s§ro« 46. Augsburger 14. Novbr. 1869. > Nicht alle fsluth im wüsten Meere kann Den Balsam vom gesalbten König waschen; Der Odem ird'jcher Männer kann des Herrn Geweihten Stellvertreter nicht entsetzen. Shakespeare, König Richard II. Akt III. 3 Scene. Die Hand VIII. Lieb ist, der nichts gleich zu schätzen; Wenn man alles Gold der Welt Gleich wellt' auf die Waage setzen, Lied ist, die den Ausschlog bäll. Lieb ist trotz der Silberbaufen Nur durch Liebe zu erkaufen. G r y p h i u s. Hedwig hatte in äußerster Spannung die Nacht verlebt, ihr Auge war starr und unbeweglich auf einen Punkt des Zeltes gerichtet, während die schrecklichsten, blutigsten Bilder an ihr vorübcrschwebten. Als am Morgen das dunkle Gerücht durch's Lager lief, daß die kleine Schaar vollständig aufgerieben worden, — bemächtigte sich Verzweiflung ihrer Seele, aber kein Klagelaut drang über ihre bleichen Lippen. Der Herzog fühlte zwar einige Gcwisiensskrupel, Ludwig in den Tod geschickt zu haben, aber der Gedanke: „es mußte sein," beruhigte ihn bald und er war zuletzt froh, daß die Sache einen solchen Ausgang genommen. Gegen Hedwig wagte er nicht eine einzige tröstende Aeußerung, er kannte ihr stolzes Herz, das jeden Zuspruch auf das Entschiedenste zurückgewiesen haben würde. Auch Wenzel war von dieser Nachricht freudig berührt, mit dem Untergänge seines Nebenbuhlers tauchten alle seine Hoffnungsträume in blühender Schönheit wieder auf. Er wußte, wie nahe er Hedwig's Herzen stand; hatten sie doch ihre Jugend miteinander verspielt und verträumt und nur das Dazwischentreten Ludwig s sie entfremdet. Jedoch hielt er sich für heute, nur eine freundlich-herzliche Theilnahme zeigend, — in gemessener Entfernung, weil er Scharfsinn genug besaß, ihrem verwundeten Herzen nicht mit solchen Hoffnungsträumcn zu nahen. Doch schon am andern Morgen brachten Spione die Nachricht, Ludwig sei nicht todt, sondern nur gefangen. „Gesängen!" mit diesen Worten zuckten wunderbare Gedanken durch Hedwig's Brust. Jetzt war ja nicht Alles verloren, eine kühne That,- und er konnte, er mußte gerettet werden! — Mit glühender Begeisterung spann sie diese Idee weiter aus, die so ganz ihrem thatenlustigcn Herzen entsprach. Sie entwarf fortwährend Pläne, sah aber wohl ein, daß es durchaus unmöglich wäre, dieß kühne Vorhaben allein auszuführen! Sie sann darüber nach, wem sie sich anvertrauen könne und dachte an Wenzel; er war der Einzige, durch den das Wagniß gelingen konnte, da er ja von seiner Jugend her die Stadt und das Schloß kennen mußte, und ihm noch sein alter Diener zur Derfügnng stand. 362 Aber würde er, der leidenschaftliche, heißblütige Mensch zur Befreiung seines Nebenbuhlers beitragen? Das war kaum zu hoffen! Dennoch galt es einen Versuch. Sie suchte Wenzel auf und theilte ihm frei und unumwunden ihr Vorhaben mit. Wenzel schaute düster und unheimlich darein, er hatte ganz andere, für ihn erfreulichere Eröffnungen erwartet und entgegnete deßhalb auf die Mittheilung Hedwigs, Ludwig retten zu wollen, rasch und entschlossen: „Hedwig, das kann dein Ernst nicht sein, solch' eine Tollheit wirst du dieses Menschen wegen nicht begehen?" „Wie kannst du zweifeln, wenn du die Macht der Liebe kennst?" „Ob ich sie kenne? — Ich würde den tausendfachen Tod suchen, wenn du es erfordertest. O Hedwig, überlaß den armen, niedrig geborenen Ludwig seinem Geschick; fordere von mir das Größte, Unmöglichste, und ich will es thun!" „Das fordere ich eben von dir, rette Ludwig und ich will dich verehren und heilig halten, wie nie einen Menschen