Nno. 42. 17. Octbr. 1869. O Gvtt der Schlachten! stähle meine Krieger, Erfüll sie nicht mit Furcht, nimm ihnen nun Den Sinn des Rechnens, wenn der Gegner Zahl Sie um ihr Herz bringt. ^ Shakespeare, Hernrrch 4. Mt, 1. Scene. Die Hand Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) V. Ha . hämmere, Meister, ruhig fort, Dein Feuer blinke licht und loh! Wohl dir, o Freund, ein einfach Streben, Genügt dir durch dies Menschenleben. K. Mayer. Georg wandte seine Schritte natürlich zur Alten, bei der ihm allein über den Sohn Margarelh's Aufschluß werden konnte. Er crschrack — die Hütte war zerfallen und zerstört, keine Spur eines menschlichen Wesens war darin. Die Alte mußte todt sein, denn sonst würde sie sich schwerlich von ihrem L-cblingssitz getrennt haben. Wie schade, — die Alte in ihrem zähen, verknöcherten Wesen hatte ein langes, gar nicht zu Ende bringendes Leben versprochen, und ihm mit ihrem unverantwortlich schnellen Sterben einen schlechten Streich gespielt, — denn damit war ihm jede Spur des WeiterforschcnS abgeschnitten. Unmuthig ritt er hinweg, um wenigstens noch in der Gegend hcrumzuschweifen und den Schein zu retten. , Kurz vor Sprottau verlor zu seinem neuen Acrgcr sein Pferd ein Eisen, und er war froh, gleich am Thore eine Schmiede-Werkstatt zu erblicken. Ein junges Mädchen stand an der Thür des stattlichen Hauses; die liebliche Erscheinung übte auf das für solche Eindrücke ganz besonders empfängliche Herz Georg's sogleich ihren Zauber aus und er frug höflich: „Mein Kind, kannst du mir nicht einen Arzt verschaffen für mein Pferd?" „Nein, Herr! —- wir find nur ehrliche Schmiedclcutc!" „Eben recht," cntgcgnete Georg, „mein Pferd hat ein Hufeisen verloren," und erschwang sich herunter, band das Pferd an einen der am Schmicdcsländcr hängenden Ringe und trat mit dem Mädchen, das ihn freundlich au zwei am Feuer stehende Gestalten wies, in die Werkstatt. Der Eine, in dem wir Meister Baltzcr wieder erkennen, war noch derselbe geblieben, kaum merklich gealtert, obwohl er jetzt beinahe ein tiefer Scchszigcr sein mochte, nur hatte er jetzt eine stolzere, selbstbewußtere Haltung, seitdem ihn die chrcnwcrthc Bürgerschaft seines männlichen, thatkräftigen Wesens und seiner tüchtigen Erfahrung wegen zum Rathsherrn ernannt. In dem ihm zur Seite stehenden Gehülfen erkennen wir Ludwig, der hochaufge- schössen, ein kräftiger, hell um sich schauender Bursche geworden. In seiner ganzen Erscheinung lag etwas EdlcS, etwas über seine niedrige Stellung Hinausragendes, das selbst durch die unscheinbare Schmicdejacke hindurchschimmerte. 330 War schon Georg dieser etwas Apartes an sich habende Schmicdcmeister aufgefallen, , so sprang ihm der neben dem Meister stehende Ludwig noch lebhafter in's Auge. Dieses feine, geistreiche Gesicht mußte er unbedingt schon gesehen, in diese blauen, schönen, — fast schwärmerischen Augen geblickt haben. Er ging die ganze Reihe seiner bunten Erinnerungen durch, konnte aber zu keinem Resultat kommen, da hörte er den Schmied sagen: „Nun, Ludwig, dann frisch an's Werk." ^ „Ludwig!" — Der Name wurde zum Ariadnefaden, der ihn in dem verworrenen Labyrinth seines Gedächtnisses znrechtführte, und plötzlich schoß ihm der Gedanke auf: „Ich hab's! Diese Ähnlichkeit ist untrüglich, das ist Margareth's Sohn! Ich Thor, wie konnte ich nur einen einzigen Augenblick im Finstern tappen? Doch, ich muß der Sache