Arv. 47. 21. Novbr. 1869. Man muß das Volk nicht vom Gesetz losreißen, Und an die Willkür kellen Shakespeare, Heinrich VIll. Akt 1 Scene 2. Die H a u d. (Fortsetzung.) Noch an demselben Tage kehrte Georg auf s Schloß zurück — und versprach dem Gefangenen noch für heute Nacht sichere Befreiung. Dieser war von dem Gedanken völlig berauscht — und vergaß darüber schnell den Besuch der Herzogin. Mit Umsicht und Geschick traf Georg alle Anstalten zur „Flucht." Kurz nach Mitternacht hörte der Gefangene auch wirklich den Schlüssel drehen und sein Befreier forderte ihn auf, ihm leise und vorsichtig zu folgen. Sie kamen glücklich, ohne störenden Aufenthalt, durch mehrere finstere Gänge aus dcni Schlöffe iu's Freie. Georg selbst athmete hoch auf, denn jetzt war nur noch der Park zu durchwandern, dann noch die Mauer zu übersteigen und sie waren Beide gerettet und in Sicherheit. Kaum waren aber die Flüchtlinge im Park angelangt, als sie einen kleinen Trupp Leute auf sich eindringen sahen. Sie wollten ausweichen, es war zu spät; ehe sie sich in Vcrtheidigungs-Zustand setzen konnten, waren sie umzingelt. „Schweigt, oder ihr seid des Todes!" herrschte sie eine dumpfe Stimme an. Aber das Auge der Liebe dringt durch die dickste Nacht. Hedwig — denn sie war B — von Wenzel und zwei Dienern gefolgt, sank mit einem Schrei freudiger Ueber- raschung dem Geliebten in die Arme. Die kühnen Abenteurer hatten sich glücklich bis hierher durchgeschlagen und wollten nun eben sich zu dem schwierigsten Theil ihres Unternehmens, der Befreiung Ludwig's aus dem Kerker, rüsten, als sie plötzlich das Glück aller weitcrn Sorge überhob und ihnen den Gefangenen selbst so überraschend wunderbar zuführte. „Du hier?" — rief der Letztere erstaunt, und eine wunderbare Seligkeit durchwagte seine Brnst. ^ „Ich komme, dich zu retten, Ludwig! Doch nicht allein. Hier ist der edle Wenzel, der mir treulich bcigestandcn." „Das vergesse ich dir nie!" — erwiderte Ludwig mit weicher, aus dem Herzen kommender Stimme. „Eilen wir, den glücklichen Zufall zu benutzen und aus der Stadt zu kommen," entgegnetc ablenkend Wenzel, — und diese Mahnung war keine ungegründete, denn im nächsten Augenblick hörten sie ein wildes Geräusch vom Schlöffe. Eine Menge Fackeln tauchten in der Ferne auf. Dem feigen Georg entfiel der Muth, seine Kniee schlotterten, die Croatin stand finster drohend vor seiner aufgeregten Phantasie. Da zuckte ihm ein anderer Gedanke durch das Hirn — er brauchte ja nicht heute zu flüchten, in dieser so gefährlichen Stunde, — konnte vielmehr seine Flucht auf eine günstigere Zeit verschieben. Niemand hatte seine Flucht bemerkt, auf ihn siel der wenigste Verdacht. Umkehr 370 war sonach das Klügste, und indem er noch ängstlich ausrief: „Ihr seid verloren, wenn ihr nicht eiligst die Mauer sucht!" eilte er hinweg, sich in's Schloß zu schleichen uvd ss sich in Sicherheit zu bringen. Aber gerade am Ende des Parkes kam er der wüthenden Croatin in den Wurf. Sie war so eben mit entblößtem Dolch zu dem Gefängnisse Ludwig's geschlichen, wer aber malt ihr Erstaunen, als sie das Gemach leer und den Gefangenen verschwunden fand. „Ah, dieser Teufel von Georg ist mir zuvorgekommen," schäumte sie in höchster Erbitterung; „ich zermalme ihn, wenn er in meine Hände füllt, er hat ihm zur Flucht verhelfen, weil er Unrath gewittert, wehe ihm!" Einen Augenblick blieb sie starr und stumm, ihre Lippen zuckten krampfhaft, dann warf sie sich auf ein Pferd, ließ so viel Leute aufsitzen, als nur in der Eile aufzutreiben, und jagte mit ihnen in den Park. Dort traf sie zu ihrem unaussprechlichen Jubel auf