zuvor." „Nein, Hedwig! das geht über meine Kräfte," entgegnete Wenzel abwehrend, „ich bin nur ein Mensch, und für Jenen das Leben einzusetzen, der mir das Schönste und Köstlichste, deine Liebe, geraubt, das vermag ich nicht." „Er ist in Gefahr, Wenzel, der Pfeil des Todes zuckt über seiner Brust, hast du denn kein Erbarmen mit meinem Schmerz?" klagte Hedwig mit zum Herzen dringender Stimme. Er schüttelte düster das Haupt und entgegnete: „Ich weiß, daß ich ihn am ehesten retten könnte, aber nein — ich kann es nicht. Ha, ich wäre ein Thor, ihn zu retten; mag er untergehen, dann wird Alles wieder gut!" „Nichts wird wieder gut, Wenzel!" — erwiderte Hedwig fest und ruhig. „Niemand soll von seinem Tode Vortheil ziehen, das schwöre ich dir, meine Liebe folgt ihm in das Grab!" Und begeistert fügte sie hinzu: „Willst du ihn nicht retten, so wage ich allein den Versuch, ich muß Ludwig befreien, oder mit ihm sterben!" Also auch der Tod des Verhaßten sollte ihm Hedwig nicht wieder näher bringen? Dies brach die starre Säule seines Widerstandes. Er fühlte, daß Hedwig ihm für immer verloren, so daß seine Weigerung die Kluft zwischen ihm und ihr zu einer unausfüll- baren machen mußte, er sah ihren festen, unabänderlichen Entschluß, der vor keinem Hinderniß zurückscheute; wie hätte es seine glühende Liebe vermocht, sie hilf- und rathlos einer Gefahr zu überlassen, die ohne ihn zum sichern Verderben führen mußte! Er dachte nicht mehr an den Zweck ihres Unternehmens, fühlte vielmehr nur, daß jetzt seine Hand sie schützen müsse, und sagte deßhalb: „Wann willst du aufbrechen?" „Um Mitternacht!" „Ich werde dich am Ende des Gehölzes mit meinem Diener erwarten," — entgegnete Wenzel. Ein Freudenstrahl blitzte in den Augen der Ueberraschtcn, sie preßte überglücklich seine Hände in die ihrigen und sagte warm und innig: „Vergib, daß ich dich verkannt, du bist eine große, opfermüthige Seele! „Laß das," — sagte ihr Jugendfreund wieder kalt und unzugänglich, und schritt düster hinweg. » Als Ludwig am Morgen nach seiner Gefangennehmung erwachte und sein Blick über die kahlen Wände seines Gefängnisses streifte, da sah er Plötzlich das Gesicht eines Mannes vor sich, den er hier am wenigsten erwartet hatte — das seines frühern Todfeindes, des Ritters Georg. Gerade diesem Menschen, dem er das Zertrümmern so vieler Hoffnungen zu verdanken, als. Gefangener in die Hände zu fallen, war ein tückischer Schicksalsstreich. Er hätte sich Georg in Sprottau und im glücklichen Besitz Ulriken's gedacht; mit 363 feinem Hierverweilen war'S ihm klar, daß der Elende an den armen Schmiedeleuten treulos gehandelt, wie er'S vorausgesehen. Und in der That, wie hätte Georg's unruhiger, verworrener Kopf in der stillen Schmiede ausharren können? Nachdem er ein gut Stück Geld des Schwiegervaters todt geschlagen, war er lustig von danncn und zu seinem alten Herrn gezogen, wo er diesmal freundlicher empfangen wurde, denn in dieser bedrängten Zeit war jede helfende Hand zu schätzen und darum wurde das Vergangene gern vergessen. Er war jetzt Hausverwalter des Herzogs — und hatte nebenbei die Kerker zu beaufsichtigen. So sollte der Zufall die beiden Gegner auf eine sonderbare Art zusammenführen, und noch mehr zum unbeschreiblichen Schreck des Gefangenaufsehers, als des Gefangenen selbst, denn nach dem Zittern Georg's wäre man zweifelhaft geworden, welcher von Beiden das Schicksal des Andern in Händen hatte. Wie nahe lag für den Ersteren die Gefahr — der kleinste Zufall konnte eine Entdeckung herbeiführen, Ludwig in