«»vSÄ- SS?-' I^ro. 48. Augsburger 28. Novbr. 1869. latt. Wer klügelnd abwägt und dem Ziel entsagt, Weil er vor dem, was nie geschehn, verzagt, Erreicht das Grüßte nie. Shakespeare, Ende gut, Alles gut. Akt 1, Scene I. Die Hand (Fortsetzung.) Noch ehe die Croatin den Herzog gewahrt, rief Georg, dem der drängende Augenblick ungewöhnlichen Muth verlieh, mit lautschallcndcr Stimme: „Boleölaus, — rette deinen Sohn! Der Vcrurthcilte ist Ludwig, den du so „lange gesucht." Die letzten Worte schon erstarken auf seinen Lippen, denn der Dolch der wüthend auf ihn zugesprungenen Croatin saß ihm tief in den Rippen: „Hier deinen Lohn, du elender Wurm!" schäumte sie ihrer Sinne kaum mächtig. Das war so blitzschnell, so unerklärlich an den Zuschauern vorüber gegangen, daß diese kaum den Vorgang wahrgenommen. Der Herzog trat jetzt auf die Scene; zum ersten Mal überkam ihn ein tiefer Abscheu vor dieser blutgierigen Megäre. „Was ist hier vorgefallen?" fragte er finster und streng. Der auf den Boden gesunkene Georg versuchte zu sprechen und stammelte: „Nette deinen Sohn!" Die Croatin versuchte vergeblich ihn zu überschreien. Der Herzog, aufmerksam geworden, gebot ihr rasch und entschlossen Schweigen und beugte sich über den Sterbenden, um sein Geflüster zu verstehen. Dieser zeigte auf den befremdet darein schauenden Ludwig und wiederholte: „Es ist dein Sohn, dein verlorener Ludwig — ich sollte ihn todten, die Croatin wollt's, o hätte ich sie nie gesehen!" — Dann drückte er kramphaft die Hand auf die Brust, wie um den hervorquellenden Blutstrom zu stillen. „Georg, fasele nicht solch' dummes Zeug — rede vernünftig — das wäre mein Sohn?" cntgegnete der Herzog halb zweifelnd, halb hoffend. „Ruf' ihn nur her und ziehe sein Hemd von der Brust," keuchte Georg mühsam hervor; „das Mal!" „Haj wär' es möglich? Das Mal!" Mit diesem Ausruf stürzte Bolcslaus aus Ludwig zu und jubelte gleich darauf, als er das Mal erblickte, mit tief auS dem Herzen kommender Stimme: „Gefunden! mein Sohn, mein Sohn!" Er umarmte ihn unter Thränen freudiger Rührung, kniete dann nochmals vor Georg nieder und fragte wiederholt: „Ist er auch wirklich mein Sohn?" „Zweifelst du noch? Ich hab's genau erforscht — uud schwöre dir bei Allem, was heilig." „Ja, es ist wahr, mit einer Lüge auf den Lippen geht man nicht aus der Welt!" erwiderte BoleslauS, und fügte, zu Ludwig gewendet, hinzu: „Dank es dem armen Burschen, daß ich dich gefunden, du längst verlorener, theurer Sohn! i" „Nein, mir nicht — jetzt büße ich meine Schuld, größer, als du geahnt." o verzeihe, Ludwig, sie war 378 Nach diesen Worten sank Georg zurück, ein Blutstrom quoll aus seinem Munde, ei» heftiges Aufzucken und er hatte die schuldbeladene Seele ausgehaucht. Plötzlich hörte man heftiges Sturmläuten; der bestürzt dastehenden Croatin war es Musik — das mußte den Herzog aufrütteln, zu anderen Gedanken bringen und das Geschehene vergessen machen. Sie trat auf ihn zu und sagte hastig: „Der Feind dringt in die Stadt, laß hier die Thorheit, handle, kämpfe! —- jeder Augenblick bringt dir Verderben." Er hörte sie nicht, der alte, — seit Langem von weicheren, zarteren Empfindungen bewegte Mann hielt den Sohn innig umschlungen und vergaß darüber die Welt. „Nun, so will ich wenigstens mich nicht wehrlos niederhauen lasten, feiger Tropf! Mir nach!" rief die Croatin und stürmte dann mit ihren Leuten fort, sich Vergessenheit im Kampfgewühl zu holen. Der Herzog blieb mit Ludwig und Hcdwig fast allein zurück. „O, wenn Margareth noch lebte, welche Seligkeit wäre das für sie!" — seufzte Boleslaus. „Sie lebt!" mit diesen Worten trat