auf den Grund kommen!" Nachdem das Geschäft des Beschlagens zu Ende war, suchte er mit dem Schmied ein Gespräch anzuknüpfen, der davon geschmeichelt, gern darauf einging, und den vornehmen Kunden in seine Stube nöthige. Er war so offen, so ehrlich gegen den Schmied, und sagte: daß er ein Edler von Strahlen im Dienst des Bricger Herzogs und sogar dessen Liebling sei; erzählte von seinen Abenteuern, den Schicksalen seines Herzogs, und hatte sich bald mit ihm in recht unterhaltende Dinge hineiugeplaudcrt, und dadurch des Schmiedes Zuneigung gewonnen. i Das Töchterlein hörte dem feinen Herrn andächtig zu, während die Hausfrau, auf einen Wink des Schmieds, sich in der Küche zu schaffen machte, um dem Fremden einen s Imbiß zu bereiten. ! Georg frug dann, wie von ungefähr, nach dem Gehülfen des Schmieds und meinte: h „Ein frischer, gesunder Bursche, der einmal ein tüchtiger Kriegsmann werden wird!" § „Jä, das glaub' ich auch," entgegnete der Schmied, „eö zieht ihn schon recht hinaus, e aber er ist noch zu jung und mag warten." „Hm, was kann er hier verlieren, er muß sich draußen herumtummeln, das macht j erst einen festen Kerl!" H „Wir wollen sehen," entgegnete Baltzer. „Ach Gott," sagte die eben mit den Speisen hcrcintrctcndc Hausfrau. „Sprich i nur nicht wieder vorn Kriege, Hermann, du hast damit den apmcn Ludwig ohnehin von l Kindheit an den Kopf verdreht." „Aber Ludwig will Ritter werden, und das ist prächtig!" — bemerkte das junge > Mädchen. „Von Kindheit auf, Meister? Ist er Euer Sohn?" frug Georg, — „ich hielt ihn für Euren Gesellen." „Nein, Herr, wir fanden ihn als kleines Kind in unserer Haidc, und ich nahm ihn zu mir und hab' ihn groß gezogen." Nachdem nun einmal Ludwig's Geburts-Verhältnisse zur Sprache gekommen,, hatte er kein Geheimniß mehr daraus zu machen. „Und nie etwas über ihn gehört?" frug Georg. ^ „Nie," — war die Antwort. Die Frau setzte redseliger hinzu: „Es ist uns nie gelungen, die Sache aufzuklären, so viel Mühe wir uns gegeben, und wenn ihm nicht einmal sein sonderbares Mal die Mutter zuführt, dann wird er sich wohl mit uns armen Leuten begnügen müssen." , , „Ein. Mal?" — frug von Neuem Georg, der jetzt nicht mehr den mindesten Zweifel haben konnte, daß er hier am Ziel sei. - „Ja, eine förmliche Hand auf seiner Brust, daß man jeden Finger sehen kann." » Ludwig trat jetzt eben herein und das Gespräch wurde unterbrochen. S Man setzte sich zu Tische. Georg stimmte sein hochfahrendes Benehmen sehr herab, 'k um sich bei dem Schmied recht einzubürgern. Unter anderen Verhältnissen würde er die ! gut und ehrlich gemeinte Einladung des Schmieds höhnisch ausgeschlagen haben, hier I 331 willigte er gerne ein und that dem Essen tüchtig Bescheid, daß er sich damit selbst die Zufriedenheit der Hausfrau erwarb, denn bekanntlich wollen diese guten Seelen, daß man zu ihren freundlich bereiteten Speisen stets einen guten, für ihre preiswürdige Thätigkeit empfänglichen Magen mitbringt. Das junge Mädchen saß Georg gegenüber und konnte nicht genug den feinen Hofmann bewundern, der ja ganz dem Phantasiegebilde entsprach, das sie sich von einem solchen entworfen. Die feine Haltung, — das interessante, kecke Gesicht mit dem zierenden Bart, das einschmeichelnde, freundliche Benehmen, übten auf das junge, — unbefangene Herz einen eigenen Zauber aus. Auch Georg fühlte sich unwillkürlich in dieser so fremden, neuen Welt