sendung geschickter, als sein früherer Page Georg — der in die ganze Angelegenheit eingeweiht, jetzt aber Edler von Strahlen, noch immer sein Vertrauter geblieben. Er zog ihn eines TageS heimlich in sein Gemach und machte ihn mit dem Plane, seinen Ludwig aufsuchen zu wollen, vertraut. „Ich habe eine unendliche Sehnsucht nach dem Jungen," fügte BoleSlauS hinzu, „und wenn du mir ihn glücklich bringst, dann will ich dich zum Grafen ernennen. Ich weiß, daß dich schon lange darnach gelüstet." Georg nahm den Auftrag freudig an und entgcgncte: „Ich fürchte nur, daß der Kleine wirklich todt ist, oder daß sich die Alte ihn vom Halse geschafft." „Nein, das glaub' ich nicht," — entgcgncte BoleSlauS, „ich habe eine recht starke Hoffnung, ihn wieder zu sehen; ich. verlasse mich auf deine Verschlagenheit, setze Alles daran, mir den Jungen zu schaffen, und du bist — Graf." „Ich werde Alles aufbieten, ihn zu finden," erwiderte Georg, „und sollt' ich ganz Schlesien nach allen Himmelsgegenden durchstreifen müssen, wenn er noch lebt, dann bring' ich ihn zurück, denn an dem sonderbaren Maal ist er zu erkennen." „Wohl! — aber nur dann, wenn du Jedem den Rock von der Brust reißt," — versetzte Boleslaus lachend, „doch noch einmal, tiefes Schweigen über das Ganze, und reise sofort ab!" Georg, von der winkenden Grafenkrone angelockt, versprach Alles und ging. Noch ehe Georg sich zur Abreise vorbereitet hatte, wurde er Plötzlich zur Croatin gerufen. Sie hatte ihn zum Herzog eintreten sehen, und da sie jeden Schritt desselben bewachte, so mußte sie wissen, was dieses Hcimlichthun bedeuten solle. Sie empfing ihn, auf weichen Polstern ruhend, nur nachlässig angekleidet. Ihre volle üppige Gestalt trat durch die leichte Kleidung nur noch mehr hervor: welch' volle, blühende Arme, — welch' schwellende. Brust, welch' sinnlicher Zauber in ihrer ganzen Erscheinung! Die Korallenlippen schienen nur zum Kusse einzuladen, und in den dunklen, tiefliegenden Klugen brodelte ein verzehrend Feuer, das beutelüstern jeden Augenblick hervorzubrechen drohte. Zu diesem glühenden, leidenschaftlichen Wesen harmonirte vollkommen das dunkle, rothseidene Kleid, das leicht ihre noch immer imponirende Gestalt umschloß. 7 ^' c I .'I I 326 Sie richtete jetzt ihre durchdringenden Augen auf den Eintretenden und frug bestimmt und forschend: „Was solltest du bei dem Herzog?" „Rathpflcgen über den neuen FeldzugSplau," cntgegnete Georg mit ziemlicher Sicherheit und doch nicht fest genug, um das schlaue Weib zu täuschen. „Und das hieltet ihr so geheim?" frug sie weiter inguirircud. „Wir wollen den Münstcrberger überraschen und damit in die Enge treiben!" „So?! >— und wenn ich jetzt dich selbst in die Enge triebe?" frug die Croatin scharf, und ihr Auge ruhte durchbohrend auf Georg. „Glaubst du mich zu täusche»? Ihr führt etwas ganz Anderes im Schilde!" „Und wenn es wäre?" — entgegnete Georg, der jetzt seinen kecken Trotz wiedergefunden hatte, nicht ohne Absicht. „Dann würdest du mir vertrauen, Georg!" entgegnete die Vorsichtige schmeichelnd, die zu fühlen begann, daß sie ihm auf andere Weise beikommen müsse. „Und wenn ich es nicht dürfte, Herzogin? Wenn Boleslaus mir strenge Verschwiegenheit anbefohlen?" „Ich bin sein Weib, die früh oder spät jedes Geheimniß von ihm doch erführt, also vertraue mir, ich will nur deine Ergebenheit gegen mich erproben." „Wie kannst du daran zweifeln? Fordere von mir, was du willst und ich werde es thun, aber mein Wort gegen BoleSlans darf ich nicht brechen!" cntgegnete Georg, der damit nur seine Forderung höher schrauben wollte. Das schlaue Weib schien ihn durchschaut zu haben und entgegnete freundlich: „Du willst dir deine Worte gut bezahlen lassen, nun wohl! . 