jetzt Hedwig, die bisher schweigend den seltsamen Auftritten zugesehen, auf den Herzog zu, der, sich selbst und Alles vergessend, nur auf die Erzählung seines Sohnes hörte, um jedes Wort zu merken, das ihm sein Glück, den Sohn vor sich zu haben, vergewissern mußte. „Sie lebt?" rief Boleslaus glücklich überrascht aus, „mein Gott, ein solches Glück wird ja ihr schwaches Herz nicht fasten, und ist sie wieder gesund?" Hcdwig schüttelte traurig das Haupt. Aber Boleslaus entgcgncte mit Zuversicht: „Dann wird sie es werden, ich hoffe es!" Und du hast meinen Sohn retten wollen?" — wandte er sich wieder an Hcdwig. „O, das ist groß, das ist schön! Ludwig, das darfst du ihr nie vergessen, und nun ist Alles gut, wir sind im Hafen!" Ludwig machte ihn jetzt darauf aufmerksam, daß vielleicht der Feind wieder stürmen und es Zeit zum Kämpfen sei. „Wozu, Ludwig?" entgcgncte der Herzog, „schade um jeden Tropfen unnütz vergossenen Blutes. Ihr Beiden sichert mir den Frieden. — Ich will hinaus und dem Kampfe ein Ende machen." Er wollte fort, aber schon stürzte die Croatin, bleich und blutend auf ihn zu und rief: „Wir sind verloren!" um dann erschöpft zusammen zu sinken. Ihr folgte auf dem Fuße eine Schaar Gewappneter, Herzog Heinrich und Wenzel an der Spitze. Der Letztere hatte nach seiner Flucht sogleich dem Herzog Heinrich von dem Unglücke berichtet, der — Anfangs darüber erbittert, Wenzel der Ermordung seines Kindes anklagte, dann aber wohl einsah, daß er nicht anders gekonnt und nur ritterlich gehandelt. Schnell entschlossen, gab er sogleich Befehl zum Angriff, und als dazu Alles vorbereitet war, ritt er an seinen Leuten vorüber und rief ihnen zu: „Es gilt meine Hedwig; haltet Euch wacker!" Thränen rannen ihm dabei an den Wangen herunter. Hei, das war ein Ringen — so toll, so verzweifelnd hatten die Briegcr den Feind uie anstürmen sehen. Eine Todcsbcgeisterung hatte sie erfaßt und die Mauern wurden trotz der wüthigsten Gegenwehr genommen. Und nun hinunter in die Stadt — der alte Herzog mit Wenzel und eine Schaar Auserlesener, Getreuer immer voran — da kam die Croatin angebraust. Gift und Galle im Herzen, in toller Verzweiflung Tod oder Freiheit suchend. „Ha!" rief ihr Wenzel entgegen, „treffen wir uns hier? Mutter, jetzt gilt es, deine Rechnung zahlen," und rasch und muthig drang er auf die Croatin ein, die noch wüthend von dem Iüngsterlebten hier zum Unglück wieder auf ihren gefährlichsten Gegner stieß und sich daher verzweifelt zur Wehr setzte. Wenzel schien Anfangs mit seiner Gegnerin spielen zu wollen, und als er ihr «ine ticfklaffendc Wunde in die Achsel beigebracht, sagte er lachend: »Nicht wahr, ich zahle in blanker Münze für den Peitschenhieb?" Die Croatin, durch den Spott aufgestachelt, drang toll und unbesonnen auf ihn ein und rannte sich fast selbst, so viel sie auch Wenzel schonen gewollt, das Schwert in die Seite. Die Wunde war keine tödtliche und mit Anstrengung aller Kräfte ergriff sie die Flucht, mit ihr der Rest ihrer Leute, während die Angreifer hinter ihnen herstürmten. Heinrich erblickte sogleich seine Tochter und rief jubelnd: „Du lebst! — o Gott, so komme ich nicht zu spät — mein böses, engelgutcs Kind!" — und er schloß sie in Uebcrscligkcit in seine Arme. „Und du, mein hartnäckiger Feind, bist endlich doch jetzt besiegt!" wandte er sich an Boleslaus. „Wohl, du hast mich überwunden," entgegncte dieser, „ich bin dein Gefangener, aber eben nur ein unerwartetes großes Glück war mein Verderben! Ich habe meinen Sohn wiedergefunden und deine Tochter war's, die ihn hat retten wollen!" „Dein Sohn? — Meine Tochter?" rief