Nro. 52. 26. Decbr. 1869. Augsburger Welch ein Gewühl auf Markt »vd Gassen Vöm Thurme schallt das Festgeläut', Kaum kann der Raum die Meuge sassen, Es ist ja heil'ge Christnacht heut. Iah. Nep. Vogl. Am Weihnachts-Abend. Skizze von Ludwig Habicht. (Nachdruck verboten.) Cstristmas," ruft in Dickens ^6Iiri5lmn8 Csrol" ein Neffe seinem Onkel Seronge zu, und wem in aller Welt gleitet wohl nicht unwillkürlich an diesem Abend das Wort über die Lippe: „Glückliche Weihnacht." O schöne, glanzvolle Zeit, die von dem bedrängten, gequälten Herzen den düstern Schleier hinweghebt, Alles rosig und golden färbt und wär' cS auch nur für einen einzigen, glücklich durchträumten Abend! ... In dieser seligen Stunde fühlen wir nicht mehr den Druck des Schicksals, — die Schwere unseres Kummers; wir tauchen mit hinab in die helle, silberglänzende Fluth der schönen, rosigen Stunden, und lassen uns so recht warm und innig umspielen von den Schaumpcrlen einer schönen, längst vcrklungcnen Zeit. Wir sind glücklich, für eine Stunde glücklich, denn es ist Weihnachten und der grüne Christbaum mit seinen leuchtenden Flammen erzählt uns von einer schönen, heitern Vergangenheit, von Jugcndtraum und Kindcrlust, von allem Theuersten der Erde! . . . Es. liegt eine Poesie, ein Zauber in diesem Abend, der seine verklärenden, leuchtenden Strahlen bis in die fernsten Zeiten wirft, und das Herz immer wieder jung zu machen weiß, weil immer neue, glücklich bewegte Menschen den brennenden Baum umringen und damit die vcrklungene Zaubcrwclt vor's Auge rücken. Und wer kein Herz mehr für diese sonnigen Stunden hat, — wem es erstarrt und erfroren im Gewühl des Lebens, wer dürr und nüchtern mit verdrossenem Auge auf diesen Jubel, diese Seligkeit, dieses „Glücklichmachen und Glücklichscin" blickt, wem Geld und Geschäft — Alles und Weihnacht - Poesie und Sonnenschein nur unnützer Trödel scheint, der fasse einmal den Muth, die oben bezeichnete Wcihnachts-Geschichrc des berühmten englischen Humoristen zu lesen, und wie ein Frühlingsschaucr wird's über seine Seele wehen und die harten, — rauhcu bedanken werden aufthauen und sich warm und liebend um die Menschheit schlingen. An diesem Abend, an dem jedes Auge nach einem Funken Freude, jedes Herz nach einem Tropfen „Glück" schmachtet, wird er sich auch mit reichen, vollen Händen beigetragen sehnen: Glückliche zu machen und Sonnenschein zu bringen, auch in die umnachtctsic Urnst. Möchte an diesem heiligen Abend der Weihnachtsengel überall den verhärteten und versteinerte», im „Geld- und Marklwcsen" verrosteten Herzen die „sanfte Leuchte" der vorhalten, daß es ihnen plötzlich tage und sie einsehen lernen: — Geld — Reichthum — Ehre ist kein Glück — und nur die dankbare Thräne, die uns aus dem Astge vom Untergänge Geretteter cntgcgenzittert — der warme Händedruck eines Freundes — in Liebe und Treue verbundene Herzen — das ist Alles — das ist der Reichthum einer Welt! Wenn keines, dann ist Boz Dickens „Olirislinns. Csrol" das Werk eines Dichters »o» Gottes Gnaden; denn es liegt eine Poesie, eine GcmüthStiefe und Gcinüthswärme -arm, die zu jedem Herzen dringen und überall ein lebendiges Echo finden muß. Der Dichter läßt darin den „Weihnachtsengel" einen alten, verhungerten Geizhals besuchen, der nichts kennt, als sein Geld und sein Geschäft und ein elendes, jämmerliches Dasein, mit ewig geschlossener Hand und steinernem Herzen hindüstert und den jetzt der Weihnachtsengcl zurückführt in die Tage der Kindheit, in das Land der Jugendträume, wo das Herz jung war — und eine glückliche, helle Weihnacht noch den Weg zu seiner Brust fand, wo auch er so glücklich war und Alles ihm entgegen jubelte: ,,.llori^ Vkiriulmas." O goldene, schöne Zeit! .... Und jetzt an diesem letzten Wcihnachts- Abend, da hatte auf des heitern Neffen Glückwunsch sein