Georg, der sich in Sicherheit zu bringen trachtete. Sie wollte vom Pferde steigen und ihm den Dolch in's Herz stoßen, besann sich aber plötzlich und befahl Einigen ihrer Begleitung, den Schurken zu knebeln. Dann setzte sie hinter den übrigen Flüchtlingen her, auf deren Spur sie bald gekommen. Diese hatten bereits das Ende des Parks erreicht, — nur noch wenige Schritte bis zur Mauer, und sie waren dem Bereiche jeder Verfolgung entrückt und in Sicherheit. — Jetzt hörten sie die Verfolger immer näher hinter sich, — und Wenzel so wie Hedwig drangen ängstlich auf die größte Eile. „Wenn wir nur die Mauer erreichen, dann sind wir gerettet," — sagte Wenzel drängend und schritt in ungeduldiger Hast voran, während Ludwig durch seine schmerzenden Wunden gehindert, nicht so rasch zu folgen vermochte, und mehr von Hedwig und ihrem Diener getragen wurde, als sich selbst fortbewegte. „Mein Gott, Ludwig, nur nicht untergehen, so nahe dem Ziele. Raffe deine letzten Kräfte zusammen und wir sind gerettet!" ruf Hedwig in voller Seelenangst aus. „Ich kann nicht weiter!" flüsterte Ludwig halb besinnungslos. „Hedwig! ich ziehe dich und euch Alle nur mit in den Abgrund. Laßt mich hier. Allein könnt Ihr noch die Mauer erreichen." „Nein, nimmermehr, nicht ohne dich, das hab' ich mir geschworen!" — entgegncte Hedwig bestimmt. Ludwig versuchte noch einmal sich aufzuraffen, brach aber sogleich wieder zusammen. Nur wenige Augenblicke Verzug und sie waren unrettbar verloren. Wenzel setzte schon den Fuß auf die Mauer, sie zu erklimmen, und beschwor Hedwig, ihm zu folgen, sich nicht unnütz zu opfern, vergebens! Sie schüttelte schweigend das Haupt und beugte sich mitleidig nur noch tiefer über den Zusammengesunkenen. „Nun denn, so muß ich dich deinem Geschicke überlasten, es mit dir theilen, darf ich nicht. Dieser Croatin will ich nicht um alle Schätze der Welt in die Hände fallen." Mit diesen Worten erklomm Wenzel in demselben Augenblicke, als die Verfolger bei den Zurückgebliebenen angekommen, mit Leichtigkeit die Mauer, rief dann noch cr- muthigend zurück: „Ich rette dich!" — und erreichte glücklich die andere Seite, um sich auf das zurückgelassene Pferd zu schwingen und davon zu jagen. Die Croatin rief jubelnd aus: „Das ist prächtig, wir fangen ja mehr ein, als «nS entflohen." Sie hatte Hedwig sogleich erkannt, waren sie doch Beide in gewisser Hinsicht Riva- linnen, die sich schon im Kampfe gesehen. Denn Hedwig wurde im feindlichen Lager «beuso als Heldin gefeiert, wie dies in der Stadt mit der Croatin der Fall war. - Sie mußte dem jugendfrischen Mädchen ihre Schönheit neiden und freute sich, sie i» ihrer Gewalt zu haben. Daß nur eine glühende Liebe Hedwig zu einem solchen rücksichtslosen Streiche verleitet haben konnte, durchschaute die Croatin augenblicklich, und so stand es bei ihr fest, Ludwig mußte als Flüchtling gerichtet werden, das war das einfachste, sicherste Mittel, ihn für immer aus dem Wege zu schaffen, und auch Hedwig, die schöne Feindin, wurde damit in's Herz getroffen. Für Georg hatte sie etwas ganz Besonderes ausgesonnen; der Blutscheue sollte seinem Schicksale nicht entgehen und er selbst an Ludwig die Hand anlegen — sein Henker werden. Hatte er sich zu diesem schmachvollen Werke brauchen lasten, dann wurde auch er bei der ersten passenden Gelegenheit beseitigt und Alles war für immer in Nacht gehüllt. Zunächst galt es, von Boleslaus das „Todcsurtheil" seines so lange ersehnte» Sohnes zu fordern. Sie eilte, ganz mit der Ausführung ihres Planes beschäftigt, zu ihm und erzählte ihm den Vorfall. Dieser hörte kaum darauf, erst als sie