Heinrich. „Da seht sie Beide!" und Boleslaus fügte lebhaft hinzu: „Wenn die Kinder für einander in den Tod gehen, dann dürfen sich die Alten nicht die Hälse brechen. Ich reiche dir die Hand zur Versöhnung und zum Frieden!" „Pah! Du hast nur einen Sohn, und der ist hier," entgcgnete Heinrich, indem er auf Wenzel zeigte. „Wenzel! auch dich erhalt' ich wieder? DaS ist zu Viel des Glücks!" — rief freudig Boleslaus und umarmte seinen Sohn herzlich. „Aber du glaubst mir nicht? Heinrich," wandte er sich wieder an diesen, „nun, bei Allem, was mir heilig, schwöre ich vor dir und vor allem Volk, daß dies mein erstgeborener Sohn. Wie alles daö gekommen, laßt's euch von Margareth erzählen. —- Doch genug, Ludwig ist mein Sohn — und in wenig Tagen mit Wenzel Herzog von Brieg, — denn ich bin des Negierens müde — und werbe jetzt für ihn um die Hand deiner Tochter." Herzog Heinrich besaun sich einen Augenblick, ihm war es ja nicht um die Person, nur um den Erben des Herzogthums zu thun, und wenn Ludwig ein Herzogssohn, dann söhnte sich ja Alles freundlicher aus, als er je zu träumen gewagt — dann konnte er dieser Verbindung nicht entgegentreten, die ihm dieselben Früchte bringen mußte. Das waren Gründe genug, Wenzel aufzugeben und den früher verschmähten Eidam freundlich anzunehmen und er sagte daher, wie recht freudig überrascht: „Ludwig, ein Herzogssohn?! Daß edleres Blut in deinen Adern rollte, hab' ich wohl geahnt. Ihr seid doch nicht zu trennen, habt schon die Hände ineinander geschlagen und predigt damit Frieden, und deßhalb heiße ich dich als Eidam freudig willkommen!" Hcdwig mußte sich erst daran gewöhnen, einen Hcrzogssohn an der Seite zu haben, damit war ja ihr Jugcndtraum zertrümmert, aber doch nur ein Traum, in Wirklichkeit, daß Ludwig ihr ebenbürtig geworden, hatte doch einen ganz anderen Zauber. „Und wir sind Brüdcr, Wenzel!" Mit diesen Worten trat der überglückliche Ludwig auf diesen zu; „wir werden treue, Herzliebe Bruder sein und wollen fortan redlich zu einander halten." IX. Wer mit seinem Lebensschiffleiu Nie gescheitert — nie gestrandet. Hat auch in den sichern Hafen, Ueberglücklich — nie gelandet! An einem Frühlingstag« des darauf folgenden Jahres sprengte ein prächtiger Reiter- zug durch das südliche Thor Eprottau's — und hielt vor dem uns schon bekannte» Schmiedchause. Es war ein sonnenheller Tag, die Erde schien im ersten Entzücken der »atzend« Frühlingsboten wunderbar aufzuathmen, und mid jugendlicher Begeisterung an der Brust 380 der ihr wieder freundlich zugewendeten Sonne zu ruhen. Aber in dem Herzen der dort Kommenden war es noch hellerer, wärmerer Sonnenschein, — denn in ihnen wogte der Zauberstrahl des Glückes auf und nieder. Voran ritt ein stattliches, jugendliches Paar. Eine im Glanz der Jugend und des Glückes strahlende junge Frau, die auf dem weißen Zelter im schwarzen Neitkleid eine sehr anmuthige Erscheinung abgab. Ihr Begleiter trug ein reich mit Gold verbrämtes Wams, — das seine schlanke, blühende Gestalt in ein noch vortheilhaftcrcs Licht hob. Auf seinem, mit wcrthvollen Steinen geschmückten Barett schwankte eine stolze Feder und bekundete den Edelmann. Man sah der ganzen Erscheinung des Reiters an, daß sie von Glück und Liebe gehoben und begeistert war. Welch' seliges Lächeln spielte nicht um seine Lippen, wie leuchteten nicht die Augen, als suchten sie überall ein thcilnchmcnd Herz für die Fülle seines Glücks Ihnen folgten ältere Personen. Eine bleiche — halb zusammengebrochene Frauen- Gestalt, die leicht und ätherisch nur noch mit wenigen Fäden an diese Erde gefesselt schien. ES war Margarcth — an ihrer einen Seite ritt Herzog Heinrich, — an der anderen Bolcslaus, und sein sorgend-freundlicher Blick verrieth, daß sich die Herzen ausgesöhnt haben mußten und die Sonne der alten Liebe noch am Abend durch die dunklen Wolken gedrungen und mit ihrem Strahlenlicht die entfremdeten, erstarrten Herzen erwärmt und durchleuchtet. Man sah der armen Frau noch immer an, daß der tiefste Scclenschmcrz sie heimgesucht haben mußte, denn nur dieser unterwühlt so tief und unaufhaltsam die innersten Wurzeln des Lebens, um doch zugleich den ganzen Menschen wunderbar zu durchgcistigen und für eine höhere Welt geschickt zu machen. Nur in ihrem Auge lag eine wunderbare Seligkeit, als habe eine gütig-freundliche Macht mild-vcrsöhnend die Hand aus ihr gequältes Her; gelegt. Und so war cS auch. Nachdem sich durch die jüngsten Erlebnisse Alles so wunderbar ausgeglichen, war man versöhnt und glücklich nach Glogau abgereist, nm die arme Margarcth abzuholen und dort die Hochzeit glänzend und prächtig zu feiern. Dem verarmten Wenzel war es unmöglich gewesen, sie zu begleiten und er hatte seinen Vater gebeten, ihm während seiner Abwesenheit die Verwaltung des HcrzogthumS allein zu übertragen, bis dieser nach der Rückkehr auch Ludwig mit in die Herrschaft eingesetzt. Nicht einmal Lebewohl zu sagen, hatte er vermocht, denn der jetzt sichere Verlust Hcdwig's war doch ein zu harter, — grausamer Schlag für seine leidenschaftlich bewegte Brust, und als die Karavane heiter und glücklich über die Schloßbrückc zog, da sah er ihr von seinem Fenster düster nach und seufzte bitter: „Sie sind Alle frei und glücklich, nur ich — ich schleppe die Ketten und darf nicht einmal Diejenigen Haffen, die sie mir angelegt; ich kann, ich darf es nicht! Es ist ja mein Bruder, der mir den theuersten Schatz entwendet, es ist die heiß und einzig Geliebte, die mir so tiefe Wunden schlägt." Er versank in düsteres Hinbrüten. „Wie leicht und glänzend hat nicht mein Leben begonnen? Die Sonne schien'warm und hell — Alles bog sich zu mir hernieder, mich weich und glücklich zu betten. Diese'Hedwig? — welch' ein herrliches Wesen! Sie schien für mich geschaffen. Wie tanzte das stolze Lebcnsschifflein so keck und frei hinaus auf die See und jetzt — wie dürftig und zertrümmert kehrt es nicht zurück! — Ich bin arm geworden — wie anders mein Bruder — er ist der Glückliche, ich möchte ihn nicht nur um dies Weib, auch um seine Vergangenheit beneiden. DaS Geschick trug ihn aus dem Staube hinaus zum höchsten Glück, er hat im Fluge erreicht, was seine kühnste Phantasie sich nur träumen konnte. Hch fühle eS jetzt, nur wer vorwärts kommt, ist reich und glücklich, wer stehen bleibt —schon Bettler. Ich will nach Ruhm uud Ehre geizen, in mir kocht des Vaters dunkleres Blut!" 381 Dieser Gedanke fuhr ihm jetzt durch den Kopf und sänftigte seinen Schmerz, der nur von dem ewigen darüber Brüten ein unheilbarer wird, dort aber stets an Macht verliert, wo neue, kräftigere Wellen ihm ein sicheres Grab betten. Aber wie kam die still und fast gedankenlos in ihrer Jagdhütte öde, freudenlose Tage hindämmernde Margarcth zu diesem Sonnentag? Die Verzweiflung über den gewissen Verlust ihres Sohnes hatte sie in die Nacht des Wahnsinns gestürzt, sein Wiederfinden sollte der leuchtende, freundliche Genius werden, der sie wieder hinauf znm Sonnenlicht deS gesunden Seins und Denkens trug. Die Worte: „Hier ist dein Sohn, dein Jahre lang verloren r Sohn," wirkten Anfangs auf sie vernichtend. Sie zitterte am ganzen Körper, stieß einen Schrei auS und tastete in der Luft. Als Ludwig näher trat und sie in die Arme