Aro. 45. 7. Novbr. 1869. Augsburgev > Der Größe Mißbrauch ist, wenn von der Macht Sie das Gewissen trennt. Shakespeare, Julius Cäsar, Akt 2. Scene 1. Die Hand. (Fortsetzung.) .Sie glaubt, ihren Sohn wieder gefunden zu haben," sagte mitleidig der Herzog, .armes Weib!" ,Ja, armes Weib, mit ihrem liebreichen, gebrochenen Mutterherzen!" seufzte Hedwig. Ludwig erschien dies Alles fremd und räthselhaft, — bis ihm der Herzog durch Erzählung all' jener düstern Ereignisse, so weit sie ihm selbst bekannt, den lösenden Schlüssel dazu gegeben. Margareth war ruhiger geworden, als man heruntergestiegen. Sie wurde auf ein Bett gelegt, wo sie bald in einen wohlthuenden Schlaf fiel. Als man anderen TageS sie besuchte, schien sie den ganzen Vorfall vergessen zu haben, und starrte gedankenlos auf die Kommenden. Wie nahe schlugen sich die beiden Herzen! Hätte der freundliche Zauber bis heute bei Margareth angehalten, dann würde dieser so sonderbare Umstand Aufsehen gemacht und zu der glücklichen Entdeckung geführt haben, daß die arme Margareth in ihrem düstern Traumleben dennoch so licht und scharf gesehen, um das Herz ihres Sohnes in einem wunderbaren, durch ihre Krankheit geschärften Instinkt herauszufinden. Ludwig hatte sich zwar in den letzten drei Jahren bedeutend verändert, die weichen, träumerischen Züge waren fest und dem Schicksale trotzend geworden. Ein voller Gart umrahmte sein Gesicht — und doch war immer noch Ähnlichkeit genug mit Margareth vorhanden, die den durch das Benehmen derselben aufmerksam Gewordenen nicht entgehen konnte. Man würde dann nach Ludwig's früheren Schicksalen gefragt haben und das entdeckte Mal hätte Margareth die beseligende Ueberzeugung bringen müssen, daß ihre Sehnsucht gestillt und sie ihren Sohn wieder gefunden habe. Ihr heutiges Zurücksinken in die alte Nacht sollte die beiden sich so liebend suchenden Herzen noch lange trennen, — denn ihr gestriges Benehmen konnte man nur für eine krankhafte Erregtheit halten, die, ohne tiefere Bedeutung, eben so rasch verschwunden, — wie sie entstanden. „Ihre Nacht wird sich wohl nie aufhellen," bemerkte Hedwig nicht ohne Schmerz, .und doch — gestern schien es wie ein erlösender Lichtstrahl durch ihre Seele zu zucken, «nd daß dieser Lichtfunkc wieder spurlos vorübergegangen, scheint mir ein schlimmes Zeichen." Aber, wenn auch dies so spurlos an Margareth vorübergegangen, — in Hcdwig's Herzen hatte es sich um so tiefer eingelebt. Diese rasche — entschlossene That im drängenden Augenblick hatte ihr wieder ganz andere Seiten in dem Charakter Ludwig's enthüllt. Er schien sonst gar so besonnen, so zögernd, und doch, wie anders — wie rasch «nd kühn hatte er hier gehandelt, und wo wir mit unseren Vorurtheilen aus dem Felde geschlagen werden, da ist die nachhcrige Verehrung um so größer, denn wir haben ja, wenn auch nur heimlich, gethanes Unrecht gut zu machen. 354 Auch Ludwig wurde von der Kundgebung ihres warmen, theilnehmenden, offene» Herzens überrascht und fühlte sich mehr als je zu einer Erscheinung hingezogen, die bei oll' ihrem brausend-männlichen Geiste und aufschäumenden Wesen immer noch ein Frauen- 'hrrz bewahrt, und so warm und liebevoll für eine Unglückliche zu sorgen verstand. Dieses gegenseitige Sichbesserfinden mußte auch die Herzen näher zu einander führen, nur fand unter dem Geräusch der Kampfvorbereitungen der neckische Gott nicht Zeit, die Fackel völlig anzuzünden, denn bald darauf zog der Herzog Heinrich zum