vertrocknetes, kaltes Herz her- vorgekrächzt: „Osll tll>r>8ti»»8 — llumdu^ Der Engel führt ihn zurück in Scenen seiner Jugendzeit, wo der arme Lehrling so glücklich ist, weil es wieder Weihnachten geworden und Alles in dem großen, reichen Hause seines Herrn sich versammelt, um den Abend zu feiern, und — wo ein einziger gütiger Blick aus den Augen seines Prinzipals ihn so glücklich, — so unendlich glücklich gemacht. Dann kommen trübere Weihnachten; sein weiches, liebendes Weib sitzt weinenden Auges dort und klagt: „Ich lebe nicht mehr in Deinem Herzen, Du hast nur noch rinen Gedanken, den Gedanken: reich zu werden. Du hast kein Herz, — kein Gemüth mehr für das Leben, und wenn ich fern von Dir lebe, dann wirst Du hoch aufathmen und jubelnd rechnen, wie viel Du dabei gewonnen." Sie trennte sich von dem harten, versteinerten Manne und sie hatten sich doch einst so innig geliebt — damals, als Beide noch arm waren und das Leben sonnenbestrahlt vor ihnen lag. . . . Wie arm, wie bettelarm macht doch — nur Geld!-Der Engel mit den Weihnachts - Geschenken führt Scrooge dann durch die bunte, lachende Welt von Heute, zeigt ihm überall heitere, glückliche Gesichter, die, von dem Strahl dieses schönen, glücklichen Abends angeglüht, selig lächelnd in die Zukunft blicken. „Es war nichts Freundliches in der Witterung oder in der Stadt, und doch war eine Luft von Heiterkeit ausgebreitet, daß die klarste Sommcrluft und die glänzendste Frühlingssonne vergebens mit ihr zu wetteifern versucht haben würde," — sagt Dickens begeistert, und wer hat nicht den warmen Athem dieser Luft an seiner Wange gefühlt, trotzdem der kälteste Wind da draußen wehte und der Schnee vielleicht Fuß hoch auf Weg und Stegen lag. Ein einziger volltönender Augenblick des Glücks ist dieser Abend; — der Lärm auf den Straßen verstummt, sogar die großen Städte scheinen ruhiger und langsamer zu athmen, selbst die wenigere Armseligen, die au keinem häuslichen Herde ein Plätzchen gefunden, gleiten geräuschloser als gewöhnlich durch die Straßen. ... Ah, es ist doch ein Abend, der still und traut, wie kein anderer des Jahres, und von einem göttlichen Frieden, der sich schmeichelnd selbst um die vcrhärtetste Brust legt. Der freundliche Führer zeigt Scrooge den Weihnachtsabend seines Schreibers, der mit seiner Familie so kümmerlich und dürftig lebt, und doch heute so glücklich ist, weil es Weihnachten ist und ein Stück Himmel auch in das verlassenste Herz herniederlacht. Die Kinder stürzen jubelnd in die Stube, sie haben schon, mit feinem Spürsinn, beim Bäcker ihre Gans herausgerochen, die dort gebraten wird, und heute als Juwel ihrer lange herbeigeschmachteten Mahlzeit glänzen soll. Dann kommt der Vater herein, der seinen jüngsten Sohn, den kranken, verkrüppelten Tiny Tim, auf dem Rücken hat, mit dem er in der Kirche gewesen, und der dort kindlich-fromm zu ihm gesagt hat: „Er hoffe, daß sich die Leute bei seinem Anblick an Christus erinnern würden, der Lahme gehend und der Blinde sehend gemacht," und der jetzt von den nur für die köstliche, seltene Mahlzeit schwärmenden Brudern in die Küche getragen wird, um dort den Pudding in der Pfanne „singen zu hören." Sie feiern eine Weihnacht, recht einfach und ärmlich, diese armen Leute, aber daT Herz weiß nur von Glück und Freude, und athmet die warme Strömung der ewige» Gottesliebe. Der arme Tiny Tim sitzt dicht bei seinem besorgten Vater, der liebevoll die Hand seines Kindes erfaßt, als fürchte er, es könne ihm entrissen werden. Auch der stcinharte Scrooge wird davon gerührt und frägt den führenden Engel mit warmem Interesse: „Sage mir, wird Tiny Tim leben?" Der Geist erwidert ihm: „Ich sehe einen leeren Stuhl in dem Winkel des Kamink und Krücken sorgfältig aufgehoben ohne ihren Besitzer." „O sage, bleibt er verschont?" ruft Scrooge lebhaft aus; doch