50 Dukaten — machen die dich sprechend?" Er schüttelte bedenklich das Haupt. „Sei kein Thor," drängte die Croatin, „ich weiß, du brauchst fortwährend Geld, verschmähe nicht diese hübsche Quelle! Oder willst du mehr? Hundert Dukaten?" Georg fühlte, daß er dennoch der Croatin nicht entgehen könne, ja sich dieselbe nicht zum Feinde machen dürfte, — 100 Dukaten waren doch eine schöne Summe, und was lag denn an der ganzen Geschichte? Nichts! — Er hatte schon Viel in seinem Leben geschwatzt, aber so gut waren ihm die Worte noch nicht bezahlt worden. Er willigte ein und trat geheimnißvoll zu ihr heran, um die früheren Begebnisse und seinen jetzigen Auftrag mitzutheilen. Inmitten des Erzählens war er der Herzogin immer nähe? gerückt, kauerte zuletzt zu ihren Füßen, während die Herzogin sich begierig lauschend über ihn bückte, und ihr warmer Athem seine Stirne berÜHÄe. Zhr Auge funkelte bei der Berichterstattung unheimlich, — diesen Knaben Margarethe durfte sie nimmermehr in Boleslaus Hände lassen, dies mußte eine Theilung seiner Liebe herbeiführen, und sie war viel zu herrschsüchtig, um nur eine Faser seines Herzens irgend einem anderen Wesen zu überlassen. Der Sprößling der verhaßten Margaret!) sollte einst den Besitz des Hcrzogthums antreten, während sie selbst nicht alle Hoffnung aufgegeben, Boleslaus einen Erben zu schenken? Alles das genügte zu dem raschen Entschlüsse, durchkreuzend in die Pläne Boleslaus einzugreifen. Georg war mit seiner Erzählung zu Ende — und blickte jetzt auf in das über ihn ruhende, dunkle Auge der Herzogin. Er erschrack fast selbst über die Vertraulichkeit, zu der ihn sein flüsterndes Erzählen veranlaßt, und doch lag in der Erscheinung der vor ihm Sitzenden ein Zauber, dem er sich nicht zu entwindeu vermochte. „Und du gehst jetzt, den Auftrag auszuführen? Wirst du den Knaben finden?" frug die Croatin. »Ich muß!" — entgegnete dieser — „Boleslaus will es." 327 „Was kümmert dich Bolcslaus," entgegnete die Croatin warn: und beugte sich noch tiefer über Georg — „wenn ich dich nun bäte, auf jeden Fall — allein zu kommen?" Ihr Auge ruhte mit einem eigenthümlichen Glänze auf dem schon halb Gefangenen. „Ich kaun es nicht!" erwiderte sich halb aufraffend Georg. „Du kannst es ohne Mühe!" — und der volle weiße Arm legte sich um seinen Nacken, „fordere, was du willst von mir, ich will dich reich — königlich belohnen^— aber tritt mir den Wurm in den Staub, - wenn . er noch lebt — nur bring' ihn nicht hierher!" „Fordere Alles," das Wort zuckte dämonisch durch seine Brust, seine Augen blitzten in leidenschaftlichem Verlangen, die Brust hob sich und er erwiderte sich selbst vergessend: „Hab' ich dich verstanden? — nein, du hältst nicht Wort!" „Zweifelst du?" — sagte die Croatin feurig, und drückte ihn mit leidenschaftlicher Gluth an ihr Herz, und einen Kuß auf seine Lippen pressend, flüsterte sie: „Dies ist mein Herzogswort, das ich nicht