Ni-O. 43. 24. Octbr. 1869. Gibt nicht der Hagedorn einen süßern Schatten Dem Schäfer, der die fromme Heerd erblickt, Als wie ein reich gestickter Baldachin Dem König, der Verrath der Bürger fürchtet. Shakespeare, Heinrich VI., Z Theil Akt 2. Scene 5. D i e H a n d. Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Georg wurde durch das schroffe Auftreten Ludwig's seine eigentliche Mission in's Gedächtniß gerufen, — die er über einer so heftig aufgeloderten Leidenschaft beinahe vergessen hatte. Jetzt, da ihm Ludwig feindlich in den Weg trat, mahnte es ihn doppelt, daß es seine Aufgabe fei, sich des Burschen zu entledigen. Es war nicht seine Art, Auftrüge gewissenhaft zu erfüllen, er behandelte gern Alles so obenhin, und nur so lange ein beobachtend Auge auf ihm ruhte, rüstete er mit unermüdlichem Eifer und großer Umsicht, aber wenn er auf dem Sattel saß und dem Späher- blicke entschwunden, überließ er sich völlig seiner leichtsinnigen Natur, die ihn in gedanken-z loser Laune, ganz wo anders, nur nicht au das ihm gestellte Ziel hintricb. Zurückgekehrt, wußte er dann mit beredter Zunge die fabelhaftesten Berichte abzustatten, und diese so früh geübten Pagenstreichc waren ihm endlich zur zweiten Natur geworden. Diesmal hatten ihn die Flammenaugcn der Croatin auf längere Zeit an seinen Auftrag gefesselt, aber als er in die blauen, freundlichen Augen Ulrikens geblickt, war ihm Alles rasch in Vergessenheit gerathen. Für ihn gab es keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur die Gegenwart war sein, und er besaß jene liebenswürdige Sehnsucht, die so eifrig für das eigene Wohl zu sorgen weiß, daß kein fremdes, wenn auch nur Augenblicke lang, sich Geltung zu verschaffen vermag. Ihm fehlte eine Cardinaltugend, die vor leichtsinnigem Versinken in das Schlechte schützt — Gewissenhaftigkeit. Aber jetzt, der Gedanke an die unliebsame Erscheinung Ludwig's, die entfernt werden mußte, brachte ihn auf die Herzogin, deren Wunsch es ja eigentlich auch war, wie ihm einfiel — und welcher heiße Wunsch! — er sah wieder die dunkeln Augen, hörte die brennenden Lippen flüstern „Alles" und wie Feuer stürmte es durch sein Blut. „Ah, ich Thor," rief er lebhaft aus, „wie konnte ich vergessen, was mir winkt! — Du stolze Herzogin, wüßtest du, wie sich jetzt unsere Wünsche vereinigen, du würdest weniger freigebig gewesen sein. Ich kühle mir mein Müthchcn au dein hartnäckigen Burschen und dann wird es mir noch zum Schlüssel für ein anderes köstliches Glück, — es gilt rasch handeln, ehe der gute Gedanke verdampft!" Es war im Walde wieder Holz einzukaufen und da sich der Schmied nicht ganz wohl fühlte, so beeraute er Ludwig mit dem Geschäft. „Du kannst dann die Stelle wieder aufsuchen, wo wir dich im Frühstückskorbe fanden!" sagte er scherzend zu Ludwig, denn er hatte sie ihm schon früher gezeigt. Ludwig mochte mehr Spott als Scherz darin finden und schwieg. 338 Georg war bei dem Abgänge des Letzteren zugegen und wünschte ihm auch eine glückliche Reise, ohne kaum ein Nicken des Kopfes als Antwort zu erhalten. Der Schmied wollte sich gegen Georg darüber entschuldigen, doch dieser cntgegncte so laut, daß es Ludwig noch hören mußte: „Lasset immer den armen Jungen, er scheint mir meinen höheren Stand zu beneiden! Ich verarg's ihm nicht, das Schicksal hat ihm doch zu schlecht mitgespielt, ihn als Findelkind in die Welt zu schicken." Ludwig warf ihm einen Blick voll kalter Verachtung zu und eilte hinweg. Ihn seine Geburt so recht fühlen zu lasten, darauf