sein Führer mähst ihn an sein eigenes Wort, „daß ja solch' ein Tod nicht viel bedeuten wolle, und damit nur ein überflüssiger Mensch weniger würde." Aber dieser Krüppel ist seines Vaters geliebtestcs Kind, — und dann hat er seine« Platz, dann erwärmt und erleuchtet er das Herz desselben, er ist kein unnützer Krüppel mehr, er ist sogar die Stütze des armen Mannes, die ihm das Leben leichter und angenehmer macht. Selbst das Unscheinbarste, Unbedeutendste wird lieb und theuer, wenn eS ein Strahl unserer Liebe vergoldet und dadurch für immer an unser Herz fesselt! Der arme Schreiber trinkt die Gesundheit seines filzigen Herrn, so wenig sich dessen Geiz um ihn verdient gemacht, und entgegnet auf den Einspruch seiner Frau: „Meine Theuere — — heiliger Abend!" Ja, ein heiliger Odem weht dann läuternd, versöhnend durch die Herzen, und licht und freundlich wird es darin, jede Flamme des Hasses, die so heiß in unserer Brust gelodert, ist zu Asche gebrannt und nichts übrig geblieben, als eine freundliche Wärme gegen das Leben und gegen die Welt. Sein Führer zeigt Scrooge überall lachend-verklärte Gesichter, im dunklen Schacht, wie auf wogender See: allüberall der eine helle, freundliche Klang. —, als habe eine mächtige, wunderbare Glocke ihre Zaubcrtöne zu Aller Herzen geschickt und sie zu stiller Feier, zum Eingang in das Tiefinnerste der eigenen Brust gestimmt. O, das ist herrlich, daß es noch Stunden gibt, die läuternd-belcbcnd eine denkend-glaubcnde Welt durchzucken und gleiche Gefühlsseligkeit, lichte, — liebe „Kinderträume" allüberall hervorrufe« und wecken! Der Engel führt den von mannigfachen Empfindungen bestürmten Scrooge in das Haus seines Neffen. Auch dort ist Weihnacht, heitere glückliche Weihnacht, — und sein junger Neffe lacht trotz seiner Armuth so fröhlich, so recht aus beglückter, offener Brust, daß es überall ein Echo findet und unwillkürlich zum Mitlachen zwingt. Sie plaudern von dem Onkel, lachen gutmüthig über den Geizhals, der über seinem „Scharren nnd Kratzen" die lachende, blühende Welt vergißt und mühsam dumpf dahinkcucht, das Leben aus hohlen, verhungerten Augen betrachtend. Der Geizhals muß gewahr werden, daß „er" keine Schätze besitzt, sondern nur die Schätze „ihn" und noch dazu mit jeder Faser seines Herzens, daß er nicht mehr freudig aufathmcn, nicht mehr ruhigen Auges in die Sonne blicken kann, denn ewig klirrt die Kette seines Reichthums hinter ihm und schmiedet ihn an die Galeere eines elenden, — jämmerlichen, von jeder Freude, allem Lebensgenuß entblößten Daseins. Um ihn vollends zu bekehren und umzuwandeln, zeigt ihm der Weihnachtsengel der Zukunft seinen Tod — kalt — einsam-gräßlich. Keine Thräne fließt auf sein Grab — Niemaud auf der Welt, der ihn betrauert, --- und als er, bewegten Herzens, seinen Führer nach einem Menschen fragt, den sein Tod vielleicht beglückt, da zeigt ihm dieser einen seiner Schuldner, — der hoch aufathmet,. daß der ihm verfolgende erbarmungslose Gläubiger nun todt ist und er nun hoffen kann, die Erben milder und nachsichtiger' zu finden. Ob Traum, ob Geisterspuck das Alles? Scrooge weiß eS nicht — er fragt auch nicht darnach — genug, die wechselnden Bilder des Wcihnachtsengcls haben seine starre Seele erschüttert und das von Geiz und Habsucht gefrorene Blut seines Herzens beginnt zu rollen, Jkiristmas, glückliche Weihnacht!" ruft er jubelnd aus, und Alles erhält in seinem Auge eine lebhaftere, schönere Gestalt. Der Nebel ist gefallen, —> daS Herz kann fühlen für fremdes Leid, kann klopfen für fremdes Glück, und jubelnd man» dert er hinaus in die klingende, lachende Welt, um Glückliche zu machen und fremde» Leid zu lindern, daß es hell zusammenklinge, der Friede da außen mit dem Frieden der eigenen Brust. Er sucht seinen Neffen auf und feiert eine glückliche, frohe Weihnacht, aber