von der Gefangennehmung Hedwig's sprach, wurde er aufmerksam und jubelte: „Hedwig gefangen, ist es wahr?" Als die Croatin es noch einmal bejahte, athmete er hoch auf, als sei ihm eiuc recht schwere Last vorn Herzen genommen und sagte: „Nun ist Alles gut." Er knüpfte daran die Hoffnung nahen Friedens, denn mit diesem Pfand in Händen mußte der Glogauer seine Forderung bedeutend hcrabstimmcn. Die Croatin wollte die gute Laune des Herzogs schnell benutzen, ihn zur Bewilligung ihres Urtheils zu bewegen und sagte: „Aber — der flüchtig gewordene Gefangene muß gerichtet werden und der Schurke Georg soll das Henkeramt übernehmen." „Warum das?" fragte der Herzog erstaunt. „Du fragst? — Zu ihrer strengen, gerechten Strafe!" „Weil der Arme die Flügel geregt, als sich ihm der Käfig geöffnet? Katharina, das wäre hart und grausam!" ° Jetzt in seiner glücklichen Stimmung fühlte der Herzog so ganz den Werth der Freiheit, — war's ihm doch in der belagerten Stadt zu eng geworden — und er sollte es Jemand verargen, der die Kette seines Gefängnisses glücklich abgestreift und fliehe« gewollt? Er wußte einen solch' kühnen Streich zu schätzen und fügte deßhalb hinzu: „Das ist ja ein kecker, tüchtiger Bursche und für's Richtbeil zu gut, wir könne« ihn selbst noch brauchen." Die Croatin crschrack, eine solche Wendung durfte die Sache auf keinen Fall nehmen und sie entgegnete deßhalb fest und entschieden: „Boleslaus, sollen wir die Verräther nutzlos füttern, während unsere Bürger leiden?" „Ach, zwei Magen mehr oder weniger, was thut das?" „Wohl thut es viel, es weckt Entrüstung über solch' thörichte Schwäche." „Sie müssen unsern Leuten zur Genugthuung fallen," fuhr sie scharf und schneidend fort, „ließ doch der Glogauer jüngst die armen Bursche auch hängen, die ich ihm zugeschickt. Wir wollen nur Vergeltung üben!" „Laß das! — stacheln wir den Feind nicht mehr auf, als nöthig ist," — war die beschwichtigende Antwort des Herzogs. „Nein, — wir müssen zeigen, daß wir ihn nicht fürchten, und ihn durch den Tod eines seiner geschicktesten Feldhauptleute entmuthigen." Boleslaus war schon halb besiegt. Die Croatin fügte schmeichelnd hinzu: „Sieh, du weißt, daß ich immer das Rechte treffe. Du bist oft zu gut, das taugt nicht; habe« sich nicht meine Anordnungen stets bewährt? Laß mir nur freie Hand; ich bringe dir jetzt diese Freudcnpost, und du trittst mir so schroff dort entgegen, wo es sich um bei» eigenes Wohl handelt?" 372 Dem konnte der Herzog nicht länger widerstehen, und er gab rasch und flüchtig — wie um sich Ruhe zu verschaffen, seine Einwilligung. Die Croatin triumphirte — jetzt war sie am Ziel und ihre Opfer für immer vernichtet. Sie ließ mit dem Grauen des Morgens alle Anstalten treffen und verkündete den Gefangenen ihr Urtheil. In Ludwig's Augen leuchtete es wunderbar auf, als lösten sich mit diesem Worte die Ketten und er würde dennoch frei. Sterben war ja sein heißester, sehnlichster Wunsch, er begrüßte den Tod mit Freuden. Die Croatin bemerkte dies, und um ihm wenigstens die letzten Augenblicke zu vergällen, wendete sie sich an die schweigend dastehende Hcdwig und sagte: „Du magst Zuschauerin des Schauspiels sein und ihm das Haupt zurecht legen, daß es der Henker sicher trifft." Der Pfeil prallte ab. Hedwig's Lippen verzogen sich nur zu einem verächtliche» Lächeln, stolz und kalt ruhte ihr Auge auf der Croatin und schien zu sagen: „Was du mir zur Straf' ^usgesonnen, ist mir eine Wohlthat, ich bin stark genug, — ihn sterbe» zu sehen." Nur Georg war von dem Urthcilsspruch wie niedergedonnert. Er wollte um Gnade flehen, aber er sah dies