Nr-v. 49. ü. Decbr. 1869 ArrasLnrraer Arrasbrrraer Gefühl, an Inhalt reicher als an Worten, Ist stolz auf seinen Werth, »nd nicht anf seinen Schmuck! Nur Bettler wissen ihres Guts Betraq. Shakespeare, Romeo und Julie. Akt N. Scene S. Die Hand. (Schluß.) „Ach, Ludwig, wie hab' ich dich gerufen, wie hab' ich geseufzt und geklagt und die Arme ausgestreckt — aber du warst immer so weit — du kamst nie bis zu mir, nur einmal, da hatte ich dich — da schloß ich dich an meine Brust, aber nur einen Augenblick, ich hörte die Alte lachen und du warst verschwunden." „Das war kein Traum, Mutter, ich war es selbst, den du in die Arme schlössest, »nd Sohn nanntest, — hätt' ich es damals ahnen können!?" „Nun, Gott sei gelobt, ich habe dich jetzt und halte dich fest!" Die Nähe ihres Sohnes that Wunder. Der Geist der armen Frau wurde immer lichter und freier — und am Hochzeitstage deS jungen Paares schlich schon das erste, so innige Lächeln über dies bleiche Antlitz und verkündete völlige Genesung. Ludwig hatte nach der Hochzeit darauf gedrungen, die Heimreise nach Brieg über Eprottau anzutreten, um die Spielplätze seiner Kindheit aufzusuchen — und den alten Schmicdclcuten sein ungewöhnliches Glück zu verkünden. Waren sie auch in einer befangenen Stunde rauh und unfreundlich gegen ihn gewesen, er hatte ihnen ja doch so unendlich Vieles zu verdanken, und auch Margarcth's weichem Herzen that es wohl, die guten Menschen kennen zu lernen, die ihren Sohn aufgenommen und liebevoll gepflegt, um vielleicht in Etwas ihre große Schuld, die nur ein liebend Mutterhcrz würdigen konnte, abzutragen. Die Gesellschaft langte in der glücklichsten Stimmung vor dem Schmicdehausc an, in dessen Thür schon der von dem Geräusch herbeigelockte Schmied stand, und vor dem hohen, seltenen Besuch ehrerbietig das Käppchcn zog, um seine Befehle zu erwarten. — Gewiß gab'S eine kleine Arbeit. Der kleine Zug hielt und Ludwig rief lachend aus: „Kennst du mich nicht, so müssen die wenigen Jahre Euren Ludwig sehr verändert haben." Der Schmied blickte jetzt schärfer hin, — aber er wollte kaum seinen alten Augen trauen, das waren wohl die Züge Ludwig's, jedoch das kostbare Kleid, — die Ritter im Gefolge — daraus sollte ein Anderer klug werden und er lies, ohne ein Wort zu antworten, völlig außer Fassung gebracht, in die Wohnstube, um seiner Frau und Tochter die Ankunft solch' wunderlicher Gäste mitzutheilen. Diese stürzten mit weiblicher Neugicrde heraus und blieben in eben dem maß- und sprachlosen Erstaunen als der Schmied. „Nun, Leute, seid Ihr toll?" — jubelte der Reiter, vom Pferde springend und sie Alle umarmend. „Kennt Ihr den Ludwig nicht, der Herzog geworden ist, nicht nur Graf?" „Herzog?" riefen die Drei wie aus einem Munde, „das ist nicht möglich." „Und hier bringe ich meine junge Frau, — die Tochter des Herzogs Heinrich von Glogan," fuhr der Glückliche erläuternd fort. 386 Die verwunderten Blicke wendeten sich jetzt auf die Bezeichnete, von deren Schönheit das ganze Land erzählt, und die Wahrheit der Wundermähr begann in den vor Erstaunen starren Herzen Eingang zu finden. Bolcslaus mit Margareth und dem Herzog Heinrich waren jetzt angekommen und stiegen ebenfalls vom Pferde, und damit begannen die Schmiedclcutc die frenide ungewöhnliche Scene ganz zu fasten. Es war kein Trug — volle, blühend üppige Wirklichkeit, — wie sie das des Ausführlichsten aus dem Munde des überglücklichen Ludwig erfahren sollten. Das war ein Leben, eine volle, herzerquickende Seligkeit, was mau da Alles zu sagen, zu erzählen und mitzutheilen hatte. Das Vergangene war vergessen und als der Schmied daran erinnerte und gestand, wie