noch eine glücklichere, als er am andern Morgen dem armen, schon ängstlich für sein Zuspät- kommen besorgten Schreiber seinen Gehalt erhöht, und dann für den kranken Tiny Tim mit väterlicher Liebe sorgt. Wie kalt ist die Welt ohne Liebe, wie öde das Leben ohne Freund! Wir dürfen nur die Hand ausstrecken und Alles sinkt uns zur Brust: Liebe, Freude und Glück. — Ein Weihnachtsabend ist es ja eben, der die Herzen aufthaueu soll, daß sie liebevollen Sinnes für das Glück ihrer Umgebung sorgen und ein Lächeln auf die Lippen führen, die vorerst Schmerz und Verzweiflung zusammengezogen. Halten wir Weihnacht in unserer Brust, daß darin der grüne Baum wahrer reiner Menschenliebe brenne, und dann wird uns auch das Verständniß aufgehen zu dem ewig schönen, kindlich-reinen Fest der Weihnachten, daß wir, geweiht und gehoben, dem neu beginnenden Leben entgegentreten. Es lächelt nichts so himmlisch in unser Auge, als eine getrocknete Thräne, und da» unerbittliche, eiserne Schicksal sorgt dafür, daß dieser Quell nie versiegt. Wo wir trösten, helfen uiid lieben, da zieht in unsere Seele stillgeräuschlos der Weihnachtsabend ein, dem jedes Herz entgcgenharrt. Und so rufen auch wir mit Boz Dickens auS: Oliristinus, — glückliche Weihnacht!" Möge der Weihnachtscngel Glück und Freude zu jedem Herzen tragen — und die dunkelste Nacht erleuchten, möge überall Glück und Freude walten, der Weihnachtsbau« hell und freundlich brennen und um ihn glückliche, lachende Gesichter gaukeln! Glückliche Weihnacht für die ganze Welt, und wo irgend eine schwer beladene, keuchende Brust, da laßt uns helfen — die Hand darauf — und, wie Tiny Tim sagt: „Gott segne uns Alle!" Titian's Tod. Selten wohl führte ein Künstler ein glänzenderes Leben, als Titian. Ruhm, Ehre, Reichthum alles war sein. Der Himmel hatte im sein Talent und seine Kraft, so frisch erhallen, daß sein letztes Gemälde, welches er ihm Alter von 99 Jahren malte in nichts seinem ersten nachstand, durch das er seinen Ruhm begründete, ja sogar in den Auge» vieler noch übertraf. Ungetrübt floß sein Leben dahin in dem stolzen Venedig, unter allen Genüssen der Ueppigkeit und des Reichthums z zur Muse hatte er eine Bachantin und seine Poesie ergoß er in das Haar seiner Geliebten, das wie ein Goldregen auf dem Schnee ihrer Schultern niederfiel. Nie hatte Titian mit den Versuchungen des bösen Engels zu kämpfen, nie wurde seine Liebe betrogen, nie durfte er mit dem Elende ringen, nie nahte ein großer Schmerz seinem Herzen. Er lebte 99 volle Jahre, bewundert von Allen, selbst von den Königen, selbst von den Kaisern. Franz I., hob seinen Pinsel auf und Karl V. verlieh ihm einen seltenen Adelsbricf. Dieser lautete: „Nachdem wir den Rath unserer vielgeliebten Fürsten, Grafen, Barone und andere 413 r 413 Würdenträger des heiligen Reichs gehört, ernennen wir Dich in der vollen Macht unserer kaiserlichen Gewalt zum Grafen des heiligen Palastes Lateran, unseres Hofes, unsere- Consistoriums, und geben Dir durch diesen Brief den Titel, erheben Dich zu dieser Würde und schreiben Dich ein unter die Zahl der andern Pfalzgrafen. Dich und Deine Kinder und ihre Erben und Nachkommen in aller Zeit erklären wir auch für' s» adelig, als man es nur in den höchsten menschlichen Stellung sein kaun, gleich als ob sie aus dem edelsten Stamm geboren wären und vier väterliche und mütterliche Ahnen hätten. Wir verleihen Dir Schwert und Sporn und Adelsgewand und goldenen Gürtel." Aber wie verschieden von diesem langen, glänzenden, sturmloscn Leben sollten die letzte finstere Stunden dieses Mannes sein! Titian hatte zwei Söhne und eine Tochter: PomponiuS, Horaz und Lavinia. Die Pest suchte Venedig heim, und Horaz war der Ersten einer der von ihr ergriffen wurde. Titian wollte seinen Sohn pflegen, seinen geliebten Horaz, den er dazu bestimmt glaubte, der