recht heimisch, denn selbst für sein im Hofleben vergiftetes Gemüth mußte dieses ruhige und harmlose Familienleben etwas Wohlthuendes, und das junge Mädchen, diese Unschuld und Natur, etwas ungemein Fesselndes haben. Er sagte, daß ihn wichtige Geschäfte in Sprottau zurückhalten würden, und bat sich die Erlaubniß aus, wiederkommen zu dürfen, weil er hier im Orte völlig fremd und nur bei solch' wackeren, biederen Leuten sich heimisch fühlen könne. Der Schmied hatte gleiches Interesse an Georg gefunden und schlug herzlich in die ihm von diesem dargebotene Hand, mit der Bitte, so oft wieder zu kommen, als es die Geschäfte immer erlaubten. Wie würden die guten Sprottaucr auf ihn sehen, daß der Vertraute eines Herzogs mit ihm verkehre — ihn besuche, das kitzelte doch seinen Rathsherrnstolz! Das junge Mädchen nickte ihm so freundlich zu, als er vom Wiederkommen sprach, daß er fühlen mußte, er wäre dem guten Kinde wirklich angenehm. Nur Ludwig schien von dem Fremden nicht erbaut, — er konnte sich das augenblicklich entstandene Gefühl der entschiedensten Abneigung nicht erklären, aber ihn durchzuckte eine Ahnung, als müsse von diesem so freundlichen Menschen ihm recht Schmerzliches begegnen. Diese glatten, einschmeichelnden Manieren behagten seinem offenen, geraden Wesen auf keinen Fall, und diese unruhigen Augen, die so beobachtend auch auf ihm geruht, hatten etwas Tückisches, hinter denen nichts Gutes lauern konnte. Aber bei dem allgemeinen Lobe des Fremden mußte er mit seinem nüchternen Urtheil zurückhalten, um nicht die Uebrigen zu verletzen, denn er fühlte wohl, daß nichts unangenehmer berührt, als auf Enthusiasmus und Voreingenommenheit solche kalte, die gute Meinung zerschneidende Ansicht. Wir lassen uns nicht gern unsere Götzenbilder in den Staub werfen und zerschlagen, selbst von unseren besten Freunden nicht. Der Fremde kam wieder und immer wieder, und wurde zuletzt der tägliche Gast des Hauses, zur nicht geringen Qual des armen Ludwig, — der zugleich die wachsende Neigung Ulrikcn's zu dem Fremden sah und dennoch nicht wagen durfte, dagegen warnend aufzutreten. Was hatte er für einen Grund? Nur sein eigenes, unbehagliches Gefühl; konnte das der Thatsache gegenüber Stand halten, daß Georg eine angenehme, freundliche Erscheinung war, die Vertrauen zu erwecken verstand? Und Ludwig liebte — mit der ersten Wärme aufkeimender jugendlich schwärmerischer Leidenschaft — Ulriken; erst seitdem der Fremde störend zwischen sie getreten, war ihm die ganze Gluth und Fülle seiner Gefühle so recht klar und bewußt geworden. Sie war ja von Kindheit auf in seine Seele gewachsen, der freundliche Genius, der sein sonst dunkeles Leben erleuchtet, und wie oft auch kühne Traumbilder ihn weit hinausgeführt in die bunte, phantastische Welt, ihm Bilder voll Ruhm und Glück vorgegaukelt, glücklicher und ruhiger fühlte er sich jedoch, wenn er sich an der Seite Ulrikcns dachte, und in stiller, harmloser Beschränktheit in den lieben, alten Räumen ein freundliches Stillleben träumte. Ihrer Liebe glaubte er früher gewiß zu sein. Sie hing mit voller Innigkeit an ) - Ä» 332 ihm, er mußte ihr überall rathen und helfen, er war der Gegenstand ihrer kleinen Neckereien und Späße; so recht lieb und traut schloß sie sich an den Jüngling, — dem diese Unbefangenheit hätte lehren sollen, daß gerade dieses Zeichen auf ein mehr der Freundschaft, als der Liebe