Ai-O. 51. 19. Decbr 1869. Denn solche Göttlich! it schirmt iincn König: Veriab. dcr nur erblickt, was er gewollt, Steh! ab von seinem Wellen. Shakespeare, Hamlet, Akt IV. Scene 2. Ei« Weihnachts-Abend in Frankfurt. Die Schneeflocken tanzten um die Straßenlaternen und umhüllten die Lichter wie mit einem weißen, durchsichtigen Schleier. Es war ein unfreundlicher, kalter Abend Der alte ehrwürdige Dom schaute auf die Häuser von Frankfurt nieder, seine Thurmspitze aber verlor sich im dicht fallenden Schnee. Die Karaffen fuhren mit laut tönendem Schellcngeklingcl über das weiche Pflaster und hielten Kalo vor diesem, bald vor jenem Kaufladen. Bejahrte Frauen saßen hinter den mit weißem Linnen umspannten Tuchen und froren bis in's Mark neben ihren Wmdlichtcrn. Manche prächtig gekleidete Dame rauschte an den ärmlichen Buden vorüber und würdigte sie keines Buckes, und manches Augenglas richtete sich auf die großen, glänzenden Scheiben, hmlcr denen viel schimmernde Herrlichkeit ausgebreitet lag, und wußte das arme Mütterchen nicht zu finden das bei ihren weißen Schäfchen und ihrem winzigen Christbäumchen sitzt, und den lullenden Blick an die Vorübergehenden richtet. Und auch aus den Kiemen achtet Keiner, dcr dort in dem Hänferwiukel unter dcr Laterne steht und die halb erfrorenen Hände in die dünne,> Äerniel hinauszieht Der Schnee hat fein letztes Weihnachtsbaumchen wie mit weißen Blüthen überschüttet und nun steht er seit Sonnenuntergang im schneidenden Wurde und kalten Schnee, „nd Niemand fragt ihn und Keiner erlöst den armen zitternden Knaben. Und Viertelstunde um Viertelstunde verrinnt, die Straßen werden leerer, — aber in den hohen Häusern mit den großen, glitzernden Fenstern wird es immer Heller. Und zuweilen schweben reich gekleidete Damen drinnen an den Fenstern vorüber - und dcr arme Kleine meint zu vernehmen wie eine frohe Kinderschaar jubelnd in die Hände klatscht. Uns wie er so hinüdci schaut nach dem Lichtglanze, dcr ihm aus dem Himmel herüberzulcuchten scheint, da flimmert cS vor seine» Augen, wie von tausend Flänimchen und er meint sich niedersetzen rn müssen im Anblick all' dieser Herrlichkeit, denn seine Augenlider sind schwer geworden und der Arme fühlt seine Glieder nicht mehr, sie sind halb erstarrt. ' Da ließ er sich sachte an der Mauer auf die Erde nieder, und es war ihm so süß und wohl, — er stand in einem großen glänzenden Saale, in dessen Mute ein hoher Weihnachtsbaum mit hundert Lichtern strahlte, und hinler dem Baume her erklang eine sanfte Musik und liebliche Stimmen sangen: „Ehre sei Gott in der Höbe!" Und dann bedeckte ein ganzer Berg von Schnee all' die Pracht und hoch auf demselben stand die Großmutter um einem Weihnachlöbäumchcn in der Hand, sie war aus dem Wege nach dem Himmel zum Christkindlciu. Und der Kleine sah. wie sich die Thee des Himmels austheilen, so daß mau tief hineinsehen konnte. Große Porzcllaiiöfen halb so hoch, wie dcr Thurm des granlfurtcr Domes, standen einer hliitcr dem andern und die Engel schwebten darüber und jeder hatte sein Wcihnachlsbäumcheii ii, der Hand! Nun wird Alles sonnenhell und die giößic Stille hcnschr im ganzen Himmel — Das „Christ!,ndlciu," weiß wie Schnee und strahlend wie Gold, hall seine» feierlichen 40 ^ Umzug — und die Sonne geht vor ihm her, und der Mond folgt ihm mit lächelndem Antlitz. Der Knabe steht an der großen Pforte in einen Winkel gedrückt und Niemand sieht ihn. Aber mit einem Male fällt ein Strahl auf ihn, und er steht da vor dem hellen Auge in seinem ärmlichen Röckchcn und in seinen zerrissenen Schuhen. Er meinte in den Boden sinken zu muffen vor Schani, — aber das Christkindlein winkte ihm mit freundlichem Lächeln. — Dann kam eine