3. Iannar 1869. Ni-o. 1. Göthe. Treibst du doch bald dieß, bald das! Ist es ernstlich, ist es Spaß? »Daß ich redlich mich beflissen, Was auch werde, Gott mags wissen. Göthe. AM Zrm JUit süßem Heil soll sich das Jahr verbinden Und dich in allem was es bringt beglücken. Die Monde sollen wechselnd dich entzücken. Und ohne Freude soll kein Tag verschwinden! Des Frühlings erstes Veilchen sollst du finden, Die erste volle Rose soll dich schmücken. In goldner Saat sollst du Cyanen pflücken Und noch im Herbste sollst du Kränze winden! Der Sturm soll kosend dir vorübergleiten. Kein Strahl der Sonne möge dich versengen. Vierfacher Lenz sei'n dir die Jahreszeiten! Zu schöner Eintracht sollen sich vermengen Die Elemente und sich nicht bestreiten. Und milde sein zu deinem Wohl die strengen! Johannes Schrott. 2 Gerächt und gerichtet. Eine Dorf- lind Kriminal-Geschickte von Ludwig Habicht. (Mit Lerwahrung gegen Nachdruck) Jetzt, am Hochzeitstage, suchte Marianne in jenem Büchelchcn Trost, das ihr von «llcn Schriften Georgs am meisten zugesagt. Es war eine »Anthologie aus den Werken des Wandsbecker Boten, und sie las: „Er sitzt dort hock in stiller Einsamkeit, lind sinnt auf unser Wohl. Den grosien Sckoos von Wohlthat weit und breit lind beide Hände voll.' „O Gott, sinnst Du auch auf mein Wohl?" sprach sie leise vor sich hin und laS in Thränen weiter: „Und sieht herab auf Sterne, Land und Meer, Mit unverwandtem Blick! Siebt seine Kinder alle rund umher, Ihr Elend und ihr Glück." „Ihr Elend nnd ihr Glück!" wiederholte sie langsam, und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, — baun starrte sie lange vor sich hin und versank in dumpfes Hinbrüten. Die alte Wanduhr schlug eben neun, nnd der Alte trat in die Stube. Er sah noch finsterer wie gewöhnlich aus und auf die Uhr zeigend, rief er grollend: „Hm! unS «arten lassen! Was denkt sich der Bursche!" „Die Uhr drüben geht immer zu spät," beschwichtigte die Näthcrin. „Er wird schon noch kommen," setzte die Freundin außerdem hinzu. Der Bauer runzelte zornig die Stirn; „das weiß ich selbst," entgcgnctc er sicher nnd selbstbewußt, „er hat sich rechtschaffene Mühe gegeben um die Marianne, und nun warten lasse»! Sind wir seine Narren?" brummte er leiser vor sich hin. Um seinem Unmuth besser Luft machen zu können, ging er hinaus, vielleicht auch, um die Ursache eines wirren Geräusches zu erfahren, das von draußen hcrcindrang. Auch die Mädchen eilten zur Schwelle, aber au der Thür begegnete ihnen schon die kräftige Gestalt des Bauers, der Plötzlich alle seine Langsamkeit und Bedächtigkeit abgestreift zu haben schien, auf seine Tochter zueilte, ihren gesenkten Kopf in die Höhe richtete und hastig hervorstieß: „Er kann nicht dafür, daß er nicht kommt, die Müllerin hatt's nur eher sagen lassen sollen, — er kann nicht kommen! — Du brauchst nicht so hämisch zu lachen," wandte er sich an Mariannens Freundin, „da gibt's keinen Spaß — er ist todt — sie haben ihn erschlagen, draußen auf der Elsewicse." Marianne fuhr erschrocken auf. Sie blickte ihrem Vater forschend in das Gesicht, als wolle sie prüfen, ob er die Wahrheit sage. Doch diese. harten Lippen hatten sich noch nie zu einem Scherz hergegeben, sie las auf seinem Gesicht die vollste Bestätigung dieser grauenhaften »Nachricht. „Todt!" wiederholte sie langsam. Es war ein Schreckliches, Unbegreifliches, das finster, unheilbringend in ihren Hochzeitmorgen und vielleicht in ihr ganzes Leben hineinstarrte. Sie hatte ihn nie geliebt, ihren aufgedrungenen Bräutigam, aber in diesen: Augenblicke vergaß sie Alles, sie hörte nur, daß er erschlagen, und Mitleid erfüllte ihr Herz. Thränen rollten aus ihren Augen. „Armer Mann!" klagte sie, „das hast Du nicht verdient, o, das ist schändlich, fürchterlich, ihn zu ermorden und heut!" Die andern beiden Mädchen begannen zu jammern und zu fragen, wie das möglich, ,das kann ja nicht sein, er war ja gestern noch frisch und gesund," rief die Freundin. Der Bauer verzog das Gesicht zu einem fast spöttischen Lächeln, dann sagte er barsch: „Dumme Gänse, hört Ihr nicht? todt geschlagen ist er worden, und in kleine Stücke haben sie ihn zerhackt, so liegt er dort, sagt der Schulze." 3 Die beiden Frauenzimmer schlugen die Hände über dem Kopfe zusammen vor Ent7 setzen. „Am Hochzeitsmorgen, das ist fürchterlich!» rief die Freundin. „Und ich hab die Marianne so schön geputzt," setzte die Nütherin hinzu, „das ist nun Alles umsonst." „Und Alles cingcschlachtct und gebacken worden," siel die Freundin wieder ein, „und nun schlagen sie den Bräutigam todt, das ist seit Mcnschengedenkcn nicht vorgekommen." — „Das ist ja eine wahre Sünde und Schande, wenn Einem der Bräutigam erschlagen wird," jammerte die Nätherin weiter. „Heult nicht, Ihr Gänse!" rief der Bauer befehlend, „den Kuchen werden wir schon los und den Braten, und die Marianne kriegt noch zehnmal einen Mann; aber von Schande seid mir still, sonst!" — er hob drohend die Faust, und die kleine Mtheria bückte sich, als müsse sie dem Schlage schon ausweichen. „Marianne, sei ruhig!" wandte sich der Bauer zu seiner Tochter, obwohl diese schweigend auf ihren Stuhl zurückgesunken, und er damit nur das Hämmern seines eigenen Herzens beschwichtigen wollte, „es gibt heut' freilich keine Hochzeit, ich werde zum Pfarrer gehen und es ihm anzeige»; aber laß den Kopf nicht hängen, eine reiche BauerStochter bleibt noch lange nicht sitzen." „Wer mag ihn nur lodtgeschlagcn haben?" fragte wieder die Freundin bekümmert. „Weiß ich's?" entgcgncte der Bauer ruhig, „das ist Gcrichtssache und geht unS nichts an," mit diesen Worten schritt er langsam hinaus. Die Braut nahm jetzt ihren Kranz aus den Haaren und legte ihn vor sich hin. Sie athmete nicht höher auf, daß sie von dem verhaßten Bräutigam befreit, vielmehr schienen sie düstere Ahnungen zu beschlcichen, als muffe nun erst das Schlimmste, Fürchterlichste über sie hereinbrechen. „Ich bin ja seine Braut," sagte sie, sich aufraffend, „ich muß zu seiner Mutter, ihr mein Beileid zu sagen." Der vorgefallene Mord hatte ein ungeheures Aufsehen erregt. Alles strömte zum Nachbardorfe hin, um den Erschlagenen zu sehen, der bereits in die Mühle geschafft worden, während das Gericht schon herbeigeeilt, nm den Thatbestand aufzunehmen. Der Müller war auf einer kaum einige Tausend Schritt von der Mühle entfernten Wiese gefunden worden. Die Mörder waren mit dem Leichnam gräßlich verfahren und hatten ihn, vielleicht nm ihn unkenntlich zu machen, in Stücke zerhackt. — Nach Angabe des Gerichtsarztcs mußte der Mord noch vor Mitternacht geschehen sein, dies zeigte der ausgeblutete Körper deutlich. Der Mord war um so räthsclhafter, als der Erschlagene ein ricsenstarkcr Mensch, der erst kürz vorher seiner Militärpflicht bei der Garde - Artillerie genügt und wegen seiner Körperkraft allgemein bekannt und gefürchtet war. Eine ganze Bande mußte ihn überfallen und erschlagen haben, denn mit Zweien oder Dreien wäre der herkulische Mann schon fertig geworden. Was den Mord noch sonderbarer oder unheimlicher machte, war der Umstand, daß der Erschlagene ohne alle Bekleidung, im bloßen Hemde auf der Wiese gefunden worden, während seine Kleider noch vor seinem Bette gelegen, in dem er bereits geschlafen haben mußte, wie dies das eingedrückte Bett erwiesen. Und doch waren im Zimmer nicht die geringsten Blutspuren zu bemerken, er mußte im Freien erschlagen worden sein. Was aber sollte ihn bewogen haben, im bloßen Hemde auf der Wiese herumzulaufen? Das waren Fragen, die jetzt die vor der Mühle zahlreich versammelte Menge beschäftigten. Man stritt heftig hin und wieder, und Alle erschöpften sich in den wunderlichsten Vermuthungen. „Ja, das wird wohl ein Räthsel bleiben," bemerkte jetzt ein langer, hagerer Weber, dessen sonstige Lustigkeit und schnelle Zunge die schreckliche That so gedämpft, daß er sich bisher schweigend verhalten und oft wie in tiefen Gedanken schwer Athem geholt und, auch jetzt, kaum daß er dies Wort gesagt, in sein altes Hinbrütcn versank. „Dummes Zeug!" entgegnete ein kleiner, untersetzter Mann, dessen ^ " 4 und finsteres Aussehen zu seinem lachenden Munde und überlustigcn Wesen seltsam kon- trastirte, „die Sonne wird es schon an den Tag bringen!" Der Weber und alle Umstehenden blickten unwillkührlich zum Himmel und sonderbar — durch das dunkle Wolkennctz brach in diesem Augenblicke die Sonne mit wunderbarem Glänze, daß sie Aller Augen blendete und es wie heilige Schauer über manche- Herz rieselte. Dieser so einfache und natürliche Vorgang sprach zu allen Versammelten wie eine Stimme Gottes, und machte einen erschütternden Eindruck. Alle schwiegen. Einzelne alte Leute falteten die Hände und beteten ein Vater unser; aber in Jedem lebte jetzt die Ueberzeugung, daß der Himmel die Mörder an das Licht ziehen, daß eS die Sonne an den Tag bringen würde. Der Weber schien von Allen am ergriffensten. Er, der sonst stets einen heitern Scherz auf den Lippen hatte, stammelte ebenfalls ein Gebet, und seine Augen weilten noch lange auf der Stelle, wo die Sonne hindurchgekrochen, nachdem sie sich schon wieder in Wolken gehüllt. Ein neben ihm stehender junger Bursche weckte ihn endlich auS seinen Träumen, er stieß ihn unsanft an und sagte lachend: „Und wenn Du Dich blind siehest, dort steht's doch nicht. — Ha, ha, Leute! Da gibt's nicht viel Kopfzerbrechens, der Georg wird sich freuen, daß sein Todfeind fort — 's ist ein Mordskerl!" „Vcrmoster Witz!" rief hierauf der Maurer lachend. „Junge!" fuhr er fort, „Du hast in Deiner kleinen Zehe mehr Verstand, als Mancher in seinem dicken Schädel. Der Georg ist ein Mordskerl!" „Der Georg?" o, da geht mir ein Licht auf!" begann ein Bauer, und alle Umstehenden stimmten dem Ausrufe bei. „In der Nacht vor der Hochzeit," begann von Neuem der junge Bursche. „Daist ein prächtiger Zufall." „Zufall!" entgegnetc der Maurer, „bist doch noch dumm. Junge, 's ist sonnenklar, der Georg weiß von der Geschichte mehr, wie wir Alle." „Ja, ja, so ist'S!" ließen sich Viele vernehmen. „Das ist nicht wahr!" rief der Weber heftig. „Der Georg ist unschuldig, es ist niederträchtig —" er stockte plötzlich, denn ein böser, stechender Blick des Maurers traf plötzlich sein Auge. „Was ist niederträchtig? Daß ich die Wahrheit sage?" entgegnetc der Maurer. „Webr, Du bist heut' noch nüchtern, laß uns einen trinken," und er zog den Zögernden raesch aus der Menge und mit sich fort. Der junge Bursche folgte. Die Aeußerungen des Webers waren wenig beachtet worden, desto mehr die seiner Freunde, und es dauerte nicht 10 Minuten, da hatte sich die Volksstimme gebildet, die Volksstimme, die ja stets den Nagel auf den Kopf trifft — der Georg ist der Mörder wer Anders sollte den Müller erschlagen haben? Gestohlen war ja nichts worden, obwohl der junge Müller viele Hundert Thaler Geld in seinem Kasten hatte, das er erst vor einigen Tagen von einem reichen Bäcker ausgezahlt erhalten. Waren dies nicht Beweise genug von der Schuld Georgs? Die Mutter des Ers-Hlagenen war am vergangenen Tage mit ihrem jüngeren Sohne in die Stadt gefahren, um Einkäufe zu besorgen. Der glückliche Bräutigam hatte ihr das Geleit bis zu dem Dorfe seiner Braut gegeben. Bei ihr war er noch die letzten Stunden seines Lebens geblieben, um »ach 10 Uhr hoffnungsfreudig heimzukehren und in wenig Stunden darauf ein zcrstücktcr, elender Leichnam zu sein. Ein Knecht hatte das Haus hüten sollen, war aber, in Erwartung, daß sein Meister nicht vor Mitternacht heimkehren würde, in die Schenke gegangen und mit einigen Kumpanen erst in frühester Morgenstunde heimgekehrt; sie hatten auch zuerst den Leichnam aufgefunden und Lärm gemacht. Der herbeigeeilt« Kriminalrichter war bereits eifrig mit der Vernehmung der nächsten Angehörigen des Müllers beschäftigt, und der kleine alte Mann that dies in seiner ge- ttcrndcn und zufahrenden Weise. Er war Gerichts-Rath beim Land- und 5 Stadtgericht des nächsten Städtchens und zu gleicher Zeit Patrimonialrichter von Wolfsdorf. In letzterer Eigenschaft hatte er sich allgemein wegen seiner Härte und Brutalität verhaßt gemacht. Er stand in dem Rufe eines bestechlichen, heimtückischen Beamten, der Recht und Gesetze nach seiner Laune mit Füßen trat und bei den Prozessen der Bauern mit der Gutehrrrschast die Letztere auf eine unverantwortliche Weise begünstige. Das klarste Recht wurde unter seinen Händen zum Unrecht und deßhalb war der Mann eben so gehaßt, wie gefürchtet. Man wich auch heut dem verbissenen, boshaften Alten scheu und schüchtern aus, der, von einem Gastmahl plötzlich abgerufen, in der erbittertsten Laune war und fürchterlich über das Mord- und Raubgesindel raisonnirte, vor dem er nicht mehr einen Augenblick Ruhe habe. Als der Kriminalrichtcr hörte, daß die Braut des Ermordeten anwesend, wurde auch sie vernommen. So grob und schonungslos der alte verrufene Mann sonst auch war, gegen junge hübsche Mädchen benahm er sich mit einer widerlichen Freundlichkeit. Auch die weinende, schüchterne Marianne wurde größerer Rücksicht gewürdigt, er kniff in die Wange und sagte schmunzelnd: „Trösten Sie sich, mein Kind! Es ist freilich schlimm, wenn einem der Bräutigam am Hochzcitsmorgcn todt geschlagen wird; aber es gibt noch viele junge Bursche auf der Welt. Er war also gestern bei Ihnen? He, mein Kind, er war bei Ihnen?" setzte er mit lüsterner Miene hinzu: „wie lange blieb er denn im Kümmerchcn?" Marianne erröihete, nicht aus Scham, sondern aus Unwillen, ihre Thränen versiegten und sie enigegnete fest, beinahe stolz: „Er kam gegen Abend zu meinem Vater und blieb in unserer großen Stube bis um halb 10 Uhr, das wissen unsere Mägde." „Und Sie gaben ihm das Geleit?" „Bis au's Hofthor, wie es der Vater wollte!" „Ja, ja!" bemerkte die Müllcrmitkwe, die Mutter des Ermordeten, die in der Stube gelassen worden, „sie war ihm nicht gut, sie hat sich den Georg Körner eingebildet, und die Leute reden schöne Geschichten. Mein armer Sohn! O ich unglückliche Mutter!" „Was reden die Leute?" fragte der Kriminalrichter heftig. „Daß der Georg meinen Sohn auS Eifersucht erschlagen," entgegnete die Müllers» Wittwe. „Das ist nicht wahr!" fiel Marianne augenblicklich mit Entschiedenheit ein, „das ist eine schändliche Lüge!" „Still! Kein Weiber-Gcwäsch!" polterte der Alte, „was ist das für ein Mensch, der Georg Körner?" „Der ist gut und rechtschaffen, der thut Niemand,etwas zu leid!" „Ein heimtückischer Kerl ist's, — dcr's schon lange meinem Sohne zugeschworen," riefen die Frauen fast zu gleicher Zeit. „Still! das ist ja zum Taubwerden," gebot wieder der Rath. „Herr Gcrichtsralh, ich bitte, lassen Sie mich sprechen," bemerkte die Müllers- Wittwc, und der sonst so losplatzende Alte bewilligte doch die Bitte und wandte sich augenblicklich zu Marianne: „Liebes Kind, ich kann Sie jetzt nicht mehr brauchen, gehen Sie ruhig nach Hause." Marianne zögerte; aber der alle Rath entfaltete jetzt den keinen Widerstand duldenden Beamten. Marianne mußte sich, obwohl schwere» Herzens, entfernen. Ihr folgte ein böser, triumphircnder Blick der Wittwe. Die Müllerwitlwe war eine große, starke Frau, und trotz ihrer 50 Jahre von blühender Gesichtsfarbe und voller kräftiger Gestalt. Sie haßte Marianne und hatte diese Verbindung auf alle erdenkliche Weise zu hintertreiben gesucht, weil sie fürchtete, mit dem Einzüge der neuen Wirthin ihre Herrschaft und damit die Gelegenheit zu verlieren, für ihren eigenen Sohn noch etwas bei Seite zu legen. Ihr Stiessohn hatte aber alle Warnungen in den Wind geschlagen, weil er Marianne wahrhaft geliebt. 6 Kein Wunder, daß die alte Frau dem jungen Mädchen nicht vergessen konnte, ihren Slicfsohn so arg bezaubcrt zu haben. Jetzt konnte sie, wenn sie die Sache aufdeckte und den Mörder nannte, Mariannen den gehabten Aergcr heimzahlen, und sie that es ohne Rückhalt, denn sie schien überzeugt, daß Georg ihren Slicfsohn ermordet und Marianne wohl gar darum wisse. „Nun, Frau Meisterin, erzählen Sie," wandte sich der alte Kriminalrichter unge- niein freundlich an die Müllcrwittwe. „Es ist der Georg Körner, Herr Gcrichtsrath," begann die Alte. „Niemand anders; die Kleider von meinem armen Wilhelm liegen noch alle auf dem Stuhle, wie Sie es gesehen haben, aber jetzt war ich noch einmal oben und nun ist mir Alles klar." „Was ist Ihnen klar?" fragte der Gerichtsrath. „Daß der Georg der Mörder," cntgcgnete die Frau, „ich habe auf dem Tische ein rothes Halstuch gefunden, das gehört nicht meinem Sohne, sondern dem Georg, wie die Leute sagen." „Wer sagt es? Wo ist das Tuch? Ich muß selbst sehen, wo es liegt," sagte der Gcrichtsrath. „Meyer, warten Sie einen Augenblick," wandte er sich an seinen kleinen buckeligen Protokollführer, der ihm mit einem sonderbaren Lächeln nachsah und sich dann wieder eifrig über seine Akten bückte. Wenige Minuten später kehrte der Gcrichtsrath allein zurück; er hatte das Tuch in der Hand. Die beiden Knechte wurden jetzt vernommen, angepoltert, eingeschüchtert und erst nach langem, heftigen Schimpfen des Gcrichtsraths wurde so viel aus ihnen hcraus- gepreßt, daß sie das Tuch noch vor acht Tagen bei ihrem Kameraden Georg gesehen und es genau wieder erkannten, ja sie wußten zuletzt einen für den armen Georg noch gra- vircndern Umstand zu bekunden. Beide bezeugten und beschworen, daß Georg sich noch in der zehnten Stunde der vergangenen Nacht aus dem Stalle, wo sie zusammen schliefen, heimlich und geräuschlos entfernt, und erst nach Mitternacht zurückgekommen. Genug Jndicicn, um die Schuld Georgs außer Zweifel zu setzen. Noch an demselben Tage wurde Georg Körner verhaftet und in die Stadt gebracht. Am folgenden Morgen schritt der Gcrichtsrath zu seinem Verhör. Der junge Bursche sah blaß und' niedergeschlagen aus, seine dunklen Augen lagen tief in ihren Höhlen und waren ohne allen Glanz, vielleicht waren es nur die Folgen der schlaflos zugebrachten Nacht. Der ganzen Erscheinung fehlte nur das Robuste eines Knechtes, er war schlank und schmächtig, und nur von mittlerer Größe. Man hätte ihn für einen schwächlichen, zaghaften Menschen halten können, aber in dem Ausdrucke seines Gesichtes lag Festigkeit und Trotz. Die dunklen Augen mit den starken Brauen und dem etwas vorstehenden Kinn deuteten auf einen unbeugsamen Charakter. Der Gerichtsrath war, als Georg zum Verhör gebracht wurde, in seiner übelsten Laune; denn jeden Morgen stieg er wie ein drohendes Gewitter in die Aktcnstube hinab, um sich unter Blitz und Donner am Tage über zu entladen und dann nur Abends beim Whist unter alten Freunden einen Streifen heitern Himmels zu zeigen. (Fortsetzung folgt.) Von der Lebensversicherung. Wie's in der Natur überall seinen geregelten Gang geht und wie bei aller Vielfältigkeit der Erscheinungen dem menschlichen Auge und Geiste immer neue, weise Gesetze bemcrklich werden, die die Alles durchwaltendc Gottcskraft gegeben hat, damit die herrliche Schöpfung, Erde, trotz ihrer vielfachen Wandlungen dennoch unwandelbar ihrer Bahn getreu dahinrollc und alljährlich von Neuem wachse, grüne und blühe: So hat der auf? 7 wirksame Beobachter denn auch gefunden, daß der Tod gleichfalls einem solchen unwandelbaren Gesetze gehorcht. Wohl greift derselbe oft mit scheinbar blindem Griffe in's bunte Leben hinein und bettet bald den blühenden Jüngling oder die holdlächelnde Jungfrau, bald den lebenskräftigen Mann, bald den vielversprechenden Knaben neben dem altersschwachen Greis in die Gruft, aber demungcach et beugt er sich dem ihm vorgeschriebenen Gesetze der Sterblichkeit und nimmt, im Großen und Ganzen betrachtet, von keiner einzelnen Klaffe der Menschheit mehr, als jenes Gesetz ihm erlaubt. Gleichwie auch im Sommer sich wohl dann und wann kühle oder gar kalte Tage einstellen, und im Winter oft sonnige warme Witterung der Jahreszeit zu spotten scheint, während im allgemeinen doch dem Winter die kurzen kalten, dem Sommer die langen, warmen und sonnigen Tage eigen sind, so nimmt auch der Tod hin und wieder einzelne Menschen in den Jahren der Kraft und sprudelnden Gesundheit hinweg, aber er vermag die Grenze nicht zu überschreiten, die ihm Derjenige gezogen, der die Ordnung im Weltgetricbe aufrecht erhält, der auf deu Frühling deu Sommer, auf den Herbst den Winter folgen läßt, und der auch die Arbeit des Schnitters Tod nach seinen ewigen Gesetzen geregelt hat. Sorgfältige Beobachtungen der Sterblichkeit haben zur Kenntniß dieser Slerblichkcilsgesetze geführt und auf ihnen fußt das Institut der Lebensversicherung. Lebensversicherung! Niemand kann sein Leben gegen den Tod versichern, denn Sterben, Abscheiden von der Erde mit ihren Freuden, und hinaustreten aus dem Kreise der Lieben in ein Jenseits, wo wir später ein Wiedersehen in geläuterter Gestalt erwarten, Sterben ist das Loos jeden Erdcnbcwohners. Wohl aber kann daS Leben des Einzelnen niit einer Summe Geldes versichert werden, die bei seinem Tod fällig wird und so die Seinen schützt, daß sie, die ihm Liebgcwordencn, nicht darben müssen, daß sich dem Kummer um den Dahingeschiedenen nicht noch die Sorge um das tägliche Brod, um die Ausbildung der unerzogenen Kinder beigeselle und das schwcrgcbengte Haupt der trauernden Wittwe noch schwerer bedrücke, als es bereits durch den Tod des geliebten Mannes belastet ist. Dergleichen Sorgen fern zu halten, die Wohlfahrt der Familie dauernd zu begründen und die Gefahren, die der plötzliche Tod des bisherigen Ernährers mit sich bringen müßte, möglichst zu beseitigen, also deu Schlag plötzlichen Hiuscheidens des Familicnoberhaupts, den Niemand abzuwenden vermag, wenigstens so zu mildern, daß er für die Hinterblei- bcnden nicht ein völlig vernichtender werde: — Das ist der schöne Zweck der Lcbens- Vcrsichcrung. Bis vor -10 Jahren kannte man eine solche Institution in Deutschland nicht. Erst im Jahre 1827 wurde von Gotha aus darauf aufmerlsam gemacht und zur Gründung einer Lcbeusversichcruugsbank für Deutschland angeregt. Die Sache fand großen Anklang, das Unternehmen kam zu Stande und wu hS von Jahr zu Jahr in der erfreulichsten Weise. Aus dem neuesten Gcdenkblatt ersehen wir, daß die Gothacr Bank bis jetzt schon mehr als 20 Millionen an die Erben gestorbener Versicherten ausgezahlt und über 8 Millionen Dividende an Lebende vertheilt hat. Jare Mitgliederzahl beträgt dermalen über 80,000 Personen, deren Angehörige von ihr dereinst mehr als 55 Millionen Thaler zu gcwarten haben. Für ihre Sicherheit bürgt neben der Gesammtheit der Banktheilnehmcr ein vorhandenes Kapitalvermögen von 15 Millionen Thaler. — Nach ihr sind noch eine ganze Ncihe einheimischer LcbcnSvcrsichcrungsanstalteu entstanden, so daß deren in Deutschland gegenwärtig 85 vorhanden sind, bei denen zusammen etwa 350,000 Personen ihr Leben mit mehr als 300 Millionen Thaler versichert haben. Wie oft gibt es Gelegenheit, in Verhältnisse einzudocken, für welche der Abschluß einer Lebensversicherung dringend anzurathcu wäre! Wie viele Familien kennen wir, deren Angehörige ein so recht trauliches Leben miteinander führen, wenngleich sie mit Glücksgütern nur spärlich bedacht sind. Der Vater ist ein rüstiger Arbeiter, er besitzt eine fleißige Hand und munteren Sinn, und die Seinen brauchen nicht zu darben; er nährt sie redlich und ehrlich. Wie aber, wenn sich nun jählings seine zwei Augen zum ewigen Schlafe schließen? Was beginnt dann die Mutter mit dem Häuflein unerzogener Kinder? Würde ihr nicht schon eine Versicherungssumme von nur wenigen Hund rl Thalern ein rechter Behelf sein ? Ge>iß, und dem arbeitgcübten Vater wäre auch die Aufbringung der geringen Versicherungsbeiträge nicht unmöglich gewesen, denn sie betragen ja für das rüstige Manncsalter kaum 3 Procent. Allein er hat es unt rlafsen, eine Lebensversicherung vorzukehren, und die Seinen verfallen ins Elend, wenn er frühzeitig stirbt. Das Absparen der Versicherungskosten fällt bei Weitem nicht so schwer, als es Manchem scheint; es wird leichter, sobald nur erst der Anfang damit gemacht ist. Wer da meint, er fei zu arm, um sein Leben zu versichern, mag nur bedenken, wie seinen Lieben diese Armuth noch weit drückender werden muß, sobald ihn der Tod an deren Unterstützung hindert. Mit wöchentlicher Ersparniß von 5 Ngr. kann er seinen Kindern schon einige Hunderte sichern. Er sollte nicht säumen, sich durch seine Versicherung das freudige Bewußtsein getroffener Fürsorge zu erkaufen! — Der Beamte wird wohl thun, sein Leben zu versichern. Er kann mit dem Versicherungsschein Caulion machen und daneben seinen Angehörigen noch ein Kapital erwerben, das nach seinem Ableben der Ausbildung der Kinder und die Gründung eines neuen Erwerbszweiges ermöglicht. — Der Landwirth braucht, wenn er sein Leben versichert, seine Güter nicht zu zersplittern. Er kann sie dem einen oder einigen seiner Kinder überweisen, die andern aber mit der Versicherungssumme für ihren Erbthcil abfinden. — (Schluß folgt). Miseellen. In einem Eisenbahnwagen, in welchem sich sechs bis sieben Herren gesetzt hatten, begannen diese gleich nach der Abfahrt ihre Cigarren hervorzuziehen und nach Zündhölzchen zu suchen. Eben wollte einer der Herrn sich durch Reiben Feuer anzünden, als ei» älterer Herr ihn beim Arme nahm. „Sachte, sachte." rief er, „nehmen Sie sich i» Acht!" — „In Acht nehmen, weßhalb? — „Sehen Sie denn nicht hier meinen Sack? Er ist voller Schießpulvcr! Wenn er Feuer faßte, wären wir alle verloren!" — Die jungen Herren erbleichten und warfen ihre Streichhölzchen zum Fenster hinaus. Keiner redete ein Wort. Auf der ersten Hallstelle riefen sie nach dem Schaffner. — „Was steht zu Diensten?" — „Hier dieser Herr führt einen Sack voll Schießpulver mit sich!" —- „Schießpulvcr?. Das ist gegen die Ordnung! Her mit dem Sack!" — „Geben Sie sich keine Mühe, mein Herr, iu meinem Sacke finden Sie nur einige Wäsche. Diese Herren wollten iu diesem Coups rauchen; da mir das nun zuwider ist, wollte ich, daß sie ihrer selbst willen auf das betäubende Vergnügen verzichteten, und es ist mir gelungen." Hiermit empfahl sich der Herr, der an seinem Wohnorie angekommen war. „Da hab ich schon wieder einen Zahn verloren!" sagte eine Frau zu ihrer ritterlichen Ehehälfte. „Der wird sich freuen, raß er mit deiner Zunge nicht mehr in einem Logis zu wohnen braucht," murmelte der nngalante Gemahl. Druck, Ne'rlaa und Redaktion des literarischen Instituts von Vr. M. Huri!«*; Nro. 2. 10. Januar 1869. Wie Krystall und Eis, so qlciche» sich Wahrheit und Lüge. Beide können strahlen; nur bleibt jenes, und dieses vergeht. Gerächt «nd gerichtet. (Forschung.) Der alte Kriminalrichter saß, wie immer, hinter seiner Barriere und nahm beim Eintritt des Jnkulpaten eine Prise, um den letzteren mit geschärften Augen anblicken zu können. „Er ist also der nichtSwürdige Mordkcrl, der den Müller todt geschlagen?" — donnerte er Georg an. „Das bin ich nicht!" cntgegncte dieser ruhig. „Schweig Er und antwort' Er nur, wenn Er gefragt wird. Er hat mit Konrad's Marianne eine Liebschaft gehabt?" fragte der Alte weiter. „Nein, das habe ich nicht," war die gelassene Antwort. „Was? Er längnet, was dorfbekannt?" rief der Gerichtsrath entrüstet, „so fang' Er mir nicht an, sonst wird's nicht gut!" setzte er drohend hinzu und fuchtelte dabei mit einem Aktenstück in der Luft. „Ich bin der Marie gut gewesen und sie mir, aber eine Liebschaft haben wir nicht gehabt!" cntgegncte Gcv'-g Körner. „Wie? Er untersteht sich, solche Wortklaubereien vorzubringen? Das ist ganz gleich; Er hat eine Liebschaft mit ihr gehabt, versteht Er mich? Und Er ist wüthend darüber gewesen, daß sie einen Anderen hat hcirathen wollen." „Weil ihr Vater sie gezwungen," entgegnete der junge Bursche rasch, und in den matten Augen blitzte es seltsam auf. „Und Er hat deßhalb seinen Nebenbuhler aus dem Wege geschafft? Läugnc Er nicht länger! Wir haben die klarsten Beweise. Ist das nicht Sein Tuch?" — und damit brachte er das corpu8 ckalieli hervor. „Ja wohl!" entgegnete der Bursche unbefangen; „ich hab's vor einigen Tagen r Sei Marianne vergessen." „Ha, ha! da ist Er ja schon gefangen! Das Tuch lag in der Kammer des Ermordeten, und Er hat cS dort in der Eile liegen lassen." Das bleiche Gesicht GevrgS wurde noch bleicher, ein kalter Schauer lief durch seinen Körper, denn er fühlte, daß sich über seinem Kopfe ein dunkles Netz zusammenzog, dem er schwerlich entrinnen würde./ „Nun? Will Er Alles gestehen? Er kommt doch nicht los!" „Ich weiß nicht, wie das Tuch dorthin gekommen," brachie Georg mühsam hervor, „aber ich bin bei Gott unschuldig!" „Dummes Zeug! Gesteh' er lieber die ganze Geschichte! Wie hat Er's angefangen, in die Mühle zu kommen? Er muß den Müller im Schlafe überfallen und dann fortgeschafft haben?" Mit diesen Fragen überschüttete ihn der Kriminalrichlcr und seine grauen Augen ruhten stechend auf ihm. „Ich bin vorgestern mit keinem Tritte aus unserem Dorfe herausgekommen, das kann ich mit den heiligsten Eiden beschwören." 10 „Ach was, beschwören! Weiß Er noch nicht, daß Er in Untersuchung und zu keinem Eide kommt? Wo will Er denn gewesen sein? He? Kann Er Zeugen bringen, daß Er am Mord-Abende ganz wo anders war?" Die Brust des armen Burschen hob sich, ein Freudcnstrahl blitzte aus seinen Augen und er cntgeguetc rasch: „Ja, das kann ich." Plötzlich schien er sich zu besinnen, er flüsterte ein Wort leise vor sich hin und dann setzte er laut und heftig hinzu: „Nein, nein, das kann ich nicht sagen, und wenn Sie mich zehnmal zum Mörder machen." „Was? Er gestehe augenblicklich, wo Er gewesen." „Nein!" „Ich werde Dich dazu zwingen, Bursche!" cntgegncte der Rath und sein Gesicht bedeckte sich mit Zorncsröthc. „Sie können mich in Stücke reißen, und ich schweige doch! erwiederte Georg mit äußerster Entschlossenheit. „O ho, mein Bursche, Du bist noch zu zwingen!" rief der Gcrichtsrath wüthend und schellte heftig an einer Klingel. Ein Exekutor trat herein. Es war noch in jenen zum Glück entschwundenen Tagen, in denen Stockschläge zu den Ueberredungsmittcln gehörten. „Ruft mir den Stockmeister!" befahl der Gcrichtsrath, „und schnallt den Kerl dort auf die Bank, ich werde kurzen Prozeß mit ihm machen." Die Augen Georgs begannen zu funkeln, eine Flammenröthc schlug in sein blasses Gesicht, als jetzt noch ein großer starker Mann eintrat, dessen in der Hand gehaltene Peitsche den modernen Folterknecht bekundete. „Hartmanu, zählt dem Kerl fünfzehn auf," wandte sich der Rath an den zuletzt Eingetretenen. „Zu Befehl!" murmelte dieser mit einem heimtückischen Lächeln. „Rührt mich nicht an," rief Georg verzweifelt, „oder es wird nicht gut!" Seine Fäuste ballten sich und seine Lippen bebten in krampfhafter Aufregung. „Halt still, mein Junge!" cntgegncte der Riese und näherte sich dem zum äußersten Widerstände bereiten armen Burschen; aber noch ehe der Letztere einen verzweifelten Versuch der Abwehr wagen konnte, hatte ihn schon der Exekutor von hinten gefaßt und zur Erde geworfen. In wenigen Sekunden war er ein willenloses Schlachtopfcr seiner Peiniger. Eine solche Züchtigung ist stets schmachvoll und empörend; aber auf einen noch nicht völlig ^abgestumpften Menschen wirkt sie vollends vernichtend. Obwohl man auf dem Lande mit Schlägen und Stößen nicht kargt, war doch Georg durch sein dienstwilliges Wesen jeder, auch der kleinsten Züchtigung entgangen; um so tiefer mußte ihn jetzt ein Akt brutaler Gewalt berühren, den er nicht mehr zu überleben getraute. Er war einer Ohnmacht nahe und wäre vielleicht zusammengebrochen, aber das höhnende Lachen des Gcrichtsraths und sein schonungsloser Spott weckten ihn aus der Betäubung, und anstatt schwach und elend zusammenzubrechen, kochte Haß und Wuth in seiner Brust. Kaum, daß seine Peiniger ihn losgelassen und glaubten, daß er vor Schmerz sich nicht erheben würde, da sprang er wie ein Tiger auf; mit einem Satze war er über der Barriere und in der Nähe des Gcrichtsraths, und mit wahnsinniger Wuth umkrallten seine Finger den Hals des grausamen Alten. Die beiden Gerichtsdicncr hatten Anfangs unthätig dem wilden Angriff des jungen Menschen zugesehen, vielleicht aus Uebcrraschung über den unerwarteten Vorgang, vielleicht auch aus geheimer Schadenfreude, dem tyrannischen Vorgesetzten diese arge Demüthigung gönnend. Aber lange durften sie nicht zaudern, wollten sie sich nicht zu Mitschuldigen machen, und mit derben Fäusten rissen sie jetzt den wüthenden jungen Menschen hinweg. „Ah, der Mörder!" keuchte der Gerichtsrath mühsam hervor und noch braunroth im Gesicht. „Bindet, knebelt ihn! Sich an seinem Richter zu vergreifen, das ist noch schlimmer als Mord! Werft ihn in's Paradies! — so nannte der Gcrichtsrath ironisch das feuchteste und elendeste Loch des Gefängnisses, und man gehorchte seinem Befehl. Auf Niemand im Dorfe schienen diese finsteren Ereignisse einen sonderbaren Eindruck hervorgebracht zu haben, als auf das Hirtenmädchen, die Rose. Sie sprang oft wie toll in der Stube herum und rief jubilirend: „Ich weiß was, ich weiß was!" Aber wen» ihr Mitgesinde sie fragte, dann kicherte sie vor sich hin und verzog ihr Gesicht zu einem hämischen Grinsen. Nose war ein kleines, frühreifes Geschöpf, das mit aller Beweglichkeit auch die Bosheit eines Affen verband. Sie hatte, da ihre Eltern früh gestorben, sich fortwährend unter fremden Leuten herumtreiben müssen; sie war geschlagen und gestoßen worden, aber Niemand hatte an sie ein freundliches Wort verschwendet, und dieses Aufwachsen im vollen Schatten der Lieblosigkeit mußte ihr ganzes Wesen verkrüppeln und Gift und Galle in ihr Herz träufeln. Von der Natur mit ungewöhnlichem Verstände begabt, richtete sich all' ihr Denken daranf, die Mißhandlungen ihrer Umgebung durch boshafte Streiche zurückzuzahlen. Sie erkannte rasch die Schwächen und Fehler des neuen Mitgesindes und äffte sie zur großen Belustigung der Uebrigcn augenblicklich nach; rächte sich der Ankömmling durch ein paar derbe Schläge, dann war der Spaß um so größer, und Niemand erhob die Hand zu Nose's Schutze. Aber sie war auch unermüdlich im Ausspüren der Geheimnisse Anderer, keine noch so verborgene Liebschaft, kein noch so heimlicher Unterschlcif blieb von ihr unentdeckt, und schadenfroh wurde das Geheimniß preisgegeben. Sie hetzte Alles gegeneinander und ihr kobo dartigcs Treiben machte es, daß man sie nirgends lange duldete und von Dienst zu Dienst trieb Nur bei ihrem letzten Dienstherrn, dem Bauer Konrad, hatte sie schon ein Jahr ausgehalten, denn dieser hielt mit eiserner Strenge auf Ordnung, Alle gehorchten ihm auf's Wort; auch Rose halte eine große Furcht vor dem ruhigen, ernsten Manne, und hütete sich wenigstens, daß ihre boshaften Eulcnspicgelstrciche nicht zu seinen Ohren kamen. Selbst ihre dämonische Natur schien sich in letzter Zeit etwas verloren zu haben, und dies war ihrem früheren Dienstgcnosscn Georg zuzuschreiben. Er war der Einzige, der sie nicht verspottete, ja mit ihr freundlich sprach und sie gegen die Unbilden der Anderen in Schutz nahm. Das arme, überall getretene und geschlagene Mädchen vergalt ihm seine Freundschaft durch die größte Anhänglichkeit; sie war unermüdlich, ihm kleine Dienste zu leisten und lauschte ihm seine Wünsche an den Augen ab. Leider sollte ihr Glück nicht lange dauern; bald hatte sie mit ihrem unheimlichen Spürsinn das so verborgen gehaltene Liebes - Verhältniß Georgs und Mariannens entdeckt, und jetzt war es mit ihrer Ruhe dahin. In dem durch harte Arbeiten zwar körperlich zurückgebliebenen, durch ihre eigenthümlichen Schicksale aber weit über ihr sechzehnjähriges Alter geistig entwickelten Mädchen begannen sich alle Qualen der Eifersucht und mit ihnen ein böser Dämon zu regen. Ihrem boshaften Geplaudcr verdankte Georg seine Entlassung und damit glaubte sie Alles gethan zu haben, den jungen Burschen wieder für sich zu gewinnen; vollends überglücklich war sie, als Mariannens Verlobung zu Stande kam. Als Rose von der Verhaftung Georgs hörte, war sie Anfangs niedergeschlagen, bald aber gewann ihre koboldartigc Natur den Sieg und sie zeigte sich lustiger und übermüthiger, als je. Unter allerhand Grimassen ließ sie oft verstehen, daß sie jetzt dem Bauer seine Ohrfeige heimzahlen könne. „Du Nickel," meinte dann die Großmagd einmal erbittert, „ich werde es dem Bauer sagen, damit er Dich zum Hofe hinausprügelt." — „O, ich kann alles^ gehen," entgegnete Nose und schnitt ein Gesicht, und ehe noch die Großmagd zu einem strafenden Streiche ausholen konnte, war der Kobold in den Alkoven deS Bauers verschwunden. „Was der Bauer für Augen machen wird," bemerkte die zweite Magd. „Gebt Acht! sie wird wie ein Reisigbündel herausfliegen!" ri;f die noch vor Aerger kirschrothe Großmagd. Der Bauer saß am Fenster und rasirte sich zum morgigen Sonntage. Er sah in seinem kleinen Spiegel das Eintreten des Mädchens, wendete sich deßhalb beim Geräusch 12 der geöffneten Thür nicht erst um, sondern erwartete ruhig die Anrede des wunderliche» Gastes. Rose hatte, so lange sie dem Bauer diente, noch nie dies Zimmerchcn betreten, noch nie den Bauer aus freien Stücken angeredet, dennoch trat sie keck näher heran und begann: „Herr Konrad, ich hab' Ihnen was zu sagen." Der Bauer wendete sich auch jetzt noch nicht um, er behielt ruhig das Rasirmcsser in der Hand und schabte die eine Seite seines Bartes herunter, dann erst drehte er sich halb um und fragte: „Nun?" — Rose hatte kaum das zur Hälfte noch mit Schaum bedeckte, zur Hälfte glatt rasirte Gesicht erblickt, als sie in ein lautes Gelächter ausbrach und wie immer ihre tollen, lustigen Sprünge machte. Dies brachte den Bauer doch aus seiner gewohnten Ruhe, er stand «uf und streckte den nervigen Arm aus, um das freche Geschöpf zu ergreifen und zu züchtigen, aber Rose entschlüpfte ihm wie ein Aal aus den Händen, und die vergeblichen Anstrengungen des Bauers, sie zu fangen, steigerten nur ihre milde Lustigkeit, und unter lautem Gelächter rief sie immer: „Warten Sie nur, ich hab' Ihnen etwas zu sagen." Der Bauer, immer wüthender gemacht, ergriff den kleinen Spiegel und schleuderte ihn nach dem Kopfe des Mädchens, daß er in Stücke zersprang. Die Kleine, obwohl wenig verletzt, sing augenblicklich jämmerlich zu weinen au und schluchzte wie ein geschlagenes Kind hervor: „Nun sag' ich's allen Leuten!" „Was willst Du sagen?" rief der Bauer entrüstet. „Hinaus mit Dir!" „O, Ihr sollt mich schon bitten, hier zu bleiben," entgcgncte Rose, „wenn ich sage, was ich weiß, dann reißt Ihr Euch die andere Hälfte Eures Bartes aus;" und sie verfiel wieder in ihr wildes, koboldartigcs Lachen. „Ich jage Dich noch heut aus meinem Dienst!" rief der Bauer von Neuem und suchte wiederholt des Mädchens habhaft zu werden. Rose schlüpfte wieder unter seinen Händen hinweg, und von der steigenden Aufregung des Bauers zu immer größerer Lustigkeit aufgestachelt, wiederholte sie in kindischer Weise fortwährend: „Ich weiß was, Georg ist unschuldig, Georg ist ganz unschuldig!" „Was geht mich der Lumpcnkcrl an," brummte der Bauer. „Ja, Georg ist unschuldig," rief noch einmal Rose, „er kann nicht den Müller erschlagen haben, denn er steckte ganz wo anders." „Marschir hinaus, wenn Du weiter nichts weißt!" entgcgncte der Bauer heftig. Nose's ohnehin unregelmäßigen Züge verzogen sich zum häßlichsten Grinsen, sie zog sich vorsichtig nach der Thür zurück und, schon die Klinke in der Hand, rief sie: „Er steckte bei Mariannen, ha, ha, einen Abend vor der Hochzeit," und mit diesen Worlen wollte sie entschlüpfen; aber ihres Herrn eiserne Faust hatte sie schon erfaßt, mit einem Ruck war sie wieder mitten im Zimmer, und er rief: „Was sagst Du, Canaille?" — Rose schien sich an dem Zorn ihres Brodherrn zu weiden, und ohne Furcht cntgcgnete sie: „Es ist doch wahr, ich hab' sie belauscht, und er blieb bis nach Mitternacht!" Kaum waren diese Worte heraus, da schwebte sie auch schon, von den nervigen Armen des Bauers gehoben, hoch in der Luft. Seine Wuth schien der gewohnten, eisigen Ruhe gewichen zu sein, nur seine grauen, kalten Augen ruhten durchbohrend auf dem Mädchen, und er wiederholte leise: „Was sagst Du?" -kose hatte bei der größten Wuth des Bauers gelacht, jetzt bei seiner Ruhe verlor He die Fassung, ihre Augen irrten scheu und schüchtern umher, vielleicht ahnte sie, daß ihr Kopf in der nächsten Minute an der Wand zerschmettert werden könnte, und in hündischer Unterwürfigkeit stöhnte sie hervor: „Nein, nein, es ist nicht wahr, ich wollt' Euch nur ärgern, weil Ihr mir am Hochzeitsmorgcn eine Ohrfeige gegeben." „Das war Dein Glück," murmelte der Bauer, „und Du wirst still sein und kein Wort mehr davon schwatzen?" und seine harte Hand schnürte dem armen Mädchen fast dir Brust zu. ^ „Ich will still sein, wie das Grab," röchelte Rose. ^„Das ist gut," bemerkte der Bauer, und damit ließ er das Mädchen los, das 13 wie ein dem Bauer entrissener Vogel zur Thür hinausstatterte. — Die Großmagd halte Recht gehabt. Der alte Mann setzte sich jetzt wieder hin, sein unterbrochenes Rasirgeschäft zu Ende zu bringen; wohl zeigte sein Gesicht wieder die gewohnte Ruhe, aber stürmische, herz- quälende Gedanken wogten doch in seiner Brust auf und ab. War das Alles Lüge, was dieser Kobold geschwatzt, oder doch ein Funken Wahrheit darin? Nun, wenn auch nur ein Funken, so war es dennoch genug, um sein Haus zu beschimpfen und die Ehre seiner einzigen Tochter für immer in Frage zu stellen. Der Bauer hatte erfahren, datz Georg sich hartnäckig geweigert, sein Verbleiben in jener Nacht anzugeben — sollte Marianne dennoch? — ein tiefer Schnitt in seine Wange weckte ihn aus seine» Gedanken, er mußte daS Messer wegwerfen, nach Schwamm suchen, das Blut zu stillen, dann stützte er den Kopf in seine harten Hände, und versank von Neuem in tiefes Stillschweigen. (Fortsetzung folgt.) Von der Lebensversicherung. (Schluß.) Der Geschäftsmann glaubt vielleicht, er brauche sein Geld im Geschäft und erhalte Von demselben bessere Zinsen, als er bei der Lebensversicherung erziele. Hat er aber die Gewißheit, daß er alt werden wird? Kann er verbürgen, daß er so lange lebt, um eine so hohe Summe aufzusparen, als sie die Versicherungsanstalt gegen seine geringen Beiträge gewähren muß, selbst wenn sein Ableben schon nach der ersten Einzahlung eines Jahresbeitrages erfolgt? Und wenn nun gar zwei Kaufleute gemeinsam ein Geschäft betreiben, das ruinirt sein würde, falls der Ei c unverhofft bald mit Tode abginge und seine Erben das eingelegte Kapital zurückforderten, ist ihnen da nicht auzurathcn, daß sie beide gegenseitig die zusammengeschossenen Gelder versichern, damit beim Ableben des Einen die von ihm eingezahlte Summe dem Ge chäftc in dem Versichcrungskapitalc wieder zufließt und seine Erben aus diese Weise voll abgefunden werden können, ohne daß das Geschäft darunter zu leiden hat? Würde überhaupt Derjenige, welcher ein fremdes Kapital in seinem Geschäfte arbeite» läßt und dasselbe mit 4'P rozent verzinsen muß, sich nicht gern damit einverstanden erklären, dasselbe mit jährlich 6 oder 7 Prozent zu verzinsen, wenn ihm von seinem Gläubiger dagegen die feste Zusichcrung gegeben würde, die Schuld sollte mit seinem, des Geschäftsherrn, Tode qnittirt sein, und das Geschäft schuldenfrei an seine Kinder kommen? Nun, ' diesen Vortheil kann sich Jedermann verschaffen, wenn er die 2 oder Z Prozent, zu deren Mchrzahlnng an seinen Gläubiger er solchenfalls bereit sein würde, einer'Lebenvcrsiche^ rungsanstalt cntrichtrt, denn diese übernimmt dafür bei seinem Tode die Verpflichtung, das Kapital an seine Erben auszuzahlen, so daß sie die Schuld decken können. Doch nicht allein für den Todesfall schafft die Lebensversicherung Nutzen. Der Versicherte kann sich durch eine entsprechende jährliche Mehrzahlung das Ver- sichcrungskapital auch noch bei Lebzeiten erwerben und so den Segen seiner Sparsamkeit noch mit eigenen Augen ansehen. Man nennt solche Versicherungen abgekürzte Versicherungen. Sie dienen als Altersversorgung, zur Beschaffung eines Kapitals für die Kinder, wenn diese sclbbstständ g werden, zur Tilgung von Schulden, die erst nach Jahren abgetragen werden müssen, u. s. w. und h den das Gute, daß das Kapital, wenn der Versich rte vor der bestimmten Zeit stirbt, auch schon mit seinem Tode fällig wird. Es ließen sich der Fälle noch viele aufzählen, in denen die Lebensversicherung zum wahren Segenbringer wird. 14 Nur ein Beispiel will ich aus meiner Erfahrung erzählen, das eine mir befreundete Familie betrifft. Es waren junge Leute und sie führten ein herziges Liebeleben miteinander, wcßhalb ich stets bei ihnen einsprach, so oft mich auf meinen Reisen der Weg durch ihren Wohnort führte. Man sah's ihnen an den Auge , au, wie gern sie sich hatten und wie sehr es in ihren Wünschen lag, einander zu Gefallen zu leben. Ein munterer, bansbäckiger Knabe, der eben zu sprechen begann, als ich das vorletzte Mal bei ihnen weilte, war ihre größte Freude und ihr höchstes Gut. Das Geschäft ging gut, wenn auch keine großen Kapitalien darin steckten, denn der Mann war fleißig und verstand seine Sache. Sa lebten sie recht glücklich und zufrieden. Als ich das letzte Mal dort vorbeikam, ging die junge Frau in Trauer. Zhr Gesicht sah bleich aus und als sie mich erblickte, traten Thränen in die hübschen, jetzt so schwcrmüthig blinkenden Augen. Schweigend winkte sie mir, einzutreten. Ich folgte. Sie führte mich hin zu dem mir wohlbekannten Bilde, das die kleine drei zählende Familie in glücklichem Beisammensein darstellte, und gestand mir schluchzend, daß sie vor wenigen Wochen ihren Gatten ins kalte Grab habe betten müssen. Eine Erkältung, die der rüstige Mann anfangs wenig achtete, hatte ihn aufs Krankenlager geworfen und kaum nach einem Monate war rr dem hitzigen Ncrvensiebcr erlegen, aller aufopfernden Pflege der treuen Gattin ungeachtet. „Und als ich nun da" — fuhr sie sanft weinend fort — „bei dem immer bösartigem Auftreten der Krankbcit meinen Kummer nicht mehr zu bergen vermochte, da faßte mein seliger Arthur wenige Tage vor seinem Ende in fieberfreier Stunde meine Hand und sagte so innig weich, wie er ja sein konnte und wie er in ernsten Augenblicken stets zu, sprechen pflegte: „Liebc Anna, weine nicht. Wohl wird das Scheiden mir schwer von Dir und unserm lieben Kleinen, aber ein Gedanke mildert den bittern Trcnnungs- schmerz, der Gedanke, nach besten jkrüften für Euch gesorgl zu haben. Ihr werdet nicht Mangel leiden, und ich segne die Stunde, in welcher ich vor Jahresfrist zu dem Entschlüsse kam, mein Leben mit einigen tausend Thalern zu versichern. Ihr seid nun doch für das geringe, sehr geringe Prämienopfer vor Armuth und Sorge gesichert." Wenige Tage darauf war er eine Leiche! Mir aber ward das versicherte Kapital ausgezahlt. Kanu damit auch der uns betroffene unaussprechliche Verlust nicht ersetzt werden, so bin ich dadurch doch der bittersten Noth überhoben und weiß, daß unser liebes Kind, welches außerdem mit mir im Elend hätte verkommen müssen, zu einem achtbaren Bürger erzogen werden kann. Der Geist seines Vaters umwallet uns und seine liebende Fürsorge für uns erstreckt sich noch über das Grab hinaus!" Ihr Gatte hatte ihr durch seine treue Vorsorge den besten Trost zurückgelassen. Don meiner herzlichen Theilnahme an ihrem bittern Geschick war sie überzeugt, was bedurfte es da noch der Worte Gepräng: ich nahm mit stummem Händcdruck von der trauernden Wittwe Abschied. Möchte dieses Geschichtlein, dergleichen die Vcrsicherungsmänner wohl noch manches zu erzählen wissen werden, dazu beitragen, den Leser zur Lebensversicherung anzuregen, mit der er den Seinigcn so viel Leid und Sorge ersparen kann. Wie mancher durchblättert bei der einem nahen Familienfeste die Zeitungen, nicht schlüssig der Waht des Geschenks, womit er die Gattin zu erfreuen gedenkt. Bald fesselt hier, bald dort eine Verkaufsanzeige von Festgaben seinen Btick, ohne daß er sich zu cnt scheiden vermag. Nun, lieber Freund, wie wär's, wenn Du Deiner Frau eine Lebens Versicherungspolice zum Angebinde brächtest? Mischt sich dadurch auch der Gedanke a* den Tod in die Festfreude, dieselbe wird nur um so geläuterter werden und der Dan^ 15 Deiner Gattin um so inniger sein, wenn ihr die Mahnung ans Herz dringt, daß auch ein Tag kommen kann, wo sie das Familienfest ohne den Vater ihrer Kinder feiern muß. Ihr wiegt der Versicherungsschein doppelt schwer, denn wie er ihr einesteils die über das Grab hinausrcichende Liebe des Gatten verbrieft, so beurkundet er ja auch andererseits, daß sie Aussicht hat, der Mann ihrer Wahl werde noch lange treuhelfend i» rüstiger Gesundheit ihr zur Seite stehen, denn besäße er diese nicht, so wäre seine Aufnahme in den Versicherungsvcrcin nicht möglich gewesen. Haucht der Gedanke an die spatere Trcnnungsstunde auch einen schwermüthigen Zug über ihr Antlitz — ihr inniger Liebesblick wird für Deine Fürsorge desto herzlicher zu Dir sprechen, beredter als alle Dankcsmorte. Und wenn Du nun, scherzend halb und halb im Ernst, ihr vorhältst, was sie mit dem Vcrsichernngskapital dereinst zu beginnen vermag, wie sie damit Dein Geschäft fortführen, oder einen neuen ErwcrbSzweig begründen kann, um die Zukunft der Familie zu sichern und die Ausbildung der Kinder zu vollenden, — dann wird sich zu der Erinnerung an die eigene Jugend, die den Frcudenspendcrn am Weihnachtsabende zn kommen pflegt, ein trostgemnther Blick in die verschleierte Zukunft gesellen, der die Wege z i ergründen sucht, a f denen das Wohl der jetzt im Lichterglanz Euch fröhlich umjauchzendcu Kleinen sicher zu erreichen ist. (Der H""kee - Doodie.) Nur Wenigen unserer Leser wird der Titel diese- amerikanischen Nationalliedes noch unbekannt sein; eine Mittheilung des Textes in einer Ucbcrsctzung von E. A. Zündt dürfte der Diese amerikanische Marseillaise lautet: Yankee Zum Spott dereinst wohl durftet ihr Uns Nankce-Schlingel nennen; Heut' aber zieh'n zum Siege wir, Ihr sollt das Liebchen kennen! Nankee-Schlingel! Ha, ha, ha! Hankec Doodlc-Dandy l Wie der Rolhrock Reißaus nahm Vor'm Vaukce-Doodle-Dandy! Mehrzahl daher nicht unwillkommen sei». — D o o d l e. Der Länderdicb komm' über's Meer! Wir wollen's bald ihm zeigen! Frisch, Yankee-Buben, ^imt nur her, Woll'n ihn nach Hause geigen! Nankee-Schlingel! Ha, ha, ha! Aankee-Doodle-Dandy! Die Yankee-Büchse singt den Baß Zum Aankee-Doodle-Dandy. Wer ficht, der spielt nicht Federball; Doch soll, was muß, geschehen! Fest wird bei Nankee-Doodle's Schall Der Haukee-Bursche Haukee-Schlingcl! Ha, ha, ha! d)a»kee-Doodle-Dandy! Vorwärts! ruft der Capitäu Beim Vankee-Doodle-Dandy. Was, gleich dem Aankec-Doodle, Die Vorzeit uns verjüngen! Znm Lied," das Einer erst begann, Millionen Chorus singen. Aankee-Schlingel! Ha, ha, ha! Nankce-Doodle-Dandy! Rollen wird um'S Erdenrund Der „Aankec-Doodlc-Dandy." Dich, Yankee-Doodle, nicht allein Amerika soll wittern! Sollst überall willkommen sei« Und jeder Fürst soll zittern! Nankcc-Schlingel! Ha, ha, ha! Yankee-Doodlc-Dandy I Freiheit ist der Quell vom Lied DeS Hankee-Doodle-Dandy! 16 Miseellen. Zur Charakteristik der Spinnen. Vor dem Fenster meines Zimmers hatte im vorigen Herbste eine Spinne ihr Netz ausgebreitet. Eines Morgens bemerkte ich, daß sie nicht, wie gewöhnlich, in ihrem Verstecke, sondern am untern Ende des Netzes auf Beule lauerte. Ich fing eine Fliege und brachte sie so nahe an's Netz, daß sie sich mit ihren Flügeln in demselben verfing. Sofort stürzte sich die Spinne am untern Ende des Netzes auf die Beute. Fast in demselben Augenblicke aber schoß auch die wahre Eigenthümerin des Netzes aus ihrem Verstecke hervor, und es entspann sich jetzt ein Kampf zwischen Beiden um den Besitz der Beute. Die Eigenthümerin des Netzes konnte aber dem Eindringling nichts anhaben und mußte sich zurückziehen. In einiger Entfernung jedoch hielt sie inne, drehte sich herum, blickte nochcinmal auf die freche Eigenthnmsver- letzcrin zurück und eilte dann nicht in ihr Versteck, sondern nach der Außenseite des Netzes, wo die Radien desselben an der Mauer befestigt waren. Ich wußte im Anfang nicht, wie ich mir daS Benehmen der Spinne deuten sollte. Bald aber wurde mir die Sache klar, denn schon im nächsten Augenblicke bemerkte ich, daß die Fäden an der Stelle, wo sich die Spinne befand, losgetrennt waren. Hierauf hielt sie einen förmlichen Rundlauf um das Netz und trennte Faden um Faden von seinem Anhaltspunkte, während sie sich von Zeit zu Zeit nach der Eigenthumsverletzerin umsah. Das kunstreiche Gewebe war unterdessen in ein formloses Gespinnst zusammengefallen und hing zuletzt nur noch an einem Faden, der vom Verstecke der Eigenthümerin des Netzes auslicf. An diesem kletterte sie jetzt hinauf. Die erste Spinne hatte in der Zwischenzeit ihre Beute gelobtet und kunstgerecht mit ihrem Gespinnste umwunden. Ihre Lage wurde immer kritischer: niit einem Fuße hielt sie ihren Raub fest, mit dem andern klammerte sie. sich an die Trümmer des Netzes und erwartete so die Dinge, die da kommen sollten. Das Ende dieses Kampfes zwischen Frechheit, gepaart mit Stärke auf der einen Seite, und Schwäche, gepaart mit List auf der anderen blieb denn auch nicht aus. Der letzte Faden wurde losgetrennt und Gespinnst, Spinne und Beute fielen auf den Fensterstein. Jetzt blieb der fremden Spinne nichts Anderes übrig, als sich unter großer Mühe und Anstrengung einen anderen Ort aufzusuchen, wo sie ihren Raub verzehren konnte. (Dolch und Scheide.) Der Schauspieler Suett, welcher gern trank und selbst auf der Bühne Gebrauch von gebrannten Wassern machte, schlüpfte eines Abends, als er eben in „JulmS Cäsar" beschäftigt war, in einem freien Momente hinter ein Borsatzstück, zog eine Flasche unter der Toga hervor und that einen derben Zug. Flugs verbarg er die Flasche wieder, aber ein College, der auch kein Kostverächter war, hatte es bemerkt, trat zu ihm und raunte ihm zu: „Ah, Suett, was haben Sie da?" — „Nur meinen Dolch!" erwiderte dieser. — Der lüsterne College ließ sich dadurch nicht abhalten, ihm unter die Toga zu greifen, die Flasche hervorzuziehen und — auszuleeren. „Da haben Sie die Scheide!" sagte er, die leere Flasche zurückgebend. Sieht der Fran;ose ein hübsches Mädchen, dann ruft er: „Oiabl«;!" der Deutsche: „Göttlich". Ist das Mädchen aber häßlich, so sagt der Franzose: „küon Ilivu!" und der Deutsche: „Pfui Teufel!^ Ein Mann, welcher nichts weniger als verschwiegen war, vertraute Jedermann ein Geheimniß an mit der inständigen Bitte, es Keinem wieder zusagen. „Seien Sie darüber ruhig," versetzte ihm Jener, „ich werde ebenso verschwiegen sein wie Sie." Druck, Verleg und Redaction des Literarischcn Justituts von llr. M. Hutilcr. Nro. 3. 17. Januar 1869, Im Auslegen seid frisch und munter Legt ihrs nicht aus, so legt was unter. GSthe. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Obwohl Nose dem Bauer Stillschweigen gelobt, war sie doch nicht WillcnS, es zu halten. Zwar freute sie sich, daß Georg durch die Liebe zu Mariannen in ein solches Unglück gestürzt worden, aber sie gönnte der Letzteren auch nicht ihren guten Ruf; die Heuchlerin, die ihr so schlau den Geliebten entrissen, sollte nicht ihre Schande verheiln- lichcn dürfen, dafür mußte sie sorgen. Sie wollte die Sache geschickt unter die Leute bringen, und machte deßhalb am andern Tage, da es Sonntag war, bei ihrem einzigen Verwandte», den sie im Dorfe hatte, einen Besuch. Es war der arme Leinweber, der am Morgen jenes schrecklichen Tages noch nüchtern gewesen, wie sein Freund gesagt. Der Leinweber war nicht allein, seine beiden Freunde waren bei ihm und alle Drei spielten Karten. Nose wurde mit jener völligen Nichtbeachtung empfangen, wie sie es schon gewohnt war. Niemand dankte auf ihr „guten Tag," es wurde ruhig weiter gespielt und die Kleine hockte still auf die Ofenbank und betrachtete mit Aufmerksamkeit das Spiel. Schade, sie hatte gehofft, die Frau des Leinewebers zu treffen, die, eine Hebamme, am geeignetsten schien, ihren Bericht unter die Leute zu bringen, und sie wartete mit Ungeduld auf deren Kommen, dabei horchte sie ausmcrlsam auf das abgerissene Gespräch der Spieler. „Ich frage," rief der Weber, — „ich paffe," der junge Mensch. — „Ja, ich paß auch, daß sie mit dem Kerl ein Ende machen," bemerkte der Maurer. „Oh, das kann nicht mehr lange dauern," cntgcgncte der junge Mensch, „spiel Tu auS, Weber, es war doch ein Glück." „Er kann doch noch loskommen," — meinte der Weber, — „und es wäre auch schrecklich —" „Alter Narr," rief der Maurer, „kannst Du das Winseln nicht lassen, der Georg muß daran glauben und darf nicht loskommen — spiel nur aus!" „Aber er ist doch unschuldig," ließ sich Rose von der Ofenbank aus vernehmen. Alle Drei blickten halb verwundert, halb entrüstet auf den KobKd, der sich in ihr Gespräch zu nnschcn wagte. „Was weißt Du, Haidclcrchc!" rief der Maurer und lachte gezwungen. «» „Doch, ich weiß es," cntgcgncte das Mädchen keck, „er ist gewiß nicht der Mörder, denn er ist bis die Nacht um 1 Uhr bei seiner Geliebten gewesen." Rose hatte ein neugieriges Weitcrforschcn nach Namen, und wie sie zu dieser Wissenschaft gekommen, erwartet, und schlenkerte sorglos ihre Füße hin und her; statt besten fühlte sie sich Plötzlich von zwei derben Fäusten am Halse gefaßt, und ei» Paar wuthfunkclndc Augen ruhten durchbohrend auf ihr. Es war der Maurer, der ihr mit bebenden Lippen ein „schweig" zudonnerte, und sie vielleicht mit seinen nervigen Fäusten 18 rrwürgt und ihr die Kehle für immer zugeschnürt haben würde, wenn nicht der Weber dazwischen gesprungen wäre. „Bist Du verrücke, was kann das Kind dafür?" rief der Weber. „Laß sie los, sie erstickt ja!" Der Maurer schien sich zu besinnen und gab die Kehle des überraschten Mädchens frei. Jede Andere würde von diesem Plötzlichen wilden Anfall außer Fassung «nd ohnmächtig zusammengebrochen sein; Rose aber sah sich kaum aus den Händen ihres wilden Gegners erlöst, als sie, wie sie es gewöhnt, die Flucht ergreifen wollte. Der Maurer war jedoch schneller als sie, er stürzte rasch auf sie zu und hielt sie fest. — „Hier bleiben, Kobold!" herrschte er ihr zu, „Du wirst kein Wort sagen von dem, was Du weißt — oder!" er machte eine drohende Bewegung. „Laß sie doch, das schadet ja nichts, und der arme Kerl käme wenigstens kos," bemerkte der Weber. Der Maurer warf ihm nur einen halb verächtlichen, halb drohenden Blick zu, und wandte sich wieder an sein armes Opfer. — „Nose, wirst Du .schweigen?" „Ich will es," stotterte das Mädchen. „Nun, es wird auch Dein Glück sein; kommt etwas heraus, so drehe ich Dir den Hals herum!" „Ich werde gewiß nichts sagen," betheuerte das Mädchen eingeschüchtert, und kroch furchtsam hinter die Hölle, während die Freunde sich wieder an den Spieltisch setzten. Nose hatte ein eigenes Unglück mit ihren Mittheilungen, es war fast rüthselhaft und sie grübelte lange darüber nach, beschloß aber, nun doch zu schweigen. Von dem Verlaufe der Untersuchung drangen nur wenige, und noch dazu höchst verworrene Nachrichten in's Dorf. Bald hieß es, Georg habe Alles gestanden, bald, er müsse freigesprochen werden, denn man bekomme aus ihm nichts heraus, und endlich verlor sich daS Interesse an der ganzen dunkeln Geschichte. Nur Marianne horchte mit fieberhafter Spannung auf jedes Wort, das über das Schicksal des Angeklagten verlautete. Sie war seit jenem fürchterlichen Morgen nicht mehr zur Ruhe gekommen, ihre Seele schien sich in den peinlichsten Kämpfen abzuquälen. Sie hatte ja Niemand, dem sie sich vertrauen, den sie um Rath fragen durfte, selbst ihren Vater nicht, und doch lastete es so schwer und vcrhängnißvoll auf ihrer Brust und drängte zu einer Entscheidung. Wie oft halte sie mit einem Bekenntniß aus den Lippen vor ihrem Vater gestanden, aber seine strengen, finsteren Züge bannten jedes Wort. Marianne war eine schwankende, schüchterne Natur, die sich unter den rauhen Händen ihres Vaters wie ein schwaches Rohr beugte. Uud jetzt sollte sie es wagen, eine Mittheilung zu machen, die ihren Vater in die höchste Wuth versetzen mußte? Eigentlich war sie kein echtes Baucrmädchcn, nicht derb und frisch, nicht voll Gesundheit und Leben strotzend, sie war das echte Kind ihrer Mutter, einer zarten, hübschen Städterin, die ihr Vater, vielleicht vvm Gegensatze angezogen, aus Liebe gchcirathet — seinen Eltern zum Trotz. Aber die Ehe war keine glückliche gewesen, und die junge Frau nach wenig Jahren gestorben. Da hatte denn der Bauer Konrad die Erfahrung gemacht, „baß es mit der Liebe nicht weit her, daß das Alles dummes Zeug" und es besonders nicht gut thue — gegen den Willen der Eltern zu heirathen, darum hatte er auch so entschieden bei der Wahl seiner Tochter seinen Willen durchgesetzt, den freilich der Tod, oder vielmehr ein fürchterliches Verbrechen, durchkreuzt. War Georg wirklich der Mörder? Hatte er sich von Haß und Eifersucht so weit hinreißen lassen, seinen Nebenbuhler einen Tag vor der Höchst aus dem Wege zu räumen? Der alte Bauer glaubte es und es brannte tief in seine Seele—die Schmach, baß um seiner Tochter willen ein Mord geschehen; aber kein Laut kam über seine harten, jetzt mehr als je geschlossenen Lippen. Wohl war Marianne inzwischen auch vernommen worden, sie hatte Georgs Unschuld darlegen, so Manches zu seiner Vertheidigung anführen wollen, aber der eigensinnige und gegen Georg auf's Höchste erbitterte Jupizrath hatte sie stets zur Ruhe gewiesen und ihr aus's Strengste befohlen, nur seine kurzen Fragen ohne alle Umschweife zu beantworten. Trost- und rathlos saß sie seitdem daheim, vergeblich sich zu dem Entschlüsse aufraffend, ihrem Vater die Vorgänge jener Nacht zu bekennen, und damit Georgs Unschuld zu beweisen. So waren einige für Marianne quäl- und Pcinvolle Wochen vergangen; da kam eines Tages die Schneiderin Bertha Perry — die Anfertigerin des nutzlosen Hochzeitskleides — aus der Stadt znm Besuch. Sie war, wie immer, recht bescheiden und zu» thunlich, wie es alle Dorf-Schneiderinnen — sie arbeitete meist auf dem Lande — sein müssen, und nachdem sie von allem Möglichen geplaudert, begann sie endlich: „Weißt Du, wie es dem armen Georg geht?" „Nein," entgegnete Marianne hastig, und ihr Auge glühte in Erwartung froherer Nachrichten. „Kommt er los?" „Warte nur, ich muß Dir Alles erzählen," entgegnete die Schneiderin, „aber Du mußt zu Niemand davon sprechen, das ist noch ein Geheimniß." „O, ich wzll gewiß schweigen," bemerkte Marianne eifrig, „ich versprech' Dir's heilig." Die Schneiderin rückte mit ihrem Stuhle ganz dicht an Marianne und begann geheimnißvoll zu flüstern: „Du kennst doch den Herrn Protokollführer, der immer mit dem Gerichtsralh herauskommt?" „Den kleinen Bucklige»? freilich kenne ich ihn!" „Nun, bucklig ist er wohl gerade nicht," entgegnete Bertha Perry empfindlich, „er hat nur vom vielen Sitzen eine hohe Schulter bekommen; das schadet nichts, er ist ein grundgcschcidtcr Mensch — und —" „Aber Du wolltest mir ja von Georg erzählen?" unterbrach sie Marianne unwillig. „Warte nnr, das kommt Alles," fuhr die Nätherin mit Wichtigkeit fort. „Vergangene Woche hatte ich Arbeit in der Stadt — denke Dir — bei einem Land- und Stadt-Gerichts-Canzlci - Assistenten, dorthin kam der Herr Protokollführer — denn das sind gute Freunde — " „Weißt Du wirklich etwas von Georg," unterbrach sie Marianne von Neuem, „so sag' mir'S, aber marl're mich nicht länger; — wüßtest Du, wie mir die Ungeduld am Herzen zehrt." „Ach, Du läßt Dir nichts ordentlich erzählen," entgegnete die Nätherin gekränkt, „ich muß es Dir doch sagen, wie Alles gekommen, wie glücklich ich bin, der Herr —" „Nein, nein! nur von Georg! was geht mich der bucklige Schreiber an." „Doch, Marianne, doch! Denn ohne den Herrn Protokollführer Meyer — meinen Bräutigam — erfährst Du nichts," — dabei blickte die Nätherin triumphirend auf Marianncn's Gesicht, um sich an ihrer grenzenlosen Ucberraschung und Verwunderung über eine solche Nachricht zu weiden. Marianncn's Antlitz aber blieb nach wie vor nur ängstlich gespannt auf die erwarteten Berichte, und deshalb entgegnete sie nur kurz: „So, das ist ja recht hübsch, ich gratukirc — also von dem hast Du's erfahren, wie'S dem Georg geht?" „Ja wohl, er sagt mir Alles," entgegnete die Schneiderin, und sie freute sich jetzt, dem reichen, stolzen Baucrnmädchen, das sich über ihr Glück nicht einmal verwunderte, dafür auch eine recht trübe Nachricht bringen zu können. „O, dem Georg geht's schlecht, er sitzt jetzt im finstersten Loch und ist schon gepeitscht worden." . ' Das junge Mädchen sprang wie von einer Natter gestochen auk und rang die Hände: „Gepeitscht! o, er ist unschuldig, sie müssen ihn loslassen," jarsi','„erte sie. „Ja, das hilft ihm nichts," entgegnete die Nähtcrin, „der Henx Protokollführer, mein Bräutigam, hat mir's gesagt, so lange er nicht gesteht, wo er Abend gewesen', so lange kommt er nicht loS, es sind zu viele „Windezichen" — sie meinte Jndicicn_ wie mein — " 20 „Und er hat eS nicht gesagt," unterbrach sie Marianne, „der Unselige!" „Eher will er sich die Zunge auSreißcn lasten, hat er entgegnct." „Dann muß ich es thun!" — rief Marianne und ihr Auge glühte, es schien ei» anderer Geist über das schwache, haltlose Mädchen zu kommen. „Gehst Du wieder in die Stadt?" fragte sie die Nahteriu hastig. „Warum?" fragte diese. „Ich muß hin, der Georg ist unschuldig, und, o Gott, sie haben ihn gepeitscht!" „Du willst doch nicht jetzt gleich fort?" warf die Nähtcrin ein, „Nachmittag ist der Justizralh nicht zu sprechen, das hat mir mein Bräutigam gesagt." „Ich muß ihn sprechen; Georg darf keine Stunde lang mehr im Gefängniß sitzen und sich peitschen lasten!" „Wende Dich nur zuerst an meinen Bräutigam," begann die Nähterin wieder, „er wohnt" — aber Marianne hörte sie nicht, sie war schon im Anziehen ihres Sonntagsstaates begriffen und suchte hastig in ihren Kästen und Schränken. „Adjes," sagte die Schneiderin gekränkt, „gute Verrichtung," und kopfschüttelnd ging sie von bannen. Marianne war in wenig Minuten fertig angekleidet, denn nur ein Gedanke füllte ihr ganzes Herz: fort in die Stadt, den Geliebten zu retten. Schon hatte sie den Fuß auf der Thürschwcllc, da trat ihr Vater herein. „Wo willst Du hin?" fragte er in seinem gewohnten, ernsten und barschen Tone. Marianne crschrack; sie fühlte Plötzlich wieder die feindliche Macht, die sich ihrem Bekenntniß drohend gegenübergestellt und es ihr unmöglich gemacht, ein einzig Wort zur Rettung ihres Geliebten zu sagen. Aber nur einen Augenblick überwältigte sie die alte Schwäche, nur einen Augenblick stockte ihr das Wort auf der Lippe, im nächsten schon erwachte von Neuem der Gedanke an Gcorg's Rettung, da galk's nicht länger, zu zagen und zu schwanken, die Liebe war größer als die Furcht und sie entgegnete, wenn auch leise, doch fest und ruhig: „Vater, ich darf nicht länger schweigen, sie peitschen Georg und er ist unschuldig, ich allein weiß es, er kann den Müller nicht erschlagen haben, denn er war in jener Nacht bei mir in meiner Kammer!" Der sonst so ruhige, eicheufcste Bauer, der selbst die Nachricht von dem Morde seines Schwiegersohnes ruhig hingenommen, Prallte bei den Worten seiner Tochter eine» Schritt zurück, seine finstern, buschigen Augenbrauen zogen sich noch drohender zusammen, er ballte die Fäuste und wollte einen Fluch ausftoßcn, Plötzlich schien er sich zu besinnen, ein heiseres Lachen drang aus der wie zugeschnürten Kehle, und er stieß hastig hervor: „Marianne, Du lügst. Du willst ihn nur frei machen," und doch schwirrten ihm schon die verworrenen Reden „der kleinen Rose" durch den Kopf. „Nein, ich lüge nicht, es ist die Wahrheit, laß mich nun gehen und Alles sagen," und sie wollte an ihrem Vater vorbei und zur Thür hinaus. „Du bleibst!" herrschte ihr der Bauer zu, „Du willst Deine Schande in die Stadt und aus's Gericht tragen, das soll nicht geschehen." „Ich muß es," sagte die Tochter mit jener Entschlossenheit, die sich gerade schwächlicher Charaktere, wenn sie einmal aufgestachelt werden, am meisten bemächtigt. — Der Bauer blickte verwundert auf fein Kind, das zum ersten Male seinen eigenen Willen zeigte; aber er war nicht der Mann, der sich über diese Regung von Selbstständigkeit gefreut, er hielt es für Trotz, den er zu beugen habe und entgegnete, immer zorniger werdend: „Ku bleibst zu Hause, oder —" „Ich ka»n''.nicht, Vater! Der Georg mag es nicht bekennen, wo er gewesen, und sie peitschen ihn." ^ „Mögen sie On lieber Peitschen, den Naseweis, als Deine Schande erfahren, ich hab' überall auf Zurrst und Ordnung gesehen, ich hab' mich Deiner Bravheit gerühmt, und nun willst Du 4mch Zum Gespött des Dorfes machen, Marianne!" fuhr der Bauer weicher werdend, fe^rt — er hatte seit langer Zeit nicht so viel gesprochen — „ich will 21 Dir den Fehl verzeihen, denn Du bist mein einzig Kind, aber Dn mußt darüber schweigen, Du darfst nicht diese Schande über meine grauen Haare bringen." „Es ist keine Schande, er kam in allen Ehren zu mir und Batcr, denk', der Georg hat geschwiegen unter den größten Qualen, und ich sollte schlechter sein wie er, nicht sprechen, selbst wenn es mir eben so viel Schmerzen kostet, als sein Schweigen." „Pah, wenn er es auch gesagt, wer hätt' es ihm geglaubt und was könnl's ihm auch nutzen, er kommt doch nicht los; Marianne, sei vernünftig und bring' mich nicht zum Acnßcrstcn." Die ohnehin harten Züge des Bauers nahmen den alten, finstern Ausdruck an, „Nein, ich kann nicht schweigen, sei barmherzig und laß mich fort," und Marianne wollte bittend seine Knie umfassen. „Fort!" wiederholte höhnisch der Bauer und stieß sie zurück. „Gut, aber komm' nie wieder; wenn Du das bekennst, darfst Du nicht mehr über meine Schwelle; nun geh', wenn Du noch Lust hast." Marianne wollte sprechen. „Kein Wort!" rief der Alte nnt zitternder Stimme und entfernte sich mit einer drohenden Gebcrde, die an dem Ernst seiner Worte keinen Zweifel zu lassen schien. Marianne streckte flehend die Hände gegen ihren sich entfernenden Vater aus und sank dann wie gebrochen zusammen. So lag sie eine Weile in tiefster Verzweiflung am Boden, die heißesten Kämpfe zwischen Kindespflicht und Liebe in ihrer Seele durchmachend. Plötzlich raffte sie sich wieder auf, ihr Auge erhielt einen höheren Glanz, das Opfer war gebracht, es gab ja keine Wahl, und festen FußcS schritt sie hinaus. IN. Der Justizrath schlürfte eben seinen Nachmittagskaffee, als Marianne noch in fieberhafter Aufregung und auf die abweisende Bedienung nicht achtend, zu ihm hereingestürzt kam. Der Justizrath, von dieser Keckheit überrascht, blickte verwundert aus das junge Mädchen, dann wollte er auffahren und poltern, aber von seiner alten Schwäche gegen das weibliche Geschlecht übermannt, fragte er beinahe heiter: „Mädchen, was willst Du? Hast Du's gar so eilig?" „Ja, Herr GcrichtSrath, lasten Sie ihn frei, er ist unschuldig!" „Wer ist unschuldig?" fragte der Alte ziemlich gelassen und nahm behaglich einen Zug aus seiner Tasse. „Der Georg — Der Bcrmste!" „Was? dieser Hallunke unschuldig?" fuhr plötzlich der Justizrath auf, und setzte die Tasse so heftig hin, daß sie in Scherben zerbrach; „dieser Räuber und Mörder," fuhr er, erbittert über den Verlust der Taste fort, „der den Tod zehnmal verdient; — Mädchen, was schwatzt Du da!" „O, Herr Justizrath, das ist Alles nicht wahr, Georg ist unschuldig." „Er soll aus's Rad, der Schurke, er hat mich —" der Justizrath hielt augenblicklich innc, um nicht die Schande zu bekennen, daß er von einem Verbrecher so gröblich insultirt worden und spielte verlegen mit den Trümmern seiner Taste. „Er ist dennoch unschuldig; ich allein weiß davon" Sie stockte, eine Flammcn- röthe schlug in ihr Antlitz, jetzt erst fühlte sie, wie tief ihr weibliches Gefühl durch ein öffentliches Bekenntniß verletzt werden sollte, das einen falschen Schein auf sie werfen mußte. „Nun, was weißt Du denn?" fragte der Justizrath scharf, „nichts weißt Du, geh' nur, Kind, Du kannst »och nicht ordentlich lügen." „Ich lüge nicht, ich will die Wahrheit sagen, mag sie noch so viel Schimpf und Schande auf mich bringen, der Georg kann den Mord nicht begangen haben, denn —" diese letzten Worte stieß sie hastig heraus, „er war in jener Nacht bei mir." „So?! und das fällt Dir jetzt erst ein, liebes Kind," entgcgnete der Justizrath ironisch, „davon hast Du bei Deinem ersten Verhör nichts gewußt; — ei, seht einmal die Unschuld." 22 »Ich durfte ja nichts sagen, ich mußte nur auf die Fragen antworten und —* »Du schämtest Dich," umcrbrach sie der Gcrichtsrath, „ja, ja, eine Nacht vor der Hochzeit, das wäre! — aber das traut Dir Niemand zu, das ist nicht wahr." »Ich bin nicht schlecht, wenn's auch so scheint," cntgcgncte Marianne; „ich mußte den Georg noch einmal sprechen, weil er immer so heftige Reden geführt und so verzweifelt gewesen, und ich hab' ihn so lange gebeten, bis er sich drein gefunden und ruhig fortgegangen; um 1 Uhr war er noch bei mir, wie sollt' er da den Müller ermordet haben?" „Siehst Du, Mädchen, Dein eigenes Zeugniß spricht gegen den Kerl, Du hast auch gefürchtet, daß er Deinen Bräutigam hat ermorden wollen!" und die grauen Augen des Justizraths ruhten stechend auf Mariannen. „Ja — nein," cntgegnete Marianne unsicher, „die Leute haben freilich seine Worte so gewendet und gedreht, er hat gewiß nicht gedacht, die Hand an meinen Bräutigam zu legen, aber an sich selbst; ich wollt' nicht, daß er um meinetwillen in den Tod ging und deßhalb hab' ich in jener Nacht mit ihm gesprochen." „Deßhalb? So, so!" erwiderte der Justizrath. „Kind, man merkt die Absicht und wird — doch das verstehst Du nicht Selbst das Alles für wahr genommen," fuhr er fort, „sag' mir, wie kam das Halstuch des Georg in die Kammer des Erschlagenen? Ei, siehst Du, Du bist gefangen." Marianne sann einen Augenblick nach, dann leuchteten ihre Augen freudig auf. — »Jetzt fällt es mir ein; nicht wahr, es ist ein roth-seidenes?" „Ja wohl!" „Der Georg hatte es vergessen, als er das letztemal uns besucht, mein Bräutigam fand es, er kannte das Tuch, und weil er sah, daß es mir so lieb war, nahm er's mir weg, das waren zwei Tage vor der Hochzeit." „Dummes Zeug!" lachte der Justizrath, „mein liebes Kind^ ich sehe. Du hast den besten Willen, aber den Georg lügst Du nicht mehr vom Galgen los." „Es ist die Wahrheit, ich will darauf den heiligsten Eid leisten," — cntgcgncte Marianne erregt. „Still, still! Du meinst es gut mit den, schlechten Kerl, Du schlägst sogar Deinen guten Ruf in Scherben" — er sah auf das Tablett, die zerbrochene Taste brachte ihm dies Bild — „aber Du bist doch nicht glaubwürdig." „O, Sie mästen mir glauben, Georg ist unschuldig, so wahr —" »Versündige Dich nicht," unterbrach sie der Justizrath. „Doch, nun lassen wir die Allotria, komm' morgen in das Audienz-Zimmer, da werde ich Dich amtlich vernehmen, doch nur pro inlormationo," und mit einer herrischen Handbcwcgung befahl er Mariannen, sich zurückzuziehen. Da stand sie nun draußen auf der Schwelle, rath- und hilflos, wie eine Träumende, sie hatte geglaubt mit diesem einzigen Worte, das ihr ja Viel, so unendlich Viel gekostet, die Fesseln Georg's augenblicklich sprengen zu können, und jetzt glaubte man ihr nicht einmal, jetzt verwies man sie auf morgen. Zurück in das Dorf zu ihrem Vater konnte sie nicht, wenigstens heut' nicht, und nach langem, rathlosen Hin- und Herschwanken suchte sie endlich Bertha Perry, die Nähtcrin, auf, die sie mit eitler Selbstgefälligkeit bereitwilligst in ihr kleines Stäbchen aufnahm. Am andern Tage wurde Marianne vernommen; aber die ganze Aussage wußte der Justizrath so zu fasten, daß sie für Georg völlig einflußlos blieb, um so mehr, als der Erstere von ihrer eidlichen Vernehmung Abstand nahm. Der Justizrath mußte aus Mariannens ganzem Wesen und Benehmen die Ueberzeugung schöpfen, daß sie Georg um jeden Preis retten und seine Unschuld mit Hingabe der ihren erkaufen wolle. Bor Gericht hatte Mariannens Aussage keinen Glauben gefunden, dafür in ihrem 23 Heimathdorfe um so mehr; ihr Ruf war für immer befleckt, und geschäftige Zungen gern bereit, ihn noch tiefer in den Koth zu treten. Mariannens Vater war außer sich; er hatte noch immer gehofft, seine Tochter würde nicht einen solchen Wahnsinn begehen, und jetzt hatte sie es doch gethan, und den größten Schimpf über sich und ihn gebracht. Er fühlte sich davon tief niedergedrückt, aber noch mehr davon, daß Marianne nicht mehr zu ihm zurückkehrte. Mit seiner Drohung war es ihm doch nicht Ernst gewesen, er halte damit nur einen letzten Trumpf ausspielen wollen, um Mariannens Vorhaben unmöglich zu machen. Jetzt hatte Marianne, getäuscht von der sonstigen Entschiedenheit und Festigkeit des Vaters, diese immerhin nur leere Drohung für volle Wahrheit genommen und damit dem Allen eine tiefe Wunde geschlagen. (Fortsetzung folgt.) M i s e e l l e n. * Charles Dickens Wochen - Magazin „^11 t I> e V e a r k o u n ck^ enthält interessante Angaben über „hohe Preise," die in alten Zeiten für Bücher und Musikalien gezahlt wurden. Ein Exemplar des Romans „lm liose" von Guillaum de Morris, das der Herzog von Hereford (später Heinrich lV.) seiner Gemahlin Mary Bohun schenkte, kostete 400 goldene Kronen, nach heutigem Gelde etwa 700 L. - Sterl. Das Gebetbuch, welches Karl VI. von Frankreich der Herzogin von Burgund im Zahr 14 t2 verehrte, kostete 600 goldene Kronen, und die e Summe mußte aus Befehl des Königs die Vice - Grasschaft Bayeux ausbringen. Zn 1430 bei der Krönung Hei rieh VI. von England als König von Frankreich in der Notre-Dame-Kirche zu Paris, überreichte eine Deputation Pariser Bürger dem Regenten Bedford drei Werke über Nilterwesen, und dem jungen Monarchen fünf. Der Werth dieser 8 Bände zusammen genommen wurde auf 2400 Kronen geschätzt, und es heißt, daß der Herzog von Bedford, einst in Geld- Verlegenheit gerathen, dieselben für etwa ein Drittel obiger Summe verkauft hat. Eine Musikalien-Rolle, welche 1441 für die St. Stcphans-Kirche zu Caen angekauft wurde. Verursachte eine Ausgabe von 22 Sols (Silberpcnce) — „der Werth von 10 Scheffeln Weizen." Als im Jahre 1426 der Bischof von Poiticrs, Simon de Gramand, dein -Jakobiner-Kloster zu Poiticrs ein zweibändiges lateinisch-französisches Wörterbuch verehrte, wurde im OrdcnSrathe feierlich beschlossen, „als Zeichen der Dankbarkeit für ein so prächtiges Geschenk täglich „nck-porpnluilutnm" Gebete für den Bischof zu recitircn und nach seinem Tode am ersten Sonntag eines jeden Monats in der Kloster-Kirche Messen für die Seelenruhe des Verstorbenen zu lesen." (Wer hat Nager Williams verspeist?) Stcelc erzählt in seinen „14 Wochen in der Chemie" folgenden haarsträubenden Prozeß aus der organischen Chemie, der uns so recht an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert und von dein ewigen Kreislauf des Stoffes eine schmackhafte Probe gibt: Um dem Gründer des Staates Nhode-Island, Rogcr Williams, ein Paffendes Monument zu errichten, wurde die Familiengruft nach seiner und seiner Gattin Reiche, resp Skelett durchsucht; doch war absolut Nichts zu finden, als die verrosteten Nägcl und Sargbcschlüge in dem einen, und ein Stück Haarflechte im andern Grabe. Die Außcnlinien der Sarge konnte man an einem stark kohlenstoffhaltigen Niederschlage erkennen. — In der Nähe der Gräber aber stand ein Apselbaum, dessen beide Hauptwurzcln mitten in die Ruhe der Todten hinabgestiegen waren. Die größere derselben hatte sich genau an dem Platze durchgearbeitet, wo Rogcr Williams Schädel einst lag, und zeigte eine Krümmung, als ob sie sich erst um denselben hcrumgcschlängclt hätte und dann der Wirbelsäule gefolgt märe bis an die Hüflknochcn. — Beim Ansätze des Kreuzbeins theilte sich die Wurzel, und beide 24 Enden liefen an den Beinknochen bis an die Ferse fort, von wo sie sich aufwärts wandten mit der Lage der Fuße; eine dieser Wurzeln bildete da, wo das Knie hätte sein sollen, eine leichte Krümmung, so daß die Form eine tauschende Aehnlichkeit mit einem menschlichen Gerippe annahm. — Da waren die Gräber; aber die Bewohner derselben waren verschwunden bis auf den kleinsten Knochen; da stand auch der Leichenräuber, der schuldige Apfclbaum, auf frischer That ertappt. Die Beweise waren unumstößlich; die organischen Substanzen, Fleisch und Bein von Roger Williams und Gattin waren in den Apfclbaum übergegangen. Die Elemente waren durch die Wurzel aufgesogen, in Holzfasern verwandelt und zur lachenden Frucht umgcschaffcn worden. Nager Williams kann als duftende Blüthe die Vorübergehenden entzücken, als saftiger Apfel den Gaumen erfreuen, als geschnitzter Pagode auf dem Kaminsims stehen oder als Prasselnder Holzklotz angenehme Wärme verbreiten. — Daher die nicht unberechtigte Frage: Wer hat Noger Williams verspeist? (Aus der „Amerikanischen Post" von Degen in New - Merk.) (8tro prst 8lcr8 !crk.) Die Czcchcn Pflegen gewöhnlich um die Schwierigkeit ihrer Sprache und die Gelenkigkeit ihrer Zunge zu veranschaulichen, den vorstehenden Satz zu citircn und alle Nichtczcchcn herauszufordern, denselben richtig ausznsprcchcn, wenn sie es vermögen. Eine gleiche Schwierigkeit halte der StaatSanwalt und Vertheidiger in einer Gerichts-Verhandlung in Wien, wo ein gewisser Herr Prccirmrz sich als Beschädigter im Gcrichtssaalc befand, dessen schwieriger Name von den Mitgliedern des Richter-Eollcgiums trotz aller Mühe nicht richtig ausgesprochen werden konnte. Natürlich gab's im Publikum jedesmal Gelächter, so oft dieser Name Prccirmrz und stets wieder unrichtig genannt wurde. Dies war besonders bei der VcrthcidigungSrcde der Fall. — Einigcmale wiederholte sich dies, da faßte endlich der gcängsligte Redner seinen Entschluß. „Herr Präsident," rief er in tragi-komischem Tone, „seit vier Stunden wende ich alle meine Kraft daran, den Namen dieses Zeugen auszusprcchcn; ich habe mich nun überzeugt, cS ist unmöglich, und bitte den Gerichtshof, wenn ich von „diesem Zeugen" spreche, darunter — diesen Zeugen zu verstehen." Nochmals brach ein Lachsturm im Publikum aus, aber es war zum Letztenmale, das Mittel hatte Erfolg, — der Redner konnte nunmehr seine Rede ungestört beenden. (Das Sprichwort: „Er ist auf den Hund gekommen.") Der im 30jährigen Kriege so berühmte Graf von Wallenstcin soll zur Entstehung dieser sprichwörtlichen Redensart die Veranlassung gegeben haben. Er studirtc auf dkr ehemaligen Universität Altdorf (bei Erlangen), und nahm an den lustigen Streichen der Studenten thätigen Antheil. Gerade um diese Zeit wurde ein anderes Gefängniß (Carcer) erbaut. Der damalige Rcctor der Universität wünschte, daß es lange unbesetzt bleiben möchte — und machte daher bekannt, daß das Gefängniß nach Demjenigen benannt werden sollte, welcher zuerst als Gefangener dahin kommen würde. Das Gefühl der Schande sollte also von solcher Strafwürdigkcit abhalten. Aber der Erste, dem endlich doch nach längerer Zeit die Carcerstrafc zuerkannt wurde, war Wallenstein. Dieser wußte indessen Rath, seinen Namen nicht zu brandmarken. Er nahm nämlich, als er eingesperrt werden sollte, einen Hund mit sich — und schob diesen vor sich zur Thüre hinein. Man lachte über diesen Einfall- und der Carcer hieß von nun an „der Hund." — „Auf den Hund kommen" — hieß ursprünglich so viel, als „in den Carcer kommen." In der Folge brauchte man die Redensart in einer ausgedehnten Bedeutung, und bezeichnete damit so viel, als „in schlechte Umstände gerathen." Bei den Studenten ist dieses eine gewöhnliche Redensart, wenn sie sich in Geldverlegenheit befinden. Dr»«, Brrls» »»d Sitdalti»» Ix« U1ch,n InMlot« «ou v>. W. Huttt» Nnk,. 4. 24. Januar 1869. Greis' niemals in ein Wespennest, Doch wenn du greifst, so greife fest. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Der schlcsische Bauer ist nicht eine solch' harte, unbeugsame Eichcnnatur, er gibt sich gern das Ansehen einer gewissen Gesctzhcit und Würde, er wird sich selbst gegen Eltern und Geschwister keine Aeußerung der Zärtlichkeit zu Schulden kommen lasten; aber unter dieser rauhen Hülle verbirgt sich ein weicher, oft nur zu biegsamer Charakter, wie er allen Schlcsicrn eigen ist; auch der alte Konrad war lange nicht der harte, unbeugsame Mann, als es den Anschein hatte. So lange Niemand wagte, sich ihm entgegenzustellen, konnte er wohl als cichenfestcr Charakter gelten, den. Jeder aus dem Wege zu gehen habe; wer ihm entschieden Trotz geboten, dem hätte seine nur äußerliche Härte nicht Stand gehalten. So war es ein Unglück, daß gerade die scheue und schüchterne Bertha Perry sich als Vermittlerin aufgeworfen und hinausgegangen war, den Vater ruhiger zu stimmen und eine Versöhnung anzubahnen. Hätte ihn Jemand mit Vorwürfen überhäuft, ihm kräftig zu Gemüthe geführt, wie schlecht und unrecht er an seiner Tochter handle, er würde eingestanden haben, daß es nicht so böse gemeint gewesen; das furchtsame, ängstliche Benehmen der Nähterin dagegen forderte seinen alten Trotz heraus, und je mehr diese bat und vorstellte, je unerbittlicher wurde der Alte, je weniger wollte er noch von seiner Tochter wissen. „Fort mit Euch Allen!" rief er hastig, sich selbst in immer größere Erbitterung hineinredend, und erst, als die Nähterin fort, da brach der ganze Vaterschmrrz über ihn herein, da war er der alte schwache Mann, der unter thränenden Augen die Hände nach seiner einzigen Tochter ausstreckte. Es war zu spät; er wußte es selbst nicht, wie es gekommen, daß er statt dem einzigen, freudigen: „Freilich soll sie wiederkehren," nur heftige Worte auf den Lippen gehabt und dieser wie von selbst entstehende Widerspruch seines weichen Herzens mit seinem äußern harten Benehmen quälte und beunruhigte ihn immer mehr. Jeden Markttag fuhr er jetzt in die Stadt, ganz gegen seine Gewohnheit; es gab immer etwas zu erkaufen, und doch trieb ihn, obwohl er sich's selbst nicht eingestand, nur die Hoffnung, seiner Tochter einmal zu begegnen, vielleicht fuhr sie dann mit ihm zurück, und Alles war wieder gut. Er traf sie nie, denn die Aermste war unermüdlich thätig, ihren Unterhalt zu verdienen. Einmal sogar stieg er schon die erste Treppe zu ihrer'Wohnung hinauf; aber auf dem Flur machte er Halt, und nach echter Bauernart begann er jetzt erst zu überlegen, sollte er als Vorwand Obst zum Kauf anbieten, oder Kartoffeln- Er trottete noch nachdenklich auf dem Hausflur hin und her, da öffnete sich schon eine Thür, eine alte Frau kam heraus und schlug Lärm: „Was will Er hier? wohl gar stehlen — ach, was kaufen! Mach' Er nur, daß Er hinuntcrkommt," und der Bauer war wieder auf der Straße, er wußte nicht wie. Seitdem gab er es auf, seine Tochter zu suchen; er vergrübclte sich nur immer mehr in düstere Schweigsamkeit. 26 Georg schmachtete inzwischen noch immer in härtester Gefangenschaft. Der Justiz. Rath führte die Untersuchung gegen ihn mit solcher Gehässigkeit, daß an feine Freisprechung nicht zu denken war. Zwar blieb das Finden der Leiche auf offenem Felde immer räthsclhaft, ja es war fast unmöglich, daß ein Einziger den starken Müller sollte überfallen und ermordet haben. Und wie wenig sprach eigentlich für die Annahme, daß Georg der Mörder sei. Die Aussagen seiner Freunde, die seinen Worten einen andern Sinn untergelegt, seine Abwesenheit, das Finden des Tuches! — Aber hatte das nicht Marianne aufgeklärt? Und war nicht selbst diese Angabe in Betreff des Tuches so einfach und natürlich? Konnte das junge Mädchen augenblicklich eine solche geschickte Lüge ersinnen? Nach dem Allen fragte der erbitterte Justizrath nicht; Georg war in seinen Augen ein wilder, leidenschaftlicher Bursche, der, von Eifersucht getrieben, des größten Verbrechens fähig. Vielleicht hatte der Mörder seine Complicen; es mußte sogar angenommen werden, und diese aus dem Jnkulpaten herauszuinquiriren, darin bestand jetzt die Kunst des alten Kriminal-Richters, darauf hin ließ er dem armen Menschen die härteste, qualvollste Behandlung angedcihcn, selbst auf die Gefahr hin, den UntersuchungsZwang auf die schnödeste Weise zu mißbrauchen. Georg mußte Tage lang im Finstern sitzen, hungern und dursten, dann, so abgemattet, wurde er in das Gerichtszimmer geschleppt, mit Verhören gequält, bis er in ohnmächtiger Wuth zusammenbrach. Eine solch' harte Zeit mußte verheerend auf den armen Georg einwirken; der einst so heitere, lebenslustige Bursche war der Verzweiflung nahe, und starrte jetzt den ganzen Tag finster und brütend zu Boden. Er konnte sich nicht glücklich fühlen in dem Bewußtsein seiner Unschuld, nur Haß und Rache kochten und schäumten in seiner Brust. Alle finstern Anklagen gegen sein hartes Geschick, all' sein Rechten und Hadern mit der Gottheit, die ihn verlosten zu haben schien, ballten sich in dem einen Gedanken,, des Hasses gegen seinen Richter, zusammen. Ihm hatte er Alles zu verdanken, ihm seine Qualen, seine Martern, und darum lechzte er nur nach Freiheit, darum bat er Gott auf den Knieen, seine Unschuld an den Tag treten zu lasten, um seinen Peinigern heimzuzahlen, und sein halb crstorbencs Herz jauchzte bei diesem Gedanken wild und freudig auf. Marianne hatte ihm durch Vermittelung des Bräutigams ihrer Freundin jenes kleine Büchclchcn zugespielt, aus dem sie noch am Hochzeitsmorgen Trost geschöpft, die Schriften des Wandsbeckcr Bote»; sie hoffte, daß auch ihr Geliebter darin Frieden und Ruhe finden würde; aber wie sehr hatte sie sich getäuscht! Aus demselben Boden zieht die eine Pflanze heilende Säfte, die andere tödiendes Gift — Georg las nicht, wenn ihm sein Fenster geöffnet wurde, jene Lieder voll Frieden und Gottvcrtraucn, er fand andere Stellen darin, die mit dem finstern Gedanken seiner Brust wunderbar harmonirten. Dort in dem Briefe an Andreas stand es klar und deutlich: „Das Herz hat auch seine Rechte und läßt nicht mit sich spielen, wie mit einem Vogel. Ueberhaupt ist es nicht Unrecht Auge um Auge, Zahn um Zahn." Hundertmal ruhten seine Augen auf dieser Stelle, sie schlug er immer von Neuem wieder auf, sie allein grub sich mit glühenden Lettern in seine Brust. Und dann: „Schilt mir den Mann nicht, der für Recht und Billigkeit stehen bleibt und die Hand an's Schwert legt. Etwas von dem Drei-Männer-Trotz, der sich auf nichts in der Welt, als auf sich selbst und seine gute Sache stützt, und doch vor der Gewalt und Menge sich nicht beugen will, ist nicht so übel." Wenn er dies las, dann fühlte er wieder neue Kräfte über sich kommen; auch er wollte der Gewalt nicht weichen, und sollte er darüber zu Grunde gehen. Dann glühte sein Auge, dann wogte seine Brust; aber bald mahnte ihn sein entkräfteter Körper, daß selbst diese Aufwallung der Seele zu viel, und er sank nach solchen Aufregungen um so erschöpfter auf sein Lager. Wochen, Monate vergingen über dieser Untersuchung, beinah' war ein Jahr herangerückt, und diese lange qualvolle Haft hatte nicht allein Georgs Körper untergraben, sondern auch seine Seele entkräftet und zerdrückt. Er hoffte nicht länger auf Befreiung, 27 er betete nicht mehr zu Gott und glaubte sich von ihm verlassen, und damit war seine letzte Widerstandskraft dahin; im bittern Gefühl seines unabwendbaren düstern Schicksals bekannte er sich im nächsten Verhör für schuldig. Der alte Justizrath sprang freudig in die Höhe und rief mit unheimlich funkelnde« Augen: „Hab' ich Dich mürbe gekriegt. Du Wetterkcrl! Ja, daS hat Arbeit gemacht! Du bekennst Dich also zum Mörder des Müllers?"' „Ja, ich bin mürbe geworden," entgegnete Georg mit mattem Lächeln, „ich sehne mich danach, den Kopf auf den Block zu legen, damit ich doch weiß, daß ein Teufel die Welt regiert, der sich an unseren Qualen ergötzt." „Schwatze nicht solche Blasphemien," bemerkte der Justizrath freundlich, der die gute Stimmung seines Jnkulpaten nicht vorübergehen lassen wollte. „Weißt Du auch, was Du sagst? Daß hier kein Widerruf mehr gilt? Du bekennst Dich schuldig?" „Ich bekenne mich schuldig," war die tonlose Antwort. „Du erklärst zu Protokoll, daß Du der Mörder des Müllers?" „Nein, das bin ich nicht," entgegnete Georg mit wieder erhobener Stimme. „Mensch, Du bleibst der abgefeimteste Schurke, der je vor Gericht erschienen! Haft Du dies nicht erst bekannt?" brauste der Justizrath auf. „Ich bekenne mich schuldig, weil ich —" „Willst Du mich verrückt machen?" unterbrach ihn der Justizrath. „Du hast Dich zum Morde bekannt und mußt noch gestehen, wie Du ihn vollführt!" „Muß ich das auch noch?" fragte Georg bitter. „Sei vernünftig," redete der Justizrath zu, „mache ein offenes Geständniß; eS ist ja doch nun Alles vorbei." „Ja wohl, es ist Alles vorbei; aber was soll ich denn bekennen?" „Wie Du das Ganze eingefädelt. Du hast ihn gerufen, ihn herausgelockt — aber wie? Nur heraus mit der Sprache! Nicht wahr? Du riefst: Diebe! Mörder!" „Ich rief so." „Und als der Müller erschrocken hinausstürzte, stelltest Du Dich hinter die Thür, «in einziger Schlag mit dem Beile, der nichtswürdige Nebenbuhler war todt. — Ist'« nicht so?" „Es ist so." „Und wo ließest Du das Beil? — Daß man Dir auch Alles abfragen muß? — Warfst Du es in's Wasser?" „Ja wohl." Der Justizrath rieb sich vergnügt die Hände; die ihm schon längst lästige Untersuchung war nun doch glücklich beendigt; er diktirte seinem Schreiber, dem Herrn Meyer, das Protokoll, in dem er so klar und ausführlich das Bekenntniß und den Thatbestand auseinanderlegte, daß Niemandem ein Zweifel an der Schuld Georg's bleiben konnte. Es erfolgte seine Verurtheilung zum Tode, und da er auf Einlegung eines Rechtsmittels verzichtete, auch die Bestätigung des Urtheils durch den Landesfürsten. „Siehst Du, armer Bursche, was schlugst Du Dich mit zarten Empfindungen herum! Was sagtest Du nicht bald die Wahrheit? Was ist denn an dem Rufe einer Bauerndirne viel gelegen? Bauern dürfen nicht Bücher lesen und ein solch' Gefühlsleben haben; Dir geschieht schon recht. Du bist gerichtet!" IV. In dem Heimathdorfe Georg's jubelte Alles über das endliche Geständniß des Verbrechers, das ja zu dem Schauspiel einer öffentlichen Hinrichtung die Aussicht böt. Nur ein Mann schien von dieser Nachricht tief erschüttert, es war der lustige Weber, der au jenem Morgen vor der Mühle so still gewesci's und seit jener Zeit wie umge- -wandelt schien. Er lachte und scherzte nicht mHr, ein ewiger Trübsinn ruhte über seiner 28 Seele und spann um ihn sein dunkles Wolkennctz. Zuweilen besuchten ihn seine alten Freunde, der Maurer und dessen junger Better; aber ihre Bemühungen, den Weber auf. zuhcitern, schlugen gewöhnlich in das Gegentheil um; ja, so oft sie ihm auch als letztes Trostwort die volle Flasche hinhielten, er wies sie stets mit Abscheu zurück und des Maurers ewiger Refrain war dann: „Du bist ein Waschlappen, ein altes Weib, nun, hätte ich das gewußt!" — Mit der Zeit wurden die Zusammenkünfte dieser Drei immer stürmischer, es kam zum heftigsten Streit, und oft verließen die beiden Freunde unter heftigen Drohungen das Haus des Webers. Die Frau des Letzteren blickte ängstlich auf dieses Treiben, ihr ahnte nichts Gutes, aber sie wagte kein Wort davon zu sprechen, denn selbst die leiseste Berührung der Sache wies ihr Mann mit Heftigkeit zurück. Es war ein trauriges Leben in die Hütte dieser armen Leute eingezogen. Früher hatte der Weber das „Schifflein" mit lustigem Gesang hin- und hcrgeworfcn, jetzt kam kein Ton mehr über seine Lippen, der Arm schien gelähmt und oft nach einigem Hin- und Herziehen ließ er die Hände feiern, stützte den Kopf in seine Rechte und versank in trübes Hinbrütcn, aus dem ihn erst der Ruf seiner Frau wecken mußte. Das arme besorgte Weib hatte wenigstens gehofft, der Zustand ihres Mannes würde sich mit der Zeit ändern und sein angebornes heiteres Temperament die Schwermuth überwinden, statt dessen wurde er mit jedem Tage schwcrmüthigcr und trauriger, und sonderbar, wenn wieder eine Nachricht durch das Dorf lief, daß die Schuld Georg's nun völlig festgestellt, verschlimmerte sich sein Zustand, dann warf er die Arbeit bei Seite, verschloß sich in seine Kammer und weinte wie ein Kind. Er, der früher nichts vom Kirchengehen gehalten, versäumte jetzt keinen Sonntag den Gottesdienst und saß dort in trübsinniger Zerknirschung, ohne aufzublicken. Man wunderte sich im Dorfe allgemein über die seltsame Veränderung des Webers und stellte allerlei Vermuthungen auf, aber sein Freund, der Maurer, erfand darüber die lustigsten Schwanke, um die Gedanken von etwaiger richtiger Fährte abzulenken. Bald sagte er: „Ein Glas Schnaps ist ihm in die unrechte Kehle gekommen," bald: „Er simulirt, wie er das große Loos gewinnen kann," dann wieder: „Er thut so fromm, damit sein Weib auf die alten Tage, wie Sarah, noch einen Jungen kriegt," ein unmäßiges Gelächter folgte stets auf diese Erklärungen, und damit war man für lange Zeit beruhigt. Je einsilbiger und melancholischer der Weber wurde, je öfter erhielt er von dem Maurer und dessen Vetter Besuch. „Aus alter-Freundschaft," meinte der Maurer; wer jedoch die Drei hätte zusammensitzcn sehen, würde schwerlich auf ein freundschaftliches Verhältniß derselben haben schließen können. Der Weber blickte meist schwcrmüthig vor sich hin und blieb allen Ermahnungen seiner Freunde unzugänglich. „Du bist ein Narr," wiederholte gewöhnlich der Maurer, „anstatt Gott zu danken, daß es sich so hübsch getroffen, lamentirst und winselst Du wie ein altes Weib!" „Wie kannst Du von Gott danken reden, das ist Frevel — o, wenn ich an den dort oben denke, der mit uns einst schrecklich in's Gericht gehen wird, dann schaudert mir." Bist Du auch noch so dumm? Wenn die uns hier unten nur nicht kriegen, nimm Dich in Acht, daß Du uns nicht noch Angelegenheiten verursachst." Der Weber suchte dann solchen Drohungen gegenüber sich zusammenzuraffen und seinen Gemüthszustand zu verbergen, er folgte sogar der Aufforderung seiner Freunde und ging mit in's Wirthshaus, lachte und lärmte beim ersten Glase überlustig, als wolle er Alles vergessen, und doch blickte gerade durch diese Lustigkeit die bitterste Verzweiflung hindurch. Als aber vollends die Nachricht von Georg's Geständniß und seiner demnächstigen Derurthcilung in's Dorf drang, stieg der Trübsinn des äöebcrs auf den höchsten Grad. Die Stimme des Gewissens schien dennoch nicht laut genug, alle anderen Bedenken zu übertönen. Da, einige Tage nach der Verurteilung Georg's, kam Rose zu dem Weber gelaufen und traf ihn allein. DA Seelenkämpfe des Letzteren waren ihr nicht entgangen 29 und, verbunden mit den Drohungen des Maurers, hatte das kluge Mädchen die Ueber« zeugung gewonnen, daß der Mörder des Müllers ganz wo anders zu suchen sei, dennoch hatte sie die Furcht vor dem Maurer schweigen lassen, aber sie suchte auf anderem Wege für „an den Taglcgung" von Georg's Unschuld zu wirken. Nose war in neuester Zeit oft zu dem Weber gekommen und hatte ihm in's Gewisien zu reden gesucht, nicht gerade direkt, aber der Weber hatte sich förmlich erleichtert gefühlt. Jemand zu haben, der von einer unbekannten Schuld, die ihn drückte, zu wissen schien. Heute jedoch, wo es die Entscheidung galt, ging Nose in ihrer eigenthümlichen Weise auf ihr Ziel los. Die Liebe für den ihr noch immer theuren Georg verscheuchte die geringe Furcht, die sie noch vor ihrem Vetter hatte. „Ihr müßt ihn retten!" rief sie gleich bei ihrem Eintritt in wilder Aufregung. „Was willst Du? Ich?" fragte der Weber bestürzt, und augenblicklich wissend, was sie wollte. „Ja, Ihr müßt es, denn er ist unschuldig, das wißt Ihr am besten, ja, ja, Ihr müßt ihn frei machen," wiederholte Nose und sprang in gewohnter Weise wie ein Kobold vor ihm herum. „Ich weiß nicht, Rose," eutgegnete der Weber stockend. „O, thut es, macht Euch selbst frei" — sie hielt mit Tanzen innc, sprang auf einen Stuhl und, ihn mit ihren unruhig funkelnden Augen tief und lange ansehend, als könne sie in seinem Herzen lesen, fügte sie, den Arm nach dem Fenster ausstreckend, hinzu: „Die Sonne bringt es an den Tag!" (Fortsetzung folgt.) Die Vögelcin au die Menschen. Der Schnee liegt tief — kein Futter mehr! Nun kommen wir zu Euch — Wir sind an Trost und Hoffnung leer, An Liedern sind wir reich! Wir armen, armen Vögelein, Wir bitten Euch um Brod, Und sollt' eS nur ein Krümchen sein — Wie groß wird's in der Noth! Wir armen, armen Vögelcin, Wir waren reich vordem — Ach, wenn nach Lenzessonnenschcin Doch nicht der Winter käm'! Euch Menschen geht's wohl ebenso! O daß in Winterszeit Nicht Eure Jugend lieb und froh Dereinst wird zugeschneit! Ihr Kindlcin, spart den Bissen Brod, Spart ihn für uns und Euch, Er thut so wohl uns in der Noth, Er macht den Armen reich. Streut uns vor Euer Fcnsterlcin, Was Euch in Fülle blüht — Bald wird es wieder Frühling sein. Dann dankt Euch unser Lied! 30 Bon den Mormonen. * Da diese sonderbaren Heiligen der jüngsten Tage und ihre Vielweiberei unausgesetzt «in Gegenstand der Neugierde und die Zielscheibe des Witzes in den Journalen sind, so ist es nicht ohne Interesse, in dieser Beziehung das Urtheil einer Frau zu hören, welche längere Zeit unter den Mormonen zugebracht hat. Es ist dies Madame d'Audonard, welche gegenwärtig in New-N°rk Vortrüge hält und in einem derselbe» dieses Thema wählte. Ein Theil desselben ist in Folgendem enthalten. Frau Audonard kam nach Utah mit der Vorstellung, daß die Mormonen allzusammen roh und unwissend, — die Salzseestadt ein elendes, kleines Dorf, die Mormonen-Frauen arme Mädchen ohne Erziehung, mit List oder Gewalt in den Banden des Mormonismus festgehalten und sehr unglücklich über ihr Loos wären. Statt dessen fand sie eine Stadt von 40,000 Einwohnern, wundervoll gelegen, — gegen Norden geschützt durch eine prachtvolle Kette der Felsengebirge, mit dem Spring-See zu ihren Füßen und der Aussicht auf den großen Salz - See in einer Entfernung von zwanzig Meilen. Die Straßen dieser Stadt sind breit, von schönen Bäumen beschattet, und klares, durchsichtiges Wasser fließt in kleinen Bächen durch dieselben. Sie fand dort ein prächtiges, viertausend Personen fassendes Theater, mit einer vortrefflichen Gesellschaft von Schauspielern, sämmtlich Mormonen. — Sie bewunderte die kolossalen Dimensionen eines Tempels, in welchem zwölftausend Personen leicht Platz finden konnten. Sie fand große Läden mit allen Erzeugnissen Europas. Kurz, wo sie Barbarei erwartet hatte, fand sie einen hohen Grad von Civilisation. Brigham T°ung hatte sie sich entweder als eine Art begeisterten Wahnsinnigen unter dem Einfluß religiöser Halucinationcn oder als einen ehrgeizigen geistlichen Despoten vorgestellt. Sie fand statt dessen einen Weltmann, einfach, natürlich und freundlich, Per ihr völlig ehrlich sin seinem Glauben erschien. Sie hatte daö Glück, eine Schweizerin, die französisch sprach, und eine andere Dame von französischer Abkunft zu finden. In ihrer Gesellschaft besuchte sie eine große Anzahl Mormonen-Familien, darunter auch die des Präsidenten Uoung. Diese Familie ist ziemlich zahlreich. Der Präsident stellte ihr sechsunddreißig seiner Töchter, alle groß, kräftig und schön, und siebzehn Söhne vor — Söhne, wie Töchter alle verheirathct. Die Zahl seiner Enkelkinder ist so groß, daß weder Brigham Voimg noch einer seiner Söhne genau zu sagen wußte, wie viel ihrer wären. Wie umfangreich die Familie ist, kann man aus der Thatsache abnehmen, daß auf einem von Brigham Aoung gegebenen großen Balle fünfhundert Verwandte von ihm, einschließlich seiner Kinder und Enkelkinder, Schwestern, Nichten und Neffen, zugegen waren. — Mit einigen der Mormonenfrancn brachte Frau Audonard ganze Tage zu. Sie fand sie wohl erzogen, viele von ihnen verstanden Musik, alle hatten Bücher - Sammlungen. Sie lesen sehr viel und sind über die Zeitereignisse in Europa wohl unterrichtet. Diese Frauen scheinen alle sehr glücklich zu sein, und in ihrer Religion noch inbrünstiger als die Männer. Mehr als eine stellte Bekchrnngs-Versuche mit der Reisenden an. Die Vielweiberei der Mormonen ist das gerade Gegentheil von der der Türken und auf das entgegengesetzte Gefühl gegründet. Der Türke liebt eigentlich nur ein Weib, da er aber nicht beständig ist — und in dieser Beziehung unterscheidet er sich nicht von vielen Europäern — so liebt er, nachdem er ein Weib ein Jahr oder zehn Jahre lang geliebt hat, ein anderes. Dann vernachlässigt er den Gegenstand der ersten Liebe und heerathet den neuen; und wenn dieser seine Neigung nicht zu fesseln im Stande ist, s» nimmt er einen dritten. Der Türke betet die Schönheit an und versteht unter dem Weibe nur ein junges und reizendes, wenn er aber mehrere Frauen hat, so liebt er doch jederzeit nicht mehr als eine. — Der Mormone dagegen, wenn er drei Frauen hat, hegt dasselbe Gefühl für sie alle. Er steht es als eine religiöse Pflicht an, der einen so ergeben zu sein wie der andern. Eines Tages sagte der Prophet Joseph Smith zu seinen Jüngern: ,Jch habe eine Offenbarung erhalten. Gott befiehlt uns, in unserem Herzen alle irdische 31 Liebe auszulöschen, mehrere Frauen zu nehmen und für sie nur die Gefühle der Freundlichkeit zu hegen. Da er wünscht, daß die Zahl der Mormonen sich mehre, so befiehlt uns Gott, viele Kinder zu haben." Dies Gebot wird so gut befolgt, daß die kleinste Zahl von Kindern in ihren Familien zwölf und die größte vierzig ist, alle stark und kräftig. Den Frauen predigen sie Verzichtleistung auf die Freuden dieser Welt. Alle Liebe ihrer Herzen soll auf Gott gerichtet sein. Gegen ihre Männer sollen sie ein ruhiges freundschaftliches Gefühl hegen, und sie als ihre Gefährten betrachten, mit deren.Hülfe sie den Himmel gewinnen sollen, den Himmel der Mormonen, — den herrlichsten voir allen. — Die Mormonen - Frau soll keine Eifersucht gegen die anderen Frauen ihres Gatten empfinden. Auch sie sind Gefährtinnen, die ihr helfen, den Himmel zu erreichen, und Diejenigen, welche sich am vollkommensten der Polygamie unterwerfen, werden dort die besten Plätze erhalten. Und diese Frauen unterwerfen sich ihr mit wunderbarer Seelenruhe. Nicht ein Schatten von Eifersucht ist unter ihnen zu finden. Sie scheinen nicht einmal zu wissen, was Eifersucht ist. Die meisten von ihnen, — besonders die Reichen, wohnen in besonderen Häusern. Aber die Frauen desselben Mannes besuchen sich gegenseitig und scheinen einander sehr gern zu haben. Auch nicht der Argwohn eines unfreundlichen oder feindseligen Gefühls war unter ihnen zu entdecken. — Einer der Söhne Brigham Voung's halte zwei junge und hübsche Frauen, und eine dritte, die alt und häßlich ist. Eines Tages sagte Madame Olympc Audonard im Scherz zu den beiden jüngeren: „Ihr Gatte muß seine ältere Frau Ihretwegen ein wenig vernachlässigen." — „Warum?" war die mit der Miene der Uebcrraschnng gegebene Antwort r „ist sie nicht seine Frau so gut wie wir?" — In der That, der Mormone macht keinen Unterschied zwischen seinen jungen und hübschen Frauen und den alten und unschönen, er ist gleich liebenswürdig gegen sie- alle. — Die Mormonen haben eine Vorliebe für die Zahl drei. Mit Ausnahme des Präsidenten, der 17 Frauen besitzt, haben alle je drei, oder beabsichtigen so viel zu nehmen. Aber um eine zweite Frau zu heirathcn, müssen sie die Einwilligung der ersten, und um eine dritte zu heirathcn, die der beiden ersten haben. Wenn diese verweigert wird, so kann die Heirath nicht geschloffen werden, denn die zweite muß von der ersten zugeführt und dargeboten werden. Dies System dreier Haushalte und diese große Kindcrzahl macht aber den Mormonen das Leben nicht leicht. Sie sind genöthigt zu arbeiten — und mit welchem Fleiße — um so viele Personen zu erhalten. Aber sie thun das getreulich und lassen weder ihre Frau, noch ihre Kinder im Stich. Ein verlassenes Weib oder ein von seinem Vater nicht anerkanntes und vernachlässigtes Kind ist unbekannt unter ihnen. — Die Mormonen versuchen neuerdings ciu sonderbares Experiment, um die Gemeinde der Heiligen von der Berührung mit der übrigen profanen Welt abzuschließen. Sie haben eine neue Sprache, ein neues Alphabet exclusiv für den Gebrauch der Gläubigen erfunden. In Salt-Lake- City sind bereits Auflagen von 10,000 Stück mehrerer Schulbücher in der neuen Sprache gedruckt worden. (Ein verborgener Schatz.) Die „Essener Zeitung" erzählt aus Essen: Ein hiesiger Brauerei-Besitzer entschloß sich noch im Spätherbst-, seinen Lagerkcller zu erweitern und wurde, damit die Arbeit noch vor Eintritt des Frostwctters beendet sei, eine große Anzahl von Taglöhnern -zum Ausschachten des Baugrundes angenommen. Zum Aerger des Bauherrn wie des Unternehmers wollte jedoch diese vorbereitende Arbeit garnicht vorwärts schreiten, einmal wegen des regnerischen Wetters, sodann aber wegen der angeboren-mütterlichen Schneckenboldcnhaftigkeit der ehrsamen Ritter von Hacke und Schippe. Auf einmal zeigte sich an der Baustelle ein ungcmein reges Leben; noch vor Tagesgrauen waren sämmtliche Arbeiter auf dem Platze und schafften den ganzen Tag über mit einer Hast und Emsigkeit, die nie ihres Gleichen sah. Die beliebte Frühstücks- 32 stunde wurde freiwillig aus dem Leben gestrichen, zum Anzünden des „Stummels" war keine Zeit; nicht Sturm noch Regen wurden beachtet, und wenn einmal der Bauherr- oder ein Anderer einen der Arbeiter ansprach, so erhielt er die verweisende Antwort: „Herr, man mot NümmcS bi dc Arbeit störe!" Als in unglaublich kurzer Zeit der Grund bis zu einer Tiefe von 30 Fuß ausgeworfen, mußten die Fleißigen fast mit Gewalt von einem Eindringen in größere Tiefen abgehalten, zum Einstellen der Arbeit gezwungen werden und mit einem letzten wehmüthigen Blicke schieden sie von der Stelle. Der Brauer aber rieb sich schmunzelnd die Hände und wechselte mit seinem Nachbar, der die Baustelle stündlich besucht und die Arbeit mit Interesse beobachtet hatte, ein Lächeln des vergnügtesten Einverständnisses. Was hatte die Arbeiter zu dem ungeheuren Fleiße angetrieben? Weßwcgcn lachten die Nachbarn so geheimnißvoll? Der Brauerei-Besitzer hatte in einem alten irdenen, von Salz zerfressenen Topf einen Pergamentstreifcn gelegt, auf dem in alterhümlicher Schrift die Worte standen: „Hierunder ligk vill Geld be- grawe, Und wer et fint, der soll ct hawe. Gedenke der Armen!" — hatte den Topf mit einem verwitterten Schieferstein zugedeckt und ihn drei Fuß tief in den auszuschachtenden Baugrund vergraben. Zur Frage über Ahnungen und Doppelgänger bringt ein medizinisches Fachblatt „The Lanzct" aus London folgende Erzählung. In voriger Woche gab Herr Samuel W., einer der ersten Beamten der englischen Bank, Gesellschaft, mußte dieselbe aber wegen eines Fieberanfallcs schon frühzeitig auseinander gehen lasten. Er schickte zu seinem Arzte, den man nicht zu Hause traf. Frau W. setzte sich an das Bett ihres Mannes, um den Arzt zu erwarten; doch als sie bemerkte, daß ihr Mann ruhig schlief, kämpfte sie auch nicht länger gegen die Müdigkeit an und nickte ein. Gegen drei Uhr hörte sie die Klingel ziehe», sprang aus dein Sessel auf, nahm ein Licht und ging in den Salon. Dort hoffte sie den Arzt eintreten zu sehen. Die Thüre öffnete sich, aber an Stelle des Arztes sah sie ihren zwölfjährigen Sohn Eduard eintreten, der sich im College bei Windsvr befindet. Er war leichenblaß und trug eine breite Binde um den Kopf. „Du erwartest den Doktor für Papa?" fragte er, die Mutter umarmend, „aber ihm ist wohl, ich dagegen bedarf eines Arztes, laß ihn schleunigst holen; denn der unselige im College versteht nichts." Die erschreckte Frau W. hatte noch die Kraft, zu klingeln; ihr Stubenmädchen eilte herbei und fand die Herrin mitten im Salon unbeweglich stehen, den Leuchter in der Hand. Die Stimme der Magd weckte Frau W. auf, welche sich an Alles deutlich erinnerte, und ausrief: „Meinem Sohne muß ein Unglück Passirt sein!" Der lange erwartete Arzt kam und beruhigte die Dame über den ungefährlichen Zustand ihres Mannes. Als sie ihm dann ihre Bision erzählte, suchte er die Angst wohl zu beschwichtigen, aber mußte den Bitten der Mutter doch nachgeben, sie nach Windsor zu begleiten. Mit Tagesanbruch kamen sie beim College an, und auf die Frage nach dem Sohne antwortete man der Mutter, daß er in's Krankenhaus gebracht fei. Er hatte beim Spiel im Garten eine bedeutende Verletzung an der Stirne davongetragen. Man hatte ihn verbunden, aber mit wenig Geschick, indeß war die Wunde nicht lebensgefährlich. (Die rechte AdresscI „Erlauben mir, mich vorzustellen, ich bin Agent der Vichversichcrungs-Anstalt, und wollte —" Dame (ihn unterbrechend): „Da bitte ich, sich zu meinem Mann zu bemühen." -Frage: Wer ist Bräutigam und Braut zugleich? Antwort: 'zehzvauh ao umaz "aonvag.rziK wD Druck, Verlag und Redaction des tNtcrarischcn Instituts von Dr. M. Hnulcr. jVro. 5. 31. Januar 1869. Augsbueger Eine schöne Menschenseele finden Ist Gewinn; ein schönerer Gewinn. Sie erhalten, und der schönste und schwerste, Sie, die schon verloren war, zn retten. Herder. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Der Weber fuhr erschrocken auf, die Sonne schien wirklich klar und hell durch das Fenster und streifte blendend Beider Augen; er machte sich sanft von der Kleinen los, die bittend seinen Hals umschlungen, setzte sich auf einen Stuhl und versank in sein altes Brüten. Die Kleine schlich, ganz gegen ihre Art, geräuschlos hinaus. So saß er lange und gewahrte nicht, wie die Sonne im Untergehen war und ihre letzten Strahlen das ganze Zimmer wunderbar vergoldeten. Sein Entschluß war endlich gefaßt: „Es muß ein Ende gemacht werden;" er stand auf und ging mit hastigen Schritten in der Stube auf und ab, schon wollte er sich entfernen, da traten seine Freunde herein; sie gewahrten auf den ersten Blick seine Stimmung, noch einmal kam es zum heftigsten Streit, aber gerade dadurch fühlte sich der Weber in seiner Absicht bestärkt und gab sie nicht undeutlich zu verstehen. Der Maurer und sein Vetter waren außer sich vor Wuth, sie ballten die Fäuste und drangen drohend auf den Weber ein, der davon eingeschüchtert schien, endlich zu schweigen versprach. Sie schieden in der Dämmerung, „versöhnt und in alter Freundschaft;" aber um die Lippen des Maurers spielte ein dämonisches Lächeln, und er murmelte beim Hinausgehen vor sich hin: „Du wirst schon schweigen lernen." Die Frau des Webers gewahrte wenig von diesen stürmischen Zusammenkünften, sie war, wie erwähnt, Hebamme und deßhalb oft außer dem Hause. Auch heute kam sie erst, nachdem die Freunde schon fort, zurück, und fand ihren Mann niedergeschlagener, als je. Er rang die Hände und heiße Thränen rollten über die gebräunte Wange; aber die freundlichsten Bitten seiner Frau vermochten kein aufklärend Wort von ihm zu erpressen; nur von Zeit zu Zeit murmelte er: „Nein, ich muß doch ein Ende machen! O, diese schlaflosen Nächte! Wie will ich glücklich sein, wenn ich eine einzige Nacht werde ruhig schlafen können." „Du bist krank," bemerkte dann seine Frau, „Dich friert, ich werde Dir eine Tasse Fliederthee kochen, das wird Dir gut thun." „Nein, Marie-Liese, den Thee, der mir gut thut, muß ich mir selbst kochen," ent- gegnete der Weber und versank wieder in sein dumpfes Hinbrüten. Die Frau warf sich müde und erschöpft auf ihr Lager, sie konnte dcmnngeachtet nicht schlafen und versank nur in eine Art Halbschlummer. Schreckliche, unheimliche Bilder gaukelten vor ihrer Seele, bald sah sie ihren Mann im Gefängniß mit schweren Ketten belastet, dann auf dem Schaffst, bald von finsteren Menschen umgeben, die ihm mit der blanken Axt drohten, endlich war sie fest eingeschlafen. Da klopfte es an dem Fensterladen, sie sprang erschrocken auf und rief um Hilfe: „Rettet ihn, sie wollen ihn todtschlagen!" wiederholte sie im Taumel des Schlafes. Ihr Mann saß noch ruhig auf der Bank am Tische und fragte: „Was hast Du denn? es klopft, man will Dich holen." 34 Die Frau kam bei der Stimme ihres Mannes zur Besinnung; aber noch immer scheu und furchtsam, öffnete sie nur das Fenster und fragte hinaus: „Was gibt es denn so * spät noch?" „Einen Gruß von der Scholzin in Neudorf, und Ihr möchtet kommen," ließ sich draußen eine tiefe Männerstimme Vernehmen; „sputet Euch, es hat Eile." „So zeitig?" fragte die Weberin zurück, die jetzt ganz wieder in ihrem Berufe war, „das ist ja nicht möglich!" „Doch, 's ist eine Frühgeburt, na, mährt nur nicht lange und kommt!" „Gleich," sagte sie und schloß das Fenster. „Christian, denke Dir, die Scholzin!" wandte sich die Frau an den Weber, „sie ist sonst immer glücklich gewesen, solch' hübsche, gesunde Kinder, und jetzt — eine Frühgeburt!" „Lieber zu früh auf die Welt kommen, als gar nicht," cntgegnete dieser mit einem Anflug alten Humors, da ihm die ganze Nachtscene komisch vorgekommen und ihn etwas zerstreut und erheitert. „Beides schlimm," bemerkte die Hebamme, „die arme Frau," und sie kleidete sich rasch und völlig an und packte ihre Sachen zusammen. „Lege Dich schlafen, Christian," sagte sie zu ihrem Manne beim Abschiede und wollte sich, wie immer, mit einem kurze» „leb' gesund" entfernen. Plötzlich überwältigte sie eine andere Stimmung, sie kehrte an der Thür noch einmal um, und siel ihrem Manne unter perlenden Thränen um den Hals. Es war ihr seltsam und räthselhaft, denn anf dem Lande gelten solche Licbcs- bezeigungen für lächerlich; aber sie konnte doch nicht anders. Auch ihr Mann, statt davon unangenehm berührt zu sein, schloß sie fest in seine Arme und lehnte auf einen Augenblick seinen heißen Kopf an ihre Brust. „Leb' wohl, Christian, Gott schütze Dich!" und schweren Herzens schritt sie über die Schwelle. Sie eilte, ohne sich weiter über ihre wunderbaren Gefühle Gedanken zu machen, ihrem Ziele zu, und hatte bei ihrem raschen Gange die Schölzcrei erreicht. Sie klopfte an der Pforte und die Erste, die ihr in dem Hause entgegentrat, war die Scholzenfrau selbst. Die Weberin vermochte vor Schreck und Bestürzung kein Wort hervorzubringen, nur die Scholzenfrau rief sogleich verwundert: „Ei der Tausend, wo kommen Sie denn her?" „Ich bin zu Ihnen bestellt worden, Frau Scholzin," cntgegnete die Andere. „Zu mir? Gott bewahre! Sie wissen ja, damit hat's noch Zeit." „Der Bote sagte, es wäre eine Frühgeburt." „O, die schlechten Menschen!" rief die Frau ärgerlich, — „solch' einen dummen Spaß! Aber kommen Sie nur herein, ich will Ihnen gleich einen Kaffee kochen lasten; es ist nur gut, daß wir vor einer Stunde noch Besuch bekommen haben, sonst wären wir Alle schon zu Bett — nun, kommen Sie nur herein." „Nein, Frau Scholzin, ich will rasch wieder nach Hause," eutgcgnete die Letztere ängstlich, „das ist mehr wie ein dummer Spaß, o Gott, meine Ahnung! meine Träume!" Und ohne auf die Einladung der Scholzenfrau weiter zu hören, stürzte sie fort. „Die schlechten Menschen! Das will ich meinem Manne sagen," murmelte die Scholzenfrau und schloß wieder die Pforte. Die Weberin eilte, so rasch sie ihre Füße tragen konnten, nach Hause. Die Ahnung, daß hinter dieser falschen Bestellung ein Schurkenstreich lauere, daß ihrem Mann eine schreckliche Gefahr drohe, jagte sie wie auf Sturmesflügeln fort. Endlich, nach einer qualvollen Viertelstunde, die ihr eine Ewigkeit gedünkt, war sie athcmlos an ihrem Hause angekommen: sie wollte die Stubenthür öffnen, diese war von innen verschlossen. Eine entsetzliche Angst überkam die arme Frau, sie rüttelte wie eine Verzweifelte an der Thür, die endlich ihrer verdoppelten Kraftanstrengung nachgab und aufsprang. Sie stürzte in das Zimmer, „Christan, Christan!" rief sie mit angsterfüllter Stimme. Ein mattes, dumpfes Röcheln war die einzige Antwyxt.Mit zitternden Händen machte sie Licht — welch' ein Anblick bot sich ihr dar! Ihr Mann lag, in seinem Blute schwimmend, am Boden, und schien dem Verscheiden nahe. DoS Fenster und der Laden waren zertrümmert, ein Paar dunkle Gestalten flohen über das vorn Monde weit erhellte Feld. Die Weberin stieß einen furchtbaren Angstschrei aus und warf sich laut jammernd über den Körper des Erschlagenen. Bald füllle sich die Stube mit Menschen aus der Nachbarschaft, die von dem wilden Geschrei der armen Frau herbeigezogen worden. Ein Gerichtsmann war zufällig unter ihnen und ordnete unterdcß das Holen des Arztes und des Justizrathes au. Der Weber war schwerlich zu retten, er blutete aus mehreren Stirnwunden, die ihm wahrscheinlich mit einer stumpfen Axt beigebracht sein mußten, auch sein übriger Körper war schrecklich verstümmelt. Den rechten Arm hatten ihm die Mörder völlig zerschmettert, und an der Schulter klaffte eine Wunde. Es war ein schrecklicher Anblick und stimmte selbst die rohesten Herzen zum Mitleid. Der Weber mußte mit den Mördern einen harten Kampf bestanden haben, dafür zeugten seine Wunden, und die Unordnung in der Stube, alles Hausgeräth war verrückt, bunt herumgeworfen und zertrümmert. Wer konnten die Mörder sein? Und zu welchem Zweck war die gräßliche That geschehen? Diese Fragen beschäftigten alle Gemüther. Der Weber war, wie allgemein bekannt, arm und im Grunde ein friedfertiger Mann, der im ganzen Dorfe keinen Feind hatte. Zu welchem Zwecke sollte man ihn erschlagen haben? Uud dies Geheimniß vermehrte noch das Grauen und Entsetzen über die blutige That. Die Frau des Webers raffte sich zuerst auf, sie bat sich die Hilfe einiger Umstehenden aus und ließ den blutenden Körper auf ihr Bett tragen, dann verband sie ihn, so gut wie ihre zitternden Hände es vermochten, und legte ihm kühlende Umschläge um die Stirn. Ein mattcS Augenausschlagen ihres Mannes lohnte ihre Mühe. Schon nach einer halben Stunde kam der Arzt; seinen Bemühungen gelang es, den armen Mann noch einmal zum Bewußtsein zu bringen. Etwas später langte auch ein GerichtSbcamtcr an; nicht der alte, polternde Justizrath, sondern ein junger Assessor, ei» Hilfsarbeiter des Rathes, den er zur Ermittelung des Thatbestandes abgeschickt hatte. Trotz der Schwäche des Webers ließ es sich der Assessor nicht verdrießen, zu seiner Vernehmung zu schreiten, da ihm der Arzt bekannt gemacht, daß die Augenblicke des Verwundeten gezählt. Nur nach längeren, oft Viertelstunden dauernden Pausen, vermochte der Weber seine Aussage hervorzulispeln. Sein Bekenntniß war zu Aller Uebcrraschung Folgendes: „Der Maurer und sein Vetter sind meine Mörder, sie haben meine Frau sort- gelockt und wollten mich erschlagen, damit ich still sei. ... Ich kann's nicht länger — Georg ist unschuldig — er hat den Müller nicht ermordet, wir Drei waren es. Der Maurer hatte mir so lange zugeredet, do.t einzubrechen —- ich wußte nicht, daß sie Aexte mitnahmen — bei Gott, Herr Assessor, ich wußte es nicht. — Der Maurer hatte erfahren, daß der Müller viel Geld zu Hause habe und mit der Mutter fortgcrcist sei, und wir sollten die Gelegenheit benutzen. . . . Als der Maurer zuerst in die Kammer stieg, sah er das Gesicht des Müllers. Er wollte, erschrocken, sich eben so leise zurückziehen, wie er gekommen; aber er zerstieß eine Scheibe und der Müller erwachte. Kaum daß der Maurer wieder auf dem Boden, öffnete sich schon die Thür der Mühle und der Müller stürzte im Hemd heraus, unS zu verfolgen ... der Acrmste verließ sich auf seine Riesenkräfte ... er war dem Maurer am nächsten auf der Ferse, und nur noch wenige Schritte von ihm entfernt — da drehte sich der Maurer Plötzlich um und schwang seine Axt — noch stand der Müller aufrecht. . . aber schon eilte der Vetter des Maurers herbei und führte den zweiten Schlag . . . wir wurden aus Dieben Mörder! Gott, ich hab' es schwer gebüßt! Und Georg sollte noch der Verbrecher bleiben — der Maurer hatte recht, was er damals frevelnd gesagt: „die Sonne bringt es an den Tag," nun sterb' ich gern — nun wird mir wieder leicht,, e. . " Der Weber mußte seine Aussage eidlich bcth'cücrn, und trotzdem ihm der Assessor '36 Schonung empfahl, raffte er alle Kräfte zusammen, und sprach mit gehobener Stimme die Eidesformel nach, und wirklich schien es damit wie Bcrgeslast von seiner Seele gewälzt; er lächelte selbst unter den heftigsten körperlichen Schmerzen und sank dann erschöpft in eine Art Schlummer. Der junge Assessor war auch vor dem Bekenntniß des Webers nicht unthätig gewesen, und auf die Andeutung der Frau des Letzteren war der Maurer und sein Vetter augenblicklich festgenommen worden. Sie hatten Beide noch im Bett gelegen, zwar schon mit rein gewaschenen Händen, aber doch mit Blutspuren an ihren Kleidern, auch ihre Mord-Aexte wurden gefunden. Die Elenden waren erst lange nach Mitternacht zurückgekehrt, das bekundeten ihre Stubennachbarn; sie leugneten trotz alledem hartnäckig jede Betheiligung am Morde, Beide behaupteten mit frecher Stirn, warum sollten wir den Weber losgeschlagen haben? Wir sind seine besten Freunde; Beide, trotz ihrer abgesonderten Vernehmung, gaben an, daß sie gestern Abend ein Kaninchen geschlachtet, gar nicht im Dorfe, sondern in der Stadt gewesen und ihnen der arme Weber recht leid thue. Als der Assessor dem Maurer und seinem jungen Freunde gesagt hatte, daß der Weber noch lebe, verloren Beide die Fassung; um sie noch tiefer zu erschüttern, las er ihnen des Webers Aussage vor. Sie vermochten Beide kein Wort der Entgegnung hervorzubringen; aber sie verharrten doch in einem finstern Schweigen und brachten kein Wort des Geständnisses über ihre Lippen. Dieses herauszupressen, blieb die Aufgabe des Assessors, da es nach jener alten Gerichtspflcge nothwendig war. Er ließ beide Verbrecher an das Bett des Webers führen. Noch schlief derselbe, aber von der Nähe seiner Mörder schien er zu erwachen, er schlug matt die Augen auf und sein erster Blick traf seine mit Stricken gefesselten Freunde. „Verzeiht mir, wie ich Euch verzeihe!" lispelte er und wollte ihnen die Hand entgegenstrecken, die Hand, die von seinen Freunden so schrecklich verstümmelt worden — er brachte nur einen Stumpf hervor. Bei diesem Anblick war es mit der so lange behaupteten Fassung des Maurers vorbei, er zuckte konvulsivisch zusammen, vermochte sich nicht mehr aufrecht zu erhalten, unter überströmenden Thränen brach er an dem Bette des Freundes zusammen und rief jammernd: „Ja, ich habe Dich erschlagen, und ich meinte es doch so gut zu Dir, wir waren alte Freunde, haben zusammengehalten wie Brüder, aber Du wolltest nicht schweigen, und da war's vorbei mit uns. Daß wir die Mörder des Müllers, sollte nicht an's Licht kommen, da es so lange verborgen geblieben, jetzt haben wir auch Dich erschlagen und nun ist Alles doch heraus." „Gott sei gedankt," lispelte der Weber, immer schwächer werdend, „Ihr habt mich frei gemacht, ach, wie leicht ist mir jetzt, so leicht, ich kann nun ruhig schlafen — schlafen! —" und seine Augen schlössen sich, wie Frieden glitt es über sein Gesicht, er versank in einen Schlaf, aus dem er nie wieder erwachen sollte. „Er ist todt!" jammerte der Maurer, und in dem finstern Gesicht prägte sich ein leidenschaftlicher, tiefer Schmerz aus. Alle Umstehenden waren von dem ganzen Auftritt tief ergriffen, nur der junge Vetter des Maurer hatte sich völlig kalt und gleichgiltig gezeigt. Er war einer von jenen Menschen, denen schon die früheste Jugend den Stempel der Hcrzensrohhcit aufgedrückt, und die bei der Unreife ihrer Erscheinung und ihres Wesens durch eine um so größere Frechheit und Rücksichtslosigkeit sich hervorzuthun und eine gewisse Geltung zu verschaffen suchen. Der Maurer bestätigte die Aussage des Webers völlig; um von dem Müller nicht als Dieb ergriffen zu werden, hatte man ihn erschlagen; um das Verbrechen in ewige Nacht zu hüllen, war der zweite Mord begangen worden, und gerade hier erreichte sie das Vcrhängniß. Die Umstehenden waren überrascht und bestürzt; das waren Enthüllungen einer Kette von Verbrechen, wie die stillen Dorfbewohner sie sich nicht träumen ließen. Nur Rose, die sich ebenfalls herbeigcdrängt, sprang wie ein Irrlicht hin und her und rief triumphirend: „Hab' ich nicht gleich gesagt, Georg ist unschuldig?" Alle wollten jetzt dasselbe gesagt oder wenigstens gedacht haben. Der Assessor, vom Dränge des Augenblicks, vielleicht auch vom Ehrgeiz getrieben, ließ, anstatt das Protokoll dem Iustizrath vorzulegen, augenblicklich einen Courier an den LandeSfürsten abgehen, indem er die seltsame Enthüllung des wahren Thatbestandes unter Beilegung der betreffenden Papiere klar und schlagend auseinander setzte. Die Entscheidung traf schon am andern Tage ein: Georg solle bis auf Weiteres augenblicklich auf freien Fuß gesetzt werden. (Fortsetzung folgt.) Hoffnung. Und dräut der Winter noch so sehr Mit trotzigen Geberden, Und streut er Eis und Schnee umher: Es muß doch Frühling werden! Und drängen die Nebel noch so dicht Sich vor den Blick der Sonne, Sie wecket doch mit ihrem Licht Einmal die Welt zur Wonne. Blast nur ihr Stürme, blast mit Macht, Mir soll darob nicht bangen. Auf leisen Sohlen über Nacht Kommt doch der Lenz gegangen! Da wacht die Erde grünend auf, Weiß nicht, wie ihr geschehen, Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf Und möchte vor Lust vergehen. Sie flicht sich blühende Kränze in's Haar, Und schmückt sich mit Rosen und Aehren, Und läßt die Brünnlein rieseln klar. Als wären es Freudenzährcn. Drum still! Und wie es frieren mag, O Herz, gib dich zufrieden; Es ist ein großer Maientag Der ganzen Welt beschicken. Und wenn dir oft auch bangt und graut, Als sei die Hüll' auf Erden, Nur unverzagt auf Gott vertraut: Es muß doch Frühling werden! Das Jahr 186S als Säeularjahr. Vielleicht kein einziges Jahr ist so reich gewesen an bedeutenden Männern, welche in ihm das Licht der Welt erblickten, als 1769, und so haben wir denn 1869 als Säcular-Gebnrtstagsjahr einer Menge von Personen, die theils als Helden, Regenten oder Staatsmänner, theils auf den Gebieten der Wissenschaft und der Dichtkunst sich auszeichneten, zu feiern. Wir nennen von ihnen zuerst Napoleon Bonaparte, welcher am 15. August 1769 zu Ajaccio auf der Insel Corsica als der zweite Sohn des Advokaten Carlos Bonaparte und der Signora Lätitia Ramolini das Licht der Welt erblickte. — Gleich dem Sieger von Lvdi und Arcole, von Austerlitz, Jena und Wagram waren auch mehrere seiner namhaftesten Generale im Jahre 1769 geboren. So namentlich die Marschälle Ney und Soult. Dieser ward am 29. März 1769 zu Samt Armand bei Toulouse, jener am 10. Januar desselben Jahres zu Saarlouis geboren. Auch Napoleons und jener beiden Marschälle siegreicher Gegner Wellington wurde — eine eigenthümliche Ironie des Zufalls! im Jahre 1769, uud zwar am 1. Mai geboren. Aber nicht dieser allein, sondern auch noch zwei andere namhafte Gegner des corsischen Kriegsfürsten, erblickten im gleichen Jahre mit ihm das Licht der Welt. Der Eine von Beiden ist der Graf (später Fürst) Ludwig Adolph Peter von Sayn-Wittgcnstein-Berleburg, geboren am 6. Januar 1769, welcher in russischen Diensten mit Tapferkeit und Umsicht 38 gegen Napoleon l. stritt; der Andere ein einfacher, aber namhafter Gelehrter: der Professor Ernst Moritz Arndt, geboren auS bäuerlichem Stande am zweiten WeihnachtsFeiertage zu Schoritz auf Rügen und gestorben am 29. Januar 1860. So bedeutend auch der Ruf aller vorher angeführten Männer ist, so steht er doch — mit einziger Ausnahme des Fleisch und Blut gewordenen Mars Napoleon — erheblich zurück gegen denjenigen des am 14. September 1769 zu Berlin geborenen Freiherr» Alexander von Humboldt, des größten Naturforschers der neueren und eines der größten Gelehrten aller Zeiten. Der Wirth zum goldenen Lümmle. In der schwäbischen Stadt mit dem kurzen Namen und dem langen Münsterthurm war ein gar munterer Wirth zum „goldenen Lümmle." Da hat vor einigen Jahren der Alterthumsforscher-Verein eine Zusammenkunft gehabt, und da haben sich von allen Weltgegendcn so viele Leute zusammengefunden, daß Mangel an Quartier war. Nun kam auH der heitere Herzog M vom benachbarten Lande an und der Herr fand in den ersten Gasthöfcn eben auch kein Quartier. Es wurde ihm sodann das „Lämmle" empfohlen, wo er zwar ein bescheidenes, aber reinliches Zimmer mit schöner Aussicht auf die Donau und eine treffliche Aussicht auf Küche und Keller habe. Der hohe Herr machte sich auf den Weg und trotz, daß es spät Abends war, entschloß er sich doch, das „Lämmle" aufzusuchen. Beim Eintritt wurde er von dem in Hemdärmeln anwesenden Wirth auf's freundlichste mit den Worten begrüßt: „Sie hent heut wahrschcinli wo anders koi Quartier kriegt, sonst kämet Se nit zu mir." — „So ist es," erwiederte heiter gestimmt der Herzog. „Ich habe befohlen, meine Koffer hieher zu bringen, im Falle ich bleiben kann." — „Ja wohl," sagte der Wirth, „Sie g'fallet mir, und obwohl i's Quartier heut' scho hätt' zehnmal vergebe könne, so hab' i mir denkt, es kommt doch no was Besscrs." — Der Herzog meinte: „Das Sprichwort sagt aber, es kommt nichts Besseres nach." — „Auf d' Sprüch' geh' i' nit," erwiederte der Wirth, „ich seh' den Mann an." „Was wünschen Sie zu trinken, Herr?" -— „Eine Flasche Champagner!" — „Blitz, Sie müßet heut scho guete G'schäft g'macht habe, wenn Sie Nachts zehn Uhr no Champaningcr saufet." Der Herzog lachte herzlich auf die Derbheit, staunte aber, als der Wirth den Champagner mit zwei Gläsern servirte. „Zu was zwei Gläser?" frug der Herzog. — „I sauf' au mit," erwiederte der Wirth, „denn i hab' heut au guete » G'schäft g'macht, no pasch' mcr den Plunder raus." — „Wohlan," meinte der Herzog, „bin einverstanden." Die Flasche wurde entkorkt, und immer heiterer wurde die Unterhaltung, welche durch Niemanden gestört wurde, weil Wirth und Gast die alleinigen Zecher in der Stube waren. Es war einige Minuten nach eilf, als die Thür aufging und ein Neger einen schweren Koffer hereintrug. Der Wirth erschrack entsetzlich, doch wurde er ruhiger, als der Sohn Afrika's auf den Herzog zutrat und frug: „Hoheit, wo hab' ich den Koffer hinzuthun?" — „Dies wird der Wirth bestimmen," war die Antwort. — „Was, Hoheit?" rief der noch immer frappirte Wirth. „Nun ja, beruhigen Sie sich, ich bin der Herzog M. in B. Dies soll aber unsere Unterhaltung nicht stören. Weisen Sie gefälligst den Diener mit dem Gepäck in mein Zimmer und geben Sie ihm ein Nachtmahl." —- „Blitz Fix Donnerwetter, Hemdärmel und Sie a Hoheit, Weib komm rci, i kann die Schand' alloi net trage, hilf mir." — „Du hast mi zum Trinka au net g'rufe, trag' nur die Schand' alloi." — „No, so bring' dem Mohra was! Entschuldigen, Hoheit, was frißt denn der Kerl?" — Der Gast lachte und erwiederte: „Geben Sie ihm Braten und Salat und etwas Wein, er wird nichts übrig lasten. Doch kommen Sie, wir wollen noch beisammen bleiben." 