sehr er es bereut, seinem armen Ludwig wehe gethan zu haben, wie er dann später die Schlechtigkeit Georgs eingesehen und daran auch geahnt, daß nur dieser der Vertäuender und Betrüger, cntgegnete Ludwig freundlich: „Laß das, wäre denn Alles so gekommen, wenn nicht Georg mich aus Eurem stillen Hause getrieben? Ich schulde ibm sonach mein Glück, wie wenig redlich er's auch gemeint, und dann, der arme Mensch hat es büßen wüsten, wir sind versöhnt!" Die Schmiedeleute fragten erstaunt nach den ferneren Schicksalen Georgs, und als sie von dessen Tode hörten, schien ihnen eine rechte Last vom Herzen gefallen zu sein. Jetzt erst sah Ludwig sich seine alten Freunde näher an. Welche Veränderungen hatte das Auftreten dieses einzigen Menschen hervorgebracht! Ulrike war nicht mehr das spielende Kind, ein strenger, herber Zug spielte jetzt um die früher nur lächelnden Lippen. Es mußten harte Kämpfe gewesen fein, sie mußte viel gelitten und geduldet haben, ehe sich solch' ein tiefer, unfreundlicher Ausdruck in ihr Gesicht eingeprägt. Und war das Wiedersehen Ludwig's nicht auch ein bitterer Tropfen mehr in ihr vergälltes, vergiftetes Leben? Sie sah ihn, den sie zu schlecht befunden und zurückgesetzt, hoch über sie Hinwegragen, sich im vollsten, reichsten Strahl des Glückes sonnen, während über ihr Leben nur eine ewige Nacht ausgebreitet schien, die schlimmer, dichter und dichter sich zusammenzog. Wenn sie ihm damals ihre Hand gereicht, dann wär' sie jetzt eines Herzogs Weib; so rhöricht, possenhaft der Gedanke, so quälend war er doch, denn er kam ja aus einem eitlen Weiberherzen. Auch der Schmied hatte in den „drei Kummerjahren" mehr gealtert, als in zehn glücklichen vorher. Des Bürgers glänzendes Ziel und Streben ist die Erreichung eines gewissen Wohlstandes. Darnach wird gerungen, geschafft und unermüdlich gespart und gedarbt. Geht diese Aussicht durch einen tückischen Schlag des Schicksals verloren, dann sinkt der früher so Streb- und Arbeitsame muthlos zusammen — und überläßt sich dem Treiben seines dunkeln Geschicks. So war es dem Schmied ergangen. Georg hatte sich des Ackerbaues befleißen wollen, und zu diesem Zweck vom Schwiegervater die sämmtlichen Ackerstücke geschenkt erhalten. Das war freilich sehr übereilt — denn kaum war der Erstere im Besitz derselben, als er eines nach dem andern zu verkaufen begann. Anfangs hatte er bei den Ermahnungen des Schmiedes noch Vorwände; da wollte er bester gelegene Ländercien erwerben, aber als der Schmied sah, daß die schönen Ackerstücke seine nie rastende Gurgel verschlang, da gab es heiße Kämpfe. — Georg lenkte dann gewöhnlich ein, versprach Besserung, bis er mit dem Kaufschilling des letzten Ackerstückcs selbst verschwand. Dem Schmied wurde mit seinem Wohlstand auch Frieden, Gesundheit und gute Laune untergraben, sein Stolz und mit ihm seine Lebensfreude war gebrochen, er hatte der Rathshcrrnstelle entsagt, weil ihm der seines Düukcns nach nöthige Reichthum fehlte, 387 und still und in sich gekehrt mied er seine Mitbürger, um nicht, was ihn am Tiefste« verwundete, beklagt zu werden. Die Lust zum Arbeiten, — mit ihr der Verdienst, — fiel weg, und er war der Verarmung nahe. Nur die gute Schmiedefrau hielt in Noth und Unglück aus. Sie war nicht nur dieselbe geblieben, sondern noch emsiger, — geschäftiger geworden, und mit ihrem liebe- sorgendeu Herzen suchte sie ihre Umgebung aufzuheitern und glücklich zu stimmen, so viel sie es vermochte. Sie murrte nicht, wenn manch' altmütterlicher, werthvoller Hausrath hinauswandern und geringerem Platz machen mußte. In neuester Zeit war es durch den Beistand eines wackeren Gehülfen, der