breche." Wie berauscht und entzückt, versprach er mehr, als die Herzogin selbst gefordert, und schwur, den Knaben aus dem Wege zu räumen, wo er ihn finde. „Nun, so gehe!" sagte die Herzogin mit vielsagendem Lächeln, und entwand sich seiner Umarmung, geh' und hole dir den Preis -— 1000 Dukaten — nicht?" „Tausend Dukaten!" entgegnete Georg lachend, und entfernte sich, noch völlig in seine wilden, leidenschaftlichen Träume verloren, um seine Reise augenblicklich anzutreten. Die Erzählung hatte alte Erinnerungen aufgefrischt, er besann sich der Hüttcn- bewohneriu und jubelte: „Alte Hexe, so hast du doch nicht geschwindelt, und dein Prophctcnwort wird dennoch wahr! Es ist doch wunderlich, daß ein solch' altes Dings mehr weiß, als ich mir je habe träumen lassen. — Gelingt mir nur der Streich, werde ich ihr Günstling, dann bin ich mehr als Graf. Bolcslaus! — dann bin ich Herzog!" (Fortsetzung folgt.) Ein Verbreche«, das sich selbst rächt. Folgende ächt russische Geschichte hat sich unter der Regierung des Czar Nikolaus zugetragen. Ein großer Herr, mit einer wichtigen Mission nach einer der Städte des russischen Reiches entsendet, hatte dortselbst in einem der ersten Hotels Wohnung genommen. — Man weiß, wie die Gemächer der Hotels beschaffen sind. Eines sieht dem andern gleich. Eine dünne Wand trennt sie von einander, aber das hindert nicht, daß man Alles hören kann, was im Ncbcugemache vor sich geht. Der obbcsagte große Herr bewohnte eines dieser Gemächer. Er hatte eine gehcimnißvolle Nachbarschaft. Der Nachbar kam und ging Tag für Tag zur gleichen Stunde, mit der Pünktlichkeit eines Chronometers. — Das machte den großen Herrn neugierig. Er hatte bald heraus, daß der Nachbar ein Jude war. Zwischen der Neugierde und dem Spioniren lag nur — das Schlüsselloch. Unser großer Herr legte also sein Auge an das Schlüsselloch der Thüre, welche die beiden Zimmer mit einander verband. Er sah, wie der Nachbar Jude, nachdem er vorher sorgfältig untersucht hatte, ob er allein sei, in den Alkoven trat, wo das Bett stand und von dort ein Kästchen holte, welches, nach der Anstrengung zu schließen, die das Tragen desselben dem Juden verursachte, ziemlich schwer sein mußte. Der Jude stellte das Kästchen auf den Tisch. Er blickte noch einmal furchtsam und mißtrauisch nach allen Seiten um sich Dann öffnete er das Kästchen und nahm ein — zweites Kästchen aus demselben. Aus dem zweiten kam ein drittes Kästchen zum Vorschein. Dieses letztere öffnete der Jude unter denselben Vorsichtsmaßregeln wie die vorhergehenden. Die Blicke des Juden versenkten sich in das dritte Kästchen und betrachteten mit gierigem Ausdruck den Inhalt desselben. Den Blicken folgten die Hände und durchwühlten das Kästchen mit fieberhaft zitternder Hast. Endlich kamen sie wieder aus dem Kästchen hervor und 328 brachten ein ansehnliches Päckchen von Banknoten zum Vorschein. Der Inhalt des Kästchens mußte Millionen von Rubeln werth sein!! Der große Herr stand wie geblendet. Dieselbe Scene wiederholte sich Abend für Abend. Der sinneberückende Anblick solchen Reichthums ließ einen teuflischen Gedanken in dem Hirn des Spähers vor der Thür aufblitzen. Er wollte sich die dreifache Kassette des Juden, oder wenigstens deren Inhalt aneignen „Ein Jude!" — sagte er zu sich selbst — „was hat das auf sich? Wenn er es