steinerne, felsenharte Gesicht, — die rachefunkelnden Augen und fühlte, daß jede Bitte an einem solchen Stahlpanzcr abprallen mußte; dann dachte er ihrer Forderung zu trotzen und lieber den Tod zu suchen, als diese Schmach auf sich zu laden. Aber sterben! — vielleicht unter den gräßlichsten Martern sterben, wie's ihm da eiskalt über den Rücken lief; er war nicht der Mann dazu, um seiner Ehre willen den Märtyrer zu spielen! Daß die Croatin ihn dessen ungeachtet zum Tode bestimmt hatte, daran dachte er nicht. Bleich und zitternd, halb mechanisch, befolgte der Eingeschüchterte die Befehle der Croatin. So viel der Schloßhof Leute fasten konnte, so viel standen neugierig umher, um auf das ungewohnte Schauspiel zu sehen. Alles war jetzt vorbereitet zur schmachvolle« That; die Herzogin gab ein Zeichen^— von zwei Henkersknechten begleitet, schwankte Georg auf den Richtplatz, und wenn man nicht in seiner Hand das blanke, funkelnde Schwert gewahrt, man würde versucht gewesen sein, ihn für das Opfer und den so ruhig dastehenden Ludwig für den Vollstrecker des Urtheils zu halten. Ein lautloses, tiefes Schweigen trat ein; aller Augen ruhten erwartungsvoll auf die in der Mitte Stehenden. Hcdwig trat noch einmal an den Geliebten heran und sah ihm fest und ruhig in's Auge. Kein Zucken ihres Mundes verrieth den wilden Schmcrzens - Aufschrei ihres Herzens, und sie sagte mit weicher, klangvoller Stimme, die nicht das mindeste Zittern verrieth: „Leb' wohl, Ludwig! Verzeih', daß ich dich nicht retten, nicht glücklich mache» konnte, trotz meiner heißen, unendlichen Liebe!" „Leb' wohl, Hcdwig! Wie ist der Tod so süß, wo's keine, keine Hoffnung gab!" erwiderte Ludwig. Mit eisigem Lächeln blickte die Croatin auf die Scene, während von manch' gebräunter Wange eine Thräne der Rührung hcrniederfloß; denn gerade solch' festes, ruhiges Ausharren im Unglück, das packt und erschüttert die starren Herzen. „Jetzt an dein Werk, Herr Ritter!" herrschte die Unbeugsame Georg zu, der i» Verzweiflungs-Qual vergeblich nach Haltung und Fassung zu ringen versuchte. Ludwig kniete auf den Holzblock nieder, den Todcsstreich zu empfangen, nachdem er seinem Henker vorher die Hand geschüttelt und lächelnd gesagt: „So thust du mir doch noch einen Freundschaftsdienst, redlicher, lange verkannter Mann, nun säume nicht!" Die Croatin lächelte über den Irrthum des Verurtheilteu dämonisch, und hätte ihm 373 so gern auch diesen süßen Wahn benommen, wen» sie gedurft, doch die Zeit drängte — ^ und sie herrschte jetzt dem Ritter zu: „Nasch, rasch, wir haben nicht Lust zu warten!" Georg hob gedankenlos das Schwert, blickte noch einmal auf, wie ein Ertrinkender, ! der nach einem Strohhalm ausspäht, und ließ den Arm wieder sinken. „Bist du toll?" wüthete die Herzogin, „soll ich dich mit Ruthen peitschen lasten?" I Es mußte geschehen — er faßte entschlossener, kräftiger das Schwert — da plötzlich < erblickte er Boleslaus aus dem Thore des Schlosses tretend, — und sogleich schoß ih« blitzschnell ein Gedanke, der sie Alle retten mußte, durch den Kopf. Der Herzog hatte von einem Fenster seines Schlosses aus dem Schauspiel zugesehen, und kam jetzt in der Absicht, dem auf's Höchste getriebenen Spiel ein Ende zu machen. > Für einen Fluchtversuch war der Tod doch allzu grausam — und schon diese ernste Drohung Strafe genug. Dem Willen seiner Frau war Genüge gethan, und er wollte > jetzt dem Gefangenen unter dem Beding, — in seine Dienste zu treten, — Leben und k Freiheit schenken. (Fortsetzung folgt.) Beispiele hohen Lebensalters in Großbritannien. Busfon und Haller haben behauptet, das theoretische