verwandtes Gefühl schließen lasse. Wohl war der Pflegevater etwas stolz, aber doch, Ludwig galt für seinen Liebling, und gegen ihn war der herrische Mann stets lieb und freundlich gewesen. Und die Mutter? An ihr hatte er längst bemerkt, daß ein Zusammcnthun der beiden Kinder sogar ein Lieblingsgedanke von ihr sein müsse, denn in manchem Wort und Blick ließ sie etwas davon hindurchschimmern. Sie war zu verständig, um nicht eine solche Verbindung recht passend zu finden, und dann einen kleinen Nebenzweck würde man in den Falten ihres Herzens doch aufgespürt haben. Sonderbar von der sonst ruhigen und verständigen Frau! Den Gedanken, daß Ludwig möglicher Weise dennoch ein wilder Sprößling ihres Mannes sei, konnte sie, obwohl sie ihn hartnäckig und klug verschwieg, nicht los werden; so begünstigte sie das Verhältniß der jungen Leute, das die Sache am ehesten zum AuStrag bringen müsse. — War ihr Mann schuldig, dann konnte er in die Verbindung nicht willigen, dann mußte er bekennen. Welches Hinderniß zu seinem Glücke stand Ludwig noch entgegen? Keines, wenn Georg nicht gekommen. Ulrike wurde immer mehr von dem glänzenden Auftreten des Gastes geblendet, und wenn sie auch Stunden hatte, in denen eine wärmere Neigung für Ludwig sich geltend machte, so waren diese zu kurz, um dem Einflüsse Georg's die Waage zu halten. Es waren gewöhnlich diejenigen Stunden dem Jugendfreund günstiger, in denen sie mit ihm in der Laube des kleinen Gartens saß, und Ludwig mit seiner klangvollen, melodischen Stimme jene Lieder sang, die er von einem wandernden Sänger in Musestunden gelernt. Ulrike horchte dann aufmerksam zu und schien sich in diese Melodien tief hincinzu- senken. Die frische, blühende Gestalt, das schwärmerisch zum Himmel schauende Auge Ludwig's hatten einen wunderbaren Zauber, es lag so viel Poesie darin, es war das Ringen eines edleren Geistes aus niederdrückenden, unpassenden Verhältnissen, und das wirft stets einen eigenthümlichen Glanz über solche Charaktere und weckt unser Interesse. Er wußte vielleicht selbst nicht, was in ihm lebte und wogte, aber oft wurde ihm die dunkle Schmicdewerkstatt zu enge und dann sehnte er sich hinaus, einem Phantom nachjagen zu können, das in unsicheren Umrissen vor seiner Seele stand! Waren es die wiederkehrenden Kindcrträunie, war eS ein echter, unverfälschter Quell seines Herzens, der sich unwiderstehlich Bahn brechen mußte — er wußte es nicht! Wohl hatte Ludwig eine Hand auf seiner Brust, — aber sie zeigte ihn auf seinem dunklen Lebenswege nicht zurccht, und bald behielt die glänzende Erscheinung des GastcS bei Ulrike völlig die Oberhand. Georg war ja noch immer eine stattliche Figur und jetzt in der ganzen Fülle seiner Manncskraft, und gerade diese üben auf junge Mädchen einen besonderen Zauber aus, weil sie dort die kräftigste Stütze zu finden meinen. Georg hatte an dem lustigen Hofe Bolcslaus die Welt und Menschen genugsam kennen gelernt, aber die Kunst, Weiberhcrzcn zu gewinnen, — war ganz besonders das weite Feld seiner früheren Thätigkeit gewesen. Jedoch der Abstand zwischen all' den lustigen, übermüthigen Weibern bei Hofe und dieser reinen, unverfälschten Natur konnte selbst einem Hofmanuc, wie Georg, nicht verborgen bleiben, und wo er überall nur gescherzt und getändelt, leichtsinnig von Blume zu Blume geflattert, so fühlte er jetzt zum ersten. Mal alles Ernstes sein Herz gefesselt. Ihr