die Hände der Croatin oder des Herzogs liefern, und dann war er unrettbar verloren! Er kannte die Croatin! Ludwig mußte so rasch wie möglich bei Seite geschafft werden — ein Mord?! — er schauderte davor zurück, — „ich tauge dazu nichts," sagte er sich selbst, „und dann, Ludwig mißtraut mir, — er wird gegen einen zweiten Angriff auf seiner Hut sein und ihn mit Anstrengung aller Kräfte abwehren." „Pah, was quäle ich mich — ich flüchte mit ihm, dann sind wir Beide gesichert, dieß ewige Eingeschlossensein in den engen Mauern — das Hungern und Darben habe ich ohnehin herzlich satt, und bring' ich den kecken Burschen mit, dann empfängt mau mich draußen mit offenen Armen." Er war mit sich im Reinen, und Ludwig mit heuchlerisch-freundlicher Miene die Hand reichend, sagte er: „Verzeih' mir Alles, was ich dir angethan, ich habe es nur zu bitter bereut und das Gewissen hat mir nirgends Ruhe gelassen." Ludwig war erstaunt, den früher so kecken, trotzigen Burschen mild und versöhnlich zu finden, er konnte an die Aufrichtigkeit einer solchen Gesinnung noch nicht glauben, und fragte daher ausweichend nach den Schmicdeleutcn. Der schlaue Patron gewahrte das Mißtrauen seines Gefangenen — und gab zur Antwort, daß er von seinem Herzog zurückgerufen worden und nie mehr etwas über die Leute erfahren habe. „Ich habe die Früchte meines Treibens nicht genossen," fügte er ernst und reuevoll hinzu; „eine schwere Krankheit warf mich aus's Krankenlager und die langen, einsam qualvollen Nächte brachten mich zur Erkenntniß meiner That. — Kannst du mir nicht verzeihen? " Die Worte wurden so warm und herzlich gesprochen, daß Ludwig, in dessen Seele kein Arg, an der Wahrheit derselben nicht mehr zu zweifeln vermochte. Er entgegnete daher: „Mich frcut's, wenn du mir Gerechtigkeit widerfahren läßt. Ich hätte nimmer gedacht, daß unser Wiedersehen ein so friedliches werden könnte." „Ich fühle nur zu schmerzlich die große Schuld gegen dich, aber vielleicht vermag ich sie jetzt abzutragen, indem ich dir die Freiheit zu verschaffen suche." „Die Freiheit?" fragte der Gefangene vor Freude aufjauchzend; „das wolltest du? Mein früherer Todfeind! Nein, nein, es ist nicht möglich!" „Und doch ist es wahr, ich schwöre dir, deine Rettung ist mir heiliger Ernst! — Gedulde dich noch wenige Tage, vielleicht Stunden, dann ist Alles zur Flucht vorbereitet und du bist frei! Doch für jetzt leb' wohl!" Er drückte dem Gefangenen freundlich die Hand, die dieser herzlich schüttelte. Hätte Ludwig in das Herz des Fortgebenden sehen können, er würde um ein groß 364 Theil Glauben an die Menschheit ärmer geworden sein. Dem elenden Georg kam nicht einmal der Gedanke in den Sinn, den Knoten mit einem kühnen Schlage zu durchhauen. Hätte er sich entschlossen, Bolcslaus mitzutheilen, daß ganz in der Nähe, in seinem eigenen Schlosse, sein so sehnsüchtig herbeigewünschter Sohn sich befinde, so hätte er erst in Wahrheit seine Schuld gebüßt und er konnte dann getrost abwarten, ob ihn BoleslauS gegen die Croatin schützen würde. Diese hatte beim Anblick des Gefangenen ein besonderes Interesse für ihn gefaßt und fragte, als sie noch an dem nämlichen Tage mit Georg zusammenkam: „Was macht dein Gefangener?" „Schlecht, sehr schlecht," war die Antwort, „der arme Teufel wird uns sicher zum ersten und letzten Male überfallen haben." „So? — Kein Besserwcrden?" „Keines," cntgcgnete Georg lebhaft, „die Wunden sind zu tief." „Nun — dann glückliche Reise, dem tollen Wicht!" Und sie ging zurück in ihr Zimmer. Aber, so gleichgültig ihre