schloß, da schob sie in ficberischer Hast das Wams zurück, erblickte das ErkcnnungS-Zcichcn — und mit dem Ausruf: „Mein Sohn, mein Sohn!" sank sie ohnmächtig zusammen. Die Welle des Glücks war zu hoch, zu gewaltig, und Alle zitterten für ihr Leben, und doch — nur eine solch' mächtige Woge sollte glättend, sänftigend ihrer Seele den Frieden zurückbringen und die verstörte, verrückte Geisteskraft in ihre ruhige Bahn lenken. Als sie wieder erwachte, war ihr erster, ängstlich suchender Blick nach Ludwig. Sie sah ihn am Bette sitzen, strich mit der weißen, durchsichtigen Hand über die umwölkte Stirn und flüsterte dann: „So ist es doch kein Traum, du bist hier — und gehst mir nicht mehr verloren?" „Nein, geliebte Mutter, ich bleibe bei dir," cntgegnetc warm und innia Ludwig, „ich will dich lieben, hegen und Pflegen, wie du cS bedarfst. Wie bin ich glücklich, an einer liebenden Mutterbrusl auszuruhen, nach der ich mich so heiß und innig gesehnt." (Schluß folgt.) Das Leben a«f dem Grunde des atlantischen Oceans. Ueber „das Leben auf dem Grunde des atlantischen OccanS" theilt Herr Oskar- Schmidt nach den neuesten Tiefensondirungen in der „N. Fr. Pr." Folgendes mit: Schon vor mehr als drei Jahrzehnten machte Ehrcnberg die Entdeckung, daß die europäischen Kreidefelsen zum größten Theile aus den Schalen und Schalcntrümmern mikroskopischer Thierchen niedrigen Ranges gebildet seien, und bald darauf konnie er eine Abhandlung veröffentlichen über noch jetzt im Wasser und Schlamm der Nordsee „lebende Krcidcthicrchen." Man erwog damals und bis in die neuere Zeit die Bedeutung eines solchen Ausspruches nicht genügend; ein verwandtes Interesse knüpfte sich aber an jene ersten Entdeckungen mit dem Beginne der Tiefensondirungen, welche am Großartigsten behufs der Lcgung des „transatlantischen Kabels" ausgeführt wurden. Auch die schon vorher begonnene, sorgsame Untersuchung der Meeresströmungen und überhaupt der ganzen physikalischen Beschaffenheit des Meeres zum Zwecke der Erleichterung und Sicherung der Schifffahrt, worin der berühmte Nautiker Maury seinen Namen begründete, lenkte die Augen auf die bisher nur angeregten Poblcme. Es wau dabei von äußerster rechnischer Wichtigkeit, die wahre Beschaffenheit und Zusammensetzung des Meeresbodens zu wissen, auf und in welchen das Kabel gebettet werden sollte. Es genügten die Proben nicht, welche an dem alten, — mit Talg cingericbenen Lothe hafteten, und es wurden mehrere sinnreiche Apparate erfunden, um ausreichende Grundprobcn herauszubekommen. Die mit den anderen Hilfsmitteln ausgeführten Sondirnngcn erstreckten sich auf etwa 2000 Faden oder 12,000 Fuß, und es fand sich, daß die größte Strecke des Bodens des mtantischen Oceans aus feinem Schlamm besteht, von welchem theils Trümmer, theils ganze Schalen und Gehäuse mikroskopischer Wesen die Hauptmaste bilden. Ehreuberg behauptete wiederum, aus dem Befunde dieser Gruudproben schließen zu .382 müssen, daß jene Thierchen auf dem Grunde wirklich lebten, — trotz des ungeheure» Wasserdruckes. Allein man warf ein, gestützt auf die Beobachtung ganz ähnlicher Wesen, welche sich in geringer Tiefe oder an der Oberfläche schwimmend aufhalten, daß die An- Häufungen auf dem Meeresboden durch das Sinken der Schalen abgestorbener Thierchen geschehen. Auch Sccsterne wurden nicht selten bei den Lothungcn an'S Tageslicht gebracht, allein es blieb immer ungewiß, in welcher Tiefe und unter welchen Verhältnissen überhaupt sie sich an die Taue und Leinen angeklammert hätten. So galten bis vor Kurzem die Aufstellungen, welche der frühvcrstorbene englische Zoolog Forbes