hatte Georg bei Allen hinzuwirken gesucht, und stets die Betonung darauf gelegt, daß mit einem Findclkinde doch nicht so viel Aufhebens zu machen sei. Ulrike crröihcte, sie fühlte heute wieder recht klar den Unterschied zwischen Beiden, und daß ihr Pflegcbruder doch nur ein armer Findling war. Georg machte nach Tisch noch einen kurzen Besuch bei dem kranken Meister, der davon recht erfreut war. Erst mit der nahenden Abendstunde empfahl er sich. Ludwigs Geschäfte hatten ihn wirklich auf jene Stelle geführt, auf der er als Kind gefunden sein sollte. Ein wehmüthig schmerzliches Gefühl überschlich seine Brust. Die alten Eichen rauschten über seinem Haupte, sie mußten Denjenigen gesehen haben, der über seine Geburt Auskunft zu geben vermochte. Er kniete und küßte den Boden. „Vielleicht," dachte er, „ist hier die Thräne gefallen, die um mich geweint, als man mich hüls- und namenlos in die Welt hinauszuschleudern gewußt." Er hätte die Bäume fragen mögen, aber sie rauschten gedankenvoll weiter und schienen ihm zuzuflüstern: „Wir Wissens nicht, du bist nur ein Findling." „Die Schritte dessen, der mich diesem Schicksal überliefert, sind längst verhallt," — klagte er weiter, „keine Spur läßt sich finden — keine. Da singen die Leute: die dunkelsten Geheimniste werden licht — es wird überall Tag, nur auf mir ruht eine ewige Nacht! Ich fühle mich so fremd dort bei den Leuten, die mich aufgenommen, — daran trägt dieser tückische Mensch die Schuld, er verstand es erst, mich „Findelkind" zu nennen, und seitdem sie mich dort Alle zu dem gestempelt, ist's so leer, so kalt in meiner Brust — ich sehne mich nach einem Multerherzen, an dem ich liebend ruhen, nach einem Vater, .dessen Stolz ich werden könnte." Er streckte die Arme verlangend aus, — seine Brust wogte, seine Schläfen pochten, — aber still und schweigend blieb's im Walde und der Abendwind wehte nur kühlend um seine Stirn. „Die Hand auf meiner Brust ist so deutlich, so scharf, aber meine fernen, unbekannten Eckern kann sie mir nicht zeigen, führt sie mir nicht zu, und doch war dies so lange meine einzige Hoffnung." Die untergehende Sonne glitzerte durch die Bäume und zog ihre lichten Fäden, zauberisch durch das Waldesgrün, als er sich sinnend ^und träumend auf den Weg machte. Der letzte freundliche Strahl der Sonne zerdrückte die Thräne in seinem Auge, er beflügelte die Schritte, um sie auf einer kleinen Anhöhe noch einmal zu erreichen, aber er kam zu spät — sie war untergegangen, „und so meine Hoffnung, mein ganzes LebenSglück," feufzte es in seinem Herzen nach. Es dunkelte schon, als Ludwig den Waldessaum erreichte; Plötzlich stürzte ein Mann mit hochaufgeschwungencm Schwert auf ihn zu und kaum, daß Ludwig den Kopf erschrocken zurückbeugen konnte, saß die Waffe auf seiner Schulter. Das noch zu wenig lichte Gehölz mochte den Angreifer am kräftigen Ausholen gehindert haben, denn der Schlag, der auf den Kopf gerichtet, war nicht einmal tief in's Fletsch gedrungen. Ludwig sprang jetzt zurück und ehe noch sein Feind das Schwert von Neuem erheben konnte, sauste sein -eiserner Stock, bester treffend, als derbe Antwort auf des Angreifers Haupt, daß dieser davon wie eine im Kern getroffene Eiche zusammenbrach. Er beugte sich jetzt über den Gefallenen, der betäubt kein Glied zu rühren vermochte. und wer schildert sein Erstaunen, als er in das düstere, verzerrte Antlitz Georgs blickte! Das war also der Edle, der im Schmiedhause so hoch geehrt wurde — und an dessen Schicksal Ulrike so gern und gläubig das eigene knüpfen wollte, — ein feiger Mörder, der unter der Maske der Freundlichkeit seine teuflischen Gedanken ausbrütete. „Nein, nimmermehr, das darf nicht geschehen. Elender!" donnerte er ihm zu; „du bist entlarvt und jetzt in meiner Hand, ich werde deine Pläne durchkreuzen." Georg öffnete bei diesen Worten die Augen, ein düsterer Blick des Haffes blitzte daraus hervor und dann schloß er sie wieder wie bewußtlos, während um seine Lippen ein Zug ohnmächtig bitterer Wuth spielte. Ludwig eilte in das Dorf, um Georg auf einen Wagen laden und ihn heimführen zu können. Es gelang ihm auch, schleunigst ein Fuhrwerk zu beschaffen, und trotz seines Abscheues gegen den Schurken fühlte er Besorgnisse, — daß sein Beistand zu spät kommen möchte. Und in der That, er kam zu spät — Georg war trotz des eifrigsten SnchcnS nicht mehr zu finden, und sich selbst biltere Borwürfe machend, seinen Feind so ohne Beistand gelassen zu haben, trat er den Heimweg an. Er mußte wahrscheinlich im Dunkeln den Ort verfehlt, oder Georg sich tiefer in's Gebüsch geschleppt haben, und wollte bei Tagesanbruch sein Suchen fortsetzen, da die Bauern sich geweigert hatten, wegen eines Mörders die ganze Nacht zu suchen. Jetzt erst begann Ludwig's Wunde zu schmerzen; dies brachte ihm den heimtückischen Angriff und den Gedanken in Erinnerung, seinen Pflegevater zu warnen und dem frechen Burschen das Handwerk zu legen. Ludwig wußte wohl, daß Ulrike den Edlen von Strchlen heiß und glühend liebe, sein schmerzdurchwühltcs Herz halte ihm dies nur zu oft gesagt, aber solchen Thatsachen gegenüber konnte sie sich nimmermehr verschließen; sie mußte das Bild des Elenden auS ihrem Herzen reißen. „Und werde ich darum glücklicher?" seufzte er tief, „für mich ist sie doch verloren, ja sie wird mir nicht einmal verzeihen, daß ich es war, der ihr das Bild des Geliebten zertrümmert, und doch muß ich's thun, um ihrer selbst willen; sie darf nicht das Weib eines Mörders werden." Der Schmied war allein in seiner Stube, als Ludwig eintrat, und rief sogleich seine Frau aus dem Garten, um für den Angekommenen ein kleines Abcndbrod zu bereiten. Sie kam und ihr besorgter Blick siel sogleich aus den Blutflecken und das verstörte, blaffe Gesicht Ludwigs. Sie fragte ängstlich besorgt, was ihm zugestoßen, und dieser erzählte nach einigem Drängen das unerfreuliche Ercigniß und warnte mit beredten, warmen Worten vor dem heuchlerischen Schurken. Der Schmied hatte ihm schweigend bis zu Ende zugehört, plötzlich donnerte er ihm zu: „Du lügst, frecher Junge!" „Ich! lügen?' brauste Ludwig auf, der seine Ehre bei diesen Worten so tief verletzt fühlte, um seine Ruhe und die nöthige Achtung vor seinem Pflegevater zu bewahren: „weil du verblendet genug, meinen Worten nicht zu glauben, strafst du mich Lügen?" „Du lügst, sag' ich dir noch einmal, der Herr von Strchlen war es nicht, das ist nicht möglich." „Weil er ein Edler?" fragte Ludwig bitter. „O nein, ich habe den theuren, verehrten Mann nur zu gut erkannt; aber du glaubst nicht an solche Schändlichkeit, weil er dich blind gemacht durch seine Schmeichelrcden." „Du wagst auch mich zu besudeln, Knabe, wie du den guten Mann schon lange angefeindet, ich kenne schon die Quelle deines Denkens. Doch dein erbärmlich Treiben soll zu Schande werden. Ulrike und theurer Herr," — rief er in den Garten hinaus, „kommt auf einen Augenblick herein." 340 Ludwig wollte kaum seinen Augen trauen, den noch vor Kurzem für todt am Boden liegenden Georg an der Seite Ulrikens Hereintreten zu sehen, und er stand, wie in die Erde gedonnert, als ihm der Schmied wüthend zurief: „Nun, Verleumder! wiederhole noch einmal deine frechen Lügen!" Sich dieses Räthsel augenblicklich zu erklären, vermochte Ludwig nicht; es mußte entweder die Erscheinung im Walde oder die jetzige ein Trugbild der Hölle sein, und in dumpfem Hinbrütcn hierüber ließ er gleichgültig Alles über sich ergehen, ohne nur ein Wort der Abwehr, der Entschuldigung zu sagen. Der Schmied erzählte entrüstet das so eben von Ludwig Berichtete, — und Georg sagte höhnisch lachend: „Du siehst, was in dem Jungen steckt, der zu den frechsten Verleumdungen fähig, um sich hier einzunisten und mich zu verdrängen. ' Wer weiß, in welcher Schenke er sich herumgetrieben und Prügel bekommen, und jetzt will der Bube das klüglich benützcn und mich aus dem Sattel heben. Weit gefehlt, mein Söhnchen, der Meister ist zu erfahren, dir solch' albern Zeug zu glauben." Alle waren plötzlich von den tückischen Lügen Ludwigs überzeugt, und trotzdem, daß Jahre des innigen, trauten Zusammenlebens, in denen sie ihn als eine ehrliche, offene Natur kennen und schätzen gelernt, für ihn sprachen, so lag doch Vieles vor, das seiner Aussage jeden Halt und Glauben rauben mußte. Georg war ein so feiner, edler Mensch, pah! einen Mord ihm anzudichten, war schon ein Verbrechen, — und dann, wie konnte ein Mensch, der für todt auf die Erde gestreckt worden, gesund und munter fast zu derselben Zeit beim Schmied einsprechen und harmlos mit Ulriken in der Laube plaudern? Und doch kannten sie sämmtlich nicht die wunderbare gewaltige Macht des menschlichen Willens, die, wenn sie durch irgend eine Feder auf's Höchste gespannt wird, das Unmöglichste möglich macht. Georg hatte Anfangs nur Ludwig aus dem Hause zu verdrängen gesucht, weil er geglaubt, es genüge, den Jungen in die Welt hinauszujagen, und da ihm dies nicht gelungen und auch nicht sicher genug schien, so mußte blutiger durchgcgriffcn werden. Pah — ein Mord — was wollte der in jenen Tagen sagen, und dann blieb er ja für immer in Nacht gehüllt! Die heutige Gelegenheit war eine besonders günstige, er kannte den Platz, wo Ludwig gefunden worden, da er mit dem Schmied einmal dort gewesen — und wußte, welchen Weg Ludwig bei der Rückkehr einschlagen mußte. Er warf sich daher rasch auf's Pferd, um Ludwig aufzulauern, und noch so früh zurückzukommen, daß nicht ein Funke Verdacht auf ihn fallen konnte. Sein Mordanfall scheiterte, wie wir gesehen, an des Angegriffenen Entschlossenheit. Ludwig hatte sich kaum entfernt, als Georg von Neuem die Augen aufschlug, und zum völligen Bewußtsein kam. Er knirschte vor Wuth mit den Zähnen, nicht nur seine Pläne waren vernichtet, sondern er selbst in die Hände seines Feindes gegeben. Der Gedanke konnte ihn rasend machen. „Ich Thor, warum vergaß ich meinen Dolch, der hätte bester gesessen!" murmelte er vor sich hin; plötzlich schoß im ein anderer, neu belebender Gedanke durch den wirren Kopf. Er versuchte aufzustehen, taumelte zwar Anfangs wie betrunken noch einmal zurück, dann gelang es ihm endlich, sich auf den Beinen zu halten. Ein teuflisches Lächeln spielte um seine Lippen und er keuchte hervor: „Ich muß eher dort sein, als der alberne Junge, und sollte ich dann zusammenbrechen. Nur in dem liegt meine Rettung vor Schimpf und Schmach." Er schleppte sich mühsam nach seinem in der Nähe stehenden Pferde, und der ihn fast vernichtenden Qualen nicht achtend, jagte er Sprottau zu, um den summenden, geschwollenen Schädel, der einen ganzen Bienenstock zu beherbergen schien, in kaltes Master zu stecken, sich umzukleiden und zur Schmiede zu eilen. 341 Die ihm drohende Schmach keck und kühn abzuwenden, hatte er Alles daran gesetzt, und es war ihm gelungen, weil es in seiner Natur lag, sich zur äußersten Kraftanstren- gung aufzustacheln, wenn diese keine langdauernde zu werden versprach. Je schwächer und elender Georg sich gefühlt, je toller war er zugeritten, weil dies das beste Mittel war, seine Leiden abzukürzen. Ludwig hatte so genau auf die Zeit nicht geachtet und nur von Sonnenuntergang gesprochen, und eine Stunde darauf saß der Erschlagene bereits in der Schmiede und lächelte zu den Scherzen des jungen Mädchens, wie heftig und quälend es auch durch seinen Kopf zuckte. Er war dann mit Ulriken und der gutmüthigen Hausfrau in die Laube gegangen, hatte dort innerlich frohlockend dem Streite zugehört, und Iriumphirend den Lohn für feine übermenschliche Aufregung eingeerntet. Mit kurzen Worten stellte G.corg das Unsinnige und Abgeschmackte der Anschuldigungen des Findlings in das rechte Licht, doch dessen bedurfte es kaum, der Schmied, außer sich gebracht über das ihm so schurkisch erscheinende Benehmen Ludwigs, wandte sich zu Letzterem mit schneidender Kälte: „Du Findling, den wir hier mitleidsvoll aufgenommen, lohnst uns mit solchem Undank und häufst im frechen Uebermuth, vielleicht aus Neid und Eifersucht, die schändlichste Verleumdung über einen Mann. vor dem du dich im Staube winden solltest; weißt du, daß er ein Edler und du nur eine gemeine Brüt — hinaus mit dir, einen solchen Lügcngeist duld' ich nicht in meinem Hause!" Ludwig, obwohl ihm gerade die kecke. Alles so scharf beleuchtende Vcrthcidigungs- Rcde Aufschluß über den möglichen Sachverhalt gegeben, schwieg noch immer, nicht mehr aus Bestürzung, sondern aus Stolz, aus jenem Stolz, der im Bewußtsein seines Rechtes sich nicht vertheidigt, und eher Alles über sich ergehen läßt, als ein Wort der Aufklärung zu verlieren. Und solche Charaktere ertragen mit geschlossener, kaum zuckender Lippe die plumpsten Angriffe, weil in ihnen ein reinerer, edlerer Fond ruht, der es sie unter ihrer Würde halten läßt, sich zu rechtfertigen und zu vertheidigen. Er sah eine mitleidige Thräne über den so unerquicklichen Vorfall in dem Auge der gutmüthigen Hausfrau, auch Ulrike schien bestürzt, und doch wagten Beide nicht, gegen den aufbrausenden Schmied ein Wort der Vermittlung fallen zu lassen. Sie hielten das Benehmen Ludwigs für einen Ausfluß unglücklicher Eifersucht. Am andern Morgen schon wanderte Ludwig mit vergiftetem, zermartertem Herzen in die Welt hinaus. Nur seiner wohlmeinenden Pflegemutter hatte er Lebewohl gesagt mit der Bitte, seiner nicht völlig zu vergessen, verharrte aber auch gegen sie in hartnäckigem Schweigen, und so schied er wehmüthig und ernst von den geliebten Jugendplätzcn, wo er so unschuldig glücklich gewesen — in dem Rufe eines frechen Lügners und Verleumders. Auch Georg nahm nach einigen Tagen mit dem feierlichen Versprechen baldiger Rückkehr, Abschied. Er mußte endlich von seiner Sendung Bericht erstatten. Es wurde jetzt im Schmiedehause recht still und leer, und damit kamen auch, wenigstens bei den Frauen, trübe Gedanken über den Verlust des so ehrlichen, treuen Ludwig. Besonders die Schmiedefrau war untröstlich, sie glaubte, daß ihr Mann aus Verschlossenheit und Stolz, statt seine Schuld zu bereuen, lieber den eigenen Sohn in die Welt hinausgeschlcudcrt. Vielleicht würde der leichtsinnige Georg nicht wiedergekommen sein, wenn seine Aufnahme am Hofe Bolcslaus eine freundlichere gewesen wäre. Silber Boleslaus, ohne lange zu grübeln und an der Wahrheit dieser Bericht- Erstattung zu zweifeln, grollte seinen Acrger über das vergebliche Suchen an dem Boten aus und befahl ihm, sofort das Herzogthum zu verlassen. Das war ein harter Schlag, der Georg aus all' seinen Himmeln riß! — Noch 342 war nicht jede Hoffnung verloren — die Croatin, die Alles vermögende, mußte den Befehl des Herzogs rückgängig machen. Die Croatin schien große Eile zu haben, sie wollte morgen mit Bolcslaus in's Feld rücken, dennoch hörte sie auf Augenblicke dem Berichte Gcorg's aufmerksam zu und ihr Auge ruhte so forschend und durchdringend auf dem Berichterstatter, daß der sonst so lügengcwandte Georg kaum'seine Sicherheit behielt. „Also er schweigt für immer?" — fragte sie zu Ende seiner Erzählung langsam und lauernd. „Sei ohne Sorge! Es ist gethan!" „Nun denn," entgegnete die Herzogin mit einer stolzen Handbewegung und dem süßesten Lächeln, „in einigen Tagen erhältst du die 1000 Dukaten, heute habe ich sie nicht." Georg war verlegen, bestürzt, und stotterte endlich sein bei dem Herzog gehabtes Unglück hervor. Die Croatin zuckte die Achseln und entgegnete ruhig: „Vor der Hand vermag ich nichts zu thun, laß nur seinen Aerger verdampfen und dann komm wieder!" Er wollte mehr sagen, sie drehte ihm aber den Rücken und er war entlasten. Knirschend vor Wuth und Groll, reiste er noch selbigen Tages ab und nach Sprottau zurück. Es war entschieden, er wurde des Schmiedes Eidam. Ein hübsches Mädchen und Geld und Gut die Hülle und Fülle, das half über jedes ängstliche Anstandnehmen hinweg. Ulrike wurde in wenigen Wochen die glückliche Frau des Edlen von Strehlcn. (Fortsetzung folgt.) Unter Todten. Der Fremde, der den Hort der Hansa, die alte freie Stadt Bremen, besucht, versäumt gewiß nicht, in den durch Hauff berühmt gewordenen Bremer Rathskcller zu gehen. — Der Leser gestatte uns, ihn heute gleichfalls in einen „Keller" zu Bremen zu führen; aber nicht an eine Stätte der Lust und des frohen Scherzes, sondern in einen stillen, friedlichen Raum: unter Todte, in den „Bremer Bleikeller". Der Bleikcller zu Bremen ist eine Merkwürdigkeit, wohl einzig in ihrer Art. Lieben dem östlichen Chöre der uralten Domkirche befindet sich eine Krypta, unter dem Namen Bleikeller bekannt, weil dort das Blei vom Dache des Doms aufbewahrt, oder, wie andere Angaben besagen, geschmolzen wurde. Der Fußboden dieser Krypta liegt nur wenig tiefer, als die Erdoberfläche; die Luft in ihm ist aber so trocken, daß dort aufbewahrte Leichen nicht verwesen, sondern in einen mumicnartigcn Zustand ausdörren. Wann diese Eigenschaft des Bleikcllers entdeckt wurde, ist unbekannt, wie denn specielle Nachrichten über ihn fehlen. Die älteste, dort befindliche Leiche ist diejenige eines vom Thurme gestürzten Dachdeckers, welcher bei dem Fall sich das Genick gebrochen hat; sie ruht, laut Angabe der Beschließerin des Domes, welche die Fremden führt, über 400 Jahre. DicS dürfte zutreffend sein, denn 1446 wurde unter dem Erzbischof Gerhard III. das oberste Geschoß des nördlichen Domthurms vollendet. Dabei mag jener Unglücksfall vorgekommen sein. Die Gesichtszüge dieser, wie aller übrigen Leichen, sind noch deutlich zu erkennen; man sieht ein von Ensctzen verzerrtes Anlitz, der Mund weit offen, wie nach Hilfe schreiend. Außer dieser ruhen noch sieben Leichen im Bremer Bleikeller: ein schwedischer General mit seinem Adjutanten, beide Opfer des dreißigjährigen Krieges, in welchem 1614 bekanntlich die Schweden das Herzoglhum Bremen eroberten. Der General siel, wie man noch genau sieht, durch einen Stich in den Hals, während den Adjutanten ein Schuß in die rechte Seite hinraffte. Als durch den wcstphüiischen Frieden das Erzstift Bremen der Krone Schweden als 343 Schadloshaltung für die gehabten Kriegskosten mit überlassen war, siedelten sich viele Schweden in Bremen an. So u. a. eine schwedische Gräfin, welche, da sie kinderlos und ohne Verwandte zu hinterlassen, starb, im Bleikellcr beigesetzt wurde; die ehrwürdigen Züge der Matrone sind von mildem Frieden übergössen. — Außerdem erhebt sich inmitten der Krypta ein verschlossener Steinsarkophag, der die Gebeine des 1730 entschlafenen schwedischen Kanzlers Georg Bernhard von Engelbrcchten birgt. Eine sünste Leiche, welche fast 200 Jahre im offenen Sarge im Bleikellcr schlummert, ist die eines im Duell erstochenen Studenten. Ein Stoß in den Hals machte dem jugend- frohcn, übermüthigen Leben ein jähes Ende. Da später die Herzogthümer Bremen und Verdcn durch Kauf an Churhannover übergingen (1715), dessen Herrscher zugleich Könige von England waren, nahm manche britische Familie ihren Aufenthalt in der reichen und schönen Stadt Bremen. So kamen dorthin, um nicmchr zu scheiden, eine englische Gräfin und ein englischer Major, jene ruht 130, dieser 110 Jahre lang in der merkwürdigen Todtengruft. — Vor 99 Jahren endlich setzte man darin noch die Leiche eines alten Ärbcitsmanncs bei, um zu ermitteln, ob der Keller seine seltsame Eigenschaft so viel Jahrhunderten zum Trotz bewahrt habe. Der Todte trocknete ein, ohne zu verwesen. — Zu diesem Experiment mußte man die Leiche eines solchen nehmen, der vereinsamt gestorben war; es hat sich bisher noch keine Familie bereit finden lassen, die leblose Hülle eines ihr Angehörigen der Gruft anzuvertrauen. Nur mit den Körpern todter Hunde, Vögcl und anderer Thiere hat man jüngst Versuche angestellt, welche dargethan haben, daß der Keller seine ausdörrende Kraft noch nicht verloren hat. Sechs Wochen — und ein solches Thier scheint wie aus Pergament gemacht, ohne daß man indeß die Eingeweide herausgenommen oder sonst eine künstliche Manipulation angewendet hätte. Auch schrumpft die Leiche nicht etwa auffallend ein. Bei den Jahrhunderte lang in ihren Särgen Ruhenden ist fast noch die ganze Fülle des Fleisches vorhanden, nur gebräunt und ganz hart. Das sie einhüllende Linnen ist indeß durch die Macht der Zeit in Staub zerfallen und muß bisweilen erneuert werden. Die Luft in dem Keller ist nicht im Geringsten modrig oder verdorben. — Der Temperatur- grad bleibt sich Winter und Sommer ziemlich gleich; etwa I- 12" I(. Alle diese Seltsamkeiten erscheinen noch auffallender, wenn man erfährt, daß derjenige Raum, welcher gegenwärtig „Bleikellcr" heißt, die Leichen erst seit einigen Decennien birgt, während der eigentliche Bleikeller — eine absonderliche Verwerthung der Krypta einer im gottesdienstlichen Gebrauche befindlichen Kirche! — seit eben so langer Zeit als Weinlager vermuthet ist. Neben den beschriebenen Leichen sind noch Ueberrcste uralter Särge aufgestellt, welche man bei dem Bau der neuen Börse zu Bremen tief unter der Erde gefunden hat. Archäologischen Forschungen zufolge stammen sie aus der Zeit Willehads , des ersten, von Carl dem Großen 788 eingesetzten Bischofs von Bremen. Es gewahrt einen unvergeßlichen Anblick, bei dem in der Krypta herrschenden Dämmerlicht jene acht stummen Zeugen vergangener Jahrhunderte so vcrhältnißmüßig lebensvoll vor uns zu sehen. Werden wir schon in jedem Todtcngewölbc ernst gestimmt, erinnern schon die verschlossenen Särge an die Vergänglichkeit alles Irdischen —> so ist hier, wo durch die erloschenen Augen, die welken Lippen gleichsam der Tod selbst zu unö spricht, der Eindruck überwältigend. *L. Eine Grabschrift in dem alten Gottesacker in der Westen zu Eich statt lautet wörtlich also: „Am 22sten Januar 1802 starb allhicr im 82sten Jahr ihres Allekw Jungfrau Maria Sophia Köttnerin von Titting im Eichstättischen, diente zur Zeit der verewigten Kaiserin Maria Theresia beim K. K. Infanterie-Regiment von Hagcnbach beinahe 6 Jahr als Gemeiner und Korporal, und bezog deßhalb von daher eine monatliche Pension von 8 fl. 20 kr." 344 Der kühne Schiffer Siehst du das Schifflcin tanzen Im klaren Wellcnspiel, Hinaus mit vollem Segel Zum fernen, stolzen Ziel. Der Wind huscht um die Nahen Und lustig geht die Fahrt, Der Schiffer sieht die Hoffnung Mit schönstem Glück gepaart. Da horch ein fernes Tosen, Die Windsbraut naht heran, Die Wogen hemmen drohend Des kühnen Schiffers Bahn. Er späht durch graue Regen Umsonst nach sichrer Bucht, Die Stürme heulen höhnend Aus wilder Wogenschlucht. Der Mastbaum ist zersplittert, Kein Retter nah und fern; — Kein Kompaß schien ihm nöthig Im vollen Glückesstern. Wie würde der ihm zeigen Den nahen Meeresstrand; — So findet sich kein Ausweg Zur Rettung an das Land. Die Welle peitscht den Nachen Und schwärzer gähnt der Schlund, Ein Hülfruf, dann ein Stöhnen — Es war die letzte Stund! — So geht es oft dem Menschen Im weiten Weltgewühl; Kaum kommt er aus der Schule, So steckt er hoch sein Ziel. Verwegen stürzt er weiter, Das Glück bläht ihn noch auf. Er hascht nach Gold und Krone, Nach Ehren rennt sein Lauf. Er opfert seine Kräfte Und wühlt im Erdenstaub; Stets kühner macht er Plane, Der guten Warnung taub. Doch plötzlich bleicht das Sternlein, Das Unglück naht heran, Und Dornen wirft es grausam Auf seine stolze Bahn. Er zagt, er schaut verzweifelnd Um Hülfe in die Welt; Er sieht im weiten Meere Das prächl'gc Schiff zerschellt. Wohl gab ihm einst die Mutter Den rechten Kompaß mit. Nach ihm sich stets zu richten Bei jedem Lebensschritt. Der Kompaß wies zum Himmel, Er selbst war das Gebet, Für den der beste Führer, Der durch das Leben geht. Er zeigt uns einen Hafen In wildem Sturmgebraus Und selbst in öder Wüste Ein liebes Vaterhaus. Der Mutter brach das Auge, Der Jüngling eilte fort, Und frevelnd warf der Kecke Den Kompaß über Bord. So ist er nun verlassen Hat nirgends eine Asyl; Die stolzen Plane finden Im Untergang ihr Ziel. (Makaroni.) Die Philologen haben heraus gebracht, daß diese Speise bis in die Zeilen der alten Griechen zurück reicht. Sie nannten dieselbe umlmrios (glücklich), und ihr Vaterland: nmoarvn nosoi (glückliche Inseln). Fürst Pücklcr-Muskau bringt eine andere Lesart. Ein Cardinal liebte einen guten Tisch und hatte einen erfinderischen Koch. Als einst die neue Speise mit dem besten Parmesankäse vorgesetzt wurde in guter Sauye, rief der Cardinal: Luri! (Liebe Speise!) Später, als sie immer besser mundete: um cmi-i! (Aber was für eine liebe Speise!) Zuletzt im ganzen Enthusiasmus: um «mroni! (Aber was für eine außerordentlich liebe Speise!) Von nun an blieb dieser Name. Druck, Vertag und Redaction des litterarischen Instituts von vr. M. Huttlcr.