Fragen, — sie hatte den Gefangenen einmal in's Auge gefaßt und mußte ihn wiedersehen. Am andern Tage wurde Georg für den Vormittag unter irgend einem Vorwande vom Schlosse entfernt, und sie eilte sogleich zu dem Schließer, sich Ludwlg's Gefängniß öffnen zu lassen. Gespannt und forschend trat sie ein. Zu ihrem großen Erstaunen fand sie statt deS zum Tode kranken, einen wieder recht rüstig aussehenden, kaum seine Wunden fühlenden Menschen. Die Aussicht auf Freiheit hatte wunderbar belebend auf den Gefangenen gc« wirkt. Dahinter mußte ein Geheimniß stecken, das zu ergründen war; sie näherte sich mit ihrem freundlichsten Lächeln dem Gefangenen und sagte: „Ich komme, die Wunden zu heilen, die ich dir geschlagen." „Wunden von Weibern gehen niemals tief," cntgcgnete ruhig der Gefangene. „Ich würde dein Herz schon gefunden haben, wenn ich dich nicht schonen gewollt; du solltest mir dankbar sein," bemerkte die Croatin freundlich, die gerade von der Schroffheit des Gefangenen angezogen wurde. „Wofür? — Für eine schmachvolle Gefangenschaft, die verfluche ich tausendfach — lieber den Tod!" „Junger Freund, das Leben ist schön, man wirft es nicht so leicht weg, wen» ma« den Becher noch nicht ausgekostet!" * „Für mich sind nur noch Hefen darin!" „Sollte dir ein liebend Frauenherz uicht eine andere Meinung bringen?" —> fragte die Croatin zutraulich. „Reiß mir uicht eine Wunde auf, die mich am Tiefsten schmerzt," — cntgcgnete Ludwig düster. „Das will ich in Wahrheit," entgegnete lachend die Croatin, „ich will sehen, ob dein Verband kunstgerecht angelegt, denn ich verstehe mich darauf." Er wollte sie finster abwehren, aber warum schnöde eine freundliche Gesinnung von sich stoßen? Er ließ es zögernd zu. Sie streifte den alten Verband von der Achselwunde ab, um einen neuen aufzulegen. Kaum aber hatte sie das Hemd etwas zurückgeschoben, als sie wie von einer Schlange gestochen zurückfuhr. Ihre Hand zitterte, ihre Lippen wurden bleich — und sie gericth in die heftigste Bestürzung. Dennoch, ehe Ludwig ihre Aufregung gewahren konnte, hatte sie sich mit stählernem Willen bcmeistert und errang ihre gewöhnliche Ruhe, so daß sie freundlich dem Gefangenen den Verband anlegen konnte, während ihr Inneres von tausend wilden, — düsteren Gedanken durchzuckt wurde. 365 Das war kein Zweifel, sie hatte den Sohn von BoleslauS vor sich, hatte sie doch dieselbe deutliche Hand auf der Brust des Fremden bemerkt, die ihr der lügnerische Georg als das Erkennungszeichen beschrieben! Sie brachte damit das sonderbare Benehmen Georg'S, sein Heimlichthun mit dem Kranken, sein ängstlich Hüten in Einklang, — und hierzu kam das zutreffende Alter, die Augen Margareth's — Teufel! ihr Sohn war in BoleSlaus Nähe und der geringste Zufall konnte eine Entdeckung herbeiführen und ihre Plane vernichten! Sie hatte Alles daran gesetzt, nach BoleSlaus Tode im Besitz des Hcrzogthums bleiben zu können. Wenzel war durch seinen Aufenthalt beim Feinde dem Barer für immer entfremdet und aus seinem Erbe verdrängt, — und nun sollte ihr dieser in die Hände gefallene Bursche gefährlich werden? Sie hatte ihm in einem Anfalle guter Laune das Leben geschenkt, jetzt, wo er ihr feindlich in den Weg trat, glaubte sie das Recht zu haben, ihn hinwegräumen zu dürfen. Ihr erster Gedanke war, Rache zu nehmen an dem lügnerischen Georg, aber er war für den Augenblick nicht da und hier war ein Feind aufgetaucht, der vernichtet werden mußte, noch ehe er, wie eine Blindschleiche, warm geworden, und stechen konnte. Nimmermehr durfte eine Entdeckung erfolgen. Ihr Auge funkelte unheimlich, die Hand griff unwillkürlich nach dem Dolch, und sie würde ihn auf der Stelle ermordet haben, wenn nicht der abwägende Verstand ihr klüglich zugeflüstert: „Wie, wenn du ihn nicht in's Herz triffst, und der Verwundete noch im Todcszucken dich mit seinem starken Arm erdrückt, und dann — am Tage, wo sein Tod Aussehen erregen und vielleicht den Herzog herbeiführen kann? Nein, nein, nichts Uebcrciltes, lieber warten bis zu gelegener Stunde, bis zu schweigender Nacht!" Mit gewinnendem Lächeln beugte sie sich von Neuem über den Kranken, zu sehen, ob der Verband genügend, und sagte dann mit herzlicher Theilnahme Lebewohl, während in ihrem Innern nur der heißeste Wunsch brannte, ihn zu vernichten. (Fortsetzung folgt.) Die Aeolsharfe. Dieses romantische Instrument, dessen harmlose Naturmclodien und bald frohe, bald sehnsüchtige Hauchaccorde, in tiefer Nachtstille zwischen dem melancholischen Säuseln dcS Laubes von eigenthümlichster Wirkung sind ist bei uns lange' nicht genügend bekannt. Dem spät noch unter den Sternen Wandelnden bereiten diese Töne manches Vergnügen, und der eigentliche Musiker wird nicht umhin können, die ewige Gesetze der Harmonie in ihnen zu bewundern. Es dürfte den Leser daher intcreffiren, etwas Näheres über die Natur und Verwendung dieses Instrumentes zu erfahren. Dieses Saiteninstrument verlangt von seinem Besitzer keinerlei Kunstfertigkeit noch Vorübung, denn es klingt ganz von selbst. Die merkwürdige Eigenschaft, im Lustzuge saufte Harmonien, wie Musik aus weiter Ferne, hervorzubringen, macht es für Gärten und ruhig liegende Zimmer höchst angenehm. Die Aufstellung ist leicht erlernt. Man öffne nämlich ein Fenster, auf das eben ein frischer Wind trifft, drei Zoll weit, beseitige eS mittelst eines BandcS, und stelle nun die Harfe mit ihrem trichterförmigen Lnflfange dicht anschließend an diese Feusterspalte, so daß der eindringende Wind durch den Sciten- chor ziehen muß. Anfangs hauchen die Töne tief und im erwachende Dreiklange. Kaum übersetzt der Wind lebendiger ein, so steigen die sanften, feierlichen Accorde höher und höher und eS entwickelt sich eine reizende Mannigfaltigkeit von hellen Flöten- und Clarinelttöncn. Verhauchen sie wieder, so hallt die Melodie noch in den Baßsaiten fort, wie ersterbende Klänge von fernen, gedämpften Waldhörnern. Alle übrigen Fenster und Thüren nach außen müssen geschloffen sein: wohl aber muß man die Stubenthür oder besser noch die eines Kamins öffnen, um so den nöthigen Gegcnzug zu bewirken. Wer 366 diesen Wink beachtet, wird die Aeolsharfe, mit Recht launenhaft genannt, fast jederzeit zum Spielen bringen. Die Septimenaccordc und vor Allem das Crescendo in schwellenden und wieder sinkenden Musikstrophcn sind unnachahmlich schön und dürften selbst dem geübtesten Geigenspieler ein kleines Studium werden. — Im Garten wählt man einen Ort wo' ganz freie Luftströmung herrscht. Hier kann man in eine Nische eine Art Lust» fang anbringen und würde die Harfe darin zugleich vor Regen geschützt sein. Fast alle künstlichen Decorationsstücke eines Parkes, als: Säulen, Ruinen, Grotten, Denkmäler, Statuen, Fontaineu, vor Allem aber Grotten, die starken Zug haben, lassen sich zur Anbringung einer Aeolsharfe benutzen. Die gewöhnliche Sorte, für fast jedes Stubenfenster passend, hat eine Höhe von lU /2 Fuß, ihre Breite ist 8 Zoll und die Weite des Luftfauges 4 Zoll. Das Gewicht einer solchen Harfe ist 6^/^, niit der Kiste 14 Pfund. Sie sind verfertigt von ausgewähltem Holze der Lerchentannc, welches durch langes Trocknen einen klingenden Ton angenommen und mahagoniähnlich polirt ist. Der Preis nebst Stimmschlüsscl und Verpackung ist ungefähr 4—5 Thlr.; von massiven Mahagoni mit hübscher Auslegearbcit natürlich etwas theurer. Die großen Harfen für Parks sind 5Vr Fuß hoch, mit Violoncelli-Saiten bezogen, ihr Tonumfang ist 7 Octaven, und ihre Baßtöne sind so ausgezeichnet schön, daß sie an das Herübcrhallen einer Kirchenorgel erinnern. Die Negerfrage in Amerika, gelöst durch einen katholischen Orden. Es kommt da eine kurze und schlichte Nachricht aus der „neuen Welt," daß in New-dork Ncgcrschwcstcrn sich niedergelassen haben. Diese Nachricht ist aber von außerordentlicher Wichtigkeit. Sie zeigt, daß die katholische Kirche auch an die Ncgerfrage gedacht und auch für sie die geeigneten Heilmittel gefunden hat. Der ganze 5 jährige furchtbare Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten wurde wegen der Negerfrage geführt. Der Norden hat gesiegt, die Neger wurden frei und sclbststän- dig; aber da fing ihr Elend und die allgemeine Rathlosigkeit erst an. Wohl wurden den Negern die gleichen staatsbürgerlichen Rechte mit den Weißen zuerkannt, aber die Achtung läßt sich durch Gesetze nicht erzwingen. Giftmischer, Räuber und Mörder werden in Europa nicht so verachtet und gemieden, wie die Neger in Amerika. Vor dem Kriege hatten sie als Leibeigene wenigstens Brod bei ihren Herren; hernach aber hatten sie keine Achtung und kein Brod. Diese Verachtung ging so weit, daß selbst in den Kirchen, in welchen sich doch Alle als Kinder desselben Gottes fühlen sollen, die Neger von ihren eigenen Glaubensgenossen gar nicht zugelassen wurden, oder eigene streng abgeschlossene Stellen einnehmen mußten. Da kommt die Nachricht: Negcrschwestern beschäftigen sich mit der Erziehung von Ncgermädchcn. Was besagt diese Nachricht? Sehr viel: Die katholische Kirche nimmt auch Schwarze als Ordensschwestern an, stattet sie aus mit Achtung und Würde. Und was ist damit gewonnen? Unendlich viel. Die schwarzen Ordensschwestern werden sich durch ihr frommes aufopferndes Leben und Wirken Achtung erzwingen. Diese Achtung wird auch auf die Zöglinge der Negerschwestcrn sich erstrecken und so in immer wettern Kreisen Platz greifen. Die Ächtung von der einen Seite wird Zutrauen, Selbst- und Ehrgefühl auf der andern Seite erzeugen, und so ist die Ncgerfrage, die, sozial so wichtig, unlösbar schien, auf dem Wege gelöst zu werden. Diese Lösung haben nicht die Staatsgcsctze angebahnt, nicht Mcnschenwitz und Philosophie, die so etwas nie und nimmer zu Stande bringen kann, weil sie nicht genügende Motive für Selbstaufopferung und Selbstentäußerung bietet —, noch viel weniger die Freiinaucr-Loge, sondern die katholische Kirche durch ihre Orden. Wann wird doch die Welt einsehen, daß die katholische Kirche — und nur sie allein — das Heil enthält für alle sozialen Uebel, weil sie die wahre Gottcsanstalt auf Erden ist, und wann wird die Welt ferner einsehen, daß die Orden nicht zum Faulenzen, zum bequemen Leben und Sündigen sich konstituiren, sondern zur Selbstaufopferung, zum Heile des Nächsten. Kommt Noth, Typhus, Krankheit, Krieg, da sind die Ordensleute gar liebe Leute, kaum ist die Noth geschwunden, so wirft man Steine auf die Wohlthäter der Menschheit. * (An Bord eines Leuchtschiffes.) Dickcn's Wochenschrift „,VII iliv Vonr Ikonncll'' enthält folgenden Bericht über das Leben an Bord eines Leuchtschiffes r Das Geschäft der Bemannung eines Leuchtschiffes besteht darin, gute