nach seinen Untersuchungen in griechischen Meerestiefen angestellt hatte: daß von der Strandzonc an sich die Thiere und Pflanzen nach verschiedenen Schichten rangirten, daß aber im Allgemeinen über 100 Faden in die Tiefe das normale Leben sich nicht erstrecke. Da machte vor zwei Jahren der jüngere SarS, der tüchtige Sohn des berühmten Zoologen in Christiania, einen sehr merkwürdigen Fund. Zur Untersuchung der Dorf-Fischereigründe an die Küsten und Umgebungen der Loffoden gesendet, wendete er das Schleppnetz in größeren Tiefen an, als man bisher damit gearbeitet, — bis 300 Faden. Er fing unter Anderem eine Anzahl kleinerer Haarsterne, eine neue Gattung aus einer Familie, welche man längst und zwar seit der Kreidezeit ausgestorben wähnte. Eine nähere Beschreibung würde hier nicht am Platze sein, wir begnügen uns mit dem Namen UIii 20 oririu 8 lolluckensis. Als nun die Professoren Wyville Thomson in Belfast und Carventcr in London an der Küste von Nordbritannicn in ähnlichen Tiefen dasselbe Krcidethier fanden, unternahmen sie im vorigen Jahre eine großartige Schleppnetz- Excurston, wozu ihnen die Admiralität einen eigenen Dampfer zur Verfügung stellte. — Ueber die Resultate derselben hat Professor Thomson in einer öffentlichen Vorlesung in Dublin Rechenschaft gegeben. Man untersuchte die Strecke zwischen Schctland und den Färbern, sowohl den Bezirk des Goldstromes, als die kältere Mcereszone zu den Seiten desselben, und das Schleppnetz wurde im Golfstrombezirke auf eine Tiefe von 3180 Fuß versenkt, bei welcher das sich selbst registrirende Thermometer über 6'' N. Wärme angab. Es wurde von ihnen erstens nochmals constatirt, daß der feine Kalkschlamm des BodenS in der Hauptsache aus den kleinen Schalthierchcn besteht und fortwährend gebildet wird, die namentlich zur Gattung 6Ioki^nrinu gehören. Und wenn Ehrenbcrg einst sagte, daß noch jetzt Thierchen aus der Kreideperiode lebten, so geht Thomson weiter: der heutige Boden des atlantischen Ozeans, — soweit er auS jenem Kalischlamm bestehe, sei geradezu der Boden des Kreidemecrcs. „Es gibt eine Ticfcnzone im atlantischen Ozean," sagt der englische Forscher, — „worin der Himalaya Platz hätte, ohne daß die darüber rollenden Wogen sich an ihm brächen, und es scheint nicht, daß seit der Ablagerung der älteren Tertiärschichten jenseits der Tiefe von 1500 Fuß auf der Strecke zwischen Nord- Europa und Nordamerika Bodcnhebungcn und Senkungen stattgefunden haben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Hauptzüge der Contouren der Erdrinde seit dem Anfange der mesozoischen Periode nur geringe Veränderungen erlitten haben, und daß die große Tiefe des atlantischen, pazifischen und antarktischen Ozeans ihre Bildung solchen Ursachen verdanken, welche schon vor jener so sehr entlegenen Zeitpcriode wirkten." ES soll dabei, meint Professor Thomson, nicht in Abrede gestellt werden, daß im Laufe der Jahrmillionen kleinere Erhebungen und Veränderungen stattgefunden haben; da und dort sind die Temperaturen in Folge der durch lokale Hebungen abgeleiteten Meeresströmungen andere geworden, und die nach und nach sich vollziehenden, unwesentlichen und leichteren Veränderungen und Umgestaltungen haben auch eine allmälige, aber nicht durchgreifende Umwandlung der Thicrwclt der Tiefe» nach sich gezogen. Zu Dem, was im Vorausgehenden über das Vorkommen deS merkwürdige» RhizoorinuS gesagt ist, ist noch hinzuzufügen, daß da- Thier auch auf dem Golfstromboden zwischen Florida und Kuba gefunden worden ist. In diesen Gegenden läßt die Regierung der Vereinigten Staaten seit mehreren Jahre» Küsten^Sermeffungen