wagen sollte, zu widerstehen, so werde ich ihn wohl zum Schweigen bringen!" Der große Herr begab sich zum ersten Polizeibcamtcn der Stadt, — der natürlich sowohl ihn selbst als auch seine hohe Mission kannte, und ihn daher mit sklavischer Unterwürfigkeit empfing. „Mein Herr" — sagte der große Hcrr zum Polizeibeamten, „ich bin das Opfer eines Dicbstahls geworden, eines schweren Diebstahls." — „Sie, mein Herr?" — „Ich selbst!" — „Und wer hätte es gewagt..." — „Ein Jude! Mein Zimmer im Hotel T. . . befindet sich neben dem Scinigen. Meine Werthpapiere waren unter dreifachem Verschlüsse in einem dreifachen Kästchen verschlossen. Mein Nachbar hat durch die unsere Zimmer verbindende Thüre in mein Gemach einzudringen gewußt, und mich meines Geldes beraubt." — „Oh, oh! Dicbstahl mit Einbruch! Darauf steht lebenslängliche Deportation nach Sibirien. Wir wollen sogleich die Verhaftung des Elenden vornehmen lasten." Und der Polizei-Chef begab sich in Begleitung des angeblich Bcstohlenen und mehrerer Agenten nach dem Hotel. Der Jude war so eben in seine Wohnung zurückgekehrt. „Im Namen deS CzarS, öffnet;" schrie der Polizeibcamte, indem er an die Thüre pochte. — Der Jude öffnete sogleich. Sobald er aber den Chef der Polizei und seine Begleiter erblickte, verzerrte sich sein Antlitz, und ein schmerzliches Lächeln trat auf seine erbleichenden Lippen. „Ich weiß, was Sie wollen, mein Herr!" sagte er — „und ich werde in einem Augenblicke zu Ihren Diensten stehen. Er trat in den Alkoven. Eine Sekunde später krachte ein Schuß. Man stürzt in den Alkoven. Der Jude hatte sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. „Der Elende!" rief der Polizei-Chef aus. „Er hat sich selbst gerichtet!" Der große Herr, an welchen diese Worte gerichtet waren, — stand sprachlos einer solchen Entwicklung gegenüber. Der Polizei-Chef fuhr fort: „Nehmen Sie, mein Herr, hier ist Ihre dreifache Kassette, und hier die Schlüssel; untersuchen wir vorerst noch den Inhalt, um zu sehen, ob er vollständig ist." Man öffnete das Kästchen und Prüfte die Banknoten. Während dieß geschah, runzelte sich die Stirne deS Polizei-Chefs, und sein Gesicht nahm einen finstern Ausdruck an. „Sind Sie sicher, mein Herr, daß diese Banknoten Ihnen gehören?" fragte er. — »Ohne Zweifel." — „Sie beschwören es?" — «Ich beschwöre es!" — „Wohlan, mein Hcrr, dann verhafte ich Sie im Namen des Czars. Diese Banknoten sind falsch." Der große Hcrr war vernichtet. Aber was wollte er antworten? Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und zu lebenslänglicher Bergwcrksarbeit in Sibirien verurtheilr. Die Erklärung dieses Drama's ist einfach; der-Jude war ein Fälscher. Als er die Polizei in sein Zimmer dringen sah, glaubte er sich entdeckt, und gab sich den Tod. Ein Gerichts-Beamter vernahm eine alte Frau, welche Zeuge von einem thätlichen Angriffe gewesen war, über die Identität des Beklagten „War es ein langer Mann?" >— „Nicht sehr lang, ungefähr von Ihrer Größe." — »Sah er gut aus?" — „Nicht besonders, ohngcfähr wie Sie." — „Schielte er?" — „Ein wenig, doch nicht so sehr wie Sie!" Dem Könige Jakob I. von England setzte sich eine Fliege auf die Nase. „Ich habe drei Königreiche," rief er, „kannst Du darin keinen anderen Platz finden?" Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von Dr. M. Huttler. «