ganz in der Stille um die verlassene Ulrike warb, wieder etwas bester gegangen, das hatte diese eingesehen und deßhalb den Gedanken einer Verbindung mit ihm nur ungern vo« der Hand gewiesen. Die Nachricht von dem Tode ihres Mannes konnte daher keine Wunde schlagen, mußte ihr vielmehr neue Lebenshoffnung geben, denn damit war jedes Hemmniß beseitigt und sie konnte dem treuen Gesellen Herz und Hand bieten. Boleslaus bot nun dem Schmied ein ansehnliches Geschenk, das dieser, — obwohl zögernd, annahm. Margareth, die besonders von der Frau des Schmiedes sich angezogen fühlte, und in warmen, herzlichen Worten ihre Dankbarbeil ausdrückte, ließ sich's nicht nehmen, für die Aussteuer Ulrikens sorgen zu wollen. Das junge Ehepaar bat, daß diese nunmehr sich zu ihrer baldigen Verbindung entschließen möge, um ebenfalls werkthätig eingreifen zu können. Auch der Herzog, von Glogau wollte nicht zurückstehen und bewilligte dem Schmied für sich und seine Nachkommen freies Holz im Sprottauer Walde, so viel seine Schmiede bedürfe. Das war ein Jubel ohne Ende! Dem alten Schmied liefen die hellen Thränen an den Wangen hinunter, zu viel des Glückes kam über seine hoffnungs-crstorbcne Brust und er rief jubelnd zu seiner Frau: „Siehst du, das war doch der reichste Fund, den ich dir in's Haus gebracht." Die Gäste wollten nur wenige Stunden bleiben, aber der Schmied mußte doch wenigstens mit seinem hohen Besuche Aufsehen machen und bat so lange, bis die Gäste eine Mahlzeit bei ihm einzunehmen versprachen. Er hatte in seinem Eifer wenig auf die abwehrenden Worte seiner Frau geachtet, die ihn endlich bei Seite zog — und ihm vorwurfsvoll zuflüsterte: „Was hast du nur gemacht, wir haben ja nichts im Hause, das ganze Silbergeschirr ist fort — und solche Gäste — ich weiß nicht, was ich anfangen soll." Margareth aber, welche die Verlegenheit der guten Leute bemerkte, ließ schnell de« mitgebrachten Mundvorrath und das Silbergeschirr auspacken, und so war bald Alles z« einem frugalen Imbiß geordnet. Nachdem das Mahl beendet, bat Ludwig, in den Garten hinauszuwandern. Herr Gott, wie war der zusammengeschrumpft; die Stadtmauer stieß ja schon a» die nächsten Bäume an, und wie war er früher so groß gewesen, so groß-und weit, daß ihn kaum die Kinderphantasie erschöpfen und ergründen konnte! Nur der alte Baum hing noch immer die wieder grünen Aeste über die Mauer, dorthin zeigend, sagte Ludwig bewegt zu Ulrike: „Siehst du die Zimmer unseres Schlöffe-, wie weit, wie weit ragten die nicht über die Erde hinaus! Nicht wahr, Ulrike, hier sind wir glücklich gewesen, das war einmal ein Traum — und daS Schicksal hatte gar fleißig daran zu spinnen, um all' Das so reich und freundlich wahr zu machen." Er trat jetzt allein dicht heran und blickte iu das frische, warme Grün, er lauschte 388 auf das Rausche» der Blätter, aber sie sprachen nicht mehr, eS war Alles stumm nud schweigend. Eine Thräne stahl sich ihm in's Auge und er seufzte: „Vielleicht war ich damal- glücklicher als heute, wo alle Hoffnung in dem einen Wunsch erstirbt: Möge mein Glück von Bestand sein! Gottes Hand hat wunderbar über mir gewaltet, ich will nicht nach verlorenen Träumen haschen, sondern mich des Sonnenlichtes freuen, das hell und glänzend um meine Seele spielt I" Ulrike bemerkte jetzt: „Sieh, die Hand auf der Brust war doch eine recht freundliche, denn ohne sie wärest du nie zu deinen Eltern gekommen." „So hat mich in Wahrheit eine Hand geführt," erwiderte Ludwig, „eine wundersame Gotteshand, und ich will mein Geschick segnen. Aber welcher Ursache danke ich ihr Entstehen?" wandte er sich fragend an Margareth, „das möchte ich doch gerne