Lebensalter der Menschen sei 90 bis 100 Jahre. Ein Hund nämlich erreiche in 2 Jahren die Altersreife und lebe dann 5- bis 6mal so lang als seine Entwickelung dauerte. Das Pferd sei mit 4 Jahren ausgewachsen und genieße eine Lebensdauer von 25 bis 26 Jahren. Folglich, meint Busfon, wenn dem Menschen kein Unfall sein Dasein verkürze, so mäste er 6 bis 7mal so lange leben, als seine Entwickelung dauere, nämlich 90 bis 100 Jahre. Den Untersuchungen über hohes Lebensalter haben die Engländer großen Geschmack abgewonnen, und das Beste, was ihre ältere wie neuere Literatur enthält, ist jetzt von einem Essayisten des Quarterly Review zusammengestellt worden. ^ Gewiß ist eins: wer hundert Jahre alt werden will, darf eine Krone nicht trage» und nicht Prinz von Geblüt sein, denn seit Christi Geburt kennt die Geschichte nicht eine» beglaubigten Fall, daß irgend ein Glied irgend eine Dynastie das Alter van l 00 Jahre» erreicht hätte. Die drei ältesten Leute der englischen Geschichte sind die Gräfin von DeSmond, der „alte Parr" und Henry Jenkins. Der Mädchenname der genannten Dame war Katharina Fitzgcrald. Sie soll im Jahre 1465 geboren worden sein und zählte 124 Jahre, als Sir Walter Naleigh 1589 ihre Bekanntschaft machte. Daß sie von 1599 bis 1608 in Irland lebte, steht fest, und daß sie 140 Jahre alt wurde, darf noch mit Beruhigung angenommen werden, ebenso daß ihr im hohen Alter frische Zähne nachwuchsen. Unbeglaubigt dagegen ist, daß sie in einem Alter von 150 Jahren nach London reiste und ebenfalls nur eine ausgeschmückte Ueberlieferung scheint es zu sein, daß sie schließlich ihr Ende durch einen unglücklichen Fall von einem Nußbaume fand. — Ueber Henry Jenkins Alter herrschen leider Zweifel. Er war ein Zeitgenosse von Thomas Parr, welcher letztere, geboren 1483, neun Jahre zählte, als Amerika entdeckt wurde und bis in die Mitte des 30jährigen Krieges lebte. Er hcirathete erst in dem reifen Alter von 80 Jahren und überlebte seine Frau nach 32jähriger Ehe. Nach achtjährigem Wittwerstand schritt er, 120 Jahre alt, zur zweiten Ehe mit einer Dame, für die er schon zu Lebzeiten seiner ersten Frau geschwärmt hatte. Nach dieser zweiten Hochzeit lebte er 32 Jahre, im Ganzen 152 Jahre, und vielleicht hätte er es noch weiter gebracht, wenn ihn nicht Carl von Arundcl als eine Art ^ Curiosität nach London geschleppt und wie ein Menageriestück am Hofe Carls I. gezeigt t hätte. Er wurde dort gefüttert mit dem Besten was zu haben war, und dadurch zog ^ er sich ein „verfrühtes" Ende zu, denn der berühmte Physiolog l>r. Harvcy (der Entdecker ' des Prinzips der Blutcirculationj der seine Leiche öffnete, versicherte, daß, wenn der Man» * i» seiner ländlichen Lebensweise nicht unterbrochen, sei» tägliches Brod nach wie vor mit 374 Zwiebeln und Käse gewürzt, nur Milch oder gelegentlich ein Glas Ale oder Aepfelwei« getrunken hätte, er noch recht lange sein Leben gefristet haben würde. Unter anderen absonderlichen Fällen, die aber als gut verbürgt betrachtet werden dürfen, wird angeführt, daß eine Dame Südcarolinas in ihrem 99. Jahre noch von den Masern befallen wurde, und daß ein Herr John Wceks, der 114 Jahre alt wurde, neun Frauen überlebte, die zehnte aber ein 16jährigcs Mädchen, noch im Alter von 106 Jahren ehelichte. Schon Hufeland wußte, daß Frauen durchschnittlich länger leben als Männer, und verheiratete Frauen länger als ledige. Trotzdem sind die Fälle von außerordentlicher Lebensdauer bei Männern wieder häufiger als bei Frauen, wenn sie auch bei letzteren nicht völlig fehlen. Die Wittwe des bekannten Schauspielers Garrick, eine Wienerin und ursprünglich Ballettänzerin einer Londoner Bühne überlebte ihren Mann 43 Jahre und starb 1822 im Alter von 99 Jahren. Eine wahre zweibeinige Fofsilie war aber die Frau oder im Volksmnnd eine „Lady" Lcwson, die, jung verheirathet, schon mit 26 Jahren eine reiche Wittwe war. Geboren im Jahre 1700 alterte sie mit ihrem — dem achtzehnten Jahrhunderte —- und überlebte es noch bis 1806. Sie war voller Exccn- Iricitäten, zu denen auch gehörte, daß sie die Modctrachten ihrer Jugendzeit im Style König Georgs I. nie ablegte, wahrscheinlich zum Ergötzen des Straßenpublikums. Auch sie bekam im Alter von 87 Jahren neue Zähne, nämlich 2 Stück. Sie beschloß den Rest ihrer Tage in Gesellschaft eines männlichen Bedienten, zweier Hnndc und einer Katze. Zu ihren Seltsamkeiten gehörte die Wasserscheu, d. h. nicht sowohl Hydrophobie, als vielmehr Scheu vor dem Waschwafser. Leute, die sich waschen, behauptete sie, seien beständig Erkältungen unterworfen. Sie Pflegte sich statt dessen mit Schweinsfctt zu salben. Gelehrte Berufsartcn, meint der Essayst, seien einer langen Lebensdauer nicht förderlich. Doch muß er sogleich die Juristen ausnchmen, denn Lord Manssicld wurde 89, Lord Kaimes 86, Lord Monboddo 90, Lord Stowcll 91, Lord Eldon 87 Jahre alt. Von Aerzten läßt sich derartiges nicht berichten, denn daß Galen 140, Hippokratcs 104 Jahre gelebt haben sollen, wird in unserer skeptischen Zeit wenig Gläubige finden; von neueren Aerzten wird uns Ör. Heberdcn angeführt, der über 90 Jahre alt wurde, und der Schwede Jcrnitz, der 104 Jahre bei seinem Tode zählte. Von großen Schriftstellern weiß er nur Samuel Nagers anzuführen, der 1855 93 Jahre alt wa^, dann Hohle, den Verfasser eines Wistbuchcs mit 98 Jahren und Fontenellc der 100 Jahre alt wurde. Goethe, Alex. v. Humboldt, Hammer-Purgstall u. a. gehören noch nicht in den Rang der höchsten Lebensalter. Erfinder scheinen auch nicht große Aussicht zu haben, die Welt durch ihre Lebenszähigkeit in Erstaunen zu setzen, immerhin erreichte James Watt, der Erfinder der neuen Dampfmaschine, ein Alter von 83, der ältere Brunel, Erbauer des Themsetunnels, 81 Jahre. Der Baumeister Sir Christopher Wrcn starb 91jährig, Michael Angela Buonarotti wurde 90 Jahre alt, Titian starb an der Pest im 99. Jahre und Conrad Nocpcl aus dem Haag, brachte es noch ein Jahr weiter. Von Scehelden wird der „blinde alte Dandolo" erwähnt, der 1204 als 90jährigcr Greis noch das Markusbanncr auf die eroberten Wälle Consiantinopels pflanzte. Ein gleiches hohes Alter erreichte der Marschall Nadetzky, während Wellington 82jährig starb. Lord Lansdown und Palmcrston sind Beispiele dessen, was Staatsmänner selbst als Achtziger noch zu leisten vermögen. Man bildet sich in der Regel ein, daß die Bauern ein gesünderes Leben führen, als die Stadtbewohner, doch zeigt die englische Statistik, daß die rein bäuerlichen Gebiete nur je einen Todesfall von 200 weniger als die Großstädte, und je einen weniger unter 500 als die Kleinstädte zählen. Der Unterschied gehört demnach zu den verschwindenden Größen. Strenge des Klimas trägt auch nicht nothwendig zur Verkürzung des Lebens bei, denn Norwegen ist berühmt durch seine große Anzahl sehr alter Leute. Auch das ist ein Irrthum, das sitzende Lebensweise der Lebensvcrlängcrung schädlich sei, indem einige Fälle schon vorhanden gewesen sind, daß Männer über 100 Jahre alt -wurden, die täglich nur ein paar hundert Schritt vom Hause nach ihrem Bureau und zurückgingen. Zu dem schwindelhasten Aberglauben früherer Zeit gehört auch das, was ein deutscher Arzt Cohauscu in seinem Hormippus rvclivivus oder „des Weisen Triumph über hohes Alter und Grab" behauptet hat. Elodius Hermippus soll nämlich 115 Jahre geworden sein, und dieses Kunststück ausgeführt haben zufolge einer dem Aeskulap geweihten Tafel „puellnrum iinlwlilu", oder wie andere lesen ,.puvioruu> Iislitu", was so ziemlich auf dasselbe hinauskommt. Von einem reichen Banguier in Deutschland wußte die ganze Stadt, in der er lebte, daß er, „um sich jung zu erhalten," immer junge frische Mädchen—lionni «oit qui mal v peusu — neben sich schlafen ließ, folglich hielt er sich an die Lesart puollrirum nnlx'lllu. Der gute Mann hätte aber jedenfalls bester gethan, ganz allein in einem hohen Zimmer zu schlafen, denn jede ausgcathmctc Lust, auch die Luft junger und frischer Mädchen ist Gift im Vergleich zu reiner Luft. Der Minorit Roger Baco und sein Namensnachfolgcr Lord Baron glaubten beide an die Möglichkeil von Lebcnselixiren. Paracelsus (1493 im Conton Schwyz geboren) soll auch einen solchen Trunk besessen haben, und würde, wenn er in seinem Gebrauch nicht gestört worden wäre, wahrscheinlich noch jetzt leben, so aber ist er erst 48 Jahre alt am Fieber gestorben. Thomas Baughan, geboren 1612, verordnete eine Kost von Hühnchen, die mit Vipern gemästet, dann gegeißelt, geköpft und gelinde in einem Topf mit Rosmarin und Fenchel gekocht werden sollen. Fragen wir nun die Physiologie, was den eigentlich das Altern sei, so sagt die einfach und bündig: Ausartung der Zcllcubildung. Würde heute ein Elixir gegen diese Ausartung gefunden werden, sicherlich möchte der Zlauuf zu dem Wunderdoktcr sehr groß sein. Nun gehe man aber herum und frage der Reihe nach, wer wohl sein Leben noch einmal vom Anfang bis Ende durchzuleben wünsche. Junge Leute freilich wohl viele, ältere viel weniger, sehr alte vielleicht gar nicht. (Nach d. Ausland.) Sonntags O heiß ersehnter Sonntags-Morgen! Wie eine Mutter sanft umfängt Den Sohn, der fern, gehetzt von Sorgen, Zur Heimath seinen Schritt gelenkt: So breitest du mit mlldem Lächeln Den Arm um mich zur süßen Ruh', Und deine thau'gcn Lippen fächeln Der heißen Stirne Kühlung zu. Der ird'schcn Sorgen Furien jagen Den Sohn der Arbeit fort und fort. Und das Gemüth, gehetzt, zerschlagen. Ersehnt umsonst den Fricdensport — Da hauchst du, gold'ncr Sonntags-Morgen, Dein „Friede mit Euch!" in die Welt, Und das Gemüth fühlt sich geborgen; Die es umschloß, die Kette fällt. - Morgen. O welches Glück, sich selbst gehören. Wenn wir entronnen rauhem Zwang, In das Gemüth tief einzukehren, Zu lauschen seiner Glocke Klang. Da sprießt die Quelle hoher Freuden, Die nie versiegt in Lebens Gluth, Sprießt Balsam auch für herbe Leiden, Zu neuen Kämpfen frischer Muth. Sei, SonntagS-Morgen, mir gcgrüßet. Du Bote Gottes, licht und hehr. Der mich mit weichem Arm umschließet. Wenn mir das Haupt von Sorgen schwer, Der von dem ew'gen Sonntags-Morgen Dem Herzen sel'ge Kunde thut. Da es, vor jedem Sturm geborgen, In Gottes Vaterschooße ruht. (Eine gesegnete Familie.) „Billets für fünfzehn Personen und neunund- drcißig Billets für Kinder unter sieben Jahren," sagte neulich ein Reisender, der vom Salzsee kam (dem Lande der Mormonen), zu dem Billeteur einer Eisenbahn-Station in Massashusets.