Erbe seines Ruhmes zu sein; er sank von der gleichen Krankheit ergriffen auf dasselbige Lager nieder. Hier hatte er den Schmerz seinen Horaz sterben zu sehen. Er selbst war dem Tode nahe, als PomponiuS mit Postpferden von Mailand herbeieilte und sich in den Palast Barbarigo stürzte, den sein Vater seit langer Zeit bewohnte. Er kam nicht um seinem Vater die Augen zuzudrücken, aber er raffte die werthvollen Möbel und die kostbaren Gemälde zusammen, um sie unter öffentlichem Aufgebot zu verkaufen. Titian, der glorreiche Künstler, starb allein, ohne einen Diener, der ihm ein letztes Lebewohl sagte. PomponiuS war noch schlechter als der schlechteste Diener. Er entfloh > in aller Hast aus Venedig und ließ seinen Vater unbeerdigt zurück. Der, welchen Franz I. uns Karl V. als ihres Gleichen betrachtet hatten, fand nach seinem Tode nicht einmal ei» Grab. C h r i st n a ch t. Heil'ge Nacht, auf Engelschwiugen Nahst du leise dich der Welt, Und die Glocken hör' ich klingen. Und die Fenster sind erhellt. Selbst die Hütte trieft von Segen Und der Kindlein froher Dank Jauchzt dem Himmelskind entgegen, Und ihr Stammeln wird Gesang. Mit der Fülle süßer Lieder, Mit dem Glanz um Thal und Höh'n, Heil'ge Nacht, so kehrst du wieder, Wie die Welt dich einst geseh'n; Da die Palmen lauter rauschten Und, versenkt in Dämmerung, Erd' und Himmel Worte tauschten, Worte der Verkündigung. Da mit Purpur übergössen, Aufgcthan von Gottes Hand, Alle Himmel sich erschlossen. Glänzend über Meer und Land; Da, den Frieden zu verkünden, Sich der Engel niederschwanz. Auf den Höhen, in den Gründen Die Verheißung widerklang. Da der Jungfrau Sohn zu dienen, Fürsten aus dem Morgenland In der Hirten Kreis erschienen, Gold und Myrrhen in der Hand; Da mit seligem Entzücken Sich die Mutter niederbog, Sinnend aus des Kinde- Blicke» Niegefühltc Freude sog. Heil'ge Nacht, mit tausend Kerzen Steigst du feierlich herauf; O so geh' in unsern Herzen, Stern des Lebens, geh' uns auf! Schau', im Himmel und auf Erde» Glänzt der Liebe Nosenschein: Friede soll's noch einmal werde» Und die Liebe König sein! s? -s s (Zwei Sonntage in der Woche.) In der neuesten Nummer der Zeitschrift; „Die Natur" veröffentlicht Dr. Ule folgende interessante Notiz: Bekanntlich verliert man auf keiner Reise um die Erde, wenn man dem Laufe der Sonne folgt, einen ganzen Tag. Dasselbe geschieht natürlich auch, wenn Völker wandern und wenn sie dann, nach entgegengesetzten Richtungen ausgezogen, inmitten ihrer Wanderung etwa an den Ufern eines Meeres zusammentreffen und jedes seine gewohnte Zeitrechnung mit sich bringt und beibehält, so geschieht es, daß das eine seinen Sonntag feiert, wenn das andere noch seinen Sonnabend hat. Ein solches Zusammentreffen vokl Völkern von verschiedenen Richtungen her hat besonders an den Küsten des nördlichen Stillen Ozeans stattgefunden wo die Russen nach Osten, die Amerikaner nach Westen hin die Küsten erreicht haben und wo es sich nun um so auffallender geltend macht, seit das frühere russische Amerika in den Besitz der Vereinigten Staaten Nordamerikas übergegangen ist, ohne daß man die alte russische Zeitrechnung aufgegeben hat. Ein gut gesinnter Bürger Amerikas hat es daher in seiner Macht, sich zwei Sonntage in jeder Woche zu machen, neben dem allgemein gefeierten russischen auch noch den amerikanischen am Montag zu feiern. Freilich kann das auch für die Geschäfte recht störend werden. Kommt er nämlich von Sau Francisko, wie eine kalifornische Zeitung sagt, in Sitka der Hauptstadt von Alaska, dem ehemaligen russischen Amerika, nach seiner Berechnung am Freitag Abend an, so findet er am nächsten Morgen die Läden geschlossen und alle Geschäfte unterbrochen. Er verliert dann nicht bloß diesen Tag, sondern auch den nächsten dazu, wenn er aus Gewohnheit oder aus Ueberzeugung