wissen." „Es war noch im Kloster zu BreSlau," erzählte diese, „als ich, in düstere Gedanken versunken, in meiner Zelle saß, denn ich trug dich bereits unterm Herzen. Bei meinem Fenster stand ein Lindenbaum, der meinen verweinten Augen so wohl gethan. Da zog eines Tages ein fürchterliches Gewitter herauf, die Blitze zuckten nicht mehr, nur ein einziger gerader Strahl schien aus den Wolken zu dringen. Schon schien sich das Gewitter vergrollt zu haben, die Schläge folgten langsamer auf die niederrauschcndcn Fcuergarben und ich athmete hoch auf. Plötzlich fuhr ein noch heftigerer, gewaltigerer Blitz als die früheren hernieder, ei» fürchterlicher Donnerschlag folgte, ich hörte es prasseln und krachen, als ob das ganze Kloster in seinen Grundfesten erschüttert worden, und schlug erschrocken mit der stachen Hand an meine Brust. Das Gewitter war, wie dieß in schwülen Tagen oft der Fall, mit verdoppelter Gewalt zurückgekehrt. Ich sah hinaus und erblickte den schönen, prächtigen Baum, der so kühn und gewaltig sein Haupt in die Höhe gestreckt, zersplittert und völlig zermalmt am Boden. Ich hatte den Vorfall über manch' anderen Sorgen und Schmerzen vergessen, erst als du das Licht der Welt erblicktest und ich das sonderbare Mal, die Hand auf deiner Brust, gewahrte, kam mir das sonderbare Ereigniß wieder in Erinnerung." Ludwig erwiderte hierauf warm und bewegt: „Nun, ich will dieser Hand auf meiner Brust vertrauen und der leitenden dort oben über den Wolken." Man reiste endlich unter herzlichem Lebewohl ab. Wenige Wochen später gab eS in der Schmiede Hochzeit — und zum Erstaune» Sprottau's waren die herrlichsten Hochzcitsgeschenkc aus weiter Ferne angelangt. Jetzt erst wurde den Schmiedclcuten geglaubt, daß Herzöge bei ihnen eingekehrt waren. — Ludwig und Wenzel traten wirklich in friedlicher Gemeinschaft den Besitz der Herzogthümcr an, residirten aber — Brieg, den Sitz so vieler düsterer Erinnerungen weidend, in dem rasch ausblühenden Liegnitz Nur einmal wäre es fast zu Zerwürfnissen gekommen, als der Glogaucr sich jetzt die abgerissenen Lande zurückerbat. Wenzel und BoleslauS schienen nicht abgeneigt, dem Wunsche Hcinrich's zu willfahren, aber das junge Ehepaar wies das Begehren mit Bestimmtheit von der Hand. Der kluge Schwiegervater hätte nimmer geglaubt, daß gerade an dem Widerstände seiner Kinder die liebsten Pläne scheitern sollten. > Dem armen „Münstcrberger" war dagegen ohne Verzug sein Ländchcu zurückgegeben worden. Nur das Glück Margareth's sollte, wie sie wohl geahnt, nicht von Bestand sein. BoleslauS, der jetzt durch einen frommen Wandel das Vergangene gut machen wollte, hatte im allzustrcngen Eifer in der Charwoche zu viel gefastet, und holte sich au der erste» kräftigen Mahlzeit den Tod. Er wurde §uf seinen Wunsch im Kloster LeubuS bestattet und hatte im frommen. 389 büßenden Eifer verordnet, daß für immer eine brennende Kerze an seinem Grabmal gehalten werden sollte. Ein Jahr darauf folgte ihm die arme Margareth nach, um an seiner Seite von dem wilden Geräusch des Lebens auszuruhen, das ihre zarte Seele so tief verletzt. Das waren die Wermuthstropfen, die nun einmal selbst in dem golden, hcllschäu- mendsten Becher nicht fehlen dürfen. Viele Jahre verlebten die klebrigen in Frieden und Glück. Die weiteren Schicksale der beiden Herzöge erzählt die schlesischc Geschichte. Ein Schreckensbild aus Litthauen. Jenseits des am Vorwerk Beresina vorbeifließcnden FlüßchenS liegen einige Dörfer und der herrschaftliche Wald Soli. Auf den zwischen dem letzteren und dem Dorfe Pocie liegenden Bauernfcldern arbeiteten kürzlich gegen Abend vereinzelt einige Fraueu, als