— „Wenn es für eine Pension oder sonst eine Anstalt gehört, so darf ich Ihnen einen Rabatt am Preise der Billets bewilligen!" sagte der Beamte zuvorkommend. — »Ach, was Pension, was Anstalt! Ich habe die Billets für mich, meine Frauen und meine Kinder verlangt!" — rief der entrüstete Jünger Brigham Poungs 376 Den mannigfachen Bestrebungen unserer Zeit gegenüber, welche auf eine Eman» zipationder Frauen — (und zwar selten in der edlen Richtung, welche die eben erwähnten amerikanischen Lehranstalten zum großen Theil hicbei verfolgen) hinzielen, ist eS vielleicht nicht uninteressant, auch einmal die Stimme einer Frau zu hören, die sich im entgegengesetzten Sinne ausspricht. Eine amerikanische Dame, Miß Emma Webb, hielt kürzlich in Brooklyu einen Vortrag über „das wahre Rittcrthum des Weibes." — Dieß Ritterthum ist nach ihrer unmaßgeblichen Meinung in der Liebe, im Zander der ächten, edlen Weiblichkeit enthalten, — und sie sagt unter Anderem: „Ich kenne keinen widerlicheren, keinen abstoßenderen Anblick als den eines Mannes, der sich zum Weibe zu machen sucht — wenn es nicht etwa der eines WeibeS ist, — das sich zum Manne zu machen bestrebt. Solche geistige, sittliche und berufliche Verirrungen sind stets wider die Natur, und wo sie nicht der Thorheit entspringen, da müssen sie ihren Grund in der Verdcrbniß haben. Die zarte, sanfte, überzeugende Gewalt der Anmuth macht das Weib tausendmal mehr fähig, — den starren Sinn des Mannes zu beugen, als die klobigen Argumente der starkgeistigcn oder vielmehr starkzringigcn Weiber, welche sich jetzt in der Welt breit machen. Die Zunge eines zornigen Weibes ist in der Gesellschaft dem Manne gegenüber so machtlos, wie das Lächeln der Liebe, und Bescheidenheit allmächtig ist. Das Weib übt mindestens eben so viel Despotismus über dtn Mann aus, wie der Mann über das Weib. ES gibt auf der Welt keinen solchen Gewalthaber, wie die Frau es sein kann, wenn sie will. Aber ihre Herrschaft muß sie mit Sanftmuth und Liebenswürdigkeit ausüben. Gelüstet es den Frauen nach einer noch weiteren Ausdehnung ihrer fast schon unumschränkten Gemalt? Durch Theilnahme an öffentlichen Bersammlungen können sie nicht dazu kommen, sondern nur die Macht verlieren, welche sie jetzt besitzen. Durch den Stimmzettel wird das Weib nie eine solche Macht über den Mann ausüben können, wie sie es jetzt durch den Zauber der Weiblichkeit thut. Ein einziges gebildetes, bescheidenes, hingebendes Weib wird im häuslichen Kreise, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu bietet, mehr auf die Gesetzgebung des Landes influiren können, als zehntausend Blaustrümpfe, welche ihrem Herzen auf Konventionen Luft machen." Störe nicht Siehst du den Schlaf auf einem Angenlidc, O, stör' ihn nicht, wenn deinen Feind er auch Umweht mit seinem sanften Balsamhauch, In des Vcrgefsen's Wunderqucll ihn badet! O, stör' ihn nicht, und hemme deine Schritte! Verscheuch' ihn nicht! mit dieser frommen Bitte Spricht jeder Athemzug des Schlaf's dich an. Leis', auf den Zehen schleich an ihm vorüber. Und wünsch' ihm, daß kein Traum, kein banger, trüber, Eich neidisch möge feinem Frieden nah'n. im Schlaf. Bei jedem Schlafe hält ein Engel Wacht, Der legt die Finger auf die Lippen sacht Und winket schweigend dir: Sei stille! zu. Auch selbst bei dem entschlaf'ncn Missethäter Wacht er, ein ernst versöhnungsvoller Beter Um Fricdcn für die Seele ohne Ruh. Ja, heilig ist der Schlaf, wie die Natur, Wie das geheime Wachsthum auf der Flur, Das leise webt im Blatt und in der Blüthe; So ist auch er ein still geheimes Weben, Und keine Waff' ist ihm zum Schutz gegeben. Hast du vor ihm nicht Ehrfurcht im Gemüthe. Wenn Geliert bei irgend Jemand zur Tafel geladen war, so erschien er immer mit unter den ersten Gästen. — „Ich thue dies aus Politik," — sagte er, „denn die Viertelstunde, die Jemand in Gesellschaft auf sich warten läßt, — wird leicht zur Aufsuchung oder Andichtung von Fehlern angewandt!" Druck, Vorlag und Redaction des litterarischen Instituts von t)r. M. ^»ttlec.