heiteres, glückliches Wesen hatte etwas unendlich Wohlthuendes, er fühlte sich in ihre Nähe gebannt, fühlte sich als besseren Menschen, und suchte mit zartem Taktgefühl all' das frivole Geplauder zu vermeiden, das ihm fast zur zweiten Natur geworden war. Er scherzte und lachte mit ihr, fand sich mit seiner Gewandtheit in ihr lustiges, tändelndes Wesen, daß sie sich fortwährend mit ihm angeregt und belustigt fühlte, — während das mehr brütende, ernste, fast melancholische Wesen Ludwig's in ihr eine Art Unbehagen hervorrief, weil der in ihr sprudelnde, pnrpnrrothe Lebenssaft jeden dunklen Tropfen von sich wies. Ludwig's Charakter drückte sie, weil sie sich nach ihm stimmen mußte, während der Georg's sie weich und dehnbar wie die Luft umgab, daß sie ihn niemals störend fühlte, und so konnte rasch in den beiden sich nähernden Herzen die Flamme ausbrechcn, wozu noch kam, daß der Evenstochter an der Seite dieses vornehmen Mannes ein anderes, glänzenderes Loos winkte, als es in ihre Kinderträume phantastisch verlockend hineingeragt. Schien es doch, als ob das Glück durch Zuführen dieses Mannes ihr den blühendsten Kranz zu Füßen legen wollte. Dem stolzen Schmied war das immer mehr hervortretende Werben des hohen Freiers um sein Töchtcrchcn gar nicht unlieb. Er hatte keine Scheu vor einer solch' gewagten Verbindung, der Gedanke hieran schwellte vielmehr die Segel seiner Eitelkeit, daß sich das ganze Kühnlein darunter bog und alle Mitbürger zu überflügeln drohte. Er hatte sich, seines Dünkens, einem solchen Eidam gegenüber nicht zu schämen. Ein wohlchrsamcr Rathshcrr der alten betriebsamen Stadt Sprottau, dessen Küche und Keller reichlich gefüllt, der draußen vor dem Thore die fruchtbarsten Aecker, die fettesten Wiesen sein eigen nannte, hatte nicht nöthig, vor einem Edelmann die Flagge zu streichen, und zu alle dem ein ehrsam, wohlanständig Handwerk, — dessen sich schon viele Herren vom Adel nicht geschämt, und das zu dem fleißig und ehrlich Erworbenen noch mehr hinzu- schaffte: war dies nicht genug, die wohlan sehnlichsten Freier für sein einzig Töchterlein herbeizulocken? Und dieser Georg war ganz ein Mann nach seinem Geschmack. In der That, der verschlagene Hofmann hatte gewußt, des Schmiedes schwache Seiten zu benutzen, ihm viel erzählt von bunten, gefährlichen Abenteuern aller Art und von den hohen Ehren, in denen er bei dem Herzog stände, ihm sein wackeres Handwerk gerühmt, das zu ergreifen er nicht wenig Lust habe, wenn er daS Schwert zu führen müde werden sollte. Er meinte oft schmeichelnd: „Hinter dem Ritter, der das Schwert führt, kommt der tüchtige Mann, der es gemacht, die Beiden müssen Hand in Hand gehen und gar viele Fürsten haben sich schon des Schmiedens beflissen." Solche Reden thaten dem Schmiede unendlich wohl, weil cr's so selten in seiner Stadt gehört, und Alle dort in seinem Schmiedehandwerk nichts Besonderes finden konnten, und doch war der gute Mann so stolz darauf und ganz glücklich, Jemand zu finden, der seinen höheren Standpunkt zu würdigen wußte. Oft saß er dann im vertraulichen Gespräch mit seinem treuen, lieben Eheweib, und sie plauderten von dem Glück ihres Kindes. Der Schmied meinte: „'s wäre nun doch Zeit, für Ulriken's Ausstattung zu sorgen, denn man wisse nicht, wie sich's schicken könne." Seine Frau bemerkte: „Aber sie ist ja noch zu jung und unerfahren." „Hm, bald fünfzehn," — erwiderte