sich plötzlich aus dem Walde ein ungewöhnlich großer Wolf stürzte und ciue derselben in wenigen Minuten zerriß. Die übrigen Frauen, dies von Weitem sehend, eilten nach dem Dorfe, allein bevor die Männer herbeikamen, war der Wolf verschwunden. Die Leiche zeigte einen entsetzlichen Anblick. Gesicht und Schädel waren bis auf den Halsknoche« zerbissen; Brust und Bauch aufgerissen, die Eingeweide zerstreut. Der Aeltcste der Bauerschaft gab von dem Vorfall sofort der Polizei Nachricht und stellte bis zum Herbeikommen derselben sechs Wärter in der Nähe der Leiche auf. Einige Stunden später, als dieselben am Feuer lagen, erschien der Wolf aufs Neue. Nur mit der verzweifeltsten Gegenwehr gelang es den Männern, bis zu der am Waldrande liegenden Wohnung des herrschaftlichen Buschwächtcrs Jalewski zu retirircn, wo sie Thür und Fenster verrammelten. Einer von ihnen, ein starker Bauer, war auf der Flucht etwas zurückgeblieben. Der Unglückliche wurde von der Bestie gepackt und zerrissen. Gleich darauf kehrte der Busch- wächter aus dem Walde zurück. Auch ihn faßte der Wolf am Halse und riß Fleisch vom Kinnbacken ab. Mit großer Mühe und halb todt gelang es ihm, nach seiner Wohnung zu kommen. Der Wolf begab sich von dort nach den Dörfern Pocie und Ptoranie, überfiel förmlich einige Bauernhöfe, drang in die Stuben ein, welche, so lange im Ofen gefeuert wird, wegen des Rauches in der Regel offen gehalten werden, und verwundete Menschen und Vieh. Dann sprang er auf die Dorfweidc, beschädigte drei Knechte und viele Pferde und lief auf die Wiese, dicht an dem Vorwerke Beresina, wo die herrschaftlichen Pferde weideten. Hur verwundete er zehn Stück derselben, und als die Hirten zu Hilfe eilten, warf er sich auf diese, zerfleischte dem einen den Kopf, dem andern die Hand, deßglcichen der Magd des Buschwächters Mankiewicz, welche das Pferd des letzteren weidete. Hals und Oberschenkel. Dann lief der Wolf nach den Dörfern Chonytony und Makanynienta, tödtetc dort noch eine Frau, verwundete Hunde, Menschen und Vieh und verschwand im benachbarten Walde. — Im Verlaufe weniger Stunden hatte die Bestie drei Menschen getödtet, ciuunddreißig Personen (aber durchweg Erwachsene) und vierundsünfzig Stück Vieh mehr oder weniger stark verwundet. — Es ist dies eine grausige Erscheinung und noch mehr, wenn man bedenkt, wie alle Anzeichen dafür sprechen, daß der Wolf toll gewesen sei. Der Hcrzschlag will Einem stocken, stellt man sich die weiteren Folgen dieses Unglückes vor. — Die Aussagen der Verwundeten stimmen darin überein, daß der Wolf Schaum vor dem Maule hatte und den Schwanz hängen ließ. Nur beim Angriffe richtete er den letzteren auf and sprang auf die Hinterbeine — immer gleich nach dem Kopfe beißend. Wie stark dabei der Anprall war, beweist z. B. der eine Fall, wo er mit dem Gebiß einem jungen Bauer fünf Zähne einschlug. Sehr verdächtig ist der Umstand, daß der Wolf die Leichen nicht fraß, also nur aus reiner Wuth anfiel und mordete. Da es Nacht war und die Menschen ganz unverhofft überfallen wurden, so konnten sie auch nur wenig zu ihrer Vertheidigung thun. Ein Bauer schoß dem Wolfe eine Kugel durch den Hinterleib; ein anderer trieb ihm während des Herumbalgens das Vordertheil einer Schuhahle, die er zufällig in der Tasche hatte, in den Bauch. Wenn diese Verwundungen auch nicht sofort tödtlich waren, trugen sie doch dazu bei, die Bestie zu schwächen, welche am andern Tage auf merkwürdige Weise erlegt wurde. Man veranstaltete eine große Treibjagd. Die Bauern strömten von allen Seiten nach dem Versammlungsplatz in der Nähe des Waldes Sofki. Nicht weit von demselben, inmitten der Bauernfelder, befindet