blutigen Strauß aus den Mauern Glogaus, um unerwartet in die Lande Boleslaus einzubrechen «nd seine strdnge Forderung: ehrenvoller Friede mit dem Münsterberger, Abtretung des HcrzogthumS an Wenzel, Vertreibung der Croatin und Ausnahme Margarethe — an Boleslaus zu stellen. Hedwig begleitete ihren Vater, wie dies Alle ganz natürlich fanden. Auch Ludwig war in des Herzogs Gefolge, da er auf Bitten desselben völlig in seine Dienste getreten war, gewiß nur, um in der Nähe Hcdwigs bleiben zu können, während er sich selbst überredete, daß es nur des größeren Wirkungskreises wegen, der sich ihm hier darbiete, geschehe. Wenzel machte sich kein Gewisien, gegen den eigenen Vater in'S Feld zu rücken. — „Er hat's an mir verschuldet — aber nein, es gilt nicht ihm, nur der Croatin," tröstete « sich selbst; „nnd nur die arme Mutter will ich räche». — Wahrt EuchI" VII. Nichts ist süßers, als zwei Treue, Wenn sie eines worden sein. Dieß ist's, daß ich mich erfreue Und sie gibt ihr „Ja" auch d'reiu. Mir ist wohl bei höchstem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. Paul Flemmiug. BoleSlauS war von diesem gewaltigen Flankenangriff überrascht worden, und in mehreren Feldschlachten geschlagen, mußte er sich mit den Trümmern seines Heeres auf Brieg zurückziehen, — das jetzt Heinrich in Gemeinschaft mit dem Münsterberger zu belagern begann. Obgleich die Stadt von der Willkühr des Herzogs oft heimgesucht war, leistete sie ihm doch den größten und aufopferndsten Beistand, und nur ihrer wackeren Haltung, ihrem Heldenmuthe hatte er die so lange und kräftige Abwehr des Feindes zu danken. Durch häufige kühne Ausfälle vereitelten die Belagerten oft in wenigen Stunden Wochen lange Bemühungen der Belagerer. Einer dieser Ausfälle hätte beinahe unglücklich für die Belagerer enden können. Drei tollkühne Bursche, von einem Ueberläufer geführt, — den die Croatin durch schweres Geld gewonnen, hatten sich bis zum Zelt des Herzogs geschlichen, in dem dieser allein mit seiner Tochter schlief. Die Wache wurde geräuschlos überwältigt und die Mörder schlichen in das Zelt, wo sogleich zwei an das Lager stürzten; dieser aber, durch das Geräusch geweckt, hatte schnell nach seinem Schwerte gegriffen, — und ehe jene zum Schlage ausholen konnten, stand der Herzog schon kampfbereit ihnen gegenüber und die Klingen durchkreuzten sich. Unterdeß war der dritte Mörder an Hedwig's Lager geschlichen, welche fest und glücklich schlief; ein süßer Traum schien ihre Lippen zu küssen, denn sie lächelte mild und freundlich, wie man's im Leben selten an ihr gewohnt. Ungerührt von dem entzückenden Bilde friedlicher Ruhe, welches sich den mordgierigen Blicken des Gesellen darbot, erhob dieser den bewaffneten Arm, das Schwert zuckte über dem schönen Opfer, — da durchschnitt in demselben Moment eine scharfe Klinge den gehobenen Arm, daß das Schwert klirrend zu Boden fiel. 355 Hedwig erwachte, übersah die Scene und blickte mit seelenvollem Dankgefühl i» die Angen Ludwig's. Denn er war cS, — der noch im rechten Augenblick als rettender Engel erschienen. Ihn hatte der Schlaf geflohen, und von einer unerklärlichen Unruhe getrieben, war er beim herzoglichen Zelte auf- und abgewandert, um in der Nähe Hedwig's weilen und au sie denken zu können. So hatte er die verdächtigen Gestalten heranschleichen gesehen, und stand nun mit Blitzesschnelle im rechten Augenblicke an dem Orte der Gefahr. Noch war indeß zum Austausch von Worten zwischen den