der Schmied, „und geht Alles nach meinem Wunsch, dann bleibt sie hübsch in unserm Haus und kann noch viel von dir, der guten Wirthin, lernen." , Nach dieser Aeußerung konnte seine Frau nur auf Ludwig schließen, denn bis zu dem Ritter von Strchlen verstieg sich nicht ihr schlichter Sinn, und sie cntgcgncle: „Das ist doch schön, daß wir immer einen Gedanken haben. Ich wüßte auch nicht, wer besser für sie paßte. Sie sind für einander bestimmt, das kannst du glauben, und daß sie sich lieben, hab' ich ihnen längst angemerkt." 334 „Oh! das will ich meinen," bemerkte heiter der Schmied, „euch Weibern kann so etwas nicht entgehen." „Aber der arme Junge muß einen Kummer haben, — er sieht so blaß und abgehärmt aus." „Dächte nicht — hat's auch gar nicht nöthig," entgegnete der Schmied. „Ich glaubte, du wärest zu stolz, ihm Ulriken zu geben!" „Zu stolz?" — fragte dieser befremdet, „das wär' doch etwas stark — im Gegentheil — " „Ja, ich hab' immer gefürchtet, du würdest dich daran stoßen, daß er nur ein — Findelkind." „Ein Findelkind? Potz Betten, meinst du den Ludwig?" fuhr der Schmied heftig auf und sein gerathetes Gesicht verrieth, — wie plötzlich und unangenehm er aus den Wolken gefallen. „Zum Teufel mit dem Jungen, dem's nicht im Traume einfallen soll, an die Ricke zu denken." Die arme Frau sah ganz bestürzt und unglücklich darein. Sie konnte dieses Aufbrausen nicht begreifen und der Schmied, dessen Zornesausbrüche, weil so heftig, nie von langer Dauer wa,ren, setzte begütigend hinzu: „Nein, Alte, wie kannst du nur so albern fein, ich meine den edlen Herrn von Strehlcn, der die Ricke heimführen wird!" Da die sanftesten Einreden hiergegen gleich ihres Mannes Zorn von Neuem erregten, fühlte die Frau wohl, daß des armen Ludwig's Liebe, zu ihrem großen Schmerz, eine hvffnungs- und zukuuftslose sei; doch wollen ja eben edle Fraueuherzen den zarten, duftigen Lebenstraum zu einem glücklich versöhnenden Ende führen. Zugleich erwachte von Neuem in ihr der beunruhigende Gedanke an ihres Mannes begangene Untreue, weil er gleich so heftig den Vorschlag einer Heirath zwischen Ludwig und Ulriken von der Hand gewiesen. „Sie sind doch Geschwcster," dachte sie jetzt von Neuem, „nur deßhalb dürfen sie sich nicht heirathen. O diese Männer!" und sie spann sich ganz still und geschäftig in ein recht quälend Netz von Gedanken und Vermuthungen hinein, — während es nur des Schmieds Eitelkeit war, die ihn so handeln ließ. Georg behandelte Ludwig mit ausgesuchter Höflichkeit; es schien, als werbe er stets um seine Gunst, während dieser sich nur uni so entschiedener zurückzog — und ihm mit schlecht verhehlter Abneigung begegnete. Auf die zuvorkommendsten Fragen erhielt er von Ludwig ein mühsam hervorgcprcßtes „Ja" oder „Nein" zur Antwort, und die sonst so offene, freundliche Natur hatte gerade gegen diesen von den klebrigen so geschätzten Mann eine Kälte und Verschlossenheit, die Allen im Hause auffiel. Der Schmied schalt auf dieß ungebührliche Betragen gegen feinen Gast, selbst die gutmüthige Hausmutter machte Ludwig sanfte Vorstellungen — vergebens — er blieb in seiner schroffen, abwehrenden Haltung. Wenn er hätte Gründe, überzeugende Thatsachen zur Rechtfertigung seines Benehmens angeben sollen, es würde ihm schwer gefallen sein. Er folgte nur der Stimme seines Herzens und hatte vom ersten Augenblick des Zusammentreffens mit Georg an