39 Die Glocke des alten Münsters verkündete die neue Stnnde, zwölf Uhr; und wieder geht die Thüre des Gastzimmers auf, und herein tritt mit schwerem Schritt kein schwarz Geborener, aber ein Weißer der hohen schwäbischen Polizei. Selbst der Diener am hintersten Tisch erschrack über die Erscheinung in Amtsmiene, welche direkt auf den Gastwirth und seinen Gast zuschritt mit den Worteü: „Heret Sie, Ihr Herre, es isch zwölf Uhr und die Polizeischtund vorüber." Der Gastwirth darüber entsetzt, weil sein so sehr verehrter Gast gestört wird, erwiedert in ruhigem, aber ernsthaftem Tone: „Heret jetzt, Sie, der Herr, der bei mir sitzt, ischt a königliche Hoheit, — und i bin der Wirth, mi kennet Sie, und daß der Bedeute dau hinta koi Ulmer ischt, des wcrct Sie eam wohl anseha." Und die Polizei ging beruhigt von bannen. (Fl. Bl.) Miseellen. (Englische Sonderbarkeiten.) Zwei junge Engländer aus den höheren Kreisen der Gesellschaft brachten einige Tage zunr Besuch bei Lord Panmure auf Schloß Brcchin zu. Um seinen Gästen eine Zerstreuung zu verschaffen, lud Lord Panmure einen Gutsnachbar, Mr. Panlathie, zum Diner, mit dem besonderen Zusätze, sich wohl mit Geld zu versehen. Dieser, der die Laune des Lords kannte und selbst ein Freund exzentrischer Streiche war, begriff sofort, daß es sich um ein Abenteuer besonderer Art handle, und erschien zur bestimmten Stunde wohlgcrüstct und entschlossen, jedem Streiche mit kaltem Blute zu begegnen. Das Diner begann. Nach dem ersten Toaste nahm Lord Panmure das Wort und rief: Alle Hüte in's Feuer oder 200 Franks Reugeld. Die vier Hüte flogen in den Kamin. Nach der zweiten Gesundheit erhob sich einer der Gäste: Alle Röcke in die Flammen oder 1000 Franks Strafe! und die Oberröcke der vier Zecher wanderten denselben Weg. Die Stiefel in den Kamin! rief der Nächste, oder 5000 Franks gezahlt! Auch die'Stiefel wurden geopfert. Jetzt war die Reihe an Panlathie. Ohne sich zu besinnen, erhebt er sich, sieht seine Kumpane der Reihe nach an und ruft: Die Zähne in den Kamin oder 10,000 Franks auf den Tisch! Dabei nimmt er sein falsches Gebiß und wirft es in die Flammen. Die Anderen waren einigermaßen erstaunt, einmal darüber, daß Herr Panlathie, der sie eben noch so graziös angelächelt, falsche Zähne hatte, und dann, daß sie ihm das Künstlcrstück nicht nachmachen konnten. Mr. Panlathie aber strich ruhig die 30,000 Franks ei», bedankte sich bei Lord Panmure für das vortreffliche Diner und bestellte sich am nächsten Tage ein neues Gebiß. (Recht liebenswürdig.) Auf der Capitänsbrncke eines Dampfers, der von Calais nach Dover fuhr,, stand ein Engländer und rauchte phlegmatisch seine Cigarre. Da trat ein liebenswürdiger Franzose, den er öfters in Trouville gesehen und nnt dem er einige Worte gewechselt hatte, an den Engländer heran und nach einem „Freut mich, Sie zu sehen," entspann sich unter Beiden folgendes Gespräch: „Ich will nach Brighton." — „Und ich nach London." — „Denken Sie dort die Saison zu verleben?" — „Das kommt auf die Umstände an. Sie wissen, das Geschäft-" „Ach, Sie reisen nicht zum Vergnügen?" — „Nein, ich bringe einen jungen Engländer zu seiner Familie zurück." — „Sind Sie vielleicht sein Lehrer?" — „Nein." — „Ich sehe doch Ihren jungen Freund nicht." — „Er ist unten." — „So bitten Sie ihn, daß er mit uns dinirc." — „Das ist nicht möglich; er ist todt." — „Todt?" — „Er liegt in einem Bleisarge. Mein Geschäft ist nämlich, die Leichen nobler Personen, die in Frankreich sterben, zu transportiren und ihren Familien zurückzubringen. DicS Geschäft geht prächtig, und wenn Sie einmal meiner Dienste bedürfen sollten, mein Herr, so-." Der Engländer hustete, dankte seinem höflichen Reisegefährten und begab sich, indem er Seekrankheit vorschützte, eiligst in seine Cajüte, aus welcher er nicht eher wieder hervorkam, bis der Dampfer in Dover landete. * (Die schönen Haare der englischen Frauen.) Der Fremde, der ZUM ersten Male nach England kommt, ist zuweilen entzückt von dem Prächtigen blonden Haar der englischen Frauen und Mädchen, das in allen Nuancen vom zartesten Flachsgelb bis zur schimmernden Goldfarbe zu finden ist. Wenn auch die Töchter Albion's sich rühmen können, das schönste Haar zu besitzen, so ist doch nicht alles Gold was glänzt. Das prachtvolle „goldene Haar" der Ladies und Mistes ist in den meisten Fällen eine Erfindung der Mode, wie etwa das Chignon oder eine neue Hutfacon. Das das Männerauge so oft in Entzücken versetzende goldene blonde Haar kann durch zwei verschiedene chemische Prozesse erzeugt werden. Als die Manie für „goldene Locken" aufkam, begnügte man sich damit, die natürliche Haarfarbe durch beständige Waschungen mit einer alkalinischen Auflösung, wie z. B. salpctersaures Kali zu entfernen; das Haar wurde dann geölt und durch fortgesetztes Bürsten in einen hellen und glänzenden Zustand versetzt. Diese einfache und unschädliche Methode erzielte aber nicht immer das gewünschte Resultat, und man nahm seine Zuflucht zu metallischen Präparaten. Salpctersaures Blei mit einer Beize von chromsaurcm Kali; Eisen mit einer Beize von salpetersaurem Natron oder Kalk; Arsenik, Salmiak und andere ähnliche Substanzen wurden mit größerem oder geringerem Erfolge angewendet. Als bestes Mittel, das vielbewunderte goldgelbe Haar zu erzeugen, empfahl sich schließlich Arsenik mit einer Salmiakbeize. Außer allem Zweifel steht es, daß die Anwendung dieser giftigen chemischen Präparate von äußerst nachthei- ligen Folgen für das Haar begleitet ist, denn die ätzenden Säuren hemmen das Wachsthum des Haares, oder mit anderen Worten, sie tödten es. Goldbraunes Haar wird durch Anwendung von Kupfervitriol mit ferrv-kyanischer Pottasche hergestellt. (Standhaftigkeit der Ameise.) Der berühmte Eroberer Timur, der Tartar, war einmal gezwungen, in der Ruine eines Hauses Schutz vor seinen Feinden zu suchen. Er saß dort mehrere Stunden ganz allein. Nach einiger Zeit wünschte er seinen Geist von seiner hoffnungslosen Lage abzuziehen, und deßhalb richtete er seine Aufmerksamkeit auf eine Ameise, welche versuchte, ein Fruchtkorn, das größer war als sie selbst, an einer Mauer hinaufzutragen; ihre Anstrengungen schienen jedoch erfolglos. — Sie machte aber immer wieder einen neuen Versuch und so oft derselbe auch mißglückte, so verlor sie den Muth doch nicht, sondern sie kehrte immer wieder an ihr Geschäft zurück. Timur sah das Korn 69 Mal herabfallen, aber beim 70stcn Mal erreichte diese mit ihrem Korn den Gipfel der Mauer und dieser Anblick, sagt der Eroberer, der eben noch voller Verzweiflung gewesen war, „gab mir in diesem Augenblick Muth und ich habe die Lektion, die ich daraus zog, nie vergessen." — Anwendung: Auch wir sollten sie nicht vergessen. Zuerst müssen wir eine Sache genau betrachten, ob sie werth ist, daß wir darnach streben, und wenn das der Fall ist und der Versuch, sie zu erlangen, gelingt uns nicht, so müssen wir ihn immer von Neuem wiederholen und beharren, bis er nns gelungen ist. Wenn eine Ameise sich durch 69 mißlungene Versuche nicht entmuthigen ließ, weßhalb sollte dann ein Mensch nicht eben so beharrlich sein? W i ii t c r t r a n i». Des Schnees weißes Bahrtuch decket Frisch keimt die Saat, bis Gottes Odem Die keusche Mutter Erde zu, Wird leis' des Schnees Decke schmelzen, Indeß von jungen muntern Saaten Wie einst ein Gottessturm gewaltig Sie träumt in stiller Grabesruh'. Die Steine wird von Gräbern wälzen. (Was ist ein Schauspielers) Antwort: Ein Mensch, der bloß lebt, um zu gefallen, und gefallen muß, um zu leben. Druck, Vcrlog und Redaction des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttler. Rro. 6. 7. Februar 1869. »P! Fliehe dcu verdächtigen Umgang von zweierlei Menschen: Der Freunde deiner Feinde, Der Feinde deiner Freunde! Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Der Justizrath, der am Tage vorher wegen Unwohlsein das Bett gehütet hatte, und deßhalb von den Ereignissen nicht das Mindeste erfahren, wollte nicht seinen alten Augen trauen, als ihm der Assessor mit triumphircndem Lächeln die Cabincts - Ordre überreichte. „Dummes Zeug! Spiegelfechterei!'' polterte der Alte los. „Mäßigen Sie sich, Herr Rath, die Unterschrift des Landcsfürstcn ist niemals dummes Zeug." „Aber frei lassen? Ohne allen Grund, lieber Assessor, das ist ja unerhört; der Mordkerl muß auf's Schaffst." „Er ist unschuldig, Herr Rath! Meine gestern abgehaltene Untersuchung hat zugleich die rechten Mörder des Müllers an'S Licht gebracht. — Leider ist cö diesmal Ihrem Scharfsinn nicht gelungen, den rechten Schuldigen herauszufinden." „Hm! so, so! nnd Sie haben mir von dem Ausfall der gestrigen Untersuchung nicht einmal berichtet, das ist ein Disziplinar-Vergehcn " „Die höchste Eile war nothwendig," entgegncte der Assessor und setzte, ruhig lächelnd, hinzu: „und dann wollte ich Sie überraschen, Herr Rath." Der junge Beamte fühlte ein eigenes Behagen, an dem alten, höchst unangenehmen Vorgesetzten sein Müthchen kühlen zu können. „Das ist stark!" rief der Alte nnd nahm, um sich zu beruhigen, eine Prise; „ich werde Ihre Versetzung beantragen." „Bemühen Sie sich nicht, es ist von mir bereits geschehen," entgegncte der Assessor glcichmüthig. „Nehmen Sie sich in Acht, guter Freund, Sie haben mich noch nicht bei Seit' geschoben; ich habe einflußreiche Freunde, Sie sollen mir das Spiel bezahlen; das hat noch Keiner gewagt, sie fürchten mich Alle." „Ich nicht — ich bin Staatsbeamter wie Sie und handle überall nach Pflicht und Gewissen." Der Alte wollte auffahren, doch der junge Mann fiel ihm in'S Wort: „Lassen wir den persönlichen Streit, Sie haben jetzt Besseres zu thun. Befolgen Sie augenblicklich die Cabincts - Ordre und machen Sie Ihr schweres Unrecht in etwas wieder gut." „Ich selbst soll den Befehl zu seiner Freilassung geben? — Mich so blos stellen? Nimmermehr! Sie, „junger Lcsstng," Verehrer der Humanität, werfen Sie den Kerl hinaus!" rief der Juslizrath, wieder in seinen alten laxen Ton verfallend. „Das werde ich nicht, Sie allein sind dazu berechtigt und verpflichtet," entgcgnetc der Assessor ganz entschieden. „Teufel!" murmelte der Justizrath und versuchte mit den Zähnen zu knirschen. 42 »der seine mürben Zahnreste schmerzten ihn, er verzog das Gesicht zu einem häßliche« , Grinsen. „Augenblicklich, steht in der Ordre," begann der junge Mann wieder seine Quälereien; „ich mache Sie dafür verantwortlich." Der Justizrath Preßte einen unverständlichen Fluch heraus und zog die Klingel. — Der große starke Exekutor erschien. „Werft den Kerl hinaus!" polterte der Alte. Der Exekutor blickte verlegen auf den Assessor, dann auf den Justizrath und wollte seinen Ohren nicht trauen — er sah s blos Einen im Zimmer, an dem er einen solchen Auftrag vollziehen konnte und — X>e> Assessor hinauszuwerfen — — zu einer solchen Handlung mußte er schon einen noch maligen Befehl erwarten. „Werft den Hund hinaus, sag' ich," wiederholte der Alte, und ging nach seiner Gewohnheit heftig gcstikulirend auf und ab, sich wenig darum bekümmernd, daß der arme Mann nicht sofort errathen konnte, wen er eigentlich hinauszuwerfen habe und in eine arge Verlegenheit kommen mußte. Der starke, ernste Exekutor machte bei dieser zweiten energischen Aufforderung einen Schritt vor gegen den Assessor, der aber, das Mißverständnis sofort bemerkend, dem rathloscn Manne auf die Schulter klopfte und lachend sagte: „Nicht mich, mein Guter, den Georg sollt Ihr loslassen." „Nun, was steht Er denn noch? Ist Er taub?" brach jetzt der Justizrath los, der stets gewohnt war, all' seinen Groll an seinen Untergebenen auszuwittern. „Herr Rath," drängte sich der Assessor dazwischen, „Sie haben dem Manne nicht gesagt, wen er hinauswerfen soll, er hätte Sie bald mißverstanden." Der Justizrath verzog, trotz seiner Wuth, das Gesicht zu einem Lächeln, denn bei all' seiner Verbissenheit, war er doch nicht ohne Humor. „Er Klotz! kann Er sich das k nicht denken? Den Georg mein' ich, werft ihn augenblicklich hinaus!" „Nicht hinauswerfen, sondern freilassen, ganz anständig und in Ehren!" „Gewiß, gewiß!" entgcgnetc der Justizrath höhnisch, „Schmidt versteht mich schon." § Der aber schien ihn nicht zu verstehen, sondern blickte wie versteinert auf seine beiden Vorgesetzten. „Den Georg! — der morgen hingerichtet werden soll?" rief er endlich verwundert, i „Den laßt Ihr augenblicklich frei, nach der eben bei mir Angetroffenen Cabincts- Ordre," entgegnete der junge Mann in befehlendem Tone. Der Exekutor blickte seinen alten Herrn an, um von dem schließlich einen Wider- ' spruch zu hören, es war ja doch zu unerhört und noch nie vorgekommen — einen Mörder ' freilassen — einen Tag vor der Hinrichtung! Der Justizrath aber gab keine Antwort, heftete nur die Augen auf den Boden und nahm eine Prise. Schmidt kannte seinen Herrn; er verließ, obwohl noch kopfschüttelnd, ' das Zimmer und vollzog den Befehl. V. Die arme Marianne saß bleich und abgehärmt bei ihrer Näharbeit. Sie lebte noch immer in völliger Abgeschlossenheit von der Welt bei ihrer Freundin; so war ihr denn bis jetzt das Schuldbekenntniß Georgs und seine spätere Verurtheilung völlig unbekannt geblieben. Die Nähterin hatte furchtsam die Mittheilung dieser vernichtenden Nach- > richt von Tag zu Tag verschoben, heut' endlich mußte sie sich ein Herz fasten, denn . morgen schon sollte der Tag der Hinrichtung sein und dann war Mariannen nichts mehr : zu verheimlichen. Sie blickte mitleidig auf das arme Mädchen, das sie einst um ihr > Glück beneidet hatte. s Welch' qualvolle, elende Tage hatte Marianne erlebt; sie war hinausgestoßen aus dem elterlichen Hause und Georg schmachtete noch immer, trotz ihres Opfers, im Gefängnisse. Wie war das Alles möglich gewesen! Sie konnte es oft nicht fasten, stützte den heißen Kopf in die magere Hand und versank in dumpfes Hinbrnten. Plötzlich er« ^ 43 «achte sie wieder, sie besann sich, daß sie arbeiten, nähen müsse, um ihr kümmerliche» Brod zu erwerben, und die Nadel fuhr mechanisch durch die Leinwand. „Du nähst ja ohne Faden," bemerkte Bertha, die ihr gegenüber saß und oft mitleidig ihre Blicke nach der Unglücklichen hinübersandtc. Marianne schrack auf, sie gewahrte jetzt erst ihre Zerstreuung; „wirklich," sagte sie, „Du hast recht," und sie suchte in das Lachen der Freundin einzustimmen, aber eS gelang ihr nicht, der Versuch schlug in sein Gegentheil um und bald stürzten helle Thränen aus ihren Augen. „Du grämst Dich zu sehr, das taugt nichts," tröstete die Nähtcrin, „so gern ich Dich hier hab'. Du solltest wieder hinaus auf's Land, das Nähen bekommt Dir nicht, wie siehst Du schmalbäckig aus." „Das ist's eben, dort bei der harten Arbeit vergehen Einem die Gedanken, ich möcht' hinaus, aber jetzt — Du weißt, wie es bei uns auf dem Lande ist, sie habe« keine Barmherzigkeit mit dem Unglück, ich müßt vergehen vor Schimpf und Spott." „Dann solltest Du wenigstens hier mehr unter Leute kommen, das würde Dich zerstreuen; das ewige Stubensitzcn taugt nichts." „Laß mich nur, ich mag Niemand mehr sehen und sprechen. Könnt' ich mit meinem ganzen Jammer in die Erde versinken, wär's nur keine Sünde." „Marianne! Sünde ist's gewiß, denk' nicht so schlecht," eiferte die Nähterin, — „glaub' mir, Georg hat's nicht verdient, daß Du ihm zu Liebe so viel gethan." „So viel gethan? Hab' ich ihn retten können? O, die Nichtswürdigen, die mir nicht geglaubt und die ihn unschuldig martern und quälen, bis er sterben wird." „Er ist nicht unschuldig, Marianne, mein Bräutigam hat mir's hoch und theuer versichert, Du solltest nur lesen — die Akten —" „O, in die schwarzen Papiere schreiben sie nichts als Lügen." „Bitte, Marianne, das ist mir nicht lieb, mein Bräutigam führt die Protokolle nnd der —" „Soll ich Dir sagen, wer den Mord begangen: die Müllerwittwe, sie gönnte nicht dem Sriefsohn die Mühle, sie hat den Verdacht zuerst auf den armen Georg gebracht, sie ist es selbst." „Ich bitte Dich, solchen Verdacht, sage das Niemand, das ist ja ganz verrückt." „Ich will es aller Welt sagen, wenn man mich zur Verzweiflung treibt, daß sie an dem Morde schuldig; der Gedanke ist mir zuerst in's Herz geschossen, ich kann ih« nicht mehr los werden." „Du mußt, Marianne; denn es ist doch wahr, Niemand anders ist der Mörder, als Georg." Marianne schwieg. Wer tief und fest von der Wahrheit seiner Sache überzeugt, der vermag nicht fremden Irrthum zu bekämpfen. „Gewiß ist es wahr!" wiederholte die Nähtcrin lebhaft, die durch das zuversichtliche Schweigen Mariannens zu rascherer Mittheilung fortgerissen wurde, „er hat jetzt selbst den Mord bekannt." „Das ist nicht möglich!" rief Marianne und sprang so heftig auf, daß ihre Näharbeit zur Erde siel, „das ist eine Lüge." „Marianne, mein Bräutigam ist vereideter Protokollführer, er wird nicht lügen; doch frag' die ganze Stadt, er hat endlich gestanden und — " sie hielt erschrocken inne, als sie sah, welche Wirkung ihre Worte auf das arme Mädchen hervorbrachten. — Marianne versuchte zu sprechen, ihr Athem stockte, das ohnehin bleiche Antlitz bedeckte eine Todtcnblässe und mit einem wilden Schmcrzschrci sank sie zu Boden. Ihre Freundin war sogleich liebevoll um sie beschäftigt, sie strich ihr die Schläfe mit Wasser, holte ihr theures Lau ckg LoIoßNö herbei, das alte, echte, wie ihr Bräutigam versichert, und sucktc damit Marianne zur Besinnung zu bringen. Als die Letztere wieder die Augen aufschlug, begann sie dieselbe zu trösten: „Beruhige Dich nur, er 44 war Deiner nicht werth, der schlechte Mensch; sie haben Alle Mitleid mit Dir, daß er Dich so hintergangcn, Du bist ja unschuldig, Du konntest es nicht wissen." „Nicht wissen? Nein, nein, es ist doch nicht möglich!" Marianne strich mit der Hand über die Stirn, als müsse sie alle unheimlichen Gedanken verscheuchen. „Nein, in jener Nacht hat er keinen Mord begangen, wohl kam er mit finstern, schwarzen Gedanken, ich mußte lange mit seiner Verzweiflung kämpfen, aber als er fortging, hatte er doch Frieden, er ist unschuldig." Sie sank auf ihre Knie und rief in tiefster Inbrunst: „O Gott, sende Du einen Netter in unserer höchsten Noth." Bertha blickte verwundert auf ihre cxaltirte Freundin und wollte eben mit einem nüchternen Trosteswort dazwischen fahren, da polterte Jemand die Treppe herauf, die Thür wurde heftig aufgerissen und der kleine Protokollführer stürzte herein. Er zog hastig die von der Stubcnwärme angelaufene Brille von der Nase und gewahrte nun erst seine Braut und ihre Freundin. „Was ist Dir?" — fragte die Nähterin erschrocken und umarmte den Geliebte« zärtlich. „Nichts, ich muß nur Athem holen, die zwei Treppen — wir wohnen einmal Parterre — eigentlich hab' ich der Marianne etwas zu sagen," setzte er flüsternd hinzu, „Soll er schon heut?"- fragte diese leise zurück. „Gott bewahre! Denke Dir — er ist unschuldig!" „Nicht möglich!" „Gewiß, nur vorsichtig!" Marianne war bei dem Kommen des Protokollführers aufgestanden und hatte sich erschöpft in eine Ecke des alten gebrechlichen Sophas geworfen. Der Protokollführer ging jetzt freundlich auf sie zu und sagte: „Marianne, seien Sie nicht mehr traurig, der Himmel kann noch Alles zum Besten lenken." Sie schüttelte den Kopf: „Ich sehe keine Hilfe." „Und Ihr Licblingsspruch" — er kannte ihn durch die öfteren Besuche bei seiner Braut und sprach ihn jetzt mit tiefem Gefühl: „Er sijzt dort hoch in stiller Einsamkeit, Und sinnt aus unser Wohl, Den großen Schooß von Wohlthat weit und breit Und beide Hände voll." (Fortsetzung folgt.) Jesuiten und Luther. (Gegen zwei Zeitungslügen.) Die „N. Fr. Presse" hat in der Nummer vom 13. Novemb. v. I. folgende Behauptungen aufgestellt, welche seitdem von allen fortschrittlichen Blättern colportirt werden.- 1) Der Jesuit Mariana habe mit Bewilligung seiner Obern den Königsmord vertheidiget; 2) Die Reformatoren des 16. Jahrhnndertes hätten dagegen Gehorsam gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit gcprediget. Das erste ist eine Lüge. Zum Beweise dessen citiren wir aus einem kürzlich erschienenen Buche*) folgende Stelle: „Die Lehre vom Tyranenmord gesteht der Bevölkerung, in gewissen Fällen das Recht zu, sich aus dem Joche eines Regenten, der seine Macht mißbraucht, durch Gewalt zu befreien, ja auch ihn zu tödten. Diese Lehre existirte lange, bevor es Jesuiten gab, und fand an den meisten Universitäten ihre Vertreter. Zu ihren Anhängern gehörten *- Die Jesuiten. Frei nach dem Französischen des I. D'Arsac. Wien bei Sartorie, 1LS7 ' S. 39 und 40. . manche berühmte Name». Die Gesellschaft Jesu hatte von ihrer Gründung, in der ersten Hälfte des XVI. Jahrhunderts, bis auf unsere Zeit mehr als vierzigtausend Mitglieder. Aus dieser Zahl stimmten der erwähnten Lehre nur einige wenige, und auch diese nur insofern bei, daß sie die Behauptungen früherer, berühmter Lehrer einfach anführten. Ein Einziger ging weiter als die Uebrigen. Es war dies der spanische Jesuit Mariana, ein Mann von großer Gelehrsamkeit und feurigem Temperament. Er wurde berufen, die Erziehung des Jufanten von Spanien, Philipps ll. Sohn zu leiten, verstand sich aber nicht auf die Kunst, den Großen zu schmeicheln, sondern erzog den Prinzen in aller Strenge. Für diesen verfaßte er am Hofe des absolutesten Monarchen von Europa sein berühmtes Buch 1)6 K6A6 6t litZpsis in8titut!on6. Dieses Buch, das mit Erlaubniß des Königs, der die Widmung desselben annahm, und mit Genehmigung der Inquisition im Jahre 1599 zu Toledo erschien, enthält eine Hinweisung auf das angebliche Recht des Volkes. Darum wurde es gleich nach seinem Erscheinen durch die Jesuiten selbst ihrem General, Pater Claudius Aquaviva angezeigt und von ihm in den schärfsten Ausdrücken mißbilligt. Am 6. Juli 1610 erließ Aquaviva ein Dekret, in welchem er unter der kündenden Kraft des heiligen Gehorsams und bei den schärfsten Strafen verbot, daß irgend ein Mitglied der Gesellschaft es sich beikommen lasse, zu behaupten, sei es öffentlich oder im Geheimen, sei es als Rathschlag, sei es als Lehre, und noch viel weniger durch Herausgabe irgend eines Buches, daß es wann immer gestattet sei, unter irgend welchem Vorwaudc der Tyrannei, Könige oder Fürsten zu tödten,oder an ihre Person Hand anzulegen. Im Jahre 1614 verbot derselbe OrdeuSgcneral den Ordens - Provinziellen, den Druck irgend eines Buches zu gestatten, in welchem vorn Tyrannenmord oder von der päpstlichen Macht über die weltlichen Angelegenheiten der Monarchen die Rede sei." Wir fügen diesem Citate nichts weiter bei. ES zeigt wie es hier steht, um die obige Lüge zu constatircn. Die zweite obenstehendc Behauptung ist nicht absolut und durchgängig wahr. Statt vieler Beweise genügt es, auf Luthers Behauptung zu verweisen, daß die Fürsten Räuber seien, und je größer der Fürst, desto größer sei der Räuber, (lchii.M ml !>pal. vom 15. August 1521. — kriiioipvm 6886, 6l no» uüquu piirt6 iatiouom 6886, uut non, rillt vix P 088 ll)il 6 68t, 6vqu6 mujoreiu, c;uu Iilgjur I'i'ill66p8 liioriG, ist sein Ausdruck.) Wer übrigens über dieses Thema, in welchem die Bauernkriege eine große Rolle spielten, mehr noch lesen will, dem empfehlen wir das kleine Büchlein „Astrologie und Reformation" von Dr. Johann Friedrich. München, Rieger'sche Buchhandlung 1864, woselbst die oben citirte Stelle S. 130 zu finden ist. Wir sehen demnach hier, wie von Jesuitenfresscrn die Lüge als Mittel zum Zwecke gebraucht wird, und das sind dieselben Leute, welche sagen, Grundsatz des Ordens der Gesellschaft Jesu sei: „Der Zweck heiligt die Mittel." (Aus der Wiener K. Z. Nr. 47 v. I.) Eierhan d el England bezicht aus Frankreich, minder aus Belgien und Holland, kolossale Massen von frischen Hühnereiern. Es gibt in Frankreich Exportgeschäfte, welche Tag für Tag Hunderte von Menschen nur mit Prüfung und Verpackung der Eier beschäftigen. In den ersten fünf Monaten vorigen Jahres sind in England 196 Millionen Stück Eier eingeführt worden, davon im Monat Mai allein 56 Millionen Stück. Seit 1861 nimmt die Eiercinfuhr immer größere Dimensionen an. Da der Eicrexport äußerst lukrativ ist, trotz den enormen Verlusten durch Ausfall der schlechten, bebrüictcn Eier, die kein gewissenhafter Händler verwendet, so har man auch schon rvr Jahren in Deutschland wiederholte Versuche gemacht, einen Theil davon in die Hand zu bekommen; dieselben 46 scheiterten jedoch an der damaligen Unmöglichkeit, größere Massen davon rasch und ohne zu große Erschütterung zusammen zu bekommen. So hat z. B. der Erfinder des bekannten Branntweinbrennerei-Dampfapparats, Schwarz, vor etlichen dreißig Jahren schon einmal mehrere Schiffsladungen voll Eier aus Mitteldeutschland nach England abgehen lassen; allein dieselben waren verdorben, wurden nicht angenommen, kamen zurück und konnten nur zur Düngung der Felder verwendet werden, welche freilich eine so kostspielige Zufuhr noch niemals erhalten hatten. — Inzwischen ist durch mehrfache Versuche bewiesen, daß nicht allein ganz Deutschland, sondern sogar Ungarn, die Donaufürstcnthümcr, ja, das gesammte Europa, so weit Eisenbahnen und Dampfschiffe reichen, sich recht gut an dem Eierhandel nach England bethciligcn kann. Es ist jetzt erwiesen, daß frische Eier bei guter Verpackung und Behandlung aus den entlegensten Gegenden vollkommen gut und schmackhaft nach England gelangen. Ein intelligenter Unternehmer in Leipzig hat dies durch beharrlich erworbene Erfahrung vollkommen festgestellt. Derselbe fing den Eicrhandcl aus der Mitte Deutschlands nach Großbritannien versuchsweise an; er entsprach so gut, daß der Mann sich nach erweiterten Licfcrungs - Bezirken umsehen mußte; im Herbst vergangenen Jahres bereiste er zu diesem Endzweck Bayern, Böhmen, ganz Oesterreich, Ungarn bis in's Banat und Slavonien; überall instruirtc er sich über den Stand der Hühnerzucht, schloß Lieferungs-Verträge ab, und ist gegenwärtig in der Lage über Millionen von Eiern zu disponiren. Versuchsweise wurden zunächst 600 Kisten Eier aus Ungarn bezogen; dieselben waren in drei Tagen in Leipzig, binnen sieben Tagen auf dem Londoner Markt; sie erwiesen sich so trefflich, ohne Ausnahme, daß dem Unternehmer aus London, Birmingham, Manchester Liefcrungs-Anträge zugingen und er recht gut eine Million Eier wöchentlich placiren könnte, wenn seine Verhältnisse dies erlaubten. — Unter den zahlreichen Stoffen und Methoden, -welche schon zur längeren Aufbewahrung der Eier vorgeschlagen worden sind, ist dem gedachten Unternehmer am vortheilhaftcsten und Praktischsten erschienen die Anwendung von Ocl und zwar von gutem, reinem Baumöl. (Andere Oele, wie z. B. Mohnöl, Rüböl aus geschältem Samen u. s. w. dürften sich gleichfalls eignen, doch ist zu warnen vor den mit Schwefelsäure gereinigten Oelcu). Damit werden die Eier eingenebelt, so daß die Poren ihrer Schale sich mit Oel schließen und der Luft den Zutritt in das Innere des Eies ziemlich lange Zeit wehren. Das Einrciben muß sorgfältig und behutsam geschehen: die Person, welche es vornimmt, hat einen weichen Filz vor sich liegen, der nicht allein jeden abfallenden Tropfen aufnimmt, sondern auch ein der Hand entschlüpftes Ei vor dem Zerbrechen bewahrt. (Sobald es aber einen Sprung bekommen hat, ist es untauglich für die Versendung.) Durch ein ganz einfaches Verfahren wird das verschüttete Oel aus der Filz- Vorlage mittelst Schwefelkohlenstoff wieder gewönne« und kann dann von Neuem benutzt werden. Es geht auf diese Art so wenig verloren, und die Arbeit so rasch von statten, daß der Kostenbetrag für 280 Stück Eier (nach längerer Erfahrung) sich auf nicht mehr als 6 Pfennige belauft. Eine fleißige Arbeiterin kann ün Tage ungefähr 3000 Stück Eier sorgfältig ölen. (Am schnellsten und sichersten geht das Einölen der Eier, wenn die Arbeiterinnen, denen das Geschäft besser zukommt, als Männern, sich der ledernen Glacehandschuhe nüt abgeschnittenen Fingerspitzen bedienen, deren Handfläche mit einem Stücke weichen Flanell benäht sind; dies wird mäßig mit Oel getränkt und das Ei zwischen den Händeu ein paar Mal rasch umgericben. Es erlangt sich bald eine große Fertigkeit bei diesem Geschäft.) Man könnte auch die Eier mit Speck einrciben, wie von vielen Hausfrauen bekanntlich geschieht; allein solche sind in England unverkäuflich, da sie einen Geruch annehmen, was beim Baumöl nicht der Fall ist. Die Verpackung der Eier geschieht auf keine Weise billiger und vortheilhafter, — als in Kisten mit Spreu. Am geeignetsten ist dazu die Spreu des Spelz, der in Süddeutschland und den Donauländern im Großen angebaut wird. Die Kisten müssen hinreichend stark sein, damit ihre Wände einem Druck nicht nachgeben, wie die Zuckcrkisten, Citroncnkistcn u. s. w. Die früher oft gehegte Befürchtung, daß durch das Rütteln auf den Eisenbahnen die Eier in ihrer Theilung in Eiweiß und Dotter gestört oder in der Haltbarkeit beeinträchtigt werden könnten, hat sich nicht bestätigt. Bei Eiern, welche zum Ausbrüten bestimmt sind, scheint dagegen allerdings ein schädlicher Einfluß des Transports Platz greifen zu können, jedoch keineswegs immer, da Fälle bekannt sind, in welchen Bruteier ohne weitere Vorsichts- Maßregeln auf größere Entfernungen hin verfahren, sich doch noch vollkommen entwicklungsfähig gezeigt haben. Angebrütete Eier eignen sich nicht zum Versandt, — denn sie sind durchaus nicht haltbar; daher müssen sämmtliche Eier vor der Verpackung genau besichtigt werden. Man kann dies thun gegen die Sonne, z. B. im verdunkelten Gemach, dessen Fensterladen einen eierförmigcn Ausschnitt enthält, mit der Hand vor einem Licht u. s. w,, am sichersten aber geschieht diese Arbeit vor einer Gas-Stichflamme mit dem Eiergucker oder Ooskop. Derselbe ist ein Kasten nach Art der Stereoskopenbehälter, der eine 'kleine dunkle Kammer bildet, in die das Ei so gefügt wird, daß gegen die Stichflamme gehalten, darin der kleine dunkle Kern, welcher die begonnene Entwicklung der Embryo anzeigt, ganz deutlich erscheint. Eier, welche ihn sehen lasten, werden bei Seite geworfen. Sie lassen sich noch zur Gewinnung von Albumin, auch von Eieröl verwenden; wo schon die Entwicklung weiter vorgeschritten ist, bleibt nur noch die Benu- zung mit Kalk zu Dünger nach dem Mostclmann'schcn Verfahren übrig. Das bedrängte Reh. Es schweigt der Bach, von Frost zu Eis erstarrt. Die Ficht' im Wald, von Reif beladen, knarrt. Ein trüber Himmel senkt sich auf die Flur, Sie zeigt im Schnee der Wölfe leichte Spur. Da springt ein Rchlein aus dem Wald heraus, Stutzt bangen Blick's und flieht zum Jägerhaus: Der Wölfe Hnngerheulen traf sein Ohr. „O Jäger, laß' in Ruh dein Feuerrohr! Unedel, gäbst du jetzt dem stech den Tod, Wo es vertrauend zu dir flieht in Noth. Schließ' auf die Thür und laß' es zu dir ein, O woll' ihm Schützer und Erhalter sein! — Und wenn auf dich, was Gott verhüten mag. Sich drohend niedersinkt ein schwerer Tag, Wenn dir des Lebens Bach in Gram erstarrt, Wenn gierig dein des Unglücks Währwolf harrt, Wenn dir schon nah' sein Wuthgchenl ertönt, Wenn du ein Flüchtling, der in Drangsal stöhnt. Und keines Freundes Hilfe dir erscheint: Dann biete mitleidsvoll dein cig'ncr Feind, So wie du jetzt dem armen Reh gethan. Dir seines Hauses Schutz und Labung an!" M i s c e l l e ii. (Ein höflicher Richter.) Ein Richter im Westen Amerikas, der seiner Höflichkeit wegen berühmt und populär ist und sich auf jede Weise bemüht, diese Popularität sich zu erhalten, hatte kürzlich einem Vcrurthciitcn sein Todesurtheil zu verkündigen und entledigte sich seiner Pflicht in folgender Weise: „Gefangener, Herr D., darf ich Sie bitten, sich zu erheben? (Es ist eine Formalität, welche das Gesetz vorschreibt; sonst 48 würde ich Sie nicht bemühen.) Sie sind eines Verbrechens angeklagt, welches, glaube ich, ohne jedoch irgend welche persönliche Meinung dabei geltend machen zu wollen, auf Mord lautete, und von einer Jury Ihrer LandSleute zu meinem großen Bedauern schuldig befunden worden. Ich habe Ihnen deßhalb leider, indem ich nochmals meine persönlichen Gefühle rescrvire, anzukündigen, daß Sie am Halse aufgehängt werden sollen, bis Sie todt — todt -— todt sind. — Bitte, setzen Sie sich und erlauben Sie mir nur noch die Frage, — um welche Zeit es Ihnen am besten passen würde, — sich hängen zu lassen?" (Vorrath des Elfenbeins.) Wenn, wie man behauptet, die Elephanten wegen der unaufhörlichen Verfolgungen, denen sie ausgesetzt find, bald von der Erde verschwinden müssen, so wird es doch deshalb an Elfenbein nicht fehlen. Die Entdeckungen englischer und russischer Seefahrer in den Polarregionen haben es außer Zweifel gesetzt, daß fast unerschöpfliche Lager von Mammuth - Zähnen dort im Schooße der Erde liegen, deren Ursprung sich nur dadurch erklären läßt, daß die an sich in Hcerdcn zusammenlebenden Thiere durch die drohenden Anzeichen einer Erdrcvolution zu größeren Massen zusammengetrieben und dann von der Katastrophe begraben worden. Ncu-Sibiricn allein liefert jährlich gegen 40,000 Pfund von diesem fossilen Elfenbein in den Handel, während die Eingeborenen selbst zur Anfertigung von Uteusilien, Waffen, Jagdgeräthschastcn rc. große Quantitäten davon verwenden. 2 In einer Privatsammlung zu Donauwörth befindet sich eine Denkmünze mit dem Brustbild des Königs Friedrich von Preußen kriävrions >wi'U88orum rex, »ud der Jahreszahl 1759 auf der Vorderseite — und nachfolgender Inschrift auf der Rückseite: nllrnboi-A unck krunlikuit rvill iai>8 ckunkan lla^reutl: unck rm8biiok rvill icl>8 8olionIeen ligmbni-A unck rvürxdm-A rvill ia!>8 rvoi8nn ckn8 ieli bin ckar kneniA in prou88cn. (Alles im Verhältniß.) Ein Soldat wurde bei einem Bauer einquartiert. Um sich gehörigen Respekt zu verschaffen, zog er beim Essen seinen Säbel und legte ihn quer über den Tisch. Der Bauer, ohne das geringste Erstaunen an den Tag zu legen, stand auf, ging in die Scheune, holte die Heugabel und legte sie zum Säbel. Verwundert fragte der Soldat, was das zu bedeuten habe? „Zu einen: großen Messer gehört eine große Gabel," sagte der Bauer ganz trocken. (Was kann man durch Dummheit werden.) Ein Herr, der den Bedienten in seinem Armsessel schlafend fand, weckte ihn mit den Worten: „He, er bildet sich Wohl gar ein, er sei hier der Herr! Dumm genug ist er wahrlich dazu!" Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von llr. M. Hntllcr. N,-o. 7. 14. Februar 1869. Augsburgee 4 - Nasse Augen sind allmächtig über stummen Lippen. Diekgütige Natur nimmt der gelähmten Zunge des Bedrängten die Krankengeschichte seines gepeinigten Herzens ab, und erzählt sie uns mit einer einzigen Thräne. I. P. Fr. Richter. Gerächt und gerichtet. (Fortsetzung.) Ihr Auge suchte den Himmel, der über den Dächern in reiner Bläue lag Die Sonne glänzte so rein und golden, ein Vogel stieß im Vorübcrfliegen einige Jubeltöne aus, aber ihr starrer Blick konnte heut' nicht mehr ein Vater-Auge finden, das liebend über seiner Welt ruht, sie seufzte tief — und ein Thräncnstrom machte ihrem gepreßten Herzen Luft. „Verzweifeln Sie nicht, wo die Noth am größten, ist die Hilfe am nächsten; das bleibt doch ein altes gutes Wort." „Ich darf nicht mehr hoffen," cutgcgncte Marianne. „Und wenn Sie es dennoch dürften?" Diese mit Betonung gesprochenen Worte machten Marianne aufmerksam, ein Strahl von Freude glitt über ihr Gesicht, um eben so schnell zu verschwinden; es war ja unmöglich, wo sollte jetzt noch Rettung herkommen! „Sie dürfen hoffen," wiederholte der Protokollführer, „es sind Sachen an das Licht getreten, die für Georg sehr günstig, vielleicht sogar — " „Sagen Sie das nicht," unterbrach ihn Marianne, „ich lasse mich nicht täuschen, Ihre Gerichte sind schrecklich, — wen sie einmal erfaßt, den machen sie schuldig, der ist verloren." „Hm, mein alter Iustizrath ist boshaft und eigensinnig, so sind sie nicht Alle, es gibt noch viel rechtschaffene Juristen, die die Unschuld au das Licht ziehen." „Was hilft das dem Georg? Man glaubt mir picht, daß er kein Mörder." „Ich glaub' es, noch mehr, ich weiß es, — Georg ist wirklich unschuldig!" — Marianne lachte wild auf, sie nahm es für Spott, er, der ihr stets airtz den Akten Georgs Schuld überzeugend nachgewiesen, sprach jetzt von seiner Unschuld. „Das hab' ich nicht verdient, Herr Meyer," sagte sie vorwurfsvoll, „ich will lieber ertragen, daß Sie mir alle Protokolle mittheilen, als diesen Scherz." „So höre doch!" mischte sich die Nähterin in's Gespräch und warf sich mit weinenden Augen an die Brust der Freundin. „Georg ist wirklich unschuldig, er wird frei." „Frei!" jauchzte Marianne und die Bauerndirne, die so lange in engen Banden eingeschnürt worden, machte sich Luft. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür -— „Georg!" — „Marianne!" — und zwei glückliche Sterbliche hielten sich jubelnd umschlungen. Der Protokollführer zog seine Geliebte zu sich hin, welche einen Strom von Freu- denthränen vergoß und sagte ermahnend: „Warum weinst Du denn? das ist ja ein unendliches Glück!" aber in demselben Augenblick mußte er auch schon das Taschentuch hervorziehen und sich die Augen trocknen. „Dummes Zeug! zu weinen!" fuhr der gute Mensch fort und konnte sich der Thränen nicht enthalten. Während die beiden Zuschauer 50 vor freudiger Rührung in Thränen zerstoßen, kam in die Augen der beiden Glücklichen, die ein so tief erschütternd Wiedersehen feierten, kein feuchter Tropfen. Mariannens Wangen waren mit Purpur übergössen, alles Leid, alle blasse Sorge schien mit einem einzigen Hauch hinweggcweht, ihre Brust war stark genug, den hohm Wellenschlag des Glückes zu ertragen. Wie viel hatten sich die Beiden zu erzählen; welche Veränderungen in ihren Schicksalen waren geschehen. Georg fragte erstaunt, „was Marianne hier treibe, und wie sie in die Stadt gekommen?" Sie crröthetc und wollte mit der Sprache nicht heraus. „Mein Vater ist so launenhaft, ich konnte es nicht mehr bei ihm aushalten," — stotterte sie hervor. „Nein, glauben Sie das nicht," eiferte sogleich die zukünftige Frau Protokollführerin, „die arme Marianne wollte —" „O, schweige doch still," bat Marianne. „Ich muß es ihm sagen, wie lieb Du ihn gehabt, — damit er's einsieht und nicht vergißt." „Was ist denn geschehen?" fragte Georg. „Marianne wollte Sie retten," erklärte der Protokollführer. „Ihr Alibi nachweisen und hat das bekannt, was Sie verschwiegen, darüber zürnt noch ihr Vater." „Marianne!" rief der fange Mann mit tiefster Bewegung und drückte das treue Mädchen in überquellender Empfindung noch einmal an seine Brust. „Das hast Du für mich gethan? Du treues, liebes Herz!" „Und hast Du nicht mehr gelitten, um meinetwillen," cntgcgnete jetzt Marianne unter Thränen lächelnd, „hättest Du nicht geschwiegen, hättest Du bald gesagt, daß —" „Und Dir diese Schande gemacht? Was sollten die Leute von Dir denken, daß gerade an diesem Abend! —" „Und Du selbst, Georg; aber meine Angst um Dich war so groß und ich wußte, daß Du mich nicht für schlecht halten würdest — hätt' ich wissen können, welch' Unglück ich damit herbeigeführt, und ich wollte . lies nur zum Guten lenken und zum Glück." „Ja, ja, wir dürfen eben nicht lenken, da geschieht am meisten etwas Schlimmes," bemerkte der Protokollführer. Nachdem die Freude des ersten Wiedersehens verrauscht, gewahrten Beide erst, welche Veränderungen mit ihnen vorgegangen. Marianne war weißer, blasser geworden, Gram und Sorge halten jetzt ihre Furchen in das einst so blühende Gesicht gezogen und damit den Zauber der Jugend abgestreift. Sie erschien um zehn Jahre gealtert. Bei Georg hatten jene schweren Tage noch tiefere Verheerungen hervorgebracht; er sah aus, wie ein aus dem Grabe Erstandener, und wohl war es ein Grab, aus dem man ihn hervorgerufen. Wo war die jugendliche Erscheinung hin, die voll Leben und Gesundheit gestrotzt! Marianne schloß eine welke, zusammengebrochene Greiscngestalt in ihre Arme, und doch — wie ruhten ihre Blicke mit unendlicher Liebe auf dem armen Dulder, dessen eingefallene Wangen und weiß gewordenen Haare von einer Ewigkeit voll Qual und Schmerz erzählten. Sie gingen Beide mit verschlungenen Armen in dem kleinen Stübchxn auf und ab, während das Brautpaar sich leise entfernte, um ihnen einen ungestörten Augenblick zu gönneu. Beim Zurückwandern warf Georg einen Blick in den Fenster- spiegel und blieb plötzlich stehen, er hatte das Gesicht eines Fremden zu sehen gemeint, so völlig unbekannt war ihm das Antlitz, das ihm dort entgegentrat. Marianne wollte ihn vom Spiegel wegziehen, er lachte bitter; „ich muß doch sehen, wer der Mann ist, der Dich am Arme führt." Und nun trat er dicht vor den Spiegel, und seine Augen gruben sich tief in das erschreckende Abbild, das ihm das rücksichtslose Glas cntgegen- warf. Er schauderte vor sich selbst zurück, als er in diese hohlen, halb erstorbenen Augen blickte, auf dies entstellte Antlitz, das ihm wie ein Todtcnschädel entgcgengrinste. Wie mit einem Schlage stiegen die alten Wuth- und Haßgedanken gegen seinen Peiniger 51 herauf, sein Gesicht verzerrte sich in wildem Grimm, er ballte die Fäuste und rief drohend: „Warte, Elender, ich bin jetzt frei!" Marianne suchte ihn zu trösten, zu beruhigen. „Du wirst wieder gesund und frisch aussehen," sagte sie schmeichelnd, „guck', ich bin auch recht alt und häßlich geworden, wir haben uns nichts vorzuwerfen." „O, es ist nicht darum; aber wenn ich dort in den Spiegel sehe, dann lcs' ich erst, was in meinem Gesicht geschrieben, was noch deutlicher hier steht," er zeigte auf seine Brust. — „Du mußt nicht mehr daran denken," meinte Marianne. „Nicht daran denken?" fragte Georg bitter zurück. „Er hat mich zertreten wie einen Wurm, ich habe nichts gekonnt, als mich ohnmächtig krümmen und ich hab' nur nach Freiheit gelechzt, um —" er hielt erschrocken innc: Marianne blickte ihn forschend an, er scklug seine rachefunkelnden Augen zu Boden und starrte vor sich hin. „Sei auf Niemand böse, Georg!" beschwichtigte Marianne, „auf Niemand — liebet Eure Feinde, steht in der Schrift und wenn er uns durch seine Härte wehe gethan, so —" „Soll er es büßen," unterbrach sie Georg und stieß ein wildes Lachen aus. „Ich erkenne Dich nickt wieder," begann Marianne von Neuem. „Hab' ich mich denn selbst wieder erkannt?" fragte Georg, „ist denn die Fratze, die ich gesehen, mein Gesicht? — Ist nicht aller Frieden, alle Ruhe aus meiner Brust heraus?" Er ging hastig allein in der Stube auf und ab. „Hat Dich mein Buch nicht getröstet, das ich Dir geschickt?" fragte Marianne, ihn auf andere Gedanken zu bringen. „Ja, das Buch, Du hast recht —- Aug' um Auge, Zahn um Zahn," murmelte er vor sich hin und ohne sich von Mariannens Liebkosungen aufhalten zu lassen, stürmte er hinaus. Marianne sah ihm lange nach, ihr war Alles wie ein Traum. . . . Vl. Die Freisprechung Gcorg's konnte Niemand unangenehmer berühren, als den Justiz- Rath. Er hatte so lauge, so scharfsinnig rücksichtslos inguirirt und sich nun dennoch vergriffen. Das war ein Stachel, der sich tief verwundend in seine ehrgeizige Juristcn- scelc drückte. Und wenn man seine Härte, ja seine elende Grausamkeit an das Licht zog, wenn man höheren Ortes die Untersuchungsaktcn einforderte und daraus seine Voreingenommenheit, sein blindes Zutappcn ersah, konnte das nicht böse Folgen für ihn haben? Doch der Justizrath war kein Mann, der sich von solchen Dingen einschüchtern ließ, er hatte sich schon durch manche Diszipliuar - Untersuchung glücklich hindurchgcwunden und dieser Fall war dagegen unbedeutend. Pah, ein Baucrnjunge, ob dessen dickes Fell mehr oder weniger durchgegerbt worden, was verschlug das? Aber die ganze Stadt war von Unmuth erfüllt über das bekannt gewordene Verfahren des Justizraths; man begann, sich für den unschuldig Angeklagten zu intercssircu, Sammlungen wurden veranstaltet, um den Unglücklichen für seine schwere Leidenszcit in Etwas zu entschädigen, ja der Assessor erbot sich, ein Bittgesuch an den Landcshcrrn zu fertigen, damit dem Armen irgend eine öffentliche Ehrenrettung würde. Georg schlug Alles aus und entzog sich den eben so herzlichen, wie theiluchmendcn Beweisen des Mitgefühls völlig. Er blieb in aller Stille bei dem gutmüthigen Protokollführer, der ihm sein kleines Stübchcn als Asyl angeboten. Man erfuhr jetzt erst die schonungslose Behandlung des Angeklagten, wie er nur aus Verzweiflung ein Schuld-Bekenntniß abgelegt, und man vcrurthciltc dafür den Justizrath um so härter. Jeder wußte von ihm einen schlechten Zug anzuführen, Alle waren darin einig, daß der Mann durch diese Brutalität von seinem Posten kommen müsse und seine besten Freunde, mit denen er manche Flasche ausgestochcn, manchen „Robbcr" gemacht, brachen über ihn, wie das ja immer geschieht, am schonungslosesten den Stab. 52 Dieses Brausen des allgemeinen Unwillens gewahrte der Justizrath bald, und es mußte wenigstens in seinen Hauptströmungen besänftigt werden. Der alte praktische Jurist verzog sein dürres, ausgelebtes Gesicht in höhnische Falten, ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab, rieb sich dann, als ob ihm ein Einfall gekommen, vergnügt die Hände, und murmelte vor sich hin: „Es wird freilich etwas kosten, es muß diesmal etwas Ausgesuchtes sein, Trüffeln — Gänsclcber — Tokayer — aber dann bin ich ^ wieder das alte Justizräthchen, kein Menschenfresser, kein Kannibale mehr — wie mich schon die Dienstmädchen am Röhrtrogc heißen — sie schütteln mir wieder die Hände, die > alten Freunde, und wenn erst der Champagner anrückt, dann sagt doch Jeder, daß ich ein guter Kerl und noch viel zu human und christlich gehandelt. — Meine armen Trüffeln, meine Weine!" jammerte er und nahm mit bedenklicher Miene eine Prise; verd— Geschichte das, aber es muß sein!" (Schluß folgt.) Allerlei Lichter. Das ärmste alte Mütterchen, welches am Christabend tiefer als sonst in die Tasche gegriffen, um ein Paar Wachskcrzchcn für den Wcihnachtsbaum ihres armen verwaisten Enkels und um einige Kreuzer Petroleum für ihre Lampe zu kaufen, sie ahnt es wohl nicht, wenn sie mit dem glücklichen Kinde einen Häring mit Kartoffeln verspeist, um am Weihnachtsabend auch Fisch gegessen zu haben, daß sie der antike Schlemmer Lucullus, wenn er zufällig in ihre Kammer getreten, sehr beneidet haben würde, nicht um den halben Häring, wohl aber um die glänzende Beleuchtung ihrer Abendtafcl. — Im klassischen Alterthum bewegte sich der Fortschritt auf der kurzen Bahn von der Kicnfackcl bis zur Oellampe, welche von Pcriklcs bis Ludwig .XV., wo die Reflektorlampen eingeführt worden, im Wesentlichen unverändert blieb. Das französische Königthum lag bereits in den letzten Zügen', als Ärgand 1798, angeregt durch die hellen Flammen eines brennenden Bauernhofes, zur Construktion seiner neuen Lampe veranlaßt wurde. Lange V wollte das Experiment nicht glücken, bis ihn endlich ein Zufall den richtigen Weg finden ließ. — „Mein Bruder," erzählte der jüngere Bruder Argand's, „hatte lange Zeit Versuche angestellt, um seine Lampe zu Stande zu bringen. Nun lag am Weihnachtsabend auf dem Kamintisch ein abgebrochener Hals einer Weinflasche. Nachdem ich zufällig Hinübergriff und ihn über die kreisförmige Flamme der Lampe stellte, erhob sich augenblicklich die Flamme mit Glanz. Mein Bruder sprang voll Entzücken von seinem Sitze auf, stürzte freudig auf mich zu und umarmte mich feurig." Seit Argand drängen sich die Erfindungen in der Construktion von Oellampen, um schließlich, nachdem Carcel den glücklichen Gedanken hatte, das Oel-Reservoir in den Lampenfuß zu verlegen, in unserer heutigen Moderateur-Lampe zu gipfeln. Weit später, als die Lampen, sind die Kerzen aufgetaucht. Unschlittkerzen mit Baumwolldocht kommen erst im 15tcn Jahrhundert vor. Gegossene Kerzen kennt man erst seit Anfang unseres Jahrhunderts, Stearinkerzen erst seit kaum 40 Jahren. Chevrcuil lehrt im Jahre 1823 den schmierigen Talg in feste und flüssige Fettsäuren zu zerlegen, und die festen Fettsäuren nach Verscifung der flüssigen auszuscheiden. 1825 wurde von Cambacüres der geflochtene Baumwolldocht, welcher das Putzen der Flamme überflüssig machte, erfunden, und also war die Grundlage zur heutigen Stearinkerzen - Fabrikation gewonnen. — Aber es dauerte noch bis nach der Juli- Revolution, bevor dieser neue Industrie-Zweig Wurzel fassen konnte. Erst ein Kammer- herr Carls X., de Millh, ein Mann von den vielseitigsten Kenntnissen, der durch den Sturz dieses Bourbonen-Königs sich aller Subsistcnzmittel beraubt sah, — versuchte die fabrikmäßige Erzeugung der Stearinkerzen, und erst diesem genialen Manne gelang es, die Stearinkerzen zum Range eines Handelsartikels zu erheben. Sechs Jahre später, im Jahre 1837, gründete dann sein Bruder die erste Stearinkerzen - Fabrik in Wien, nach » - . 53 welchem wir heute noch diese Kerzen Millykcrzcn nennen. Aber mit der Vervollkommnung der Lampe und der Kerze schließt die Geschichte der Beleuchtung nicht ab, sondern nun erst drängen sich die Entdeckungen von neuen Belcnchtungsstosscn und neuen Methoden, sie zu verbrennen, von der Gasbeleuchtung bis zur Phöbnslampe. Als neue Bclcuch- tungsstofsc treten auf das Rüböl, dann die ganze Reihe der Leuchtstoffe, welche durch Rektifikation der Thceröle gewonnen werden, und je nach ihrer Beschaffenheit unter dem Namen Photogen, Mineralöl, Hydrocarbur, Schicfcröl, Solaröl u. s. w. in den Handel kommen, ferner daS diesen Oelcn verwandte Petroleum oder Erdöl, dann zur Kerzen- Erzeugung Palmöl, Wallrath, ein eigenthümlicher Fettstoff, der auS dem Potlfisch und anderen Fischen des südlichen Weltmeeres gewonnen wird, das Paraffin, welches Neichcn- bach im Jahre 1830 zu Blansko in Mähren bei einer Theer-Destillation entdeckte u. s. w. Aber alle Fortschritte in der Beleuchtung überragt an Großartigkeit und Bedeutung die Erfindung der Gasbeleuchtung. Jahrtausende war sie dem Menschen nahe gelegt, und doch sind es kaum 70 Jahre, seit er sie entdeckte. Bei jeder Beleuchtung findet zuerst eine Erzeugung von Gas aus dem Belcuchtungs-Materielle, Oel, Wachs rc. und dann eine Lichtcntwicklung durch Verbrennung der Gase statt. Auch bei der Oel- und Kerzen- Beleuchtung findet derselbe Vorgang statt. —- Die Flamme, welche das Licht entwickelt, ist zugleich das Feuer, welches den Brennstoff, sei cS nun Oel, Talg, Paraffin rc. in Gas verwandelt; der charakteristische Unterschied zwischen der Oellampcn-, Kerzen- und Gasbeleuchtung ist, daß in der Kerze und Lampe Gaserzeugung und Gasverbrennung in demselben Raume gleichzeitig vor sich gehen, während bei der Gasbeleuchtung die Erzeugung und die Verbrennung des Leuchtgafes zeitlich und räumlich getrennt vor sich gehen kann. — In dieser zeitlichen und räumlichen Trennung liegt das Charakteristische der Gasbeleuchtung, während sie sonst mit jeder anderen BclcuchtungS - Methode ganz identisch ist. — Treffend schildert Knapp diesen Vorgang mit den Worten: „Die Flamme der Lampen und Kerzen ist ein wahrer Mikrokosmus einer Gasbelcuchtungs - Anstalt, deren Rctortenhaus in dem engen Raume eines Dochtcndcs so sicher und geräuschlos arbeitet, daß man ihr Dasein viele Jahrhunderte lang nicht gewahr wurde," und noch anschaulicher drückt der Chemiker Dumas denselben Gedanken aus, indem er sagt: „Hätte man von Anfang au das Gas gehabt, so würde der, welcher die Kerze gemacht, als der geniale Kopf gefeiert worden sein, dem es gelungen ist, den Mechanismus der Gasanstalten in den Raum eines Fingcrhutcs zu conzentrircn." Die Gase der Steinkohle waren wohl lange schon studirt, aber erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts dachte der französische Ingenieur Philipp Lc Ronn in Paris und der englische Ingenieur Murdoch in London an die praktische Verwerthung dieser Studien. — Wilhelm Murdoch war Ingenieur der Minen von Cornwall, wohnte aber in Ncd- ruth. — Er versuchte das Clayton'sche Experiment, Stcinkohlcngas in Schwcinsblascn zu sammeln, und aus daran befestigten Röhren brennen zu lassen. Des Nachts beim Heimreiten bediente er sich dieser Blasen auf dem Pferde statt einer Laterne, und kam so bei dem Landvolk in den Geruch eines Magiers. Im Jahre 1792 gelang es Murdoch endlich, sein eigenes Wohnhaus, und 1803 sogar ein großes Fabrik-Etablissement in Soho mit Gas zu beleuchten. Von diesem Jahre ist die Einführung der Gasbeleuchtung in's praktische Leben zu datircn. Jetzt war aber noch der große Schritt zu thun, die Gasbeleuchtung vom einzelnen Hause auf ganze Städte auszudehnen, und diese Aufgabe löste aber weder Murdoch noch Le Ronn — sondern ein Deutscher (Ocstcrrcicher), NamcnS Winzlcr, der im Jahre 1803 in London unter dem Namen „Winsors" auftauchte, und später sowohl in London wie in Paris die Gasbeleuchtung im Großen zuerst durchführte. — Winzler war nichts weniger als ein Mann der Wissenschaft, aber voll Kenntniß der Welt, einer der genialsten Schwindler seiner Zeit, der in seinem Programme, eine Aktiengesellschaft zur Bildung der ersten GaScompagnie in London, seinen Aktionären auf die Kapitalseinlage von 5 Pfund Sterling eine Dividende von 570 Pfund Sterling, 54 . also ein Erträgniß von nicht weniger als 11,400 Procent zusagte. Im Jahre 1605 hatte Winzler seine erste GaScompagnie auf Aktien gegründet. Anstatt Dividenden zu zahlen, verpuffte Winzler das Akticn-Capital bis auf den letzten Schilling. Nichts desto weniger vermochte Winzler die Aktionäre zu einer bedeutenden Nachzahlung zu bewegen, indem er sie glauben machte, es sei ihm gelungen, das Gas wohlriechend zu machen, und noch mehr derlei. Aber auch die Nachzahlung war bald verschwunden. Und immer und immer wieder gelang es ihm, eine neue Compagnie zu bilden, bis er endlich am 1. Apri 1814 sein Ziel, das heißt nicht das Auszahlen hoher Dividenden, sondern die Einführung der Straßenbeleuchtung in London mit Gas glücklich erreicht hatte. Aber Winzler begnügte sich mit diesem Erfolge nicht, sondern ging schon im Jahre 1815 nach Paris, um auch dort die Straßenbeleuchtung mit GaS einzuführen. — Auch in Paris machte die erste Gascompagnie, — die er mit einem Kapital von 1,200,000 st. gründete, nach kurzer Zeit Bankerott, und erst während der Restauration gelang eö der Gasbeleuchtung, unter Ludwig XVlll. sich zu befestigen. — England hat später für Winzler glänzende Revanche genommen, indem es die Jinpcrial-Continental-Gas-Affociation gründete, durch welche das Gas in den größeren deutschen Städten, wie z. B. 1825 in Berlin, 1845 in Wien eingeführt worden ist. Seither hat man gelernt, Gas auch auS anderen Materialien, wie Steinkohlen, als Holz, Torf rc. zu erzeugen, und das Gas auch zu anderen als Belcuchtungs-Zwccken, wie z. B. zum Heizen, als bewegende Kraft für Motoren u s. w., zu verwenden. Von den zahlreichen anderen Erfindungen auf dem Gebiete der künstlichen Beleuchtung scheinen bis heute nur noch das elektrische und Magnesium - Licht von Bedeutung. Das elektrische Licht als BelcnchtungSmittcl für die praktischen Bedürfnisse des gewöhnlichen Lebens zu benützen, ist bis heute zwar noch nicht gelungen, wohl aber hat man andere Anwendungen davon bereits gemacht, wie ;. B. zur Beleuchtung der Leuchtthürme, des Meeresgrundes bei Tauchcrarbeiten rc. Auch das Magnesium-Licht wird heute noch immer nur für einige besondere Zwecke, namentlich für Zwecke der Photographie verwendet, doch ist cS nicht sehr unwahrscheinlich, daß das Magnesium-Licht noch einstens als der gefährlichste Conkurrcnt des Gaslichtes auftreten wird. Zwar sind die Meinungen über die Zukunft des Magncsium-LichteS heute noch sehr getheilt, aber das war seiner Zeit auch beim Gaslicht der Fall. Einer der ersten Gclehr» ten seiner Zeit, Davy, hielt die Idee, London mit Gas zu beleuchten, für so absurd, daß er fragte, ob man denn die Paulskirche als Gasometer zu verwenden beabsichtige, worauf ihm dann der berühmte Ingenieur Clcgg antwortete: Er hoffe noch den Tag zu erleben, wo die Gasometer in der That nicht viel kleiner sein werden, und ein geachteter Chemiker, Sir Webster, erklärt in seinem Lehrbuche der Chemie noch im Jahre 1811 die Gasbeleuchtung für eine leere Spielerei. Die Sache kam aber doch anders, als sich diese sehr gelehrten Herren dachten, und es kann das leicht auch mit dem Magnesium - Licht der Fall sein, und zwar um so leichter, als die Magnesium-Erze mit zu den am häufigsten vorkommenden Mineralien, welche die feste Rinde unseres Erdballs bilden gehören, wie z. B. im Dolomit 16 Proccnt dieses Metalls enthalten sind. Also an billigem Rohcrze wäre kein Mangel, aber die Ausscheidung dieser Erze, welche heute noch mittels des kostspieligen Natron geschieht, verthcucrt das Metall. Würde man es aber dahin bringen, sagt Dr. Frankland, eine der größten Autoritäten in dieser Frage, das Magnesiumlicht wie Zink, mit dem es so viele analoge Eigenschaften gemein hat, mittelst Holzkohle auszuscheiden, so würde das Magncsiumlicht nicht mehr den vierten Theil des Gaslichtes in London kosten. Diese Entdeckung würde eine Revolution in der Beleuchtung hervorrufen, vielleicht bedeutender noch wie die Gasbeleuchtung. 55 Momento mori! Von Johann Weg mit Lustgesang und Reigen! Bei der Andacht ernstem Schweigen Warnen Todtcnkrünzc hier, Sagt ein Kreuz von Asche dir: Was geboren ist auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Vom Altar in die Paläste Dräng' es stch zum Jubelfeste! Mitten unter'm Frcudcnmahl Ruf' es in den Königssaal: WaS den Zepter führt auf Erden Muß zu Erd' und Asche werden! Wo Trophäen sich erheben, Sieger jauchzen, Völker beben. Tön' es aus der Ferne dumpf In den schallenden Triumph: Was den Lorbeer trägt auf Erden Muß zu Erd' und Asche werden! Wie sie ringen, sorgen, suchen, DaS Gefund'ne dann verfluchen; Der umhcrgctricb'ne Geist Felsen thürmt und niederreißt: Was so rastlos strebt auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Siehe durch des Tempels Hallen Mann und Greis und Jüngling wallen, Und die Mutter, die entzückt Ihren Säugling an sich drückt; Was da blüht und reift auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Wie sie kommen, ach! so kamen Viele Tausend; ihre Namen Sind erloschen, ihr Gebein Decket ein zermalmter Stein: Was geboren ist auf Erden, Muß zu Erd' und Asche werden! Geory Jakob i. Aber von der Welt geschieden, Ohne Freud' und ohne Frieden, Blickt die Treue starr hinab In ein modcrvollcs Grab: WaS so mächtig liebt auf Erden, Soll es Erd' und Asche werden? In den schönsten Roscntagen Füllt die Lüfte banges Klagen, Jammert die verwais'te Braut Einem Schatten angetraut: Liebe kann nicht untergehen; Was vcrwcs't, muß auferstehen! Und das brüderliche Sehnen, Abzuwischen alle Thränen; Was die Hand der Armuth füllt, Haß mit Wohlthun gern vergilt: Ewig kann's nicht untergehen; WaS vcrwcs't, muß auferstehen! Jene, die gen Himmel schauen, Ihrer Hähern Ahnung trauen. Diesem Schattenland entflieh'», Bor dem Unsichtbaren knien: O, die werden auferstehen, Glaube kann nicht untergehen! Die dem Vater aller Seelen Kindlich ihren Geist befehlen, Und vom Erdcnstaubc rein, Der Vollendung schon sich freu'n: Sollten sie, wie Staub, verwehen? Hoffnung muß dem Grab entgehen! Sieh' an schweigenden Altären Todtcnkrünzc sich verklären! Menschenhohcit, Erdcnreiz, Zeichnet dieses Aschenkreuz: Aber Erde wird zur Erde, Daß der Geist verherrlicht werd«! » ! i ! 56 M i s e e l l e n. (Anekdoten vorn König Ludwig I von Bayern.) Noch unter Max Joseph waren zwei Naturforscher auf königliche Kosten nach Brasilien geschickt worden, sollen aber mit reicherer Ausbeute für sich selbst als für den Staat heimgekehrt sein, und zählten also zu den Parasiten des früheren Hofes. Wir wollen sie „Kranz" und „Stunz" nennen. Als König Ludwig den Thron bestiegen, konnte er die Frage freilich nicht niehr gerichtlich untersuchen lasten, da kein Gesetz eine rückwirkende Kraft hat; aber er bereitete sich eine Privatrache vor, die er Jahre lang mit eben so viel Witz als Behagen durchführte. So oft er nämlich „Kranz" begegnete, streckte er ihm beide Hände entgegen und begrüßte ihn: „Lieber Stunz, wie geht'S?" Wenn der verwechselte Angeredete dann sagte: „Eure Majestät, ich bin „Kranz," so erwiederte der König, seine Taubheit vorschützend: „Ja wohl, ich weiß, Sie sind Stunz, Sie sind ein Ehrenmann, lieber Profestor; aber der verfluchte Kranz, der hat den Staat bestohlen, schade, daß ich ihn nicht mehr fasten kann! Adieu, lieber braver Stunz!" Und genau dieselbe Scene der Verwechslung spielte er mit „Stunz," wenn er diesem begegnete, nannte ihn seinen guten ehrlichen Kranz, schimpfte aber um so heilloser über Stunz, dem er eben das Alles — mit der Miene höchster Naivetät — direkt in'S Gesicht sagte. — Einige Tage, nachdem Schelling am 20. August 1854 in der Schweiz verstorben war und das Gerücht hierüber sich in München verbreitete, welcher Hochschule der Philosoph auch noch nach Uebersiedlung nach Berlin angehört hatte, begegnete ein allerdings nicht sehr berühmter Profestor der Malerschule dem damals schon längst pensionirtcn König und sprach ihn mit den Worten an: „Welch' ein Verlust für Münchens Gelehrtenruhm! Wissen Eure Majestät schon von Schelling's Tod?" — „Weiß, lieber A.",— erwiederte der König, „ja, ja, alle bedeutenden Leute sterben mir weg, und nur die Dummköpfe bleiben noch in München! Adieu, lieber A." — Beim Prinzen Adalbert spielten die Hofdamen öfter Privattheater, der Prinz zog aber manchmal auch eine Hosschauspiclerin in'S Spiel, um der Darstellung mehr Sicherheit zu verleihen. So war auch einmal eine der bestberufenen Künstlerinnen zu solcher Aushilfe gebeten morden, und hatte freundlichst zugesagt. Als sie jedoch im Damen-Cercle erschien, legte eine der Damen sofort ihre Rolle nieder, denn sie spiele mit keinem „Theatervolk!" Alles war empört, doch ließ sich nicht sofort gut Etwas erwiedern. Aber der Prinz Adalbert erzählte diesen Affront seinem Vater. Einige Tage darnach sah dieser jene Gräfin auf der Straße gehen. Er lief ihr nach, sie laut beim Namen rufend, und holte sie auch richtig ein, indem er sie laut und lachend ansprach, während alle Fußgänger stehen blieben und zuhörten. „Habe gehört, liebe Gräfin! — Sehr recht gethan! Nicht mit Hofschauspielcrinuen agiren wollen! Man muß auf seine Geburt halten! Ihr Großvater selig war Kutscher bei Napoleon, Sie sind aber Gräfin! Das ja nie vergessen! Kutschcrs-Enkelin darf sich nicht encanaillircn mit Hofschauspielcrin! Adieu, liebe Gräfin!" Als ein Menagerie-Besitzer bei der Fütterung in den Käfig der Hyäne ging, und ihre Zahmheit produzirte, sagte ein Schusterjunge: „Das ist nichts! Aber wenn meine Meisterin in dem Käfig wäre, so würde er sich wohl hüten, hinein zu gehen." „Was haben wir denn heute für einen Tag?" fragte ein armer Sünder den Henker, der ihm eben am Galgen den Strick um den Hals zog. „Montag," sagte der Scharfrichter. „Flickermcnt," meinte der arme Schlucker, „diese Woche fängt aber schlecht an." Ein Schuft ist um so schuftiger Je tugendphraseuduftigcr. Druck, Verlag und Redaction des Lckerarische» Instituts von l>r. M. Huttler. ssro. 8 21. Februar 1869 Atlgsbnrger Glücklich ist der, dessen äußere Lage mit seinem Temperament harmonirt, aber ein ganzer Mann, der selbst sein Temperament nach seiner Lage zu regeln versteht. Gerächt und gerichtet. (Schluß) Wirklich gab wenige Tage darauf der Justizrath ein glänzendes Souper, die Honoratioren der Stadt waren geladen und selbst Diejenigen, die sich noch so entrüstet über den Justizrath ausgelassen, die von Untersuchung und Cassation gesprochen und nie wieder mit dem herzlosen Manne Gemeinschaft haben wollten, sie kamen doch, die edlen Seelen, und Alle hatten dafür ihre Gründe. Die Einen wollten nicht augenblicklich brechen, die Anderen doch sehen, wie sich der alte Fuchs benehmen würde, die Dritten, um ihm das Gift des Mitleids in das Herz zu träufeln; aber wohl Alle gelockt von der angekündigten Güte und Trefflichkeit des Soupers, und wirklich ließ es, wie das ganze Arrangement, nichts zu wünschen übrig, und um seinen Gästen etwas Besonderes zu bieten, hatte es der Justizrath in seinen großen Garten verlegt, der jetzt von vielen Lampen und Lichtern erhellt, einen ungcmein belebten und reizenden Anblick bot. Ein Souper im Freien, in einer solch' weichen warmen Sommernacht, das war etwas Neues in der kleinen Stadt und stimmte bald zu Lust und Scherzen. Es wurde fleißig gespeist und gebechert und Mancher, der doch beim Eintritt eine gewisse Kühle und Entfremdung halte vorwalten lassen, wurde wieder gefügiger und hißte die alte Freundschaftsflagge auf. Der Justizrath merkte die von seinen Weinen erzeugte glückliche Stimmung, und brachte selbst mit einem kühnen Anlauf das Gespräch auf das bisher sorgfältig vermiedene Ercigniß des Tages. „Ja, Freunde! stoßt an auf mein Wohl," sagte er spottend, „ich muß mir schon meine Augen in Wein baden, denn diese uichtswürdige Untersuchung bat sie mir doch etwas getrübt," und er rieb sich mit dem rothseidencn Taschentuch über das erhitzte Satyrgcsicht. „Wir haben Sie sehr bedauert," begann der stets wie ein Gummiball beweglich hin- und herhüpfcnde einzige Apotheker der guten Stadt. „Was hat man für Allarm geschlagen, als wären Sie ein wahrer Vampyr, Sie sind doch unser alter, witziger Rath." „Dessen Weine stets vortrefflich, wenn er nur einmal die hintersten Reihen lichtet — die alten Garden!" bemerkte ein schon grau gewordener Doktor, der trotz seiner Jahre noch etwas Burschikoses zur Schau trug. „Ja, der Kerl hat mich was geärgert; ich armer, alter Mann hätte des Todes sein können, er mußte gehängt werden, schon weil er auf mich einen Mordaufall begangen." Ein eigenthümliches Geräusch, wie das Zerbrechen eines Astes, folgte dieser übermüthigen Rede und weckte die Aufmerksamkeit der lustigen Gesellschaft. „Was war das?" rief der Apotheker, und sprang erschrocken von seinem Stuhle. „Bleiben Sie ruhig sitzen, alter Freund, der Wind hat einen Ast heruntergeschüttelt," bemerkte der Justizrath. „Gott bewahre, es regt sich ja kein Lüftchen," warfen Mehrere ein. „Alte Aestc, die endlich brechen," beruhigte der Justizrath, „'s wird uns auch einmal so gehen," setzte er mit einem Auslug weinseligcr Melancholie hinzu. 58 „Nein, »ein, das ist etwas Anderes, sehen wir nach!" rief auch der Doktor und wollte fort. „Ach, vom süßen Weine fortlaufen, Doklor! Dieses Kriminal-Verbrechens hätte ich Sie nicht fähig gehalten," und damit hielt ihn der Justizrath zurück. „Aber, Justizrath, mir ahnt nichts Gutes," bemerkte der Apotheker, „wenn nur dieser nichtswürdigc Kerl, der Georg heißt er nicht so?" „Pah, den hab' ich mürbe gemacht, den Hund, der wagt nicht mehr zu beißen; nein, nein, beruhigt Euch, Freunde, es sind nur alte Aeste, die brechen." Da plötzlich knallte ein Schuß durch die Stille des Gartens, und hallte an den Mauern gespenstisch wieder. Alles sprang entsetzt von den Stühlen und umringte den Justizrath, der mit dem Ausruf: „Mein Gott!" zusammengebrochen und aus dessen Brust ein Blutstrom hervorquoll. Hier in der Stille des Gartens, beim vollen Becher und unter grünen Bäumen hatte die ganze Scene etwas Schauerliches. „Ein Streifschuß," bemerkte der Doktor in seiner gewohnten Ruhe; der lebhafte Apotheker aber rief sogleich: „Er ist todt, das ist der Georg, der ihn erschossen." „Ja, ich, ich habe ihn gctödtct!" rief jetzt Plötzlich eine Stimme, und in wilder Aufregung, die Büchse noch krampfhaft in der Hand haltend, stürzte Georg herbei, daß die Umstehenden von seiner wilden Erscheinung erschreckt, ihm scheu und bestürzt Platz machten. Der wie von Furien gepeitschte Mensch beugte sich zum Justizrath hinab und rief ihm in schneidendem Tone zu: „Erkennst Du mich ? Du hast mich gehetzt und getrieben wie ein wildes Thier, bis ich keinen anderen Gedanken hatte, als mich zu rächen — nun bin ich frei-—nun geh' ich mit Freuden in den Tod!" Der Justizrath öffnete die Augen und blickte in das wutverzerrte Antlitz Georg'S und mit diesem Anblick schien der alte Haß in ihm aufzuflamnicn und ihn von Neuem zu beleben. — „Mörder, auf's Rad mit Dir!" — keuchte er hervor, er wollte sich erheben, aber im nächsten Augenblick sank er zurück, noch einmal leise vor sich hinmnrmelnd: „Dürre Aeste." „Dürre Aeste," lachte Georg ihm dämonisch nach und brach ebenfalls zusammen. Er hatte ja die heiße Fiebergluth der Rache, die ihn rastlos gespornt und gestachelt, in dem Blute seines grausamen Henkers gekühlt und damit war auch seine Kraft erschöpft, er ließ sich willenlos von den erst jetzt sich aus ihrer Bestürzung aufraffenden Gästen festnehmen und verhaften. Als Georg in Fesseln wieder in das Gefängniß abgeführt wurde, das er erst vor einigen Tagen verlassen, stürzten Thränen aus seinen Augen. Bei seinem ersten Eingänge war er doch noch unschuldig, und wie man ihn gemartert und gequält, er hatte das Bewußtsein seiner Schuldlofigkeit und heut' — da klebte wirklich Blut an seinen Händen, da war er in der That ein Mörder und ein düsteres Verhängniß hatte ihn zu dem gemacht, weßhalb er zuerst nur fälschlich angeklagt worden. Und jetzt, da er dem wilden Racheschrei seines gequälten Herzens Luft gemacht, kam auch die Reue über seine fürchterliche That. Wie eine finstere Gewitterwolke hatte der Gedanke der Rache über seiner Stirn geruht, sie mußte sich erst entladen, eh' er den Himmel wieder sehen konnte, nun war der dunkle Schleier zerrissen; wie aus der Tiefe seiner Brust erwachte die Stimme der Religion: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen. — „Barmherziger Gott und ich habe meinen Feind erschlagen!" Mit diesen Worten sank er fast ohnmächtig auf den Boden, daß seine Ketten aneinander klirrten und ihm in's Fleisch schnitten, aber er achtete dessen nicht; dieser körperliche Schmerz war nichts gegen den geistigen, der ihn verzehrte. Der Doktor hatte Recht gehabt, es war nur ein Streifschuß gewesen und ein eigenthümlicher Umstand hatte Georgs blutige That zum Theil vereitelt. Eben als er rache- jubelnd den Finger an den Drücker des Gewehres legte, war plötzlich eine Gestalt an der Mauer vor ihm aufgetaucht, die ihm erschrocken in die Arme fallen wollte. Es war Rose, die seit einigen Monaten in der Stadt in Diensten, Georg nachgeschlichen und leider zu spät kam, ihn völlig von einem Verbrechen abzuhalten. Den Justizrath hatte es aber wenigstens vom Tode, Georg von einer Blutschuld gerettet. Der Justizrath wurde, da die Kugel keine edlen Theile verletzt, rascher hergestellt, als man es erwartet, und genas bis auf einige Athmungs-Beschwerden völlig. Georg's Sc.le wurde dadurch von namenloser Qual erlöst, er wollte nun ruhig sein Urtheil über sich ergehen lassen, hatte er doch keinen Mord auf dem Gewissen. Marianne aber, die durch die entsetzliche That Georg'ö in die tiefste Verzweiflung gestürzt worden, wagte Alles, ihren Geliebten noch einmal aus der Haft zu erlösen; sie ging auf den Rath des Protokollführers zu dem jungen Assessor, der ihr bereitwilligst ein Gnadengesuch an den Landcsfürsten anfertigte und klar und geschickt darin hervorhob, wie der arme gequälte Mensch durch das schonungslose Untersuchungs-Verfahren dahin gebracht worden, das zu werden, wozu man ihn mit aller Gewalt hatte machen wollen, und wie der persönliche Haß des Kriminal-Richters den unglücklichen Ausgang der Untersuchung verschuldet. - Marianne, das sonst so schüchterne blöde Landkind, drang damit selbst zum Landesfürsten, der ihr Gnadengesuch huldreichst aufnahm und ihren Anfangs leise gestammelten Worten freundlich zuhörte. Bald wurde sie von dem Inhalt ihrer Worte selbst hingerissen und mit ganzer Wärme erzählte sie von Georg's Qualen, wie er ja nicht anders gekonnt, als sich Luft zu machen nach einem solch' empörenden Druck, wie er düster und schwermüthig gewesen und dem Elenden diese entsetzlichen Qualen habe heimzahlen müssen und es ohnehin so schrecklich sei, unschuldig angeklagt zu werden, geschweige denn unschuldig vor einem solchen Richter zu stehen. Der Landesfürst war erschüttert, „welch'eine Tragödie!" rief er bewegt, „der Mensch ist unschuldig auch an dem zweiten Morde; laßt ihn frei, er ist begnadigt!" Marianne sank sprachlos zur Erde, sie wollte die Knie des milden Fürsten umfassen, er war schon in der nächsten Thür verschwunden. Laut schluchzend vor Freude und Rührung eilte sie davon. Noch ehe Marianne in die Heimath zurückgekehrt, war die Begnadigung Georgs angelangt. Zum zweiten Male frei! — Und jetzt ohne eine Last, ohne finstere schwarze Gedanken. Frei und weit hob sich seine Brust und wie ein Neugeborner blickte er jetzt in das Leben. Seine Wange färbte sich wieder roth, seine Augen begannen von Neuem zu leuchten, die gebeugte Gestalt richtete sich wieder auf, nur das weiße Haar blieb ihm als Erinnerung an jene Tage. Die Liebenden hatten sich wieder und noch eine große Freude sollte ihnen kommen, als wollte das Geschick nun alle geschlagenen Wunden heilen. Mariannens Vater war von diesen Ereignissen doch zu tief erschüttert, um nicht noch lebhafter als damals den Drang zu fühlen, sich wieder mit seiner Tochter auszusöhnen. — Daß sie selbst beim Landesfürsten gewesen, ihn gesprochen, daß Marianne so viel „Courage" gehabt, schwellte doch mit Stolz sein väterliches Herz; man sprach wieder gut von ihr im Dorfe, Alle staunten über ihre That, bedauerten den armen Georg, der so unschuldig gelitten und unschuldig gewesen, wie sie sich's wohl gedacht, wenn auch nicht gesagt hatten. Wie hätte sich der Alte versagen können, eine solche Tochter im Hause zu haben und einen solchen Schwiegersohn! Er kam selbst, Marianne heimzuholen, und hielt nicht wie damals auf dem ersten Flur an, sondern stieg festen Schrittes hinauf, und als sie gesagt: „Ich komme nicht ohne Georg," dahatte er ruhig geantwortet, als verstehe sich das von selbst: „Georg soll übernehmen, ich werde doch alt und mürbe." Das gab eine Freude und nach langen, langen Wintertageu zog Heller Sonnenschein in ihre Herzen, die geprüft genug, um nicht auch im Glücke, was doch immer das Schwerste, völlig glücklich sein zu können. Der gutmüthige Protokollführer feierte die Hochzeit mit seinen Freunden zu gleicher Zeit und er wurde wenige Monate darauf in einer andern Stadt als „Kreis-GcrichtS- Salarien-Kassen-Csntroleur" angestellt. Welch' ein Triumph für seine Frau, der dieser Titel außerordentlich gefiel und von ihrer Freundin Marianne nicht oft genug Briefe 60 erhalten konnte, um sich an der »Aufschrift dieses außerordentlichen Titels zu erfreuen. — Rose war in ihre Dienste getreten und, wie die Frau „Kontroleur" schrieb, jetzt folgsam und bescheiden. Der Maurer und sein Vetter büßten ihren Doppelmord mit dem Tode. — Der Erstere bestieg reumüthig und zerknirscht das Schaffst, der Letztere verlor in diesem Augenblick die so lange keck behauptete Fassung und gewährte in seiner feigen Todesfurcht ein klägliches Schauspiel. Er, der jeden geistlichen Zuspruch abgewiesen, rief jetzt verzweifelt: „Wartet, ich will noch ein „Vater unser" beten," aber seine zitternden Hände vermochten sich nicht zum Gebet zu schließen, die bleichen Lippen wiederholten gedankenlos „Vater unser", mehr vermochte er in der Todesangst nicht hervorzustammcln, da riß dem Nachrichter die Geduld — ein Blitz — ein Aufschrei — und Alles war vorüber. Der Justizrath war außer sich über die Begnadigung Georg's. —- „Man kann also alte verdiente Justizräthe gemüthlich todtschießen, das schadet nichts." — Aber noch mehr war er entrüstet, als bald darauf seine Versetzung in den Ruhestand und die Ernennung des Assessors in sein Amt erfolgte. Das war die Nemesis, die sich an seine Fersen geheftet, sich auch an ihm gerächt und ihn gerichtet. Die Martyrstätten der beiden Apostel Petrus und Paulus. N o m. Nach der römischen Tradition sind die beiden Apostel nicht an den Stellen gemartert worden, wo sich schon im zweiten christlichen Jahrhundert nach dein Zeugniß deS römischen Priesters Gajus (bei Kerbel». Ilist. ooo!. Ist 25.) ihre Gräber befanden, und wo dann nachmals über denselben die herrlichen Basiliken errichtet wurden, die über dem Grabe des hl. Petrus von Constantin d. G., die über dem Grabe St. Pauli aber zwei Menscheualter später von ThcodosiuS d. Gr.*) Von diesen Bcgräbnißstälten liegen die .Martyrstätten (nach römischer Tradition) je eine viertel bis halbe Stunde (oder darüber) ab, und zwar soll Petrus V, Stunde südlich vom Vatikan, auf dem Janiculus, da wo jetzt 8. lliotro in Nontorio^) steht, gekreuzigt worden sein. Die Kirche selbst, angeblich schon von Constantin d. Gr. errichtet, aber wie sie jetzt ist, ein Werk der Renaissance, von König Ferdinand dem Katholischen von Spanien (Ende des 15. Jahrh.) erbaut, hat nichts besonders bcachtcnswerthcS. Ich sage hat, denn ehemals befand sich hier über dem Choraltar die berühmte Transsiguration von Raphael, sein letztes und wie manche meinen sein schönstes Werk. Das Bild wurde jedoch von Napoleon nach Paris gebracht, und als es nach seinem Sturz i. I. 1815 nach Rom zurückkehrte, auf Befehl Pii VII. in der Gallerie des Vatikans aufgestellt, wofür der Kirche S. Pctri in montorio eine jährliche Rente zuerkannt wurde. Die Kirche ist jetzt im Besitz der Franziskaner. Neben dieser Kirche nun, in dem nördlich an sie anstoßenden Hofe l,sie liegt wie St. Peter mit dem Chor gegen Westen statt gegen Osten), soll Petrus gekreuzigt worden sein und der Platz ist jetzt gekennzeichnet durch einen kleinen sehr schönen Rundtempel (Kuppelbau) von Bramante im edelsten Renaissancestil i. I. 1502 erbaut (auch auf Kosten Ferdinands des Kath. von Spanien.) Im Souterrain dieses Tempels zeigt man noch die Vertiefung, in welcher das Kreuz Pctri gesteckt haben solle. — Seit Sixtus V. ist die Kirche 8. kiotro in montorio ein Kardinalstitel. Auf dem freien Platz vor ihr hat man einen herrlichen Ucbcrblick über die Stadt Rom und die ganze Bergkette vom Sorakte bis nach Albano. Namentlich treten Tivoli, Palcstrina, Colonna, Nach der römischen Tradition liegt übrigens nicht der ganze Leichnam Petri in St. Peter und nicht der ganze Leib Pauli in St. Paul, sondern die Gebeine beider sind da und dort verbunden (quomoilo in viu, llilexvrunl. s«, >la et in inorii! no» sn»t sepur.Ui.) Ueberdies sind die Häupter beider im Cibvrium der Laterankirche. **) Abgekürzt aus monis ä'oeo — der goldene Berg, so genannt von dem goldgelben Sande, der wenigstens die obern Schichten des Berges bildet. 61 FraScati (mit den Ruinen von Tusculum), Grotta Fcrrata, Rocca di Papa, Monte Cavi, Marina und Castcll Gandolfo sehr deutlich hervor. Auch 8t. ?r>o!c> kuori lo muru sieht man hier, fast ebenso gut wie St. Peter, also die Gräber beider Apostel. Wie bekannt, liegt die Kirche St. Paul ungefähr Stund vor der korts 8. I'uolo südlich von Rom, an der Straße nach Ostia; noch eine starke halbe Stunde weiter aber sehen wir drei Kirchen, gemeinhin lru kontuno (die drei Brunnen) genannt. Dieser Name gebührt aber eigentlich nur einer dieser drei Kirchen und zwar derjenigen, die den Platz umschließt, auf welchem der hl. Paulus enthauptet worden sei. Nach der römischen Tradition soll sein abgeschlagenes Haupt noch drei Sprünge gemacht haben und an jeder der drei Stellen, wo cS auffiel, soll wunderbarer Weise eine Wasscrquelle sich geöffnet haben, daher der Name trö kvntuno. Diese drei Brunnen sind noch vorhanden und man trinkt auS jedem derselben. Zu derselben Kirche steht auch die Säule, auf welcher Paulus enthauptet worden sei. Sie ist etwa 4 Schuh hoch, aber oben abgerundet, darum für Exekutionen nicht wohl geeignet. Die Kirche ist i. I. 1590 auf Kosten de- KardinalS Pictro Aldobrandini ganz moderuisirt worden (wcrthlos) und wird gegenwärtig wiederum renovirt. Als wirklich herrlichen Schmuck hat sie bereits eine große antike Mosaik, die vier Jahreszeiten darstellend, als Fußboden erhalten (jüngst aufgegraben in Ostia). — Die zweite Kirche in tro koutuno ist eine Rotunde, 8. Mriu soalu oosli genannt, weil hier der hl. Bernhard, als er' hier wohnte und für die Verstorbenen Messe las, in einer Vision sah, wie die Engel auf einer Leiter (ücgla) vorn Himmel Herabstiegen, um die durch die Fürbitte Mariü auS dem Fegseuer Erlösten zur ewigen Seligkeit zu führen. Das Altarblatt stellt diese Vision Bernhards dar. Neben dem Altar führen Treppen in einen untern Raum hinab, in welchem Paulus vor seiner Hinrichtung gesessen haben soll. Die Rundkirche ist von Kardinal Farnesc gegen Ende des 16. Jahrh, erbaut und weder schön noch groß. Dagegen ist architektonisch genommen die dritte Kirche sehr interessant, 88. Vinouinio oll -VnaNimi». eine Basilika von HonoriuS l. im Anfang des 7. Jahrh, errichtet, im Anfang des 13. Jahrh, renovirt. Glücklicher Weise wurde sie in der Rcnaifsancczeit nicht verschönert. Sie ist sehr lang, mit sehr hohem Mittelschiff und zwei sehr niedern Seitenschiffen. Letztere sind gewölbt und auch das Mittelschiff war ursprünglich auf Wölbung angelegt (man sieht jetzt noch, die A nfä nge der Wölbung), dann aber — warum ist unbekannt, begnügte man sich mit Sparrenwerk. Das Mittelschiff wird von dicken Pfeilern getragen, und alles ist weiß getüncht ohne allen Schmuck mit der einzigen Ausnahme, daß sich an den Pfeilern die lebensgroßen Bilder der Apostel ul kiosoo befinden, angeblich nach Zeichnungen von Naphacl gefertigt und schon öfters übermalt. Vor kurzem soll man nur mehr sehr wenig davon gesehen haben; jetzt aber werden sie wieder neu übermalt. Das allcrinte- ressantestc an dieser Kirche waren mir aber die Fenster des Mittelschiffs. Sie sind noch total die alten, ungcmcin schmal und mit durchlöcherten Marmorplattcn gedeckt. In den runden Löchern der Marmorplatten ist dann Glas eingesetzt. So gestaltete man die Kirchenfenster, als das Glas noch so theuer war, und so waren namentlich ehemals auch die großen Fenster von 8. I'uoio kuori lo muru. Als Hauptreliquicn besitzt diese Kirche das Haupt des hl. Anastasins und mehrere Gebeine des hl. Vincentius. Letzterer, aus Osca in Spanien gebürtig, Priester zu Saragossa, wurde unter Diocletian (Anfang des 4. Jahrh.) gemartert, Anastasius aber, ein persischer Mönch, im 7. Jahrhundert auf Befehl des persischen Königs ChoSrocs mit 70 andern Christen enthauptet. Da ich gerade am 22. Januar, am Gedächtnißtage der beiden hl. Vincentius und AnastastuS diese Kirche besuchte, fand ich diese Reliquien auf dem Hauptaltar ausgestellt und traf dabei viele Andächtige, darunter die beiden Erzbischöfe Manning und Merode. DaS daran stoßende Kloster, von Anfang den Cistercicnsern gehörig, ist jetzt von Trappisteu bewohnt. Der Aufenthalt hier ist sehr ungesund, und es fragt sich sehr, ob diese Mönche nicht ebenso rasch wegsterben, wie ihre Vorgänger auS dem Orden dcS hl. Bernhard. 62 Adelige Genrebildchen. Unter der Überschrift „Illustrationen" schreibt die „Breslauer Morgen-Zeitung": Schlesien hat mehrere interessante Beispiele geliefert, welche die Absurdität der noch gil- tigcn Vorschriften über das Ehehinderniß wegen Ungleichheit des Standes recht grell hervorheben. Vor ungefähr 35 Jahren trieb in einem Gcbirgskrcise ein Herr v. D. das Geschäft eines Hausirers, machte auf seinen Gängen durch die Dörfer die Bekanntschaft einer begüterten Bauerntochtcr, verlobte sich mit Bewilligung ihres Vormundes mit derselben, bestellte das Aufgebot und bereitete sich zur Hochzeit vor, als er von dem betreffenden Geistlichen die Mittheilung erhielt, die Trauung könne nicht eher vollzogen werden, als bis er entweder die Verzichtleistung auf den ihm anhaftenden Adel oder die königliche Erlaubniß zur Schließung einer Mißheirat beigebracht habe. Da der adelige Bräutigam möglicherweise noch einmal irgend einen Verwandten beerben oder einen anderen Vortheil aus seinem „von" ziehen konnte, entschloß er sich zur Eiureichung des verlangten Gesuches, und erhielt nach Verlauf von etwa sechs Monaten den kurzen Bescheid, dasselbe sei nicht bewilligt worden. Sei es, daß der Name — allerdings ein sehr alter und volltönender — des Bräutigams vor der Befleckung durch die Berührung mit einem bäuerlichen bewahrt werden sollte, oder daß sich die Verwandten des Bräutigams, welche sich sonst niemals um ihn kümmerten und ihn als muuvais 8ujvt behandelten, in's Mittel legten, kurz, aus der Heirat wurde nichts. Der verunglückte Bräutigam legte sich auf's Trinken und starb ohne Einspruch seiner Verwandten im Armcnhausc; die Bauerntochter heiratete einen angesehenen Techniker, wurde Wittwe, schloß darauf, zu den Honoratioren der Kreisstadt gehörend, zum zweiten Male ein Ehebündniß mit einem pensionirtcn Major v. * * und hat als Frau v. * * die Freude, die Mutter zweier Offiziere zu sein. — Einem Schuhmacher v. R. erging es ungefähr um dieselbe Zeit nicht besser, obgleich er geltend machte, daß seine Braut, eine verwittwete Fleischermeisterin, ihm im Range jedenfalls gleichstehe und zur Erweiterung seines Geschäfts ein sehr hübsches Vermögen zuzubringen verspreche. Es wurde ihm erwidert, es handle sich um die Gleichheit nicht des durch eigene, sondern ohne eigene Thätigkeit erworbenen Ranges, d. h. um die Ebenbürtigkeit, und das Gesuch um Dispcnsation sei um so mißfälliger aufgenommen worden, als sich in demselben eine Verlängnung jeder noblen Gesinnung kund gebe. Unähnlich dem adeligen Hausircr, welcher sich todt trank, entschloß sich der adelige Schuster nach dem abschlägigen Bescheide kurz und gut zum Verzicht auf seinen Adel, heiratete als Bürgerlicher die Fleischerswittwc und erwarb sich 1849 — 1851 als Rathsherr und Wahlmann so hervorragende Verdienste um das Manlluffel'sche Regiment, daß er mit der Rückgewährung des von ihm aufgehobenen „von" belohnt wurde. — Erst im vorigen Jahre kam in unserer eigenen Druckerei der Fall vor, daß ein adeliger Setzer mit seiner bürgerlichen Braut erst nach Einholung der königlichen Genehmigung getraut wurde, während ein zum niederen Bürger-stande gehörender Vater einer Tochter, welche einen Edelmann von untadelhaftestem Gcblüte und Enkel zahlreicher Ahnen zu ehelichen wünschte, die Weitläufigkeiten durch den Eintritt oder Einkauf in eine exclusive Kaufmanns- Corporation vermied. Dadurch war er wie im Handumdrehen in den höheren Bürgerstand avancirt, die Hochzeit fand statt, der Vater starb, das Ehepaar verthat das langsam durch Handwerksarbcit verdiente Geld in schnellster Zeit, und der Herr Gemahl füllt augenblicklich die Stelle eines Privatschreibers aus. Ob die Frau Gemahlin Wäsche oder Treppen wäscht, ist ungewiß; aber adelig sind Beide geblieben. 63 Pflanzenwandermrgen Es ist eine anerkannte, von Botanikern oft hervorgehobene Thatsache, daß sich bestimmte Pflanzen an bestimmte Menschcnstämme und Nationalitäten anschließen, sich da, wo Leztcrc weilen, in vorzüglichem Grade mehren, ja sogar den Ziehenden und Wandernden von selber sympathetisch nachfolgen, indem sie sich an den von der Heimath entfernten Orten ihres Aufenthaltes freiwillig einstellen. Die großen Völkerzüge, die sich im Mittelalter von Asien aus dem mittleren Europa zuwendeten, werden uns noch jetzt durch das Vordringen asiatischer Steppcnpflanzcn bezeichnet, so der Kochia nach Böhmen und Kram, des tatarischen Meerkohls durch Ungarn und Mahren hin. Den Zigeuner- zügen aus Asien her folgte der sich auf diese Weise über ganz Europa verbreitende Stechapfel, welcher von diesem Volke häufig ausgesäet und angewendet wurde, aber auch ungefördert neben den Wohnungen wuchs. Nach den Befreiungskriegen kam an vielen Stellen, wo sich Kosaken gelagert hatten, eine Gänscfußpflanze vor, welche sonst nur am Dniepr heimisch ist; die Zackenschote verbreitete sich mit den russischen Heereszügcn 1814 durch Deutschland bis Paris. Eine Wickcnart zeigt noch jetzt die ehemalige Wohn- stätte norwegischer Kolonisten in Grönland an, und der Indianer in Nordamerika Pflegt unseren Wegbreit die „Fußspur des Weißen" zu nennen. St. Hilaire äußert sich über dieses wundersame Thema in folgender Weise. In Brasilien wie in Europa scheinen gewisse Pflanzern dem Menschen auf dem Fuße zu folgen und bilden die Spuren seiner ehemaligen Gegenwart. Oft habe ich mit ihrer Hilfe mitten in den Wüsten die Stelle einer zerstörten Hütte aufgefunden. Europäische Pflanzen haben sich in Brasilien überall angesiedelt, wo Kolonisten seßhaft gewesen sind oder nur ihr Lager aufgeschlagen haben. Uebcrall trifft man das Veilchen, den Borrctsch, den Fenchel, mehrere Storchschnabel, unsere Malven und Kamillen, und unsere Gänsedistel, besonders aber unsere in die Ebene des Rio de la Plata und Uruguay eingeführten Artischocken bedecken jetzt unermeßliche Landstriche. In Europa, vorzugsweise Deutschland, sind auffallende Beispiele der Pflanzen-Einwanderung: das Lii^vron cunnckonso aus Kanada, die Cholcradistel aus den Kirgisenstcppen, die Wasserpest aus Amerika und das sibirische Kreuzkraut, welches neuerdings eine Landplage des nordöstlichen Deutschlands geworden ist M i s c e l l e ii. (Eine Bettlerin als Mutter einer Königin.) Während der Unruhen unter der Regierung Karls I. von England begab sich die Tochter eines Bauers, der in jenen Wirren Gut und Leben verloren, als Bettlerin nach London, um dort als Magd sich zu verdingen. Sie war 16 Jahre alt, aber bei aller Schönheit, die selbst von den Lumpen ihrer Kleidung nicht verhüllt werden konnte, unwissend und unerfahren in jeder weiblichen Fertigkeit, nur grobe Feldarbeit hatte sie bei den Eltern verrichtet. Eine gleichfalls arme, aber mildherzige Wittwe, hatte der Waisen ein Obdach gewährt, in dessen Nähe ein Brauer wohnte, der sich zuweilen dieses arbeitsamen Mädchens bei der Zusendung von Porterbier an seine Kunden bediente. Ihre uncrniüdete Pünktlichkeit veranlaßte ihn, sie als Stubenmädchen in seine Dienste zu nehmen, wodurch es ihr möglich wurde, mehr an sich und ihre Kleider zu wenden, so daß bald die Blicke der Männer von dieser liebreizenden Erscheinung angezogen wurden. Auch ihr Brodherr, zwar schon ein bejahrter Wittwer, doch noch rüstig und lcbcnsmunter, machte die Bemerkung, daß Jenny ein sehr liebenswürdiges Mädchen sei. Da er kinderlos war, also ganz unabhängig handeln konnte, erwählte er sie zu seiner Gattin. Er hatte den Schritt nicht zu bereuen; seine junge Frau that Alles, um ihm das Leben angenehm zu machen. Drei Jahre darauf starb der Brauer und hinterließ sein ungeheures Vermögen der kinderlosen Gattin. — Diese war nun im Stande, das Geschäft des Verstorbenen fortzusetzen, bei dem sich viele 64 Schwierigkeiten wegen der Antretung der Erbschaft in den Weg stellten, so daß sie des Beistandes eines Ncchtsgelchrten bedurfte. Sie erwählte den berühmten Sachwalter Hyde, welcher auch das Testament aufgesetzt hatte, durch welches sie in eine ganz unabhängige Lage versetzt worden war. Hyde fand theils die Tugenden und Reize des jungen schönen WeibcS, theils auch das enorme Vermögen so sehr nach seinen Wünschen, daß er bald mit einem Heirathsantrage hervortrat. Sie willigte ein; Hyde stieg von Stufe zu Stufe, und beschloß seine Laufbahn als Graf Clarendon. Aus Beider Ehe war eine Tochter entsprossen, welche die Gemahlin König Jakob l. von England, und als solche die Mutter zweier Königinnen — Maria und Anna — wurde. Alte deutsche Sprüchwörter. Wohlleben und Ucbcrfluß geht Vieles ab, dem Geiz Alles. Er zöge einem Dieb vom Galgen die Hosen aus. Lamm, Lamm! ist des Wolfs Vesperglock. Der Wolf schnappt nach dem Lamm, auch wenn ihm die Seel' ausgeht. Je mehr der Geizige hat, desto mehr fehlt ihm. Der gewinnt mit Geben, der Würdigen gibt. Wer gibt, der lebt. Das Ausgeben des Gottseligen ist eine Einnahme, — das Einnehmen des Gottlosen eine Ausgabe. Das Gemüth macht arm oder reich, nicht die Kiste. Gott schafft den Seinen über Nacht Rath. Es kann kein Narr reich sein. Es gibt viele reiche Bettler auf Erden. Aus gebratenen Eiern kommen weder Küchlein noch Hühner. Selbst ist ein gut' Kraut, es wächst aber nicht in allen Gärten. Christen und Könige sollen wissen, was sie glauben. Wenn der Pfennig läutet, so geh'n alle Thüren auf. Am Handel kennt man den Wandel. (Die höchste Höflichkeit.) Ein Hofbcamtcr in einer deutschen Residenz schrieb einmal Folgendes: Höchst der Prinz geruhten bei dieser Fußpartie, den allerhöchsten und hohen Herrschaften voran, den höchsten Berg dieser höchst reizvollen Gegend zu besteigen, und würden Höchste auch wahrscheinlich die höchste Spitze desselben in höchstens drei Stunden erreicht haben, hätte es zu Höchstihrcm höchsten Bedauern dem Höchsten im Himmel nicht beliebt, einen höchst störenden Regen auf die allerhöchsten und höchsten ^ Herrschaften und deren hohe Umgebung herabfallen zu lassen. ; F r ü h l i n g s a h n c ». Verschneit lag rings die ganze Welt, .Jetzt saust er wieder durch die Nacht Es gab' nichts, was uns freute, Und rüttelt an dem Baume, Verlassen stand der Baum im Feld, Der rühret seinen Wipfel sacht Der Wind sein Laub verstreute. Und redet wie im Traume. Er träumt von naher Frühlingszeit, Von Grün und Quellenrauschcn, Wo er im neuen Blüthenklcid Zu Gottes Lob wird rauschen. Druck, Verlag und Redaction des Literarischxn Instituts von t)r. M. Huttler. NrSl 9. 28. Februar 1869. Laß auf dich etwas rechten Eindruck machen, So wirst du schnell den rechten Ausdruck finden; Und kannst du nur den rechten Ausdruck finden, So wirst du schnell den rechten Eindruck machen. Die Entsagenden. Original-Novelle von Hermann Hirschsrld. (Wiederabdruck ist ohne Erlaubniß dcS Verfassers nicht gestattet.) Die Gäste des Baron von Duroy zerstreuten sich, eines der glänzenden Feste, in deren Erfindung der alte Herr Meister war, hatte sein Ende erreicht. Die Eguipagcn der Geladenen rollten die sanfte Anhöhe hernieder, auf der sich das Herrenhaus des Gutes befand, das zum Sommer-Aufenthalt des gastfreien Mannes — der seit einigen Jahren Wittwer war — diente; während er im Winter das Familieuhaus in der nahe gelegenen Residenz bewohnte. Allgemein hielt man den Baron, der aus einer französischen emigrirten Familie stammte, für sehr reich, denn man hatte ihn niemals anders, als wie einen Edelmann leben sehen. Seine Diners und Feste galten als Muster des guten Geschmackes, und seine Börse war für Jeden geöffnet. Unter diesen Umstünden war es kein Wunder, wenn Duroy, der obwohl den Sechzigern nahe, sich die volle Elasticität des Körpers und Geistes bewahrt hatte, sowohl in der Stadt als auch in der Umgegend seines Gutes höchst beliebt erschien, und manche Pläne wurden am häuslichen Heerde der Geld- und Geburts-Aristokratie geschmiedet, als der Zeitpunkt herangerückt war, wo Nudolph, der einzige Sohn und Erbe des Hauses, das Alter erreicht hatte, wo man in höheren Kreisen an eine standesgemäße Verlobung denkt. Bereits begannen sich heimliche Reibereien unter verschiedenen Familien zu entspinnen, hervorgerufen durch die mehr oder weniger bemerkbaren Gunstbezcugungcn, die Baron Nudolph ihren Töchtern erwiesen hatte, als mit dem Tode der Mutter desselben die Sache eine andere Wendung nahm. Die Kunde des plötzlich erfolgten Hinscheidend der Baronin hatte Nudolph aus dem Strudel eines viel besuchten Badeortes gerissen. — Mit Windeseile flog er dem väterlichen Gute zu, aber zu spät — er fand die geliebte' Mutter bereits der Erde entrückt und den Vater in Verzweiflung neben ihrer Bahre. — Und seltsam, von dieser Stunde an war mit Vater und Sohn eine Veränderung vorgegangen. Nicht, daß nach Ablauf des Trauerjahres die Gastlichkeit des Duroy'schen Hauses abgenommen hätte, im Gegentheil bot der alte Herr Alles, was in seinen Kräften stand, auf, den Namen desselben aufrecht zu-erhalten, aber man bemerkte oftmals an Vater und Sohn eine gewisse Zerstreutheit und selbst eine unwillkürliche Traurigkeit, die sie umsonst zu verbergen strebten. Die ritterliche Galanterie, die Nudolph früher zum Liebling aller Mädchen erhoben hatte, war einem ernsten Wesen gewichen, und fast schien es, als ob er sich eine Verachtung des schönen Geschlechts zum Grundsatz gemacht habe. Natürlich, daß Stadt und Land es nicht an Glossen über diese Seltsamkeit fehlen ließen; nur in einem Hause der Residenz, in dem des Gerichts-Dircktors Fleischer, schien 66 man von den Duroy'S absichtlich oder unabsichtlich wenig sprechen zu wollen, unl wagte zufällig Einer oder der Andere den Namen des Barons anzudeuten, so verschloß ihn ein finsterer Blick des Hausherrn oder seiner Nichte gar bald den Mund. Was der Grund dieser seltsamen Abneigung gegen einen Mann war, den die ganze Stadt wohl wollte, konnte Keiner ergründen, denn Fleischer war erst seit wenigen Jahren aus einer entfernten Hauptstadt zu diesem ehrenvollen Posten berufen, und seit dieser Zeit hatte er sich stets von Duroy entfernt gehalten, und dieser hakte — ganz seiner Gewohnheit zuwider, eher seine Nähe vermieden, als eine Annäherung versucht. Auch der Direktor ga't für einen reichen Mann, ganz besonders aber gab ihm die Lcrwaltung des fast eine Million betragenden Vermögens seiner Nichte Angelika Fleischer ein Ansehen, die unvermählt seit langen Jahren elternlos in seinem Hause lebte und die Stelle der Hausfrau vertrat, denn ihr Oheim war nie verheirathct gewesen. Angelika zählte volle sieben und dreißig Jahre, da unsere Erzählung beginnt. — Trotz ihres Vermögens war die Zahl der Bewerber um ihre Hand immer weniger geworden, denn das Gerücht hatte sich verbreitet, daß Angelika eine Männer - Feindin und jeder Gedanke an eine Ehe ihr verhaßt sei. Allein dieß war nicht der Fall. Angelika Fleischer hatte ein zartbesaitetes Herz — „nd das Ideal eines Mannes, wie sie ihn sich als Lebensgefährten darstellte, schwebte seit ihrer Jugendzeit vor ihren Augen. Allein in ihren phantastischen Träumereien, früh sich selber und ihrem angeborenen Hange des in sich Vcrsnnkenseins überlassen, hatte sie über ihren Idealen die Wirklichkeit vergessen. So war sie älter geworden, und wenn auch ihre äußere Erscheinung die Zahl ihrer Jahre Lügen strafte, wenn auch der Blick des blauen sentimentalen Auges, der liebliche Zug des zart geformten Mundes noch immer anziehend genug erschien, so war sie selber doch keineswegs mit ihrem Alter zurückhaltend, und nannte sich selber oftmals eine „alte Jungfer/' Jndcffcn seit einiger Zeit schien ein anderer Geist über sie gekommen zu sein. Im letzten Winter halte man sie öfters im Theater und auf größeren Festen gesehen, die sie sonst gemieden, was ihrem Oheim stets ein Murren entlockte, da er gezwungen war, sie zu begleiten, und gewöhnlich an diesem Orte mit den Duroy'S zusammentraf, natürlich ohne daß die alten Herren nur ein Wort der Höflichkeit mit einander wechselten. Dagegen konnte es nicht vermieden werden, daß der junge Baron Nudolph mit Angelika in nähere Berührung kam, und nach solchen Ereignissen war er Tage lang finsterer und verschlossener, als es jemals der Fall war. Die letzten Wagen des Festes rollten eben das Ende der Chaussee daher, wo etwas von der Landstraße entfernt, sich das einstöckige Haus des Gerichts - Direktors hart an den Stadtthoren befand. Es war sünf Uhr Morgens, die Sonne hatte ihr glänzendes Strahlcnkleid angelegt, und ergoß Licht und Wärme von ihrem hohen Throne. Die Blumen, durch den Morgcnthan erquickt und erfrischt, sogen mit Ungestüm die warmen verzehrenden Strahlen in ihre Kelche, und tausend Blüthen und Knospen brachen auf und dankten mit berauschendem Dufte der Frcudenspendcrin, die sie in das Dasein gerufen hatte. Wald und Feld grünte und strahlte in bunten Farben und die Chöre befiederter Sänger stimmten schmetternd ihren erhabenen Hymnus an, den beginnenden Tag zu begrüßen. Auf dem schmalen Balkon des Fleischcr'schen Hauses erschien jetzt eine weibliche Gestalt in ein schlichtes, weißes Morgeugewand gekleidet, die dunkelbraunen Haare glatt zu beiden Seiten des Gesichtes gekämmt und hinten in einen einfachen Knoten vereinigt. Es war Angelika. Ein Ausdruck sanfter Traurigkeit lag in dem Antlitz deö Mädchens, man sah ihr an, daß sie sich trotz ihres Reichthums nicht glücklich fühlte. Zerstreut und mechanisch begoß sie die auf dem Balkon stehenden Pflanzen, aber ihr Blick schweifte in die Ferne, schweifte bis zu dem Punkte, wo man die Spitzen deS 67 Duroy'schen Schlosses, auf deren höchsten die Fahne des Hauses flatterte, zwischen grünen Bäumen hervorschimmern sah — ein tiefcS Seufzen entrang sich ihrer Brust. Es ist vorbei, flüsterte sie vor sich hin, jetzt werden sie drüben zur Ruhe gehen — auch er, ermüdet von Genüssen, wird sich auf sein Lager werfen', und ein bunter Traum ihm vorgaukeln von rauschenden Gewändern und bnntcn Blumen, von harmonischer Musik und pochenden Herzen, und das Traumbild die Wirklichkeit des verflossenen Tages weiter spinnen. Er wird träumen von zärtlichen Worten, von verstohlenen Blicken — o siele nur einmal eine einzige Thräne, wie ich sie zu Tausenden vergossen, in den Becher seiner Phantasien, zeigte ein gütiger Traum ihm ein Bild, ernst und bleich, mit zerrütteten Hoffnungen, mit gebrochenem Herzen, aber nein, nein — fphr sie fast leidenschaftlich fort, fern sei von ihm jedes Bild, das seinen Sinn zu trüben vermöchte; wie, soll mich mein Leid zur Egoistin machen? Still, mein Hcrzlein, und brich — aber ohne Klagen. Sie hielt in ihrem Selbstgespräch inne, denn die Schritte eines Nahenden wurden im Balkon-Zimmer laut, und in wenig Augenblicken erschien der Direktor Fleischer zwischen den Vorhängen der Glasthür, die in's Freie führte. Robert Fleischer (den ihm angebotenen Adel hatte er wiederholt abgelehnt) war von hoher, schmaler Gestalt, mit ernsten, ticfgefurchten Zügen, und stark in's Graue spielenden Haaren. Man hatte diesen Mann noch niemals lächeln sehen, und wie ein Zug des Schmerzes und der Entsagung hatte es sich um Mund und Nase gelegt. Er schien völlig in seinem Berufe aufgegangen, und nur noch Sinn für die Arbeit zu haben. — Aber zuweilen konnte das gewöhnlich starr auf einen Punkt gerichtete Auge einen fast jugendlichen Glanz annehmen und brennend und glühend auf einem ruhen, daß es bis in die Tiefen des Herzens ging, und dieses Funkeln und Blitzen wiederholte sich jedesmal, wenn der Name Duroy sein Ohr streifte. Fast erschrocken blickte Angelika, die den scharfen Blick ihres Oheims auf sich gerichtet fühlte, zu Boden. ES war ihr, als ob er ihre Gedanken aus dem Innersten gelesen habe. „Schon so früh auf?" nahm Fleischer das Wort, „oder läßt auch Dich der verdammte Wagenlärm nicht schlafen? Da fahren sie hin," fuhr er fort, mit der Hand auf die Equipage deutend, die eben im Stadtthor verschwand, „mit zerknitterten Kleidern und welken abgespannten Gesichtern, und glauben das höchste Gluck genossen zu haben. Schämen sollten sie sich, in diesem Aufzuge vor Gottes Morgcnsonne zu erscheinen, und ihr Lager müde und matt in dem Augenblick zu suchen, wo die Natur gestärkt und gekräftigt aufersteht." „Sie urtheilen hart, lieber Oheim," erwiederte Angelika, „für gewisse Personen mag cS nicht ohne Reiz sein, die Nacht zum Tage, und den Tag zur Nacht zu machen. Zudem sind es ja meistens junge Leute, die — wie man mir berichtete — gestern auf Las Schloß geladen waren, die jungen Mädchen hatten viel von den großartigen Anstalten zu erzählen, die der alte Baron zu diesem Feste getroffen hatte." „Ja, der alte Köder lockt noch immer," unterbrach sie der Oheim grollend. „Noch putzen die Mütter lieb' Töchtcrlein, wie eine Wachspuppe, und fähren es auf Brautschau nach Schloß Duroy, aber sähen sie die Pulvcrtoune, die unter Schloß Duroy liegt und nur des Zündens harrt, um das ganze Puppenspicl in die Luft zu blasen, sie würden entsetzt zurückweichen, wie der treulose Sturmvogel vor dem strandenden Schiffe." Angelika erfaßte sanft die Hand des alten Herrn. „Oheim," redete sie sanft, — „kann selbst dieser schöne GottcSmorgen in Ihnen nicht die Gefühle des Grolles ersticken, den Sie gegen den Baron Duroy tief und zäh im Innern tragen? Es muß eine schwere That sein, die der alte Baron an Ihnen begangen hat, eine That, die ich, die ihn stets heiter und liebreich gesehen, kaum zu fassen vermag. Mit dem Groll, lieber Oheim, geht es oft wie mit einer Wuchcrpflanzc. Hat man den ersten Keim einer Ab- 68 Neigung in sein Herz gesenkt, sa schlägt er Wurzel, und vertilgt man ihn nicht, — so wächst er fort, und jedes Gefühl des Herzens überwuchernd, wird er zum Giftbaum des Hasses, der jede tiefere Regung vernichtet. Vielleicht ist dies auch bei Ihnen der Fall, lieber Oheim." Der Direktor schüttelte das Haupt. „Du irrst," sagte er, „mein Haß gegen Duroy ist keine Wucherpflanze, es ist eine Eiche, die ein erfahrener Gärtner setzte und die sich mehr und mehr ausdehnt in Kraft und Stärke, eine Pflanze kannst Du ausreißen, einer Eiche Wunden vernarben wieder, wie tief sie auch seien, — vernarben, wie mein Herz vernarbte — denn sieh, Angelika, ich hatte einst ein Herz, ehe die Akten seine Stelle annahmen." Das Mädchen verstummte eine Weile. „Ich ehre Ihren Schmerz, Oheim, aber vergessen Sie nicht, daß Sie ein Mensch sind, und in dem Kreise Ihrer Mitgcschöpfe berufen, um Recht zu sprechen nach Ges tz und Gewissen. Sie sind Richter, — Oheim, treten Sie selber hin vor die Schranken Ihres Innern und fragen Sie sich im Strahle der jungen Gottessonue: Ist Ihr Haß gegen Duroy gerecht?" „Er ist gerecht bei dem ewigen Lichte!" — rief Fleischer glühend. „Einst kann ich Dir erzählen, welchen Schatz mir dieser Mann raubte, wie elend, wie bübisch ich um seinetwillen betrogen ward. Aber nicht für mich allein, habe ich Rechnung von ihm zu fordern; im Namen der Menschheit trete ich vor ihn und frage: Was hast Du mit dem Dasein gethan, das der Wille Gottes in Deine Hand legte? Zu welchem nützlichen Staatsbürger, zu welchem Mitglied der Gesellschaft erzogst Du Deinen Sohn — Deinen Rudolph?" „Rudolph!" — rief Angelika erglühend, „was haben Sie an dem jungen Mann zu tadeln, Oheim? Ist er nicht gut, liebenswürdig wie Einer? Ist nicht sein Herz gebildet wie sein Geist?" „Nennst Du eine oberflächliche Aneignung der gesellschaftlichen Formen Bildung „? fragte Fleischer heftig. „Meinst Du, es sei genug, wenn ein Mann eine leichte Con- vcrsation zu führen und leichte Lieder mit Geschmack vorzutragen weiß? Laß doch heute den Juuker verarmen, laß ihn genöthigt sein, sich sein Brod, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, und dann frage den ärmsten Bauernknccht, der sich seinen Tag mit Dreschen und Düngen verdient, ob er geneigt ist, mit dem hochgeborenen Herrn von Duroy zu tauschen?" „Nie wird hoffentlich dieser Tag erscheinen," rief Angelika fast wider Willen heftig und leidenschaftlich. Der Alte fixirte sie scharf, sein Antlitz nahm eine gelbliche Farbe an. „Was treibt Dich denn," fragte er gedehnt, „Dich plötzlich zum Anwalt der Duroy's auszuwerfen? Fürwahr, man sollte glauben, Du seiest in die Zierpuppe von Rudolph verliebt, trotz Deiner siebenunddreißig Jahre — wohlgezählt —" fügte er leise hinzu. Eine edle Nöthe des Unwillens malte sich auf den feinen Zügen Angelika'S. — „Würde ich mit einem Manne über Gefühle des Herzens reden, der selber herzlos ist, wie Sie mir so eben gestanden, Oheim?" fragte sie. „Herz!" grollte Fleischer, „das Herz ist eine Phantasie des überreizten Blutes, für Euch Frauenzimmer mag dies Ding cxistiren, mich verschone mit seinem Namen. Kommt doch nun bald Deine Cousine und Pathe hierher, mit der magst Du dann genug von dergleichen Dingen reden; aber hüte Dich, ihr den Kopf zu verdrehen, denn ein armes Mädchen wie sie, hat keine Zeit, phantastischen Grillen nachzuhängen." „Sie ist nicht arm," unterbrach Angelika den Oheim. „Hätte sie mir früher ihre Lage nach dem Tode ihrer Eltern entdeckt, ich hätte ihr nicht gestattet, eine untergeordnete Stellung bei fremden Leuten anzunehmen." Das Gespräch der Verwandten war durch das Heranrollcn eines' Wagens unter- brachen, der von der Stadt her sich dem Hause näherte. 69 Ein kleiner alter Mann in einem einfachen grauen Neiseanzuge saß auf dem Rücksitz deS offenen Fuhrwerkes. Wie ein Strahl der Freude überzog es das Antlitz des DircktorS beim Anblick deS Mannes, während Angelika das Antlitz mit sichtbarer Verachtung von ihm wandte, als der Betreffende den Wagen verließ und hinaufgrüßte. „Dir gefällt Lindenau nicht, wie es scheint?" wandte sich Fleischer an seine Nichte, „freilich ist er ein notorischer Wucherer, der hundert Familien in's Unglück stürzt, ohne daß ihm eine Ader schlägt, oder man ihm von Seiten des Gerichtes etwas anhabe« kann, aber mir ist er werth, wie mein Leben." (Fortsetzung folgt.) König Ludwig und Kaulbach. AuS dem Leben des vor einem Jahre verblichenen großen Kunstmäccns Ludwig l. von Bayern bringt der „Salon" — „vertrauliche Mittheilungen" — wie es scheint, auS der Feder des Grafen Pocci. Sehr glaublich — wenn man die Eigenart dieses merkwürdigen Fürsten kannte — ist folgende Episode, welche sich ereignet haben soll, als Kaulbach seine Entwürfe zu dem großen Reformationsbilde im Trcppenhause des Berliner Museums machte. Während Kaulbach vor diesem ersten Entwürfe, auf dem kaum erst die Architektur des Schauplatzes und einige Hauptgruppen leichthin skizzirt waren, saß und kreidete, wischte, schabte und fleißig fortrauchte, kam der greise König bei einem Nundgang, stets Zickzack, hastig und wie unsicher auf den Beinen schreitend, zu Kaulbach's Staffelci, setzte sein Binokle auf und sah dem Meister, der sich durchaus nicht rührte, über die Schultern, höchst aufmerksam, die in ihrem Sujet noch schwer erkennbare Zeichnung betrachtend. Plötzlich, als blitzte ihm ein Gedanke durch den Kopf, rief der König in erstauntem Tone: „WaS machen Sie denn da, lieber Kaulbach?" — „Den Entwurf zum Neformationsbilde, Euer Majestät! Als sechstes Wandgemälde nach Berlin bestimmt," erwiderte der Künstler sehr laut, um gehört zu werden, drehte sich aber auch jetzt nicht um, sondern rauchte und kreidete weiter Als hätte den alten Herrn ein kalter Wasserstrahl unversehens getroffen, so fuhr der König bei diesen Worten empor und schrie mit vibrirender Stimme: „Was? Die Reformation? Und nun also doch? Wer hat denn das entschieden?" — „Befehl aus Berlin," lautete die Antwort des ruhig forttreibenden Künstlers. — „Die Reformation?" schrie der alte Herr noch lauter. „Und für Berlin? Und ein so großer Meister wie Kaulbach gibt sich dazu her? Das ist das Aergste, was ich erlebe!" Rasch drehte sich der große Künstler um, erhob sich in ganzer Figur vom Schemel, auf den. er saß, schob die Brille in die Höhe und die Samnietmütze nach rechts und sagte laut und mit ruhiger Bestimmtheit: „Majestät vergessen, daß ich selbst Protestant bin." König Ludwig, in höchster Aufregung, die rechten Worte zu finden, um sich begreiflich zu machen, fiel dem Künstler in die Rede: „Nein, Sie mißverstehen mich, Kaulbach! Ich will nicht auf die konfessionelle Seile der Frage anspielen; in meinem Lande waren die Protestanten stets frei, und ich habe doch auch Luther in die Walhalla gestellt! Nein, meine Entrüstung gilt der künstlerischen Aufgabe. Wie wollen Sie denn einen Gedanken malen, eine geistige Meinung Plastisch darstellen? Es ist unwürdig eines so großen Künstlers, sich zu solch' einer artistischen Vcrirrung herzugeben." Und der König redete sich so in Eifer, daß er im Atelier hinab- und hinauslief, mehrmals ärgerlich aufstampfte und allerlei unverständliche Ausrufe that, während Kaulbach längst schon wieder ruhig weiter kreidete. Endlich ergriff der alte Herr einen alterthnmlichcn Stuhl, der in der Nähe der Staffelci stand, und eiferte laut fort, wie im Selbstgespräch: „Die Reformation malen! Und gar noch für Berlin! Wissen Sie, und damit Sie sehen, wie unparteiisch und objektiv ich bin: ich 70 habe dem Großherzog von Weimar gerathen, die Reformation und ihre Zeit auf der Wartburg zu verherrlichen; dorthin gehört ihre Glorifikation, dort hat sie doch wenigstens historischen Boden; von dort ist sie ausgegangen. Aber was will man mit der Reformation in Berlin? Wie kommen diese historischen ParvenuS zur Reformation? Wie unterstehen sie sich, deren geistige Bedeutung sich anzueignen, um ihrem Militärstaat auch diesen Nimbus zu verleihen? Und dazu gibt sich ein Kaulbach her! Auf die Wartburg gehört die Reformation, auf die Wartburg, oder auch nach Wittenberg meinetwegen. . . aber nach Berlin! ..." Und der greise König war in so unglaubliche Erregung gekommen, daß er den Stuhl mit beiden Händen an der Lehne faßte und ihn so heftig zu Boden stieß, daß er krachte und fast in Trümmer ging. Dann machte er Plötzlich halb rechts, zog sich den Hut in'S Gesicht und ging, ohne weiter zu grüßen, mit hastigen Schritten davon. Man sah ihn hinter den Bildern verschwinden und hörte noch, wie er die Flügelthür heftig hinter sich zuwarf. Sonntag in den Tuilerien. Einem jüngst vom Groß-Kammerherrn erlassenen Befehle zufolge dürfen am Sonntag keine Micthskutschcn in den Tuilerienhof einfahren. Personen, welche zu den musikalischen Messen, die jeden Sonntag in der kaiserlichen Kapelle nach dem Ceremonie!! zur Zeit Ludwig des XIV. celebrirt werden, Einladungen empfangen, müssen entweder zu Fuß oder in Privat-Equipagen kommen. Die Celcbration dieser Messen geschieht durch den Bischof von Arras, Monsignor Timarchc, obwohl dieselbe eigentlich dem Erzbischof von Paris, als Groß-Almosenier des kaiserlichen Hofstaates zusteht. Abbö Cattoli, Generalvicar der Diverse von Paris, fungirt als kirchlicher Cercmonienmeistcr, wobei ihm 5 Sub-Almo- fernere assistircn. Den Dienst bei der Messe versehen kleine Knaben, welche den ältesten Familien des Landes, die Anhänger des Kaiserreichs geworden sind, angehören. Im „Court Guide" figuiren sie als Marquis, Grafen und Bicomtcs. Da der Kaiser auch an Sonntagen mit Staatsangelegenheiten sich beschäftigt und mit den Ministern confcrirt, so finden in der kaiserlichen Kapelle, außer während der Fastenzeit, keine Predigten statt, und der Gottesdienst dauert mithin nur etwa 25 Minuten. Um 1 Uhr kündigt ein Thürhüter an: „Ihre Kaiserlichen Majestäten, und Se. Kaiserliche Hoheit, der Prinz, ihr Sohn" und unter dem Vortritt der Herzoge von Cambaccrcs und Bassano, und dem Corps der Kammerherrcn, erscheint die kaiserliche Familie im Hauptgange der Kapelle, und begiebt sich, nach jeder Seite hin sich verbeugend, nack> ihren Plätzen vor dem Altar. Ihr folgen die Generäle Flcury, Ncy (Prinz von der Moskwa), M. Le Prote, der Ober-Jägermeister, die 16 dienstthuenden Adjutanten, und der Präfckt des Palastes' Die Damen vom Hofe, einschließlich die Oberhofmcistcrin, die Gouvcrncß des Kindes von Frankreich, die Palast- und Ehrcn-Damen, und die Vorleserinnen der Kaiserin, nehmen ihren Platz im Hintergründe der Kapelle ein. Die Anwesenheit der Königin von Spanien, welche in der Regel in Begleitung der ihr in's Exil gefalzten Granden erscheint, trägt dazu bei, den Reiz der Kapelle, welche, durchweg mit Sammt und Seide ausgepolstert, einem Juvelenkästchcn gleicht, wesentlich zu erhöhen. Die Musik ist exquisite. Ander führt den Täktstoff, und die Vocalparthicn sind den Damen Nilsson, Sas, B och, Mauduit und den Herren Faurc und Stellar anvertraut. Nahe am Hochaltar stehen Drio-iliou Stühle, auf welchen der Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz knien. Währenddem Ihre Majestäten ihre Andacht verrichten, müssen die Kammcrhcrrcr stehen. Alle andern sitzen oder knien. MdSll. Nilsson singt gewöhnlich das Domino sslvum, welches als ein Solo arrangirt worden ist. Ihre klare, hohe Sopranslimme übt auf Kirchenmusik angewendet einen erhebenden und bewundernswürdigen Eindruck auf den Zuhörer. Nach Beendigung des Gottesdienstes hält der Kaiser im Vestibül der Kapelle eine Art Lcvöc, zu dem aber gewöhnlich nur Franzosen Zutritt haben. 71 Die siamesischen Zwillinge. Die englischen Blätter bringen spaltcnlange Berichte über das siamesische ZwillingS- Paar. Wir entnehmen denselben nachstehende Einzelheiten von allgemeinem Interesse: Das Ligament, welches die Zwillinge verbindet, entspringt aus der unteren Spitze des Brustbeins, und war früher so kurz, daß sie einander nur die Vorderseite ihrer Leiber zukehren konnten. In Folge anhaltender Zerrung während ihrer Kinderjahre wurden jedoch die unteren Theile des Brustknochcns Beider etwas nach Außen gebogen, und das Ligament selber so stark verlängert (auf etwa 4 Zoll bei einem Umfange von 5 Zoll an seiner stärksten Stelle in der Mitte,) daß sie beinahe Schulter an Schulter neben einander stehen können, wenn sie ihre Nachbararme.auf dem Rücken verschlingen. Die innere Struktur des Verbindungsbandcs entzog sich bisher leider jeder wissenschaftlichen Untersuchung, und eine Transparenz desselben ist auch durch Anwendung von starkem Magnesiumlicht nicht zu erzielen. An seinem oberen Rande fühlt es sich härter an — wahrscheinlich Fortsetzungen des Brustbcinknorpels und der knorplichen Ausläufer der sechsten und siebenten Nippen — während die untere Hälfte mit der Unterlcibshöhle in Verbindung zu stehen scheint. Die Nerven eines Jeden der Beiden streifen bis über die Mitte des Bandes, woselbst ein angebrachter Druck Beiden zugleich fühlbar ist; drückt man jedoch weiter reckts oder links, dann fühlt es nur der zunächst Berührte. Aehnlich scheint es sich mit den Blutgefäßen zu verhalten, doch ist das Eine festgestellt, daß sie nicht mit einander kvmmuniziren. Der Hcrzschlag Beider ist getrennt, und dieser sowohl wie der Pnlsschlag bei Beiden nicht ganz übereinstimmend. Ebenso isolirt ist ihre Athem- Bewegung. Anatomisch betrachtet, geben sie uns somit (abgesehen von dem fatalen Ligament) das Bild zweier isolirter Individuen. Getrennt ist auch das Denkvermögen Beider, wie sie denn gegen einander eine Partie Schach spielen können oder sich mit einander berathen, wenn sie gemeinschaftlich gegen einen Dritten spielen. Aber dabei hat sich doch bei ihnen durch das ewige Zusammenleben eine gewisse psychische und physische Identität herausgebildet, die neben jener Gctrenntheit zu den interessantesten Erscheinungen für Psychologen und Physiologen gehört. Wie sehr spricht es z. B. für ihre Getrennt- hcit, daß sie den Gedanken fassen können, durch einen chirurgischen Eingriff geschieden zu werden! Wie sehr anderseits für ihr Zusammengehören, daß sie früher nie selber diesen Wunsch gehegt haben, sondern erst spät durch ihre Familien-Angehörigcn auf ihn geleitet worden sein sollen! Die Operation wird wahrscheinlich auch ferner unterbleiben, da fast alle zu Rathe gezogenen Aerzte schwere Bedenken dagegen äußern. Vorzunehmen wäre sie auf alle Fälle dann, wenn einer der Beiden sterben sollte, doch ist es das Wahrscheinlichste, daß eine Krankheit, die den Einen hinraffte, auch dem Anderen gleichzeitig den Tod bringen würde. Naturzwang und vieljährige Gewohnheit haben eS dahin gebracht, daß alle Bewegungen und Verrichtungen Beider in strenger Harmonie stehen. — Sie bewegen sich wie durch einen einzigen Impuls, ohne frühere Verabredung, und sollen sich nur selten mit einander in ein Gespräch einlassen. Doch fühlt Jeder von ihnen den Impuls, der vom Ändern ausgeht, viel rascher, als ein Dritter ihn gewahr wird. — Rudern, Jagen, Fischen und andere Vergnügungen, die ihnen ihre Gebundenheit gestattet, üben sie mit Vorliebe, finden aber keine Freude an solchen, wo sie einander als Gegner entgegentreten müßten, z. V. Schach- oder Kartenspielen. Haushalten mit dem Pflug und mit dem Schwert. Unter diesem Titel schreibt der bekannte Menschenfreund Elihu Burrit in seinem neuesten „Oelblatt für das Volk" u. A.: Wenn ich reise, denke ich daran und versuche, mich mit der Lage der arbeitenden Elaste bekannt zu machen, zu erfahren, wie hoch sich der Wochcnlohn belauft, wie der Arbeiter davon seine Familie zu ernähren, bekleiden, unter Dach und Fach zu bringen, 72 »nd seine Kinder zu erziehen vermag. Ich versuche dann die Steuerlasten abzuwägen, die der Krieg und alle Berthcidigungs-Vorkehrungen während bewaffneten Friedens auf die Schultern der arbeitenden Classe legen. Ich habe mich daran gewöhnt, die Kosten jener Rüstungen gegenüber Arbeitslöhnen abzuschätzen, und thue dieß in der folgenden Weise: Wenn uns gesagt wird, daß über drei Millionen junge, starke Männer in den Armeen Europa's für den Krieg herangebildet werden, denke ich bei mir selbst, neunzehn von je zwanzig solcher jungen Leute sind Arbeiter-Söhne. Nun erinnere man sich nur all' der schweren Arbeit auf dem Felde und in der Werkstätte, im Schacht und auf den Bergen — all' der elterlichen Thränen, harten Schicksale und Sorge», die es gekostet hat, diese drei Millionen junger Leute bis zum achtzehnten oder zwanzigsten Lebensjahre aufzubringen! Dann betrachte, ich diese jungen Männer beim Excrciren, und finde, daß sie Alle auserlesen vollkommen gesund, stark und wohlgeformt sind. Der Armec-Chirur- gus hat jeden Einzelnen examinirt und für den Krieg für tüchtig erklärt. Wir haben keine Chirurgen, deren Amt eS ist, Candidaten oder Rekruten für den Pflug, die Axt, den Hammer oder die Weberbank zu cxaminircn. Krummbeinige, Brustlcidende, Einäugige, von Rheumatismus Geplagte werden gut genug dafür gehalten, die großen Industrie- Armeen der Welt zu recruliren, gerade als ob der Krieg die Blumeulese und der Friede das Unkraut des Menschengeschlechts haben müßte'. Ich habe ganz England zu Fuß bereist, von Lands und bis zu John o Groats, in den Frühlings- und Sommermonaten. Es ist ein wunderschönes Land. Fast die ganze Insel ist wie ein Garten. Die zu ihrer Bebauung nöthige Arbeit erscheint ganz wunderbar, besonders einem Amerikaner, wie ich bin, und während meines Staunens denke ich an dies und an das, und bringe es in Vergleich. Es heißt: es erfordert siebenhundcrttauscnd Feldarbeiter, diese Insel in solch' einen großen, wunderschönen und wunderbar fruchtbaren Garten Hinzuschaffen. Die wöchentlichen Arbeitslöhne belaufen sich im Durchschnitt auf etwa 10 englische Schillinge. Demgemäß die gcsammte Arbeit dieser siebenhundcrttauscnd Männer und Frauen kommt jährlich auf Pfd. Stcrl. 18,000,000 (216 Millionen Gulden!) zu stehen; aber was für eine glorreiche Schau grün und goldener Erntefclder durch die ganze Insel bringen sie nicht auch dafür hervor! Ich kann mich beim Sehen der Bewunderung nicht erwehren. Doch zur selben Zeit kann ich mich anderer Gedanken nicht enthalten. Ich betrachte das englische Kriegsbudget für 1866, ein Jahr bewaffneten Friedens, und finde Pfd. St. 26,000,000 (312 Mill. Gulden!) als die Auslagenkosten lediglich für Kriegsrüstungcn, noch obencin in einem Friedens- Iahre, verzeichnet! Das macht Pfd. St. 2 (24 fl.) für den Pflug, gegenüber den Pfd. St. 3 (36 fl.) die das Schwert in Friedcnszeit kostet! Solch ein Vergleich erweckt traurige Gedanken an Ernährer und Verzehren. Ich erinnere mich, gehört zu haben, wie einmal im brittischen Parlament erwähnt wurde, daß eine gewisse neu erfundene Bombe für den Gebrauch fertig Pfd. St. 11 (132 fl.) kostete. In d§m Fall würde es die harte Arbeit eines guten Pflügcrs, Mähers oder anderen Fcldarbcitcrs sechs lange Monate hindurch erfordern, nur für eins dieser Tod verbreitenden Geschosse zu bezahlen! Wie viel ehrliche, rechtschaffene, geduldige Arbeit wird nicht von dem Wolfsrachen des Krieges verschlungen! „Was haben Sie heute mit meinem Sohne gelehrt?" frug ein Börsianer den Erzieher seines einzigen Sohnes, einen hoffnungsvollen Jungen, der sein Sparbllchsengeld dem Vater zur besseren Verwerthung übergibt. „Ich erklärte ihm die Sonnenbahn," erwiedert der Lehrer. „Erklären Sie ihm die Nordbahn, das ist mir lieber," — ruft der Alte. Druck, Verlag und Redaction deS Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler. llro. 10. 7. März 1869. Augsbur^er Man kann eS nickt genug sagen: Mensch, existire für deine Zeit an deinem Orte; sei, was du sollst! Dann verdienst du die Bewunderung und Liebe aller Zeiten- I- v. Müller. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Der Wucherer trat ein und auf den Wink ihres OheimS entfernte sich Angelika. „Ihr kommt zu früher Stunde," redete der Direktor den Fremden an, „gewiß habt Ihr eine Sache von Wichtigkeit?" „Allerdings," erwiederte der Wucherer, „und da ich gerade eine kleine Reise beabsichtige, — so wollte ich diesen Weg nicht aufschieben. Ich habe einen Schatz für Sie, Herr Direktor; o, einen wahren, unbezahlbaren Schatz," fügte er grinsend hinzu. „Einen neuen Wechsel," den der tolle Verschwender Duroy ausstellte und den Ihr mir anzubieten kommt, nicht wahr?" fragte Fleischer. „Wohl — aber nicht einen Wechsel, wie der Herr Direktor ihn in verschiedenen Exemplaren besitzt, die ich nach Ihrem Wunsch stets auf das Verlangen des Barons zu prolongiren bereit bin, sondern einen Wechsel ganz eigener Art, der — wenn mich nicht Alles täuscht. Jemanden gewiß in's Zuchthaus bringen wird." Der Direktor horchte auf. „Erzählt," sagte er kurz, „was habt Ihr mir anzubieten?" „Es können reichlich acht Tage sein," - begann Lindenau, „als sich in später Abendstunde der Baron von Duroy bei mir einfand; es war Verfallzeit eines von ihm ausgestellten Wechsels, aber statt ihn einzulösen, bat er mich um Prolongation und zugleich um neuen Vorsckuß. Ich bewilligte die erste, das zweite Verlangen wies ich von der Hand, da ich Ihre Meinung darüber noch nicht eingeholt hatte. Der Baron schien in großer Verlegenheit zu sein, er theilte mir mit, daß er dieser Summe dringend bedürfe, und entfernte sich in höchster Bestürzung. Am anderen Morgen stellte er sich wieder ein. Sein Gesicht war verstört und bleich. Ich bedarf fünftausend Thaler, Lindemann, sagte er hastig, ich biete Ihnen die höchsten Zinsen und dieses Papier als Deckung, daS ich binnen einem halben Jahre aus Ihren Händen einlösen werde. Ich warf einen Blick auf den Inhalt des Dokumentes", fuhr Lindenau fort, „es war ein Wechsel.von einem bedeutenden nordischen Hause ausgestellt und lautete auf zehntausend Thaler. Der Fall erschien mir sonderbar, und ich konnte mich eines forschenden Blickes nicht erwehren, als ich daS Papier dem Baron zurückgab, der es mit zitternden Händen empfing." „Trauen Sie mir nicht?" fragte er, den Blick zu Boden senkend. „Und in der That traute ich ihm nicht, ich begab mich in ein Nebenzimmer, um den Wechsel zu prüfen, die Signatur dcS Hauses war ächt, aber nicht die Summe. — Die Hand eines Schülers im Fälschen hatte die Zahl „Tausend", worauf der Wechsel lautete, in „Zehntausend* verwandelt." „Und Sie nahmen den Wechsel nicht an sich?" unterbrach ihn Fleischer mit dem Ausdruck der gierigsten Spannung. „Sie zahlten nicht den dafür geforderten Preis?" „Allerdings that ich dies," erwiederte Lindenau, „denn ich hoffte, Sie würden mich in jedem Fall schadlos halten, und mir ferner ein gütiger Gönner bleiben." 74 „Haben Sie sich über mich zu beklagen?" fragte Fleischer. „Handle ich nicht gegen Pflicht und Gewisien, indem ich mich blind für Ihre Wuchereien stelle? Aber dafür verlange ich vollständige Verschwiegenheit von Ihnen. — Sie wissen, ich besitze die Macht, Sie in's Unglück zu stürzen, — und bin nicht der Mann, der sich mit leeren Drohungen begnügt." Der Wucherer neigte stumm das Haupt. Dann zog er ein Papier aus seinem Portefeuille und überreichte eS dem alten Herrn. Mit gierigen Händen empfing es Fleischer und warf einen prüfenden Blick auf das Dokument. Wie ein Triumph der Freude leuchtete es aus seinen Augen. „Wahr, wahr," murmelte er vor sich hin. „Die Zahl ist gefälscht, ein Schulknabe würde sich dieses groben Betruges schämen, so mangelhaft hat er die Hand nachgeahmt. Ja, daran erkenne ich den Elenden, dessen Leichtsinn mir das Herz Leonorens entriß. — Was verlangen Sie für dieses Papier?" fragte er, das Papier zusammenfaltend und es zu sich steckend, als fürchte er, daß ihm Jemand dasselbe entreißen könnte. „Bestimmen Sie selbst den Preis, Herr Direktor. Mit Ihnen mache ich keine Geschäfte." Der Direktor erhob sich und trat in das Balkonzimmer. Nach wenigen Augenblicken erschien er wieder, in jeder Hand eine Goldrolle, die er dem Wucherer einhändigte. „Hier ist Ihre Auslage und fünfhundert Thaler darüber," sagte er kurz. „Sie haben mir durch Ankauf dieses Papieres einen größeren Dienst erwiesen, als Sie wohl selber meinen." „So hassen Sie den Baron sehr?" fragte der Wucherer neugierig, — „daß Sie begierig jeden Beweis seiner Schuld sammeln." „Ein Kaufmann verräth nicht, welche Geschäfte er mit erworbenen Waaren macht," entgegnete Fleischer trocken. „Entweder Haffe ich Duroy bis zur Vernichtung, oder meine Neigung zu ihm geht so weit, ihm eines Tages als unbekannter Freund sämmtliche Schuldscheine versiegelt durch die Post einzusenden. Wer kann es wissen? Aber jetzt ersuche ich Sie, mich allein zu lassen, ich habe zu arbeiten!" fügte er gebieterisch hinzu. Gehorsam verneigte sich der Goldmann, und entfernte sich; gedankenvoll blickte ihm der Direktor nach. „Elende Creaturen," murmelte er vor sich hin, „und Euch nennt man das Ebenbild Gottes! Verrath, Falschheit und Egoismus sind die Hebel, die den Organismus des Weltalls bewegen. Eure Schlechtigkeit hat mein Leben zerstört, kann die erhabene Gerechtigkeit mich verdammen, wenn ich zürnend »vor Euch trete und fordere von Euch mein verlorenes Glück; und da ihr's mir zu gewähren nicht vermögct, mir selbst ein Glück suche, indem ich meinen Haß gegen die Welt, den ich Jahre lang tief verhüllt im Busen trage, über Einen ergieße, der mir bitter wehe gethan. Wahre Dich, Leopold von Duroy, die Vergeltung, die ich Dir schwur, da ich Leonore in Deinen Armen traf, sie ist herangenaht; daß Dein Vermögen durch Deine Verschwendung nach und nach in meine Hände kam, das genügte mir nicht, denn kein verarmter Edelmann konnte noch das Mitleid erregen, ich brauchte mehr, bis die Stunde schlagen durfte, Dich zu verderben. Und sie ist da, denn ich besitze Deine Ehre, Leopold von Duroy." Ein unterdrückter Aufschrei unterbrach ihn und ließ ihn sich umschauen. In der Balkonthür stand Angelika todtenbleich, es war ersichtlich, daß sie die Worte des Oheims vernommen hatte. Der Alte wandte sich mit dem Ausdruck des Zornes nm. „Du hast gelauscht!" rief er heftig. „Seit wann ist es Sitte, ungerufen Dich in meine geheimsten Gedanken zu drängen?" „Zürnen Sie mir," rief Angelika, „wenn ich die Einflüsterungen eines finsteren Dämons zu verscheuchen versuche? O mein Oheim," fuhr sie flehend fort, „dieser Lin- denau, der mir in tiefster Seele verhaßt ist, muß Ihnen schreckliche Kunde gebracht haben. Reden Sie, Oheim, auf meinen Knieen beschwöre ich Sie, was haben Sie vor, gegen die unglücklicklichen Duroy's?" Der Alte erwiederte nichts. Sein Auge flammte und stumm erhob er sich, indem er Angelika einen Wink gab, ihm zu folgen. Das Mädchen gehorchte Sie rückte einen Sessel neben den Divan ihres Oheims, worauf dieser Platz genommen hatte, und erwartete ruhig die Anrede desselben. Diese ließ nicht lange auf sich warten. „Angelika," begann er, „ein furchtbarer Schwur binet mich an dieq Fersen dieses Durvy, den ich einst liebte mit unwandelbarer Freundschaft. Wir studirten zusammen, wir theilten Leid und Freude, da raubte er mir hinterlistig ein Mädchen, daS ich zu meiner Gattin erwählt hatte, seine Verführungskünste überwogen meine Geradheit, ich ward verschmäht, und er triumphirte über die Schwachheit einer Jungfrau, triumphirte leichtsinnig über die Niederlage seines besten Freundes. Und dennoch hätte ich ihm verziehen, hätte er edel gegen das unglückliche Geschöpf gehandelt. Aber er verstieß sie, nachdem er ihrer müde war, und ließ sie darben, und sie sank tief und tiefer bis ich bei Antritt meines Amtes am Siechenbettc des Zuchthauses dieser Stadt an ihrem Lager stand und fühlte, daß ich sie noch immer liebte, die lang Vermißte, die neu Gefundene. Und als ich ihre eisigen Hände an meine Brust preßte, als ihr letztes Röcheln der Anklage gegen jenen Elenden verstummt war, da ergoß ich, was mir noch von Herz, Gefühl und Menschenwürde zurückgeblieben war, in einem einzigen Schwur, den Niemand hörte als Gott, und den Keiner richten wird, als er. Ich schwor, den Elenden zu vernichten bis in das dritte Glied, wie er zwei Menschendasein zerrüttet und vernichtet hat." „Und" - fragte Angelika bebend — „und Sie haben die Mittel, Ihren Schwur zu erfüllen." „Ich habe sie!" — entgcgnetc der Direktor, dessen Augen funkelten, „bei Gott, ich habe sie!" ' „Und Sie werden sie nicht verwenden," rief Angelika feurig. „Ein Richter soll der Vollstrecker des Willen Gottes sein und die Gesetze des Ewigen sind mild. Oheim" — fuhr sie flehend fort — „Durvy ist ein Genie. Vielleicht erwartet ihn am Strahlenthrone deS Höchsten der Engel mit der ewigen Waage, haben Sie ein Recht, in seinen Willen zu greifen?" „Ich habe," versetzte der Alte finster, „Apge um Auge, Zahn um Zahn, so will's das Gesetz hier" — und er hielt den Wechsel Lindenau's hoch empor, — „dies Papier enthält meine Rache; dies Papier bringt den edlen Freiherrn auf meinen Wink an den Ort, wo Lconorc durch seine Schuld endete — bringt ihn in's Zuchthaus!" Angelika stieß einen Schrei aus. „Enthält dieß Papier eine Schuld, die der unglückliche Mann nicht zu decken vermag?" — rief sie leidenschaftlich, „o so bestreitcn Sie dieselbe aus meinem Vermögen, ich bin ja reich, wie die Leute sagen, — laßt mich dieses Papier einlösen und sollte ich es mit Gold aufwiegen müssen!" „Und bötest Du alle Schütze Preis" — rief der Direktor — „Du könntest dieses Papier nicht vernichten! Thörichtes Mädchen, wohl kannst Du Schulden, kannst Du aber auch eine Fälschung tilgen?" DaS Mädchen verstummte. Diese Kunde schien ihre Kräfte zu lähmen. „Gnade!" flüsterte sie, „Gnade!" „Hatte jener Mann Gnade für die Unglückliche, die er einer Laune willen opferte, hatte er Mitleid mit mir, seinem Freunde, der ihm vertraute? Nein, nein," rief er wild, „keine Schwäche, keine Schonung für ihn, er hat sein Schicksal verdient." „So schont seinen Sohn," rief Angelika, „schont Nudolph! mein Oheim, wollten Sie der Rache eines Greises halber, das ganze Dasein eines Jünglings vernichten?" „Ich kann nicht anders," murmelte der Alte. „Gott hörte meinen Schwur." Da erhob sich Angelika, eine hohe Würde hatte sich ih"-r bemächtigt, ihr Auge drückte Entschlossenheit aus, obgleich ihre Wange todtenblcich erschien und ihre Stimme bebte. 