sich ein kleines Dickicht, Dombrawa genannt. Um näher zu gehen, nahm eine Abtheilung Bauern, sich bückend unter den Kiefern hinkriechend, ihren Weg durch dasselbe. Plötzlich fühlte sich der eine Bauer, zufällig ein sehr großer, starker Mann, von hinten am Pelze gepackt. Ohne eine Ahnung zu haben, daß es der Wolf ist, greift er mechanisch mit der Hand nach hinten und faßt die Bestie gerade im Genick. Zu gleicher Zeit sieht er die eine Vordertatze derselben an seiner Seite, faßt schnell auch diese, und nun überzeugt, es mit dem Wolfe zu thun zu haben, hält er denselben — sich mit dem Rücken an eine dicht danebenstchende Kiefer prcsiend — so lange, bis die im ersten Schrecken davon gelaufenen Bauern herbeispringen und ihn mit Beilen todtschlagcn. Der erlegte Wolf war von ganz besonderer Größe und hellfarbig. Die in seinem Leibe steckende Schuhahle bewies, daß er derjenige war, welcher am Abend vorher so entsetzlich gewüthet hatte. — Der Bauer, welcher den Wolf hielt, ist nur leicht am Rücken verwundet. Kinder wurden nicht gebissen, da diese zur Zeit, als der Wolf in die Häuser eindrang, bereits auf ihren gewöhnlichen Plätzen — auf den großen Backöfen — schliefen! Da man zu gleicher Zeit in der Nähe der oben erwähnten Dörfer noch mehrere Wölfe gesehen, so wurden bereits einige Jagden auf dieselben veranstaltet, allein bis jetzt ohne Erfolg. Nachdem man die Behörden von dem Ereigniß in Kenntniß gesetzt, trafen sofort der oberste Polizeibeamte, so wie verschiedene Doctoren des Kreises hier ein. Sämmtliche Verwundete wurden in dem Bauernschulgebäude, oben neben der Kirche untergebracht. Dort werden ihre Wunden von den Aerzten behandelt. Gegen die Tollkrankhcit nehmen sie die Mittel eines Wunderdoctors ein, der seither diese furchtbare Krankheit stets mit Erfolg curirt haben soll. Die in den Dörfern gebissenen Hunde und Schweine sind todtgeschofsen worden. Rindvieh und Pferde befinden sich in ärztlicher Behandlung. Von unseren verwundeten Vorwerkspferden mußte eins, als unheilbar und schrecklich verstümmelt, gleich am anderen Tage getödtet werden. Zwei andere, die am Kopfe gebissen waren, crepirtcn gestern, ohne daß sich vorher entschiedene Zeichen der Wuthkrankheit wahrnehmen ließen. — Die Bauern mußten bereits drei ihrer verwundeten Pferde tödten, bei welchen alle Anzeichen der Tollheit hervortraten. — Unter der ganzen Bevölkerung der Besitzung herrscht eine ungeheure Aufregung. Niemand will in jener Gegend, wo das Unglück geschah, auf das Feld oder in den Wald gehen, Niemand das Vieh weiden u. s. w. — Gebe Gott, daß es mit dem bereits vorhandenen Unglück sein Bewenden hat und die armen verwundeten Menschen wieder gesund werden!" „Helf Gott" und „wohl bekomm's!" Wer hätte in seinem Leben noch nicht niesen müssen? Ganz unerwartet überfällt es einen oft. Und dann ist alles Stemmen und Sträuben dagegen vergebens. War man vielleicht gerade in einem Gespräch mit Jemandem oegriffcn, wurde etwas Wichtiges erzählt, ein Urtheil gefällt, ein Beschluß gefaßt oder eine Klage geäußert, und es sängt einer aus der Gesellschaft zu niesen an, dann sagt der Aberglaube: „Er hat es beniest," und meint damit, daß das dabei ausgesprochene Wort eine ganz besondere gute oder schlechte Bedeutung haben müsse. So geht es mit Allem, was zufällig, plötzlich und unerwartet eintritt in diesem Leben, es trägt etwas Geheimnißvollcs, Orakelhaftes an sich. Was das Piesen aber eigentlich ist, und worin es seinen Grund hat, — dürste 391 Manchem noch unbekannt sein. Niest Jemand, so erfolgt erst ein tiefcS Einathmen, eS durchbebt alle Muskeln eine gewaltsame, nicht zu verhindernde