geahnt, daß zwischen ihnen nie Harmonie walten, kein einziger Ton zusammenklingen könne. Und er konnte nicht anders, er mußte ihn hassen, obgleich keine einwirkende Ursache vorhergegangen; in seinem Herzen war dies Gefühl unwillkürlich aufgeschossen, — wie es mit der eisten Liebe geschehen soll. Dieser Haß ist der dauernde, uuvcrlöschbare, weil er auf keiner wiederfahrenen Kränkung, keiner bitteren Erfahrung beruht, sondern ganz aus ^ich selbst hcrvorgewachsen, so recht ohne Anfang, ohne Ende ist. Vom Feinde erlittenes Unrecht, so tief es uns Anfangs schmerzt, bietet auch zugleich die Handhabe zur Versöhnung, wir haben etwas Positives, das ein glücklicher Zufall hinwegräumen und das frühere Verhältniß herstellen kann, während es dort nichts auszulöschen gibt, wo sich die Hände begegnen konnten. Georg fühlte sich davon, daß in dem Hause des Schmiedes eine einzige Person ihm mit offener Verachtung begegnen durfte, tief verletzt. Der in den Tiefen des Mcnschen- herzcns bewanderte Hofmann wußte recht gut, daß die von Einigen auf uns übertragene Liebe immer mehr Herzen heranzieht, aber auch ebenso der auf uns gerichtete Haß uns Andere entfremdet, weil eine scharf ausgesprochene Meinung sich stets Geltung zu verschaffen weiß, und diesen ungünstigen Einfluß befürchtete er besonders bei Ulriken, von der er wußle, daß sie auf Ludwigs Meinung etwas gab, weil sie von Kindheit auf gewöhnt gewesen, in ihm ihren natürlichen Berather und Schützer zu suchen. Obwohl er diesen schädlichen Einfluß schon zu fühlen vermeinte, denn Ulrike war in ihrem Schwanken uud Wählen abwechselnd bald wärmer, bald kälter, so hätte er doch ohne Sorge sein können, — wo einmal die Liebe mit flammender Leidenschaft eingezogen, da findet die Stimme der Vernunft, rathender Freundschaft kein Gehör, und Ludwig war auch zu stolz, ein Wort der Warnung zu sagen, weil er fürchten mußte, dies doch' nur als Folge von Eifersucht betrachtet zu sehen. (Fortsetzung folgt.) Der Blick in das Grab. So wie langwierig und unheilbare Kranke, wenn das Ende ihrer Leiden naht, bei der besten Zuversicht ihrer Genesung doch gewöhnlich von einer Unruhe, einer Sehnsucht nach Aenderung ihres Aufenthaltsortes lebhaft ergriffen werden, die sie ein anderes Klima, eine andere Wohnung, wenigstens eine andere Stube oder doch immer wieder eine andere Stelle für ihr Bett dringend begehren machen — das Weh des Zugvogels im Käsige, wenn seine Zeit herankommt — so sehen wir anderseits, daß gegen den Schluß der rasch verlaufenden Krankheiten die Leidenden sich schon in der Fremd?, von Unbekannten umgeben, gequält, zurückgehalten wähnen und heftig und angstvoll heim verlangen. Der talentvolle Chemiker L *** lag im Entzündungssiebcr. Das Uebel hatte die Hirnhäute ergriffen, er rang zwischen Leben und Tod. Seine schwcrbckümmcrte Gattin klagte dem Arzte, wie er — auch sogar in dem qualvollen Zustande der Kranken, wo in das wache Bewußtsein und Erkennen sich die Ficbcrbildcr mit unabweisbarer Frechheit eindrängen — forwährcnd nicht zu Hause zu sein behaupte wie ihn Dieß sehr beängstigte und er durch alles Zureden kaum für Augenblicke zu überzeugen sei, daß er nicht eine Stube in der Wohnung einer Frau Hill habe beziehen müssen, welche einen sehr widrigen Eindruck auf ihn gemacht habe. Er nannte diese Frau oft, sah sie leibhaftig, und war viel beschäftigt, sich aus ihrer Behausung loszumachen. Der Arzt fragte, ob der Kranke eine Frau dieses Namens kenne oder vielleicht in der letzten Zeit irgend eine englische Novelle gelesen habe? Aber der tüchtige. Praktische Mann hatte so viel in seinem Fache zu lesen, daß er an Uuterhaltnngslektürc nie denken mochte, auch gab es keine Frau dieses Namens unter allen, die er kannte, und sie erschien ihm selbst als eine Fremde. Nicht Nückerinnerung also, sondern reine Fiebcrphantasic. Er unterlag der Krankheit, und die trostlose Wittwe sah den Vater ihrer drei unmündigen Kinder zum Fricdhofe hinaustragen. Es war ihr Bedürfniß, einen Theil des geringen Nachlasses zu einem Gedächtnißstein für den theuern Todten aufzuwenden. Als er fertig war und aufgerichtet werden sollte, betrat sie selbst zum ersten Male den Gottesacker; sie ließ sich den Grabhügel zeigen, der ihr Glück einschloß, und las dicht neben ihm auf einem Kreuze die Inschrift: „Hier ruhet in Gott die Wohledle Frau Anna Hill." 336 Glaubens-Enrhsit. Ich kenn vier Brüdcr, die wohnen zusammen, Beschenkt von der Mutter mit gleicher Montur: Am Haupte den Helm und das Schwert an der Seite, Den Mantel, gehalten von goldener Schnur. Den Ersten beschwerte der Helm auf dem Kopfe, Er warf ihn von dannen. Der Zweite darauf Warf weiter den Mantel. „Der ist mir zu eng". So sprach er, „und hemmt mich im eilenden Lauf." Dem Dritten gefiel nicht daS Schwert an der Seite: „Ich liebe den Frieden! ich hasse den Krieg!" Die völlige Rüstung behielt nur der Vierte, Wollt' ehren die Mutter und wahren den Sieg. Doch als sie nun sah'n sich so ungleich gerüstet. Entspann sich ein Streit, wie zur Einheit zurück Sie möchten gelangen; das meinten sie würde Bestärken den Frieden, begründen das Glück! Der Erste begann: „ich entfern auch den Mantel! Leg' ab du den Helm! du verzicht auf dein Schwert!" „Ich wcrf auch das Hemd weg, cntgcgnct der Dritte, Sobald es im Fortschritt und Laufe mich hemmt!" Der Vierte nur klagte: „so kann ich nicht einen Mit euch mich: ich wahr', was die Mutter mir gab'; Ich brauchs zur Bedeckung zur Wehr und zur Wärme, Ihr liefert durch Nacktheit euch selber ins Grab!" Zu zerren beginnen mit Wuth sie am Letzten: „Durch Nacktheit zur Einheit" ist ihre Devis'. — Bald kommt wohl der Frost und die Ruhr und der Russe, Und zeigt, daß ein Traum nur ihr Ncu-Paradics! O Hollen sie lieber den Helm (Z und den Mantel (?) Das Schwert ('') und das Hemd (->) und die ganze Montur So würden sie einig und könnten sich retten. So blühte das Volk aus Gcrmanias Flur! —- Hdart Uivstel. Papst. (-) Kirche. Gotteswort. I) Gottesglaube. (')^Katholicitäl. Vor dem Schwurgerichte eines preußischen Provinzial-Städtchens stand kürzlich ein schwerer Verbrecher, dem als besondere Vorsichtsmaßregel ein Soldat mit geladenem Zündnadel-Gewclir an die Seite gestellt wurde. Plötzlich beginnt einer der Geschworenen sich unruhig auf seinem Platze hin und her zu bewegen, und überhaupt mimische Zeichen einer lebhaften Bcsorgniß von sich zu geben. Erstaunt fragt ihn der Präsident des Gerichtshofes um die Ursache seines Benehmens. „Ja, sehen der Herr Präsident denn nicht," erwiderte der Geschworene, „daß der Soldat da immerwährend mit seinem Gewehre spielt? Wie leicht könnte es losgchen und Einen von uns treffen." — „Beruhigen Sie sich," meinte der Präsident, „es sind zwei Ersatz-Geschworne da!" Druch Verlag und Redaction des Bterarischcn Instituts von Dr. M. Huttlcr.