Leuchtfeuer zu unterhalten, das Ankcrkabel, so oft als erforderlich, vermittelst eines Krahnes ein- und auszn- winden; wenn ein Schiff in Gefahr ist, Warnsignale abzubrennen, und Unglückssignale, wenn Hülse von der Küste aus nöthig wird, mit einem Worte, den vorbeifahrenden Schiffen sich so dienstbar wie möglich zu machen. Die gesammte Bemannung besteht aus eilf Personen: einem Capitain, einem Steuermann, drei Lampenanzündern und sechs Matrosen; von letzteren sind aber immer vier Mann abwechselnd an der Küste, so daß nur sieben permanent an Bord des Schiffes bleiben; der Capitain und der Steuermann sind altcrnirend einen Monat auf dem Wasser und einen an der Küste; der Nest der Bemannung bleibt abwechselnd zwei Monate zur See und einen Monat am Lande. — Anfangs jeden Monats fahren die Dampfer des Trinity - Amtes mit recht verdrießlich aussehenden Mannschaften aus, die ihren zweimonatlichen Sccdicnst antreten, und kehren mit einer lustigen Schaar von Leuten zurück, welche ihren Küstenmonat hat. Letztere kommen öfters mit Spielsachcn, Schuhwerk u. s. w. beladen zurück, welche Artikel sie während ihrer müßigen Zeit an Bord des Leuchtschiffs angefertigt und nun an der Küste absetzen. — Es ist kein Spaß, sich an Bord eines Leuchtschiffs während stürmischen Wetters zu befinden. Hier sei ein trauriger Vorfall wieder erzählt, — der vor einigen Jahren sich ereignete. Zwei Matrosen des Leuchtschiffes in der Morecambebucht hatten einst in einer fürchterlichen Nacht die Wache; Einer war auf einen Augenblick nach der Cajütc hinuntergegangen, als er plötzlich den Stoß einer furchtbaren Mcercswoge gegen das Schiff verspürte. Er eilte auf das Deck zurück, fand aber seinen Kameraden nicht vor; zweifelsohne hatte ihn die wüthende See gepackt und über Bord geschleudert. — Eine neue mächtige Woge ergoß sich jetzt über das Schiff und dieses Mal führte sie auch den zweiten Matrosen hinweg in die schäumende Brandung. Der wachthabende Offizier, welcher während eines Sturmes häufig auf das Deck gehen muß, um nach dem Rechten zu sehen, vermißte auf seiner Roudc die beiden wachthabenden Leute. Ein Blick auf das tobende Wetter sagte ihm Alles, ruhig übernahm er selbst die Wache, nachdem er vorher die Vorsicht gebraucht, sich fest an den Mastbaum zu binden. Zahllose große Wogen überschütteten das Deck, aber er harrte standhaft auf seinem nassen Posten aus. Inzwischen brannte das Feuer hell und klar, und trotz der Wuth des Sturmes flackerte es über die empörten Gewässer, somit seinen wohlthätigen Zweck erfüllend. (Die sogenannten wilden Iren.) Ein Berichterstatter des „Echo" schildert die Zustände im Westen Irlands bei den sogenannten „wilden Iren" folgendermaßen: „Ich werde nie die erste Hütte vergessen, in die ich eintrat. Zch hatte beabsichtigt, einige Wochen ausschließlich unter den irischen Armen zu verbringen, indem ich zu Fuß wandern und auf dem Wege über Nacht in solchen Kotten einkehren wollte. — Sobald ich meinen Kopf in eine derselben streckte, ließ ich diesen Gedanken fahren. Äch bin nicht zimpferlich in den kleinen Dingen des täglichen Lebens, aber ich möchte doch nicht meine Feieuage in einer solchen Wohnung und mit der dort üblichen Nahrung zubringen. Hören Sw nur! Auf der rechten Seite in der Hütte war ein Haufen Torf aufgeschichtet, auf der linken ein Misthaufen. Tiefe Drecklachen bildeten den größeren Theil des Bodens; da und dort war ein großer Stein gelegt, — damit man darüber hinwegschreitcn könne. Eine niedrige Thür vollendete den schönen Anblick. Eine dünne 368 blaue Wolke von Tonkunst suchte aus diesem schmutzigen Gefängnisse so schnell als möglich zu entkommen. Keine Fenster! Alles ist daher anfänglich dem Auge dunkel. Die Finsterniß löst sich bei näherer Besichtigung in Koth, Dung, ein Schwein, eine Henne mit einer Brüt von Küchlein, ein molkenbcrcitendes weibliches Wesen, ein anderes, das langen Wegs unter einem Hausen Kartoffel liegt und aus denselben die größeren für das Mittagsmahl aussucht; drei kleine Kinder, von denen jedes nur einen Unterrock anhat und im Koth und Mist sitzt, und ein Paar Stühle und eine Truhe auf. Noch muß ein unbeschreiblicher großer Bündel erwähnt werden, der in einer Ecke liegt und an dem sich das Schwein reibt — das ist das Familicnbett! Hier im Dreck und Mist, unter dem niedrigen, schwarz-geräucherten Dache, in dieser gräulichen Höhle sind in der Dunkelheit Vater, Mutter, sechs Söhne und Töchter, von denen drei selbst Eltern sein könnten, zusammengedrängt, schlafen Alle bei einander und bewahren ihre Seele!" — Und doch geben diese Bei icht - Erstatter den Iren das Zeugniß, daß sie bei aller Verwahrlosung und Qucrköpsigkeit an Sittlichkeit im Allgemeinen höher stehen, —- als das englische Volk und die übrigen Völker Europa's überhaupt, daß gemeine Verbrechen höchst selten sind und der einzige dunkle Punkt in dieser Beziehung die agrarische Mordthat ist, an welcher freilich fast die gesammte irische Nation sich in größerem oder geringerem Maße moralisch mitbetheiligt. Die Sittlichkeit der Frauen und Mädchen namentlich heben die Berichte einstimmig hervor. Bei den oben geschilderten häuslichen Zuständen erregt diese Reinheit des Lebens immer wieder und wieder die Verwunderung der Reisenden und der den Verhältnissen des Landes nachforschenden Correspondenten. (Eine Fabel ) Bor Zeiten gab es auch bei uns im Vayerulande Wölfe. In solcher Schreckenszeit hielt der fromme Schäfer Albert mit seinem Sohne German auf dem Felde, das jetzt noch das Feld zum guten Hirten sich nennt, die Nachtwache bei einem Theile seiner Heerde. Es war schon den ganzen, späten Herbsttag über nicht warm gewesen; doch die Nachtluft umwehte von Stunde zu Stunde kälter die mit Baumrinden nur dürftig bedeckte und beschirmte Feldhütte, darin Vater und Sohn schweigend saßen. Der kleine German, den es sowohl zu schläfern als auch zu frieren anfing, unterbrach die nächtliche Stille, indem er anhub, also zu reden: „Mein Vater! Wie. wenn jetzt auf einmal mehrere Wölfe herbeikämen- sich Schafe zu holen, wäre es dann nicht wohl gethan, ihnen gutwillig alle Schafe da zu überlassen, in Erwartung, daß sie, weil vollkommen gesättigct durch Schafskeisch und Blut, dann auch wie unsere übrigen Lämmer und Schafe alle saust und friedlich werden, und auch ihre Jungen dazu kommen, künftig ihrem Beispiele zu folgen." Vater Albert schüttelte den souuenbrauuen Kopf und sagte mit ruhigem Ernste zum kleinen German: „O hüte Sohn dich zu vergessen: Der Appetit kommt mit dem Essen. — Erwarte nie vom Uebermaß, Daß Isegrim ^um Schafe werde; Was Wolf bleibt Wolf auch nach dem Fraß Der allergrößten Wollenheeroe." So blieb' auch Preußen doch noch Preußen, Wenn nach Bavarien's Verspeisen , Germanien es ließ' sich heißen. (Urtheil einer Frau über die Frauen.) Als Lady Montague gefragt wurde, ob sie es vorziehen würde, ein Mann zu sein, antwortete sie: »Nein, ich bin sehr zufrieden, iaß ich eine Frau bin, wenn ich bedenke, daß ich der Gefahr nicht ausgesetzt bin, eine zu nehmen." Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von l)r. M. Huttler.