seinen Sonntag feiern will. Auf der anderen Seite wird der fromme Kaufmann aus Alaska ihm heutigen Sitka mit wahrem Abscheu sehen, daß der gottlose Amerikaner am Sonntag Kattun mißt oder Messer schleift, am Montag Morgen aber Plötzlich ein reines Hemd anzieht, einen schwarzen Frack anlegt, durch die Nase spricht und jene feierliche und selbstzufriedene Miene annimmt, die der nationale Ausdruck für religiöse Stimmung in Amerika ist. L ii r 1 e r i r > l 1 1 « Weihnachts-Abend. ES schlingen sich die alten Kreise wieder, Die alte Freude klopft an uns'rc Brust, Und an des Baumes Zweigen auf und nieder Sucht unser Blick der Kindheit süße Lust. Ersehnte Stunden, hoffnungsreiches Dunkeln, Wo jeder Lichtstrahl nächstes Glück uns malt. Wo nun der hundert Lichter buntes Funkeln Mit eins dem überraschten Auge strahlt. Seht ihr die Engel nicht vorübersliegcn? Sie zündeten ja selbst die Lichter an, Und wie sie froh verbreitet vor euch liegen, Die Gaben alle rief ihr Wink heran. Wohl fliegen Engel auch durchs spät're Leben Und zünden Frcudenlichter um uns an,. Zhr Gruß heißt Liebe, ihr Vorübcrschweben Es kündet sich in frohen Herzen an. Beglückt, wer ihren leisen Gruß vernommen, Ihm wird die heil'ge Flamme nie verglühn. Der Kindheit Lust ihm ewig wieder kommen Und aus dem Wintergrün ein Frühling blüh'«. (Ein Witz von Abraham a Santa Clara.) Vor hundert Jahren trugen »Üe Damen des Wiener Hofes so tief ausgeschnittene Kleider, daß Abraham a Santa Clara dagegen von der Kanzel herab eiferte und mit den Worten schloß: „Weiber, die sich so sehr entblößen, sind nicht werth, daß man ihnen in's Gesicht spukt." Die Kaiserin, darüber ergrimmt, ließ ihm sagen, daß er sein Amt verlieren würde, wenn er dieß nicht widerrufe. Am nächsten Sonntag that er es folgendermaßen: „Ich sagte neulich: Weiber, die sich so entblößt tragen, seien nicht werth, daß man ihnen in's Gesicht spukt p dies widerrufe ich hiemit feierlich und erkläre: sie sind eS werth!" Clara Ziegler. 2 Sonntag den 19. Dezember gastirte die k. Hofschauspielerin Fräulein Clara Ziegler von München am Stadlthcater in Augsburg als „Medea" in dem gleichnamigen vieraktigeu Trauerspiele von Grillparzer. Diese Grillparzer'sche Medea hat vor jener des Enripides voraus, daß sie unserem Mitgefühle näher steht, weil sie nicht allein als leideuschastliches dämonisches Weib, nicht allein als schuldbeladene Verbrechers» und racheschnaubende Furie erscheint, wndern auch. und sogar vorwiegend, als in ihren heiligsten Gefühlen gekränkte Liebende, als Dulderin, welche durch das auf sie hereinbrechende Elend zum Schrecklichsten getrieben wird. Wir schaudern, wenn ihre mühsam zurückgedrängte wilde Natur in Folge der Kränkungen immer wieder aus's Neue hervorbricht, wir können sie aber nicht absolut verurtheilen. Gr,llparzer hat dem barbarischen Zauberweid mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, als die griechischen Dichter, welche die Fremde wohl aus nationalen Gründen als das verabscheunngswurdigste Ungeheuer zeichnen mußten. Unser Dichter motivirt alle Verbrechen Medcas durch ihre Liebe zu Jasou. Diese Liebe treibt sie, den Vater zu verrathen, den Tod des Bruders zu dulden und selbst der Tod des Oheims ihres Gemahls ist, wenn er ihr überhaupt zur Last fällt, nur JasouS wegen von ihr bereitet. Grillparzcrs Medea ist nicht die wilde Colcherni, die e Medea suhlt vielmehr wie eine Europäerin unserer Zeit, wie ein seines Werthes bewußtes gewaltiges Weib. das der Liebe ihres Mannes Alles dahin gegeben hat und jetzt einsieht, daß sie einem Unwürdigen ihr Vaterland, ihre Blutsverwandten, sich selbst geopsert hat. Furcht und Mitleid mit ihr ergreift uns, und schon ehe das Schrecklichste geschieht, faßt uns die Ahnung des furchtbaren Ausgangs, ein Beweis, daß unser Rechtsgefühl ihr Concessionen macht Bevor mir zur Darstellung übergehen, müßen wir uns einige Worte über die Technik unserer Künstlerin erlauben. Shakespeares Fundamentalsatz für die Kritik der Vortragsweise lautet bekanntlich: „Ich bitte Euch, haltet die Rede leicht von der Zunge weg, denn wenn Ihr den Mund so voll nehmt, wie Viele unserer Schauspieler, möchte ich meine Verse eben sv gern von dem Ausrufer hören." Die Art und Weiss, wie Frl. Ziegler den G-ist dieser Worte erfüllte, verdiene allein schon Bewunderung. Sie besitzt die Kunst, in den bedeutendsten, erhabensten Momenten die Sprache leicht, ohne irgend sichtbare physische Anstrengung von den Lippen fließen zu lassen und das ist das größte^Geheimniß der Redekunst. Ihr zweites Geheimniß ist nicht etwa der höchste Wohllaut ihrer «spräche, — der natürliche Klang ihres Organs allein, sondern die Gewandtheit, mit der sie die seltene Kraft und Biegsamkeit dieses Organs verwerthet. Die Künstlerin vermag in den schwierigsten, ihren glänzendsten, Momenten die Stimme, trotz ihres Umfangs, mitten im hastigsten Sturm der dahiu- brauienden Leidenschalt in wenigen Tönen zusammen zu halten, sie bringt die Betonung allein durch die Abwechslung von Forte und Piano hervor; sie erhält die tonlosen Silben fast ganz auf derselben Tonhöhe, und gewährt auch, wenn sie meuru vooa spricht, dem unverdorbenen Ohr eine Musik der Sprache, die unmittelbar aus der Seele qmllt und deren tief- innerstes Walten offenbart. Im höchsten Pathos dagegen verst ht sie den vollausklingendeu Ton nicht nur musterhast zu halten, sondern auch unnachahmlich schön zu tragen und den dritten Hebel zu einer keiner Steigerung versagenden Beredsamkeit, eine unvergleichlich- Athemsühruug zu kaum geahnten Wirkungen zu verwerihcn. Tcnhalten, Tontragen Athmung holte» wir aber für die bedeutendsten Faktoren der Redekunst. So gewaltig-r- schüttelnd und markdurchdringend in den wilden Ausbrüchen der Leidenschaft, so bezaubrno milde ist ihre Rede, wenn sie gewinnen, wevu sie rühren Will. In Leu süßen Worten, nnt denen sich Medea im dritten Akte noch einmal den Gatten zurückzuschnnicheln versucht,. ,chreu sie nicht nur der ganzen lauschenden Menge, sondern sogar dem Darsteller des Jajox selbst das Herz aus der Brust zu schmeicheln. Wem ging eS nicht tief in die Seele, als sie rm zweiten Akt mit wachsender Erfersucht die Aufmerksamkeit Jasous von Kreusa hinweg auf sich 416 s z« lenken suchte, indem sie wiederholt sagte: „Jasou, ich weiß ein Lied." Diese wenige» « Worte vermag ihr kein Mensch mit gleicher Betonung und annäherndem Effekt nachzusprechen, s Nebenbei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß Frl Ziegler, die geborue Müuch« ^ «eriu, ein besseres, reineres Deutsch spricht, als alle ihre Rivalinen, bei welchen entweder der o slavische, ungarische, norddeutsche oder sonst ein Acceut sich mehr oder weniger bemerklech macht. Wem hörte mau je die deutsche Sprache wohl so schön und zugleich so absichtslos von den Lippen fließen? Diese Sprachschöuheit ist ganz unvergleichlich. Frl. Ziegler ist vom technischen Gesichtspunkte auS entschieden die größte Sprechküusilerin, die exiftirt. Nimmt mau s hiezy ibrc imposante Erscheinung, ihr großes feuriges Auge, ihr normal schönes Antlitz, die vollendete Plastik ibrer Attitüden, deren jede ein Modell sür>inso Bildhauer sein könnte, die , Corrcctheit der Auffassung bei der noch frischen Gluth der Genialität, noch nicht verkühlt ^ durch objectiven Verstand uud blasirte Virtuvsenroutine, so ist es kein Wunder, daß ihre Dar- i stellsug einen überwältigenden Eindruck bewirken muß. Und was wir nicht hoch genug au- j schlagen können, Frl. Ziegler scheint uns berufen, die Kluft zwischen dem augenblicklich herr- z sehenden Realismas und dem süßlichen inhaltslosen Idealismus einer vorausgegangen Periode auszufüllen und iu einem