und Tiefe»- 383 Sonderungcn vornehmen. Die Expedition ist von dem Zoologen Grafen Pourtales begleitet, und die wissenschaftliche Bearbeitung des mit größter Sorgfalt gesammelte» Materials ist theils von Pourtales selbst und den Professoren Agasiz, Vater und Sohn, in Cambridge in Massachusetts übernommen, theils dem Verfasser Dieses übertragen. Bon Pourtales wurden interessante Schwämme gefunden, und Thomson förderte aus den Tiefen zwischen Shelland und den Faröern auch eine Anzahl sehr zierlicher, in ihrem mikroskopischen Detail bewunderungswürdiger Spongicn oder Schwämme herauf, und hat in dem erwähnten, in Dublin gehaltenen Vortrage es wahrscheinlich zu machen gesuckt, daß gewisse Versteinerungen der Kreide, die Ventrikulitcn, mit diesen heutigen Schwämmen in direktem Zusammenhange stehen. Er kommt dabei zurück auf die schon oft ausgesprochene Vermuthung, daß die Kieselknollcn und Feuersteine der Kreide dadurch entstanden seien, daß die Kieselsubstanz der Krcidcschwämme aufgelöst und dann wieder zu Feuerstein konzentrirt worden sei. Die Frage über die Beziehungen der lebenden zu den fossilen Spongicn hat in neuerer Zeit einige Aufhellung gefunden. Zuerst handelt es sich um den Zusammenhang der lebenden Schwämme. Wenn Zoologen heute vom Zusammenhang der Organismen sprechen, so meinen sie darunter den der Abstammung und Blutsverwandtschaft. Zu den Spongicn, welche einer rationellen Systematik Trotz zu bieten schienen, gehört ein wundersames Produkt der japanestschcn Gewässer, welches als ächter Japanese mit einem Zopf von über fußlangen gedrehten Kieselfäden versehen ist (ll^ulonoma), — und ein zweites, röhrenförmiges Gebilde von der Küste der Insel Kuba, dessen Kicsclnetz mit der feinsten Stickerei und Filigranarbeit wetteifert. Das ist die berühmte Euplektella, welche noch vor wenigen Jahren mit zwanzig Pfund bezahlt wurde, seitdem aber in ziemlich vielen Exemplaren in unsere Museen gekommen ist. Zu diesen vereinzelten, durch ihre Kicselkörperchen auf einander hinweisenden Arten wurden nun sowohl an der portugiesischen Küste als auf dem Golsstromboden nördlich von Shctland Pendants gefunden. Und die ergänzenden systematischen Glieder liegen mir von Kuba und Florida und von den Kapverdischen Inseln vor. Noch mehr. Manche Eigenthümlichkeiten der sogenannten GlaSspongien mit zusammenhängendem Kieselgerüst wiesen auf die enge Verwandtschaft mit der Euplektella und Hyalonema. Eine neue Gattung von Florida zeigt nun zu der vollsten Evidenz an einem und demselben Exemplare den Uebcrgang der isolirten Nadeln in das kontinuirliche Geflechte, und wenn auch noch manche erläuternde Beobachtungen und Funde fehlen, so ist über die Zusammengehörigkeit aller dieser Organismen entschieden. Bevor dieser Zusammenhang nachgewiesen, ließ sich schwer über die eigentliche Natur und die natürliche systematische Stellung der fossilen Schwämme urtheilen. Man war noch vor Kurzem geneigt, sie als eine ganz besondere, mit den jetzt lebenden Schwämmen kaum verwandte Gruppe niederster Organismen zu halten, bis Professor Thomson wieder die Behauptung aufstellte, daß die heutigen „GlaSspongien," das sind die Schwämme mit zusammenhängendem Kiesclgcflechte, ganz nahe Verwandte jener das Jura- und Kreidemeer bevölkernden Gebilde seien. Dieß kann nun, auf Grund sehr spezieller mikroskopischer Verglcichungcn, mit völliger Gewißheit ausgesprochen werden. Die beiden Hauptgruppcn der fossilen Schwämme, die mit dem sogenannten wurmförmigen und die mit dem gittcrförmigcn Gewebe, existircn uoch heute. Die geographische Verbreitung dieser lebenden