Erschütterung, die Lunge zieht sich Plötzlich zusammen und alle in derselben befindliche Luft wird durch die Nase, und theilwcise auch durch den Mund — mittelst einer plötzlichen Zusammenziehung der Athmungs - Muskeln von Bauch und Brust mit einem eigenthümlichen Geräusche ausgepreßt. Ursache ist stets ein sonderbares Kitzeln in der Nase, oder auch bisweilen in der Herzgrube, erzeugt durch eine Reizung der Nasenschleimhaut und ihrer Nerven mit fremden in die Nase eingeführten Körpern, oder beim Katarrh mit Schleim und Thränen, mittelbar auch durch Sehen in die Sonne oder Reizung der Unterleibs - Nerven. Alsdann stehen gleichsam alle körperlichen Funktionen still, und der Mensch erscheint eigentlich in der Situation, als warte er der Dinge, die da kommen sollen, bis endlich mit einem Male die so eben geschilderte Erscheinung erfolgt. Während dieses Vorganges wird der Durchgang des Blutes durch die Lunge und der Rücktritt desselben aus dem Kopfe, obwohl letzterer durch die Schlagadern ungehindert gefüllt und ausgedehnt wird, gehemmt. Aus diesem Grunde entstehen durch allzuhcftiges und anhaltendes Niesen verschiedene unangenehme und geradezu schädliche Folgen. — Alle Sinne, sammt der Bewegung der Musleln, beginnen ihre Dienste zu versagen, das Gesicht schwillt auf, die Augen thränen und die Nase fängt an zu tropfen, ja endlich werden alle Funktionen des Gehirns in Unordnung gebracht. Im Winter und im Frühjahr oder Herbst sind solche Erscheinungen an der Tagesordnung Trotzdem hat das Niesen auch seinen wohlthätigen Einfluß auf die Constitution des Körpers, und wird deßhalb oft künstlich zu Wege gebracht. Dies geschieht namentlich bei Kopfschmerz, Funktionsträgheit des Gehirns rc. Denn durch das Niesen wird hauptsächlich der Nasenschleim gesetzt und abgeführt. Dies sind Thatsachen, die Jedermann schon an sich selbst beobachtet haben wird. Interessant sind einige Notizen aus der Geschichte, welche auf das Niesen Bezug haben und hier eine Stelle finden mögen. Was zunächst die Entstehung der Sitte betrifft, ein „Wohl bekomm's!" — oder dergleichen dem Niesenden zu wünschen, so ist Folgendes nicht ohne Wichtigkeit: Polydorus Virgilius aus Urbino, ein gelehrter englischer Theologe des sechzehnten Jahrhunderts, — versichert, cS habe zur Zeit des Papstes Grcgor'S des Großen im Jahre 591 eine heftige epidemische Krankheit geherrscht und die davon befallenen Personen hätten durchgehend so heftig und andauernd niesen muffen, daß sie davon gestorben wären. Um nun die Fortschritte der Krankheit zu hemmen, habe der Papst Gebete und Gelübde angeordnet, und daraus sei die Sitte entstanden, wenn Jemand niese: „Helf' Gott!" („Gesundheit!" — „Dein Wohlsein!" — „Wohl bekomm's!" u. s. w.) zu wünschen. Dieser Gebrauch findet sich jedoch im Alterthume und zwar in allen Welttheilcn, ja die Entdecker Amerika's fanden die Sitte sogar dort bei den Ureinwohnern. Von den Kaffern erzählen Reisende, daß dieselben niemals niesen. Es ist dies kaum glaublich und aus der physischen Beschaffenheit des indogermanischen Menschenschlages nicht zu erklären. Sonderbar ist die Sage, welche die hebräischen Schrift- und Gcsctzkundigcn vom Niesen erzählen. Als Vater Adam, so berichten die Rabbinen, durch den Ungehorsam gegen Gott seine Unsterblichkeit verscherzt hatte, beschloß Gott: Jeder Mensch solle einmal in seinem Leben niesen, und zwar kurz vor seinem Tode. Nur der Erzvater Jakob habe es durch einen unsträflichen Lebenswandel so weit gebracht, niesen zu dürfen, ohne zu sterben, und seitdem er beim Niesen am Leben geblieben, haben Alle „Prosit" gerufen. Und dieses „Prosit" fand Erhörung. Er lebte noch viele