Liebenden keine Zeit. Erst eilte Ludwig dem Herzog zu Hilfe, der sich bis dahin wacker gegen seine Angreifer vertheidigt hatte. Mit Ludwig's Erscheinen sank den Angreifern der Muth, sie wollten sich ergebe», aber schon drangen die von dem Waffcnlärm herbeigezogenen Leute des Herzogs in das Zelt und hieben in Erbitterung die Mörder erbarmungslos nieder. Der Herzog gab Ludwig die Versicherung, ihm diesen Liebesdienst in dankbarer Erinnerung zu bewahren und jede Bitte zu erfüllen, die er in Zukunft an ihn stellen würde. In die Herzen der beiden Anderen schlug dieß Ereigniß wie ein zündender Blitz und die Flammengluth der Liebe lohte in voller Leidenschaft in ihnen auf. In den seligen Stunden, die sie von nun an verlebten, preßte Hedwig den Geliebten oft stürmisch an die Brust, als wollte sie ihn wahren und schützen vor aller Sorge, aller Noth und muthig durch alle Hindernisse zum schönen, großen Ziele tragen. Der sonst so besonnene Ludwig wurde mit in diesen Gcfühlswirbel hineingcrissen. Sein so lange verschlossen und ruhig gehaltenes Herz war plötzlich aufgebrochen und die darin heimlich schlummernde phantastische Gluth verdunkelte sein sonst so klares Denken. Er halte ihr offen und ehrlich mitgetheilt, daß auf ihm «der Fluch einer dunkel» Geburt laste, und daß er nur ein Findling und nie wagen dürfte, nach ihr die Hani» auszustrecken. Statt ihn nach diesem Bekenntniß zu fliehen, schloß sie ihn um so inniger an die Brust. Das Ideal ihrer Träume war ja gefunden; so arm, so verachtet und doch so edel, hocherhabcn sollte Derjenige sein, dem sie ihre Liebe schenkte, und sie fühlte die Kraft, um seinetwillen einer ganzen Welt zu trotzen — und zu zeigen, daß ihre Liebe stärker als der Tod. Sie hatte Muth genug, dem Sturme zu trotzen und schaute sorglos in den blauenden Himmel, obwohl sich daran schon ein leichtes Wölkchen zeigte, eines von denen, die so unscheinbar und luftig, die finstersten Wetter in ihrem Schooße tragen. Der Herzog bemerkte längere Zeit nichts von dem so innigen und unauflösliche» Anschluß der beiden Herzen und hielt den wackern Hauptmann von Hedwig durch den Gedanken, daß sie eines Herzogs Tochter, — entfernt genug, als daß nicht gerade der Umgang mit diesem der unschädlichste und einflußloseste von Allen. Als Wenzel, der mit grollend unmuthiger Laune die Liebenden längst durchschaut, im eifersüchtigen Miß- muth gegen den Herzog Worte von einem Liebesvcrhältniß fallen gelassen, hatte er zwar befremdet aufgeblickt, dann aber gleich geantwortet:' „Pah — sie ist meine Tochter und stolz wie eine Königin!" Auf Wenzel machte das Gewahrwerden dieser heimlichen Liebe einen vernichtenden Eindruck. Er liebte Hedwig, und jetzt, da sie sich von ihm gewandt, mit um so heftigerer, an Wahnsinn grenzender Gluth. Jede kleine Gunstbezeugung, die früher ihm zu Theil geworden, und jetzt au Ludwig verschwendet wurde, schnitt ihm wie ein Dolchstich in's Herz. Er hätte laut aufschreien und seinen glücklichen Nebenbuhler ermorden mögen. — Dann wieder tröstete er sich, daß es nur ein flüchtiges Spiel sei, welches Hedwig mit 356 dem verlaufenen Burschen treibe, und sie würde gewiß wieder zu ihm zurückkehren, der ihr ebenbürtig und seit der Kindheit Tagen ihr als Mann bestimmt. Hcdwig bemerkte jetzt zuweilen einen spähenden Blick ihres Vaters, der ihr stolzes, offenes Herz wie ein Messer durchzuckte und sie zu dem Entschlüsse drängte, lieber sogleich Alles auf einen Wurf zu setzen, als sich überwacht und beobachtet zu sehen. Eines Abends, als sie mit ihrem Vater allein in seinem Zelte saß. eröffnete sie ih» ihr Herz und bekannte ihm ihre tiefe, unauslöschliche Liebe. Sie hatte Aufbrausen, den heftigsten Widerstand erwartet und war erstaunt, ihre» Vater bei dieser Eröffnung so ruhig, ja fast gütig zu finden. Sie schob es auf seine Dankbarkeit gegen Ludwig und auf das Versprechen, ihm eine Bitte, selbst die kühnste, zu erfüllen. Aber der schlaue, gewandte Herzog dachte nicht daran, er kannte nur den Charakter seines Kindes viel zu gut, um nicht zu wissen, daß ein schroffes Ankämpfen gegen ihren Willen gerade ihren entschlossensten Trotz hervorrufen würde, und er liebte allzusehr sei» Kind, um einen solch' hartnäckigen, vernichtenden Kampf heraufzubeschwören. Den Unwillen über diese tiefe Verirruug verbergend, und als ob es nur die Ehre Hedwigs erheische, erwiderte er freundlich: „Nein, H^wig, noch verdient er nicht eiucr Herzogs - Tochter Hand, er mag durch irgend eine kühne That beweisen, daß er deiner würdig ist." Eine solche Idee mußte in Hedwig's romantischem Kopfe sogleich lebhaften Anklang finden, und sie erwiderte begeistert: „Ja, das wird Ludwig, er ist eine edle Natur, die muthig nach der höchsten Palme ringt. Schon längst ist er dieses entschcidungslose« Kampfes müde, und wen» er diese That vollbringt, Vater — dann?" „Dann ist er deiner würdig!" „Dank, herzinnigen Dank, — mein Vater, doch halt — bestimme, welche That du meinst!" Der Herzog schwieg einen Augenblick und starrte sinnend vor sich hin. Endlich sagte er gedehnt und mit Betonung: „Nun denn, er mag mir BolcSlauS todt oder gefangen bringen." „Das ist abenteuerlich, das kann er nicht; was dir mit deinem ganzen Heer nicht gelungen, soll der Einzelne ausführen?" „Sticht?! — dann ist er ein gewöhnlicher Mensch, der deiner nicht werth!" „Aber das Unmögliche vermag er nicht zu leisten!" „Das Höchste muß vollbringen, wer nach dem Höchsten trachtet!" Hcdwig blickte einen Augenblick fest auf ihren Vater, als wolle sie seine innersten Gedanken erforschen, — und als sie seine unerschütterliche Ruhe bemerkte, entgcgnete sie stolz: „Ich kenne ihn, er wird es wagen! Doch, wie viel Leute stellst du ihm zur Verfügung?" „So viel er braucht! Doch, je weniger Mannschaft, desto größer ist sein Ruhm!" war die gelassene, berechnende Antwort. Hcdwig entfernte sich, den Ausgang ihrer Unterredung Ludwig mitzutheilen. Es hatte des Herzogs ganzer Gewandtheit bedurft, dem durchdringenden Blick seiner Tochter mit geschlossenem Visir zu begegnen, denn hinter dieser unbeweglichen eiserne« Maske von Nutze und Gleichgültigkeit bargen sich die feindlich dunkelsten Gedanken. Die Dienste Ludwigs und die Nettung vom Tode waren vergessen, — er sah nur noch in ihm den gemeinen, niedrigen Eindringling, der es wagen wollte, sich in ein altes, hohes Fürstenhaus auf jämmerliche Weise einzustehlen und seine süßesten, Jahre laug gehegten Pläne zu durchkreuzen. Darum diese Bedingung, die ihn unfehlbar dem Untergänge weihen mußte. Wie konnte Ludwig mit einer Handvoll Leute eine That vollbringen, die ihm mit einem ganzen Heere nicht gelungen?' So rechnete er und sah daher ruhig den Vorbereitungen deS kecken Abenteurers zu." Ludwig fühlte, als er von Hedwig die Bedingung des Herzogs hörte, daß mau ihn in den Tod schicken wolle, und doch war's ihm ein eigenes Wohlbehagen. Das Leben ohne Hedwig hatte für ihn ohnehin keinen Werth; warum es nicht wegwerfen, wenn er in diesem Augenblick zugleich nach dem Höchsten streben konnte? Mit voller jugendlicher Begeisterung versprach er Hedwig, sein Wort zu lösen. Er bat sich nur fünfzig Mann Begleitung aus, das Wagniß zu bestehen, doch unter dem Beding, daß der Herzog am Tage vorher einen allgemeinen Sturm versuche» und so die Belagerten ermüden solle, damit ein nächtlicher Ueberfall mit so wenig Leuten nicht gerade aller Aussicht und jedes Erfolges baar sei. Der Herzog mußte nach einigem Zögern darein willigen und gewahrte wohl, daß sei» im eigenen Lager aufgetauchter Feind mit der größten Umsicht zu Werke gehe. Der Angriff des Herzogs war gemacht und wie immer zurückgeschlagen worden. Ludwig rüstete sich jetzt zu seinem kühnen Handstreich. Er wollte von Hedwig Abschied nehmen, da trat sie ihm in voller Rüstung entgegen. „Wo willst du hin?" fragte Ludwig erstaunt. „Zu dir, Ludwig, um an deiner Seite zu kämpfen!" „Nein, Hedwig, das darfst du nicht, um unserer Liebe willen, das darfst du nicht; wenn ich fallen soll, dann laß es mich in dem beglückenden Gefühle, — allein unterzugehen." „Und was wäre mir das Leben ohne dich? Ich muß dich begleiten, dich schützen, wir licgt's so kalt, so ahnungsschwer auf dem Herzen!" „Und willst du deinen Vater rasend machen?" entgegnete Ludwig; „glaubst dn, wenn ich an's Ziel gelange, er würde mir es je verzeihen, — dich schonungslos dieser Todesgefahr ausgesetzt zu haben?" „O, laß sie hasten und verfolgen, wenn wir uns nur recht innig lieben, dann ist Alles gut!" — entgeguete Hedwig warm und begeistert. „Aber meine eigene Ehre, Hedwig! fordert, daß ich allein den Strauß auskämpfe," bemerkte Ludwig entschieden. „Willst du mich zum Spott des ganzen Heeres machest? Bleibe hier, Geliebte, wenn ich glücklich wiederkehre, dann bin ich deiner ganz würdig." Sie kämfte lange mit sich selbst, — aber die Liebe brach zum ersten Male ihren eisernen Willen. Ihn noch einmal stürmisch an die Brust drückend, rief sie innig aus: „Geleite dich Gott!" und schritt dann fest und entschlossen ihrem Zelte zu. Eine sternenlose, trübe Nacht begünstigte das Wagniß, und an einer von dem Feinde für unzugänglich gehaltenen und darum am wenigsten bewachten Stelle erklomm die kecke Schaar, Ludwig an der Spitze, die Mauer. Lautlos sank der dort halb im Schlafe stehende Wachtposten, von dem Schwerte deS Führers durchbohrt, zusammen. Vorsichtig schlich man nun hinunter in die Stadt. Nichts regte sich in den öden, finstern Straßen. Ein von Ludwig mitgenommener Ueberläufer zeigte den Weg zum Schlosse. Plötzlich hörten sie an dem oberen Ende der Straße Geräusch; ein Zug mit Fackeln kam von dort herab. „Zurück in die Seitengasse!" befahl Ludwig leise; aber ehe noch dieses Manöver völlig ausgeführt werden konnte, drang der ankommende Trupp auf sie ein. Es war die Croatin, die mit noch größerer Umsicht als der Herzog die Belagerung leitete, und rastlos überall erschien und sich zeigte, um anzuspornen und die gesunkenen Kräfte zu beleben. Nicht allein, daß ihr feuriges Blut sie zu uncrmüdetcr Thätigkeit antrieb, mochte auch die Furcht vor dem Schicksal, das ihrer wartete, wenn die Stadt in des Feindes 358 Hände fiel, fie zu verdoppelten Anstrengungen drängen. War doch der junge Löwe im Lager, der das Unglück seiner Mutter zu rächen hatte! Die Croatin hatte auch heute wieder, von ihrer gewöhnlichen Unruhe getrieben, mit einem kleinen Gefolge die Stadt durchstrichen und langte jetzt zu Ludwig's Verderben au. Dieser stürmte sogleich, da ein Ausweichen nicht möglich war, auf die Kommenden ein, um sie zu überraschen, und da sie in der Minderzahl, rasch unschädlich zu machen. Die Croatin hatte kaum diese Ueberlcgenheit der Angreifer bemerkt, als sie vermittelst einer Signalpfeife ein schrilles Allarmzeichen ertönen ließ, worauf sich die Straße Augenblicks zu beleben begann. AuS allen Thüren stürzten Bewaffnete, — so daß sich die kleine Schaar bald vollständig umringt und verloren sah. Ludwig selbst kämpfte in den vordersten Reihen, er suchte, keinen Ausweg der Rettung sehend, den Tod und blutete schon aus mehreren Wunden, da stürzte, von dem so hartnäckigen Widerstände desselben gereizt, die Croatin mit geschwungener Waffe auf ihn ein und rief: „Glb dich gefangen, Ihr seid doch Alle verloren!" „Einem Weibe nicht!" cntgegncte Ludwig, und statt fernerer Antwort sauste sein Schwert hernieder. Doch die Croatin war dem Streiche ausgewichcn, setzte dem von seinem Blutverluste erschöpften Ludwig hart zu und rief lachend: „Gerade dich, Trotzkopf, will ich lebendig haben; herbei, fangt ihn!" Auf diesen Ruf stürzten schon einige Feinde von hinten auf ihn zu, wanden dem halb Ohnmächtigen das Schwert aus den Händen und rissen ihn nieder. Die Croatin nahm einem Bürger die Fackel aus den Händen und leuchtete damit in's Gesicht ihres so entschlossenen Feindes. „Ah, ein hübscher Bursche, gewiß der Anführer der tollen Schaar, tragt mir ihn aufs Schloß!" herrschte sie den Umstehenden zu, und ihr Blick ruhte wohlgefällig auf der kräftigen, schönen Jünglingsgestalt. In Ludwig's Brust wogte ein einziger, dumpfer Schmerzensschrei: „gefangen!" — In den Tod zu gehen, das hatte er gewollt, das war schon und muthig, aber jetzt in den Händen eines elenden Weibes! In seinem Herzen brannte eine Fackel der Verzweiflung, düsterer, verheerender, als seine Träger in den Händen hielten. Er schloß endlich die Augen und eine tiefe Ohnmacht legte sich bleischwer auf seine zerquälte Brust. (Fortsetzung folgt.) Der Arme. Der Arme hüte ja sich, wie ein Kranker, Nichts über sein Vermögen erst zu wollen! Denn dann empfindet er erst seine Schwäche, Die Kraft genug ihm war, so lang er ruhte Auf seinem Krankenbett: das Nächste sich Herbeizulangcn; dann empfindet er Erst recht, was Alles ihm gebricht, nnd trüb Und schwer versinkt er in sein tiefes Leid. Darum, geduldig iu dem Kreis verharren, Den uns ein Gott gezogen, gibt uns Stärke Des Stärksten, Freude selbst des Freudigsten. Leop. Schcfer. 359 Protestantische Touristen bei Pins LL- *) (Ein Vorfall jüngster Zeit.) Eine Anzahl Preußischer Touristen, bestehend aus Predigern mit ihren Frauen, sowie aus Professoren und Künstlern, machte jüngst eine Reise in Italien, indem sie von dem ermäßigten Eiscnbahntarif Gebrauch machte, welcher den Preis einer sog. „Rundreise" um 45 pCt. vermindert und einem Billet 40 Tage Giltigkeit verschafft. Diese Herren baten bei ihrem Aufenthalt in Rom um eine Audienz beim heil. Vater und es ward dieselbe ohne Anstand gewährt. Die Frage stellt sich ihnen nun hier, zu wissen, bis wie weit ihre persönliche Würde und Stellung es ihnen erlaubte, dem Ceremonie! zu gehorchen, welches vorschreibt, daß man vor seiner Heiligkeit niederknien und seinen Fuß küsse. Der heil. Vater aber, von diesem Bedenken unterrichtet, sagte: „Mögen sie thun, was ihnen ihr Herz eingeben wird!" Die Audienz fand statt. Die Reisenden traten ein und augenblicklich — die einfache und doch so majestätische Haltung des Papstes, sein so reiner milder Blick, der so sympathetische Klang seiner Stimme — Alles das ergreift sie so lebhaft, daß sie unwillkürlich im hergebrachten Ceremonie! darinnen sind, ohne es zu wollen. Die größten Zndifferentisten, ja selbst die Feinde des Papstes gestehen: eine geheime Kraft geht- von diesem Manne aus, etwas wie Kraft des Statthalters Christi. Mit Salbung sprach der hl. Vater zu den Versammelten von den Hoffnungen der Kirche und drückte seine Freude darüber aus, Christen um sich zu sehen, welche trotz ihrer Uneinigkeit „unter sich und mit ihm" dennoch seine Kinder seien. Darauf sagte er mit bewegter Stimme folgende Worte: „Ich will Euch den Segen des Statthalters Christi geben. Wenn ihr auch an den Stellvertreter Christi noch nicht glaubet, so werdet Ihr wenigstens den Segen eines Vaters empfangen." Das ist dieselbe hohe Gesinnung, welche den Papst zu den Vertretern deS Gesellen- vercins sagen ließ: „Ich segne die Katholiken, daß sie im Glauben gestärkt werden! ich segne die Protestanten, daß sie zu uns kommen!" *) Aus den „Rhein. Volksblätteru." (Indische Zeitungen.) In einer Rede, welche Garcin de Tofsi an der Schule für lebende orientalische Sprachen zu Paris hielt, schilderte dieser Gelehrte, der so viel zur Kenntniß der Fortschritte des Indischen Kultur- und Literaturlcbcns beigetragen hat, wie das Hindostani anfängt, als Sprache der Gebildeten jenes Landes seine Herrschaft immer mehr auszudehnen. Jenen Mittheilungen zufolge dürfte unzweifelhaft das' Hindostani binnen wenig Jahren eine der wichtigsten Sprachen des Ostens sein, mittelst der sich Millionen von Asiaten verständigen. Ein Beweis sür das kräftige Wiederaufblühen der indischen Literatur liegt in dem überraschenden Stande des heutigen Zeitungswesens, von welchem wir eine Skizze folgen lasten wollen. Es erscheinen daselbst folgende Blätter: „Das für Alle Nützliche." — „Was den Geist erweitert." (In Agra), — „DaS frische Blumengewinde." (In Caronpur). — „Die besten Neuigkeiten." Eine Wochenschrift. — „Der Spiegel Indiens." — „Tageblatt für die Kenntniß des Wichtigsten." — „Beruhigung des Volkes" (erscheint halbmonatlich in Schahjchanpur) — „Das Licht der Augen." Eine Wochenschrift (in Bulandschar). — „Bekanntmachung ungewöhnlicher Dinge." Eine Wochenschrift. — „Lawrence Gazette." Eine Wochenschrift. — „Zeitung von Mirat." Eine Wochenschrift, welche Kritiken neuerer Hindostani-Werke enthält. — „Gesetzblatt von Agra" (Englisch). — „Panjabe" (in Lahoya). Eine von Studenten der Medizin herausgegebene wissenschaftliche Zeitschrift. — „Zeitung von Oude" (in Lachuau), ein Blatt, welches vorwiegend nützliche Künste zu verbreiten sucht, aber auch Dichtungen «. s. w. veröffentlicht. — „Garten der Neuigkeiten." Eine Wochenschrift. (Ju Bombay). — „Der Kühler der Herzen." (In Shikarpur). — „Aufgang der Sonne." (Ja 360 Karatschi), erscheint zugleich Indisch und Persisch. — „Die Neuigkeiten der wahren Mor- genröthe." (In Madras). Eine freisinnige Wochenschrift. — Schließlich: „Das Panjabi- Magazin für Erziehung." (In Lahore). Eine englische Monatsschrift. Wer diese beträchtliche Anzahl von Blättern überblickt, muß zugestehen, daß ein Land, welches eine derartige Tagespreise ausweisen kann, noch der größten Zukunft entgegengeht, und daß die „Wiege der Menschheit" mit ihrer uralten Literatur noch heute unter den Stätten der Bildung einen hohen Rang einnimmt. * Die Cultur der