versöhnenden Gleichgewicht beider den höchsten Ausdruck der Kunst ' zu verkörpern. s Was sagen wir von dem Eindrucke, den Frl. Ziegler als Medea erzielte? Mit dem « festen boshaften Vorsätze, alles nur einigermaßen Tadelnswerthe aufzuspüren, waren wir zur i Vorstellung gegangen; dabxn wrr doch seinerzeit Dawiscu, H-ndrichS und ankeren Virtuosen s selbst enthusiastiicheu Anbetern gegenüber rücksichtslos Charlatanerie und Coulrsseureißerei nach- > gewiesen. Nach dem ersten Akte der Medea glaubten wir die Deklamation einzelner Verse als zu gedehnt, das Hinabsteigen in die wunderbar klangvolle Tiefe als zu schnell und häufig rügen zu dürscu, jedoch die edle Vollendung der Technik hiebei schlug uns ins G wissen. Im zweiten Akt dagegen ergriff uns die Gewalt der Darstellung so mächtig, daß wir Leu Kritikus s und uns selbst ganz vergaßen. Höher und höher stiegen die Wellen der Leiden chaft und unserer j Bewunderung. Wie mit tausend feurigen Zungen leckten Eifersucht und Haß an der gigantischen Gestalt dieser Medea empor, vrkauäholich, Alles vor sich nieder chmetterud. brach ihr > Grimm los, iu Allem von dem Momente an, wo zum erstenmal ihre ungezügelte Seele in den l Strahlen der griechischen Souue austtzaut und doch die wilde Natur nicht verläugnen kaun, bis zu dem furchtbaren Wulhausbruche am Schlüsse war diese Medea ein unvergleichlich ge- , waltiges, entsetzliches Weib — als vb Jedem der Tod von ihrer Hand drobte, wagte mau , kaum zu athmen uud erst mit dem Fallen des Vorhauges entlud sich die fieberhafte Spannung der Zuhörer in eine söimlicheBeifallsraserei, wie wir eine ähnliche noch selten in einem Theater erlebt baden und wir — rasten unwillkürlich mit. < Bei alledem beruht der Erfolg dieses Altes mehr aus der äußerlichen Größe der Aktion. Deu tiefsten Eindruck, der uns diesmal und überhaupt bis jetzt von der Buhne gewviden, ' empfingen wir im dritten und vierten Akt. Mau könn Gcwaliigeres gesehen haben, doch nie ! so schauerlich Schönes und Harmonisches. Die zu mäuvlich ertönende Stimme der Rachel, die zu absichtsvoll dervortrelerden Stellungen der Ristori erregten uns trotz aller Bewunderung immer ein lerieS Mißbehagen. Bei Clara Ziegler dagegen folgt man mit einer gewissen dä- , monischen Billigung der Seele Medeas in den tiefsten Abgrund des Elends, der Verzweiflung, der.verbrecherischen Rache. Mehr als einmal stockte urs der Aibem, das Auge verbot deu l Wimpern zu zucken, als sie sich mit unerbittlicher Consegnenz zum Mord der Kreusa und der eigenen Kinder entschloß, da der verschmähten Mutterliebe einer Medea eben nichts übrig bleibt, als die Vernichtung dieser Kinder, die mit den zärtlichsten Schmeich leien nicht mehr von der Seite der Nebenbuhlerin zu locken waren. Und die Schlußscene! Medea war keine gebrochene Sünderin, sondern eine durch ein surchtbares, selbstverschuldetes Unglück niedergebeugte Heldin, die sich der ganzen Schwere ihrer Verbrechen bewußt ist. Die Einfachheit und majcstäti.che Ruhe, mit der sie die versöhnenden Verse zu Jason sprach, war ergreifend und doch aufrichtend; wir fühlten noch einmal die gaoze Gewalt des furchtbaren Schicksals, aber trotzdem athmeten wir erleichtert auf. Ein Gefühl überkam uns, wie nach ein-m Gewitter, das ringsum Verderben ausgesandt, aber dennoch die Lust von der drückenden Schwüle befreit hat. Der Zorn der Götter kann die große Colcherin strafen mit schwerer Buße, aber sie zu vernichten wäre ungerecht. Wir glaubten es Medea, daß sie Versöhnung zu finden hofft am Llta zu Delphi. „Warum lieben denn alte Jungfern die Katzen so sehr?" fragte ein junger Witz- üsl. eine ältliche Dame. — „Weil sie sich in Ermangelung von Ehemännern an das "ächt? falsche und selbstsüchtige Geschöpf hängen," war die Antwort. Druck, Verlag und Redaktion des Lttrrurische»'Jristiturr von vr. M. Huttler. v