düstere Wolke hernieder und Alles war dunkel und still. Und still war's auch auf den Straßen geworden, nur ein Mann stand noch vor dem großen Goldladen neben dem Dome und schaute träumend in die dichter, die darinnen brannten. Der dreitkämpige graue Hut, der ihm tief in'S Gesicht hineinreichte, — der braune, nachlässig umgeworfene Mantel, das schalkhafte Lächeln, daS zuweilen um seinen Mund spielte und dann wieder die düstere Wolke des Unmulhes, die über seine Stirne zog, das Alles machte den Mann zu emer räihselhasteu Erscheinung. Jetzt eilte er schnellen Schrittes von dannen in der Richtung auf den Dom zu. — „Ich had's gefunden,- — murmelte er vor sich hin. Dann summt er nach einer alten Melodie das Lied: „Was ist das doch ein holdes Kind, Das man hier in der Krippe find't." Plötzlich bleibt er stehen bei der Laterne, die immer trüber brennt, dann tritt er dicht unter sie hin und beugt sich zu dem dunkeln Gegenstände nieder, den der Schnee bereits wie mit einem weiße» Tuche bedeckt hat. Er hebt den armen, bewußtlosen Knaben in die Höhe, derselbe gibt kein Lebenszeichen mehr von sich, — seine Wangen sind weiß, wie das WeihnachtSbäumchen neben ihm. Der Mann nimmt den Mantel von seiner Schulter, und schlägt ihn um das Kind, er hält es fest in seinen Armen und trägt es durch den kalten Abend und erwärmt eS an seiner Brust. Mus Straßen durcheilte er, und dann machte er vor einem großen, hellcrleuchictc» Hause Halt. Mit der Rechten ergreift er den Schellenzug, daß es durch's ganze Hans tönt. „Wer ist da?" fragte eine zarte Frauenstimme von innen. „Clemens," schallt es zurück. „Oefsne schnell." Der Wanderer tritt mit seiner Last ein und schüttelt den Schnee von den Füßen. „Hab' ich's nicht gesagt, Ludovika, daß ich noch etwas finden würde, woran Ihr Alle nicht gedacht?" Die Dame schlug den Mantel zurück und sah in das bleiche Gesicht des erstarrten Kleinen. Er schlug die Augen auf — und wo war er? Hohe Fenster mit prächtigen Vorhängen waren an dem Gemach, in dem ei» weißer Ofen eine wohlthuende Warme verbreitete. Er lag in dem schneeweißen Beuchen, vor dem ein Man» mit einem großen Filzhnie stand. Der Kleine hatte ihn nie gesehen, aber der Fremde lächelte so sreundlich, daß der Knabe die Hand ausstreckte und seine rauhe Wange streichelte. Da trat eine Dame in's Z»»mcr und licbkvsete den vom Starrschliimmcr erweckten Knaben. Sie legte ihm schöne Kleider an, wie sie die Kinder der Reichen tragen und dann labte sie ihn mit einem süße» Tränke. Der Man» mit dem großen Hute war hinausgegangen, die Thüre stand angelehnt und bald schallte ganz von ferne Lrcdcrklang. herüber und der sanfte Ton einer Geige. „Willst Du bei uns bleiben, lieber Kleiner?" fragte die Dame. Da kamen Thränen in die Augen des Kindes und es stammelte: „Ach, es ist hier so schön, wie im Himmel, aber meine Mutter wartet auf mich — und hat noch nichts gigrffn heule Abend." „Wer ist denn Deine Mutter?" „O, sie i r schon lange krank und hat viele Schmerzen, und wir leiden so großen H>ug r. O, laßt mich, ich muß zu ihr, sie ist gewiß in tausend Aeugsten um mrch. 403 Wir kommt rs denn, daß ich nicht bei ihr bin — und was find LaS für schöne, groß« Zimmer und wer hat mich hierhin g,bracht?" „Der Mann, der eben an Deinem Bcttchen saß, hat Dich vor einer Stunde hierhi» getragen. Du warst auf der Straße eingeschlafen bei Deinem Wcihnachtsbäumchen." „Ich will es holen," rief der Kleine lebhaft, „und dann zu meiner Mutter heim.* „Warte nur noch eine kleine Zeit, und ich will Dir etwas Schönes zeigen." ^ ,O, es ist gewiß nicht so lieb und schön, wie das Gesicht meiner Mutter, wenn sie mich anlächelt und von den lieben Engeln' erzählt, die mich gern hätten, wenn ich g «t bin." . Die Dame nahm den Kleinen an ihre Hand und durchschritt drei Zimmer mit ihm. DaS eine war noch schöner als das andere, aber gegen das dritte waren sie alle nichts. Eii. großer runder Tisch stand in der Mitte, von dem ein Lichtmeer ausstrahlte, so hell wie die Sonne. Um den Weihnachtsbaum saßen frohe Kinder und sangen dem Kindlein zu Ehren, das heul sie so glücklich gemacht. Und beiseits saß der Mann mit dem großen Hure und spielte die Geige und sang mit klarer, voller Stimme, daß die Kiemen oft schwiegen und still dasaßen und andächtig lauschten. Als die Dame mit dem armen Knaben in den Saal trat, verstummte das Lied, der freudige Mann legte die Geige bei Seite und die Kinder umdrängten den Ankömmling. Sie standen um ihn im Kreise, jedes hatte irgend Etwas von seinen Gaben in der Hand und bot eS dem Knaben zum Geschenke an, — sie dachten an den schneidenden Wmd, der an den Fenstern rüttelte und an den kalten Schnee, aus dem der gute Onkel den Armen hervorgezogen. Alnr sie machten betrübte Gesichter, als der Kleine nichts annehmen wollte, und nur nach semer kranken Malier verlangte. Sie fragten ihn, ob er nicht bald wieder komme» werde, und erst als die Dame es ihnen versprochen, daß er noch oft kommen sollte, ließe» sie es ruhig geschahen, daß der Mann, der eben die Geige gespielt, ihn bei der Hand «ahm und mit sich hinausführte. Als sie aus der Straße waren, ward der Knabe gesprächig, und erzählte dem wohlwollenden Manne seine ganze Leide, sg schichte, wie sie seinen Batcr vor einem Jahre zum Kirchhofe getragen hätten und wie sie nun so große Noth litten. Die Häuser wurden immer kleiner und ärmlicher, je weiter sie gingen. Hier und da brannte noch ein lrüb.ö Oelflämmchcn hinter den Fenstern, sonst war nichts zu sehen. Zn der Sackgasse, in die sie nun yineinschrillen, war Alles still, man konnte keine Hand vor den Augen sehen. - Mit sicherem Schritt ging der Kleine vorwärts. Er stieg dan« zwei Treppen hinan und öffnete eine niedere Thür. Er stand still und horchte, nichts regte sich, eine furchtbare Angst überkam das Kind. Wenn die Mutter gestorben wäre, während er in dem großen glänzenden Hause war? Schnell stieß er eine zweite Thür auf, die in ein kleines, dunkles Gemach führte. Aus der Ecke drang der Laut schwerer Athemzüge hervor. Der Kleine zündete Licht an und trat mit bebenden Knieen au das Bett seiner kranken Mutter. Er rief sie laut bei Namen, aber keine Antwort erfolgte; da stieg seine Angst aufS Höchste, — er wandte sich mit einem flehenden Blicke zu dem Fremden hin, der unter der Thür stehen geblieben war. Der Mann halte die stumme Bitte des Kleinen verstanden, er trat näher, und sah das Elend in seiner wahrsten Gestalt. Da lag die Arme mit bleichem Antlitze, -Hunger und Noth und Schmerz stand in ihren Zügen geschrieben. Wie ein Engel waltete der Wohlthäter an dem Krankenlager der armen Wutwe, — er zog ein Fläschlein hervor und benetzte ihre Lippen mit einem stärkenden Trunk, er drückte dein Knaben ein Geldstück in die Hand und hieß ihn Speise kaufen, während er selbst an dem Bette blieb und auf jeden Athemzug der Kranken lauschte. Nach einer halben Stunde schlug sie die Augen auf und wußte nicht, — wie ihr geschehen war. Da erzählte ihr der Fiemde Alles und als er geendet, küßte sie seiA Hände, und als der Kleine in seinen prächtigen Kleidern zur Thüre hereintrat, da schloß sie ihn in ihre schwachen, vor Freude zitternden Arme, und dankte unter Thränen dem Kindlein, das ihr so viele Gnaden erwiesen in der heiligen Weihnacht. Noch eine Weile blieb der Fremde in der Kammer der armen, — kranken Wittwe, und tröstete sie und rief mit seinen sanften Worten alle Frcudcngcfühle in dem armen, granigcdrückten Herzen wach. Und als er Hinausschritt und durch die dunkeln öden Straßen ging, da war wohl Keiner glücklicher in dczn großen Frankfurt, als der unscheinbare Mann mit dem grauen Hut und braunen Mantel. Es war still geworden im Slübchen der armen Wittwe. Der Knabe schlief sank und ruhig, — die Mutter war eingeschlummert mit einem Gebete für ihren Wohlthö ^r auf den kippen. Die Sonne ging auf und fand zum ersten Male seit einem Jahre in dem kalten Gemach zwei lächelnde Gesichter. Doch die Freude wurde zum Jubel, als der Kleine die Thür aufmachte. Da stand in der schmalen Flur ein Tisch, mit Geschenken reichlich bedeckt, die Morgcnstrahlen vergoldeten das Weihnachtsbüumchen des armen Knaben, das nun mit Lichtern geziert, wie ein lachender Frühling zur kalten, öden Kammer hereinschaute. Und es war mehr Freude an dem Weihnachismorgen in der Kammer der armen Wittwe, — als in ganz Frankfurt in allen Häusern zusammen. Und wollt ihr misten, wie es hernach gegangen? Die Wittwe ist bald gesund und der Knabe ein kräftiger Jüngling und ein Mann geworden. Der Unbekannte hat ihn nie verlassen. Und wollt ihr besten Namen misten, so schlaget die Geschichte Deutschlands auf, denn man nennt dort auch seinen Namen. Es ist derselbe, der immer bereit war, zu helfen, der als Dichter mächtig in die Saiten schlug, um die harten Herzen zur Mildthätigkeit zu bewegen, es ist derselbe, der am Lcidcnobctle der seligen Katharina von Emmerich die wahre Nächstenliebe gelernt, Clemens Brentano. Die Eröffnung des Suez-Eauals. Jsmailia, 18. November. Die Hälfte des Beweises für die Schiffbarkeit dcS Kanals ist geführt. Im Hafen von Jsmailia liegt eine ansehnliche Flotte von etwa 28 großen Schiffen, und noch ftt Raum genug für eine dreifache Anzahl. Gestern früh um 8', 2 Uhr setzte sich das Geschwader von Port Said in Bewegung, voran der „Aigle" mit der Kaiserin der Franzosen, ihm nach der „Greif" mit dem Kaiser von Oesterreich und die „Grille" mit dem Kronprinzen von Preußen, den der General-Consul des norddeutschen Bundes begleitete, während das übrige Eonsular-Personal auf dem „Dclfin" folgte. „Walk" mit dem Prinzen Heinrich, „Phönix" mit dem englischen, „Wladimir" mit dem russischen Botschafter, der „Peluse," Dampfer der Mestagerie Jmpcriale, mit den Beamten der Compagnie „Suez," ein englisches Kanonenboot, der Loyd-Dampfer „Bulcan" schloffen sich an. Da man vorsichtshalber mit der Distanze von 500 Nieter fuhr, und um diesen Zwischenraum einzuhalten, häufig stoppen mußte, so dauerte die Passage zicmM lange. Unter den Schiffen soll das größte einen Tiefgang von 5'. 2 Meter gehabt haben. Jedes hatte einen Lootsen an Bord; auf dem Schisse der Kaiserin sun- girtc Lcstcps, auf jenem des Kaisers Voisin-Bcy als solcher. Der Durchzug bis JSinailia erfolgte anstandslos durch die 75 Kilometer lange Strecke; um ^, ^5 Uhr langte der „Aigle" daselbst an. Bon den folgenden hatte nur der Mestagcric-Dampfer das Malheur, hart am Eingänge des Hafens durch ungeschicktes Lavirxp aufzufahren — und so den Durchgang zu verstopfen. Die größeren der nachfolgenden Schiffe gericthcn so iu die mißliche Situation, die Nacht über im Kanal, dem schönen Ziele so nahe, liegen bleiben ru muffen. Eine ganze Reihe von Kanonenbooten englischer und französischer Flagge Hi trotzdem die Pastage und kam an all' den, den Weg sperrenden Schiffen glücklich Deutsche Christbaume im Ausland. Der vielgereiste Fr. Verstärker bespricht diesen für deutsche Leser so anziehenden Gegenstand in einem deutschen Blatte. Bon seinen Mittheilungen hierüber ist das Folgende ein Auszug. Ich habe Weihnachten, beginnt er, in den verschiedensten Landern der Erde zugebracht, und ordentlich rührend war es — zu sehen, wie hartnäckig die Deutschen aller Orten an der lieben alten Sitte festhielten, und diese, während ihre Erinnerungen wie in einer Art von Heimweh an dem alten Vaterlande hafteten, gleichsam über die Erde säeten. In England hat der „Christbaum" schon durch die halbdeulsche Königin Bicloria feste Wurzeln geschlagen. Langsam aber sicher streut er von London aus seinen Samen durch das ganze brittische Reich, und die Zeit wird kommen, wo ein englisches Kind so wenig, wie ein deul>ches, sich ein WcihnachtSfest ohne Baum denken kann. Und Amerika? wohin ich nur hörte, wurde dort, wenn von Weihnachten die Rede war, von einem Baum gesprochen, und in Venezuela sagte mir ein ächter Acmkee, als die Rede auf Weihnachten in den Vereinigten Staaten kam, und ich ihn fragte, ob er auch den Christbaum kenne: „Nun, wir werden doch das Christfest nicht ohne Tanne verbringen sollen?" Größere Hindernisse haben südlichere Völker zu bewältigen, da unsere Nadelholzbäume unter den Tropen nicht so recht gedeihen; wo sie jedoch durch die Nähe hoher Gebirge begünstigt sind. Pflanzt mau jetzt auch die Christbäume an. Als ich vor mehr als 20 Jahren in Louisiana war, hatten wir große Noth um einen Christbaum, da Fichten und Tannen fehlten; nur einzelne Kiefern standen dort in dem niedrigen Lande. Deßhalb mußte ein Kieferwipfel zu einem Christbaume ausgeschnitten werden. — Drei Christtage hinter einander lag ich in den wilden Wäldern von Missouri und Arkansas einsam bei meinem Lagerfeuer, aber stets suchte ich mir dann einen Nadelholzbaum, unter dem ich mein Feuer anzündete, und war im Geiste bei meinen Lieben in der deutschen Heimath. Ein Weihnachten verbrachte ich in Batavia. Auch dort wissen sich die Deutschen, und mit ihnen schon manche holländische Familie zu helfen, und aus Taxus oder einem andern ähnlichen Stamme wird ein Weihnachtsbaum hergestellt. In Lima verbrachte ich eine andere Weihnacht. Dort, wo kein Ziegen fällt, kein Baum gedeiht, gab es keine Christbäume, auch fast keine deutschen Familien, und die einzige Erinnerung war Sonne- bcrger und Nürnberger Spielzeug, auf dem Marktplatze feilgeboten, während ringsumher angezündete Lichter den Baum ersetzen mußten. Ein Weihnachten verbrachte ich in der Südsee auf einem Wallfischfänger — trauriger heiliger Abend! Da gab es keinen Baum und keine Lichter. Nur eine trübe Oellampe brannte in der Kajüte, und die einzigen Bäume, welche wir dort hatten, waren die Mastbäume. — Besser war es in Mexiko, in öcfsen Hauptstadt ich das letzte Weihnachten verlebte. Der dortige Christmarkt versetzt unS im Nu in die Heimath. Ein Wald von Fichtcnbäumen ragt hier überall empor, und in den zahlreichen Buden werden Zuckerbackwerk und tausend verschiedene kleine, oft sehr originelle Spielsachen feilgeboten. Die Hochebenen von Mexiko sind unseren Nadelhölzern besonders günstig. Ich habe wirklich in meinem Leben keine schöneren Fichten gesehen, und wie prachtvoll werden sie dort von den „Deutschen" aufgeputzt! Statt vergoldete Acpfel hängen vergoldete Bananen und Granatäpfel daran; die Kinder jauchzen ihnen in gleicher Lust entgegen und in den Eltern lebt die eigene Jugend wieder auf. Da sich viele Deutsche mit mexikanischen Familien verheirathet haben, so rückt unser alter lieber Christbaum mit fliegenden Fahnen in dem den Fremden sonst eben nicht freundlichen Lande immer weiter vor. Nur in dem durch die Natur eben so begünstigten Venezuela fehlt es noch an Fichten und Tannen, obgleich seine 5 — 7000 Fuß hohen Gebirge die beste Gelegenheit bieten, solche anzupflanzen. Dürftige Kiefern keimen da wohl, aber noch haben es die Deutschen dort zu keinem wirklichen Christbaum gebracht, was aber hoffentlich nicht mehr lange dauern soll. Aus dem allen Thüringer-Walde habe ich mir nämlich guten Samen zu Fichten und Tannen verschrieben, und wenn man diese Zeilen in Deutschland liest^ 408 schwimmt er schon seinem Ziele, dem fernen Süden, entgegen. Dort werden ihn dann sorgende deutsche Hände pflegen, und in wenig n Jahren sollen die deutschen Kii der in Denczuela eben so freudig den liebe» Christbaum umtanzcn, wie daheim bei uns im allen Valerlande. (Der Mann im Monde.) Wcßhalb stellen die Rüpel im „SommernachtsTraum" bei ihrem Bühnenspicl vor dem Herzog den Mondschein als einen Mann mit einer Laterne, einem Hund und einem Dornbusch dar? Auch wird manchem Leser a»S Shakespearc's „Sturm" die Rede des Caliban an Steffano erinnerlich sein: „Ich habe dich im Monde gesehen, — meine Gebieterin zeigte dich mir, deinen Hund und deinen Busch " — Eine Abhandlung von Oskar Peschel in der „Angsburger Ättgem Zeitung," die sich über den Mann im Monde," das heißt über die Deutungen verbreitet, welche die verschiedenen Völker den Figuren im Mondbilde geben, ertheilt den folgenden Auf- .s schluß: Shakespeare spielt damit auf eine Sage an, die seine Zeitgenossen von ihren Ammen einsogen, deren aber schon Alexander Neckam (geb 1>5k), der Milchbruder Richard Löwcnhcrz, gedenkt. „Kennst du nicht," sagt er, „die Geschichte von dem Bauern im Monde, der den Dornbusch trägt und auf den sich der Vers bezieht: liuk-trcur; ni ^, 1 »'«» s ? n.n llvsri'niltr u„r« KIunZi^rit pen 8piii»e> r.uili pirxli'rr.*»" rnj»i». Dieser Bauer ist nämlich ein Holzdieb, der zur Strafe für sein Vergehen in den Mond verbannt ward, uud er rührt, stark umgewandelt, aus einer uralten nordischen Sage her, welche Baring Gould in seinen „Mythen des Mittclaltcrs" erläutert hat: „Mani, der Mond, stahl zwei Kinder von ihren Eltern und trug sie uui sich in den Himmel. Ihre Nanien waren Hinki und Bil. Sie hatten Wasser 'geschöpft von der Quelle Byrgir, im Schlauche Socgr, der an der Stange Simul hing, die sie auf ihren Schultern trugen. Noch heutigen Tags sollen die schwedischen Baiicrn ihren Kindern die Mondflcckcn erklären, als wäre ein Knabe und ein Mädchen sichtbar, die einen Eimer Wasser zwischen sich tragen." — In dieser germanischen Sage, die auch noch in Schweden ihre lebendigen Spuren hat, liegt der Kern zum dcuische» Mann im Blonde und zu dem englische» Märchen mit dem Hund, der Laterne und mit dem Dornbusch, welch' Letzterer das gestohlene Holz bedeuten soll. * Die Anzeichen, daß der amerikanische Continent früher, vor Jahr-I^ lausenden, durch Menschen bewohnt wurde, die eine hohe Eu ltnr stufe, einnahmen, mehren sich von Tag zu Tag. So erhielt erst neulich wieder das General- Landamt in Washington die Vcrmcssungs-Berichte von fünf Städte-Bezirken am Gila- Flussc im südlichen Arizona—im Ganzen 105,152 Acker Ägricullnr- und Weideland — das offenbar Jahrhunderte lang in hoher Cultur gestanden haben muß und eine große Anzahl Ruinen von ausgezeichneter und in manchen Fällen prachtvoller Arbeit ausweist, nebst Gerathen, HandweikSzeugen u. s. w. einer aiisgeslordenen, aber jedensaUs aus einer vorangeschrittenen Cultur stehenden, Kunst und Gewerbe treibende» Rare. Unter den größten sind die sogenannten Casa-Grande-Ruincn, ungefähr zwei Meilen südwestlich von den Ost- und Süd-Kanälen des Gila-Flusfes. Friedrich der Große dekorirte einst einen Offizier. „Ew Majestät," sagte dieser, „nur auf dem Schlachtfelds kann ich einen Orden annehmen." — „Ah bah," entgcgncte der König, „sei er kein Narr und hänge er sich das Ding an; ich kann um Seinetwillen doch keinen Krieg anfangen!" Druck, Verlag und Redaction des Litcrarlsckcn Instituts uen t-r. lil>. Hiitls. I