Jahre bei guter Gesundheit. Die griechischen Mythologcn erzählen: Als Prometheus in einer verschlossenen 392 Phiole das Feuer vom Himmel holte und seiner aus Thon geformten Mcnschenfigur den, Aethcr vor die Nase hielt, habe das menschliche Individuum, dem der geistige Aether in's Gehirn gestiegen, geniest, und Prometheus, darob entzückt, ihm ein „Wohl bekomm's!" zugerufen. Auch schon als Anzeichen „bevorstehenden Glückes" finden wir das Niesen in den Schriften der Alten verzeichnet. So z. B. in folgender Episode: Als Penelope, die schöne und tugendhafte Gemahlin des Odysscus, während dessen langer Abwesenheit standhaft und listig der sie umdrängenden Freier sich erwehrte, und zu den Göttern um Rückkehr des Gatten betete, nieste ihr Sohn Telemach so stark, daß das Dach des Palastes erbebte, — woraus die Mutter schloß, daß ihr Gebet erfüllt werden würde. Der als Feldherr wie als Gcschichtsschreiber gleichberühmte Grieche Lenophon, einer der treucsten Schüler des Sokratcs, hielt eine Rede an die zehntausend Mann, die er bekanntlich zum allgemeinen Erstaunen aus der unglaublichen Schlacht bei Kunaxa nach Griechenland zurückbrachte. In dieser Ansprache schilderte er die große Schwierigkeit des Rückzuges, wies aber gleichzeitig nach, daß es keinen anderen Weg der Rettung gebe. Da huben Mehrere an, ihre Bedenken laut werden zu lassen, aber — da nieste ein Soldat — und dieser geringfügige Zufall ward vom gesammten Heere als Wink der Götter aufgefaßt, und ohne Widerspruch folgten die Zehntausend dem Einen zum Rückzug in's Vaterland. Heut zu Tage Pflegt bloß Einer dem Andern beim Niesen „Wohl bekomm's!" zu wünschen. Bei den Alten scheint es Personen gegeben zu haben, die sich diese Höflichkeit selbst erwiesen. Marcus Aemilius Martialis, — ein römischer Epigrammen-Dichter — (s- 100 n. Chr.) erzählt von einem gewissen Proklus, daß von seiner Nase nach den Ohren eine so große Entfernung gewesen sei, daß sich der Arme nicht hätte niesen hören und somit den üblichen Wunsch, sich selbst zu ehren, nicht hätte äußern können. Von den Peruanern berichtet man, daß, wenn ihr Häuptling nieste, alle Indianer durch laute Signale von dem glücklichen Ereigniß in Kenntniß gesetzt wurden, damit sie ein „Wohl bekomm's ihm!" beten konnten. Der französische Schriftsteller Claude Adricn Helvctius (ft 1771) erzählt: Wenn der König von Monomotopa (ein Gebirgßland im südlichen Ostafrika) niest, so sind alle Hofleute Auslands wegen genöthigt, ebenfalls zu niesen, und indem so das Genicse sich vom Hof auf die Stadt, und von der Stadt in die Umgegend weiter Pflanzt, so scheint es, als habe das ganze Reich den Schnupfen. Die bekannte, namentlich in England verbreitete Rcligionssektc der Quäcker, ebenso wie die Wiedertäufer (Anabaptisten) haben den nach dem Niesen üblichen frommen Wunsch unter sich abgeschafft. Eine Zigeunerin gab ihrem Kinde eine Schale und hefahl ihm, Essig zu holen. Bevor aber das Kind fortging, wurde es von der Mutter geprügelt. Ein Fremder, der vorüber ging, fragte, warum die Kleine geschlagen werde? „Damit sie die Schale nicht zerbricht," war die Antwort. — „Ich meine," versetzte der Fremde, „dazu hätte cS noch Zeit, wenn sie die Schale zerbrochen hat." — „O nein," erwiderte die Mutter, „dann wär' es schon zu spät." (Zur Geschichte der Druckfehler.) Ein junger Mann suchte seine Geliebte in einem veröffentlichten Gedichte zu verherrlichen; dasselbe begann: „Du meines Lebens Treucrkor'ne!" Aber wie bitter mochte die Braut überrascht sein, als sie las: _ ^ „Du meines Lebens Trauerkrone!" Druck, Verlag und Redaction des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttlcr.