N,-». 44. 31. Octbr. 1869. Meinst dn, daß Pflicht zu reden scheut, weil Macht Zum Schmeicheln sinkt? —Die Ebre fordert Bravheit. Weuu Könige thöricht werden. Shakespeare, Lear, Akt l. Scene 1. Die Hand VI. Ihr müßt' euch fleißen, Im Fall ihr wollt heißen Ein edles Blut, Von Schwert und Eisen Im Felve zu weisen Den kühnen Muth. Aßmann v. Abschatz. Boleslaus hatte drei Jahre mit wechselndem Glück gegen den Müusterberger ge« kämpst, ohne ihn völlig besiegen zu können, ihn aber doch endlich so in die Enge getrieben, daß der in seinen Geldmitteln erschöpfte Feind keinen Ausweg sah, als den Herzog Heinrich von Glogau um Hilfe anzuflehen, von dem er zu allererst Beistand erwarten konnte, da er voran setzte, daß Heinrich die seinem Vater entrissenen Lande noch nicht verschmerzt haben würde. Um seine Bitte recht dringend zu machen, schickte der Müusterberger diesmal, da er selbst an sein bedrängtes Heer gefesselt — den eigenen Sohn an den Glvgauer Herzog. Er hatte schon früher sich an den Herzog Heinrich um Hilfe gewandt, die ihm zwar zugesagt, aber von einer Zeit. zur andern hinausgeschoben worden, jetzt galt kein Säumen, dringender als je erschien die Gefahr. Der Sohn des Müusterberger war zu jung für eine solche Sendung, er sollte auch nur die Wichtigkeit derselben andeuten, als wirklichen Abgesandten hatte er ihm seinen Liebling, einen jungen Feldhauptmann, mitgegeben, auf den er sein vollstes Vertrauen setzte und von dessen angenehmer Persönlichkeit und einnehmendem, herzgewinnendem Wesen er das Gelingen seiner Botschaft mit Sicherheit voraussetzte. Er war erst nach Ausbruch des Krieges zu dem Müusterberger Herzog und noch dazu als gemeiner Landsknecht gekommen, hatte aber in dem hartnäckigen Kampfe dem Herzoge treu und aufopfernd beigestanden und sich durch Muth, Ausdauer und Umsicht rasch bis zu seinem jetzigen Grade aufgeschwungen. Er war in seinem jugendlichen Feuer, seinem Scharfblick, seinen, trotz der niederen Geburt allgemein anerkannten ritterlichen Tugenden, eine Zierde des Heeres geworden. Ohne den Ucbermuth deS Emporkömmlings, besaß er doch jenen höher blickenden Stolz, der auf erworbenen Lorbeeren nicht auszuruhen vermag, sondern rastlos und entschlossen weiter streben muß. Wir finden in ihm den so schimpflich aus dem Schmicdchausc gejagten Ludwig wieder. Die angethane Schmach halte tief und lange an seiner Seele gezehrt; er war versucht gewesen, in dem ersten Anfall der heftigsten Erbitterung diesen elenden Burschen,, dem der Teufel selbst bei jenem Vorfall bcigcstanden haben mußte, zu vernichten und auch den Uebrigcn den Schimpf zurückzuzahlen. Aber bald siegte seine edlere Natur und er sagte tröstend zu sich selber: „Die 346 Zeit wird aufkläre», wer der Bessere war, denn sie reißt ja jedem Betrüger die Larve ab, aber räche» will ich mich doch an ihnen, wenn auch auf andere Ärr, sie sollen sehen, daß ich kein Verleumder war, und daß meine Seele stark genug ist, das zu erringen, was Jenem schon das Glück in die Wiege legte." Und doch, gerade diese Herde Erfahrung hatte ihn wunderbar verwandelt — den langsamen, schleichenden Tropfen aus seinem Blut hinausgeworfen und die Fesseln gelöst, die träumerisch seine Seele umsponnen. Der sonst etwas verschleierte Blick war frei und hell geworden, nnd richtete sich fest und unverwandt auf das hohe Ziel. Die Havd, — die ohne dies kränkende Ercigniß noch lauge spielend gewartet, bis irgend ein reiches, volles Glück an sie herangeschwomnicn, theilte jetzt unermüdlich die Wogen und strebte an's andere Ufer. Er mußte sein Leben tausendfach einsitzen, mutzte endlich ein Edler werden, wie Jener, um an der Stelle, wo man ihn so tief beschimpft, sagen zu können: „Bekennt, daß Ihr Euch getäuscht, daß in mir etwas Besseres lebt, als Ihr je geahnt." Lächeln wir nicht über diesen Gedanken! Der heitzcstc Sporn unseres Ringens und Strcbens ist so oft, ja fast immer, die winkende Theilnahme und Bewunderung unserer Freunde. Sagen zu können: „Seht! das wurden wir, das erreichten wir, trotz eures bedächtigen Kopfschüttelns," dünkt uns ein Glück, um dessen Erreichung wir alle Kräfte einsetzen msissen, und sind wir endlich am Ziel, dann hat uns wohl die Zeit gerade diesen Genuß entrückt, und die Freunde, um deren Beifall wir rangen und strebten, sind uns verloren und entfremdet, und das erziehende Schicksal hat unö längst durch eine tiefere Lebensanschauung über die Genüsse hinausgehoben, daß wir sie zu unserem Glücke nicht mehr bedürfen. Der Herzog Heinrich hatte die Gesandtschaft freundlich ausgenommen, und dieöma! allen Ernstes den schnellsten und thatkräftigsten Beistand zugesagt. Er halte nur auf diesen Augenblick gewartet, Boleslaus sollte sich entkräftigt, au Lein Münstcrbcrger die Zähne ausgelassen haben, dann würde ihm der volle, eingetheilte Ruhm des Sieges, und --- was noch mehr galt — die ungcthcilte Beute. Der halb vernichtete Münsterberger hatte beim künstigen Frieden auf eine Entschädigung keine Ansprüche zu machen, er mußte noch froh sein, daß ihm Schutz nnd Beistand geworden. And dann — sein Licblingswunsch war es ja stets, Boleslaus zu verjagen und dessen Sohn Wenzel zum Fürsten einzusetzen, unter dem Borgeben persönlicher Freundschaft für die Vertriebenen, wahrend ihn doch ein ganz anderer Beweggrund leitete. Ihm galt es nur, die an Boleslaus verlorenen Länder wieder zu gewinnen, nnd, wie er hoffte, diesmal für immer. In diese Pläne paßte die so augenscheinlich hervortretende Liebe Wenzels zu seiner Tochter Hedwig. Er hatte mit Freuden die früh aufkeimende Neigung desselben zu Hedwig bemerkt, eine Neigung, die sich mit den kommenden Jünglingsjahrcn zur heißesten, glühendsten Liebe gestaltete, und weit entfernt, diese aufsprossende Liebe zu dämpfen, ruhte sein Auge mit sichtlichem Wohlgefallen darauf. Er nannte sie oft scherzend das junge Brautpaar, und ließ Wenzel nicht im Mindesten fühlen, daß er eigentlich nur ein armer, vertriebener Fürstcnsohn; stand es doch Ä seiner Macht, ihm sein Herzogthum zu erobern, das sonst vielleicht für immer verloren Hing, wenn der Herzog eher als die Croatin starb, die dann gewiß die Herrschaft an jich gerissen haben würde. Glückte Alles, dann sollte der in feinem Ehrgeiz befriedigte, und ihm zu ewigem Danke verpflichtete Wenzel die geliebte Hedwig heimführen, und selbst wenn nicht Dankbarkeit, so mußte diese Heirath ein freundschaftliches Band zwischen den beides Fürstenhäusern herstellen und Wenzel übersehen lassen, daß Heinrich durchaus nicht so uncigen- nützig gewesen, indem er sich mit sicherer Gewandtheit den Löwenanteil, die irnher besessenen Ländcreicn angeeignet. Damit war dem ewigen Hin- und Herzerren, diesem fortwährend au? den Händen« reißen klüglich ein Ende gemacht. Heinrich blieb dann, durch die Freundschaft Wenzels geschützt, im ruhigen Besitz der wiedcrerworbcnen Lande, während, wenn er auf andere Weise zu deren Besitz gelaugt, die Fehde nimmer ein Ende gefunden hätti. Das war Alles in dem scharfsinnigen, gewiegten Kopfe des Herzogs reiflich überlegt worden, und nach diesem streng vorgezcichncten Plane mußte gehandelt werden. Stimmten nun diese Pläne und Berechnungen mit den Wünschen und Gedanke» der Betheiligten wirklich übcrcin? Der trotzige, wilde Jüngling Wenzel war noch derselbe, der er als Knabe gewesen. Reiten, Fechten, und alle die ritterlichen Uebungen sagten seinem unruhigen Geiste am meisten zu, nur tag in seinem ganzen Treiben etwas Exzentrisches, eine Hast und Unruhe, die stets mit Leidenschaft etwas schnell ergriff, um es eben so schnell wieder fahren zu lasten. Hcdwig war ein Paar Jahre jünger als Wenzel, aber schon eine völlig entwickelte, hochaufgeschossene Jungfrau, und wer die Beiden zusammen gehen sah, der mußte unwillkürlich ausrufen: „Ein schönes Paar." Welcher Stolz und Adel lag auf diesem schönen, fein geschnittenen Antlitz, welch' jugendlich begeistertes Feuer blitzte aus ihren Augen'. Auf ihrer Stirn thronte ein reiches, wunderbar entwickeltes Denken, und eine königliche Hoheit, die unwillkürlich Achtung abzwang, lag in ihrer ganzen Haltung, nur gemildert durch jene ächt weibliche Grazie, die allzustrenge Formen stets zart und duftig verschleiert. Es war ein mit Wenzel verwandter Fenrrgeiü. Dieselbe Thatenlust, — dasselbe Streben nach Außerordentlichem, Ungewöhnlichem, derselbe unbeugsame Trotz in dem Festhalten des einmal Erfaßten, das Alles waren Tugenden, würdig eines männliche» Geistes, und wenn der Herzog die Beiden auSreitcn sah und Hedwig iin kecken llebermuth mit Bolcslaus um die Wette dahin sprengte, murmelte er wohl auch selbstgefällig vor sich hin: „Ein schönes Paar, wie für einander geschaffen." Und doch, eben ihre so bewundernswürdige Achulichkeit in ihren Neigungen und ihrem Charakter bildeten eine Kluft, die sie über Kurz oder Lang für immer trennen mußte. Wenzel fühlte dies nicht. Sein jugendlich erregtes Auge sah nur in ihr das Weib, wie es eines Ritters würdig, die einstige Genossin seiner Thaten; mit abgöttischer Verehrung hing er an der Frühgeliebtcn und sein heißester Wunsch war es, sie sein nennen zu können, sobald es der Vater oder das Schicksal irgend zuließ. Hedwigs klarer, gedankenvoller Geist blickte tiefer. Sie ahnte bereits, daß Wenwl ihr niemals etwas Anderes werden könne, als ein theurer Bruder, weil sie in ihm nicht jene Saite fand, die trotz ihres etwas überkräftigcn.Gebahrciis dennoch tief und zart in ihr nachklang, die — des Gemüths. Sie harte in frühester Jugend von einem Sänger ein Gedicht gehört, in dem eine Königstochter einen armen Knappen mit ihrer Liebe beglückt und zu sich hinaufzieht. Das hatte wunderbar in ihr nachgeklungen und beschäftigte noch heute ihre Phantasie. In ihrem stolzen, hochwogenden Herzen lag dieselbe Sehnsucht, sich einst tief hinab- zubcugcn und den Niedersten durch ihre Hand zur Höhe zu ziehen. — Dieser künftige Glückliche sollte ihr Alles danken, in ihr ein gütiges Schicksal verehren, von dem er Licht und Wärme erhielt. Hedwig hatte bisher Niemand gefunden, der diesem Traumbild geglichen, denn vor Allem forderte sie von ihrem künftigen Geliebten jene Beweglichkeit des Geistes, die zum Besteigen eines Herzogsthroncs befähigte. Da hätte es ja etwas dem Vater und aller Welt abzutrotzen gegeben, uud das liebte ihre, mit jugendlicher Begeisterung alle Fessel» abstreifende Seele 348 Sie war lange, da ihre Mutter früh verstorben, die einzige verzogene Tochter des Herzogs geblieben, und so hatte sie sich früh daran gewöhnt, überall als Herrscherin aufzutreten. Später freilich war sie vielleicht zurückgesetzt und kühler behandelt worden, — als Herzog Heinrich noch einmal heirathetc, aber auch diese zweite Frau starb schnell hinweg, nachdem sie ihm zwei Knaben hinterlassen, — und so wandte sich die Liebe des Herzogs bald von Neuem seinem früheren Liebling zu und hielt sich leider nicht in jenen Schranken, die zu einer vernünftigen Erziehung erforderlich. Hätte der Herzog ahnen können, welch' phantastisch Gedankenspicl sich hinter dieser hohen Stirne regte, er würde aus seinen süßesten Träumen aufgeschreckt worden sein und hätte Vorkehrungen zu ihrer Abwehr getroffen. Das waren die Personen, mit denen Ludwig zu verkehren hatte. Der Herzog behandelte die Abgesandten, besonders den jungen Feldhauptmann, mit großer Aufmerksamkeit. Letzterer hatte ein angeborenes feines Taktgefühl, das ihn im Umgänge stets das Rechte treffen ließ, und dies erwarb ihm rasch des Herzogs ganze Hinneigung, die zuletzt eine solche Wärme annahm, daß ihn der Herzog nur ungern von der Seite ließ. Hcdwig schien Anfangs ihre übermüthige Laune auch an dem neuen Gaste ausüben zu wollen, begegnete aber einem so feinen, undurchdringlichen Widerstände, daß ihr Blick zum ersten Male mit einer gewissen achtungsvollen Scheu auf einem Manne ruhte. Die Rüstungen des Herzogs wurden mit großem Eifer betrieben, überall Schaaren geworben und ganz Glogau zu einem einzigen Waffenplatzc verwandelt, denn nur bis au die Zähne gewappnet von einem tüchtigen Heere gefolgt, wollte der Herzog dem Bricgcr den Fehdehandschuh hinwerfen, — und eine solch' ungewöhnliche Rüstung erforderte viel Zeit und Geld. Ludwig hatte dabei vollauf zu thun und da seine Gegenwart hier nöthiger war, als beim Münstcrberger, so blieb er auf die Einladung des Herzogs so lange dort, bis sich das Heer selbst in Bewegung setzen und zu den Verbündeten stoßen konnte. Nur die Abendstunden waren noch sein, in denen er im Park herumschweifte, oder sich ermüdet auf eine Bank des Schloßgartens warf. Dort fand er eines Abends eine Laute. Welch' schmerzliche Erinnerungen weckte nicht in ihm das Instrument! Er gedachte der Zeit, wo er Ulriken vollen Herzens seine schönsten Lieder vorgespielt und doch nicht ihr eitles Herz bewegt. Unwillkürlich langte er nach dem Instrument und griff einige Akkorde, die sich bald zu einem jener Lieder aus früherer Schmcrzcnszeit gestalteten. Ganz in seine Träume verloren, gewahrte der Spielende nicht, daß er einen aufmerksamen Zuhörer erhalten. Hedwig, die in weichen Stunden gern auf diesem Instrument spielte, hatte es dort am Nachmittage liegen lassen und kam jetzt, die Laute wieder zu holen. Sie war überrascht, — den Gast ihres Vaters, den sie nur für einen tüchtigen, anspruchslosen Kriegsmann gehalten, diese schöne Kunst ausüben zu sehen — und blieb schweigend in der Nähe stehen, um mit ganzer Seele diese Töne cinzusaugen. Endlich sah Ludwig auf und bemerkte die lauschende Hcdwig. Bestürzt wollte er sich entfernen, aber diese vertrat ihm den Weg und sagte: „O nein, so entgeht man mir nicht! Das Lied hat mich Alles gelehrt, — ich kenne jetzt unseres Gasteö Kummer." Er mußte lächeln, obgleich es ihm unangenehm war, sich vor diesem brauscköpsigen Mädchen in einer solch' weichen Stimmung gezeigt zn haben. Doch diese beseitigte seine Verlegenheit, indem sie von ihrer Vorliebe für Musik sprach, und bald hatten sich die Beiden in eine trauliche, gemüthanregcnde Unterhaltung hineingeplandert. 349 Ludwig bemerkte mit Vergnügen, daß in diesem anscheinend so übcrkräftigen, mann» lichcn Frauencharaktcr dennoch alle zarten Saiten eines ächten Weibes schlummerten, die ächt und melodisch wiedcrklangen, wenn sie eine geschickte Hand berührte. Alle Abend brachten von nun an die Beiden mit Spiel und Unterhaltung zu, was dem scharfblickenden Wendel Anfangs lächerlich und albern, später aber verdächtig erschien und seine Eifersucht erregte. Der fremde Hauptmann hatte dem jungen Wenzel wegen seines ritterlichen, besonnenen Benehmens in der ersten Zeit Achtung abgezwungcu, aber von seinem Lautcnspicl hörend, meinte er verächtlich: „Der Teufel hole alle Musik, die nicht zum Schwertertänze führt, wer die Laute schlägt, muß Unterröcke tragen." Eines Tages ritt der Herzog mit seiner Tochter, Ludwig und dem jungen Müuster- bergcr spazieren. Wenzel hatte sich unmuthig von der Partie ausgeschlossen. Man kam in den entlegenen Theil des Parkes. In der Ferne schimmerte ein Jagdhaus mit einem kleinen Thurm. Sie kamen näher und sahen, wie Plötzlich auf der Plattform desselben eine weiße Frauengcstalt erschien. „Mein Gott!" — rief ängstlich Hcdwig, „das ist Margareth, die ihrer Wärterin entsprungen sein muß." Und der Herzog fügte erläuternd hinzu: „Das ist Bolcslaus unglückliches Weib, die nicht eher Ruhe hatte, bis ich ihr dies Haus eingeräumt; hier scheint sie noch am ehesten Frieden zu finden, die Waldesstille thut ihr wohl " „Ich hörte, sie wäre längst todt," bemerkte Ludwig. „Ja, für die Welt," war die Antwort, „und ist sie nicht wirklich todt? Ihr Geist ist ja unheilbar verwirrt." Man sprengte auf das Gebäude zu, um ein Unglück zu verhüten. Aller Blicke wandten sich ängstlich auf die dort oben wie ein Irrlicht herumgaukclude Erscheinung. Aber kaum war man dicht herangekommen, da — vielleicht aufgeschreckt durch das Geräusch der Kommenden — streckte sie ihre Arme aus und schwang sich über das schwache Geländer in die beträchtliche Tiefe. Hedwig rief jammernd aus: „Sie ist verloren!" Und das gleiche Wehe durchzuckte die Anwesenden, deren Augen sich unwillkürlich auf den Boden richteten, wo die Aermstc, blutig, verletzt und verstümmelt, wenn nicht entseelt, liegen mußte. Doch nein — noch war sie nicht verloren, wenn auch bereits der Abgrund des sichern Todes vor ihrem Auge gähnte. Ihr Kleid war an einem äußeren Haken des Geländers hängen geblieben, und so schwebte sie über dem Abgrund, jeden Augenblick in Gefahr, daß der dünne Stoff völlig reißen und sie rettungslos in die Tiefe schicken konnte. „O Gott, noch ist es nicht zn spät," rief Hedwig aus, „um des Himmels willen rettet mir die Unglückliche!" Und sie eilte in beflügelter Hast, von ihrem Vater und dem Münsterbergcr HcrzogSsohne gefolgt, in das Gebäude, während Ludwig schnell entschlossen mit Gewandtheit an den vorspringenden Ecken dcd Thurmes hinaufkletterte, und zu derselben Zeit auf dem höchsten Absatz desselben festen Fuß fand, — als die Unglückliche herabzustürzen drohte. Er nahm sie in seine Arme, sie schien davon zusammen zu zucken und zur Besinnung zu kommen; das sonst so verstörte, verglaste Ange ruhte mit einem eigenen, wiedergekehrten Lichtschimmer auf Ludwig, der sie mit Hilfe der jetzt oben auf der Plattform Angekommenen über das Geländer hob und sich dann ebenfalls darüber schwang. Der Herzog dankte dem Netter in freundlichen Worten für seinen rasch gewagten Beistand, aber mehr wie dieses lohnte ihm ein einziger Blick aus Hedwigs dunklem Auge für feine kühne That. Sie hatte an der unglücklichen Margareth das lebhafteste Interesse genommen uiid 350 hing an ihr mit der Liebe eines Kindes, nnd diese hinwiederum klammerte sich in ihren lichten Augenblicken mit Innigkeit an das junge Mädchen an. Margareth zitterte jetzt am ganzen Körper und ihre Augen ruhten, wie das Geschehene selbst nicht begreifend, auf den Anwesenden, Der Herzog wollte Margarcth's Arm ergreifen, um sie in Sicherheit zu bringen; sie wehrte ihn aber heftig ab, und indem sie sich an Ludwig anklammerte, rief sie wild verworren aus: „Mein Sohn! Ja, ich habe dich! Ich höre das Klopfen deines Herzens, — so warm — so innig — ha, wie die Alte winkt — dort — dort ist er — auf dem weiten — weiten dunklen See, wie ich die Wogen zertheile — so nah, so nah, o unend. liches Glück, ich erreiche dich und die tausend Thränen, die langen finstern Nächte sind keln zu hoher Preis — ich habe dich gefunden und lasse dich nimmer los.* Sie hatte während des Sprechens Ludwig losgelassen, — und erst bei den letzten Worten eilte sie von Neuem auf ihn zu und drückte ihn mit fieberhafter Unruhe an die Brust. (Fortsetzung folgt.) Die Liebe am Grabe Am schwarzen GrabeSrande In dunklem Trauerkleid Steht tief in Schmerz versunken Und weinend eine Maid. Ihr Haupt umhüllt der Schleier, Ihr Auge deckt die Nacht: Wer ist dies Bild des Schmerzcus In dieser düstern Tracht? Es ist das Bild der Liebe, Die heiß am Grabe weint. Bis daß ein holder Knabe Am Trauerort erscheint. Das ist des Christen Glaube: Die Fackel in der Hand Weist er der Maid die Wege Ins bcss're Vaterland. Nun wird ihr Herz erweitert, Ihr Auge strahlt im Licht; Doch weint sie fort; — es trocknet DaS Licht die Thränen nicht. Da eilet eine Freundin Mitleidig noch herzu, Sie stillt den Schmerz der Liebe, Gebeut den Thränen Ruh. DaS ist die süße Hoffnung, Die tröstend sprint zu ihr: „Die Trennung ist nicht ewig, „Wohlan! so folge mir! „Ich führ' dich sicher über, „Wo dein Geliebter weilt, „Dort ist die Nacht zu Ende, „Dort ist der Schmerz geheilt!" Nun seh' die Lieb' ich wallen, Vom Glaubcnslicht erhellt. Begleitet von der Hoffnung Nach jener bessern Welt! - A. Nicdcl. „Der Schlaf ist, wie der Tod, ein großer Gleichmache!," — sagte Herr W. . . gähnend, und klappte ein dickes Buch zu, da er sich niederlegen wollte. „Goethe war, wenn er schlief, nicht größer, als irgend ein anderer Sterblicher, also bin ich, wenn ich schlafe, eben so groß, wie Goethe." — „War Goethe Ihnen, Ihrer Meinung nach — wenn er schlief, iu jeder Beziehung gleich?" fragte sein Freund. — „Ganz gewiß," erwiderte Herr W^. . . — „Dann muß Goethe ein schrecklicher Schnarcher gewesen sciu." Eine Klosterhetze und das Hausrecht in England. Vor 16 Jahren machten sich zu St. Benno, bei Asaph in der Grafschaft L: Es die l' Jesuiten ansäßig. Sie bauten auf einem reizenden, das ganze Thal beherrschenden Hüget ein großartiges Convcnt; weithin blickt es, einem Ritterschlosse ähnlich, überrag: von einer herrlichen gothischen Kirche; in ihm weilen mehr als 60 Konvcntualcn in ihrem OrdcnSltcidc. Einer hochkirchlichcn Lady in der Thalticfe war das Entstehen dieses Con- vcntes ein Dorn im Äuge; Tag und Nacht ließ es ihr keine Ruhe; denn schon strömten die Hochkirchlcr haufenweise hinauf zu den Predigten der Schwarzröckc. Mit geistigen Waffen wollte die Lady diese Feinde bekämpfen. Sie baut in der Thattiefe auf ihre Kosten eine großartige Kirche und stellt einen als Redner berühmten Pastor dazu an; dieses Alles sollte die Thalbewohncr vom Hinaufsteigen nach St. Benno abbringen. Doch was geschieht: ein Professor von Oxford wurde Convcrtit und trat in das Jcsuiten-Cvllegium zu St. Bcuno. Da der Pastor im Thale und der Convcrtit zu Oxford Freunde gewesen waren, so machte der Convcrtit seinem Freunde öfter einen Besuch; sie unterrcdeten sich gerade über Rcligionsgegcnständc. Die Tochter des Pastors, eine schöne 19 jährige Blondine war oft bei diesen llntcrrcdungcn, und wanderte in Folge dessen bald hinauf zu den Predigten in Si. Bcnno. Eines Tages nun erklärte die Tochter ihrem Vater allen Ernstes, daß sie katholisch weiden wollee. Der Pastor stutzte anfangs, erklärte jedoch als freisinniger Engländer, daß er diesem ihren Vorhaben kein Hinderniß in den Weg legen wolle, daß sie das freie Bestimmungsrecht, den eigenen Verstand habe. Und wirklich legte die Pastorstochtcr in St. Benno das katholische Glaubensbekenntnis; ab. Darüber gcricth nun die fromme Hochkirchncr-Lady und die ganze hochgläubigc Umgebung in Wuth; die Lady fanaiisirte das Volk und selbst den Bürgermeister derart, daß ein Haufen von mehr als 2000 Menschen mit Brechstangen, Schaufeln, Pickeln, Waffen und Knitteln nach dem Hügel aufbrach, um St. Benno der Erde gleich z'u machen. Unter Jauchzen und Brüllen ging es mit dem Bürgermeister an der Spitze dem Convcnte zu Der Pater Rektor, ein Engländer, sah die furchtbare Rotte herannahen. Ruhig ging er dem Haufen bis an's geöffnete Thor entgegen. WaS wollen Sie hier? fragte er den Bürgermeister? Das Nest ausbrennen, zerstören, antwortete der Bürgermeister. Gut, erwiderte der Rektor, Sie können es thun. Sie k.nncn aber auch die Strenge der englischen Gesetze über das Hansrccht. Die Gemeinde wird, wenn Sie unser Convcnt zerstören, es auf ihre Kosten wieder ausbauen und uns schadlos halten müssen. Heilig ist das Eigenthum, heilig das Hansrccht! Nun thun Sie, was ihnen beliebt. Der Bürgermeister gebot dem Haufen Ruhe und erklärte ihm die Worte des Rektors. Der Mann hat Reche, sprach er. Und ruhig, und ohne einen Stein zu verletzen, zog die Menge wie durch ein Sturzbad abgekühlt von danncn. Solche Macht übt das einzige Wörtchen: „Eigenthum, Hansrccht" in dem hochkirchlichen England aus. Ich habe dieses aus des R.Uors eigenem Munde. Noch steht St. Benuo unverletzt und die Patres wandern im schwarzen Habit ruhig im Convcnte umher. Was sagen denn unsere freisinnigen Kloster- stürmer zu Krakau, Prag, Berlin, Graz u s. f. dazu? (N. T. St.) (Eiserne Stuben- und Schul-Ocfen.) Da in Deutschland sowohl wie in Frankreich von vielen Seiten behauptet worden war, daß die Heizung eiserner Zimmeröfen durch ausstrahlende Entwicklung von Kohlenoxydgas die Stubcnluft verpeste und so vielfach Veranlassung zu tiefgreifenden schleichende» Gesundheitsstörungen biete, so ernannte die Akademie der Wissenschaften zu Paris jüngst eine wissenschaftliche Kommission zur technischen und experimentalen