Ramie-Pflanze erregt in den Bereinigten Staa- ten beträchtliche Aufmerksamkeit. In New-Aork hat sich unter dem Namen „l'Iio kumiö LrocluoinA und 8uppl^ Oompan^" eine Gesellschaft gebildet, welche beabsichtigt, in der Nähe von New-Orlcans 2000 Morgen des besten, für Ramie-Cultur vorzüglich geeigneten Alluvialbodens anzukaufen, so daß schon nächstes Frühjahr der Ertrag von 4—500 Morgen an den Markt gebracht werden wird. Englische Fabrikanten haben, indem sie Ramie zur „Kette" benutzten, aus dieser Pflanzenfaser und Wolle neue und geschmackvolle Webstoffe hergestellt; Proben davon wurden nach 8on kraneisco gesandt und daselbst für den Verkauf dieser Stoffe eine Agentur etablirt. Die Ramie-Pflanze verspricht binnen kurzer Zeit ein gesuchter Stapelartikel zu werden. * Die Seidenfabrikation in den Ver. Staaten. — Nähseide wird in den Der: Staaten an sehr vielen Orten fabricirt und das italienische und französische Fabrikat ist fast gänzlich aus dem Markte verdrängt. Die Fabrikation der Bänder, Borten und Besätze hat in den letzten zehn Jahren bedeutend zugenommen, so daß der europäische Fabrikant gegen eine große Concurrcnz zu kämpfen hat. Die von den zahlreichen amerikanischen Fabriken verwendete rohe Seide wird zollfrei von China und Japan importirt, geht jedoch zuerst über England, welches die zu zahlenden Preise feststellt, — welchem Verfahren wahrscheinlich durch die Pacisicbahn ein Ende gemacht werden wird, und ebenso darf man auch hoffen, daß die Seidenraupen - Cultur an der Küste des Stillen MeercS Amerika der Nothwendigkeit überheben wird, die Seide vom Orient zu importiern. (Der richtige Gebrauch des Dampfkoch topfs.) Der Dampftopf ist in unseren Küchen eingeführt, aber noch nicht sein richtiger Gebrauch. Möchte es der folgenden neuen und einfachen Flcischzubereitungsmcthodc gelingen, sich Bahn zu brechen. Man legt die frischen und die schon einmal abgekochten Knochen ziemlich stark zerhackt auf den Boden des nicht zu großen Dampftopfcs und auf dieselben das frische ungesalzene Stück Rindfleisch, gießt jedoch uur so viel Wasser mit dem üblichen Wurzclwerk und Gewürz dazu, daß der Boden des Topfes davon bedeckt ist (auf 5 Pfund Fleisch ist Schoppen Master nicht zu wenig, doch richtet sich das Quantum stets nach der Menge der Knochen und dem Raum des Topfes). Hauptsache ist, daß das Wasser gar nicht in Berührung mit dem Fleisch kommt, sondern dieses im eigenen Safte durch den Dampf gar wird. Die zweite Bedingung ist sehr langsames Kochen, oder vielmehr Dämpfen, damit der Flcischsaft sich nicht verringere; bei richtiger Hitze muß sich derselbe noch um vermehrt haben und einen Extrakt liefern, welcher Suppe und Gemüse kräftig macht. Auch im Sommer hält sich dieser vermöge seiner Fettschichte lange Zeit gut, und es ist anzurathen, immer den erkalteten Extrakt zu der frischen Suppe zu verwenden, damit sie nicht im Wasser erst allein gekocht werden muß. Der Dampf, welcher das Fleisch binnen einer Stunde gar macht, vermag auch die Kraftbestandtheile der Knochen so zu lösen, daß neben dem Vortheil des Wohlgeschmacks, welcher dem Fleisch erhalten bleibt, auch die Sparsamkeit bei dieser Bereitungsart ihre Rechnung finden kann. Gelingen muß die Sachs, wenn man sich des starken Feuerns und des überflüssigen Oeffncns des Topfes zu enthalten weiß und in der Quantität des Masters die gegebenen Vorschriften genau cinhält. _ Druck, L-rlag und Redaction des Lllerarisch » Instituts von Ur. M. Huttler.