Fossile ist, wie aus den obigen Mittheilungen hervorging, eine sehr merkwürdige; sie scheinen nicht bloß im nördlichen atlantischen Ozean, sondern auch in den tropischen Meeren die größeren Tiefen zu lieben, und haben diese Wahl des Standortes aller Wahrscheinlichkeit nach von ihren Urvorfahren ererbt. Ihre Genossen in jenen Tiefen-Plateau's sind und waren fast ausschließlich Wesen, gleich ihnen zweifelhafter, unentschiedener Natur, — sogenannte Protoplasma- Organismen, und zwar in so ungeheurer Fülle, daß der ganze Meeresboden nicht als ri» todter, sondern als ein zusammenhängendes Lebendiges erscheint. Protoplasma ist 384 «mf Protoplasma gehäuft, jede mikroskopische Probe, von Thomson's und Carpcnter'S Kreuzfahrt heimgebracht, enthüllte dasselbe. Angesichts dieser uncrmcßbar großen Lebens- menge ist der Fund von 10- bis 20,000 Fuß tiefen Schichten der Laurcnzihchcn Formation in Kanada, — bestehend aus den Schalen - Anhäufungen des ältesten bekannten Protoplasma-Thieres, des ko/.oon c-Lnullenne, nichts Außerordentliches. Muster - und MilitärstaatlichcS in Norddeutschlaud. Die Iugendlehrer würde man Gern reichlicher belohnen; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes — für Kanonen. Die Lehrer-Wittwen würde man Vor Hunger gern bewahren; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Husaren. Man würde auch Asyle bau'n, Als Obdach für die Armen; Allein, allein man braucht zu viel DeS Geldes für — Gensdarmen. Man baute gern der Intelligenz, Dem Fortschritt neue Bahnen; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Uhlancn. Man ließe gern von Steuern frei Die ärmeren Bewohner; Allein, allein man braucht zu viel DeS Geldes für — Dragoner. Den Rcichstags-Gliedern gönnte mau Bon Herzen gern Diäten; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Musketen. Man baute gern ein Waisenhaus Hinauf bis zu den Sternen; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Kasernen. Wcnn'S nur noch kurz so weiter geht In jenem Musterstaate, Dann gibt'S dort bald nichts weiter mehr, Als — und Soldaten. (Er ist ein Pariser.) Irgend ein Kauz hat, um die schlechte Meinung, welche der Pariser vom Auslande hat, darzuthun, eine kleine Blumenlcsc der für gewisse sociale Untugenden dem Bewohner der Weltstadt geläufigen Metaphern zusammengestellt. In der Pariser Umgangssprache heißt der Uebcrvorlhcitcr im Geschäfte Jude, der Wucherer Araber,, der in gewissen Specialitäten exzellircnde Dieb Amerikaner, der ungeschliffene Grobian Savoyard, der Tölpel Wälscher, der Trunkenbold Pole, der Landstreicher Böhme (oder Zigcuüer), der Thürstehcr Schweizer, der bezahlte Klalschcr Römer und der falsche Spieler Grieche. Auch der Chinese hat in der „Pariser Sprache" einen sehr niederen Cours. Wenn aber in dem übrigen Frankreich von einem Tagdicb die Rede ist, — so heißt cS: „Er ist ein Pariser!" ^Mittel gegen Ungezogenheit.) Der Besucher einer Bibliothek in Paris glaubte zu bemerken, daß jedesmal, wenn er in den Lese-Salon trat, zwei der Beamten, welche bei der Büchcrverthcilung beschäftigt sind, von einer plötzlichen Heiterkeit ergriffen wurden, deren Objekt augenscheinlich er selbst war. Um dieser muntern Laune ein für alle Mal ein Ziel zu setzen, schrieb er eines Tages auf den Zettel, auf welchem mau den Titel des gewünschten Buches vermerkt: „Geschichte eines kleinen Bücherwurmes, welchem eine unzeitige Lachlust sechs Zoll Eisen in den Leib einbrachte. Paris, 1869." Seit dieser Zeit thront auf dem Antlitze der beiden Beamten der unerschütterlichste Ernst. Druck, Vertag ane Redaction d«S Literarische« Instituts dv» 0r. M. Huitler.