Untersuchung dieser für die öffentliche Gesundheitspflege ss wichtigen Kohlcnoxydfrage. Diese Kommission veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Untersuchungen, die sich in folgenden Sätzen kurz zusammenfassen: 1) Im Allgemeinen leiten alle metallenen Heizapparate und gußeisernen Oefen und Ofenröhren ohne Ausnahme beim 352 Gebrauch bedeutende Mengen Kohlenoxyd auö dem Feuer in die Zimmerluft über. 2) Dieses Ncbcrleiten des giftigen Gases ist durchschnittlich weniger energisch bei Oefcn von Eisenblech und nicht zu dünnem Kcfselblech. Die Kommission hat ferner als neue Wahrnehmung nachgewiesen: 3> daß die normal in der Lust enthaltene Kohlensauere (4 — 6 Zehntausend-Velumcnthcilc), besonders aber die von unsern Lungen auögcathmetc und von der Haut verdunstende Kohlensäure (in Schulzimmern und Hörsälen bei 1ü" D manchmal sieben pro Mille der AthmungSluft betragend) bei Berührung mit rothglühenden eisernen Oefenivändcn ununterbrochen in Kohlenoxyd umgewandelt werde und das so entstehende geruchlose Kohlcnoxydgift sich der Athmungsluft beimenge. Auf Grund dieser Beobachtungen empfiehlt die Kommission der Akademie der Wissenschaften: man solle gußeiserne Oefen im Innern mit feuerfesten Ziegeln ausfüttern und sie außen mit einem Mantel von Eisenblech umgeben, der eine freie Cirkulation von Lust gestatte, die mit einem gut ziehenden Kamine in Verbindung stehe. * (Ein Gott zu Vclociped!) Die Hindu's in der Umgebung von Bombay erwarten große Ereignisse. Ihr Gott Wischn», der nach alten Traditionen den Gläubigen auf feurigem Wagen erscheint, hat sich unserer gottlosen Zeit erbarmt und ist, wahrscheinlich um seine Verehrer vor der Pest der Civilisation zu behüten, wieder auf die Erde zurückgekehrt. Mehrere bei der Stadt Bombay wohnende Jndicr sahen nämlich bei verschiedenen Gelegenheiten eine Gestalt auf feurigen Rädern in dunkler Nacht um- herfahren und hatten natürlich nichts Eiligeres zu thun, als in den Staub zu fallen und zu warten, bis das höchste Wesen des Hindu dem irdischen Auge entrückt sei. Es unterliegt natürlich keinem Zweifel, daß der Mann auf deni feurigen Nade Wischn» in Person gewesen sei, obgleich das ungläubige Christenvolk von Bombay eine ganz andere, aber vom höheren Standpunkte der Wischn»-Theologie gar nicht beachtcnswerthe Theorie, aufgestellt hat. In Bombay behauptet man nämlich, die neue Jncarnation des Wischnu sei Niemand anders, als ein gewisser Herr Kamp, welcher das erste Velocipcd in Indien eingeführt hat, und — da ihm die Sonne dort zu heiß ist, — seine Strampelbcim Uebungen bei finsterer Nacht anstellt. I» der Kunstausstellung. Schlaft ruhig fort, ihr alten Meister, Um's edle Haupt den Lorbecrkranz, Von all' den Jüngern, die hier prunken, Verdunkelt Keiner euren Glanz. Gar viele schlichen unberufen Sich ein in disscs Heiligthum; D'rum nichtig, wie der Eintagsfliege Vergänglich' Dasein, ist ihr Ruhm. Viel Flachheit un' Viel Haschen nach ' Viel Cult der na Die Signatur dei Ob auch an technischer Vollendung Manch' Werk von euch den neuern weicht. An genialer Kraft und Tiefe Bleibt ihr doch ewig unerreicht. Ein Dutzend flücht'ger Pinselstriche Von eurer kräfl'gen Meisterhand Beschäftigt mehr den Geist, als hundert Moderne Bilder an der Wand. Jdcenarmuth, Effekt und Gunst, tcu Sinnlichkeit ist neuen Kunst. lsttl- liiedtl. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von 0r. M Huttler.