76 „So vernehmen Sie denn auch von mir ein Geständniß, mein Oheim; indem Sie den Namen Duroy schänden, brechen Sie daS Herz Ihrer Nichte; denn ich bin sieben- unddrcißig Jahre wohlgezählt — wie Sie eben bemerkten — und liebe Rndolph v. Duroy !" „Angelika!" schrie der Alte auf, „Du, meine Nichte, liebst den Sohn deS Mannes, den ich hasse und verwünsche? — Wehe Dir." Und mit beiden Händen bedeckte er sein Antlitz. Eine tiefe Stille entstand im Gemach; draußen auf dem Geländer deS Balkons hatte sich ein bunter Vogel niedergelassen und sang sein schmetterndes Morgenlied. Was kümmerten ihn die Menschen da drinnen mit ihren Leidenschaften und Enttäuschungen? Angelika war es zuerst, die das Schweigen brach. „Nun, Oheim," begann sie, „wiegt mein Leid nicht das Ihre auf? O, wer hat die Nächte gezählt, die ich nach einem Begegnen mit ihm schlaflos und weinend auf meinem Lager verbrachte? Wer zählt die Thränen, die die Erinnerung an Rndolph meinen Augen gekostet? Ich sah ihn umschwärmt von lichten jugendlichen Gestalten, deren Abgott er war, sah die feurigen Mädchenblicke, die um einen Wink seines Auges, um ein Lächeln seines Mundes buhlten, und dann mich, die verblühte Jungfrau, mit meinen enttäuschten Hoffnungen, mit meinen zertrümmerten Idealen und mit meinem Herzen voll unendlicher Liebe. Denn ach, die so lang unterdrückte Natur rächt sich mit doppelter Heftigkeit. Ich suchte den gefährlichen Zauber zu bannen, von dem ich mich umstrickt sah, die crzürnre Vernunft hielt in einem ehernen Spiegel dem bethörten Herzen Alles vor, was die strenge Nichterin vorzuhalten vermag; vergebens, weil ich wider die Natur in eitlem Hochmuth einst jeden Mann verschmähte, liebe ich jetzt in meinem Alter wider die Natur einen Jüngling, glühend, unaussprechlich. Jetzt wissen Sie Alles, mein Oheim," endete sie, indem sich die lang zurückgepreßtcn Thränen gewaltsam Bahn brachen. Der Greis blieb stumm; in den alten gefurchten Zügen arbeitete es gewaltig; ein mächtiger Entschluß schien in seinem Herzen Wurzel zu schlagen. „Es ist gut, Angelika," sagte er endlich mit gepreßter Stimme. „Armes Mädchen, Dein Unglück ist zu groß, als daß ich Dir zürnen könnte! Liebte ich nicht noch Leo« uoren auf dem Sterbebette mit heißer, leidenschaftlicher Glut — was sollte ich eS Dir verargen, wenn Dein Herz sich zu weicheren Gefühlen hinreißen läßt? Aber, Angelika, ist auch der Mann Deines Herzens werth? Welche Talente geben ihn in Deinen Augen den Vorzug? Welche Thaten sind es, welcher Ruhm, der Dich an ihn fesselt? Angelika, ich hätte Dich für weiser gehalten, als daß Du einer Larve der Jugend und Anmuth den Vorzug über Talent und ManncSwürde einräumen könntest. Aber gleichviel, das Unheil ist da," unterbrach er sich, „glaubst Du, daß Rndolph um Deine Neigung weiß?" Das Mädchen schüttelte traurig das Haupt. „Nimmer soll er dieses Geheimniß erfahren," erwiederte sie, „tief verschlossen will ich'S im Busen tragen, bis sich das Grab wölbt über mich und meinen Gram. Ach, ich bin ja schon zufrieden, wenn ich ein freundliches Wort, ein mildes Lächeln von ihm erhäsche. Was kann eine alte Jungfer mehr begehren? Ja, und wenn sie es wüßten, dies unselige Geheimniß, alle die Frauen und Mädchen in der Stadt, die mir Freundschaft heucheln, wie sie spötteln würden über mich, und mein Herz und meine Ehre mit tausend Dolchstichen durchbohren? Mein Oheim, lassen Sie mich schweigen! Aber mein Unglück stehe um Gnade für den Schuldlosen; der wahrhaft Leidende hat Thränen, keinen Haß. „Thränen dem Frauenzimmer, Haß und Rache dem Mann!" unterbrach sie der Direktor. „Oder meinst Du, ich werde dieser Liebe halber den heiligsten der Schwüre brechen, den ich je gethan? Aber vielleicht ist auch für Dich noch Hülfe, ohne daß ich' mein Gclöbniß breche?" „Hülfe!" wiederholte Angelika schmerzlich lächelnd. „Niemals, Oheim. Versucht auch nicht mein Leid zu mindern. Einer Hoffnungslosen Trost zusprechen wollen, heißt Feuer in eine Wunde gießen. Für mich gibt es keine Hülfe, als den Tod!" (Forts, f.) 77 Die W i n t e r d e ck r. Laß' dir's nicht gcdeihn zu Leide, Wenn mit Schnee als ihrem Kleide Gott die Erde hüllet ein, Weil es jetzt soll Winter sein! Flur im eisigen Gewände, Eingeengt in starre Bande, Bist zum Denkmal mir gesetzt, Wie es wird mit mir zuletzt! Ruhe hat der Herr und Frieden Ihr zu dieser Zeit beschicken, Legt auf sie ein weißes Tuch, Zhr zum Schmucke, nicht zum Fluch. So werd' ich begraben liegen, In ein enges Bett mich schmiegen, Wann der Tod den Kuß gereicht, Und mein Antlitz ist erbleicht. Herr, wie du auf weiter Strecke Gibst der Flur jetzt Schnee zur Decke: Laß' auch so für mein Gebein Gnade einst die Decke sein! Neubildung des Gehirns. Herr v. Parville erwähnt in der wissenschaftlichen Uebersicht des offiziellen Journals den merkwürdigen Fall von Amputation und Wiedererzeugung der Gehirn-Hemisphären, die namentlich das Resultat der jüngsten Forschungen des Herrn Voit von der Münchener Akademie sind. Seit 1822 zeigte FlourenS bis zur äußersten Evidenz, daß es bei verschiedenen Thieren möglich sei, einen ganzen Gehirnlappcn hinwegzunchmen, — ohne dadurch ihren Tod herbeizuführen. Er ging noch weiter. Er nahm Katzen, Kaninchen, öffnete deren Schädel mit Vorsicht und nahm daS Gehirn heraus. Katzen und Kaninchen lebten noch ein Jahr nach dieser Operation. Leben ist also auch ohne Gehirn möglich. Nur verlieren die auf diese Weise verstümmelten Thiere alle Sinne und ihre Vernunft, und sind auf den Zustand einfacher Automaten reduzirt. Dasselbe Experiment kann auch mit dem kleinen Gehirn gemacht werden. Da dieses jedoch daS die Bewegungen regn« lirende Organ ist, so bewegt sich das betreffende Thier nur nach dem Zufalle fort; eS gleicht einem Betrunkenen und ist wirklich ein Kopf ohne Hirn! Herr Voit von München hat ein noch sonderbareres Resultat erlangt. Er hat mehreren Tauben daS Gehirn weg» genommen, und nach einigen Monaten konslatirte er zu seinem Erstaunen, daß sich dasselbe erneuert hatte. Das Gehirn war wieder gewachsen. Nach der Wegnahme des Gehirns, sagt der gelehrte Physiolog-, stecken die Tauben ihren Kopf unter einen Flügel und bleiben unbeweglich. Die Augen sind geschloffen und sie scheinen zu schlafen. Dieser Zustand dauert einige Wochen. Dann erwachen sie endlich auS ihrem scheinbaren Schlafe, öffnen ihre Augen und beginnen zu stiegen; sie vermeiden dabei alle Hindernisse und entwischen denen, welche sie greifen wollen. So ist eS sehr klar, daß sie wieder sehr gut sehen und hören. Einige dieser Thiere wurden fünf Monate nach der Operation getödtet, und man fand in der Hirnschale eine weiße Masse vor, die gänzlich von der Consistenz und dem Aussehen der weißen Gchirnmassc, und auch zudem in zwei Gehirnlappcn /a Zoll groß, Chang einen Zoll kleiner. Sie stützen sich mehr auf den nach auswärts gerichteten Beinen, die in Folge dessen mehr ausgebildet als die inneren sind. Die Herzen und andere Organe derselben befinden sich in derselben Position wie bei anderen Menschen; der Athmungs-Prozcß und die Circulation des Blutes ist bei den Zwillingen nicht gleich. Als sie bei ihrer Anwesenheit in Edinburg an „Influenza" litten, fand Dr. Aitken, daß bei dem Einen der Puls 24 Schläge in der Minute schneller, als der des Andern war. Zwei andere Londoner Aerzte fanden eine Verschiedenheit von 4 Schlägen in der Minute. Sir James Simpson hat bewiesen, daß sie hinsichtlich physischer Verrichtungen zwei völlig getrennte und verschiedenartige Individuen sind. Sie können gehen, laufen und schwimmen, sind leidenschaftliche Jäger und gute Schützen, intelligent, belesen und tüchtige Geschäftsleute. Ihr Zustand macht es natürlich, daß sie in einem und demselben Gespräche verflochten sind, aber Jeder von ihnen kann auch ohne Schwierigkeit eine Conversation mit zwei verschiedenen Individuen führen. Oft liest ein Jeder für sich; öfter jedoch liest Einer dem Andern laut vor. In der That ist ihr Gemüth viel dualistischer, als ihr Körper; letztere sind vereint, erstere nicht Das sie vereinigende, theilweise durch Verlängerung deS Knorpels des Brustknochcns gebildete Band ist 4'/^ Zoll lang und hat Zoll Umfang. Von Krankheiten, die dem Blutsystem angehören, wie Pocken, Masern, Fieber und dergleichen wurden die Bruder gleichzeitig ergriffen. Trotzdem schließt Sir James Simpson aus Experimenten, die derselbe mit Arzneien an ihnen vorgenommen, daß die Verbindung ihrer Gefäße verhältnißmäßig sehr gering ist. Ueber die Frage der Möglichkeit einer Operation, behufs der Separation der Brüdcr von einander, sagt der Professor: Chang und Eng selbst wünschen gar keine chirurgische Theilung, aber einige ihrer Anverwandten wünschen dieselbe sehr, wenn eine Möglichkeit des Gelingens vorhanden ist! Diese Operation ist nicht allein möglich, sondern würde auch mit gar keinen, oder nur sehr geringen Schwierigkeiten verbunden sein; aber dieselbe würde so gefährlich sein, daß die Zwillinge, der Meinung des Professors zufolge, sich derselben nicht unter- werfen sollten, und daß kein Chirurg gerechtfertigt wäre, dieselbe zu vollziehen. Chang und Eng sind an zwes Schwestern verheirathet, Töchter eines amerikanischen Geistlichen. Jeder Bruder hat 9 Kinder: Eng 6 Söhne und 3 Töchter, Chang 3 Söhne und 6 Töchter. Ihre ersten Kinder wurden je 3 — 4 Tage von einander geboren, die anderen in unregelmäßigen Zeiträumen. Chang's neuntes Kind wurde vor drei Monaten geboren. — Der berühmte Arzt, Sir James Fcrgufson, hat ebenfalls die Zwillinge genau untersucht, und seine Meinung ist auch, daß eine chirurgische Theilung der Brüdcr tödtlich sein würde, nicht so sehr wegen der Struktur des sie verbindenden Bandes, als wegen deS moralischen Effektes, welchen dieselbe auf die Zwillinge ausüben würde. Der grösste Feind des Waldes ist der unverständige habgierige Mensch. Nicht der Blitz, der die Eiche zersplittert; nicht der Sturm und der Schneedruck, der die stolzesten Stämme wie Rohr knickt; nicht Myriaden von Insekten; nicht der Frost, der ganze Culturen tödtet; nicht die Axt; nicht der erste Paragraph des communistischen Revolutionsgesetzes: „Laß mir das Meine und gib mir das Deine!" können dem Walde die Unheil zufügen, welches der Mensch mit 79 dem Streurechen in der Hand anrichtet. Die feindlichen Gewalten der Naturkräfte, die Invasion der Würmer zerstören die Bäume; aber der Mensch, der dem Walde die Boden- decke nimmt, zerstört die Grundlage; die Existenz des Waldes. Die Bodendecke ist der Dünger, er gibt dem Baume die Aschenbestandthcile; die Bodcndecke gibt die Feuchtigkeit, die manchmal die Hälfte der Bestandtheile eines Baumes ausmacht; die Bodcndecke gibt dem Walde die Kohlensäure, die er durch seine Lungen, die Blätter, einsangt. Siebenfach ist der Wassergehalt, den die Blätter am Boden festhalten können, und Moos ist bisweilen nur ein mit Wasser angefüllter Schwamm. Da wo dem Walde seine natürliche Nahrung zukommt, da stehen kraft- und saftstrotzcnde Bäume, da ist das dunkelste Grün, der tiefste Schatten, die balsamischste Luft; da öffnet sich die Brust des Menschen, da trinkt er, dem Sänge der befiederten Sänger lauschend, mit gierigen Zügen die würzigen Düfte; da gibt der Wald das grüßende Lied mit freudigem Echo wieder. Da wo der Boden entblößt ist, da stehen kahle Stämme und niedrige Sträucher; öde Flächen biete« keinen Schatten, der Wald gibt nicht einmal mehr Holz, er stirbt an Abzehrung. Aber er nimmt eine fürchterliche Rache am frevelnden Geschlechte, mit dem hinsiechenden Walde vertrocknet die Luft, die Quellen versiegen und je trockener die Bäche sind, mit um so größerem Bangen sieht der schuldbewußte Mensch dem herannahenden Gewitter, dem Schncegang, entgegen. Die fallenden Regengüsse schießen, durch keine Bodendecke aufgehalten, vom kahlen Waldabhang herab; die vertrockneten Bäche werden zu reißenden Strömen; sie versanden fruchtbares Land und schwemmen tragbaren Boden fort; die Wogen brechen die Dämme und dringen in die Wohnungen der Menschen. Und jetzt, am Grabe seiner Habe, erinnert sich der Mensch der Frevel, die er am Walde begangen. (Ebene, wohlangcbautc Landstrccken, welche keinen Wald in der Nähe haben, in dem sich Füchse und Raubvögcl aufhalten können, leiden in regenarmcn Sommern nicht blos an größerer Trockenheit, sondern auch der Mäuscfraß ist viel verheerender, da die Mäuse allein Herr sind und vom Raubwild nicht wcggcfangen werden.) Jetzt müssen Millionen auf Millionen aufgewendet werden, um die Sünden gut zu machen, die ein habgieriges Geschlecht, um weniger Groschen willen, begangen. Gar manchmal ist der Nachtheil ein bleibender und die Landwirthschaft sinkt von Generation zu Generation. In Griechenland, in Unteritalicn und Sicilien, in Spanien und Portugal sind nur noch 9 Procent Waldungen zu finden; manche wichtige Stelle kann auch mir dem größten Aufwande nicht mehr bestockt werden, und mit dem Walde stirbt immer mehr die Tragkraft des Bodens. Bayern gehört noch zu den bestbcwaldeten Ländern Europas; allein viele seiner Waldungen leiden unter Streu- und -Weide-Scrvitutcn und in den Privat-Waldungen sieht es zum Theil traurig und untröstlich aus. Es ist hohe Zeit, daß das Gesetz seine schützende Hand über den Wald ausstrecke. Dichtung und Tonkunst, Malerei und Baukunst in den gothischen Domen haben das Lob des Waldes gesungen, seit eS denkende und fühlende Menschen gibt; die Pulse des frohen Menschen schlagen nie höher als Im Wald, Im frischen, grünen Wald, Im Wald, wo 's Echo schallt. * * * Schließlich wiederholen wir eine Notiz, welche wir unlängst aus Aegyptcn gebracht haben. Als Mchemed Ali das Nildelta mit 20 Millionen Bäumen zu bepflanzen be fahl, da zählte man dort im Jahre durchschnittlich 5—6 Regentage; seit jene Bäume zu ' Wäldern geworden sind, hat sich die Zahl der Regentage auf 40 vermehrt. 80 M i s e e l l e n. (Hausmittel gegen Husten.) Bei allen Dingen muß man stets auf die Grundursache zurückgehen, um das richtige Mittel zur Abhilfe zu finden. Nun entsteht Husten in der Regel nach crfolgtcr Erkältung, d. h. wenn die durch die äußeren Hauttheile stattfindende Ausdünstung gestört wurde, und daher die Theile, welche dort auS- trcten, auf der inneren Hauptfläche, auf Luftröhre und Lunge, einen Ausweg suchen, und hier eine Entzündung, niit oder ohne Schleimabsonderung, (feuchter, trockener Husten) hervorrufen. Husten und Schleimabsonderung ist aber hiervon nicht die nothwendige Folge. Im Gegentheil ist hiczu noch etwas Anderes nöthig, nämlich die Einwirkung irgend eines Reizes (einer Schädlichkeit) auf die entzündeten Theile. Einen solchen macht die Luft, besonders die kalte, und vornehmlich während des Schlafes. Athmet man daher nur milde, warme Luft, so ist der Husten rasch beseitigt, und die Entzündung legt sich in Kurzem auch, wenn man die Ausdünstung durch warme Kleidung, Reiben der Haut, Hollundcrthce u. a. bekannte Mittel wieder herstellt. In ersterer Hinsicht ist das einfachste Mittel, Mund und Nase, namentlich während der Nacht, mit Flanell (gleichsam einem Maulkorb von demselben) zu umbinden. Indem die ausgeathmete Luft durch denselben gehen muß, wird er erwärmt und sammelt sich innerhalb eine warme Luftschicht. Die eingcathmcte aber wird beim Durchgang durch denselben ebenfalls erwärmt, und noch mehr, indem sie sich mit der dort befindlichen warmen Luft vermischt. Der hustcnerregcnde Reiz ist daher beseitigt, da die cingeathmetc Luft wärmer ist und ärmer an Sauerstoff, also milder. In zwei Fällen hat dies Mittel dem Einsender dieses überraschend schnell, d. h. schon in einer Nacht geholfen. In einem ging der Husten von der Lunge aus, mit SchlcimauSwurf, im andern in Folge eines prickelnden Reizes an der Luftröhre, der nur durch schwaches Hüsteln für ein Paar Minuten gehoben wurde, aber immer durch das Einathmen wieder entstand, — und die ganze Nacht nicht schlafen ließ. _ (Lcbensregel eines Seilers an seinen Sohn.) „Merke auf, mein Sohn, auf die Lehren, die ich dir auf die Wanderschaft geben will, und beherzige sie! Weiche nie ab vom Pfade der Tugend, denn nichts ist so fein gesponnen, cS kommt an's Licht der Sonne, und ein Galgenstrick nimmt selten ein gutes Ende. Wenn dich das Schicksal auch manchmal durchhechelt, so verliere nie den Faden deiner Geduld, s-lbst wenn alle Stricke reißen sollten; aber auch im Glücke sei nicht übermüthig, und Hause niemals über die Schnur! Laß dich nie am Narrenseile herumführen und sei stets kurz angebunden! Halte dich fern von allen politischen Wirren, daß du nicht in arge Vcr- Wicklungen geräthst, denn sei eingedenk, daß du als Seiler stets rückwärts gehen mußt. Wenn dich böse Buben umgarnen wollen, so folge ihnen nicht, sondern halte sie dir mit einem derben Tauende vom Leibe. Sei auch stets auf Ordnung bedacht, daß Alles — was du thust, am Schnürchen geht. — Und so leb' wohl, mein lieber Sohn, und nimm meinen Segen mit und den väterlichen Wunsch, daß dein Lebensfaden sich abspinnen möge ohne Knoten!" (Ein abscheulicher Druckfehler.) Einen sehr fatalen Druckfehler enthält ein Leipziger Anzcigeblatt vom 12. Januar, indem da ein Wirth „Sauren Kinderbratcn mit Klößen" empfiehlt. (O dergleichen kommt mitunter auch bei uns vor. Anmerkung des Seper-Lehrlings.) Ein Freund nur bei Tisch will nur deinen Fisch, Ein Freund bei der Flasche leert auch deine Tasche. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler. Nro. 11. 14. März 1869. Augsbnrgee Die Heimatb ist süß: wo man geboren ist. dünkt einem Luft und Wasser gut: wo sie »eine Sprache verstehen, ist mein Herz. Tieck. Die Entsagende«. (Fortsetzung.) Der Direktor erhob sich, mit starken Schritten durchmaß er das Zimmer, halblaute Worte vor sich hiumurmelnd. „Ja," sagte er, „so soll es sein. Sein Leben sei fortan eine Kette der Qual. — In den Leiden seines Sohnes sehe er die Strafe seiner Schändlichkeit. Und Nudolph willigt ein, deß bin ich gewiß, denn er ist stolz auf seinen Namen und liebt seinen Vater. Angelika," fuhr er laut zu seiner Nichte gewendet fort, „richte Dich auf, Thränen und Seufzer schicken sich schlecht für eine glückliche Braut, denn ehe acht Tage verstreichen, bist Du verlobt." „Sie sind grausam, Oheim," flüsterte Angelika, „habe ich solchen Scherz verdient?* „Bist Du verlobt jmit Nudolph von Duroy," — fuhr der Greis mit herbem Tone fort. Angelika erbleichte. „Und sprächen Sie Wahrheit," rief sie, „hätten Sie die Macht, den Zauber über Vater und Sohn — niemals würde ich mich Rudolph's Braut nennen, denn haben Sie auch die Macht, meine Jugend, meine Schönheit zurückzurufen?" „Wie?" fragte Fleischer erstaunt. „Und käme Nudolph freiwillig, ungezwungen, «nd böte Dir seine Hand, Du würdest sie zurückweisen? Und dennoch, sagst Du, liebst Du ihn?" „Eben weil ich ihn liebe, würde ich ihn zurückweisen," erwiederte Angelika fest. — „Soll ich sein ganzes Lcbensglück vernichten? Was soll der lebenöfrische Jüngling an der Seite einer alternden Frau? Was mit einer Greisin, wenn sich seine kräftigsten Manncsjahrr entwickeln? Und sänke er jetzt zu meinen Füßen und flehte um meine Hand, ich würde ihn zurückstoßen und starben." „Ich dächte, über die Jahre der Schwärmerei seiest Du hinaus," spöttele der Direktor. „Und gedenkst Du nicht des Neides der ganzen Stadt, wenn er, den zu besitzen die ersten Familien alle Mittel entfalten, zu Deinen Füßen liegt? Schwillt Dein Herz nicht bei dem Gedanken, die Macht zu besitzen, dem geliebten Jüngling ein. Leben ohne Sorge von Liebe gekrönt zu verschaffen? Beseligt Dich nicht das Gefühl, daß er Alles, Alles durch Dich erlangt, und wird nicht jeder Tag, — jede Stunde Eurer Ehe Zeuge Deiner freigebigen Liebe gegen ihn sein?" „Weh Ihnen, Oheim," flüsterte Angelika kaum hörbar, das Antlitz verhüllend. — „Sie versuchen mich!" „Und" — fuhr der Direktor, dessen Augen funkelten — fort, „und wer sagt Dir, daß Du nicht mehr im Stande bist, Gefühle der Liebe in Männerherzen zu erwecken! Haben die Jahre Dir das Geringste von Deiner körperlichen und geistigen Anmuth geraubt? Tritt hin vor den Spiegel und frage Dich selber: ob Du es nicht mit allen coquctten Zierpuppen der Residenz aufzunehmen vermagst? Und wer sagt Dir, ob Dein Nudolph nicht die vergängliche Schönheit der Jugend die der dauernden des Herzens .nachzustellen vermag." 82 Ein Zug unaussprechlichen Glückes belebte für einen Moment das feine Antlitz Angelika'«, aber sogleich kam sie zu sich. „Oheim," sagte sie sehr ernst, „was sollen Eure Worte? Entweder treiben Sie einen grausamen Scherz mit mir, indem Sie mir Unerreichbares malten, oder Sie haben eine tiefere Absicht, die ich nicht zu ergründen vermag. Oheim," fuhr sie fort, „vergaßen Sie, indem Sie diese Worte sprachen, daß Sie Rudolphs Vater tödtlichen Haß geschworen?" „Nie dachte ich mehr daran, als in jenen Augenblicken," erwiederte der Direktor. „Aber noch ist der Augenblick nicht gekommen, meine Absichten, meine Pläne Dir vor die Seele zu legen. Noch strömt und wogt es in mir w« ein brandendes Meer. — Geh' Angelika," fuhr er milder fort, „laß mich allein und gib Befehl, daß man anspanne." „Und wohin wollen Sie in so früher Morgenstunde?" „Wohin ich will? Zu Duroys und die Herren aus dem Bette holen!" rief der Direktor. Angelika wollte antworten, aber ein befehlender Wink ihres Oheims schloß ihr den Mund. Sie verließ das Zimmer; während der Direktor heftig erregt auf- und niederschreit. „Leonore," murmelte er, „ich halte mein Wort, um den Schwur zu erfüllen, den ich einst Dir geweiht, bereite ich auch das Unglück eines Mädchens, das ich liebe wie mein eigen Kind. Aber die Rache ist furchtbar, wie die sein sollte, die ich an deinem erkalteten Leichnam gelobte. Wie ein nagender Gewissensbiß stehe es täglich vor deinen Augen, daß durch deine Schuld dein Sohn entweder ein Bettler, der Sohn eines Fälschers oder ein Gegenstand des Spottes sein wird; denn Angelika'S bin ich sicher, Weib bleibt Weib, und jede wahre Liebe ist egoistisch." Festen Schrittes begab er sich nach seinem Zimmer und kleidete sich, denn eines Dieners bedurfte er nicht, in einen einfachen weiten Ueberzicher. Dann trat er an den Schreibtisch und einer Schieblade mehrere Papiere entnehmend, die er nebst dem Wechsel Lindcnau's in sein Portefeuille legte, stieg er langsam die Treppe herab, wo am Eingänge des Hauses der prunklosc Wagen seiner harrte. „Nach Schloß Duroy!" befahl er kurz, sich in die Ecke des Wagens werfend und nicht der erstaunten Miene des Kutschers achtend, womit dieser seiner Weisung nachkam. Aber er achtete auch nicht darauf, daß das bleiche Antlitz seiner Nichte vom Balkon verborgen seiner Abfahrt zusah. Ihr Antlitz war von Thränen überfluthet, rmd doch leuchtete eine selige Hoffnung aus ihren Mienen. So stand sie da, lange unbeweglich, bis der Wagen des Direktors ihren Blicken entschwunden war. Noch immer sang der Vogel sein lustiges Lied, aber ihr war zu Muthe, als sollte sie sterben, als drohe das Herz, seine Baude zu sprengen. Ihre Lippen murmelten ihr selbst unbewußt de> Namen desjenigen, dessen Bild ihre ganze Seele erfüllte. Rudolph hieß ihr Sein, Nudolph das Gebet, das sie brünstig zum klaren Morgcnhimmel emporsteigen ließ, voll von unendlichem Jubel, voll unendlichen Schmerzes. Während Direktor Fleischer seinen Weg dem Duroy'schen Schlöffe zu nahm, befand sich Vater und Sohn im Cabinettc des Ersteren, in tiefer, ernster Unterhaltung. Dem alteu Baron sah man auf den ersten Blick den Lebemann an. Trotz seines weißen Haares war sein Antlitz frisch und blühend, und seine Figur, die sich zur Corpulenz neigte, ungebeugt. Seine hellen blauen Augen blickten vertrauend und wohlwollend in die Welt, als seien dieselben ein Buch, woraus sich nur Angenehmes und Heiteres lesen lasse. Nicht so Rudolph. Von hoher Gestalt trug sein bleiches Antlitz, das dunkelbraunes seidenes weiches Haar umlockte, und dessen Farbe zart, wie das eines Mädchens erschien. 83 den Ausdruck eines geheimen Grames. Das dunkle Auge, das lange Wimpern beschatteten, blickte milde und seelenvoll, und die erhabene Stirn trug den Stempel höherer Begabung. Vater und Sohn schienen noch nicht zur Ruhe gegangen, denn Beide befanden sich noch in ihren festlichen Kleidern. Der Alte trug einen blauen Frack,, den goldene Knöpfe zierten; Rudolf ein einfaches schwarzes Habit über seine weiße Seidcnweste. Die Unterhaltung mußte von Wichtigkeit sein, denn das Auge Nudolphs war fest auf seinen Vater geheftet und mit der größten Spannung schien er seinen Worten zu lauschen. „Es ist, wie ich Dir sage, Rudolph," fuhr der Alte fort, „ich halte es für die höchste Zeit, daß Du an eine Heirath denkst. Dir steht die Wahl unter den ersten Erbinnen des Landes frei, Reichthum winkt Dir, verbunden mit Adel und Schönheit, also was zauderst Du? So viele der Mädchen habe ich Deinetwillen in den verflossenen Stunden in diesem Salon vereint, war denn Keine darunter, die Dein Herz zu fesseln vermochte." „Keine, mein Vater," erwiederte der junge Mann, „was sollen mir diese Puppen, deren Seele in ihren Roben, und deren Geist in ihren Coiffurcn steckt? Unter alleu Mädchen der Residenz gibt es nur eines, das dauernd mein Herz fesseln könnte, wenn sie nicht beinahe dem Alter nach meine Mutter sein könnte — Angelika Fleischer." Der Baron fuhr zusammen. „Wie kommst Du auf diesen Namen? Weißt Du nicht, daß der Direktor und ich gespannt sind, obschon ich nicht weiß, was ihn für Beweggründe treiben?" „Es war nur eine Bemerkung, mein Vater," erwiderte Rudolph. „Angelika allein gleicht jenem Mädchen, das mein Herz entflammte — und deren Erinnerung ewig ei» Traumbild für mich bleiben wird, unerreichbar und vergangen." Der alte Herr crschrack sichtbar. „Du liebst?" fragte er; „Dein Herz ist nicht frei und erst heute erfahre ich, Dein Vater, der kein Geheimniß für Dich hat, dessen einziges Glück Du bist, dies Geheimniß?" „Was sollt' ich eine Wunde vergrößern, die ich nicht zu heilen vermag," versetzte Rudolph. „Ja, magst Du es denn wissen, mein Vater, ich liebe, liebe einen Engel." „Und ihr Name, ihr Stand?" drängte der Alte. „Ihren Namen kenne ich nicht, ihr Stand war Gouvernante," erwiederte er leise. „Unglücklicher!" rief der Baron, „wir sind verloren, wenn diese Liebe mehr als eine bloße Phantasie sein sollte, denn ich kenne Deinen Starrsinn. Aber erzähle, erzähle," fuhr er fort. „Laß mich Alles wissen, zu Deinem, zu meinem Heil." „Es können zwei Jahre verstrichen sein," begann Rudolph, „als ich mich in Wiesbaden befand. Durch Ihre Güte, mein Vater, war ich in den Stand gesetzt, die geringste meiner Launen befriedigt zu sehen, und doch gab es Momente, wo ich dieser Eristenz müde ward, so glanzvoll sie auch dem Auge des Oberflächlichen scheinen mochte. Ich hatte Alles, was das menschliche Dasein zu schmücken vermag, und eben das Uebermaß machte mich unglücklich. Ich achtete keinen Fraucnwcrth, denn von allen Seiten kam man mir huldigend entgegen; für mich gab es keine Blume mehr, die ich pflücken mochte. So in trüben Gedanken versunken, wandelte ich eines Nachmittags durch ein dichtes Gehölz, meinen Unmuth, meine Hypochondrie dein Auge froher Genossen entziehend. — Alles war tief stille. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen durch das Grün, das sich zu beiden Seiten des Pfades, wie eine verschwiegene Laube über den Wanderer schloß. Die Vögel, ermattet von der Hitze deS Tages, waren verstummt, nur hin und wieder drang leise ein süßer Ton durch die Einsamkeit. Da vernahm mein Ohr plötzlich den Ton einer wundcrlicblichcn Stimme, wie ich sie noch nie gehört hatte. Es war keine Kunst, die aus jenen Lauten sprach, aber ein tiefes Gefühl wehte aus jedem Hauche, das mächtig zum Herzen drang. Neugierig folgte ich dem verführerischen Klänge, bis ich endlich an einen freien Platz des WaldcS gelangend, die geheimnißvollc Sängerin erblickte. Am Rande einer sprudelnden Quelle, das sein Plätschern harmonisch mit ihrem Gesangs^ 84 »erwischte, saß ein junges Mädchen von unendlich zarter Gestalt, in ein hochreichendes schlichtes weißes Gewand gehüllt. Bor ihr stand ein Knabe von vier bis fünf Jahren, eifrig beschäftigt, ihr Waldblumen zuzureichen, — die sie kunstvoll zu einem Kranze zusammen wand. „Die Scene, die sich meinem Auge darbot, war so lieblich, daß ich ungesehen von der Fremden, wie gefesselt stehen blieb. Nie hatte ich geliebt, das fühlte ich in diesem Augenblick, denn zum ersten Male klopfte mein Herz, als ob neue Lebenskraft in ihm erwacht — klopften hörbar meine Pulse. „So schön war mir noch nie ein Weib erschienen; — ein unbewußter Zauber der Jungfräulichkeit, fern von aller Coqucttcrie, lag über ihr ganzes Wesen verbreitet, und frei und unbefangen blickte ihr Helles blaues Auge aus dem zarten Antlitz, das von dicken, hellblonden Flechten umrahmt war. Ein Ausruf des Kleinen, der meine Anwesenheit bemerkt hatte, veranlaßte mich, näher zu treten. Erschrocken über die Gegenwart eines Fremden, erhob sich die schöne Sängerin, deren Wange ein hohes Noth überflog. „Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, mein Fräulein," begann ich schüchtern, „ich vergaß der Gegenwart und träumte von vergangenen Zeiten, wo noch die Waldfee den Jägersmann mit holder Stimme lockte in ihr ewig grünes Reich, und selbst jetzt, da ich Ihnen gegenüber stehe, ist dieser Zauber nicht entschwunden." „Er wird sogleich schwinden," versetzte das junge Mädchen schelmisch, „wenn Sie geneigt wären, einen Blick auf ihre Toilette zu werfen; ich zweifle, ob der Jäger der Sage sich jemals in Frack und Lacksticfcl zu den Füßen der Waldnymphe begeben hat." Der unbefangene Scherz gab auch mir meine Fassung tvicder. Ich näherte mich ihr, und ein Gespräch entspann sich zwischen uns. Die Minuten verflossen uns wie ein Traum, ich sah das Auge des Mädchens mit dem Ausdruck der Theilnahme auf mich gerichtet. Und ich ward wärmer und wärmer, ich schilderte ihr meine Vereinsamkeit, die Leere, die sich meines ganzen Daseins bemächtigt hatte. „Sie nennen sich unglücklich," fragte sie ernst. „Sie haben wahrscheinlich im Besitz der Erdengütcr Ihre Kräfte im Genusse erschöpft, haben Sie aber auch kein Gefühl, keine Kraft mehr für die Zahllosen, die der Hülfe bedürfen? Die Kreise, in denen Sie sich sonst wohl fühlten, widern Sie an, sind Sie aber auch schon hinabgestiegen in die Kreise der leidenden Menschheit? Gehen Sie hin, mein Herr, und wenn Sie die erste Thräne des Unglücks getrocknet haben, dann will ich Sie wieder fragen, ob das Leben noch ohne Reiz sür Sie ist. Ihr Dasein langweilt Sie, weil Sie es nicht zu verwenden wissen. Widmen Sie der Menschheit die geistigen Fähigkeiten, die Sie bis jetzt in nutzlosen Schnörkclcien vergeudet, und Sie werden das Dasein segnen, statt es wie eine Bürde zu betrachten." Noch nie hatte das Wort eines Mädchens einen solchen Eindruck auf mich hervorgebracht. Mein Herz erlag dem Zauber, ich sank zu den Füßen der Fremden. „Ja," rief ich, „wohl fühlt meine Seele, wie recht Du hast, ja, die Ahnung eines neuen Lebens dämmert vor meiner Seele auf. Aber nur an Deiner Hand will ich die ver- hängnißvolle Schwelle überschreiten; Du sollst die Führerin sein, die mich leitet. Mein sei, himmlisches Mädchen, und wärest Du arm und niedrig, — Dein Herz adelt Deine Geburt. Ich bin der Baron Rudolph —" „Nicht weiter!" unterbrach mich das Mädchen. „Ich will keinen Namen wissen. Wie, Herr Baron, in unbegränztcm Leichtsinn wollen Sie die Minute einer romantischen Stimmung über Ihr ganzes LebcnSglück entscheiden lassen? Nimmer darf ich Sie hören, nichts soll mich bestimmen, meinen einfachen Namen, meine Armuth an ein edles hoch- geborenes Dasein zu knüpfen. Denn ich bin arm, bin Gouvernante dieses Kindes." Betäubt schwieg ich einen Moment. Das Bild meiner Eltern trat vor mein« Sinne. Ich kannte den Werth, den Sie, Vater, und vorzüglich die verstorbene Mutter 85 auf den Adel legten und stumm und rathlvs stand ich da. Die kindliche Pflicht kämpfte mit der Leidenschaft des Moments. Das Mädchen näherte sich mir, den Knaben an der Hand, — wie zum Fortgang gerüstet. „Warum beschwören Sie den Zauber des Waldes?" sagte sie sanft, indem eine glänzende Thräne in ihrem Auge zitterte, „die meisten Mährchcn enden traurig. Der Traum ist vorbei, —- und die kalte Wirklichkeit tritt in ihre Rechte. Lasten Sie uns scheiden, und wenn der Strudel des Badclebens uns zusammenführt, so wollen wir nicht dieser Augenblicke gedenken, denn sie waren heilig, eine profane Erinnerung würde sie entweihen." „Kann die Erinnerung an Dich jemals aus meiner Seele schwinden?" — rief ich glühend. „O sage mir Deinen Namen, daß ich ihn tief im Herzen tragen kann, wie einen süßen Talismann, wenn nur —" „Ich heiße Angelika!" — flüsterte das Mädchen kaum hörbar. „Leben Sie wohl, Herr Baron." „Angelika!" wiederholte ich glühend, „ja ein Engel warst Du für mich, mein guter Engel sollst Du ferner sein." Da klangen Tritte durch den Wald, ein Geräusch von Stimmen ward laut, das jnnge Mädchen verschwand mit dem Knaben und ich blieb allein eine Beute der wechsel- vollsten Empfindungen. Aber nur zu bald ward ich zu neuer Thatkraft empor gerüttelt. Mir galten die Stimmen, man suchte mich an allen Enden, und hier endlich an der Stätte, wo ich das wahrste, reinste Glück des Lebens genossen hatte, traf mich Ihre Botschaft, die mich an das Sterbelager der Mutter rief." „Und sahst Du sie niemals wieder?" fragte der Baron, der mit sichtbarem Interesse der Erzählung seines Sohnes zuhörte. „Niemals!" erwiederte der junge Mann. „Der Verlust meiner geliebten Mutter beugte mich so schwer darnieder, daß ich keinen anderen Gefühlen, als denen der Trauer in meinem Herzen Raum zu geben vermochte. Und als endlich die Erinnerung an Angelika, die nie ganz verschwunden war, aufs Neue in mir erwachte, war jede Spur des Mädchens verschollen, man kannte nicht einmal ihren Namen, denn die russische Familie, in deren Begleitung sie Wiesbaden besuchte, hatte noch am selben Tage meiner Abreise, durch ein Familien-Ereigniß gezwungen, das Bad verlassen. Aber seit jener Stunde, wo ich zum ersten Mal wahrhaft lieben gelernt hatte, wuchs mein Vorurtheil gegen jene Frauen, die durch Manirirtheit und Coguctterie um die Gunst der Männer buhlen. Einer nur gehört mein Herz, wenn ihr auch niemals meine Hand gehören darf." (Fortsetzung folgt.) Verzeihe! Der Tod stürmt oft in's Haus hinein. Klopft nicht an's Thor erst sacht: Wer Abends noch des Lebens froh, Kann sterben über Nacht. Und hat Dich einer schwer betrübt, Sollst Du ihm doch verzeih'n. Es breche über Deinem Zorn Der Abend nicht herein! Gar Manchem ward das Sterben schwer. Der nicht mehr konnt' verzeih'n: Den Groll in Deinem Herzen nimm Nicht mit in's Grab hinein! 86 F. M.-L. Härtung. ^ Wien, Anfangs März. Zu den populären Persönlichkeiten Wiens gehört auch der so eben pensionirte F.-M.-L. Härtung. Ganz besonders ist er bei den stets vppositionssüchtigen „deutschen Parisern" in der Hauptstadt gestiegen, seitdem er seine Demission genommen. Warum es so ist, das würde mir wohl kaum Jemand hier erklären können; genug, es ist so und man beginnt bereits die Epochen des tapferen Kriegers zu singen: So wird der folgende, in der That ehrenhafte Charaktcrzug desselben hervorgehoben: Als Oberst hatte Härtung einen Lieutenant beim Exercieren etwas barsch zurechtgewiesen. Den Offizier kränkte die vor dem ganzen Regimcnte erlittene Beschämung. — Nach dem Einrücken warf er sich in die Gallauniform, eilte zu seinem Obersten und bot ihm einen Ausgleich der Affaire durch ein Säbel-Duell an. Härtung betrachtete den ^ jungen Offizier mit einem durchdringenden Blick und sagte nichts, als: „Erscheinen Sie nächsten Sonntag beim Negimcntsrapport!" Der Offizier salutirtc und ging; er dachte nicht anders, als man werde ihm Arrest diktiren, weil er mit kühner Hintansetzung aller Reglemcnts-Vorschriftcn und Traditionen gewagt hatte, den höchsten Vorgesetzten im Regiment, der früher in Oesterreich das xouvoir eines Halb - Souveräns, z. B. das jus Alnckü besaß, wegen einer Aeußerung im Dienst zum Zweikampf zu fordern. Am Tage des Regiments - Rapport erschien Oberst Härtung, geschmückt mit den Ehrenzeichen, welche er durch persönliche Tapferkeit erworben hatte. Der Lieutenant trat vor seinen Oberst, salutirte und machte sich darauf gefaßt, sein Vergehen in scharfen Worten rügen und eine Strafe dictircn zu hören. In der That blickte der Oberst grimmig genug dem Subalternen in die Augen, dieser hielt den Blick ruhig aus. Dann nahm Härtung eine freundliche Miene an und sprach: „Meine Herren, ich habe in der Hitze den Herrn Oberlieutcnant beleidigt; ich bitte den Herrn Oberlieutcnant um Verzeihung" — und dabei reichte er dem freudig erstaunten Offizier die Hand. General Kleiumichel. I Vor Kurzem lief dnrch die Zeitung die einfache Notiz: General Kleinmichel ist in Petersburg gestorben. Ich habe nirgends einen ausführlicheren Nekrolog dieses Mannes gelesen und dennoch gehört er zu den bekanntesten Persönlichkeiten vom Hofe des Czaren Nikolaus. Kleinmichel war ein Liebling des Kaisers, und wußte sich namentlich durch seinen stummen und unbeschränkten Gehorsam diese Gunst zu erhalten. Als der russische Ministerrath den Bau der Bahn von St. Petersburg nach Moskau beschlossen hatte, legte man dem Czaren den Plan der Ingenieure vor, und bat ihn, die Oerter zu bezeichnen, durch welche er dieselbe geführt haben wünsche. Nikolaus nahm, ohne ein Wort zu verlieren, die Karte in die Hand, tauchte einen Finger in ein Tintenfaß, Zog sodann eine gerade Linie von Petersburg nach Moskau, und sprach zu den erstaunten Ingenieuren: „So wird die Bahn ausgeführt." „Aber," — riefen diese, „dieß ist unmöglich! Ew. Majestät werden Niemanden finden, der sich einer solchen Arbeit unterziehen möchte: das hieße einen Schatz in eine Wüste legen!" „Niemand sollte sich dessen unterziehen, wenn ich es befehle!" — rief Nikolaus. „Wir-werden gleich sehen." Und als er Kleinmichel m einer Ecke entdeckte, sprach er: „Kleinmichel, Du siehst diese Linie?" „Ja, Sire!" „Es ist dies die Linie einer nmen Eisenbahn, — welche ich in meinem Reiche anlegen will." „Sire, sie ist großartig!" „Du findest? Du übernimmst also die Ausführung meiner Befehle?" „Mit Entzücken, Sire, wenn es Ew. Majestät befiehlt. Aber die Mittel — dtt Mittel! ..." „O, keine Sorge darum. Fordere so viel Geld, als Du brauchen wirst." Und indem er sich an die Ingenieure wendete: „Nun wohl, Ihr sehet, daß ich Eurer nicht bedarf. Ich werde meine Eisenbahn selbst bauen!" Die Ausführung dieses Baues dauerte zehn Jahre. Man wich keinen Zoll von der Linie, welche die Hand des Czaren gezogen hatte; man ließ Nowgorod, Twer und eine Menge anderer wichtiger und reicher Städte in der Entfernung von mehreren Meilen bei Seite und führte die Bahn mitten durch Sümpfe, durch Wälder und unermeßliche Steppen; 700 Kilometer kosteten Rußland 400,000,000 Franks, — etwas mehr als eine halbe Million für den Kilometer, — von welcher Summe der gehorsame Kleinmichel natürlicher Weise seinen gnten Theil nahm. Nikolaus aber behielt das Recht, zu sagen, „daß ihm Nichts unmöglich sei." Einige Wochen nach der Einweihung dieser Bahn kam ein türkischer Botschafter in Petersburg an. Man zeigte ihm alle Sehenswürdigkeiten. Der Türke vcrläugnetc seine orientalische Würde durch kein Zeichen der Bewunderung oder des Erstaunens. Da fragte der Czar den Fürsten Menzikow: „Was könnte man ihm denn zeigen, um ihn in Erstaunen zu versetzen?" „Die Rechnungen des Generals Kleinmichel für die Nikolaus-Bahn," antwortete der Fürst lachend. Einige Tage später entspann sich ein Streit zwischen Menzikow und Kleinmichel. Der General schlug eine Wette vor. „Mit Vergnügen," antwortete Menzikow, „und zwar niag der Einsatz folgender fein, wenn es Ew. Excellenz beliebt: Wer die Wette verliert, soll auf Kosten des Gegners nach Moskau reisen, und zwar auf der Bahn, deren Lau Ew. Excellenz so eben vollendet haben." „Was soll dieser Scherz bedeuten?" frug der Kaiser. „Das ist sehr einfach, Sire. Die Bahn ist in der Weise angelegt, daß man fast sicher ist, daselbst das Genick zu brechen; wir setzen also bei dieser Wette unser Leben aus's Spiel." Der Czar lachte sehr, — und Kleinmichel aber schlug die Wette aus. Nun ist er freilich auf einem anderen Wege in's Jenseits hinübergefahren ot reczuiesoat in pacot Das englische Oberhaus. Wie cS im Beginn einer Session Regel ist, hat auch diesmal das Oberhaus die amtliche Liste (roll) seiner Mitglieder veröffentlicht. Dieser zufolge beherbergt es gegenwärtig 470 Peers, darunter die englischen Bischöfe (mit Ausnahme des neu erwählte» für Lincoln), die vier Repräsentativ - Prälaten Irlands, 28 irische und 15 schottische Peers. An der Spitze der Liste steht der Prinz von Wales, der in seiner Eigenschaft als Herzog v. Cornwall einen Sitz im Oberhaus hat; ihm zunächst sein Bruder, der Herzog v. Edinburgh, dann der Herzoz v. Cumberland (in einer Parenthese als „König von Hannover" aufgeführt) und der Herzog v. Cambridge, Oberbefehlshaber der Armee. Auf diese folgen gemäß ihrem Rangvortritt der Erzbischof von CantcrburY, der Lord- 88 Canzler, die Erzbischöfe von Dork und Dublin, der Conseils - Präsident Graf de Grey, und der Geheimsiegelbewahrcr Graf v. Kimberlcy. Erst nach diesen werden die Herzoge aufgezählt. Es sind ihrer 20 an der Zahl, darunter der älteste im Rang der Herzog v. Norfolk, und der jüngste der Herzog v. Clcveland. Die Zahl der Marquis beträgt gleichfalls 20, die der Grafen (Karls) 127; unter letzteren ist der erste dem Altersrange seines Adels nach der Graf v. Shrewsbury, der zweite der Graf v. Derby, die zusammen mit dem Herzog v. Norfolk das einzige Trio direkter männlicher Abstammung in den höchsten Graden der Pairie aus der Zeit vor Heinrich VIII, bilden. Nach den Grafen kommen die Discounts, nach diesen die Bischöfe, undz schließlich die Barone. Letztere (234) bilden die Hälfte des Oberhauses, während die geistlichen Peers (29) den fünfzehnten Theil desselben ausmachen. Den ältesten Baronenstammbaum besitzt der Lord de Ros, besten Pairie — allerdings in der weiblichen Linie — von der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts datirt. Neun von den Baronen sind Katholiken. Miseellen. Das Gehirn des Menschen. (Nach den Studien von L. B. Davie, Fredmann und Morton.) Das Gewicht der Gchirnmaste der Europäer wechselt zwischen 1,425 und 1,245 Grammen, und ergibt ein Mittelgewicht von 1,328 Grammen. — Deutsche Gehirne wiegen 1,425, englische 1,389, französische 1,353, romanische 1,303, das der Zigeuner 1,245. — Bei dem größten Theile der asiatischen Racen ergibt sich eine bedeutende Minderheit des Gewichtes. Das Mittel dort betrügt 1,253 Gramme. Stämme, die das.Hymalaya-Gebirge bewohnen, erreichen das Mittel von 1,304 Gr. Chinesische Gehirne wiegen 1,357 Gramme, also etwas mehr als die französiscche Das der Neger hat im Allgemeinen zwischen 1,313 —1,249 Gramme. Einige Gegenden Südäfrika's bieten merkwürdige Contraste dar. Koffern haben 1,365 Gramm., währcud die Buschmänner nicht das mittlere Gewicht der anderen Neger überschreiten. In Amerika vom Norden angefangen, hatte das Gehirn der Eskimo 1,213 Gramme. Barbarische Stämme haben nur 1,214 Gramme. Bei den Caraiben, den ersten Bewohnern der Antillen, steigt es noch tiefer herab bis auf 1,199 Grammen. Ein amüsantes Experiment aus dem Gebiete der Physik empfiehlt der Pariser „Kosmos." Man deckt nämlich eine ziemlich große Glasglocke voll atmosphärischer Luft auf Wüster und führt langsam einen Strom von mit Wasserstoffgas geschwängerter Luft durchs Wasser in den hohlen Raum. Das Resultat ist nicht eine plötzliche Explosion, sondern eine Reihe leichter Entladungen, welche innerhalb des Glockenraumes Curven beschreiben. Der Effekt ist aber besonders brillant im Dunkeln, weil die aufsteigenden und sich entladenden Gasblascn wie Blitze leuchten-und es aussieht, als habe man eine Glasglocke voll lebendiger Fcucrfliegen. (Farbcnwcchsel der Blumen.) Zu den interessantesten chemischen Veränderungen der Pflanze gehört ohne Zweifel die künstliche Veränderung der Farben der Blumen durch Zuführung gewisser Stoffe in die Wurzeln derselben. Vermengt man mit der Erde, in der sie sitzen, mitHolzkohlen-Pulvcr, so werden die Blumen der Georginen, Rosen, Nelken :c. viel dunkler und gefüllter. — Kohlensaures Natron färbt die Kelche der Hyacinthen roth, Eiscnstaub färbt sie blau und violett; phosphorsaures Natron verändert die Blumcupracht anderer Gartenpflanzen auf die verschiedenste Weise, je nachdem ihre frühere Farbe gewesen. Druck, V-rtag und Redaction dcS Liierarischen Instituts t>on I)r. M. Huttlcr. 21. März 1869 Nro. 12. § Die Staude bringt dem Menschen seine Tbat; Den nächsten Schritt allein thu immer richtig! Die nächste That allein thu immer gut! Das Gute nur zu thun gedenke immer, So meidest du auf bestem Weg das Böse. D. Scheser. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Eine lange Pause entstand; das Antlitz des alten Herrn verfinsterte sich zusehends, und ein tiefer Seufzer entwand sich seiner Brust, als Rudolph geendet hatte. „Höre mich an, mein Sohn," begann er endlich, „nicht länger will ich die Stunde verschieben, um Dir offen zu ,enthüllen, was seit lange mein Herz bedrückt. Rudolph, wenn ich Alles aufbiete, den Glanz unseres Hauses aufrecht zu erhalten, um Dich mit einer reichen Erbin zu vermählen, so treibt mich dazu die Liebe zu Dir, die Sorge um Deine Zukunft." „Meine Zukunft?" — wiederholte der junge Mann erstaunt. „Bin ich nicht reich genug, mein Nater, um, wenn Ihr einst (was Gott noch lange verhüten möge) Euer Auge geschloffen, eine Bkitgift entbehren zu können?" „Nein!" versetzte der Baron herbe. „Bermagst Du nicht mit den Millionen einer Gattin den Schein zu wahren, so bist Du ein Bettler, sobald dies Auge bricht." Rudolph fuhr empor, sein Antlitz war leichenblaß. „Großer Gott," stammelte er, „was soll das heißen?" „Zürne mir nicht, Rudolph," flehte der Baron, „jetzt, da endlich das Wort ausgesprochen, das Jahre lang wie ein drückender Alp auf meiner Seele gelegen, jetzt sollst Du Alles erfahren." „Arm," — murmelte Rudolph, das Haupt in die Hände verbergend, „entsetzlicher Gedanke!" „Schon bei dem Tode meines Vaters," begann der Baron, „waren die Finanzca unseres Hauses zerrüttet. Dennoch aber hoffte ich, den Glanz, den unsere Familie seit Jahren behauptet hatte, aufrecht erhalten zu können; denn Deine Mutter war die einzige Erbin eines alten Oheims, der unv'crmahlt und Millionen reich war; da wollte ei« böser Dämon, daß dieser Greis sich in seine Haushälterin, eine schlaue raffinirte Person — verliebt, und ihr seine Hand reicht nebst seinen Millionen. Wir waren betrogen. Der Gram über dieses Unglück brach Deiner Mutter das Herz. Um Dich wie ein Edelmann zu erziehen, hatte sie ihre Brillanten, ihr ganzes kleines Vermögen geopfert, und wir legten uns ungesehen von der Welt manche kleine Entbehrungen auf, um es Dir an nichts mangeln zu lasten." „Und nennen Sie das Liebe, Vater?' rief Rudolph. „Warum ließet Ihr mich blind dahintaumcln, warum leitetet Ihr mich nicht an, mir die Fähigkeit zu erwerben, selbstständig dazustehen und Euch eine Stütze zu sein?" „Weil Du ein Edelmann bist, mein Sohn," erwiederte Dnroy stolz und das Wort „verdienen" keinen Sinn für uns hat. Und es wird uns auch ferner Nichts ermangeln, wenn Du meinem Rathe folgst. Vergiß Deine phantastischen Träumereien mrd 90 Übe der Wirklichkeit. Was nützt in der jetzigen Zeit des Materialismus die Romantik? Das Gold ist die Losung von Hoch und Gering, darum greif zu, Nudolph, so lang es noch Zeit ist, greife zu, ehe das mühsam gestützte Haus über unseren Häuptern zusammenbricht, und uns unter seinen Trümmern begräbt. Der junge Mann dachte lange sinnend nach. „Und wenn Du mit dem Verkaufe unseres Hauses, unseres Gutes Deine Rückstände decktest, mein Vater," fragte er, „glaubst Du, daß sich so viel erübrigen ließe, Dich wenigstens für die erste Zeit vor dem Mangel zu schützen?" „Welche Gedanken, Nudolph?" rief der Alte erstaunt. „Wie, ich soll mich von meinem Gute trennen, mein Staub soll auf fremden Boden ruhen? Nimmermehr! — Und gesetzt, ich wäre schwach genug, Deinen überspannten Anschauungen Gehör zu geben, was wolltest Du in diesem Falle beginnen?" „Arbeiten!" antwortete Rudolph mit festem Tone. „Nicht umsonst eignete ich mir manches Wissen an, ich halte es weniger für eine Schande, wenn ein Baron Duroy im Bureau eines Advokaten oder im Comptoir eines Kaufmannes seinen Lebensunterhalt' erwirbt, als wenn er sich in den Händen eines notorischen Wucherers weiß." Der Baron erbleichte. „Du wirst nicht zu Lindenau gehen," unterbrach er Ihn heftig. „Ich werde die Wechsel selbst einlösen, sobald es Zeit ist. Nun noch eines — mein Sohn — versprich mir, mir nicht zu zürnen. Was ich that, glaubte ich zu Deinem Besten zu thun, — für Dein Wohl würde ich selbst vor keinem Verbrechen zurückbebcn." Der junge Mann warf sich in die Arme seines Vaters, und die Thränen beider Männer vermischten sich mit einander, einer das Unglück des andern beweinend. Da klopfte es leise an die Thür des Cabinettcs, der Kammerdiener des alten Herru erschien auf der Schwelle. „Der Herr Gerichts-Dircktor Fleischer wünscht den Herrn Baron Leopold von Duroy zu sprechen," meldete er. Der alte Baron ward blaß wie der Tod. „Fleischer?" — stammelte er, „großer Gott, zu dieser Stunde? Hast Du auch recht gehört, Joseph! — Fleischer, Gerichts- Dircktor Fleischer!" „Gcrichts-Direktor Fleischer," bestätigte der Diener, wie es schien, über diesen unerwarteten Besuch erstaunt. Der Alte gab ein Zeichen, den Gemeldeten hereinzuführen, keines Wortes mächtig, sank er in einen Sessel nieder. „Vater," flüsterte Nudolph, nicht minder bleich als er, „was bedeutet Dein Erschrecken? Uebt der Name oder das Amt des Mannes diese furchtbare Wirkung auf Dich aus?" Aber noch ehe der alte Herr erwiedern konnte, öffnete der Kammerdiener ehrerbietig die Flügelthür und Fleischer erschien am Eingänge des Gemaches. Auf seinen Sohn gestützt, schritt Duroy ihm entgegen, ein stummer Wink seiner Hand lud ihn zum Nähertreten ein. Mit scharfem Auge musterte der Direktor die Züge des Greises, dann flog sein Blick zu Rudolph, der ihn bescheiden, aber fest erwiderte. „Sie erwarteten mich nicht zu solch' früher Stunde, Herr Baron," begann Fleischer endlich, „allein die Wichtigkeit der Unterredung, um die ich Sie zu ersuchen komme, — entschuldigt meine Unhöflichkeit. Doch ich sehe, daß ich die Stunde nicht paffend wählte," fuhr er bitter fort, „Sie scheinen nicht ganz disponirt zu sein, vielleicht noch etwas angegriffen von der gestrigen Fastnacht, Herr Baron von Duroy!" „Sie irren, Herr Gerichts-Dircktor, ich befinde mich so wohl, wie sich ein Mann in meinen Jahren nur befinden kaun," erwiderte Duroy. „Wir sind Beide keine Kinder mehr, auch Sie haben gealtert seit —" 91 „Vergangene Zeiten zurückzurufen, ist manchmal schädlich, Herr Baron, zumal wen» sich an diese Zeiten unangenehme Erinnerungen knüpfen. Reden wir von der Gegenwart," — unterbrach ihn der Direktor scharf. „Doch möchte ich Sie bitten, mir einige Augenblicke Gehör ohne Zeugen zu gewähren." Rudolph verließ schweigend das Zimmer, nachdem er einen Blick des Bedauerns auf seinen Vater geworfen hatte. Die beiden Herren saßen stumm in ihren Sesseln einander gegenüber, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. „Robert," flüsterte der Baron endlich, die Arme ausbreitend, — „kommst Du al- Freund oder als Feind?" „Mein Name ist Gerichts - Direktor Fleischer, Herr Baron von Duroy," erwiderte Robert eisig kalt, „Geschäfts- oder Gerichts-Angelegenheiten haben weder mit Freundschaft oder Feindseligkeit das Geringste zu schaffen." „Immer noch der Alte," klagte Duroy, „kannst Du denn nie, niemals vergessen?" „Haben Sie schon einen Mann gekannt, Herr Baron," fragte Fleischer, „der vergessen kann, daß einst ein Elender ihn um das ganze Glück seines Daseins betrog. —> Aber gleichviel, ich bemerke, daß meine Anwesenheit in uns Beiden peinliche Gefühle erregen muß — und will mich daher kurz fassen, um derselben so bald als möglich ei« Ende zu machen." „So gehen wir denn zum Geschäftlichen über," seufzte Baron Leopold, nicht ohne den Ausdruck innerer Angst, „welcher Angelegenheit habe ich Ihre Gegenwart in meinem Hause zu danken?" Der Direktor zog sein Portefeuille aus der Tasche und zog die Wechsel bis auf de» letzten gefälschten hervor. „Sie haben sich in wiederholten Geldverlegenheiten an Lindena« gewandt," sagte er langsam, „und nicht im Stande, Ihre Wechsel zur Verfallzeit einzulösen, suchten Sie um Prolongation derselben nach, die der Wucherer, der einem Baron Duroy nichts abzuschlagen vermochte, auch bereitwillig gewährte. Indessen braucht der Mann selbst sein Geld nothwendig, und da er einerseits von Ihrer Seite nicht auf Bezahlung rechnen durfte, anderseits sich aber auch scheute, gewaltsame Mittel gegen eine« Edelmann zu gebrauchen, so wandte er sich an mich und die fraglichen Wechsel sind jetzt mein Eigenthum." Leopold seufzte tief auf, die düstersten Bilder zogen au seiner Seele vorüber. „Ich benachrichtige Sie, Herr Baron von Duroy," fuhr Fleischer fort, „daß ich stets baares Geld Papieren und Versprechungen vorziehe, und hoffe binnen acht Tagen die Wechsel eingelöst zu sehen, widrigenfalls ich Ihr Haus und Schloß gerichtlich verkaufen lasse." Duroy schien ihn nicht z« hören, sein Auge heftete sich starr und gedankenlos auf den Redenden und seine Arme hingen schlaff zu beiden Seiten der Sessellehne hernieder. „Habe Gnade, Robert," flüsterte der Baron, „ich kann nicht zahlen, mein Gut ist mit Hypotheken belastet, mein Haus verpfändet!" „Eben weil mir dies bekannt ist, — dringe ich auf mein Geld," — erwiderte Fleischer ruhig. „Und wo soll ich enden," — rief Leopold verzweifelt, „wenn Ihr mir die letzte Stätte nehmet?" „Im Zuchthause!" antwortete der Direktor eisig kalt. „Im Zuchthause als Fälscher." Dieser Schlag war zu viel für den Greis, wie eine Maschine glitt er von seinem Sessel herab zu den Füßen seines ehemaligen Freundes. „Robert!" flüsterte er, „tödtc mich, aber entehre mich nicht!" Vielleicht zum ersten Mal seit Jahren bewegte ein Lächeln die ehernen Züge des Direktors. Mit dem Ausdruck des bittersten Hasses blickte er auf den vor ihm Anicendeu nieder. 92 .Schmettert Sie das Wort .Zuchthaus" nieder, Herr Baron?" fragte er, .und doch waren Sie schuld, daß in seinen Räumen ein Wesen endete, das einst gut war wie eine Heilige, und erst sank, als Ihr Treubruch sie in Noth und Verzweiflung stürzte." .Wer? — großer Gott, sprechen Sie von Leonore!" stammelte Duroy vernichtet. .Ja, von Leonore!" donnerte Fleischer, „die Du bübisch um ihre Liebe betrogst, wie Du mich um meine Freundschaft hintergingst. Mitleid, Erbarmen forderst Du? — Gehe hin, zu Menschen, deren Herz weich ist, — unsere Rechnung ist abgeschlossen." „Leonore im Elend," — wiederholte Duroy, „o laß mich sühnen, was ich an ihr begangen!" „Zu spät, sie hat geendet!" entgcgnetc der Direktor, „keine Sühne für Dich mehr, «ls jenseits des Grabes!" Der Baron bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, ein ersticktes Schluchzen entwand sich seiner Brust. Fleischer trat näher, ein Anklang unbewußter Rührung durchzitterte seine Stimme. „Weine!" seufzte er ernst, „wohl, daß Du noch Thränen zu vergießen hast, mein Auge ist trocken und leer, wie der Brunnen, über den der Samum fuhr. Und doch, wie oft habe ich den Tag beweint, wo ich fest an Ihre Freundschaft, an Ihre Treue glaubte. Ich war damals ein armer Student der Rechte. Sie betrachteten die Universität als das Spielzeug eines Edelmannes. Ein Zufall ließ mich Ihnen während des Badens das Leben retten. Sie schwuren mir ewige Dankbarkeit, ich aber ewige Freundschaft — und mein Herz, das darnach dürstete, sich einem anderen Herzen anzuschließen, schaukelte sich auf Ihren Versprechungen, wie der sorglose Nachen auf den Wellen des treulosen Oceans. Wir hatten bald kein Geheimniß vor einander und eines Tages entdeckte ich Ihnen freudetrunken, daß ich liebe und Gegenliebe hoffen dürfe. Das Mädchen meiner Wahl, sie war ein Engel, Herr Baron, aber arm — Beide jung, sahen wir die Zukunft in den heitersten Farben vor unseren Blicken. Da rief mich die Aussicht auf eine Anstellung nach der Hauptstadt. Die Sache verzögerte, Wochen verstrichen, bis ich heimkehrte, glühend mich an die Brust des Freundes, in die Arme der Geliebten zu werfen. Da fand ich Sie an LeonorenS Seite; Sie, Herr Baron, und höhnend zischelte mir das Gerücht entgegen: „Du bist verrathen!" „Wuth und Gram zehrten an meinem Leibe; eine tödtliche Krankheit warf mich Monden lang auf das Schmerzenslager. Ich erstand vom Tode, Dank meiner Jugend- kraft, ein Jüngling an Jahren, ein Greis an Erfahrung und Lebensüberdruß. Ich forschte nach Ihnen, nach Leonoren. Beide waren fort, kein Mensch wußte, wohin Sie sich gewendet. Ich vergrub mich in meine Studien, die Ideale, die einst Freundschaft und Liebe in meinem Herzen eingenommen hatten, füllte jetzt die Arbeit aus. Mein Ruf nahm zu, aber meine Berühmtheit machte mir keine Freude; mein Vermögen vergrößerte sich, aber für wen sollte ich es verwalten? Mein Haar war grau geworden vor der Zeit, und mein Herz alt vor dem Alter. Und doch war die Erinnerung an sie — die ich einst so wahr und innig geliebt, nie aus meiner Seele geschwunden, wie ein Heilig- thum verehrte ich das Andenken Lconorens. Ich lebte allein und zurückgezogen; jeder Genuß des Lebens war mir fremd, bis meine Nichte Angelika nach dem Tode meiner Schwester, die einen reichen Kaufmann geheirathct hatte, in mein Haus zog, und mir gesellschaftliche Pflichten auferlegte. Zu gleicher Zeit berief mich das Vertrauen des Herzogs auf diesen wichtigen Posten, den abzulehnen mir die Ehre verbot. Ich kam hier an, ich hoffte Leonore an Ihrer Seite als Ihre Gattin zu senden; — ich fand sie im Lazareth des Zuchthauses, das ich bei meinem Amtsantritt noch am selben Tage meiner Ankunft iuspicirte. „Ja, Herr Baron von Duroy, im Lazareth des Zuchthauses fand ich das Mädchen, während Sie sich auf seidenen Kiffen wälzten und in toller Verschwendung Ihr Vermögen in prunkenden Festen verpraßten." 93 „Konnte ich das Entsetzliche ahnen?' rief der Baron, „ich hatte ja seit Jahre« keine Kunde von der Unglücklichen." „Freilich," erwiderte Fleischer, „sollte sie demüthig ein Almosen von dem Manne erbetteln, der sie schändlich verrieth? O hätten Sie, wie ich, aus ihrem Munde die Geschichte ihres Jammers vernommen, Sie rauften sich die letzten Haare aus dem Haupte «nd fluchten Ihrem geschändeten Dasein! „Schon nach wenigen Monden, während denen Sie sich mit dem Mädchen in einem Winkel der Schweiz begraben hatten, verließen Sie die Unglückliche unter dem Vorwande, die nöthigen Papiere zur Ehe zu besorgen. Sie wartete lange, Woche auf Woche, — Monat um Monat verstrich. Sie kamen nicht. Da raffte sie sich auf. Zu Fuß durchzog sie die Straßen, bettelnd fristete sie ihr Leben, aber ein starker heiliger Wille trieb sie vorwärts. Endlich laugte sie hier an. Sie klopfte schüchtern an Ihre Wohnung. Sie forschte zitternd nach Ihnen, aber Sie waren fort. Die Diener sprachen von einer großen Reise und wiesen hohnlachend die vermeintliche Bettlerin von der Schwelle. Des Tod im Herzen kehrte sie in ihre Herberge zurück. Todcsgcdanken erfüllten ihre Seele. Aber nein, sie durfte nicht sterben, durfte nicht mit frevelnder Hand ein zweites Leben vernichten, das sie unter dem Herzen regen fühlte. „Aber auch zu ihrer Mutter konnte sie nicht kehren. Der Gram um die Schande Leonorens hatte das Dasein der bejahrten Wittwe rasch geendet und Fluch und Höh» hätte die Tochter in der Heimat erwartet. Da beschloß sie zu arbeiten, — und in ein grobes Gewand gehüllt — mit verändertem Namen — diente sie als Magd bei reichen Bauern der Umgegend. „So verstrichen Jahre. Das Kind, — dem sie nach langen Schmerzen das Leben gegeben hatte, war langsam dahingesiecht. Elend und Noth hatten sein Dasein geendet.- Die Mutter aber ward schwächer und schwächer. Der Mangel zerrüttete ihre geistigen Fähigkeiten, verderblicher Umgang vollendete ihren Fall. So traf ich sie sterbend, im tiefsten Elend, und als ihr brechendes Auge auf mich zum ersten Mal nach Jahren mit aller Liebe, mit dem Ausdruck der tiefsten Neue ruhte, da war's mir, als sei Alles ein Traum gewesen, und für einen flüchtigen Moment zog Jugend und Hoffnung in mein Herz ein. Aber nur einen Moment; dann war es wieder still und leer, die Unglückliche hatte geendet; ein reiches, — blüthenvolles Leben lag geknickt und zerbrochen zu meinen Füßen. Geknickt und zerbrochen durch dich Mann," fuhr er mit steigendem Zorne fort, „wie Du mein Dasein vergiftet hast, und deßhalb trete ich jetzt hin vor Dir als unerbittlicher Richter und donnere Dir in's Ohr: Rache für mich, Rache für Lcouore!" (Fortsetzung folg:.) Bor der rechte« Schmiede. (ÄuL „Alte und Acuc Lsclt.") Folgende Thatsache, welche mir von dem bethciligten Bauern und Wirth Zapp von Movrlautern bei Kaiserslautern wahrheitsgetreu vor Jahren erzählt worden ist, verdient bekannt zu werden. Zapp erzählte sie mir in seiner biederen Westlicher Art wie folgt: Als nach dem „Durcheinander" vom Jahr 1849 die vielen Bayern in Läutern lagen, da kamen eines Sonntags von der Stadt aus eine Masse Soldaten. Viele hatten ihre „Bekanntschaften" bei sich, Einer auch eine Esther, ein Anderer eine „Vigelin." — Sie kehrten in meiner Wirthschaft ei», gingen in meinen Tauzsaal und machten sich mit ihren Mädelcheu mit Gesang und Tanz eine ganz anständige Sonntags-Plaistr. Gegen Abend bekamen's Einige in den Kopf und wollten Streit anfangen. Sie wurden aber bei Zeiten von den anderen entfernt. Nun liefen diese aus Neid und Zorn nach der 94 Stadt und zeigten dem Commandanten dort an, eS wär' Schlägerei bei mir unter de» Soldaten. Der schickte nun gleich eine starke „Patroille" und ließ die lustigen Gäste aufheben. Das wär' nun, wenn's auch auf falschen Bericht hin geschehen, für die Leute doch zu verschmerzen gewesen, denn sie hatten ihr Vergnügen gehabt und wären so wie so heimgegangen. Einige Tage darauf aber wurde mir vom Land-Commissär in Lauter» zugeschickt, daß ich wegen „unerlaubter militärischer Tanz-Unterhaltung, verbunden mit Cither, Vigelin und Rauferei" auf drei Jahre lang keinen „Spielzettel" mehr bekäme, und so wurde es auch gehalten. Das war für mich sehr hart, denn erst kurz vorher hatte ich mir einen kleinen kostspieligen Tanzsaal bauen lasten, den ich nun gar nicht benutzen durste. Ich ließ mir wohl für gutes Geld verschiedene Bittschriften an's Amt und an die Regierung machen, aber immer wurde mir der „Spielzettel" rundweg abgeschlagen. Da gab mir ein guter Freund, der Deputirte Hack aus Läutern, den Rath: Zapp, sagt' er, der König Ludwig ist jetzt wieder in der Pfalz, zu dem ging' ich an deiner Stell! Du erzählst ihm die ganze Sach', wie sie sich zugetragen hat, und wirst sehen, du kommst zu deinem Recht. — Das Ding ging mir ein paar Tag' im Kopf herum, endlich hab' ich mich entschlossen, — und machte mich auf den Weg nach dem Schloß Ludwigshöhe. Meinen Leut' aber verbot ich's, zu sagen, wo ich hin wär': Wenn's nichts nützt, dacht ich, soll dich doch auch Keiner auslachen. Mit der Eisenbahn geht's rasch vom Fleck und so war ich schon bei Zeit Morgens in Edenkoben. Ich kehrte im „Schaf" ein und erkundigte mich bei der „Wirths-Mamscll," die allein im Zimmer war, ob ich zum „König Ludwig Majestät" auf seinem Schloß droben kommen könnt', ich hätt' eine Bittschrift für ihn u. s. w. Wie ich nun so im Gespräch mit der Mamsell war, da kamen drei vornehme Herren in das Zimmer; ich hielt sie für geistliche Herren. — Dem Einen „pisperte" die Mamsell etwas, was ich nicht verstehen konnte, aber sie guckte mich dabei so „schattig" an, daß ich's merken konnte, sie spräche von mir. Da kam der Herr zu mir und redete mich gar freundlich an, woher ich käme und was ich hier z« schaffen hält'. Einmal angefangen, mußte ich ihm die ganze Sach' erzählen. Der Herr und seine „Kameraden" lachten an einem Stück, sie machten miv aber Muth und sagten, ich solle dem „.König Ludwig Majestät" nur Alles ungcnirt grad' so erzählen, wie ihnen, dann ging's gewiß gut. — Die Herren aßen dann noch ein wenig und gingen dann wieder fort, und ich machte mich bald nachher auch auf den Weg nach dem Schloß. — Als ich droben ankam und klingelte, da machte man mir das Thor so weit auf, daß man mit einem Hcuwagen hineingekonnt hätt', und führte mich in ein großes, schönes Zimmer zu einem „militärischen Herrn". Ich hätt' geschworen, es wär' der nämliche Herr, der mir d'runten so freundlich zugesprochen, aber in den militärischen Kleidern war er doch wieder anders. Ich machte ihm mein „Kümblement" und fragte ihn, wie ich ihn dann eigentlich „titteliren" sollt', General oder Adjutant? (So was hatt' mir das Mädel d'runten beim Fortgehen gesagt.) Sagen Sie nur Adjutant, sagt' er. Ich sag' ihm: Herr Adjutant! Sind Sie so gut und rufen mir den „König Ludwig Majestät" eiu Bischen heraus. Ich komme weit her und hab' „schlimme Affaire," und wollt' ihm nun die ganze Sach' erzählen, und ihn um ein gut Wort bitten beim alten Ludwig; da sagte er: Ihre Sach' ist mir nicht unbekannt; warten Sie hier, bis ich Sie rufe, und ließ mich allein. Bald hör' ich in der „Nebenstub" ein „Lachen und Kichern" von Manns- und Wcibsstimmen durcheinander. Die habcn's gewiß mit dir, dacht' ich, und wissen nicht, wie dir's ist. Ueber einmal ward's ruhig. Der Herr Adjutant kam heraus und winkte mir, und als ich zu ihm kam, drückte er mich grad' zur Thür hinein in die andere Stube. Ich stand vor'm König Ludwig Majestät! Vor 30 Jahren hatt' ich ihn gesehen, wie er mit seiner Frau im Rheinkreis auf'm „Einsiedet" zwischen Läutern und Landstuhl war. Ich hätt' ihn aber nimmer gekannt, er ist seitdem sehr alt geworden, aber doch noch „gerascht." Ich wölk' ihm 95 nun meine Bittschrift hinreichen, aber er führte mich auf ein „Kanncbctt" (Sopha), setzte sich neben mich und sagte: Erzählen, lieber Freund, erzählen! Ich sagte: Lieber König Ludwig Majestät! Ich hab' schlimme Affaire! Wegen einem Bischen militärischer Tanz- Unterhaltung mit einer unschuldigen Cither bekomme ich seit Jahren keinen Spielzcttel mehr — und nun erzählte ich ihm aus „freiem Herzen" Alles, wie's gegangen ist. — Der gute liebe alte Herr lachte manchmal laut auf, dann sagte er, wie ich fertig war: Da hättet Ihr Euch sollen eine Schrift machen lasten an die Regierung! Ich sagte: Lieber König Ludwig Majestät, das hab' ich Alles gethan; aber da verklagt man den Teufel bei seiner Großmutter. Auf dieses Wort hin hat der König den Bauch gehalten und gelacht, und ich mußte es ihm noch einmal sagen. Nach einem Weilchen sagte er: Ja, guter Freund, ich kann da nichts machen; ich bin ja nicht mehr König. Ihr habt mich ja nicht mehr gewollt. — Glauben Sie das bei Leibe nicht, König Ludwig Majestät, sagt' ich: Wenn Sie mich gefragt hätten, hätten Sie das „Regent" nicht niedergelegt. Glaub's Euch, glaub's Euch; sagte der König, und ich fuhr fort: Misten Sie, König Ludwig Majestät, wenn Sie auch im „Vorbehalt" sitzen, es hat doch noch Kraft, was Sie sagen. Er lachte herzlich und sagte: Nun, Freund, — wir wollcn's dann 'mal probiren. Jetzt gehen Sie zu Ihrem Land - Commiffär nach Kaiserslautern zurück und sagen ihm einen schönen Gruß von mir, und er möge Ihnen einen „Spielzcttel" ausfertigen lasten. Herr von Predl kennt mich und wird mir wohl den Gefallen thun. — Das wär' so weit recht, König Ludwig Majestät, sagt' ich, aber mit dem hab' ich schon so viel „Zorcs" gehabt, der glaubt mir's am End' nicht — wenn Sie so gütig wären, und gäbcten mir's ein Bischen schriftlich. Der gute alte Herr lachte herzlich und sagte: Braucht's nicht, wird auch so gehen. Wenn nicht, so kommt Ihr wieder oder laßt mir durch Eueren Schullehrcr schreiben, so wollen wir sehen, wie wir's dann anpacken. Nun gab mir der „gute alte Ludwig" noch 's Geleit bis au die Hausthür, und sagte mir so herzlich Adieu, wie mir's mein Lcbtag Keiner meines Gleichen gethan hat. — Jetzt hast du einen Hinterhalt, dacht' ich, ging in's „Schaf" herunter, bezahlte meine Zeche und schnurstracks nach Lauteru zum Land-Commistär. Es war an einem Dienstag und gerade Frachtmarkt. Ich klopf' an. Herein! — Was hat denn der Zapp schon wieder? Hab's Euch doch schon so oft gesagt, mit dem Mustkhalten in Moorlautern geht's nicht! — Ich sagte: Doch! Herr Land-Commistär. Einen schönen Gruß vom König Ludwig Majestät, und Sie mögten so gut sein, und mir einen Spickzettel schreiben. Der König sagt, er kenne Sie ganz gut und Sie dürften ihm schon auch mal einen Gefallen thun. Wenn Sie aber nicht wollten, — so soll ich ihm ein Paar Zeilen schreiben, dann würde Er's anders anpacken. — Zapp, seid Ihr närrisch geworden, sagte der Land-Commistär, und es kam mir vor, als wollt' er es nicht recht glauben, daß ich beim „alten Ludwig" gewesen. Ich mußte ihm Alles haarklein erzählen. Darauf sagt' er: Zapp, Ihr habt Eure Sach' gar nicht schlecht gemacht. Sagt Euerm Bürgermeister Klein, er solle Euch den Spielzettcl ohne Weiteres ausstellen. Wenn der's aber nicht thut? frag' ich. — Dann kommt Ihr zu mir, sagt' er; er wird's aber schon thun! Adieu, Herr Land-Commistär, sagt' ich und ging herunter nach der Fruchthallc. Dort begegnete mir der Bürgermeister. Nun? frug er, wie ist dir's gegangen beim König? Deine Herrschaft hat ein End', sagt ich; du hast mich lang genug gedrückt. Jetzt schreibst du mir — der Commistär hat's befohlen, „auf der Stell" einen Spiel- Zettel! Er muß schon „Wind" von der Sach' gehabt haben, denn er nahm — „aus freien Stucken" — ein Blättchen Papier aus seiner Brieftasche und schrieb in der Halle auf einem Fruchtsack die Worte darauf: „Zapp kann den nächsten Sonntag Kirchweih- Musik halten." Nun erst war ich meiner Sach' ganz sicher und traf alle Anstalt«« zu unserer Kirchweih, die die schönste in meinem ganzen Leben geworden ist. D'rum sag' ich immer, wcuu Einer ciue gerechte Sach' hat, dann nur gleich „vor die rechte Schmied'." 96 Don den Bewohner« des Meeres. * Unter dem Titel: Seltsame Strandungen, schreibt man nnS aus London: Während der letzten Stürme sind eine große Menge „Portugiesischer Kriegsschiffe* an der Küste von Lancashire „gestrandet," in den meisten Fällen, ohne sich viel Schaden zu thun. Es sind dies die von den Seeleuten unter jenem Spitznamen gemeinten Physaliä, eine Moluskenart aus der Familie Hydropea. Sie besteht aus einem Windbalg, von welchem zahlreiche Zöpfe, gleichsam als Ballast, herabhängen; jeder dieser Zöpfe mit einem versteckten Stachel versehen, der im Zorn vorgeschnellt werden kann, und — während kleinere Geschöpfe dadurch sofort getödtet werden — auch dem Menschen höchst schmerzhafte Verletzungen beibringt. Dieses kleine Ungcthüm bewegt sich in stillem Wasser nur in der Weise fort, daß es fortwährend kopfüber schießt, wenn überhaupt bei demselben von einem Kopfe die Nede sein kann. Die Physaliä sind sonst der Laune des Windes und des Wellenschlages hüls- und stcuerlos preisgegeben, sollen aber einen starken Gcsellig- keits-Jnstinkt besitzen, in Folge dessen sie im stillen Ocean und in den wärmeren Breiten- Graden des atlantischen Oceans in zahlreichen Gruppen angetroffen werden. Sie sind so leicht und zart, daß der letzte Sturm im irischen Kanal sie wie große Flocken an's Ufer wehte — als äußerst seltene Gäste an britischem Gestade. Ihre Farbe ist sehr schön. Der Windsack, dessen atmosphärischen Inhalt das Thier weder vermehren noch vermindern kann, blaß-grün mit indigoblauem Schimmer an der Oberfläche, über welche, einem erhabenen Rückgrat gleich, ein gezackter Kamm läuft, dessen Spitzen tief carmoisin gefärbt sind. Die Zöpfe oder Füße hängen vom unteren Körperthcil herab und sind theilweise dunkelblau vermischt mit blaugrün oder auch von glänzendem Gelb an den Enden. Der „Stachel" ist in spiralförmiger Zelle cingehülset, ungefähr nach der Manier des — Zündnadcl-Gewehrs, wie ein englisches Blatt das Ding beschreibt. Herr Moore, der Custos des freien öffentlichen Museums in Liverpool, — macht auf diesen Besuch besonders aufmerksam, um daraus Ausschlüsse über manche Geheimnisse in der Richtung der Meeresströmungen zu schöpfen. M i s c c l l e n. (Frauenlist.) Auf der Burg Hohcnschwangau befindet sich unter Anderen ei« Gemälde, welches den Herzog Ludwig, Sohn des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach — darstellt, wie er zu Füßen der schönen Böhmin Ludmilla um Liebe fleht. Dies Bild stützt sich auf eine merkwürdige historische Thatsache aus dem Jahre 1203. Die kluge Frau (sie war die Wittwe Adalberts von Bogen) ließ nämlich drei Ritter auf eine spanische Wand malen, und als nun eines Tages der Herzog wieder zu ihren Füßen kniete und um Erhörung flehte, sagte sie: er solle ihr vor den drei Rittern die Ehe versprechen. Ludwig glaubte sich vor drei gemalten Männern keine besondere Verpflichtung aufzuerlegen und leistete das Versprechen. Da plötzlich traten drei lebendige Ritter hinter der spanischen Wand hervor, welche als Zeugen seines Ehcvcrsprechens galten. Wüthend entfernte sich der Herzog, nach einem Jahre aber kam er doch und löste sein Versprechen ein. (Das erste Fiasko.) Das Dresdener Journal erzählt als Entstchungsnrsache des Wortes „Fiasco" folgenden Vorfall: „Ein Deutscher sah einst einem italienische« Glasbläser zu und meinte, was sich so leicht ansähe, müsse Jeder, also auch er, können. Er sing denn auch an zu blasen, aber das Erste, was er herausbrachte, war eine birnförmige Hohlform, ein Fläschchen (liäsco), der zweite Versuch ergab wieder ein solches Fläschchcn, und so machte er mit steigendem Verdruß noch manches „Fiasco", und in dieser Art soll, wie mau meint, die noch heute gebräuchliche Redensart ihren Ursprung genommen haben. Druck, Verlag und Redaction des itNcrarischcn Justin,» von Ur. M. Hultlcr. Nro. 13 28. März 1869. Augsburgs? Ein wahrhaft gottesfücchtiges Gemüth sieht überall Gottes Finger Aufmerksamkeit auf seine Winke und Fügungen. und ist in steter Novalis. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Der Baron warf einen wilden Blick um sich, seine Hände bohrten sich krampfhaft in die Seite feines Herzens. „Und gibt es kein Mittel, — der Schande zu entgehen; kein Mittel, die Zukunft meines Rudolph vor Schmach zu bewahren?" „So lieben Sie Ähren Sohn wirklich?" fragte der Direktor, sich sichtbar an der Angst seines ehemaligen Freundes weidend. „Mehr als mein Leben!" — rief der Baron feurig. Das Auge Fleischers blitzte höher auf. „Hören Sie mich an," sagte er nach einer Pause. „Es gibt einen Ausweg für Sie, der Schande zu entgehen, aber dieser Ausweg wird zugleich für Sie ein nagender Stachel des VorwurfS Ihrer Schuld sein, wenn Sie, — was ich glaube, wirklich Ihren Sohn lieben. Meine dächte Angelika liebt Rudolph; — binnen zwei Monaten muß sie vermählt sein, oder der Wechsel wandert in daS Criminalgericht." „Rudolph Ähre Nichte heirathcn?" — rief der Baron entsetzt. „Ein Jüngling ein Mädchen, daS sich den Vierzigern nähert? Niemals wird er sich dazu verstehen!" „Auch nicht um seines Vaters Schande zu decken?" fragte der Direktor ruhig. — „Und einem Vater nmthcn Sie ein solches Ansinnen zu?" rief Leopold glühend. „Entehren Sie mich, bringen Sie mich in's Zuchthaus, aber verlangen Sie nichts Unmögliches von einem Vater." „Ich will jetzt keine Antwort," bemerkte Fleischer. „Ich gestehe, daß diese Sache Uebcrlcgung erfordert. Halten Sie Rath mit Ihren eigenen Gedanken, erforschen Sie die Meinung Ihres Sohnes. Ich stelle Ihnen frei, ihm Ihre Schande zu entdecken! Morgen Vormittag erwarte ich Sie bei mir. Bis dahin auf Wiedersehen, Herr Baron von Duroy!" „Und gibt es keinen anderen Ausweg?" — fragte Leopold, sich wie im Fieber in seinem Sessel windend, ohne die Kraft zu finden, sich zu erheben, „keine andere Rettung, als dieses furchtbare Mittel?" „Sie beleidigen mich," — entgegncte Fleischer, „indem Sie diese Verbindung zu knüpfen als eine furchtbare Aufgabe für Sie betrachten. Freilich hat Angelika kein Geschlechts - Register auszuweisen, keinen Stammbaum, der wie vielleicht der Ähre, sich in jenen Carl des Großen verliert, aber die Äctztwelt gibt für einen Thaler baar den Stand von zwölf Vergangenheiten hin, und Angelika besitzt eine Million, freilich auch sieben und dreißig Jahre," fügte er ironisch hinzu. Die Seele des alten Herrn schien ein plötzlicher Entschluß zu durchblitzen. Die Blässe seiner Wangen machte einer hohen Nöthe Platz. Mit Festigkeit erhob er sich. — „Es sei," nahm er das Wort. „Der Kampf mit Ihnen ist zu ungleich, ich nehme die von Ihnen gestellten Bedingungen an. Morgen Vormittag erwarten Sie mich, — ich bringe Ihnen Entscheidung!" 98 Der Direktor faßte ihn scharf in'S Auge. „Sie werden Ihr Wort halten, deß bin ich gewiß," sagte er langsam, — „denn von einem Gedanken der Flucht kann nicht die Ncde sein, wenn Sie sich nicht bis zum Aeußersten compromittiren wollen. Von dem Augenblick an, wo ich Ihr Schloß verlasse, ist jeder Ihrer Schritte bewacht. Also auf Wiedersehen morgen Vormittag!" Und ohne den Gegengruß des Barons abzuwarten, der auch wohl schwerlich erfolgt wäre, verließ,der Direktor festen Schrittes Zimmer und Wohnung seines Feindes. Die kurze Unterredung der beiden ehemaligen freunde hatte bewirkt, was nun bald siebzig langen Jahren nicht gelungen war — Baron Leopold war in diesen Augenblicken wirklich zum Greise geworden Seine Hände zitterten und die Augen lagen tief eingefallen in ihren Höhlen. So zerstört ein rauher Nord in einer einzigen Nacht die letzte Rose des Sommers, die der Gärtner mühsam vor jedem Einfluß zu schützen versucht hat. „Leonore!" murmelte er vor sich hin, „vergib mir, was ich an Dir gethan, — flehe am Throne deS ewigen Richters, daß er von mir nehme die entsetzliche Schuld meines Lebens." Nach diesem kurzen Gebet suchte er seine Kräfte zu sammeln, um Rudolph auf die Kunde vorzubereiten, die der Direktor ihm aufgetragen hatte — vergebens —> die Erinnerung an seine Schuld lähmte die Kräfte seines Geistes — wohin er blickte, sah er sich bedroht, entehrt in der Gewalt eines unerbittlichen Feindes. In diesem Zustand halber Betäubung traf ihn Rudolph, der leise das Cabinet seines Vaters wieder betrat. Er crschrack über die furchtbare Veränderung, die die wenigen Minuten des Alleinseins mit dem fremden Manne im Antlitz des BaronS hervorgebracht hallen. Der Alte schien ihn nicht zu bemerken. Seine zusammengepreßten Lippen murmelten unartikulirte Laute vor sich hin. Erst die Anrede Rudolphs schreckte ihn empor. „Um Gottes willen, was ist geschehen?" fragte der junge Mann angstvoll, „antworte, mein Vater, welche entsetzliche Kunde brachte Dir jener Mann, dessen Auge kalt und forschend auf mich ruhte, als wolle er die geheimsten Winkel meiner Seele erspähen. Fürchte nicht, mir Alles zu enthüllen und sollte es mein eigenes Dasein betreffen, ich bin auf Alles gefaßt." „Wohl denn. ES betrifft Dein Dasein, Rudolph!" - brachte der Alte mühsam hervor. „Dein Schicksal ward in diesem Augenblick abgewogen und ich muß hilflos und verzweifelnd am Ufer stehen, ohne Dir Rettung bringen zu können, während Dich die Wellen des empörten Oceans begraben." „Ich errathe, was Sie mir zu sagen haben, mein Vater, und Sie sehen, daß ich vollkommen ruhig bin. Der Gerichts - Direktor glaubte es Ihrer Stellung schuldig zu sein, Sie benachrichtigen zu müssen, daß Ihre Gläubiger Zahlung verlangen und unser Gut versteigert wird?" „Schlimmer als das!" seufzte der Vater, „der Direktor Fleischer ist im Besitze der Wechsel und mein ganzes Vermögen; ein CrösuS selbst könnte mit seinem Gelde seinen Ansprüchen nicht genügen!" „Was verlangt er?" rief Rudolph, „welche Forderung stellte er an Dich? — Welchen Preis bestimmt er für die Rettung Deiner Ehre?" „Welchen Preis?" — wiederholte der alte Baron tonlos. „Dich selber!" Rudolph wich erstaunt zurück. „Mich. Vater?" fragte er, „reden Sie im Fieber? WaS habe ich mit dem GerichtS-Dircktor Fleischer zu schaffen?" „Rudolph, ein Mittel gibt es, Deinen Vater vor mehr als Armuth, Deinen Vater vor der Schande zu retten. Frage nichts, forsche nichts, Robert — Fleischer hat dieselbe Macht über mich wie der Dämon über die Seele, die sich ihm verkaufte. Und diese- Mittel —" Er stockte in seiner Rede, die Worte fehlten ihm, den Inhalt der Nachricht seinem Sohne mitzutheilen. „Dieses Mittel?" — drängte Rudolph. „Deine Hcirath mit Angelika, seiner Nichte!" flüsterte Duroy kaum vernehmbar. DaS Blut stieg dem jungen Manne in die Wangen. „Träume ich," — rief er, „oder ist es die Wirklichkeit, daß Sie, mein Vater, dem ich so eben die heiligsten Gefühle meines Herzens geoffenbart, mir zumuthen können, einer Frau meine Hand zu reichen, die beinahe meine Mutter sein könnte? Nimmermehr!" „Ich wußte wohl, daß es so kommen würde," — seufzte Baron Leopold mit dem Ausdruck der Verzweiflung. „Und wenn ich wirklich Thor genug wäre," — fuhr Nudolph fort, „auf dieses Ansinnen einzugehen, glauben Sie, daß Angelika jemals in diese Verbindung, die sie wie mich selber zur Zielscheibe des Hohnes von Stadt und Land macht, willigen würde?" „Sie wird es," unterbrach ihn sein Vater, „denn sie liebt Dich." Rudolph bedeckte sein Antlitz — wie ein Chaos von Gedanken stürmte cS auf ihn ein und drohte seine Brust zu sprengen. Aber bald faßte er sich — er fuhr sich wiederholt über die Stirn und athmete tief auf, als wolle er den Alp abwälzen, der sich zentnerschwer auf seine Brust gelagert hatte. Dann zog er einen Sessel neben dem seines Vaters, und sagte in herzlichem Tone: „Laßt uns vernünftig reden, mein Vater, wie eS Männern zukommt, die sich nicht von Einflüssen des Augenblicks darniederbcugen lasten. Ihr Verhältniß zu Fleischer ist mir nicht klar. Hat jener Mann die Macht, Ihnen das Vermögen zu rauben, dessen Erhaltung die höchste Sorge Ihres Lebens war?" Der Alte nickte stumm. „So sorget nichts," fuhr Rudolph fort. „Auch ohne mich schimpflichen Bedingungen Preis zu geben, werde ich im schlimmsten Falle Ihre letzten Tage vor jedem Mangel zu schützen misten. Ich bin jung und rüstig, und —" „Umsonst, umsonst!" --- unterbrach ihn der Vater, „das Verlangen jenes Mannes ist unwiderruflich." Rudolph erglühte. „Wie, mein Vater," — rief er, „und um Ihr Vermögen zu retten, willigen Sie in das Ansinnen eines Mannes, der einen Gatten für seine verwelkte Nichte erlangen will? Um Ihren Egoismus zu befriedigen, verkaufen Sie das LebenS- glück Ihres Sohnes?" Noch hatte der junge Mann diese Worte nicht beendet, als der Baron sich erhob und sich zu den Füßen seines Sohnes warf. „Rudolph," flüsterte er, „so wie ich jetzt zu Deinen Füßen, so lag ich auf meine» Knien vor jenem entsetzlichen Manne und flehte um Gnade für Dich. Umsonst, es hilft kein Weigern, Du mußt mich retten, denn vernimm das entsetzliche Geheimniß, — jener Mann har nicht allein die Macht, um mein Vermögen zu rauben, er ist auch im Besitz meiner Ehre." „Großer Gott," — schrie der Jüngling entsetzt auf, „ist es Wahrheit, mein Vater ein Verbrecher?" „Gnade, Rudolph!" flehte Duroy noch immer auf seinen Knien, „ich bin schuldloser, als Du denkst, aber er ist unerbittlich, entweder Du vermählst Dich mit Angelika, oder Dein Vater wandert in's Zuchthaus!" Eine Todtcnblässe hatte sich auf Nudolph'S Zügen gelagert. Seine Lippen bebte» wie im Fieber und seine Stimme klang rauh und heiser. „Stehen Sie auf, mein Herr," — sagte er endlich mit gebrochener Stimme, den Alten erhebend und zu seinem Sessel führend. „Der Sohn verlangt ein offenes Bekenntniß von seinem Vater." Aber der Alte vermochte nichts zu erwidern, die furchtbaren Auftritte hatten seine Kräfte erschöpft. Eine tiefe Ohnmacht bemächtigte sich der Sinne des Greises und leblos trugen ihn die Diener auf sein Lager, während Rudolph starr und unbeweglich an seiner 100 Seite saß, das Auge auf ihn geheftet und auf den Athem lauschend, der schwach und kaum vernehmbar sich seiner Brust entwand. Wer weiß, ob er nicht in diesem Augenblick den Todesengel willkommen geheißen hätte — der sanft und ruhig ein Dasein geendet haben würde, ehe die Schande es zu bedecken Zeit gehabt. Der Tag war verstrichen, auf's Neue hatte sich die Sonne erhoben über die Menschen mit ihren Wünschen und Träumen, mit ihrem Hangen und Bangen. Wie viel der Freude, wie viel des Schmerzes haben diese wenigen Stunden nicht aus dem Rad des Schicksals auf die Erdenbcwohner herniedergescnkt, wie viel entstand nicht nnd verging zwischen gestern und heute — aber unbewegt und ehern wie das Schicksal selber, ziehn Tag und Jahr und Decennicn an uns vorbei — wir Menschen aber, dem Wechsel unterworfen, bezeichnen Unglücks- und Freudentage, das Fatum, das seit Jahren über unsere Häupter schwebte, wenigen Stunden zuschreibend. Es war gegen Abend, die Fenster des einfach ausgestalteten Balkonzimmers im Hause des Direktors waren weit geöffnet, um die milde, erquickende Abendluft ungehindert in's Zimmer dringen zu lasten. Die Bäume schimmerten röthlich, von der ganzen Strahlcnkraft der scheidenden Sonnenkugel bestrahlt, wie die Braut, die in banger Sehn- ucht den Geliebten erwartet, und die Vögel in den Zweigen sangen melodisch ihr Nachtlied. Ab und zu hallte ein Glockenton vom Thurm der Stadt durch die Stille, fast wie ein heiliges Gefühl überkam es einem und unwillkürlich faltete man die Hände, als wolle man mitbetcn den Abenddank der einschlummernden Natur. Auf dem Divan, in tiefem Gespräch begriffen, finden wir den Direktor und Angelika. Das Antlitz des stillen Mädchens war bleich und trug die Spuren zahlreich vergossener Thränen. „Du sollst Deinen Willen haben," fuhr Fleischer fort, „Deine Cousine möge denn kommen, obgleich dies jetzt eigentlich meinen Wünschen zuwider, — jedoch nicht eher bis Deine Verlobung mit Rudolph proklamirt ist. Du magst sie dann später sogar ganz zu Dir nehmen, wenn Deine Eifersucht sich nicht bei einer so gefährlichen Concurrcnz in's Spiel mischt." „Sie bestehen also noch immer auf dieser Verbindung, Oheim, die meine Qual sein wird, haben kein Mitleid mit dem Herzen der Tochter Ihrer Schwester." „Es steht Dir ja frei, „Nein" zu sagen," erwiderte der Direktor kalt. „Einen ungeliebten Gemahl Dir aufzudringen, sei ferne von mir. Aber — wenn Du Rudolph von Duroy nicht liebst, so kann Dir ja auch gleich sein, wenn sein Name mit Schmach bedeckt in nächster Session vor den Schranken der Assiscn ertönt." „Bald wird der Augenblick da sein," fuhr er fort, nach seiner Uhr sehend — „wo Vater und Sohn sich einstellen werden; — wie mir Duroy schreibt, der sich für diesen Morgen mit einem Unwohlsein, das nicht singirt ist, wie ich aus sicherer Quelle weiß, entschuldigt. Ich werde Dich mit Rudolph allein lassen, nach den Andeutungen seines Vaters ist ihm das Verbrechen desselben nicht bekannt. Um so mehr Ehre für Dich, wenn Du ihn zu gewinnen weißt. Willigt er ein, so erhält er, sobald Eure Trauung beendet, jenen verhängnißvollen Wechsel seines VaterS aus Deiner Hand — ist Eure Unterredung ohne entscheidendes Resultat, so kennst Du meinen Entschluß. Jetzt geh' und kleide Dich an, den Besuch zu empfangen — ich bedarf einige Augenblicke der Sammlung." Angelika entfernte sich, sie wußte, daß es umsonst war, zu diesem steinernen Herzen zu reden. Mit großen Schritten ging Fleischer auf und nieder. „Und ist dieses wirklich eine so furchtbare Rache," sprach er halblaut vor sich hin, „die ich an diesem Manne begehe? Sollte dieser Rudolph wirklich im Stande sein können, sich an eine ältere Frau zu gewöhnen und vielleicht gar meine Rache dem Alten zum Segen gereichen! Und wenn es wäre," fuhr er fort, „hat Leopold nicht Minuten 101 der Todesangst erduldet, wand er sich nicht von Neue gefoltert zu meinen Füßen? Und gab es nicht einen Moment, wo mich fast die Rührung beschlichen hätte, da ich auf ihn blickte und mich des Freundes der Jugend erinnerte. Wie ein verklungcnes Mährchcn aus fernen Zeiten taucht es vor meiner Seele auf, und ein milder Engel schien hernieder zu steigen und flüsterte mir in's Ohr: Vergib, so wird dir vergeben!" Er blieb in der Mitte des Gemaches stehen, die Hände auf die Brust gepreßt. — Seine ehernen Züge hatten einen weicheren Ausdruck angenommen und in Gedanken versunken, horchte er der fernen Abendglocke, die in leisen Schwingungen verhallte. Da erhob es sich Plötzlich wie ein verdunkelnder Schatten vor dem geöffneten Fenster. Ein bleiches Frauenantlitz, abgezehrt von Noth und Elend, auf dem die Hand des Todes mit entstellendem Griffel geschrieben, blickte wie ein mahnendes Gespenst in das Zimmer. Nur einen Augenblick währte die Erscheinung des Phantoms, aber dieser Moment war hinreichend, die alle Gcistcsstärke anf's Neue in ihm zu stählen. „Mahne mich nicht, Geist der Geliebten!" flüsterte er, „du sollst zufrieden sein." In diesem Augenblick rollte ein Wagen in mäßigem Galopp daher; vor dem Hause des Direktors hielt er an, und auf den Arm seines Sohnes gestützt, entstieg Baron Leopold dem Innern desselben, Vater und Sohn völlig in Schwarz, ohne jeden äußeren Schmuck gekleidet. Der beauftragte Diener des Gerichts - Direktors führte die Gäste desselben in das Balkon-Zimmer, wo Fleischer die Herren empfing. Mit cercmonieller Artigkeit wies er ihnen Sessel an; dann zog er die Glocke und befahl, seine Nichte von der Ankunft der Fremden zu benachrichtigen. Das Benehmen Rudolphs, in dessen Antlitz die Eindrücke der verflossenen Stunden sichtbare Spuren zurückgelassen hatten, war im höchsten Grade zurückhaltend, und eine sichtliche Furcht malte sich in seinen Zügen, wenn er genöthigt war, das Wort an seinen Vater zu wenden, der schwach und erschöpft in seinem Sessel lag. Jetzt öffnete sich die Thür und Angelika erschien im Zimmer. Ein hohes, weitreichendes Kleid von schwarzer Seide, das von keinem farbigen Bande geziert war, umschloß ihre feine Gestalt, und ihr ganzer Schmuck bestand in einem Kreuz weißer Perlen von seltener Größe, das an ihrer Brust befestigt war. Ihre Augen leicht geröthet von vergossenen Thränen, hatten sich schüchtern zu Boden gesenkt und vermieden, den Blicken Rudolphs zu begegnen. Der Direktor erhob sich. „Ich ersuche Sie, — mir in mein Cabinet folgen zu wollen, Herr Baron," sagte er. „Meine Nichte Angelika wird den jungen Herrn bis zu unserer Rückkehr zu unterhalten suchen. Mich drängt es, Ihnen sämmtliche Papiere unserer Angelegenheit vorzulegen und sie von Ihnen als richtig anerkennen zu lasten." Der alte Herr folgte der Aufforderung. Er folgte dem Direktor, nachdem er einen flehenden Blick auf seinen Sohn geworfen hatte. Eine Pause drückendster Verlegenheit entstand im Balkon-Zimmer nach dem Fortgang der beiden alten Herren. Keines der Zurückbleibenden hatte den Muth, den Bann zu brechen, der wie ein Alp auf ihrer Brust lag. (Fortsetzung folgt.) Ein chinesisches Sprichwort sagt: Vier Dinge verlangen wir von den Frauen: es throne die Tugend in ihrem Herzen, Bescheidenheit spiegele sich in ihrem Auge, — Süßigkeit fließe von ihren Lippen und Geschäftigkeit bewege ihre Hände. Einem jungen arroganten Mann, der sich in Gesellschaft rühmte, daß sein Vater, Onkel und Bruder Recensenten gewesen, wurde von einem der Anwesenden erwiedert: Deßwegen sind Sie auch wahrscheinlich so unter der Kritik erzogen. 102 Die Inauguration des Präsidenten Grant. * Washington, 4. März. Gestern fand hier die Inauguration des neuen Präsidenten, Generals Graut, unter den herkömmlichen Feierlichkeiten statt. Der Tag brach trübe herein, und schon in frühester Morgenstunde siel der Regen in Strömen nieder. Der Senat war bis 5 Uhr Morgens versammelt geblieben, und hatte sich dann bis 10 Uhr vertagt. Zu dieser Stunde wurden die Thüren geöffnet, und die 1200 Personen, welche so glücklich gewesen, Einlaß-Karten zu erlangen, füllten rasch die Gallerten. Im Saale waren Sitze reservirt für das diplomatische Corps, für distinguirte Offiziere der Armee und Flotte, unter denen General Sherman und Admiral Farragut die Hervorragendste» waren, und für einige bemcrkcnswerthe Civilisten, darunter die Herren John L. Motley und A. T. Stewart, die Bischöfe Ames und Simpson, und General Grant'S Vater, Herr Jesse Grant, ein ehrwürdiger Greis mit langem, bis auf die Brust reichenden Silbcrbart. Das diplomatische Corps, in seinen goldgestickten Gala-Uniformen, erregte viel Sensation, hauptsächlich unter den starren Republikanern aus dem Westen, die nie zuvor einem solchen Schauspiel beigewohnt hatten. Die Gesandten der fremden Mächte waren alle mit ihren Attache's und Secretären erschienen. In der Diplomaten- Gallcrie saßen in reichster Toilette Mrs. Grant mit ihren Kindern; Mrs. Colfax, die Gemahlin des Vice-Präsidentcn; Mrs. Thornton, die Gemahlin des britischen Gesandten, MrS. Ward, und ein anmuthigcr Damenflor. Wenige Minuten vor 12 Uhr betraten die Richter des Obcr-Bundes-Gerichts, Ober-Richter Chase an der Spitze, die legislative Kammer und nahmen die für sie bestimmten Sitze mit vieler Förmlichkeit ein. Immer lauter wurde das summende Geräusch der von außen nahenden Prozession, in welcher der neue Präsident nach dem Capital zog. Sie war über eine englische Meile lang und von brillantem militärischen und Civil-Pomp begleitet. Die Musik von unzähligen Banden und die Chöre aus 10,000 Kehlen fanden noch ihr Echo in dem Saale, als eine Seitenthür sich öffnete, und General Grant mit Herrn Calfax Schuyler, begleitet von zwei Senatoren, eintraten. Der Präsident, welcher einen schwarzen Anzug trug, und dessen kleine, zierlich geformten Hände mit hellgelben Handschuhen bekleidet waren, wurde zu einem Stuhle geleitet, auf welchem er eine Zeit laug bewegungslos, ernst und tief versunken saß. Herr Colfax trat vor den Tisch des Senats-Präsidenten und leistete den Eid als Vice - Präsident der Vereinigten Staaten und Präsident des Senats. Herr Wade erklärte hierauf den vierzigsten Congreß für erloschen; der neue Vice - Präsident übernahm den Vorsitz, vereidigte die ncugewühlten Senatoren und erklärte die Sitzungen des einund vierzigsten Congresses für eröffnet. Und nun entwickelte sich das große Ereigniß des Tages. „Der Senat wird sich nach dem Haupt-Portal des Capitol's begeben, um der Inauguration des Präsidenten der Vereinigten Staaten beizuwohnen," — verkündete der Vice - Präsident Colfax. Eine Scene wilder Unordnung und Confusion folgte diesen Worten. Alles drängte, um einen guten Platz im Haupt-Portal zu erobern. Dort stand — der Regen hatte aufgehört und die Märzsonnc schaute freundlich darein — der neue Präsident vor dem Ober-Richter Chase und schwor mit erhobener Hand, das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreu zu verwalten, und nach besten Kräften die Constitution des Landes zu bewahren, beschirmen und zu vertheidigen. Als die letzten Worte des Eides gesprochen waren, erscholl eine Artilleric-Salve, und die unübersehbare Volksmenge mischte ihren donnernden Applaus darein. Dann trat Präsident Grant vor und verlas mit weithin schallender Stimme seine Antritts - Rede, die bald darauf der Telegraph mit Windeseile nach allen Welt-Zonen trug. Herr Johnson, der Ex-Präsident, weigerte sich bis zum letzten Augenblicke an den Jnaugurations-Feicrlichkeiten Theil zu nehmen. Als die Equipage am Weißen Hause hielt, um ihn nach dem Capital zu bringen, schützte er Unpäßlichkeit vor, und begab sich hierauf mit seiner Familie in die Wohnung eines Freundes, wo er bis zu seiner Abreise nach Tenessce zu verweilen gedenkt. 103 Eine Postschein - Geschichte. „So!" sagte der Postdiener, indem er in den Laden deS Colonialwaarcn-HändlerS N. in Cbg. trat, und zwei Postpakete auf den Tisch legte, „die machen zusammen 39 kr., und dann bekomme ich noch 2 kr. für das Paket, das Sie gestern wieder holen ließen." „Wieder holen ließen?" erwiederte fragend Herr R. „Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen." „Nun, Sie haben ja," erwiederte in aller Gcmülhsruhc der Postdiencr, „das Geld« Paket, das Sie gestern zur Post gaben, wieder zurückholen lasten, und da kostet es eben, weil es schon eingeschrieben war, 2 kr. Gebühr." Herr R. hatte am Abend zuvor durch einen seiner beiden Lehrlinge ein Geldpaket zur Post geben lasten und einen Postschein dasür genommen. Von einem Zurückholen des Pakets wußte er keine Silbe. Er rief seinen Lehrling Franz herbei. „Franz!" sagte er, „Sie haben gestern das Geldpaket zur Post getragen; nahmen Sie einen Schein dafür?" — „Ja!" — „Wo ist er?" — „Im Fache." — „Bitte, bringen Sie ihn." Franz lief eiligst an's Brieffach, sucht den betreffenden Postschein und — findet ihn nicht. Der Principal stutzte. — „Hm," ich weiß doch, daß ich ihn hierher gelegt habe, oben d'rauf, auf die andern, das kann ich beschwören," sagte Franz in einiger Aufre« gung. — Seinem Principal kam die Sache doch etwas bedenklich vor; er suchte selbst nach dem Schein, und da er ihn ebenfalls nicht fand, bedeutete er dem Lehrling kurz, ihm auf die Post zu folgen. Sie gingen. Beide mochten sich auf dem Wege dahin mit gar sonderbaren Gedanken tragen; das sah man ihren ernsten Mienen wohl an. Herr R. erfuhr nun von dem Postbeamten, daß gestern Abend, bald nachdem das Paket aufgegeben gewesen war, ein junger Mensch erschienen sei, der den Postschein vorgelegt und erklärt habe, er müsse das Paket wieder zurückholen, da so eben ein Brief von Seite des Adressaten eingelaufen sei, demzufolge dem Paket noch etwas beigeschlossen werden müsse. Darauf habe er, der Postbeamte, das Paket gegen Rückgabe des ScheinS wieder ausgefolgt. „Hier ist der Schein," fügte der Postbeamte hinzu. Herr N. hörte mit wachsendem Erstaunen diese Erklärung an und fragte dann, ob der mitgebrachte Lehrling Franz derjenige sei, der das Paket wieder geholt habe. „Nein," erwiederte der Beamte: „dieser hat es zwar gebracht, aber geholt hat es ein Anderer." Franz athmete hoch auf. Herr R. ging nun nach Hause und nahm jetzt seinen zweiten Lehrling, Karl, in'S Verhör, der heute außergewöhnlich spät aufgestanden war und etwas verlebt aussah. — Karl stellte sich sehr verwundert und sehr beleidigt ob der Fragen, die sein Principal an ihn richtete, und erklärte auf das Bestimmteste, ganz und gar nichts von der Angelegen» heit zu wissen. Also blieb nichts anderes übrig, als auch ihn auf die Post zu bringen, wohin er nur mit Widerstreben folgte. Hier wurde er von dem Postbeamten sofort als Derjenige erkannt, der das Paket unter dem oben angeführten Vorwande wieder abgeholt hatte. Nun war die Geschichte klar. Karl hatte den Postschcin entwendet, um des Geld« Paketes habhaft werden zu können. Dasselbe enthielt 340 fl. in baar. Der Dieb war nun erwischt, das Geld aber noch nicht, denn er läugnete Alles. Eine Durchsuchung seiner Taschen und Effekten führte nicht zu dem gchofften Ergebniß; er mußte somit den Raub irgendwo versteckt haben. Vorläufig erhielt er nun Zimmerarrest, da Herr R. die Sache nicht vor Gericht bringen, sondern mit Karl's Eltern auf dem Verglcichswcge abmachen wollte. Die inzwischen angestellten Erkundigungen lauteten dahin, daß Karl sofort nach der That (eS war Sonntags) mit seinem Freunde, einem Barbier-Gehilfen, in ein außerhalb der Stadt gelegenes Wirthshaus ging und daselbst bis Nachts 2 Uhr die Welt in Champagner hoch leben ließ. Der Wirth — jedenfalls ein Ehrenmann — half mit 104 seiner ganzen Familie strebsamst mit, und das schäumende Getränk floß buchstäblich in Strömen. Ein Theil des Geldes war also bereits verpraßt. Inzwischen war Karls Vater angekommen, um die Sache zu ordnen. Man ging auf des jungen Mannes Zimmer, aber siehe da — der Vogel war ansgeflogen. Er hatte sich über das Dach des Hinterhauses in ein benachbartes Haus geflüchtet, und eilte von da, wie man später erfuhr, auf den Bahnhof. Die Geschichte ließ sich nun nicht mehr geheim halten; die Polizei nahm die Sache in die Hand — und ein Paar Tage darauf erwischte sie das lockere Bürschlein in Straßburg. Von dem Gelde fanden sich aber nur noch circa 200 fl. bei ihm vor. — Es folgte nun die gerichtliche Untersuchung und der jugendliche Verbrecher wurde zu sechs Monaten Arbeitshaus verurtheilt. Moral: „Postscheine sind Werthpapiere, man halte sie unter Verschluß." Miseellen. (Der Dienstbotenmarkt in Bnchsweilcr.) Wer kennt nicht die beliebte Flotow'sche Oper „Martha" und die darin vorkommende Scene des eigenthümlichen Dienstbotenmarktes zu Richmond unter freiem Himmel? Unter Denjenigen jedoch, welche mit Wohlgefallen dem schäckernd herausfordernden Gesang jenes schnellzüngigen Mädchen- Chors folgen, finden sich vielleicht Manche, welche kaum vermuthen, daß jener seltsame Gebrauch, ein altes Ueberkommniß des Mittclaltcrs, noch in etlichen anderen Gegenden Europas bis zur Stunde besteht. So soll derselbe noch in Lausanne, in einzelnen Städtchen des Bcrner-Cantons, und hier und da in Schweden vorkommen. In der Bretagne, im Departement IIIs ä<; Vilaiiw, findet ein ähnlicher Markt am St. Pcterstage statt. — Auch im Elsaß hat sich diese Sitte noch in einer einzelnen Ortschaft erhalten, und zwar in Bnchsweilcr, einem Städtchen unweit Zabern, am Fuße des WaSgan'S. — Am 27. Dezember, dem Tage St. Johannis des Evangelisten, kommen alle Knechte und Mägde aus der ganzen Umgegend, die sich wieder verdingen wollen, in dem Städtchen zusammen, stellen sich an beiden Seiten des Büchleins auf, die Knechte an der einen, die Mägde an der anderen Seite, und lassen sich öffentlich von ihren Herrschaften dingen. Sowohl Diejenigen, welche in einem anderen Hause Dienst nehmen, als Diejenigen, welche bei ihrer alten Herrschaft bleiben wollen, begeben sich dahin. Nachdem man über die Bedingungen des Dienstes und des Lohnes einig geworden, erhalten sie, nebst dem Gottespfcnnig (Handgeld), Wein und Braten und die Erlaubniß, jetzt gleich am Viehmarkte — so nennen sie ihn selbst — und am Maimarkte, in Bnchsweilcr tanzen zu dürfen. Diese Sitte, welche aus den Zeiten der hananischen Regierung stammt, ist so tief eingewurzelt, daß kein Dienstbote aus den umliegenden Banerndörfcrn seine Stelle antritt, es sei denn, daß er zuvor auf dem Viehmarkte angeworben worden. * Bei Hurst und Blau kett in London ist ein Buch erschienen, betitelt: „Lucrezia Borgia" —^„Ducheß of Ferrara", eine Biographie, erläutert mit seltenen und noch unverösfentlichcn Documenten, von William Gilbert. Von Documenten, meist Briefschaften, haben dem Verfasser 339 Exemplare vorgelegen, welche sich in den Händen verschiedener Privatpersonen und in Bibliotheken Italiens vorfinden. Gilbert schreibt wie Lessing hier eine mit Documenten belegte „Rettung", und citirt Zeugnisse dafür, daß die in der Geschichte Gebrandmarkte eine gottesfürchtige Wohlthäterin der Armen und das Musterbild von Gerechtigkeit in ihrem Staate gewesen sei. Man habe sie unschuldiger Weise die Sünden der übrigen verworfenen Mitglieder der Familie Borgia entgelten lassen. Die berüchtigte Orgie vor ihrer Vermählung mit Alphonso d'Este sei ein Phantasiebild, nichts mehr. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von vr. M. Huttler. Izrn. 14. 4. April 1869. Bleib' auf dem Weg, den du dir vorgenommen, Kebr' nie zurück zur Unbeständigkeit! So wirst du sicher immer weiter kommen, Zuletzt zum Ziele der Glückseligkeit. Max Stägmeyr. Die Entsagenden. (Fortsetzung) Aber mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes blickte Angelika verstohlen auf die verstörten Zuge des jungen Mannes, dessen Lebensglück durch sie vernichtet werden sollte, und dennoch fühlte sie im Innern, daß sie den Jüngling niemals mehr geliebt hatte — als eben jetzt. Wie mit magnetischer Kraft zog es sie zu ihm, und indem sie aufrichtig genug gegen sich selber war, das Loos seiner Zukunft zu beklagen, jubelte es doch in ihr wie mit tausend Frcudenstimmen: „Er ist Dein!" Aber ein Anfang mußte gemache werden, die Zeit verstrich — und mit Schrecken erinnerte sie sich der Drohung ihres Oheims, im Fall die Unterredung ohne das ge- , wünschte Resultat bleiben würde. Sie näherte sich leise dem Sessel Nudolphs und mit sanfter, melodisch tönender Stimme fragte sie: „Sie sind so bleich, Herr Baron, so angegriffen. Befehlen Sie nicht eine Kleinigkeit zur Stärkung?" Der junge Mann dankte durch eine Handbcwegung, sein Mund, blieb stumm. „Herr Baron!" fuhr Angelika mit zunehmender Angst fort, „zürnen Sie meinem Oheim nicht, er ist hart — aber gerecht. O, glauben Sie mir, ich bedauere Sie vom Grunde meines Herzens." Ein Lächeln des Zweifels überflog für einen Moment das Antlitz Nudolphs, aber er blieb schweigsam wiel vorhin. Das Mädchen zitterte, ihre mühsam erkünstelte Fassung drohte zu schwinden. „Herr Baron," sprach sie, „ich muß Ihnen lächerlich, — egoistisch, fast wahnwitzig erscheinen, aber bei dem ewigen Gott, der in das Mcnschenhcrz blickt, Ihre Verachtung verdiene ich nicht!" Der Ton, mit dem Angelika diese Worte sprach, war so eindringend, ihre Stimme so melodisch, daß Nudolph zum ersten Mal das Auge zu ihr erhob. Die Aufregung der verflossenen Stunden hatten dem Mädchen geschadet, denn in einem gewissen Alter wirken — namentlich bei dem weiblichen Geschlecht — starke Ncrvcneindrücke schädlich auf das Acußcre ein. So auch bei Angelika. Ihre Wangen waren eingefallen und bleich, ihr Auge von Thränen geröthet und die Spur einer Falte schlängclte sich vcrräthcrisch «m den Winkel des Mir. >-es. „Ich verachte Sie n.ast, mein Fräulein," erwiderte der junge Baron in bitterem Tone, „im Gegentheil, ich bewundere Sie und erstaune über die Energie, mit der Sie geheime Pläne und Absichten mit dem Mantel der Justiz und der Nothwendigkeit zu verbergen wissen." „Sie thuen mir wehe, Herr Baron," erwiderte Angelika sanft und würdig, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß nie der entwürdigende Gedanke einer Intrigue mein Herz 106 --schlich. Was geschah, was kommen wird, ist das Werk meines Oheims und seinem Willen muß ich mich beugen." „Also Ihr Oheim wünscht, daß ich Ihnen meine Hand reiche?" fragte Rudolph ironisch. „Sie selber sind dieser unpassenden Verbindung natürlich abgeneigt; ich bin Ihnen gleich — Sie behandeln mich als Kind — o, ich sehe, wir werden uns herrlich verständigen!" „Rudolph!" flüsterte ängstlich das Mädchen, „Sie todten mich durch Ihre Ironie — Rudolph, noch nie hat eine Lüge meine Seele befleckt. Haffen Sie mich — so muß ich Ihnen denn gestehen, daß ich Sie liebe, glühend liebe, mit erster, nie geweckter Leiden- schüft, und daß Sie mein Alles sind auf Erden, in Ihnen meine Seligkeit ruht im Jenseits. Aber," fuhr sie fort, „diese Liebe sollte geheim bleiben, ich wollte sie mit mir iu's stille Grab nehmen. Das Schicksal zwang mich, meinem Oheim die Gefühle meines Herzens zu entdecken, und —" „Und diese Gelegenheit war günstig, die späte Leidenschaft seiner Nichte zu befriedigen — wer weiß, ob sich die Gelegenheit jemals wieder so gut geboten hätte, denn ein Gemahl für gewisse Alter, zumal wenn er Jugend und Titel besitzen soll, findet sich nicht immer am Markte." Das war zu Viel für das Herz Angclika's. Mit einem Schmcrzenslaut sank sie auf ihre Knie. „Vater im Himmel!" rief sie mit leidenschaftlicher Stimme, „sei Du Richter zwischen mir und diesem Manne. Künde du, daß um seinetwillen ich Hohn und Verachtung auf mich lade, und daß ich zu sterben bereit bin, — könnte ich durch meinen Tod seine Zukunft wandeln!" „Angelika!" rief Rudolph auf das Tiefste von dem Ausdruck der Wahrheit, der in den Worten des Mädchens lag, ergriffen, „ich war ein Elender, ein Fieberwahn umstrickte mich, daß ich wagen konnte, mich gegen Sie zu vergessen." Angelika erhob sich, Rudolph ergriff ihre Hand und führte sie zu dem Divan, er selbst nahm auf einen daneben stehenden Sessel Platz. „Lasten Sie mich offen zu Ihnen reden, wie ein Freund, wie ein Bruder," begann er. „Ich will nicht von dem Eindruck sprechen, den unsere Verbindung weit über die Mauern unserer Stadt hinaus hervorrufen würde, will die Deutungen verschweigen, die man dieser Verbindung, sowohl mich als Sie betreffend, unterlegen könnte — ich will von uns selber reden, die Hauptpersonen dieses Drama's. ^Die kindliche Pflicht heißt mich Ihnen meine Hand zu reichen, hinge der Ruin meines Vaters von meiner Weigerung ab, ich hätte sie längst ausgesprochen, da aber seine Schande "davon abhängt, da wage ich nicht selber zu entscheiden und stelle Sie auf als Richter!» zwischen meiner Pflicht und meinem Herzen. Mein Vater verschwieg mir jenes unselige Geheimniß, durch welche Macht Ihr Oheim sich zum Herrn unserer Ehre aufgeworfen? Den ohnedies gebrochenen Greis nicht zu erschüttern, drang ich nicht härter in ihn. Aber hier an dieser Stelle erkläre ich feierlich, niemals mich dem Willen Anderer zu fügen, niemals meine Freiheit zu verkaufen, ehe mir klar geworden, um welchen Preis dies geschieht." „Sie betrachten unsere Verbindung als ein Opfer — o Sie haben Recht," unterbrach ihn Angelika schmerzlich. „Aber fügen Sie sich dem ehernen Gebot des Schicksals. Rudolph! reißen Sie nicht mit frevelnder Hand den Schleier herab, der das Geheimniß verbirgt, o glauben Sie mir, besser ist es, blind wandeln unter den Fügungen des Zufalls, als ohnmächtig sich aufbäumen gegen den Willen des Verhängnisses." „So möge kommen, was da wolle," rief der Baron aufstehend. „Wir sehen u«S niemals wieder." „Bleiben Sie," flehte Angelika, „o wüßten sie, welche Qualen der Hölle mir diese Stunde gebracht. Erfahren Sie denn das unselige Geheimniß. Ein Wechsel, den Ihr 107 Datei einem Wucherer als Pfand auf ein Darlehen einhändigte, — befindet sich in d« Händen meines Oheims und dieser Wechsel —" Sie konnte nicht weiter reden, ihre Stimme stockte und ihre Zunge versagte den Dienst. „Dieser Wechsel" — wiederholte Rudolph kaum vernehmbar. „Dieser Wechsel ist gefälscht!" Ein einziger Schrei entwand sich der Brust des jungen Mannes, um ihn lag die ganze Größe seines Unglücks. Er taumelte wie vom Schwindel befallen zurück, und vernichtet sank er auf seinen Sessel nieder. Angelika beugte sich über ihn und über die kalte Stirn des jungen Mannes, die kalter Schweiß bedeckte, floß eine heiße Thräne. „Nudolph," flüsterte sie, „und wärest Du arm wie ein Bettler, wärest Du selber entehrt und geschändet, ich würde Alles — Alles vergessen, denn ich liebe Dich." „Mich lieben?" rief Nudolph wild und seine Augen brannten wie im Feuer — „o Angelika, bemitleiden Sie mich, denn ich bin elender, wenn ich mich meiner Härte von vorhin gegen Sie erinnere, als jetzt in meinem tiefsten Elend!" „Angelika!" fuhr er fort, die Hand des Mädchens erfassend, „ist eS wahrhaft Ihr Wille, mir — dem Sohne eines Verbrechers — Ihre Hand zu reichen?" „So wahr Gott in mein Herz blickt und die Gefühle kennt, die ich für Sie hege!* erwiderte das Mädchen feierlich. „Und können Sie mir schwören, daß die Schande meines Vaters unentdeckt bleib« wird, wenn ich mich seinem Willen füge?" „Ich schwöre es Ihnen. Am Tage unserer Trauung überliefere ich Ihnen nach den Worten meines Oheims, jenes verhängnißvolle Papier," antwortete Angelika. „O hätte ich die Macht, Ihren Namen zu retten, ohne Sie zu jenem Opfer zu zwingen!* - „Angelika," unterbrach sie Nudolph, „ich bin es jetzt nicht mehr, der ein Opfer zu bringen hat, auf meinen Knieen flehe ich Sie an, mich nicht zurückzuweisen. Denn Angelika, ich bin Ihnen Offenheit schuldig und das Schlimmste möge über mich hereinbrechen, eher sterben, — als Sie mit Täuschungen hintergehen. „Darf ich offen z« Ihnen reden?" „Reden Sie!" hauchte Angelika. „Haben Sie bedacht, welche Zukunft Ihnen an meiner Seite bevorsteht, wenn e» sich doch von selbst versteht, daß Sie nie über meine Vernachlässigung zu klagen hab« werden. Haben Sie den Unterschied der Jahre bedacht?" „Alles," unterbrach ihn Angelika — „Alles habe ich bedacht. Wir haben genug der Thränen für die Gegenwart, warum schon die Zukunft beweinen?" „Und nun lasten Sie mich Ihnen das letzte gestehen," fuhr Rudolph bebend fork^ „frei und offen wie es dem Manne ziemt. Angelika, ich würde verzweifeln müssen, wenn Sie jetzt meine Hand zurückstoßen würden; aber mit dieser Hand, die ich Ihnen weihe, die ich Ihnen anbiete als ein Pfand treuer unverbrüchlicher Freundschaft, weihe ich Ihnen nicht mehr mein Herz — denn ich liebe, Angelika, und diese Liebe wird nie in meinem Busen erlöschen, da sie hoffnungslos ist. Jetzt wissen Sie Alles." Eine tiefe Stille entstand im Gemach »ach dem Gcständniß des jungen Mannes. Man sah deutlich das heftige Wogen des Busens Angclika'S, hörte den schweren Athem» der sich der Brust Rudolph's entwand. Dieser nahm jetzt auf'S Neue das Wort. „Nicht wahr, Angelika," flüsterte er, „Sie weigern sich, meine Gattin zu heiß«? O Sie haben Recht, denn Ihre Seele, so edel sie sei, ist eine Frauensccle und ander» handeln, hieße sich über Ihr Geschlecht erheben wollen." „Sie irren, Nudolph," erwiderte Angelika, „Sie haben gehandelt wie ein Man» »on Ehre und ich danke Ihnen aus dem tiefsten Grunde meines Herzens. Lassen Sir 108 mich immerhin Sie lieben, mein Freund; schmückt nicht der Hindu seinen Gott mit de« köstlichsten seiner Habe, und dieser Gott weiß nichts von ihm; zürnt die Sonne dem Sterblichen, der sie segnet? Und doch spendet sie über Tugend und Laster ihre Strahlen! Betrachten Sie mich als Ihre Freundin, Nudolph, als Ihre Schwester, aber Ihr eigene» Wohl erheischt, daß ich dem Willen meines Oheims folge. Unsere Verlobung verwerfen, hieße das Schicksal Ihres Vaters — Ihr eigenes Schicksal besiegeln." „So sei es denn!" — murmelte der junge Mann. „So halte ich, Baron Nudolph von Duroy, hiermit feierlichst um Zhrc Hand an," sagte er halblaut, als erschrecke er vor dem Klang seiner eigenen Worte, „und verspreche Ihnen ein treuer Gatte zu sein, bei dem Andenken des Heiligsten, das in meinem Herzen thront." „Ich nehme Ihren Schwur an, Herr Baron," entgcgnete Angelika unter Thränen. „Möge der allwaltende Gott uns Beiden gnädig sein!" Da tönten Stimmen auf der Flur, die Thür des Gemaches ward aufgerissen, und die alten Herren traten ein. Baron Leopold blickte mit dem Ausdruck unverkennbarer Angst auf Nudolph, während das Auge des Direktors seine Nichte suchte, deren geröthete Wangen, deren unter Thränen strahlendes Auge ihm den Ausgang der Unterredung verkündete. „Ich sehe, Sie sind einig," wandte er sich an die Verlobten, „ich bewundere Sie, Herr Baron Nudolph! Indessen sind noch einige Bedingungen, denen Sie sich zu unterwerfen haben, an diese Verbindung geknüpft." „Sie finden mich zu Allem bereit," erwiderte der Baron ruhig — „selbst das Unwürdigste zu ertragen, dünkt mir jetzt leicht, — da ich die Schande unseres Namens vernommen." „Nudolph!" rief sein Vater mit erstickter Stimme, „großer Gott, Du weißt Alles!" Der junge Mann entgegncte: „O Vater, — hättest Du mich umkommen lasten in Noth und Elend, ehe ich diese Kunde vernehmen mußte. Sprechen Sie," wandte er sich an Fleischer, „was verlangen Sie noch von mir?" Der Direktor wies auf seine Nichte. „Du hast ohne Zweifel nach der Wirthschaft zu sehen, Angelika," sagte er, „ich hörte das Zimmer-Mädchen nach Dir fragen." Schweigend entfernte sich Angelika, der Direktor wartete, bis ihre Schritte verhallt waren. Dann setzte er ein Schreibzeug auf den Tisch und — ein weißes Blatt Papier niederlegend, sprach er zu Nudolph in fast befehlendem Tone: „Schreiben Sie, ich werde diktirenl" Der junge Mann fuhr empor, aber ein Blick auf die gebrochene Gestalt seine» Vaters ließ ihn verstummen. Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich auf den Sessel niedersinken und ergriff die Feder: „Hiermit," begann der Direktor zu diktiren, „erkläre ich Endes-Untcrschriebencr, auf meine Ehre, daß mich allein die reinsten Beweggründe leiten, da ich um die Hand meiner nun geliebten Braut Angelika Fleischer anhalte und meine Wahl frei von jedem Zwang oder Egoismus ist. Um Letzteres zu beweisen, um öffentlich dem Ausdruck der Verehrung und innigen Liebe, die ich für Fräulein Angelika seit langer Zeit empfunden, und der sie nur nach langem Weigern, gerührt durch meine Verzweiflung, nachgab — erkläre ich ferner: Daß ich jedem Anspruch auf die Verwaltung des Vermögens meiner zukünftigen Gattin — Angelika Fleischer — entsage und sie im Vollbesitze desselben laste. Sollte sie, was Gott verhüte» möge, mir durch den Tod entrissen werden und keine Kinder vorhanden sein, s« fällt das Capital an die Cousine meiner Gattin, Angelika Fleischer, im anderen Falle bleibt es volles Eigenthum der Letzteren. Nudolph von Duroy." Mit zitternder Hand war Nudolph den Worten des Direktors gefolgt; mehrere Male hatte es in ihm gezuckt, die Feder niederzulegen, aber sogleich war er in seiner 109 Beschäftigung fortgefahren, denn er fühlte instinktmäßig die flehenden Blicke seines Vater- auf sich ruhen. Fleischer nahm die Schrift auf, und nachdem er sie sorgsam durchleseu hatte, steckte er sie zu sich. „Angelika wird von dieser Schrift, die ich bei dem Gerichte dcponiren werde, Nichtwissen," sagte Fleischer. „Ihrer Meinung nach behält sie das Recht der Verfügung über ihr Kapital und wird es ohne Zweifel Ihnen zuwenden. Indessen trösten Sie sich, Herr Baron," fuhr er fort, „Sie misten, welches Brautgeschenk Ihnen Angelika überreicht, sobald die Trauung vollendet; ich hoffe, die Rettung der Ehre Ihres Vaters wird Ihnen die Million Ihrer Gattin reichlich ersetzen." (Fortsetzung folgt.) Was lange wäbrt, wird endlich qut; D'rum sei beherzt und faste Muth! Es kann schon noch was Rechtes werden, D'rum verzweifle nicht auf Erden- M. Stägmayr. § Zur Erinnerung an Ludwig van Beethoven. Am 26. März war der 42ste Todestag des Tondichters Ludwig van Beethoven. DaS städtische Orchester in Augsburg feierte (am 27. März) diesen Tag in würdigster Weise durch ein Concert, bei welchem unter Leitung des Herrn Kapellmeisters Schlctterer nur Becthoven'schc Compositionen aufgeführt wurden. Bei dieser Gelegenheit wurde unS von befreundeter Hand ein Exemplar der Einladungs-Kartcn zum Leichcn-Begäugniß des verewigten Heroen der Tonkunst (er starb bekanntlich in Wien) mitgetheilt, deren Copie wir nachstehend wiedergeben: Einladung i» Leiehen -Begängnis?, welches am 29. Mär; »in 3 Uhr Nrchmittae« Statt finde» wird. Man versammelt sich in der Wohnung des Verstorbenen, im Schwarz» spanierhause Nro. 200, am Glacis vor dem Schotten-Thore. Der Zug begibt sich von da nach der Drcifaltigkcits. Kirche bei den k. ?. Minoritcn in der Alscrgaste. Die musikalische Welt erlitt den unersetzlichen Verlust des berühmten Tondichters am 26. März 1827, Abends gegen 6 lthr. Beethoven starb an den Folgen der Wassersucht, im 56, Jahre seines Alters, nach empfangenen heil. Sakramenten. Der Tag der lrxequien wird nachträglich bekannt gemacht von L. »an Brrthovcn's Verehrern und Freunden. (Diese Karte wird in Tob. Haslingers Mustkhandlong vertheilt.) Bedruckt bet Anten Ctraus. 110 Chinesische Begräbnisse in Californien. * Ein chinesisches Begräbniß in Sän Francisco ist ein seltsames Schauspiel. Ein besonderer Begräbniß-Platz, der Uerba-Buena-Kirchhof genannt, ist ben Angehörigen dc» himmlischen Reichs angewiesen.. Wenn die Leiche nach dem Grabe getragen wird, streut ein feierlich blickendes Individuum kleine Papierstrcifen, die auf beiden Seiten mit weisen Sprüchen des Confucius beschrieben sind, umher, und an der Thürschwelle des Hauses, wo der Verstorbene gewohnt hat, werden rothe Papierschnitzcl mit ähnlichen Inschriften geschüttet. Auf das Grab wird ein gebratenes Huhn, eine Quantität Reis und eine Flasche chinesischen Weines gelegt, — und nach beendeter Ceremonie entfernen sich die Trauernden, ohne einen Blick rückwärts zu werfen. Diesen Begräbnissen Pflegt aber außer den Chinesen eine Classe von Leuten beizuwohnen, die ein bischen aufgeklärter denken, als jene. Eine Anzahl amerikanischer Rowdie's, die sich in der Nähe des Grabes verborgen hielten, stürzt sich, sobald die Leidtragenden den Kirchhof verlassen haben, — auf die zurückgelassenen Eßbarkeiten und Getränke, und vertilgt dieselben an Ort und Stelle in größter Gemüthsruhe. Hat die Leiche mehrere Monate im Grabe gelegen, so werden die Knochen derselben ausgegrabcn, gewaschen und sorgfältig mit einer Bürste gereinigt, in kleine Bündel zusammengebunden, zierlich mit Etiqueltcs versehen, dann in einen zinnernen Sarg gelegt und einem chinesischen Handlungshause, das dafür verantwortlich gemacht wird, zur Aufbewahrung übergeben. Wenn eine genügende Anzahl der interessanten Mcmentos angesammelt ist, wird «in Schiff gemiethet und die Särge mit ihrem Inhalt nach Shanghai, Canton oder Hongkong expedirt. Jüngst verließ ein solches Schiff mit 400 todten Chinesen befrachtet, den Hafen von Sän Francisco. Der Suez-Canal. * Obwohl es für einen Euphemismus gelten muß, schon jetzt von einer erfolgten «Eröffnung des Sucz-Canals" reden zu wollen, so hat doch die neuliche Oeffnung de» Dammes, welcher die den Arbeiten nachrückenden Gewässer des Mittclmeeres von den sogenannten „bitteren Seen" oder Lagunen trennte und durchstochen wurde, ihre höchste Bedeutung. Wie die „Times" mittheilt, sei eine Distanz von 59englische Meilen beendet, und es verbleiben nur noch 14'/, englische Meilen, welche die Wasser vom rothen Meere trennen, und auch auf dieser Strecke sei die Ausgrabung des Canals der Beendigung nahe. Die „Times" ist der Ansicht, daß die nur langsam vor sich gehende Fällung der „bitteren Lagunen," bis deren Wasserspiegel demjenigen des Mittelmeere» gleich sein würde, noch Monate in Anspruch nehmen werde, aber daß man den ursprünglich für die Beendigung festgesetzten Termin, die zweite Hälfte dieses Jahres, wohl werde innehalten können. Der Canal hat eine volle Breite von 100 Meters vom Mittelmeere bis zu jenen unweit des rothen Meeres gelegenen Binnen - Gewässern. Die Geschichte erwähnt, daß schon der erste Napoleon als General Bonaparte bei seinem Fcldzuge in Egypten die Idee der Stechung des Suez-Canals mit sich herumgetragen und sogar schon eine geometrische Aufnahme des Territoriums anordnete. Das Resultat war, daß die Ingenieure berichteten, das Niveau des rothen McercS sei um 30 Fuß höher, als da» mittelländische, eine Angabe, die 70 Jahre lang unangefochten geblieben, bis 1840 eine neue Untersuchung Zweifel an der Richtigkeit jenes Gutachtens begründete, und 1847 stellten englische und französische Ingenieure eine neue Untersuchung an, die Linant Bey einige Jahre später vervollständigen ließ. Man gewöhnte sich daran, die Sache für ausführbar zu halten, und zur Zeit des KrimmkriegeS, als Frankreichs Einfluß im Orient am größcstcn, wurde der Vicckönig Said Pascha bewogen, Ferdinand de Leffep« 111 die Concession zur Anlage des Canals zu verleihen. Dessen Name werde für alle Zeiten unter die größten Pioniere praktischer Wissenschaft gezählt werden und der Suez- Canal werde unter die Weltwunder zählen. So weit reicht der Panegyrikus der „Times." Sie erinnert jedoch daran, daß zur Zeit, als man den „Canal" entwarf, solche große Schiffe, wie man sie jetzt expedire, (von 4 — 5000 Tonnen Gehalt) nicht in Anschlag genommen wurden, mithin also noch bedeutendere Verbesserungen mit der Tiefe des Canals vorgenommen werden müßten, ehe der Weg um das Cap für solche Fahrzeuge erspart werde. Segelschiffe würden denselben kaum benutzen, da sie der Remorqucurs bedürften, aber eine Construktion solcher Schiffe, die Segelkraft mit Dampf unterstützen könnten, würde den Succeß des Unternehmens feststellen; Port Said, das jetzt nur ein Weiler von Holzhüttcn, würde Alexandria den Rang streitig machen und alle Bedeutung einer der rührigsten Weltstädte entwickeln. Der „Morning Star" bedauert, daß der P r i n z v on W a l c s dem feierlichen Moment, wo sich die Wasser dcS Mittelmeeres in den Caual ergossen, nicht beigewohnt habe. Derselbe habe sich auf einem Ausfluge in die Wüste verspätet gehabt. Der „Star" erinnert übrigens daran, daß schon in grauen Zeiten eine Verbindung zwischen den beiden Meeren stattgefunden, die schon Hcrodot gekannt habe, von Ptolomäern und Römern wieder hergestellt, aber dann gänzlich in Verfall gerathen sei, aber immerhin dazu gedient habe, Lcffeps zu seinem kühnen Plane zu ermuthigen. Miseellen. (Etwas aus dem täglichen Leben der Hausthiere.) Rechts vom Ocd- bach, im März. Nero, der streitbare getigerte Pfarrhund von O. und eine Roth in Grau gesprenkelte Hofhcnne sind seit einiger Zeit zu einander in eine interessante Geschäfts - Freundschaft getreten. Nero ist sonst ungemein eifersüchtig auf seinen eisernen Hafen, besonders wenn noch ein Fraß darinnen ist. Naht sich aber die bezeichnete Henne mit matronenhafter Bedächtigkeit, so verhält sich Nero ruhig und läßt die Henne so viel Suppe Herauspicken, als ihr beliebt. Nero sitzt unterdessen gravitätsch auf der Bank daneben. Hat sich die Henne gesättigt, so steigt sie in Ncro's Hütte, macht sich ein Nest zurccht und legt dem vierbeinigen Hausherrn ein stattliches Ei hinein. Von da an, wo die Henne die Schwelle seiner Hütte überschreitet, verwendet Nero kein Auge mehr, wedelt mit dem Schweif vor Ungeduld, spitzt die Ohren; und sowie die Henne „gackert," springt Nero von der Bank, läßt die Henne neben sich heraus, er selbst aber ist mit einem kräftigen Schub in der Hütte und — trinkt das frisch gelegte Ei aus. Es ist das augenscheinlich ein Gegenscitigkeits-Vertrag, aber ein ehrlicher, nobler: „Gehst du bei mir in die Kost, geh' ich bei dir in die Kost!" Niemand weiß, an welchem Tag Nero und Hinkel diesen Vertrag geschloffen haben, der von ihrem beiderseitigen Standpunkt unanfechtbar ist, aber leider Dritte beeinträchtigt. Der Umtausch von Suppe gegen Ei geschah herkömmlich Mittags. Einmal wurde nun die Henne in der Art vertragSbrüchig, daß sie die gemessene Stunde nicht einhielt und erst gegen drei Uhr in die Hütte stieg, und Nero brannte längst vor Ungeduld nach seinem Leckerbissen! Er schob sie halb in die Hütte, schlug mit dem Schwänze den Takt, und bellte und schnappte unaufhörlich nach der Henne, was offenbar den Zweck hatte, bei ihr das Legen des Eies zu beschleunigen. Doch das war Nero's Unglück. Das räthselhafte Thun und Treiben des Hundes machte die luchsäugige Küchenmagd aufmerksam; sie zog den feingesponnenen Gcheimvertrag an's Tageslicht und annullirte ihn sogleich ohne Advokaten und Richter in höchst eigener Machtvollkommenheit. Wohl sitzt Nero nach wie vor auf seiner Bank, allein die Grau- Gesprengclte in der Hütte gackert nicht mehr; eS war ein schöner Traum, — der Eier- schmauS ist aus! — 112 (Eine wohlfeile Dachrinne.) Bekanntlich wurden Vatermörder und Damen- Unterröcke aus Papier fabrizirt; überraschen aber wird es gewiß, wenn man vernimmt, daß selbst „Dachrinnen aus Pappendeckel" gemacht werden. Ein Hausbesitzer in einem unweit von Cilli befindlichen Marktflecken beschloß, als er an einem regnerischen Tage ganz durchnäßt noch die Dachtraufe seines Hauses passiren mußte: das alte Sprichwort: „Aus dem Regen kommt man in die Traufe," zu Schanden zu machen. Er begab sich deßhalb zu einem in Cilli wohnhaften Spengler, dem er für eine Dachrinne kaum den halben Schätzwcrth versprach. Doch stellte sich der Spengler auch mit diesem Preise zufrieden, und versprach, die bewußte Dachrinne in Bälde zu liefern. Ganz erfreut rieb sich der Hausbesitzer die Hände, als er einmal, aus dem Gasthause heimkehrend, — sein Dach mit einer „hochrothcn Dachrinne" geziert sah, zahlte er dem harrenden Spengler allsoglcich den bedungenen Preis aus und bedachte ihn noch obendrauf mit einer Jause, die sich Letzterer wohl schmecken ließ. Nun fehlte dem Hausbesitzer nur noch ein Regen, um sich an dem Geplätschcr deS von der Dachtraufe rieselnden Rcgenwassers ergötzen zu können. Zufällig wurde dieser Wunsch auch schon in derselben Nacht befriedigt. Etwas unangenehm muß es ihn berührt haben, als er am nächsten Morgen am Dache die Rinne vermißte, dafür aber den Boden mit röthlichcn Fetzen bedeckt sah, und sich bei näherer Untersuchung überzeugte, daß die wohlfeile Dachrinne nicht aus Blech, sondern aus „Pappendeckel" fabrizirt worden war. (Bayerischer Grundsatz.) In einem deutschen Bierhause Bostons behauptete kürzlich ein Bayer, zum Entsetzen der amerikanischen Zuhörer: „Zu viel Schnaps ist zu viel Schnaps, aber zu viel Bier — ist gerade genug!" „Da hab' ich schon wieder einen Zahn verloren!" sagte eine Frau zu ihrer ritterlichen Ehehälfte. „Der wird sich freuen, daß er mit deiner Zunge nicht mehr in einem Logis zu wohnen braucht," murmelre der ungalante Gemahl. Der reichste Preisend mit viel schönen Reden Ihrer Künste Werth und Zahl, Saßen viel moderne Grafen Einst in einem WirthshauS-Saal. Grafen Topo, Gco, KoSmo Rühmten viel die Wissenschaft; Wie man Sonne, Mond und Sterne Und der Erde Grenzen schafft. Nicht auf schwarzbepnnktcn Karten Liefern wir der Erde Bild, Sprachen Lylo, Photo, Litho — Die Natur ist unser Schild. Gras. Grafen Autho, Steno, Typo Priesen ihrer Arbeit Ziel — Wie sie Schrift und Wort verbreiten. Und verbesserten den Styl. Grafen Zinko und Galvano, Kolli- und der Ortho-Graf Rühmten wie die andern Grafen Ihre hohen Künste brav. Endlich aber kam Graf Tele, Sprach: „Ich schlag' Euch Alle todr; Ich allein mit Blitzesschnelle, Ich verdiene mir mein Brod!" Und es sprachen Ortho-, Kalli-, Typo-, Topo-, Steno-Graf, Und die andern Grafen alle: „Vivat hoch der Telegraph!" Druck, Lerlxg und Reoaclion deS Literarisckrn Iustituts von ttr. M. Huttlcr. Nro. 15. 11. April 1869. Attgsburger Die Welt wird Prosa mehr und mehr, Der Glaube selbst ist ohue Wehr! Was bat das Ewige verschuldet, Daß man's nur nebenher noch duldet? August Graf vou Platen. Pi«s m Der heilige Vater ist am 13. Mai 1792 geboren und wird also in einem Monate sein sieben und sicbenzigsteS Lebensjahr erreichen. Im Jahre 1810 kam er nach Nom zur Vollendung seiner Studien. Schon damals zeigte sich seine große Liebe zu der Jugend und zu den Armen, so daß es ihm eine Freude war, in dem Waiscn- hause Data - Giovanni zu weilen, — und dort unter den Waisenkindern die Zeit seiner Erholung zuzubringen. Um sich über seine Standcswahl zu entscheiden, machte er eine Wallfahrt nach Loreito, dem größten Wallfahrts-Orte der lieben Mutter Gottes in der ganzen Kirche. So trat er denn unter dem Schutze der allerscligsten Jungfrau in den Priestcrstand; und wir können uns deßhalb um so weniger wundern, daß die kindlichste Verehrung der lieben Mutter Gottes ein hervorragender Zug seines Lebens geblieben ist. Am Ü. Januar 1817 empfing er die niederen Weihen, am 20. Dezember 1818 das Subdiakonat, am 6. März 1819 daS Diakonat und am lO. April 1819 die Priesterweihe. Der 10. April dieses Jahres ist also der 50ste Jahrestag seiner Priesterweihe. Seine erste heilige Messe las er in der Hospital-Kirche desselben Waisenhauses, wo er so gerne unter den armen Waisen als Student geweilt hatte; und seine Liebe zu diesen Kindern war so groß, daß er die Stelle eines Vorstehers in diesem Hause übernahm, «nd dieselbe die fünf ersten Jahre seines priestcrlichcn Lebens als Vater armer Waisen- Kindcr verwaltete. Wer cS weiß, welche Bedeutung für daS ganze spätere Leben die ersten glückseligen Jahre des PriesterthumS für einen jungen Priester haben, der kann ermessen, welche Eindrücke er damals für sein ganzes Leben in seinem jungen priestcrlichcn Herzen unter den armen Waisenkindern aufgenommen hat; und er wird sich nicht wundern, daß die göttliche Vorsehung diese Schule erwählt hat, um in derselben einen so liebevollen Vater für die ganze Christenheit heranzubilden. Ein Spital mit armen Waisen sollte die Vorschule für die Ausbildung seines großen päpstlichen Herzens werden. Dann schickte ihn Papst Leo XII. als Begleiter des päpstlichen Nuntius zur Besorgung einer wichtigen Kirchcu-Ängclegenhcit auf zwei Jahre nach Chili in Süd-Amerika. Nach seiner Rückkehr nach Rom wurde er Kanonikus an einer römischen Kirche und erhielt bald darauf den Vorsitz in jener Commission, welche die größte Wohlthätigkeits-Anstalt der Welt, das Hospital St. Michaels, daselbst vermaltet. Diese Zeit seines Lebens brachte er ganz mit scclsorglichcn Arbeiten zu und mit der väterlichsten Fürsorge für das große Spital, worin er etwas wieder fand von seiner Lieblings-Beschäftigung .in den ersten Jahren seines PriesterthumS unter den armen Waisenkindern. Im Jahre 1827 ward er dann Erzbischof von Spoleto, 1832 Bischof von Jmola, 1840 Kardinal, und nach dem Tode des großen Papstes Gregor XVI., am 1. Juni 1846, wurde er schon wenige Tage später, am 16. desselben Monats, zum Papst gewählt. Mit unaussprechlichem Jubel wurde er aufgenommen; und gleich die erste Zeit seiner päpstlichen Verwaltung bekunden: PiuS IX. überall seine überaus große Liebe zum Volke. Er sollte aber bald erfahren, daß mau nicht die Stelle Jesu auf Erden vertreten kann, ohne bald auch an seinem 1l4 Kreuze den bittersten Antheil zu erhalten. Im Jahre 1848, als überall die Revolution ausbrach, mußte auch Pius !X. aus Nom entfliehen und konnte erst zwei Jahre später wieder zurückkehren. Schon über zwei und zwanzig Jahre verwaltet nunmehr der heilige Vater in einem der schwierigsten und wichtigsten Zeitabschnitte der Weltgeschichte das heilige Obcrhirtenamt der Kirche. Es ist der zweihundert sechsundfünfzigste Nachfolger des heiligen Petrus. In dieser langen Reihe sind nur ganz wenige Papste, die so lange wie er das heilige und schwere Amt bekleidet haben. Wir können nicht sagen, daß die Zeit, in welche sein Hirtenamt gefallen ist, die schwerste Zeit der Kirche war; denn welche Kämpfe hat schon die Kirche Gottes seit den ersten dreihundert Jahren blutiger Verfolgung bis heute durchgemacht! Gewiß gehört aber dieser Zeitabschnitt zu den ernstesten und wichtigsten, zu jenen, in welchen eine neue Weltpcrivde beginnt. Der heilige Vater hat in dieser langen, schweren Zeit der Kämpfe auf der einen Seite alle Bitterkeiten und allen Haß der Welt getragen. Alle Leiden der Kirche hat er in seinem väterlichen Herzen mitempfunden. Namentlich sind die Zustände, die ihn rundum in Italien seit vielen Jahren umgeben, für ihn ein Meer des Leidens geworden. Auf der anderen Seite aber hat auch der heilige Vater ein großes Maß der innigsten Liebe und Theilnahme der ganzen katholischen Welt empfangen. Wir können es schwer beurtheilen, glauben aber kaum, daß es viele Päpste gegeben, die inniger und allgemeiner geliebt waren, wie er. Es liegt auch schon in den jetzigen Weltverhältnissen, daß alle Katholiken in allen Theilen der Welt viel genauer bekannt sind mit dem ganzen Leben und Wirken des heiligen Vaters, wie das früher möglich war. So haben wir Alle sein ganzes apostolisches Wirken, seine übergroße väterliche Liebe und Güte, seine immer gleiche Sanftmuth, seine wunderbare Standhaftigkeit, seinen weltübcrwindendcn Glauben seit langer Zeit gewissermaßen täglich vor Augen gehabt. Zugleich konnten wir auch, so zu sagen, die Hand Gottes sehen, die ihn mitten unter all' diesen Anfeindungen schützte bis auf den heutigen Tag. Das mußte die Liebe und Ehrfurcht zu ihm in der katholischen Welt wunderbar vermehren. Wie das Haupt des Moses, da er vom Berge Sinai, wo Gott sich ihm offenbart hatte, Herabstieg, von wunderbarem Lichtglanze umgeben war, so umgibt Pius IX., sichtbar für Alle, die es sehen wollen, Gottes schützende Hand, die Erfüllung der Verheißung: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen " (Matth. 16, 48.) Auch das Kennzeichen, das so recht zum Wesen des Christenthums gehört, das Kennzeichen des Segens im Kreuz und durch das Kreuz haftet wie eine himmlische Krone an seinem Haupte. Welche Leiden und welchen Trost vereinigt sein Oberhirtenamt! Mitten unter allen Stürmen desselben konnte er weit mehr als hundert neue Bisthümer errichten und zugleich sieht er in einigen Ländern eine Rückkehr zur katholischen Kirche, wie sie alle Erwartung übertrifft. Während die blinde Welt meinte, daß die Freiheit und die Entziehung dcS staatlichen Schutzes zum Untergang der Kirche führen werde, sieht der heilige Vater am Ende seines Lebens gerade in den Ländern die Kirche sich mit einer unerhörten Kraft erheben, wo sie wahrhaft frei und ohne Schutz ist. Endlich aber hat Gott, wie wir hoffen können, den heiligen Vater auch noch auserwählt, ein allgemeines Concil abzuhalten, welches vielleicht die ersten Grundlagen zu einer neuen Zeit für die Kirche und für viele Jahrhunderte legen soll. (Aus dem Mainzer Fastenbrief.) Bei dieser Gelegenheit machen wir aufmerksam auf „Das Büchlein vom Papste Pius >X. Zur Belehrung für Jung und Alt. dem Volke dargebracht beim SOjähngen Priester-Jubiläum von Wilhelm herchendach. Düsseldorf, Verlag von Ed. Repmaun." — Dieses Büchlein ist durch -ede Buchhandlung zu beziehen; es schildert in 27 Absätzen die wichtigsteu Vorkommnisse aus dem Leben des deiligell Vaters, sowie einzelne Charakrerzüge, in durchaus populärer Sprache und ist wohl geeignet, die innige Liebe, mit welcher alle Schichten der menschlichen Gesellschaft dem heiligen Vater Pius >X. zugethan sind, noch mehr zu erhöhen. Besonders Lehrer und Schulvorsteher machen wir aufmerksam, daß dieses Büchlein nur kr. kostet. 115 Die Entsagenden. (Fortsetzung.) „Und nun zu uns, Herr Baron," fuhr er — zu Leopold gewandt — fort. „Die Nachsicht, die ich gegen Sie übe, indem ich Ihr Verbrechen ungeahndet lasse, enthebt Sie nicht Ihren anderen Verpflichtungen gegen mich. Sie sind mir bedeutende Summen schuldig, deren Bezahlung ich ohne Aufschub von Ihnen verlangen könnte. Indessen, um den Schein zu wahren, mögen Sie bis zur Vermählung Ihres Sohnes nomineller Besitzer Ihres Gutes bleiben. Am andern Tage indessen betrachte ich Ihre Besitzung als mein Eigenthum, wenn die in meinen Händen befindlichen Wechsel bis dahin ohne Zahlung geblieben." „Entsetzlicher Mann!" rief Nudolph glühend, „haben Sie uns der Kränkung noch nicht genug bereitet? O, gedulden Sie sich zwei Jahre, ein einziges nur — und ich werde durch unablässige Anstrengung im Stande sein, die Schuld meines Vaters zu tilgen!" „Der Gatte einer Millionärin und arbeiten um Geld," bemerkte Fleischer achscl- zuckend. „Wollen Sie Ihren Namen noch mehr compromittiren?" „Aber was thaten wir Ihnen, daß uns so schwer Ihre Rache trifft?" fragte der junge Mann. „Was hat mein Vater an Ihnen begangen?" „Fragen Sie ihn selber, welch' tiefes Leid er über mich gebracht und jedes Unheil, das ihn trifft, betrachte er als Sühne seiner untilgbaren Schuld," erwiderte der Direktor. „Ich begehre Ihr Bcsitzthum, denn seit Lange bewegt mich der Gedanke dort ein Grabmal zu bauen, das die Ueberreste einer schändlich Geopferten enthalten soll, an die ich im Tode das Wort eines Elenden einlösen will, der ihr im Leben einst Glanz und Reichthum versprach. An ihrer Seite soll dann auch meine Asche dereinst ruhen. Und jetzt," fuhr er fort, „bleibt uns nichts mehr, als den Tag der Vermählung zu bestimmen." „Ich bitte Sie noch um eine Gunst, Herr Direktor," entgegncte Nudolph. „Mein Herz ist voll bis zum Ueberströmen. Gestatten Sie mir einige Augenblicke des Alleinseins mit meinem Vater!" „Betrachten Sie sich als Herrn dieses Zimmers," erwiderte der Direktor verbindlich. „Keiner wird Sie zu stören wagen und mich selbst ruft die Pflicht in das Bureau." Mit diesen Worten entfernte er sich, grüßend durch die Hauptthür des Zimmers. Vater und Sohn blieben allein. Das Antlitz des jungen Mannes nahm einen ernsten, fast feierlichen Ausdruck an, der den Baron Leopold, der vor ihm dasaß, wie der Schuldbewußte vor dem Richter, erbeben ließ. „Mach' es milde mit mir, mein Sohn," flüsterte er, „bedenke, meine Tage sind gezählt." „Kein Vorwurf, mein Vater, soll Sie treffen," — erwiderte Nudolph mit sanftem Tone. „Nicht um Ihnen zu fluchen, um Ihnen zu vergeben, drängte es mich, unsere Unterredung zu beschleunigen." „Nicht diese Güte, mein Sohn!" flehte Baron Leopold, „o wie viel schwerer träfe sie mich, als wenn Dein Zorn, Dein gerechter Haß sich über mich ergossen hätte, denn meine Schuld stürzt Dich in's Unglück —" „Verschweige mir nichts," fuhr er fort, „denn tief, tief im Herzen fühle ich, wie bcklagcnSwerth Dn bist! Dein Leben an der Seite eines ungeliebten Weibes dahin zu bringen, während Dein Herz ein anderes Bild erfüllt. Geknechtet vom Druck eines unerbittlichen Feindes, der meine Fehler an meinem Kinde straft, und ich — machtlos und elend — ich selber zerschmettert unter der Wucht der Schande." „Ja, das ist es, Vater," rief der junge Baron, „das ist es, was wie ein nagender Wurm an meinem Leben zehrt. Alles hätte ich ertragen können, — dieser eine Gedanke bringt mich zum Wahnsinn. O Vater, Vater, warum thatest Du mir diese Schmach?" 116 „Büße ich nicht schwer genug?" fragte der Alte tonlos. „Wohl büßest Du, aber. Du selber sagst es, Deme Tage sind gezählt. Auf mich «brr wird Deine Schande lasten ewig und ewig. Der Name, den ich trage, gellt wie ein Spottruf in meine Ohren, und wenn mit den ersten Lauten einst mein Kind nach seinem Namen forscht, muß ich errathen — denn ich muß ihm sagen: Du bist einDuroy!" „Deine Schande," fuhr er wärmer werdend fort, „macht mich zum Lügner, zum Heuchler. Mußte nicht meine Hand Worte schreiben, — von denen mein Mund nichts wußte?" „Halt ein!" rief der Baron, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, „auf mich allein falle Alles. Erfaßt mich ein Wahnsinn, daß ich Dein Opfer gestatte? — Laß mich fort, den Direktor zurückrufen, ihn Dein gegebenes Wort vor die Füße schleudern, mag er mich dem Zuchthause als Fälscher übergeben, Du bist frei und auch in anderer Hemisphäre wohnt das Glück für Dich, wo Keiner Deinen Namen kennt, Keiner Dich verachtet um Deines Vaters willen." Und mit fast jugendlicher Kraft erhob sich der alte Mann, um fortzueilen. Aber Rudolph hielt ihn zurück, und mit beiden Armen den Greis umschlingend, rief er: „Nicht so, mein Vater, geböte mir nicht die Kindespflicht zu handeln, wie ich that, so hätte es die Ehre erfordert. Nur versprechen Sie mir eines — dann bin ich ruhig. Wenn jener Tag erscheinen sollte, wo das Geschick Sie zwingt, Ihr Gut zu verlassen, nehmen Sie nicht das Geringste an, sei es als Darlehen oder Geschenk, was Ihnen nicht aus meiner Hand zukommt. Ich werde Sie vor dem Mangel zu schützen wissen." „Ich gehorche Deinem Willen," cntgcgnete der Alte, „denn ich weiß, es fällt Div nicht schwer, mich zu unterstützen. Angelika liebt Dich — und von den Zinsen einer Million, die zweifelsohne durch Deine Hände gehen werden, läßt sich Manches erübrigen, was als Nothpfcnnig für die Tage der Zukunft dienen kann." „Wehe Ihnen, mein Vater," rief der junge Mann glühend, „daß ein solcher Gedankt auch nur für einen Augenblick in Ihrer Seele laut werden kann. O hätten Sie nie, niemals ähnliche in Ihnen erwachen lasten — so brauchte ich nicht das Glück meines Lebens zu opfern, um die Schuld eines Edelmanns zu sühnen, der vor einem groben Verbrechen nicht zurückbebt. Gott ist mein Zeuge," fuhr er feierlich fort, „daß ich eher darben möchte, ehe ich mehr von Angelika's Großmuth annehmen würde, als was die äußerste Nothwendigkeit erheischt. Und wenn Sie vor mir diese Welt verlassen müßten, so würde ich der Erste sein, der die mir unbekannte Cousine von ihrer Erbschaft benachrichtigt. Sie aber, mein Vater, Sie sollen nicht unter Ihrem SchicksalSwcchsel leiden. Ick werde für Sie, fern von der Stadt, ein Häuschen suchen, wo Sie still und einsam von jeder Sorge entlastet, Ihre letzten Lebensjahre zubringen können, dorthin ziehen Sie sich zurück." Der Alte seufzte tief auf. „Du willst mich auf das Land senden?" — fragte er gedehnt. Glaubst Du nicht, daß ich dort umkommen müßte vor Langeweile?" „Vater!" rief Rudolph, „wollen Sie in-der Residenz bleiben, so schwöre ich Ihnen, daß Ach noch in diesem Augenblick die Stadt verlassen werde. Soll ich vor Ihrem Anblick crrölhen? Soll mich Ihre Gegenwart jeden Augenblick an Ihre Schuld, an mein grenzenloses Opfer mahnen? O gehen Sie, mein Vater, — folgen Sie mcinem- Rathe — Sie haben viel gut zu machen vor dem Throne des ewigen Richters, und in der Einsamkeit, fern von dem Weltgetricbc, bereut es sich am Leichtesten. Ach, dürfte ich diese Einsamkeit mit Ihnen theilen, Vater," fuhr er fort, „dürfte ich nur den Gedanken leben, die mit namenloser Sehnsucht mein Herz erfüllen; — wie glücklich würde ich sein!" Thränen des Schmerzes, so lange zurnckgepreßt, erstickten seine Stimme. Das so lange verhaltene Weh seines Herzens brach sich gewaltsam Lahn. Tief ergriffen schloß, ihn der Alte in seine Arme. „Weiche nicht zurück, mein Sohn," sprach er, „ich bin gereinigt von jeder Schuld, den» solche Augenblicke der Qual söhnt sie auf Erden wie im Himmel." Schweigend verließen sie das Zimmer. Kaum hatte sich hinter ihnen der Eingang geschloffen, als sich die Thür des Nebenzimmers öffnete, und der Direktor aus dem Gemach trat. — Er hatte verborgen das ganze Gespräch zwischen Vater und Sohn belauscht. „Lconore," murmelte er vor sich hin, „Du kannst ruhig schlafen. Die Augenblicke der Qual, die ich D incm Verführer bereite, sollen sich dehnen zu Jahren, sollen währen bis über das Grab hinaus! Fort mit Dir, Elender, in die Einsamkeit und Stille! — Statt Gebet und Reue, wie Dein Sohn meint, wird Weltlust und Verzweiflung Dein Herz beschleichcn; der Neid, die Sehnsucht werden Dein Leben zur Hölle machen, und über Alles schwebe, wie die Erinnyc, das bleiche Bild Leonorens, der Geopferten, und höhnend töne es in Dein Ohr aus ihrem Munde: Du verlorst Alles, nichts blieb Dir,, als die furchtbare Erinnerung." „Und jetzt," fuhr er fort, „auf das Gericht, jetzt in die Wirthshäuser der Stadt- Ehe es Abend wird, muß die Stadt im Besitz der Kunde dieser abenteuerlichen Verbindung sein." _ Angelika Fleischer an ihre Cousine Lr. D...! Tage, Wochen verstrichen, theuerste Angelika, die meine Sehnsucht nach Dir zu eben so vielen Ewigkeiten ausdehnt, und noch immer kommst Du nicht; Dich an mein überwallendes Herz zu werfen, in Deinem verschwiegenen Busen mein grenzenloses Leid zu bewahren. Denn ich leide, Angelika, und inmitten des Glanzes, der mich umgibt, inmitten der Heiterkeit, die ich heucheln muß, möchte ich vergehen vor Weh und Thränen. Seit dem Tage, wo ich Dir mein Herz ergoß, bin ich öffentlich mit Nudolph von Duroy verlobt, ungeachtet meines Flehens gefüllt sich mein Oheim, diese Verbindung auszuposaunen. Ich empfange Glückwünsche von nah und fern, mir ganz unbekannte Personen drängen sich in unser Haus, mich mit Artigkeiten zu überschütten, und doch dringt jedes Wort, das meiner Verlobung gilt, wie ein Dolchstich in mein Herz. Aus jeder Silbe glaube ich den Ausdruck des Hohnes zn vernehmen, bei jedem Complimente blicke ich angstvoll auf Nudolph, der kalt wie Eis die Glückwünsche empfängt, und sich nicht einmal die Mühe gibt, seine Gefühle der Gleichgültigkeit zu verbergen. Ja, ich bin ihm gleich, hat er es mir doch selber gestanden, nicht Liebe flöße ich ihm ein, höchstens Achtung, und Achtung zollt man auch der Matrone. A chtung trennt von der Freundschaft nur einen Schritt, aber eine unübersehbare Kluft von der Liebe. Und laß mich erröthen, Angelika, indem ich eS niederschreibe, und doch sehne ich mich nach Liebe, wie die dürstende Flur »ach dem erguickcnden Regen. So lange stand ich einsam da, kein Herz bot sich mir dar, an das ich das meine vcrtrauungSvoll lehnen dürfte. Nun kommt er, der Einzige, dessen Bild lange, lange meine Seele erfüllte, und den ich liebe mit unendlicher Glut, er, der mein eigen werden soll, vereint mit ihm durch geheiligte Bande, und doch mit dem Bewußtsein, all' die Glut, die mein armes Herz verzehrt, hinein drängen zu müssen in der Brust tief innersten Raum. —- Und dabei Neid, Haß und Spott der Welt, denn Keiner gönnt mir mein vermeintliches Glück, das ich selber beweine. Obgleich wir seil unserer Verlobung höchst zurückgezogen leben, konnte Nudolph trotz seiner Abneigung nicht umhin, einem kleinen Cirkel mit mir beizuwohnen, der sich im Hause einer seiner Freunde versammelt hatte. Mein Bräutigam holte mich ab, er war heiterer gestimmt, als sonst, und ich zum ersten Mal glücklich, ihn an meiner Seite zu wissen. Wir traten in den Saal, ein Geflüster lief durch die Reihen der Versammlung, ich fühlte alle Blicke auf mich ruhen Eine. plötzliche Stille entstand rings umher, da tönte vernehmbar die Stimme einer 118 fremden Dame, die mit den Augen uns bezeichnend, zu ihrer Nachbarin bemerkte: „Sehen Sie doch, wie herrlich sich die Mutter dieses jungen Mannes conservirt hat." Meine Sinne drohten zu schwinden, ich fühlte den Arm Rudolphs in dem meinen zittern; wie tief, wie unabsehbar tief war mein Stolz gekränkt. Dieses eine Wort hatte meine Hoffnungen geknickt, wie der Hcrbstwind die letzte Knospe. Mein Auge siel auf den uns gegenüberliegenden Spiegel, er zeigte mir das Bild meines Verlobten, strahlend im Glanz der Jugend, der Schönheit, ein blühender Antinous, und daneben mich, mich, — o laß mich schweigen, Angelika, das Weh meines Daseins soll mich nicht zu einem Vorwurf verleiten gegen den Willen des Uncrforschlichen. Wie gern hätte ich hinein geschrieen in die Reihen der Frauen und Mädchen, deren Blicke mit dem Ausdruck des Bedauerns auf meinem Bräutigam ruhten. „Nehmt ihn hin, er ist frei," — hielt mich nicht eine furchtbare Pflicht, wie der Dämon seines Lebens, an seine Fersen gekettet. Ich will sie denn tragen die Last, ohne Murren, bis sie dem ermatteten Körper zu schwer, über ihn zusammen bricht. Ich wünsche mir den Tod, Angelika, aber nicht eher, als bis ich Rudolph's Weib geworden bin. O glaube nicht, daß es Egoismus sei, der aus diesem Wunsche spricht, es gibt keine größere Entsagung, als er enthält. Und dennoch gab es Stunden, ach — und noch jetzt sind sie nicht selten, wo schwarze finstere Gedanken mein Herz beschleichen. Hch bin ein Weib, Angelika, und wenig der Heldinnen zählt unser Geschlecht. Dann kommt es über mich wie mit geheimer Freude, daß ich trotz meiner Jahre triumphirt habe über alle Wünsche, und er, der Viclbegehrte, mein eigen ist. Eine Frau ist nie unglücklicher, als wenn sie eine andere beneidet, nie glücklicher, da sie sicher ist, den Neid anderer erregt zu haben. Und hat der Egoismus seine düstere Fittiche über mich ausgebreitet, da tritt wie ein hülfreicher Gefährte die Eifersucht hinzu. Ich möchte mit ihm fliehen in ferne Wüsten und Welten, wo Keine, Keine ihn mir streitig machen kann, wo ich dem sich nach Mittheilung sehnenden Herzen Alles — Alles sein müßte. Angelika, o wüßtest Du, welche Qualen dann mein Herz erschüttern, wie jeder Blick, der aus dem Auge Fremder auf Rudolph fällt, eine neue Wunde in meine Brust reißt, — wie ich ihn an mich ziehen möchte und ihm zurufen: „Nur für mich sollst Du Augen haben, nur für mich Dein Dasein weihen " — Aber diese Kämpfe dauern nicht lange, gereinigt und erhoben gehe ich aus ihnen hervor. Ich habe die wahre Bestimmung des Weibes aus ihnen kennen gelernt, sie heißt: „die Entsagung;" ich entsage, so seltsam es Dir — der Uneingeweihten — klingen mag, ich entsage, da ich Rudolphs Gattin werde! Und eben, weil ich entsage, — wiederhole ich meine Bitte, in die Arme Deiner Freundin zu eilen, die Dich willkommen heißen wird von ganzem Herzen. Höfe Deine Verbindung mit Deiner jetzigen Herrschaft unverweilt, eine ehrenvollere Stellung wartet meiner Cousine und Pathin, die den gleichen Namen mit mir trägt, in meinem Hause. Wohl weiß ich, daß mein Entschluß, Dir mein Hans zu öffnen. Dir, -— dem jugendlich-blühenden Mädchen — eine FrcundcSstelle neben einer verblühten, alternden Frau anzuweisen, deren Gemahl, wie jene Dame behauptete, fast ihren Sohn vorstellen könnte, in den Augen meiner Bekannten mich auf die höchste Stufe der Lächerlichkeit erheben wird; und dennoch ersehne ich ungestüm den Tag Deiner Ankunft, denn sie soll allen Jenen beweisen, wie fest ich auf Deine Freundschaft — und auf Nudolph'S Treue baue, wie entfernt meine Seele von jeder Regung der Eifersucht ist. „Also komm, meine Angelika! Ich verspreche Dir alle Freuden, alle Genüsse, die Deiner Jugend ziemen, Du sollst nicht büßen, weil ich leide, und eö gewährt mir eine Art Stolz, mich allein unglücklich im Kreise Fröhlicher zu wissen. Zaudere nicht — ich bedarf Deiner, o erscheine, ehe der gute Genius sein Antlitz von mir wendet, und finstere Dämonen tückisch, ihre Schwingen über meine Seele breiten! Erscheine, — ehe die Liebe Gesiegt wird von der verzehrenden Leidenschaft. Angelika. (Fortsetzung solgt.) 119 Russischer Kannibalismus gegen katholische Nonnen. Makrina Mieszyslawska war, wie bekannt, Acbtisfin des Klosters der Basiliauerinnen in Minsk, als Czar Nikolaus die gewaltsame Bekehrung der Nonnen zum Schisma anbefahl. Es widerstrebt der Feder, alle die gräulichen Mißhandlungen zu beschreiben, denen sie und ihre treuen Töchter, 37 an der Zahl, ausgesetzt waren, um sie zum Abfall von ihrem Glauben zu nöthigen. Es geschah das in den Jahren 1838 — 40. Die frommen Nonnen wurden nach Witebeck geschleppt, d. h. nach russischer Weise mußten sie mit Ketten beladen, dorthin zu Fuße gehen, und dort in ein Kloster ihres Ordens, das nur von russischen Soldaten - Wittwen und Weibern der ordinärsten Art bewohnt ward, untergebracht. Sieben Jahre lang schmachteten sie dort, ohne daß ihnen die Fesseln, mit denen sie belastet waren, auch nur auf eine kurze Zeit wären abgenommen worden, in einem dumpfen Raume, in dem sich noch dreizehn Schwestern befanden, die aus der Zahl der früheren Bewohnerinnen des Klosters übrig und zu den üiedrigsten Diensten für die erwähnten Weiber verurtheilt waren. Die neuen Ankömmlinge mußten nun diese ihre Arbeiten mit ihnen theilen, fortwährend in Fesseln und unter den härtesten Schlägen, der elendesten Nahrung, im Winter — in Rußland — ohne Heizung. Zweimal wöchentlich wurden sie außerdem auf Befehl des apostasirtcn Bischofs Siemaszko, des Henkers von Hunderten armer Nonnen und Mönche, auf das entsetzlichste gegeißelt. Eine von den Schwestern, Colomba Gorska, die gleich den übrigen unmittelbar nach einer solchen Geißelung an den Karren geschleppt ward, an welchem angekettet sie Bausteine fahren mußte, fiel todt nieder, eine andere, Baptista Downar, wurde in einem großen Ofen lebendig verbrannt, eine dritte, Nepomuccna Grvtkowska, starb in Folge eines Schlages, den ihr die Vorsteherin deS Hauses mit einem Holzscheit auf den Kopf versetzt hatte; zwei andere Schwestern, Suzanna Rypinska und Coleta Siclawa, starben unter den Geißelungen. Ende 1840 wurden die noch übrigen Nonnen zwei und zwei zusammen- gcfcssclt, nach Plock geschleppt und ebenfalls in ein Kloster ihres Ordens gebracht, wo von den fünfundzwanzig Schwestern bereits fünfzehn in Folge der Mißhandlungen umgekommen waren, von den übrigen zehn waren zwei aus derselben Ursache geisteskrank geworden. Trotzdem wurden sie wie die andern an den Karren gefesselt. Äuch diese starben unter den Händen ihrer Peiniger. Im Jahre 1841 kamen fünf der Schwestern in einer Lehmgrube um, sie wurden unter den einstürzenden Erdmassen begraben, und bald darauf stürzten neun andere Schwestern von einem Maucrgerüste herab, auf dem sie Handlanger-Dienste verrichten mußten, und blieben auf der Stelle todt. Unter diesen letzten neun Schwestern befand sich eine geborene Fürstin Mednnicka. Nur kurze Zeit später wurden zwei Schwestern zu Tod gegeißelt, und diese Scenen wiederholten sich in den Jahren 1841 — 42; eine alte Nonne von 73 Jahren, Scraphina Sczcrbinska, die auf Befehl Siemaszkos fünfzig Geißelschläge erhalten sollte, starb bei dem dreißigsten, die Leiche empfing die übrigen zwanzig; zwei andere, Stanislawa Dawgial und Nathalia Narbut starben einige Stunden nach der Geißelung, während Justina Tur und Liberta Kormin buchstäblich unter den Fußtritten ihrer Henker ihren Geist aufgaben. DaS Alles geschah nicht ohne Wissen deS Kaisers, an den die unglücklichen Nonnen geschrieben hatten. Aber seinen Zweck, die Apostasie der schwachen und doch heldenmüthigcn Frauen erreichte er nicht. Von den 245 Nonnen, die den Gcsammtstand der Brasilianerinnen bildeten, und die sämmtlich auf gleiche Weise behandelt wurden, ist auch nicht eine ihrem Gölte untreu geworden. Der größere Theil erlag den Mißhandlungen, glorreiche Mar- tyrinnen, die übrigen wurden, die General-Oberin, Fürstin Euphrosine Gcdamin an der Spitze, zu zwei und zwei aneinander gefesselt, zu Fuß nach Sibirien geschleppt. Die Historische Reminiscenz — nach dem Schlcs. Kbl. an die Jahre t838 bis 42 — aus Anlaß des unlängst gemeldeten, in Rom erfolgten Ablebens der 86jährigen Brasilianer-Nonne Makrina Mieszyslawska. 120 genannte General-Oberin, 45 Jahre alt, die ihre großen Reichthümer dem Orden übergeben und sich durch ihre große Liebe zu den Armen ausgezeichnet hatte, starb unterwegs. 1845 endlich gelang es der Äbtissin Makrina, die neben den eigenen schrecklichen Leiden auch die ihrer Mitschwestern, denen sie eine liebende Mutter war, mitgefühlt hatte, mit drei andern Schwestern, die allein noch die erforderliche Kraft besaßen, (acht andern waren in Plock bei Gelegenheit einer schrecklichen Mißhandlung die Augen ausgeschlagcn worden, so daß sie gänzlich erblindet waren) ihrem Gefängniß zu entfliehen, und nach Rom zu gelangen, wo sie dem heiligen Vater einen treuen Bericht über die traurigen Vorgänge in Rußland abstattete. Wie dergleichen Scenen unter Nikolaus Nachfolger, dem als liberal ausgerufenen Kaiser Alexander 11^ sich in fast unaufhörlicher Reihenfolge wiederholt haben, ist bekannt. Und das Alles geschah und geschieht im neunzehnten Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung und des Lichtes. Glaubt man nicht in die Zeit eines Caligula, eines Maximin und anderer Tyrannen der Kaiscrzeit versetzt zu sein? Wir können nicht glauben, daß die Saat, die die heldcnmüthigcn Märtyrer und Märtyrerinnen des Glauben« gesäct, nicht endlich Früchte tragen sollte. Miseelleri. (Das Omen Maria Theresias.) In der Kaisergruft der Kapuziner-Kirche zu Wien ruhen bekanntlich seit deren Stifter, Kaiser Mathias, alle deutschen Kaiser bis auf den letzten, für welchen im Kaisersaal des Frankfurter Römers Raum war. Hierher begab sich nach dem Tode Franz l. jede Woche dreimal seine Gemahlin, die Kaiserin Maria Theresia, um stiller Andacht nachzuhängen. Nicht allein am Tage, sondern auch Nachts stieg sie in die kalte Gruft hinab. Allein! Um Niemand zur Beihilfe nöthig zn haben, ließ sie ein Stcigwerk anbringen, mit welchem sie mit eigenen Händen sich hinunterließ und wieder emporwand. Als dieß auch am 2. November 1780 geschah, stockte die Maschinerie dreimal, und Maria Theresia flüsterte ahnungsvoll: „Die Gruft will mich nicht wieder herauslassen!" Einen Monak später wurde sie todt in ihrem Sarge in diese Gruft hinabgelassen. Ein witziger Dichter Frankreichs, Saint-Foix (gest. 1776), war einem Juden 1000 LivreS schuldig, die er nicht bezahlen konnlc. Sein Gläubiger traf ihn einst zufällig bei einem Barbier, — der ihm so eben den Bart eingeseift hatte. Der Hebräer mahnte ihn auf der Stelle. S. aber fragte ihn, ob er nicht wenigstens so lange warten wolle, bis der Herr da ihm den Bart abgenommen. „O ja!" antwortete der Jude, „recht gerne!" — „Nun, Sie sind Zeuge," sprach der Dichter zu dem Barbier, stand «uf, wusch sich die Seife ab und ging mit ungeschorenem Barte davon. (Die Ja- und Nein-Maschine) Für gewisse Volksvertretungen, welchen die weise Fürsorge Derer, die sie berufen, alle Mühe, sogar das Ja- oder Nein-Sagen ersparen möchte, eignet sich vortrefflich eine zunächst in Albany (Staat New-Dork) eingeführte Maschinerie, bei welcher die Reprcscntantcn weder aufzustehen, noch aufgerufen zu werden brauchen. Es sind in der Nähe des Schriftführer-Tisches zwei Tafeln vorhanden, auf denen sämmtliche Plätze mit laufenden Nummern bezeichnet stehen und zwar doppelt, einmal für Ja, einmal für Nein. Von diesen Tafeln gehen elektrische Drähte nach den Sitzen, an deren jedem sich zwei Drücker für Ja und Nein befinden. Sobald es sich um ciuc Abstimmung handelt, haben die Vertreter nur nöthig, auf den Ja- oder Nein- Griff zu drücken, und binnen fünf bi« zehn Minuten ist Abstimmung und Zühtung der Stimmen fertig. Diese Maschine ist auch besonders kostbar für tumultuarifche Sitzungen, wo oft die Äbstimmnngs-Resultatc trotz mehrfacher Controle unsicher sind. Druck, Bering und Redaction der Litcrarisrden Instituts den t»r. M. Hnrrlcr. ' Uro. 18. 18. April 1869. Was vermag die Sonne der Kunst über die kalten Menschen von Ton und vou Welt? — Dasselbe, was die andere Sonne au den Eisbergen ausrichtet: sie kaun sie versilbern und vergolden, aber nicht zerschmelzen. sseau Paul. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Acht Tage waren verstrichen. Zm Garten, der sich hinter dem Hause des Direktors ausbreitete, hatten sich auf Einladung des letzteren mehrere Bekannte versammelt, in deren Mitte das Brautpaar still und einsilbig dasaß. Sowohl Angelika als Rudolph war es unangenehm, sich in Gegenwart Fremder zu befinden, und vergebens erschöpfte« sich die Freunde des Hauses; die niederdrückende Stimmung, die sich der Gesellschaft bemächtigt hatte, wollte trotz aller Anstrengung nicht weichen. Ueber das schöne, jugendfrische Antlitz Rndolphs begann noch fast unmerkbar sich die feine Falte zu legen, die ein inneres Weh darin zeichnet. Die scharfen Augen der Damen, denen kein Zug in einem Antlitz, das sie studiren wollen, entgeht, hatten gar bald diese Entdeckung gemacht, und bestrebten sich, Stadt und Land dieselbe zu offenbaren. Schon hatten geschäftige Zuträgerinnen Angelika auf die Veränderung aufmerksam gemacht, die das Antlitz ihres Verlobten betroffen hatte, und forschten unter dem gleisnerischen Deckmantel der Freundschaft nach dem Grunde derselben. Die Unterhaltung der Gesellschaft war in's Stocken gerathen, als die Aufmerksamkeit durch das Geräusch eines Wagens rege gemacht ward, der vor dem Hause anhielt. Durch die geöffneten Thüren, die vom Garten auf die geräumige Flur des Hauses führten, hörte man Stimmen laut werden, Tritte erschallten, als ob man Koffer und Kisten in das Haus trage, und im nächsten Augenblick erschien ein junges Mädchen in einem leichten grauen Reiseanzug gekleidet, am Eingänge des Gartens, und warf sich in die Arme der ihr entgegeneilenden Angelika. „Endlich," rief sie, „gestattet mir meine Pflicht, Dich wieder zu sehen, um Dich nimmer wieder zu verlassen. O wüßtest Du, wie ich mich sehnte, nach Deinem lieben Antlitz, das ich so lang vermissen mußte." „Sei mir tausend Mal willkommen, mein theures Kind," — erwiderte Angelika. „Aber erlaube mir, zuerst Dich der Gesellschaft und vornehmlich meinem Bräutigam — Rudolph von Duroy — als meine Cousine und meine Pathin — Angelika Fleischer — vorzustellen." Sie trat bei diesen Worten von dem sich verbeugenden, erröthcnden jungen Mädchen zurück, dessen Anblick jetzt Rudolph, der mit sichtbarer Aufregung dem Klang ihrer Stimme gelauscht hatte, frei war. Die Blicke beider jungen Leute begegneten sich. — Rudolph, der die Gefahr des Augenblickes erkannte, und sich von Angelika und der ganzen Gesellschaft beobachtet wußte, ward todtenbleich, denn er erkannte jenes Mädchen, dessen Bild sich mit unauslöschlichen Zügen in sein Herz gegraben hatte, seit jenem Tage, wo sie ihn aus seiner Apathie riß, — und ihm die wahre Bestimmung des Mensche» kennen lehrte. Nicht so Angelika. Ein jäher Schwindel befiel sie bei dem Anblick des Mannes, der die erste reinste Liebe in ihrem Herzen erweckt hatte, — und den sie als Braviigam ihrer Cousine wieder fand. Wie ein Blitzstrahl befiel sie der Gedanke, daß sie ihr Lebe» § - K 122 fortan im Hause jenes Mannes verbringen solle, und alle Qnaleu des Tantalus fühlte sie in diesem Augenblick erwachen. Unfähig, ein Wort hervorzubringen, stand sie da, das Auge starr auf Rudolph gerichtet; ein Peinliches Stillschweigen entstand in der Gesellschaft, — desto mehr hatten Augen und Achseln der anwesenden Gäste einander zu erzählen. „Kennen Sie den Herrn Baron, mein Fräulein?" fragte der Direktor scharf, um dieser Scene ein Ende zu machen. Flüchtig stammelte die Gefragte: „Ein Zufall brachte uns in Wiesbaden zusammen, indessen — unser Zusammensein währte kaum einige Minuten; nicht wahr, Herr Baron?" wandte sie sich an Nudolph, nicht weniger zitternd als der junge Mann selber „In der That," erwiderte dieser, „nur wenige Minuten, die mir aber unvergeßlich bleiben werden." Ein banger Blick begleitete diese Worte, er enthielt den Abschiedsgruß einer verwelkten Hoffnung, einer begrabenen Liebe. Angelika verstand ihn, und mit Aufbietung aller ihrer Kräfte versuchte sie die Gefühle zu bemcistcrn, welche-das unvermuthete Wiedersehen in ihrem Herzen erregt hatte. Es ward spät, und die Gesellschaft trennte sich. Auch Rudolph nahm seinen Hut, »m zu gehen. Er trat zu der Neuangekommenen, er versuchte, den Ton der Glcichgiltigkeit gegen sie anzuschlagen, aber das Wort stockte ihm im Munde, denn er fühlte die Blicke des Direktors, wie die seiner Braut forschend auf sich ruhen. Und aus diesem Grunde bewirkte er mit übermenschlicher Kraft, daß keine seiner Muskeln seines Antlitzes zuckte, als er die leise geflüsterten Worte der Geliebten an sein Ohr tönen hörte: „Ich must Sie sprechen, erwarten Sie mich um Mitternacht an dieser Stelle." Und Stunde um Stunde verstrich. Die Natur legte ihr Nachtgewand an und über die tiefblaue Himmelsfläche zog Stern um Stern als treuer Erdenwächtcr auf. Still ward es und stiller ringsum, kein Ton des Lärmcns schallte aus der nahen Stadt mehr herüber, denn Alles schlief, um sich zu neuem Tagewerk zu rüsten, und auch im Hause des Direktors hatte sich ein tiefer Frieden gelagert. Da tönte es Mitternacht durch die Einsamkeit, langsam verhallten die dröhnenden Schläge der Thurmuhr der Residenz, und ein leises Rauschen strich über den Garten, wo wenige Stunden vorher zwei Liebende sich aus's Neue gefunden. Die Blätter und Blüthen waren erwacht, denn die Stunde war gekommen, wo eS ihnen vergönnt ist, ungesehen und ungchört von den neugierigen Menschenkindern mit einander zu reden; jedes in seiner Sprache. Auch hatten sie gar viel zu plaudern von Lieb und Treue, und die ehrwürdigen Bäume, die eine schattige Allee mitten durch den Garten bildeten, hörten lächelnd zu, was die junge Welt zu ihren Füßen träumte und sann, sie kannten wohl des Winters Dräuen, wenn der Lenz geschwunden war, und leise mahnend schüttelten sie ihre Kronen, daß die welken Blätter ihre Aeste sich lösten, und wie eine Warnung niederschwcbten auf die Häupter der sorglosen, hoffenden Jugend. — Aber neckisch wehte ein leichter Nachtwind sie hinweg und in den Schooß der murmelnden Fontaine, — die ihren Wasserstrahl wie einen Silberfaden zum gestirnten Himmel «mporsandte. Da plötzlich drang es wie der leise, flötende Ton eines Vogels durch den Garten, kS war eine Nachtigall, die halb träumend einen Warnungsruf ausgestoßcn haben mußte, denn im nächsten Augenblick war Alles still rings umher, nur ein stärkerer Blumenduft, «ls sonst dm traulichen Ort erfüllte, durchzog die sanft bewegte Luft. Horch, am Ende des Gartens erschallten leise Schritte, die Gestalt eines Mannes iu einen leichten Mantel gehüllt, tauchte beleuchtet vom hellen Sonnenschein auf, und näherte sich vorsichtig. Es war Nudolph. „Welchen Schritt will ich wagen," — flüsterte der junge Mann vor sich hin, am Rande der Fontaine stehen bleibend, — „im Hause der ungeliebten Braut will ich sie wiedersehen, zu still nächtlicher Stunde, jenes Mädchen, das mein zu nennen ich mein ganzes Dasein dahin geben würde. Wie müßte ich beschämt zu Boden blicken, wen» jetzt Angelika, meine Verlobte, erschiene und inne würde, daß der Mann, dem sie ihr ganzes Vertrauen geweiht, sie schändlich betrügt! Aber — betrüge ich sie denn?" — unterbrach er sich, „habe ich die Absicht, die Treue zu brechen, die ich ihr gelobt? Nein, bei Gott, das will ich nie, und diese Stunde möge es beweisen." Er hielt inne, denn er erblickte die Gartenthür des Hauses sich öffnen und Angelika die Jüngere, langsam den Weg nach der Fontaine einschlagen. In wenigen Minuten hatte sie den Ort erreicht. Das junge Mädchen sah wunderbar schön aus, das Licht des Mondes gab ihre« Zügen fast eine Marmorblässe, und wie eine überirdische Erscheinung dünkte sie de« Auge Rudolphs, als sie ihm gegenüberstand. Alles vergaß er in diesem Augenblick, da» einzige Gefühl des Wiedersehens der so lang Ersehnten verschlang alle Vorsätze, —- alle Gründe der berechnenden Vernunft. Er breitete die Arme aus, als wolle er die Heißgeliebte umfangen, und mit bebendem Tone flüsterte seine Lippe den Namen: „Meine Angelika!" Das junge Mädchen zitterte. Sie stützte sich auf den Rand der Fontaine, u« ihre Gefühle zu bemeistern — dann erwiderte sie: „Nicht also, Herr Baron von Duroy, nicht dieser Ton darf es sein, der meine« Namen nennt. Ihre Angelika ist meine Cousine, Ihre Braut — ich bin nichts weiter, als ein armes, schwaches Mädchen, das, um in Ihrer Mannesstärke Kraft und Trost zu suchen, sich in Ihren Augen compromittirt." „Nehmen Sie meinen Dank," fuhr sie fort, „daß Sie meinem Wunsche nachkamen. Ich mußte Sie sprechen, ehe die Morgensonne den neuen Tag verkündet, um zu erfahren, ob meines Bleibens in diesem Haufe sein darf, ohne die beste der Frauen schändlich z« verrathen?" „Angelika!" unterbrach Nudolph sie mit schmerzlichem Tone, „ich bin nicht mehr der Jüngling, der einst mit glühender Leidenschaft um Ihre Liebe sichte. Die Nothwendigkeit hat sich mit eisernen Klammern um mein Herz gelegt, und jede Wallung erstickt. Dennoch aber, Angelika — dennoch vermag sie nicht das theure Bild mit ihre« undurchdringlichen Wolken zu umschleiern, das als Ideal in meinem Herzen thront und dies Bild ist das Ihre. Ihrer Cousine reiche ich meine Hand, aber Ihnen bleibt mei« Herz, Ihnen bleiben alle meine Gedanken." „Wehe Ihnen, Herr Baron, daß noch immer dieser unselige Wahn Sie bethört," erwiderte Angelika. O lernen Sie meine Cousine näher kennen, glauben Sie mir, der Zwang der Verhältnisse macht sie nicht minder unglücklich, als Sie selber und vielleicht auch mich, denn sie liebt Sie, Herr Baron, mit der vollsten Glut eines nie entweihte« Herzens. Aber wie edel diese Liebe, wie cntsagungsreich sie ist, das möge Ihnen das Geständniß enthüllen, daß sie mich aus untergeordneter Stellung befreit und hierher gerufen hat, um für immer ihr Haus zu theilen." Nudolph fuhr auf. „Wie?" rief er. „Sie bleiben in meiner Nähe! Ich ssL Sie täglich, stündlich vor diesen Augen sehen, soll Ihre Stimme an mein Ohr, in mei« Herz dringen hören, o dies wäre das Glück des Paradieses, wenn es nicht für mich die Qualen des Tantalus bedeutete." Angelika legte sanft die Hand auf seine Schulter. „Richten Sie sich auf, mein Freund," sagte sie sanft. „Was nützt es, der Gefahr feige zu entweichen, die uns doch früher oder später trifft? Nudolph, wenu es wahr ist, wenn in Ihren Worten kein Falsch, daß ich noch nicht a«s Ihrem Herzen verdrängt, so hören Sie, was ich in dieser Stunde zu Ihnen rede." „O, ich will hören, als ob ein Engel mir das Heiligste der Evangelien verkündete.* 124 „Nudolph!" begann sie feierlich, „möge denn in dieser heilige» Nacht, «o Niemand »uS ficht. Niemand uns richtet, als der Ewige allein, dessen Sterne seinem Strahlcnauge gleich auf uns hcrniedcrschauen, jede Maske der Verstellung von uns fallen. Hätte ich gewußt, daß Sie der Mann sind, dem Angelika ihre Hand reichen soll, nie — niemals halte mein Fuß dieses Haus betreten. Denn, lassen Sie mich es aussprechen, und ich darf es ahne Errathen, ich liebe Sie, Rudolph, mit wahrer, inniger Liebe." „Du liebst mich!" wiederholte Rudolph mit seligem Ausdruck, o, noch einmal — ein einziges Mal wiederhole das Wort, das mich entschädigt für alle Leiden, die ich bis dahin erduldete." Er näherte sich mit ausgebreiteten Armen dem jungen Mädchen, aber ein fast befehlender Wink Angelika's hielt ihn zurück. „Lassen Sie mich ausreden," sagte sie ernst. „Ja, ich liebe Sie, vielleicht mit dem gleichen Gefühl, wie Sie meinem Bilde in Ihrem Herzen weihen. Was soll aus uns werden? — Zu welchem Verbrechen könnte uns die nie berechnende Leidenschaft treiben, wenn wir nicht der Stimme der Ehre, der Stimme der Pflicht Gehör geben wollen? Lasten Sie uns einen Bund schließen, der uns stärket vor jeder Versuchung; lasten Sie uns in diesem Augenblicke, wo wir einander gestehen, wie lieb wir einander sind, auch diese Liebe begraben. Denn wenn die Glut des Herzens die Bande zu sprengen drohte, dann müßte ich fort auf's Neue von dieser gastlichen Stätte, das kein Verrath beflecken soll, fort in die weite, große Welt, wo keine Frcundesbrust meiner harrt, mußte auf's Neue unter kalte, hartherzige Leute." (Fortsetzung folgt.) Ein Bischofs Jubiläum in Amerika. St. Franzis bei Milwaukee, 21. März 1869. Am 19. März, als am Feste des heiligen Joseph, war Milwaukee Zeuge einer Festlichkeit, die nicht bloß durch ihre Seltenheit, sondern auch durch die Pracht und Großartigkeit, mit der sie begangen wurde, noch lange in frischem Andenken verbleiben wird. Unser Hochwürdigster Bischof, Johann Martin Henni, der erste Oberhirte unserer Diözese, feierte nämlich au diesem Tage sein 25jühriges Bischofs-Jubiläum. Schon seit ein Paar Monaten zeigte sich in der Bischofsstab! ein reger Eifer, unter Katholiken sowohl als Protestanten, um dem allseitig beliebten greisen Obcrhirtcn eine würdige Fcst- Keier zu bereiten. Am Morgen des 1S. März vernahm man schon zu früher Stunde das festliche Geläute der Glocken von den Thürmen der sieben Pfarrkirchen der Stadt, und Kanonen- Donner trug die frohe Kunde in die umliegende Landschaft. Vom Dache des städtischen Gerichtshauses flatterte lustig das Sternenbanner, zum Beweise, daß auch die nicht katholischen Behörden von Milwaukee die Bedeutung des schönen Festes zu würdigen verstanden. Unterdessen hatten sich in der bischöflichen Wohnung die Priester von allen Seiten eingefunden, ungefähr 90 an der Zahl, von denen manche einen Weg von über 100 Meilen gemacht hatten, um der Feierlichkeit beizuwohnen. Ungefähr um 10 Uhr rückten die verschiedenen katholischen Vereine der Sradt mit flatternden Bannern, und unter den rauschenden Klängen der Musik vor die Kathedrale, wo sich bereits eine fast unübersehbare Volksmenge eingefunden hatte. Um 10 Uhr begann die feierliche Prozession der Priester und Seminaristen durch die Kathedrale zur bischöflichen Wohnung, wo der Jubelgreis in Empfang genommen und unter den festlichen Klängen der Musik zur Kirche geleitet wurde. Beim Einzüge der Prozession in dieselbe sang ein Chor von Seminaristen das Ucnt! suoerckos magnus, das auf die ohnehin von Festfreude erfüllten Gemüther einen um so größer» Eindruck hervorbrachte. Beim nun folgenden Pontifical - Amte bemerkte man auch im Prcsbytcrium den neuen Bischof von La Crofse, der gekommen war> 125 um seinem erlauchten Consecrator seine Glückwünsche darzubringen. Allgemein bedauert mau, daß der Hochwürdigste Erzbischof von Cincinati, der unsern Bischof vor 25 Jahren consecrirte, nicht erschienen war, obwohl er seine Ankunft bereits zugesagt hatte. Die Festpredigt hielt k. Gareschö auS der Gesellschaft Jesu, dessen glänzendes Rednerlalent auch bei dieser Gelegenheit allgemeinen Beifall erhielt. Ich kann nicht umhin, ein Urtheil anzuführen, das der sonst den Katholiken nicht günstig gestimmte „Evening Wisconsin" über diese Predigt brachte. „Wenn dies," schreibt daS Protestantische Blatt, „die so berühmten Jesuiten-Prcdigten sind, nnd wenn durch solche Predigten die Herzen gewonnen, und die Leute zum Katholicismus bewogen werden, wer sollte sich darüber wundern? Wenn durch diese Predigten dem Christenthum ein größerer Erfolg gesichert wird, als durch unsere Tractate und Bibel-Uebersetzungen, — was können wir dagegen sagen?" Nach vollendetem Pontifical-Amte versammelten sich die Priester und andere geladene Gäste im geräumigen Saale des nahen Waisenhauses, wo durch den opferwilligen Sinu der Kathedral-Gcmeinde ein großartiges Diner bereitet war. Am Ende desselben gab der hochwürdige General-Vikar Kundig, ein Landsmanu des Hochwürdigstcn Bischofs saus Graubünden in der Schweiz), eine kurze Skizze der Geschichte unserer Diözese, und sprach von den wunderbaren Segnungen des Himmels, während dieser 25 Jahre. Arm und unbekannt war dieser Oberhirle vor 25 Jahren in das unansehnliche Dorf Milwaukee eingezogen, und fand dort nichts als eine armselige Bretterkirche, dazu noch 400 Dollars Schulden, nnd in der ganzen Diöcese fünf Priester. Und jetzt haben wir eine blühende Diözese mit 150 Priestern, einer herrlichen Kathedrale, einem Seminar mit 200 Candidaten des Priesterthnms, und einer ansehnlichen Zahl von Ordenshäuscrn, wohlthätigen Anstalten und Schulen. Zum Schlüsse überreichte der Redner dem Hochwürdigstcn Bischof eine Börse mit 2000 Dollars, eine freiwillige Spende der Priester zur Bestreitung seiner diesjährigen Romreije. Darauf sprach Dr. Johuson, ein Mitglied der Kathedral-Gemeinde, die Gefühle der Liebe und Ergebenheit der Gemeinde und der ganzen Diözese in treffenden Worten aus. Nachdem noch der Maire der Stadt den verehrten Jubilar der Liebe und Zuneigung der ganzen Stadt versichert, und im Namen der Bürger Milwaukees seinen Glückwunsch dargebracht hatte, erhob sich Hochdcrsclbe mit Thränen der Rührung in den Augen, und dankte in ergreifenden Worten für diese so rührende Theilnahme. Er sprach auch von der liebevollen Zuneigung, die ihm von den Andersgläubigen immer zu Theil geworden, und zeigte der Versammlung ein wunderschönes Kreuz von lebenden Blumen, das ihm eine protestantische Dame zum Jubelfeste gespendet hatte. Die Feier schloß mit einem Concerte, das von den Zöglingen dcö Schulschwestern-Hauscs veranstaltet wurde. Im Laufe des Nachmittags wurde dem Gefeierten von den ältesten Einwohnern Milwaukees, ohne Unterschied der Confession, eine Adresse überreicht, welche folgende bemcrkcnöwerthe Stellen enthält: „Heule au Ihrem Ehrentage erinnern wir uns lebhaft des Empsanges, der Ihnen vor 25 Jahren zu Theil wurde. Wir freuten uns, daß ein Deutscher zu einer so hohen Würde in Ihrer Kirche erhoben worden war, und seinen Bischofssitz in Milwaukee nahm. Aber wir bewillkommlen auch in Ihnen „den Träger der Civilisation" nach dem Nordwcsten, den Verehrer von Kunst und Wissenschaft, den Literaten, der auf dem religiösem Gebiete, sowie auch außerhalb sich ausgezeichnet hatte, und von den» wir viel erwarteten für die Ausbreitung der deutschen Sprache, Kunst und Wissenschaft, sowie seine Mitwirkung zur materiellen Entwicklung von Wiskonsin. Unsere kühnsten Erwartungen sind weit übertroffen worden. Unsere Stadt, welche damals bloß 4000 Einwohner zahlte, enthält jetzt nahe an 100,000, — und Wiskonsin ist jetzt ein ' blühender Staat von einer Million Einwohner. Uebcrall sieht man die Spureu und Resultate Ihres Wirkens . . . Nehmen Sie daher heute auch unsere herzlichen Wünsche für Ihr ferneres, segensreiches Wirken, sowie zu dem Genuß der Ehren und Würden, 126 mit welchen Ihre Kirche Sie in Anerkennung Ihrer außerordentlichen Verdienste bekleidet." So war dieses Fest ein Freudenfest, nicht bloß für die Katholiken, sondern für die ^ gesammte Bürgerschaft von Milwaukee. Auch die nicht katholischen Zeitungen der Stadt ! brachten umständliche Berichte über die Festfeier, — und wetteiferten in Ausdrücken der Anerkennung und Bewunderung für den edlen Charakter und das unermüdliche Wirken ! unseres Oberhirten. Möge Ihn Gott noch lange Jahre seiner treu ergebenen Diözese erhalten! Joseph Rainer. ^ Die Kindersterblichkeit in Bayern. Der Vertrag des Stiftsprobst Dr. v. D ö l l i n g e r in der Reichsraths-Kammer am 20. v. M. hat in der Aufführung der statistischen Thatsachen über die große Kindersterblichkeit in Bayern für Viele Ueberraschung und Beunruhigung gebracht, und diese exemplln Thatsachen scheinen vorwurfsvoll für die Staatsregierung und für die Bevölkerung. Daß in Bayern große Kinderstcrblichkeit herrscht, ist richtig, diese Thatsache steht aber nicht allein und unaufgeklärt da, sondern sie hat ihre ebenso statistisch nachweisbare wie physiologisch begründete Erklärung. Die Aufklärung wird gegeben in den excinpten topographischen Verhältnissen Bayerns in Folge seiner Höhelage gegenüber den verglichenen anderen Ländern und Staaten. Die bayerische Hochebene südlich der Donau ist nach der kastilischen Hochebene Spaniens die höchst gelegene und ausgedehnteste Europa's, und Mittelfrankcn bildet die höchstgelegene Terasse Deutschlands nördlich der Donau, und die Wasserscheide zwischen Rhein und Donau. Im ärztlichen Jntclligenzblatte, Jahrgang 1860, S. 729, welches im Besitze jedes Bezirksarztes ist, ist eine Zusammenstellung von der Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahre in Bayern während der 22 Jahre von 1835/36 bis mit 1856 57 nach einzelnen Jahrgängen und Kreisen, über 3,310,278 lebend geborener Kinder, gegeben. Die Zahl der Todtgeborcnen wechselt nach den Con- fessionen der Bevölkerung vom Einfachen bis zum Dreifachen. Bei katholischer Bevölkerung ist die Nothtaufe nach der Beendigung der Geburt zulässig und geschieht deßhalb meist bei schwierigen Geburten, wenn nach der Meinung der Hebamme das Kind lebt. Wird das Kind todtgeborcn, so wird es, weil getauft, als lebendig geboren registrirt. In Mittelfranken mit einer katholischen Bevölkerung von nur 21 Procent kommen nach 25jährigem Durchschnitte auf je 10,000 Geburten 430 Todtgcburten, in Niedcrbaycrn mit 99 Procent katholischer Bevölkerung nur je 166 Todtgeburten. Nach der im ärztlichen Jntelligenzblatte mitgetheilten Zusammenstellung sind von den in den 22 Jahren 1835/57 in Bayern lebend geborenen 3,310,278 Kindern im ersten Lebensjahr 996,005 oder 30 Procent gestorben. Nach einzelnen Regierungs-Bezirken hat sich übereinstimmend für jedes einzelne Jahr und für jedes der vier Quinquennien die durchschnittliche Sterblichkeit berechnet in der Reihenfolge der Häufigkeit in Schwaben 40,2 Procent von hundert Lebendgeborenen, in Oberbayern 39,5 Proc., Niedcrbaycrn 34,0 Proc., Oberpfalz 31,6 Proc., Mittelfranken 30,1 Proc., Unterfranken 23,5 Proc., Obcrfranken 21,0 Proc, Pfalz 18,4 Proc. Diese Reihenfolge wurde in keinem der 22 Jahre gestört oder gewechselt, und Dieses zeigt auf eine territorial zwingende Ursache. Eine Parallele findet sich nur für diese Unterschiede in den Elevations-Verhältnissen der einzelnen Regierungs- Bezirke je n»ch der Erhebung des Bodens über der Meeresoberfläche. Die einzelnen Regierungs-Bezirke bilden für diese summarische Betrachtung ganz allgemeine Unterschiede, verschieden hohe Terafsen, angezeigt durch den Lauf der Flüsse. Vom Regierungs- Bezirke Schwaben fließen, als von der höchsten Terasse, alle Wasser ab und bespülen hierauf die Regierungs-Bezirke Obcrbayern und Niedcrbaycrn; von der Oberpfalz fließen alle Flüsse ab nach Niedcrbaycrn, von Mittelfrankcn fallen die Wasser ab nach der Donau oder dem Rhein, es ist höher gelegen als die Kreise Ober- und Unterfranken, und diese wieder höher als die Pfalz, wohin die Flüsse Frankens abfließen. Diese Parallele ent« 127 spricht nicht bloß der Reihe, sondern auch der Intensität nach der Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahre, mit der einzigen Ausnahme von Ober- und Unterfranken, indem im höher gelegenen Oberfranken die Kmdersterblichkeit 21 Proc., in Untcrfrankcn 23 Procent ist. Eine veranlaßte gleichmäßige Erhebung der Lcbendgeborencn und der im ersten Lebensjahre Gestorbenen in den zehn Jahren 1846/56 von Regierungs-Rath Dr. Sick hat ergeben, daß dort bei Ausscheidung der einzelnen Oberämter (also kleineren Bezirken) die Unterschiede noch größer sind. Ju den höchstgelegencn Oberämtcrn der rauhen Alpe sind von 100 Lebendgeborenen durchschnittlich im ersten Lebensjahre 51 gestorben und im tiefstgelegcnen Oberamt Mergentheim in allmähligcr territorialer Abstufung nach der Höhe nur 23 Procent. Es erscheint nun nicht mehr auffallend, daß in den Tief- und Flachländern Preußens, Belgiens und Hollands und selbst Frankreichs eine geringere Sterblichkeit ist, wie in der bayerischen Nhcinpfalz, weil dort wie hier die Elevation über die Mceresfläche eine geringe, somit das Klima den neugeborenen Kindern günstig ist. Es bedarf nur einer eingehenden Betrachtung dieser Verhältnisse, um dieselben bei Anwendung großer Zahlen auch immer bestätigt zu finden. — Und wäre es nicht die Statistik, so wäre es ferner die Physiologie, welche diese Thesis der größeren Kmdersterblichkeit in Hochländern aufstellen würde. Das zarte Leben der Neugeborenen ist gegen Wittcrungs - Einflüsse am Empfindlichsten, und keine Kunst und keine Gunst der Kultur, der Wohnung, der Pflege kann die dünnere Luft, den raschen Temperaturwechsel, die stärkere Verdunstung, die intensivere Inhalation, die häufigen Winde, die stärkeren Barometer- und Thermometer- Schwankungen in Hochländern beseitigen. Es war und wird deßhalb immer so bleiben. Die Früjahrsfröstc, welche so viele Blüthen und Hoffnungen in der Pflanzenwelt zerstören, sind permanent für die ersten Blüthen des Menschengeschlechtes durch die Eigenthümlichkeit des Klima's auf Hochebenen. Dagegen für die späteren Jahre ist dieses Klima der Entwicklung günstiger, und die besten Soldaten, die hohen Lebensalter und die größte Fruchtbarkeit der Ehen finden sich auf diesen Territorien, was in dem oben erwähnten ärztlichen Jntelligenzblatt nachgewiesen ist. Neben dieser Allgemeinheit der physikalischen Agentien als dem mächtigsten Regulator der Sterblichkeit im ersten Lebensjahre bleibt aber noch die Macht der Kultur und Gesittung, welche durch diese Thesis nicht abgeschwächt werden soll. Nur versuche man nicht, mit kleinen Zahlen und Beispielen diese allgemeine Erfahrung und physiologische Thesis zu widerlegen. Die Statistik hat nur Werth und Geltung in großen Zahlen, niemals bei kleinen, und hier kann nur die Regel gefunden werden, wenn mit wenigstens 100,000 Lebcndgcboreneu gerechnet wird, die auch in kleinen Gemeinden gefunden werden können, wenn das Material für eine lange Reihe von Jahren zurück vorhanden ist. Die Regel und das Gesetz der Mehr- geburt von Kuabcu, daß auf je 100 Mädchen 105 bis 107 Knaben geboren werden, findet sich nie bei kleinen Zahlen und in einzelnen Gemeinden, immer aber, wenn wenigstens 100,000 Geburten registrirt werden. Diese kleine Schwankung von 105 bis 107 muß den Irrungen bei der Registrirung offen gelassen werden, weil die unreif und todt Geborenen nicht regelmäßig constatirt werden, und diese das Gesetz mit constituircn. — Die Thatsache der stets zunehmenden Kindersterblichkeit in Bayern seit 1835 beweist, daß außer territorialen Einflüssen, welche alle Jahrzehnte gleichbleibend zu erachten sind, noch andere Factoren für diese Steigerung wirksam werden. Nach einer Zusammenstellung von Dr. Mayer, Mitarbeiter im statistischen Bureau in München, waren von je tausend Leichen solche im Alter von 0 bis 1 Jahr im Durchschnitt der 25 Jahre 1835 60: 390, im Jahre 1863/64: 424 und im Jahre 1864,65: 414, also eine Differenz von 14 Proccnt zwischen dem Durchschnitt der ersten 25 Jahre nnd dem letzten Jahre. — Dasselbe Verhältniß der Steigerung zwischen 10 und 16 Proccnt berechnet sich bei jedem einzelnen Kreise in denselben Zcitperiodcn. Diese regelmäßige Steigerung in allen Kreisen imponirt, und hier ist die Ursache in ethnographischen socialen Zuständen zu suchen. — Die allgemeine» hygienischen Verhältnisse, Wohnung, Nahrung, Kleidung, haben sich in diesen Zeitpcrioden überall gebessert, und die Sonne der Cultur und Civilisation verbreitet ihr Licht und Wärme auf Arme und Reiche, auf Stadt und Land, hier sind die Ursachen nicht zu suchen. Wenn nicht eine Minderung der Qualität der Eltern und Ehen angenommen werden will, was in dieser Allgemeinheit nicht denkbar ist, wäre eine andere Parallele zu suchen, welche solche Wirkung erklären kann. Es ist Dieses eingehender Betrachtung werth zuerst vom statistischen Bureau zur Feststellung der Thatsache, dann von den Aerzten und Bcrwaltungs - Beamten zur Aufklärung der Ursache. Ein Weg zur Verfolgung wurde schon in der Neichsraths-Kammcr angedeutet, der Unterricht, die Qualität und Wirksamkeit der Hebammen. Daneben ist die Abnahme erfahrener ärztlicher Hilfe auf dem Lande in Betracht zu ziehen, wo die Aerzte und Wundärzte immer seltener werden, und die Kindcr-Praxis kaum geübt und gepflegt wird. (Südd. T.) Zwei Beispiele von Nächstenliebe. Das „Hildeshcimcr Sonntagsblatt" schreibt: „In der ersten französischen Revolution verfolgten zwei republikanische Dragoner Aurain, den Pfarrer von Figrai. Dieser erreichte auf der Flucht das Feld und durchschwamm einen kleinen Fluß. Ein Dragoner stürzt ihm nach, sinkt unter und schreit um Hilfe. Der Priester einer Religion, welche Feindcsliebe lehrt, kann nicht taub bleiben gegen die Stimme eines um Hilfe rufenden ! Feindes. Rasch wendet er sich um, wirft sich neuerdings in die Fluthcn und bringt den halbtodten Soldaten an'S User. Als dieser wieder zu sich gekommen war, erkennt er den Pfarrer von Figrai. „Wie!" ruft er aus, „Sie sind es, der mich gerettet hat? Sie, den ich verfolgte, dein ich den Tod geschworen hatte? Man hat uns also hintergangcn, da man uns immer iu die Ohren schrie, die Priester dürsteten nur nach Rache!" Ja wohl hat man euch hintcrgangen, ihr Leute! j Wir fügen ein Beispiel bei, das wir anderwärts einmal gelesen haben. ^ In Paris kam ein Mann zum Sterben, und er konnte nicht sterben. Sein Anblick ^ war grauenerregend, denn schrecklich gcbcrdelc er sich, schrie, heulte, zuckte zusammen, — ? warf sich ächzend auf seinem Lager hin und her. Seine Frau konnte nicht länger Zeuge dieser Verzweiflung sein. Sie ging, um einen Priester zu suchen; aber die Priester ' waren gemordet und verjagt, und die nicht gemordet und verjagt waren, die hielten sich !! verborgen. Aber durch gute Leute erfragte die gcängstigtc Frau doch einen, und dieser !j ging mit ihr in das Haus des Schreckens. Als er vor dem Kranken stand, kam dieser zu sich. Er konnte seinen Augen nicht trauen, er rieb sie, er stützte die Hände auf das !, Bett und raffte sich mit verzweifelter Kraft auf, und schaute dem Priester in's lächelnde § Angesicht. Ja, es war ein Priester, er konnte sich nicht täuschen, der Engel der Verzweiflung malte ihm kein Schattenbild vor. Kraftlos sank er in die Kiffen zurück und s stöhnte: „Wie, Sie, ein Priester bei mir? Sie wissen nicht, daß ich einer von den z September-Mördern bin? Ich habe, o wie viele Priester erschlagen, ich habe ihr Blnt ^ getrunken..." — „Seien Sie froh," sagte der Priester, „daß Sie noch einen übrig gelassen haben, der jetzt da ist, um Sie mu Gott zu versöhnen." ^ In Wien gab'S eine großartige Beleuchtung, als Kaiser Franz nach Beendigung ! deS französischen Krieges wieder einzog. Da fand sich an einem geringen Hause ei» s Transparent, auf welchem ein Franziskaner abgebildet war, über seinem Haupte das ! Wörtkcin: „liebern." Jedermann, auch die kaiserlichen Herrschaften, zerbrach sich den Kopf wegen des Sinnes. Da rief ein Schuster-Junge aus der Menge: „Schauen'-! Doas sagt ja ganz deutli: Ueber'n Franz is' Kaner." Drnck, Aerlag und Redaction des »lterarischen Justitnt« »on Dr. M. Huttler. ) Nro. 17. 25. April 18'i9. Ä l'i E? lT- ^ Unter dem Mutterherzeu keimt des Kindes Leben, am rm Muttterherzen und aus ihm heraus soll es erblühen. Mutterherzen eulwickclr es sich. Julie Burow. Die Entsagenden. (Fortsetzung.) Der Ton, in dem Angelika diese Worte sprach, rührte den jungen Mann fast bis zu Thränen. „Sei es denn," erwiderte er, „ich will den Kampf aufnehmen mit Leidenschaft und Pflicht. Wie schwer er mir wird, davon ist diese Stunde Zeuge. Mit festen Vorsätzen, mit wohlklingenden Phrasen betrat ich diesen Ort, ich dünkte mich ein Titan an Tugend und Entsagungskraft; ach, und jetzt, da ich Dich wieder gesehen, Angelika, da sank ich zum Pygmäen herab, dessen Willenskraft dahin schwankt, wie das herrenlose Boot auf den Wogen des Oceans. Aber wenn jene Stunde kommt, wo der Mensch, der Sterbliche mit seinen Fehlern und Schwächen in mir erwacht, wo mein Geist — ermattet in seinem ungleichen Kampfe, da versprich nur, daß Du dann mich hören willst, ehe es zu spät ist; daß Du auch dann mein Führer bleiben und entscheiden willst, was ich rhun, was ich lassen soll!" „O möge dieser Tag, ewig, — ewig fern bleiben!" rief Angelika; „aber sei rS darum," fuhr sie fort, „wer sagt mir, ob nicht auch für mich früher oder später, ob nicht auch mein Herz erliegt in diesem unseligen Zwiespalt? Vertrauen und Entsagung heiße fortan unsere Devise; und so lasten Sie uns scheiden." „Vertrauen und Entsagung!" — wiederholte Rndolph, die dargebotene Rechte deS Mädchens erfassend, und sie heftig in der seinen Pressend. Aber mit rascher Bewegung zog sie Angelika zurück und wies auf das Haus, das der helle Strahl des Mondes beleuchtete. „Sehen Sie dort!" flüsterte sie, „Angclüa, wacht, großer Gott, wenn sie uns entdeckte!" Der Baron blickte in der bezeichneten Richtung hin. Ein matter Lichtschein drauq aus tiiem der Fenster, das bis jetzt völlig dunkel gewesen war, er wußte, daß dieses Zimmer seiner Braut gehörte. „Fliehen Sie von diesem Orte," fuhr Angelika fort, „ehe es zu spät, möge Gott mir beistehcn, unbemerkt meine Kammer zu erreichen." Ein flüchtiger Druck der Hand und die Beiden trennten sich. Angelika sah dem jungen Manne nach, bis seine Gestalt im Schatten der Bäume verschwand, — und der letzte Tritt verhallt war. Dann aber löste sich die Miene der Zurückhaltung, die sie bisher künstlich zur Schau getragen hatte, und ein Strom heißer Thränen raun wie ein erquickender Born über ihre Wangen. Ein einziger Blick zum Stcrnenhimmel kündete den Schmerz, den diese Stunde über sie gebracht hatte. Langsam, mit unhvrbarcn Schritten, schlich sie in's Haus zurück. Alles war tief stille und säst glaubte sie, daß ihre Cousine erwacht sei, sich getäuscht zu haben, als sie Angelika's Zimmerthür sich öffnen und dieselbe — eine Kerze in der Hand — auf dem Corridor erscheinen sah. Ihr Herz klopfte fast hörbar unter dem ernsten, fast vorwurfsvollen Blicke des Mädchens, ihr war eS, als ob sie eine Sünde begangen habe, und stumm, keines Wortes Mächtig, stand sie da. * - K 130 „Du warst im Garten," —> begann endlich die ältere Angelika, „kannst Du nicht Ruhe finden?" „Es war ein schwüler Tag," stammelte die Angeredete, „und mein Blut so erhitzt von der Reise, daß ich ein wenig Kühlung in der srischen Nachtluft suchte." Der Blick ihrer Cousine ward durchdringender. „Seltsam," sagte sie, „war mir doch, als hörte ich flüsternde Stimmen von meinem Fenster aus im Garten; ja, als sähe ich zwei Gestalten am Rande der Fontaine, von denen nur Eine in das Haus zurückkehrte. Es wird auch wohl nur eine Phantasmagorie der erregten Sinne gewesen sein." Das junge Mädchen erröthcte. „Was willst Du damit sagen," fragte sie zitternd, „mit wem soll ich in stiller Nacht im Garten Deines Hauses geredet haben?" Angelika schwieg. Nach einer Pause ergriff sie beide Hände ihrer Cousine und rief im herzlichen Tone: „O zürne mir nicht, mein Kind, sich', der finstere Dämon, von dem ich Dir erzählt, kam über mich diese Nacht. Mir war's, als tönte mahnend in mein Ohr der Ruf: Du bist verrathen, und auf trieb es mich von, Lager. Mit Fieberhitze durchglühte es mich, und ich trat an'S Fenster, um im Anblick der friedlichen schlüinmerndeu Natur meine Aufregung zu bemeistcrn. Da war mir'S, pls sähe ich Dich im weißen Gewände, und zu Deinen Füßen, den Arm um Dich geschlungen, lag Rudolph, — Du erwidertest seinen Kuß und spottetest meiner, der Verrathenen, die doch selbst ein Opfer der Verhältnisse ward. Aber jetzt, da ich Dich vor mir sehe, da ich in Dein liebes, treues Auge schaue, da weichen die finsteren Mächte von mir, und ich bin wieder die Alte, glaubend und vertrauend. Und nicht wahr, Angelika, Du wirst, Du kannst mich nicht verrathen!" „Nie, niemals!" — rief Angelika glühend, die Arme um ihre Cousine schlingend, „eher sterben!" „So laß uns die lang vermißte Ruhe aus's Neue suchen und hoffentlich mit besserem Erfolge," sagte diese, einen Kuß auf die Stirne des jungen Mädchens drückend. „Gute Nacht, mein Kind." Die Verwandten trennten sich, und bald herrschte aus's Neue ein tiefes, aber dicseSmal ununterbrochenes Schweigen im Hause des Direktors. Wochen verstrichen; der Zeitpunkt, wo die Trauung dcS vielbesprochenen Paares- stattfinden sollte, rückte immer näher heran, — und mit jedem Tage ging stärker ein Geflüster durch die Stadt und die umliegenden Güter. Wetten wurden gemacht, ob- die Ceremonie mit Gepränge oder ganz im Stillen begangen werde, ja Emige wollten sogar behaupten, daß man sie noch am letzten Tage, als nicht stattfindend verkündige.. Nur die Hauptpersonen der über sie ergehenden Vermuthungen schienen mehr oder minder die Unbethciligsten bei der ganzen Sache zu sein. Sowohl Angelika, als auch Baron Rudolph trugen vor den Augen der neugierigen Menge ein immer gleiches, undurchdringliches Antlitz zur Schau. Allein Gcsichtsmienen gleichen den Pulverminen, sie bergen Aufregung unter sanfter, ruhiger Oberfläche, und nur der Eingeweihte vermag sie zu enträthscln. Dagegen sprach man von einer bedenklichen Abnahme der Geisteskräfte des altem Baron Duroy, der seit einiger Zeit wie ein Einsiedler auf seinem Schlöffe lebte, und- mancher Scharfblickende glaubte bemerkt zu haben, daß diese Jsoliruug von dem Tage an geschehen sei, wo sich öffentlich die Verlobung seines Sohnes mit der Nichte des Direktors ausgesprochen hatte. Ein peinlicher Zustand herrschte sowohl auf dem Schlöffe, wo sich seit einiger Zcib die Familien, die bald ein engeres Band vereinen sollte, zusammenfanden, als auch im Hause des Direktors. Rudolph, der von Tag zu Tag bleicher ward, bot seine ganze- Kraft auf, um seine Braut über die Wahrheit seines inneren Leidens zu täuschen, das- er ciuer momentanen Unpäßlichkeit zuschrieb. Und in der That schien ein Fieber über ihn gekommen zu sein, eine nie an ihm gekannte Leidenschaft trat in Rede und That hervor, seine Blicke schweiften unstät und irrend, und hefteten sich mit glühendem Ausdruck auf die jüngere Angelika. Welche Qualen seine Braut bei diesem Zustande ihres Verlobten litt, können wir nicht beschreiben. Sie sah die wachsende Leidenschaft des jungen Mannes zu ihrer Cousine, aber sie schwieg, und nur Nachts, wenn sie allein war, schüttete sie in brünstigen, thräncnreichen Gebeten ihr ganzes Herzeleid in den Schooß des Ewigen. Dagegen schien das junge Mädchen nichts von dem seltsamen Betragen Rudolph'S gegen sie zu gewahren, ja, geschah es, daß ihre Augen sich einmal begegneten, so geschah dies von ihrer Seite mit einem strengen, abweisenden Ausdruck, — der den Baron erröthen ließ. Das junge Mädchen schien die Einzige zu sein, die Heiterkeit und Licht in ein Haus brachte, über dessen Bewohner die Traurigkeit einen Schleier geworfen hatte. Selbst der finstere Direktor ward heiterer gestimmt, wenn er ihre frische, wohlklingende Stimme vernahm. Wenn sie das Clavicr öffnete und muntere Weisen sang, erschien sie so fröhlich und sorglos, als sei nie ein Gedanke des Leidens in ihr Herz gezogen. Keiner, außer Angelika, die oft in nächtlicher Weile still den Töne» mit bitteren Thränen lauschte, ahnte, daß dieselbe Stimme, wenn Alles zur Nuhc gegangen war, gar traurig durch die Nachtluft drang, und Lieder sang, voller SchnsuchtSschmerz und Herzensweh. Aber eine geheime Furcht hielt die Braut ab, den Schleier von diesen Entdeckungen zu ziehen. Sie war blind 'mit sehenden Augen, und wie das Qpfer, das keinen Ausweg sucht, dem sich vor ihm austhürmcndcn Schaffst zu entrinnen, schritt sie bleich und gefaßt ihrem Veihüngniß entgegen. Noch einmal hatte sie ihren Onkel beschworen, das Band, das sein Wille aneinander kettete, noch im letzten Augenblick zu lösen, aber der Direktor, der nur in diesem Verlangen eine Schonung der Duroy sah, hatte sie entschieden zurückgewiesen, und einen Tag bestimmt, an dem die Trauung stattfinden sollte. „Der Alte muß den Kelch leeren bis auf die letzte Hefe," sagte er bitter. „Seine Strafe wird erst von dem Tage an beginnen, da er gezwungen sein wird, Duroy zu verlassen und von der Gnade meiner Nichte zu existiern, oder fern von der Welt seine letzten Tage öde und einsam zu verbringen." „Und glauben Sie, daß sich Baron Leopold nicht an diese Einsamkeit gewöhnen könne?" fragte Angelika; „ja, daß nicht dort einst Zufriedenheit in sein durch Neue und Buße geläutertes Herz einkehre?" „Lehre mich nicht Leopold kennen," — rief der Direktor. „Eher würde er sich im Zuchthaus«: zufrieden geben, denn dort findet er Gesellschaft und braucht sich nicht zu verstellen. Und dennoch Hütte ich mich nicht gescheut, den stolzen Edelmann vor die Schranken des Criminalgcrichts zu ziehen, wäre nicht im tiefsten Winkel des Herzens die Erinnerung an eine frühere glückliche Zeit aufgetaucht, und hätte leise um Erbarmen für den Schuldigen gefleht." Aber kaum unterbrach er sich, — „ich höre Deinen Nudolph unten, Du magst ihm selbst den Tag Eurer Vermählung verkündigen, oder soll ich Deiner Cousine den Lusirag geben, wenn sich Dein Zartgefühl dagegen sträubt?" „Ja, Angelika möge ihm Ihren Willen offenbaren," erwiderte seine Nichte, „ich habe nicht die itraft, einem Schuldlosen sein Todcsurtheil darzureichen." „Du setzest Dich selbst herab, indem Du ihm eine so starke Abneigung gegen die Verbindung mit Dir zuschreibst. Ich gebe Dir mein Wort, daß der Geist, die Güte und die Anmuth deines Herzens ihn an Dich fesseln, — und wenn je eine Liebe in seinem Herzen wohnte, diese ausgelöscht ist, seitdem er sich Deinen Verlobien nennt." „Sie täuschen mich nicht. O, ich kenne das Antlitz Nudolph's besser. Er leidet unsäglich, — da sein edler Sinn ihn verhindert, mir jemals die geschworene Treue zu brechen, und mich lieben — wird er niemals können, denn mein Anblick wird ihn zu jeder Zeit an das Opfer erinnern, das er, seinem Vater brachte." 132 „Wenn Du dies fürchtest/' unterbrach sie der Direktor, „warum nahmst Du denn Deine Cousine bei Dir auf? Fürchtest Du nicht, Dich von ihr verdunkelt zu sehen? Ist Dein Verfahren, ein junges blühendes Mädchen täglich vor die Augen eines leidenschaftlichen Gatten zu bringen, — nicht eine mehr oder weniger direkte Mahnung zur Untreue?" „Möge Golt die Zukunft leiten," antwortete das junge Mädchen, „mir war's, aks ob eine innere Stimme mir befahl, Angclika's Ankunft zu beschleunigen. Sie erschien nur als der gute Genius der Trostlosen, durch sie glaubte ich, müsse Alles, Alles gut werden. Sie liebt mich, Oheim, und diese Liebe, vereint mit Nudolph'ö Edelmuth, bürgen mir für die Zukunft. Und nun noch eines, mein Oheim! Gestatten Sie mir, von meinem Vermögen Ihre Forderungen an den alten Baron zu decken; lassen Sie jenes Kästchen, das den Preis des OpfcrS seines Sohnes enthält, neben dem verhängniß- vollen Wechsel auch die andern Papiere umschließen, nehmen Sie ihm nicht die Stätte, an der sein Herz hängt." „Sein Gut muß mein werden," erwiderte der Direktor. „Schon sind die bezüglichen Dokumente in meinen Händen. Eure Trauung wird in der dortigen Kapelle vollzogen, und sobald die Ceremonie beendet, verläßt Baron Leopold die Gegend auf Nimmer» Wiedersehen, vor den Augen der Menschen zwar vor Schande gerettet, aber entehrt vor seinem eigenen Gewissen und entfernt von seinem Sohne, den er liebt. So rächt sich der Fluch einer schändlich Geopferten." Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn. Auf sein „Herein" erschien Angelika auf der Schwelle. Sie war sehr bleich und eine unterdrückte Aufregung lag in ihren Zügen. — „Baron Nudolph ist so eben angelangt," redete sie zu dem Direktor gewandt, „er fragt nach seiner Braut." „Gut, daß Du kommst," unterbrach sie der alte Herr. „Du magst ihm anzeigen, daß am nächsten Mittwoch seine Trauung mit Deiner Cousine stattfindet. Aus Deinem Munde wird ihm diese Kunde sicherlich wie eine Engelsboischaft tönen." „Wer — ich?" — rief Angelika zitternd, sich fast vergessend, „ich sollte — — o niemals!" Der Direktor blickte sie erstaunt an. „Was könnte dieser Auftrag für Dich Unangenehmes enthalten? — Sollte man fast meinen, die Eifersucht spräche aus Deinem Weigern!" Mit fast übermenschlicher Anstrengung bezwäng das junge Mädchen ihre Gefühle. „Angelika braucht Nichts zu besorgen," erwiderte sie, „denn der Baron ist für mich ein zu rrnuriger Liebhaber. Aber wenn mich Ihr Auftrag erschreckte, so geschah es, weil sich mir die Betrach ung aufdrängte, wie verhängnißvoll meine Botschaft sei." „So laß uns hinuntergehen," sagte der Direktor sich erhebend, „der Bräutigam harrt gewiß schon mit Ungeduld." Nudolph saß am geöffneten Flügel, als die Mädchen vom Direktor gefolgt, den Salon betraten, seine Finger flogen stürmisch über die Tasten, als wollten sie die Wogen schildern, die durch seine Seele fluthctcn. leise trat die jüngere Angelika hinter ihn. „Herr Baron von Duroy," flüsterte sie, „ich bringe Ihnen eine Botschaft, die Sie erfreuen wird." Nudolph wandle sich um, sein Antlitz war von Thränen überflnthct. „Großer Gott> Sie haben geweint, Nudolph!" — rief sie mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes. Der Ton, mit dem ihre Cousine diese Worte sprach, ließen Angelika herbei eilen. „Thränen, mein Freund," flüsterte sie, die Hand des Barons ergreifend, ,o wen beweinen Sie in dieser Stunde von uns Dreien?" „Still!" flüsterte das junge Mädchen, auf den Direktor deutend, der eben näher 133 trat. „Ich soll Ihnen eine freudige Kunde bringen, beauftragt mich der Oheim. Am nächsten Mittwoch findet Ihre Trauung statt." Sie hatte diese Worie mühsam zu Ende gebracht, aber jetzt, noch ehe Nudolph — der wie ein Trunkener schwankte — eine Silbe erwidern konnte, fuhr sie mit lauter Stimme fort: „Und jetzt ein fröhliches Licdchen nach dieser traurigen Kunde. Hören Sie doch, Herr Baron, was ich diesen Morgen von der Handlung gesandt erhalten habe. Es ist vom Licblings-Componistcn der ganzen Residenz." (Fortsetzung folgt.) Humanität Pius des Neunten Im vergangenen Jahre durchwanderte Papst Pius der Neunte einmal ganz allein die Zimmer und Säle des VaticanS, um sich, nach dem Gebote seines Arztes, etwas Bewegung zu machen, was er, ungünstigen Wetters halber, im Freien nicht ausführen konnte. In einem der Säle bemerkte er einen sehr jungen Mann, der in stummer Betrachtung, oder vielmehr Verzückung, vor einem bewunderungswürdigen Fresko-Gemälde des „göttlichen Raphael," wie ihn seine Landslcute nennen, dastand. Stillschweigend wollte der Papst vorüberschreiten, um den Kunst-Enthusiasten nicht zu stören; aber dieser hörte dennoch leichtes Geräusch und wandte das Haupt, worauf er sich tief verbeugte, als er den Greis in seinem weißen Gewände vor sich stehen sah, der ihn mit freundlichem und klugem Lächeln betrachtete. Pins hatte eine Künstlcrseele in dem jungen Menschen errathen, und fragte denselben wohlwollend: „Sind Sie ein Maler, mein Sohn?" „Ja, heiliger Vater, ich möchte wenigstens einer werden." „Wahrscheinlich sind Sie Ihrer Studien halber nach Rom gekommen?" „So ist es, heiliger Vater." „Ohne Zweifel sind Sie ein Schüler der hiesigen Maler-Akademie?" „Ach nein, leider nicht." „So haben Sie irgend einen besondern Lehrer?" „Nein, auch das nicht, ich bin zu arm dazu. Ich muß meine Studien ganz allein machen und habe mir Raphael zum Lehrer und Meister auserkoren." „Nun, mein Sohn, es wäre doch vielleicht bester für Sie, wenn Sie in die Akademie einträten. Thun Sie es so bald als möglich; wenn es Ihnen recht ist, werde ich die Kosten übernehmen." „O, heiliger Vater, wie kann ich — " „Still, danken Sie mir nicht." „Aber Eure Heiligkeit misten nicht, daß ich —" „Sprechen Sie, mein Sohn, was haben Sie auf dem Herzen?" sagte PiuS gütig. „Ich bin Protestant." „Oh," erwiederte lachend der Papst, „was geht das die Akademie an?" Seit dieser Zeit studirt Georg Johnston auf Kosten des Papstes auf der römischen Maler-Akademie, und gedenkt seinem Gönner alle Ehre zu machen. (Warum hat PinS IX. seine Primiz in einem Waiscnhause- gefeiert?) Ein junger Geistlicher, erzählt Abbs Dumax in dem interessanten Büchlein: „Charakteristische Züge aus dem Leben Pius IX." (Mainz bei Kirchhcim, dritte Auflage), hatte die Ehre, einige Tage nach seiner Ordination zum Priester vom heiligen Vater in besonderer Audienz empfangen zu werden. „Mein theuerer Sohn," 134 sagte liebevoll Pius IX., nachdem er ihm seinen Segen gegeben, „Sie find jetzt Priester «nd haben bereits mehrfach das Gluck gehabt, das heilige Meßopfer darzubringen." — ' „Ja, heiliger Vater." — „Und «o, mein Sohn, haben Sie Ihre erste Messe gelesen?" „Zu Sanct Pclcr in den Grotten des Vaticans." — „Sehr wohl ... : Es muß Ihnen dies zu hoher Freude gereichen, ich wünsche Ihnen Glück. Was mich ! anbelangt, ich las meine erste Messe im Tata Giovanni, mitten unter den armen Waisen." Bei diesen Worten sammelte sich der heilige Vater einige ? Augenblicke, wie um in freundliche Erinnerungen sich zu Verliesen. Dann das Gespräch wieder aufnehmend, fragte er: „Und wo, mein Sohn, haben Sie Ihre zweite Messe gelesen?" — „Heiliger Vater, zu Santa Maria Maggiore." — „O, ein herrlicher und frommer Gedanke! Santa Maria Maggiore, ein köstliches Hciligthum. Ich beglückwünsche Sie nochmals, mein Sohn. WaS mich anbelangt, so las ich meine zweite heilige Messe im Tata Giovanni! . . . Arme Kinder!" Der heilige Vater beugte bei den > letzten Worten das Haupt und schwieg länger als vorher. Hierauf zum dritten Male > an den jungen Priester sich wendend, fragte er ihn wieder: „Und wo haben Sie Ihre I dritte Messe gelesen?" — „Zu Sanct Johannes vom Lateran." — „Sehr gut, sehr s gut, mein Sohn; ich bewundere die Frömmigkeit und die glückliche Wahl, die Ihr Herz i getroffen. Sanct Johannes vom Lateran ist mit Sanct Peter und Santa Maggiore ! eines der erhabensten Gotteshäuser der katholischen Welt. Was mich anbelangt, so habe i ich meine dritte Messe immer noch im Tata Giovanni gelesen, und dort," fügte der hei- i lige Vater mit weicher Stimme hinzu, „dort war es, wo ich meine vierte, meine fünfte und alle folgenden las. Mein Herz hatte wohl nach dem Glücke verlangt, das Sie gekostet, aber konnte ich mich von meinen armen Kindern entfernen? War ich nicht ihr Vater! Welche Freude gewährte es ihnen, mich am Altar in ihrer Mitte zu sehen! — Welche Genugthuung war dies nicht für mich!" ^ Das Gift-Thal auf der Insel Java. So unentbehrlich die Kohlensäure für das Pslanzenlcbcn ist, so ist sie doch ein Gift für die Thiere, und eben deßhalb darf die Lust nur eine geringe Menge davon enthalten. Wäre ihr Gehalt bedeutend größer, als er ist, so könnte die Lust von den Thieren nicht ohne Schaden für ihre Gesundheit eingeathmet werden. Andererseits aber würden die Pflanzen aus der Luftmischnng nicht die hinreichende Menge von Kohlensaure aufsaugen können, wenn nicht die Millionen Blatter, welche ein einziger Baum nach allen Richtungen in die Luft hinausstrcckt, sie in den Stand setzen würden, ihrem Bedürfnisse zu genügen, ohne den Thieren schädlich zu werden. So enthält ein einziges Blatt unseres Kliedcrstrauchs gegen 400,000 Poren, welche zur Tageszeit fortwährend Kohlensäure »insaugcn, und an einer einzigen Eiche hat man schon Millionen Blätter gezählt! Daö merkwürdigste Beispiel einer mit Kohlensäure überladenen Luft bietet das berüchtigte Gift-Thal auf der Insel Java. Ein Reisender schildert dasselbe folgendermaßen: „Wir nahmen zwei Hunde und einiges Geflügel mit, um in dem giftigen Thal Versuche damit anzustellen. Am Fuße des Berges stiegen wir ab und klommen etwa fünfhundert Schritte weit hinan, indem wir uns am Gestrüpp festhielten. Wenige Schritte von dem Thal entfernt empfanden wir einen starken, widrigen und erstickenden Geruch, der aber, als wir bis zum Rande vorgedrungen, verschwand. Das Thal enthält ungefähr lausend Schritt im Umfang, es ist länglich, und dreißig bis vierzig Fuß tief. Der Boden ist ganz flach, besteht aus einem harten Sande, ohne Pflanzenwuchs, und ist mit einzelnen großen Flußkieseln bedeckt. „Uebcrall sah man Gerippe von Tigern, wilden Schweinen, Hirschen, Pfauen und Vögeln aller Art. Es wurde nun berathschlagt, ob mir in das Thal hinabsteigen; aber ,n der Stelle, wo wir uns befanden, war dies schwierig, da ein einziger falscher Schritt uns in die Ewigkeit befördert hätte und offenbar kein Beistand möglich war. Wir zündeten unsere Cigarren an, und drangen mit Hülse eines Bambus' bis auf achtzehn Fuß ^ von der Sohle der Vertiefung vor. Ein äußerst widriger Geruch drang uns entgegen, s ohne indeß das Athmen zu erschweren. Nun befestigten wir einen der Hunde am Ende eines achtzehn Fuß langen Bambus und schoben ihn hinab. In etwa vierzehn Sekunden , fiel er auf den Rücken, ohne ein Glied zu rühren oder sich umzusehen, doch fuhr er noch ^ eine Viertelstunde fort zu athmen. Hierauf schickten mir den zweiten Hund hinein, der s freiwillig bis zu der Stelle ging, wo sein Leidensgefährte lag. Hier stand er ganz still, siel dann nach zehn Minuten vorn über und athmete ebenfalls noch sieben Minuten. ! Ein Vogel, den wir nahmen, starb in anderthalb Minuten; ein anderer, den wir hinein ! warfen, war todt, bevor er noch den Boden berührte. s „Während dieser Versuche wurden wir von einem starken Regenschauer überrascht. Aber das schreckliche Schauspiel vor unseren Augen hielt uns in solcher Spannung, daß ! wir wenig darauf achteten, durchnäßt zu werden. Auf der entgegengesetzten Seite lag, ! nahe an einem großen Stein, das Gerippe eines Menschen, welcher, auf dem Rücken ' liegend, und die rechte Hand unter dem Kopf, hier umgekommen sein mußte. Seine i Gebeine waren von dem Wetter gebleicht und weiß wie Elfenbein. Gern hätte ich das ! Skelett gehabt; aber jeder Versuch, es zu erreichen, wäre Wahnsinn gewesen." ! - § Miscellen. (Heilung des grauen Staares ohne Operation.) Die Art der Blindheit, welche gleichsam wie ein Schleier das Auge besängt und gewöhnlich als grauer § Staar bezeichnet wird, besteht bekanntlich in der Undurchsichligkcit der Krhstall-Linse oder / ihrer Membrane, wodurch das Eindringen der Lichtstrahlen und somit das Sehen gehindert wird. Ursache dieser Veränderung der Krystall-Linse, in Folge deren sie ihre: d ursprüngliche Durchsichtigkeit verliert, ist in der Regel, wie man weiß, vorgerücktes s Lebensalter, doch kann auch durch äußere Einwirkung auf das Auge, durch heftige plötz« ^ liche Lichteindrückc, durch Sloß, Fall u. s. w. in früheren Lcbensperiodcn eine Verdunklung l der Krystall-Linse eintreten. Die Heilung des,grauen Staares wnrde bisher ausschließlich auf dem Wege einer chirurgischen Operation versucht und bewerkstelligt. Diese besteht darin, daß man das Hinderniß entfernt, welches sich dem Durchgänge dcS Lichtes durch die Pupille entgegensetzt. Dieses Hinderniß ist aber hier die getrübte Krystall-Linse, welche daher nach verschiedenen operativen Methoden entweder aus dem Auge entfernt, oder in den unteren Theil des Auges aus dem Bereiche der Pupille zurückgedrängt wird. Gewiß ist schon oft daran gedacht worden, die trübgewordcne Linse mit Umgehung des immerhin unter Umständen nicht gefahrlosen operativen Eingriffs durch örtliche Behandlung wieder durchsichtig zu machen. Dieser nahe liegende Gedanke hat neuester Zeit Verwirklichung gesunden — wir wollen es wenigstens hoffen — durch eine Reihe gelungener Versuche, welche Dr. Tavignot in Paris ausgeführt hat. Derselbe hat im Phosphor ein Mittel gesunden, die Trübung der Linse zu beseitigen. Nach dem vorliegenden Berichte (Uevuö cko lltoiupeulissuu inockivo-diirurßic-Uv, nl-vsniliro 6t ck6L6inl>r6 1868) wird eine verdünnte Lösung von Phosphor in Mandelöl täglich vier bis fünf Mal in das erblindete Auge gestrichen und hicdurch nach und nach die Undurchsichtigkcit der Linse gehoben Es sind bis jetzt sechs Fülle, nach der ncuentdcckten Methode behandelt, mit günstigem Erfolge, wie es scheint, beobachtet worden. Merkwürdig ist es, ! daß die Wirkung des Phosphors auf die trübgewordcne Linse nicht als eine chemische auftritt; direkte Versuche haben gezeigt, daß man z. B. geronnene Eiwcißstllcke in phos- Phorhaltigcm Oelc mehrere Monate lang liege» läßt, — diese dadurch keineswegs ihre ^ ursprüngliche Durchsichtigkeit wieder annehmen. Die Heilung besteht vielmehr in der Neubildung eines Krystall-Körpers, welcher die trübgewordcne Linse ersetzt. Wenn sich 136 dies wirklich so verhält, so würde für den nach dieser Methode Geheilten sich noch der t große Vortheil ergeben, daß das Tragen von Staarbrillen überflüssig erscheinen dürfte. Es wäre im Interesse der leidenden Menschheit sehr zu wünschen, daß die interessante Entdeckung des französischen Arztes durch deutsche Forschung bald vollkommene Bcstätignng finde. B. L. * (Reinigung der Luft betreffend.) Bekanntlich hat die Vegetation großen Einfluß auf das Klima. Die Blätter der Pflanzen und Bäume saugen Stickstoff > ein und geben Sauerstoff von sich, weßhalb man mit Recht die Wälder als die „Lungen des Landes" bezeichnet. Nun gibt es aber einzelne Pflanzen, die auf die Lufrreinigung eine» besonders günstigen Einfluß üben. So empfiehlt sich die Anpflanzung der Sonnenblume vorzugsweise für feuchte Gegenden, in welchen bekanntlich die meisten Krankheiten herrschen, besonders die verschiedenen Arten von Fieber. In Berücksichtigung, daß daö Klima eines Landes durch fleißigen Anbau wesentlich verändert wird, hatte der Vorstand des amerikanischen astronomischen Observatoriums, welches in einer sumpfigen, siebcrrcichen Gegend liegt, dasselbe mit — Sonnenblumen umpflanzen lassen, welche in ^ merkwürdiger Weise die schädlichen, in der Atmosphäre schwebenden Stoffe aufsaugen. — i Seitdem soll dort kein einziger Ficberanfall sich gezeigt haben. Sollte diese Mittheilung nicht in Bezug auf diejenigen unserer Gewässer, welche schädliche Dünste in die Luft senden, einiger Beachtung werth sein? Sollten nicht auch unsere strebsamen Gartenbau- Vereine-darauf bedacht sein, die Anpflanzung der Sonnenblume, welche bekanntlich eine einträgliche Oelpflanze ist, für Gärten und um Häuser herum zu empfehlen, welche aus feuchtem, sumpfigen Boden oder in der Nähe stehender Gewässer liegen? ! (Ein kluger Weife.) Der feine Streich der Karthager, welche sich bekanntlich ! so viel Land schenken ließen, als sie mit einer Kuhhaut umspannen konnten, dann diese ? Kuhhaut in dünne Riemen schnitten, und sich dadurch ihr weites Stadtgebiet erschlichen, hat in der deutschen Geschichte ein hübsches Seitenstück. Heinrich Wels, der Sohn des , alten Elhiko, Herzogs Wels, ließ sich von Kaiser Arnulph so viel Land um seine Stammburg Hohenschwangau zu Lehen versprechen, als er von Morgen bis Mittag mit dem Pfluge umziehen könne. Als der Kaiser zusagte, setzte er sich mit einem kleinen Pfluge in der Hand zu Pferde und jagte davon, vorn Lech an den Plansec, an den Eibsce, um den Ammcrgau und Scharnitzer Wald gegen die Isar. Au verschiedenen Stellen hatte er frische Pferde aufstellen lassen, die er bestieg, so daß er binnen wenigen Stunden ein ungeheures Gebiet erlangte, und der Kaiser ließ es ihm. Frühling in Europa. Nun fühlt das Herz die Liebe Des Allgcist's wieder weh'n! Nun bleiben alle Staaten Än Kriegsbereitschaft steh'n! Nun ist es grüner Friede! Nun blüht es ringsumher! And allen GotteSsegcu Verschlingt das Militär. Druck, »erlag und Redaction deö Litcrarischen Instituts von l)r. M. Huttlcr. >- ksro. 18. Augsbueger L. Mai 1869. .Mit Engel» im Gefecht Besteht kein Mensch: Der Himmel schützt das Recht. Shakspeare, Richard ll. A. Uk. i. Das Jubelfest des heilige« Bakers in Skom und i» der deutsche» National-Kirche «1 Kulm». l>r. ck. ^V. Rom, 11. April. Der gestrige Tag führte fortwährend Gäste herüber; viele von ihnen hatten nach den Ostertagen sich von hier nach Neapel begeben, und kehrten zur Feier des Festes nun zurück; viele aber, besonders vom deutschen Adel, kamen erst gestern mit ihren Familien aus der Heimath an. Neben den uns überall begegnenden Italienern, zumal auch aus den früheren Provinzen des päpstlichen Staates, sind eS besonders Deutsche, — deren Sprache wir allenthalben in den Kirchen, auf den Straßen, in den Wirthshäusern hören. Selbst die amerikanischen Stammes - Genossen haben in besonderer Weise dem heiligen Vater ihre Liebe ausdrücken wollen; gestern lief nämlich aus Baltimore folgendes Telegramm ein: kupus kio IX. komnm. §snotis8imo kio, cke tzuin^ugAknsrio saeonlotii zubilsntis gralulsnlur, suiutom incolllmitgteincsue »reogntos, lili! nationi« leutonioao per pro- vinoikls ^merieao l/nitnlis liispersi. UeberauS lebhaft ist der Verkehr in dem deutschen National - Hospiz äelk snims, wo die Gäste angewiesen sind, ihre Billere für die Audienz in Empfang zu nehmen, und wo auch die Adresse der Gesellcn-Bereine zur Ansicht aufliegt. Gestern Abends um 7 Uhr begann die Beleuchtung der Pcters-Kuppcl. Als wir uns über die Engelsbrücke dem gewaltigen Baue näherten, standen dort Wagen an Wagen; um den Strom der Zuschauer nämlich nicht zu hemmen und in dem Gedränge Unglücke zu verhüten, hatte man verboten, daß jene die Brücke passierten. — Nun liegt die Peters-Kirche vor uns, von tausend und aber tausend Lampen bis oben zum Kreuze hin beleuchtet. Die Linien und Umrisse des gewaltigen Gebäudes sind gleichsam durch Kränze von lauter Edelsteinen scharf und deutlich dargestellt; das Ganze liegt in einer imposanten, tief ergreifenden Ruhe und Majestät da, während unten die winzigen Menschenkinder hin- und Herwogen, und sich an dem schönen Bilde nicht satt sehen können. Um 8 Uhr, mit dem ersten Schlage der Glocke, fand die berühmte Verwandlung statt. Die Kuppel und die tiefern Theile sind nämlich, außer mit jenen Lampen auch noch mit unzähligen Pechfackeln besetzt; mehrere hundert Menschen, auf das ganze Gebäude vertheilt, die man aber unten nicht sieht, haben je zwei Pcchfackeln anzuzünden. Sobald nun der erste Schlag der Glocke ertönt, wird zunächst oben hoch das Kreuz mit dieser zweiten, weit strahlenden Beleuchtung illuminirt, und zugleich zündet jeder der Arbeiter seine beiden Pechfackeln mit der rechten und der linken Hand an, so daß in Einem Augenblicke das Feuer, wie niederströmend, von der Höhe des Kreuzes sich über alle Theile ergießt, und während die kleineren Lampen fortbrenncn, das Ganze gleichsam mit einem Regen von funkelnden Rubinen überschüttet. Die Schönheit, Pracht und Herrlichkeit dieses einzig dastehenden Schauspiels ist unbeschreiblich. Sonntag. Heute Morgen um 8 Uhr begann der heilige Vater seine stille Jubel- Messe. Von den unermeßlichen Schaaren, die dem Vatikan zuströmten, und hin- und hcrwvgend, sich nach der eonlessio, dem Grabe der Apostel und dem dortigen Altare § , I- 138 fortwälzten, wollen wir weiter keiner Schilderung unterwerfen; eS genüge, zu sagen, daß das Bild, welches wir dem Leser am Osterfeste vorführten, heute noch weit übertroffen wurde. Unser Weg zur Peters-Kirche führt uns jenseits der Engelsbrücke durch einen mächtigen Doppel-Triumphbogen, unter welchen hin die zwei Straßen nach der Basilika des Apostelfürstcn führen. Auf der, beiden Bogen gemeinschaftlichen Mittelsäule, von etwa 40 Fuß Breite, — stand in großen Lettern eine Inschrift in italienischer Sprache, welche also lautete: „Ihr Völker, die ihr dem Herrn dienet, tretet ein durch die Straße „des Triumphes in den vatikanischen Tempel; Papst Pius IX. bringt auf dem Altare „das ewige Opfer dar im fünfzigsten Jahre seines PriesterthnmS. Bald auch werdet „Ihr wiederkehren zu größerer Herrlichkeit, wenn der Oelbaum und die Palme ihre „Früchte reifen, dann, wenn Ihr zur allgemeinen Kirchen-Versammlung erscheint, um „den Triumph der Wahrheit und Gerechtigkeit zu begrüßen, wo das ganze Weltall zu „einem einzigen Glückwunsch geeinigt ist." Stellen wir uns in St. Peter vor der Lonkessio auf, so daß wir den Altar und den an demselben cclebrirenden Papst vor uns haben Wo dann die Bogen beginnen, welche den Unterbau der Kuppel tragen, erblicken wir in Mosaik die gewaltigen Figuren der vier Evangelisten, die uns das Leiden, wie den Triumph des Gottmenschcn überlieferten. Schauen wir nun empor zur Kuppel, — dem Sinnbilde des himmlischen Jerusalems, so thronen dort um den verherrlichten Erlöser seine Apostel, Engelgestaltcn schweben darüber, während aus der höchsten Höhe, niederschauend auf den immerwährende» Altar des neuen Bundes über dem Grabe des Apostelfürsten, das Antlitz des ewigen Vaters erscheint. — Und nun siehe Pius die Stufen des Altares emporsteigen, lieber Leser, und während Du sein freundliches Auge, seine ehrwürdigen Züge, seine ganze gewinnende Erscheinung betrachtest, wie er in so wunderbar ergreifender Weise die heilige Handlung fortführt, laste Lein Auge wiederum sich richten auf Veronika und Helena, und hinauf zu den Evangelisten und zn den Triumphen deS Erlösers, bis hoch empor in die höchste Kuppel zum Throne deS Vaters, — fühlst Du die schöne Beziehung, welche zwischen diesem Bilde und PiuS besteht, zwischen diesem Bilde der zur Glorie verklärten Leiden des Meisters, und PiuS, der nach fünfzigjährigem Dienste des Altars, und nach einem Pontifikate voll Kreuz und Dornen, voll Schmach und Verfolgung heute seinen Triumph feiert. Die Consekration und die Communion, wie sie der heilige Vater vornimmt, werden Allen unvergeßlich bleiben, die je das Glück hatten, unseren Papst am Altare zu sehen. Man fühlt, daß er als der Hohepriester der Welt und als der Stellvertreter Christi am tiefsten von dem Geiste des ersten und höchsten Priesters unserer heiligen Religion durchdrungen ist/ noch dieser Tage sagte uns ein hochstehender deutscher Herr: „Pius celebrirt wie kein Anderer; er ist am Altare ein schon halb zur Verklärung eingegangener Heiliger." — Nach seiner Communion spendete der heilige Vater dieselbe an 450 Personen, welchen durch besondere Empfehlung dieses Glück zu Theil wurde. Die Kammerherrcn des Vatikan hatten aus Fürsorge für den Papst die Zahl beschränkt. Der heilige Vater aber setzte sie auf diese 150 fest. Nachdem das Opfer beendigt war, intonirte er dann mit lauter und klarer Stimme das Tedeum, welches nun abwechselnd vom mehrstimmigen Chöre und von den Tausenden, welche die Peterskirche füllten, weiter gesungen wurde; zum Schlüsse endlich spendete der heilige Vater den apostolischen Segen. Um 11 Uhr fand in der Kirche lloll' unimu der Festgottesdicnst der Deutschen statt. Von dem Gedanken ausgehend, wie das letzte Wort des Herrn auf Erden: „Sieh, ich bin bei euch alle Tage bis an's Ende der Welt," — in der Geschichte seine Erfüllung finde, und besonders in. schweren und tiefbewegten Zeiten sich bestätige in der Auswahl der Männer, denen Gott die Leitung der Kirche anvertraue — Silvester, Leo der Große, Gregor der Große, Gregor XII., Pius VII., Pius IX. — stellte die Fest- Predigt, die Regens Moufang hielt, in begeisterter und ^ergreifender Sprache die Eigen- 139 schaften, die Leiden, die Siege unseres heiligen Vaters den Zuhörern vor Augen. Das erste wurde ausgeführt, anschließend an das Wort Panli: „Es ist erschienen die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes unseres Heilandes," und schließend mit der Darlegung des großen Segens, den Pins durch diese Eigenschaften uns, der Kirche und der Welt gebracht habe; man liebte zunächst Pins, dann in Pius den Papst, im Papste die Religion, in der Religion Gott wieder. Diese gewaltige Macht der Milde, die der Papst ausübe, sei von den Anwesenden durch eigene Erfahrung erkannt; wie die Jünger von Emaus, so fühle es Jeder: „Entbrannt ist unser Herz, als er mit uns sprach!" — Aber nicht bloß durch seine Milde, sondern auch durch seine Leiden sei Pius daS Abbild seines Meisters geworden. Auch er habe am Beginne seines Pontifikats seinen Palm- Sonntag gehabt, wo alle Welt ihm Hosanna zujauchzte, aber dem Palm-Sonntage sei bald ein Gründonnerstag gefolgt, wo er sein Abendmahl in St. Peter feierte, an welchem mehr als ein Judas aus seinen Händen die heilige Communion empfing. Und dann sei der Charfreitag gekommen, wo man den Papst verhöhnt, durch ungerechte Anklage vrrlüumdet, ihn seiner Kleider, seines Besitzes beraubt und auf seinen Tod gesonnen habe. — Das Alles aber habe Gott zugelassen, damit der verfolgte Pius der Gegenstand der allgemeinsten Liebe werde, der verlassen, die Herzen um so fester mit sich verbinde, der gehaßte, die Blüthe der christlichen Jugend zum heiligen Opfer um sich versammelt sehe. Wie auf den Winter der Frühling folge, so sei die Regierung des glorreichen Pius die Zeit, in welcher in der ganzen christlichen Welt ein neues Glaubcnsleben erwacht, die schönsten Blüthen der Liebe hervorgesproßt seien, und auf dem dürren Boden der Gleichgültigkeit und des Jndifferentismns, des Irrglaubens und des Unglaubens Begeisterung für die Religion, Erkennung der Wahrheit Wurzel geschlagen und sich entwickelt habe. An Allem dem aber habe der Papst einen großen Antheil durch die innigere Anleitung der Bischöfe und der Völker an ihren Mittelpunkt, durch Gründung von mehr als hundert neuen Bisthümcru, durch die reiche Äusspendung der kirchlichen Gnadenschützc in den Jubiläen rc. Der Redner schloß mit einem schwungvollen Glückwünsche und Gebete für den heiligen Vater. — Auf die Predigt folgte das heilige Opfer, bei welchem die Prcismesse von Witt zur Aufführung kam; daran fügte sich ein feierliches Tedeum als Schluß. Am Nachmittage um vier Uhr versammelten sich die Deputationen der katholischen Welt in dem großen Saale hinter der Loggia über der Vorhalle der Peterskirche, um dem heiligen Vater die Gaben und Glückwünsche, aller seiner Kinder darzubringen. — Die Zahl der zu dieser Audienz um den Thron deS Papstes dort aufgestellten Abgeordneten mochten gegen zweitausend sein. Der heilige Vater wurde bei seinem Erscheinen mit einem nicht enden wollenden levivn und Hochrufen begrüßt; dann traten die Deputationen vor ihn hin und überreichten ihm knieend die Adressen. Während der heilige Vater dieselben in Empfang nahm und in seiner gewinnenden Weise mit den einzelnen redete, drangen unten vom Petcrsplatze her die Klänge von sieben zusammenwirkenden Musik-Chören zu uns herauf. Dann erhob sich der Papst und richtete an die Versammelten mit kräftiger Stimme, welche von einer ebenso lebhaften, als gefälligen Gestikulation begleitet war, in italienischer Sprache ungefähr folgende Worte, in welchen er, seiner eigenen Person und deS hohen Festes vergessend, das er heute feierte, sein Auge einzig auf die großen Interessen der Kirche richtete. „Obgleich immer verfolgt, hat die Kirche des Herrn doch immer noch triumphirt, und so wird sie nicht minder in unseren Tagen triumphircn, wenn auch die Weise, wie sie den Sieg erringt, eine andere ist, als in früheren Tagen, indem jetzt die Art des Angriffs eine andere ist. Früher nämlich waren es hauptsächlich einzelne, durch hohe Heiligkeit und die Gabe der Wunder hervorleuchtende Persönlichkeiten, in denen sich die innere Lebenskraft der Kirche und ihre göttliche Macht der Welt manifestirte. In unserer Zeit ist das nicht der Fall, nicht als wenn es keine Heiligen mehr gäbe, denn die Kirche ist immerdar die Mutter der Heilig- 140 Kit, sondern weil die gegenwärtigen Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft eine andere Wirksamkeit zu erheischen scheinen. Jetzt ist es die gewaltige Bewegung der Völker, das lebendige Glauben und Lieben der Nationen, geschaart um den heiligen Stuhl, was der Kirche unserer Tage den Sieg erkämpft. Denn wie Rom im Alterthum die Beherrscherin der Welt war, wie sie in der mittleren Zeit als die Fürstin dasteht, auf die der Erdkreis schaute, so sehe ich auch jetzt dieses Rom aufgebaut in den Herzen, sein Bild eingezrabeu in der Brust aller Derer, welche sich als Kinder der katholischen Kirche bekennen, als Fürstin in geistiger Herrschaft, glorreicher als je in unsern Tagen. Und was ist unser Antheil in diesem Kampfe der Kirche? Das feste Beharren bei dem, was Ihr bisher hoch gehalten, die Treue gegen die Kirche und diesen apostolischen Stuhl, die Vertheidigung der Prinzipien, die ich in der letzten Zeit verkündigt habe. Dann das Gebet, Gebet für die offenen Feinde der Religion, Gebet für ihre geheimen Gegner, Gebet für die Lauen und Schwachen, und die, welche in ihrem Wandel Gesetze mit einander verbinden und in Einklang bringen wollen, dir ewig unvereinbar bleiben werden." Als danu nach diesen Worten der heilige Vater den Segen gespendet hatte, brach der Zubel, der ihn bei seinem Erscheinen begrüßt hatte, von Neuem und noch stärker hervor, und in diese Huldigung der Abgeordneten aller seiner Kinder, stimmten unten vom Pctersplatze die sieben Musik-Chöre und ein Gesang-Chor von ungefähr tausend Soldaten, sowie das Jauchzen der zahlreichen Menschenmafse, die rings umher stand, in gewaltigster und ergreifendster Weise ein. Das Gefolge des heiligen Vaters wandte sich dem Eingänge zu, aber um dem Volke unten seinen Dank zu bezeugen, ließ der Papst die hohe Fenstcrthüre öffnen, und trat auf die Loggia hinaus, wo nun in erneuter Be- gcisterung der allgemeinste Jubel ihm entgegenschallte. Am Abende fand das große Feuerwerk auf ?ietro in montor'io statt, die sogenannte „Girandola." Wer jemals die Pracht und Mannigfaltigkeit dieser Darstellung gesehen, diese Zaubergärten mit ihren Springbrunnen und Wasserfällen, diese Fcuerräder in ihrem steten Wechsel von Gestalt und' Farbe, diese Krater, aus denen zahllose Raketen hervorstiegen, welche sich in den prachtvollsten Sternen und Schlangen, oder als goldener Fcuerregcn auflösen, dieser schimmernde Palast aus lauter Edelsteinen aufcrbaut, — der wird uns zugestehen, daß eS unmöglich ist, dem Leser in einer Schilderung ein auch nur in etwas der Wirklichkeit ähnliches Bild zu entwerfen. Was in dieser Sache anderwärts geleistet wird, kann sich mit diesem römischen Feuerwerke kaum vergleichen lassen. Die Entsageude». (Fortsetzung.) Sie eilte an daS Clavier und begann, wiewohl mit zitternder Stimme, der fie umsonst Festigkeit zu geben versuchte, folgende Strophen: Ein Mädel liebt den Jüngling still Wohl seit der Kindheit Tagen, Sie wahrt ihr Herze lang und will Es Keinem, Keinem sagen. So oft er immer kommt und geht, Und um ein Wort der Liebe steht Sie will es nimmer wagen. Da eilet er in fernes Land, Sieht and're Mädchen blühen, Und fühlt sein Herz so leicht entbrannt Wohl für die Schönste glühen. Fahr wohl, fahr wohl, dn spröde Math. Was hörtest nicht zu rechter Zeit, Jetzt — 141 Mit einem schrillen Accord brach der Gesang des jungen Mädchens ab. Ihr Haupt neigte sich auf die Brust hernieder, und ihre Finger glitten von den Tasten. „Ich kann nicht mehr," — flüsterte sie, „zu viel der Qual für eine schwache Mädchenbrust!" „Warum fährst Du nicht fort?" fragte der Direktor, „das Lied gefällt mir. Nicht wahr, die Erfindung der Composition ist gefällig?" wandte er sich an Rudolph, der wie träumend in einer Ecke des Salons dasaß. Der junge Mann fuhr empor. Augenscheinlich hatte er nichts von dem ganzen Gesänge vernommen. „In der That," stammelte er, obgleich doch etwas trivial. „So gib dem Baron doch jenes Lied zum Besten, das ich so oft in stiller Nacht, wenn mich die Arbeit an meinen Schreibtisch fesselte, oder der Schlaf mein Lager flieht, aus Deinem Zimmer ertönen höre! Mich verlangt darnach, es einmal in der Nähe zu vernehmen." Angelika zitterte, ihr Geheimniß verrathen zu sehen, denn der Blick, den Rudolph auf sie warf, zeigte ihr, daß er klar in ihrem Herzen las. Eine geheime Ahnung sagte ihm, daß jenes Lied mit ihm im Zusammenhang stehe, und deßhalb vereinte er seine Bitte mit der des DirekiorS. „Unmöglich!" stammelte die Sängerin, „bemerkten Sie nicht, wie meine Stimme heiser ertönte, wie jene Anstrengung meine Kräfte erschöpft." Aber der Direktor gab nicht nach. Jener schien eine geheime Freude darin zu finden, das junge Mädchen zum Singen des Liedes zu bewegen. „Sei cS denn," flüsterte sie endlich vor sich hin. „Die Saat ist reif, in Deine Hände, Gott, lege ich die Entscheidung." Diescsmal zitterte sie nicht, als sie auf'S Neue begann; ihre Stimme, obgleich glockenrein, klang fest, ja fast herbe, und dennoch durchdrängen die ersten Töne die Seele Nudolphs mit namenlosem Entzücken, denn er erkannte dasselbe Lied, das ihn einst an Angelika'S Seite gelockt hatte. O still, du Herz. so schmerzensreich, O künd' ihm nie dein tiefes Sehne» O färb' dich Wange, hohl und bleich Verstopfe Aug' den Quell der Thränen. O lächle Mund in leichtem Scherz, ' . Und bricht dir auch vor Weh das Herz — Entsage still, entsage gern Was ewig dir so fern, so fern. Steigt nicht die Sonn' vom Himmelszelt, Weicht nicht der bunte Lenz von binnen Wie willst denn du, was dir gefällt Um jeden Preis für dich gewinnen? Der Himmel trau'rt, wenn fern das Licht, Die Knospe welkt, doch klagt sie nicht Entsag' auch du, entsage gern, Was ewig dir so fern, so fern. Und weilt' er auch in deiner Näh' 'Dem deines Busens Wogen schwelle», O lasse nie des Herzens Weh, Bor fremden Augen überquellen Das Schicksal will's, o füge dich — Sein Wort ist unabänderlich. Entsage still, entsage gern, Und ob er nah' — dir sei er fern. Noch war die letzte Strophe nicht verhallt, als Rudolph sich von seinem Sitze erhob und stürmisch das Zimmer verließ, auch die Sängerin schien von ihrem eigenen Vertrag aus das Tiefste erschüttert, denn sprachlos, keines Wortes mächtig, lehnte sie in ihrem Sessel, und große Thränen rannen langsam die Wange herab. 142 Der Gerichts - Direktor merkte nichts von diesem Vorfall, er hatte ein eben vom Buchhändler gesandtes juristisches Werk eindeckt und sich eifrig in das Studium desselben vertieft. Jetzt, da das Lied geendet, blickte er auf. „Wirklich, sehr entsprechend," bemerkte er, „und meisterhaft vorgetragen. Aber," fuhr er fort, sich umsehend, „wo ist denn der Baron hingekommen?" „Rudolph ward die Hitze zu drückend," erwiderte rasch die ältere Angelika; „auch Sie, lieber Oheim, sollten lieber in's Freie." „Ich will in mein Arbeitszimmer," — unterbrach sie der alte Herr, „dieß Werk interessirt mich ungcmein und hier würde es mir an der nöthigen Sammlung fehlen." Mit diesen Worten erhob er sich, und verließ das Zimmer. Die jüngere Angelika saß da, wie eine Angeklagte vor ihrem Richter, sie wagte nicht das Auge zu ihrer Cousine zu erheben, denn eine innere Stimme sagte ihr, daß das Geheimniß ihres Herzens derselben gegenüber kein Geheimniß war. Und dem war so. Schon feit Beginn des ersten Liedes hatte die Braut jede Bewegung Rudolphs und Angclika'S beobachtet, der Keim des Argwohns, der nie erstickt, in ihrer Seele geschlummert hatte, wuchs plötzlich riesengroß empor, und sie fragte sich selber, wie es möglich gewesen sei, daß sie nicht bemerkt hatte, wie sehr das junge Mädchen die Leidenschaft ihres Verlobten theilte. Eine peinliche Stille entstand im Salon. Beide fühlten, daß ein inhaltschwerer Augenblick heran nahe, und Beide suchten sich zu demselben zu stärken und zu sammeln. Die ältere Angelika war es, die endlich zuerst das Wort ergriff. Sie näherte sich ihrer Cousine, und die Hand auf den Scheitel des jungen Mädchens legend, sagte sie mit leisem Tone: „Angelika, verhülle mir Nichts, Du liebst Rudolph, meinen Bräutigam?" Das junge Mädchen antwortete nicht, nur das Wogen ihrer Brust verrieth die Erschütterung, die in ihr vorging. „Antworte mir," fuhr Angelika fort, „ich will keine weitläufige Erklärung. Daß Rudolph Dich liebt, das war mir seit dem ersten Tage, da er Dich sah, kein Geheimniß mehr, aber ich will wissen, ob Du diese Neigung theilst? Ein „Ja" oder „Nein" ist mir genügend." Da sank das junge Mädchen zu den Füßen ihrer Cousine nieder. „O, ich bin grenzenlos elend," flüsterte sie, „stoße mich von Dir, Angelika, die Vcrrätherin; denn, ja, ja — ich liebe Deinen Bräutigam, liebe ihn glühend, unsagbar." Ein unwillkürliches Zittern ließ die Gestalt Angclika's erbeben. Aber sogleich faßte sie sich wieder. „Armes Kind," — flüsterte sie, „welche Qual muß Dir jede Stunde in seiner Nähe bereiten?" „O laß mich fliehen von hier," rief do.Z junge Mädchen leidenschaftlich. „Du bist gut, wie eine Heilige, Dich zu verrathen, wäre Sünde." „Höre mich denn an, wie es kam, daß ich Deinen Rudolph kennen lernte, welche seltsame Fügung des Schicksals uns zusammenführte, um uns auf ewig zu trennen." „Erzähle," erwiderte die Cousine milde; „laß mich Alles, Alles wissen, vielleicht ist noch ein Weg der Rettung offen." Und Angelika begann. Sie schilderte, wie von dem ersten Zusammentreffen der Beiden die Liebe in ihrem Herzen erwacht sei, wie sie gekämpft habe, dieselbe zu unterdrücken, bis sie ihn auf's Neue in diesem Hause als Verlobten ihrer Verwandten angetroffen; aber sie verschwieg auch ihrer Cousine die nächtliche Unterredung im Garten nicht. Und je länger sie redete, je mehr sie ihre eigenen Worte, ihre Stärke der Entsagung verkündete, desto fester ward ihre Stimme. Ein heiliges Feuer leuchtete aus ihren Augen, und die ältere Angelika war eS jetzt, die durch die einfache, schmucklose Erzählung der Thatsachen fast bis zu Thränen gerührt erschien. „Ich habe Dir nichts zu vergeben," sagte sie, als das junge Mädchen geendet hatte, „o wie gerne würde ich Dich am Altar an Rudolph'S Seite wissen, aber das unselige Verhängniß zwingt mich, und das Herz des Oheims ist härter, als Fels und Stein Aber ich muß wissen, ehe jener Tag herannaht, wo des Priesters Wort zwei Unglückliche auf ewig aneinander kettet, ob auch bei ihm die Zeit, die er selber zur Prüfung seiner eigenen Leidenschaft zu Dir bestimmte, seine Gefühle gestillt oder noch mehr entflammt hat, und Du, Angelika, sollst es sein, die mir die Botschaft, bringt!" „Ich!" rief das junge Mädchen erschreckt, „Gott, was verlangst Du?" „Setz Dich und schreibe!" fuhr, Angelika fast befehlend fort, auf den Schreibtisch deutend. „An wen soll ich die Zeilen richten?" „An Rudolph, meinen Brämigam," erwiderte Angelika. „Niemals!" rief das junge Mädchen glühend, „kein Zug meiner Hand dringe je wieder zu seinem Auge; kein Wort meines Mundes zu seinem Ohre. O laß mich nicht länger der Dämon des Unheils sein, der zwischen Euch steht. Fort will ich, daß mein Dasein nicht das Uebel vergrößere, statt es zu heilen." „Und glaubst Du, Dein Bild würde nicht ewig mit aller Glut in Rudolphs Herzen fortleben?" fragte Angelika. „Und selbst, wenn er Dich vergessen könnte, würdest Du einst diese Liebe zu den todten Erinnerungen Deiner Seele werfen?" „Biellsicht!" — flüsterte die Gefragte, das Antlitz mit dem feinen Spitzcntuche bedeckend. „Sag' lieber niemals," suhl Angelika fort, „denn ich kenne das Mcnschcnherz. — Darum, wenn Du mich liebst, so schreib, was ich Dir diktirc." „Sei es denn," versetzte das junge Mädchen, sich an den Schreibtisch setzend und die Feder ergreifend, „Du siehst mich bereit." „Ich muß Sie sprechen, Rudolph!" — diktirte Angelika, „die Last, die mein Herz bedrückt, würde ich zu ertragen vermögen, bis es bricht, aber jede Ihrer Thränen, die ich heimlich fließen sehe, Ihr geheimer Kummer — vermehrt sei» Gewicht. Ich muß Sie sprechen, — muß Sie fragen, ehe es zu spät, ob Ihre Kräfte der fürchterlichen Aufgabe gewachsen sind, die Sie sich selber auf meine Bitte stellten, oder ob ich auf ewig Sie meiden und meine arme Cousine des letzten Herzens, das es treu mit ihr meint, berauben soll. Erwarten Sie mich morgen Nachmittag auf Ihrem Gute" „Großer Gott, nimmermehr!" rief das junge Mädchen, die Feder niederlegend, „willst Du Dciu eigenes Urtheil Dir dictirci'!" „Mein Urtheil!" wiederholte Angelika dumpf, „darum fahre fort." „Angelika, meine Cousine, ist vorn Hause abwesend, und kehrt vor Abend nicht heim. Am Ende Ihres Parkes steht ein kleiner Pavillon, zu dem man durch eine Scitcnpforte gelangt. Dort werden Sie mich finden, sorgen Sie, daß uns Keiner überrascht und die ernste Stunde zu stören kommt. Um fünf Uhr werden Sie mich an dieser Stätte finden. Angelika." Das junge Mädchen hatte geendet; sie reichte den Bries ihrer Cousine. „Hier sind die Zeilen," sagte sie, „aber nimmer werde ich Ihnen Folge leisten. Rudolph ist zu edel, als daß ich zum Werkzeug dienen möchte, verborgenen Lauschern zu gefallen; seine tief innersten Gefühle an'S Licht zu ziehen." „Du glaubst auch, ich werde mich in dem Pavillon einfindcn?" fragte Angelika, „ich würde, wenn er in glühenden Worten Dir seine Liebe schildert, und die Fessel verflucht, die ihn an mich ketten, zwischen Euch treten, wie ein unerbittlicher Dämon, ihn durch meinen Anblick zur Beschämung, vielleicht zur Neue zu zwingen? Du irrst, mein Kind! Ich verlasse morgen Mittag mit dem Oheim die Stadt, um eine Bekannte von ihm, die ein Gut in der Nähe Rudolph'S bewohnt, und die Alter und Krankheit an ihr 144 Lager fesselt, zu besuchen. Du wirst allein mit Rudolph sein. Kein Mißtrauen, keine Furcht bedrücke Deine Seele." „Und trägst Du die Folgen dieses entsetzlichen Spieles?" — fragte da- jüngere Mädchen. „Glaubst Du mein Her; gewappnet gegen die Gefahren dieser Stunde?" „Ich glaube an Dich, wie an Rudolph, selbst in der höchsten Leidenschaft wird er nie seine Manncsehre vergessen, nie was er, waS Ihr Beide schuldig seid!" „Und waS ist Deine Absicht?" fragte das junge Mädchen. „Sagtest Du nicht selber, der Wille Deines Oheims sei unwiderruflich? Wozu Dein armes Herz noch mehr erschüttern, wenn Du vernimmst —" „Was geschehen soll, das weiß ich nicht!" — unterbrach sie Angelika, „der Ewige möge mich erleuchten und mir den Weg weisen, der aus diesem Labyrinthe führt; still, Rudolph naht, spiele die Zeilen in seine Hand." Fortsetzung folgt.) M i s e e l l e ». * (Siamesische Zwilling«-Mädchen.) Die „Pall-Mall-Gazette" erwähnt m Bezug auf die „siamesischen Zwillinge" einer Tradition, der zu Folge vor bereits 700 Jahren ein Paar „siamesische Zwillinge" in Biddenden, einem Dörfchen in Kent, nicht weit von Staplehurst und Tenterdrn, am Leben waren. Durch die Freundlichkeit eines Bewohners von Biddenden wurde der Redaction genannter Zeitung ein ziemlich roh »uSgeführtcS Portrait der „Mädchen von Biddenden," wie dieselben dort heute noch von den Landleuten genannt werden, und ein Verzeichniß aller sich auf dieselben beziehenden Facta zugesandt. Nach der Lokal-Tradition hießen die beiden Mädchen Elisa und Maria Chulk- hurst, waren im Jahr 1100 geboren, und sowohl an den Schultern wie an den Hüften mit einander verbunden. Obgleich jede zwei Füße halte, waren sie doch nur mit je einem Arm versehen, indem der rechte Arm der Einen mit dem linken der Anderen in eine» kurzen Stumpf zusammengewachsen war. Man sagt, daß sie so vereint 34 Jahre gelebt haben. Als Eine der Zwillinge starb, riech man der Ueberlebendeu, sich von dem Körper ihrer Schwester trennen zu lassen, was sie entschieden verweigerte, indem sie sagte: „So wie wir in die Welt eintraten, wollen wir wieder hinausgehen." Sechs Stunden nach dem Tode ihrer Schwester wurde sie auch krank und starb nach wenigen Stunden. Zum Andenken an diese Zwillinge werden jetzt noch jedes Jahr am Ostermontag in der Kirche zu Biddenden kleine, mit dem Bilde der Mädchen versehene Kuchen ausgetheilt, während Brod und Käse unter alle armen Einwohner des Kirchspiels verschenkt wird. * (Ein Hunde-Asyl.) Ein seltsamer. Bericht wurde jüngst in London veröffentlicht, der des „Temporären Asyls für herrenlose und uothleidende Hunde" für das Jahr 1868. Dieses für die Londoner Hunde höchst wichtige Institut wurde im Jahr 1860 von einer Anzahl durch ihre philantropischen Bestrebungen allgemein betaun-? ten Herren und Damen gegründet, und hat seit seinem achtjährigen Bestehen schon manches Gute gestiftet. Im Auftrage des Hundc-Hospital - Comitv's fängt die Polizei allnächtlich in den Stunden zwischen 1 und 3 Uhr alle herumstreichenden oder an den Hausthüren schlafenden vierfüßigcn heimathlosen Wanderer, und bringt sie nach dem „Home." — Während der letzten füns Monate des verwichenen Jahres fanden nicht weniger als 12,465 Hunde Aufnahme, von denen viele n erthvolle Thiere ihren früheren Herren wieder zugestellt wurden. Die kranken und werthlosen Hunde, die nach einer gewissen Zeit von ihren Besitzern nicht reklamirt worden sind, werden durch Strychnin aus der Wett geschafft. Druck, Ln'lag nur Redaction b.s Literarijchc« Ju,'r:r«i>.- von Dr. M. Huttler. 4 . Fr. Rückert. Sohn, fürchte Gott, damit dein Jnn'res furchtlos sei, Denn Gottesfurcht nur macht vor Menschenfurcht dich frei. Die Geschenke zur Sckundiz-Feicr des heiligen Vaters. vr. X. ci. >V. Rom, 2. Mai. Während der dem Feste folgenden beiden Wochen waren die vorzüglicheren Geschenke, die dem heiligen Vater aus allen Ländern dargebracht waren, in einer der Hallen oder Loggien des Vatikan zur Ansicht ausgestellt. Der Andrang der Neugierigen war ein ungeheurer, und da jedesmal nur eine geringe Zahl eingelassen wurde, um das Gedränge nicht zu stark werden zu lassen, so mußten Hunderte auf den Treppen in langem, ermüdendem Harren stehen, bis endlich die Reihe auch an sie kam, und die Schweizerwache sie einließ. Durch die Vermittlung eines guten Freundes gelang es uns, einen permosso zu erwirken, wornach wir allein in der Frühe eines Morgens den Zutritt erhielten, und so Alles nach Wunsch in Augenschein nehmen konnten, wie es in den beiden aneinander stoßenden Hallen aufgestellt war. Da erblickte das Auge zunächst einen kostbaren Teppich, der von einigen Damen in Köln gestickt war, und an einem Wasscrqucll zwei Hirsche auf blumigem Anger zeigte, ein schönes Sinnbild der Gnaden, die von ihm, dem Felscnmanne, dem Stellvertreter Christi, Allen zu Theil werden, welche darnach dürsten. Dann folgte in prachtvollem Nahmen das Kölner Dombild, daneben ein Gemälde, welches die Schlacht bei Mentana darstellte, und welches die römischen Damen dem heiligen Vater verehrt hatten. Weiterhin stand auf einem hohen Postamente das Marmorbild der unbefleckt empfangenen Gottesmutter, der hohen Patronin Pins IX., ein Kunstwerk voll Adel und Anmuth. Meister Steinte von Frankfurt hatte ein in Aquarell ausgeführtes Bild geschenkt, welches oben die heilige Dreifaltigkeit, in der Mitte die Geburt Christi, unten den Papst am Altare darstellte, das Ganze umgeben von den bildlichen Darstellungen der sieben Schöpfungstage. Dreifaltigkeit, Menschwerdung und Eucharistie in der vom Nachfolger Pctri geleiteten Kirche, diese drei Grundwahrheiten und Hauptgehcimnifse unseres Glaubens sind es, durch welche die Welt von ihrer Erschaffung an erhalten, regiert, geheiligt wird, —- das ist, wie es scheint, die tiefe Idee, welche der fromme Künstler in seiner Darstellung uns vor Augen führt. Indem wir eine Menge von Gegenständen von geringerer Bedeutung und weniger künstlerischem Werthe übergehen, treten wir in die zweite Halle, zu welcher jene, bisher beschriebenen Gaben nur gewissermaßen die Einleitung bildeten. In der Mitte der Halle hat man eine hohe Wand errichtet, vor welcher sich terrassenförmig abgestuft ein langer und tiefer Tisch hinzieht. Was wir da zunächst erblicken, sind zwei Meßgewänder, das eine weiß, das andere roth. Letzteres, mit künstlerischer Stickerei, ist von den Nonnen vom „Armen Kinde Jesu" zu Aachen geschenkt. Wir hielten das erstere für das Geschenk des Kaisers von Frankreich, von dem man unö erzählt hatte; um uns zu vergewissern, fragten wir den uns begleitenden päpstlichen Kammcrhcrru, der uns aber erklärte, — Napoleon habe kein Geschenk gesandt, — jene Kascl sei vielmehr die Gabe der Stadt Bologna. Auch die Mittheilung ist unrichtig, als habe die französische Kaiserin eine Million Franks geschickt; überhaupt haben die Zeitungen sehr viel Unwahres berichtet; wie denn auch die Erzählung von dem Geschenke Viktor Emanuels falsch ist; er allein von allen Fürsten hat nicht grqtulirt. Nun, die Italiener haben es für ihren Ehrcu- König reichlich gut gemacht; sie ringen mit Deutschland um den Preis in der Huldigung 146 -es heiligen Vaters. — Zwischen jenen beiden Meßgewändern erhob sich dann die »om König von Preußen geschenkte kostbare Vase aus der königlichen Porzellanfabrik zu Berlin; zu beiden Seiten standen rechts das goldene Neliquiarium, das Prag gesandt hat, links ein hohes silbernes, besten Stil italienischen Ursprung verräth. Doch konnte ich nicht erfahren, von wo es gekommen. Weiterhin lagen oder standen in reichster Mannigfaltigkeit Bischofs-Kreuze, mit kostbaren Diamanten und Edelsteinen besetzt, Kelche, Ciborien und Reliquiarien in gothischem und in modernem Stile, ein Kisten von rothem Sammt mit überaus geschmackvoller Stickerei in Gold und Silber (den päpstlichen Farben), endlich die schönsten Adressen, unter ihnen die der deutschen Bisthümer, welche Steinte gemalt hat, und deren prächtiges Titelblatt aufgeschlagen da lag; ferner die der Gesellenvereine, ein dicker Band, wie ein großes Meßbuch, und die der deutschen Studentenschaft, welche auf weißem Grunde den Namen Piuö IX. zeigt, umgeben von einem Lorbcerkranze in getriebener Arbeit. Die meisten Gegenstände werden in der päpstlichen Schatzkammer aufbewahrt werden. Einzelnes schenkte der heilige Vater an arme Kirchen. So hat er dem Waisenhausc von Tata Giovanni einen Kelch verehrt, der ihm zu seinem Feste dargebracht war, sowie eine weiße Kasel mit reicher Goldstickerei, ein Alba mit goldenem Cingulum, ein Meßbuch und ein Paar Meßkännchen aus hellgrünem Krystall, deren Handfaß aus äußerst zierlichen, silbernen Blumengewinden gebildet ist. Einer der Priester des Waisenhauses hatte die Güte, mir diese Geschenke zu zeigen, wie er mir auch einen kleinen, alten Mann vorstellte, — der schon im Hause gewesen war, — als Pius noch als junger Priester dasselbe leitete. Die Entsagenden. (Forisetzung.) In der That erschien der Baron am Eingänge des Salons. Der Ausdruck einer tiefen Entschlossenheit lagerte auf seinen Zügen, als er auf seine Braut zuschritt und ihre Hand an seine Lippen führte. „Ei, ei, Herr Baron," — sagte Angelika scherzhaft, „ist das ritterlich, mitten im Vortrag einer schönen Sängerin aus dem Zimmer zu eilen und uns allein zu lassen. Soll Ähre Handlungsweise ein Complimcnt für meine Cousine enthalten, deren Stimme Sie mit solcher Macht ergriff, daß es Ihnen unmöglich war, Ihr Gefühl zu bewältigen, oder eine Illustration zu dem Gedanken: Ihre Stimme, mein Fräulein, ist zum Davonlaufen?" Aber das Antlitz ihres Verlobten blieb ernst. „Angelika," sagte er, „gewähren Sie mir die Gunst einer Unterredung, je früher, desto besser für uns Beide. Ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen." Beide Mädchen sahen sich gegenseitig an; sie ahnten den Inhalt dieser Unterredung, den die Blicke, die Rudolph auf die jüngere Angelika warf, noch deutlicher bekundeten. „Ist denn diese Unterredung so wichtig?" fragte endlich die Braut. „Und doch thut es mir leid, sie Ihnen nicht vor übermorgen bewilligen zu können, Rudolph!" „Uebermorgcn?" — wiederholte der Baron erschreckt. „Warum so spät? Jeden Augenblick, den ich Ihnen gegenüber früher mein Herz ausschütten darf, erleichtert um eine Zentnerlast meine Brust." „Ist es Ihnen lieb, wenn man Sie aus einem schönen Traume weckt, Rudolph?" fragte Angelika sanft. „Vielleicht träume ich eben von Glück und rosiger Zukunft, lassen wir diese Unterredung bis übermorgen." Der Baron bezwäng sich. „Sei es denn, bis übermorgen!" — sagte er. „So werden Sie mich bis zu diesem Tage entschuldigen." Er stockte in seiner Rede, denn «r fühlte, wie die jüngere Angelika ein zusammen gesalteneS Papier in seine Hand drückte. Seine Braut schien nichts zu bemerken. „Ich halte jeden Grund für genügend," unterbrach ihn Angelika, „denn Sie würden mich doch nicht morgen hier antreffen, und ich gönne Ihrem Vater, sich einmal ungestört der Gegenwart seines Sohnes zu erfreuen, denn ohne Zweifel werden Sie ihm morgen Gesellschaft leisten." Rudolph fuhr zusammen. „Mein Vater," — murmelte er, „und ich konnte ihn vergessen! Gott, der Pflichten, die auf mich ruhen, sind so viele, daß die Wahl, welche von ihnen mir die heiligste, mich zu Boden drückt." „Sie haben Recht," fuhr er laut fort, „mein Vater bedarf meiner ganzen Aufmerksamkeit. Gerade sein gänzliches Zurückziehen von aller Welt, sein Stunden langes, stummes vor sich Hinbrüten beunruhigen mich. O glauben Sie mir, es gibt Momente, wo ich mich frage, warum es Gottes Wille, daß er in seinen letzten Jahren noch diese Tage des Jammers erleben muß, warum nicht ein sanfter Engel —" „Rudolph," unterbrach ihn Angelika schmerzlich, „wozu verleitet Sie Ihr Unmuth? Fassen Sie Muth. Der Himmel verwirft die Wünsche, die blinde Leidenschaft und bitterer Groll in uns hervorruft, aber er hört die stumme Bitte des Elends,- und seiner Fügung wollen auch wir uns unterwerfen. Vielleicht erleuchtet er mich, vielleicht — aber wozu, thörichte Hoffnungen nähren, des Schicksals Schluß ist unwiderruflich, übermorgen erwarte ich Sie, Baron Rudolph. Jetzt lassen Sie uns einen Gang zur Stadt machen. Angelika wird uns begleiten." s Ein anderer Tag war erschienen. Eine drückende Hitze hatte sich schon seit dem Morgen über die Erde gelagert und flüchtig jagten sich die Wolken am Himmel. Eine liefe Ruhe der Erschöpfung herrschte rings umher, und wie in den sonst so belebten Straßen der Stadt sich Jeder in den kühlsten Raum des Hauses flüchtete, so war auch auf dem Gute der Duroy's keine menschliche Seele sichtbar. Blumen und Bäume beugten die Häupter in Erwartung des nahen Gewitters, und die Vögcl wiegten sich halb träumend auf den Zweigen, sie wußten ja, daß Keiner kommen würde, sie zu stören. Horch, da knirschte es am Ende des Parkes, als wenn ein leichter Tritt den feinen Sand berühre. Das Geräusch eines Schlüssels ward hörbar, und durch eine kleine, unscheinbare Pforte trat eine weibliche Gestalt, sich vorsichtig nach allen Seiten umsehend, in den Park. Ein dunkler Schleier verhüllte ihr Antlitz, und ein Kleid von schwarzem Flor umschloß enge ihre Gestalt. „Er ist noch nicht hier," flüsterte die Unbekannte, „ich komme noch zu rechter Zeit, sonst hätte er die Pforte geöffnet; aber rasch in den Pavillon, ehe es zu spät ist." Mit hastigen Schritten eilte sie an den kleinen hölzernen Pavillon, der sich auf einigen Stufen vor ihr erhob. Sie zog einen kleinen Schlüssel aus der Tasche ihres Gewandes, und öffnete mit seiner Hülfe die Thür desselben. „Keiner wird ahnen, daß ich hier anwesend bin," flüsterte sie vor sich hin, „verzeih auch du mir, Gott, wenn ich eine Sünde begehe, allein ich kann nicht anders — den« nicht Egoismus, nicht Neid und niederes Verlangen führt mich an diese Stätte." Mit diesen Worten verschloß sie von innen den Eingang wieder und blickte in dem kleinen Rauni umher. Derselbe war einfach decorirt, und die ganze Einrichtung bestand aus einer Causcuse und wenigen Sesseln, nebst einem kleinen Schreibtisch, der Causeuse gegenüber, dessen Hinterwand ein Spiegel bildete. Das Frauenzimmer schlug den Schleier zurück, es war Angelika, die Braut Nu- dolph's, die sich an dem Ort der Zusammenkunft ihrer Cousine und ihres Verlobten befand. „Wo mich verbergen?" flüsterte sie, „ohne daß man die Horcherin entdeckt? Und doch ist es unerläßlich, daß ich dieser Unterredung beiwohne, denn ihre Entscheidung soll auch für mich entscheidend sein." 148 Da fiel ihr Blick auf eine Portiere von schwerem dunklen Stoffe, die hinter der Causense von der Decke hernieder hing und fast die ganze Breite des Pavillons einnahm, dieselbe hatte früher dazu gedient, eine kleine Bibliothek zu verbergen, aber jetzt war der Raum leer und unbenutzt. Ein Strahl der Freude blitzte in Angelika's Augen, aber zu gleicher Zeit horchte sie auf, die Tritte eines sich dem Pavillon Nahenden schallten durch den Sand des Parkes. „Er ist es," flüsterte sie, „jetzt — Gott gib mir Fassung, laß mich Alles erfahren." Rasch trat sie hinter den Vorhang, und schon im nächsten Augenblick ward leise die Thür des kleinen Gebäudes geöffnet, allein statt des erwarteten Nudolph's war es sein Vater, der alte Baron Duroy, der ein kleines Kästchen in der Hand, im Innern desselben erschien. Leopold von Duroy war in dieser kurzen Zeit fast bis zur Unkenntlichkeit gealtert. Aber heute schien ihn eine krampfhafte Energie zu beleben, denn sein Schritt war fest und sein Antlitz ungewöhnlich gcröthet. Nachdem er sorgfältig wieder zugeschlossen hatte, setzte er den Kasten nieder und trat an das Fenster. „Es muß sein," sprach er halblaut vor sich hin, „selbst die Natur ist wider mich, kein freundlicher Sonnenstrahl leuchtet mir auf meinem letzten Pfad, aber freilich dem Verbrecher ziemt Finsterniß und Trauer. Mir bleibt nichts übrig, als der Tod," fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. „Was soll mir ein Dasein, — das mir selber und Anderen zur Last? Dann wird die Rache Robcrt's gestillt und über meine Leiche wird ein neues Glück meinem Sohne erblühen. Und besser Tod für mich, als das Loos, das meiner harrt. Dem Leichnam wird jener unerbittliche Mann wohl die Stätte gönnen, die er dem Lebenden verweigert." Er setzte sich an den Schreibtisch und ergriff die Feder. Aber sogleich warf er sie wieder nieder. „Ich vermag nicht zu schreiben, mein Kopf brennt wie im Feuer, und mein Blut siedet. Komm denn her, du einzige Rettung vor Schmach und Schande, — der Druck deines Hahnes, der meinem Leben ein Ende macht, — rettet meinen Rudolph vor dem Unglück. Und du, Gott, der du tief in mein Herz siehst, das die Reue foltert, laß meine Schuld mit diesem Opfer gesühnt sein, es ist das Höchste, das ich zu bringen vermag." Mit diesen Worten öffnete er den Kasten, und der Lauf einer Pistole glänzte in seiner Hand. Aber schon im nächsten Augenblick prallte er zurück; die Waffe entfiel seiner Hand, denn in dem Spiegel des Schreibtisches erblickte er das todtcnbleiche Antlitz Angelika's, die zwischen den Falten der Portiere erschien. „Sie hier," stammelte er, „was bedeutet Ihr Erscheinen an diesem Orte, mein Fräulein, was soll dies Verbergen?" „Eine Fügung Gottes!" — unterbrach ihn Angelika feierlich. „Er will, daß Sie leben, denn wenn ein Opfer nöthig ist, so will ich es sein." „Sie sehen den letzten Ausweg meiner Verzweiflung;" — rief der Greis, „Ihnen brauche ich nichts mehr zu verhehlen, gibt es noch einen anderen?" Das Mädchen erwiderte nichts; sie schien auf ein fernes Geräusch zu achten. — „Um Gotteswillcn still," flüsterte sie; „verbergen Sie sich mit mir hinter jene Portiere. Er kommt." „Wer?" fragte der Baron erstaunt, „weßhalb diese seltsame Zumuthung?" „Ihres Sohnes, Ihres Nudvlph's willen!" erwiderte Angelika hastig. „Alles — Alles soll Ihnen klar werden; aber folgen Sie mir, ehe Alles zu spät ist." Sie zog den widerstandslosen Mann mit sich fort, und kaum hatten sich die Falten der Portivrc über Beide geschloffen, als Rudolph im Eingänge des Gemaches erschien; aber der Baron war nicht allein. An seiner Hand führte er die jüngere Angelika, deren 149 Gestalt ein schlichtes, hochreichendes weißes Gewand umhüllte. DaS junge Mädchen schien ein geheimes Mißtrauen zu empfinden. Sie blickte forschend ringsum. „Wir sind allein," sagte Rudolph, der diesen Argwohn bemerkte, „Sie sehen, ich selber war es, der die Thür verschloß, — zu der Keiner den Schlüssel besitzt, als mein Vater, und Baron Leopold weilt auf seinem Zimmer." Mit diesen Worten geleitete er das junge Mädchen zur Causcuse, er selbst nahm ihm gegenüber in einem Sessel Platz. Es war unterdessen dunkler geworden; — der Horizont hatte sich vollständig mit schwarzem Gewölk überzogen, und ein dumpfes Grollen verkündete das nahende Ungcwitter. „Herr Baron," begann Angelika mit zitternder Stimme, „Sie werden eS sonderbar finden, daß ich, das junge Mädchen, es abermals bin, die Sie zu einer verborgenen Zusammenkunft nöthigt. Allein Ihr Edelmuth ist mir Bürge, daß ich mich niemals vor dem Auge GotteS, -— noch dem der Menschen — dieser Stunde zu schämen nöthig haben werde." „Angelika!" rief Rudolph, „Du bist mir theurer, wie ein Engel des Lichtes, eher würde ich sterben, ehe ein Wort blinder Leidenschaft Dein Ohr erreichen dürfte. Alles, Alles, was ich Dir sagen will in dieser Stunde — was sich herausdrangt allen starren Formen, allem Menschcnwillen zum Trotz, das laß mich pressen in ein einzig Wort — Angelika, ich liebe Dich — möge der Himmel stürzen über mich, nimmer — nimmer kann ich von Dir lassen." Das junge Mädchen stieß einen Schrei aus. „Großer Gott, und Ihre Braut — meine Cousine?" stammelte sie. „Ich darf ihr Leben nicht v rgiften," rief der junge Mann glühend. „Sie hat mir eine Unterredung bewilligt, in ihr will ich Verzicht leisten auf ihre Hand." „Unglücklicher, und Ihr Vater?" — rief Angelika, bleich vor innerer Erregung. „Gott ist mein Zeuge — ich that, was eine Mcnschcnkraft ertragen kaun; Ueber- menschliches zu ertragen, vermag ich nicht. Schon wollte ich sterben, um diesen Qualen zu entrinnen, aber der Gedanke an Dich, Mädchen, fesselte mich an das Leben, wie den Märtyrer der Gedanke an die Seligkeit, die seiner harrt. Tage, Nächte lang rang ich in wechselnden Entschlüssen, und keiner blieb mir, als der, Dich zu besitzen — und sei es um jeden Preis!" „Wie Rudolph, Sie opfern Ihren Vater auf, um eine Leidenschaft zu befriedigen?" fragte Angelika vorwurfsvoll, „was soll aus dem unglücklichen Greise werden, wenn Sie die Verbindung mit meiner Cousine noch im letzten Augenblicke brechen. Der Direktor würde diese furchtbare Schmach doppelt rächen!" „Frage nichts, wenn Du mich nicht zum Wahnsinn bringen willst!" — rief der Baron glühend, „heiß mich hingehen und jenen Mann tödtcn, in dessen Händen das Geschick meines Vaters ruht, heiß mich selber fälschen und betrügen — Alles, Alles, nur Dir zu entsagen, vermag ich nicht!" Er war bei diesen Worten zu Angelika'S Füßen niedergesunken, und drückte das glühende Antlitz in den Saum ihres Kleides. DaS junge Mädchen erhob sich. „Rudolph!" — fragte sie mit sanflem Tone, die zarte Hand auf das Haupt des Kuicenden legend, „wie soll all' dies Leid enden?" „Laß uns fliehen!" — rief der junge Mann stürmisch; „weit, weit von hier, wo Niemand uns kennt; dort laß uns das Vergangene vergessen und nur der Gegenwart leben. Dort, wenn die Wellen des Oceans zwischen uns, will ich selig schauen in Dein blaueS Auge und Vergessenheit trinken von Deinen Lippen; dort" „Sie lästern, Rudolph!" unterbrach ihn Angelika. „Wie soll unsere Liebe, die rein und heilig vor dem Auge Gottes dasteht, den Anschein einer abscheulichen Intrigue erhalten? Niemals würde ich in diesen Schritt willigen!" Der junge Mann erhob sich. „So weiß ich, was mir übrig bleibt," — sagte er finster, „ehe der verhängnißvollc Brauttag..." 150 Und stürmisch erhob er sich von seinen Knien. „Ich weiß eS wohl. Du hast mich nie geliebt, ein bloßer Hauch des Windes waren Deine Worte, denen ich so elend war zu vertrauen. Ja, wenn Du die Glut wirklich theiltest, wenn auch in Deinen Adern es stürmt und gährt in unendlicher Leidenschaft, Du würdest nicht so kalt dastehen, während mich die Glut verzehrt und mit starren Vernunftgründen mein überwallendes Gefühl zum Schweigen bringen." Der Ausdruck einer tiefen Kränkung färbte das bleiche Antlitz des jungen Mädchens für einen Moment. „Habe ich diesen Vorwurf verdient, Rudolph?" rief sie. „Soll ich es Ihnen denn wiederholen, daß auch ich Sie liebe; schrankenlos, ohne Gränzen! O hüten Sie sich auch, den letzten Damm in dieser Brust zu sprengen, und die verheerenden Wogen mächtig hereinbrechen zu lasten; Hinausrufen möcht' ich's über Stadt und Land — ertönen lasten das heilige Evangelium. Rudolph, ich liebe Dich!" Der Baron stieß einen Ruf des Entzückens aus, — aber von ihm zurücktretend, fuhr Angelika fort: „Möge denn auch die letzte Schranke zwischen uns fallen. Vernehmen Sie das Gcständniß, ihre Braut weiß um meine Liebe; — ich habe kein Geheimniß mehr für Angelika!" „Und was erwiderte Angelika,' meine Braut?" flüsterte Rudolph tonlos. »Daß sie im Innersten diese Verbindung beklage, aber der Wille ihres OheimS unwiderruflich sei," entgegnete das junge Mädchen. „Unwiderruflich!" wiederholte Rudolph bitter; „hat dieser Mann auch die Macht, ein verzweifelndes Dasein vor den Pforten der Ewigkeit an den Traualtar zurück zu zwingen?" _ (Forts, f.) Aus dem heiligen Lande Bon Zeit zu Zeit werden Aufforderungen zur europäischen Besiedelung des gelobten Landes erlassen, die in der Regel aus religiösen Motiven hervorgehen. Die ersten Ansiedler kamen aus Nord-Amerika und wählten für ihren Versuch Artas bei Bethlehem, wo es viel Wasser gibt. Sie geriethen jedoch in große Noth, die natürlich zu Zwistig- keiten und weiterhin zur Auflösung der Gesellschaft führten. Dann kamen Deutsche, auch sie mußten aber ihre bei Jaffa gegründete Kolonie binnen Kurzem wieder aufgeben. Ebenfalls die Umgegend von Jaffa sah eine Niederlassung „Adams City" verunglücken, die schon nach einem Jahre (1867) einging. Noch besteht die Niederlassung der Tempel- freunde in Galilüa, aber nicht in der glücklichen Lage, die zuweilen in Zeitungsnachrichten figurirt hat, sondern halb erdrückt von Noth und Elend. Es ist gewiß, daß es reiche, für den Weizenbau äußerst ergiebige Ebenen und Gebirgsgegenden gibt, wo die Oelbaum- uud Weinstockzucht mit dem lohnendsten Erfolge betrieben werden kann. Der schwarze Boden des ZordanthaleS gestattet den Anbau von Baumwolle und Zuckerrohr und jenseits des Flusses befinden sich ausgedehnte Gebiete, die von jeher wegen ihrer Fruchtbarkeit berühmt gewesen sind (Micha 7, 14). Dagegen sind alle anderen als die Bodenverhältnisse ungünstig. In den Ebenen und ganz besonders im Jordanthal ist das Klima höchst ungesund. Auf dcu Bergen können Europäer ohne Nachtheil leben, wenn sie sich zur Sommerszeit der Sonne uicht aussetzen. Daraus folgt, daß die Einwanderer genöthigt sind, sich der Hilfe und der Dienste der Eingeborenen zu bedienen, daß sie die schwierige arabische Sprache erlernen, sich in die Sitten und Anschauungen der Leute fügen und mit den Behörden auf gutem Fuß stehen müssen. Die letztere Bedingung eines guten Fortkommens ist die unerläßlichste und zugleich die schwierigste. Die türkische Regierung muß sich von den Großmächten immerfort belehren und tadeln lassen. Sie kann dieses Hofmeistern der Diplomaten nicht abweisen, rächt sich aber dafür an den Fremden, die in ihr Land kommen. 151 Das «Dach der Welt." Rußland hat bekanntlich in neuerer Zeit seine Besitzungen in Asien beträchtlich er» wcitert. Im vergangenen Jahre bekriegte eS das industriereiche Land Bokhara oder Buchara, nahm Samarkand, die einstige Residenz Timurs, ein und herrscht gegenwärtig nicht nur über den ganzen nördlichen Theil Turans (Turkistan) niit dem Aral-See, sondern übt auch die Oberherrschaft über die meisten Staaten des andern Theils dieses Landes aus. Völlig unabhängig ist nur noch das Khanat Kunduz, ein an Lapis Lazuli, Rubinen und Blei reiches Land, das aber zu den unbekanntesten Stellen der Erde gerechnet werden muß. Südlich von den neuen Erwerbungen Rußlands und nördlich von dem britischen Machtbereich liegt es — vielleicht über kurz oder lang ein EriS-Apfel für beide Mächte — fast in Mitte Asiens und erhebt sich in dem von Nord nach Süd streichenden Bolor-Tagh oder Nebel-Gebirge (dem Jmaus der Alten) bis zu einer angeblichen Höhe von 15,000 Fuß. Der Rücken dieses Gebirges soll 20 Meilen breit sein; er heißt das Plateau von Pamir oder das «Dach der Welt". Es erscheint als Bindeglied zwischen dem Thian-Schan (Himmelsgebirge) einerseits und dem Küenlücn andererseits. Letzteren überstieg der bayerische Gelehrte und Reisende Hermann v. Schlagintweit-Sakünlünski und entdeckte dort nordwärts der rcchtswinkelichcn Biegung des Indus den zweithöchsten Berg der Erde, den über 26,500 Fuß messenden Dapsang. Um die Hochebene von Pamir selbst gruppiern sich turkistanische Landschaften, die, dem Europäer verschlossen, „dunkle Partien in der Geographie bilden". Man bezeichnet zwar jene Gegend als ein von Handelsstraßen durchzogenes Gebiet, als den Weg, auf welchem von Indien die buddhistischen Missionäre nach China eindrangen, als den Sammelplatz, nach welchem römische Kaufleute auf der „Seidenstraßc" kamen, um die damals so kostbare Seide nach dem Westen zu führen, woran noch die Reste eines großen Karawanserais, des „steinernen Thurmes", erinnern, bei welchem der Waarenaustausch stattfand; im Bereiche der wissenschaftlichen Forschungen erscheinen aber jene Gebiete noch immer als eine terru inevAMta. Nun soll es auch dort Licht werden und zwar mit Hilfe indischer Feldmesser. Der hochverdiente Chef der indischen Landvermessnng, Coloncl Walker, benachrichtigte Dr. Petermann, er habe cingeborne indische Geodäten ausgesandt, nm die ganze so wenig bekannte Region zwischen 36 und 40" nördl. Br., 68 und 740 östl. L. von Greenwich aufzunehmen und hoffe in 1 bis 2 Jahren die Materialien zu einer korrekten Karte derselben beisammen zu haben. Inzwischen erhielt die Geographische Gesellschaft in London eine Karte der das Pamir-Plateau umgebenden Landschaften, welche Mr. Hayward nach den Reisen und Tagebüchern eines Jarkandcr Kaufmanns entworfen hat und woraus unter Andern zu ersehen ist, daß ein bequemer, nicht sehr hoher Paß über das Bolor- Gcbirge führt. Hayward beabsichtigt auch selbst an der Erforschung jener Gegenden theilzunchmcn und will, als Eingeborner verkleidet, über Kaschmir nach Jarkand und Kaschgar gehen und auf dem Rückweg die Pamir-Steppe überschreiten, um nach Jellala- bad und Pcschawur zu gelangen. (B. L.) Eine protestantische Stimme über Pins IX. Die in Paris erscheinende Protest. Zeitschrift Temps enthält eine Correspondcnz aus Rom, der wir folgende Beurtheilung unseres glorreich regierenden Papstes entlehnen: „Seit einiger Zeit hat man in Rom eine gewisse Hoffnung auf den guten Willen der hohen Pforte. Pius IX'., der mit erstaunlichem Eifer um die Ausbreitung der Kirche, die Errichtung neuer Bisthümer, die Bekehrung der Engländer, die Rückkehr der Griechen und andere weithinaussehende Probleme beschäftigt ist, hat eine Wiederaufnahme des Strcbens Eugens IV. im Concile von Florenz vorbereitet. Dieser eminente Papst, einer der größten, den es vom kirchlichen Standpunkte je gegeben hat, geht jeden Morgen in seinen regelmäßigen Audienzen mit Priestern und Prälaten, die Special-Studien obliegen, auf das allergenaueste in 153 «kle diese Fragen ein. Er zeitigt die Angaben; er versteht alle Triebfedern in Bewegung zu setzen; er läßt Amerika, England, den Orient an Ort und Stelle studircn und bulgarische Geistliche kommen, obscure Männer, die jedoch Mächte sind. Der Mann der Politik für die zeitige Macht, und der Mann mit dem heitern, ja witzigen Tempe« rament läßt bei Pius IX. nur allzusehr den Papst vergessen, der zugleich der eifrigste Propagandist und der größte Wiedcrherstellcr kirchlicher Schäden ist, den cS seit langer Zeit gegeben. Man beachtet nicht genug, daß er alle diese umfassenden Werke unternimmt, nicht etwa durch Zufall, nicht weil sie an sich reif wären, sondern weil er ein sehr überlegter Papst ist; persönlich von sehr hervorstechendem Charakter. Er ist in Wahrheit der Mann mit dem ungeheuren, in einem Zimmer des Vaticans aufgestellten ErdglobuS, wie er mit rothen Strichen die gegenwärtigen Grenzen seiner Herrschaft bezeichnet, wobei er zu einem kleinen Priester von nichtssagender Miene, indem er mit dem Finger auf eine noch nicht unterworfene Gegend zeigt, sich äußert: „Das muß man in Besitz nehmen." Miseellen. Californien. (Ein Götzentempel.) Die Chinesen in Sän Francisco haben nach der „Amerikanischen Post" jetzt ihren eigenen Buddha-Tempel errichtet, der fast dieselbe Größe und Ausdehnung hat, wie der zu Peking oder Schanghai. Jeder Chinese, der Reiche wie der Arme, selbst der sonst so verachtete Kuli, hat Zutritt. Das Innere des massiv aufgeführten Hauptgebäudes ist von den Nebengebäuden durch eine lange, in eine Halle endende Gallerie getrennt. Auf jeder Seite der Halle befinden sich Sitze von Ebenholz, bedeckt mit blauem, reich gesticktem Stoff. Von der Halle führen Stufen in das (nach ihrem Glauben) Allcrheiligste. Auf einem großen Tisch dicht vor dem Altar stehen brennende Kerzen und drei Melallvasen, deren Deckel Drachen darstellen, aus deren Nachen der immer brennende Weihrauch ausströmt. Nicht weit davon steht ein anderer Tisch, auf welchen Schüsseln gesetzt sind mit gebratenem Schweinefleisch, einem Zicgcnbock, gekochtem Huhn und einer Menge Confect, Gebäck und brennenden Räucherkerzen. Der Altar selbst ist auf das Prächligste geschnitzt, reich vergoldet und mit den lebhaftesten Farben lasirt. Mitten darauf steht das Bild Ehing Tal'S, eines berühmten Heros aus der chinesischen Mythologie. Die sitzende Figur ist in Lebensgröße dargestellt, und das knallroth gemalte Gesicht contrastirt eigenthümlich mit dem blendendweißen Email der Augen und der Rabenschwarze des Bartes. >Sein Gewand ist mit Edelsteinen wie besäet. Die Kuppel der Kapelle ist dicht mit einzelnen Holzlaseln behängt, auf die weise Lcbcnsregeln geschrieben sind. Tausende von bunten Laternen verbreiten ihr mildes Licht, das sich an den geschmackvoll drapirten Vorhängen bricht. Der ganze innere Schmuck des Tempels wurde in China verfertigt und nach Sän Francisco tranSportirt. Im Danziger Werder war bei einem Mcnnoniten, der seiner Kaltblütigkeit Wegen bekannt ist, ein Dieb eingebrochen, und mit einem Dolche bewaffnet an das Bett des Besitzers, der allein schlief, getreten. Unter der Drohung, ihn zu ermorden, wollte er wissen, wo jener sein Geld liegen habe. Der Mennonit bemerkte ihm hierauf — er würde es allein doch nicht finden, er wolle es ihm aber zeigen, wenn ihm kein Leid angethan würde. Darauf kleidet er sich ruhig an, — geht mit dem Diebe durch mehrere Zimmer, öffnet dann einen Schrank, nimmt schnell auS demselben zwei Pistolen, und hält sie dem Diebe mit den Worten auf die Brust: „Ut welkem Büdcl beleewt cm?" (AuS welchem Beutel beliebt ihm?) Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von I)r. M. Huttlcr. Nro. 20. 16. Mai 1869. Augsburger Sonntags-Blatt. Ein Herz voll Liebe kaun Alles verzeihen, sogar Härte gegen sich, aber nicht Härte gegen Andere, denn jene zu verzeihen, ist Verdienst, diese Mitschuld. Jean Paul. Die Entsagenden. (Fortsetzung) „Rudolph!" unterbrach ihn Angelika, „entweihen Sie nicht diesen heiligen Moment, wo ich komme, Ihnen mein ganzes Herz zu erschließen. Daß ich Sie an diesen Ort berief, geschah auf Veranlassung meiner Cousine. Angelika wünscht, daß ich ihr den Inhalt unserer Unterredung mittheile; so groß auch ihre Liebe zu Ihnen ist, so sinnt sie doch auf die Möglichkeit, Ihnen zu entsagen.' „Welches Schicksal riß diese edle Seele mit in den Kreis dieser Verirrungen?" — rief der Baron schmerzlich; „o glauben Sie mir, so leidenschaftlich ich Sie liebe, so sehr verehre ich Ihre Cousine, wie eine Heilige — aber selbst eine Heilige vermag nichts gegen den starren Willen eines Mannes, wie dieser Direktor, und nimmermehr würde ich zugeben, daß Angelika durch uns zu einem Opfer veranlaßt wird, denn ich kenne dies edle Herz, das selbst des Größten fähig." „Nein, mein Freund, lassen Sie uns die Opfer sein dieses Verhängnisses, und indem wir fremde Schuld sühnen, uns ewig gehören ohne Trennung, ohne Furcht vor Schande und Menschenelend." „Angelika," flüsterte der Baron, „ich zittere, — Dich zu verstehen, und doch wallt mein Herz in unaussprechlichem Jubel." „Würde ich fliehen," fuhr das junge Mädchen fort, „ich würde keinen Tag, keine Nacht der Ruhe finden; denn meine Sehnsucht nach Dir würde mein Leben elend machen, wie der Gedanke, daß Du diese Sehnsucht theilen würdest, und vielleicht bald durch einen Druck Deiner Waffe einem unerträglichen Dasein ein Ende machen würdest. Nur allein mit Dir vereint, vermag mein armes Herz noch Ruhe zu finden, wir wollen fliehen, Rudolph, aber nicht wo Mcnschenaugcn und Menschenlippen uns an eine schmachvolle Vergangenheit mahnen, sondern dorthin, wo die allewige Liebe wohut und der unversiegbare Born der Gnade aus dem Schooße des mildesten der Richter quillt; wir wollen fliehen zu Gott, mein Rudolph, in den Tod." Ein dumpfes Rollen des Donners begleitete die letzten Worte des jungen Mädchens, und zu gleicher Zeit erleuchtete ein greller Blitzstrahl den kleinen Raum. „Ja, sterben!" rief der junge Mann leidenschaftlich, „vereint mit Dir wallen durch die Thore der Seligkeit. O käme jetzt ein Blitzstrahl des Himmels auf uns hernieder, und riefe uns vereint zu höheren Gefilden; — o, jetzt sterben in diesem Augenblick der höchsten Seligkeit! Angelika, Angelika! wer sendet uns den milden, gütigen Engel, der in diesen Stunden uns von einem Dasein des Wehs befreit?" Da siel sein Blick, der durch den dunkel gewordenen kleinen Raum schweift, auf den Tisch, ein neuer Blitzstrahl verbreitete eben eine blendende Helle. „All' ihr guten Mächte," rief Rudolph, „ihr selber seid es, die ihr unserem Plan euren Beifall leiht — ihr selber zeigt uns den Pfad der Rettung aus diesem Labyrinthe. Blick her, Geliebte," fuhr er fort, „die Rettungsstunde schlägt, wir werden nicht lebend mehr diesen Pavillon verlassen!" 154 Angelika wandte sich um, aber ein lauter Ruf, der ihren Lippen entfuhr, ließ auch Rudolph sich umwenden. Am Tische stand die Braut des Barons, den Schleier vom bleichen Gesicht zurückgeschlagen, und neben ihr Baron Leopold, dessen Hand krampfhaft die Pistole umklammert hielt. Eine lange peinliche Stille entstand im Pavillon; Keiner wagte zuerst die Stimme zu erheben. Die Nöthe der Entrüstung stieg in das Antlitz des jungen Mannes. „Fürwahr," sagte er, „nun kann der Vorhang fallen, das Trauerspiel ist zur Comödie geworden, und es fehlt nichts weiter, als ein dankbares Publikum, das uns beklatscht. Doch das Publikum ist ja vorhanden," fuhr er fort, auf seinen Vater und seine Verlobte deutend, „und die Herrschaften scheinen zeitig genug ihre Plätze eingenommen zu haben, um nichts von deni Schauspiel zu verlieren." „Halten Sie ein, Rudolph," fiel die ältere Angelika ihm in die Rede, „entweihen Sie nicht diese ernste, inhaltsschwere Stunde. Ja, ich läugne es nicht, ich war es, die Angelika veranlaßte, Ihnen ein Rendezvous an diesem Orte zu geben, aber ich verschwieg ihr, daß auch ich mich hier einsinken werde, und daß ich diesen Entschluß faßte, geschah, weil ich Sie retten, vielleicht Sie Beide glücklich machen will." „Rudolph," fuhr sie fort, „danken Sie der gütigen Vorsehung, die oft, was uns die schwerste Prüfung scheint, zu unserem Heil dienen läßt; danken Sie ihr, die mich an diese Stätte führte, denn ohne meine Gegenwart wäre Ihr Fuß beim Betreten dieses Pavillons über einen blutigen Leichnam gestrauchelt, über den Leichnam Ihres Vaters!" „Großer Gott!" rief Rudolph, auf Baron Leopold zueilend, „mein Vater!" „Ihr Vater," wiederholte Angelika. „Dieselbe Waffe, die Ihr Leben, das Leben Ihrer Geliebten zu enden bestimmt war, sollte auch zu seiner Todeswaffc dienen. Indem er sich opferte, gedachte er, Sie zu retten!" Tief ergriffen breitete der alte Baron seine Arme aus. „Rudolph," stammelte er, „Gott ist meiiz Zeuge, um Dich wollt' ich in den Tod gehen, kannst Du mir jetzt vergeben, was ich an Dir that?" Rudolph warf sich in die Arme des Alten. „Gott!" rief er, „warum mußtest Du erst so viel Schuld begehen lassen, daß so viel Buße nöthig ist, sie zu sühnen." „Hört mich an," begann die ältere Angelika jetzt auf's Neue — „Nächte der Herzensqual von keinem Schlummer gelindert, — brachte ich ine Gebete zu dem allgütigen Lenker des Schicksals, um einen Ausweg aus diesem Labyrinthe anflehend. Und ich fand ihn — fand das einzige Mittel, den Willen meines Oheims Euch zum Heil zu lenken. Aber dieses Mittel ist eine neue Schuld, ein neuer Betrug, und ehe ich zu diesem Aeußerstcn schritt, mußte eine Katastrophe, wie die heutige, mein Gewissen beruhigen. — Was willst Du thun?" fragte Angelika zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, — „können, dürfen wir von Dir Rettung empfangen? Denn meine Ahnung sagt mir, daß der Anfang unseres Glückes zugleich das Ende des Deinen sein wird!" „War ich jemals glücklich?" unterbrach ihre Cousine sie trübe; „ich habe gesucht und nicht gefunden, ich hoffte und ward getäuscht, und Täuschung ist der Faden, der sich um mein Dasein schlingt, und um jede Freude, jede Hoffnung seine Knoten knüpft. Ich schaffte tnir Ideale, die nie cxistircn, lebe in einer Welt, die mir fremd erscheint — wie sollte ich mich darin glücklich fühlen?" „Versteht mich recht," fuhr sie fort, da sie die ängstlich fragenden Blicke auf sich gerichtet sah, „ich denke nicht, Eurem Beispiel zu folgen und frevelnd Hand an mein Dasein zu legen, das ich von Gott empfing. Aber ich bereite mir ein Glück, indem ich von Erinnerungen zehren werde, und der Gedanke wird mich beseligen, daß ich es bin, die Sie, Rudolph, vor dem Ihrer harrenden Schicksal bewahrt hat." „Angelika!" rief der junge Baron, „o wüßten Sie —" „Still!" — unterbrach ihn seine Braut. „Lasten Sie mich Ihnen jetzt sagen, wie Sie sich zu verhalten haben. Ich habe bereits meinen Oheim ersucht, die Trauung ohne Zeugen in der Kapelle dieses Gutes stattfinden zu lassen; mein würdiger Freund, 155 der Pfarrer Hasbcrg, der mir oft mit seinem Rathe beigestanden, wird dieselbe vollziehen und aus seiner Hand wird die Braut, sobald die Ceremonie vollendet, das ihm von meinem Oheim eingehändigte Kästchen empfangen, das jenen verhüngnißvollen Wechsel enthält, um dessen willen Sie, Rudolph, bereit waren, Ihr Lebensglück dahin zu geben. Verhalten Sie sich vollkommen ruhig, und wenn auch die Stimme Ihrer Verlobten während jener Ceremonie beben mag, sprechen Sie fest und vernehmlich das unauflösliche „Ja." — Du, Angelika," redete sie gegen ihre Cousine gewendet, weiter, „wirst meinem Oheim mittheilen, daß Tu Dich gezwungen siehst, am Tage vor meiner Hochzeit unser Haus zu verlassen, und Dich zu einer entfernteren Verwandten zu begeben, — er muß glauben, daß Deine Eifersucht Dir nicht gestattet, Zeugin unserer Verbindung zu sein. Du wirst Dich zu einer alten, verschwiegenen Frau begeben, die ich kenne und der ich vertrauen darf; dort wirst Du das Weitere erfahren." „Und nun," endete sie, „laßt uns Abschied nehmen bis auf ein fröhlicheres Wieder- sehen. Kein Laut, keine Andeutung verrathe jemals, was in dieser Stunde vorgefallen. Aber beten wollen wir zu dem Lenker der Geschicke, der durch die Wolken des Gewitters, die lichte, segenspendende Sonne strahlen ließ, und Wärme und Freude ergoß über alle Creaturen, daß er auch uns führen möge zum Licht durch die Finsterniß, und verzeihe die krummen Wege, l ie wir wandeln, um ein reines Glück zu gründen, das der unbeugsame Wille eines Menschen zu zerstören droht." „Angelika!" rief Rudolph, von seinen Gefühlen überwältigt, „o hätte ich Dich stets gekannt, Du Heilige, ich wäre eher gestorben, als daß ich Dir entsagt hätte!" „Jugend und Schönheit behalten stets ihr Recht," — erwiederte das Mädchen. „Vereint sich mit diesen Vorzügen die Anmuth, die Liebenswürdigkeit meiner Cousine, wie könnte ich Ihnen zürnen!" Das junge Mädchen warf sich in die Arme der Redendem „Möge Gott Dir lohnen," rief sie mit thrünencrstickter Stimme^ „wir vermögen es nimmermehr." „Ich trage in mir meinen Lohn," erwiederte Angelika, „wenn mein Plan gelingt, bin ich glücklich, da Ihr es seid." „Und bist Du Deiner Sache sicher?" — fragte Angelika, „willst Du mir nicht mittheilen — " „Nicht eher, bis es nöthig ist," unterbrach ihre Cousine sie. „Ich habe mit Gott allein diese Angelegenheit berathen, er wird sie zum Heile führen. Und wenn sie mißglücken, wenn ein Zufall mich betrügen sollte, so trösten Sie sich, Rudolph, dann — ja dann müssen Sie mein Gatte werden! Aber trösten Sie sich, selbst in diesem Falle werden Sie bald wieder frei sein." Ein langer Blick gen' Himmel gerichtet, vollendete ihre Rede. (Schluß folgt.) WaS ist es denn mit den Klöstern? (Beantwortet von — Viktor Hugo.) Es ist sicher interessant, eben jetzt die Stimme eines solchen Mannes über dieses Thema zu vernehmen. Viktor Hugo sagt: Menschen vereinigen sich und wohnen gemeinsam; auf welches Recht hin? Auf Grund des freien Vcreinigungs-Rechtes. Sie schließen sich ab; auf welches Recht hin? Auf Grund des Rechtes, welches jeder Mensch hat, seine Thüre zu öffnen oder zu schließen. Sie gehen nicht aus; auf welches Recht hin? Auf Grund des Rechtes, zu gehen und zu kommen, das auch das Recht einschließt, daheim zu bleiben. Dort, zu Haus, was thun sie dort? Sie sprechen leise; sie schlagen die Augen nieder; sie arbeiten. Sie entsagen der Welt, den Städten, den sinnlichen Genüssen, den Vergnügungen, den Eitelkeiten, dem Ehrgeiz, dem Eigennutz. Sie kleiden sich in 156 grobe Leinwand oder grobes Tuch. Keiner von ihnen nennt auch nicht das Geringste sein eigen. Mit dem Eintritt macht sich der, der reich war, arm. Was er hat, gibt er für Alle hin. Der, den man einst vornehm, einen Edelmann oder Herrn nannte, steht dem gleich, der ein Bauer war. Die Zelle ist für Alle dieselbe. Alle opfern ihr Haupthaar, Alle tragen dasselbe Gewand, essen dasselbe Schwarzbrod, schlafen auf demselben Stroh, — sterben den gleichen Tod. Sie haben denselben Sack auf dem Rücken, denselben Strick um die Lenden. Wenn es ihre Regel verlangt, mit bloßen Füßen zu gehen, gehen Alle bloß; dort kann man Prinzen sehe», diese Prinzen sind ebenso Schatten, wie die Anderen. Kein Titel mehr, selbst die Familiennamen sind verschwunden. Sie führen nur Vornamen. Alle beugen sich vor der Gleichheit der Taufnamen. Sie haben die fleischliche Familie verlassen und gehören in ihrer Gemeinschaft der geistigen Familie an. Sie haben keine andern Eltern, als alle Menschen. Sie eilen den Armen zu Hilfe, pflegen die -tranken. Sie wählen die, denen sie gehorchen, und sagen zu einander: „Mein Bruder." Sie beten. Zu wem? — Zu Gott. Die unbedachten, flüchtigen Menschen sagen: Zu was diese unbeweglichen Gestalten zur Seite des Heiligthums? Was nützen sie? Was thun sie? Es gibt wohl kein erhabeneres Werk, als das, was diese Seelen vollbringen. Es gibt wohl keine nützlichere Arbeit, als die, welche diese Seelen verrichten. Sie beten immer für die die niemals beten. Nachgrabungen in Jerusalem. *Die Nachgrabungen, welche der englische Lieutenant Warren unter den Auspicien des Palästina- Erforschung^ Fonds anstellt, fangen an, ungewöhnlich interessante Resultate zu Tage zu fördern. Die Arbeiten sind gegenwärtig fast nur auf die Stadt Jerusalem beschränkt, und der Boden der heiligen Stadt erweist sich als eine Quelle bcmerkenswerther Antiquitäten. Das Jerusalem von heute steht auf den Ruinen des Jerusalems der Vorzeit. Reisende die nach Jerusalem kommen, begnügen sich nicht länger mit einem flüchtigen Blick auf die Stadt wie sie ist, sondern indem sie in Lieutenant Warrens Schachte hinabsteigen uud durch Bögen, Gallerten, verschüttete Hallen, Reservoirs und Wasserleitungen wandern, erhalten sie auch einen Einblick in die Stadt wie sie einst war. Mehr als 50 solcher Schachte -sind gegraben worden, uud in einem derselben hat man 90 Fuß unter der jetzigen Oberfläche den Grundstein der alten Mauern des Tempels entdeckt, welche mit seltsamen bis jetzt noch nicht Entzifferten Inschriften bedeckt sind. Bei der Ausgrabung des Wirket Israel oder Sumpfes svon Bethesda stieß man auf ein fast 100 Fuß tiefes gewölbtes Reservoir, dessen Ausdehnung noch nicht gänzlich erforscht ist. In einem Theile der Haram Area gelangte man in die Oeffuung eines Beckens, das zu einem großen, 63 Fuß langen und 57 Fuß breiten, wie eine Kirche gewölbten Gebäude führte, welches Lieutenant Warren unwillkührlich an die Kathedrale von Cor- dova erinnerte. In vielen dieser unterirdischen Plätze, die gewöhlich mit großen Schuttmaffen angefüllt sind, fand man seltsame irdene Geräthschaften, die gegenwärtig in den Büreaus des Palästina - Erforschungs - Fonds zu London zur Ansicht ausgestellt sind. Das sind nur einzelne Beispiele der Entdeckungen, welche die ersten Anstrengungen der Forscher belohnt habe». Der ganze Boden Jerusalems scheint die Grabstätte des vergangenen zu sein, und fortgesetzte Forschungen dürften nach und die Topographie der heilioen Stadt in der Zeit ihrer frühesten Geschichte, vervollständigen. 157 Schützet die Singvögel. Im Jahre 1766, als die Franzosen ins Land gefallen waren, und ganz Deutschland von Wasfenlärm wiederhallte, war der bergische Landstrich zwischen Sieg und Wupper neutrales Gebiet, wie das im Jahre vorher nordwärts der Wupper gewesen. Davon wußten uns die alten Leute zu erzählen, wie im neutralen Gebiete die aus den Kampfgegenden verscheuchten Singvögel zusamengedrängt waren, so daß in jeder Gartenhecke Dutzende von Nachtigallenne- stern, und alle Obst- und Waldäume voller Vogelnester, und sogar die Dachrinnen der Häuser von den friedenerfrenten Sängern zum Msten gewählt wurden. Da wurde im Feld und in den Gärten das Ungeziefer so rein vertilgt und die Obsthöfe so gründlich gesäubert, daß man keinen Uugezieferschadeu wahrnahm und kein wurmstichiger Apfel zu finden war, wogegen man außerhalb der Friedenslinie, wo die ackerbaufrenndlichen Vögel, nicht aber das feindliche Ungeziefer durch das immerwährende Schießen vertrieben waren, Felder, Gärten und Baumhöfe von Raupen und anderm verderblichen Geschmeiß verdorben sah. So fördert der Krieg das Ungeziefer nicht bloß unter den Menschen. Der um die Landwirihschast und den Obstban verdienstvolle Rath Deycks zu Opladen hat diese Beobachtung in seinem Tagebuche aufgezeichnet und pflegt als Beleg zur Nothwendigkeit des Singvogelschutzes den Schulknaben zu erzählen. Zwei Dutzend Jahre darauf, als man im Siegkreise die Spatzen nach ortspolizeilicher Vorschrift beinahe vertilgt hatte, fand man, durch Ranpenschaden belehrt, nichts Besseres zu thnn, als diese Thiere wieder anzuschaffen, deren Nützlichkeit den Schaden vielfach überwiegt. Siehe, lieber Landmann: das Vögelein braucht dich nicht um Gnade und Barmherzigkeit anzuflehen, daß du ihm ein friedsames Nistplätzchen gönnest. Wenn Rechtsgefühl in dir lebt, so wird das dir sagen, daß es um dich verdient hat, daß du es in Schutz nehmest und treu- behütest wie deinen Augapfel; auch daß du deine Kinder, die vorwizigen, muthwilligen Knaben und jeden fremden Vogelsteller abhaltest, ein Nest anzurühren oder Netze und Schlingen zu spannen auf deinem Eigen, in deinem Walde oder anderswo, Das zutrauliche Vögelein hat das Vertrauen zu dir gehabt, daß du es schützest, sonst würde es sein Nest fernhin gebaut und dich geflohen haben. Dies Vertrauen schon verpflichtet dich. Es geht ein altes Wort durch's deutsche Land von deutscher Treue. Erzeige diese Treue auch dem geringen Geschöpfe, das sein Liebstes auf der Welt, seine Brüt, deinem Schutze und deinem Wohlwollen, das es redlich verdiente, anvertraut hat. Nirgendwo wird die Ausübung der Treue und schuldigen Dankbarkeit so handgreiflich gelohnt werden, als durch deu Vogelschutz. Praktische Verwendung eines Duells. Zwei junge Leute in Paris, Ernst G. und Julius C., die in einem und demselben Geschäft angestellt waren, verliebten sich gleichzeitig in die Tochter ihres Prinzipals und ihre Eifersucht gegen einander führte bald, obgleich sie von Kind auf Freunde gewesen waren, zu einem unauslöschlichen Haß. Einst gab der eine dem andern in einem Cafö aus geringfügiger Ursache einen Schlag ins Gesicht und die Folge davon war eine Forderung in aller Form. Man einigte sich auf Pistolen und das Duell sollte im Boulogner Gehölz stattfinden. Zwei Wagen standen bereit und alle Vorsichtsmaßregeln waren getroffen, um für den Fall eines unglücklichen Ausganges dem Ueber- gebenden rasche Flucht möglich zu machen. Ernst G. batte den ersten Schuß, und kaum hatte der Rauch seiner Pistole sich verzogen, so sah er seinen Gegner in den Armen der Sekundanten liegen, der entsetzt ausrief: Retten Sie mich! Er ist todt! Ohne aufzusehen, sprang der unglückliche Schütze in den Wagen und entkam ungehindert nach dem Bahnhöfe, und von dort nach Belgien, wo er in Brüssel seinen Auferthalt nahm Nach einem Monate fiel ihm ein Pariser Blatt in die Hände, und er wollte seinen Augen nicht trauen, als er darin die Vermählungs-Anzeige seines todt geglaubten Freundes mit der Tochter seines Prinzipals laS. Ohne Zögern eilte er nach Paris zurück und hier erfuhr er endlich die Lösung des allerdings nicht feinen Scherzes. Jnlius C.,der feines Gegners Ungeübtheit in der Führung der Waffen wohl kannte, hatte sich mit seinen Zeugen dahin verständigt, daß er sich nach dem ersten 158 Schusse todtstellen werde. In Wahrheit war er nicht einmal verwundet. Als er seinen Nebenbuhlerin Brüffel wußte, trat er mit den Bewerbungen um das Herz der Schönen offen hervor und führte sie auch bald als Frau heim. Ob sich der Dupirte mit dem k->N accampl, zufrieden gegeben hat, oder ob er eine neue Revanche suchen will, wird nicht gesagt. Die Verzweiflung des Unglaubens klingt aus einem Nachrufe heraus, welchen Alexander Dumas dem verstorbenen Dichter Lamartine widmet. Während Lamartine, wie sich die christliche Sprache so schön ausdrückt, im Kusse des Herrn starb und nach Ablegnug einer Generalbeichte und Empfang der bl. Sterbcsacramente mit dem Crucifix in der Hand zur ewigen Ruhe einging,ruft Dumas in seinem Nachruf aus: „O Dichter, der du in deinem Leben so oft nach den Geheimnissen des Todes geforscht, könntest du nicht vom Jenseits Kunde über das große Geheimniß der Ewigkeit geben? Wenn zwei Menschen, wie Shakespeare und du, den Tod befragten und er nicht antwortete, so ist es, weil er stumm ist. Aber du zweifeltest nichc wie Hamlet und starbst von süßen Hoffnungen erfüllt. Du hast die Augen als Christ geschlossen. Du selbst sagtest: „Ich habe zum Danke die Leiden, welchemir die Menschen hienieden bereiteten. . . . Aber in deinen Schovß eingegangen, o Gott! vergesse ich das Alles oder vielmehr ich hoffe dafür belohnt zu werden. „Oloi-ia 1» exeslsis Doo!" Wenn du dich aber getäuscht hast, Hochstrebeuder! wenn unsere Seele vergänglich ist wie der Leib, wenn der Tod die Vernichtung ist? wenn in Erfüllung des Wortes Christi: „Staub warst du," (das gui pro ij»o, welches Dumas sich hier zu Schulden kommen läßt, indem er eine Stelle aus dem alten Testament Christus in den Mund legt, muß man Dumas zu Gute halten) dein Herz mit seinem letzten Schlage dabin ist: Wo ist dein Lohn, Poet? welches dein Dank, Apostel? was deine Entschädigung, Märtyrer? . . . Glücklich Jene, welche in den seligen Zeiten lebten, da man noch glaubte! Glücklich Jene, welche, wenn sich ein Leichnam in die Gruft senkt, Gedanken des Wiedersehens hegen können. Aber beklagengswürdig sind Jene, welche den entrissenen Freunden ein Lebewohl für ewig nachrufen müssen. Ich gehöre zu diesen Verzweifelten, welche ein solches Lebewohl nachrufen. Lebewohl, Lamartine, für ewig Adieu!" So schreibt Dumas. Ja wohl, beklagenswert!) sind Jene, welche mit dem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele auch die Lösung des Räthsels ihres Daseins verloren haben und am Ende ihres Lebens sich fragen müssen: Wofür habe ich gelebt und gestrebt? Beklageuswerth sind sie, wenn sie, aus dem Taumel des Materialismus erwachend, bei dem Hinscheiden einer großen, einer ihrem Herzen theuren Seele ihr verzweifelnd nachrufen: Wo bist Du hingegangen? Du bist für mich verloren auf ewig! Miscellen. * (Ein biblischer Platz.) Auf einem Meeting der „königlichen Gesellschaft für Erdkunde" (Uo^ul Oso^rapliiaal 8oei6t^) verlas der Referent, F. W. Holland, eine interessante Abhandlung „über die kürzlich auf der Halbinsel von Sinai vorgenommenen Forschungen." Die Forschungs - Expedition, zu deren Mitgliedern der Verfasser gehörte, verließ Mitte November v. I. Suez, passirtc die Wüste und kam in Jabal Mousha an, in dessen Nähe sich die Ebene befindet, welche, wie vermuthet wird, der Lagerplatz der Jsraeliten gewesen ist. Man bemerkte daselbst viele Zeichen früherer Cultur, sowie in allen Theilen des Distrikts zahlreiche Einsicdlerhütten und Steingürtel, in Form den der Druiden ähnlich, mit semitischen und griechischen Inschriften versehen, von denen Photographien und Zeichnungen genommen wurden. In Jabal NakouS sah man den berühmten Glockenberg, — welcher an der Seescite gelegen und aus einer 400 Fuß hohen und steilen Sandbank besieht, — dessen Klang, ähnlich dem matten Ton einer aeolischen Harfe, durch den fallenden Sand verursacht, und um so lauter wird, — wenn derselbe trocken und heiß ist. Wenig oder gar nichts wurde entdeckt, was auf die Route der Jsraeliten irgend welches Licht werfen dürfte, aber in vielen Dingen glich das Land auffallend der in der heiligen Schrift enthaltenen Beschreibung. 159 * Wie riesenhaft der Wasserdruck ist, gegen den das atlantische Kabel zu kämpfen hat, zeigt eine Thatsache, die noch nicht viel bekannt sein dürfte. Wenn ein Schiff auf der Fahrt nach Amerika die großen Tiefen erreicht hat, wird dem Reisenden jetzt gewöhnlich folgender interessante Versuch gezeigt: Eine Flasche Champagner, die vollkommen unberührt und verschlossen ist, wird mit dem Senkblei so tief wie möglich hinabgelassen, und nach einigen — vielleicht zehn Minuten — wieder heraufgezogen. — Statt des Champagners findet man jetzt beim Auflösen des Drahtes und Oeffncn deS Korkes eitel Meerwafser, trotzdem der Flaschcnverschluß vollkommen unversehrt war. Der starke Druck der über der Flasche lastenden Wassersäule hat nämlich das schwerere Meer- wasser durch die Poren des Korkes und des Glases hineingepreßt, während der leichtere, moussirende Wein herausgedrückt wurde. * (Das Cochenille-Insekt.) Das bedeutendste Produkt der kanarischen Inseln ist gegenwärtig Cochenille, deren Umsatz in den letzten Jahren beträchtliche Dimensionen angenommen hat. Die Mutter oder die wackres der Insekten setzt man auf die Cactuspflanze, die überall auf den Inseln wächst, und bald ist das stachelige Gewächs über und über mit jungen Insekten bedeckt. Nach einiger Zeit sammelt man die wackres in Beuteln wieder ein, — und läßt die junge Nachkommenschaft zur Reife gelangen. Während man einen kleinen Theil zur Bevölkerung anderer Pflanzen zurück- behält, wird der größere Theil von Frauen in männlicher Tracht und mit Handschuhen bekleidet, um die Hände gegen die Stacheln des Cactus zu schützen, aufgelesen und in Säcken nach England und Marseilles versandt, wo das Pfund 3 Schillinge und darüber realisiert. Obwohl ziemlich südlich gelegen, — sind die kanarischen Inseln wegen ihres köstlichen Klima's und aus dem Umstände, daß heftiger Regen, der die Insekten von den Pflanzen wegspülen würde, — sehr selten vorkommt, — vorzüglich für die Cultur der Cochenille geeignet. Beruhigung. Klage nicht den Weltlauf an! Wer dich führt, weiß mehr, als du; Alles kömmt, das Wo und Wann Anders, als der Mensch ersann, Höh're Weisheit mißt ihm's zu. So, in deiner frommen Brust Wahre dir zufried'nen Sinn, Und du trabst durch's Leben hin Wie das Füll'n der Eselin, Dem sein Mühlsack eine Lust. Kämpft die Jugend oft mit Noth: So geprüft, erstarkt der Mann Und der Greis kömmt doch zu Brod Leider freilich meist erst dann, Wenn er's nicht mehr beißen kann. Deinem Streben, echt und rein, Naht dann auch der Kranz fürwahr, Wenn nicht schon auf braunem Haar, Wenn nicht auf den Scheitel baar, Sicher auf dem Leichenstein! So dir Gott ein Auge nahm, Sprich: es könnten Beide sein! Und erlischt des andern Schein Sprich' nur zu, es bleibt nicht aus — Das Verdienst kömmt stets zu Ehr'. Lebt der Edle dann nicht mehr. Nun, mit Gott, ergib dich d'rein, Freu' dich, daß du nicht auch lahm. Schickt den Säckel man umher, Schmückt des Dulders letztes Haus. Sei dein Spruch: wie'S Gott gefällt! Weltschmerzklagen sind wir satt! Alles, Freund, ist wohlbestellt, Dies ist doch die beste Welt Weil man keine schlecht'» hat. 160 Neue Sprachlehre. Ein hessischer Bauer, der das Wort annectiren oft hörte und sich doch gcnirte zu fragen, was das Wort bedeute, kam nach längerem Nachdenken auf die richtige Fährte. Er leitete es von „abackern" (von des Nächsten Acker) und „anackern" (an den eigenen Acker) ab, und fand, daß diese Bedeutung stets paßte, wo das Wort annectiren gebraucht wurde. Ueber die Zündstreichhölzchcn machtO. Ulein der von ihm und K. Müller redigirte» „Natur", 1869, Nr. 3, folgende Mittheilung: Man berechnet, daß in Frankreich 6, in England 8, in Belgien 9 Streichzüudhölzchen pro Kopf und Tag verbraucht, und in dem rauchenden Deutschland dürfte die Zahl leicht noch größer sein. Nehmen wir indeß nur die kleinste Zahl als Durchschnitt an, so erhalten wir doch für ganz Europa einen täglichen Verbrauch von 2 Millarden, und diese repräscntircn mindestens 400,000 Pfd. Holz. Der jährliche Verbrauch würde also etwa 145 Millionen Pfd. Holz betragen. Von den leichten Holzarten (Espe und Pappel), die gewöhnlich dazu verwendet werden, wiegt der Cubikfnß nicht mehr als etwa 15 Pfd. Demnach würden in Europa allein jährlich gegen >0 Millionen Cubikfnß oder 90,000 Klafter Holz in den so wenig geachteten Zündhölzern vernichtet werden. Rechnen wir dazu den Verbrauch an Phosphor, der ungefähr 420,000 Pfd. jährlich beträgt, und den Lohn der Arbei ter, deren Zahl man auf 30,000 schätzt, so ergibt sich ein Gesammtwerth der jährlichen Zündholzfabrikation in Europa von mindestens 65 Millionen Thalern." (Wie deutsche Frauen sein sollen.) I'aier ^di-adm» L-mota Olar» sagte einst: „Ein gutes Eheweib sollte sein wie drei Dinge und auch wiederum nicht wie drei Dinge. Sie sollte sein wie eine Schnecke, die immer in ihrem Hause ist; und auch nicht wie eine Schnecke, die ihr ganzes Hab und Gut auf dem Leibe trägt. Sie sollte sein wie das Echo, das nur spricht, wenn von ihm gesprochen wird, und auch nicht wie das Echo, das immer das letzte Wort haben muß. Sie sollte sein wie eine Stadtuhr, immer die rechte Zeit haltend, und auch nicht wie eine Stadtuhr, die immer im ganzen Orte gehört wird." Dem alten Dichter Grillparzer in Wien versicherten Schmeichler: „Sie müssen auch Ihr Standbild bekommen!" Lachend antwortete er: „Darm setzt mich nur auf ein Pferd; denn auf die Unsterblichkeit würde ich so lange warten müssen, daß ich's'auf meinen Füßen nicht würde aushalten können!,, Ein mehrfach bestrafter Dieb fand eine Brieftasche mit Geld und behielt sie, weswegen er in Anklagezustand versetzt wurde. Auf die Frage des Richters, ob er die Aufforderungen zur Ablieferung in den Zeitungen nicht geleseu hätte, antwortete er: „O ja, aber ich habe sie nicht beachtet, weil sie alle an den ehrlichen Finder erlassen waren." Charade. Auf des Berges Gipfel hebt sich Moosbewachsen und verfallen Die Ruine. Hörner schallen Mir im Geist,' das Bild belebt sich. Meine Ersten, hoch zu Roß, Seh' ich aus dem Burgthor rücken, Wie die Zweite tief sie drücken In die Weichen! Doch der Troß, Meiner Phantasie Gebilde, Ist mit einemmal entschwunden, Und ich hab' in dem Gefilde Nur mein Ganzes noch gesunden. Druck, Berlag und Redaction des Literarischen Instituts uon Or. M. Huttlcr. IVro. 21. 23. Mai 1869. Augsburaer Augsburaer Wirf, du Erdensobn, deinen Anker nickt in die Tiefe des Erdenschlammes, sondern in die Höhe des Himmelsblaues vnd dein Schiffiein wird fest ankern im Sturm. Jean Paul. Die Entsagenden. (Schluß) Der vcrhängnißvolle Tag war erschienen; zur großen Enttäuschung der aristokratischen Kreise der Residenz und der umwohnenden Gutsnachbarn hatte keine Einladung zur Trauungs-Feicr stattgefunden, die — wie man wußte — in der Kapelle des Schlosses Duroy vor sich gehen sollte. Nie war indessen die Chaussee, die vom Hause des Direktors nach dem Gute führte, von Equipagen und Spaziergängern so belebt gewesen, als es heute der Fall war, und mit fast zudringlicher Neugier umdrängte man die fest verschlossene Kutsche, die vor dem Hause der Braut hielt. Jetzt öffnete sich die Thür und geführt von ihrem Oheim erschien Angelika in einem einfachen Brautkleidc von weißer Seide; aber das Antlitz mit einem fast undurchdringlichen Schleier bedeckt, so daß es unmöglich war, auch nur den kleinsten Zug desselben zu erspähen. Hastig stieg sie in den Wagen, ohne einen Blick auf die Menge zu werfen, die das Auge des Direktors mit dem Ausdruck des Zornes streifte. Ueberhaupt erschien der alte Herr bleich und aufgeregt, wie Einer, der mit sich selbst nicht zufrieden ist. Der Wagen flog davon. Beide, Oheim und Nichte, wechselten kein Wort zusammen. Angelika schlug den Schleier zurück, ihr Antlitz war bleich, aber vollkommen ruhig. „Sie scheinen nicht wohl, lieber Oheim," begann sie nach einer Weile, „ich finde Sie diesen Morgen angegriffen." „Du hast Recht," erwiederte der Direktor. „Ich habe die ganze Nacht schlaflos zugebracht; erst gegen Morgen schlummerte ich ein und hatte einen Traum, o >— einen Traum! Sprechen wir nicht mehr davon," brach er kurz ab, sich in die Kiffen des Wagens zurücklehnend. Aber gleich darauf war er es selbst, der wieder das Wort nahm. „Hast Du Nachrichten von Deiner Cousine?" — fragte er, „muß der Teufel der Eifersucht Dich Plagen und das Mädchen entfernen, ich hätte Dich für vernünftiger gehalten." Der Anfing eines Lächelns überflog die feinen Züge der Braut. „Waren Sie es nicht selbst, lieber Oheim," fragte sie, „der mich warnte, ein junges schönes Mädchen täglich unter die Augen eines jugendlichen feurigen Gatten zu bringen." „Wohl, aber dennoch vermisse ich sie schwer. Es ist das erste Mal, seit ich Leonore verloren, daß ein Mädchen mein ganzes Herz für sich gewann. Wahrlich, zählte ich dreißig Jahre weniger — " „So würden Sie meiner Cousine Ihre Hand angeboten haben," setzte Angelika die Rede fort. „Aber auch jetzt Hütte es ein Mittel gegeben, des Umgangs des jungen Mädchens, das Ihnen so sehr gefällt, nicht zu entbehren." Der Direktor horchte auf. Sein Antlitz nahm den Ausdruck der Spannung an. „Und dieses Mittel?" fragte er. „Angelika liebt meinen Rudolph, und diese Neigung ist nicht ohne Erwiederung 162 von seiner Seite, wenn mich nicht Alles täuscht;" erwiederte Angelika. „Warum brachten Sie nicht Ihren Groll gegen den Varon Leopold — Ihrer Zuneigung zu meiner Cousine zum Opfer und bewirkten die Verbindung Rudolph'S mit Angelika, die nicht wider die Natur, wie die meine." Der Gerichts - Direktor fuhr empor. „Mädchen," rief er, „wer gab Dir diesen Gedanken ein? Aber nein, nein!" — uullrbrach er sich, „ich muß vollenden, was ich begann und überdicß wirkte ich ja auch für Dein Glück, denn Du liebst ja Nndolph." Angelika schwieg; sie faltete wie betend die Hände, und ihr Auge blickte sinnend zum blauen Himmel empor. Auch der Direktor saß stumm in die Ecke des Wagens zurückgelehnt, düstere Gedanken beschatteten seine Stirn, und unbemerkt entfuhren seinen Lippen einzelne abgerissene Sylben. Endlich war das Gut erreicht. Am Eingänge desselben empfing Nndolph seine Braut, die den Schleier auf's Neue über ihr Antlitz gedeckt hatte, und vom Direktor gefolgt, die Freitreppe herauf in den Empfangssaal schritt, wo der Varon Leopold die Gäste erwartete. Die beiden alten Herren wechselten kein Wort zusammen; ein Jeder vermied den Blicken des Andern zu begegnen, und sichtlich erfreut athmeten Beide auf, als die Glocke des kleinen Thurmes der Kapelle mit feierlichem Schall verkündete, daß Alles zur Ceremonie der Trauung bereit sei. Der Direktor erhob sich. „Baron Leopold von Duroy," sagte er mit einer Stimme, der er sich bemühte, Härte zu geben. „Sie kennen die Bedingungen unseres Vertrages, sobald die Trauung meiner Nichte mit Ihrem Sohne beendet, und jenes verhängnißvollc Dokument aus meinem Besitze verschwunden, bin ich Herr auf diesem Gute, kraft der Schuldfordcruiig, die ich rechtlich zu beanspruchen habe. Ich habe bereits Befehl gegeben, den Plan zu einem prächtigen Mausoleum zu entwerfen, dort soll der Leichnam einer Unglücklichen ruhen, als Sühnopfer, — was ein Elender an ihr verbrach. Haben Sie bereits ein anderes Asyl gewählt, Herr Baron?" „Der Herr Baron wird im Hause seiner Schwiegertochter zu jeder Zeit ein willkommener Gast sein," erwiederte Angelika, statt des Gefragten. „Das heißt, der Herr Baron wird das Gnadenbrod einer Fremden essen," siel der Direktor ein; „der Herr Baron —" „Halten Sie ein, mein Herr," rief Nndolph, „fügen Sie Ihrer That nicht noch bitteren Hohn hinzu. Die Zukunft meines Vaters überlassen Sie meiner Fürsorge " Baron Leopold trat dicht an seinen ehemaligen Jugendfreund heran. „Herr Direktor/' — sagte er halblaut, „Sie greifen in das Amt des höchsten Richters. Wahr ist's, ich habe schwer gefehlt gegen Leonorcn, ich habe Ihr eigenes Leben trübe und freudenleer gestaltet, aber glauben Sie mir, Ihre Rache würde gestillt sein, wüßten Sie, was ich seit diesen Wochen gelitten habe, wie nichts mir willkommener sein würde, als der Tod. Sie treten vor mich hin, als Vertreter der irdischen Justiz, um Ihren Privatgroll zu befriedigen; man verdammt einen Fälscher zum Zuchthause, aber nicht zu einer ewigen Folterqual des Herzens und Gewissens, der selbst ein Titan unterliegen würde. Dennoch beuge ich mich vor Ihrer Macht, um des Namens willen, den unbefleckt von Schuld vor den Augen der Menschen meinem Sohne zu überlasscu mir über Alles geht. Sie treten vor mich hin als Ihr eigener Richter; sei es, — Sie finden mich zu den schwersten Opfern bereit, meine Heimat in meinen letzten Tagen zu verlassen. Aber der Rächer Leonorens, das sind Sie nicht, Herr Direktor! Was meine Neue, meine Buße bis jetzt nicht sühnte, das vergibt mir ihre Liebe — denn Leonorens Herz konnte nicht fluchen, es konnte nicht hassen, nur vergeben. Hüten Sie sich, daß nicht einst am Throne Gottes Leonore als zürnender Engel vor Sie Hintritt, der unbefugt eine Rache übernahm, die sie verabscheut; denn der Tod versöhnt und vergibt — Haß und Fluch kennt nur das Leben!" Der Baron schwieg, seine Stimme war allmählig fest und erhebend geworden, und leuchtenden AugcS blickte er auf den Direktor, der stumm und in sich versunken dasaß. „Sie machen mir Vorwürfe, weil ich gütig aus Schwäche gegen Sie war," — erwiderte er endlich leise. „Wohl noch ist jener Weg in meinem Besitz, der Ihnen die Pforten des Zuchthauses öffnet, noch kann ich Ihren Namen brandmarken mit dem Stempel des Verbrechens. Daß ich es nicht that, geschah aus Rücksicht für die Verbindung, die einst zwischen Uns gewaltet, aus Rücksicht für Angelika, die mich beschwor, milde gegen Sie zu verfahren." „Glauben Sie nicht," — fuhr er fort, „daß meine Strenge gegen Sie aus selbstsüchtigen Motiven entspringt, vielleicht nehme ich nicht die Stellung ein, die ich heute bekleide, wäre mein Leben um so viele Erfahrungen ärmer geblieben, aber zu Leonorens Rächer berief mich die Stimme der Gerechtigkeit, die Stimme der Natur, und indem ich mich der Verlassenen ihrem Verführer gegenüber annahm, glaubte ich ein heiliges Vermächtniß zu erfüllen." „Und doch täuschten Sie sich," rief der Baron glühend. „Leonore vergab mir, und aus ihrem eigenen Munde verkündete mir ihr Geist, der mir im Traume diese Nacht erschien, daß meine Schuld gegen sie ein Ende nahm an den Pforten der Ewigkeit." „Leonore erschien Ihnen?" — rief der Direktor aufgeregt. „Ich will es Ihnen glauben, aber dennoch kann, — dennoch will ich nicht mehr zurück; auf mich allein ruht die Verantwortung hier und jenseits! Wissen Sie denn, auch zu mir trat ihr Bild in dieser Nacht, schön und rührend wie immer, aber das Auge mit finsterem Ausdruck auf mich geheftet. Ich fühlte mein Blut erstarren vor diesem geisterhaften Blick, dennoch sank ich zu ihren Füßen; ich fühlte mich wieder jung und leidenschaftlich wie einst. — Leonore, rief ich, bist du mit mir zufrieden? Aber sie stieß mich zurück und wies hinter sich mit der Miene des Zornes. Da sah ich meine Nichte an der Hand Nudolphs, und hinter ihnen den Priester, der über sie den Segen sprach. Wehe, flüsterte der Geist, da du die Rache einer Todten übernahmst, handeltest du wider die Natur, wider die Natur- ist das Bündniß, das du knüpftest, darum bist du gerichtet wider die Natur — lebend sollst du mir folgen in's kühle Grab, und dein mich nennen tief unten, wo Keiner uns stört. Und sie trat auf mich zu, der ich zitierte, und ihr Antlitz ward zur Tvdtenlarve, ihre eisigen Finger drückten die meinen; laut schrie ich auf, ich wollte zum Altar eilen, dich hinwcgrcißen, Angelika, von den Stufen des AltarS; zu spät — der Segen des Priesters hatte euch unauflöslich verbunden; da flehte ich um Gnade, denn immer enger wurden die Umarmungen des Geistes. Gnade! schallte es in mein Ohr; nur wenn der Himmel Wunder thut, bist du begnadigt. Ich warf mich nieder an den Stufen des Altares. Das Brautpaar schritt herab, aber sieh, die Todeskälte verschwand, die mich beängstigt hatte. Der Druck des Geistes ward milder; ein Lächeln des Himmels wandelte die Tödtenmaske Leonorens in ein Engelsantlitz um, denn die Braut an der Seite Nudolphs war,nicht meine Nichte mehr, es war — aber Possen," unterbrach er sich — „ein Traum ist eine Blase, die die erhitzte Phantasie im Blute aufwirbelt. Ich will vollenden, was ich begann. Der Pfarrer besitzt das Kästchen bereits, sobald die Trauung vorüber, magst du es deinem Gatten übergeben " Bei diesen Worten schritt er der Gesellschaft voran. Angelika ließ ihren Schleier fallen, und folgte festen Schrittes am Arm Nudolphs und des Baron Leopold. Bald war das Gotteshaus erreicht; eine trauliche Dämmerung herrschte in dem kleinen Raum. Die Strahlen der Sonne brachen sich mit magischem Lichte durch die dunkelrothcn Scheiben der hohen Bogenfenster des Altares, au dMtzjhcr alte Pfarrer im Ornat stand, des Brautpaares harrend. Auf dem Altartischch^n v^-ind sich ein kleines Kästchen, — auf das die Blicke des Baron Leopold mit dem AuSNrnck des Verlangens ruhten, denn er wußte, welchen für ihn unschätzbaren Inhalt dasselbe enthielt. > Die Fassung des Brautpaares schien allmählig zu schwinden. Wie der Schritt 164 Angelika's allmählig unsicherer und langsam ward, so überfiel auch Rudolph ein unwjll- kührliches Zittern, als er jetzt am Altar den nächsten Augenblick über seine ganze Zukunft ? entscheiden lassen sollte. > „Wollen Sie nicht den Schleier entfernen?" fragte der Geistliche die Braut. „Nicht verhüllten Antlitzes sollte man an den Tisch des Herrn treten." ! „Das Auge des Ewigen liest nicht in den Mienen, sondern in den Herzen der l Menschen," erwiederte Angelika, „lassen Sie mir den Schleier, — ich fühle mich so der ' Außenwelt mehr entrückt, zu den Betrachtungen vorbereitet, die diese ernste Stunde in mir erweckt." „Und noch Eines," fuhr sie fort, „gönnen Sie mir noch einige Augenblicke Frist, ehe die Ceremonie beginnt; es drängt mich, allein und in der Stille mein ganzes Herz in einem brünstigen Gebete zu entlasten; in wenig Augenblicken bin ich wieder an dieser Stätte." Mit diesen Worten erhob sie sich und trat in die dicht am Altar gelegene Sakristei, deren Thür sie hinter sich verschloß. Eine Stille entstand unter den Zurückbleibenden; Baron Rudolph fühlte sein Herz j fast hörbar pochen, während der Direktor unruhig im Hintergründe der Kapelle auf- und ^ niederschritt. Endlich öffnete sich die Thür der Sakristei und die Braut erschien auf der Schwelle. Noch immer verhüllte der undurchdringliche Schleier ihr Antlitz. Ein Zittern befiel sie, als Rudolph ihr seine Hand reichte, und mit fast tonloser Stimme hauchte sie ihr „Ja" — als der Priester die Frage an sie richtete: Ob sie, Angelika Fleischer, den Baron Rudolph von Durvy als Gemahl anerkenne? Bis dahin hatte der Blick des Bräutigams mit dem Ausdruck der Furcht die dichten Falten des Schleiers zu durchbohren gesucht; jetzt aber zuckte er zusammen, eine unaussprechliche Freude malte sich in seinen Blicken und mit fester Stimme sprach auch er das bindende „Ja." Die Trauung war vollendet, der Priester nahm das Kästchen vom Altartisch und überreichte es der Braut. „Nach dem Willen des anwesenden Herrn Gerichts-Direktors," sprach er, „übergebe ich Ihnen dieses Kästchen, um eine vor Gott gehörte heilige Verpflichtung einzulösen — möchte in seinem Inhalt der Segen des Ewigen ruhen!" Mit bebender Hand empfing die junge Gattin das Kästchen, mit bebender Hand reichte sie es Rudolph, der es nicht minder aufgeregt empfing. Hastig erbrach er es — und entnahm ihm ein Papier, das er seinem Vater wies. „Erkennen Sie dieses Papier als das rechte?" fragte er Baron Leopold. Der alte Herr nickte stumm; die tiefe Bewegung beraubte ihn der Sprache, er nahm das Papier und riß es in unzählige Stücke, als wolle er jede Spur seines Daseins vernichten. Dann breitete er seine Arme gegen das Ehepaar aus. „O, meine Kinder!" rief er, „wie soll ich Euch danken, was Ihr an mir gethan!" Aber ein Ausruf des Staunens entfuhr ihm — ein Ausruf des Glückes seinem Sohne, der Schleier war vom Antlitz der Neuvermählten entglitten, und dieses Antlitz ' war jung und blühend, wenn auch bie Bedeutung des Augenblicks es bleich gefärbt hatte — dies Antlitz gehörte der jüngeren Angelika — der einzigen Liebe Rudolphs. Der Direktor hatte sich hinzugedrängt, er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. „Leonore!" rief er, „Du hast gerichtet, ein Wunder ist geschehen." Aber sogleich ermannte er sich. „Es gibt kein Wunder — betrogen bin ich, schändlich betrogen, diese Ehe ist ungültig, denn sie ist ein Gaukelspiel vor dem Auge Gottes!" ' „Ein GaukelsviZM wiederholte der Geistliche erstaunt — „großer Gott, ist diese Frau nicht AngetL^LMscher?" „Wohl ist sieMHKlika Fleischer," rief der Direktor, „der Name stimmt, aber nicht die Person. Ab?r, H Gott! — man soll mich nicht ungestraft verrathen haben — die Verbindung mit meiner Nichte muß stattfinden, und sollte ich die äußerste Gewalt —" Das Oeffnen der Sakristei - Thür unterbrach seine Worte und die ältere Angelika, noch im.kränklichen Gewände, erschien auf's Neue in der Kapelle. „Diese Verbindung ist unmöglich, Oheim," redete sie, „die Welt hat keinen Theil mehr an mir — denn in drei Tagen trete ich in das Frauenstift, — das sich an der Grenze unseres Landes befindet, hier ist die Akte meiner Aufnahme." Bei diesen Worten zog sie ein Pergament hervor und überreichte es dem Direktor, der es zu Boden fallen ließ, ohne es gelesen zu haben. „Oheim!" — fuhr sie fort, „nicht als Verrath legt aus, wozu Pflicht und Gefühl mich trieb. Wohl hatte Leonore Recht, als sie im Traum warnend vor Sie trat —> eine doppelte Blutschuld hätte Ihr Gewissen besteckt, wenn nicht ein gütiger Zufall mich gesandt hätte, sie zu verhindern. Verzweiflung gab dem Baron Leopold — hoffnungslose Leidenschaft Nudolph und Angelika die Todcswaffe in die Hand." „Großer Gott, Du redest Entsetzliches!" — rief der Direktor todtcnbleich. „Und so wahr der Ewige Uns hört — die Wahrheit! Betrachten Sie, was in dieser Stunde geschehen, als jenes Wunder — das Ihre Leonore Ihnen verheißen! — O seien Sie gewiß, der nagende Selbstvorwurf, — der sich in der Todtenlarve Ihres Traumes verkörperte, wird sich in die Ruhe, in die Heiterkeit Ihres Gewissens verwandeln, als deren Bild die sanften Züge der Verlorenen als Ihr guter Genius auf Ihrem Lebenswege leuchten werden. O glauben Sie mir, seinen Haß zu befriedigen, mag wohlthuend sein, aber schöner ist, ihn zu vergessen in dem Anblick der Glücklichen, die unsere Güte geschaffen. Wir Alle haben entsagt, Oheim! Jeder seinen Hoffnungen, — Jeder seinen Träumen; jetzt tragen auch Sie Ihr Theil hinzu, gewiß — es ist nicht das Kleinste — entsagen Sie Ihrer Rache!" Der Direktor schwankte, sein Auge blickte unverwandt auf die jüngere Angelika, die sich an die Brust Rudolphs lehnte. „Ja," — murmelte er vor sich hin, „so sah ich es im Traume. Leonore, Dein Wille geschehe!" „Sei es denn," — sagte er, „auch ich will entsagen; mag die Welt ihre Glossen machen, wir bedürfen ihrer nicht — ich will nicht ein Band trennen, das höhere Mächte gewoben. Baron Leopold," fuhr er fort, „von heute an sei jeder Groll vergessen. — Versöhnend schwebe der Geist Lconorens zwischen uns. Freilich, — die früheren Tage kehren nie zurück, ein Leben voller Bitterkeit liegt zwischen uns — aber, was wir Beide fehlten, versöhne das Andenken Levnorens." „Dank, tausend Dank, mein theuerster Oheim," rief Angelika, während der Baron Leopold weinend die Hand seines Jugendfreundes ergriff, „o ich wußte, dieser Schritt, der äußerste, den ich that, nach Thränen und Gebet — er durste nicht umsonst sein — denn Gott selber wies ihn mir!" Nudolph eilte zu ihr. „Angelika," sagte er tief bewegt, „ich vermag Ihnen nicht zu danken, Ihnen — unserem heiligen, unserem guten Engel. Nur noch eine Bitte habe ich an Sie, verlassen Sie uns nicht, bleiben Sie bei uns, — den Samen des Glückes aufgehen zu sehen, den Ihre Hand gestreut." Angelika lächelte schmerzlich. „Niemals," erwiederte sie, „nichts ist schmerzlicher, als der Gedanke an ein verlorenes Glück." „Ihr Vorwurf schneidet tief in meine Seele," erwiederte Nudolph, — „wir Alle entsagten und wurden glücklich, und Sie —" „Auch ich bin es, da ich Euch zufrieden weiß," unterbrach ihn Angelika. „Ich bedarf nichts mehr auf dieser Welt. Euer sei, was ich besitze, ich gebe es Euch — mit meinem besten Segen. Und wenn Ihr so recht von Herzen glücklich seid, und die überwallende Brust sich nach Mittheilung sehnt, o dann denket daran, daß draußen in der stillen Einsamkeit ein Herz für Euch betet, ein Herz bereit ist, Theil an Eurer Freude zu nehmen. O glaubet mir, der Stachel des Augenblicks wird aus meiner Seele 166 schwinden, klar und reinen Herzens werde ich einst auf die Vergangenheit zurückschallen,, und vielleicht freudiger, als Ihr — denn Ihr entsagtet und seid glücklich; ich entsagte,' und habe Glückliche gemacht. Dies Bewußtsein folgt mir und wird mir vorangehen bis an die Pforte der Ewigkeit, wo wir uns Alle — Alle wiedersehen und ein Band uns verbindet im Schooße der Seligkeit." „Amen!" tönte feierlich die Stimme des Priesters am Altare, und wie zum Segen hob er die Hände über die Entsagende empor, die Rudolph und Angelika in ihre Arme schloß. Der internationale Eongreß für Pflege der im Felde verwundeten nnd erkrankten Krieger hat vom 22. bis 27. April in Berlin getagt. Der diesmalige Congreß bestand aus 64 Vertretern von Regierungen und Vereinen. Von Regierungen waren amtlich vertreten: England, Rußland, Oesterreich, Italien, Belgien, Niederlande, die Pforte, Schweden, die Schweiz, Preußen, Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg, Oldenburg, Hamburg, Bremen und Lübeck. Die Aufgaben und Berathungen des gegenwärtigen Congresscs bezogen sich vornehmlich auf drei Hauptpunkte: 1) die Formen der Vereinsthätigkeit im Landkriege; 2) die freiwillige Hilfe im Seekriege; 3) die Friedensthätigkeit der Hilfsvcreine. Außerdem wurde vom Congrefse ein Antrag folgenden wichtigen Inhalts angenommen: „Die internationale Confcrenz beschließt, die der Genfer Convention beigetretenen Regierungen zu ersuchen, nachstehende Vereinbarung zu treffen: Im Falle eines Krieges stellen die am Kriege nicht betheiligten Mächte diejenigen Militärärzte ihrer Armee, welche ohne Benachteiligung ihres Friedeusdienstes entbehrt werden können, zur Verfügung der kriegführenden Parteien, um dieselben zu dem Dienste der Verwundeten in den Kriegslazarethen zu verwenden. Die Entsendung der für diesen Zweck kommandirten Aerzte erfolgt unmittelbar nach erfolgtcr Kriegserklärung. Die für diesen Zweck kommandirten Militärärzte treten unter den Befehl des Armeearztes derjenigen kriegführenden Macht, welcher sie zugetheilt sind."—Angesichts der Erfindungen, welche zur Zerstörung von Menschenleben in großartigstem Style gemacht worden sind, sind die Bestrebungen, von dem Zerstörten noch zu retten, was zu retten ist, gewiß sehr lobenswerth. Allein beim Blick auf die Schlachtfelder, denen die Thätigkeit des Con- grcsses gewidmet ist, geht selbst dem bekannten Berliner Witzblatt der Humor aus. Mit einem Ernste, der der Sache vollkommen angemessen ist, ermähnt es: Nicht, wie man Wunden heile, Ist die große Zukunftsfrage, Sondern wie es anzufangen, Daß man keine Wunden schlage. Nicht, wie man die wunden Krieger Und wie man die Todten bette, Sondern wie man tilg' auf ewig Wilder Schlachten Schädelstätte. Nicht, wie brüderlich im Grabe Freund und Feind vereinigt werden, Sondern wie man alle Völker Schon verbrüdere hier auf Erden. Wollten Solches doch beherzigen Auch die Mächtigen unserer Tage: „Sorgt nicht, wie man Wunden heile, Sorgt nur, daß man keine schlage!" 167 Die Pacific-Bah» oder * Das „Sän Francisko Bulletin" Fahrpreise auf der „Pacific - Eisenbahn" Gold, wie folgt: eine Reise um die halbe Welt. berechnet nach den jetzt geltenden Tarifsätzen die und zwar für ein Durchbillet erster Classe in Von New-Aork nach Chicago . Von Chicago nach Omaha Von Omaha nach Salt Lake . Von Salt Lake nach Sän Francisko Meilen. Fahrpreis. 960 18 Doll. 75 c. 496 17 „ 53 „ 1070 40 „ 13 775 77 „ 50 3299 153 „ 91 Summa Hieraus ist ersichtlich, daß auf der „Central-Pacific-Bahn" für kaum den vierten Theil der Gesammt-Entfernung mehr als die Hälfte des Gesammt - Fahrpreises zu entrichten, und zwar nach dem Tarifsatz von 10 c. Gold gegen 5 c. Papier auf der Union- Pacific-Eisenbahn, sobald jedoch der Durchverkehr hergestellt sein wird, dürfte es erstere Compagnie in ihrem Interesse finden, die Rate auf mindestens 5 c. Gold per Meile herabzusetzen, so daß sich der Fahrpreis auf der Central-Pacific-Eiscubahn auf 38 Doll. 75 c., und der Preis eines Durch-Billets erster Classe auf 115 Doll. 26 c. reducircn würde. Bei einer Fahrt von 6 bis 8 Tagen und Vcrpflegungskostcn von circa 3 Dollar Gold per Tag würden sich die Kosten einer ununterbrochenen Reise von New-Hark nach Sän Francisco auf circa 150 Dollar Gold stellen; es ist sehr wahrscheinlich, daß den Durchzögen Restaurations-Waggons beigefügt werden, so daß die Tour mit vcrhältniß- mäßigcm Comfort bei Tage und bei Nacht (sclbverständlich in „Pulmann's Silvcr Palace" Schlaf-Waggons) gemacht werden kann. Wenn auch nicht in „zweimal zwölf Stunden," wie der kluge Schäfer des Abtes von St. Gallen dem Kaiser zur Antwort gab, so gehört nach Beendigung der Pacific-Bahn und des Sucz-Canals eine Reise um die Welt in „zweimal zwölf Wochen" nicht mehr in'S Reich der Unmöglichkeit. (Die Atlantic-Pacificbahn-Verbindung.) Es ist wohl nicht ganz verfrüht zu nennen, wenn das „Toledo Blade" den künftigen California-Reisenden bereits eine Zeit- und Mcilcntafel ausgearbeitet hat, in welcher mit Abzug der Zeit, die für unvermeidliche „Accidents", Lawincnvcrschüttungen und Ausgrabungen hinzukommen mag, die Dauer der Fahrt in den nachfolgenden Abtheilungen, sowie die Meilen - Distanzen der wichtigsten Stationen angegeben sind. New-Nork nach Chicago, Jll. .... 911 Meilen 36>/2 Stunden. Chicago nach Omaha, Nebraska 491 l, 24-/2 Omaha nach Bryan. 858 k, 43 ,/ Bryan nach Ogden, Utah. 233 l, 10'/-2 l, Ogden nach Elko, Ncvada, via Central-Pacific-Nailroad 278 „ 12-/2 Elko nach Sacramento, Cal., via ditto 465 31 Sacramento nach Sau Franzisko, via Western ditto 117 3'/2 „ Total 3353 f, 161-/2 „ Danach ist die Gesammt-Entfernung der beiden Metropolen 3353 Meilen in sechs Tagen 171/2 Stunden scheinbarer, oder nach Abzug von 31/2 Stunden, welche durch die Bewegung von Osten nach Westen verloren gehen, in 6 Tagen 14 Stunden geographischer Zeit zurückzulegen. In Sän Francisco schließen die verschiedenen Postdampfcr-Linicn des Pacific-Occans direct an und treffen in Honolulu nach 9 Tagen von Sän Francisco ein, so daß man 151/2 Tage von New-Uork aus braucht; nach Japan 19 Tage von Sän Francisco oder 251/2 Tage von New-Nork aus, von Großbritannien aus 33 bis 34 Tage, d. h. 3 bis 4 Wochen weniger als mit der britischen Post durch den Suez-Canal. Die australische ^ 168 Post wird später, wie man glaubt, auch über Sau Francisco gehen, wodurch eine regelmäßige monatliche Postverbindung mit Australien mit 34 bis 35 Tagen Befördcrungs- Zeit ermöglicht wird. ES ist bestimmt im hohen Rath, Daß man von Allem, was man hat, Gibt Steuern. Du zahlst von jedem Gegenstand Ein Pflichtteil deinem Vaterland, Dem theuern. Ermunterung. Thcilnehmend Prüft er den Besitz, Ob Schulden dich und Deficits Belasten — Darum verschweig' ihm keine Last, Und sag' ihm deutlich, was Du hast Im Kasten. Du ißt und trinkst ein Gläschen Wein, Du rauchst in Deinem Kämmerlein, So einsam. Es steht der Staat an Deiner Thür Und ißt und trinkt und raucht mit Dir Gemeinsam. Vom Geld und Gold, von Schaf und Schwein, Von Spiritus, von Bier und Wein, Vom Brode, Von Seid' und Zwirn, von Knopf und Band Gib dem geliebten Vaterland 'ne Quote. Er kommt gefälligst in Dein Haus, Zählt freundlich die Familie aus Nach Köpfen, Um zu dem Heil für Secl' und Leib Kind, Kutscher, Köchin, Mann und Weib Zu schröpfen. Der Staat, er braucht es nicht zum Staat, Wenn er den Steucrapparat Läßt rollen! Drum sollst Du, wenn er, was ihm taugt, Mit Gier in alle Poren saugt, Nicht grollen. Drum klage nicht und zage nicht. Und drückt der Steuern Vollgewicht Auch bleiern, Als Deutscher denke früh und spat, Daß wir auf einen großen Staat Los — steuern! Berlin. (Aus Glasbrenners Montztg.) Miseellen. * Vor dem Liverpooler Polizeigericht stand kürzlich ein Individuum, des Selbstmord-Versuchs angeklagt. Ein Policemann hatte ihn in dem Augenblick attrapirt, als er sich aufknüpfen wollte. Er wurde in Folge seiner Erklärung, daß er naß geworden sei, und „sich zum Trocknen habe aufhängen wollen," frei gesprochen. * (War das Schnupfen Sitte, ehe Schnupftabak existirte?) Das „Athenäum" glaubt diese Frage bejahen zu können, da Cotgrave in seinem Cvnversations- Lexikon bemerkt, daß „Nicßpulver" aus Nießwurz fabrizirt, schon in 1611 ein bekannter Artikel war. Weder die erste noch die zweite Auflage des genannten Lexikons erwähnt des französischen Wortes tobue oder tabue. Auflösung der Charade in Nr. 20: „Rittersporn." Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von 11r. M. Huttler. Nno. 22. 30. Mai 1869. Augsburger Wie oft macht nicht der Anblick von den Mitteln Zu bösen Thaten — böse Thaten thun. Shakespeare, König Johann IV. Sd. 2. Aus der Jagd. Erzählung von Hub! ch t. Erstes Kapitel. Der einzige Sohn. Es war still, ganz still in der Hütte, wie draußen in der freien, schönen Gottes» natur, die ordentlich nach dem vorangegangenen heftigen Gewitter recht tief und friedlich Athem holte. Der Mond stand am Himmel und warf sein flüssiges Silber über den nahen Wald, daß eS wie ein blitzendes Perlenmecr durch die dunklen Zweige sickerte, und der krystall- klare Himmel schmiegte sich anmuthig an die von Thauwolken umsäumte Erde. Licht und Friede lag da draußen, Himmelslächcln in jedem Athemzug und das Herz, das in dieses wunderbare Gottesschweigen hinausgetreten, wäre friedensstill geworden, wie ein schluchzendes Kind, das die Mutter an ihren Busen nimmt. Drinnen in der Hütte war es auch still, aber eine Stille, wie sie einem fürchterlichen Unwetter drohend vorangeht, denn dort rang ein junges blühendes Leben mit dem Tode, und das schwache, kaum noch flackernde. Lebens-Lämpchen drohte jeden Augenblick zu verlöschen. Es war ein langer, blasser Mensch, der dort mit dem Tode kämpfte, und ein Bild des Jammers und tiefsten Elends lag er auf sciuem Lager von Stroh, während neben ihm eine herkulische Greisen-Gestalt kniete und schweigend Verbünde, bald am Kopfe, — bald an den Füßen auflegte, und sich nichts in dem Zimmer rührte, als der Pcndelschlag der alten Schwarzwälder - Uhr, die dem dort liegenden Kranken die letzten Stunde« zuzuzählen schien. „Ach, wie das hämmert und bohrt!" jammerte der Kranke; „ich halt'S nicht mehr aus; schaff' mir die Uhr aus der Stube, die bringt mich sonst um." Der alte Mann stieg auf einen Stuhl und brachte mit einem einzigen Griff das Räderwerk zum Stehen. Es war nun ganz still in der Stube, — nur im Kopfe des Unglücklichen hämmerte es noch immer fort, und nach einer Weile klagte er wieder: „Ich glaubt', es wär' die Uhr, aber es hört nicht auf. Vater! es klopft gewiß Jemand an den Laden und läßt mich nicht schlafen." Der Alte blickte mitleidig auf den Leidenden und öffnete, um ihm zu willfahren, den Laden. Das Mondlicht floß in vollen, breiten Strömen herein und gerade auf das Gesicht des Kranken, das davon noch bleicher und todtenblasser wurde, und kaum noch iu den weißen, kalten Zügen Leben verrieth. Der arme Mensch wendete die Augen nach dem plötzlich hincindringendcn Licht; er wollte den Kopf etwas erheben, um die ganze volle Scheibe des Mondes zu erblicken, sank aber bei der leisesten Bewegung wimmernd wieder auf sein Lager zurück. Der Alte legte jetzt einen neuen Verband um den Kopf des Kranken, der dabei vor Schmerz laut aufschrie und dann leise fortwimmcrle, und doch verrichtete der alte Mann 170 "scm trauriges Gcschäfl mit einer Sorgfalt und Schonung, als ob seine groben, derbe» Hände stets nur auf den Tod Liegende gehegt und gepflegt hätten. Ein Paar starke Schrotkörner mußten von hinten in den Kopf des jungen Menschen eingedrungen sein, denn hinter dem Ohre tröpfelte aus einigen Wunden noch immer Blut, so oft sie auch der alte Mann mit kaltem Wasser ausgewaschen hatte. Es waren Wunden, die den Tod brachten, und schon umflorte sich das Auge des Leidenden, und der Tod wob seine finsteren Netze um dies arme, wunde Haupt. . . . Aber nicht nur der Kopf, auch die Füße des Unglücklichen waren jämmerlich zerschossen und dort schien eine volle Ladung sich tückisch eingewühlt und sie völlig zerschmettert zu haben, so daß sie ihn für immer zum Krüppel gemacht, wenn ihm nicht die Wunden am Kopfe bald, gar bald Erlösung versprochen hätten. Es waren keine Füße mehr, nur zerfetztes, verstümmeltes Menschengebein, dessen Anblick das Blut im Herzen mußte stocken machen. Abex die Hand des Alten zitterte nicht, wenn er einen neuen Verband anlegte, und die zerschossenen Füße betrachtete, in die schon der kalte Brand getreten war; nicht einmal sein Auge zuckte, als ob es in seinem Herzen dumpf und öde wäre, — und doch war rs sein Sohn, sein einziger, geliebter Sohn, der dort mit dem Tode rang und der unter so fürchterlichen Schmerzen sein armes Leben enden sollte! Und noch gestern, da war Alles anders, da hatte er noch einen Sohn und war mit ihm hinausgegangen in den Wald, freilich nur heimlich-verstohlen, die Büchse im Arm, ein Wild zu erjagen, wenig ahnend, daß er seinen eigenen, tödtlich verwundeten Sohn auf seinem Rücken in die Hütte tragen würde. Jetzt schloß der Sohn auf einen Augenblick die Augen und schien zu entschlummern. Der Alte setzte sich erschöpft auf den am Lager stehenden Stuhl und ließ die düsteren Bilder der vergangenen Nacht an seinem Auge vorübergehen. Oft fuhr der alte Mann mit der Hand über die Augen, — als könne er damit das Vergangene in Etwas wegwischen, dann blickte er wieder auf das Jammerbild seines Sohnes und in seinem harten, wettcrgcbräunten Gesicht malte sich ein wilder, verzweifelter Schmerz. Er drückte seine derben Fäuste in die brennenden, trockenen Augen, und sah sich wieder im Walde, mit dem Ausweiden eines Rehes beschäftigt. Es ist ein fürchterliches Wetter, der Sturm rüttelt an den hohen alten Bäumen, daß sie wie leichte Gerten sich hin und her bewegen - einzelne schwere Regentropfen beginnen bereits zu fallen, und ein starkes Gewitter rollt mit seinem Donner in gewaltigen, fürchterlichen Schlägen über die Wipfel der Bäume, und nur von Zeit zu Zeit reißt ein Blitzstrahl in die düstere Nacht eine Lücke und erleuchtet auf Momente das düstere Waldcsschwcigeu. Ein solcher Blitzstrahl zeigt dem alten Wilddieb dunkle, näher rückende Gestalten, er flüstert seinem Sohne zu: „Wir müssen fort!* — Zu spät! Derselbe Blitz hat auch schon die Gruppe mit dem Reh beleuchtet; es füllt ein Schuß und der Sohn bricht in die Knie; noch ein tückischer Blitz zuckte hernieder, um den Männern dahinten den Kopf deS Sohnes zu zeigen, und mit dem Rollen des Donners vermischt sich noch einmal der Knall einer Büchse und der Sohn bricht jammernd vollends zusammen. In wilder, besinnungsloser Wuth ergreift der alte Wilddieb das Gewehr und feuert in die Nacht hinaus, dann steht er düster, hochaufgerichtct, dort auf seine eigene Doppelflinte gestützt, um sich und den Leichnam seines Sohnes zu vertheidigen, den er für todt hält. „O, wären sie nur gekommen!" murmelt der alte Wilddieb, und ballt die Fäuste. Sein Gesicht verzerrt sich von wilder Wuth; die Vorgänge der letzten Nacht stehen so lebhaft vor seiner Seele, daß ihm das Herz still zu stehen droht. — Aber die Jäger glaubten genug gethan zu haben, und der Alte sieht bei einem Aufleuchten des Blitzes ihre rückgängige Bewegung, hörte noch ein heiseres, höhnisches Lachen und dann sind sie verschwunden. O, der finstere Wildschütz kennt dieses Lachen und wie Wetterleuchten fliegt es jetzt bei dessen Erinnerung über sein Gesicht; er mußte aufstehen, denn seine Brust droht zu zerspringen, er hört wieder das heisere Lachen, seine Faust ballt sich, die bleicher gewordenen Lippen murmeln eine 171 finstere Verwünschung, in seinem Herzen loht die Brandfackel der Rache und der finstere Gedanke auf, mit Blut zurückzuzahlen — dies heimtückische, heisere Lachen. — Aber der Verwundete jammerte und stöhnte wieder, und dieß reißt den Alten aus seinen finstere» Gedanken auf einen Moment heraus. Das Schmerzgestöhn des Unglücklichen ging schon in Phantasien über, die vielleicht das Mondlicht beförderte, das auf dem bleichen Gesicht auf und nieder zitterte, und gewissermaßen mit Behagen über diese mit dem Tode ringenden Züge glitt. „Mein Kopf, mein Kopf! Ach, Herr Doktor, hier!" phantasirtc der Sterbende- „mein Vater wollt's nicht, aber es that ja zu weh!" — Und wieder wimmerte der Arme vor sich hin, daß sich der alte Mann ängstlich über ihn hinweg bog und dann ihn wie ein Kind in seine starken Arme nahm, als ob er ihn dadurch beschwichtigen und ruhiger machen könne. Wohl hatte der Sohn den Doktor haben wollen, von Anfang an, aber der alte Wildschütz hatte verneinend das Haupt geschüttelt; — um keinen Preis, so lieb er seinen Sohn hatte, so gern er sein Herzblut für ihn gegeben, hätte er den Doktor in's Haus nehmen mögen. Alles wäre ja dann ruchbar geworden, und sie hätten den armen Jungen, statt in die Hütte, noch in's Gefängniß schleppen können. Nein, nimmermehr! Er hatte den Jammernden aufgeladen auf seine breiten Schultern und heimgetragen in die Hütte. Es war ein schwerer, saurer Gang gewesen, und so vorsichtig der Alte auch zu Werke ging, der Sohn hatte doch bei jedem Schritte gejammert und gestöhnt, daß es dem Vater das Herz zerschnitt und sich seine Gedanken zusammenballten wie Gewitterwolken, und er sich schwur, Vergeltung zu üben an denen, die ihm den Sohn erschossen — erst in die Beine und dann in den Kopf — und dann noch das heisere, tückische Lachen! ... O, der Wald hatte kein Ende nehmen wollen; und wenn nicht die Muskeln des Alten von Stahl und sein Herz fest und unbeugsam wie ein Eichstamm gewesen, er wäre zusammengebrochen, nicht von der Last seines Sohnes, wohl aber voll dem Schmerz und der dumpfen Wuth, die jeden anderen Gedanken, als den der Rache, in ihm zu Asche brannte. Der Pulsschlag des Verwundeten ging immer leiser, kaum hörbar, und das Ohr deS Vaters horchte ängstlich auf dicS geräuschlose Klopfen des Herzens. Der Schmerz hatte wie ein wilder Bergsee ausgelös t und warf nur noch einzelne leichte Wellen murmelnd an das dunkle Ufer, und dann zuckte es in dem Kranken wieder auf, und ein leiser Seufzer entwand sich seiner Brust. „Komm, komm, hilf mir!" flüsterte er wieder, „sie wollen schießen, ich kann nicht fort, o Barmherzigkeit, ich bin ja noch so jung!" Und dann tasteten seine Hände an der Decke herum, als suchten sie sich bittend in einander zu schlingen, und doch waren sie zu schwach. Der Alte bemerkte es und faltete die Hände zusammen, während der Sohn in seinen Todes-Phantasicn fortfuhr: „Schnell, schnell! dort, dort! sie schießen doch, Jesus, Maria!" hauchten seine bleichen Lippen, und der Mond und der alte düstre Mann blickten Beide auf das Antlitz eines Todten. - Der Mond warf nur noch einen freundlichen Strahl auf das bleiche, kalte Haupt und dann wandte er sein mildes. Her- monien suchendes Auge von dieser finsteren, trüben Scene; aber die Augen des allen Mannes ruhten noch lange auf dem Antlitz seines todten Sohnes, und ein Paar Thränen preßten sich gewaltsam aus seinem harten, sonst so trockenen Auge. Er umhüllte die verstümmelten Füße deS Todten noch einmal mit einem Tuche, als wolle er auch den Todten vor jeder rauhen Berührung schützen und dann schritt er hinaus, seine Doppel- Flinte zu suchen, die er diesmal im Walde hatte zurücklassen müssen. Er mußte sie finden, sie war ja an dem alten, heimlichen Ort versteckt, nnd er mußte bei dem Gedanken an seine Flinte hell auflachen, und sah sich dann erschrocken um; war es doch fast dasselbe Lachen, das dort in jener fürchterlichen Nacht aus das Erschießen seines unglücklichen Sohnes gefolgt war. 172 Zweites Kapitel. Die einzige Tochter. Während dort in der Hütte ein armes Menschenleben verzückte, war unweit davon, in dem Hause des 'Oberförsters, eitel Licht und Sonnenschein. Morgen gab es ja eine Hochzeit, und eine recht glückliche, denn cS war gar ein schmuckes Paar, daS morgen an den Altar treten sollte: die Tochter des Oberförsters, ein wunderschönes, frisches Kind, und der junge Hugo Fischer, der Prächtigste Förster weit und breit. Heut war Poltcr-Abend und eine Menge Iugcndgcspiclen umringten, unter allerhand Verkleidungen, das glückliche Paar. Der Freund hes Bräutigams, der blutjunge Förster Kuntz, kam, in Anspielung auf den Namen des Bräutigams, als Fischer mit cineui Netz von Perlen, und, beneidete in einem scherzhaften Gedicht seinen Kameraden, der ihm die schönste Perle weggefischt habe, und deßhalb bringe er ihm in Anmuth nun auch seinen Fang. Und man bewunderte den kecken Burschen, der jetzt mit seinem Schmerze spielen konnte; denn Alle wußten, daß Kuntz um die Oberförsters-Tochter ebenfalls gar heiß geworben, jedoch sie nicht erhalten habe, weil er erstens noch,sehr jung, und durchaus nicht so schön und schlank wie der jetzige Bräutigam wär, zweitens aber mit seinem zu freien, geraden Wesen nie der Günstling des Oberförsters hatte werden können, der von seinen Leuten einen unbedingten, fast an Unterwürfigkeit grenzenden Gehorsam forderte. Das hätte Fischer weit bester verstanden, sich mit aalglatter Gewandtheit in die Gunst des Vaters einzuschlcichen und eben so.,rasch das Herz der Tochter zu erobern. Es wär ein Aufjubeln in der ganzen Gesellschaft, eine Lust und Fröhlichkeit, wie sie an einem Polterabend, und noch dazu in einem lustigen. Försterhause, ganz in der Ordnung ist; denn es gab keinen lustigern Patron in der Runde, als den alten Oberförster,. wenn er bei guter Laune war, und wer schon sein Helles, lustiges Lachen ,hörte, der mußte unwillkührlich mit einstimmen. Sein Lachen war seine Sprache, damit machte er Alles ab; seine Umgebung verstand ihn gar wohl: sie kannte sein zufriedenes Helles Lachen — und dann war Alles glücklich, — sein kurzes, höhnisch-zorniges Lachen — und. dann ging ihm Jeder schnell aus dem Wege. Gewiß, es lag eine ganze Sprache in seinem Lachen, ja wer sie nur verstand! — Manchen mochte es irre führen -nid sicher machen, wenn er statt eines gesürchtetcn Donnerwetters ein kurzes, hastiges Lachen vernahm, er wollte wohl am Ende schon zum Mitlachen die Muskeln verziehen, und lachte dann Loch nicht, wenn er sich den Mann noch einmal betrachtete, und lachte wohl nie mehr, wenn der Oberförster dann, wie ein finsterer, unerbittlicher Gott, seine schwere Strafe verhängte. Heut wollte das glückliche Lachen des Oberförsters kein Ende nehmen, gird djx ganzc^ Gesellschaft wurde von der unverwüstlichen Heiterkeit, — vielleicht auch von dem reichlich genossenen Rheinwein, roscnroth ««geglüht. Nur die Braut, das frische, rosige Waldkind, neigte etwas das Köpfchen und fühlte sich, ganz gegen ihre Art, fremd in dem lustigen Element der allgemeinen "Freude. Der Bräutigam blickte ihr besorgt in das schöne, getrübte Auge und fragte leise, was sie heut so traurig stimmen könne? Anna erröthete und zögerte mit einer Antwort. Man begann sie zu necken, daß sie wohl der Verlust der goldenen Freiheit schwcrmüthig mache, — und so mußte sie schon mit der Spräche heraus. „Mir kommt die heute früh erzählte Geschichte nicht aus dem Kopfe, — der arme Mensch!" seufzte sie mit schwerem Herzen. „Es ging nicht anders, Anna! Wir mußten ein Exempel statuiren l" entgcgnete achselzückend ihr Bräutigam. „DummeS Zeug!" sagte der alte Oberförster, der die Aeußerung seiner Tochter im Vorbeigehen gehört hatte, „das Gesudel hat unS schon schrecklichen Schaden gemacht und nächstens ueh'm ich den Alten aus's Koru." „O, dcr arme Mann ist gestraft genug," entgegnete das junge Mädchen, und fragte dann besorgt: „Sein Sohn ist doch nicht todt?" „Kümmert mich nicht! Das Gethicr hat zähcS Leben!" bemerkte trocken ihr Vater. „Ich kann mir nicht helfen," begann Anna von Neuem, „aber es thut mir recht weh! Der Alte wird außer sich sein vor Schmerz und Wuth." „Ich hab' ihn ja geschont, Du weißt warum!" versetzte dcr Oberförster. „Warum?" fragte man gespannt. „Ach, laßt's Euch von Anna erzählen!" — entgegnete der Oberförster verdrießlich; „ich hab's ihm immer gesagt, aber der verwünschte Kerl konnte das Wilddieben nicht lasten. " — Anna berichtete auf das Drängen dcr Freundinnen, daß dcr alte Wildschütz, auf besten Sohn vergangene Nacht geschossen worden, ihr einst das Leben gerettet, als sie sihp als Kind im Walde herumgetrieben habe und von einem Hirsch beinahe aufgespießt worden sei. „Seitdem," fuhr sie erzählend fort, „sind wir gute Freunde geworden, und so finster und unheimlich der Mann auch aussieht, gegen mich ist er freundlich und gut; wenn er mich trifft und ich ihm die Hand schüttle, dann lächelt er stets. Er hat mir, wie gesagt, das Leben gerettet; doch wenn uns Jemand so zusammen sieht, dcr müßte denken, daß es umgekehrt dcr Fall sei, so lieb und freundlich ist dcr Alte. Nun thut es mir doch recht weh, daß ihm sein Sohn so jämmerlich zerschossen worden!" — Zu dem schönen Auge glänzte eine Thräne. Der Bräutigam küßte sie ihr hinweg und flüsterte: „Du edles, warmes Herz; aber sei nur ruhig, vielleicht ist der Bursche noch zu retten." „Nein!" entgegnete das Mädchen bestimmt; „mir ahnt nichts Gutes. Versprich mir, Hugo, und auch der Vater muß es mir versprechen, — jetzt nicht das Revier zu betreten." „Sorge nicht, Änlichen!" — lächelte der Förster, „Du bist ja ein Jägerkind, wie kannst Du Furcht haben?" Anna mußte sich beruhigen und wurde in die allgemeine Lust mit hineingezogen, daß sie darüber den drohenden Alten vergaß und endlich ganz ihrer heitern, von dem Vater geerbten Natur den Zügel schießen ließ. (Fortsetzung folgt.) Ueber die Eröffnung der Pacific-Eisenbah» wird aus Sän Francisco vom 8. Mai geschrieben: — Die Feierlichkeit wegen dcr Vollendung der Pacific-Eisenbahn war derart, daß man sich ihrer für alle Zeiten in Sau Francisco erinnern wird. Bei Tagesanbruch verkündeten 100 Kanonenschüsse daS Fest. Alle för- deralcn ForlS im Hafen feuerten ihre Kanoncusalvcn, die Glocken in dcr Stadt wurden geläutet, die Pfeifen aller Dampfer ließen ihr schrilles Geschrei ertönen. Bei Anbrnch dcr Nacht wurde die ganze Stadt illuminirt. Die Proccssion war die größte, die man jemals in Sän FraciSco sah. Die Bevölkerung war massenhaft auf den Straßen erschienen und legte ihren Eifer an den Tag, ein für die Pacificstaaten so wichtiges Ercigniß gehörig zu cclcbrircn. Die Geschäfte waren allgemein suspcndirt. Die militärische Parade und die Civilprozcssion waren großartig. Nicht nur die StaatSmilizcn, sondern auch alle disponiblen, regulären Truppen in den verschiedenen Forts rückten aus. Stadt und Hafen boten einen überaus prächtigen Anblick dar. Während deö Tages waren die Hauptgebäude mit den Fahnen fast aller Nationen geschmückt und auf den Straßen drängte sich eine auf- und abwägende Menschenmenge. Um 1 Uhr Nachmittags verkündigte eine Depesche, die vom BcrcinigungSpunkle der Bahn kam, daß dcr letzte Spikcr der Eentral- Pacific-Eisciibahn soeben eingehämmert werde. Diese Kunde rann wie ein Lauffeuer durch 174 die ganze Stadt, beglückwünschende Botschaften wurdm an die Directoren der Central» « Pacific und der Union-Pacific-Bahnen Seitens der kalifornischen Pioniere abgesendet. Auch in Sacramcnto wurde das Ereigniß großartig und mit Enthusiasmus gefeiert. Die Stadt war mit einer ungeheuren Volksmenge vollgcdrängt, die aus allen Theilen des Staats, sowie von Nevadc herbeigekommen war. Die in hiesiger Stadt in Sitzung befindliche Grandloge der Odd-Fellows hat eine Einladung acceptirt, an der Demon- > stration in Sacramcnto Theil zu nehmen, und es waren auch Bogen von Nevada, Graß Valley, Vallejo, Sän Francisco, Placcrvillc, Sän Jose, Marysville, Virginia City und Gold Hill in Nevade erschienen. Die Transpvrtlinien wurden dem Reiseverkehr des Publikums freigegeben und die Bevölkerung benütztc die gebotene Gelegenheit und strömte schaarcnweise nach Sacramcnto. Die Central-Pacisic Compagnie hatte 30 Prächtig decorirte Locomotircn vor der Stadt aufgestellt, und als die Nachricht kam, daß der letzte Epiker in die Bahn getrieben werde, singen die 30 Dampfpfcifen der Locomotivcn an Lärm zu machen. Alle Glocken der Stadt stimmten in den Chorus ein. Die Kunde von der Vollendung der Bahn rief großen Enthusiasmus in allen Städten Californiens hervor. Am 10. wurde die erste von Japan nach St. Louis bestimmte Thcesendung vermittelst der Pacific-Eiscnbahn transportirt. Der Ucberlandvcrkehr mit China und Japan hat somit begonnen. Die Bahn von Omaha bis Sacramcnto gehört zwei Compagnien, die sich wahrscheinlich bald in eine verschmelzen werden; der Union-Pacific- Railroad-Compagnie, welche von Osten zu bauen anfing, und der Central - Pacisic- Railroad-Compagnie, welche ihr von Californien aus entgegenkam. Beide Corpora- tionen cxistirtcn schon 1862, doch der eigentliche Bau begann erst, nachdem 1864 der Congreß die ursprünglichen Landschenkungen verdoppelt und für die sonstigen Regicrungs-Zuschüsse statt mit einer ersten mit einer zweiten Hypothek sich begnügt hatte. Unter diesen Verhätnissen war es freilich eine Lust zu bauen, und das Werk schritt unglaublich rasch vorwärts, da für jede fertige oder angeblich fertige Strecke, auS der Bundescasse die betreffenden Millionen in zinsentragendcn Papieren flößen. ^ Die Entstehung der brennbaren flüssigen Erdprodukte. Die Herkunft der brennbaren flüchtigen und flüssigen Erdproduktc, die als Gase, Oele in Thecrform dem Boden entquellen oder früher entquollen, und zu Asphalt verhärtet sind, ist lange eine offene Frage gewesen. Es lag zwar der Gedanke nahe, und Manches schien für ihn zu sprechen, daß die Wurzel solcher Erscheinungen in Steinkohlen- Lagern zu suchen sein möchte. Die schlagenden Wetter in Kohlcnwerken zeigen, daß auch schon auf kaltem Wege sich brennbare Gase aus Kohle entwickeln können; je nachschc- diese freien Austritt an die Oberfläche fänden, oder sich durch den Druck unterirddcmn Wasser erst thcilweise verdichteten, könnten Gas - oder Oelqucllen entstehen. Der Stenii kohlentheer unserer Gaswerke liefert überdies Destillate, die mit den natürlichen Erdörle Naptha, Petroleum, im Wesen völlig übereinstimmen. Freilich aber mußte dagegen die Erfahrung sprechen, daß jene Erdproduktc in der Regel in Gegenden auftreten, die entschieden nicht steinkohlensühreiid sind; sie müßten daher erst ungeheure unterirdische Reisen gemacht haben. Erdöle finden sich vorzugsweise in klüftigem Muschelkalk und Sandstein- schichten, überhaupt aber in solchem Terrain, das als Nicderschlag alter Meere betrachtet werden muß. Hiervon ausgehend und durch anderweitige Beobachtungen geleitet, ist man ^ gegenwärtig zu einer anderen Anschauung der Dinge gelangt, dahin nämlich, daß der pflanzliche Ursprung, der bei Stein- und Braunkohlen zweifellos ist, den Erdölen und Asphalten nicht zugeschrieben werden könne, diese vielmehr aus der Zersetzung thierischer Materien hcrstammcn. Belege für diese Theorie haben sich auch gefunden. So ist > namentlich Acgypten im Besitze natürlicher, noch im vollen Betriebe steheniscr Steinöl- oder Petroleum - Fabriken. Die Mittelmeerküste dieses Landes besteht großcntheilS aus Korallenbänkcn, die auf der Wafserseite leben und weiter wachsen, —- landeinwärts aber absterben und austrocknen, so daß ein löcheriger Kalkfels übrig bleibt. In diesen Löchern sammelt sich als Produkt der Zersetzung der eingeschlossenen Polypen beständig Petroleum, das von den Anwohnern ausgeschöpft und nützlich verwendet wird. Sonach müßte jede absterbende Bank von Korallen, Muscheln, Krebstieren das Material zu öligen Produkten in sich enthalten, und ihre Bildung würde nur davon abhängen, daß die Umstände dafür günstig sind, und namentlich höhere Wärme mitwirkt, wie man sie in den Urmeeren vorauszusetzen Ursache hat. Stand also, so denkt man sich jetzt die Sache, eine Weich» thierbank unter sehr hohem Wasserdrücke, so mußten die entstehenden Oele sogleich in die Kaltschalen der Thiere eingepreßt werden, und es entstand Asphaltkalk; in seichteren Wassern konnte das Oel frei werden und sich an die Oberfläche des Masters erheben. Diese Schichten konnten sich also erschöpfen und bilden jetzt die zahlreichen Fälle von Muschelkalkfelscn, in denen keine Spur von Kohlenwasserstoffen mehr anzutreffen ist. — Bei den großartigen Uebcrstürzungen, die früher auf der Erde stattgefunden haben, konnten aber auch weite Strecken lebender Weichthierbänkc von den Fluthen gleich unter festem Material begraben werden. Die aus ihnen entwickelten Gase und Ocie würden dann die eingekellerten Borrüthe bilden, welche die natürlichen Quellen solcher Produkte speisen oder durch die Hand des Menschen aus langer Haft befreit werden. Daß aber Erdöle durch bloße Verdunstung zu Asphalt werden können, davon liegen die Beweise an manchen Stellen, so namentlich auf der Insel Trinidad, handgreiflich vor; es finden sich dort alle Zwischenstufen mit einander vor, von der Naphtha, als dem reinsten Steinöl, bis zum festen Asphalt. Miseelle«. Rozsa Sandor, der einstige Schrecken dcS Alföld, der zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt, von Sr. Majestät aber begnadigt wurde, hatte sich nach seiner Frci- werdung in Szcgedin niedergelassen. Jedermann glaubte damals, daß die ausgestandene lange Strafe ihn für die Zukunft gebessert haben werde. Doch man täuschte sich, wie aus einem Berichte eines Pester Blattes genugsam hervorgeht. Denn kaum war Rozsa Sandor in seine Heimath zurückgekehrt, als auch schon ein Postraub auf den andern folgte, und die öffentliche Sicherheit so gefährdet wurde, daß die Regierung sich genöthigt sah, in der Person des Grafen Gedeon Raday einen k. Commistär zu entsenden, dem es denn auch gelang, den Räubereien ein Ende zu machen und binnen zwei Monaten die Einziehung von 60 Individuen zu bewirken, welche der Theilnahme am Szcgedincr Postraube bccinzichtigt sind. Als Haupt und Leiter dieser Bande hat die Untersuchung keinen Geringeren als Rozsa Sandor herausgestellt. Die Entdeckung geschah auf folgende Weise: Es war dem Wachtposten bei der Theißbrücke aufgefallen, daß Rozsa Sandor jeden Abend mit zwei feurigen Rosten in's Banat hinüberfuhr und zwischen 5 und 6 Uhr Morgens am andern Tage wieder zurückkehrte; außerdem hatten die Commistäre bei einem verdächtigen Individuum einen Revolver gefunden, den der Betreffende von Rozsa Sandor erhalten zu haben aussagte. Graf Raday ließ nun Rozsa Sandor zu sich rufen, um seinen Rath einzuholen, wie man die Hauptrüdelsführer in die Hand bekonunen könne; die Regierung werde seine Mühe reichlich belohnen. Rozsa Sandor entschuldigte sich jedoch damit, er sei schon zu alt und gebrechlich, um einer solchen Mission sich unterziehen zu können. Da nun mittlerweile auch ein Arzt die Anzeige machte, daß Rozsa Sandor an einem Fuße eine, wahrscheinlich von einem Schusse herrührende Wunde habe, wurde Letzterer am Tage darauf verhaftet. Seitdem sitzt er im Gefängniß, spricht sehr wenig, raucht nicht, weist oft das Essen zurück und scheint geistesvcrwirrt. Dieser Tage tröstete ihn der Hajduk, er möge nicht so traurig sein, — er werde ja bald wieder frei 176 werden, da die Untersuchung seine Unschuld herausstellen werde. Auf das brach Rozsa Sandor in Thränen aus und antwortete: „Ich wünsche mir gar nicht frei zu werden, ich verdiene nicht, daß mich die Sonne bescheint, . . . mögen sie lieber mich au den Galgen hängen." (Wenn Einer eine Reise thut.) Englische Blätter erzählen nachstehende lustige Geschichte: Vor einem der Londoner Polizcigerichte stand vor einigen Tagen ein junger Franzose, Louis Felix Hardy, — welcher zum ersten Male der Hauptstadt des Brittenreiches einen Besuch abstattete, nachdem er wahrscheinlich viel über die dortige öffentliche Unsicherheit gehört und gelesen hatte. Als er in seinem Hotel zu Bette gegangen war, sann er, ohne einschlafen zu können, über seine seltsame Lage nach — ganz allein ini fremden Lande, in einem fremden Hotel, das wo möglich an allen Ecken und Enden Fallthüren und Verstecke für kaltblütige Raubmörder biete. Nichtig, sein Argwohn war nicht unbegründet; gut, daß er nicht eingeschlafen war, denn an der Thür machte sich ein sonderbares Geräusch bcmcrklich, gerade — als wollte Jemand in sein Zimmer einbrechen. Aus dem Bette springen, einen Tisch vor die Thüre schieben, sich ankleiden, an der Dachrinne mit äußerster Verzweiflung 15 Fuß hinunterzuklcttern, war das Werk eines Augenblickes. Hier fand sich Monsieur auf dem Nebcndachc eines anderen Hauses, auf welches ein erleuchtetes Fenster hinausging. Er klopfte an, da aber die Insassen, zwei gleich furchtsame Dienstmächen, ihn für einen Dieb halten und laut aufschrieen, setzte er seine gefährliche Reise fort, bis er auf ebener Erde ankam und sich in einer Kehricht-Grube verkroch. Hier fand ihn am nächsten Morgen ein Polizist, wie er bleich und vor Kälte und Furcht zitternd dasaß, und nahm ihn — da er ihn für einen Dieb hielt — in Gewahrsam. Dies war die erste Nacht des Franzosen in London, halb in unsicherer Angst auf weichem Bett, und halb in sicherem Gewahrsam auf harter Pritsche; die zweite Nacht verlief schon angenehmer, da der Irrthum sich vor dem Richter bald aufklärte. Das sonderbare Geräusch, welches den jungen Mann zur Verzweiflung getrieben, wurde veranlaßt durch die Dicnstmagd dcS Hotels, welche von seiner Ankunft nichts wußte, und vor dem Schlafengehen sehen wollte, ob die Fenster auch alle gut verschlossen seien. AuS neuen statistischen Tabellen geht hervor, daß die eingeborene Bevölkerung der am dichtesten bewohnten Theile der Vereinigten Staaten rasch in der Abnahme begriffen ist. Die Geburtsrate ist geringer, wie selbst in Frankreich. Auf 50 Köpfe kommt eine Geburt; in Oesterreich und Preußen schon auf 26 Köpfe. Die Deutschen jedoch in den Vereinigten Staaten haben eine Geburt auf 20 Köpfe, und habe« also hiedurch, wie durch die mächtige deutsche Auswanderung nach Amerika Aussicht, einst das überwiegende Element der Bevölkerung zu bilden. M l) t? r <; d e. Ein Kleidungsstück aus alter Zeit, Unförmlich hock, unförmlich breit, Das um den Hals einst Sitte war, htennt dir mein erstes Siibenpaar. Mein zweites Paar ist von Metall, Und im Verkehre überall. Vor Fälschung hüte dich! Das Ganze Dient zur Arznei und wächst als Pflanze. Druck, Verlag und Redaction des viterarisLen Instituts t>on Dr. M. Huttler. Nk-O. 23 6. Juni 1869. MIM Den«, so spricht der Herr der Welten, Mein ist die Rache und ich will vergelten. Z. Werner. Auf der Jagd. Zweites Kapitel. (Fortsetzung.) Am anderen Tage war Hochzeit und ein festlicher Zug begab sich in die kleine Dorfkirche, die kaum das feiernde, schauende Publikum fassen konnte. Aber es war auch ein herrliches Paar, das dort voranschritt, in jugendlicher Anmuth strahlend. Wie stand dem Bräutigam die knappe Jägertracht so hübsch, wie leuchteten seine Augen! Wie stolz und glücklich schritt er an der Seite seiner schönen, wundcrlieblichen Braut! Man sah eS ihr an, daß der Wald sie groß gezogen, daß gar ein frisches, wonniges Leben in ihr pulsierte, und daß jeder Hcrzschlag, voll und kräftig, das ganze große, unaussprechliche Glück zu verkünden strebte. Da war nichts angeblaßt und angekränkelt von Stadtluft und Bücherweisheit, nur ein frohes, heiteres Kind des Waldes, schritt sie leuchtenden Auges und mit gcrötheter Wange einher und in ihrem weißen Kleide, — der grünen Schärpe und mit dem Myrthenkranz im Haar, glich sie einer rosig angeglühten Apfel- blüthe, die, leicht unter Blättcrgrün versteckt, lächelnd glücklich in die wunderbare Frühlingswelt hinausschaut. Es war ein schönes Paar, und eine glückliche Zukunft lachte ihnen voll entgegen, und die blühendsten Hoffnungsträume legten sich schmeichelnd um ihre Brust. . . . Und so schritt es durch die Reihen neugierig gaffender Bauern dem Kirchlein zu, gefolgt von dem Brautzuge, unter dem der alte Oberförster mit seiner kräftigen, straffen Gestalt hervorragte, der heute ein fröhliches, herzliches Auflachen kaum unterdrücken konnte. Der Zug war endlich in der Kirche angelangt, das Brautpaar trat an den Altar und den Priester hielt seine einsegnende, zum Herzen gehende Rede. Das Sonnenlicht spann durch die hellen Kirchenfenster seine goldenen Fäden um den Altar, und — was noch lieblicher war, gerade um den Kopf der jungen Braut, daß sie es wie ein freundlich-milder Heiligenschein umgab, und Jeder fast in Ehrfurcht auf die Knieende blickte. Der das Kirchlein umgebende Kirchhof war wie rein gefegt. Alles hatte sich in die Kirche gedrängt. Die Worte des Priesters, die Glück und Erdenleid erwähnten, das die jungen Leute gemeinsam tragen sollten, schallten über die grünen Hügel, unter denen so Viele schlummerten, die einst dieselben Worte gehört und auch heißklopfendcn Herzens in das Leben und die dunkle Zukunft geschaut hatten. Es ist ein eigenes Ding um eine Dorfkirche, die so wunderbar magische Kreise nur sich zieht, daß all' die Dörfler, wenn sie Pflug und Spaten für immer aus der zittern- cdn Hand gelegt, ihr Haupt dort zum ewigen Schlummer hinlegen, wo sie schon immer die stille, Herz und Gemüth erquickende Sonntagsruhe feierten, und weil Kanzel und Altar da drinnen für die noch Athmenden, so suchen sie stille, schattige Plätze an ihrer Mauer, und eine alte Linde oder ein Ahorn hält seine leise, monotone Predigt, gerade wie es der Herr Pfarrer an heißen, müden Nachmittagen auch gemacht, — und streuet dann welke Blätter, wie zum Segen, auf die schweigend horchenden Hügel. 178 Heule aber waren es gewählte, schöne Worte, die aus dem Munde des Priester- l kamen und von mancher rauhen, braunen Wange perlte eine Thräne, die man rasch zu zerdrücken in dem Gedrängt keine Zeit und Gelegenheit fand. Der Priester war mit seiner Rede zu Ende und fragte jetzt das Brautpaar um ^ sein „Ja." Der Bräutigam sagte das seine mit freudig erregtem Herzen, Anna bewegte 1 die zitternden Lippen, ihr „Ja" zu lispeln, da fuhr es wie ein Blitz durch's Fenster, ein lauter Donner rollte über den stillen Kirchhof und Anna sank, zum Tode getroffen, am Altar zusammen. Eine Kugel hatte ihr das Herz durchbohrt Alles gcrieth in die höchste Bestürzung und Verwirrung. Der alte Oberförster warf sich verzweifelnd über den Leichnam seines Kindes und wollte mit seinen Hände« den Blutstrom aufhalten, der unaufhaltsam aus dein Herzen über das weiße Atlasklcid floß. — Die Apfelbtüthe hatte ein tückischer Sturmwind erfaßt und auf den buntgeflcckten Rasenteppich des Todes hingeworfen^ Der Priester, der Bräutigam und die Zeugen standen in stummem Entsetze« da und hörten, ohne an etwas Anderes zu denken, nur auf die Klagen des greisen, verzweifelnden Mannes, der sein Kind mit tausend Schmeicheltönen unb süßen Worten zum Leben bringe» wollte und dann, als kein Ton mehr über die bleichen Lippen zitterte, , als er fühlte, daß sein Kind todt sei — todt, sein einzig thenres Kind, da drückte er seine Hände in die Augen und ein Thran cnstroill preßte sich hindurch Und rollte »«auf- ! hallsam über die gebräunte Wange. — Einige Zuschauer waren hinausgestürzt, bett ! siechen Mörder zu entdecken; sie hatten nicht läiige zu suchen gehabt; denn auf cittüickl entstand ein dumpfes Gemurmel und man sah dett alten Wildschütz, den finstern Georg, über die Schwelle der Kirchthür schreiten, und sich hastig durch tue Menge drängen. Alle wichen entsetzt zur Seite und machten ihm Raum, — denn seine Augen rollten wie ein Paar feurige Kugeln in seinem Kopfe, und er trug sein Doppelrvhr in der Hand, das noch warm war von dem Frevelschussc. .ES war kein Zweifel: der wilde, steche Wildschütz hatte Anna erschaffen, und doch wagte in der ersten Bestürzung Niemand, den Verbrecher festzunehmen; nur ein Paar Jägerburschcn drängten sich zur Thür, um ihm wenigstens den Äusgang zu versperren. Und so schritt der alte Wildschütz, die Büchse ! in der Hand, fest und sicher zum Altar und zu der traurigen, herzergreifenden Gruppe. Eine wilde, satanische Freude blitzte in seinem Auge, als er den Oberförster stümM sind verzweifelnd an der Leiche seines Kindes knieen sah, und diejenigen, die ihn jetzt übwehten wollten, mit gewaltiger Faust zurückschlcudcrnd, trat er dicht an den unglücklichen Vater heran, legte die Hand aüf seine Schulter und fragte ihn in bitter-schneidendem Hohn: „Du lachst nicht? Und Du hast doch gelacht, als Du meinen Sohn erschossen, und da trug ich Dir das Wild davon; hellte aber hat Dir's der Wildschütz gelassen; so lache doch! so lache doch!" — Und der Wildschütz selbst brach in ein wildes, entsetzliches Gelächter aus. Der Oberförsted sah erschrocken auf die wilde, finstere Gestalt; Alles wurde l ihm klar und ein Wuthgeheul wollte über seine Lippen beben, er wollte sich rachcdürstcnd ! auf den Mörder stürzen, aber das wilde Lachen machte alle seine Nerven erzittern und ! zog förmlich magische Kreise um sein ganzes Empfinden, daß er unwillkürlich mit hinein- ' gerissen wurde in diesen Lüstern Strudel des Lachens, der immer tosender und gewaltiger aus dem Munde dcS Wildschützen hervorzuquellen schien. Und wie sich auch der Oberförster zwang, wie er auch das in ihm herausquellende gräßliche Lachen unterdrücke« wollte, es drängte sich doch hervor, und konvulsivisch stimmte er schließlich in das Lachen des Mörders ein. Alle Umstehenden standen stumm, erstarrt vor Entsetzen über eine solche Scene da^ und noch immer tönte das wilde, entsetzliche Lachen des Mörders und dcS unglücklichen Vaters durch die stillen Räume der Kirche, während zu ihren Füßen ein warmes, schönes Leben sich verblutete. Der Bräutigam hatte, betäubt und entsetzt, am Altar gekauert und von der ganzen 179 Scene nichts vernommen. Er dachte nichts, er fühlte nichts, er sah nur seine geliebte, theure Anna todt hingestreckt am Altar, und die hastig rollenden Pugen suchten vergeblich einen NettuugSpunkt in dem Schiffbruch seines Lebcnsglückes, das er so mühsam aufgebaut hatte. Da hörte er das Lachen des Oberförsters und dies riß ihn Plötzlich aus seiner Lethargie empor, er faßte den Oberförster bei der Schulter, blickte ihm bitter und vorwurfsvoll in's Auge und sagte dann, ebenso unbesonnen als rücksichtslos: „Und Sie lachen auch an der Leiche Ihres Kindes?!" Der alte, unglückliche Mann schien bei diesen strafenden Worten zu erwachen, er schüttelte sich, als müsse er sich besinnen, und eine fürchterliche Last von den Schultern werfen; seine Lippen schloßen sich krampfhaft. Plötzlich schoß ihm der Gedanke in all' seiner Fürchtcrlichkeit durch das Hirn, an der Leiche seines Kindes gelacht zu haben, wider Willen gelacht zu haben, durch dämonische Gewalt mit fortgerissen, — und er griff mit den Händen in die Luft, als wolle er die finstern Geister verscheuchen, die seine Stirn umschwirrten. — Da sank er, mit einem Male, wie vom Schlage getroffen, zusammen, und sein Kopf schlug an die Altarstufe, daß das Blut hervorquoll. „Auch der ist todt!" murmelte die Menge; er war es freilich nicht, aber als man ihn aufhob und in seine Wohnung trug, und er dort wieder die Augen aufschlug, da glotzte die Nacht des Wahnsinns daraus hervor und er spielte mit Allem, was man ihm in die Hände gab; die Erinnerung der letzten Stunden war wie ausgekehrt aus seinem armen erschütterten Gehirn. Der Bräutigam stürzte sich jetzt erst mit ein Paar Jügerburschen auf den Wildschützen, der bei dem Fall des Oberförsters die letzten Töne seines höhnischen, entsetzlichen Lachens ausstieß und es ruhig geschehen ließ, daß man ihm die Flinte entriß und ihn zu fesseln suchte. Mit dem Fall des Oberförsters schien auch er zur Besinnung gekommen zu sein; er blickte entsetzt auf die Leiche — sein Werk — und die schönen, gebrochenen Augen Anna s schienen ihn anzuklagen: „Du hast mich gctödtct, und ich habe Dir im Lebe» nichts gethan, ich war stets lieb und freundlich gegen Dich." Der Wildschütz verstand ihre Klage und keuchte wild und hastig hervor: „Du hast mir nichts gethan — aber mein Sohn, mein Sohn! den hat man mir erschossen und dazu gelacht, sie müssen wissen, wie das thut. Ja, ja, Du büßtest's unschuldig. Ich hätt' mein Herzblut d'rum gegeben, wenn ich Dich hatte schonen tonnen! Noch einmal sich mit herkulischer Kraft von seinen Angreifern losreißend, kniete er an der Leiche nieder und weinte und weinte, als müsse er sich die Augen aus dem Kopfe weinen nnd durch all' das Schluchzen hörte mau nur die Worte: „Mein Sohn, mein Sohn!. O, Du süßes, freundliches Kind, Dich, Dich mußt' ich erschießen!" Man führte ihn hinweg in das Gefängniß; er weinte noch und ließ sich führen wie ein Kind. (Fortsetzung tolgr.- Die Vollendung der Eisenbahn nach dem stillen Meere. * Die Feier der Eröffnung der Paeisicbahn enthält noch einige drastische Momente, welche der Leser gern dauernd seinem Gedächtniß einprägen wird. Schon Wochen vorher las man in den Zeitungen: Die letzte „Bahnschmclle der Central-Pacific-Eisenbahn" ist aus kalifornischem Lorbeerholz gefertigt, fein polirt und auf beide» Enden mit solidem Silber nusgclegt. Die letzten Spikcr sind von massivem Gold und wiegen mehr als 20 Unzen un Werthe von 200 Dollars. — Kalifornien hat silberne und goldene Gerüthschastcn dazu gesendet. Wenn die rollendem Schläge des Sitbcrhammers ferne in der westlichen Wildniß erklingen, wird der Telegraph die freudige Botschaft allen großen Städten der Union zutragen. Die „Affociirte Presse" enthielt folgendes Telegramm: „Promontory Summit, Utah, 10. Mai. Die letzte Schiene ist gelegt, der letzte Bolzen eingAicbcn. Die V 180 Pacisische Eisenbahn ist vollendet. Der Punkt der Vereinigung liegt 1086 Meilen westlich von Missouri, 690 Meilen östlich von der Stadt Sacramento." Es war mit der Ceremonie eine Telegraphen - Feier verbunden, welche etwas in hohem Grade Anregendes hatte. Die Arrangements waren so getroffen, daß jede Bewegung auf jenem obscurcn Punkt des Erdkreises sofort über das ganze Land telcgraphirt wurde, so daß das ganze Volk Zeuge dessen sein konnte, was dort im engsten Kreise stattfand. Die Einrichtung war, daß der Telegraphen-Draht an den letzten Bolzen befestigt wurde, und daß dir Hammerschläge auf diesen, in jeder Tclcgraphenstation gefühlt, der Welt das Geschehene im gleichen Moment verkündeten. Omaha war der Centralpunkt dieses großartigen Arrangements; von dort wurden rings in der Runde die Befehle ausgetheilt. Der Vorsteher des Telegraphen - Departements in Washington setzte den Draht mit einer Glocke in Verbindung. Jene Glocke mußte von den Hammerschlägen auf dem 2400 Meilen entfernten Promontory Summit getroffen und in Bewegung gesetzt werden. Das Signal wurde gegeben: „Macht Euch bereit!" Washington, New-Orleans, Chicago, Boston rc. antworteten: „Wir sind fertig!" Es war nach 2 Uhr. Auf den Telegraphen-Bureaux herrschte dieselbe Spannung, welche man unmittelbar vor dem Eintreffen einer Sonnen- finsterniß empfindet. Einige wurden ungeduldig und richteten Fragen au Omaha. Von dort erfolgte die Antwort: „Seid ruhig. Stört den magnetischen Kreis nicht, sondern wartet den Hammcrschlag ab." Um 2 Uhr 2? Minuten, nach der Washingtoner Zeit, sagte Promvntorh Summit: „Beinahe fertig. Die Hüte ab! Es wird gebetet!" — Unwillkürlich gehorcht ein Jeder, dem das Signal kund wird. Tiefes, — feierliches Schweigen. Um 3 Uhr 40 Minuten lautet das Wort: „Das Gebet ist zu Ende, der Bolzen soll eben überreicht werden!" Chicago erwiedert: „Der Osten ist bereit!" — Promontory Summit spricht: „Fertig! Gleich kommt's! Dreimal wird gezuckt vor den Hammerschlägen!" Das Signal verfolgt. Eins, Zwei, Drei! Eine Pause von einigen Minuten. Und dann fühlt man die Hammerschlägc iin Osten, im Westen, im Norden und im Süden, die Glocke in Washington klingt, einmal, zweimal, dreimal! Die Fahnen stiegen, die Kanonen donnern, und hier läutet das Glockenspiel des Trinity-Thurmes: „Nun danket Alle Gott!" Der Moment wird allen Denen unvergeßlich sein, welche an der Feier betheiligt waren. So bildet die Völkerfamilie einen harmonischen Körper, dessen Nervensystem die Fäden des elcctro-magnetischen Telegraphen repräsentiren, und was im entlegenste» Wintclchcn geschieht — das beseelte Ganze kann es spüren und empfinden. Auf der hiesigen Börse versammelte sich die Handels-Kammer, um das Schwester- Institut in Sän Francisco telegraphisch zu beglückwünschen. Der Schluß der Depesche lautete: „Die neue dem Menschen geöffnete Heerstraße wird nicht nur die Ressourcen unserer Republik entwickeln, ihren Handel ausdehnen, ihre Macht vergrößern, ihre Würde erhöhen und ihre Einheit verewigen, sondern in ihrer weiteren Bedeutung, als der Segment des weltumspannenden Kreises, welcher direkt die Nationen Europa's mit denen Asiens verbindet, das Fortschreiten der Civilisation unseres Zeitalters wesentlich befördern." In der Trinity-Kirche versammelte sich eine dicht gedrängte Menge, um in einem feierlichen Gottesdienste der Vermühlungs-Feier zweier Weltmeere beizuwohnen. Der Mayor von New-Mrk erhielt von Promontory Point ein Telegramm über das Geschehene. — Sofort wurde im Stadthaus-Park ein Salut von 100 Kanonenschüssen abgefeuert und dem Mayor von Sän Francisco ein Telegramm gesandt, welches hier wörtlich wiedergegeben sein möge. Es lautet: „New-^ork frohlockte, als vor fast einem halben Jahrhundert die Vollendung des Erie-Canals die Silberkette der westlichen Inland-Seen mit dem Atlantischen Ocean verbunden wurde. Heute jubelt die Metropole Amerika'S, weil durch die Vollendung der Pacific - Eisenbahn die extremsten Punkte und Küsten eines ungeheuren Continents commercicll zusammengefügt sind. Abgesehen von den Beziehungen dieses großen Ereignisses zum Christenthum, zu der politischen Ockouomic, zur Civili- 181 sation und zum Patriotismus, wird die Metropole gerechtfertigt dastehen, wenn sie in verzeihlichem Selbstgefühl sich schon als die Handelsbörse der Welt erblickt. Ihre Zeitungen, welche so viel zum Resultat dieses Tages beigetragen haben, — werden unsere Bürger bald an Ausdrücke gewöhnen muffen, wie: „Der asiatische Frachtzug ist rechtzeitig eingetroffen." So flattern denn unsere Fahnen, so donnern unsere Kanonen, und vom alten Trinity»Dome sendet das „Tedcum" einen harmonischen Weiheklang in das geschäftige Summen, welches die Mauern umwogt. Was unsern Glückwunsch an Euch betrifft, so würden Worte nicht genügen, um die volle Bedeutung der Eisenbahn-Verbindung mit Eurer goldenthorigen, unternehmenden Stadt zu würdigen. Deßhalb möge der 10. Mai auf die Dauer als ein Feiertag in die Annalen Sän Francisco's, New- Nork's, jedes Weilers und Dorfes, jedes Fleckens und jeder Stadt längs dieser neuen Völkcrstraße übergehen." — Wohl ist dem amerikanischen Charakter die Neigung zu einer gewissen Ueberschwänglichkeit eigen; aber es läßt sich nicht behaupten, daß der Mayor bei dieser Gelegenheit zu weit geht, und ist der Verkehr regulär organistrt, so werden wir wohl noch eine große, allgemeine Jubelfeier zu gewärtigen haben, an welcher man sich füglich bis zu einem gewissen Grade auch in den großen Handelsplätzen Europa's betheiligen könnte. vceue Flugmaschinen. Wir fliegen noch immer nicht — wir Menschen nämlich. Wer daran die Schuld trägt, wollen wir nicht untersuchen, jedenfalls trifft die Engländer der geringste Tadel, denn bei ihnen ist die Darstellung von Vorrichtungen zum Fliegen zu einer sogenannten brennenden Frage oder Alltagssorge geworden. Diese Bemühungen haben übrigens in neuester Zeit einen echt wissenschaftlichen Werth erhalten, seitdem man die Aufgabe begonnen hat, mathematisch zu untersuchen. Selbst wenn man das Ziel nicht erreichen sollte, konnte Saul unterwegs statt der Eselinnen eine Krone finden; und warum sollte es überhaupt nicht erreicht werden? Das gegenwärtige Geschlecht, welches es dahin gebracht hat, mit Fußtritten Hemden zu nähen, braucht am Wenigsten zu verzagen. Obendrein ist uns neuerdings ein Schimmer aufgegangen, daß das Ding nicht so schwierig sei, als es den Anschein hat. Ein Franzose, Herr dc Lucy, — fand das merkwürdige Gesetz, daß bei den flug- begabten Thieren die Fläche der Flügel mit dem Körpergewicht abnimmt, wenigstens gelangte er zu dieser Ansicht durch folgende Vergleiche. Die Mücke (Lulvx), die 460mal leichter ist, als der Hirschkäfer, besitzt verhältnißmäßig vierzchnmal größere Widcrstands- flächen zum Flügelschlage. Das Marienkäferchen, von denen 160 auf einen Hirschkäfer gehen, bedient sich vergleichsweise einer fünfmal größeren Flügelfläche als dieser. Zehn Spatzen sind so schwer, als eine Taube, und doch sind die Flügelflächen des Spatzen relativ doppelt so groß, als die der Taube. Der schwerste Vogel, den dc Luch bei seinen Untersuchungen wog, ist der australische Kranich. Kein anderer Segler der Lüfte erhebt sich höher, mit einziger Ausnahme des Adlers (und dcS Condors, möchten wir hinzusetzen). An Ausdauer scheint jedoch der Australier t'aeilo prinnsps zu sein, denn kein Vogel unternimmt so weite Wanderungen. Er wiegt 20 Pfund 15 Unzen, uvilp., und auf jedes Pfund besitzt er nur 139 Quadrat- Zoll (incliss) Widerstandsfläche, 140mal weniger vergleichsweise als die Mücke, — die 3,000,OOOmal leichter ist. Uebcrhaupt vergleichen sich die Bögel günstig mit den Znsecten, denn die Taube, 97,OOOmal schwerer als die Mücke, bietet der Luft eine 40mal kleinere Oberfläche für das Pfund des Körpergewichts. Um einen naheliegenden Einwand sogleich zu unterdrücken, wollen wir rasch hinzufügen, daß bei den Vögeln nicht etwa durch Muökclstärke, also durch Auswand mechanischer Kraft, ersetzt wird, was an Widcrstandsfläche den Flügeln mangelt, denn an Muskel- 182 stärke stehen die Insekten obenan, viel höher jedenfalls als die Vogel. Niemand wird überhaupt etwas einwenden gegen die Stärke der Inscctcn. Der Löwe ist ein Schwächling im Vergleich zum Floh. Der größte Gewinn aus jenen Messungen bleibt jedoch immer, daß durch eine günstige anatomische Vorrichtung, wie bei dem australischen Kranich, die WiderstandSstäche auf 139 Quadratzoll, also noch nicht einmal auf einen Quadratschuh des kleinen englischen Maßes für das Pfund des Körpergewichts beschränkt werden kann. Der australische Kranich ist also vorläufig das Muster. Würden wir die Schwalbe uns erwählt haben, die einen Quadratmeter Widerstands- stäche für jedes Kilogramm zur Verfügung hat, dann brauchten wir für einen Menschen, der sammt Flugapparat 165 Pfund wöge, eine Fläche von 116,250 Quadrat-Zoll, also etwa 807 Quadrat-Schuh. Nehmen wir uns die Taube als Exempel, dann würde sich die Widerstandsslüche schon auf 31,000 Quadrat-Zoll (215 Quadrat-Schuh) vermindern, während nach dem Muster des australischen Kranichs nur 10,850 Quadrat-Zoll oder 75 bis 76 Quadrat-Schuh oder etwa 8^ Schuh in's Geviert nöthig wären. Schon im Jahre 1842 verbreitete ein Herr Hcnson die Kunde, daß er eine Flugmaschine von 6000 Quadrat-Schuh Fläche erfunden habe. Gebaut wurde sie nie, — sondern nur entworfen, allein seit 1844 vereinigte sich Hcnson mit einem Herrn Slring- sellow und im nächsten Jahre vollendeten sie gemeinsam daS Modell zu einer fliegenden Dampfmaschine, die 25 bis 28 Pfund wog, mit Flügeln, die SO Schuh von Spitze zu Spitze maßen. Da die Versuche mißlangen, gab Hcnson seine Pläne auf, Striugfellow setzte dagegen seine Arbeiten fort und brachte endlich eine kleine Dampf-Flugmaschine zu Stande, die mit Wasser und Brennstoff nur 6'/>, Pfund wog. Es wurden mit ihr nur in geschlossenen Räumen Versuche angestellt. Sie lief zuerst auf Eiscndrähten statt der Schienen, um Bewegungskraft zu erzielen. Hatte sie ein Drittel des Weges zurückgelegt, so erhob sie sich vow Draht — und wurde am Ende des Zimmers von einem Tuch aufgefangen. Es war etwas gewonnen, wenn auch nicht mehr als eine Spielerei. Striugfellow hatte sein Spielzeug vergessen, als sich in England die Lnftschifsfahrts-Gcsellschast bildete, und Preise für Fortschritte in den Flugmaschinen aussetzte. Da erwachte die alte Ersindungslust von Neuem in Striugfellow. Gleichzeitig hatte ein Herr Wcnham einen nicht unglücklichen Gedanken ausgesprochen, den man die Pelikanische Lösung der Aufgabe nennen könnte! Weuham sah nämlich am Nil Pelikane senkrecht dicht über einander mit sehr kurzen Flügclschlägcn ziehen. Er sagte sich also, daß die Flügelbewegung des einen Vogels in senkrechter Richtung keine Störung auf die Flngbewegnng des anderen Vogels ausübe, folglich könne man durch senkrechte etagcnförmige Anordnung der WidcrstandSflächen die mechanische Aufgabe erleichtern. Nach diesem Gedanken baute Slringfcllow eine Maschine mit drei Flügelflächen über einander. Flügel und Maschine mit Brennstoff und Master wogen weniger als 12 Pfund, also nicht mehr wie eine Gans; die erzielte WidcistandSslüche betrug 28 Quadrat-Schuh oder 2^/^ Quadrat-Schuh für das Pfund, die Bewegung aber hatte den Werth von einer Driitelspscrdekraft. Herr Striugfellow gewann den wohlverdienten Preis von 100 Lstr für „die leichteste Dampfmaschine im Verhältniß zu ihrem Gewicht." Der Cylinder von zwei Zoll Durchmesser bestand aus dünnem Messingblech, der Kolbenhub betrug drei Zoll, die Umdrehungen iu der Minute 300. Drei Minuten nach Entzündung des Brennstoffs betrug der Druck 30 Pfund, in fünf Minuten 50 Pfund, und in sieben Minuten 100 Pfund auf den Quadrat-Zoll, letzteres die höchste anwendbare Kraft-Entfaltung. Die Maschine flog im Juni 1868 im Krystallpalast, an einem Drahte schwebend. Sie wurde auch im Freien geprüft, allein unter sehr ungünstigen Verhältnissen, dennoch senkte sie sich sehr langsam in geneigter Ebene. Jetzt baut Springfcllow eine große Maschine, die einen Mann tragen soll. — Diese Ausgabe ist viel leichter, als bei einem zarten und kleinen Modell, zumal mensch- 183 sicher Verstand den Mechanismus unterstützen kann. Auch ist 3'/r Quadrat-Schuh Widerstandsfläche für das Pfund lange noch nicht das, was unser australischer Kranich leistet. Doch mit Dampfflügcln ist uns nicht gedient, wir selbst wollen fliegen. So dachte auch Herr Spencer, der beste Lehrer in der Gymnastik, den England auszuweisen hat — ein großer Virtuos auf dem Trapez, und verwandelte sich in einen Cherub mit Flügeln und Schweif, zu denen er theils Regenschirm-Drähte, theils Korbgcflcchtc wählte, und Beides mit einem luftdichten Stoffe überzog. Er selbst mit der Vorrichtung wog 158 Pfd., die Widerstandsfläche betrug 110 Quadrat-Schuh, also I V? Pfund auf den Quadrat- Schuh, was noch über den australischen Kranich geht. Mit seinen Flügeln lief er einen sanften Abhang hinab, um eine horizontale Bewegung zu gewinnen, und zuletzt erhob er sich, und blieb auf einer Strecke von 120 Fuß über dem Boden. Er sinnt fetzt auf Verbesserungen und wird nächstens wieder fliegen. Eine ganz einfache Vorrichtung wurde erfunden von einem Arbeiter, W. Gibson. Der Erfinder selbst wog KU/-r Stein (147 Pfund), die Flügel je 10 Pfund, daS Gerüst 21 Pfund, zusammen 188 Pfund. Da er nur zwei windmühlenartige Flügel anwendete von 12 Fuß Länge, 1>/2 Fuß am breitesten, 1 Fuß am schmalstcn Theile, — Beide zusammen von 37 Quadrat-Schuh Widerstand, also je 5 Pfund Gewicht auf einen Quadrat-Schuh, so inuthetc er sich die fünffache Leistung des australischen Kranichs zu. Bewegt wurden die Flügel nach dem Style eines Spinnrades, nur daß beide Füße abwechselnd je einen von zwei Bügeln niederdrücken sollten. Es gelang dem Manne, sich 12 bis 18 Zoll vom Boden zu erheben, allein die Flügel waren so schwer, daß er die Tritte nicht oft wiederholen, also sich nicht lange in der Höhe erhalten konnte. Aber auch er verspricht sich zu bessern. Werden wir also bald etwas besitzen — wie der Zanbcrmantel, nach welchem der Gocthe'schc Faust sich sehnte? Alles, was sich sagen läßt, besteht darin, daß einige dankenSwerthe Fortschritte erzielt worden sind. M ideellen. (Ein Zaubcrtränklcin.) Die neueste Zeit hat auch den Pflaummüllcr bei Eschlkam und den Schmied von Schwarzenberg zu den Vütern versammelt. Mittheilens- werlh aus ihren an Licht wie Schatten reichen Nekrologen scheint mir folgendes noch schwerlich übcrtrofsenc wäldlcrische Originalstück. — Beide Männer waren sonst nicht „uneben;" namentlich der Schmied hatte in Tüchtigkeit und Allseitigkcit des Handwerks nicht Seinesgleichen. Doch, »om Feuer und Mehlstaub (glaube ich) hatten sie immerfort trockene Kehlen. Das war es, warum sie zu ihren Weibern nicht heimgingen. Die soliden Hälften beschworen tausend und tausendmal ihre Männer, bald mit zärtlicher, — bald mit wetternder Zunge. Schmied und Müller wurden dann weich wie Wachs; — wenn nur Hopfen und Malz und „Eschlkam" nicht gewesen wären! — In ihrer Bedrängniß schritten die Weiber zum Aeußcrsten, nämlich zur sogenannten „Soldaten- Kathl," die im Ruf einer Zauberin stand. Unter bedrängten Ehefrauen ging noch als Geheimniß: sie könne es den Männern anthun, daß sie zu ihren Weibern „heimgehen müssen!" Gegen Mehl- und Eicrreichnissc garantirte nun die „Soldaten - Kathl" der Schmiedin und Müllerin; natürlich wurde das Alles unter dem Mantel unverbrüchlicher Verschwiegenheit abgemacht. Ader, wie cS geht, die Männer bekamen doch Wind, so nämlich, daß ihnen sollte ein „Zwangkräutlcin" in die Suppe gekocht werden, welches sie, wenn einmal geheimnißvoll wirtcnd, wie eine unsichtbare unwiderstehliche Macht mitten vom Zechen weg heim nöthigen würde. Der seltsame Wcibcrkrieg reizte die beiden Männer; um das famose „Zwangkräutlcin" zu erproben, schritten sie extra selbander 184 Nach Eschlkam, diesmal nicht ohne eine gewisse feierliche Stimmung. Es fiel die erste Nacht über die tapferen Zecher herein. Der Müller stieß den Schmied und blinzelte: „Kommt's dir schon?" — „Mir nicht!" versetzte der Schmied achselzuckcnd. „Mir auch nicht!" bestätigte der Müller. Die zweite Nacht stieß der Schmied den Müller, und so wechselweise. Immer dieselbe Frage, immer die nämliche Antwort. Und so saßen sie in den Wirthshäusern zu Eschlkam und tranken fort, bis es dem Einen oder dem Andern käme! Es brach die achte Nacht herein. Da griff der Müller seine Hosensäcke durch, sie waren erschöpft vom letzten Gröschlein. „Schmied," sprach er, „jetzt kommt's mir, daß ich zu meiner Alten heimgehen muß!" Der Schmied untersuchte desgleichen seine Hosentaschen und that denselben salomonischen Ausspruch. Nun schritten Beide zu ihren Weibern heim, die während der 8 Tage nicht wenig betroffen und erbost waren über die langsame Wirksamkeit des Zaubcrmittcls. Dicßmal ließen sich aber die Männer durchaus nicht kapiteln; hatten sie auch zu Eschlkam hübsch was vertrunken und zu Hause hübsch was versäumt, so hatten sie doch den Hokuspokus der „Soldaten - Kathl" gründlich aufgestochen. Die Weiber wurden in Folge dessen weit in der Runde homerisch verlacht. Das Schönste wäre nun freilich gewesen, wenn fortan Müller und Schmied christlich heimgegangen wären, was ich aber leider nicht weiß. St. T. (Wir bekommen einen neuen Mond.) Ein Herr Simon Backhaus macht in einer so eben erschienenen Broschüre der Erde die vorläufige Anzeige, daß sie einen zweiten Mond bekommen werde, der ihr näher liegt, als der erste. Die Geschichte wäre einfach so: Das seit etwa 200 Jahren in den Aequator - Gegenden nach Sonnenuntergang sichtbare sogenannte Zodiakal- oder Thierkreislicht, nach der Meinung älterer Astronomen eine den Polarlichtern analoge Erscheinung oder ein Ausfluß der Sonnen- Atmosphäre, nach Humboldt aber ein unserem Planeten - System angchöriger besonderer, rotirendcr Gasring, ist nach des Herrn Backhaus neuester Behauptung nichts Anderes, als ein um die Erde gehender, und von derselben nur wenige tausend Meilen entfernter Gasring, dessen Dichtigkeit schon jetzt an verschiedenen Stellen eine sehr verschiedene sei, und deßhalb an der dünnsten Stelle bald platzen werde, worauf beide Arme mit ungeheuerster Schnelligkeit auseinander fliegen, eine Kugel entstehen und ein neuer Mond für die Erde sich Präscntiren werde, — um in Compagnie mit dem alten das Geschäft der Sonnenfinsternisse, Ebbe und Fluth und des Wettcrmachcns fortzusetzen. Nichts kann einfacher sein. Wann aber wird das geschehen? Genau hat es Herr Backhaus allerdings noch nicht ausgerechnet; er weiß nicht, ob vielleicht schon morgen oder erst später, aber so viel kann er uns, wie der astronomische Schuster im „Lumpaci-Vagabundus," auf dem letzten Blatt schon verrathen: „Lang dauert's auf keinen Fall mehr." s Als ein Prediger vor Kurzem bei einer Trauung in Delaware Jeden, der Einwendungen zu machen habe, aufforderte, sich zu melden, rief eine unterdrückte Stimme: »Ich!" — Aller Augen richteten sich dort hin, von wo der Schall kam, und erblickten ein Individuum, das ein Taschentuch vor die Augen hielt und schluchzte. — „Welche Einwendungen haben Sie zu machen, mein Freund?" fragte der Geistliche. — „Ich selbst möchte sie hcirathen," stieß der unglückliche Liebende hervor, „aber sie will mich nicht." Auflösung der Charade in Nr. 22: „Krauscmiinzc." Druck, Lertaz und Redaction des Litcrarischen Instituts von l)r. M. Huttlcr. Nro. 24. 13. Juni 1869. Die Bösen soll mau nimmer schelten, Sie werden zur Seite der Guten gelten: Die Guten aber werden wissen. Vor wem sie sich sorglich hüten müssen. E ö t h e. Arrf der Jagd. (Schluß) Drittes Kapitel. Der einzige Freund. In dem Garten des Irrenhauses zu P. spielten zwei Irre harmlos mit einander, und schienen recht gute Freunde zu sein. Es waren schon alte Männer; der Eine groß und stark, ein wahrer Riese; der Andere kürzer und untersetzter. Beide mußten aber in früheren Zeiten dem edlen Waidmannswerk obgelegen haben; denn ihre gemeinsamen Spiele richteten sich nur hierauf. Sie hatten für ihre Spielständen einen Raum im Garten abgesteckt erhalten, den sie nun wild und chaotisch mit Sträuchern bepflanzten, und dort standen sie oft Stunden lang auf dem Anstand, — mit einem Stecken in der Hand, und jede Katze, jeder Vogel, alles lebende Gethier, das sich irgend in ihrer Nähe blicken ließ, wurde unerbittlich todtgcschossen; dann zeigten sie sich ihre vermeintliche Beute, lächelten sich zu und gingen, seelenvergnügt über die glückliche Jagd, in ihre Zellen. So hatten es die beiden Irrsinnigen schon lange Zeit getrieben, ohne miteinander zu sprechen; aber sie lächelten stets, wenn sie sich sahen, als ob sie sich schon lange gekannt hätten, und so mochte es wohl auch sein; — es lag jedoch eine lange, lange Zeit dazwischen, und das Gedenken daran war von der Seelentafel ihrer Erinnerungen völlig weggewischt. Der Oberförster hatte längst schon hier ein Asyl gefunden. Er hatte keine Verwandten, keine Freunde; Niemand mochte den alten verrückten Mann bei sich aufnehmen, der eigentlich keinem Menschen etwas zu Leide that, denn er beschränkte sein Jagdrevier auf die Stube; aber er war doch in einer Hinsicht gefährlich: er konnte Niemand mehr lachen hören — und wenn es doch geschah, dann gericth er in die höchste Wuth, ergriff das Erste, Beste, was ihm in die Hände siel, stürzte auf den Lachenden zu und wenn dieser nicht entfloh, oder ihm nicht eiligst Hülfe kam, war er gewiß seines Lebens nicht sicher. So hatte man es schnell bewirkt, den Oberförster für verrückt zu erklären, und in's Irrenhaus zu bringen; und der junge Bräutigam, der trotz seiner damaligen Verzweiflung Anna rasch vergessen hatte, und durch die Hcirath mit der Tochter eines reichen Beamten und durch den Einfluß des Schwiegervaters zu einer guten Stelle gekommen war, that nicht das Mindeste für den armen Irrsinnigen, obwohl er durch sein unbesonnenes Auftreten so viel verschuldet; — nur der junge Förster Kuntz, .der am Polter- Abend die Perlen gebracht und dessen Herz vor überquellender Lustigkeit damals fast gebrochen, behielt ein wärmeres Interesse für den alten Oberförster und zahlte, als er in eine bessere Stellung gekommen war, — beträchtliche Summe zur besseren Pflege des Unglücklichen. Der Wildschütz war Anfangs in das Iuquisitoriat abgeführt worden. Es war nn 186 Drcl aus dem zusammengebrochenen Manne herauszufrageu, der ewig über seinen erschossenen Sohn und über das Lachen im Walde klagte, und sich immer tiefer in seine düstern Träumereien verlor, die endlich, nach Bescheinigung der Aerzte, in stillen Wahnsinn übergingen, der bereits, nach ihrer Versicherung, bei Ausübung seiner That vorgewaltet haben muffe, so daß er jedenfalls nicht kriminalisch bestraft werden könne. So wanderte der Wildschütz, statt auf das Schaffst, wie man erwartet hatte, in das einzige Irrenhaus der Provinz. Besonders konnte sich das HeimathS-Dorf über diese schreckliche >' Humanität nicht zufrieden geben, weil ihni damit ein ohnehin so seltenes Schauspiel wie das einer Hinrichtung, auf das man sich nicht wenig gefreut hatte. Plötzlich entzogen worden war. Anfangs hatte man gefürchtet, die beiden Irrsinnigen, die eine sonderbare Verflechtung des Geschickes hier wieder zusammengeführt, mit einander in Berührung zu bringen; im Laufe der Zeit aber war weniger darauf geachtet worden, und als sich die Beiden zum ersten Mal von Ferne sahen, betrachten sie sich ruhig; man fand eine weitere Annäherung nicht gefährlich und der stille, melancholische Wildschütz war bald der einzige Spielgefährte, der dem Oberförster zugetheilt werden konnte, während ihn mit anderen Irrsinnigen in Berührung zu bringen, höchst gefährlich blieb; denn sobald einer derselben lachte, und diese Unglücklichen lachen so gern, gcricth er in höchste Wuth und mußte dann auf viele Tage eingesperrt werden. Dagegen paßten die Beiden vortrefflich zu einander. Der Wildschütz lachte nie, er sah stets düster und traurig aus und wischte nur von Zeit zu Zeit über die gerunzelte Stirn, als könne er damit etwas verscheuchen, — was tief da drinnen in seinem armen Kopfe düstere, unheimliche Fäden spann, — und das Netz des Wahnsinns immer dichter webte. Sie gingen mit einander fleißig auf die Jagd in ihrem kleinen, abgegrenzten Revier, und zuletzt wurde der große, starke Wildschütz, nach einem schweigenden Uebcreinkommcn, der Hund des Oberförsters, und kauerte sich still auf den Boden, und blickte aufmerksam auf den zielenden Oberförster, der Stunden lang im Anschlage lag, und wenn er dann endlich abgeschossen, mit einem schnalzenden und knallenden Paff der Zunge, dann sprang der Wildschütz eiligst ein Stück fort, apportirte das erste beste Stück Holz, brachte es dem Oberförster, der es abnahm, und dann beifällig sagte: ..eouclia!" und der getreue Hund kauerte sich wieder ruhig an seine Seite. So trieben die Armen ihr harmlos kindisches Spiel, das doch Jeden, in die Geschichte ihrer Vergangenheit Eingeweihten, das Her; zerschnitt, weil die Nacht des Irrsinns um zwei Herzen hier eine Art srcundschaftlichen Bandes geschlungen, die sich in ihrem früheren Leben so tiefe, unheilbare Wunden geschlagen, und wie zwei wilde Thiere zähnefletschend und grinsend sich gegenseitig ihre junge Brüt zerrissen hatten. Es war ein herzerschütternder Anblick, diese beiden Männer, die sich Brust au Brust in den Abgrund des Wahnsinns gewälzt, jetzt mitten in diesem Abgrund so kindisch-harmlos mit einander spielen zu sehen. So saßen sie an einem heißen Julitage wieder beisammen und hielten große Jagd. Der Oberförster war in vollem Eifer und stand fortwährend gespannten Hahnes auf der Lauer ; aber auch sein Hund war heute lebendiger als sonst, er kauerte nicht am Boden, sondern lief unruhig hin und her. Es war viele Tage schlechtes Wetter gewesen, und mau hatte sie deßhalb eingesperrt gehalten; heute aber war es so schön, die Sonne schien so freundlich hernieder, und ihr Blick erregte auch wärmeres Leben in den Adern der beiden Irrsinnigen. Das „Paff" des Oberförsters ertönte heute kräftiger als je, und der Stock schlug ordentlich wie ein tüchtiger Gewehrkolben an seine Wange. Der Hund sprang augenblicklich darnach und brachte freundlich grinsend ein ganzes Reisigbündel; aber statt wie sonst, es dem Oberförster zu Füßen zu legen, sprang er heute lustig damit herum und jedes Mal, wenn Jener darnach langte, entwischte er ihm mit der Beute. So trieben es die beiden Irrsinnigen eine ganze Weile, zur großen Belustigung des Hundes, der immer hastiger und rascher hernmsprang, während der Oberförster immer ungeduldiger nach seiner Beute griff; wie er aber wieder hastig nach dem Bündel langte, und sich vorn über bog, verlor er plötzlich das Gleichgewicht und stürzte zur Erde. Das kam dem andern Irrsinnigen doch zu komisch vor, wie sich der dicke Oberförster auf dem Boden wälzte, und der sonst so schwermüthig und schweigend vor sich Hinstierende brach Plötzlich in ein Helles, übermüthiges Lachen aus, das zuletzt in jene entsetzlichen Töne überging, — wie sie dem Oberförster damals an der Leiche seines Kindes in's Ohr geklungen. Dieser stimmte heute aber nicht mit ein; er hatte kaum das Lachen gehört, als er sich wüthend aufraffte und dem noch immer Hcllauflachcnden einen fürchterlichen Schlag, mit seinem Stock versetzte, daß dieser zur Erde taumelte und aus einer großen Wunde an der Stirn blutete Der Stock entfiel dem Oberförster aus der Hand, und als er das Blut aus dem Munde des Getroffenen langsam hervorquellen sah, da schien ihm eine ganze Vergangenheit herauf zu tauchen; es wurde Plötzlich licht in seinem armen, gequälten Kopfe, und Alles, Alles stand nun wieder' in voller Frische vor seinem Auge, Die hervorquellenden Blutstropfen erzählten von seiner Tochter, von ihrem Mörder und, o Gott! es begann in ihm zu tagen: heute krümmte sich der Mörder zu seinen Füßen, erschlagen von seiner Hand, als habe das Schicksal Vergeltung üben wollen.... Wo war er? — War das Alles ein wüster, wilder Traum? — „Mein Kind, mein Kind!" jammerte der Unglückliche; „Mord, Mord!" und er stürzte aus dem Garten auf das Haus zu, aus dem ihm bereits die von dem Geräusch herbeigeführten Wärter entgegentraten. Man schleppte den Verwundeten in seine Zelle, er war zum Tode getroffen und hatte nur noch wenige Stunden zu leben. Der Oberförster erzählte klar und ruhig das Vorgefallene; man staunte über die plötzliche Veränderung desselben, die fast nichts mehr von Wahnsinn durchblicken ließ — und führte ihn auf sein inständiges Bitten zu dem Verwundeten, der bei dem Komme« des Oberförsters die Augen aufschlug und mühsam hervorleuchte: „Das war gut, eS spinnt nicht mehr hier oben... der Holzwurm, der sich dort eingenistet hatte, pickt und knarrt nicht mehr . . . das war ein Meisterschuß! Ja, ja, — wir waren Beide gute Schützen: in den Kopf oder in's Herz! Ach, mein Sohn! Barmherziger Gott!" —- Und die schuldbeladene Seele hatte ihren letzten Seufzer ausgehaucht. Der Oberförster war in der That genesen, und konnte aus der Anstalt entlasten ^ werden. Von einer gerichtlichen Verfolgung seines im Irrsinn begangenen Todtschlages wurde unter den obwaltenden Umständen abgestanden. Der alte, gebrochene Wann fand eine Zufluchtsstätte bei dem Förster Kuntz, der jetzt nicht mehr so blutjung, sondern ein Mann geworden war, aber nicht gehcirathet hatte, "weil er das Bild Anna's nicht aus dem Herzen verwischen konnte. Und jetzt saßen die Beiden, nach vollbrachtem Werk, ofr in die Dämmerung hinein, sprachen von Anna, dem lieblich holden Kinde, zauberten mit allen Licbesfarben das Bild des theuren Mädchens herauf, bis dem alten Manne die heißen Thränen über die gerunzelte Wange hinabliefen, Kuntz schweigend aufstand, und im grünen Wald seiner wehmüthigen Stimmung und seiner Thränen Herr zu werden suchte. Und Derjenige, der einst die Gunst des Oberförsters sich nicht zu erringen vermochte, war jetzt sein treucstcr, sein einziger Freund. Sonntags ftirnmnug. O, wie klinget östlich, westlich Durch die Thäler, überall So besänftigend und festlich Heiliger Kircheuglockenschall! Eine große Feierstunde Geht im weiten Landkreis um: Heilung jeder Erdenwunde Kündige an das Christenthum! Und wie staunend manch Jahrhundert, Sich um lein Panier gesellt, So erariffen und verwundert Folgt mein Herz ihm durch die Welt! 7arl Mager. 188 Die ägyptische Wüste Auf einer eben beendeten Reise durch Aegypten hat Herr Omen sehr viele Punkte der Wüste zum Zwecke geologischer Studien besucht, und hatte den Vortheil, die Durchschnitte der Erdschichten prüfen zu können, welche gegenwärtig durch die Arbeiten am Suez-Kanal zwischen Ismailia und Suez freiliegen. Einen kurzen Abriß der Hiebei erlangten Resultate legte er der Pariser Akademie vor. Fossile organische Ueberreste hat Herr Owen an folgenden Punkten gesammelt: in der Umgebung von Kairo, in Mem- phis, in den Ebenen von Kalaiat Baiun, welche zur Lybischen Wüste gehören, die sich - durch den Reichthum an versteinerten Stämmen von Palmen und anderen Bäumen auszeichnet, in den Kalkfelsen von Beni-Hassan, in der Schlucht des Babel Molook, die zu den königlichen Gräbern in Theben führt, und endlich am Salzwasserkanal zwischen Port- Seid und Suez und an den sich daranschließenden Erdarbeiten. Die Zusammenstellung der Zeugnisse, welche durch die so gesammelten Reste geliefert werden, bestätiget die Aufnahme, daß die Wüste das trocken gewordene Bett eines alten Meeres ist. Die an verschiedenen Orten gemachten Beobachtungen beweisen ferner die Länge der geologischen Epoche, während welcher die mineralogischen Elemente des Kieses, des Kalkes, des Marmors, Alabasters, des nummulitischen Kalkes, des gypsartigen Thones, der Muschelbänke, der losen Kalkthonschichtcn, des Sandes und Wüstenstaubes sich über den Boden des alten Meeres verbreitet haben, das endlich durch die Erhebung der Landenge verdrängt wurde. Die organischen Reste, welche hier gesammelt werden, deuten ein Zeitepoche an, welche sich vom oberen Oolith und den Kreideschichteu bis zu der tertiären Epoche des alten Eozen und jcucs mittleren Miozen erstreckt. Die Uebereinstimung, welche in Bezug auf die organischen Ueberreste zwischen den jüngsten und am Weitesten verbreiteten Ablagerungen der ägyptischen Wüste und den miozenen Schichten in Malta herrscht, ist einer von den Beweisen für die große Ausdehnung des Bettes jenes tertiären Meeres. An den gegenwärtig in schnellem Fortschritte begriffenen Durchstichen zwischen Ismailia und Suez sind die Schichten größtentheils horizontal; hie und da zeigt jedoch ein leicht-schiefe Neigung, daß an dieser Stelle die Hebung stärker gewesen. In Serapeum, in der Nähe des großen Beckens der Bittersten, bestehen die Schichten vorzugsweise aus feinem, zuweilen leicht zusammengebackenem Stande, der viel Kiesel enthält, dem manchmal zahlreiche Knoten verhärteten Thones beigemischt sind. Sechs, acht oder zehn Fuß unter diesen Ablagerungen sieht man dünne Schichten von brüchiger Kalksubstanz und von mehr oder weniger festen Gypsablagerungen mit ihnen abwechseln, die darauf hinweisen, daß der Zustand der Quellen, aus denen die in dem alten Meeresbettc sich ablagernden Substanzen stammten, sich mit der Zeit verändert hat. Erst nachdem die Bildung des gegenwärtigen Kontinentes von Afrika weit genug vorgeschritten war, um die Regen- und geschmolzenen Schneemasscn der hohen Bergketten aufzunehmen und um den Wasscrströmcn die erforderliche Richtung zu geben, konnten die jährlichen Ablagerungen des Nils beginnen, welche auf dem alten, nach und nach sich erhebenden Grunde des Meeres ruhen und, wie bereits Herodot wußte, kulturfähigcn Boden Aeghptens bilden. Die Bohrarbeiten, welche Leonard Hörner begonnen und unter Leitung des Ingenieurs Hekekyan-Bcy fortgesetzt wurden, haben eine Grundlage geliefert, um einen Theil der Zeit-Epoche abzuschätzen, während welcher diese merkwürdige und fast einzige Landbildung sich entwickelt hat. Was vor allem Aegypten charakterisirt, ist, daß es den Beweis liefert, wie noch jetzt sich in jedem Jahre neues festes Land bildet. Und, merkwürdig genug, dieser jüngste und zuletzt gebildete Theil der bewohnbaren Erdoberfläche war der Aufenthalt der ältesten zivilistrten Völkervereinigungen. Die von Mariette-Bey zu Sagarrah und zu Memphis gemachten Entdeckungen scheinen bewiesen zu haben, daß die Epoche des Gründers der zweiten Pyramide in das dritte Reich der vierten Manelho-Dynastie gehört, welche nicht weniger als 6000 Jahre vor der gegenwärtigen'Zeit zurückweicht. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Omen, daß die Physiognomien der Statuen und sehr gut skulptirten PorträtS von Individuen, nclche zwischen der IV. und VlII. Dynastie des alten ägyptischen Reiches gelebt haben, darauf hinweisen, daß sie ihren Ursprung von einem östlichen oder nörd- chen und nicht von einem äthiopischen Stamme nehmen. Man kann ferner aus dem vollständigen Mangel von Figuren der Einhufer, jPferd, Esel, in den zahlreichen und sorgfältigen Abbildungen des Alltagslebens den Schluß ziehen, daß die Einwanderung der Gründer der ägyptischen Zivilisation, wenn sie aus einem Lande gekommen sind, wo Einhufer existirten, zu einer Zeit stattgefunden, wo die Zähmung dieser Vierfüßer noch nicht ausgeführt war. Die Einwanderung der arabischen Hirten gegen die Mitte der Periode des „Mittleren Reiches" von Marictle-Bey hat erst das Pferd und den Esel nach Aegypten cirgeführt, die sich in diesem fruchtbaren Lande schnell verbreitet haben. Das Pferd und der Wagen fehlen nach dieser Epoche niemals in den hieroglyphischen Fresken der Gräber und der Tempel. („Naturforscher.") « ——— - Zur Verbesserung der Bienenweide. Seit Jahren wird unendlich viel zur Hebung der Landwirthschaft gethan, insbcsan- dere durch Einführung neuer Pflanzen, und zwar mit dem größten Nutzen sowohl für den Einzelnen, wie für ganze Völker und Länder. Ebenso könnte auch sehr viel zur Hebung eines der edelsten Zweige der Landwirthschaft, der Bienenzucht, geschehen, besonders in sogenannten Honigarmen Gegenden, durch Verbesserung der Bienenweide. Ist es nicht betrübend, wenn man »st von Bienenzucht treibenden Landwirlhen hört: „Unsere Gegend eignet sich nicht für Bienenzucht! Sie ist zu Honigarm! — Es wird zu wenig Raps, weißer Klee rc. gebaut; Heidekraut haben wir auch nicht in der Nähe; eben so wenig Linden, Akazien, Weiden und andere honigspcndende Pflanzen; wo sollen also da unsere Bienen den Honig hernehmen." Sie bedenken aber nicht, daß sie Bedeutendes zur Verbesserung der Bienenweide beitragen könnten, wenn sie nur bedenken, wollten: 1) daß es eine Menge leerer Berge, Abhänge, Grabcnränder, Grenzen, Gartcnzäunc gibt, ohne die vielen leeren Stückchen Landes, wo so mancher Baum, Strauch, manche Pflanze und Blume wachsen und gedeihen könnte, die ihre Honigqucllcn zur Blülhezcit unseren lieben Immen recht gern erschließen würde, wenn man sie nur anpflanzen wollte; 2< daß die Biene die kleinste Blume sinket und daraus Honig saugt, die wir oft gar nicht beachten; 3) daß die Biene größere Strecken, oft eine Viertels-Meile weit und noch weiter fliegt, um zu den Honigquellen zu gelangen. Wie bequem könnten wir es unsern Lieblingen in dieser Beziehung machen! ^ In Oesterreich, wo zur Verbesserung der Bienenweide sehr mA lohenswcrthcs geleistet wird, sowohl von Bienenzüchter-Vereinen, als von Einzelnen, werden folgende Pflanzen, als Samen und Setzlinge, an VercinS - Mitglieder theils ^rutis vertheilt, theils gegen Einzahlung versendet: 1) der schwedische Bastardklee, Vrilolium ll>,I>i'iti8siina; 4) die Seradella, Ornitllopus «alivus; 5) die Phacelie, I'lluosliu lunnsstilolia; H) der Boretsch, korriAO oi'lieinulis; 7) die Garten-Reseda, lissscku ockoiala; 8) die Sandluzerne, üleciien^o msciig; 9) die Goldruthe, 8olickr>^o vir^nursn; 10) die syrische Scidenpflanze, ^slepius s^rinsa; 11)Z,der Jungfcrnwcin, Vilis guingus- t'olium; 12) der moldauische Drachenkopf, vrasoosplinlum nwlcisvicnim; 13) das griechische Heu, IriAonsIIu tosnum xrsscum; 14) der Senf, Linnpi« n>p;ru st ulkn. Diese 14 Sorten sind fortwährend zu haben in Prag, Samen- und Pflanzenhandlung von Ernst Bahlsen, große Karlsgasse Nro. Da ich nun in einer sogenannten Honigarmen Gegend wohne — und auch zur Verbesserung der Bienenweide etwas thun wollte, so ließ ich mir mehrere obcngenannre Sämereien aus einer renommirtcn Samen- Handlung schicken und baute dieselben an. Der schwedische Bastardklce, Iriloliun» 190 iixbriflum, sowie die Sandluzerne, >IecIi 6 SA 0 moclig, im vorigen Jahre gesäet, vertrockneten bei der großen Hitze sehr bald als junge Pfläuzchcn. Die Scradella, Oniitllopus sstivus, unter Roggen gesät, ging recht wohl auf, das Meiste vertrocknete aber; nach Aberntung des Roggens und nach bald darauf folgendem Regen wuchs sie wieder etwas, blühte in feinen weißlichrothen Blüthchen, wurde aber sehr wenig von den Bienen beflogen. — Der Senf, K'mapis niFru ot sllm, schwarzer und weißer, so auch die Reseda, Uasocka ockor-ltg, ist von mir schon seit Jahren angebaut worden; ersterer des Samens, letzterer der wohlriechenden Blüthen wegen. Beide wurden zur Zeit der Blüthe eifrig von Bienen beflogen, besonders die Reseda, welche vorn frühesten Sommer bis in den spätesten Herbst blüht. Der moldauische Drachenkopf, Dinoooopliglum molflaviaum, ähnlich der allbekannten tauben Nessel, sowie der allgemeinen Melisse, blüht mit kleinen weißen, auch blauen Blüthen, geformt wie ein Drachenköpfchen, von Ende Mai bis es gefriert. Das griechische Heu, TiißoneUs koanuiri Arnoeum, wächst Anfangs wie der Lack und die Levkoje, später spitzen sich die Blätter, werden lang und schmal, und legen sich die Stengel um. Es blüht mit kleinen weißen Blüthen; der Same setzt sich in Schoten mit starken Spitzen von 2 bis 3 Zoll Länge an, oft 6 bis 8 starke gelbe Körner in einer Schote. Das Kraut, sowie Blüthe und Same, haben einen starken gcwürzhaften Geruch und bittern Geschmack. — Der Drachenkopf wurde weit mehr, als das griechische Heu, von den Bienen beflogen, was ich aber rOhr der großen Nähe des Bienenstandes zuschreibe. Der Niesenklcc, i1olilotu8 sitzn nllissung, auch iiinxima, Bockhara-Riesenhonig-, sowie Melilotcn-Klee genannt, hat mir am besten von allen Bicncnpstanzen gefallen. Schon vor Jahren las ich Verschiedenes darüber als Futter-, Gespinnst- und Honigpflanzc, — wodurch ich veranlaßt wurde, auch damit einen Versuch zu machen. Ich säte den Samen auf ein Stück reinen fliegenden Sand, einige Hundert Schritt vom Hanse, wo sonst nichts recht gerathen wollte; doch geschah die Saat zu spät, den 15. Mai; die Pflanzen wurden trotz großer Dürre bis 2^ hoch, blieben aber dünn- stickig und blühten wenig. Im Spätherbst abgemüht, zu Heu gemacht, wurde dasselbe, mit anderem Heu gemischt, von Kühen und Schafen gerne gefressen. Im vorigen Jahre wollte ich dies Stück Land, da es mir nicht genügende Resultate geliefert hatte, und ich auch wegen des Nicsenklees, der so klein geblieben war, öfter verspottet wurde, umpflügen lasten. Es begann aber ein zeitiges Frühjahr, und ehe das Umpflügen geschehen konnte, hatten die vorjährigen Wurzclknoteu 6 bis 8 Stiele >/./ hoch kräftig cmporgctrieben mit schönen dunkelgrünen, fettig sich anfühlenden, rundlichen Blättern, welche von den Gänsen und Schafen sehr gerne gefressen wurden. Nun ließ ich ihn stehen, um zu sehen, was daraus werden würde. Er wuchs in vielen Zweigen und Acsten ausgebreitet (manchmal zählte ich an einer Staude 10 Aeste), vom warmen Wetter begünstigt, schnell zu großen Sträuchen heran. — Die Hauptblüthe begann Mitte Juni und dauerie ununterbrochen bis Ende Oktober, wo es fror. Die Blüthenrispcn sind sehr klein, die Blüthen weiß; es sammelten die Bienen darauf hellgelbe Höschen. Nach der Blüthe setzt sich gleich der zahlreiche Same, jedes Korn in einer kleinen Kapsel, an. Unaufhörlich, vom frühesten Morgen bis in den spätesten Abend, wurden diese Blüthen von den Bienen, besonders auch von den Italienern, besucht. — Es ist für einen Imker ein wonniges Gefühl, wenn er av irrem schönen Tage, bei einem blühenden Napsfelde stehend, seine Lieblinge eifrig für sich sammeln sieht. Ebenso wurde mein Kleefeld emsig von den Bienen beflogen; es schwirrte und summte darinnen, daß es eine Lust war. Alles an diesem Klee, die Blätter, Blüthen, Stengel und Samen, besitzt einen angenehmen chokolade- artigen Geruch. Schon in größerer Entfernung, besonders zur Blüthezeit, nimmt mau denselben wahr; die Lust ist ordentlich parsümirt davon. Trotzdem mein kleines Kleefeld, ^ etwa Vk Morgen groß, fortwährend in der Sonne lag, und trotz der großen Hitze und Dürre vorigen Sommers, erreichten die Stengel die Höhe von 5 bis 10 Fuß. Wie 191 müßte erst bei öfterem Rege» und auf nassem lehmigen Boden sich die Vegetation desselben entwickeln? Zur Aussaat gebraucht man pro Morgen ein Pfund, wenn man ihn der Bienen und des Samens wegen baut. — Durch die Verbreitung dieser Pflanze könnte man in Zukunft eine bedeutende Bienenweidc gewinnen, und dürfte dann die Klage: „Hier ist eine Honigarme Gegend!" bald weniger gehört werden. — Den Bienenzüchter-Vereinen möchte ich den Anbau und die Verthcilung von obcngenannten 14 Bienenpflanzen, sowie auch das Anpflanzen von Linden, Akazien und Weiden besonders empfehlen. (Nach der Eichstädter Biencn-Zeitung.) Ei» Lebeusrettungs - Apparat. * Die Themse bei Cremornc Gardens war kürzlich Abends die Scene eines höchst interessanten Schauspiels. Mehrere tausend Personen hatten sich eingesunken, um den Experimenten beizuwohnen, die mit einem von dem amerikanischen Capitain I. B. Stonor erfundenen „Lebeusrettungs-Apparats" von zwei Amerikanern, einem Herrn und einer Dame, vorgenommen wurden. Nachdem die Beiden zuerst Korkjackcn angelegt, hüllten sie sich in weite Gummi-Röcke, die den ganzen Körper bedeckten und nur Hände und Gesicht frei ließen; alsdann wurden Gummi-Gewichte an ihren Füßen befestigt, um den Trägern eine aufrechte Stellung und vollständiges Gleichgewicht zu ermöglichen, und in diesem Zustande, nachdem noch ein Zinnkasten, in Form einer Bahr an ihrem Leib befestigt worden, sprangen sie in's Master. Dieser Kasten enthält in seinem obern Theile Lebensrnittel für acht Tage, einen Revolver, bengalische Flammen, Lichte und sogar, falls ein Schiffbrüchiger darnach Verlangen tragen sollte, — Cigarren und Zeitungen. Der untere Theil birgt einen ansehnlichen Vorrath au Trinkwasser, das vermittelst einer Gummiröhre, die mit einer Metallschraube verschlossen ist, dem Munde zugeführt werden kann. Die Erfindung ist in Amerika patentirt, und eine — mit einem Capital von 300,000 Dollars gebildete amerikanische Aktien-Gesellschaft verkauft die Apparate zu 7 Pfund Sterling das Stück. Die preußische Regierung soll dem Vernehmen nach entschlossen sein, die Erfindung zu adoptircn und gegenwärtig werden in Amerika, Frankreich und andern Ländern an 50,000 solcher Apparate angefertigt. Die beiden Amerikaner, welche das Experiment ausführten, blieben wohl eine halbe Stunde im Wasser, ohne daß sie andere Mittel zu ihrer Fortbewegung benutzt hätten, als kleine Gummi- Ruder, die einen Theil des Apparats bilden. Beide zeigten den Gebrauch desselben, öffneten den erwähnten Zinnkasten, aßen und tranken, feuerten einen Revolver ab, ließen bengalische Flammen in die Höhe steigen, und steckten schließlich eine rothe Flagge mit der Inschrift „Eureka" auf. Die Anlegung des Costüms erforderte keinen längeren Zeitraum als 31/2 Minute. Capitain Stonor, der Erfinder des Rettungs-Apparates, hofft mit der Zeit alle Passagierschiffe damit zu versehen, und beabsichtigt solche zu dem mäßigen Preise von 1 Lstrl. für jede Reise auszulcihen, außerdem jedem Schiffe einen Sachkundigen bcizugcben, der den Passagieren die Nützlichkeit des Apparats theoretisch und praktisch vor Augen führt. M i s e e l l e u. * In Harford, Maryland, wurde kürzlich eine junge Dame, Miß Martha Eairnes, welche ihren Geliebten wegen eines angeblich nicht erfüllten EhcversprcchcW kalten Blutes in ihrem Zimmer niedergeschossen hatte, nach einer mehrtägigen Assiscn« Verhandlung von den Geschworenen des Mordes für nicht schuldig erkannt — und freigesprochen. Während des ganzen Prozesses befand sich die schöne Verbrechen» nicht hinter Schloß und Riegel, da sie ihr Ehrenwort gegeben hatte, sich nicht aus der Stadt zu entfernen, und weil man das gewöhnliche Gefangenhaus der Stadt als keinen anständige» 192 Aufenthalt für sie erachtete. Die Galanterie des Gerichtshofes ging so weit, die Angeklagte von einem elegant gekleideten Sheriff aus dem Hotel, wo sie wohnte, abholen und zurückführen zu lassen. Im Gerichtssaale erschien sie gewöhnlich in reicher Toilette am Arme des galanten Beamten, der sie mit dem verbindlichsten Lächeln zur Anklagebank geleitete und stets mit einer Verbeugung von ihr Abschied nahm. Auf der Promenade, im Hotel, und überall wo sie sich blicken ließ, bildete die junge Dame den Gegenstand der größten Aufmerksamkeit und Sympathie. Nach ihrer Freisprechung hielt sie in ihrem Hotel ein wahres Lever ab. Die Honoratioren der Stadt kamen, sie zu beglückwünschen, und am Abend wurde sowohl ihr, als der Jury, welche das freisprechende Verdikt abgegeben, eine Serenade gebracht. Ein französischer Poet, der in Deutschland sich aufhielt, um die Sprache und Literatur kennen zu lernen, wurde von einem vornehmen Herrn zu einem Diner eingeladen. Die Reichhaltigkeit der aufgetragenen Speisen, sowie die vorzügliche Zubereitung derselben begeisterten den Dichter so sehr, daß er die Erinnerung an die gehabten Genüsse in seinem Notizbuch zu Papier brachte und zwar folgendermaßen: O schöner Tag, als auf dem Tisch Die Lachsforelle lastete. Und später dann gewürzig frisch Die Günseleber-Pastete. Ein saft'ger Kalbskopf senkte still Die zartgebräuntcn Wimpern, Für den, der etwas Süßes will, Gab's Reisauflauf mit Himbeer'n. Ein italienisches Salät- chen angemacht mir Häring — Auch dieses hab' ich nicht verschmäht. Denn mir ist nichts zu gering. Ich aß von Allem dem genug, And mehr — das hieße freveln; Doch war ich froh, als man mich frug: „Thun Sie jetzt nichts mehr befehl'n?" „„O bitte, sprach ich, thun Sie bloß Den Hecht mir dort, den glänzenden, Gefälligst mit der gelben Sauce Ein wenig hieher entsenden!"" Und bei dem Kaffee that ich dann Noch zwei Havanna rauchen; Der Wirth ist gar ein feiner Mann, Und lieb ist auch sein Frauchen. Ich Glücklichster -der Sterblichen, Wenn so viel Tage wären! Nun ist die Freude verblichen. Wann wird sie wieder kehren? * (Eine seltene Uhr.) Wenn dem guten König Alfred, dem die Erfindung zugeschrieben wird, nach brennenden Lichtern von verschiedener Länge die Zeit zu niesten, gestattet wäre, die Wunder der modernen Civilisation anzuschauen, so zweifeln wir, ob irgend etwas den geistvollen Monarchen mehr interessiren würde, als eine für die Cathe- drale zu Beauvais unlängst vollendete Uhr, welche alle bisherigen Leistungen der Uhrmachcrkunst weit übertrifft. Die Uhr enthält nicht weniger als 90,000 Rüder, und zeigt neben vielen andern Dingen — die Tage der Woche, den Monat, das Jahr, die Himmclszcichen, die Gleichung der Zeit, den Lauf der Planeten, die Phasen des Mondes, die Zeit in allen Hauptstädten der Welt, die veränderlichen Feste für 100 Jahre, die Heiligen-Tage rc. — Vielleicht der merkwürdigste Theil des Mechanismus besteht darin, daß vermittelst einer nur alle drei Jahre einmal in Wirkung tretenden Kraft auch der eine Tag des Schaltjahres angegeben wird. Die Uhr wird alle acht Tage aufgezogen, hat ein Zifferblatt von 12 Fuß Durchmesser und kostet 8000 Lstrl. (circa 96,000 sl.) Charade. (Zweisilbig.) Drohet dem Ersten Gefahr, so versammelt sich schnelle das Ganze, Ist es einig und stark, dient es dem Ersten zum Zweiten. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von llr. M. Huttler. Aro. 25. 20. Juni 1869. Von Gold das Herz, Der Sinn von Erz, In Freud und Schmerz, Stets himmelwärts! Kaiser Max von Mexiko. Der Habrch rmd der HätLich als Geschäftsfreunde*) Erstes Kapitel. Dcr Haus Dsmps von Rippach und seine Rachliommeiischast, Der Hans Dampf von Rippach. Von dem weiß im deutschen Land jeder Schul- knabe zu erzählen, daß er einmal ein berühmter Narr gewesen. In die Welt hat er sich schlecht gepaßt, wenigstens unter vernünftigen Leuten war für ihn kein Platz. Er war eigentlich zu nicht viel zu brauchen als zur Plage für andere Menschenkinder. Nie hat er ein wahres gescheites Wort gesagt, großen und kleinen Kindern unzählige Lügen aufgebunden, und wenn jemand eine verständige artige Rede gethan, so ist er mit einem dummen Spaß hinterdrein gekommen. Geschämt hat er sich in feinem ganzen Leben nur einmal als kleiner Knabe, und das sogleich vierzehn Tage hintereinander und nachher nicht wieder. Dabei hat er zu aller Zeit und in allen Stücken verkehrte Welt gespielt. Von dem was andere Leute thaten, that er immer das Gegentheil. Standen sie auf, so legte er sich ins Bett. Gingen sie in Hemdärmeln, so legte er den Mantel um und zog die Pelzmütze über die Ohren. Lachten sie, so weinte er sich die Augen roth. War er gesund, so brauchte er den Doktor und ließ sich Arznei verschreiben; war er aber krank, so aß er Pasteten und trank starken Wein dazu. Ein vernünftiger Mensch hat über ihn nicht lachen, ein Narr sich über ihn nicht ärgern können. Er hat cS aber mit seiner Hausdampserci nicht weit gebracht und in seinem ganzen Leben hat er eigentlich nur eine einzige Geschciligkcit begangen. Denn ehe er nach seinem letzten schlechten Witz die Augen schloß um nicht wieder aufzuwachen, hat er noch das Bekenntniß abgelegt, es gäbe in der Welt doch keine brodlosere Kunst als die Narrhcit. Daö meldet die Geschichte vom Hans Dampf. Auch weiß jedermann: in Nippach ist er geboren, da hat er gelebt und da ist er auch gestorben. Aber weiter hat est die geschichtliche Forschung nicht gebracht. Kommst du nämlich nach Nippach selbst, begegnest einem vor seiner Hausthür, fassest ihn beim Rockknopf und sprichst etwa zu ihm: „he guter Freund, könnt' ihr mir nicht sagen in welchem Haus da herum seiner Zeit weiland Herr Hans Dampf gewohnt hat und wo auf dem Gottesacker sein Lcichcnstein steht? in der ganzen Welt müßt ihr Nippachcr das doch am besten wissen und in Büchern hab' ich darüber nichts finden könne»," — so wird dich dcr vielleicht mit giftigen Augen ansehen, und wenn du gut Glück hast, so hängt er dir auch ein paar uiigcbackenc Maulschellen an, denn es ist nicht zu spaßen mit den Nippachern. Ist es doch auch nicht erlaubt daß man um eines längst vermoderten Hasenfußes willen ihren guten Namen so Als Probe statt einer Empfehlung, aus: Stadt- und Dorfgeschichten, für's Volk erzählt von Josias Nordheim, Hamburg. Agentur des rauhen Hauses. 194 > in der Welt herumträgt! Sie sagen, das wäre etwas von dem Unkraut das der Teufel unter den Walzen gesäet hätte, Rippach sei ein guter Ort und hätte mit dem Hans Dampf nichts zu schaffen, vielleicht wär's eine Verwechselung, den Rippach und Dippach liegen bekanntlich nur einen guten Büchsenschuß auseinander oder zwei. Wahr ist: es muß schon lange her sein daß der Hans Dampf gelebt und geblüht hat, denn in ganz Rippach und Dippach kann sich weder jemand seiner Person erinnern, noch ist sein Name in den Kirchenbüchern geschrieben. Ein gutmüthiger Alter daselbst hat aber einmal zu mir gesagt, die Rippacher dürften die Eyre wenigstens nicht allein für sich haben. Der Hans Dampf hätte in der Welt eine wcitausgcbreitetc unzählbare Vcttcrnschaft, und wenn einmal einer aus dieser Freundschaft seinen Narrcnzopf dem vermachte, der desselben am würdigsten wäre, so gäbe das einen selten Prozeß wie die Advokaten noch keinen unter'n Händen gehabt. So ein Zweiglein vom Hans Dampf von Rippach muß vor Alters auch nach Dürrcnsee hinuntergekommcn sein und dort Nachkommenschaft hinterlassen haben. Da haben noch vor zwanzig Jahren ihrer zwei gelebt, die haben vom Blut des Hans Dampf ohne Zweifel etwas in sich gehabt, wenn gleich in verschiedenem Maß und wenn sie auch in so enger Freundschaft zu einander gestanden sind wie Hund und Katze. Ob sie noch am Leben sind, darüber kann ich keine Auskunft geben, da ich seitdem nicht wieder'in jene Gegend gekommen bin. Auch kann ich ihren früheren Lebenslaus nicht erzählen, denn ich bin gerade zu der Zeit aus der Gegend hinwcggezogcn da sie sich durch die nachfolgende Geschichte berühmt gemacht haben Diese Geschichte selbst aber will ich erzählen, und nichts verschweigen, sie ist des Gedächtnisses werth für gegenwärtige und zukünftige Zeiten. Die beiden Leute sind der Habich und der Hättich, ich kann nichts dazu daß sie so geheißen haben und nicht anders. * § t Zweites Kapitel. Enthüll die Personalbeschreibung der Helden dieser Geschichte. Und zwar zunächst die des Habich. Von dem ist auch mehr zu sagen als von dem Hättich. Mit dem ordinären Maß gemessen, ist allerdings auch seine Abstammung von dem Hans Dampf von Rippach bei weitem sicherer als die des Hättich. Die Leute in einem Ort über die nicht viel gesprochen wird, sind in der Regel nicht die schlechtesten, und der Hättich war von den stillen einer, nur daß es eben heißt: stille Wasser sind tief. Dom Habich dagegen gab es in Dürrcnsee immer etwas anderes zu erzählen'und nie etwas gescheites. Der ganz Habich sah vom Kopf bis zu den Füßen merkwürdig närrisch aus, so baß man Mühe hatte in seiner Nahe ernsthaft zu bleiben, man wußte eigentlich nicht warum. War's weil Kopf, Hände und Füße zu groß an ihm waren gegen das übrige Gestell? war's weil er zweierlei Augen hatte die noch dazn schief standen, ein graues und ein grünes? Er legte es übrigens darauf an lächerlich zu erscheinen und hatte sich z. B. ein Brillengestell von Horn machen lassen: auf der rechten Seite war's weiß und auf der linken schwarz, es war eine Kunst ernsthaft zu bleiben, wenn er das Möbel aus der Nase trug. Sein Kopf ist wie gesagt zu groß gewesen. Ein besonderer Ucberfluß von Gc- scheitigkeit aber war nicht schuld daran. Er hatte in der Schule etwas gelernt, aber nicht viel. Nur im Rechnen war er so übel nicht gewesen, und wer weiß wie weit er über die vier Spezies hinausgekommen wäre, wenn nicht sein Schulmeister selbst in diesen Regionen unrettbar in die Brüche gekommen wäre. Der alte Dürrenseer Schulmeister 0 I 195 ^ hatte ohne seinen „Pcschek" (der Mann hat zur Zeit ein berühmtes Rechenbuch geschrieben) ' keine Ncchenstunde halten können, wenn man ihm gleich das Reich Arabien versprochen hätte. Zu so einem Kapitalnarren wie sein berühmter Urururgroßvater der Hans Dampf hat es der Habich wohl nicht gebracht. Aber ein O>iginal zu deutsch ein Ausbund von Narrheit ist er doch gewesen. In einer und derselbe» Person steckte in ihm ein Grobian «st erster Größe und ein, Kriecher zweiter Größe. Stolz und Niedertracht, Dummheit und t Verschmitztheit, ja sogar Emsigkeit und Lässigkeit vertrugen sich bei ihm mit einander in einer und derselben Haut. Was nämlich das letztere anlangt, so war keiner hurtiger » als er beim Essen und keiner ging später an seine Arbeit und hatte sie doch eher wieder 1 s°tt. Er hat seine Sache so toll und närrisch angefangen wie sonst einer in der Welt. Er wollte gern im Trockenen sitzen, und ließ doch Regen Schnee und Wind zu den Löchern auf dem Dach herein, denn er war zu bequem statt einer zerbrochenen Ziegel eine neue einzuziehen. Er wollte gern gute Frucht auf seinen Feldern bauen, und doch machte er große Augen, wenn von dem Aesterich den er ausgestreut, nicht so schöner s reicher Same auf seinen Aeckern stand wie auf denen seiner Nachbarn. Seine Kühe sollten berühmte Milchkühe werden, und doch excrzirte er sie Winter und Sommer auf die Enthaltsamkeit. Seine Nachbarn sollten gute Freundschaft mit ihm halten, und doch schimpfte er auf ihre Kinder und warf mit Steinen nach ihren Hühnern und jungen Gänsen. Er wollte gern gute Pflege haben, und nahm doch keine Frau weil ihm jemand gesagt hatte: wer eine Frau nimmt, hat nnr halb Brod zu essen. Ging er über Feld, ! so war ihm Angst, die Spitzbuben möchten seine Groschen mit sich gehen heißen, und r doch ließ er dem Geld keine Ruhe in seiner eigenen Tasche. Denn es war von seinen » schwachen Seiten der allerschwächsten eine, daß er wohl gern Geld einnahm, es aber noch b lieber ausgab und am allerliebsten für Nichtsnutzigkeiten. L Warum er Hab ich geheißen hat, das weiß ich eigentlich nicht zu sagen. Die s Dürrensecr sagten, man sollt' ihn lieber den Wüßtrch heißen. Denn das war sein j Hehler: er wußte nicht wie viel er hatte. Er hatte von seinem Vater freilich nur ein ' klein Gütlein überkommen und brav Schulden auch dazu. Auf ein Paar Kühe hatte er >' zu bauen, mehr nicht, und unter den einund wanzig Grundstücken bei denen im Flurbuch ! sein Name stand, waren nicht wenige Krautgürten und Wiesenstückchcn von so geringem ! Umfang, daß sie einer bei Nacht mit etlichen Paar Pferden hätte über alle Berge fahren i können. Aber es war dabei auch größeres Feld: das größte nannte er scherzweise „das l Rittergut" und in ganz Dürrcnsce hieß es darum nicht anders; darauf hätte er sein - Brod gebaut und eine Frau und Kinder davon auch ernähren können, wenn er nur nicht zu faul und zu liederlich gewesen wäre. Es ist eben ein alter Schaden daß so manch Bäucrlcin nicht glauben will was für Reichthümer in seinem Boden stecken, wenn er sie nnr heben möchte; wenn jeder Habich in der Welt auch ein Wüßlich wäre, so sollten bald ein Paartausend Armen- und Narrenhäuser entbehrlich werden. Der Habich in Dürrcnsce hätte eigentlich einen guten Lehrmeister abgegeben, für die Kunst nämlich wie man kein Geld übrig hat und doch immer welches zum Fenster hinauswirft. Hatte er einmal Geld gelöst, so juckte cS ihn dermaßen in der Tasche daß es noch ein Wunder war wenn er einen rothen Heller davon brachte. Und er hatte s ein seltsames Scheine sein Geld zu einfältigen Streichen zu verwenden über die man x lachen mußte, weiter nichts. Einmal hat er auf dem Wciscnstadtcr Jahrmarkt ein Dutzend E Rostbratwürste gelaust, eine davon gegessen und die andern unter die Gassenbpbcn auS- ! geworfen, es war ihm ein Hauptspaß, wie sich die darum so lange rissen und prügelte«, i bis endlich die Hundcpolizei das meiste confiSzirt hatte. Ein andermal hatte der Wirth > in Dürrcnsce geschlachtet, da wettete er, er wolle in fünf Minuten mit sechs Bratwürsten ' und drei Semmeln fertig sein, und der Herbsladtcr Schulz der ihm das nicht glaube» 196 wollte, mußte ihm dann ein ganzes Dutzend bezahlen, denn wirklich gewann er die Wette. Dergleichen Geschichten erzählte man sich von ihm die Menge. Leider waren die Dürren- sce'r an seinen Dummheiten zum großen Theil selbst schuld, wie sich denn manche Gemeinde ihre Narren zu ziehen pflegt. Sie meinten, es müßte einmal Leute geben mit denen man so einen Spaß haben könnte, sonderlich im Wirthshaus. So versprachen sie ihm also ein Trinkgeld, wenn er dumme Schnacken vor ihnen trieb, und statt ihm dafür zu zeigen, wozu der Zimmcrmann in der Thür ein Loch gekästen, hielten sie sich die Bäuche vor lachen. Einmal da er großen Durst hatte und die.Wirthin nicht borgen wollte, versprach ihm einer, er sollte sich auf seine Kosten satt trinken, er müßte aber zu jedem Glas Bier ein ander Gesicht schneiden. Und als denn der Unflath alle möglichen Fratzen geschnitten und seinen Durst so ziemlich gelöscht hatte, über der Arbeit aber endlich unter den Tisch gefallen war, meinten sie, solch ein Pläsir hätten sie lange nicht gehabt, — schade daß keiner unter ihnen gewesen ist, der ihnen das Evangelium vom Mühlstein Matthäi am achtzehnten verdeutscht hat. In den meisten Fällen hatte er die Zeche für seine Narrhciten freilich selbst zu bezahlen, und da er's denn einmal recht toll trieb und überhaupt von seiner Liederlichkeit nicht besonders fett ward, so wäre ihm um ein Haar etwas höchst verdrießliches Passirt Der Gemeindevorstand hatte große Lust ihm einen Vormund setzen zu lassen, was in guter alter Zeit auch keine Weitläufigkeiten verursacht hätte, denn für einen Bruder Liederlich'gehört sich nichts anderes als ein zweibeiniger Hemmschuh. Der neumodische Assessor beim Landgericht aber der die Sache unter die Hände bekam — der Herr Landrichter waren just auf sechs Wochen iu's Bad gereist — war der Meinung, die Persönliche Freiheit müsse auch einem Lumpen garantirt werden, und schrieb in s Dekret: es sei ein juristischer Unterschied ob jemand Verstand hätte und ihn auch nicht brauchte, oder ob er keinen hätte und ihn dennoch brauchte; da aber anzunehmen sei daß bei dem Hättich weder der erste noch der dritte sondern der zweite'Fall vorliege, so sei auch kein Rechtsgrund vorhanden ihm einen Vormund zu setzen, und wenn er einmal seine Güter durchgcbracht hätte, so würde das Landgericht auf geschehene Anrufung zu bestimmen unvergessen sein, ob er aus seinen eigenen Mitteln oder auf Gemcindeunkostcn unterhalten werden solle. Ueber diese landgerichtlichc Weisheit lärmte nun aber niemand in Dürrcnsee mehr als der Hättich. Denn der war's gerade gewesen der auf die Bestellung eines Vormunds über den Habich am meisten gedrungen hatte. Der Habich aber hat sich nun nicht bloß auf die hohe obrigkeitliche Protektion etwas besonderes zugut gethan, sondern er wäre für den zugedachten Freundschaftsdienst auch gern erkenntlich gewesen. Am allerliebsten hätte er eben dem Hättich einen Beweis seiner uuvcrlöschlichen Dankbarkeit gegeben. Der Hättich ist seinerseits auch einer Personalbeschreibung werth. Ich muß nur vorausbemcrken wie ungern ich daran gehe. Er war sonst ein ordentlicher Mann, ein sorgfältiger sparsamer Hausvater, thätig und arbeitsam, dazu mäßig ruhig und ehrbar. Nur hatte er als Erbe von seinem Vorführer, dem Haus Dampf von Rippach auch so seine Schwachheiten und Eigenheiten. Einmal nämlich stand eS grundschlecht mit seinen Rechenkünsten und es war ihm darin der Habich weit überlegen. Noch heute ist es ein Räthsel der Weltgeschichte, warum die Dürrcnsec'r damals gerade ihn zum Gemeindestfleger, zum Kassirer gemacht halten. Vielleicht, rechneten sie auf seine Zähigkeit im Ausgeben. Denn bekanntlich ist es der oberste Grundsatz der Gemeindeverwaltungen im Landgericht Wciscnstadt und Wurzenbach, auS Gcmeindemitteln nichts auszugeben bevor ein landgcrichtliches Donnerwetter losbricht; s« wird z. B in den Gemeindehäusern, ob auch drei vier Familien in einer Stube bei einander wohnen, kein neuer Ofen gesetzt, bevor der alte — er mag so schlecht und 197 unbrauchbar scin als er will — von einem Erdbeben zusammenfallt Ein Lied welche» leider in vielen Dörfern zu singen ist, es geht aber nach einer kläglichen Melodie. Im Rechnen also war der Hältich kein Hexenmeister, die undankbare Welt hat ihn weder zum Präsidenten einer Ncchnungskammer noch zum Finanzministcr gemacht. Wenn er rechnen wollte, so ging's nicht ohne Ziffern, und mit den gewöhnlichen wusste er nichts auzu- fangen, er mußte römische dazu nehmen, kein Mensch hat herausgcbrachi warum es ihm da leichter von der Hand ging. Wollte er Geld zählen, so brauchte er seine Frau dazu. Ueber nichts konnte er sich mehr ärgern als daß es preußische Thaler gibt. Denn er konnte es nicht merken, ob vier Thaler sieben Gulden oder sieben Gulden vier Thaler oder gar vier Gulden sieben Thaler ausmachen. Daß man auf vier Kronthalcr zwölf Kreuzer zählen muß wenn ein Karolin daraus werden soll, und nicht vier Kreuzer auf zwölf Kronthalcr, das hatte er bei langer Uebung endlich begriffen. Seine Frau aber war in allen Angelegenheiten, zu welchen Kopf, Papier Tinte und Feder gehören seine rechte Hand, daher es ihm nie geheuer Aar wenn er ohne sie im Haus sein mußte. Aber wer kann die Tiefen der menschlichen Natur ermessen. Auch, im Hüttich waren Widersprüche die nur mühselig zusammenzureimen sind. So ein schlechter Rechenmeister er gewesen, so viel Freude hatte er am Rechnen. Besonders solche Exempel waren seine Liebhaberei, bei denen viel herauskam. Eigentlich war der ganze Mensch ein lebendiges Rechcnexcmpcl; er mochte gehen und stehen wo er wollte, da ging der Gedanke mit ihm wie er doch am schnellsten zunehmen und der reichste Mann in Dürrensec werden möchte. In dem Stück paßte er denn auch herrlich zu seiner Frau, denn in ganz Dürrensce konnte kein Mensch sagen, ob er das Scharren und sie das Geizen besser verstünde, oder sie besser das Scharren und er das Geizen Davon wußten z. B. ihre Hauslcutc zu erzählen die von ihren zwei Häusern das untere als Mierhtsleutc bewohnten. DaS Haus bedurfte der Reparatur innen und außen, unten und oben, vorn und hinten und es war eigentlich schon eine Kunst über die zerfallene Treppe ohne Beinbruch bis zur Hausthür zu gelangen, eine »och größere Kunst freilich, ohne HimmelScinstur; inwendig einen Tag auszukommen. Gleichwohl wurden die Reparaturen von einem Jahr zum andern aufgeschoben. Wollte der Hüttich einen neuen Schlot bauen lassen, so meinte die Hättichin sie wollten lieber über's Jahr den Fußboden neu dielen lassen; und wollte der Schreiner diese Arbeit bald anfangen, so hatte sich auf einmal ein Liebhaber zu den Brettern gefunden, so daß wohl noch heute Alles beim Alken geblieben sein wird. Bei dieser Einrichtung kamen die beiden Leute nun mit ihrem Vermögen freilich vorwärts. Es war nur schade daß es nicht lieber per Dampf ging. Der Hättich hatte darüber so seine Gedanken. Z. B. meinte er, wenn er einen steinreichen Vetter in Ostindien oder Amerika hätte, und mit dem reichen Vetter käm's nun zum Sterben, da würde der Hättich in Dürrensec freilich auf einmal besser vom Fleck kommen als er's mit aller Arbeit Entbehrung und Vorsicht in fünfzig Jahren zwingen könnte. Diese schwache Seite des Hättich nun seines Freundes und besonderen Gönners, kannte der Habich und von dieser Seite aus gedachte er ihm längst bciznkommcn, er wußte nur nicht wie, und die Gelegenheit wollte sich nicht finden. Endlich aber ist'« gewesen wie wenn ein Spinnlcin im Fenstereck auf kleine -^liegen lauert und aus einmal eine große Mücke in ihrem Netz hängen bleibt. Der tölpische Gast ist mit Fäden umsponnen ehe er nur weiß wie er daran ist, und das Spinnlcin denkt: dn bist mir just recht zum Abcndbrod. (Fortsetzung folgt.) 198 Apostel Miericke. Ueber eine heitere Versammlung, die dieser Tage in Berlin stattgefunden, berichtet ein dortiges Blatt sehr drastisch: „Der Schneider Miericke, der Verkünden einer neuen, allerdings etwas unklaren Glaubenslehre veranstaltet jetzt und zwar wie wir erfahren, an jedem Montag regelmäßige Versammlungen im „Kaiscrgarten" hiersclbst, in welchem er die Gläubigen um sich schaarl, die Ungläubigen zu bekehren sucht. Wir haben unseren Lesern schon früher einmal Mittheilung gemacht über die Vortragsweise dieses neu aufgetauchten Apostels; das aber, was wir durch persönliche Wahrnehmung beim Besuch der letzten dieser Versammlungen gesehen und gehört haben, übertrifft doch noch Alles, was Zeitungsberichte bisher in die Öffentlichkeit gebracht, und wir können nicht umhin, eine ausführliche Schilderung des Schneiders Miericke und der von ihm berufenen Versammlungen folgen zu lasten. Schon zu früher Stunde war der Saal des „Kaisergartcns" mit Gästen überfüllt. Eine Temperatur von mindestens 20 Grad Rcaumur, undurchdringlicher Tabaksgallm und Weißbicrdunst machten den Aufenthalt in dem Saale fast unerträglich, und unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Endlich, gegen 9 Uhr, nachdem die Erwartung der Gaste bis anss Höchste gestiegen war, wurde der Ruf laut: „Bruder Miericke kommt!" Und siehe da! die Thüren des Saales öffneten sich und, getragen von zwei Männern, erschien der Prophet, hinter ihm die Schaar seiner Gläubigen. Hurrah! und abermaliges Hurrah! empfing den sehnsüchtig Erwarteten, der, nachdem er bis in den Vordergrund des Saales geschleppt war, die Sitzung also eröffnete: „Jeliebte Brü- der!" (Allgemeines Bravo- und Dacapo-Nufen.) Der Apostel folgte dieser ehrenvollen Aufforderung und begann noch einmal: „Jeliebte Brüdcr! ich habe euch zuerst zu vermelden, daß Bruder Lehmann heute nicht jekommen ist. Schad't ooch nischt, wir werden ohne ihm ooch fertig. (Bravo!) Jeliebte Brüdcr! ich komme immer wieder auf meine Lehre zurück, das heißt, ich sage Euch, uns fehlt die Einigkeit. (Unterbrechung und stürmisches Bravo.) Jeliebte Brüder! ich sage Euch auch, wir wollen keine Kirchen mehr bauen denn warum? wir haben Häuser genug leer stehen, und wir selbst, jeliebte Brüdcr, untereinander sind uns Kirche genug." (Bravo! Sehr gut!) — Der Redner, von kleiner Statur, ist von dem im Hintergrund des Locals sich Befindenden nicht zu sehen; es macht deshalb einer der Zuhörer den Vorschlag, Bruder Miericke solle auf «inen Tisch gehoben werden, damit auch die „Ungläubigen", welche sich in jenem Winkel zusammengerottet hätten, zur neuen Lehre herangezogen würden und Alles, was Bruder Miericke spräche, besser in sich aufnehmen könnten. Der Prophet weigert sich zuerst, muß man aber den Brüten und dem Drängen seiner Schüler nachgeben; man setzt einen Stuhl auf einen Tisch und Bruder Miericke nimmt auf diesem erhöhtem Sitz Platz. Jetzt erst sehen wir den Propheten in seiner ganzen Glorie und bemerken, daß sein Co- stüm etwas sehr nachlässig, wenn nicht geradezu unanständig ist. Das ganze Auditorium bricht in ein schallendes Gelächter aus. Miericke, nachdem sich der Sturm etwas gelegt hat, beginnt abermals: „Jeliebte Brüdcr! Lacht man immerzu, ich nehme den Spott auf mir, ich muß ihm hinnehmen. Schon Viele haben mir verspottet, die sich jetzt zu meiner Lehre bekennen und meine jeliebten Brüder sind." (Bon einem der ersten Tische ertönt der Ruf: „Bruder Miericke, neben mir sitzen aber ein paar böse Brüdcr.,,) Auch die habe ich lieb," antwortete der Apostel, „denn sie werden später erkennen, was ich will. Und nun, jeliebte Brüder, schlage ich vor, daß wir einen Ehoral singen." (Bravo!) Einer von der Versammlung schlügt als abzusingenden Ehoral das Lied von „Röschens Piepmatz" vor; sogleich fällt der Chorus ein und singt: Röschen hatte einen Piematz u. s w. Nach der ersten Strophe jedoch verstummt der Gesang und man verlangt nach etwas Anbei in. Ein Herr kletterte auf den Tisch, stellte sich neben den Propheten intonirte das Lied: „Saßen einst zwei Turteltauben, siehste wohl! u. s. w.", in 199 welches die ganze Versammlung einstimmte. Nach Beendigung dieses LiedeS schlug Einern vor, den Dirigenten des soeben beendigten Gesanges zum „Bruder Küster" an der neu zu begründenden Kirche zu ernennen. Bruder Miericke ertheilte seine Genehmigung zu dieser Amtsverleihnng, worauf dieselbe unter lebhafter Acclamation der Versammlung stattfand. Inzwischen hat sich das kleine Local so sehr überfüllt, daß es dem Propheten, trotz seiner mäßigen Bekleidung zu heiß wurde, und er seine „jeliebten Brüdcr" aufforderte, ihm in den Garten zu folgen. Hier wurde der Ulk weiter getrieben. Bruder Miericke wurde verschiedentlich intcrpellirt, unter Anderm, wie er über die Erschaffung der Welt dächte. Auch diverse Anträge wurden gestellt, z. B. der Antrag, auch Schwestern aufzunehmen, damit die neue Gemeinde auch Bestand habe u. s. w. Schließlich aber wurde die Haltung der Versammlung eine ruhigere, und wir verließen diesen Tempel des höheren Blödsinns, können aber Jedem, der sich ein Stündchen der Langeweile vertreiben will, den Besuch einer solchen von Bruder Miericke präsidirten Versammlung, bestens anempfehlen. (Zukunft.) Neueste Gaunerei. Folgende Geschichte wird in „Berliner Blattern" erzählt: Der Banquier Mende in Leipzig erhielt von dem Handlnngshause „Hachette und Massen" in Paris, dessen Geldangelegenheiten Mende schon seit einer Reihe von Jahren in Deutschland besorgte, folgenden rccommandirten und durch einen Erpressen überbrachten Brief: „In größter Eile theilen wir Ihnen mit, daß unser Cassirer sich heimlich davon gemacht und uns 200,000 Francs in Wechsel entwendet hat. Die Geständnisse seiner Frau, der wir für ihre Offenheit unsere Theilnahme zugesagt, lauten dahin, daß Gramer, so heißt der Cassirer, nach Deutschland geflohen ist und am 16. ds. Mts. (Mai) in Leipzig, im Hotel dc Prusse, wohin seine Frau, wenn nöthig, telcgraphiren soll, logircu wird. Wir bitten Sie, ihm, doch vorläufig ohne Polizei und ohne Aufsehen, die Wechsel abzunehmen und uns alsbald zurückzusenden. Gibt er sie Ihnen nicht gutwillig, so nehmen Sie sofort die Hülse der Polizei in Anspruch. Seine Frau und drei Kinder, die er hinterlassen, dauern uns. Wir haben versprochen, mild zu verfahren. Wenn er Ihnen die Wechsel gutwillig zurückgibt, so zahlen Sie ihm für unsere Rechnung zwanzig tausend Francs, damit er nach Amerika entkommt und unser Haus nicht compromittirt. Gramer ist elegant gekleidet und groß, hat volles, schwarzes Haar, einnehmende Gesichtsformcn, und auf der rechten Backe eine schon von Weitem ausfallende Narbe. Bitten um baldige Nachricht und grüßen: Hachette und M asson." Der Banquier Mende wußte seinem Plan, den er als kluger Mann in der Sache sich vorzuzeichncn halte, schon gerecht zu werden. Am 16. Mai, Mittags 1 Uhr, ließ er seinen Wagen vorfahren, und begab sich in s Hotel de Prusse, um dort zu speisen. Als er in den Spciscsaal trat, fand er die ansehnliche und gewählte Gesellschaft eben im Begriff, sich zur tadle ei'luöte zu setzen. Unser Banquier musterte die Versammlung, und nahm dann Platz an der Seite eines großen, elegant gekleideten Mannes mit schwarzen Haaren — und einer Narbe auf der rechten Backe. Die Nachbaren unterhielten sich bei Tische ganz vortrefflich. Beim Dessert wandte sich der Fremde an seinen Nachbar, — welcher während der Tafel sehr zuvorkommend gegen ihn gewesen war, - mit der Frage: „Würden Sie mir wohl einen Banquier nachweisen, bei dem ich Wechsel discontircn kann?" — „Ich selbst bin Banquier und würde Ihre Wechsel, wenn sie von guten Firmen sind, recht gern annehmen." — „Ei, das ist ja herrlich!" — „Wenn es Ihnen beliebt, so können wir gleich von hier aus nach meinem Comptoir fahren und die Sache in wenigen Minuten ordnen." — „Sehr gütig!" — Sie tranken dei?Rest des Champagners," setzten sich in einen Wagen und fuhren zum Mende'schen Geschäfts-Lokal. Als Beide im Comptoir des Banquiers angekommen waren, zeigte der Fremde seine Wechsel vor. Der Banquier musterte die L, S00 Papiere anscheinend sehr aufmerksam, riegelte die Thür zu und steckte die Wechsel in die Tasche. „Herr," begann er nun, „Sie sind ein Schurke! Noch ehe Sie hier eintrafen, war ich von Ihrer Ankunft unterrichtet! Sie sind Cassircr des Hauses „Hachelte und Masson" in Paris, deren Vertreter ich in Deutschland bin. Sie haben dem genannten Hause 200,000 Francs in Wechseln gestohlen! Sie werden es ganz in der Ordnung finden, wenn ich dieselben behalte und dem Hause wieder zustelle!" — Der Fremde blieb ruhig und stumm. Der Banguicr fuhr fort: „Danken Sie es der Großmuth Ihrer ehemaligen Chefs, wenn ich Sie nicht sofort in's Gefängniß abführen lasse." — „Ich unglücklicher, leichtsinniger Mensch! WaS habe ich gethan!" schluchzte der Fremde. — „Und doch geht die Girre Ihrer Chefs so weit," fuhr der Banquier fort, „daß sie Ihre Schande nicht nur verschweigen, sondern auch aus Rücksicht für Ihre Frau und Kinder Ihnen sogar die Mittel gewähren wollen, nach Amerika zu flüchten — und dort mit Ihrer Familie ein neues, ein ehrenhaftes Leben zu führen. Sie haben drei Kinder." — „Fünf," murmelte der Fremde, der — völlig zerknirscht — Alles zugab. —- „Jch- bin beauftragt, Ihnen 20,000 FrancS auszuzahlen, hier sind sie. Und nun machen Sie, daß Sie fortkommen." Der Fremde, der vor lauter Scham und Rührung kaum sprechen konnte, steckte die Bankbillets zu sich und verließ thränenden Blickes und reuigen Herzens das Comptoir. Der Banquier, der sich auf das Gelingen seines Planes etwas zu Gute that, schrieb noch au demselben Tage nach Paris, legte die Wechsel bei, — erstattete ausführlichen Bericht, und bat nebenbei um gefällige Erstattung der 20,000 Frcs. Drei Tage später erhielt der Banquier die ersehnte Antwort auf seinen Brief. Hachette und Masson machten ihm darin Mittheilung, daß sie gar nicht bestohleu seien, daß ihr Cassircr sich noch auf seinem Posten befinde, und daß sowohl die Wechsel als der Brief gefälscht wären. Sie fügten zugleich ihr lebhaftes Bedauern bei, daß Herr Meude jene 20,000 Francs auf sein eigenes Vcrlustconto zu schreiben habe. M i s e e l l e n. Der nach dem Süden gcreiste amerikanische Schauspieler A. H. Davenport wurde vor Kurzem in New-?)ork todt gesagt, und daher folgende Depesche an die Direc- tion der Akadcmy os Music in Ncw-Örlcans abgeschickt: „Wollen Sie A. H. Davcn- port's Körper Per Dampser an seine Mutter (folgt deren New-^orker Adresse) schicken,* worauf Herr Davenport erwiederte: „Ich will's versuchen und meinen Körper selbst bringen — war nie in meinem Leben besser dazu im Stande." Die Treue ist des Weibes schönster Schmuck, das Unterpfand ihres Glückes, dir Krone ihrer Liebe, der Adel ihrer Weiblichkeit. In der Treue vorzüglich erscheint die Würde des Weibes, darum sie auch an ihm so hoch geehrt wird. Fr. Ehrenberg. * Ein dem Andenken einer verstorbenen Gattin errichteter Grabstein in Maine, Vereinigten Staaten, trügt folgende Inschrift: „Thränen könne» dich nicht mehr zum Leben zurückrufen, darum weine ich." Auflösung der Charade in Nr. 2t: „Landwehr." Druck, Verlag und Redaction des Literaris en Instituts von l)r. M. Huttler, Nro. 26. 27. Zum 1869 Augsburger Es gleichen Pflichten blumigen Gewinden. Die ähnlich man muß an den Stab Der aufrechtstehenden Gewohnheit binden, Sonst fallen lästig sie herab. Johannes Schrott. Der Habich ««d der Hättich als Geschäftsfreunde. Drittes Kapitel. Ein hitziger Handel, zu dem endlich der Postillon die Begleitung bläst. Einmal nämlich hat der Habich in Wcisenftadt zu thun, ich weiß nicht was. Im halben Mond daselbst kehrt er ein, findet aber niemand in der Wirthsstube. Weil er aber doch gern Kameradschaft haben möchte, so steht er hinaus in's Kabinett (Kafcnett sagen die Dürrcnsec'r, und die Wcisenstadter meist auch). Siehe da sitzt leibhaftig, aber ganz still sein guter Freund der Hättich, schmaust ein Wiener Würstchen von dem seine Frau nichts misten soll, und trinkt ein GiaS Bier dazu. Hab' ich dich. Freund Spatz, denkt er und setzt sich zu ihm. Der Hättich kann nichts dawider thun, denn im Wirthshaus muß man zum Nachbar nehmen wen man findet. Ich weiß übrigens nicht waS die beiden im Anfang mit einander verhandelt haben, der Habich hat wohl dafür gesorgt, daß die Weisheit davon nicht in Strömen auf die Gaste gelaufen ist. Allmälig aber wird der Habich ernsthafter, macht endlich ein feierlich Gesicht und fragt den Hättich: Vetter, weißt denn schon, daß ich meine „Sachen" verkaufen will? Du Narr, antwortet der Hättich, du und deine Sachen verkaufen! Wovon willste denn nachher leben, wenn du deine Sachen nicht mehr hast? Brauchst dir aber nicht viel Müh' zu geben, vielleicht thut dir 'sLandgcricht bald den Gefallen und sorgt für den Verkauf und fragt dich nicht einmal ob du's zufrieden bist! DaS war ein Hieb, über dem könnte der Habich das Gesicht verziehen. Aber er läßt sich's nicht anmerken und fragt wieder: Nu, was geht's dich an, wenn der Habich verhungern will? Er will aber nicht verhungern sondern 'nübcr nach Amerika, da ist so einer wie der Habich bester angesehen als in dem Dürrensee, dem Nattcnnest. Jetzt meint nun der Hättich, der Einfall wär' gut, in Amerika könnte der Habich noch sein Glück machen: da liefen gewiß gleich alle Leute an's Meer und sagte, so'« Hauptnarr wär' doch noch nicht gesehen worden so lange das ganze Amerika stünde. — Das war wieder ein Stich und grob dazu. Aber der Habich verschluckt auch das. Der Hättich dagegen will nun auch einen Spaß machen, also fragt er den Habich und gähnt dazu, was er denn für sein ganzes Gelumpe haben wollt', das Rittergut aber müßt' auch dabei sein. Sein Haus that' er verkaufen, antwortet der Habich, damit wollt' er vor seiner Reise übcr'S Meer 'nc Stiftung machen. Aber seine Güter wären ihm feil und er thäte sie wohlfeil geben. Für s kleinste wollt er ganz wenig nehmen, nur 'neu Kreuzer, füc's nächste zwei Kreuzer, denn das wär' schon ein Eckchen größer, für'S- Er kann nicht gleich weiter reden, denn der Hättich bricht in ein lauteS Lachen au» und sagt: Narr du! und thut dazu einen Schluck aus seinem BicrglaS. 202 Drr Habich aber läßt sich nicht irre machen und fährt fort: für'S dritte Grundstück wieder noch einmal so viel, nämlich vier Kreuzer. — Jetzt weiß der Hättich nicht, soll er lachen, soll er sich erzürnen, denn der Spaß klingt ihm gar zu dumm. Wie aber der Habich fortfährt, für'S vierte Grundstück acht, für's fünfte sechzehn Kreuzer, für'S sechste zweiunddrcißig und so fort, immer für'S nächste Grundstück das doppelte vom Preis des vorhergehenden zu fordern bis zum zwanzigsten, das „Rittergut" aber sollte das einund zwanzigste sein und das sollte der Käufer noch dreinbe- kommcn,-da ist der Hättich nach und nach ruhig und immer ruhiger und ernsthafter geworden. In ihm arbeitet's als wär' er ein lebendiger Berg Vesuvius, in dem es wallt und kocht und braust bis oben Feuer, Steine, Asche und Rauch hinausschlagcn. Ein Weile sitzt er da und schaut den Habich mit großen Augen an. Darnach wechseln in...seinem Gesicht Schatten und Licht. Endlich bricht's los, er heißt den Habich einen Lumpen und Esel uni den andern, will ihn zur Thür hinaus werfen, sich von solch einem Nichtstanger nicht für Narren halten lasten. Und doch muß er im nächsten Augenblick wieder lachen daß ihm die Ribben krachen, den wo ist ihm je solch eine ausgesuchte Dummheit vorgekommen! Wieder ihm nächsten Augenblick fährt's ihm gleichwohl durch den Kopf was doch aus dem Habich seinen Gütern zu machen wäre, und was er für 'neu Mann machen wollt', wenn er das „Rittergut" drein bekäme. Der Hättich würde bald gauz ernst geworden sein! Aber nein, meint er wieder, das ganze ist von dem Habich doch bloß eine Dummheit. Und weil der gar so ein einfältig Gesicht dazu macht.,, so fängt's in ihm noch einmal inwendig zu kochen an daß das Töpfchcn überlauft.. Er. begehrt auf, schlägt mit der Faust auf den Tisch und sagt endlich — ich weiß , nicht-, was, grob genug wird'» herausgekommen sein; denn war der Hättich gleich Gcuieindcpflcger, so-folgt daraus nicht, daß er im Schimpfen einem seiner Mitnachbarn etwas hinausgegehcn. hätte. Ueber dem Lärm kommen mehr Leute in den halben Mo»d und lasten sich. im Kabinett nieder. Unter ihnen ist der eine ein gewesener Landgcrichtsschreibcr, der andere ein Fremder der mit der Eisenbahngescllschaft einen LiefcrungSkontrakt abgeschlossen hat, der dritte ein Jude aus der Hofheimer Gegend, der Mondwirlh aber steht auch bei der Gesellschaft und läßt die Gäste durch seinen Buben mit Bier versorgen. In einem Gasthof kommen wohl allerlei Dinge vor, aber so was hat er doch noch nicht erlebt und es geht ihm ein Licht darüber auf, daß das mit der neuen Eisenbahn und dem gesteigerten Weltverkehr zusammenhängen muß. Bald haben sich drei Parteien gebildet. Als Vertreter der einen Partei spricht der Schreiber: der Verkäufer ist ein Narr; wär' das Gütchen auch noch so klein, HauS, Hof und Garten ist allein mehr werth als das dumme Exempel ausmacht. Der .Fremde im Name» der zweiten Partei spricht , mit Würde: meine Herrn, das Ding:.macht , hundert Gulden und vielleicht viel mehr, es fragt sich nur vor welchem Umfang und. wclckzer Ertragsfähigkeit die Felder sind.. Der Jude aber, der eine Partei für sich. bildet, sitzt eine gute Weile ganz vertieft da, .auf einmal springt er auf den Hättich zu, klopft ihm von hinten aus die Schulter und spricht:. ;nci, Bruder, laß dir rathe, laß dir rathe, ein arger Handel, eiu böser Handel, ei» schwerer Handel! (Fortsetzung folgt.) „Sie sind 30 Jahre alt?" — fragte eiu Aktuar eine Dame, die er zu Protokoll vernahm. — „Nein, zwanzig," antwortete diese. — „Aber ich bin doch mit Ihnen m einem Jahre geboren!" — „Ei uun," sagte die Schöne schnippisch, „Sie werden wohl. rascher gelebt haben." Kalme Schwelte, Lotteriesetzer. Von N. Denneberg. Es ist ein kalter Wintcrtag, der Schnee bedeckt wie ein Leichentuch Wald und Flur, das Eis bildet Blumen auf den Fenstern, — und doch geht es lustig zu in der Schule von Iffcrl Melaincd. Was sage ich Schule, ich verbessere mich und sage im Cheder. Der Familienname meines ersten Meisters und Lehrers ist mir entfallen, mein Gedächtniß hat nur den Vornamen und Charakter aufbewahrt. Zur Zeit als diese Erzählung sich abspielt, gab es in Nikolsburg noch keine öffentliche hebräische Schule; das Hebräische ward in einem Zimmer gelehrt. Die Lehrer an diesen Schulen brauchten keine Studien gemacht zu haben, hatten nicht nöthig, sich einer Prüfung zu unterziehen, der Lehrer machte sich selbst zum Lehrer, er nahm sich selbst vorn Tisch deS Herrn das Diplom der Befähigung. Mein Lehrer, Iffcrl Melamed, war ein braver Mann. Bis zu seinem vierzigsten Jahre ein ehrlicher Geschäftsmann, — er nährte sich und seine Familie im Schweiße feines Angesichts, und es ging ihm ziemlich gut. Aber Iffcrl wirthschaftete ab und ward Lehrer. Er lehrte die Anfangsgründe und das Beten. Der Cursus an dieser Hochschule dauerte ein Jahr, und die entlassene» Schüler wanderten dann in ein anderes Cheder, — um die begonnenen Studien unter Leitung anderer mehr erfahrener Lehrer auf breiterer Basis fortzusetzen. Es herrschte freudiges Leben in der Schule Jsserl's, und alles sanfte Zureden half nichts. Wir kleinen Schüler ließen unseren Zungen freien Lauf, wir lachten, scherzte» und jubelten. Ruhe herrschte niemals bei Iffcrl, aber heute ging cö gar zu toll her. Wir hatten auch alle Ursache, uns zu freuen. Abends war der erste Channka (Weihnachts)- Abend; da wird das erste Lichtlein angezündet, wobei man recht schön singt, wenn wa» eS eben kann; da wird gesprungen, gehüpft, getanzt, gespielt und die Kinder werde» beschenkt. Ein köstlicher Abend -— voller Wonne und Seligkeit. Der Lärm bei Iffcrl war zu groß. „Wendet Belfcr, wo bist Du?" rief Iffcrl aus. „Bist Du ein Belfer!" Er, der gute Iffcrl, vergaß, daß Wendel selbst erst den Kinderschuhen entwachsen, selbst erst vierzehn Jahre zählte, bei den Kinderspielen selbst erst mit zum Kinde wurde, und seine Würde als Belfcr (oder Behelfcr, Untcrlehrcr) vergaß. Wendel, das Kind armer Eltern, kernte nothdürftig lesen und schreiben, und ward Plötzlich zur Dignität eines Behclsers erhoben, einer Stellung, zu der seine kühnsten Träume ihn nicht für befähigt erachtet hätten. Sein Gehalt, von Iffcrl redlich ausgezahlt, war sehr unbedeutend, dafür hatte er aber freie Kosttage bei den Eltern seiner Zöglinge und am Roschhachoidisch (am ersten Tage -— des jüdischen Monates), je nach Vermögen oder Herzensgüte der Mniter einige Kreuzer Nekrcations-Geld, auch dann und wann einen Apfel oder anderes Obst zur Jause. Den Appell seines DircktorS überhörte Mcndel, oder wollte ihn überhören, um die heute Abends zu hoffenden Sportcln nicht in Frage zu stellen. Seine Aufgabe ging dahin, die Sympathie seiner jungen Freunde heute besonders zu Pflegen, denn die gute Fürsprache der Kleinen hatte ihm oft schon manches Gute gebracht. Mcndel war ein schlauer Politiker, und kannte den Weg zum Herzen der gefühlvollen Mütter. „Kinder," sagte der gutwillige Iffcrl, welcher sich nun ganz verlassen sah, „wenn Ihr nicht ruhig seid, schick ich Euch nach Hause!" „Guter, goldener Nabbe (Lehrer," schrien Alle gleichsam aus Einer Kehle, „schicke« Sie uns nach Hause, aber gleich." Da trat Kalme Schmecke ein; sein Gesicht strahlte von himmlischer Freude. Wer ist Kalme Schmecke und was war geschehen? Wer vor vierzig Jahren in Nikolsburg gelebt, wird sich einer langen, hagere» Gestalt erinnern, die Stunden lang Straße auf und ab ging, mit sich selbst redete, Worte schnell vor sich hin murmelte, selbstgefällig lächelte, stets grübelte und scheu Jedem auswich, wenn eS anging, doch Jedem Rede stand, der ihn aufhielt, und in seinem 204 tiefe» Jdecngange störte. Diese Gestalt war Kalme Schwelle. Aus seiner Jugend weiß ich nichts zu erzählen; als ich ihn kennen lernte, war er ein Mann in den Bierzigen. Er war fromm, betete und fastete. Unter den Ersten im Tempel eintretend, war er unter den Letzten, die ihn verließen. Mehr Arbeiter des Gedankens, war er kein Freund der Arbeit, wie wir sie in der Prosa dcö Lebens austasten, und arbeitete nur dann, wenn die äußerste Nothwendigkeit ihn dazu zwang; dann aber arbeitete er unverdrossen, trug Holz, spaltete es, ging um wenige Kreuzer als Bote nach benachbarten Dörfern u. s. w. Er wußte wenig, beinahe nichts, aber er war ein großer Rechner — wirklich ein großer Meister im Rechnen, was noch mehr zu verwundern, da er nicht «inmal die Ziffern kannte. Rechnen war die Leidenschaft seines Lebens, war sein Leben selbst. In jungen Jahren träumte ihm, — er werde eine Quinttcrne machen und ein reicher Mann werden. Dieser Traum war sein Unglück. Von da an arbeitete Kalme Schinelke nicht mehr. Wozu auch? Er wird eine Quintterne machen und reich werden. Fünf Nummern setzte er bei jeder Ziehung. Viele Jahre flössen dahin, sie wurden nicht gezogen. Während dieser Zeit that er nichts als rechnen. So und so viel Gulden werde ich gewinnen, so und so viele Kreuzer und Pfennige werde ich, muß ich haben, Las war seine vollste, kräftigste Ueberzeugung, die durch keinen Zwischcnfall erschüttert werden konnte. Jedes Kind kannte bereits den Jdeengang Kalme Schmelke's, und er wurde deßhalb von Jedermann interpellirt, wann endlich seine Quintterne gezogen, und wie viel Gulden, Kreuzer und Pfennige er haben werde. Tausend und tausend Mal gefragt, gab er tausend und tausend Mal geduldig Antwort. Und was wirst Du mit so vielem Gelde machen? — war gewöhnlich die andere Frage. Und abermals antwortete Kalme Schwelle mit gläubiger Ueberzeugung: „Ich werde viel, viel Geld haben, und mir einen Pelz und Paraplui kaufen." Während dieses Dialoges hatten sich mehrere Buben gesammelt, die neckten nun den guten, braven Menschen, der ein Kinderfreund war, und alle Neckereien gutmüthig einsteckte. Die bösen Buben zupften ihn, liefen davon, kamen wieder, zupften ihn wieder, »nd liefen wieder davon. Einige warfen sogar kleine Stcinchcn nach dem guten Manne, der sie alle liebte Endlich verlor die gute Seele Kalme Schwelle doch die Geduld, er lief den Jungen nach, erreichte sie, packte den erst Besten, hob die Hand auf, und ließ sie sinken. Er halte nicht den Muth, nicht daS Herz zu schlagen. Seine großen blauen Augen füllten sich mit Thränen, und weinend und schluchzend sagte er den Kindern: »Ihr martert mich und ich habe Euch Alle so lieb! Dich und Dich," und nannte er Alle bei ihren Namen. „Ich werde eine Quintterne machen, viel Geld gewinnen und Euch Alle reichlich beschenken. Aber gebt mir Ruhe, ich liebe Euch ja unsäglich." Dieser Mensch wohnte bei Jsterl Mclamed. Er halte kein Bett, er schlief auf dem Backofen. Seine Habscligkeiten trug er gewöhnlich bei sich, und Wäsche und Kleidung war in einem kleinen Sackluche in irgend einem Winkel der unansehnlichen Behausung ausbewahrt. „Kalme Schmelkc, was wird aus Dir werden," sagte ihm oft Jsterl Mclamed, der ihm befreundet und verwandt war; „was wird das Ende sein?" „Laß mich in Ruhe, mein guter Jsterl, Du wirst sehen, ich gewinne in der Lotterie, dann bin ich reich — und Dein Schade wird cS auch nicht sein," antwortete stets der Interpelliere. Nun mischte sich Elkelc, die treue Gattin Jstcrl's, in's Gespräch. Elkele unterstützte ihren Mann durch ihren Fleiß, sie war Scholethsctzcrin (Lieblingsspcisc am SamStag), »nd gewann durch ihre Emsigkeit an einem Tage mehr, als Jsterl in der ganzen Woche durch sein pädagogisches Wirken. „Jsterl," sagte die wackere Frau, „laß Kalme Schmclke in Ruhe. Ja, ja, er wird gewinnen." Auch Breindl, die einzige Tochter Jstcrl's, zollte dem sanften Kalme Schwelle Beifall und Jsterl mußte nachgeben. 205 „Breindl," rief nun Kalme Schwelle begeistert aus, „ich danke Dir aus vollem Herzen für den guten Glauben. Gott soll und wird mir helfen, und dann sollst Du GotteS Wunder sehen. Laß mich nur reich werden. Du liebes, gutes Mädchen, dann werde ich zuerst an Dich denken; Du bist stattlich herangewachsen. Du bist züchtig, aber bald —" Kalme Schwelle hielt inne. Breindl crröthete. Sie schien die nicht beendete Rede ganz gut verstanden und gewürdigt zu haben, denn sie warf dankvolle Blicke auf den Mann, der arm »nd verlassen in der Welt dastand, und Brosamen gold'ner Träume dem gläubigen und hoffenden Mädchen spendete. „Wenn ich gewonnen," sagte Kalme Schmelke noch, „dann habe ich mein Ziel erreicht. Ich habe dann nicht umsonst Jahr aus Jahr ein gebetet, gefastet, Hunger und Durst, Kälte und Hitze, Spott, Hohn, Hintansetzung ertragen, dann" — seine Stimme ward feierlich, seine Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten, dann schrie er laut auf, daß die friedliche Familie erschrocken zusammenfuhr — „dann schwöre ich beim allmächtigen Gott, beim Gott unserer Vätcr, setze ich nicht mehr in die Lotterie!" „Amen," — sagte Jsscrl, „und jetzt wünsche ich zu Deinem Heile, daß Du bald gewinnst." „Amen," betete Kalme Schmelke nach, versenkte sich in seine alten, ihm lieb gewordenen Träume, hörte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging, — und schien ganz dem Kreise entrückt zu sein, in welchem er sich befand. Seit dieser Unterhaltung waren mehrere Jahre dahingerauscht; die Nummern, die Kalme Schmelke golden träumte, wurden nicht gezogen. Wer den Schaden hat, — hat auch den Spott. Kalme Schmelke war die wohlfeile Zielscheibe des gemeinen Witzes. Seine Augen wurden matt — sie hatten ja viel in einsamen Nächten geweint, seine Haare bleichten, und Breindl sing an, wenn auch nicht alt zu werden, doch das Alter zu fürchten, in welchem arme, wenn auch tugendhafte Mädchen sich vergebens nach einem Freier umsehen. Da kam der Tag der Erlösung. Was der Wahnsinn ersonnen, wurde durch göttliche Fügung zur Wahrheit — zur vollen, glänzenden Wahrheit. Kalme Schmelke gewann, seine fünf Nummern wurden gezogen. Wer beschreibt den Jubel! Lange stand er da, wie eine Bildsäule, als ob der Schlag ihn getroffen, konnte er kein Glied bewegen — dann schloß er die Augen, öffnete sie, traute sich selbst, seinen Sinnen nicht. Nach und nach gewann er die Fassung, und ein Strom von Thränen der Freude ergoß sich aus seinen Augen. Auch seine Sprache fand er wieder. Er faltete die Hände und betete still vor sich hin. WaS er gebetet, ich weiß es nicht, aber ich kann es ahnen. Nochmals schaute er die fünf goldenen Nummern an, dann hüpfte er auf und hinein in's Amt, laut aufschreiend: „Wer hat Recht!" „Jetzt will ich mein Geld haben." Der Beamte erwiederte, daß er sich noch einige Tage gedulden müsse. „Geben Sie mir tausend Gulden indeß für Breindl — das gute, süße Kind, das mich niemals gemartert, mich stets getröstet, wenn alle Welt mich gehöhnt und verspottet hat. Da haben Sie den Zettel, ich versetze ihn, ich vertraue ihn Ihnen an, Sie sind ein braver Mann, aber die tausend Gulden für Breindl muß ich gleich haben — auch einige Gulden für einen Pelz und ein Paraplui — und einige Gulden für Geschenke meiner Freunde. Ich will den Kleinen zeigen, daß ich Ihnen keinen Groll nachtrage, daß ich sie Alle unaussprechlich liebe." Der Beamte willfahrte, und nun eilt Kalme Schmelke in sein Quartier — in Jsscrl's Wohnung. „Jsscrl, Elkcle, Breindl," schrie er auf, „ich bin der glücklichste Mensch auf Gottes Erdboden, ich bin nicht verrückt, ich habe gcwouueu; viel, viel, da hast Du, Breindl." 206 > 4 l kr übergab ihr die erwähnten tausend Gulden. „Jetzt kannst Dn hcirathen! Armes Mädchen, Du wartest schon lange darauf! Und auch für Dich, Jsserl, habe ich waö eingekauft, und für Dich, klkele, treue Freundin, und für Euch Alle, — Ihr tteinen Spitzbuben, die Ihr mich gehöhnt." Und er beschenkte uns Alle. Drei Tage wäre» verflossen, da hüllte sich Kalme Schmclke in seinen neuen Wolfspelz und ging, das heiß ersehnte Paraplui unter dem Arme, nach dem Lotto-Amte, um sein vieles Geld zu holen. Doch. welche Enttäuschung harrte dort seiner. Der Beamte erklärte ihm rundweg, daß das Gericht auf die gewonnene Summe Beschlag gelegt und er unter Kuratel gesetzt sei. „Warum das?" fragte Kalme Schmclke wie vom Blitz getroffen. Der Beamte zögerte mit der Antwort. „Weil ich ein Narr bin?" — fuhr Kalme Schmclke fort. Der Beamte nickte bejahend. Jetzt wurde Kalme Schmclke rasend, er rief auS: „Ich ein Narr? Durch mein Gewinnen habe ich aller Welt bewiesen, daß ich nicht verrückt bin. Warum bin ich ein Narr? Ich habe bewiesen, daß meine Träume in Erfüllung gingen. Wen habe ich jemals beleidigt? Wen habe ich gekränkt? Wem bin ich zur Last gefallen? Meine Schwester ist reich, habe ich sie angebettelt? Bin ich ihr nicht jedes Mal aus dem Wege gegangen, wenn ich ihr begegnete, weil ich fürchtete, daß sie sich meiner schäme? Thut daS ein Narr? Das hast Du mir gethan, Schwester Röcheln, Dein Mann, der Nosch- hakol (Bürgermeister) ist groß und mächtig in der Gemeinde, der Obcramtmann, der Justitiär und der Amtsschreiber sind Purim (Fasching) bei ihm geladen. Dein Mann kann Alles, waS er will. Ich muß schweigen, darf mich nicht auflehnen, sonst sperrt man mich ein." All' sein Toben half nichts, Kälme Schmclke wurde unter Sequestration gestellt. Er blieb als Pensionär bei Jsserl, — erhielt einen neuen Nock, eine Sammtmütze und wöchentlich einige Kreuzer für Schnupftabak und andere kleine Bedürfnisse. Die Schenkung au Breindl wurde nicht angefochten. Der Frohsinn war für immer von ihm gewichen, er rechnete nicht mehr, scherzte »icht »lehr mit den Kindern, spazierte nicht mehr in den Straßen umher, saß Stunden lang vor sich im Zimmer, ohne ein Wort zu sprechen, selbst sein Liebling Breindl konnte den Geist der Schwcrmulh nicht von ihm bannen. »Laß mich gehen," sagte er öfters dem um ihn bekümmerten Mädchen. „Mir ist nicht zu helfen, Deinen Hochzeitstag will ich noch erleben, dann gehe ich gerne zu den Bätern ein. Weine nicht, süßeS Kind, wir müssen Alle dorthin!" Und so war eS in der That. Das Mark seines Lebens war verdorrt, er welkte hin wie der Baum, dem man jedes Naß entzogen. Breindl's Hochzeit wurde gefeiert. Das alte Ehepaar Jsserl Mclamcd und Elkele, Scholethsetzcrin, tanzten. In einem Winkel saß der arme Kalme Schmclke. Freude röthete seine sonst fahlen Wangen, und Wirte des Segens entströmten seinen matten Lippen. Die eben getraute Frau Breindl naht sich ihm, drückt die kalte Hand des bewährten Freundes und versuchte ihn durch Worte des Trostes zu erheitern. „Mir ist ja heute, jetzt sehr wohl, Du bist unter die Haube gekommen, wirst ein braves, treues Weib werden, was will ich niehr? Gelobt und gepriesen sei Jehova! Jetzt aber geh' und laß mich allein." Die Hochzeitsgäste hatten sich entfernn, und noch saß an der nämlichen Stelle Kalme Schmclke; man mahnte ihn, seine Lagerstätte aufzusuchen und sich zur Ruhe zu begeben. Man weckte ihn vergebens. Unter den Hochzcitsklängcn hatte die gute Seele ausgehaucht. Diese Hochzeit wollte er erleben, er erlebte sie und starb unbeachtet und nur beweint v»u der treuen Familie Jsserl Mclamcd s. Miseellen. Man schrieb der „N. Fr. Pr." aus Trieft, 30. Mai: Die in unserem Hafew ankernde Nacht „Mäkrusfa"deS Vizckönigö von Aegyptcn bietet, wie kaum ein anderes Objekt, auf einem vcrhältnißmüßig kleinen Raume eine wirklich schenswcrthe Vereinigung orientalischer Pracht und abendländischer Industrie. In England um den Preis von 400,000 Pfd. St. gebaut, soll diese Jacht unter allen ähnlichen Fahrzeugen an Pracht nur der andern Jacht nachstehen, welche der Vicekönig dem Sultan zum Geschenk gemacht hat. Die „Makrussa" ist ein Raddampfer von etwa 400 Fuß Länge mit einer Maschine von 800 Pferdckraft und 8 Armstrong-Kanonen; sie hat den Weg von Venedig nach Trieft in 3>/i Stunden zurückgelegt, so daß auf die Stunde die außerordentliche Geschwindigkeit von über 16 Seemeilen kommt. Aus dem Hinterdeck befindet sich der sehr geräumige Speiscsaal, in Weiß und Gold gehalien. Ringsherum läuft ein breites Ruhebett, das, gleich den um den großen in der Mitte aufgestellten Mahagonitisch befindlichen Lehn- stählen, mit kostbarem, farbenprächtigem Tapetenstoffe überzogen ist. Fünf in der Län- genaxe deS Schiffes angebrachte Säulen von silberähnlichem Metalle stützen den Plafond und tragen je einen Kranz von Leuchtern mit tulpeuförmigeu Gläsern. Gleiche Leuchter sind an den Scitenwändcu in zahlreichen Gruppen abwechselnd zwischen den Fensterlucken i> und den auf Schildkrot - und Perlmuttcrgrund eingelegten Obststücken angebracht. Vor i diesem Speiscsaal befindet sich ein grüumigeS StiegcnhauS, in welchem eine Doppcltreppe unter Deck führt. Die einzelnen Stufen dieser, einen wahrhaft überraschenden Anblick gewährenden Treppe sind von starkem Milchkrhstalle mit hellblauer Zeichnung, verbunden j mit weißem, silberglänzendem Metalle, welches auch in schönen Arabesken das Geländer >. bildet. Die Treppe mündet in einen reich dckorirten Raum, vor welchem Achter der > EmpfangSsalon, gegen die Maschine zu die Schlafgcmächcr des VizckönigS liegen. In letztere, welche für Fremde nicht zugänglich sind (es soll dieses Verbal auf unangenehmen z Erfahrungen beruhen), gelaugt man durch Thüren aus Spiegelglas und Ebenholz. Den d beiden Sliegcnabsätzcn gegenüber befinden sich die mit kostbaren Vorhängen versehenen ! Eingänge zum EmpfangSsalon. Hier wiederholt sich im erhöhtem Grade die Pracht des- SpeisesaalS; kunst- und wcrthvolle kreisrunde Mosaiktische wechseln mit prächtigen Otto- manen ab; die Wände sind ebenfalls mit Mosaikstückcn herrlicher Arbeit eingelegt. Den überigcn Theil deS Schiffes bis zur Maschine und den Radkasten nehmen die Cabiucn j für das Gefolge und die Schiffsoffiziere ein; die vorderen Räume sind für die Mannschaft (dermalen 387 Mann). Unter den gehißten Schiffsbootcn sticht insbesondere der fast blutrothe Gig deS VizckönigS, aus Mahagoniholz heraus. ^ Als Napoleon I. aus Elba entwichen war, verzeichnete der „Monsieur," damals von Lonis XVIII. rcdigirt, das Vorrücke» deS Kaisers wie folgt: Der „Menschenfresser" ist entwischt, — der „corsischc Währwolf" ist in Frankreich gelandet, — der „Tiger" kommt, — das „Ungeheuer" hat in Grenoble übernachtet, — der „Tyranu" ist in Lyon eingetroffen, — der „Usurpator" zeigt sich in der Umgebung von PariS, — „Bvuaparte" rückt vor, wird aber nie in Paris einziehen, — „Napoleon" wird morgen unter unsern Brustwehren stehen, — der „Kaiser" ist in Foutaineblcau eingetroffen, — und zuletzt „Se. Kaiserliche Majestät" zog am 21. März „in der Mitte seiner getreuen Unterthanen" in den Tuilerien ein. ' -- .. Beim Eintragen der Namen in die jüngst ausgelegten Listen zur Einkommensteuer zeichnete eine Briefträgerfrau in Berlin, deren Mann hoffnungslos erkrankt in der Charits, siegt: Baldige Briefträger-Wittwe. 208 * In Regentstrcet, London, ist gegenwärtig eine höchst kuriose Ausstellung z« sehe». In einem geschmackvoll dccorirten Zimmer zeigt ein junger Engländer einen Marstall darstellender Flöhe, oder wie er sich in seinen Annoncen ausdrückt „abgerichteter ApterouS Insekten." Viele Mühe, Zeit und Ausdauer muß eS dem Aussteller gekostet haben, die Darstellungen dieser Thierchen zu der Vollkommenheit zu bringen, die sie gegenwärtig an den Tag legen. Die Insekten ziehen Wagen, — nehmen Schiffe in'S Schlepptau, feuern eine Kanone ab, produciren sich auf dem Seil, springen, tanzen und führen auf einem weißen glatten Tische verschiedene andere Evolutionen aus. Das Wunder der Ausstellung liegt aber weniger in dem Genie der Flöhe, als in der b«- wundernswerthen Construction und Nettigkeit der ganzen Maschinerie. Nach Jahre langer, mühevoller Arbeit hat der Besitzer der Floh-Menagerie nach eigenen Ideen und mit eigener Hand eine Anzahl von Liliput-Artikeln zu seinen Darstellungen fabricirt, die jedem Zuschauer ei» »»geheucheltes Erstaunen abnöthigen. Während der Productione» seiner Jnsektchen gibt der Aussteller seinen Besuchern höchst belehrende Auskunft über diesen speciellen Zweig der Naturgeschichte. Die „englischen Flöhe" bezeichnet er als die gelehrigste» Schüler, obwohl die russischen, belgischen und deutschen ihnen an Talent und Gelehrigkeit nicht viel nachstehen sollen. Einige der „liliputanischcn Darsteller" wurden als „sehr alte Herren" bezeichnet, sie zählten der Monate nenn, und waren nun, den Naturgesetzen zufolge, dem Ende ihrer Tage nahe. Drei oder vier Monate gilt bei den Flöhen als ein sehr schönes Alter. Mit rührender Zuneigung und als Äcquivalent dafür, daß die Productionen der Flöhe seine» Lebensunterhalt ausmachen, gestattet der „Manager" seinen Acteurs von seinem eigenen Blute zu leben. Nach beendeter Darstellung versammelt sich die kleine Hecrde auf der Rückseite seiner Hand zum Diner — und dann wird die ganze Schaar, nachdem zuvor jeder Floh vorsichtig zwischen zwei Miniaturdecken gelegt worden, in eine Schachtel placirt, wo sie nach gethaner Arbeit sicher schlummert und keinen Schaden anrichtet. Der ungezähmte Vorrath au Flöhen — 2 bis 300 — wird in einer mit Wolle angefüllten, wohl verstopften Flasche aufbewahrt. Aus Anlaß der Erwähnung einer seltenen Uhr in Nro. 24 des „SonntagSbl.", die in Frankreich gefertigt worden, und alle seitherigen Leistungen der „Uhrmacherkunst" übertreffen soll, wird zur Ehre der deutschen Uhrmacherkunst darauf aufmerksam gemacht, daß sich i» Kloster Ebrach ein deutsches Kunstwerk befindet, welches jenem französischen würdig zur Seite gestellt werden dürfte. Es ist dies eine von Johann Christian Schuster gefertigte astronomische Uhr, welche eine Erd- und eine Himmelskugel in Bewegung setzt. Dieselbe zeigt außer dem Gewöhnlichen — die Wochentage, Monate, den Datum, den Mondwechsel, Sonne- und Mondslauf in ihrem gehörigen Auf- und Untergang, desgleichen das Eintreten der Zeichen des Thicrkreiscs, und dadurch die Jahreszeiten und alle vier Jahre den Schalttag, den Stand der Sonne, Mond und Gestirne zur Erde in jeder Stunde des Tages und der Nacht, desgleichen die Stunde, welche jedes Land der Erde hat, wann in jedem die Sonne auf- und untergeht u. s. w. Dabei ist das ganze Uhrwerk auffallend einfach, und leistet Alles mit erstaunlich „wenig Räderwerk." Die Uhr wird alle acht Tage aufgezogen. Was die Größe betrifft, so nimmt sie den Raum auf einem Pfeilertische oder einer Commode in Anspruch. Wer sich für dieses Kunstwerk intcrcssirt, dem wird solches zu jeder Zeit Herr Daniel Barcnöfeld in Kloster Ebrach mit Vergnügen vorzeigen. (Der schöne Titel.) Du, Frau,, jetzt han i au an Titel, den i scho lang g'möcht hält'. Der Herr Landrichter h«t g'sagt, i wär' an Damnifikat. Wie moinst, daß sich'- «nsnimmt, wenn i mi jetzt nnterschreib: Hesekicl Schäufcrle, Damnifikat?! Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von l)r. M. Huttler. Nro. 27. 4. Juli 1869. Gleichwie der flammende Tag unsern Blicken die unzähligen Himmelslichtcr raubt, so werden durch das heitere Glück unzählige Gedanken von hohem Werth uad von göttlichem Lichte für den Menschen ausgelöscht. Aoung. Ein verfehltes Leben. Erzählung von Ludwig Habicht. (Nachdruck rttLoten.) Wenn wir ein altes runzelvolles Gesicht sehen, dann denken wir unwillkürlich, wa6 muß das Alles erlebt und erfahren haben, ehe das Schicksal alle diese vielen Linien auf die Stirn und das Antlitz zog, sie vertiefte und verdickte und zu einem völligen Sorgenspiegel verkörperte? Was für Sorge, Noth und Kummer muß einen stillen Einzug in das klopfende Herz halten, ehe es auf dem so blühenden, frischen Antlitz alle die Eindrücke sympathetisch wiedergibt, die sich dort festgraben und dort ihre stumme und doch beredte Geschichte schreiben? Wir können auf manchem sorgcndurchfurchten Antlitz zurücklesen — die ganze Vergangenheit, das ganze schicksalsschwere Dasein, das nichts als eine Kette von Täuschungen, bitteren Erfahrungen und dunklen Schmerzen war, — oft aber genügt auch schon ein einziger fürchterlicher Schlag des Schicksals, um diese düstere Chiffreschrift hervorzurufen. Und auf all' diesen Gesichtern ruhte einst der Glanz der Jugend, vielleicht der Schönheit, und jetzt liegt das Alles vor uns so tief verschleiert, daß kaum unser schärfster Blick noch eine Spur davon entdeckt. Ich kannte ein solches altes, runzelbedecktes Gesicht, — das einer alten Jungfer. Sie lebte in tiefster Zurückgezogenheit von der Welt fast dürftig, obwohl sie ein bedeutendes^ Vermögen besitzen sollte. Aber man suchte sie auch nicht auf, man scheute vor dem alten Frauenzimmer zurück, — die immer in schwarzen Kleidern über die Straße schritt und so finster aussah, als trage sie eine rechte altjüngferliche „Verdrossen- und Vergessenheit" mit sich herum. Ihre Mäßigkeit legte man bald als Geiz, ihren häufigen Kirchenbesuch als Frömmelei aus; man hatte sie nirgends gern. Niemand sprach ein freundlich entschuldigendes Wort von ihr, die so hartherzig sei, daß sie jeden Bettler von der Thür weise, sich von ihrer alten Dienstmagd von jedem Unglück gewissenhaft berichten lasse, um sich darüber freuen zu können. So sagten wenigstens die Leute. Sie hatte nicht, wie andere alte Jungfern, eine Katze, einen Huvd — oder einen Kanarienvogel zu ihrem Umgänge, ihrer Unterhaltung, sondern etwas weit Absonderlicheres, das sie vollends in Verruf bringen mußte, — eine Eule, für die sie die zärtlichste Sorge trug, die sie selbst fütterte und mit der sie sich oft, wie mit einem Menschen, unterhalten sollte. Daß dieser sonderbare Geschmack sie in den Augen der Menschen noch verhaßter machte, verstand sich in der kleinen, klatschsüchtigen Stadt von selbst; — man nannte sie nach ihrer Gesellschafterin „die Eule," und erschöpfte sich in Gehässigkeit gegen die Aermste, suchte sie absichtlich zu beleidigen und zu kränken, und je ruhiger sie die Pöbclhaftigkeit hinnahm, desto mehr häuften sich dieselben. Ich hatte die alte Frau schon mehrfach gesehen, von ihren Wunderlichkeiten genug gehört, als daß ich nicht ein Interesse für sie hätte fassen sollen, und besonders war mir das Halten einer Eule doch etwas gar Ungewöhnliches, das gewiß mit dem Schicksal dieser alten Frau in Beziehung stand; und das Glück, oder vielmehr das Unglück war mir günstig, hierüber Ausschluß zu erhalten. ^ 210 Es war an einem Wintcrtage, als ich durch die Straßen schritt, und durch einen Zusammenlauf von Menschen aufgehalten, näher trat, um zu sehen, was es gäbe. Die unglückliche alte Frau lag an der Erde, man umstand sie lachend und spottend, ohne daß ihr Jemand hülfrcich die Hand gereicht hätte. Ich stieß einige rohe Gaffer bei Seite, Näherte mich der Gefallenen, und sie vermochte wenigstens mit meiner Hülfe aufzustehen, und auf meinen Arm gestützt, langsam fortzuhinken. Ein Paar Gassenjungen hatten die arme Frau mit ihrem Schlitten rücksichtslos umgefahren, — und anstatt die Buben zu züchtigen, freute man sich des gelungenen Witzes, — der alten Eule einen Schabernack gespielt zu haben. Ich begleitete sie an ihre Wohnung, wollte ihr einen Arzt besorgen, sie lehnte es aber ab und bat mich nur, sie recht bald zu besuchen, um mir danken zu können. Alle ihre einfachen, kurzen Aeußerungen verriethen eine Bildung, wie ich sie unter dieser schrullenhaften Hülle nicht erwartet hatte; und ich ging schon am andern Tage hin, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Man hatte mir die wunderlichsten Geschichten von ihrer Wohnung erzählt! Es sollte ein finsterer Malepertus sein, schmutzig und ärmlich, und ich fand das freundlichste, behaglichste Stübchen. Zwar waren die Meubles alle einfach, nirgends ein Prunk, eine Zier, wie sie Frauen lieben; aber dennoch konnten diese ärmlich-einfachen Räume an- muthen, weil Alles sauber und geschickt geordnet an seinem Platze stand, und die Sonne durch helle Scheiben ihre wärmsten Strahlen in das Zimmer schickte. Die arme Frau hatte geglaubt, daß ihr Unfall weiter keine nachtheiligen Folgen haben würde, sie lag aber doch bei meinem Besuche zu Bett; und wie sie dort mit dem abgemagerten, blassen Gesicht in dem blüthcnweißen Kiffen ruhetc, kam sie mir durchaus nicht eulenhaft vor, und ich begriff nicht, wie sich anf dies wahrhaft schöne Matronen. Antlitz ein solcher Haß werfen konnte. Freilich war sie heute von der großen, schwarzen Haube befreit, die sie so schrecklich alt machte; sie trug ein sauberes Nachthäubchen, das eine hohe, wenn auch tief durchfurchte Stirn sehen ließ. Diese dunklen, jetzt so matten Augen, mußten einst geglänzt und um diese fein geschnittenen Lippen die Grazien gespielt haben. Die Nase war noch jetzt untadelhaft, nur um den eingefallenen Mund lag ein Zug, mehr des Grames als des Schmerzes. Das jetzt etwas zu sehr vorstehende Kinn mußte dem Gesichte einst in seinen Blüthcntagen einen entschiedenen, vielleicht mit Welt und Leben spielenden Ausdruck gegeben haben. Nach Allem also war sie gewiß einst eine Schönheit gewesen, und heute — ein verachtetes, und von allem Volk gering geschätztes Weib. Sie klagte über nichts, nur über eine allgemeine Schwäche, die sie am Ausstehen hinderte, und war nur darüber unglücklich, morgen noch nicht das Zimmer verlassen zu können, da sie einige nothwendige Einkäufe zu machen habe, aber sich allzn schwach fühle, um dies wagen zu können. Meine vorgefaßte gute Meinung über die Alte schwand bei ihren peinlichen Klagen, daß sie an das Zimmer gefesselt sei, da diese Sorge jedenfalls mir aus ihrem Geize entsprang; ich sagte daher auch etwas trocken, „daß es nichts helfe, und sie sich schon eine Frau dafür würde miethen müssen," weil ich gehört hatte, daß sie aus Geiz noch ihr Dienstmädchen entlassen habe, und sich nur von einer Frau die Aufwartung machen ließ. Sie schien meinen Vorwurf zu fühlen; ihr Auge umflorte sich für einen Augenblick, dennoch blieb sie mir jede Antwort schuldig, was mich noch mehr gegen ihr kleinlich geiziges Wesen aufbrachte. Plötzlich begann sie: „Ach, mein Herr, ich habe zu Ihnen ein eigenes Vertrauen gefaßt, und wage deßhalb eine große Bitte. Gewiß sollte ich der Alten ihre Einkäufe besorgen, da kostete es nichts; nein — ich danke, Madlene! Und wirklich neugierig wartete ich auf den Inhalt der Bitte meiner Kranken, die mir schon merklich eulenhafter vorkam. „Wollten.Sie vielleicht den Schrank dort am Fenster aufmachen?" >— begann sie wieder mit schwacher, zitternder Stimme; „man muß rechts herumdrehen, — es ist ein 211 eigenthümliches Schloß, dort im untersten Schabe — aber ich bemühe sie gewiß zu sehr?" Ich wollte doch sehen, wie weit ihre Unverschämtheit gehen würde, und schickte mich an, ihrer Weisung zu folgen. „Es sind gerade 12 Thaler, die darin liegen." Nichtig, —> meine liebenswürdige Eule, wo ist der Korb, dachte ich ingrimmig, damit ich dir die Rüben und den Salat nach Hause schleppe, oder — wahrscheinlich nur Kartoffeln. Und diese Frau war einmal schön gewesen, und nur der brennende Geiz hatte Alles bis auf die Knochen aufgezehrt! Welche Metamorphosen! — Der Pflanzenkeim wird Knospe, Blüthe und endlich Frucht, und immer neue — wunderbare Schönheit entfaltet sich in diesen leisen, harmonischen Uebergängen; nur das Mcnschenherz kann ohne Spur seiner früheren Schönheit, seiner Gedankenfülle in den Staub zerfallen. Armes altes Weib! „Nein, ich wage es doch nicht," begann jetzt wieder die Eule, „ich werde übermorgen schon wieder ausgehen können, — und auf einen Tag kommt es am Ende nicht an, obwohl —" „O, ich bin jetzt einmal im Zuge," — entgegnete ich mit Ironie, „ich hab' ei« Talent zum Einkaufen — und werde Ihnen schon Ihre Viktualien zur Zufriedenheit bringen." Die bisher so ernste Frau brach unwillkührlich in ein heiteres Lachen aus, das sie aber plötzlich abbrach; und mir die Hand reichend, sagte sie: „Verzeihen Sie mir, — Sie hatten Recht, ich bin ja die alte, geizige Eule; aber eS war doch etwas Anderes, mit dem ich Sie belästigen wollte." „Ich habe dort in der Vorstadt an mehrere Leute etwas zu zahlen, und möchte gern, daß dies heute geschehe; es ist eine Grille von mir, aber es würde mir peinlich fein, wenn ich es unterlassen müßte." Ich erbot mich wiederholt — und jetzt freundlicher dazu, und sie nannte mir die Namen der Empfänger, die ich mir aufschrieb. Dem Schuhmacher Lindner 5 Thaler, dem Böttcher Weinhold, dem Schneider Borisch, dem Schlaffer Wunderlich jedem zwei Thaler, dem Tischler Blühm einen Thaler, so, — das waren die zwölf Thaler. — Vielleicht hatte die Alte dort Bestellungen gemacht, und ich versprach, die Auszahlung auf das Getrculichste zu besorgen und ihr die Quittungen beizubringen. „Das ist nicht nöthig," entgegnete sie eifrig. „Aber wie können Sie denn wissen, daß ich das Geld abgeliefert?" Sie blickte mich vorwurfsvoll an, und sagte ganz einfach: „Nicht wahr, Sie erfüllen mir die Bitte?" Und so fühlte ich wohl, daß, obgleich diese Person schrecklich geizig sein muffe, sie doch nicht mißtrauisch war, wie man sie verschrieen hatte, und wenigstens in dem letzten Punkte hatte auch ich ihr Unrecht gethan, aber selbst in dem ersteren sollte ich empfindlich beschämt werden. Welch' überraschende Aufschlüsse wurden mir zu Theil! Auf meiner Wanderung fand ich zuerst den Schuhmacher Lindner. Er lag krank zu Bett, und als ich ihm seine fünf Thaler aufzählte und ihm sagte, daß die alte Dame krank sei, da rang er jammernd die Hände und klagte: „O Gott, laß sie nicht sterben, was sollen wir Aermstcn anfangen!" — Er hatte bisher jeden Freitag nur zwei Thaler erhalten, seit jenem Erkranken aber fünf Thaler, und bei all' den'Uebrigen, an die ich Zahlung zu leisten hatte, hörte ich dasselbe. Man verehrte die Frau wie eine Heilige, — und doch durften diese Armen nicht» davon verlauten lassen, sie hatte es streng verboten und bei dem leisesten Wort mit ihrem Wegbleiben gedroht; aber was mich noch mehr in Erstaunen setzte, war, daß es wirklich Arme waren, die sich die Alte ausgesucht hatte, Arme, die trotz ihres Fleißes unter einem Joche schmachteten, das ohne der Hülfe dieser Edclmüthigcn sie erdrückt haben würde. Ich war von dem Erfahrenen ganz aufgeregt, und konnte den andern Tag nicht erwarten, an dem ich die alte Frau wieder besuchen woll». Welch' räthsclhaftc, sonderbare Erscheinung, in unsern Tagen, wo man ohne Geräusch nicht wohlzuthun vermag k 212 Warum ertrug diese Frau geduldig den Haß und die Verachtung ihrer Nachbarn, ließ sich ruhig als geizig und boshaft auSschclten? Warum führte sie ein so karges Leben, während sie so reiche und regelmäßige Spenden austheilte? Das waren Fragen, die mich bis zur Stunde meines Besuches auf das Lebhafteste beschäftigten. Ich fand die alte Dame heute schon in ihrem Lehnstuhl sitzend, obwohl sie noch immer über große Schwäche klagte. Mit welch' andern Augen betrachtete ich sie heute; «icht mehr mit denen des physiognomischen Forschers, sondern mit denen der Verehrung. Die letzten, finstern, menschenscheuen Züge schienen sich vor mir aufzuhellen, und noch eine andere Schönheit, als die gestern beobachtete, glänzte mir aus dem alten runzlichen Gesicht entgegen, eine Schönheit, die eben nicht im Antlitz, sondern in der Seele liegt. Ja, sie war schön, eine ächte Matrone, jetzt gewahrte ich es erst, in ihrem Auge ruhte Licht und Frieden, über ihrem ganzen Wesen lag ein Hauch tiefen Seclenschmerzcs ausgebreitet, der verschönt und durchgeistigt. Wie hatte ich dies edle Gesicht nicht schon längst schön finden und in das allgemeine Urtheil einstimmen können: „Die häßliche alte Eule!" (Fortsetzung folgt.) Der Habich «nd der Hättich als Geschäftsfreunde Drittes Kapitel. (Schluß) Nun muß sich merkwürdiger Weise treffen daß der Jude sogleich darauf abgerufeu wird, denn auf dem Markt ist zwischen dem Sternwirth und dem Weisenheimer Wasser- hannes ein Handel um ein paar dreijährige Stiere losgegangen, und wo in aller Welt kann denn so ein Handel ohne Juden fertig werden. So liegen also die zwei anderen Parteien noch eine Weile im Streit, es dauert aber nicht lang, so ist im Kabinett Niemand sitzen geblieben als der Verkäufer und sein Währmann. Dem letzteren nämlich ist der Handel in den Kopf gestiegen, er bringt ihn nimmer heraus. Der Habich, denkt er, ist zwar ein Narr gewesen sein Lebtag und die Leute sagen: einem Narren und einem Betrunkenen weicht ein Fuder Heu aus. Aber auf seinen Vortheil hat er sich nie verstanden, er hätte sonst anders hausgehalten, so wird eben auch dieser Verkauf ein Stück Narrheit sein; am Ende ist's auch das beste wenn er seine Güter losschlägt, unter seinen Händen können sie ja doch nicht bleiben; unser einem aber, der sich's Tag für Tag blutsauer werden läßt, ist'S zu gönnen wenn er einmal einen guten Fischzug thut. — So ein Hättich der nimmer genug kriegen kann, weiß eben auch auf's Gewissen ein Pflaster und das neunte Gebot aus dem Katechismus zu streichen: du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Freilich der Jude hat gewarnt, und ein Jude kann rechnen! Aber, wer weiß, worauf der Jude hinauswill, ob er den Hansel nicht anderswo zu seinem Vortheil von neuem losgchen lassen will? Wenn der Kaufpreis auch auf fünfhundert Gulden hinanliefe — aber es ist ja keine Nede von fünfhundert! - so viel sind die kleineren Wiesen mit den Krautbcetcn werth, und nun noch das Rittergut als Dreingabe, soll da der Hättich nicht zugreifen? Schwenselens, denkt er also Summa Snmmarum und es lacht ihm das Herz im Leib dabei, wenn die Sach' nur schon im Reinen wär', denn so 'ne Gelegenheit kommt nicht wieder in hundert Jahren! Freilich noch einmal kommt er in Nöthen. Der Habich nämlich greift auf einmal nach seinem Stecken, hat noch viel Geschäfte bis auf den Abend und will weiter. Wie nun der Hättich denkt: „Entweder oder, jetzt oder nie!" Und fragt den Habich, ob's ihm denn wirklich ein Ernst mit dem Verkauf und den Verkaufs-Bcdingnissen ist, und der Habich antwortet: Ja freilich wär's ihm ernst und die Bekanntmachung würde bald im „Weisenstadter Anzeiger" stehen; — da muß doch der Hättich noch fragen, wie's denn 213 mit den Hypothekenschulden sollte gehalten werden, die auf dem Grundbesitz hafteten. Und da sagt denn der Habich, die Schulden that' er vom Kaufgeld bezahlen, und die Notariats - Gebühren auch, nur sechs Batzen Trinkgeld wollt' er sich ausmachen. Das aber kann der Hättich wieder nicht begreifen. Es ruhten doch mehr als 1500 fl. Schuld auf dem Habich scheu Grundbesitz, da mußten ja die Gläubiger zu kurz kommen; — oder — der Habich trieb eben doch in der ganzen Sache seinen Spott mit ihm. Jetzt fällt ihm aber wieder ein, was der Schreiber gesagt hat, und der Fremde hat ja auch gemeint, die Sache wär' an sich so übel nicht. Also, noch ist Poleu nicht verloren, auf die sechs Batzen Trinkgeld sollt's ihm auch nicht ankommen, wer nichts wagt, — gewinnt nichts. So erklärt denn der Hättich dem Habich, er wäre ein Liebhaber zu seinen Gütern auf die gestellten Verkaufsbedingungen, und wenn's ihm just gelegen wär', — so könnte die Sache ja sogleich richtig gemacht werden beim Herrn Notar. Der Herr Notar aber wohnte dazumal dem halben Mond in Weisenstadt schräg gegenüber (jetzt hat er sich ein eigenes Haus gebaut vor'm Herb- stadter Thor), rauchte so eben aus seinem braunen Meerschaumkopf zum Fenster hinaus und hatte sonach Zeit, — einem Täublein für schweres Geld auf Verlangen die Federn rupfen zu helfen. Es dauert nunmehr nicht lange, so haben die zwei ihre Zeche bezahlt beim Mondwirth, oder vielmehr der Hättich hat bezahlt für sich und den Habich — denn in so einem Fall muß doch auch ein Hättich sich als Mann von Geld ausweisen, — die sechs Batzen Trinkgeld sind auch berichtigt, und wieder ein Paar Minuten später stehen sie schon in des Notars Geschäftszimmer. Was beliebt? — — Die Antwort wollte eigentlich der Hättich geben, er brachte die Sache aber nicht recht zusammen, und der Habich mußte ihm den Vortrag abnehmen. Da wußte jetzt der Hättich eigentlich wieder nicht, wie er daran war, war er verrathen oder verkauft? Was kommt denn dem Notar in den Kopf, daß er sich, wie der Habich — eben erst ein wenig in den Zug kommt, herumdreht, durch'S Fenster in den Garten hinunter sieht, nachher sich sein Schnupftuch vor den Mund hält und wie versessen darauf herumbcißt? Was hat das zu bedeuten? Warum lach: der Mann so grausam? Findet er den Handel so spaßig und denkt: einer von euch Beiden ist ein Esel, ich sag's aber nicht welcher? Und der Habich hat doch seine schwarz-weiße Brille nicht aufgesetzt! Es ist aber nicht lange Zeit, sich darüber zu besinnen. Denn der Herr Notar hat sich allmählig doch beruhigt, seinen Schnauzbart g.'strichen und thut bereits allerlei Fragen an den Verkäufer wie an den Käufer, um den geschäftlichen Abschluß der Sache vorzubereiten. Und wie das fertig ist, streicht er seinen Schnauzbart wieder, kritzelt dann erst eine Weile auf einem Papicrfetzen herum, sieht bald den Habich, bald den Hättich an mit einem Gesicht, wie der Hättich noch keines gesehen hat, und darauf wird denn das Protokoll ausgesetzt, der Herr Notar diktirt es bloß, der Schreiber muß es auf einen großen Papierbogen schreiben. Jetzt wird die Niederschrift vorgelesen, von beiden Seiten unterzeichnet, endlich auch noch das große NotariatSsiegel aufgedrückt, als Zeichen, daß der Handel rcchtsgiltig vollzogen ist, der Staat selbst im Namen des Rechts „Ja" dazu gesagt hat. Auf besonderes Ansuchen des Käufers wird auch sogleich eine Abschrift zu seinem Gebrauch angefertigt, er setzt sich während dessen auf einem Siuhl nieder, will doch sein Glück schwarz auf weiß am Abend nach Dürrensee hinaustragen. Die Kosten- Bercchuung soll später nachfolgen; denn der Verkäufer hat — wie bemerkt, neben den Schulden, auch die gerichtlichen Kosten aus sich genommen. Nun, im Protokoll hat's doch gestanden, wie hoch sich die Kaufsumme belaufen hat? — Nein, und das war eben das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte. Denn der Habich wußte, wie er daran war, für ihn brauchte der mündlich abgeschlossene Handel nur einer vorsichtigen schriftlichen Abfassung. Der Hättich aber schwieg, — weil er die 214 Sache durch die Berechnung rückgängig zu machen fürchtete. Der Notar endlich sah auS dem seltsamen Handel einen lustigen Prozeß erwachsen und schwieg gleichfalls. Und jetzt macht denn der Hättich schnell seine übrigen Besorgungen ab, nimmt seiner Frau ein Paar Wiener Würstchen mit vom halben Mond, daß sie sich, nachdem der Mann so gute Geschäfte gemacht, auch einmal etwas zu gut thun kaun, und schnellen Schritts gcht's nach Dürrensce zu. Es ist ein heißer Abend, — aber was fragt so ein tapferer „Käufer" nach Hitze oder Kälte. Er kommt sich ja doch vor, wie der Hase im Kohlgarten. Was für einen frohen Abend wird's bei seiner Heimkunft geben, — seine Frau wird aus lauter Freude Pfannkuchen backen, wer wollte nicht so seltenen Glückes froh werden! Schon ist der Hättich droben auf der Höhe, — wo der Wegweiser nach Bcrnheim, Ober- und Untcrauernheim steht, da raffelt etwas hinter ihm her. Es muß eine Extra- Post sein, denn der Postillon vorndraus bläst das Lied: Mein Schatz, was fehlet dir, Daß du nicht gehst mit mir? Wie aber das Geschirr näher kommt und der Hättich voll Ehrfurcht bei Seite tritt und so eben seinen Hut vor dem vornehmen Herrn in der Extrapost abnehmen will, — o Wunder, da glotzt der Habich heraus, und macht dem Hättich eine lange Nase, hqt auch seine zwiefarbige Brille aufgesetzt. Was da der Hättich für Augen gemacht, un!^ wie er den Habich im Herzen verachtet hat! Erst Hab' und Gut verschleudert, nachher noch mit Extrapost von Wcisenstadt nach Dürrensce gefahren, und Gesichter dazu geschnitten! — Die Dürrensecr aber fahren mit den Köpfen zu Fenstern und Thüren heraus und wissen nicht, was der Habich' mit der Extrapost zu bedeuten haben soll. — Er fährt übrigens durch's Dorf ganz langsam, so daß der Hättich hinterher gehen muß. Denn so muß es Einem gehen, der durchaus auf der Extrapost in den Reichthum hinein- kutschiren will: die Extrapost fährt vor ihm her und er ist am Ende noch froh, wenn er nicht auf der Straße liegen bleibt. Hättich, wie wird dieser Tag endigen! (Fortsetzung folgt.) Der Svessartwald. Jeden Freund des Waldes muß es mit Freuden erfüllen, wenn er hört, daß bei der leider immer mehr um sich greifenden Zerstörung der Wälder, es im deutschen Vaterland noch Forste gibt, die mustergiltig sind. Ein solcher ist der „Speffart," von dem in einem Bericht über den Aschaffenburgcr Forstvereinstag folgendes zu lesen ist: „Der Speffart oder Speßhardt, im Nibelungenliede Spechteshardt, Spcchtswald (silvn picsria) genannt, voreinst zum Saume des hercynischen Waldes gehörig, und nach der Geographie des Mittelalters bis an den Steiger- und Thüringerwald, ja, bis zu den böhmischen Wäldern sich erstreckend, füllt in seiner heutigen Ausdehnung nur den südlich gewandten Bogen des MainS, von Gemeinden über Millenberg nach Aschaffenburg und Hanau. — Seine nördlichen Ausläufer werden von der Einzig, die nordöstlichen von der Sinn begrenzt. Der Speffart im engeren Begriff, dessen Höhe in der Hauptwafferscheide ungefähr 1500 Fuß über der Nordsee beträgt, in einzelnen Gipfeln aber 1800 bis 1900 Fuß erreicht, ist von ununterbrochenen Forsten bedeckt, die ein Areal von etwa 165,000 bahr. Tagwerk oder 218,000 Preußischen Morgen (über 20 Quadratmcilcn) einnehmen. Es ist begreiflich, daß, wo an hoch und günstig gelegenen Stellen, die Gelegenheit zu einer Fernsicht nach allen Züchtungen weit hinaus über die Rücken und Kuppen des Berg- landes und in seine tief eingefchnitteuen Thäler geboten ist, das Auge überall buchstäblich nichts wie Himmel und Wald erblickt. Aber weit mehr noch wie diese enorme Ausdehnung ist die Beschaffenheit des WaldcS einzig in ihrer Art, und diese Beschaffenheit ist es, welche, sowohl nach dem Urtheile der Fachmänner wie der Laien, den „Speffart" 215 zur Krone aller deutschen Waldungen macht. Wenn auch in Bezug auf räumliche Ausdehnung die Buchcnbestände im Spefsart weitaus vorherrschen, so bleibt es doch die Eiche, die ihm den höchsten Ruhm erwirbt. Nirgendwo sieht man diese Königin der Wälder in solcher Pracht, wie hier; -— kerzengerade Stämme, deren Schaft in der Höhe von 80 bis 100 Fuß, im beschlagenen Zustande noch einen Durchmesser von 1>/i Fuß ergibt, ragen nicht etwa hier und da, sondern wie ein dichter Wald von Säulen auf. Man wird nicht müde, sie zu bewundern. Noch vor fünfzig Jahren gab es nicht wenig Stellen im Spefsart, welche den Charakter dcS Urwaldes trugen. Große Massen von Eichenholz verfaulten unbenützt. Selbst heute noch fällt manche Eiche dem Verfaulen anheim, obwohl im Ausbaue von Abfuhrwegen in den letzten Jahrzehnten überaus viel geschehen ist, um die Nutzbarmachung alles Holzes zu ermöglichen. Die in der Zeit von 1850 bis 1861 in den Staatswaldungen des Spefsart ausgeführten Wcgebauten erstrecken sich bis aus nahezu 40,000 Ruthen, also auf 20 Meilen. Von dem gesammten Wald-Areal des Spefsart gehören dem Staate 106,443 Tagwerk, den Gemeinden, Stiftungen und sonstigen Corporativnen 10,515, den Standes - und Gutsherren und anderen Privaten 47,629 Tagwerk. Was die Bestände anbelangt, so gibt es gemischte Eichen- und Buchen- Bestände, reine Eichenbeständc, reine Buchenbestände und Nadelholzbestände. Im Innern des WaldeS sind es zumal die Laubholzbeständc, welche in Erstaunen setzen, ganze Abtheilungen von 120- bis 140jährigen Buchen, untermischt mit 300- bis 400jährigen Eichen, letztere mit einer Schafthöhe von 80 bis 100 Fuß. Derartige Bestände enthalten pro Tagwerk einen Holzvorrath von mehr als 120 Klaftern. Der Eindruck, welchen man beim Durchstreifen des Spefsart empfängt, ist um so mächtiger, als man halbe Tage wandern kann, ohne eine Ortschaft oder auch nur ein einziges Haus zu erblicken. Nur in den Thälern finden sich spärliche Ansiedlungen. , Die Bevölkerung lebt nur vom Walde — vom Holzfällen, Holzzurichten, Holztransport, Kohlenbrennen und Taglöhnerarbeiten bei Forstculturcn und Wcgebantcn. Daß die Forstwirthe auf ihrer Tour oft genug in Bewunderung ausbrachen, bedarf keiner Erwähnung. Neben dem großen, — herrlichen Walde erregte auch der königliche Wildpark viel Interesse; er umfaßte eine Fläche von etwa 22,000 preußischen Morgen, und enthält Nothwild und Sauen. Außerhalb des Parkes ist der Wildstand, wozu auch der Auerhahn gehört, nicht von großer Bedeutung." Miseellen. (Ein heiteres Testament.) Die Kunstgeschichte kennt einen Katzen-Nafael, als Gegenstück dazu hat die Weltgeschichte jetzt einen Katzen-Peabody auszuweisen. In Colum- bus (Ohio) ist ein vermögender Mann gestorben, welcher seine nächsten Verwandten dadurch an der Nase herumführte, daß er sie sämmtlich enterbte, und seine Hinterlassenschaft in aller Form Rechtens zur Errichtung eines Asyls für siranke und altersschwache Katzen bestimmte. Das Columbus-Journal liefert eine genaue Beschreibung des Planes, wie er im Testamente ausgcführlich vorgesehen ist. Dieselbe läßt die aufrichtige Freundschaft des Erblassers für das Katzengeschlecht und das tiefe Eindringen in dessen Natur nur ahnen, nicht begreifen. So umfaßt der Plan, welcher, von kunstgeübter Hand gezeichnet, dem Testamente beiliegt, geräumige Höfe für den süßen Verkehr, der dem liebesbedürftigcn Katzenherzcn unentbehrlich ist, sowie auch künstliche Rattenlöcher, welche beständig mit Rattenkönigen uud Unterthanen zu bevölkern sind. Damit aber das biedere Katzcnvölkchen das Waidwerk nicht bald satt bekommt, sind den Ratten durch die geistreichsten Vorkehrungen zahlreiche Gelegenheiten zum Entschlüpfen geboten, so daß das Vergnügen des Pürschganges nicht gestört wird. Hohe Mauern mit sanft absteigenden Dächern sollen gebaut werden für die Mondschein-Promenaden und die anderen nächtlichen Lustbarkeiten, wie Concerte, Liebes-Abenteur u. dgl. Daß das Katzen-Elysium in 216 großartigem Style erbaut und mitten in dem bevölkertsten Theile irgend einer amerikanischen Stadt (würde dem Congreß in Washington eine solche Nachbarschaft nicht vielleicht willkommen sein?) hincingcsetzt werden soll, daß ferner unverhcirathete Frauenzimmer von nicht unter 30 Jahren den Tempel nebst seinen Schätzen als eine Art moderner Vestalinncn beschützen sollen. Alles das sei nur nebenbei bemerkt, denn die letzte Bestimmung ist die, welche die erhabenste Idee des Ganzen verwirklicht, und deßhalb dem prosaischen Alltagsverstande des Europäers als die verrückteste von allen erscheinen mag. Es heißt darin: „Sintemalen ich mein ganzes Leben hindurch gelehrt worden bin, zu glauben, daß Alles an und um den Menschen nutzbringend sein solle, sintemalen ferner u. s. w. . . . bestimme nnd verfüge ich hiemit, daß die Eingeweide meines Körpers zu Darmsaiten gemacht und verkauft und daß mit dem Erlös ein Accordion gekauft werden soll, welches in dem Auditorium des Katzenhospitals Tag und Nacht von einer der Wärterinnen gespielt werden soll, damit die Katzen das Privilegium haben, sich stets an demjenigen! Instrumente die Ohren erlaben zu können, welches ihren natürlichen Stimmen am nächsten kommt." Den Namen dieses Katzen-Peabody gibt das amerikanische Blatt nicht; er scheint demnach der Elaste der „ungenannten" Wohlthäter anzugehören. * In den Steinbrüchen von Leicestershire ist gegenwärtig eine Drahtbahn ^Wire Tramway) in Gebrauch, auf welcher ansehnliche Lasten mit beträchtlicher Geschwindigkeit befördert werden. Diese „Eisenbahn ohne Durchsuchungen, Erhöhungen, Tunnels, Viadukte oder Brücken," wie „Herapaths Journal" die erwähnte neue Erfindung bezeichnet, besteht aus einem endlosen Drahtseil, das auf einer Reihe von massiven Pfosten, die in Zwischenräumen von 150 Fuß aufgepflanzt sind, gespannt ist. Eins der Enden dieses Seils ist um eine Art Trommel gewunden, die von einer tragbaren Dampfmaschine in Bewegung gesetzt, das Seil mit einer Schnelligkeit von 6 englischen Meilen in der Stunde forttreibt. An dem Seile werden am LadungSpunkte, in der Nähe der Steinbrüche, vermittelst eines sinnreich construirtcn Gehänges eine beliebige Anzahl Kasten befestigt, von denen jeder einen Centner Steine trägt, die nach der drei Meilen davon gelegenen Eisenbahnstation mit überraschender Leichtigkeit befördert werden.- Aehnliche Drahtbahnen, wie die in Leicestershire, werden gegenwärtig in Frankreich, Italien und Spanien construirt. Anerkannte Ingenieure haben es sogar für möglich erklärt, — eine solche Drahtbahn von stärkster Bauart zwischen Dover und Calais anzulegen, auf welcher, wenn durch eine Linie von starken, in der Meercsmitte zu versenkenden Pfeilern unterstützt, Passagiere ohne Schwierigkeit oder Gefahr über den „Canal" befördert werden können. Die Kosten einer solchen Unternehmung würden sich verhältnißmäßig sehr billig stellen, etwa 1800 bis 1500 Lsterl. pro Meile, bei einer Tragkraft von 1000 Tonnen per Tag. — Der Erfinder dieses „Draht-Tramway's" ist ein Engländer Namens Hodgson. „Sag' Mama, warum hat denn mein Brüderchen sterben müssen?" — „Sich! er war ein so braves, gutes Kind, da hat der liebe Gott ihn zu sich genommen; die bösen Kinder dagegen läßt er hier, die kann er nicht brauchen." — „Aber, Mama, bist Du denn ein „böses" Kind gewesen, weil Dich der liebe Gott nicht geholt hat?" Post-Expeditor: „Das Paquet macht neun Kreuzer, mit Schein zwölf Kreuzer in Summa." — Bauernweib: „Was kost's nachher im Winta?" (Winter.) Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von 1)r. M. Huttlcr. Nro. 28. 11. Juli 1869. Der Mensch ist nie so schön, als wenn er Verzeihung erbittet oder selbst verzeiht. Jean Paul. Der Habich und der Hätlich als Geschäftsfreunde. Viertes Kapitel. Gan) Dürrensce rechnet, über die Sumine aber muß einer aus dem Heuboden übernachten. Die Sonne ist eben untergegangen, als die Beiden in Dürrensce anlangen, einer zu Fuß, — der andere mit Extrapost. Bald geht's wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund: der Habich hat seine Feldgüter an den Hättich verkauft, auf die und die Art, der Hättich aber weiß es noch nicht einmal, wie viel die Kaufsunime beträgt! — Trompeten, Pauken und Schubladen, was macht das nun für Aufsehen im ganzen Ort! —> Ganz Dürrensce wird rebellisch, kein Mann kann zu Haus bleiben. Alles läuft in's Wirthshaus, die Weiber machen sich eine Ursach, um mit der Nachbarin anzubinden, die Mägde bleiben dicßmal noch länger als gewöhnlich am Brunnen, selbst die Kühe im Stall stecken die Köpfe zusammen, und die Katzen vergessen die Mäuscjagd. Im Wirthshaus aber bilden sich nun auch sogleich verschiedene Parteien. Die einen zanken über den Habich: solch' einen dummen Streich hätte die „unnütze Gräte" doch noch nicht gemacht, jetzt könnt' es ein Blinder sehen, daß der ohne Vormund in der Welt nicht gut thäte; um ein Paar lumpige Gulden, — denn mehr könnte doch nicht herauskommen, seine sämmtlichen Besitzungen an den hungrigen Hättich zu verkaufen — und das Rittergut noch drcinzugeben! Es wäre keine Gerechtigkeit im Land, wenn der Habich nicht fünfundzwanzig baar aufgezählt bekäme und am besten wär' er auf Lebenszeit im Korrektionshaus aufgehoben! — Andere sagten: Hört, ihr Nachbarn, das Ding hat euch einen Haken, der Habich versteht sich aus's Rechnen bester, als wir Alle, und seit ein Paar Wochen schon hat er ein Gesicht gemacht, wie der Fuchs, wenn der Jäger 's Fangeisen am Bein hat! Der Hätlich hat sich gewiß auf eine Art anführen lassen, dem Habich ist Alles zuzutrauen. Und auf seine eigenen Kosten hat er sich mit Extra- Post gewiß nicht nach Haus fahren lasten. Die Meisten freilich wußten nicht, was sie sagen sollten, sie saßen da wie Leute, die eine Suppe auScsten sollen, und haben doch keinen Löffel dazu. Etliche aber forderten vom Wirth Kreide, das Ding müßte sich ja doch ausrechnen lassen! Während sie nun da auf der langen Wirthstafel rechnen und rechnen, sind noch lange nicht beim zwanzigsten Grundstück angelangt, und haben doch schon mehr als tausend Gulden, und es geht ihnen ein Licht auf, wo es mit der Summe noch hinaus will, der Wirth aber ist gescheiter, als die Rechner, und schreit unter sie hinein, sie verstünden das Rechnen nicht, solche Summe könnt' unmöglich zutreffen! — Während besten hat der Hättich nun seiner Frau Eröffnungen über seine heutigen Unternehmungen und Erfolge gemacht. Und zwar mit nicht geringen Hoffnungen und Erwartungen. Er hat nicht gezweifelt, seine Frau Eheliebste wird ihm mit Thränen der Rührung um den Hals fallen und wird zu den Kindern sagen: Da — Kinder, da seht eucrn Vater und Wohlthäter vor euch, dem küßt die Hand, dem habt ihr's zu danken, daß einmal Jedes 218 rinter euch eine reichliche Versorgung haben wird. Die Frau aber hat zu den Kindern . gar nichts gesagt, und die Kinder haben ganz dumm da gestanden, — als wollten sie sagen: ein Linsengericht jetzt wär' uns lieber, als alle zukünftigen Weltvcrbesserungen. — Dagegen sind der Frau über dem Handel mit dem Habich alle Haare zu Berg gestanden, sie ist bald roth geworden, wie ein gesottener Krebs, bald wieder blaß, wie eine s getünchte Wand, und ein Gesicht hat sie gemacht, als ob sie am liebste» den Habich ! beim Kragen nehmen und den Hättich mit dem Habich durchprügeln möchte. Endlich hat ^ sie dann auch Worte der Anerkennung gefunden. Ob er denn sein Bischen Verstand i nicht einmal von Dürrensee bis Weisenstadt tragen könnte, und warum er sich nicht erst j cuu Thor einen Vormund ausgebcten hätte, eine Weiseustadter Katz' wär' gescheidtcr, als er, »nd doch wollte er der gescheiteste Mann in der Gegend sein. Es wär' ihr aber j nicht zu viel, sie nähm' die Ofengabel oder 'n Dreschflegel, und arbeitet ihm auf dem ! Fell herum, bis er noch einmal hineinliefe und brächte es ihr schriftlich, daß der Habich ! seine Güter behielte und das Rittergut auch. Das war die kurze Summe ihrer Erör- ! terungen, obwohl sie eigentlich noch gar nicht wußte, was bei dem Exempel herauskam, «S ging ihr nur so etwas davon als Ahnung vor. ? Natürlich steht ihr Hättich in seiner Unschuld da, der geduldige Ehekrüppel, wie i einer der gerade den Verdienst-Ordeu bekommen soll, und dafür zum Zeitvertreib von der »»dankbaren Welt mit Erdklößen beworfen wird. Aber er bleibt gelassen und hat ordentlich Mitleiden mit seiner Frau: sie vcrstcht's halt nicht bester, und wenn sie ihr Glück erst einmal in Zahlen ausdrücken kann, so wird das Wetter bei ihr desto freundlicher und beständiger werden, das versteht sich. (Fortsetzung folgt.) Ein verfehltes Leben. (Schluh) Die alte Frau gewahrte mein ehrfurchtsvolles Benehmen, und statt, — davon > geschmeichelt, nun nach ihren Aufträgen zu fragen, für die sie meine Bewunderung einernten mußte, wich sie diesem Gespräche sichtlich aus, und lenkte meine Aufmerksamkeit ^ ouf andere Sachen. Plötzlich stieß die in ihrem Käsig hausende Eule ihr abscheuliches ^ Geschrei aus. Die Kranke rief ihr begütigend freundlich zu und ich frug offen, „warum sie gerade ein so häßliches Thier sich zu ihrer Unterhaltung ausgesucht habe, — ein so lichtscheues?" Sie zuckte zusammen, ihre Augen schienen sich zu umflorcn. „Warum? ..." preßte sie langsam hervor, dann folgte ein tiefer Seufzer, und sie senkte den Kopf wie erschöpft auf die Brust und versank in Schweigen. „Mein Gott!" — rief ich erschrocken, „ich habe wohl damit irgend eine Saite i Ihres Herzens unangenehm berührt?" « „Nein, nein," — entgegnetc sie, „ich habe zu Ihnen ein eigenes Vertrauen gefaßt, ! vielleicht ist's gut, daß ich endlich Jemand meine Vergangenheit erzähle und Wunden ' berühre, die trotz der Länge der Zeit nicht heilen wollten ..." Ich blickte erwartungsvoll in ihr sehr bleiches Gesicht und sie begann: - „Wie Sie mich so sehen, alt, krank und häßlich, muß es Ihnen freilich sonderbar ! vorkommen, wenn ich Ihnen von Tagen erzähle, wo ich jung war und wo die schönsten Männer mir huldigten und mir ihr Herz zu Füßen legten." ! Ich wollte ihr entgegnen: „Auch jetzt noch, durch den dichten Schleier des Alters ^ gewahrt man, daß Sie einstmals schön gewesen sind." s Sie mochte aber meine Gedanken errathen haben, und fuhr rasch fort: „Man ! feierte meine Schönheit, und jetzt, da ich eine Ruine geworden, kann ich wohl ohne Eitelkeit davon erzählen; aber ich war jung und reich, zu früh in die große Welt getreten, s «nd die zahlreiche Bewunderung der Männerwelt verrückte mir das kleine, damals leere ^ ! 219 sind eitle Köpfchen. Ich schaukelte mich auf den gefährlichen Wellen der Gefallsucht mil einem Uebcrmuth, der seiner Strafe nicht entgehen konnte, und sie traf mich hart und fürchterlich." Die alte Frau schwieg und starrte lange vor sich hin. Endlich erhob sie den thränenfeuchten Blick. „Wie es mich angrinst, das häßliche alte Thier," begann sie wieder, beinahe furchtsam auf die Eule zeigend, die wieder ruhig mit geschlossenen Augen in ihrem Winkel brütete. „Ist es doch, als kenne sie meine ganze Schuld, meine Eitelkeit, mein ganzes vergangenes Leben, und doch ist es längst nicht mehr dasselbe Thier, das damals wie ein düsterer Nachtvogel in mein lichtes Sonnenlcben flatterte . . . Aber zum ewigen Mahnruf, der jede Eitelkeit in mir erstickt, der mich zum Besseren anspornt, halte ich mir dieses Thier und mit seinem Gekrächz dringt es schneidender in mein Herz, als die Stimme des härtesten Bußprcdigers. Doch, ich will Ihnen ja von meiner Zagend erzählen," fuhr sie mit bitterem Lächeln fort: „Lange hatte ich, nach ächter Kokcltenart, mein Herz vor jeder ersten Neigung zu bewahren gewußt, ich wollte froh und glücklich dahin flattern durch das Leben, wollte die junge Männerwelt um einen Blick meiner Augen, um das kleinste Zeichen meiner Gunst wetteifern sehen, und dazu brauchte ich vor Allem ein freies ungebundenes Herz. „Unter der Menge meiner Anbeter — nicht wahr? wie lächerlich klingt dies Wort in dem Munde einer alten Jungfrau," unterbrach sie sich selbst, „und doch ist's wahrlich nicht Eitelkeit, die mich von meinen Anbetern sprechen läßt, sondern ich muß es, — unter ihnen befanden sich zwei Brüder, die ganz besonders sich mir zu nähern — und meine Liebe zu erringen suchten. Der ältere, Arthur, war ein blühender, junger Man», voll Geist und Leben. Wie blitzten seine Augen, wie lächelte sein Mund! Ich sah ihn und zum ersten Male fühlte ich jene elektrische Strömung durch mein Herz zittern, die uns sagt: Ihm nur allein gehörst du zu eigen. Ich liebte ihn — und doch wollte es mein eitles, thörichtes Herz nicht gestehen, und auch mit ihm sein Spiel treiben. Der jüngere Bruder, Wolfgang, war ganz das Gegentheil von Arthur; blond, weich uud- Iräumerisch, wagte er kaum, sich mir zu nähern, und mich auch nur von fern anzubeten. „Ich fühlte nichts Mahlverwandtes zwischen mir und Wolfgang, mein Herz hatte längst für den Bruder entschieden, und doch trieb es mich dämonisch, gerade ihn, — den stillen, träumerischen Menschen aufzumuntern; ich wollte nur, — wie ich mir selbst schmeichelnd vorredete, — ihn aus seinen Träumereien und Idealen herausreißen und aus den Bodcu der Wirklichkeit versetzen, und ich Elende ..." Die Erzählerin hielt, überwältigt von der Macht der Erinnerungen, erschöpft innc, und fuhr erst nach langer, schmerzlicher Pause fort: „Doch ich greife der Zeit vor, und ermüde Sie recht mit den Schilderungen meines Treibens, das bei Koketten immer ein und dasselbe bleibt! Ich hatte mich verrechne!, ich kannte nicht das stolze Herz Arthurs, des älteren Bruders, der, anstatt von meiner Koketterie erwärmt zu werden, sich sichtlich von mir entfernte; und doch liebte er mich mL der ganzen Gluth seines jungen, feurigen Herzens, — das hatte ich wohl erkannt und herausgefühlt, denn das Auge der Liebe sieht scharf, es sieht mit dem Herzen! Anstatt dadurch gewarnt zu werden, wollte ich die Saiten noch höher spannen; mein Gott! — ich trieb mit dem armen Wolfgang ein schändliches, frevles Spiel. Er glaubte sich vo» mir geliebt, schien nur von einem Lächeln meines Mundes zu leben, — und jetzt wagtr ich schon nicht mehr, ihn aus seinen süßen Träumen gewaltsam aufzurütteln; ich wollte der Zeit überlassen, das Band zwischen uns allmählig zu lösen und aufzuheben." „Ich hatte von meinem Vater, der schon als Kind allen meinen Launen den Zügel schießen ließ, reiten gelernt, und mein größtes Vergnügen blieb es, mit einer glänzende« Cavalcade zu Pferde in der Umgegend umher zu schwärmen. „Eine Frau zu Pferde fühlt am besten, welchen Zauber sie auszuüben vermag! — Macht es den Mann stolz und kühn, dahin zu fliegen auf einem guten Noß, so wir!» das Weib vollends übermüthig und tausend tolle Gedanken schießen ihm durch den Kops. 220 Ich fand an meinen mich verehrenden Gefährten stets willige Vollstrecker meiner wildesten Launen und übermüthigsten Wünsche. Kein Baum war ihnen zu hoch, wenn cS galt, mir einen Vogel zu erhäschen, kein Fels unersteigbar, mir eine Blume zu verehren. „Wir waren eines Tages weiter als gewöhnlich in die Hügelreiche Landschaft hinausgejagt, und streckten uns dann ermüdet in das weiche Moos unter hohen Eichen, durch die das Sonnenlicht in tausend goldenen Punkten hindurchzitterte. Es war ein herrlicher Tag, — ein wunderbares Blau ruhte glockenhell über der Erdet O, ich fühle noch den ganzen Zauber dieser weichen, elastischen Luft, die sich schmeichelnd um meine Stirn legte, den Zauber dieses lauschigen Plätzchens, dieser Waldeinsamkeit, der ein reiches Entzücken in unsere Seele goß! . . . Am Waldessäume zog sich eine Hügelkette hin, die sich uns gegenüber zu einem höhern Felsen gipfelte, bis zu besten Fuße die Eichen ihren dunklen Schatten warfen. Unsere Pferde grasten in hübschen Gruppen, wir dünkten uns aus der Welt entflohene Ritter, die wunderliche Abenteuer zu bestehen hätten. Aber die stille, große Natur konnte nicht lange zu unsern, — das Geräusch des Stadtlcbens gewohnten Herzen sprechen. Wir vertrieben uns die Zeit mit Scherzen, und schwärmten von den bunten, phantastischen Tagen des Minnedicnstcs; bestand doch auch meine Umgebung anfahrenden Rittern, die sich dem Dienste einer Dame geweiht hatten. Da gewahrte ich plötzlich in einer Fclsenspaltc ein abscheulich häßliches Thier; ich zeigte hin, — und man rief von allen Seiten: Eine Eule, eine junge Eule! Ach, die möcht' ich haben, das wäre ja ganz etwas Besonderes, und mich im Kreise umsehend, frug ich lachend, fortgetrieben von dem eben gepflogenen Gespräch: Wer wagt es, NittcrSmann oder Knapp? Was wäre unser Lohn? entgcgnete man scherzend. „Den Lohn bestimme ich später, er soll ein königlicher sein! Ein Paar meiner Begleiter sprangen sogleich auf, und suchten auf einem Umwege die Höhe des Felsens zu erreichen, aber Wolfgang hatte mein letztes Wort kaum gehört, als er sich auch schon in gewohnter Schwärmerei zur direkten Erklimmung des steilen Felsens anschickte, um den Andern zuvorzukommen. Sein Bruder warf sich ihm abwehrend entgegen: Um Goltes- willen, laß die Tollheit! Dach Wolfgang stieß ihn unsanft zurück und rief erregt: Ah, du willst nur mein süßes Glück nicht gönnen! „Verletzt davon zog sich Arthur zurück und warf sich verstimmt und grollend abseits von uns unter einen Baum, während Wolfgang, allen klebrigen vorancilend, mit Geschick und Eifer den Felsen erklomm, das junge Thier, trotz seines Widerstandes, aus seiner Spalte zog, und es in sein Taschentuch hüllend, sich nun anschickte, mit ihm langsam herabzuklcttern. „Ich jubelte schon in meiner übermüthigen Laune dem glücklichen Fange entgegen, da hörte ... ich einen wilden Schmerzcnsschrei und, o Entsetzen, erblickte Wolfgang blutend am Boden. Er war durch das Halten des Thieres behindert, ausgegütten und zum Unglück auf einen scharfen Stein gefallen. Er war todt! ..." Die Hände der Erzählerin zitterten, ihre Lippen bebten, — eine Thräne nach der andern rollte über ihre welke Wange, und sie versank in ein tiefes Hinbrüten. Ich blickte erschüttert auf die alte Frau, der die finsterste Stunde ihres Lebens wieder so deutlich entsetzlich an der Seele vorüberzog, daß eS ihr daS ganze Herz zerschnitt. Ich bat sie tief bewegt, ihre Erzählung abzubrechen; sie aber achtete nicht auf mich, — und wiederholte mit lautloser, zitternder Stimme: „Er war todt." Dann fuhr sie leise fort, daß ich meinen Stuhl dem ihren näher rücken mußte, um sie zu hören: „Sein Bruder hatte ihn wanken sehen, von ihm kam der wilde Schmerzcnsschrei; er war auf Wolfgang zugestürzt und kniete bereits, als wir vor Entsetzen hineilten, an seiner Leiche. Es wagte Niemand ein Wort zu sprechen, und wir umstanden blaß und zum Tode erschrocken die Gruppe. „Aber es war ein fürchterlicher Anblick! Arthur hatte sich über die Leiche seine» Bruders gebeugt, und wischte ihm noch immer das Blnt von der Stirn, das dunkel 221 aus seiner tiefen Wunde strömte. Er schien uns nicht zu beachten im wilden Schmerz, um seinen Bruder ausgelöst, — den ich in den Tod geschickt und dem zu nahen ich nicht einmal wagte. „Der Todte hielt das Tuch noch fest in seiner linken Hand. Plötzlich begann das Thier darin sich zu bewegen und zu flattern. Arthur erwachte davon aus seinen Träumen, seinem Hinbrüten, sah mich. die Urheberin dieses Unglücks, händeringend stehen, — und es zuckte wild und dämonisch in ihm auf. Er zog das Thier aus dem Tuche, — schleuderte es mir zu Füßen und rief mit wuthersticktcr Stimme: „Elende, hier hast du deinen Lohn! Mag dich dies Thier gemahnen, ewig, unauslöschlich an deine Schuld, da du zwei Herzen gemordet. Ich fluche dir und deinem schnöden Treiben; ich hasse dich eben so tief, als ich dich einst geliebt; hinweg von dieser Leiche meines Bruders,— die du entweihest, fort, Mörderin!" — Betäubt, keines Wortes mächtig, schritt ich hinweg. Das Thier flatterte flügclgcbrochen zu meinen Füßen, ich hob es mechanisch auf. Auch in mir war etwas, ja Alles gebrochen; ich wagte nicht einmal mein Pferd zu besteigen, und ging allein zu Fuß zurück. Umstrahlt von Glück, vom Sonnengold der Freude, auf hohem Roß mit flatterndem Schleier, bewundert und gefeiert von Geführten war ich hinausgcschweist und — allein, arm und elend kehrte ich heim; — ein einziger Frosthauch hatte die Blüthcnwelt meines Lebens abgestreift, und daS so frische, rothe Blut wagte kaum noch trüb und kalt durch das Herz zu schleichen. Noch immer blauete derselbe lichtglänzcnde Himmel über mir, aber mein erstorbencs Auge fand ihn nicht mehr. Dieser einzige Gang halte mich zur Matrone gemacht, hatte ich doch mit einem Schlage Alles verloren. O mein Gott, mein Gott, und jetzt, da er mir geflucht, mich mit Abscheu von sich gestoßen, fühlte ich erst, wie heiß und unergründlich ich ihn geliebt. — Ich zog auS der großen Stadt hinweg und hierher ..." „Um hier ihre Schuld dadurch abzubüßen, daß sie geflissentlich den Haß und die Bosheit der Menschen auf sich herabziehen; das nenne ich ein Märtyrerthum!" — bemerkte ich. „Nein, nein," — cntgcgnetc sie, „eS ist ein Fluch; es fliehet, es haßt mich Alles, was mit mir in Berührung kommt, nur das Thier dort liebt mich, und doch ist es eine Geißel, die mich ewig peitscht. Und gestern war Freitag, Wolfgangß Todestag, darum bat ich Sie um diese Liebespflicht, weil ich selbst mein Gelöbniß nicht erfüllen konnte." Ich wollte die arme Frau trösten, sie beruhigen, ihr sagen, daß eine solche thatkräftige Reue, ein so stilles, schönes Wohlthun schon längst die Schuld gesühnt habe; sie lächelte bitter und reichte mir schweigend, wie zum Abschiede, die Hand, und ich entfernte mich tiefbewegt. DaS witde, häßliche Geschrei folgte mir nach. Acht Tage darauf trug man die arme Frau hinaus zu ihrer letzten Ruhestatt. — Sie halte ihr ganzes Vermögen einem Hospital vermacht. „Die Eule ist endlich todt," sagten lachend die Leute. Nur Arme folgten ihrem Sarge und weinten ihrer heimlichen Wohlthäterin einige Thränen nach. Sie hat jetzt Frieden — die arme Eule, und ihren „thörichten Jugendstreich" durch ein „verfehltes Leben" endlich gebüßt. Sei ihr die Erde leicht! Zur Geschichte der Steuern. Schon 1702 begegnen wir in Preußen der Kopfsteuer. Kein Stand war davon ausgeschlossen; selbst der Hof zahlte, wie auch heutzutage in England noch geschieht: der König jährlich 4000 Thlr., die Königen 2000, der Kronprinz 1000, die königliche« Brüdcr, je nach dem Grade, wie sie dem Throne am nächsten standen, 600 Thlr., LOS Thlr., 300 Thlr. Der gcsammte Militärstaud vom General-Fcldmarschall bis zum Stabs - Offizier mußte — wie grell im Gegensatze zu unsern heutigen Verhältnissen l «inen ganzen Monatssold entrichten. Bei weitem ant meisten kam aber dennoch, wie da- 222 gewöhnlich bei allen Auflagen der Fall ist, von den untern Volksklassen ein; jeder Hand- werksgesell mußte 12 Groschen, jeder Bauer 8—12 Groschen, ja sogar die Tagelohn verrichtenden Weiber vier Groschen an Kopfsteuer entrichten. Jede Jungfrau, die das wichtige Jahr zwanzig erreicht hatte, mußte, bis es ihr gelungen war, unter die Haube zu kommen, oder bis sie das vierzigste Lebensjahr erreicht hatte, 1 Thlr. an den Staats - Fiscus erlegen; das sollte zugleich zum Hcirathen ermuntern. Praktischer wäre es gewiß gewesen, den auch in unsern Tagen wieder aus's Tapet gebrachten Gedanken einer Hagestolzen - und Herbst - Gesellen - Steuer zu verwirklichen. Hand in Hand mit diesen Auflagen gingen verschiedene Luxus-Steuern. So eine „Carrofscn-Steuer", indeß blos für die Hauptstadt. Für Damen war eine „Fontangensteucr" erfunden, welche die. so einen Kopfputz trugen, mit 1 Thlr. jährlich entrichten mußten; ferner bestand eine Strumpf-, Schuh-, Stiefel-, Pantoffel- und Hutsteuer, für jedes Stück dieser Gegenstände mit einem Groschen jährlich zu entrichten. Unter die einträglichsten Steuern aber zählt die Perrücken-Stcucr. Sämmtliche Pcrrücken mußten mit spanischem Lack mar- kirt d. h. gestempelt werden. Das hatte gleichwohl nicht den erwarteten Erfolg, obschon man aus öffentlicher Straße nach Erlaubnißscheincn fragte und Personen, welche diese nicht vorzeigen konnten, die Perücke vom Kopfe riß. Deßhalb wurde verordnet: Hof- und S.aatödiencr bis zum General-Major hinab sollten von ihren Pcrrücken jährlich 2^ Thlr., die andern Beamten und Offiziere bis zum Major hinab 2 Thlr., alle bis zum Se rctär hinab 1 Thlr., alle übrigen Subaltern-Beamten, Kammerdiener, Kaufleute, Krämer und Bürger 16 Groschen, dann Handwerksgesellen, Lakaien und andere geringe Leute endlich V 2 Thlr. bezahlen. Außer den genannten Luxussteucrn begegnen wir noch manchen, mit denen man vorgeblich den Luxus besteuern wollte, aber in Wirklichkeit reelle Bedürfnisse traf. Dahin gehörten die auf den Genuß von Kaffee, Thee oder Chocolade gelegten, alljährlich mit zwei Thaler für jedes dieser Getränke abzuführenden Steuern. Friederich „der Große" ging bezüglich des Kaffee's noch weiter. Er theilte die Ansicht, daß der Kaffee schwäche und zum Soldatenstande untauglich mache; deßhalb monopolisirte er den Verkauf des Kaffee's, und nur die privilcgirten Stände, die adeligen Offiziere, Mitglieder der Landes - Collegien und Geistlichen durften selbst Kaffee brennen lassen. Eine fernere in Preußen lange Zeit übliche Auflage war die Prinzes- sinenstcuer, vom gcsammtcn Lande zu entrichten bei jeder Vcrhcirathung einer königlichen Prinzessin. Sie bcirug damals 20,000 Thlr. In Bayern besteuerte man, ganz im Gegensatze von König Fricderich I. von Preußen, unter Maximilian Joseph IN. (1745 — 1777) das Heirathen; „die Heirathslicenzen", wie sie genannt wurden, brachten jährlich 150,000 fl. ein. Vchse erzählt von einem Rcichsgrafcn, der ein Mal ein Bein gebrochen und zur Bestreitung der Kurkosten von seinen Unterthanen eine besondere „B einbruchs-Steuer" erhob, die auch nach völliger Wiederherstellung noch lange Jahre in Gebrauch geblieben. In einem andern deutschen Lande schrieb der Fürst eine allgemeine „Laxirsteuer" aus, die sogar vierteljährlich erhoben wurde. Jeder Bauer mußte vier Mal im Jahre zwei Loth Sclitzcr-Salz nehmen und sich mit seinem Scheine deßhalb bei seinem Schulzen legitimiern. (65. Vchse, Geschichte der deutschen Höfe, Band 48, pa^. 292). Noch toller trieb es Landgraf Friederich II. von Hcffcn- Kassel, der große Seelenverkäufer. Er erhob von seinen Unterthanen eine besondere Steuer für seine Maitressen u. Bastartc, einen eigens für diese bestimmten „Salz hell er". Der Einzige, der den Uebergrissm steuerte, war Kaiser Joseph U Er legte mehreren Fürsten das Handwerk gründlich, so z. B dem Fürsten Fricderich Karl von Ncuwied, dem er gebot, sich der willkürlichen Erhebung von Geldauflagcu, die dieser Duodez-Fürst unter dem naiven Titel „Allgemeine Landesnothdurft" sich zufließen ließ, zu enthalten und das zu viel Erhobene seinen klagenden Unterthanen zu erstatten. Ein der Nachahmung eben so würdiges als bedürftiges Beispiel. (Köln. Vztg.) 223 Eine katholische Schulseene rührendster und ergreifendster Art erzählt das Straubingcr Tagblatt aus Agums in Tyrol. Der Schullehrer in jenem tyrolischen Pfarrorte, Paul Nogglen, eben so tüchtig wie eifrig und von allen Schulkindern mit unbegränzter Anhänglichkeit geliebt, sank in eine gefährliche Lungenentzündung. Nun begannen die guten Kinder um die Genesung ihres unersetzbaren Lehres förmlich gegen den lieben Herrgott Sturm zu laufen. Schon am ersten Tag, an welchem sie Vakanz hatten, versammelten sie sich aus freiem Antriebe im Schulziminer und beteten für ihren kranken Lehrer. Nicht genug, sie zogen die ganze Pfarrgemeinde in ihr kindliches Anliegen hinein, indem sie für ihren heißgeliebten Lehrer das „allgemeine Gcbel" unter zwei sonntägigen Gottesdiensten abhalten ließen. Mit erfinderischer Liebe ordneten sie die Messe .,pro inkirmis" (für die Kranken) an, um dem gütigen Gott, den Herrn des Lebens, die Genesung ihres Lehrers abzuringen. Eigene Almosen legten sie aus ihren Sparbüchsen in die Opfcrstöcke der Pfarrei, und zuletzt drangen die liebenden himmclstttrmenden Schulkinder sogar in den Kooperator, mit ihnen den cinstündigen Krcuzgang zur MuttcrgvtteS von Tschenggls zu machen, bei welcher sie sich gemeinsam den gntcn Lehrer ausbatcn. Das tyrolische Pfarrvolk beobachtete mit Rührung und Freude die Schulkinder; „diese Gebete so vieler unschuldigen Kinder muß ja Gott doch erhören!" hieß es allgemein. Und wirklich: Pauj Nogglcr, der brave Lehrer, ist gerettet. Aber keine Feder beschreibt die innige Freude der Schulkinder und des Lehrers bei der ersten Zusammenkunft in der Schule, die vor ein paar Monaten erfolgt ist. Das Alles thaten die tyrolischen Schulkinder ganz aus eigenem Antriebe. Nun müßte einer schon sehr frostig geworden sein, wenn ihn solche Züge aus katholischen Volksschulen nicht innerlich rührten und befriedigten. Aber — vermöchte ein Mann aus der Münzstätte der „bayerischen Lehrerzeitung", in welchem die religiöse Wärme erloschen ist, eine so ächte, tiefe, cngelgleiche Schulkindcrliebc zu entflammen? Diese schöne Blume sproßt nur aus christlichem Boden. Ueber die Namie-Pflanze. * Ueber die Namie-Pflanze wird aus New-Iork Folgendes geschrieben: „Diese Pflanze wurde zuerst im Jahre 1844 von der Insel Java, ihrer Hcimath, nach Europa gebracht, erhielt den botanischen Namen „kloelimviiu t6nuei88ima" und erregte in Fabrikkreisen durch die Schönheit und große Festigkeit der Faser bedeutende Aufmerksammkeit. Man crmuthigte zur Ramie-Cultur in Ostmdien, und Quantitäten von dieser Pflanzenfaser treffen bereits jährlich in Europa ein, wo sie zu den feinsten Stoffen verarbeitet werden, die Leinen in jeder Beziehung übertreffen und au Glanz sich sogar mit Seidenstoffen messen können. Seitdem die Ramie im März 1867 nach den Ver: Staaten introducirt wurde, wandten Europäische Fabrikanten derselben erhöhte Aufmerksammkeit zu und dürfte die Ramie-Cultur namentlich für die Südstaaten von großem Vortheil sein, jedenfalls aber günstigere und sichere Resultate ergeben als die Cultur der Baumwolle, da sie den Witterungsciuflüsscn nicht wie jene ausgesczt, leichter und billiger anzubauen, und endlich eine perenuircnde Pflanze ist, die mindestens dreimal im Jahre geredtet i68p: geschnitten werden kann. Das Rohprodukt gilt jetzt oireu 10 Cents, die zubereitete Faser, welche durch die Zubereitung ungefähr die Hälfte an Gewicht verliert, oa 65 Cents Gold pur Pfund. Sandiger Boden ist am geeignetsten für die Cultur, und sollte derselbe zu einer gleichmäßigen Tiefe von 10 Zoll durch Pflügen wohl gelockert werden; die Wurzeln sind in einer Entfernung von je 6 Fuß zu pflanzen, die Ausläufer, wenn sie eine Länge von 3 bis 4 Fuß erreicht, ohne sie von der Stammwürze! gänzlich zu trennen, mit Erde zu bedecken, bis dieselben ebenfalls Wurzel geschlagen haben; erst dann sind dieselben herauszunehmen und von neuem zu stecken. Mit Ausnahme des Jätens vou Unkraut 224 erfordert die Cultur durchaus keim Arbeit. Ramie und China Gras werden, obwohl von zwei verschiedenen Pflanzen stammend (der Ramie von Looliineria tonsoissim» und China-Gras von der Uoeiimeriu neviu) in kaufmänischer Sprache gemeinschaftlich mit China-Gras bezeichnet. Die Versendung sollte sich zunächst auf das Rohprodukt beschränken, da für die Reinigung ein kostspieliger chemischer Proceß nothwendig, für den es bis jetzt an passenden Fabriken fehlt, doch wird binnen Kurzem mit dem Bau eines solchen, speciell für diesen Zweck einzurichtenden größeren Fabrik-Gebäudes in Ncw- Orleans begonnen werden." Miscellen. (Eine Schwalbengeschichte.) Man schreibt aus Genf: Vor einigen Tagen hatten wir hier ein für Zoologen höchst interessantes Schauspiel, welches wieder einen Beitrag zu der Rechtfertigung der Ansicht liefert, daß es den Thieren auch an Eombinationsgeist nicht fehlt. Unter dem Dache des Mctropolitanhotcls nisten einige Schwalben. Das Weibchen eines solchen Schwalben-Paarcs halte sich mit den Füßen in «inen Zwirnfadcn verwickelt, der, zwischen einem Fenster eingeklemmt — ini Winde hin- «nd herspielte, und sich dem Thiere wie eine Schlange um das Bein gelegt halte. Als das Schwalbenwcibchen nun durch Zappeln sich vergebens aus seinen Banden zu befreien suchte, kam das Männchen herbei, und Beide versuchten, aber umsonst, den Faden mit den Schnäbeln zu zerbeißen. Jetzt flog das Männchen fort, kehrte aber bald in Begleitung eines anderen Schwalben-Paares zurück. Die Thiere umkreisten die Gefangene zu verschiedenen Malen, setzten sich auf die Fensterbank und zwitscherten, als ob sie Kriegsrath hielten. Plötzlich packten alle drei den Faden mit den Krallen, und die Flügel ausstreckend, versuchten sie durch das Gewicht ihrer hängenden Körper das Band zu zerreißen. Dies Alles geschah im Angesichts einer großen Anzahl Neugieriger, welche vom .Jardin Lnglais" aus dem Schauspiel zusah. Endlich eilte ein Kellner des genannten Hotels in das obere Stockwerk, und als dieser den Faden mit einer Schcere zerschnitten hatte, flogen die Schwalben noch mehrere Male vor chem Kopf des Befreiers hin und her. Vielleicht um sich bei ihm zu bedanken, vielleicht glaubten die Thiere auch in ihm den Fallensteller zu sehen und sagten ihm Grobheiten. „Undank ist der Welt s'ohn." Der Kellner behauptet wenigstens, eine der Schwalben habe ihm zornig in's Gesicht fliegen wollen. Eine nobel gekleidete Dame begegnete auf der Straße einem Schusterjungen, der da schluchzte, daß ihn der Bock stieß. Von Mitleid bewegt, fragte sie den Knaben, was ihm denn geschehen sei, daß er so gar sehr weine? Der Schusterjunge: Ja schn's — der Meister hat mich mit seinem Schnupf- lüchel über's G'sicht g'haut. Die Dame: Sollte denn das Dir gar so wehe gethan haben? Schusterjunge: O mein Gnä-Frau, wenn mein Meister so a fein's Tüchel hütt', wie Sie, so hätt's nix g'macht. Aber der schneuzt sich in die Hand. Frage: Wer hat den tiefsten Keller? Antwort: -asmanhZ LZ(§ Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. tti-o. 29 18. Juli 1869. Angsbnrger Sonnta Wo Du den Weg nicht weißt, folg' einem sichrer Du; Doch, ob der Führer auch den Weg weiß, siehe zu! Der Habich und der Hättich als Geschäftsfreunde Viertes Kapitel. (Schluß) Weil er nun sein Glück doch auch selber gern mit Zahlen hätte ausdrücken mögen, so geht er also noch an demselben Abend in's Schulhaus, und bittet den Herrn Schulmeister um die Bemühung, ihm die Summe so ein wenig auszurechnen. Und daß eS keinen Irrthum geben kann, legt er ihm auch das Protokoll vor, das aus Respekt vor seiner Frau sammt den Wiener Würstchen noch in der Scitentasche stecken geblieben ist. Der Schulmeister muß anfänglich lachen: das wäre allerdings ein gespaßiger Handel, und gescheiter wär's wohl gewesen, Verkäufer und Käufer wären über eine bestimmte Summe miteinander eins geworden, vom Herrn Notar wär's unbegreiflich, daß er zum Abschluß solchen Geschäfts die Hand geboten hätte, — indeß der Nachtheil würde doch schwerlich auf des Hättich'S Seite sein. — Wie er aber ein Weilchen gerechnet hat, hält er auf einmal innc und spricht: Freund Hättich, um ein Paar hundert Gulden habt Ihr wahrscheinlich zu theuer gekauft, und ich fürchte, um ein Paar tausend; ich hätte selbst nicht gedacht, daß aus den Kreuzern durch die Verdoppelung solche Zahlen herauskommen sollten! — Und je länger er rechnet, desto nachdenklicher schüttelt er mit dem Kopf, so daß dem Hättich das Hcrzwasser zusammenlaufen und die Unkraft zugehen will. Er muß sich von der Frau Schulmeistern: einen Stuhl auskitten, und sitzt nun da — nicht anders als ein Delinquent, der sich das Todcsurtheil vorlesen lassen soll. Der Schulmeister schüttelt wieder mit dem Kopf — herüber und hinüber. Freund, spricht er endlich, und es wird ihm selbst beinahe flau dabei, entweder — ich habe mich verrechnet, oder ihr seid ein geschlagener Mann; laßt mich noch einmal von vorn an rechnen, ich will doch sicher gehen! — Er rechnet und rechnet, und schüttelt wieder; — eine lange Viertelstunde vergeht. Endlich steht er mit seinem Papier vom Tisch auf, — nimmt den Hättich bei der Hand und spricht: Freund Hättich, ihr dauert mich — und helf' euch Gott, daß euch der Schlag nicht rührt! Das Rittergut kommt euch theuer zu stehen, wißt ihr, wie theuer ihr das zwanzigste Grundstück bezahlen müßt? Um — um — — — 8738 st. 8 kr., und das ganze Gütchen kostet euch demnach die Kleinigkeit von — 17,476 st. 5 kr., mit Worten — sieb zehntausend vierhundert sechsundsicbzig Gulden fünf Kreuzer, — keinen Pfennig mehr und keinen weniger. Wenn der Habich auf dem Handel besteht, und das Landgericht schafft euch keine Hülfe, so sitzt ihr in einer Patsche, aus der man euch mit allem Dürrenseer Vorspann nicht herausziehen kann. — Was seid ihr aber auch so unbedacht gewesen, und habt euch den Betrag nicht vorher ausrechnen lasten: „Vorgethan und nachbedacht, hat Manchen in groß Leid gebracht." Im Anfang hat dem Hättich immer noch ein Hoffnungslicht geschienen, ein schwaches wenigstens. Der Schulmeister hat sich eben doch verrechnet: es sind nicht sicbenzehn- tausend Gulden, sondern siebentausend — oder nein, nicht siebentausend, sondern ebensoviel hundert, — wie sollen auch aus den erbärmlichen Kreuzern so viel tausend Gulden werden können! So thut ihm denn. der Schulmeister den Gefallen, nimmt die ganze 226 Rechnung von Anfang an noch einmal durch, und läßt den Hättich nachrechnen, wozu der freilich „römische Zahlen" braucht. Und richtig, der Schulmeister kommt an einen Fehler. Nur bleiben zum Unglück die 17,476 Gulden wie eine Mauer stehen, und — statt fünf Kreuzer wcrden's fünfzehn, so daß der Hättich einen Zorn auf die Kreuzer bekommt und sagt, nun wollt' er erst, daß es sechzehn wären, und seinetwegen könnten alle Kreuzer die Fettsucht oder die Schwindsucht kriegen. Nun komme ich mit meiner Erzählung freilich in Verlegenheit. Ich soll beschreiben, wie's dem Hättich zu Muth gewesen, und ich kann's doch nicht. Sein Entsetzen soll ich malen, und es fehlen mir doch die Farben dazu. Also muß ich mit einem Vergleich Rath schaffen. Mancher Patient denkt, und mancher Doctor leider auch: „viel hilft viel." Wenn also Einer, auf weise Anordnung seines Doctors, um Magen und Eingeweide auözukuriren, — den Absud von zehn Loth Senncsblättern tränke, vermischt mit einem halben Schoppen Rhabarbara-Tinktur, damit das aber desto gründlicher wirkt, noch die Auflösung von einem Viertelpfund Glaubersalz nachgösse; und wenn nun dieses Tränklein unter den Wcstcnknöpfcn zu rumoren anfinge, so daß Lunge und Leber, — Herz und Magen in Aufruhr kommen, alle Lebensgeister matt werden, der Patient nicht weiß, ob er sich oder den Doktor segnen soll, — — so ungefähr, freilich eben nur „ungefähr," so ist's über dem-heillosen Rechen-Exempel dem Hättich zu Muth geworden. Die Medicin hat in ihm grausam zu wirken angefangen, Seele und Geist, Sinn und Verstand wollen ihm aus dem Leim gehen, es nebelt ihm vor den Augen. Einer, der solch' eine Pferdskur angetreten, nimmt nun wohl etwas Stärkendes: er greift an ein Ricchfläschchen, oder sucht mit schwarzem Kaffee nachzuhelfen. So nimmt der Hättich seine Zuflucht zuerst auch noch zu einem letzten Trost. Der Schulmeister „muß" sich eben doch in den „Gulden verrechnet" haben, oder — er treibt seinen Spaß mit ihm, weil er weiß, daß er schwach im Rechnen ist. Wie er das aber dem Schulmeister eben sagen will — denn das Unglück reitet schnell — da klopft Jemand draußen an's Fenster, und der Wirthssohn fragt, ob der Herr Schulmeister den Handel zwischen dem Habich und Hättich erfahren hätte, im Wirthshaus wäre fast das ganze Dorf beisammen, sie hätten nachgerechnet und eine grausanie Summe herausgebracht, d'rum wär' er hergelaufen, um zu fragen, ob sie richtig gerechnet hätten, da auf dem Käsepapier hätt es Einer aufgeschrieben. Nun kommt es also noch darauf an, ob die beiderseitigen .Rechnungen zusammenstimmen. Und wieder steckt irgendwo ein RechnungSfchlcr, denn die im Wirthshaus haben wirklich statt fünfzehn „sechzehn Kreuzer" herausgebracht. — Leider stehen auch auf dem Käscpapicr geschrieben an Gulden 17,476. Nun wird's wohl vorbei sein, oder die ganze Welt ist gegen den Hättich in einer Verschwörung begriffen. Gut, daß der Mensch mehr Unglück als Glück ertragen kann. Der Hättich steht also auf, reicht dem Schulmeister die Hand, will ihm Dank sagen und heimgehen. Aber darüber fällt ihm doch das Herz vor die Füße, — und wie ihn der Schullehrcr so erbärmlich ansieht, so kommt ihn das Weinen an, er kann lange nicht aufhören, — so daß auch die Schulmeistcrin und ihre Magd mitweinen müssen. Da ist schwer trösten. Der Habich, meint der Schulmeister, wäre wohl nicht der Beste, schon manchen bösen Streich hätte er ausgeführt, und das Schlimmste wäre, daß der Handel schriftlich abgemacht wäre im Notariat. Aber mit allem Zorn und Acrger, mit Galle und Thränen wäre nichts gebessert. Er gäbe den Rath, einmal den nächsten Morgen abzuwarten, und dann es mit dem Habich in Güte zu versuchen; Jedermann in Dürrensee würde dabei auf seiner Seite stehen; der Habich bestände doch vielleicht nicht auf dem Handel, und wollte er sich nicht einreden lassen, so sei der Herr Landrichter auch noch da, zu solch' ungerechter Sache könne doch die hohe Obrigkeit nicht mithelfen. Das Alles leuchtet dem Hättich ein. Aber er ist gleichwohl schwer zu beruhigen. Die Zahl 17,476 klingt zu gräulich, für den Hättich wenigstens, der's doch mitsammt seiner langjährigen zweispännigcn Geizerei nicht Tausendweise wegzuschenken hat. Ein 227 Trost wäre ihm noch übrig geblieben, der einzige nachhaltige. Es hätte ihm Jemand sagen müssen: Siehst du, Freund, das hat so kommen müssen, damit du von deinem Gcldhunger kurirt wirst, die Arznei ist zwar stark und bitter, aber sie ist gut und sie kann dir heilsam werden. Indeß, einmal war jetzt Niemand da, ihm eine solche Buß- Predigt zu thun — der Schulmeister hatte wohl so was im Sinn, aber er meinte, es sei noch zu früh damit, ihm den Standpunkt klar zu machen, — dann zweitens, hätte diese Predigt jetzt wirklich schwerlich verfangen. Denn noch viel banger als über der bösen Zahl ward dem armen Käufer vor seiner — Frau. Wär' er nur erst einmal über die hinüber gewesen! Dann hätt' er im Nothfall wirklich sein bischen Hab' und Gut verkauft um den Habich zu bezahlen, hätte Stroh und Disteln gegessen, und'Wasser dazu getrunken. Aber die Frau, die Frau! Sie hatte ihn sogleich nach seiner Heimkunft so grimmig angeleuchtet, und da hatte sie doch vom Betrag der Kaufsumme selbst noch nichts gemußt. Er sah es kommen, — was für Ehrenbogen sie ihm mit Besen, Ofengabcln und andern nützlichen Gewächsen bauen, wie er vor ihr stehen würde, stumm, gegen ihre wohlverdienten Scheltworts Was ist also zu thun? Der gute Schulmeister kann's doch nicht auf sein Gewissen nehmen, daß der arme Gemeindepfleger von seiner Lebensgefährtin zu Pulver oder Brei zusammengestoßen wird. So erklärt er sich denn bereit, — an seiner Stelle das erste Gewitter zu bestehen, den Blitzableiter vorzustellen. — Kommst leider schon zu spät, du mitleidige Schulmcisterseele! Ein Paar naseweise Nachbarsöhne haben der Hättichin das Exempel und die Summe schon vorgelegt. Sie fährt in ihrer Stube bereits herum wie ein wahnsinniger Kehrbesen, wehe dem, der jetzt in ihre Mache kommt! Der Schulmeister ist kaum zu ihr hineingetreten, und hat etwas vom Zweck seines späten Zuspruchs laut werden lassen, so ist er auch schon mit einer Sturmfluth von Verwünschungen übergössen. Es wär' vor'm ganzen Landgericht Weisenstadt und Wurzenbach nicht zu verantworten, Frau und Kinder an so 'neu Lumpen wie der Habich zu verhandeln, sie hätt' es „ihrem" schon hundert Mal vorgezeigt, er wär' der größte Oelgötz' von der Welt, — aber geglaubt hätt' er's nicht, bis er's nun mit Händen greifen müsse. Der Schulmeister könnt' auch was Besseres thun, als über solch' einen liederlichen Hausvater noch die Hände halten, er solle lieber seine ungezogenen Schulbuben ausprügcln, damit wär' doch was genützt in der Welt; sie aber wollte mit „ihrem" schon allein fertig werden, da ließe sie sich von Niemand drein reden, und wenn der Pfarrer selbst käme! Sie hat noch lange fortgezankt — und es hat dabei einen Hagel von bitterbösen Redensarten abgesetzt. Wer will auch den Faden abschneiden, den eine böse Frau im Zorn zu spinnen angefangen. Der Schulmeister versucht bald von der einen, bald von der andern Seite etwas zu ihrer Beruhigung zu sagen. Wie er aber sieht, daß er damit nur Oel in's Feuer gießt, so greift er endlich nach der Thür und gibt „gute Nacht." Dem Hättich braucht er nicht lange Bericht abzustatten, denn der hat Alles — Wort für Wort — mit angehört, er weiß, wie viel die Uhr geschlagen hat. Wo warst du denn während des Unwetters, armer Gemeindepflcger? Ach, du hast ganz demüthig draußen gestanden der Hausthür gegenüber, am Scheunenthor, und deine Kniee und Waden haben geschlottert. Es ist dabei stockfinster geworden und am Himmel wettcrleuchtct's So thut denn der Schulmeister noch einmal Barmherzigkeit an der leidenden Menschheit: erbietet dem Hättich für diese Nacht ein Bett an in seiner obern Stube. Der Hättich trägt jedoch Bedenken, die Gefälligkeit anzunehmen, das hätte ein neues Ungewitter bei sciner Frau geben können. So dankt er noch einmal für alle geleistete Gefälligkeit, geht ganz sachte auf den Heuboden, und tröstet sich, da er nicht schlafen kann, einstweilen mit den Mäusen da oben, die vor der Katze mcht sicher sind. Das Heu ist weich, aber Schlaf will nicht in seine Augen kommen. Denn bald muß er zürnen über den Habich, bald ärgert er sich über sich selbst, bald sorgt er sich wegen der Zukunft ab, bald bangt ihm vor den bösen Dürrenseer Zungen, und wie er des Handels wegen von aller Welt L>polt 228 zu leiden haben wird. Wenn aber ja ein Schlummer auf ihn niedersinken will, — so träumt ihm entweder von feiner Frau und ihren langen Fingernageln, oder vorn Habich, der ihm aus der Extrapost heraus einen Zettel entgegenhält und eine himmellange Zahl darauf, so daß er zusammenfährt und wieder wach wird. Endlich früh nach dem ersten Hahnenruf ist er dennoch ein wenig eingeschlafen. — Der Frau aber ist es um ihre Hälfte doch leid geworden, hatte er sich in der Angst etwa gar ein Leid angethan, oder wollte er sich eines anthun? So steht sie denn auf, zündet die große Stall-Laterne an, durchsucht das ganze Haus, — ruft überall leise: „Hättich, Hättich!" — sucht im Stall und in der Scheune, und wie sie endlich des Schläfers auf seinem Heulager ansichtig wird, eS ist darüber schon ein wenig hell geworden, und sie sieht, wie er so blaß daliegt, und vor Herzensangst sind ihm die Backen eingefallen und die Augen weit in ihre Höhlen zurückgetreten, so geht in ihrer Witterung doch auch etwas vor: der Ingrimm weicht, das Mitleid will Herr werden, die Sorge um die böse Zahl tritt in den Hintergrund zurück, die schweren Wolken ihres Gemüths entladen sich in einer Thränenfluth. Sie fängt so jämmerlich zu weinen an, daß ihr Hättich davon erwacht. Ahn rühren die Thränen seiner Frau nun auch wieder, und es haben dann die Beiden mit einander geweint, wie ein Paar Kinder, die nichts zu essen haben, erst auf dem Heuboden, daß die Nachbarn davon aufgewacht sind, dann in der Stube. Schließlich hat die Frau an ihren sorgenvollen Mann einen „schwarzen Kaffee" gewendet und selber mitgetrunken; von den Wiener Würstchen hat sie eins gegessen und er auch eins. Bei ihm hätte sie den Luxus freilich sparen können, denn ihm war's jetzt wie Einem, dem nach scharfem Winterwcttcr die Februar-Sonne warm auf den Rücken scheint. Ueber'm Trinken aber ist ihm ein vergessener Bibelspruch eingefallen: „Der Geiz ist eine Wurzel alles Uebels, welches hat Etliche gelüstet — und sind vom Glauben irre gegangen, und machen ihnen selbst viele Schmerzen." (Forts, f.) Eine Schlau genscene. Aus dem Tagebuche eines Soldaten, der in dem letzten amerikanischen Kriege dem General Sherman auf seinem langen, mühevollen Marsche von den Ufern des Mississippi bis Savannah am atlantischen Ocean folgte, bringt der New-Aork Tadlet eine schaudererregende Erzählung: „Wir hatten," so schreibt der Soldat, „den ganzen Tag in einer brennenden Sonnenhitze marschirt. Dichte Staubwolken verdunkelten die Atmosphäre und erstickten uns fast. Doch beseelt durch den Muth unseres tapferen Generals, dessen Geist einem jeden seiner Soldaten eingehaucht schien, — strengten wir alle Kräfte an, um die Tausende sich uns entgegenstellenden Schwierigkeiten zu überwinden. Man mag sich aus der Beschreibung meiner Person ein Bild meiner Kameraden machen. Mein Käppi war beschmutzt und zerrissen; mein Bart in Unordnung, so wie mein Haupthaar, das seit einer Woche nicht mehr gekämmt worden, voll Staub und Ungeziefer. Meine Augen waren durch die Sonnenstrahlen entzündet und meine Schläfe pochten wie im Fieber. — Der Tornister, auf dem die Büchse lag, drückte meine Schultern. Das Blut durchströmte wie Feuer meine Adern, und meine Füße waren von so vielen Meilen Marsch zerrissen. — Meine braven Kameraden waren in nicht besseren! Zustande. Manche waren auf dem langen Marsche in Folge eines Sonnenstiches oder übermenschlicher Anstrengung todt hingefallen. Oft durchschritten wir ein Gehölz, und wie freuten wir unS, in seinen Schatten ausruhen zu können, — oder wenigstens erfrischt zu werden. Eben ! hatten wir ein solches wieder verlassen, als wir in eine weite Ebene traten, welche in einiger Entfernung an einen Sumpf stieß, in dem sich zahlreiche Reptilien badeten und ihren häßlichen Kopf aus dem Wasser reckten, um die sie umgebenden Miasmen einzu- athmen. Von Zeit zu Zeit bemerkten wir eine große schwarze Schlange, eine Otter oder eine Viper durch das Gestrüppe kriechen. Als wir uns einem fast ausgetrockneten Moraste näherten, erhob sich eine ungeheure Schlange in demselben, die ihre Kiefer aufriß und zuklappte, und ein unheimliches Gezische ausstieß, als habe sie jene fremden Gestalten, welche ihre Einsamkeit störten, erschrecken wollen. Doch immer vorwärts ging es mit uns. Shermanu setzte seinen siegreichen Marsch bis zum Meere unaufhaltsam fort, und weder Wald noch Sumpf, noch Fluß noch Ebene oder Berge vermochten ihn zu hemmen. Gegen die Neige jenes Tages, von dem ich vorhin redete, blieben mehrere unseres Corps zurück. Auch ich gehörte zu denselben. Ich war nicht im Stande, mich weiter fortzuschleppen, und als die Nacht hereingebrochen, war unser Gros uns schon eine bis zwei Meilen voraus. Da ich den Ueberfall irgend eines wilden Thieres fürchtete, wenn ich auf der Erde einschlafen sollte, suchte ich ein ziemlich nahe gelegenes Gehölz zu erreichen, nahm einen Schluck Brandy aus meiner Feldflasche und erkletterte einen ziemlich hohen Baum, der am Wege stand, nicht weit von einem Sumpfe entfernt, in dem eine Menge Schilfbüschel und Köcher staguircnden Wassers sich abwechselten. Ich machte mir Aeste und Zweige zurecht, und nachdem ich die nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen, einen Fall zu verhindern, bereitete ich mich zum Schlafe. Doch ich vermochte Anfangs nicht einzuschlafen. Aümählig beruhigten sich meine Nerven, meine Augenlider senkten sich und unbewußt hielt mich bald ein erquickender Schlummer umfangen. — Ich mochte einige Stunden geschlafen haben, —- als ein bitteres Jammergeschrei vom Fuße meines Baumes mich aufschreckte. Ich sah hinab und war Zeuge einer furchtbaren Scene, die ich in meinem Leben nie vergessen werde, und deren Erinnerung mich noch zittern macht. Einer meiner Kameraden wurde bei lebendigem Leibe von den Schlangen verzehrt. — Er mußte auch den Versuch gemacht haben, auf den Baum zu steigen, aber erschöpft zurückgefallen sein. Welch' ein Schauspiel! Der Mond schien in voller Klarheit und beleuchtete den Sumpf, der von Uugethümen zu wimmeln schien. In dichter Reihe von allen Farben kamen sie heran und näherten sich ihrer Beute, und ihre Schwänze schlugen auf und nieder — und glänzten schwarz, grün, gefleckt und kupferfarben. Mein armer Kamerad, der so vielen Kämpfen Trotz geboten und so manche Meile durchschritten hatte, wurde nun das Opfer dieser Bestien. Ein halbes Dutzend kleinerer, lang und rund wie ein Arm, mit breiten Kiefern, verzehrten seinen Kopf, Augen und Ohren waren schon verschwunden, und er wand sich unter seinem letzten Lebenshauchc. Eine größere dunkle, von der Länge eines Mannes, hatte sich durch die Kleider in den Unterkörper eingebohrt, und ungefähr ein Dutzend anderer derselben Art begannen ihr scheußliches Mahl an Füßen, Beinen und wo immer sie ankommen konnten. Man glaubte eine Schaar kriechender Geier zu sehen, die den Körper des Unglücklichen bedeckten, — sich drehten und wandten und zischten. Ein abscheulicher Anblick, der bei Weitem größeres Entsetzen einflößte, wie ein gewöhnlich in Verwesung begriffener Leichnam mit seinen Myriaden von Würmern. Ich versuchte mich zu rühren und einen Schrei auszustoßen; aber der Schrecken hatte mich fast gelähmt. Krampfhaft griff ich nach meiner Büchse und feuerte in die Masse hinein. Eine gewaltige Schlange wand sich tödtlich getroffen hin und her. Im Nu stürzte eine Menge anderer über dieselbe, ohne Zweifel angelockt durch den Geruch des Fleisches, womit sie sich gemästet hatte, und begann hier eine neue Mahlzeit. Es kam mir vor, als habe die Menge der aus dem Sumpfe und dem Gehölze herbeieilenden Schlangen kein Ende. Von allen Seiten vernahm ich Gezisch, Geräusch und Geklapper. Ich lud wieder und feuerte zum zweiten Male, um wenigstens meinen Kameraden zu rächen, so viel es in meiner Macht stand. Wieder wurde ein Ungeheuer gctödtet und das furchtbare Bankett fand neue Nahrung und wurde fortgesetzt. Selbst die Blutlachen meines Kameraden wurden aufgesogen, um den letzten Tropfen Blut kämpften die Bestien, so lange auch noch ein Fetzen Fleisch zu verzehren war, bissen sie sich nach allen Seiten, bis zuletzt die im Kampfe Erlegencn der Gegenstand ihrer Gier wurden. Ich konnte meine Augen von dieser Scene nicht abwenden und wollte den Ausgang sehen. Ihr Gezische, ihre raschen Bewegungen, die wogenden Linien, welche ihre glatten und ge- schmeidigen Körper in dieser unentwirrbaren Masse bildeten, sind weder zu beschreiben, noch mit dem Pinsel wieder zu geben. Ueber eine Stunde sah ich diesem Schlangenkampfe zu, als mir der Gedanke aufstieg, daß dieselben mich auch entdecken könnten, und was mir dann bevorstehen würde. Mehr als ein stechendes Auge hatte sich schon nach dem Baume gewandt, als ich Feuer gab. Und wirklich, ein Angriff auf mich sollte nahe genug heranrücken. Eine mächtige Schlange hatte einen kleinen Nest meines Kameraden erhäscht, als die anderen ihr denselben streitig machen wollten. Um ihnen zu entgehen, wirft sie sich auf den Baum zu, schwingt sich um dessen Stamm, und beginnt in raschen Windungen hinauf zu klettern, gefolgt von einer Menge anderer. Sie kam mir näher, bog aber ihren Kopf gegen ihre Feinde zurück; die Windungen ihres glatten Körpers glichen einer Metallkette, welche die Knoten des Stammes umschlang. Ein Theil ihrer Beute entfiel ihr, so rasch waren ihre Drehungen und Bewegungen. Ich glaubte mich verloren. Meinen Säbel riß ich aus meiner Scheide. Der Ast, der meine Hauptstütze bildete, war bereits von ihr erreicht; ein Schlag, und ihr Kopf war von ihrem Rumpfe getrennt. Schwer siel ihre Masse zur Erde und riß die andere», die ihr gefolgt, mit hinab. Ich sah ihren häßlichen Kopf noch über die Erde rollen, und Blut und Geifer aus ihrem Maule fließen. Doch, nun war ich gerettet, denn die Aufmerksamkeit der übrigen Ungeheuer war von mir abgelenkt. Sie begannen bald, sich nach dem Sumpfe und dem Gehölze zurückzuziehen. Ich hörte mit freudigem Zittern das sich entfernende Geraschel im Laube, und das Geplatsche des Wassers der Pfützen des Sumpfes, in welches sie sich hineinstürzten. Alles wurde still; aber hinabzusteigen, ehe es Tag war, wagte ich nicht. Kaum sandte die Sonne ihre ersten Strahlen, da machte ich mich, die Büchse zum Schusse geladen, und den bloßen Säbel zwischen meinen Zähnen, hinab zu den Gebeinen meines unglücklichen Kameraden. Ich floh, denn ich konnte diesen Anblick nicht länger ertragen. Bei jedem Schritte, den ich machte, glaubte ich eine Legion jener Ungeheuer auf meiner Verfolgung. Ich begegnete jedoch bald einer Rciterabthcilung, welche die Nachzügler zusammen suchen sollte, und diese brachte mich in einem furchtbaren Zustande körperlicher und geistiger Erschöpfung in's Lager. Oft habe ich diese furchtbare Episode unseres Marsches meinen Kameraden erzählt, aber ich glaube, die Hölle mit all' ihren Schrecken könnte nicht einen schrecklicheren, tieferen Eindruck auf mich machen, als diese „Vernichtung" meines Kameraden an einem Sumpfe in Süd-Carolina." Der Moorrauch. Ostsriesland, im Juui. Am 5 Mai d. I. hatten wir hier den ersten der Tage, die weder dem Aesthetiker nachdem Asthmatiker gefallen; den ersten der Tage, der den blauen Himmel mit einem schmutzig gelben Nebel bedeckt und die Luft bald derartig damit anfüllt, daß man nur einigermaßen entfernte Gegenstände kaum zu unterscheiden vermag, der die Sonne erst citroncngclb, dann orange und endlich bluthroth erscheinen läßt. Nase und Augen verspüren einen brandigen, scharfen Geruch. — Das ist die Erscheinung, die den Naturforschern so lange Zeit eine Nase gedreht hat, daß sie sich in den albernsten Hypothesen ergingen. Daß man . das Kind des eigenen Landes in Amerika suchen zu müssen glaubte, war bei dem Streben, Alles „weit her" zu holen, noch einigermaßen zu ent chuldigen. Aber auf der Versammlung der Naturforscher zu Wien im Jahre 1856 sprachen sich noch verschiedene Gelehrte dahin aus, daß dieses Phänomen bislang unerklärlich sei, ja, im Jahre 1858 stellte Alex. Müller in der Akademie der Wissenschaften zu Stockholm die Behauptung auf, der Moorrauch (Höherauch, Heerauch rc.) entstehe daraus, daß die Luft durch „Lufttröpfchen", das sind veränderte Theilchen der atmosphärischen Lust, trübe geworden; diese Tröpfchen brächen das Licht anders, als 231 die umgebende Luft, wobei er sich auf die scheinbar zitternden Bewegungen beruft, die man wahrnimmt, wenn erwärmte Luft sich bei ihrer Aufsteigung mit kälterer vermischt. Andere fanden die Erscheinung in einem zersetzten Gewitter begründet und noch Andere sahen nur abgefallene Komcteuschwänze darin, und ein Bremer hat einmal gesagt, die Moorbrenner seien keine Menschen, sondern Ungeheuer und er sähe keine Nothwendigkeit ein, daß sie existiren müßten. Letztere Frage ist besonders im vorigen Jahre mehrfach erörtert, ohne daß eine Lösung herbeigeführt wäre Diese wird auch so bald noch nicht kommen, denn die Versuche, die das Moorbrennen ersetzen wollen, liegen theils noch in den Windeln, theils sind sie noch nicht geboren. Sehen wir uns die Sache etwas genauer an. Eine größere Moorfläche bietet nicht viel Einladendes, vielmehr ist ihr Anblick traurig und öde. Man sieht und hört hier nicht das freudige Schassen und Treiben arbeitsamer Menschen, hört nicht das Wiehern der Pferde, das Brüllen des Rindviehes, den Gesang munterer Vögel, das Jauchzen und Lärmen einer frohen Kinderschaar, nur das Rauschen gelbgrüncr Binsen und leichcn- blasser Riedgräser, so wie das Klagen eines vereinzelten Moorhnhncs unterbricht die trostlose Ocde. In stundenweiter Umgebung findet man weder Baum noch Strauch, noch weniger eine menschliche Gestalt, nur dürres Haidckraut und graues MooS starrt den einsamen Wanderer an, der diesen trüglichcn Boden betritt. Dergleichen kleinere und größere Bodcnflächcu haben wir im Nordwcsten Deutschlands, sowie in Holland, nicht geringe. Wir unterscheiden die Moore in Hoch- und Leedmoore, letzere sind bereits abgegraben und werden vorzugsweise durch Brennen kul- tivirt, erstere befinden sich noch im jungfräulichen Zustande. Man säet auf die abgegrabenen Moore in den ersten Jahren nur Buchweizen, mißräth eine solche Ernte, so sind Bewohner unk Anwohner des Moores Verhältnissen ausgesetzt, wie denen, die das Mißrathcn der Kartoffel in Irland und im Erzgebirge hervorruft. Soll ein bis dahin noch wüstes Moor zum Buchweizenbau eingerichtet werden, so ist vor allen Dingen auf gute Abwässcrung Bedacht zu nehmen. Man zieht in gewissen Entfernungen Grüben und bringt die gewonnene Erde in Haufen, durch die der Wind spielen kann. Dies geschieht im Herbst. Im Monate Mai, wenn die größten Feinde des weiblichen Buchweizen, die Nachtfröste, nicht mehr zu befürchten sind, wird Feuer in jene Haufen gebracht und die brennenden Theile werden nun gegen den Wind über den ganzen Acker geworfen, wodurch auch alle am Boden liegenden Klöße entzündet werden. Denn darauf eben beruht das Gelingen der Arbeit. Die Erhitzung des Bodens ist der eigentlich befruchtende Faktor, durch das Brennen muß dem Boden die die Vegetation hindernde Säure entzogen werden. Die Asche allein würde wenig nützen. Mitten in diesem Feuer, in diesem höllischen Rauche, steht nun der Moorbaucr in starken Stiefcl-Holzschuhen und wirft mittelst einer langgestielten, alten, durchlöcherten Pfännkuchcnpfanne die brennenden Stücke dahin, wo es Noth thut, lockert das Ganze von Zeit zu Zeit wieder auf und wirft die glimmenden Stücke stets gegen den Wind. Zugleich hat er darauf zu achten, daß der Boden nirgends in Flammen geräth, sondern nur gelinde brennt und schmaucht. Selten ist das Moor so trocken, daß solches ohne menschliche Hilfe weiter brennt, und deßhalb verläßt auch der Moorbrenncr gegen Abend schweißtriefend seine saure Arbeit, solche am nächsten Morgen wieder fortzusetzen. In einzelnen Fällen kommt ihm aber doch das Feuer aus der Gewalt, und wenn alsdann ein starker Wind das Feuer vor sich Peitscht, dann entstehen zuweilen Brände, die mit Hilfe einer ordentlichen Dosis Phantasie an die Prairiebrände Amerika's erinnern. Noch vor wenigen Jahren wurde auf diese Weise auf dem großen Fchn eine bedeutende Strecke verwüstet, und sogar sieben Wohnungen wurden eine Beute des Feuers. Daß auf diese Weise in Ostfricslaud und Umgebung eine ansehnliche Masse Rauch erzeugt wird, bedarf keines Beweises. Es werden etwa 50,000 Morgen Moor gebrannt und die Asche bedeckt durchschnittlich in einer Höhe von 1^/^ Centimeter den Boden. Über dem 25 232 Ouadratmeilcn großen bourtangcr Moore betrug wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge während des Brennens die Höhe der Rauchinasse 9 -10,000 Fuß; diese ganze Luftschicht war alles mit dichtem Rauche angefüllt, und Dr. Fink hat berechnet, daß an 25 Moor- Rauchtagen 73 Millionen Pfund Rauch produzirt werden. Es hängt eben vom Winde ab, — wer nach uns mit diesem Rauche gesegnet werden soll. Im Jahre 1857 begann man bei einem ziemlich starken nordöstlichen Winde hier am 6. Bkai mit dem Brennen. Schon am folgenden Tage zeigte sich der Moorrauch in Utrecht, etwas später, als der Wind mehr östlicher geworden war, schweifte derselbe über Lccuwardcn nach dem Heller und besuchte bis zum 15tcn das Meer. Nun wurde der Wind nordwestlich, der Moorrauch kam vom Meere zurück und erreichte am 16ten wieder Utrecht und etwas später auch Nymwcgen. Am 16ten und an den folgenden Tagen sah man ihn auch in Hannover, Münster, Köln, Bonn, Frankfurt; am 17ten war er schon nach Wien vorgedrungen, erreichte am 18ten Dresden, und am 19ten Krakau. Nicht selten führt der Wind den Moorrauch über See nach England, seltener gewahrt man ihn in der Schweiz, wo er aber doch mehrfach zu Schaffhausen, Zürich, Basel und Genf wahrgenommen wurde. Wahrscheinlich ist dies seine äußerste südliche Grenze, da ihm wohl die Alpen ein „bis hiehcr und nicht weiter" zurufen. Daß der Moorrauch unangenehm und lästig ist, das unterschreiben wir Ostfriesen aus vollster Seele. Je nach der Windrichtung haben wir außer unserem eigenen, bald den holländischen, bald den oldenburgischen, bald den westphälischcn Moorrauch, — aber trotzdem fällt es hier keinem Menschen ein, das Verbot des Moorbrcnncns zu befürworten, weil wir Alle wissen, daß ein solches Verbot Tausende von fleißigen Arbeitern an den „Bettelstab" oder „über's Meer" jagen würde. Wir hoffen allerdings, daß es Gegnern des Moorbrennens dann gelingen werde, ein darauf bezügliches Verbot zu erwirken, wenn es der Theorie und Praxis gelungen ist, ein hinreichendes Acquivalent in Anwendung zu bringen. Ob das jetzt in Arembcrg - Meppcn und sonst verwandte Kali sich bewähren wird, ist zur Zeit noch durchaus unentschieden. Außer dem Besprochenen hat man gegen den Moorrauch ein ganzes Heer Anklagen erhoben, die, wenn sie nur halb wahr wären, ein „Verbot" dringend erheischen würden. Er soll der Gesundheit nachteilig sein, Regen und Gewitter zurückhalten, Wind erzeugen, Nachtfröste befördern, die Haarmücke mit sich führen, nachteilig auf die Weinernte wirken u. s. w. Aber alle diese Anklagen sind nicht zu beweisen. Wir hoffen, daß das Moorbrenncn ein baldiges Ende haben möge, wünschen aber, daß vorher unseren Moorbaucrn Mittel und Wege gezeigt werden, auf andere Weise sich ihren Acker dienstbar zu machen. Versteht die Wissenschaft das, so werden mir Ostfricsen ihr auch nach dieser Seite hin zu bedeutendem Danke verpflichtet sein. *) Der Herr Verfasser sucht alle diese Klagen über den Hecrrauch zu widerlegen. Er bemerkt z. V. über die angebliche Schädlichkeit für den Weinbau: „Berichtet doch ini Jahre 1826 die Regierung zu Trier an den König, daß der Moorrauch auf den Weinbau einen ganz entschieden nachteiligen Einfluß ausübe, ärger als jede andere Wittcrungs Erscheinung. Die Erfahrung hat diese Belchuloigung in ihr Nichts aufgelöst; denn in keinem Jahre wurde das Rheinthal stärker vom Movrranche heimgesucht, als 1858, und in diesem Jahre fiel die Weinlese >o günstig aus, daß alle Hoffnungen überstiegen wurden." (Im Verhöre.) „Angeklagter, Ihr seid schon sieben Mal verurthcilt worden. Gebt Ihr das zu?" — „Ja wohl, Herr Präsident, allein ich lege kein großes Gewicht darauf!" Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. ^ro. 30. Augsburger 25. Juli 186g onntags-BIatt. Eine liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn reich, indem er sich einen Schatz der Erinnerung au gleichgültigen Dingen dadurch anhäuft. Göthe. Der Habich und der Hättich als Geschäftsfreunde Fünftes Kapitel. Eine theure Zeche und was für Verdienste dabei der berühmte Nechtsgelchrtc Wachsnastus gehabt. In allen Häusern von Dürrcnsee war an jenem Morgen böses Wetter, nur beim Habich nicht. So in's Große hatte der seine einfältigen Streiche doch noch nicht getrieben. Der Hättich war freilich ein Geizkragen, das konnte ihm in ganz Dürrensee und Umgegend Jedermann bezeugen, obwohl die guten Dürrensee'r darin meist im gleichen Spital mit ihm lagen. Aber sonst war er doch eine ehrliche Haut, Niemand hatte ihm etwas Böses nachzusagen. War's nicht schändlich von dem Nichtsnutz, dem Habich, — ihn mit dem einfältigen Rechen-Exempel so hinter's Licht zu führen? Ueber dem Handel konnte der Hättich ja um sein Vermögen kommen, und was sollte daraus werden, wenn der Habich einmal so viel Glück mit seiner Büberei machte, so viel Geld in die Hände bekam? Also berief der Schultheiß, es war ein tapferer, wackerer Dorfsmonarch, den ganzen Gemeinderath. Bald war ein Beschluß gefaßt; die Männer wollten den Habich vorsortiern, ihm seine Schlechtigkeit mit einem guten Scheuerlappen einreiben, ihm erklären: „Euern dummen Handel leiden wir von Gemeinde wegen nicht! " Aber man muß den Spatz nicht eher würgen, als bis man ihn beim Schwanz erwischt hat. Der Gemeinde-Diener war sogleich ausgesandt worden, den Delinquenten beizuschaffen, aber siehe da, das Nest war leer. Sonst hielt es der Habich mit einem gründlichen Morgenschlaf, dicßmal hatte er Lunten gerochen, die Nachbarn hatten ihn in aller Frühe vom Haus gehen sehen; Niemand wußte, wohin er gerathen war. Erst am späten Abend war es thunlich, ihm in des Schulzen Haus einen Zwangspaß auszustellen. Gefangen war der Vogel darum noch nicht; Schultheiß und Beisitzer im Dorfs- Gericht hatten einen schweren Stand mit dem Habich. Anfänglich versucht er die Männer durch allerlei Grimassen und andere Albernheiten in's Lachen zu bringen. Wie sie aber keinen Spaß verstehen wollten, im Gegentheil, ihn um die Wette abkanzelten, und für seine Schlechtigkeit salbten, wie er's verdiente: er hätte sein Lebtag nichts getaugt und es wär' ein Unglück für ihn gewesen, daß er nicht vom ersten Tag seiner Mündigkeit an einen Vormund gehabt hätte, — da stellt sich der Bursch auf die Hinterfüße, macht Männchen und thut der Gemeinde-Obrigkeit eine Predigt, die ihre Zuhörerschaft wenig befriedigt haben muß, denn der Schultheiß drohte ihm nicht bloß mit einer Geldstrafe, sondern auch mit dem Loch im Landgericht, dessen Fenster hinten auf den Hof hinausgeht. Komparent blieb indeß dabei, es träfe in der Sache ihn kein Vorwarf, sie sollten lieber den Hättich in's Gebet nehmen: der wäre doch Manns genug, um einen Kauf abzuschließen; sollte aber der Handel, der doch vor'm Notariat abgeschlossen wäre, dem hohen Rath zu Ehren wieder rückwärts gehen, so brauchte der Hättich einen Vormund und nicht der Habich, er wollte auch im Landgericht darauf antragen, und es wär' eine schöne Wirthschaft in Dürrensee, daß sie einen zum Pfleger setzten, der erst bei seiner 234 Frau das Einmaleins borgen müßte. Was das aber für eine Wirthschaft im Land geben sollte, wenn Einer mit Vortheil sein Eigenthum veräußern könnte, und jeder Narr dürfte sagen: „da will ich auch erst gefragt sein!" Wenn einmal der Schultheiß seine großen Besitzungen verkaufen wollte, seinetwegen für sieben Batzen und acht lose Heller, so thät' er auch Protestiren und er wollte einmal sehen, ob das nicht Geltung hätte! — Kurz, es war dem Habich schwer beizukommen; auch damit war nichts ausgerichtet, daß ihn Einer fragte, wie er denn solch' eine Uebervorthcilung vor seinem christlichen Gewissen verantworten wollte? Denn erstlich meinte der Habich, wie alle von seiner Sorte, mit dem Gewisien wär' heut zu Tage nichts mehr anzufangen, man müsse sich durch die Welt durchhelfen, wohl oder übel. Und zweitens brauchte er nach seiner Meinung keine Gewissens-Bedenkcn: der Hättich hätte ja auch keine gehabt, mit dem müßt' er auf alle Fälle brüderlich theilen Es ist eben in der Welt noch kein Bär gewesen, der im Alter tanzen gelernt hätte, und der Mohr ist nicht gut weiß zu waschen. So ward die Sitzung geschlossen, ohne daß man an das gewünschte Ziel gekommen wäre. Der Habich aber riegelte sich dann wieder in sein Haus ein, grüßte nicht und dankte nicht, der Hättich und seine Frau konnten nicht vor ihn und noch weniger an ihn kommen. Nach drei Tagen endlich gelang es doch. Nur war nichts mit ihm anzufangen, ob auch einmal die Hättichin statt ihres Mannes kam, alle ihre Kinder mitbrachte und fast einen Fußfall gethan hätte. Wenn ein Handel rückgängig werden sollte, dabei blieb er, so müßten beide Theile einverstanden sein, er aber (der Habich) wäre einverstanden, daß der Hättich ihm in der bedungenen Zeit die 17,476 fl. 15 kr. schaffte; er könnte seine zwei und dreißig Brodfrcsser nicht los werden, und brauchte für die alle Tage Geld genug; wenn er aber einmal alt wäre, — und könnte nicht mehr für sich sorgen, so würd' ihn der Hättich sammt seiner Frau auch nicht als Kostgänger begehren. Aber er ginge jetzt bald nach Amerika, — und was er zur Reise nicht brauchte, davon wollte er in Dürrensee ein Narrcnhaus bauen, der Hättich könnte Inspektor d'rin werden. Für der Hättichin ihre Kinder hätte er ja vorgesorgt: das Rittergut gäbe Brod und Kuchen für ein halbes Dutzend Kinder, ein junger Has, ein junges Gras, das Hunger- leiden lernten sie bei Zeiten von ihren Alten, — und was weiß ich, wie viel sein loses Maul sonst noch Geifer ausgcschäumt hat. Wie nun der Hättich und seine Frau nichts ausrichten, — so mischen sich jetzt die Nachbarn in den Handel, nur ein Paar Hetzer (an denen nirgends in der Welt Mangel ist, und nicht einmal in Dürrensee), nehmen die Partie des Verkäufers. Geholfen hat's natürlich eben so viel, als wenn Einer zu einem hungrigen Hund spricht: du, sei doch so gefällig, und laß den Knochen da fahren, ich will noch eine Suppe davon kochen, nachher sollst du ihn wieder kriegen! Da ist denz Schultheißen die Sache endlich doch über den Spaß hinübcrgcgaugen, Zeit war nicht mehr zu versäumen, in der ganzen Wicsenstadter Gegend war von nichts die Rede, als vom Habich und vom Hättich, und ihrem merkwürdigen Güterhandcl, und wenn ihrer Zehn ihren Spott am Hättich hatten, so war bei Zwanzigcn der Unwille über den Habich desto größer. Also der Schultheiß macht sich einen Gang nach Wcisen- stadt, den Hättich nimmt er sogleich mit. Sie gehen erst zum Herrn Notar, der konnte ja das Beste thun. Aber bei dem war auch nichts auszurichten. Es warf ihm nämlich sein Notariats-Geschäft alljährlich so wenig über dreitausend Gulden ab, — daß er die Advokatur nebenbei fortb'etrieb. Sogleich im Anfang hatte er gemerkt: der Handel kann der Vater eines lustigen Prozesses werden. Was konnte er auch dazu, daß die Menschheit so wenig Verstand hat, besonders die Dürrcnsee'r Menschheit; (Gottlob, daß nicht alle Herren Juristen solche Philosophen sind). Sein Bescheid lautete so: die Sache ginge das Notariat nichts mehr an, ein Notar wäre nicht dazu da, das Publikum bei Handels- Geschäften zu berathen, und noch weniger große Kinder an der Hand zu führen, sondern die „Privatgeschäfte" zu erleichtern und deren „rechtskräftigen Abschluß" in die Hand zu 235 nehmen. Ihm wär's ganz gleichgültig, wie Ihrer Zwei mit einander fertig würden, der Handel könnte nur dann wieder rückwärts gehen, wenn beide Theile den betreffenden Antrag stellten. Ein Anderes wär's, wenn Käufer sich entschließen wollte, gegen den Berkäufer zu prozcssiren. Nur müßte er für den Fall dazu rathen, einen geschickten und zuverlässigen Anmalt zu nehmen, denn es gäbe da einen bösen Rechtsstreit. Die Sache ließe sich schon durchbringcn, ihm wäre in seiner Praxis ein ähnlicher Prozeß schon einmal vorgekommen, ohne ihn wäre er freilich verloren gewesen. — Weiland Herr Doctor Eisenbart hatte es ja auch im Brauch, zu den Schwindsüchtigen zu sagen: ich will euch schon durchbringcn, alle andern Doctores verstehen sich auf diese böse Krankheit nicht! So treten denn die Beiden wieder ab und lassen sich jetzt beim Herrn Landrichter anmelden. Der aber sagte so, — ich kann nichts dazu, daß er sich ein wenig vornehm ausgedrückt hat, bei den Juristen niuß man schon zufrieden sein, wenn sie nur nicht statt deutsch in lateinischen und andern heidnischen Brocken reden. Die Sache, sagte er, hat zwei ganz verschiedene Seiten, eine sittliche und eine rechtliche Seite. Von der sittlichen aus betrachtet ist sie ganz einfach: Jedermann muß zugestehen, der Handel ist von Seiten des Verkäufers in schlechter, boshafter und betrügerischer Absicht angesponnen, — vom Käufer dagegen unbedachtsam, nämlich ohne Berücksichtigung des Belangs der Kaufbedingungen eingegangen worden. Nachdem also der Käufer hierüber klar geworden, so wäre es Pflicht des Verkäufers, und wenigstens edel von ihm gehandelt, — vom Vollzug des Kaufvertrags abzustehen. Das ist die sittliche Seite der Sache. Aber, fuhr er fort, ganz anders stellt sie sich von der rechtlichen Seite. Von dieser nimmt sich das Einfachste oft ganz seltsam aus. Das Recht hat eine wächserne Nase und es gibt Fälle, wo auch die gerechteste Sache vor den Gerichten nicht auszufcchtcn ist. Ein Prozeß könnte günstig, aber auch ebenso ungünstig für den Käufer ausfallen, ein gewissenhafter Advokat wird Bedenken tragen, ihn anzunehmen. Denn es handelt sich um den Nachweis der böslichcn Absicht des Verkäufers einerseits, — und der augenblicklichen Unzurechnungsfähigkeit des Käufers andererseits, beide Beweise aber sind mißlich. Ein magerer Vergleich ist besser, als ein fetter Prozeß. Das Landgericht aber wird sein Möglichstes thun, dem Käufer zu einem billigen und erträglichen Abkommen zu verhelfen. So sagte der Landrichter. Und da griff denn der Hättich mit beiden Händen zu. Ein Termin ward anberaumt. Der Landrichter gab sich alle erdenkliche Mühe, den Habich zur Vernunft zu bringen. Freilich, auch er hatte ein hartes Stück Arbeit dem Bruder Nichtsnutz gegenüber, — ein halber Advokat war an dem verdorben. Er wollte sich nicht geben, das Notariats-Protokoll hatte er ja in der Tasche. Einmal berief er sich auf Recht und Gerechtigkeit: wenn ein Handel, in aller Form Rechtens abgeschlossen, nichts gelten sollte, so brauchte man ja auch keinen Notar anzustellen. Ein andermal wieder berief er sich auf den Willen des Käufers, der ja kein Kind, sondern ein angesehener Mann in seiner Gemeinde wäre: er hätte selbigcsmal ja keine Ruhe vor ihm gehabt; es sei ihm nicht eingefallen, ihm seine Güter aufzudringen, aber der sei ganz erpicht darauf gewesen, wie eine Gans, die Einer zum Garten hinten hinausjagt, und die vorn wieder hereinkommt; auf den Betrieb des Hättich hätte er dazumal sogleich mit in's Notariat gehen müssen. Nunmehr wollte er seine Besitzungen dem Käufer auch abtreten, dem Herrn Notar sei die Sache ja auch nicht bedenklich gewesen, und der sei doch gerade so gut studirt, wie die Herren vom Landgericht. Uebrigens reue es ihn jetzt, daß er so großmüthig gewesen, das Rittergut noch wegzuschenken, das sei eine cdelmüthige Handlung gewesen, für die er eine. öffentliche Auszeichnung verdiene, und künftig wolle er nicht wieder so gutmüthig sein. — Bekanntlich ist noch kein Spitzbube im Zuchthaus gesessen, der nicht gesagt hätte, er sei der tugendhafteste Mensch auf Gottes Erdboden. Der Landrichter drang endlich mit Zweierlei durch. Das eine war auch ein Rechen- Exempel, schlug also in's Handwerk des Verkäufers. Allerdings für 17,476 fl. 15 kr. habe er dem Hättich seine Besitzungen verkauft, nun sollte er nur nachrechnen, wie viel 236 er von dieser Summe wirklich erhalten würde. Könne der Hättich die erkauften Güter i nicht behaupten und das Geld nicht schaffen, — so müsse sich Verkäufer an diesen selbst schadlos halten, das übrige Vermögen des Käufers sei da nicht in Anspruch zu nehmen; es sei aber vorauszusehen, daß der Käufer für das geringe Gütchen nicht viel sein würden, das „Rittergut" habe Verkäufer verschenkt — und könne Käufer dieses auf eigene Rechnung verkaufen, dann seien noch die Consensschulden abzuwälzen, am Ende werde Verkäufer nicht einmal Geld übrig behalten, nach Amerika zu gehen. — Das war das Eine, und der Habich hatte gegen diese Rechnung nicht Viel zu sagen. Das Andere aber juckte, kitzelte und biß noch besser. Der Landrichter hatte sich alte Akten vorlegen > lasten, und eröffnete daraus dem Hans Habich von Dürrensee die angenehme Aussicht, ! schließlich doch noch unter Vormundschaft zu kommen. Mit dem Schultheißen verständigte er sich für diesen Fall sogleich dahin, daß sich als Vormund für den Habich der Hättich am besten gualificiren werde. Diese beiden Dinge aber, das Rechen-Exempel und der Hättich als Vormund, das war für den Habich doch auf einmal des Guten zu Viel. Der Habich wird also weich, der Hättich ist es schon lange gewesen, und das Ende vom Lied ist, daß der Hättich sich zu Protokoll erklärt, — dem Habich als Reukauf den Betrag von 150 Gulden zu entrichten; derselbe sollte binnen vierzehn Tagen vor m Landgericht abgewählt werden, die Gerichtskosten hatte der Käufer desgleichen auf seine Rechnung übernommen. Dem Hättich ist's nun freilich sauer angekommen, als er blanke 150 Gulden für nichts und wider nichts in's Landgericht tragen mußte, und seiner Frau noch sauerer. Denn das war's so ziemlich, was sie das Jahr zuvor erarbeitet, zum Theil durch Kargen und Geizen zusammengeschunden hatten. Der Hättich war gleichwohl froh, als er um ! 150 Gulden das Rittergut wieder los geworden war, die waren doch eher aufzubringen als 17,476 fl. 15 kr. Uebrigens ist es ihm ergangen, wie dem Pudel, der zu heulen anfängt, wenn er an die Stelle kommt, wo er einmal Prügel bekommen. Nur hat wohl Niemand in der ganzen Pudelschaft an seine Prügel so oft denken müssen, — wie der Hättich an seinen Handel mit dem Habich und das nachfolgende Rechen-Exempel. Der Weg auf seine Aecker führt ihn fast täglich am Rittergut vorbei, und wer kann dafür, daß man im Dürrensee'r Flur fast überall Weisenstadt liegen sieht. Beim Gedächtniß an die schlaflose Nacht auf dem Heuboden hat er sich hoffentlich auf Christi Wort besser verstehen gelernt: Niemand lebet davon, daß er viele Güter hat. Ist doch Niemand : in der Welt ein ärmerer Teufel, als wer sich vom Geizteufel reiten läßt, von solchem I Ritt haben noch Jedem endlich die Rippen im Leib weh gethan. Wer's aber sonst nicht j glaubt, kann's nachlesen Matth. l6, 26 und 1. Tim. 6, 9, daß dabei noch ganz was Anderes auf dem Spiel steht, als mottenfressige Güter, — weil beim lieben Gott kein „Reukauf" gilt. Nun komme ich aber noch einmal an den Habich. Der ist wohl mit seinen 150 Gulden seelenvergnügt nach Haus gegangen? Das konnte nicht fehlen, wenn's nicht so wäre in der Welt, daß wer andern eine Grube gräbt, endlich doch selbst hineinfällt. Und ganz Dürrensee war der Meinung, er könnte von seinem Geld nicht viel davon- bringen, gewiß gehe es nach dem Wort: wie gewonnen, so zerronnen. Wie viel er von dem Sündengeld in seine Hände bekommen, mag der Leser selbst urtheilen, wenn ich im Vertrauen bemerke, was er auf dem Heimweg gegen einen Dürrensee'r Knecht geäußert hat. Es wär' doch schändlich, sagt' er, daß er nicht einmal die Kosten für die Extrapost herausgeschlagen hätte! Wie? hat er denn nicht 150 Gulden ausgezahlt bekommen? — Ja freilich hat sie der Hättich für ihn im Landgericht auf den Tisch gezählt und der Habich hat quittiren wüsten. Aber auf demselben Tische liegt auch eine Rechnung des Notariats, — und der Habich hat Zweierlei außer Acht gelassen: einmal hat er seit der Extrapostfahrt vergessen, daß im Protokoll steht: „sämmtliche Kosten trägt Hans Habich als Verkäufer." Und zweitens hat er in seiner Gefcheitigkeit übersehen, daß der Notar ! 237 seine Kosten nicht nach dem wirklichen Werth des Verkaufs-Objekts berechnet, sondern nach dem Betrag des Kaufschillings. Also die 17,476 sl. 15 kr., — dem Hättich thuen sie nicht mehr weh, aber dem Habich geht darüber sein ganzes bischen Profit verloren, er kann nichts dagegen thun, — denn der Landrichter versichert, der Notar habe „ganz richtig gerechnet." Da hat denn der Hättich jenen Tag wohl ein langes Gesicht gemacht, — aber der Habich noch ein längeres. Die Leute in Dürrensee haben darüber eine große Freude gehabt, und war die Freude nicht recht und nicht christlich, so war sie doch zu entschuldigen. Denn ein Geizhals und ein Betrüger sind wohl Beides keine Leute nach dem Herzen Gottes, aber es muß doch so sein: „Wer Wind säet, wird Sturm ärnten." Der Habich soll nachmals noch mehr als einen schlechten und dummen Streich gemacht haben, denn was schlecht ist, ist allewege auch dumm, und was dumm ist, ist schlecht. Nach Amerika ist er nicht ausgewandert, und ein Narrenhaus hat er auch nicht gebaut. Wenn er aber einmal sterben wird, so wird er wohl mit dem Bekenntniß des Hans Dampf aus der Welt gehen: „Es gibt keine brodlosere Kunst, als die Narrheit; und wer das bei Zeiten bedenkt, wird wohl fahren." Bismarck und Lassalle. Ueber die Persönlichen Begegnungen dieser in der zeitgenössischen Geschichte jedenfalls merkwürdigsten Männer erzählt der Wiener-Wanderer nachstehende Einzclnheiten, welche auch für jetzt noch Interesse haben und auf manche Erscheinungen der Gegenwart, z. B. auf das Verhältniß der Arbeiterpartei zur (preußisch-gesinnten) Fortschrittspartei erklärende Schlaglichter werfen. Das Blatt beginnt mit der bekannten Solinger Versammlung, wegen deren Auflösung Lassalle ein über den „fortschrittlichen Bürgermeister" klagendes Telegramm an Hrn. v. Bismarck schickte. Die Erzählung fährt dann fort: Die Antwort des Herrn v. Bismarck, die im Sinne Lassalle's war, traf zu spät ein, die Versammlung konnte nicht fortgesetzt werden, der schlimme Bürgermeister hatte zuvor seinen Zweck ereicht, aber auch gleichzeitig eine ministerielle Rüge davon getragen. Als im Herbste Lassalle von seiner Reise, dir er nach der Schweiz ausgedehnt hatte, zurückkam, war es selbstverständlich, daß er dem Minister, an den er damals ohne ihn persönlich zu kennen, sich telegraphisch gewendet, seinen Besuch machte. Er traf den Minister ein wenig überrascht über seinen plötzlichen Besuch in seinem Arbeitskabinet. In seiner cheva- leresken, ungenirten Weise bot Bismarck seinem Gaste Stuhl und Cigarre, Lassalle so jeder Formalität enthebend. Die Solinger Angelegenheit war mit wenigen Worten erledigt. „Unsere Polizei ist sehr eiferig, mir könnte es selbst ergehen, daß irgend ein Bürgermeister mich arrctiren läßt," scherzte Bismarck. „Sie haben es aber auch ein Bischen stark getrieben," fuhr er fort,, „unsere Fortschrittspartei liebt es nicht, wenn man ihr den Spiegel so nahe vors Gesicht hält." Und wie absichtslos zog er dabei aus einem Stoß Papiere Lassalles Solinger Rede, die inzwischen im Druck erschienen war und die jedenfalls das stärkste ist, was jemals gegen die preußische Fortschrittspartei gesagt wurde, hervor. Damit war die Unterhaltung auf das politische Gebiet gebracht, und Lassalle war überrascht, wie genau Bismarck alle seine Schriften und Fugblätter gelesen, selbst das neueste, ein kleines Flugblatt,an die Berliner Arbeiter, welches bereits polizeilich konfiszirt war, befand sich in Bismarcks Besitz. „Aber sagen Sie dem Herrn Untersuchungsrichter nichts davon, sonst läßt er mir es wegnehmen," äußerte Bismarck launig. — „Wird die Arbeiterpartei bei den nächsten Wahlen mit der Fortschrittspartei stimmen?" frug im Laufe des Gespräches Bismarck. — „An allen den Orten, wo sie nicht selbstständig auftreten kann aus numerischer Schwäche gewiß, es sei denn da, wo Kandidaten auftreten, die persönlich im Kampfe gegen uns zu feindselig vorgegangen, wie z. B. Schulze-Delitzsch, Reichenheim, 238 Löwe-Calbe und andere," erwiderte Lassalle. — „Warum stimmen Sie nicht überhaupt mit der konservativen Partei, da, woSie keine Aussicht haben, Ihre Kandidaten durchzusetzen? Unsere Interessen sind ja gemeinschaftliche, Sie kämpfen von Ihrem wie von unserem Standpunkte gegen das Bestreben der Bourgeoisie, die Herrschaft an sich zu reißen." Bismarck sprach diese Phrase mit der ungenirten Offen- heit, die ihn vor allen seinen Kollegen auszeichnet. Lassalle lächelte. „Augenblicklich, Excellenz," replizirte er, „mag es so scheinen, als sei eine Allianz zwischen der Arbeiterpartei und der konservativen Partei möglich, aber wir würden nur eine kurze Strecke Weges miteinander gehen, um dann um so erbitterter uns zu bekämpfen." — „Ah!" lachte Herr v. Bismarck, „Sie meinen, es kommt dabei nur darauf an, wer von uns der Mann ist, der mit dem Teufel Kirschen essen kann!" — Damit verließ die Unterhaltung das politische Gebiet. Ein zweiter Besuch Lassalles bei Bismarck fand im Sommer 1864 statt Lassalle hatte mehrere Beschwerden gegen untere Behörden, die hie uud da den allgemeinen Arbeiterverein maßregelten, anzubringen und liebte cS, derlei Dinge kurz und persönlich abzumachen. Der schleswig-holsteinische Krieg war soeben siegreich beendet und selbstverständlich wendete sich das Gespräch bald dieser brennenden Frage zu. Lassalle befürwortcte die Annexion Schleswig- Holsteins. Bismarck meinte: nur auf dem Wege der Bundesreform ließe die schleswig-holsteinische Frage sich lösen. Hierauf entwikclte er ausführlich einen Bundesreformplan, wonach er das allgemeine direkte Wahlrecht Proklamircn und alle Deutschen, ohne Unterschied der Geburt, für wählbar in den Preußischen Landtag erklären wollte. Aehn- lich wie Cavour es seiner Zeit mit dem piemontesischen Parlament gemacht. Lassalle fand dieses Projekt halb und unausführbar, und der Gedanke beschäftigte ihn lebhaft, denn als er einige Monate später in Genf eintraf, wo er seinen Tod finden sollte, erzählte er seinen Freunden jene Unterredung und Bismarcks Plan. Als Lassalle sich bei Herrn v. Bismarck verabschiedete, sagte er ihm: Ich werde die Annexion Schleswig- Holsteins in mein Programm aufnehmen. Herr v. Bismarck lächelte: Vielleicht, daß dieser Punkt Ihres Programmes inErfüllung geht, wenn auch jetzt nicht, doch später. Das war der letzte Besuch Lassalle's bei Herrn von Bismarck, der in Folge dessen sich oft mit größter Anerkennung über Lassalle aussprach. Ein französischer Edelmann 4- Vor einigen Tagen starb die Zierde des kath. Adels Frankreichs, Baron Croye in seinem 83 Lebensjahr. Schon unter dem ersten Kaiserreiche betrat er die öffentliche Laufbahn, auf der er sich schnell zu den höchsten Ehrcnstcllen erschwang. Im Jahre 1830 trat er aus politischen Motiven von dieser ab, pnd legte seine Würde als Präfekt von Digne nieder, weil er aus Achtung und Pietät gegen die vertriebenen Bourbonische Königsfamilie von Orleans nicht dienen wollte. Von diesem Augenblick an widmete er sich ganz dem Dienste Gottes und der hilfsbedürftigen Menschheit. Stunden lang lag er in Betrachtung und Gebet vor den Altären auf seinen Knien, seine Pfarrkirche hatte keinen fleißigern Besucher, sein Seelsorger kein treueres Pfarrkind, den Hausarmcn und Waisen wo er ein besorgter Vater, verlassene Kranke verpflegte er mit Vorliebe. Pius IX verehrte er mit großer Bewunderung, ihm brachte er seine Ersparungcn, welche er in seinem Schlosse seit der italienischen Annexion eingeführt hotte, zum Opfer; ja als die Trauerkunde von dem unglücklichen Gefecht von Castelfidardo zu ihm gedrungen, rief er laut: „Wäre ich doch erst 30 Jahre alt, ich würde die Scharte auswetzen helfen!" In seinem 80 Lebensjahre eilte er noch nach Nom, um die Verwundeten in den Militärspitälcrn zu Pflegen und dem Papste doch einigermaßen dienstbar zu sein. „Auch das schlechte Schild kann einen Streich abhalten "lau- 239 tete seine Antwort, als ihn seine Freunde auf seine Unfähigkeit, Dienste leisten zu können, aufmerksam machten und ihn bestürmten, den Abend seines Lebens in süßer Ruhe in seinem Schlosse zuzubringen. Doch er ließ sich nicht abhalten, unternahm eine beschwerliche Reise und wurde Krankenwärter in Rom. A^s die Ruhe und Ordnung wieder hergestellt war und sich die Lazarcthc allmählich lichteten, begab er sich wieder in die Heimath, wo er sich in der Ausübung guter Werke zu seinem Ende vorbereitete. Er starb in den Armen seines geistlichen Freundes nnter dem Gebete: "In In Domino spornvi ei neu conlnn- ckor in neternnrn!" Ehre solchem Adel. Ein Sklavenmarkt in Niederbayern. (Auch ein Beitrag zur socialen Frage.) Eine ganz eigenthümliche Erscheinung des Landlebens ist der sogenannte Dienstboten- Markt, auch Sklavenmarkt genannt, welcher jährlich Mitte Juli im Städtchen Osterhasen stattfindet. Da werden keine Kaufmanns-Waaren feilgeboten, da ist kein Dultstand aufgeschlagen, — sondern Menschen bieten hier sich selber feil. Und das ist ein solches gegenseitiges Hinauf- und Heruntcrbictcn, daß zwischen diesem Dienstbotcn-Markt und einem amerikanischen Sklavcnmarkt nur der einzige Unterschied ist, daß in Amerika Händler ihre Menschcnhaare zu Markte bringen, während hier der Mensch sich selber verhandelt. Der bedeutendste Tag für diesen Handel ist der zweite Sonntag im Juli, also gerade die Zeit vor der Ernte. So eben ist die Frühmesse zu Ende. Da stehen die Burschen, die Mägde in Reihen, in Gruppen, im bunten Durcheinander und lassen die Bauern und Bäuerinnen, die oft aus weiter Ferne herkommen, und nach allen Seiten suchend und musternd cinherschreiten, durchpassiren. Man sieht es den Bauern und Bäuerinnen an, daß sie mißmuthig sind, denn gar Manchen sind ihre Dienstboten noch vor der Ernte davon gelaufen; sie schauen argwöhnisch um sich, denn nur zu oft hat sich das Sprüchwort bewährt: „Es kommt nichts Besseres nach!" Lange wird so hin und her spekulirt, bis auf einmal der Ruf: „Bauer, magst mich?" diesen zum Stehen bringt. Jetzt geht der Handel los und eine jede Partei entfaltet all' ihren Scharfsinn, allen Witz, die eine um den Lohn hinaufzuschrauben, die andere, ihn hcrabzudrückcn. Beobachten wir ein wenig die Mcnschenarten, welche sich hier feilbieten. Die erste ist die der sogenannten „Bauernschinder." Diese Menschen bringen ihren Lohn fast regelmäßig alle Sonntage ein, wenn sie nicht gar schon „im Voraus" sind. Rückt die Erntezeit nahe, so drangsalircn sie ihre Dienstherrschaft auf alle mögliche Weise. Sagt der Bauer nur ein Wort, so entgegnen sie ihm: „Bauer, weißt du was, ich gehe, mich hält nichts auf!" — oder sie gehen fort, ohne ein Wort zu sagen. — Erträgt der Bauer mit Resignation eine Zeit lang ihr Schimpfen über das Essen, ihr nächtliches Ausbleiben, ihr Ruiniren der Werkzeuge u. s. w., dann machen diese Menschen es so arg, daß der Bauer sie selber ausschafft, nur um Ruhe im Hause zu haben. Das ist also die Race der Bauernschinder. Ihren Lohn haben sie bereits eingebracht, der Bauer läßt sie durch das Gericht nicht Anschaffen, wenn sie entlaufen, das wissen sie, weil dann die letzten Dinge ärger würden, als die ersten. Heute nun stehen sie da und sind zu haben, nicht um jeden Preis, sondern nur um guten, denn wenn sie wieder einstehen, erhalten sie fast den nämlichen Lohn, als wenn sie zu Lichtmeß begonnen hätten. Gewöhnlich aber verdingen sie sich als „Erntcknechte" nur für einige Wochen um 20, 25—30 fl.!! und gute Kost! Die zweite ist die der „Wanderer," welche nie länger als ein Jahr in einem Platze bleiben. Diese sprechen schon lange vom Dienstboten-Markt in Osterhasen, gleichsam als drohten sie beständig dem Hausvater: „Willst du, daß ich bei dir bleiben soll, so mußt du mir mehr Lohn geben." Da aber der Lohn gewöhnlich ohnehin schon über alles 240 Maß und Ziel hinaus ist, so ist der Bauer in diesem Punkte taub, geht auf den Dienstboten-Markt und handelt sich einen andern Knecht ein, aber auch der Knecht geht und verschachert sich einem andern Herrn, um es im nächsten Jahre wieder so zu machen. Die dritte Art, die aber nur in wenigen Exemplaren vertreten ist, — ist die der „Ordentlichen," welche durch irgend ein Verhältniß, sei es, daß irgend Einer erst vom Militär zurückkam, oder daß seine frühere Dienstherrschaft vom Hofe kam, — oder sonst einen Weg des Fleisches ging, noch zur Verfügung stehen. Diese brauchen indeß selten den Dienstboten-Markt zu betreten. Wenn sie wirklich zu den „Ordentlichen" gehören, werden sie selbst aufgesucht und gedungen. Unter der ersten Art, — den sogenannten Bauernschindern, gibt es aber noch eine „eigene Nation," welche sich zu gleicher Zeit an mehrere Bauern verdingen, von einem Jeden das „Drangeld" nehmen, aber zugleich einen Jeden anführen. Da dieses Drän- Geld unter einem Gulden nicht leicht betrügt, so machen diese „Schwindler" ein artiges Geschäft und für den Sonntag Nachmittag ist reichlich gesorgt. Denn das ist gleichsam Gesetz: das Drangeld muß an diesem Tage d'ran, es wird „verjuxt." Das ist der „Sklavenmarkt" in Osterhasen, vielleicht der einzige in ganz Bayern. Ursache dieser Erscheinung ist cinestheils der Laudmann selbst. Denn würden die häuslichen Verhältnisse noch jenen einfachen patriarchalischen Charakter haben, gemäß welchem die Dienstboten noch ats Glieder der Familie betrachtet und auch behandelt wurden, dann würde auch ein innigeres Zusammenhalten zwischen Hausherren und Dienstboten stattfinden. Der Bauer hätte dann nicht mehr nothwendig, seine Dienstboten auf dem Markte zu suchen, diese würden vielmehr ihn aufsuchen. Andcrnthcils haben aber die Dienstboten ihre Forderungen und Ansprüche so gesteigert, daß denselben fast nicht mehr genug geleistet werden kann. Dadurch entsteht gegenseitige Unzufriedenheit und wo diese eingekehrt ist, da ist es aus mit dem Frieden und der Liebe, da gibt es täglich Reibereien, Aufhetzungen, Zank und Streit und der Schluß ist: der Dienstbote geht und bietet sich auf dem Markte feil; ein Bauer kommt und dingt ihn, — da die Zeit drängt und die Ernte vor der Thüre ist. (Landsh. Ztg.) In der vorigen Nummer des Sonntagsblattes brachten wir nach der „Kölner Ztg.", welche ihrerseits das New-Yorker „Tadlet" als Quelle angibt, die durch alle Blätter laufende Schauergeschichte „Eine Schlangensccne." Der berühmte Naturforscher und Direktor des Berliner Aquariums, Dr. A. Brehm, schreibt über dieselbe unter Anderem Folgendes: „Es gibt keine Schlange auf der ganzen Erde, auch keine der Wissenschaft „bisher bekannte, welche ihre Beute vor dem Verschlingen zerstückelt, — keine, welche in „der von dem Mührchen - Erzähler geschilderten Weise sich beträgt." In einem „Münchener Blatte" stand vor Kurzem folgende Anzeige: „Den resp. Hundebesttzern zeige ich hiermit an, daß ich dieselben schcere, wasche und ihnen auch die Ohren stutze." Charade (Zweisilbig.) Als noch die erste sich mühte Vollkommen die Zweite zu schaffen, Als gute Sitte noch blühte, Und wir nicht gleich den Affen Nur strebten nach fremden Moden, Bei Tiinken, Spielen und Tanzen, Da hieß es noch vom Ganzen: Es hat einen goldenen Boden/ Druck, Verlag und Redaction des litterarischen Instituts von Dr. M. Huttlcr. Alro. 31. 1. August 1869. 4 - Wenn ich Haffe, so nehme ich mir etwas; wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Fr. v- Schiller. Der Wunder-Doctor. Line österreichische Dorfgeschichte von H. Malten. (Nachdruck verboten.) Erstes Kapitel. Der geheimnißvolle Fremde. Zu Zcll, im Zillcrthal, war großes Scheiben- und Preisschießcn. Lustig ging's dort immer her, und darum hatten sich auch diesmal eine große Zahl der besten Schützen aus der Umgegend da zusammen gefunden. Schon am Tage vor St. Clothildis, wo das Schießen losgehcn sollte, waren die meisten Bauernhäuser mit Fremden gefüllt, vorzüglich aber die Dorfschenke, über deren Eingangsthüre man die Nenne las: „Frisch und fröhlich -u seiner Zeit, Fromm und treu in Ewig eit." Hier wimmelte es von rüstigen Preisbewerbern und schießlustigen Tirolern. Der Schenk- Wirth und seine zwei flinken Töchter konnten kaum die Gäste befriedigen. Bereits mochte es acht Uhr vorüber sein. Die Lust und Gesprächigkeit der Versammelten hatte ihren höchsten Glanzpunkt erreicht, da trat ein junger Schütze, die Armbrust über der Achsel und den Kopf mit einem weißen Tuche, an welchem einige Blut- stecken sichtbar waren, verbunden, in die Stube. „Sieh' da, der Franzl Pfeiffer aus Kleinboden," rief der alte Silbermüller, der mit seiner Tochter Lcni an einem Tische unter den fröhlichen Schützen saß. „Was zum Gukuk haben sie denn Dir gethan?" — fuhr er fort, „daß Du den Schädel eingewickelt hast, wie eine Spittlcrin von Innsbruck." „Pah," rief Franzl, welcher Alle freundlich gegrüßt hatte, indem er seine Armbrust von der Schulter nahm, „eine Kleinigkeit! Der Abend hat mich auf dem Hainzberg überrascht, da wollte ich einen näheren Weg einschlagen nach Zcll, und kam auf eine Sandlehne, die sich unter mir ablöste. Schon glaubte ich, es sei rein aus mit mir, — als ich zum Glück noch in dem vorragenden Ginster auf einem Flesblocke hängen blieb. Zu meiner nicht geringen Verwunderung aber fand ich dort einen Kameraden, der denselben Weg über die Gcröllwand dahin gemacht hatte." „Der Kukuk!" rief der Silbcrmüllcr, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug, indeß Leni, im Schreck über die Gefahr, ihre Hände gefaltet hatte. — „Und wer war der Waghals?" „Ja, weiß ich's?" antwortete Franzl. „Aber es war sein Glück, daß ich dahin kam, und mein Glück, daß ich ihn fand, denn ohne dem wäre es wohl Jedem schwer geworden, allein und mit ganzen Gliedern, in das Thal zu kommen. „Als wir unten waren, bedankte er sich bei mir und ich bedankte mich bei ihm. Wir drückten einander die Hände, und er sagte mir, daß er ein Jäger aus Innsbruck sei. Mit dem gingen wir auseinander." „Nun," sprach Kaspar Brodmeier, ein Bauer auS Nothholz, „diesmal bist Du 242 «och mit heiler Haut davon gekommen, ein andermal laß' das Wegabkürzen bleiben in der Nacht, junger Gesell, wenn Du nicht Deine Knochen zu Markte tragen willst." „Ach jal" — sagte jetzt auch Leni, „geh' doch nicht wieder bei der Nacht über die flüstern Berge, die Sandlehnen lösen sich so leicht ab von den Felsen, vorzüglich wenn eS geregnet hat." „Da wäre Dir wohl leid um mich, wenn mir was passirte?" fragte Franzl, indem er Leni treuherzig in die blauen, treuen Augen blickte, — die sie in kindlicher Unschuld schnell zu Boden senkte. „Ei freilich," — antwortete sie dann schüchtern, „Du bist ja auch ein recht guter Mensch!" „Woher weißt Du denn das?" „Vom alten Gemmi, dem Du das Gras vom Berge holtest, —> als er krank darnieder lag," antwortete Leni. „Ja, der Gemmi ist eine ehrliche, alte Haut, warum sollte man ihm nicht einen Gefallen thun? Aber Blitz," fuhr Franzl fort, „die Numplerci hat mich hungrig und durstig gemacht. Heda, Wirthshaus! Eine Schüssel Türkcnmus oder ein Paar ordentliche Knödel, vor Allem aber einen Krug Wein, vom besten!" „So recht!" rief der Silbermüllcr; „die Hand her, Franzl, Du bist ein wackerer Bub I Die Leut, die frisch bei der Arbeit und beim Essen sind, die mag ich gut leiden." „Da habt's in beiden Stücken Euren Mann gefunden," lachte Franzl. Auf diese und ähnliche Weise wurde die Unterhaltung fortgesetzt. Ueberall herrschte Fröhlichkeit. Besonders angenehm aber unterhielt sich Franzl mit seiner Nachbarin, der rosenwangigen Leni, die er schon früher gerne gesehen hatte, und der zn lieb er öfters auf die Kirchwcih nach Sterzingen hinüber gekommen war. Auch schien es, daß Leni dem jungen Schützen nicht gerade abgeneigt sei. Der Silbermüllcr sprach unterdessen dem Wcinkruge tapfer zu und war, wie man zu sagen Pflegt, in seiner rosigsten Laune. „Hör', Alter," nahm jetzt der Peter Lutzbichl, dessen Nachbar, ein Vogclhändler aus Endach, das Wort: „Du bist ein wohlhabender Mann und hast Dein Schäflein im Trockenen, — jetzt solltest Du Dich doch einmal um 'n Mann für Deine Lenerl umschauen." „Hm, sie soll sich selbst umschauen," antwortete der Silbermüllcr, „aber ich glaub' halt immer, daS Mädel mag Keinen." „Ist das wahr?" fragte Franzl seine Nachbarin. „Ach, der Vater macht immer so Späß," sagte Leni mit pnrpurrothcn Wangen. „Na, der Franzl da," fuhr der frühere Nedner schmunzelnd fort, „der wär' so grad' ein gemachter Bub' für sie." „Ich?" sagte Franzl, dem jetzt plötzlich alles Blut zn Kopf stieg. „Nun ja!" rief helllachend der Händler, „steh' nur nit so verlegen da, als wüßt's keine Drei zn zählen." „Ich bin durchaus nit verlegen," nahm Franzl das Wort, „wenn ich dem Silber- müller und seiner Tochter zuständig bin, so soll er an mir einen Schwicger bekommen, an dem kein Mann in ganz Tirol ungestraft etwas aussetzen soll." „Potz Blitz! — das geht ja gar auf eine Hochzeit loS!" — rief der der Leni gegenübersitzende Schneidermeister Bocksbart!, und stieß dabei sein volles Weinkrügcl um, daß das edle Getränk über den Tisch in reichlichen Strömen auf Leni's Schürze und die Beinkleider der Nebensitzenden hinunterfloß. „Na, und die Kindstanf' ist auch nit mehr fern," brummte Lutzbichl, seine Leder- hose von dem unerwarteten Bade reinigend. „Hör' Franzl," nahm nach einer Pause der Silbermüller das Wort, „hast Du im Gruft ein Aug' auf mein Mädel?" 243 „Ich kann's «it läugnen," — sprach Franzl. „Deine Leni ist eine wackere, brave Dir», und hat auch einen Batzen, und ich mein', wir schickten u»S wohl zusammen, — wenn-" „Na, wenn?" fragte der Silbermüller. „Du und Deine Alte einwilliget. Mein Vater hat schon öfters gesagt: Franzh, die Silbermüllcrs Leni wär' ein Weib für Dich, häuslich und fromm und —" „Hat er das?" — erwiederte der Silbermüllcr. „Na, schaust Franzl, Dein Alter ist ein wackerer Mann, der seine Sach' immer ordentlich beisammen g'haltcn hat, und ich glaub', sein Bub' wird auch nit aus der Art schlagen. Nun, was meine Eiwilligung anbelangt, die hast Du; jetzt schau halt, wie Du mit den Weibern zurecht kommst." „Vater Silbermüllcr!" rief Franzl, „Ihr habt einen Menschen glücklich gemacht.* „WaS? Bist Du bei den Wcibsleuten Deiner Sache schon so gewiß?" rief der , Müller in komischer Verwunderung. „Nun, Sonntag über acht Tage sprich in Ster» ; zingen bei mir auf eine Schüssel Knödel ein, da wollen wir weiter von der Sache ^ sprechen." I „Eine Hochzeit! Eine Hochzeit!" riefen die Schützen, „da muß Einer ein Paar Schoppen zum Besten geben." „Meinetwegen zehn," rief Franzl, indem er in die Hände klatschte und eine« helle» Juchzer ausstieß. Da ging abermals die Thüre auf — und in die Stube trat ein kleiner Man« i» einem braunen Rocke, schwarzen Unterkleidern und Strümpfen von derselben Farbe. — Sein Haupt war fast durchgehend kahl, mit Ausnahme des stark bewachsenen Hinter- theils und eines schwarzen Haarbüschels auf der Mitte des Scheitels, welches auf der Stirne in einen Spitz zusammenlief. Sein Antlitz war bleich, verkümmert — und voll l tiefer Furchen, sein dunkles Auge war voll Feuer und sein Blick durchdringend. „Ist noch Platz für einen Fremden bei Euch?" fragte das Münnlein den Wirth, ; der ihm eben entgegen trat. , „Für keine Maus," antwortete dieser. „Nun, so geh' ich wieder," sprach der Kleine glcichmüthig. „Vorerst aber möchf ich noch ein Krüglein Wein." „Dös kannst schon haben," antwortete der Wirth und holte das Verlangte. „Hm," — brummte der Kleine, indem er mehrere Male nachdenklich den Kopf schüttelte und den Finger auf die spitze Nase legte, „es ist doch sonderbar! — Hm —* „Was hast denn, Alter?" rief da einer der Bauern, die sich auf der Ofenbank bei Bier und Schnaps wohlgeschchcn ließen. „Ei, nichts," versetzte glcichgiltig der Kleine. „Da draußen auf dem Wege hierher, gerade dem Kirchensteige gegenüber, fand ich jetzt schon drei Silberbatzen auf der Straße t liegen, je einer zehn Schritte von dem andern. Ich wette, wenn man mit einem Lichte t genauer nachsehen würde, so müßte man noch mehrere finden. Da seht nur," mit diese» Worten zeigte er den Bauern einige Silbcrstücke. „He, das ist kurios!" meinten diese; „wer muß nur die hier verloren haben?" ' Nicht lange aber, so erhob sich Einer nach dem Andern, und verließ die Stube, ' so daß der Kleine gar bald einen bequemen Platz auf der Ofenbank gefunden hatte. — ^ Während sich nun das Münnlein auf seinem Platze breit machte, und ein Krüglein j Wei» nach dem andern von dem Schenkwirthe begehrte, steckten die Andern ihre Köpfe zusammen — und wechselten mit leiser Stimme ihre Meinungen über den sonderbaren Fremden in dem braunen Rocke, der ihre einfältigen Landsleute so in den April geschickt. „Ich habe den Maikäfer schon einmal gesehen," sprach der Silbermüller, „es war zu Schwatz, wo er in der Schenke mitten unter Bergknappen saß und ganz erstaunlich ' über den Bergbau sprach, daß alle Knappen darüber Mäuler und Ohren aufsperrten." 244 „So ist er wohl ein Bergmann, der auf Entdeckungen ausgeht?" — erwiederte der Schenkwirth. „Ah na," fiel diesem der Lutzbichl in die Rede, „ein Bergmann ist der nit, er ist ein Doktor. Ich hab' ihn selbst zu Innsbruck beim Sensenschmied getroffen." „Was falll's Euch ein," sprach gehcimnißvoll der Schneidermeister Bocksbart!. „Ich weiß am besten, wer er ist. Ein Zauberer ist er, ein Hexenmeister. Es sind noch nit vierzehn Tage, als ich ihn mitten unter einem Trupp Zigeuner im Walde fand, mit denen er ganz friedlich am Feuer saß und sich mit ihnen unterhielt, — wie einer vo« Ihresgleichen." „Wenn er das ist," erwiederte Franzl, „so werden wir's wohl erfahren." Mit diesen Worten stand er auf und näherte sich mit seinem Trinkkruge dem Kleinen. „Nichts für ungut, alter Herr," redete er diesen an. „Ich bring' Dir'S!" „Lrutias!^ — erwiederte dieser — und nippte etwas Weniges an dem Kruge. „Zum Vergelt hier v»n dem Meinen!" — fuhr er sodann fort, indem er Franzl den seinen darreichte. Dieser that einen Zug daraus, gab den Krug sodann dem Kleinen zurück, — »nd setzte das Gespräch folgendermaßen fort: „Wie mir dort ein Kamerad gesagt hat, — so steigst Du lustig auf unsere» Bergen herum." „Ja," erwiederte der Kleine, „Eure Berge sind schön, habe keine schöneren in der Schweiz und in Italien gesehen." „Nicht wahr," sagte Franzl, „und sie enthalten auch wohl viel edle Metalle?" „Je nun, man findet wohl Goldadern, auch Goldglätt, und goldig KicSerz, sonst Kupfer, Blei und Quecksilber." „So bist Du wohl ein Bergmann? — mit Verlaub zu fragen." „Zuweilen." „Und gehst jetzt auf Entdeckungen aus?" „Wie mau's nimmt," antwortete der Kleine. „Ich sehe mich wohl zuweilen nach den Hirschschwämmen um, und beobachte die Bäume, wo sie zwiselig sind, — auch die Quellen, ob sich kein kicsartigcr Staub auf ihnen absetzt und wie derlei Observationcs mehr in den Bergbüchern «ngegebcn, aber — Alles nur aus Unterhaltung." „Hm, — jetzt weißt Du's," brummte der Silbermüller lachend in den Bart. (Fortsetzung folgt.) Schlangen-Rache. Ein Engländer, Namens Barclay, hatte sich mit Spekulationen an Gold- und Silberminen ein ansehnliches Vermögen erworben, und beschloß nach einem längeren Aufenthalte in Brasilien sich dort im vorigen Jahre gänzlich anzusiedeln. Er kaufte im nordwestlichen Theile des Landes eine beträchtliche Bodenflächc, die er niit unermüdlichem Fleiße aus einer Wilduiß in eine wohnliche Gegend zu verwandeln bemüht war, und welche bald seine Anstrengungen reichlich zu belohnen versprach. Nach einiger Zeit reiste er zum Vergnügen in seine Heimath, — heirathete dort eine hübsche, junge Dame und führte sie hinüber in sein neues, — freilich nur hölzernes Haus, das er mit allen nur erdenklichen Komforts ausgeschmückt und eingerichtet hatte; eine luftige Veranda führte um das Erdgeschoß und hielt die Zimmer kühl und die Fenster waren bis zum Erdboden geführt, um sie wie Thüren öffnen zu können. Trotz aller Komforts und trotz der Natur- Schönheiten fühlte sich dir junge Frau nicht glücklich; fortwährend war sie in Aufregung und Furcht vor den großen Insekten, vor den eklen Reptilien, die in Brasilien in so furchtbarer Menge von der üppigen Natur erzeugt werden. 245 Wenn sie den Kasten einer Commode öffnete, kroch ein Tausendfuß, der mehrere Zoll lang war, heraus, und iu den Schränke» waren Spinnen von der Größe einer Wallnuß nichts Ungewöhnliches. Große Eidechse» mit den prächtigsten Farben mußte« des Abends aus dem Schlafzimmer verjagt werden; waren sie auch ungefährlich, — s» schreckten sie doch stets die junge Frau, die selbst des Nachts durch das Eindringen der Mo-kitos keine Nuhe fand. Das Schrecklichste aber war für sie die Menge der Schlangen; sie hatte eine Furcht davor, die sich trotz des so häufigen Anblickes nie abschwächen wollte. Eines TageS wurde eine giftige Tubola auf dem Flure des Hauses losgeschlagen, bald darauf eine Klapperschlange auf dem Grasplätze vor der Veranda, und denselben Tag eine 11 Fuß lange, junge Anaconda-Schlange; daß die Erzählungen und grauenhafte» Geschichten der Dienerschaft über bestandene Abenteuer nicht zur Beruhigung der arme» Frau dienten, ist selbstverständlich. Sie faßte schließlich den Vorsatz, ihr Haus mit keinem Schritte zu verlassen, und führte ihn, zum Verdruß ihres wilden, furchtlosen Manne« auch wirklich aus. An einem schönen Sommermorgcn machte sich Letzterer früh auf, um auf eine« entfernten Theil seiner Besitzung die Arbeiter beim Urbarmachen deS Landes zu coutro- lircn. Natürlich that er dicS zu Pferde und führte selbstverständlich sein gutes Doppelgewehr mit sich, ohne das kein Pflanzer dortiger Gegend sich auch nur hundert Schritte v»n seinem Hause entfernt. Beide Läufe waren mit Posten geladen, die selbst bei der Begegnung eines Jaguars vollkommen genügen konnten. Die Koutrole hielt Herr» Barclay ziemlich lange auf, und es war hohe Mittagszeit, als er durch den schmale» Wald hcimritt, — der zwischen seinem Hause uud dem Felde lag. Um diese Tageszeit herrscht in den tropischen Waldungen eine Todlcnstille, die das Zirpen der Grille, da« Summen deS glänzenden Käfers, der von Blume zu Blume fliegt und weithin gehört wird, nur noch fühlbarer macht. Die großen riesigen Bäume, die üppige Vegetation zu ihren Füßen, Alles scheint zu schlafen und träumend Siesta zu halten. Nichts aber zeigt die Todcsruhc mehr, als die von den hohen Zweigen herabhängenden Liancngewinde, die «lS Guirlanden mit den schönsten Blüthen von einem Baume zum andern sich ziehen, und zu allen andern Tageszeiten v»m leisesten Winde sich hin- und herschankelu und balsamischen Duft aushauchen. Jetzt — zur Mittagszeit, hängen sie todt und steif, al« wärcn sie von Draht gemacht. Durch diese Scenerie ritt der Pflanzer, versunken im Beschauen der üppigen Natur, als er Plötzlich aus seinen Träumen geweckt wurde, denn dicht vor ihm bewegte sich, mitten in der Nuhe, ein herabhängendes Liancngewinde Er wartete einige Augenblicke, bis die Bewegung aufhörte, und da sein Pferd durchaus keine Furcht verrieth, was es in der Nahe eines Puma oder Jaguar bestimmt gethan hätte, ritt er vorsichtig näher. Lange spähte er vergeben«. Endlich sah er zu seinem Entsetzen auf einem hohen, dicken Aste eine schwarze Anakonda-Schlange, die den Schwanz um den Ast gewickelt, den Körper zusammengerollt, den Kopf wohl zwei Fuß erhoben hielt, also bereit war, auf das nahende Opfer herabzuschießen. Der Pflanzer stieg behutsam vom Pferde, fand bald eine Stelle, von wo aus sich der Kopf des Ungethüms klar gegen den blauen Himmel abzeichnete und schoß. Er hatte gut gezielt, denn nur einmal zischte die Schlange noch auf, dann erhob sie sich und siel mit mächtiger Wucht, unter dem Prasseln der Zweige zur Erde. Der Vorsicht halber schoß er noch einmal, trennte dann mit seinem Jagdmesser den zerschossenen Kopf vom Rumpf, und kam auf den unglückseligen Gedanken, die Beute mit nach Hause zu nehmen. Durch einen Lcderriemen befestigte er sie an den Sattel, und schleifte das über 28 Fuß messende Thier langsam nach. Vor der Veranda angekommen, machte er Halt, legte den todten Körper zusammengeringelt hin und begab sich zur Siesta, da er wußte, daß die glühende Hitze des Tages auch seine Frau zur Nahe getrieben. AtS es kühler geworden, weckte er sie, erzählte ihr sein Abenteuer, suchte ihr die Furcht vor Schlange» 246 «uSzureden und überredete sie endlich, mit ihm in den Garten zu gehen und seine Trophäe zu bewundern. Zögernd that sie es, er führte sie so nahe heran, daß sie keine fünf Schritte von dem Rumpfe entfernt war, da — Entsetzen! schießt ein schwarzes Ungeheuer «uf die Frau loS, beißt sie in die Wange und verschwindet pfeilschnell in hohem Grase! Das Ganze war das Werk eines Augenblicks, die Frau schrie furchtbar auf, fiel ihrem Gatten ohnmächtig in die Arme, der noch immer zu träumen wähnte, denn der Körper der gctödtctcn Schlange lag unbeweglich vor ihm. Leider war es aber schreckliche Wahrheit. Das Weibchen des gctödtcten Thieres war der Blutspur gefolgt, hatte sich unter den Körper dcS todten Männchens zusammengeringelt, war wüthend bei der Annäherung des Paares hervorgeschofsen und nach dem Bisse wieder entflohen. Die Frau Llicb lange in ihrer Betäubung befangen, endlich erwachte sie unter den heftigsten Krämpfen und hauchte folgenden Tages, trotz aller Gegenbemühungen, ihr Leben aus. Die Bettler von Paris. ^ Viele seltsame Geschichten werden von den von blinden Bettlern angesammelten Reichthümern erzählt, und Paris scheint ihr Paradies zu sein. Zwei nette Geschichten courstrcn gegenwärtig über das gute und gedeihliche Geschäft dieser Blindheit. Die erste betrifft einen vermeintlich blinden Mann, der eine neue Methode des Taschendiebstahls erfunden. Er durchwandert die Straßen mit dem traurigen, nach aufwärts gerichteten Antlitz eines Blinden, bis er zu einer lebhaften Passage kommt, wo er alle Zeichen der Furcht, die Straße zu kreuzen, merken läßt. Er fleht das Mitleid der Vorübergehenden an, ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen. Irgend ein mitleidiger Herr erfaßt seinen Arm und führt ihn über die Straße. Der arme blinde Mann spricht ihm seinen Dank aus, und er geht mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben, seines Weges; wenn er aber kürz darauf nach seiner Nhr greift, findet er, daß er schmählich bestohlcn worden ist. — Der Held in der zweiten Geschichte ist ein wirklich blinder Bettler, den man stets in einem Thorweg am Boulevard Sebastopol, fast vis-ä-vis dem I'Iaoo ckos ^rls-ol-Illoliers sitzen sehen kann. Ein Herr passirte oft diesen Weg, und Pflegte dem Blinden stets ein Zwei-Sousftück zu schenken, aber eines Tages wirft er aus Versehen einen Doppel-LouiSd'or in den Hut des Bettlers. Bald nachher entdeckt er sein Versehen und eilt nach dem Boulevard Sebastopol zurück, um sich das Geld wieder geben zu lassen. Aber statt des blinden Bettlers findet er einen Krüppel. — „Wo ist der Blinde?" fragte er; „Sie meinen wohl Monsieur Benjamin?" erwidert der Krüppel. „So eben ist er nach Hause zum Frühstück gegangen." — „Ist es weit?" — „Nur ein Paar Schritte in der liuo ein l'olit Lurrvuu.^ Dort angekommen, fragt der Herr den Concierge: „Wohnt Monsieur Benjamin hier?" — „Ganz recht, zweiten Stock, Thüre rechter Hand," — lautet die prompte Antwort. Er steigt die Treppe hinauf und zieht die Klingel. Ein nett gekleidetes Dienstmädchen öffnet. Er wird auf Befragen, ob er Monsieur Benjamin sprechen könne, in ein elegantes Vorzimmer geführt, welches die Einsicht in ein Speisezimmer gestattet, wo eine Tafel mit feinem, weißen Gedecke, Krystall und Silber, bewundernswürdig arrangirt ist. Ehe er noch daran denken kann, ob hier nicht ein Irrthum seinerseits obwaltet, wird er in ein in türkischem Geschmack ausgestattetes Gemach geführt, wo der Blinde mit lächelnder Miene auf einem Divan sitzt. „Sie wünschen mich zu sprechen," beginnt er das Gespräch. „Ja, mein Herr!" erwidert unser Freund, fast verwirrt. — „Es thut mir sehr leid, Sie zu stören, aber ich glaube, — oder vielmehr vermuthe, — daß, als ich heute Morgen den Boulevard Sebastopol passirte, ich Ihnen durch Versehen anstatt zwei Sous, zwei Louis gab." — Mit größter Kaltblütigkeit sagte der Blinde: „Sehr leicht möglich — ich habe meine Kassa noch nicht nachgezählt; waltet ein Irrthum ob, nichts leichter, als ihn zu rectifi- ciren." Er zieht die Glocke und beauftragt das eintretende Mädchen, Monsieur Ernst 247 zu fragen, ob er unter der heutigen Einnahme ein 40 Frankenstück gefunden habe. Dar „Goldstück" findet sich vor und wird seinem Eigenthümer auf einem chinesischen Tablett vornehm überreicht. Ehe dieser aber sich damit entfernt, sagte der Blinde: „Pardo«, Monsieur, Sie vergessen etwas — Sie haben mir zwei Sous zurückzuerstatten.' Miseellen. (Folgen eines Bienenstiches.) Die Ehefrau des Försters K., eine jugendlich aussehende, etwas fein gebaute, lebensfrohe Frau, die trotz einer starken Familie sich so wohl conservirt hatte, daß sie mehrfach von Fremden nicht für die Frau, sondern für die älteste Tochter im Hause angesehen wurde, — zeigte sich jeder Zeit sehr empfindlich gegen den Bienenstich. Es wurden bei ihr durch einen einzigen Stich stets die bedenklichsten Affektioncn hervorgerufen. Namentlich war sie vor sechs Jahren in Folge eine» Stichs mitten auf den Kopf dem Ersticknngstode nahe, indem ihr ganzer Körper vom Kopf bis zur Zehe verschwelt, und wahrscheinlich auch die Luftwege sich verengt hatten. Asthmatische Erscheinungen der beängstigendsten Art hielten mehrere Stunden an. Später löste sich die Krankheit in einen, den ganzen Körper bedeckenden Ncsselausschlsg auf. — Da dieser Krankheit--Anfall ganz evident nur durch den Bienenstich hervorgerufen war, wollte der Förster, ein passionirter Züchter, (mein erster Lehrmeister) die Bienen ganz abschaffen, ließ sich aber durch die Frau selbst daran hindern. Am 28. Mai l. Js. früh Morgens hatte K., der noch immer einen Stand von 25 Völkern hält, an einige» Stöcken opcrirt, wobei der eine etwas in Aufregung gerathen war. Er mahnte deßhalb seine Familienglieder zur Vorsicht. Dessen ungeachtet erhielt die Frau, jetzt 44 Jahre alt, bis dahin völlig wohl und heiter, beim Betreten des Hofs einen Stich hinter das linke Ohr. Sofort taumelte sie, halb ohnmächtig, von der Stelle, erreichte mit Mühe das Schlafzimmer, wo eine Tochter die Biene abnahm und den Stachel entfernte, wurde demnächst von den Herzucilcnden völlig bewußtlos auf's Bett niedergelegt, und war nach einer Viertelstunde -— eine Leiche. Nach der Aussage des Arztes soll ein Gehirnschlag den Tsd herbeigeführt haben. Diese Darstellung ist völlig wahrheitsgetreu. — Hoffentlich wird sie keinem Leser der Dienen-Zeitung ein Schreckmittel sein, ihn der Bienenzucht zu entfremden. Wir Bienenzüchter sind ja glücklicher Weise nicht so reizbare Naturen, sondern zumeist aus derberem Materialc gebaut. Bcachtenswerth aber dürfte der Fall sein, um zu constatircn, wie stark unter Umständen der Stich der Biene wirken kann. — Zugleich möge er den Bienenzüchtern als Mahnung dienen, mit ihren Lieblingen nicht allzu sorglos zu sein, sondern ihre Stände möglichst zu verwahren und reizbaren Personen, namentlich kleineren Kindern, den Zutritt zu verwehren. — NüderSdorf, den 10. Juni 1869. Becker, Oberförster. (Aus der Eichstüdtcr-Biencnztg.) (Eine Predigt, die mit einem Fluch anfängt.) Der D'octor C . . ., einer der bekanntesten Prediger New-^orks, besteigt eines Sonntag Morgens, als die Hitze eine wahrhaft tropische war, die Kanzel — und ruft der andächtig versammelten Gemeinde statt aller Anrede die Worte zu: „Gott verdamm' mich, wir haben heut eine verfluchte Hitze!" — Durch die bestürzten Mienen und die Aufregung seiner Zuhörer, die ihren Ohren nicht trauten, — aufmerksam gemacht, wischt er sich den Schmeiß von der Stirn und wiederholte dennoch, jedes einzelne Wort deutlich betonend, die oben erwähnte Phrase. — Darauf heftet er einen ruhigen, frommen Blick auf die nun erst recht empörte Gemeinde, und fuhr fort: „Diese Worte, meine theuren Brüder, entfuhren dem profanen Munde eines jungen Mannes, als ich gerade über die Schwelle dieses Gotteshauses ging." Und nun weiter predigend, nahm er das zweite Gebot: Du sollst nicht fluchen! zum Vorwande seiner Predigt, während er wohl vorher über einen anderen Text zu predigen gesonnen gewesen sein mochte. Sein Vortrug war übrigens so erbaulich. 248 daß alle Anwcscndeu in tiefster Rührung und mit Seelenfrieden im Herzen die Kirche »erließen! * (Ander und Rossini.) In dem jüngst erschienenen Buche ^Rils ok Rossini" wird erzählt, wie Ander zum ersten Male mit Rossini bei einem Diner zusammentraf, das Carafa seinem berühmten Landsmannc zu Ehren gegeben hatte. Nach aufgehobener Tafel setzte sich der „Maestro" auf Ersuchen des Gastgebers an das Piano, und sang Figaro's Cavatine „D-»-AO nl lnototum äolln cito." „Ich werde — erzählt Auber — nie die Wirkung vergessen, welche sein gediegener Gesang auf mich ausübte. Rossini harte eine wunderschöne Baritonstimme — und er sang mit einer Begeisterung und einer Kraft, welcher in derselben Parthic weder Pcllcgrini noch Galli oder Lablache sich genähert haben. Seine Kunst zu accompagnircn war gleich wundervoll, nicht auf Tasten, sondern auf einem Orchester schienen die geläufigen Hände deS gewandten Pianisten zu gallopiren. Als er geendigt, sah ich mechanisch auf die Elfcnbcintasten; es schien mir, als sähe ich sie rauchen. Bei meiner Nachhausckunft bezeugte ich große Lust, alle meine Partituren in's Feuer zu werfen. „Vielleicht erwärme ich sie dadurch," sagte ich zu mir selbst, — „überhaupt, was nützt das Schassen von Musik, wenn mau nicht componiren kann — »ie Rossini!" * (Warum nimmt man beim Grüßen den Hut ab?) In einer Abhandlung über dieses Thema in Dickcn's Wochenschrift tlio Voar Rönne!" wird hervargchoben, daß die alten Brittanier und Gallier ihr Haar ungestört wachsen ließen, so daß es öfter die Hüfte erreichte. Den Römern, welche später die Länder der beiden Bölkerstämmc eroberten, war dieser lange Haarwuchs ein Gräuel, und sie unterzogen die Gallier und Britten einer schimpflichen Schur. Zum Beginne des fünften Jahrhunderts gründete Pharamond sein Königreich in der Provinz, welche seither den Namen Frankreich trägt Die Gallier wurden bis zur Knechtschaft herabgewürdigt und die Eroberer legten unbarmherzig die Schecrc an die Häuptern ihrer Opfer. Seitdem wurde es in ganz Europa zur Regel, daß langes Haar die ausschließliche Apanage der Großen und Edlen des Landes sei. Nicht nur Leibeigenen und Vasallen, sondern freien Bürgern und Bauern wurde nicht gestattet, ihr Haar lang zu tragen. Den Leibeigenen eines adeligen Gutsbesitzers schecrte man sogar während des fünften, sechsten und siebenten Jahrhunderts gänzlich den Kopf kahl, und von dieser Zeit datirt sich die Sitte des Hutabnehmens beim Grüßen. DaS Entblößen des Hauptes hieß so viel als: „Sehen Sie, mein Herr, ich bin ihr Diener, ich habe kein Haar." * Im Themse-Polizei-Gcricht wurden drei Matrosen wegen Einschmuggelnd von acht Pfund Tabak zu der üblichen Geldbuße, dem dreifachen Werthe und Zolle des consiScirten Gutes vcrurtheilt. Sie zahlten die Strafe und baten um Rückgabe deS Tabaks. Auf die Erwiderung des Richters, daß die Confiscation des Tabaks einen Theil der Strafe bilde, und derselbe Ihrer Majestät der Königin verfallen sei, — sagte einer der Matrosen: „Raucht denn die Königin? — Wenn, so möge ihr der Tabak wohl bekommen." (Aller guten Dinge sind drei.) Gast: „Ei, Herr Wirth, Sie bringen ja meinem Freunde drei Schnäpse auf einmal?" — Wirth: „Ja, der Herr Verwalter trinkt im«» b»r dem Schnaps einen Schnaps, und nach dem Schnaps wieder einen Schnaps!" Auflösung der Charade in Nr. 30: _ „Handwerk." Druck, Verlag und Redaction des Litcrarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. Ni-o. 32. 8. August 1869. Wer früh umberspäht mit gesunden Sinnen, Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft, Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Noth Den schreckt der Berg nicht, wer darauf geboren. S chiller. Der Wunder-Doctor. Erlies Kapitel. (Fortsetzung.) Franzl aber, den die Antwort nicht sehr befriedigte, dachte nun mit einem Male den Kleinen zum Bekenntniß zu bringen, und sprach: „Da Du so ein gelehrter Man» bist, Alter, so wirst Du mir wohl auch sagen können, »b es denn wahr ist, daß es Menschen gibt, die aus den Händen Anderer, deren Schicksal und was ibncu zuständig ist, entnehmen können?" „Warum sollte man das nicht?" — antwortete der Kleine. „Die Welt ist voller Wunder, es fehlt nur oft an dem Oculo, sie zu sehen." „So könntest Du vielleicht wohl gar selbst —" „Ich habe mich mit der Cabala und Chiromantik lange Zeit abgegeben, — aus Unterhaltung, versteht sich, und habe manche Complexion aus den Lineamenten errathen." „Ei, so setz' Dich doch an unsern Tisch," rief jetzt der Silbermüller; „Du scheinst mir ein geselliger Kumpan, und solche Lcut' mag ich gut leiden." „Ja, setz' Dich zu uns, alter Herr," riefen Lutzbichl und BockSbartl, während der Wirth aufstand und ihm Platz machte. „Nun, meinetwegen," sprach der Kleine, „ich liebe ebenfalls lustige Kumpanei; — aber seht, da kommen noch welche," — fuhr er lächelnd fort, als er die Bauern, die er hinausgefoppt, mit mürrischen Mienen wieder in die Stube treten sah. „Na, habt Ihr keinen Batzen mehr gefunden?" „Du bist ein loser Vogel, der uns bloß um den Platz geprellt hat," — antwortete Einer von ihnen. „Es geschah uns aber ganz recht," — sagte der Zweite, „warum waren wir so vernagelt und haben es nicht gleich gemerkt." „Alter Herr," sprach der Silbermüller, „wie Du vorhin sagtest, so kannst Du aus den Händen lesen. Da wir so lustig bei einander sitzen, so könntest Du uns wohl ein kleines Kuuststückchen zum Besten geben. Dafür will ich Dir meine Lagerstclle im Hinter- stübcheu abtreten, und heute Nacht hier in der Gcmeindcstube auf dem Stroh vorlicb nehmen." — „Topp! — Es gilt!" — rief der Kleine. „Noch einen Krug Wein," rief er dem Wirthe zu, „und nun reich Deine Pfote her." „Da ist sie," sagte der Silbermüller, und reichte ihm die nervige Rechte. Der Kleine betrachtete sie lauge Zeit mit einem ernsthaften Gesichte, fuhr mit dem Zeigefinger einige Male über die Linien der Hand hin und wieder, und sprach sodann, indem er die Stirne in gelehrte Falten zog: „Du hast nach den Andeutungen, die ich aus Deiner Hand entnehme, eine lange Lebenslüste, jedoch zeigt mir auch diese Mcnsalis, welche hier den Qnadrangnlus berührt, daß Jemand in kurzer Zeit ein Ungemach über Dich bringen wird." 250 „Dem Schurken soll ja gleich das Donnerwetter auf den Kopf!" — fuhr der Silbermüller auf. „Und kann man den schlechten Kerl nicht erkennen?" fragte er weiter. „Wenn mich diese Linie, welche in Form einer Angel durch die Nestrictam geht, nicht betrügt," erwiederte gelassen der Kleine, „so bist Du es selbst, der sich jenes Ungemach bereiten wird." „So ist's recht!" brummte Silbcrmüller in den Bart, während die ganze Gesellschaft in ein unmäßiges Gelächter auSbrach. „Nun weiter, weiter! Jetzt ist die Reihe an der Leui." Der Kleine erfaßte Leins Hand, betrachtete sie aufmerksam und prophezeite ihr daraus viel Schönes für die Zukunft, — behauptete aber ebenfalls, daß sich in ihren Lincamenten ein zu erwartendes Ungemach ankündige, — welche Prognosis er auch bei Franzl, als er dessen Hand betrachtete, zu finden vorgab, wodurch die Fröhlichkeit der Gesellschaft beinahe in Etwas gestört wurde. „Na, wißt Ihr was," sagte plötzlich der Kleine, „lasten wir die vis latalis der Zukunft sich selbst enträthseln, und unterhalten wir uns auf eine angenehmere Weise." Hierauf begann ' er mit gar seltsamer Behendigkeit mehrere wunderbare Gaukler- Künste zn machen, worüber die guten Tirolerschützen beinahe außer sich gericthcu. „Jetzt gebt Acht, jetzt kommt das Hauptstück!" rief er diesen zu. „Du hübsche Dirne, gib mir den Blumenstrauß, den Du in Deinem Busenlatz stecken hast," sprach er zur Lcni, welche ihm sogleich das Verlangte darreichte. „Seht, hier ist ein Strauß," suhr er fort, indem er denselben den Zuschauern zeigte, „es ist ein ganz gewöhnlicher Strauß von Alpenrosen, Spik und Balsaminen. Nun gebt Acht." — Hierauf brachte er eine kleine Glasviole aus der Tasche hervor, steckte den Blumenstrauß in dieselbe und verdeckte ihn mit einem Hute, den er ohne alle Umstände seinem Nachbar, dem Bocks- bartl, vom Kopfe zog. Als dieses Alles geschehen war, nahn: der Kleine eine sehr ernsthafte Miene an, räuspcrre sich, verdrehte gewaltig die Augen, neigte sich dann dreimal über den alten Filzdeckel und sprach mit hohlem Baste: „?ul/.i, putxi! lölpolitos, ckie ilir soick es! i^uno niiciuick sollguonckum ost, c>uvck omnia lrülinrius ^o/.oiAutu üdor- IrellsliU, ossloiui» ot spocluculum misorabilium, ckumeriuni oolisii!" Auf diese räthselhaften Worte nahm er den Hut von dem Blumensträuße, und wer schildert das Erstaunen der Versammlung — der ganze Strauß, mit Blume, Blatt und Stengel, hatte eine lichtgelbe Farbe. Nach einigen geheimnißvollen Manipulationen mit der Violc bedeckte er die Blumen abermals, und nachdem er eine ähnliche Zauberformel darüber gesprochen, — nahm er wieder den Hut weg, und siehe da, dieses Mal waren sie roth, wie auS dem brennendsten Scharlach gemacht, und als er dieses Experiment das dritte Mal wiederholte, hatten sie die schönste himmelblaue Farbe. Das vierte Mal jedoch war der Strauß wieder wie früher und keine Spur von feinen früheren Verwandlungen an ihm zu bemerken. „Das ist ein Teufelskerl!" brummte der Silbcrmüller. „Wenn's nur nicht am Ende der Gottseibeiuns selbst ist," — raunte ihm der vor Angst zitternde Lutzbichl in das Ohr. „Die Gesellschaft kommt mir nicht ganz geheuer vor," — miaute Bocksbart!, „ich dächte, wir suchten ihrer los zu werden/' In der That verlor sich bald ein Gast nach dem andern, und suchte seine Lagerstätte, bis endlich nur noch der Silbermüller, seine Tochter und Franzl allein bei dem Kleinen am Tische saßen. , „Sei noch einmal schön bedankt," — sprach der Silbermüller. „Obgleich Deine Geschichten da etwas nach Hexerei riechen, — so glaube ich doch, daß Alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Aber es ist spät geworden, ich dächte, wir suchten jetzt ebenfalls »nser Lager." 251 „Du hast recht, alte Brummkehle, est tompus llormioncü! Zch bin auch schon laß und ganz trümlich." Nach diesen Worten stand der Kleine auf und reichte dem Silbermüller die Hand. »Na, schlaf' in Frieden, und der liebe Herrgott und seine Heiligen behüt' Euch Alle zusammen!" Hierauf erfaßte er den Wirth und sprach: „Du, führe mich jetzt in das Rattenloch, das Ihr Schlafkammer nennt, und bringe mir sodann noch einen „Schnapps" zum Schlaftrunk hinüber." Mit diesen Worten zog er ihn mit sich zur Thüre hinaus. »Hm! Der Teufel ist er wohl nicht," sprach nach einigen Minuten der Silbermüller, welcher ihm, wie seine Tochter und der junge Schütze verwundert nachgesehen hatte, »aber wer er ist, das mag der Teufel errathen!" (Fortsetzung folgt.) Gesundheitspflege in Schulen. Von allen Gebäuden, in denen sich größere Menschenmengen regelmäßig versammeln, sind die Schulen unter dem Gesichtspunkt der Gesundheitspflege die wichtigsten und zugleich die am meisten vernachlässigten. Von den Lehrern abgesehen, haben ihre Besucher weder die Fähigkeit noch die Mittel, sich selbst zu helfen. Die verhültnißmäßig hohe durchschnittliche Bildung der Lehrer aber hat von praktischer Hygiene noch nichts in sich aufgenommen. So kommt es. daß, wenn die Wissenschaft einmal die Luft, oder das Licht, oder die Tische und Bänke einer Schule ihrer Prüfung unterwirft, die nachthei- ligen Einflüsse in stärkerer Thätigkeit begriffen vorgefunden werden, als in Krankenhäusern, Gefängnissen, Kasernen u. s. f., die meistens alle schon sowohl beim Bau wie während ihrer Benutzung einer gewissen eindringenden hygienischen Kontrole unterworfen werden. Die Verderbtheit der atmosphärischen Luft für menschliche Athmungszwecke mißt sich bekanntlich an ihrem Kohlensauregehalt. Kohlensäure ist das Exkrement des Athmungs- prozesses, wie Sauerstoff sein Unterhalter. Man nimmt an, daß die Beimengung der Kohlensäure, wenn die Luft eines Raumes athembar-gesund bleiben soll, das Verhältniß von Eins auf Tausend nicht übersteigen dürfe. Nun fand aber der englische Arzt Ros- und die Nebenschachte von über einer englischen Meile, wozu man sich die entsprechende Länge der Treibriemen denken mag. Einer dieser Treibriemen, z. B. der von Kautschuck, mißt 120 Fuß, und treibt eine in der benachbarten Nassaustreet im fünften Stockwerke eines Hauses stehende Maschinen- Prcsse; und ein anderer, aus Leder und 140 Fuß lang, setzt wieder in einer anderen Straße die in einem und demselben Gebäude, sowohl tief unten im Keller, als auch im obersten, dem Dachstockwerke befindlichen Druckmaschinen in Bewegung. Es ist aber erstaunlich, was diese Dampfmaschine, natürlich mit Hilfe der Presse, arbeitet. Sie druckt die zahlreichen Kindcrschriften einer hierin großen Firma, dient dann einem zweiten bedeutenden Verlags-Etablissemcnt, sowie einer Anzahl von Accidenz-Buchdruckercien, — druckt eine Masse von Magazinen und Büchern, versieht eine Steifrockfabrik und verschiedene große Buchbindereien mit der nöthigen Dampfkraft, und producirt endlich die manchmal sehr großen Auflagen von 50 — sage fünfzig —- verschiedenen Tag- nnd Wochcn- Blättcrn New - Tjorks (darunter z. B. die Auflage eines der gelesensten amerikanischen literarischcn Journale von 300,000 Exemplaren). Sachverständige mögen hieraus ermessen, wie viel Personen, Räumlichkeiten, Zeit und Feuerungs-Material durch diese gemeinschaftliche Theilnahme an einer Dampfmaschine erspart wird, — und dürfte dieses Beispiel, wo dieses System in so großartigem Maßstabe zur Anwendung gebracht ist, um so eher zur Nachahmung im Kleinen anregen. E r O schöne Erntezeit! Wie wogen all' die Ächren Gleich sanft bewegten Meeren, Auf Feldern weit und breit. Die Schnitter ziehen aus; Die blanken Sicheln schallen. Die gold'nen Aehrcn fallen, Und Garben werden draus. n t e l i c d. Die Garben führt man heim. Was Edles sproßt auf Erden Muß Brod des Lebens werden, Und neuer Segenskeim. Ruh', Erde, preisbedeckt! Für Wunden gibst du Garben Und hegest, die da starben, Bis Gottes Ruf sie «eckt. Die Frau ist das Herz der Welt, und dieses Herz ist dazu berufen, sich gegen alles Ungerechte und Gemeine aufzulehnen. 256 Die schwarze Johannisbeere. Dieser Beerenstrauch wird in Deutschland bei weitem nicht so häufig kultivirt, als er es verdient. In vielen Gegenden ist er gar nicht bekannt, oder ganz aus den Gärten Verschwunden, und es dürfte deßhalb nicht überflüssig sein, die Aufmerksamkeit wieder auf denselben hinzulenken. Vor Allem muß erwähnt werden, daß er eine äußerst genügsame Pflanze ist, die mit jedem Boden und mit jeder Lage vorlieb nimmt, wenig oder gar keiner Cultur bedarf, und doch alle Jahre reichlichen Ertrag liefert. Die reisen Früchte werden von vielen Personen sehr gerne roh genossen, — während sie von andern ihres eigenthümlichen, fast wanzenartigen Geruchs willen gemieden werden. Sie besitzen nicht unbedeutende mcdicinischc Kräfte, und sind deßhalb von Jenen, — die sie näher kennen, allgemein hoch geschätzt. Sie gelten für magenstärkend, sollen die Verdauung fördern und wirken, selbst in kleinen Portionen genommen, wohlthätig auf die Urin- und Stuhl- Entleerung ein. Wegen ihrer Harn- und schweißtreibenden Kräfte werden sie auch als Mittel gegen die Wassersucht empfohlen, wobei indeß hauptsächlich das Kraut als Thee angewendet wird. Als Volksmittel gegen die Gicht genießen sie eine gewisse Berühmtheit. Zu diesem Behufe werden die jungen Knospen oder Blätter grün oder getrocknet zu Thee benutzt, den man Morgens im Bette trinkt und darauf den Schweiß abwartet. Läßt man 8 Theile Honig mit 5 Maßthcilc Wasser bis auf '/< einkochen, thut alsdann 3 Theile zerdrückte Beeren hinzu und läßt beides gährcn, so hat mau einen angenehmen Gichtbccrmcth, wovon Morgens und Abends eine Tasse voll oft schon eine hartnäckige Gicht vertrieben. Die Blätter können zum Gelbfärbcn der Liqneurc, die Knospen und Beeren dazu benutzt werden, um dem Wein einen MuScateller-Gcschmack zu ertheilen. In Frankreich wird dieser Strauch in der ausgedehntesten Weise cultivirt, indem aus den Beeren ein sehr beliebter Ligucur bereitet wird, der einen ausgedehnten Handels-Gegenstand bildet. Der Hauptsitz dieser Cultur ist die Gegend von Dijon. Dieser Ligucur unter dem Namen lliciuviir ck« (.'asills bekannt, hat einen sehr angenehmen Geschmack, und gilt für sehr gesund. Mischt man unter den Saft der rothen Johannisbeere '/,» der schwarzen, und bereitet daraus in der gewöhnlichen Weise (unter Zusatz von Zucker und Wasser) durch Gährung einen Wein, so kann man denselben, — wenn er älter wird, nicht von ächtem Portwein unterscheiden. — Die jungen Blätter werden frisch zum Ansetzen des Maiweins mit andern Pflanzen, als Waldmeister, Melisse, Gundelrebe und Erdbecr- blüthe gebraucht, doch dürfen sie nur in ganz kleinen Quantitäten genommen werden, damit ihr Geruch nicht vorschmeckt. Frankfurter Schotelicdchen. (Aus der New-Dorker Zeitung.) Jetzt unsere Modcpöpperchcr Mit Zwickelcher und Häckelcher, Und ausgeschnittene Jäckelcher, Was trage doch für Nöckercher Was windisch wie die Fähnercher! Was ausgestopfte Becncrchcr! Was himmelhohe Nesterchcr! Was Schmink und Schönheitspflästcrcher. Und hinne hängt e Kisselche Das wackelt stets e Bisselchc Und rund herum Volantcrcher, Das macht's noch viel pikanterchcr, Was trage sie für Stieselcher, So eng, 's wird einem übelcher, Mit Wade wie Slreichhölzercher, So geh'n sie wie aus Stelzercher. Voll Gittcrchcr nnd Flittercher Mit ausgeschnitt'ne Miederchcr, Sie trage falsche Zöppercher Und Straßen-Kchruugs-Schleppercher. Wie trage Mvdepöpperchcr Jetzt gar so hoch die Köppcrcher, Verkrüppelt ihre Leibercher Und das nennt man jetzt Weibercher. Druck, Verlag und Redaction des Literarijckcn Jnst'luts von I)r. M. Huttlcr, N,-o. 33. 15. August 1869. Ach, der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt, Und es ehret der Knecht nur den Gewalisamen; An das Göttliche glauben Die allein, die es selber sind. Hölderlin. Der Wuuder-Doctor. Zweites Kapitel. Das Com plott. St. ClothildiStag, welcher auf diesen lustigen Abend folgte, und an welchem das Bcflschießen abgehalten werden sollte, fiel an einem Sonntage. Aus allen benachbarten Dörfern hatten sich die Bewohner zu dieser beliebten Volksbelustigung eingesunken. — Die Straßen von Hell waren mit Menschen von jedem Alter angefüllt. Weiber und Kinder, Greise und Buben drängten sich in der bunten Nationaltracht der Tiroler durcheinander. Ringsum erblickte man Männer mit grünen Hosenträgern, schwarzen Beinkleidern und breiten, spitz zulaufenden Hüten von weißer oder schwarzer Farbe, — und Weiber mit hübschen Miedern, schwarzen, grün- oder roth - verbrämten Röcken, — und langen Zöpfen mit bunten Bändern durchflochtcn. Franzl, Silbcrmüllcr und Lcni wanderten, nachdem sie andächtig die „Frühmesse" gehört'hatten, durch die Gruppen der verschiedenen Landleutc; welche sich in vorzüglicher Menge um die alterthümliche Kirche und auf dem Fricdhofe versammelt hatten, und sprachen bald mit diesen, bald mit jenen Bekannten. Leni hatte ihren Sonntagsstaat, den sie eigens zu diesem Feste mitgenommen hatte, angezogen, und sah in den schwarzen, pauschcnden Tuchröcken, mit dem kleinen Fürtuch, den rothen, straff anliegenden Strümpfen und den Leder-schuhen mit bunten Bandschleisen gar stattlich aus. Die Bursche schauten auch gar viel nach dem schönen Mädchen hin, jedoch Lcni merkte wenig darauf, und unterhielt sich gar köstlich mit ihrem Franzl. So verging in ungetrübter Heiterkeit die Hälfte des Tages. Der kleine Fremde aber war nirgends zu sehen, er hatte sich nach der Aussage des Wirthes schon mit dem ersten Morgenschimmer davon gemacht. Nach dem Nachmittags-Gottesdienste verfügten sich sämmtliche Schützen zu dem Richter des Ortes, welcher der Vorstand der Gilde war, und von dessen Wohnung aus der Aufzug nach der Schießstättc gehen sollte. Während sich die rüstigen Prcisbcwcrber, worunter sich auch Silbermüller und Franzl befanden, noch an einem „Krüglein Wein" »letzten, stahlen sich zwei Schützen von der Gesellschaft fon, nachdem sie sich gegenseitig Winke gegeben hatten, sich zu entfernen. Es waren zwei entfernte Anverwandte Silbcrmüllers, der Eine Namens Wildhaucr,t der Andere Namens Dreißler. Als sie sich weit genug von dem Hause entfernt glaubten, — um nicht beobachte, werden zu können, begann Wildhaucr also zu Dreißler zu sprechen: „Ich winkte Dir mir zu folgen, und ich glaube, Du ahnst es bereits, was die Ursache sein mag, warum ich es that." / 258 „Ich zweifle nicht," — sprach dieser, „daß es dieselbe ist, welche auch mich bewog. Dich schon heute Morgens aufzusuchen." Wildhauer drückte Drcißlcr die Hand. „Wir verstehen unS. Wir waren bis jetzt Nebenbuhler — und werden es bleiben, bis das Schicksal entschieden, welcher von uns Beiden die schmucke Lcni deS alten Silbcrinüllers sammt der hübschen Aussteuer erhalten wird. Jetzt aber, da dieser Gelbschnabel aus Kleinbodcn, der gleichsam wie ein aus dem Himmel Herabgefallener Bräutigam erscheint, uns einen Strich durch unsere Rechnung zn machen droht, müssen wir unsere vereinten Kräfte aufbieten, seine Absichten zu nichte zu machen." „Wie aber wollen wir dieses anfangen?" versetzte der Andere. „Der Alte und die Dirne scheinen dem Buben gewogen und —" „Wenn auch — Du kennst den alten Silbermüllcr und seine Heftigkeit. Wenn es »«r dem Buben gelingt, besser zu schießen als der Alte, so haben wir gewonnen Spiel." „Der Alte ist ein guter Scheibenschütze —" „Er war es einst, willst Du sagen, aber seine Sehkraft hat abgenommen und seine Hand beginnt zu zittern. Auf jeden Fall müssen wir sie gegen einander hetzen. Du weißt, wenn ein Schütze einmal in's Schießen kommt, — so vergißt er Alles um sich herum, und denkt nur an das Ziel. Jetzt komm', wir wollen zur Gesellschaft zurück, und den Beiden so viel als möglich zutrinken, um sie zu unsern Absichten zu stimmen." Nach diesem kurzen, aber honetten Zwiegespräche, begaben sich die beiden Ehrenmänner wieder in das Haus des Richters, und mischten sich unter die übrigen Gäste. Lustig krcis'te indessen hier der Weinkrug von einer Hand zur andern, und Silbermüller und Frauzl hatten schon in bester Freundschaft einige Male mit einander angeklungen, und auch das Zubringen der klebrigen erwiedert, als Wildhaucr und Drcißlcr ihnen aus's Neue ihre Krüge zum Anstoßen darboten, welches sie auch, nach Schützen- weise, nicht ausschlagcu durften und mochten, und das diese in erheuchelter Freundlichkeit einige Male wiederholten. Endlich wurde das Zeichen zum Aufbruche geg-ben. Ein Schütze mit einer hohen Fahne, von welcher weiße und grüne Bänder heruntcrflattcrtcn, an denen sich die Preise, «us Gold- und Silbcistückcn bestehend, befanden, machte den Anfang des ZugeS. Diesem folgten zwei kleine, hanswurstartig gekleidete Jungen, welche bei dem Schießen die Zieler- dicnstc versahen, — von denen jeder ein Fähnlein mit einem kurzen Stiele trug, von welchen das eine von weiß und grüner, das andere von rother Farbe war. Ihnen folgten mehrere Spielleute, dann der Richter von Zcll, als Schützcnmcifler »nd Preisrichter mit den Aeltcsteu des Ortes, und nach diesen sämmtliche Schützen, — jeder den Hut mit Huifedcrn und Gemsbart geschmückt, — und die Armbrust über der Achsel. Den Schützen schlössen sich sämmtliche Weiber, Mädchen und Kinder des Dorfes und der Umgegend an, unter welchen sich auch Leni mit einer Freundin, die sie zufällig i» Zcll getroffen hatte, befand. Der Zug ging unter lautem Gejauchzt, Gelärm und Musik auf mehreren Umwegen durch das Dorf, an der Kirche vorüber, und sodann zu der Schießstültc. Diese war eine schöne, große Waldwiesc, ungefähr eine Viertelstunde außer Zell, rings von grünen, waldbcwachsencn Bergen umschlossen, hinter welchen die mit ewigem „ Schnee und Eis bedeckten Höhen der hohen Mauxr und deS Löffels hervorblickten. An dem obern Raine der Wiese war ein Zelt von rother und weißer Leinwand aufgeschlagen, welchem gegenüber an dem entgegengesetzten Ende die Scheibe aufgepflanzt war. Neben dem Zelte flatterte eine hohe Fahne von grün und weißer Farbe lustig in der Luft. Der Richter und die Aeltcsteu nahmen in dem Zelte Platz, von welchem sie den ganzen Schicßplan übersehen konnten. Neben diesen platzirtcn sich die Spicllcutc, an welche sich die Zusehcr in buntem Gemenge reihten. Als die Versammlung etwas ruhiger geworden, erhob sich der Richter, nahm seinen 259 Hut von dem Kopfe, und sprach: „Ihr werthen Schützen, Bürger und Landleute! — Ihr seid allhier abermals versammelt, um einer Volksbelustigung, die seit langer Zeit i« unseren Bergen heimisch und beliebt, wie in keiner andern Gegend ist, bei uwohnen, bei welcher Jedweder seine Fertigkeit und Geschick im Schießen nach der Scheibe darthun wird. „Demjenigen, welchem von Euch der beste Schuß gelingt, wird der Preis zu Theil, bestehend in zwei Gold- und vier großen Silbcrmünzen, und einem Waidfähnlcin »o« weiß und grüner Farbe, zur Erinnerung an den heutigen Tag. „Ich, als Aeltester von Zell und Vorstand der hiesigen Schützenlade, ermähne Euch daher, daß Ihr Euch ruhig und bcschcidcntlich verhalten wollet, damit dieses Alles, s» wie es sich geziemt, in Frieden und guter Eintracht vor sich gehe, und somit laßt unS denn in St. Hubcrtns und des Himmels Namen das Schießen beginnen." Hierauf ließ sich der Richter wieder auf seinen Stuhl nieder, und die „Schützen* mußten die Loose, welche den Rang bestimmten, nach dem auf Jeden der Schuß kam, aus einem Korbe lesen. Gespannte Aufmerksamkeit herrschte unter den Zuschcrn wie unter den Preiswerbern. Da trat der Lutzbichl, dm das Loos zum ersten Schuß bestimmte, aus den Reihen. Er nahm seine Armbrust, legte an, maß eine geraume Weile die Entfernung und drückte ab. Der Bolzen schlug in den dritten Kreis. Ein allgemeiner Jubel erfolgte. Lutzbichl trat zurück und überließ seine Stelle dem Kohlhammcr aus Zirl, dieser einem Schützen aus Schwatz und so fort. Silbcrmüllcr und Franzl hatten beinahe die letzten Nummern getroffen. Keiner ihrer Vorgänger aber vermochte inner den zweiten Kreis zu treffen, — ja ' Manche trafen sogar in den ersten, und auch außerhalb desselben, welchem immer ei» schallendes Gelächter folgte. Jetzt kam die Reihe an Franzl. Mit raschen Schritten trat er aus den Reihe» der Schützen, faßte, nachdem er seinen Anstand genommen, die Armbrust — und drückte nach kurzem Bemessen ab. Ein allgemeiner Jubel folgte dem Schliffe. Franzl hatte den vierten Kreis getroffen. Bescheiden, aber mit glühenden Wangen trat er zurück, mit flüchtigem Blick Lenr »nter den Zuschauern suchend. Noch einige Schützen, worunter auch Wildhauer und Dreißlcr, folgten ihm, aber abermals fehlte Jeder von ihnen. Endlich kam der Schaß auf Silbcrmüller. „Du wirst doch dem naseweisen Buben nicht den Preis lassen!" — raunte ihm Wildhaucr zu. „Sieh' nur, wie er lächelt," flüsterte Dreißlcr, „er glaubt schon, des Sieges ganz sicher zu sein." SilbcrmüllerS Stirne zog sich in finstere Falten, doch faßte er sich schnelle, trat vor und legte an. Man sah, daß eS seine alte Schützenehre galt. Jetzt drückte er ab. Jubel über Jubel — er hatte ebenfalls den vierten Kreis getroffen. Mit beinahe stolzer Miene trat er wieder unter die Schützen-Versammlung, und blickte lächelnd auf Lern hinüber, die ihm freudig mit dem Tuche zuwinkte. Die Nachfolgenden trafen nur mehr den zweiten und dritten Kreis. Als sämmtliche Schützen geschaffen hatten, erhob sich der Richter wieder und sprach: „Wie Ihr gesehen habet, Ihr wackeren Schützen, so sind dieses Mal die Beste» unter Euch: Franzl Pfeiffer anS Kleinboden und der Hans Silbermüllcr aus Sterzingeu. Beiden gebühret für heute die Ehre nnd der Preis als Schützenkönig. Da diese Würde aber nach altem Herkommen nur Einer dieser beiden Schützen bekleiden, und die mit dieser Würde verbundenen Preise in Empfang nehmen kann und darf, so mache ich den Ausspruch: Franzl Pfeiffer hat mit dem HanS Silbermüller „noch Einmal" um den Preis zu schießen." 260 Alles fand diesen AuSspruch gerecht und billig, — und Franz! und Silbermüller traten vor. Franz! spannte besonnen die Armbrust und legte an. — Aller Augen waren auf das Ziel gerichtet. Jetzt drückte er ab — sein Bolzen hatte mitten in das Schwarze getroffen.. Die Berge widerhallten von dem Jubelgeschrci der Menge, — Mützen und Hüte flogen in die Lust, die Musik machte einen fürchterlichen Tusch, während die Zieler Bockssprünge machten, wie toll um die Scheibe tanzten, und ein rothes Fähnlein auf dieselbe pflanzten. Nur Lein, welche ihren Vater und seinen Ehrgeiz, der beste Schütze zu sein, kannte, zitterte in banger Erwartung. „Jetzt, Silbermüller, nimm Dich zusammen,- flüsterte Wildhaucr. Mittlerweile war eine neue Scheibe neben der alten aufgerichtet und Silbermüllcr trat auf seinen Stand. Silbermüllcr, merklich aufgeregt, legte an, maß bedächtiger als das erste Mal und drückte ab. Aber unter dem Abdrücken zitterte seine Hand, der Bolzen flog weit über die Scheibe hinaus. Während diesem hatte sich Drcißler hinter Franzl geschlichen, und schlug in diesem Augenblicke eine schallende Lache auf, welcher eine zahlreiche Begleitung folgte. Silbermüllcr wendete sich, fast erstarrt vor Schreck, Wuth und Scham über sein Mißgeschick, noch mehr aber über diesen Hohn, — nach der Gegend, von welcher jenes Gelächter kam, und erblickte Franzl, der ganz unbefangen auf seine Armbrust gelehnt dastand. „Der war's!" flüsterte Wildhauer. Dem Alten schwindelte, so, daß ihn Wildhaucr am Arme fassen mußte, wollte er ihn nicht umsinken lassen. Indessen halten die Schützen Franzl umringt und brachten ihm ihre Glückwünsche. Auch der Richter sammt seiner Umgebung erhob sich und trat zu Franzl, ihm den Preis, welchen schöngeschmückte Mädchen auf Polstern trugen, einzuhändigen. Ebenso kamen die Jungen in den Narrenklcidcrn herbei, und überreichten ihm das Waidfähnlein und das Centrum, aus einem Nagel bestehend, den sie auf einem Teller trugen. Jubelnd und lärmend umdrängten die Zuschauer die Gesellschaft. Nur Lcni, welche die Bewegung ihres Vaters gesehen hatte, — war verwirrt und schluchzend zu diesem getreten, und faßte ihn besorgt am Arme. Als Franzl den Preis erhalten hatte, trat auch Silbermüllcr, den seine Tochter vergebens zu bewegen gesucht hatte, den Schauplatz seines Unheils zu verlassen, zu Franzl. Er war merklich blaß geworden und seine Augen funkelten. „Franzl," sprach er mit einer »or Grimm zitternden Stimme, ,.ich wünsche Dir Glück zu Deinem Preise, Du bist ein guter Schütze. Aber —" flüsterte er ihm mit gedämpfter Stimme in das Ohr, indem er ihn einige Schritte seitwärts zog, „die Lein bekommst Du nicht — merk' cS Dir wohl; eS müßte denn," setzte er mit hämischem Lächeln hinzu, „der Erzherzog Maximilian selbst für Dich um ihre Hand bei mir werben." Mit diesen Warten drehte er ihm den Rücken zu — und entfernte sich mit seiner Tochter, welche noch einen wehmüthig klagenden Blick auf den betroffenen Schützenkönig zurückwarf. Franzl stand wie aus den Wolken gefallen, und wußte nicht, ob er träume oder wache, so unerwartet traf ihn dieser Schlag. Wildhauer aber drängte sich durch's Gewühl zu Drcißler hin, drückte diesem die Hand und flüsterte: „Bravo! das haben wir gut gemacht. Der Alte ist glücklich in die Falle gegangen." (Fortsetzung folgt.) 261 Pa er Hyacinthe. Ueber den ?. Hyacinthe finden wir in den „Hist.-Pol. Bl." folgende Notizen: „Bor ungefähr 25 Jahren trat ein achtzehnjähriger Jüngling in'S Seminar und kurz darauf in den Orden der unbcschuhtcn Carmeliten. Hier lebte er eine lange Zeit, von der Außenwelt unbeachtet und ungekannt, die Pflichten des OrdenSlcbcnS erfüllend. Von dieser Außenwelt selbst empfing er nichts als einige Bücher und spendete ihr dafür die bescheidenen Erstlingsarbciten seines Seelsorgcr-AmteS bis eines TageS — lange Jahre nachher — das Publicum von Paris, streng und gefährlich wie kein anderes, wenn cS gilt einen Ruf zu begründen, aus der Kirche trat und sagte: „Lacordaire hat einen Nachfolger gefunden." Zum zweitenmale Male war in Pater Hyacinthe ein OrdcnSmann aufgetreten, der schon mit dem Mönchsgewande, daS ertrug, in den entschiedensten Gegensatz mit allen Tendenzen seiner Zeit tretend, sein Talent fern von ihr in der Einsamkeit ausgebildet hatte und nun plötzlich, aber auf die Dauer, sich durch sein merkwürdiges Verständniß derselben, durch seine außerordentliche Beredsamkeit und die Gewalt seines Geistes das Recht erwarb, seinen LandSlcuten und Mitbürgern die Wahrheit zu sagen — und von ihnen gehört zu werden. Der Vergleich mit dem großen Dominicaner konnte verderblich für ihn werden; allein ?. Hyacinthe bestand die Probe und mit den Jahren wuchs sein Ruf . . . Gerade deshalb, weil unter seiner Kutte ein Herz schlägt, daS für keine der gerechtfertigten Anforderungen seiner Zeit gefühllos bleibt, hat er wie kein Anderer das Recht, ihr die bittere Wahrheit zu sagen. Die Freiheit, die Civilisation, die Philanthropie sind ihm nicht leere Worte oder feindselige Begriffe, sondern heiliger Ernst. . . . Die schöne Definition, die Lacordaire vom Priester gab, indem er von ihm sagte: kort eomms lo ciinmnnt, vt tanllro comine unv mörv (stark wie der Diamant und zärtlich wie eine Mutter), suchte ?. Hyacinthe zur Wahrheit werden zu lasten. Nachsichtig gegen den Irrthum und mild gegen die Schwachheit, überwältigt ihn der Anmuth nur dann, wenn er dem Unrecht begegnet, das im Namen der Wahrheit begangen wird, weil er die Drachensaat wohl kennt, die auS diesem traurigen Samen ersteht, und weiß, daß oft Blut und Thränen nicht hinreichen, um die Spur zu vertilgen, die sie zurückläßt." — In demselben Artikel heißt es von Montalembert: „Der junge Pmr, der damals kaum 21 Jahre alt vor der französischen Pairskammer mit seiner jungen Beredlsamkeit den Boden erkämpfte, auf welchem die Untcrrichtsfreiheit sich entfalten sollte, und der seit dieser Zeit immer in den ersten Reihen stand, wo cS gilt, Ehre, Freiheit, Recht und Gewissen zu vertheidigen, hat zu früh den Kampfplatz verlassen müssen. Wenn auch seine alten Genossen und jungen Verehrer die Hoffnung für ihn noch nicht aufgegeben haben, so überwiegt doch die Furcht, er möge von dem schweren Leiden nicht mehr vollkommen genesen, das ihn noch in den besten Jahren befallen hat. Wenn seine Freunde vom SchmerzenSlagcr wiederkehren, das ihn gefesselt hält, so erzählen sie bewundernd, wie der Schmerz nichts über ihn vermöge. Er vergißt sich selbst und alles, was ihn Persönlich berührt, um die Kraft, die er dem Leiden abringt, den großen Fragen zuzuwenden, denen er sein Leben und alle Vorzüge seiner reichbegabtcn Natur mit einer Hingebung geweiht hat, von deren Aufrichtigkeit und Treue die Geduld dcS Christen ein letztes Zeugniß gibt." Etwas über Menschenfresser. Nur in wenig Ländern noch herrscht der schauerliche Gebrauch, daß ein Mensch den andcni aufzehrt, sei es, wenn er ihn als Feind besiegt und getödtct, sei eS, daß er einfach ein menschliches Wesen handwerksmäßig abschlachtet, um sich von dem Fleisch des Getödtctcn zu nähren. Mau hatte geglaubt, daß diese gräuliche Entartung dcS Mensche», seit der Ansiedelung der Holländer in Südafrika, dort ganz verschwunden sei; ein englischer Reisender, Namens Bswkcr, aber bestätigt in seinem Reisebericht, daß im 262 Basutoland in Südostafrika noch immer Menschenfresser Hausen. Bowker kam von einige« Eingcbvrnen begleitet — im Dezember 1868 in's innere Gcbirg, an den verlassene» MissionSpostcn Cana. Die Wanderer befanden sich in einer sehr wilden Landschaft plötzlich vor einer ungeheuren Höhle. Sie traten hinein und fanden auf dem Boden ganze Haufen von Menschenknochen und Gebeinen aufeinander geschichtet. Bowker erzählt: „Man kann sich denken, unter welcher Aufregung ich diese düstere Höhle untersuchte. — Der Führer geleitete mich an eine Stelle, wo einige rauhe, unregelmäßige Stufen in eine dunkle Gallerte führten; dort wurden die Schlachtopfcr aufbewahrt, bis au sie die Reihe kam. An ein Entrinnen von dort war nicht zn denken. Bei Wilden, welche etwa durch HungcrSnoth zum Aeußcrsten getrieben werden, um ihr nacktes Leben zu fristen, findet der Eannibalismus eine Erklärung. Mit dem Volke hier verhält sich aber die Sache ganz anders: Diese Menschen bewohnten ein fruchtbares Land, in welchem auch Wild in Menge vorhanden war. Aber trotzdem machten sie nicht bloß Jagd auf ihre Feinde, um dieselben aufzufressen, sondern sie verzehrten sich unter einander, sie machten Gefangene von ihrem eigenen Stamme, und wenn eben keine andere Schlachtopfcr vorhanden waren, dann kamen ihre eigenen Weiber und Kinder an die Reihe! Eine träge oder zanksüchtige Frau wurde ohne Weiteres abgethan, und gab ein leckeres Mahl; ein Kind, das zu viel schrie, wurde ohne Weiteres, still gemacht und gekocht; Kranke und Schwache ließ man nicht des natürlichen Todes sterben, sie hätten ja dann nicht den Magen Anderer füllen können. So war cS mit diesem Volk beschaffen. Man sagt zwar, daß sie den Eannibalismus schon seit vielen Jahren aufgegeben hätten, ich fand aber in der Höhle ganz untrügliche Beweise dafür, daß die Praxis noch nicht verloren gegangen ist, denn einige Knochen waren sehr frisch; sie hatten augenscheinlich einem starkknochigen Manne angehört, dessen Schädel hart wie Erz war; an den Gelenken befand sich noch Mark und eine fettige Substanz. Er konnte erst vor einigen Monaten geschlachtet worden sein. „Diese Höhle gehört zn den größten in der ganzen Gegend und diente, nach den von mir eingezogenen Erkundigungen, den Cannibalen als eine Art von Hauptquartier. Bor dreißig Jahren war übrigens das gesaimnte Land vom Molutaflusse bis zum Calc- don, dann auch ein Theil der Region an, Putesanaflusse von Menschenfressern bewohnt, welche Schrecken unter den umwohnenden Stämmen verbreiteten. Sie schickten Jagd- partien aus, welche sich in der Nähe betretener Pfade oder Gärten, Triften oder Tränkeplätze» in Hinterhalt legten und cS vorzugsweise auf den Fang von Frauen und Kindern abgesehen hatten. „Noch heute leben viele alte Eannibalen, und an demselben Tage, an welchem ich jene Höhle besuchte, machte ich mit einem derselben Bekanntschaft. Er ist nun etwa scchszig Jahre alt. Als er noch in der Höhle hauLte, sing er einst drei junge Weiber; davon nahm er eins zu seiner Gefährtin, die beiden anderen wurden gekocht. Jene Ehe ist dann eine recht glückliche gewesen, und die Frau Gemahlin hat sich bald au die neue Lebensweise gewöhnt; man zeigte mir den Winkel, welcher dieser glücklichen Familie zum Aufenthalte gedient. Ein Sprößlmg derselben, ein hübscher, strammer Junge, brachte mir Milch. Der Mann heißt Nantlutscnt, die Frau Matcgycni. Als ich die Höhle verließ, fand ich einen zerbrochenen Kinderschadcl, welcher gleichsam als Blumentopf für eine Knollcnpflanze, eine Asphodelacec, diente. „Ich habe mit einigen Freunden auch mehrere Cannibalcnhöhlcn an den Quellen deS Caledon besucht. Masche derselben sind geräumig, aber keine ist so groß, wie die eben beschriebene in der Nähe von Thaba Bosin. Jene Caledon-Höhlen werden noch jetzt bewohnt, aber nicht mehr von Cannibalen. Dort erzählte mir ei» alter Wilder, daß er in der guten, alten Zeit etwa dreißig Menschen gekocht habe; er hielt cS für sehr ungerecht und abgeschmackt, daß daS Mensebenkvchrn in Abgang gekommen sei. Es schein!, als ob für manche Leute ein großer Reiz im Eannibalismus liege Einst wurde ein 263 hübsches, junges Mädchen geraubt, aber nicht verzehrt, «eil einer der Wilden eS zn« Weibe nahm. Nach Verlauf einiger Zeit kam der Vater in Begleitung eines Missionär- in die Höhle und löste sein Kind auS; der Preis betrug ein halbes Dutzend Ochse». Ein Paar Wochen blieb die Cannibal-Gattin bei ihren Eltern, aber eines schönen TageS entlief sie wieder und blieb dann bei ihren Freunden in der Höhle. „In früherer Zeit waren in dieser ganzen Gegend Löwen in großer Menge vorhanden. Manche derselben zogen das Fleisch des Menschen allem Anderen vor - - und wurden namentlich auch den Höhlen-Cannibalen lästig und gefährlich. Diese verfertigten uun, um die thierischen Camubalen zu fangen, steinerne Fallgruben; als Köder warfen sie Kinder hinein, welche durch ihr Schreie» und Wimmern die wilden Thiere herbeilockten! Bei Thaba Bosiu lebt noch jetzt eine alte Frau, die mir selber erzählte, daß sie als Köder in cine-Löwenfallc geworfen worden sei; die Bestien waren jedoch nicht erschienen, und so hatte man sie nach Verlauf einiger Zeit wieder herausgenommen. „Alle diese Höhlenbewohner sind Unterthanen Moschesch's, die aus den Ucbcrrestcn verschiedener Stämme bestehen. Der alte Häuptling gab sich die größte Mühe, den CannibaliSmus unter seinem Volke auszurotten, und am Ende setzte er die Sache durch; fast Alle haben den barbarischen Brauch aufgegeben; sie sind Viehzüchter, Vichdicbe und treiben auch etwas Ackerbau." Miscelleu. Ein merkwürdiges Schauspiel auf dem Gebiete der Ex- und EndoS-Mose gab der berühmte englische Münzmcistcr, Mr. Graham, unlängst den Besuchern seines Laboratoriums. Mctalldrähte wurden lebendig, streckten und dehnten, krümmten und wandten sich wie Schlangen. Die Drähte, bandartig durch s Wasser gezogen, bestanden aus dem Metalle Palladium und standen mit den Polen einer elektrischen Batterie in Verbindung. So wie der Strom auf sie wirkte, wickelten sie sich schnell aus, dehnten sich auS und streckten sich wie lebendig. Jetzt wurde der elektrische Strom umgekehrt und die langgestreckten Schlangen krochen wieder zusammen, — bis sie die ursprüngliche Gestalt und Größe wieder erreicht halten. Dabei zeigte er durch geniale Apparate, daß diese Ausdehnung durch Vcrschluigung verhältnißmüßig ungeheurer Massen von WassersiosfgaS oder Hydrogcn entstanden war, und durch llmkchrung des elektrischen Stromes das verschlungene Hydrogcn wieder frei ward. Dieß ist zugleich der natur- wisscnschastlich-unumstößliche Beweis, daß diese leichteste aller Lnftarten ein Metall ist, wie eS denn auch unter dem Namen Hhdrogcnium unter diese Gattung von elementaren Körpern bereits vffieicll angenommen worden ist. Mau kann nun auch schon ohne Leichtsinn behaupten, daß alle anderen Arten unserer atmosphärischen Luft metallischen Charakters sind, und unter Umständen noch als solche gefesselt und dargestellt werden können. Die alten Alchemisten versuchten auS unedlen Metallen Gold zu machen; wer weiß, was künftige naturwissenschaftliche Zauberer noch aus der Luft schassen und schöpfen werden! Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, daß mau Wafserstoffgas in Form von Viergroschcn-Stückchcn in luftdichten Taschen bei sich trage, diese nach Bedürfniß entfessele, so die Taschen in einen Luftballon verwandele, und durch die Lüste fliege, was wenigstens eine bessere Neuerung sein würde, als die jetzt zur Manie werdenden ftrampelbcinigen Fahrfoltcrn oder Vctocipedcs. Und besteht nicht unsere Nahrung wesentlich aus Luflartcn? Diese müssen erst mühsam durch Pflanzen und Thiere in verdauliche Nahrung umgewandelt und verdichtet werden. Warum sollte es einem künftigen Genie von Chemiker nicht gelingen, eine Art von Zauber-Kochapparat zu erfinden, welcher auf der einen Seite die atmosphärische Luft mit den reichen Bestandtheilen von Stickstoff, d. h. wesentlich fleischlichem Nahrungsstvff, einzieht, um sie auf der anderen Seile als Beefsteaks oder gebratenes Geflügel mit Sauce von sich zu geben ulid uns durch eine anderweitige mechanische Vorrichtung appetitlich aufzutischen? 264 Wachte Wie frisch erquickt, wie frisch erquickt Der munt'rc Wachtelschlag, Wenn's »uS dem Kornfeld bickberwickl Am heißen Sommcrtag! Das klingt aus »oller Brust so hell Wie sprudelnd »uS dem Fels ein Quell. „Sei wihlgemuth! Sei wihlgemuth!" Das ist der Wachtel Nath. Brennt noch so heiß der Sinne Gluth Nur fröhlich bei der That! Ein fröhlich Singen spät uud früh Versüßt des TagcS Last und Müh'! „Vertrau' dem Herrn! — Vertrau' dem Herrn!" DaS ist der Wachtel Ruf. Der Herr behütet jährlich gern Die Saaten, die er schuf; And ab eS donnert, blitzt und kracht, Gctrrst, der Herr im Himmel «acht! l s ch l a g. „Gott Lob und Preis! — Gott Lob «nd Preis!" Das ist der Wachtel Lehr'! Die Felder sind zur Ernte weiß, Gebt unserm Gott die Ehr'! Für jede Garbe: „Gott sei Dank!" Die unter eurer Sichel sank! „Vergeht nicht mein! Vergeht nicht mein!" Das ist der Wachtel Bitt'. Und räumt mir auch ein Ncstchcu eiu Von eurem Aehrenschnitt; Vergesset nicht deS Armen heut, Wenn euch der gute Tag erfreut! „Behüt' euch Gott! Behüt' euch Gott!" DaS ist der Wachtel Gruß. E< naht die biit're WiuterSnoth, Darum ich scheiden muß; Der Herr bewahr' euch Alle fromm. Bis über'S Jahr ich wieder komm'! Der Gebrauch der Gabeln wurde lange Zeit bei Tafel als überflüssig betrachtet, so groß auch in anderer Beziehung der gastronomische Luxus früherer Zeiten war. Uebcrhaupt herrschten im Mittclaltcr eigenthümliche Tafelgebräuche. So hatte beispielsweise bei der Krönung der Königin Anna Bolena eine Dame den beneidens- werlheu Platz zu den Füßen der Königin unter dem Tische, und dabei das Amt, der Letzteren ein Tuch vorzuhalten, wenn sie ausspeie, oder, wie es wörtlich heißt, „anderweit ihre B.qucmlichkeit haben wollte." Die stolze, „jungfräuliche Königin" Elisabeth aß mit den Fingern, obwohl damals schon Gabeln bekannt waren; denn das Vorurtheil gegen dies Instrument war damals unter den höheren Classen so groß, — wie es in unserem Jahrhundert unter deu niedern gegen das Maschinenwesen war. Ein Geistlicher predigte im Jahre 1612 gegen den Gebrauch der Gabeln, — als einer „Schmähung gegen die Vorsehung, seine Nahrung mit den Fingern anzugreifen." Noch vierzig Jahre später ersehen wir aus einer Schrift, die 1652 herauskam: „Der Gebrauch silberner Gabeln ist in der jüngsten Zeit von einigen Stutzern aufgebracht worden; er verpflanzte sich von Holland nach Italien, und von dort nach England." Noch lauge Zeit nach ihrer Einführung wurden sie als ein Zeichen der höchste» Stutzcrhasligkeit angesehen. (DaS reicht nicht.) Ein Pariser, der dir wenig löbliche Angewohnheit hatte, sich regelmäßig drei Mal die Woche zu betrinkcn, seine lichten Augenblicke aber dazu benutzte, seine Frau zu Prügeln, faßte den Entschluß, sich seiner werthen Ehehälfte ganz zu entziehen. Er verschwand von Paris und schrieb seiner Gattin von Havrc aus, daß er sich auf einem Schisse von 500 Tonnen nach Amerika einschiffe. „Fünfhundert Tonnen," sprach «achsinnend seine Gattin, „wenn die Uebcrfahrt lange dauert, wird das Quantum kaum reichen." Ein ziemlich ruinirter Börsenspekulant legte sich auf die Schriftstcllcrei. Jemand sagte von ihm: „Erst hat das Papier ihn ruinirt, jetzt ruinirt er das Papier." Druck, Lerlog und Redaction des Literarnchen Instituts von llr. M. Huttler. Aro. 34. 22. August 1869 „Es gibt keine Klöster, die nicht menschlichen Natur Ehre machen." bewunderungswürdige Seelen in sich bergen, die der Voltaire. Lssai ,ur le inoours c. 139. Der Wunder-Doetor. Drittes Kapitel. Die Begegnung im Walde. Als die Schützen wieder unter fröhlicher Musik und in derselben Ordnung, in der sie ausgezogen, !» dem Hause des Richters angekommen waren, fanden sie daselbst eine reich besetzte Abend-Tafel. Die Spielleute hatten ihre Plätze in der Stube eingenommen und musicirten frisch darauf los, während die Schützen den aufgetragenen Speisen und dem Weine tapfer zusprachen. Nach dem Mahle begannen die jüngern Schützen einen Tanz mit den Dirnen, bei welchem Franzl als Schützenkönig den Vortänzer machen mußte. Von den Andern dazu aufgefordert, näherte er sich daher der Tochter Silbermüllcrs, und bat sie, den ersten Walzer mit ihm zu tanzen. Lcni, welche an den Mienen ihres Vaters wohl abnehmen konnte, daß er es lieber sähe, wenn sie Franzl eine abschlägige Antwort geben würde, getraute sich doch nicht, dieses zu thun, da sie wußte, daß kein Mädchen dem „Schützenkönig" den ersten Tanz verweigern dürfe. Sie reichte daher, obwohl etwas zögernd, dem Bittenden ihre Hand, und Beide begannen, unter dem Beifallsklatschen der Menge und dem fürchterlichsten Wüthen der Spiellcutc, den Walzer. Bald aber drehte sich Alles in lustigen Wirbeln, nur die Aeltcren waren bei ihren Krügen sitzen geblieben, und sahen, mit Ausnahme Silbermüllers, mit Wohlgefallen der Lustbarkeit des fröhlichen jungen Volkes zu. „Um's Himmelswillen," flüsterte Leni, als sie sich unbemerkt sah, zu Franzl, „suche den Vater wieder zu besänftigen, — er ist schrecklich „aufgebracht" gegen Dich. Der Wildhaucr — " Da kamen sie wieder in das Gewirre und Lcni mußte abbrechen. Stach Beendigung des Tanzes führte Franzl seine Tänzerin wieder zu ihrem Vater zurück, aber Dreißlcr und Wildhaucr hatten daselbst die noch unbesetzten Stühle bereits eingenommen, so daß Franzl gezwungen war, — sich Platz an einem anderen Tische zu suchen. Vergebens versuchte er mehrere Male sich dem Silbcrmüller oder seiner Tochter zu nähern, immer wußten Wildhaucr und Dreißler ihn daran zu verhindern, und so geschah es, daß die Stunde zum allgemeinen Aufbruche gekommen war, ohne daß die Feindseligkeit zwischen ihm und Silbermüller beigelegt worden wäre. Franzl hoffte am nächsten Morgen Gelegenheit zu finden, mit ihm auf dem Wege nach seiner Heimath zusammen zu kommen. Flüchtig nahm er daher mit Anbruch des Tages von dem Schützcnmeistcr und den andern Bekannten Abschied, als er hörte, daß sich der Silbcrmüller mit seiner Tochter bereits entfernt habe, und verfolgte die Straße nach dem Unterinnthale, welche sie ebenfalls eingeschlagen haben mußten. Er war noch 266 keine halbe Stunde rüstig fortgeschritten auf der an den nackten, — himmelanstrebenden Felsen sich fortschlängelnden Bergstraße, als er schon dpn alten Silbermüller mit seiner Tochter im Geleite jener beiden Tiroler in der Ferne ansichtig wurde, und daher seine Schritte verdoppelte. Bald hatte er die Wanderer eingeholt, und trat mit seiner gewöhnlichen Freimüthigkeit zu dem Alten, welcher ihn kaum anblickte. „Silbermüller," redete er diesen an, „Du hast einen Groll auf mich, dessen Grund Du mir erst entdecken mußt, da ich mich nicht erinnern kann. Dich auch nur mit einem Blicke beleidiget zu haben." „Hast, scheint's, gar ein kurz Gedächtniß," erwiderte rauh der Alte. „Aber wozu noch Erklärungen? Du weißt, was Du zu erwarten hast — d'Lenerl bekommst nit." „ES müßt' denn sein," lachte Dreißlcr, „der Erzherzog von Oesterreich wirbt selbst um sie für Dich beim Silbcrmüllcr." „Silbermüller," sprach Franzl, durch den Spott auf's Acußcrstc gebracht, — und vertrat dem Alten den Weg, „schaust, ich laß Dich nit von der Stell', bis Du mir nit die Ursach' Deiner plötzlichen Feindschaft sagst." „Bube!" — brauste dieser auf, „willst Du mich noch einmal höhnen, wie Du es schon gethan hast, als mir der zweite Schuß mißlang?!" „Ich Euch gehöhnt?" fragte Franzl voll Erstaunen. „Schaut's, jetzt spielt er noch gar den Unschuldigen," bemerkte Dreißlcr halblaut, sich zu Silbermüller wendend. „Stand ich doch selbst neben Dir, als Du ein schallendes Gelächter aussticßest, — wie der-Silbermüller fehlte," — sprach jetzt Wildhauer, mit frecher Stirne vor Franzl hintretcnd. „Elender Vcrläumder!" schrie dieser außer sich und schlug den Wildhauer so gewaltig in's Gesicht, daß er zu Boden stürzte. „Was? Du willst Dich an uns vergreifen?" rief Dreißlcr, indem er mit erhobenem Alpeustocke auf Franzl zusprang. „Vater! um's Himmelswillen," schrie Leni in heftigster Angst. „Keinen Schritt vorwärts. Du elender Mensch," donnerte Franzl, indem er seine Armbrust auf Dreißlcr anlegte, vor welcher dieser voll Schrecken einige Schritte zurückprallte. „Ich weiß nun, was die Ursache ist," fuhr Franzl hierauf fort, „und werde mit Euch Beiden noch darüber rechten. Du aber, Silbcrmüllcr, sei nit zu voreilig. — Wir werden uns wiedersehen, wenn Du ruhiger geworden bist." Mit diesen Worten war er in dem nahen Fichtcnwalde verschwunden. Schimpfend hatte sich indeß Wildhauer, der durch den Schlag zwei Zähne eingebüßt hatte, von der Erde aufgerafft und schwur, sich blutig für diese Beleidigung an Franzl zu rächen. Auch Dreißlcr stimmte in dieses Lied ein, und spie alle seine Galle auf den jungen Schützen aus. Nur Silbermüller, welcher mit seiner Tochter ganz verwundert der unerwarteten Begebenheit zugesehen halte, war nachdenkender geworden, und ging schweigend an Leni's Seite die Bergstraße hinan, welche sich um das kahle Fels- gebirg nach dem Dörfchen Straß himvand. Franzl aber war, fast außer sich vor Wuth und Verzweiflung, durch das Dickicht des Waldes fortgerannt, — ohne selbst zu wissen, wohin er eigentlich wollte. Immer wüster und fürchterlicher wurde die Wildniß um ihn her. Ungeheure Kalkfclscn, die von oben bis unten zum Theil geborsten, zum Theile in Steinströme zerbröckelt waren, — ragten an beiden Seiten zwischen wild verworrenem Gestrüppe und verkrüppelten Nothtannen empor. Viele dieser Bäume lagen zerschmettert, astlss und dürre durcheinander hingestreckt, als das Denkmal einer Lawine, welche einst diesen Strich verwüstete. Es war eine Gegend, über welche die Natur alle ihre Schrecken verbreitet zu haben schien. Tiefe, melancholische Stille herrschte rings umher, — nnr zuweilen schlug das dumpfe 267 Gemurmel der Ziller an sein Ohr, welche tief in den Schluchten unter beständigem Falle fortströmt und sich einen Ausweg nach dem Jnn durch diese Felsenlabyrinthe bricht. Um so mehr mußte es ihn in Verwunderung setzen, als er in dieser schauervollen Wildniß Plötzlich eine kreischende männliche Stimme vernahm. Rascher vorwärts schreitend aber stellte sich ihm gleich darauf eine Scene dar, welche er am allerwenigsten an diesem Orte zu sehen erwartet hatte. Er war nämlich kaum einige Schritte durch das Dickicht vorgedrungen, — als sich dieses endigte und er vor sich einen öden Felsenkcfsel erblickte, aus welchem die Töne gekommen waren. Der Inhaber dieser Stimme aber war Niemand Anderer, als jenes kleine, braune Männchen, dessen Bekanntschaft er schon in der Schenke zu Zell gemacht hatte, und das mitten im Thäte, in der Rechten eine Rolle Papier haltend, mit welcher es, wie ein Geisterbeschwörcr, die Lüfte durchfocht, gar heftig hcrumsprang und für Franz! ganz unverständliches Zeug vor sich hin schrie. Franzl konnte sich nicht anders denken, als daß der Alte verrückt geworden sei, als ihn dieser mit Einemmale erblickte, sogleich seine seltsame Lustbarkeit einstellte, und einen Folianten und mehrere Schriften, die zerstreut im Moose umherlagen, auflas. „Was treibst Du hier für tolles Zeug, Alter?" fragte Franzl mit unmuthigem Gesichte. „Tolles Zeug?" antwortete der Kleine. „I nu, wie man's nimmt. Was der Eine für klug hält, kommt dem Andern wie toll vor. Ich freue mich eben über meine gelungene Entdeckung, von der Du freilich nichts verstehst — und wenn ich mich recht freuen will, so geh' ich in den dicken Wald, da freuen sich die Vöglein auch und die Quellen, und das Laub am Baum, da singt und murmelt und säuselt Alles mit. Die Menschen können das viel weniger, das macht, weil ihnen die alte Schlange „Inviäia^ im Herzen sitzt, die immer hervorguckt, so oft ein Anderer glücklicher geworden ist, als sie." „Du hast nicht ganz Unrecht, Alter," erwiderte Franzl nachdenkend, „und darum möchte ich Dich um Rath befragen," setzte er nach einer kleinen Pause hinzu; „Du bist , zwar ein sonderbarer Kauz, wie mir noch kein Zweiter je vorgekommen, aber Du scheinst mir trotz Deiner Narrheit doch vernünftiger, als die Anderen alle. Schaust, — d'rum möcht' ich Dich fragen, was ich in meiner schlimmen Lage, die Deiner Voraussagung > nach jetzt wirklich eingetroffen ist, unternehmen soll." „Hm, Du machst gar sonderbare Complimente," erwiderte der Kleine, „aber rücke heraus, doch schnell, ich muß heute noch vor Mittag in Straß sein." „Auch mein Weg führt dahin," sagte Franzl. „Nun, so laß uns aufbrechen," erwiderte Jener, indem er seine Taschen mit den Büchern und Schriften vollstopfte, den Folianten unter den Arm nahm, und mit einem schwarzen abgenützten Sammtbarctt das kahle Haupt bedeckte. „So, jetzt osserire mir , Deine Fatalitäten, wir wollen sehen, wie ihnen abzuhelfen." Hierauf machten sich Beide auf den Weg, und Franzl erzählte dem Kleinen ohne Umschweife das Vorgefallene. Der Kleine schüttelte Anfangs den Kopf, wurde aber immer heiterer, so daß er am Ende der Erzählung in ein lautes, schallendes Gelächter ausbrach, worüber Franzl fast zornig wurde. „Er verweigert Dir also hartnäckig die Dirn?" fragte hierauf der Kleine. „Er will nichts mehr von mir wissen," cntgegnetc Franzl. „Uono, Iiena," rief Jener, „und der Maximilianus" — hier brach er wieder in ein unmäßiges Lachen aus — „soll für Dich werben?" s ,,Ja," sagte Franzl, „mit diesen Worten hat er mich gehöhnt.* 1 „Lnno, optime," rief der Kleine abermals. ! »Hcrr," donnerte der junge Schütze, „jetzt hab' ich's aber g'rad genug —" „Irumrns, Bürschchcn, taoeas!" sprach hierauf der Kleine, indem er die buschigen ' Augenbrauen zusammenzog, so daß sie einen Triangel bildeten, „nur mir gefolgt. — 268 Nicht so hitzig, der Hohn soll Ernst werden. Ich stelle Dir den Brautwerber. Noch eins, wo ist dermalen der Alte mit seiner Tochter?" „Sie müssen heute gegen Mittag das Dörfchen Straß erreichen," antwortete Franzl. „Gut," — kicherte der Kleine wieder, »heute noch soll der Maximilianus für Dich werben. Mein Wart darauf." „Wie?" — fragte Franzl erstarrt, „der Erzherzog?" „Nun ja, der Erzherzog von Oesterreich soll für Dich werben. Jetzt folge mir nur, und kümmere Dich um nichts weiter. Dachte ich's doch gleich, daß eS solch' eine Kleinigkeit sei. Wenn aber Euch Menschenkindern das Geringste über die Quere-- Sieh' da," rief er Plötzlich, indem er vor einer Alpenschnecwurz am Wege stehen blieb, »eine wunderschöne pinc;uioulu ulpinu, ein prachtvolles Exemplar, das kann ich hier «icht stehen lasten." »Aber Herr," fragte jetzt Franzl, „wie willst Du es anfangen?" „Abschneiden," antwortete der Kleine. „Ach, ich rede nicht von der Pflanze hier, sondern von dem Erzherzog —" versetzte Franzl ärgerlich. „Ja so," — fuhr der Kleine fort, während er mittelst eines Messers die Pflanze von dem Stengel trennte, und sie in seinen Folianten legte. „Nichts leichter, als das. Der Erzherzog ist eben auf der „Gemsjagd" in dieser Gegend, und bleibt heute über Mittag in Straß. Horch, hörst Du die Jagdhörner?" In der That vernahm Franzl die Klänge von fernen Hörnern, lustig durch da» Gewälde schallen. „Aber — sag' mir nur, Alter, Du bist doch nicht ein Herr aus des Erzherzog'» Gefolge?" fragte Franzl. „Stellenweise zur Unterhaltung, ja, — doch laß uns jetzt lieber die Füße als die Zunge in Bewegung setzen," ermähnte der Kleine, „damit wir noch zu rechter Zeit unser Ziel erreichen." „Nun, in des Himmels Namen," rief Franzl, indem er die Armbrust wieder über die Schulter warf, und seinem spindeldürren Gelcitsmanne folgte, der mit einer wunderbaren, seinem Alter kaum zuzumessenden spinncnartigen Behendigkeit den Pfad, welcher sich Hinwand, vorauseilte. Während dieses in dem öden Felsenthale vorgefallen, hatte der alte Silbermüller mit seiner Tochter bereits die Herberge in Straß erreicht, wo derselbe aber viele Waid- mannsleute und Ncitcrbuben mit ihren Rossen angetroffen. Er zog gar höflich den Hut vor ihnen und befragte sie, was sie hier vorhätten? „Wir erwarten den Erzherzog von einer Gemsenjagd," sprachen Einige. „Den Erzherzog?" fragte Silbermüller. „Ja," antwortete der Befragte, „er wird hier seinen Mittags-Jmbiß nehmen." „Da kömmt er schon! Da kömmt er schon!" riefen die Anderen, während laute» Hörnergetön vernehmbar wurde und auf der Bergstraße Staubwolken aufwirbelten. Freudig überrascht, den geliebten Landesherr», den er vor vier Jahren das erste Mal bei einem Rennen zu Innsbruck gesehen hatte, jetzt wieder zu erblicken, drängte sich Silbermüller, den Hut unter'm Arm, — mit seiner'Tochter an das Thor der Herberge welches Jener passiren mußte. Die Jagdhörner waren indeß immer näher gekommen, deutlich erschallten die munteren Weisen. Jetzt kam der herzogliche Jäger hcrangebraust, neben ihm Graf Falkcnstcin, Freiherr Hendl von Goldrain und noch gar viele andere vornehme Ritter und Herren, Alle in grünen Jagdwämscrn mit wehenden Federbüschen auf den Hüten. Mit freudigem Jubel umdrängte das Landvolk seinen geliebten Landesfürsten, der eS mit freundlicher Herablassung begrüßte. 269 Vor der Herberge angelangt, sprang Max mit der Leichtigkeit eines gewandten Reiters von dem schäumenden Rosse, und wandte sich zu dem Grafen Falkenstein und dem Freiherr» Heindl von Goldrain, welche ebenfalls abgesessen waren, und sich ihm mit entblößtem Haupte näherten. Nachdem er einige Worte mit ihnen gewechselt, grüßte er noch einmal Alle freundlich, mit seinem Adlerblicke die Anwesenden überfliegend, und trat in die Herberge, aus welcher ihm der Eigenthümer derselben unter fortwährenden Bücklingen entgegen kam. Die beiden erwähnten Herren und noch vier andere, welche sich in dem Gefolge befanden, folgten dem Erzherzoge. Silbcrmüller hatte kein Auge von Max verwendet, und stand noch immer, wie Leni, in freudiger Aufregung an der alten Stelle, als sich ihm Dreißler näherte und hämisch lachend zuflüsterte: „Na, — wenn das der Franz! wüßte, so könnte er gleich den herzoglichen Herrn um seine Fürsprache bei Euch bitten." „Keinen Scherz mit der Person unseres Max!" cntgegnete der Silbermüllcr entrüstet, faßte sodann die Hand seiner Tochter und folgte der Menge, welche sich in die allgemeine Schenkstubc drängte. „Hm!" brummte Dreißler, dem Alten einen bösen Blick nachwerfend, „das Eisen ist noch nicht heiß genug geschmiedet, aber Geduld, — an den Schmied-Gesellen soll es nicht fehlen!" (Forts, f.) (Eine äsopische Fabel.) Es kamen einmal der Thiere mancherlei in einem großen Walde zusammen, ohne sich aufzufressen, obschon sie sonst.Todfeinde waren. Da waren zu sehen der Fuchs und der Schakal, der Affe, das Kamcel und der Wolf — sondcrhcitlich aber viele Esel. — Und es redete der Fuchs und sprach: Meine Herren! Sehr würdige Gcsinnungs - Genossen und Freunde! Wir Alle huldigen der zeitgemäßen Bildung, wir Alle wandeln im Lichte der höchsten Aufklärung, und unsere erste Aufgabe ist und bleibt, die ultramontancn Geistcssinstcrnisse, so aus vergangenen Zeiten noch in unser Jahrhundert hereinragen, mit allen Mitteln zu verscheuchen, und den Tag herbeizuführen, an dem die Sonne vollgcrcifter Intelligenz die Ricscngräber überwundenen Aberglaubens triumphirend beleuchtet! — (Die ganze Versammlung fühlt sich gehoben; zwei alte Esel umarmen sich.) — Sie haben gehört, meine Herren, von der Krakauer Geschichte! Gelegener, ich versichere, konnte nichts in diesen Tagen uns kommen, — in diesen Tagen, wo bereits durch verunglückte Arbeiten Vieler das große Werk Gefahr zu laufen im Begriffe war. Aus dieser Klostcraffaire muß darum möglichst Kapital geschlagen werden. — Das Kamecl: Ja, ja, da muß Etwas geschehen um jeden Preis! Ich weiß zwar nicht, was — aber Etwas muß geschehen, so viel sage ich! — Der Affe: Das macht man einfach so, man muß diesen Fall sofort nach unserer Art pikant zurichten, das Fenster der bewußten Zelle gänzlich „vermauern", eine Masse Todten- schädel, Gerippe, Folterwerkzeuge ringsum anhäufen, die Grüuelthatcu der letzten sechs Jahrhunderte sammt allen mitternächtlichen Leihbibliothek-, Schand- und Schauer- Geschichten nach Spieß, Krämer und Dellarosa dem Ultramontanismus beherzt in die Schuhe schieben; mit einem Worte: das Ganze zu einem derartigen Bissen präpariren, daß für zeitgemäße Kost auf wenigstens zwei Monate gesorgt ist. — Der Schakal: Der Affe hat Recht, so muß die Sache angefaßt werden. Was mich betrifft, so werde ich als Corrcspondcnt der „verwunschenen Stalllatcrne" das Erreichbare leisten. — Ein Esel: Aber, wenn wir zu Viel sagen, kommen unliebe Berichtigungen. — Der Schakal zum Wolf in's Ohr: Diese Esel wissen noch nicht, daß wir Berichtigungen uns grundsätzlich verschließen. — Der Wolf: Zählen Sie, meine Herren, auf meine volle Mitwirkung. Als Redakteur der „Schaftrünke" werde ich nichts versäumen. — Der Fuchs: Meine Herren, ich danke Ihnen im Voraus für die rege Theilnahme, die Sie der angeregten Arbeit zu widmen gedenken. Auf diese Weise können wir noch Viel wirken für unsern Zweck. Ich halte die Sitzung für geschlossen! — (Nachdem sie noch 270 ihr BundeSlied geheult, verloren sich die Thiere, jedes in sein Gebüsch.) Diese Fabel aber zeigt, wie man „öffentliche Meinung" macht! -r. Merkwürdiges Zahlen-Verhältniß. * London, den 10. August. Zwischen der Geburt Ludwig's des Heiligen von Frankreich und jener Ludwig's XVI. verflossen bekanntlich 539 Jahre, denn Ludwig der Heilige wurde geboren.1215 fügt man die Distanz von so hat man das Geburtsjahr Ludwig XVI. Geburt der Prinzessin Jsabella, der heiligen Schwester des heil. Ludwig fügt man die Distanz hinzu so hat man das Geburtsjahr der gottseligen Prinzessin und Martyrin Elisabeth, Schwester Ludwig's XVI Tod Ludwig's VIII., Vater des heil. Ludwig . dazu die bekannte Distanz .... Tod des Dauphin Ludwig, Vater Ludwig's XVI. Vermählung Ludwig's des Heiligen dazu die Distanz. Vermählung Ludwig's XVI. Thronbesteigung Ludwig's des Heiligen dazu die Distanz ...... Thronbesteigung Ludwig's XVI. Ludwig der Heilige schließt siegreich Frieden mit Heinrich II! hiczu die bekannte Distanz .... Ludwig XVI. schließt siegreich Frieden mit Georg III. Ludwig der Heilige wird gefangen . hiezu die Distanz. Ludwig XVI. wird am 6. Oktober 1789 gefangen Ludwig der Heilige ist in der Gefangenschaft von den Seinen verlassen. hiczu die Distanz . . ... Ludwig XVI. Familie flüchtet sich in's Ausland Stiftung der Pastoral-Innung, deren Vorsteher Jako später apostasirte . hiezu die Distanz Anfang der Jakobiner durch einen Priester-Apostaten . 539 Jahren hinzu. 1754 1223 539 1764 1226 539 1765 1226 539 '1770 1235 539 1774 1243 539 71782 1250 539 -1789 1250 539 1789 1250 539 1789 Ludwig der Heilige will die Welt verlassen, um sich zu den Jakobiten in die Einsamkeit zurückzuziehen . . 1254 hiezu die Distanz.539 Ludwig XVI. ist den Jakobinern preisgegeben . . . 1793 Ludwig der Heilige besucht in Folge eines Gelübdes auf seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft die Kirche der heiligen Magdalcna in der Provence . . . 1254 hiezu die Distanz . ..539 Ludwig XVI. stirbt auf dem Schaffst; sein Leichnam wird auf dem Kirchhof St Magdatena beerdigt, und von den Bewohnern der Provence dahin begleitet . . 1793 27 l ^ (Eine Rechnung über Menschenfleisch.) Ein Correspondent des „Boston Travellcr" schreibt von Port Hudson, Louisiana, unter Anderem: „Man sagt uns, daß alle alten Pflanzer von Louisiana eine genaue Rechnung über alle frei gewordenen Sklaven aufgemacht haben, damit sie solche sofort überreichen können, wenn die Regierung kommt, die Sklaven zu bezahlen, was, wie sie glauben, eines schönen Tages geschehen wird. Wir haben eine solche Rechnung in richtiger Form, d. h. nach des Pflanzers Idee, aufgemacht — gesehen, nnd da wahrscheinlich wenige unserer Leser ein solches Documcnt vor sich gehabt haben, so geben wir es hier in treuer Uebersetzung: Die federalen Autoritäten schulden an Nathan Foeling: Für die nachbenannten Sklaven, welche dem Unterzeichneten ungesetzlicher Weise genommen nnd in Freiheit gesetzt sind, gegen das Recht ihres Eigenthümers und entgegen dem bestehenden Urtheil aller christlichen Männer und Frauen: Joseph, 55 Jahre alt, einäugig und ein wenig lahm; 1860 wurden 500 Dollar für ihn geboten, berechne den Behörden jedoch nur . 230 Doll. Caleb, ungefähr 32 Jahre alt, etwas schwindsüchtig, aber nicht bedeutend 600 „ Sam, ein Junge von 23 Jahren, sehr lebhaft, wurde von einem Pferde in den Rücken gestoßen, was ihn aber zur Feldarbeit nicht unfähig macht. 900 „ Sarah, Dienerin im Hause, nett und aufgeweckt .... 500 „ Jmi, ein großer Junge, Gewicht 190 Pfund, 29 Jahre alt, arbeitet ohne Aufseher .. 2200 „ Dinah, ein lOjährigcs Mädchen, sehr aufgeweckt und zutraulich . 400 „ Old Salomon, 74 Jahre alt, gut zum Kornausziehen und zum Baumwolle-Aushülsen zu gebrauchen. 300 „ Betsey, Frau Caleb's, 30 Jahre alt, hat gesunde Zähne und flinke Hände, ist gesund. 800 „ Betsey und John, ihre Kinder, 3 und 5 Jahre alt,'alle fett und rund (100 Doll. pr. Stück). 200 „ Verna, ein kräftiges Hausmädchen, sehr niedlich und bescheiden, fast weiß, von guter Gemüthsart, eine lirst-olass-Hand als Haus- Mädchen in eines Gentlemans - Familie. 1800 „ Obiges ist eine richtige Rechnung, die Preise niedriger als der wirkliche Werth meiner Sklaven, die mir von den federalen Behörden genommen sind, und für welche ich Zahlung verlange. Nathan Foeling." Miseellen. Unter der Ueberschrift: „Alljährlich sich wiederholende Aussprüchc eines Altenburger Bauers, auch anderswo zu hören," bringt die Oder-Zeitung Folgendes: „Die Witterig itz und is se gor nicht gut — gor nischt nütze, 'S regnet zur unrechten Zeit, 's is 'ne truckne Nässe und och so sehre dörre; 's werd e traurig Johr; 's wächst so viel Hunger- Kraut. — 's Korn wächst zu sehre uf cmol, un was übertrieben is, togt nicht; 's lernt nicht schütten; schiene stieht's, das is wohr, aber 's gibt nischt, mit en Worte. Qäcken sin och sehre viel drinne. — Un de Kärschen, die sin alle derfroren, un was do hie un da noch druf hängt, das Gutt derbarm, das frästen dc Sperlige un de Stobre. Wcnn's nicht regnt, wer'n se wohl süße, aber kleene bleib'» se, un 's fällt och so viel ab; der Boom hat kenne Nahrung. Wcnn's regnt, wer'n se wühl grüß, aber nich süße, se krieg'n kenn Geschmock. — De Sperlige un de Stohre sitzen den ganzen Tog d'ruf — schießen dorf mer nich d'ruf, un 's Geklapper wer'n die Luder gewohnt. — Klee gut steht er, wie c Wold, grüß un o viel, olles, olles — ober füttern thut er nich; 's Vieh werd krank darnach, un 'S gibt keene Milch; se fräffen sich den Wannst vull, aber weiter is nicht. — Kartoffel, da schießt ju olles in's Kraut — 's wird wenig oder gor nischt wer'n mit de Kartoffeln dos Äohr. — Gorken, für die is de Witterig gut, de Gorken verlangen Feichtigkeit un Wärme — aber 's Ungeziefer un de Schnäcken un do is och so c schwarzer Käfer un de Wärme — nee, mit de Gorken is olle Jahre waS! Kurz, is c traurig's Johr, hinten und vurne!" (Eine Nase als Erbin.) Ein reicher Particulier hat jüngst in London das Zeitliche gesegnet und sein großes, mehrere Millionen betragendes Vermögen, der Miß B. . . vermacht. Die Gcrichtspersonen stellten sich der Dame vor, um die Empfangs- - Bescheinigung des Legats zu erwirken; doch zu ihrem großen Erstaunen erklärte sie, den Erblasser nicht zu kennen. Doch, fügt sie nach einiger Ueberlcgung hinzu, führen Sie mich zu ihm hin. Bei der Leiche angekommen, wird deren Antlitz aufgedeckt und Miß B... stößt einen Schrei der höchsten Ueberraschung aus. Ich kenne ihn, sagt sie, das ist der Herr, der mich drei Jahre hindurch mit seinen Gunstbezeigungen verfolgt und selbst Verse auf meine Nase gemacht hat. Im Hyde-Park und Covcnt-Garden war er immer vor mir in Betrachtungen versunken. Bei der Eröffnung der Papiere des Verstorbenen fand man wirklich mehrere Episteln zu Ehren der hübschen Nase, und mehr als fünfzig Entwürfe derselben als Profil oder sn laos. Das Testament übrigens schloß mit folgenden Worten: „Ich bitte Miß B . . ., die Uebermachnng meine« ganzen Vermögens anzunehmen, zu gering noch gegen die unaussprechlichen Gefühle, die mir während dreier Jahre die Betrachtung ihrer Person, namentlich ihrer wundervollen Nase »erschafft hat!" Miß B. . . hat angenommen. Ein Opfer der Wissenschaft. (Französische Gcrichtsscene.) Der Präsident: Was ist Ihre Beschäftigung? — Der Angeklagte (nach einem Schluchzen): Opfer der Wissenschaft! — Was? — Opfer der Wissenschaft, ich wiederhole das; seit mehreren Jahren war ich hinterher, die relative Stärke der verschiedenen Alkohol-Flüssigkeiten cnd- giltig festzustellen. Die Entdeckung ist mir schließlich gelungen: der stärkste ist der Absynth. Ich habe vyn zwei bis zwölf Litres Wein getrunken, keine Wirkung; dann habe ich es mit einem Schoppen Branntwein versucht, wieder keine Wirkung; später griff ich zu acht Kannen Bier, abermals wirkungslos; endlich setzte ich noch ein kleines Glas Absynth auf, — und jetzt hatte ich den Finger auf dem rechten Loche: Das Problem war gelöst! W Warum ist wohl die Lerche so froh Und tirilirt und jubelt so? Warum? Sie saugt des Himmels Acthcr ein Und trinkt den funkelnden Sonnenwein, D'rum kann, d'rum kann ihr Herz auch fröhlich sein. a r u m? Die Blume, warum mit lachendem Duft Wiegt sie ihr Köpfchen in der Luft? Warum? Ihr Kelch wird ja von Thau nie leer, Ihr Köpfchen ist »on Wein so schwer, D'rum wiegt sie's, wiegt sie's lachend hin und her. Und ich mit trauerndem Gemüth Warum sing' ich solch' frohlockend Lied? Warum? Mir gaben's Lerchen und Blumen ein, . Daß man des Harmes kann beim Wein Vergessen und jubelnd singen und fröhlich sein. Druck, Verlag und Redaction des Literarifchcn Instituts von llr. M. Huttter. Nro. 35 29. August 1869. Das Mutterherz ist der schönste und unverlierbarste Platz des Sohnes, selbst wenn er schon graue Haare trägt — und Jeder hat im Weltall nur ein einziges Herz. A. Stifter. Der Wunder-Doetor. (Schluß) Viertes Kapitel. Der kaiserliche Brautwerber. „Bleib' nur hier stehen," — sprach der Kleine zu Franz!, als sie die Herberge zu Straß erreicht hatten und durch den offenen Thorweg, welcher in der Umzäunung angebracht war, in den Hausflur traten. „Der Erzherzog ist schon hier angelangt, — nur muß ich erst sehen, ob er auch geneigt ist, Dich zu sprechen." Mit diesen Worten trat er zu einer Thüre, vor welcher zwei Waidgescllen standen welche ehrfurchtsvoll ihre Hüte vor dem Kleinen abzogen und ihm die Thür öffneten. Franzl konnte nicht begreifen, wer nur der räthselhafte Alte sein könne. In der Schenke zu Zcll hatten ihn Einige als Bergknappen, Andere als Zigeuner, wieder Andere als Marktschreier erkannt; er selbst hatte ihn so kurioses Zeug schwätzen hören, daß er mehrmals versucht gewesen war, zu glauben, bei dem Kleinen müsse es im Oberstübchen nicht ganz richtig sein. — Er konnte seine Nengicrde nicht länger zügeln und mußte ihr Befriedigung verschaffen. Er trat zu einem der Jäger, indem er den Hut rückte, und sprach: „Guter Freund, kannst Du mir nicht sagen, wer der Mann im braunen Rocke ist, der eben hier hineinging?" „Wie?" fragte der Waidmann, „Du kennst ihn nicht?" „I nu," antwortete Franzl, „ich kenne ihn wohl, aber nicht so genau, daß ich wissen könnte —" „Wessen Standes er ist, darüber kann ich Dir schon Auskunft geben. Er ist —" „Reinhold! Siegfried!" recf in diesem Augenblicke ein Ritter, aus dem Gemache des Erzherzogs tretend. „Sogleich!" entgegncten die beiden Jäger und folgten Jenem in das Gemach, die Thüre hinter sich schließend. Nun wußte Franzl wieder eben so viel, als er zuvor gewußt hatte. — »Nu, sei er wer er sei," — brummte er endlich vor sich hin, „wenn er mir nur meine Lenerl verschafft." Sticht lange, so öffnete einer der Jäger abermals die Thüre — und winkte Franzl hinein zu treten. Franzl folgte ungesäumt dieser Einladung, — obgleich ihm das Blut zum Herzen drang, da er, der noch nie mit einer höheren Person, als dem Pfarrhcrrn seines Ortes oder einem Vogte aus der Nachbarschaft, gesprochen hatte, jetzt vor den Landesherr», den gewaltigen Max, treten sollte. Doch faßte er sich bestmöglichst, riß den Hut vom Kopfe, und trat, den Daumen der linken Hand nach Landessitte in den Hosenträger gehäkelt, in die Stube. Diese war ein ziemlich geräumiges Viereck, ganz nach Art jener Landleute eingerichtet, und hatte zwei Fenster und einen Bettwinkel oder Alkoven, — welcher mittelst eines Vorhanges bedeckt war. In der Mitte der Stube war ein Tisch gedeckt, an welchem Erzherzog Max mit dem Grafen Falkenstein, Künigl von der Wart, dem Freihcrrn Handl und noch einigen Herren von seiner Begleitung saß. Hinter dem Erzherzog standen mehrere Knappen und Jägersleute, die ihn bedienten. Der Kleine war so eben von seinem Stuhle, der sich zunächst an jenem des Erzherzogs befand, aufgestanden, als Franz! eintrat. „Lccs suZitarium!^ sprach zu Max gewendet der Kleine. Aller Augen wandten sich nach Franzl, der einige linkische Verbeugungen machte, und dann, verlegen den Hut in den Händen drehend, stehen blieb. „Ei sieh'!" — rief Maximilian, als er ihn eine Weile angesehen hatte, „das ist ja, so ich nicht irre, — eine alte Bekanntschaft. Hast Du nicht vor zwei Tagen einem Gemsenjäger vom Gehänge am Hainzberge herabgeholfen?" „Wohl hab' ich das —" stotterte Franzl. „Nun, dieser Gemsenjäger war ich und bin Dir noch dafür zum Danke verpflichtet,, denn ohne Deine Beihilfe wäre es mir etwas sauer geworden, von dem Exile herabzu- kommen. Freilich war's nur ein Kinderspiel gegen die Martinswand bei Innsbruck, — aber einige Quetschungen hätte es dennoch abgegeben. „Wie mir dieser kleine Herr hier sagte, hat Dir Dein künftiger Schwiegervater die Hand seiner Tochter verweigert," — fuhr er nach einer Pause fort, „weil Du bei ihm verleumdet worden, und hat geschworen, — sie Dir nur dann zu geben, wenn der Erzherzog von Oesterreich um sie für Dich wirbt." „So ist's, gnädigster Herr," antwortete Franzl. „Nun, ich will meinen Dank für Deinen Waidmannsdienst dadurch abtragen, daß ich Dir die Dirne verschaffe. Wo hält sich jetzt der Alte auf?" „Er muß schon in Straß angelangt sein, oder ehestens hier anlangen." „Wie nennt er sich?" „Hans Silbermüller ist sein Geschlecht, aus —" Auf dieses flüsterte Max dem Grafen Künigl von der Wart, — welcher ihm zur Rechten saß, Einiges in das Ohr, worauf sich dieser sogleich entfernte. „Du bist aus Kleinboden," fuhr hierauf Max zu Franzl gewendet fort. „Aus Kleinboden im Unter-Jnnthal," antwortete dieser. „Kennst Du die Dirne schon lange?" „Ach ja," erwiderte Franzl. „Es mögen schon drei Jahre sein, daß ich der Silbermüller Leni zu Gefallen auf die Kirmeß nach Stcrzingcn kam, und seit dieser Zeit keine Kirmeß vorüber gehen lassen konnte, ohne hinüber zu kommen, um sie zu sehen." „Sie ist ein gar wackeres Geschöpf," fuhr Franzl fort, „und treuherzig und ehrlich. Doch wagte ich es niemals, um sie anzuhalten, obgleich Vater und Mutter mir schon lange anliegen, zu heirathcn; denn ich glaubte immer, sie sei viel zu hübsch für mich einfachen Buben, obgleich wir sonst gar gut zusammen paßten. „Bor einigen Tagen erst führte mich der Zufall zu Zell mit ihrem Vater zusammen, und das Gespräch lenkte sich eben auf's Heirathen und ich ersah, daß der Alte nit abgeneigt sei, mir seine Tochter zum Weibe zu geben. Da hielt ich um sie an und Silber- müller willigte ein — aber das verdammte Scheibenschießen, welches hierauf folgte, — machte Alles wieder zu Wasser." In diesem Augenblicke trat Graf Künigl von der Wart wieder in die Stube und sprach zu dem Erzherzoge: „Er ist bereits in Straß und befindet sich gegenwärtig sammt seiner Tochter in dem Gemeinde-Zimmer unserer Herberge." „Da hat der Zufall wieder einmal einen glücklichen Einfall gehabt, sie hieher zu führen," sprach Max. „Man rufe den Alten zu mir sammt seiner Tochter!" befahl er sodann, und zwei Jäger eilten zur Thüre hinaus, während er sein Gespräch mit dem 279 leider aber konnte man ihn eben doch nicht abweisen. Der Grund, warum? klärte sich alsbald auf, wie er in den Speisesaal eintrat — die Tafel bestand nämlich größtentheils aus oommis vo7NAeur8, — die sich sogleich über ihn hermachten, mit dem Tagesthema, der Krakauer Klostcrgcschichte, beginnend. Der Pfarrer, die Absicht derselben merkend, daß man ihn nur harranguircn und in Harnisch bringen wolle, nahm sich jetzt extra vor, nichts zu erwidern und ruhig dabei zu bleiben. Als alle möglichen Versuche der Handelsbeflissenen, seine Ruhe und seinen Appetit zu stören, nichts halfen, kannte ihr Aerger keine Grenzen und man reichte ihm nicht einmal mehr die Platten. Endlich sagte ein Anwesender: „Hören Sie, geistlicher Herr, Ihren Gleichmuth muß ich doch bewundern." „Ja, wissen Sie, sagte der Pfarrer, ich habe eben tagtäglich solche Gesellschaft um mich, wie diese da und da ist Gleichmuth sehr nöthig." „Ja, wer sind Sie den, mit Verlaub? welche Stellung bekleiden Sie?" „Nun, das kann ich Ihnen jetzt doch nicht gerade sagen", erwiderte der Pfarrer. Während dieses Gespräches hatte die ganze zahlreiche Tischgesellschaft nach und nach zugehorcht und immer mehr wurde in ihn gedrungen, sich zu erkennen zu geben. Endlich auf langes Zureden that er es: Ich bin, sagte er, der kath. Hausgeistliche der Irrenanstalt N. und nannte dabei den Namen einer weithin bekannten Heilanstalt für Geisteskranke. Ein schallendes Gelächter war natürlich die Antwort der übrigen Gäste und der Eindruck auf die zudringlichen Commis war ein solcher, wie wenn man einen Stein in einen Teich voll Quack oder Frösche wirft. (Bad. Beob.) Würde der Arbeit. Es ist ein großes, erhabenes Wort, die Arbeit. Die Arbeit, und sei sie die Physische oder die des Geistes, umfaßt das Streben nach Erfolgen, und in dem Moment, wo man zu streben anfängt, beginnt man erst ein Mensch, ein Mitglied der Gesellschaft zu werden. Erst beim Streben entwickeln sich die verschiedenen Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen. » * Und der Pjensch ist auch zur Arbeit erkoren. Arbeit ist sein Beruf, Thätigkeit seine Bestimmung. Nur durch die Arbeit sein Glück zu begründen, durch ununterbrochene Thätigkeit ein schönes, glückliches Loos zu erreichen, das ist der Zweck des menschlichen Daseins. Wer sich vor der Arbeit fürchtet, in Unthätigkeit seine Tage zubringt, schließt sich selbst aus der Gesellschaft aus; denn in den Kreis derselben gehört nur Jener, der seine Aufgabe als Mensch treu und redlich erfüllt. Die Arbeit ist also der Beruf des Menschen; sie ist aber auch eine Nothwendigkeit zu seiner Existenz. Wenn man nicht arbeitet, seine natürlichen Kräfte und Anlagen nicht gebraucht, — müssen diese erschlaffen und endlich den Dienst, zu dem sie ursprünglich bestimmt waren, gänzlich versagen. Ein solcher Mensch ist stumpf gegen jede bessere Regung, nur mit stupidem Blick kann er seine Umgebung betrachten; das Leben muß ihm verdrießlich vorkommen, in seinem Wesen bleibt immer eine große Leere, die nur zu oft zu seiner Pein wird, und wird er plötzlich der Mittel, sein Leben zu erhalten, beraubt, ist er das unglücklichste Wesen auf der Erde! Den« nichts ist furchtbarer für einen Menschen, der nie die Arbeit gekannt, als plötzlich zu dieser seine Zuflucht nehmen zu wüsten! Und wie beim Einzelnen, so auch bei. ganzen Staaten zeigen sich die furchtbarsten Folgen des Müssiggangs. Staaten, in denen die Arbeit nicht gepflegt und unterstützt wird, sind nur Schattcnstaaten, ihr Untergang ist eine Nothwendigkeit. Blicken wir nur die Türkei an, die von Natur zum Paradies bestimmt ist, was ist sie heute? Ein Laud, das der leiseste Hauch der Zeit in Tausende von Splittern zerschmettern wird! 280 Ohne Arbeit ist das Dasein kein Leben, es ist nur ein bloßes Bcgetircn. Die Arbeit entwürdigt den Menschen nicht, die Arbeit adelt ihn. Der Adel der Geburt ist ein nichtsbedeutendes Diplom, das man mit auf die Welt bringt, ohne im Geringsten dabei ein Verdienst zu haben. Nur die Arbeit und die Intelligenz — und ist diese nicht eine Folge der Arbeit? — sind die wahren, die einzigen Adels-Diplome, die die ganze weite Welt als gültige Dokumente anerkennt! Im Nord und Süd, in Ost und West, soweit die Spuren des menschlichen Seins reichen, kennt man die Arbeit, und wo man arbeitet, lernt man auch die Arbeit würdigen. Die Arbeit ist für den Menschen keine Erniedrigung, sie ist seine Würbe; — nur> durch die Arbeit wurde Großes bewirkt; die Arbeit ist der allmächtige, alle Welten bewegende Odem der Menschheit. In England und Amerika, den Ländern der rastlosen Thätigkeit, ist nur die Arbeit der allgemeine Maßstab des menschlichen Werthes. Die Arbeit, jede Arbeit, und sei sie die Arbeit des letzten Holzkncchtes oder des ersten Maschinenarbciters ist an sich gleich, daher keine unehrenhafte. Vor der Natur sind alle Menschen gleich, Allen wurden Kräfte verliehen; gebraucht diese ein Jeder in der rechten, angemessenen Weise, dann wäre es des Menschen unwürdig, deßhalb Einen vorziehen und den Andern zurücksetzen zu wollen, weil seine Arbeit nicht so kunstvoll ist, als die des Ersten. Die Arbeit im Vereine mit der Intelligenz ist der mächtigste Hebel zur Hebung der staatlichen Bedeutung und des nationalen Wohlstandes. Lernt daher die Arbeit achten, und die Männer, durch die sie bewirkt wird, ehren! Sowie die Arbeit des Menschen Beruf und seine Würde ist, so ist sie auch sein Glück; das Gefühl, zum allgemeinen Nutzen thätig gewesen zu sein, beglückt den Menschen. Wäre das Bewußtsein, nützlich zu arbeiten, nicht ein süßer Lohn für die Mühen und Drangsale, mit denen die Arbeit verbunden ist, wie hätten Männer wie Gutenberg, Seunefcldcr, Watt, Jaquard und viele Andere ihre großen Aufgaben erfüllt, die Tausende von Hindernissen, mit denen ihr Weg versperrt war, überwunden?! Ohne dieses beruhigende und belohnende Gefühl mären sie es,zu erreichen nie im Stande gewesen. Gewiß, das Loos der Arbeiter ^st schwer, schwer durch.die Unnatur der Verhältnisse gemacht: aber desto größer ihr Lohn, wenn sie treu und redlich ihre Aufgabe erfüllen. Ihr Männer der Arbeit, ihr Frauen und Mädchen der anstrengenden Thqjigleit, die ihr mit Noth, mit Entbehrungen kämpfen müßt, die ihr vielleicht auf die Schätze des Reichen, des durch Zufall Reichen, mit Neid blickt; die ihr kummervoll durch Arbeit euer Leben erhaltet, Tage und Nächte darauf verwendet: die Hand auf's Herz! Wart ihr dabei nie glücklich? Sagt euch nie eine geheime Stimme den Lohn für all' die Leiden und Drangsale? Und wart ihr es nicht, dann — beherzt das, daß ihr an der hohen Aufgabe der Menschheit thätig seid, und das beglückende Gefühl wird nicht ausbleiben. Ehret die Arbeit, achtet euch in ihr! Auch bei uns wird die Stunde schlagen, wo man den Menschen nicht mehr darnach beurtheilen wird, was er jährlich zu verzehren Hat, oder wie viel Pferde er sich hält, nicht seinen Werth darnach messen wird' was er nicht thut, sondern darnach, was er gethan! 2 (Concerte für Pferde.) Englische LordS zeigen gewöhnlich viel Neignng zu excentrischen Einfällen, aber die übcl^pakknicsten Ideen besaß unzweifelhaft Lord Holland, ein Zeitgenosse William des Dritten. Eine seiner Licblings-Gewohnheitcn war es, seinen Marstall von Rennpferden einmal.in der Woche mit einem Concert zu regaliren. Zu diesem Behufe ließ er eigens eine Gallcerie erbauen, und er behauptete, daß die Musik das Gemüth der Thiere erheitere unrd deren Temperament veredle. Druck, Verlag und Redaction des Litcrarischen Instituts von itr. M. .yuttlcr. Uro. 36. 5. Sept. 1869. Augsburger onntags-Blatt. Von deinen Kindern lernst du mehr, als sie von dir. Sie lernen eine Welt von dir, die nicht mehr ist; Du lernst von ihnen eine, die nun wird und gilt. Friedrich Rückert Die Hand. Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Liedcr«ivru schlössen vor dem unsern ruht. Vielleicht mochte die Fricdcnsstille der Natur heute nicht ihren ganzen Zauber auf die Gedankenvolle ausüben, weil ihr Blick verlangend in die Ferne schweifte und ihre Brust von Zeit zu Zeit einen Seufzer auSstieß, und doch lag in diesem blauen Auge ein tiefer Glanz, eine erquickende Wärme, wie Beides in solch' Poetischer Frische nur aus einer die Schönheiten der Natur erfassenden Seele kommt. . Die ganze Erscheinung der am Fenster Sitzenden hatte etwas zartes, ätherisches, es I lag schon jener ernste Hauch darüber gebreitet, der zumeist aus dem reichen Born der ^ Schmerzen quillt, und das Leben nicht nach Stunden und Tagen, sondern nach den - Pulsschlägen des Herzens zu zählen lehrt. ! Die mehr als dürftige, rohe Umgebung contrastirte eigen mit der feinen, lieblichen ! Gestalt. ! Diese zierlichen, weißen Hände hatten dort an dem schmutzigen Heerde mit seinem l einzigen rußbeladcnen Kessel nichts zu schaffen gehabt, diese feinen, schlanken Schultern nicht da« Joch schwerer Körperarbeit getragen, — das lehrte der erste Blick, nur die 282 Kleidung war schlicht und einfach, und würde fast die eines ehrsamen Bürger-TöchterleinS nicht erreicht haben. Sie konnte kaum 15 Jahre zählen, und man würde sie noch für ein Mädchen gehalten haben, wenn nicht der oft vom Fenster hinweggleitcnde — und auf ein neben ihr schlummerndes Kind zärtlich ruhende Blick bekundet, daß sie bereits die Pflichten einer Mutter zu erfüllen habe. Und sie mußte dieser schönen Aufgabe mit schwärmerischer Begeisterung nachkommen, denn das sonst umwölkte Auge blickte so sorgend, liebend, so mutterglücklich auf den neben ihr in einem. Korbe Schlummernden. Plötzlich hörte sie den Hufschlag von Pferden, und sie wollte freudig erregt hinaus und den Kommenden entgegen eilen, besann sich aber auf ihr Kind, das nach ihrem besorgten Mutterhcrzen während ihrer Entfernung Gefahr laufen konnte und blieb, um die Kommenden au der Thüre zu empfangen. Der erste der Reiter, den das junge Weib zärtlich in die Arme schloß, war eine hochaufgeschossene, jugendlich trotzige Gestalt, voll Kraft und Feuer. Er konnte höchstens 20 Jahre alt sein, aber in seinem Auge lag schon der Blick des gereiften Weltmannes, um seine Lippen spielte jenes ruhige Lächeln, —- an dem der Wille Anderer rücksichtslos zerschellt, wenn er dem eigenen durchkreuzend zu nahen wagt. Das krause, schwarze Haar, die niedrige, aber gedrungene Stirn, das lebhaft blitzende Auge — Alles verrieth den Feuergeist, der in seiner Seele brodelt. Seine Bewegungen waren leicht und elastisch, mit welcher Gewandtheit schwang er sich nicht aus dem Sattel — seine ganze Erscheinung voll Anmuth und Adel — so angenehm und gefällig konnte damals nur ein galanter Königshof erziehen. Sein Begleiter, der „Georg" genannt wurde, — ein blutjunges Bürschlcin mit einem schon recht verschlagen hofmännischen Gesicht, war augenscheinlich der Diener des Ersteren; denn er hielt sich in ehrerbietiger Entfernung — und blieb draußen mit den Pferden beschäftigt, während Jener mit seinem jungen Weibe in die Stube trat. „Du kommst erst heut'! Wie hab' ich dich erwartet und ersehnt, du wolltest ja schon gestern eintreffen! Und welche Nachricht bringst du?" — frug sie ängstlich besorgt und ihr Auge ruhte forschend auf den Lippen des Geliebten. „Wir müssen fort, eiligst fort," entgcgnete dieser hastig, „dein Batcr hat an die Tante in Sagan geschrieben, daß die Zeit des Bcsuchcns längst verstrichen, und er — des Wartens müde, uns selbst holen lasten würde." „O Gott! — mir ahnte nichts Gutes," — seufzte das junge Weib, „wir sind zu unglücklich." „Ich bin nur froh," cntgegnete der junge Mann, „daß der schlaue Georg den für die Tante bestimmten Brief aufgefangen hat, und daß ich überhaupt auf den glücklichen Einfall gekommen bin, ihn krank werden und dort zu lasten." „Aber, — werden wir fort können, Boleslaus?" — und sie zeigte besorgt auf den Kleinen. Eine Unmuthswolkc überzog seine Stirn, und er sagte zögernd: „Ich habe den ganzen Weg über ein Auskunftsmittcl nachgedacht, und es gibt nur eines." „Und welches?" frugen die Augen der noch Unglücklicheres Fürchtenden, während die Lippen geschlossen blieben. Er blickte sie scharf und forschend an, als wolle er prüfen, ob sie schon jetzt dem heftigen Schlage gewachsen sei, oder ob er damit noch zurückhalten müsse, aber die Zeit drängte und er liebte es nicht, dies Zögern, dies Zurückschcucn vor einem kecken Wort, und sagte darum fest und ruhig: „Wir müssen den kleinen Ludwig zurücklassen." „Mein Kind!" rief die junge Mutter aus, und stürzte auf den Korb des Kleine» zu, als wolle sie ihn vor jedem Angriff schützen. „Boleslaus, das kaun dein Ernst nicht sein!" 283 „Mein voller Ernst, bei Gott! Ich kenne keinen andern Ausweg, — als gerade den," — war die Antwort. „Nein, nein, — von meinem Kinde laß' ich mich nicht trennen, — das darf mir Niemand rauben!" rief das junge Weib in einer Aufregung, die von der, trotz ihrer Jugend, in ihr wogenden Mutterliebe ein glänzendes Zeugniß gab. „Sei vernünftig! glaubst du denn nicht, daß ich unser Kind eben so innig liebe? Aber die Nothwendigkeit gebietet, uns auf kurze Zeit von ihm zu trennen — wir müssen," — gegcnrcdete Boleslaus. „Wir müßen?" — frug Margarethe befremdet und mit ganz eigener Betonung; „nein, Boleslaus, wir müssen nicht! Wer zwingt uns denn dazu, unsere Lage länger geheim zu halten?" „Die Ehre!" erwiderte dieser fest und entschlossen. „Und wenn wir uns dem Vater entdeckten? Er ist wohl streng und finster, aber Schlimmeres kann uns nicht begegnen, als hier uns droht!" „Nein, nimmermehr!" war die Antwort; „ich will nicht zum Hohn und Spott des ganzen Landes werden, will nicht, daß jede Dirne dich mit hochmüthig überlegenem Auge ansehen soll, während du sie einst Alle überstrahlen wirst." „Ach, was härm' ich mich um die ganze Welt, wenn ich dich und mein Kind nur hab'!" — war ihre liebevolle, schwärmerische Antwort. „Der Schimpf verzehrt auch das größte Glück," erwiderte Boleslaus, „nein, — Margarcth, all' diese Sorgen und Mühen, diese fortwährenden Anstrengungen hätten wir nur gemacht, um nah' am Ziel, durch unsere Thorheit Alles zu verderben? — Noch ist nichts entdeckt," fuhr er lebhaft fort, „dein Vater denkt uns in Sagan, und Dank der alten Tante blöden Augen, daß du so lange bei ihr bleiben konntest. Auf Georg kann ich mich verlassen, er ist rein wie Gold, und dies alte dumme Weib, bei der wir uns eingemiethet, sieht nur auf unsere böhmischen Dukaten, und schecrt sich sonst um nichts; doch ist sie gut und ehrlich, und du traust ihr ja selbst. Alles geht gut, sogar bester als ich zu hoffen gewagt, und ich sollte jetzt vor den Vater treten und demüthig sagen: Als du uns Beide gen BreSlau zur Erlernung der deutschen Sprache in's Kloster schicktest, da haben wir noch andere Studia getrieben, soll mich züchtigen lasten wie einen Buben, nein, das thue ich nicht, eher reiß' ich mir die Zunge aus dem Munde!" -— In seinem Auge blitzte ein stolzes Fener, seine Brust hob sich, und er schüttelte unmuthig, entschlossen das Haupt, als müsse er jedem feigen Gedanken hartnäckig die Stirn bieten. „Und du willst mich von unserem Kinde trennen? Boleslaus, sei nicht so grausam gegen mich, — thu' es um unserer Liebe willen nicht!" Und sie rang flehend zu ihm die Hände. Er faßte sie in die seinen, und sah, von dem Schmerz des jungen Weibes bewegt, ihr liebevoll in das Auge. „Gretchcn, gerade um unserer Liebe willen muß es sein, schilt mich nicht hart, dw Zukunft wird dich milder urtheilen lehren. Sieh, die Trennung ist ja nur auf kurze Zeit; sobald wir vermählt, ziehen wir nach Schlesien und dann ist der kleine Ludwig wieder unser." Das gcängstigte Weib neigte das Haupt. Sie hatte den beredten Worten Boleslaus nichts mehr entgegen zu stellen, sie fühlte nur ein schneidend-unaussprechlich Weh in ihrer Brust, — und daß ein ganzer Himmel schmerzlich erschütternd in ihr zusammen brechen wolle. Sie nahm ihr Kind aus dem Korbe, das sogleich die Augen aufschlug, und die schon wohlgckanntc Mutter anlächelte. In diesen lieben treuen Augen halte sie sich so glücklich gesonnt, sie waren die lichten, freundlichen Sterne gewesen, die allein noch in ihr düsteres, glanzloses Leben gefunkelt, jetzt sollte es völlig Nacht werden, und mit diesem Vernichtenden Gedanken erwachte die Mutterliebe von Neuem in voller Innigkeit und Stärk«. (Fortsetzung folgt.) 284 Nach der Schlacht von Königgratz. Ein in Leipzig erscheinendes belletristisches Blakt hat am Gedenktage der Schlacht von Königgrätz eine Reihe von ergreifenden Schilderungen dieses traurigen Tages veröffentlicht, aus welchen wir einige im Nachstehenden mittheilen. Der Verfasser schreibt: Auf dem Probluser Kirchhof war man am Begraben. Man hatte meist nicht weit zu tragen, denn am dichtesten lagen die Gefallenen auf dem Kirchhof selbst. Der Kirchhof ist in allen modernen Schlachten Lieblings-Kampfcsstätte; die Todten fallen zu den Todten. In den Kirchthurm hatte eine Granate ein großes Loch geschlagen, das Pfarrhaus war durchlöchert, — in dem Zimmer des Pfarrers steckten I I Kugeln. Vor dem großen Dorfbrunnen stand ein Posten, um die letzten Wasserreste für die Verwundeten zu sichern. An dem Dorfsaume, nach dem Westen zu, hinter einem Hcckcnzaun, lagen sächsische Jäger in langer Reihe und weiter nach dem Westen hin, von wo unser Angriff kam, unsere Sechsundfünfziger (d. h. die vom Regiment Nro. 56). Eben schritt ein Traucrzug auf den Kirchhof zu. Es waren Füsiliere von der Sten Compagnie, die ihren Hauptmann von Monbart zu Grabe trugen. Sie hatten für ihn in Eile einen schlichten Sarg gezimmert, und sein letztes Haus mit Blumen geschmückt. Als sie ihn in sein Grab gesenkt, dicht an der Kirche, kratzten sie seinen Namen an die Wand des Gotteshauses ein; eh' die Sonne unter war, stand noch manch' anderer Name darunter. Von Problus bis Mokrowous ist eine halbe Stunde. Hier war der Wiesengrund wie gepflügt. In der Meierei lagen Vierundfünszigcr. Aus ihr heraus trugen sie eine Bahre, auf der zwei Todte lagen, ein galizischer Katholik, ein pommerscher Protestant. Der Ortspfarrer folgte in reichem Ornate, neben ihm ein evangelischer Geistlicher im Feldrock mit Binde und Päffchen. Der Eine betete sein cks proluiniis und kater noster, der Andere schloß mit dem Vater unser. Der katholische Geistliche nahm die Schaufel, und warf Erde in die Gruft; dann reichte er sie dem protestantischen Geistlichen; der nun ein Gleiches that. Ein Augenzeuge schreibt: „Ich hatte doch in etwas den Eindruck von dem: ich glaube an eine heilige, allgemeine christliche Kirche." Neben Mokrowus liegt Dohalitzka Mitten im Dorf, auf einem freien Platz, stand ein Cruzifix, umgeben von fünf stattlichen Linden. In die eine war eine Granate eingeschlagen und hatte einen mannsstarken Ast wie ein Reis zersplittert; die Splitter lagen umher, das Staket war zertrümmert, aber der Gekreuzigte war unversehrt. Muß doch vor ihm alle Gewalt sich beugen! In der schönen, weithin sichtbaren Kirche befanden sich über 100 Verwundete. Einzelne hockten in den Gängen der hochgewölbtcn Kirche, die Mehrzahl lag um den Altar herum, und blickte hinauf zu dem Bilde des Gekreuzigten. Orgel und Kanzel waren hinausgetragen, die Fenster zerschossen, und doch war das ganze Gotteshaus mit seinen Bewohnern eine gewaltige Predigt von dem „Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig nnd beladen seid, ich will euch erquicken." lind sie waren mühselig und beladen. Einer lag da mit gespaltenem Schädel, so daß man auf das Hirn sehen konnte; einem Anderen war die Schulter weggerissen, er starb; auf einem groben, leinenen Tuch (er war nicht anders tranSportirbar) ließen sie ihn in die Gruft hinab; da lag er in seiner Blöße und seine gebrochenen Augen, die Niemand ihm zugedrückt, schauten aus der Grabestiefe zum Himmel auf. Mangel an Allem, kein Stroh, kein Wasser. Einem österreichischen Rittmeister reichte ein Feldgeistlicher ein Bröckchen Schiffszwicback und einen Tropfen Wein; dem Wicderauslebcnden stürzten die Dankes- Thränen aus den Augen, — und er segnete die Hand, die ihm mit so Wenigem so Viel gethan. Von Dohalitzka führt ein hübscher Weg etwas bergab nach Sadowa. Es sind nur 20 Minuten. Hier in Sadowa lagen die Schwervcrwundcten in der Zuckerfabrik zwischen den Kesseln und hydraulischen Pressen deS Siedehauses. In-dem Wirthshause, wohin man die verwundeten Offiziere geschafft hatte, war es schon wieder leer geworden. — Hier hatten Oberst-Lieutenant v. Pannewitz vom Regiment Elisabeth und Freiherr 285 v. Putlitz vom 49sten ausgehaucht; schon hatten sie dem Ncpomukbildc gegenüber, das neben dem Wirtbshause steht, hart an der Straße „unter den Apfelbäumcn von Sadowa" ihr Grab gefunden. Treue Hände richteten eben die schlichten Kreuze aus. Der katholische Todtengräbcr kniete, während die letzten Worte gesprochen wurden, am Grabe und betete mit. Im Wirthshause mußten auch sterbende Oesterreichcr gelegen haben. Eine Soldaten- Gruppc, Pommern vom Kolbcrger Regimen:, fanden eben ein kleines Amulct zwischen den Ritzen der Dielen und mühten sich, die Inschrift zu entziffern. Es glückte erst, als ein Offizier herantrat. Die Inschrift war in französischer Sprache: „O Maria, ohn' Sünd' empfangen, bitt' für uns." Es mochte von: ungarischen Oberst Scrinny (?), Commandeur des Regiments Württemberg, hier verloren sein, der die Nachtstunden, ehe man ihn nach Horsitz schaffte, in diesen Räumen zugebracht hatte. Oberst Scrinny, als der Iohannitcrrittcr v. Werder ihm ein Stück Kommißbrod und ein Rcsichcn Madeira gab, hatte es mit den Danlcsworten hingenommen: „Und ich, ich darf nicht einmal wünschen, Ihnen einen gleichen Liebesdienst leisten zu können." In Ober-Dohalitz, das nur aus zehn bis zwölf Häuscr-Etablissemcnts besteht, sah es grausig aus. Aus diesen Häusern, als sie in Brand gerathen waren, hatten sich alle Verwundeten, die sich noch bewegen konnten, meist Oesterreichcr, in die Höfe und Gärten geschleppt; die anderen waren verbrannt. Jene halten seit 2-t Stunden kein anderes Labsal gehabt, als den Nachtthau. Als endlich Hilfe kam, hörte man nichts als den Ruf vocia, vorig, und wenn ihnen Wasser aus einen: nahe gelegenen Teich gereicht wurde, klang es Urüelli, Döioki von ihren zitternden Lippen. Aehnlich wie im Holawalde, an dessen Südspitze Ober-Dohalitz liegt, sah es im Swicpwaldc aus, und in den Dörfern, die ihn umgeben, in Cistowcs, in Benatek, in Maslowed und weiter zurück in Ccrekwitz. In Cistowcs lagen viele Sicbenundzwanziger und Garde-Füsiliere. Dazu welche Bilder auf der Dorfgafsc! Ein Jäger, an die Wand gelehnt, aus sein Gewehr gestützt, war stehend gestorben. In einem Brunnen mit zertrümmerter Einfassung lag ein todter Uhlane, mit dem Pferde hineingestürzt. Eine der Scheunen war mit österreichischen Verwundeten überfüllt. Einer, ein Banatcr voni Ncgimcnie Eoronini, war durch die Brust geschaffen. Unter jammervollem Keuchen bemühte er sich krampfhaft, den Mantel von der blutbedeckten bloßen Brust wegzuziehen; es wollte nicht glücken; Keiner verstand ihn; endlich bemerkte man, daß noch 30 Patronen in der Tasche seines Mantels steckten, deren Gewicht ihm fast den Athem geraubt harte. . . . Im Schlöffe von Horenowcs war ein Lazarcth. Hier lag Oberst v. Zychlinski, für den sein Musterbursche einen mächtigen Topf Rahm in einem Versteck entdeckt hatte. — Als der Rahm den Obersten erquickt hatte, rrat Pastor Besser aus Waldenburg den Rahmtopf wie eine Erbschaft an. Freund und Feind wurden mit diesem Leckerbissen gespeist, und ein österreichischer Hauptmann vom Regiment Mecklenburg, — der beim „preußischen Erbsenwerfen," wie er sich ausdrückte, zwei Kugeln in den Arm erhalten hatte, erklärte ein Mal über das andere, daß ihm in der „ganzen verflixten Campagne" nichts so geschmeckt habe, wie dieser Topf Nahm. — Aber solcher heiteren Bilder waren nicht viele. Ein Offizier schreibt: „Wir kamen in ein Gehölz, das zwischen den drei Dörfern Cistowcs, Benatek und MaSlowed liegt (der Swicpwald). Hier hatte der Kampf am Meisten'gewüthet; eine Menge todter Oesterreichcr lagen unter und über einander, etwas entfernter sahen wir Gcsindet, das beschäftigt schien, die Leichen zu Plündern. Um sie wie Raubvögel zu verscheuchen, schoflen wir unsere Revolver ab. Und wirklich, sie verschwanden oder schienen zu verschwinden. In demselben Augenblick, wer beschreibt unser Erstaunen! erhoben sich wohl zwanzig von den Todtgcglaubtcn, streckten uns flehend ihre Arme entgegen und baten mit schwacher Stimme um Wasser. Das wenige, waS wir 886 bei uns hatten, war bald verbraucht. Ich versprach einem österreichischen Oberst, der vor« am Gehölz lag, so bald als möglich mit Wasser und einem Arzt wieder zu kommen, und ritt nach dem nächsten Dorf. Aber wo hier Hilfe hernehmen! Endlich glückte es, aber Wohl zwei Stunden mochten vergangen sein. Als wir in den Wald zurückkamen, erkannten wir den Platz kaum wieder. Die Oesterreicher alle geplündert, — ohne die Uniformen lagen sie da, keiner regte sich mehr. Ich trat heran und rief: „Hier ist Wasser, Master!" Alles vergeblich, still blieben sie. Den österreichischen Obersten konnte ich unter den Todten nicht mehr herausfinden. Entsetzt verließen wir den Wald." Auch Thaten christlicher Liebe kamen vor; leider nur sehr vereinzelt. Wir geben ein solches Beispiel. Zwischen Ober-Dohalitz und Dohalitzka lag ein Neunundvierziger, vergessen, unter unsäglichen Schmerzen, — kein lebendes Wesen in der Nähe. „Schon glaubte ich mich dem Tode nahe (so erzählt er selbst), als ein junges Mädchen erschien, einen großen Weinkrug in der Hand, und mir zu trinken gab; dann holte sie Master und wusch und verband meine Wunden. Wie hab' ich's da empfunden: „Und Gott sandte seine Engel!" — Der Name dieses heldenmüthigcn Mädchens, die noch viele Andere in gleicher Weise erquickte, war Josepha Kalina, eine Czechin. Uebrigens sei gleich bei dieser Gelegenheit ausgesprochen, daß es sehr fraglich ist, ob die Schlachtfeld- Geier blos böhmisches Gesinde! waren. Viele Gerüchte sprechen von „Marodeurs," und mannigfache Anzeichen liegen vor, daß unserer eigenen (der preußischen) Armee seltsame Gestalten folgten. Man hat diesem Punkt ernste Aufmerksamkeit gewidmet. Vom Swiepwalde aus wandten wir uns nach Chlnm, um hier unsere Wanderung zu schließen Welch' ein Anblick wartete unser hier! Gleich am Ausgange des Dorfes, in einem Hohlwege, begegneten wir den Hufspuren des „rothen Pferdes," von dem die Apokalypse spricht. Schritt vor Schritt wuchsen die Würgezeichen. Unsere Ponies scheuten — ein todtes Pferd lag am Wege, dort wieder eins, daneben noch die Leiche eines Reiters, eines österreichischen Uhlanen, der seinen Säbel in erstarrter Faust hielt. Auf beiden Seiten des Weges, dessen lehmiger Boden reichlich roth gefärbt war, zwischen zertrümmerten Wagen und Kanonen, lagen Haufen von Todten. ... In der Chlumer Kirche, deren Thurm und Dach von mehrer.n Granaten getroffen war, lagen die Verwundeten in so dichten Schichten, daß man mit äußerster Behutsamkeit zwischcnhin gehen mußte, um Keinen zu verletzen. . . . Am 5. Juli brach die Armee auf, um südwärts zu marschiren. Die Arbeit war gethan; die Verwundeten hatten ihr Lager, die Todten ihr Grab. Freilich nicht Alle; es waren ihrer zu Viele; noch am achten war das Feld nicht völlig klar. Ein Offizier vom vierten Corps, der am genannten Tage von Ncdelist aus, wo er ein Commando hatte, einen Ritt über das Schlachtfeld machte, hat uns folgende Schilderung gegeben: „Verflossenen Sonntag ließ ich mein Pferd satteln, um einmal ganz allein das Schauerliche des Schlachtfeldes zu sehen. Das war jedenfalls für mich an diesem Tage das Beste; ich hatte nichts um mich her, als meinen Burschen und einen großen, schwarzen Jagdhund, das Geschenk eines sterbenden österreichischen Offiziers. Die untergehende Sonne warf bereits ihre letzten Strahlen auf das Feld, als ich aus Ncdelist heraustritt und der kühle Abcndwind trieb mir den Leichen- und Blutgeruch entgegen. Einen nicht an diesen Geruch Gewöhnten würde eine Ohnmacht angekommen sein; ich kannte ihn schon und ritt weiter, um nach Ehlum und Sadowa zu gelangen, wo die Hauptschlacht geschlagen worden war. Todtenstille herrschte ringsum, welche nur manchmal durch die Unruhe meines Pferdes und Hundes unterbrochen wurde. Beide vertrugen den scharfen Blutgcruch nicht; sobald wir an eine Stelle kamen, wo ein Verwundeter gelegen hatte, schnaufte das Pferd mit weit geöffneten Nüstern und stampfte mit den Hufen auf den Boden, der Hund ging in großen Kreisen um die bezeichnete Stelle herum und heulte fürchterlich. Erst nach einer Aufmunterung mit den Sporen ging das Pferd ruhig über Alles hinweg — und jagte x 287 endlich eine Lerche auf, die zwar singend in die Höhe stieg, aber einen Gesang anstimmte, wie ich ihn sonst bei Lerchen nie gehört habe. Es klagte mehr, als es schmetterte. — Dieser Vogel war seit mehreren Tagen der erste, der mir zu Gesichte kam, denn während des Schlachtenlärms hatten sich die freundlichen Sänger entfernt. Ohne ein gewisses Ziel zu verfolgen, ritt ich weiter und gelangte zu einer Muttergottcsstatne. Ach, welch' ein trauriges Schauspiel bot sich hier dar! Um sie herum lagen zwanzig Todte, einige mit halbgeöffneten gebrochenen Augen, die nach dem MuttergotteSbilde hingerichtet waren. Andere hielten Rosenkränze und Kruzifixe in den Händen; sie hatten wahrscheinlich bis zu ihrem Ableben gebetet; nur Einer hatte ein Spiel Karten vor sich liegen; von denen er eine krampfhaft in der erstarrten Hand hielt. An den Leichen zeigten sich die verschiedenartigsten Wunden. Einem Jäger hatte die Kugel den ganzen Hintcrkopf weggerissen. Jedenfalls sind an dieser Statue Mehrere gefallen, und andere Verunglückte find zu ihnen gekrochen, um daselbst ihr Leben zu beschließen. Ich sprang vorn Pferde und kniete nieder, um für die Todten zu beten. M i s e e l l e r». * Ueber eine Eisenbahnschlacht in Amerika erzählt die „Engl. Corresp." : „Ein Kampf absonderlicher Art, von dessen Gleichen der Schlachtenbesinger Homer sich nichts hätte träumen lassen, hat am Uten dieß im Staate New-Uork an der Albany- Susquchanna-Bahn gewüthet. Die Eric-Gesellschaft und die Albany-Gescllschaft liegen in Fehde um eine Schiencnstrecke zwischen Tunnel-Station und Hapcrsviüe, und dieser Streit ist mit Truppenmassen ausgefochten worden, wie viele deutsche Kleinstaaten sie nicht in's Feld zu schicken vermöchten: 1200 bis 1400 Mann standen mit Pistolen, Keulen und andern Waffen einander gegenüber. Gegen 4 Uhr Nachmittags besetzten 7 bis 800 Bahnarbciter und Beamte der Eric-Gesellschaft die Tunnel-Station, während die Albany-Gesellschaft mit 350 bis 400 Mann das andere Ende des'Tunnels besetzt hielt. Die Eric eröffnete den, Kampf, — um das streitige Gebiet zu erobern. Zwei Wagen wurden mit etwa 250 Leuten gefüllt, eine Lokomotive vorgespannt und mit Hurrah ging es durch den Tunnel. In ihm trafen sie auf keinen Widerstand, auf der andern Seite aber fanden sie eine Schiene anSgehobcn. Schnell wurde sie erneuert und die Fahrt fortgesetzt, als ihnen an einer Biegung ein Zug mit Albany - Leuten entgegenkam. Mit einem gewaltigen Krach platzten die Maschinen auf einander, indessen die Kämpfer absprangen und das Handgemenge begannen. Die Eric-Leute zogen jedoch den Kürzern, und flohen durch und über den Tunnel hin; ihre Locomotive trat gleichfalls arg beschädigt den Rückweg an. Die Albany-Leute setzten in aller Eile ihre nicht minder stark mitgenommene und zum Theile vom Geleise gedrängte Maschine in Stand und auf die Schienen, um den Sieg durch die Verfolgung zu krönen. Sie fanden jedoch die Gegner gesammelt und verstärk! am andern Ende des Tunnels, wo nun der Kampf von Neuem mit großer Wuth auLbrach. Der Angriff war eine ganz imposante Affaire. Pistolen wurden abgefeuert, Steine geschleudert, Keulen geschwungen, und in das Getümmel hinein schollen Drohungen und wilde Flüche. Um 8 Uhr machte die einbrechende Dunkelheit und noch wirksamer die Ankunft des 44sten Regiments oer Schlacht ein Ende. Das Verzeichnis; der Verwundeten ist von ziemlicher Länge; die Erie-Leute waren am schlimmsten weggekommen, doch konnten sie sich dafür eines Gefangenen rühmen. Sie hätten ihn niedergeschlagen, wäre nicht ein Bekannter aus den Reihen der Feinde für ihn eingetreten, der den Vorschlag machte, ihn als Gefangenen zu behandeln, so daß also die Formen des regelrechten Krieges unter civilisirten Völkern beobachtet wurden. Am folgenden Tage bezogen die beiden „Eisenbahn-Heere" wieder ihre Positionen, — doch war das 44ste Regiment glücklicher Weise am Orte geblieben, und verhinderte eine neue Auflage des Kampfes. Der Gouverneur des Staates nahm die Bahn vorläufig in Besitz, und 288 ieauftragtc einen höhern Polizei-Beamten mit der Oberleitung des Verkehrs, bis der Streit vor den Gerichtshöfen zum Austcage gebracht sein wird." * (Englische Sitten.) Ein eigenthümliches Volksfest, das noch aus dem Mittelotter stammt, wurde den 16. Anglist nach einem Zwiichenraum von zwölf Jahren zum ersten Male wieder in Dunmay, einem Flecken in »er Grafschaft Ess-x, unter zahlreicher Betheiligung von Nah' und Fern abgelwtten. Den Hanpipunkt des Festes bildet nämlich die Ueberreichung geräucherter Su-m stiren l silttl;«'!» oh ttuaoii) an solche Ehepaare, die beschwören können, daß sie, „seir Jahr und Tag" vcrbeira'hct, während ihrer Ehe nicht ein einziges Mal mit einander geschmollt oocr ein böies Wsll gewechselt haben Der Hergang des idyllischen Festes ist lmz folgender: Anf einem großen Rasen- platze ist eine Bühne errichtet, deren Vorhang nach Äbsnielung einer Ouvcüure in die Höhe geht und emen ergötzlichen Anblick stycn läßt Ein Richter Eoll"ginm in scharlach- rothen mit Hermelin besetzten Staatsrooen nno mit g-wall gen Allongen-Perüuen angethan, sowie eine aus zwölf Personen best'hende Jn>y n-hmen mir oravi!ä,ischer Gebcrde ihre Sitze ein und bctto darauf erscheinen die vc,schie)cnen Ehepaare, wllchr sich um den Preis des Tages bewerben. Der präsidirende Nickiier uiuctwirfr o.e letzlcrn einem längeren spaßyaslen Vc,hör und die Jury erkennt ihnen den P-e-s zn. In großer Prozession mit allem Mummenschanz des Mitielollcrs ausgestattet, werden hierauf die preisgekrönten Ehepaare durch das Städtchen geführt, ihnen dann die gerämyerien Speckseiten feierlich überreicht und das altmodische Fest schließe mit allerlei modernen BolkSspielen. (Eine Frauenpredigt.) Eine alte Jungfer, Susanns B. Anthony, hielt im Frauen-Emancipatious-Club in New-Orleans folgenden Vortrag: „Die Männer sind Diebe. Woher haben sie das Geld? Gestohlen haben sie's den armen Arbeitern, die sie für sich. schwitzen lassen. Wir sollten uns nicht genireu und ihnen alles, was nur bekommen können, nehmen. Will eine Frau des Abends den Club besuchen, so brummt oet Mann, spricht wohl gar, es schicke sich nicht, Abends noch auszugehen. Wenn er aber mit seinen Cumpanen trinkt, schlechte Witze reiht und wer weiß noch was treibt, soll die Frau ruhig sein und den Mund nicht ansthnn. Dieses Gebot wird nun allerdings nicht befolg!; es wäre auch Miami, wenn es befolgt würde, denn dann wären wir ja weiter nichts als türkische Sklavinnen. „Dein Platz ist bei den Kindern", das sind gewöhnlich die Worte, mit denen ein Mann einer Frau klar machen will, daß sie verpflichtet ist, daS Hans zu hüten. Schon, aber wenn der Platz der Frau bei den Kindern ist, so ist es doch der des Mannes auch. Gehören die Kinder dem Vater nicht so gut wie der Mutter? Hat die Mutter mit den Kindern nicht genug Plage, loll sie die Sklavin ihrer Kinder sein? Kaun der Mann nitt eben so gut einmal zn Haufe sitzen, das „Baby" wiegen und sür dessen Bcönrinisse sorgen, wie tue Mutter, die es mit Schmerzen geboren hat, und die manchmal in einer Woche mehr Qual auszustehen hat, als der Mann zeitlebens? Diese Zustande müssen amhör'u, und die Bildung der Distrikts-Vereine ist der erste Schriit dazu. Hier mögen sich all' o-e Weiber, die mühselig und beladen sind, einsenden und darüber berathen, wie die Männer zu lu kriegen sind. Doch zunächst müssen nur Geld haben. Geld ist zu allen Dingen nothwendig, ab^r am alleruuenkbehrlichsten ist es, wenn man einen Krieg sühren will. Wer müssen es bekommen, aus die e ne oder die andere Weise. Mit dem bloßen Taschenvisitiren ist es nicht gethan, das wirst zu wenig ab- List und Schmeichelei sind die Waffen, die der Frau von der Natur verliehen sind, und deren muß sie sich auch bedienen. Der Mann ist ein der Schmeichelei ungemein zugängliches Thier; schmeichelt ihm, verwirrt ihn, bestecht ihn durch Eure Liebkosungen, thut ihm Alles zn Gefallen, braucht alle Kniffe, die Euch Eure Schlauheit und Euer Witz eingeben, und verschafflEuch Geld, GeldI" Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von ttr. M. Huttler. Aro. 37. 12. Sept. 1869. Augsburger Sonntags-Blatt. Rabe ist Glück, wenn sie ein Ausruhen ist, wenn wir sie gefunden, nachdem wir sie gesucht; aber Ruhe ist kein Glück, wenu sie unsere einzige Beschäftigung ist. Börne. Die Hand. Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Boleslaus fühlte, daß eS jetzt die Entscheidung gelte, daß er mit seinem eigenen Kinde um die Liebe Margarethens kämpfen müsse. Er legte liebevoll den Arm um ihren blendend weißen Nacken und flüsterte ihr, in schmeichelnd zärtlichen Worten, — mit dem Feuereifer der Liebe seine Pläne und Hoffnungen zu, wie er an diesem Entschlüsse die Stärke ihrer Liebe proben und nie, nie dieses so große Opfer vergessen würde. Wohl führten dies unschuldige Schweigen des Kindes, diese blauen, freundlichen Augen noch eine beredtere Sprache, aber dennoch vermochte das junge Weib dem Zauber, den Boles- lans gewandtes, herzgewinnendes Wesen auszuüben vermochte, auf die Länge nicht zu widerstehen, und sie lispelte ihm endlich wehmüthig zu: „Du hast mich überwunden, ach, wüßtest du, was meinem Herzen dieses Opfer kostet! Aber trennen wir uns nicht hier — nehmen wir den Kleinen bis zur Grenze mit, lassen wir ihn nicht hier zurück, ! denn das alte Weib hat längst verlernt, Kinder zu hegen und zu pflegen." Sie wollte aus dem Schiffbruch ihres Glückes wenigstens ein Paar Trümmer, einige Stunden mehr des Zusammenseins mit ihrem Kinde, retten. Aber Boleslaus entschlossene Seele mußte auch diesen letzten Widerstand hinwegräumen. „Nein, Geliebte, das wäre thöricht. Sieh', in dieser tiefen Waldeseinsamkeit, da ist unser Geheimniß vor aller Nachstellung, allem tückischen Zufall sicher; weißt du, ob sich auf der Reise wieder eine so passende Gelegenheit darbietet, das Kind unterzubringen? Danken wir vielmehr dem Schicksal, das uns diese stille, so ganz für unser Vorhaben geeignete Hütte finden ließ. Glaube mir, — die Alten sind gerade die besten Kinderwärterinnen, und dann soll Georg zu deiner Beruhigung hier bleiben. Du weißt, er ist - ein anstelliger Junge, — und wird den Kleinen nicht aus den Augen lassen. — Sei ohne Sorge!" Wie konnte ihr weiches, nur dem Gefühle folgendes Herz, diesem weitausschenden Verstände gegenüber, weiteren Widerstand leisten! Auch die Aussicht auf diesen letzten, wenn auch schon halb getrübten Wunsch, ließ sie sich aus den Händen winden, und sie lispelte kraft- und tonlos, wie ein aus den Grundfesten herausgebrochenes Menschenherz, daS sich dann ruhig dem Drängen äußerer Mächte überläßt: „Nun, wie du willst!" Er schritt, glücklich am Ziele zu sein — hastig hinaus, um sofort das Nöthige zur Reise anzuordnen und mit der, — nahe ihrer Hütte Kräuter suchenden Alten das Weitere zu verabreden. Margareth erhob sich, wollte ihm folgen — ihn zurückrufen, aber schon war er in der Thür verschwunden. Sie wankte zurück auf ihren Stuhl, preßte mit Inbrunst ihr geliebtes Kind an das Herz, als wollte sie sich fest an dasselbe anklammern, legte eS dann in sein Körbchen und versank in ein tiefes, schmerzlich bewegtes Hinbrüten. 890 Draußen war von dem umsichtigen Boleslaus bald Alles zur Reise geordnet. Er hatte den schweren Kampf, vor dem er sich selbst gefürchtet, glücklich bestanden, obwohl ihm nicht verborgen blieb, welch' tiefe Wunde er seiner Margarcth geschlagen. Aber solch' heftige, starrsinnige Charaktere stürmen rücksichtslos auf einen vor ihnen liegenden Punkt, unbekümmert, ob unter ihren Füßen liebende Herzen verbluten und für immer zu Grunde gehen. Sein Stolz, seine Ehre wären durch eine Entdeckung zu tief verletzt worden, und so mußte er Alles daran setzen, die Sache so lange in Nacht zu hüllen, bis es, nicht einem tückischen Zufall, sondern ihm selbst gefiel, den Schleier zu lüften. Er suchte dann die Alte, die Eigcnthümerin der Hütte auf. Es war durchaus keine Vertrauen erweckende Persönlichkeit. Ein ewig halb freundlich, — halb tückisches Grinsen spielte um ihren zahnlosen Mund, und die geröthctcn Augen zuckten fast immer unruhig hin und her. Ihr Gesicht verrieth jene schmutzige Selbstsucht, die für jeden, auch den geringsten Dienst, das zahlende Silber in die Hand gedrückt sehen will, jede Falte dieses verschrumpftcn Antlitzes schien nach Gelde zu geizen. Sie sammelte Kräuter, wahrsagte — und stand im Gerüche des Mchrkönnens als Brodesien," ihre Hauptbcdürfnisie aber verschaffte sie sich durch Halten einer Ziege. Bei dem jungen Manne hatte sie eine ergiebige Geldquelle entdeckt, und da sie hiernach ihre Freundlichkeit bemaß und ihr sogar eine tiefe Mcnschcnkenntniß nicht abzusprechen war, so hatte sie bei Margarcth ein recht Vertrauen gewinnendes Benehmen entwickelt und den ersten, üblen Eindruck ihrer Erscheinung durch den Hinweis auf ihr ehrfurchtfordcrndcs Alter zu verwischen gewußt. BoleslauS rückte mit seinem Vorschlage wegen Zurücklassen des Kindes auf kurze Zeit, vielleicht auf Monate heraus. Das Gesicht der Alten verklärte sich auf einen Augenblick wunderbar, „welch' neuer Dukatenregen!" mochte ihr Herz jubeln, wenn sie ein derartiges Mysterium zwischen der fünften und siebenten Rippe noch besaß, und dies nicht längst zum Pctrefact geworden, aber sie besann sich, und das Anfangs schmunzelnde Gesicht hing wieder verdrossen wie ein Waschlappen in taufend Falten herunter. Sie entgcgncte zögernd: „Junger Herr, ich bin alt und schwach, für meine Jahre wäre dies eine zu große Aufgabe." „Sperr dich nicht erst, Alte! Ich weiß, du hast dich in meine böhmischen Ducaten Vernarrt, — und willst nur durch dein Weigern ein Dutzend mehr in deine knöchernen Finger," erwiderte hochmüthig der junge Mann. Die Alte grinste freundlich, sich errathen zu sehen, denn solche Leute wissen doch fremden Scharfsinn zu schätzen, und bald war sie zur Erhaltung des Kindes über eine, beide Theile befriedigende Summe übereingekommen, die für das erste Jahr ausreiche» und dann erneuert werden sollte. Auch diese Sache war glücklich beigelegt. Dem Pagen wurde jetzt die Anweisung gegeben, bis auf weiteren Befehl zur Oberaufsicht des Kindes hier zu bleiben, und mit gewohnter Ergebenheit versprach er, dieser Pflicht treulich nachzukommen. Inzwischen sollte er die Pferde in Bereitschaft halten und die wenigen Nciscsachcn eiligst einpacken. Boleslaus kehrte in die Stube zurück, nicht frei von Furcht, daß die unendliche Liebe zu ihrem Kinde, Margaret!) von Neuem zum Hierbleiben gestimmt haben könnte. Er fand sie noch in der hinbrütenden Stimmung, in die sie nach seinem Weggänge verfallen, und stellte sich dicht vor die liebliche, jetzt in Schmerz und Qual zusammen- gekauerte Erscheinung. Selbst sein starres, hochfahrendes Herz konnte sich der Rührung nicht erwehren, — fast dünkte es ihn selbst zu hart, und mildere, weichere Gefühle zitterten durch seine Seele. „Wie glücklich, wie unendlich glücklich würde sie sein, wenn ich ihr diesen Schmerz ersparte!" sagte er leise vor sich hin, da erwachte das junge Weib aus ihrem Hinbrüten und fragte: „Kommst du schon wieder?" Er dachte der Anstrengung, — die er schon 291 gemacht, des Schmerzes, den er ihr bereits verursacht, alle Triebfeder«, die ihn zu diese« Schritt bewogen, spielten von Neuem und mahnten ihn au sein Ziel. — Die gute Stimmung war verloren. „Ja, Margareth, es ist Zeit!" Die Alte und Georg wurden gerufen, und mit der letzten Anstrengung ihrer Kraft empfahl die junge Mutter ihnen die Sorge für ihr Kind, und ließ sich von Beiden zuschnüren, heilig darüber zu wachen. Alles war jetzt zur Abreise bereit. Sie kniete noch einmal vor dem schlummernden Kleinen, ein inbrünstig Gebet für sein Wohl stieg aus dem Innersten ihrer Brust, und ihn — dem Schutze des Höchste» empfehlend, schwankte sie am Arme des Geliebten hinaus, einen letzten Blick auf die alte, räucherige Hütte werfend, in der sie so glücklich wonneselige Stunden verlebt, und die jetzt ihr Ein und Alles umschließen sollte. Er hob, die wie eine geknickte Blume Zitternde, in den Sattel — und wollte die Pferde in Trab setzen, da rief die Unglückliche hastig: „Bringt mir noch einmal meinen armen Ludwig!" „Aber, du holst dir ja nur neue Schmerzen," entgegnete Boleslaus — „willst d» denn ewig Abschied nehmen?" „O, nur noch ein einzig Mal — nur einen Augenblick will ich ihn sehen, nein, bei deiner Liebe, schlepp mich nicht eher hinweg, bis du mir die Bitte erfüllt." So unmuthig Boleslaus über diese neue Zögerung war, die ihm wieder gefährlich schien, so sah er doch ein, daß er ihrem Wunsche willfahren müsse, um nicht Alles z» verderben, und er befahl deßhalb der Alten, das Kind zu bringen. Um Margareth aber zur Sicherheit wenigstens im Sattel zu behalten, stieg er selbst vom Pferde und reichte den Kleinen hinauf, der, erwacht, die Händchen nach der Mutter ausstreckte. Noch einmal preßte sie ihren einzigen theuren Schatz an die von tausendfachem Weh zcrquälte Brust; heiße, bittere Thränen perlten aus den dunklen, schönen Augen, und rollten auf das Gesicht des Kleinen. „Ach, mein Kind — mein Kind," klagte sie mit herzzerschneidender, weicher Stimme, „diese Thränen sind die einzige Mitgäbe deiner Mutter, verzcih's ihr Gott!" Der Kleine wurde zurückgetragen; Boleslaus schwang sich wieder in den Sattel — gab seinem Pferde die Sporen, und so lange und sehnsüchtig auch das junge Weib zurückblickte, bald war die Hütte ihrem Auge gänzlich entschwunden und sie — getrennt —- vereinsamt — verlassen! Boleslaus fühlte wohl Mitleid für ihre Qual, aber die Freude über das erreichte Ziel kämpfte in ihm alle VorwurfS-Gedanken nieder. Das Kind ist ja nicht verloren, beschwichtigte er sich selbst, die Alte wird es, schon um ihres eigenen Vortheils willen, sorgfältig halten, selbst wenn Georg nicht immer dort bleiben könnte. Arme Margareth! Die Alte und der Page sahen den Fortreitenden lange nach. „Ein hübsches Pärchen," meinte die Erstere, „und gewiß ganz was apartes." „Hm! durchaus nicht," entgegnete Georg trocken, „sehne mich nach anderem Dienst, möcht' einmal bei einem Grafen sein!" Die Alte kicherte und sagte vor sich hin: „Der kleine Gelbschnabel will mir Sand in die Augen streuen, aber das ist ja Kies aus dem Bober," — und sie schien ihn vorläufig nicht zu beachten. Das junge Blut langweilte sich zum Sterben in dieser öden, traurigen Einsamkeit. Zwar hatte er Anfangs in übersprudelndem Muthwillen allerhand Allotria getrieben, — aber mit bleiernen Flügeln zog Tag an Tag langsam vorüber. Das war kaum zum Aushalten, — und um seinem Groll in etwas Luft zu machen, warf er eines Tages, 292 ' nachdem er seiner Hausgenossin in der Hütte das Oberste zu Unterst gekehrt, ihre sorgfältig aufgespeicherte Kräutersammlung der genäschigen Ziege vor, die sie mit gesundem Appetit verspeiste, oder doch unter die Füße-Krat. Die Alte war außer sich, als sie den Frevel entdeckte — ihr kostbarster Schatz auf so schnöde Weise vernichtet, — das forderte auf der Stelle Vergeltung. Sie versuchte in höchster Wuth, dem tollen Burschen ein Stück Holz an den Kopf zu werfen, doch — dieser fand noch schnell genug die Thür, und das schlichte Wurfgeschoß begrüßte nur sehr unfreundlich die alte Ziege, die so eben den Kopf neugierig zur Thür hereinsteckend, ihre gewöhnliche Morgenvisite machen wollte, und ganz verwundert über solch' ungewohnten Empfang ein kläglich-vorwurfsvolles Meckern hören ließ. Das hieß den Zorn der Alten auf die höchste Spitze treiben. Um ihn verkühlen zu lassen, suchte Georg für heute das Weite und wanderte gemüthlich, unterweges noch sich seines gelungenen Streiches freuend, dem nächstgelegenen Städtchen Sprottau zu. Er mußte sich ja für die verlebten Waldgefängnißtage schadlos halten, und machte sich dort in munterer Gesellschaft nicht wenig lustig. Er hatte nebenbei nach seiner schnurrigen Wirthin, die ihm vollends mit ihrem verdrossenen, häßlichen Gesicht das Leben dort in der Hütte unerträglich machte, gefragt — und erfahren, daß sie sich der Kunst des „Wahrsagens" befleißige, und sich darin eines nicht geringen Rufes erfreue. DaS schien dem jungen Burschen Spaß zu machen, und heimgekehrt, — sagte er in lustiger Weinlaune zur Alten: „Ich muß dich mal mit anderen Augen ansehen, seitdem ich weiß, daß in dir alten Schachtel eine Prophetin steckt." Die Alte murmelte etwas von „dummer Schlingel," --- „alberner Junge" in den Bart, und das ist durchaus nicht figürlich zu nehmen, denn ein ziemlich deutlicher, schon über die Periode des PflaumenS hinweggeschossener Bart — überschattete wirklich ihre mageren, zusammengekniffenen Lippen. „He, Alte, was grunzt du denn? Sag' mir lieber die Zukunft her, könntest den Bettel umsonst thun, in Anbetracht unseres so friedlichen Zusammenlebens, aber ich will mit deiner Vorliebe für das Glänzende Mitleid haben, hier ist Geld — nun prophezeihe!" herrschte er ihr übermüthig zu. Sie sträubte sich Anfangs dagegen, plötzlich schien sie sich eines Bessern zu besinnen. Sie hatte längst bemerkt, wie ungern Georg zurückblieb, welche Sehnsucht nach dem lustigen Leben in Prag ihn verzehrte, seine baldige Entfernung paßte in ihre Pläne — und dazu konnte sie jetzt durch ein aufmunterndes Wort beitragen. Das Kinderwarten und pflegen war ihr bald beschwerlich geworden — es kostete ja so viel Milch, „wer kann wissen, ob der Fremde je wieder etwas von sich hören läßt, und mehr Geld schickt, denn solche Herren haben wunderliche Launen," — calkulirte die Alte, lieber den Jungen bei der ersten besten Gelegenheit irgend Jemand in die Hände schmuggeln, war doch dann die Summe für das erste Jahr reiner Verdienst. Aber zu diesem Zwecke mußte Georg vorher die Hütte räumen, und so trat sie jetzt schmunzelnd auf ihn zu, blickte mit den stechenden rothen Augen lange in die seinen, jugendlich funkelnden Augen, dann in die Hand, und sagte mit ruhiger, fast tonloser Stimme: „Du bist ein keckes, zuversichtlich Blut, hast gar viel lose Streiche gemacht —" „Alte! mein Sündenregister habe ich nicht gewollt," sagte er lachend, „prophezeihe! denkst wohl an den kleinen Spaß von heut' morgen?" Die Alte schien den Vorgang vergessen zu haben, denn sie fuhr ruhig fort: „Dein Geschick ist — nicht immer Kindsmagd zu spielen, du wirst bald die lästigen Fesseln abschütteln — die Liebe einer Fürstin gewinnen und sie doch verschmähen, aber reich und angesehen wirst du werden — schwinge die Flügel!" Sie sagte die letzten Worte mit klangvoller, ungewöhnlicher Stimme, daß sie einm tiefen Eindruck auf den Knaben ausüben mußten. Er stemmte die Arme auf den Tisch 293 uud starrte lange vor sich hin, plötzlich rief er aus: „Du hast Recht, Alte, ich muß fort, mag daraus werden, was da will. Der Junge wird auch ohne mich leben, und ich kann doch nicht seinetwegen hier in diesem verlorenen Winkel zu Grunde gehen." Die Alte bestärkte ihn nach Kräften in seinem Entschluß, — und schon am andern Morgen sagte er schnell entschlossen seinem düstern, und doch so grünen Waldgefängniß „Ade", um mit jubelnd befreitem Herzen in die Welt hinauszuwandern. Die Alte bat ihn beim Abschied noch einmal, doch den Namen des jungen GasteS zu sagen. Er bog sich in übermüthiger Laune vsm Pferd, und flüsterte ihr geheimniß» voll einige Worte in's Ohr. Sie verzog ihr Gesicht zu einem ungläubigen Grinsen, daß Georg davon belustigt, laut auflachend entgcgncte: „Glaub's nur, alte Hexe!" — und davon sprengte. „Schad't nichts, und wenn's auch wahr sein sollt', fort muß der Bankert doch! — Das wär' eine schöne Quälerei auf die alten Tage, dann will ich nur d'rauf sehen, daß ich ihn gut unterbring' und nicht aus den Augen verlier'. Es wird zwar Niemand nach ihm fragen, aber wenn's ja geschieht, — dann müssen sie sich doch wieder an mich wenden, und ich verdien' erst recht mein schönes Geld." Mit diesen vor sich hingemur- melten Worten kroch sie zur Hütte zurück. Ihr heimtückischer, nichtswürdiger Entschluß den Kleinen auszusetzen, stand fest und sie suchte nach irgend Etwas, das sie dem Kleine, zur Wiedererkennung mitgeben könne. Darüber sinnend, schritt sie an den Korb des kleinen Ludwig, der trotz dem Mangel mütterlicher Pflege ziemlich wohl aussah, und rief freudig aus: „WaS such' ich lange, trägt doch der Junge das beste Erkennungszeichen an seinem Leibe. Dies große Mal auf seiner Brust, das wie eine Hand aussieht, und jeden Finger deutlich zeigt, ist so selten und sonderbar, daß man ihn unter Tausenden wieder erkennen muß." „Und nun will ich für dich sorgen, mein Söhnchen," — fügte sie lachend hinzu, „meine niedere Hütte verträgt nicht solch' hohen Gast." (Fortsetzung folgt.) Ueber die Größe europäischer Kirchen. Seit einiger Zeit scheint es, daß die Größe der Kirchen besonders in Deutschland die Aufmerksamkeit der Gebildeten auf sich gezogen hat. Wir entnehmen dah-i aus dem siebenten Bande des Wicbeking'schen Werkes (urolntcoturc civil« theoreliguc ct pra- tikzuc nveo un stlus r. John Murray, mitzutheilen. Dieser Bericht, welcher in den medizinischen Zeitschriften einläßlich besprochen werden wird, ist wesentlich auf die Beantwortungen der von der indischen Regierung an sämmtliche Aerzte Indiens gerichteten Fragen gegründet. Eine dieser Fragen (I 8) betrifft den Einfluß der Bäume auf die Einschränkung der Cholera und beweist, daß man auch in Indien auf einen gewissen Einfluß von Baumpflanzungen aufmerksam geworden ist. Unter den auf diese Frage eingelaufenen Antworten sind einige sehr schlagend. So werden von Beatson (1- k. Otkioisting vsput^ Inspuotor Kvnoral, Lsn- §sl I.) folgende Thatsachen angeführt: In der sehr weit verbreiteten Cholera-Epidemie von Allahabad im Jahre 1859, sind unbezweifelt jene Truppenabthcilungen, deren Wohnungen den Vortheil nahestehender Bäume hatten, verschont geblieben, und zwar genau im Verhältniß der Dichtigkeit und Nähe dieses Schutzes. Die europäische Kavallerie in den Wellington Barracks, die zwischen vier Reihen stattlicher Mango-Bäume, obschon immer noch etwas offen liegen, litt viel weniger als das vierte europäische Regiment, dessen Quartiere auf einem der ganzen Kraft der Winde ausgesetzten Hügel lagen; während in der bengalischen reitenden Artillerie, die ihren Wohnsitz in einem Mangowäldchen hatte, nicht ein einziger Krankheitsfall vorkam. Und diese Ausnahme kann nicht als zufällig betrachtet werden, da im folgenden Jahre das Verhältniß sich genau ebenso wiederholte. Griffith (U. ^ssistunt Lur^son, ülackras I) äußert sich in folgender Weise: Die Gegenwart von Bäumen wirkt wohlthätig, und ich glaube, daß einige Baumarten vorthcilhafter wirken als andere. Von einem Dorfe Namens Bhudrogaum in diesem Distrikte wird behauptet, daß es noch niemals von der Cholera heimgesucht worden sei. Es ist von Nccmbäumen umgeben. Vor einigen Monaten bat ich den Kapitän Dovcton, welcher Forstmeister ist, um Auskunft über diesen Ort. In 1865, so sagte er, wo die Cholera im Hoshuugabad-Distrikte wüthete, besuchte ich Bhudrogaum, wo ich zu meinem Erstaunen erfuhr, daß daselbst nicht ein einziger Cholerafall vorgekommen war, während in den umliegenden Dörfern die Menschen in großer Zahl starben. Dieses Dorf, welches nach allen Angaben niemals von der Cholera besucht worden ist, liegt auf einer hohen Uferstelle des Sungul-Flusses und ist im Osten und Westen von nordwärts und südwärts laufenden Waldstrichen eingeschlossen. Diese Junglcstrecken liegen aber tiefer als das Dorf, und in dieser Beziehung sind alle benachbarten Dörfer ebenso günstig gelegen. Aber einen bcmerkenswerthen Umstand hat der Ort für sich: er ist von einer außerordentlichen Zahl von Neembäumen umgeben; und auf diesen Umstand wurde meine Aufmerksamkeit gleich bei meiner Ankunft gelenkt. Nach den Beobachtungen, die ich in den vergangenen neun Jahren zu machen Gelegenheit gehabt, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß ein von Wald umgebenes Dorf (a jun^lo villn^e) der Gefahr der Cholera weniger ausgesetzt ist, als ein Dorf ohne Bäume in seiner Umgebung, daß aber, wenn in einem Walddorfe einmal die Krankheit ausbricht, die Wirkungen viel schlimmer sind, indem eine größere Verhältnißzahl der Bevölkerung von derselben befallen wird. Ein anderer Beobachter, Guisc, 0- /O Usput^ lnspr. 6enl, LönZal I.) erklärt sich wie folgt: Dieses Jahr wurde wieder eine Abtheilung des 77. Regiments in ein Lager geschickt, weil sich am 17. September einige Fälle von Cholera gezeigt hatten. Die Regen hatten aufgehört. Lagergrund mit einem guten Wasserabfluß wurde in einem ausgedehnten Bestand von Mangobäumen gefunden. Die Leute waren den ganzen Tag in der freien Luft unter dem Schutze der Bäume und die Wirkung sowohl in der Beseitigung aller Cholerasymptome, wie überhaupt in dem Gesundheitszustände und der Gemüthsstimmung der Mannschaft war höchst befriedigend. Williams l>>V. b-ui-Ason iUnjor illuckru8 I.) sagt: Ich kann aus eigener Erfahrung kein Beispiel anführen, daß Bäume der Verbreitung der Cholera Schranken gesetzt, Beispiele aber sind bekannt, daß nach dem Abschlagen von Bäumen die Cholera an Orten erschienen ist, die vorher davon frei gewesen waren. So sehr ich an die Richtigkeit der angeführten Thatsachen glaube, so wenig kann ich die manchmal gegebenen Erklärungen annehmen. Die einen meinen, das Wirksame sei der Schalten, den die Bäume den Menschen gegen die Sonnenhitze gewähren; andere meinen, es liege in der luftrcinigendeu Kraft der vegetirenden Blätter, und wieder andere sind der Ansicht, daß die Bäume durch Abhaltung gewisser Luftströmungen wirken. Daß das alles nicht das Wesentliche sein kann, geht aus den Beobachtungen von Grif- fith und Dovelon hervor, wonach Jungle-Orte zwar häufiger verschont bleiben als andere, aber viel schwerer leiden, wenn in ihnen die Krankheit doch einmal ausbricht. Interessant ist für mich, was Mac Leod (Sur^eon Major, klackras I.) sagt: Da Fieber-Malaria fähig ist, vom Winde weiter getragen zu werden, so ist es ganz begreiflich, daß dieselbe von Bäumen aufgehalten werden kann, und es gibt Thatsachen, welche stark dafür sprechen. Von der Cholera aber glaube ich, daß sie tellurischer Entstehung ist, und daß die Erde selbst ein Hauptmedium für die Fortpflanzung dieser Krankheit bildet. Was immer aber diese Hypothese sein mag, — eins ist sicher, nämlich, daß das Choteragift sich gegen den Wind verbreitet, dem schärfsten Paffatwindc entgegen, und eine solche Fähigkeit scheint mir unvereinbar mit der Annahme, daß dieses Gift in seiner Fortbewegung von Bäumen aufgehalten werden könne. Daß jedoch Bäume wohlthätig wirken, indem sie die Luft reinigen, bin ich überzeugt, und deshalb glaube ich in der That, daß ihre Anpflanzung und Erhaltung anzurathcn ist. Auch in Europa haben schon einige darauf aufmerksam gemacht, daß in einer sonst gleich beschaffenen Gegend hier und da große Wälder der Ausbreitung der Cholera Schranken setzten. Wilkens führte jüngst einige Beispiele aus Schlesien, aus der Umgegend von Breslau an, und erklärt den Einfluß der Wälder, übereinstimmend mit mir, unter Beziehung auf das Grnndwasser. Dieser Einfluß großer Baumpflanzungcn und Wälder erinnert mich lebhaft an das Verhalten der Moore in Bayern während der Cholera-Epidemie des Jahres 1854, wo z. B. die zahlreichen und bevölkerten Ortschaften im Donaumoos, zwischen Pöttmes, Schrobcnhausen, Jngolstadt und Neuburg, von einem Gürtel von Ortscpidcmicn umgeben waren, ohne daß sich die Krankheit epidemisch ins Donaumoos hinein fortsetzte, trotz der individuell doch gewiß sehr disponirten armen Bevölkerung derselben. Der Boden des Donaumooscs scheint damals noch zu feucht gewesen zu sein, als die Epidemie in der Nähe war und ihr Keim eingeschleppt werden konnte. Wenn die Mango- und Ncem- Wälder in Indien unter gewissen Umständen eine Immunität gegen Cholera verleihen, so hat das unzweifelhaft keinen andern Grund, als die Immunität der niederen Stadttheile von Lyon, welche durch den Einfluß der Rhone auf die örtlichen Grundwasserverhältnisse bedingt ist. An einem Orte könnte daher das Niederschlagen eines Waldes dieselben Folgen und aus den nämlichen Ursachen haben, wie anderswo das zeitweise Austrocknen eines Moores oder die zeitweise Ableitung eines Flusses. 310 Schlagende Wetter. Ein Augenzeuge der Gruben - Explosion im Plauen'schen Grunde bei DreSde«, gibt im Chemnitzer Tageblatt folgende Erläuterungen zu der Explosion: „Die Entstehung und Verbreitung von „schlagenden Wettern" ist ihrer Natur nach, so viel man sich auch nach dieser Richtung hin bemüht hat, noch so wenig erkannt, die zu ihrer Wahrnehmung und gegen ihre Entzündung anzuwendenden Mittel sind im Ganzen noch so unzuverlässig, daß bei der größten Vorsicht der Gruben-Verwaltung doch leicht einmal alle Maßregeln noch ungenügend sein können, oder daß nur ein Einziger von den in der Grube Anwesenden ein wenig unvorsichtig zu sein braucht um diese alle der Verbrennung oder dem augenblicklichen Tode auszusetzen. „Das Kohlenwasserstoffgas bildet im Gemenge mit atmosphärischer Luft die schlagenden Wetter. Es entwickelt sich in vielen Steinkohlengruben aus den Steinkohlen. Da es leichter ist, als die atmosphärische Luft, so steigt es bei ungestörter Ausströmung aus dem Kohlcnflötze in die höher gelegenen Theile der Grubenbaue, ohne sich mit dieser zu vermischen, und in diesem Falle brennt es bei der Entzündung mit blauer Flamme ohne Detonation ruhig weg. Vermischt sich aber das Kohlcnwasscrstoffgas mit der Luft, entweder durch die Bewegung der Arbeiter, oder durch die in den Gruben stattfindende Ventilation, so cxplodirt das Gemenge bei der Berührung mit einer Flamme. Bei dieser Explosion entsteht ein außerordentlich starker Luftstoß und eine für den Augenblick sehr hohe Hitze. Die weiteren Folgen der Explosion bestehen darin, daß an Stelle der vorherigen schlagenden Wetter der sogenannte „Nachschwaden" tritt, d. i. ein Gemenge von Kohlensäure und Stickstoff, in dem einen oder anderen Falle noch mit etwas Kohlenwasserstoff oder etwas Sauerstoff. Dieser Nachschwaden macht das Athmen der Menschen unmöglich, führt sie daher oft noch zur schnellen Erstickung, wenn sie nicht vorher schon verbrannt oder zerschmettert wurden, und zwar verbreitet sich der Nachschwaden in den Gruben bedeutend weiter, als vorher die Explosion, so daß oft noch Leute dieser nachträglichen Erstickung unterliegen, welche weit von dem Herde der eigentlichen Explosion entfernt liegen. „Die gewöhnliche Art der KohlenwasserstoffgaS-Entwickelung in den Kohlengruben findet auS den eben in der Kohlengewinnung st-hendcn Flötztheilen, also an den Arbeits- punkten statt. In dieser Art liegt die geringere Gefahr, denn m allen Grubenbauen, wo sich Spuren solcher Entwicklung zeigen, läßt man ununterbrochen arbeiten, damit das ausströmende Kohlcnwafferstoffgas durch die Grubenlampen fortlaufend zur ruhigen Verbrennung gelange und überhaupt sicy nicht in größerer Menge unbeobachtet ansammle. Bleibt dennoch einer oder der andere solcher bcdcnkcncrregendeil Punkte Feiertags ohne Arbeiter, so läßt man zur allmählichen Vcrbrcnuung des Kohlenwasserstoffgases in dem höchsten Punkte eine ewige Lampe brennen und läßt jedenfalls den Bau von einem zuverlässigen Manne zuerst untersuchen, ob auch keine Gefahr vorhanden sei. Es geschieht dieß mittels der sogenannten Sicherhcitslampe, d. h. einer besonders construirten Grubenlampe, welche bei richtigem Gebrauche die Anwesenheit von Kohlenstosfwasscrgas durch Vergrößerung und blaue Färbung der Flamme verräth, bevor dieses GaS zur Entzündung gelangen kann. Die Voruntersuchung aller einigermaßen bcdenkencrrcgcnden Baue nach einem Arbcits- stillstande hat auch bei dem freiherrlich v. Burgk'schcn Werke stets gewissenhaft stattgefunden und so auch ohne allen Zweifel am Unglücksmorgcn nach dem vorhergegangenen Feiertage. Zeugcnbcrichte darüber gibt es natürlich in diesem Falle nicht. Bei vorliegendem Ereignisse mag dagegen die andere, seltenere, aber ungleich gefährlichere Art von Verbreitung schlagender Wetter stattgefunden haben. Nämlich in den alten unzugänglichen, weil zusammengebrochenen Kohlenabbauen sammelt sich ebenfalls Kohlcnwaffcrstoffgas an, welches, wenn es hier und da einmal durch eine der zahlreichen offenen Verbindungen in die gangbaren Grubenbaue in geringer Menge übertritt, bei 4 einer guten Ventilation mit weggeführt wird, ohne schädlich zu werden. Geschieht cS aber in großer Menge und geschieht eS bei etwas gehemmter Ventilation, so kommt es vor, daß sich unter jedenfalls gleichzeitigen noch andern nicht erforschten Einflüssen die gangbaren Grubenbaue von den verbrochenen aus innerhalb kurzer Zeit in ausgedehntem Maße mit schlagenden Wettern füllen, ohne daß man eine Ahnung davon hat. So scheint es auch hier der Fall gewesen zu sein. Am 1. August trat nach lange anhaltender Hitze ein Gewitter ein, welches, wie es gewöhnlich geschieht, so wahrscheinlich auch hier die Ventilation mehr oder weniger hemmte. Gleichzeitig wurde am 2. August früh ein besonderes niedriger Barometerstand beobachtet, welcher, wie man andern Orts mehrfach bemerkt hat, den Austritt von schlagenden Wettern aus den alten Bauen zu befördern scheint. Dazu mögen noch andere Umstände hierbei mitgewirkt haben; kurz, als die 327 Mann ziemlich vor ihren Arbcitspunktcn angelangt waren, trat die Explosion der unver- muthcten Anhäufung von schlagenden Wettern ein. Die Heftigkeit des Schlages war derartig, daß die Meisten durch das Hinanwerfen an die Wände, die Decke und den Fußboden zerschmettert, ja, buchstäblich zerfetzt wurden. Man fand sie häufig ohne Kopf, ohne Arm oder Beine, welche Theile weit fortgeschleudert waren; dabei wurden die Kleider sämmtlich vom Leibe gerissen und überzog sich dieser durch die hohe Hitze mit einer schwarzen Kohlenkruste. Nur die weitest Entfernten erlagen der Erstickung durch den Nachschwa- den; die große Mehrzahl aber ward gänzlich verstümmelt und deßhalb völlig unkenntlich angetroffen, weil sie von der Explosion unmittelbar betroffen wurden. Diese war so heftig, daß ein 300 Schritt langes, etwa 4 Schritt weites Tunnclgewölbe zum Theil auseinandergcpreßt und die Zimmerung in den Strecken größtenteils zerstört wurde. In Folge dessen sind diese Strecken vieler Orts derartig zusammengebrochen, daß jetzt 130 Mann mit ihrer Wiederausräumung beschäftigt sind und man gewiß noch verschiedene Wochen dabei zubringen muß. Unter den hereingebrochenen Stein« und Holzmassen lagen nun die Leichen verstreut umher. Der Hopfen-Markt in Nürnberg. . * * Das eben erschienene Septcmberheft der Zeitschrift des landwirtschaftlichen Vereins enthält folgende Schilderung über den Hopfenmarkt zu Nürnberg: Wenn in den letzen zehn Jahren die Bicrsabrilation einen enormen Aufschwung erfuhr, so war es besonders der Hopfenbau, der seine große Verbreitung dieser Industrie zu verdanken hatte. Unter allen Hopfen produeirenden Ländern des ganzen Continents hat sich nun seit der Cultur des Hopfens kein Land in ähnlicher Weise verdient gemacht, als Bayern, und in diesem Lande selbst keine andere Provinz, welche auf dieses Verdienst einen gleichen , Anspruch machen könnte, als Mittelfranken. Spalt, Altdorf, Hersbruck und Lauf sind wohl in der That die Stammorte, wo Hopfen zuerst gepflanzt und die Cultur dieses Produktes in einer Weise gepflegt wurde, die es nach und nach. Dank seiner vortheil- § haften geeigneten Bodenbeschaffcnhcit, auf die Ausbildung und Vollkommenhcitsstufc brachte, i welche dasselbe nun einnimmt. Aber auch manche andere Länder, besonders Böhmen, ! Baden, Württemberg, Polen rc. haben den Hopfen seit zehn Jahren mit großem Eifer s kultivirt, so daß um den Verschleiß desselben Besorgnisse rege wurden. Ohne Absatz konnte diese umfassende Cultur, welche von der Verwerthung und dem Verschleiß abhängig war, nicht betrieben werden, und es war hauptsächlich die alte Handelsstadt Nürnberg, welche in dieser Beziehung der Pcoduction in vortrefflicher Weise entgegenkam. Schon > vor 50 Jahren war Nürnberg für das Ausland der Weltmarkt und die Bezugsquelle ^ des Hopfens; seine Handelsfirmen machten schon zu Anfang dieses Jahrhunderts größere l Hopfensendnngcn nach überseeischen Plätzen. Seitdem jedoch Eisenbahnen, Dampfschiffe und Verkehrswege bestehen, konnte sich der Hopfenhandel freier entfalten. Viele und bedeutende Handelsfirmen kamen nach Nürnberg, und der Verkehr ist einer der großartigsten 312 in der großen Handelswelt, Nürnberg der größte Hopfenhandels-Platz geworden Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Handelsfirmen daselbst, und erweitern die bestehenden Handlungshäuser ihre Geschäfte so, daß der Nürnberger Exporthandel von allen, selbst von den entferntesten ProductionS-Ländern, Hopfen bezieht, und hiegcgcn denselben in alle Welttheilc wieder verschleißt. Der Hopfenmarkt Nürnberg's ist daher auch zum Welt- Markte geworden, und was den eigentlichen Markt betrifft, so besteht derselbe ohne alle amtliche Controle und Aufsicht; er wird hauptsächlich in der Karolinenstraße und Brunn- Gasse, in der Nähe der Lorcnzkirche, frcqucnlirt, weil dort viele Commissions-Geschäfte etablirt, zum Lagern des Hopfens eingerichtet und die meisten Hopfen-Handlungen im Lorenzcr-Viertel zu finden sind. Die Preise des Nürnberger Hopfenmarktcs gelten für alle Hopfcnländer als Regulator; an allen Handelsplätzen und überall, wo Spcculation für Hopfenbau und Hopfenhandel erwacht ist, — werden die Course und Berichte des Hopfenmarktes mit Spannung erwartet, so daß in Zeiten des bewegteren Geschäftes, in der Saison, — der Telegraph Tag und Nacht beschäftigt und kaum im Stande ist, die zahllosen Depeschen über das Markt-Ergebniß und die Operationen des Handels in alle Himmelsgegenden zu verkünden. Die Hauptmarkttagc sind: Dienstag, Donnerstag und Samstag; am Schluß des Marktes wird die „Allgemeine Hopfen-Zeitung" ausgegeben, welche außer den Resultaten des Marktes, Nachrichten aus allen Hopfcnbau treibenden Ländern, sowie von allen anderen bedeutenden Märkten bringt. Der jährliche Umsatz des Marktes beträgt nach zehnjährigem Durchschnitte 200,000 Ballen; einen ähnlichen Betrag erhalten die Hopfen-Handlungen direkt aus den Productions-Bezirken. Am Nürnberger Markte betheiligcn sich hauptsächlich die Händler von Fürth und Bambcrg, aber auch die ausländischen von Frankfurt, Mainz, Mannheim, Böhmen und Belgien sind zahlreich vertreten, welche großcnthcils in den Gasthöfcn zum „Strauß," zur „goldenen Eiche" und zur „Himmelsleiter" in der Karolinenstraße Wohnung nehmen. Während der Hauptsaison kam es schon oft vor, daß an Einem Tage 2 — 3000 Ballen zu Markte gebracht wurden, und da der Handel sich auf den Straßen bewegt, so wird bei lebhaftem Geschäfts-Verkehre nicht selten die Passage gehemmt, und in den am Markte gelegenen Wein-, und Bicrwirlhschaften des :c. Dörner, Jung Weihmann und Adelmann — das Geschäft zuweilen mit Hilfe eines frischen Glases abgeschlossen. Bei guter Stimmung und Bedarf ist selbst die größte Zufuhr bis Mittags 12 Uhr umgesetzt und etwa eine Stunde später sind fremde und einheimische Käufer und Verkäufer im „Cafe Lotter," wie in einer Hopfen-Börse, zum Cafe versammelt, die Conjuncturen und Situation des Geschäftes zu berathen, überhaupt der Spcculation Rechnung zu tragen. Die Gcschäfrs- Jahre 1867 und 1868 waren für Händler wie für Produzenten keine rentable. Die Uebcrprvduktion verursachte sehr niedrige Preise, denn der Hopfcnbau hat mit der Bier- Fabrikatiou nicht gleichen Schritt gehalten, und dieselbe weit überholt. Die Preise des Nürnberger Hopfenmarktes gestalteten ^ich seit August 1866 wie folgt: 1866. August 64—78 sl., September 85 — 93 fl., Oktober 90—104 fl., November 100—110 fl., Dezember 115 —123 fl. 1867. Januar 119 —131 fl., Februar 111 —120 fl., März 111-120 fl., April 112—110 fl., Mai 110—116 fl., August 110—121 fl., September 64—71 fl., Oktober 47— 59 fl., November 41—51 fl., Dezember 35—45 fl. 1868. Januar 29—47 fl., Februar 28 — 42 fl., März 27-35 fl, April 27—35 fl., Mai 28 — 35 fl., Juni 30 — 40 fl., Juli 50 fl., August 60 — 70 fl., September 30—48 fl., Oktober 2l—35 fl., November 14—24 fl., Dezember 17—26 fl. (Grabschrift.) Auf dem Grabsteine eines amerikanischen Advokaten ist folgende Inschrift zu lesen: „Der Tod folgte nicht dem Beispiele des Advokaten; er machte kurzen Prozeß mit ihm." Druck, Verlag und Redaction des litterarischen Instituts von Dr. M. Huttler. ^1-0. 40. 3. Octbr. 1869. Was wir gebrauchen, baden, macht uns reich — Wir haben das nicht, was w'r nicht gebrauchen. So wären denn die meisten Menschen reich, Wenn sie nicht wünschten, was sie nicht gebrauchen, lind was der nicht besitzet, der es hat. L Scheser- Die Hand. Historische Novelle von Ludwig Habicht. IN. Sie haben mich geleitet, als ich mich fortgemacht, Sie haben krank zum Sterben mich wieder heimgebracht. Ch amis so. Fünfzehn Jahre waren seit den im ersten Kapitel geschilderten Ereignisse» verstrichen. Wir finden den damals noch jungen Mann der Hütte, merklich gealtert, in dem weilen Saale eines Schlosses wieder, in finstern Gedanken auf- und niedergehend. Eine wilde, — geräuschvolle Vergangenheit mußte an seine hcißklopfendc Schläfe gepocht, finstere Leidenschaften verheerend in seiner Brust gehämmert haben, denn das damals so frische, jugendliche Gesicht trug den Stempel frühen Alters. Sein früher kohlschwarzes Haar halte schon einige Silbcrstreifen, die in solchen Jahren nicht auf ein „ausgelebt," sondern „ausgebrannt" sein schließen ließen. Nur seine Gestalt war stärker, kräftiger geworden, die früher etwas zu schmalen Schultern schienen jetzt besser jedem Unglück trotzen zu können, denn sie hatten sich zu voller Maunesweite ausgedehnt. § Und nach all' diesen Veränderungen würde man schwerlich in dem jetzigen Herzog l Boleslaus von Brieg jenen Eindringling der Waldhülte wieder erkannt haben. Nur das j früher schon dunkel aufflammende Auge hatte jetzt etwas noch düsteres, unheilvcrkünden- ! deres, und der entschlossene Zug seines Gesichtes war bis zum Starrsinn verhärtet. Die junge, unglückliche Mutter, die damals sich schmerzlich von ihrem Kinde trennen mußte, war die Tochter des Königs Wenzel von Böhmen, jetzt Boleölaus Weib. Da > sein Vater früh verstorben, war er vom Böhmenkönig an den Hof genommen und dort erzogen worden, denn die Väter hatten schon ihre Kinder in der Wiege mit einander verlobt. Aus dem Brcslaucr Kloster hatte sie die Furcht vor Entdeckung bald hinweg, und zu einer in Sagan rcsidirendcn Tante getrieben, die alt und halb blind, den Zustand > ihres Gastes nicht gewahrte. Ihr Kammermädchen wurde bestochen, die klebrigen bekamen ! das junge Weib nicht zu Gesicht. Endlich aber fühlten sich die Flüchtigen auch dort nicht mehr sicher, und Boleslaus halte die Hütte im Walde aufgesucht, seinen Pagen > aber, wie wir wissen, noch in Sagan zurückgelassen, um etwaige Briefe von seinem Schwiegervater in Empfang zu nehmen, und so gelang cS, sich vor Entdeckung zu schützen ! und ohne den geringsten Argwohn nach Prag zurück zu kommen. Eine Königstochter, eine künftige Herzogin — durfte nicht der Schande allgemeiner Verachtung anheimfallen, dies war Boleslaus treibender Gedanke, und daher seine an Grausamkeit grenzende Härte. 314 Der Page Georg war nach kurzem Herumstreifen in der Welt ganz ruhig wieder zu BolcSlauS gekommen, mit dem Bericht: »der kleine Ludwig sei bald nach ihrer Abreise gestorben." Boleslaus sah ihn streng und durchbohrend an: „Der Knabe ist nicht todt, das lügst du — und wenn cr's wäre, dann trägst du selbst die Schuld und sollst es büßen!" Er streckte die Hand aus, ihn zu züchtigen, da mußte ein anderer Gedanke ihm durch die Stirn fahren, denn er sagte jetzt ruhig: „Georg, das war sehr leichtsinnig; doch, ich will dir verzeihen, unter dem Beding, auch Margareth zu berichten, daß der kleine Ludwig todt, sag' ihr, daß er still und freundlich verschieden." Georg stutzte; in diesem Augenblicke erst fühlte er einen Vorwurf über den Leichtsinn, nnt dem er die arme Margareth so tief und schneidend verwunden wolle, aber es war nicht viel Zeit zu besinnen, hier drohte eine strenge Strafe, dort galt es, nur die Lüge zu wiederholen, und er willigte ein, um freventlich in die Brust der Mutter einen Giftpfeil des Schmerzes zu schießen, tiefer und tödtlicher, als es Beide geahnt. Und was bewog Bolcslans zu diesem Schritt? Er wollte noch ferner für den Kleinen sorgen, aber dem unaufhaltsam fortnagcnden Schmerz der Mutter ein Ende machen — wenn er todt, dann mußte sie über seinen Verlust zur Ruhe kommen, es war ja ein natürliches Unglück, dem sich durch nichts entgegentreten ließ, und dann wollte er dem Drängen seiner künftigen Frau, das er bestimmt erwarten konnte, ihr den Jungen gleich nach der Hochzeit zurückzugeben, vorbeugen. — Jahre mußten erst vorüberrauschen, ehe er diesen Schritt wagen durfte, dieß war sein fester Entschluß und lieber wollte er sie jetzt täuschen, als täglich, stündlich dieß Andrängen um ihr Kind ertragen, dem er doch einschicken nicht stattgeben wollte. Er log sich selbst vor, um so beglückender würde dann für sie die Nachricht sein, daß es noch lebe. — Georg, nicht er, war ja in dem Falle nur der Betrüger. König Wenzel hatte ihre Verbindung erst auf das kommende Jahr festgesetzt — welch' lange Zeit, während Margareth, deren ganze Liebe zu ihrem Kinde von Neuem erwachte, fortwährend ihren Verlobten bat, doch jetzt Alles zu bekennen und Ludwig heimzuholen. Dem mußte, wiewohl auf grausame Weise, ein Ende gemacht werden. Der Schmerz des jungen Weibes war ein herzzcrschncidender, und BolcSlauS bereute bald seine rasche That, ohne aber in sich die Kraft zu finden, seine Schuld und die Wahrheit zu bekennen. Oft fehlt selbst kräftigen Charactcren jener Muth, selbst dann die Wahrheit zu sagen, wenn sie uns die von Andern erworbene Zuneigung und Achtung kostet, und man schleppt lieber die Kette des eigenen verdammenden Bewußtseins mit sich herum, erträgt, wenn auch im Innersten gedemüthigt, unverdiente Wcrthschätzung, als durch ein offenes Bekenntniß allen Schein und Schimmer über den Haufen zu werfen, und mit Entschlossenheit von Neuem die verlorene Achtung wieder zu gewinnen. Der junge Bolcslans hatte ein Jahr nach seiner Flucht den Besitz seines verwaisten Herzogthums angetreten, und seine erste That war, wie wir gelegentlich erfuhren, die Bestrafung der Glogaucr Herzöge — und Wicdererobcrung eines großen Theils der früheren Äesitzthümer. Jetzt wollte er dem Münsterbergcr Herzoge auf den Leib rücken, der auch noch ein früher geraubtes Stück Land im Besitz hatte. Die Pläne waren alle geschmiedet, ihm fehlte nur noch Eines — Geld dazu, denn er hatte das Sparen und Haushalten nie geliebt, und bei Gelagen und Bautet wurden die Einkünfte des, — die Nachwchen dcS Tartarcncinsalles noch spürenden Landes leichtsinnig verschleudert. Gab es gerade keine Fehde, dann begann daheim ein tolles Leben; die Seele des Herzogs mußte sich fortwährend in den Strudel wilder Lust stürzen, um — wie er vermeinte, sich recht „herzoglich" auszutoben. Zwar gab es noch Stunden, in denen in ihm der bessere Mensch zurückkehrte, in denen er sich sogar des tollen Treibens schämte; aber Margareih's tief verletztes Gemüth vermochte dann nicht sogleich den Reuigen 315 freundlich aufzunehmen, und sich zu jener Entschlossenheit aufzuraffen, die zur glückliche» Stunde das Verlorne Herz wieder erobert. Sie weinte in solchen Momenten still vor sich hin, und fühlte in diesem flüchtigen „zu ihr Zurückkehren" erst recht das Herbe ihres Verlustes. Ein erfreutes, glückliches Gefühl würde ihn gefesselt, die halb erstorbenen Gefühle der Zuneigung von Neuem belebt haben, diese weichlichen Thränen, dieser verschlossen stumme Schmerz scheuchten ihn aber schnell zurück und jagten ihn zu neuen, noch wilderen Zerstreuungen. Er konnte nicht ahnen, welch' wunderbare Veränderung sein liebend Wiederkommen in ihr hervorbrachte. Der Sonne warmer Strahl durchzittcrt den dichten Nebelschleier, und drückt die düsteren Wolken nieder — einzelne Tropfen suchen den Weg zur Erde, man zürnt ihnen nicht — nur der heftige, aufbrausende Charakter des Herzogs wollte sogleich eine wolkenfreie Stirn, ein klares Auge, auf daß ihn nichts empfindlich an sein schweres Unrecht gcmahue. In diesen Thränen lag kein Vorwarf, es waren nur die Vorboten eines hellen Tages. Margarcth hatte ihrem Gatten noch einen Sohn geboren, der zu Ehren des Großvaters auf den Namen Wenzel getauft, ganz nach dem Vater geartet, ein kecker, derber Zunge geworden, und mit seinen wilden Streichen die besorgte Mutter gar oft ängstigte. Die Phantasie führte ihr darum das Bild des verlorenen Ludwig nur um so sanfter und freundlicher vor die Seele, in ihm würde sie gewiß verwandtere Saiten gefunden haben, doch er war todt und ihr anschlußbedürftiges Gemüth cvnccntrirte jetzt die ganze Liebe auf den noch Lebenden der, obwohl wild und aufbrausend, sich dennoch zärtlich an seine Mutter anschmiegte, und wenn er sie weinen sah, tröstend zu ihr mit kindlicher Zuversicht sagte: „Weine nur nicht, lieb' Mutter, wenn ich werde groß sein, dann treib' ich Alle fort, die dich geärgert haben!" Und diese Thränen waren immer reichlicher und heftiger geflossen, als eine Fremde sich als Gast und dann als Geliebte in das Herz von Boleslaus Hingeschlichen und ihn völlig zu beherrschen gelernt. Es war eine Herzogin aus Croaticn, die ihr unruhiger, rastloser Geist aus ihrem Vatcrlande getrieben, und die in BreSlau bei ihrer Durchreise mit Boleslaus zusammengetroffen war. Die königliche Figur, das brennende, dunkle Auge, der Stolz und die Hoheit in ihrem ganzen Wesen imponirten ihm: daö war eine Erscheinung — willenSkrästig, stark und entschieden, die jedem Sturm zu trotzen wagte, und so liebte es Boleslaus. Wo ihm eine entschiedene Persönlichkeit durch schroffes, rücksichtsloses Auftreten Achtung abzwang, da gab er im Behagen über solch' keckes Wesen mehr nach, als es sonst seiner trotzigen Natur gemäß, während er gegen Diejenigen, die weich und hilflos sich fortwährend unter seinen Willen beugten, immer tyrannischer und härter wurde. Gegen eine so glänzend üppige Erscheinung mußte in Boleslau's Augen die blaffe, aus weicheren Stoffen geschaffene Margarcth bald in den tiefsten Schatten treten, und was zuerst Wohlgefallen an dieser kräftigen Frauengcstalt, das loderte bald in heftiger Leidenschaft auf, die von dem verschlagenen, hcrrschsüchtigen Frauenzimmer durch Zurückhaltung noch gesteigert wurde. Je offener und stärker sich BoleSlauS Liebe zeigte, — je größer mußte die Kluft zwischen ihm und Margarcth werden, die den Verlust des noch immer geliebten Mannes nicht verschmerzen konnte, und einsam weinend aus ihrem Zimmer saß, während er im großen Saale mit der Croalin bankcttirtc, und der lustige Gesang, die Lcbehoch's für den schönen Gast bis zu ihr hinüberschaütcn. Die Croatin übte eine unumschränkte Gewalt auf den Herzog aus. Er, der mit eiserner Despotie jeden fremden Willen eingeschüchtert und überall den Tyrannen gespielt, war ihr gegenüber ein willenloses Geschöpf, das, um einen einzigen, freundlichen Blick aus ihren feurigen Augen Alles hinzugeben im Stande war. 316 Seine Frau wurde ihm immer gleichgültiger, — je tiefer er sich in die Netze dr» schlauen Weibes verstrickt, bis er zuletzt mit dem Gedanken vertraut wurde, sich Marga- rcths völlig zu entledigen. Die Croatin war reich, sehr reich, ein gewichtiger Grund mehr, sie und ihr Vermögen zu erobern, aber, um zu diesem Ziele zu gelangen, mußte eine Trennung von Margareth stattfinden, dies hatte ihm der unheimliche Gast längst zu verstehen gegeben; doch, so oft und vielfach er mit diesem Gedanken sich herumgeschleppt, einer gewissen Scheu konnte er sich nicht erwehren, Margareth — diesem unglücklichen Geschöpf, einen solch' tödtlichcn Dolchstoß zu versetzen. Jetzt beschäftigte ihn der Plan eines Feldzuges gegen den Münsterbcrger, und mit dem dringenden Bedürfniß nach Geld tauchte auch dieser oft zurückgedrängte Gedanke von Neuem auf — und stärker denn je. „Es muß sein," sagte er sich, — und damit waren die Würfel gefallen. Er begriff eigentlich diese Margareth nicht, die so ruhig-schweigend seinem verbrecherischen Treiben zusehen konnte. Wie gern Hütte er gesehen, wenn sie ihm selbst den Handschuh hingeworfen und „Valet" gesagt. Um sie aufzustacheln und zu einem Bruche zu bewegen, hatte er sein Wesen mit der Croatin desto offener und freier getrieben, und sogar zugelassen, daß die Letztere im frechen Ucbermuth, selbst au Margareth — ihre Despvtenlaune ausgeübt, und da er die Triebfeder nicht finden konnte, die ihr ruhig fließend Blut in Wallung zu bringen vermöchte, so verachtete er sie wegen einer Schwäche, die Alles duldete und Alles litt. Vielleicht würde sie seine Liebe wieder gewonnen haben, wenn sie den Kampf mit dem schönen Gaste aufgenommen und diesen mit Entschlossenheit auS dem Felde geschlagen hätte. Wir sagen: „vielleicht?" Bolcslaus sollte bald erfahren, daß sie dennoch so schwach und elend nicht war, als er geglaubt, und daß mehr verletzter Stolz als Schwäche sie abgehalten, mit der Croatin in die Schranken zu treten. Denn oft ist es die Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des Feindes, die uns hindert, einen frechen Angriff abzuwehren, und wir schweigen lieber, als uns im Kampfe mit Gcsindel zu beschmutzen. Während oben BoleslauS noch brütend und gedankenvoll in seinem Zimmer auf- und abging, spielte der kleine Wenzel unten auf dem Schloßplatz Ball. Die Croatin ruhte nachlässig im Neitanzuge in der Nähe des Knaben auf einer Bank, und erwartete den Herzog, um mit ihm auf die Jagd zu reiten. Ein grünes Sammtkleid umschloß ihre hohe Gestalt, schwarze Locken umwallten das scharfe, ausdrucksvolle Gesicht, in den Augen blitzte es oft nach Falkenart unheimlich — bcutelüstern auf, um dann wieder eine gedankenlose Leere, ein gelangweiltes Nichts zu zeigen. Sie spielte ungeduldig mit der Reitpeitsche, während ihr Hut mit den wogenden Federn am Boden lag und ihr kleines Füßchen ihn bald vor-, bald rückwärts schob. Die Ungeduld steigerte sich, denn wirklich war BolcSlaus so sehr in seinem Hin- brütcn gefangen, daß er zum ersten Mal die Croatin warten ließ. Der Knabe schien sich wenig um die Croatin zu kümmern, und blickte nur lächelnd zu seiner Mutter hinauf, die von einer Fensternische des Schlosses ihm zusah, und wenn er den Ball recht weit geworfen, Beifall zunickte. Da auf einmal nahm der eine Wurf des Jungen eine unglückliche Richtung, der Ball flog gerade der dort ruhenden Croatin in's Auge. Sie sprang wie eine verwundete Tigerin wüthend auf, und rief den Jungen zu sich heran, der ohne Zögern entschlossen auf sie zuging. „Warte, Bestie, ich will dich werfen lehren;" rief sie aus, und schwang über ihm drohend die Peitsche. „Schlage mich nicht, ich hab'S nicht gern gethan," vertheidigte sich der Junge. 317 „Ich habe wohl gesehen, wie oft du hierher warfst, mich zu treffen, du nichtsnutzige Range/' und sie schwang von Neuem die Peitsche. „Du darfst mich nicht schlagen, du böses, gemeines Weib, du bist schuld, daß die Mutter alle Tage weint, denn du bist schlecht und willst sie nur in's Grab ärgern," — erwiderte trotzig der Junge. Die Augen der Croatin funkelten vor Wuth, — denn obwohl nur ein Knabe ihr gegenüberstand, fühlte sie sich doch von den so treffenden Worten auf's Tiesste verletzt, und im höchsten Zorn siel die Peitsche auf Wcnzet'S Rücken. 'Sie hob zu einem zweiten Schlag die Penschc, — da stand ihr schon Margareth gegenüber, und griff ihr mit einer heftigen Gebcrde in den Arm. Das war nicht mehr die sanfte, Alles über sich ergehen lassende Frau, das war eine ganz andere, höhere, wüthigere, das war eine ihr Kind vertheidigende Mutter, die ihr gegenüber stand. „Wie kannst du, freche Dirne, es wagen, mein Kind zu züchtigen!" donnerte sie der Croatin zu, die — von der ungewöhnlichen Erscheinung verblüfft, vergeblich all' ihre Keckheit aufraffen wollte, und wie ein Schulkind sich entschuldigend bemerkte: „Er hat mich mit dem Ball geworfen!" „Und das gibt dir ein Recht, ihn zu schlagen? Hinaus mit dir. Elende, die du den Frieden meines Hauses vergiftet und nur tausendfache Qualen über mich gebracht!" Die schwache Frau schien die große Fremde weit zu überragen, und in dem vollen, siegenden Bewußtsein ihres guten Rechts in den Staub zu drücken. So groß ist die Macht des Geistes, die in wichtigen Augenblicken selbst über die größte, zügelloseste Masse, wie über den einzelnen, noch so Ungeberdigcn herrscht, wenn sie im Feuereifer all' ihre Kräfte auf einen Punkt concentrirt. Ihr Auge ruhte mir so stolzer Verachtung auf ihrer Gegnerin, ihre Hand wies sie so zwingend und drohend hinweg, daß sie dem geistigen Uebcrgcwicht Margareths gewichen wäre, wenn nicht ein Blick auf die in der Nähe herumstehenden, dem Schauspiel beifällig zusehenden Hoflcute ihren zu Boden gedrückten Stolz und damit die alte Entschlossenheit geweckt hätte. Jetzt mußte sich entscheiden, wer Sieger blieb, das fühle sie, und mit den hastig hcrvorgcstürzten Worten: „Du triumphirst zu früh," stürmte sie in's Schloß. Aber auch Margareth ahnte, daß die Entscheidungsstunde geschlagen, daß ein Fort- leiden und Fortdnldcn nicht mehr am Platze, daß eine von ihnen das Feld räumen müsse, und sie wollte wenigstens in dieser gewichtigen Stunde der Croatin keinen höhern Einfluß auf ihren Mann gönnen, und eilte ihr nach. Die Croatin hatte BoleslauS in der Rüstkammer zu finden gehofft, so daß Margareth, die genau wußte, wo er sich befand, sogar der Croatin zuvor kommen konnte. BoleslauS blickte erstaunt auf — sein Weib hier — und in diesem aufgeregten Zustande zu sehen. Sie eilte liebevoll, wenn auch hastig, auf ihn zu und sagte: „BoleslauS, schütze mich vor diesem Weibe, die sich erfrecht, unser Kind zu schlagen! Jage sie hinweg oder ich — dein Weib, muß fort." Noch konnte sich der Angeredete in das fremde Benehmen Margarcth'S nicht finden, da trat schon die Croatin herein. Hier fühlte sie wieder festen Boden unter den Füßen, und stolz und hochfahrend, wie sie damit bei BoleslauS Alles erzielt, schritt sie auf ihn zu: „Ich komme, dir Lebewohl zu sagen, BolcSkaus!" begann sie mit halb wehmüthig einschmeichelnder, halb zürnender Stimme. Ich war in deinem Hause ein Gast und dein Weib hat sich erkühnt, mich zu beschimpfen und wie eine elende Dirne zu behandeln. — Ich muß Augenblicks von hier hinweg, aber ich werde seiner Zeit Rechenschaft fordern für diese Schmach." „Ich weiß ja gar nicht, was eS gibt," entgcgncte BoleslauS verlegen, der jetzt das 318 Gewitter heraufziehen sah, und doch vor dessen Entscheidung bangte. „Erklärt mir doch dies unglückselige Ereign iß." „Es gibt nichts zu erklären, Boleslaus!" entgegnete Margareth, „nur z« wählen. Wir Beide dürfen nicht mehr unter einem Dache wohnen. Willst du die Buhlerin behalten, dann muß ich gehen!" „Weib! mäßige dich," entgegnete Boleslaus heftig, „ehrst du das Gastrccht so wenig, dann steht es schlimm mit uns!" „Ja, wohl steht es schlimm mit unS," bemerkte Margareth mit einem so klagend schmerzlichen Tone, daß er hätte tief in sein Herz dringen müssen, wenn dies nicht bereits allzusehr verblendet und befangen gewesen wäre. „Ich fühle, daß du das Gastrccht nur zu hoch ehrst, wär' Alles, wie es sein sollte, dann stände ich jetzt nicht hier, dann hätte die Elende nie gewagt, mein Kind zu schlagen, dann würdest du ihr nicht ein freundlich Ohr leihen und dein Weib so tief verletzen!" „Du hörst sie von Neuem lästern," — bemerkte die Croatin, „und so hat sie eS unten vor den Leuten gethan; das ist ein zu schmählicher Schimpf, — den ertrage ich nimmer: Ich will gehen, daß du Frieden erhältst mit deinem kleinen, hübschen Weibchen, die dich so artig unter dem Pantoffel hält. Leb' wohl, Boleslaus — sei herzlich für alles Gute bedankt!" Und ihm wie zum Abschied die Hand reichend, ging sie zur Thür. Das schlaue Weib kannte ihre Macht, daß sie es nun bis zum Aeußersten treiben müsse, um das Feld zu behaupten. Sie zeigte eine Entschlossenheit in ihrem Wesen, die Boleslaus keinen Augenblick zweifeln ließ, daß es ihr mit der Abreise Ernst sei. Und das konnte, — das durfte er nicht zulassen. Er hatte, abgesehen von seiner Leidenschaft für die Croatin, jetzt eben bis zur Ueberzeugung gefunden, daß er ganz nothwendig Geld brauche, und ihm hätte es Vermcssenhcit gedünkt, sich jetzt die Croatin entgehen zu lassen, die zur einzigen, ergiebigen Quelle für ihn werden konnte. — Ob früh, ob spät, der Bruch mußte geschehen! — und nach kurzem Zögern, als sie an der Thür zum letzten Mal zurückblickte, stürzte er auf sie zu — und hielt sie eifrig und freundlich zurück. (Fortsetzung folgt.) In der Industrie-Ausstellung. Welch zaubervoller Anblick, Welch feenhafte Pracht! Jst's Wahrheit, oder Märchen Aus „tausend eine Nacht?" So fragt' ich, als die Schwelle Des Tempels ich betrat, Und sah in tausend Formen Des Geistes stolze That. Wie die geschäfl'ge Biene Von Blum' zu Blume stiegt, Und süßen Honig naschend. Auf gold'nem Kelch sich wiegt; So flog ich in den Hallen Des Nicscndoms umher; Und als ich sollte scheiden, Wie fiel mir das so schwer! Doch sieh mit einem Male War alle Lust dahin; Was war's doch, was so plötzlich Verändert meinen Sinn? Es waren — Särge, mitten Im Tempel ausgestellt. Auf daß sie mächtig rufen: „O eitle Pracht der Welt!" Wie eine Todtenstätte Hat mich der Ort gcdäucht; Ich wollte nichts mehr sehen, Das Scheiden war so leicht! Vsl. llieckkl. 319 Religion «n- Poesie. In unsern Tagen findet — ein Gedicht freilich nur schwer Freunde und Hörer; Geld und Politik absorbircn fast alle freien und unfreien Stunden der Meisten. Weil indeßcn doch auch noch Freunde der Dichtkunst gefunden werden, so mag eS gegönnt fein, denselben zu konstatiren, daß sie in k. Gall Morels „Gedichten* (Einficdcln, bei Bcnziger, 2. Bdchcn.) mehr als Gewöhnliches, nämlich erhabene und erhebende Gedanken in korrekter, edler Form und Haltung finden werden. Viele dieser Gedichte behandeln religiöse Begebenheiten und Lehren, andere sind Naturbetrachtungen, oder Sinngedichte: auch Grabschriftcn u. a. gewiß lescnswcrthe Grabes-Poesien auf theuere und werthe Personen sind hier enthalten. * (Eine Audienz beim Papst.) Der katholische Bischofvon Bombay, Meu- rin, hatte jüngst die Ehre, außer vom König mtd der Königen von Preußen, auch vom Papst empfangen zu werden, welch' letztere Audienz er in folgender interessanten Weise beschreibt: „Am 28. Juni ll'/r Uhr Morgens empfing mich der heilige Vater im Vatikan. Ich kann die Gefühle nicht schildern, welche ich in seiner ehrwürdigen Gegenwart empfand. Da er vor seinem Schreibpulte saß, wurde ich daran verhindert, den Pantoffel zu küssen, aber er reichte mir seine Hand, die ich — ich konnte mir nicht helfen —> so herzlich drückte und küßte, daß er es noch lange nachher gefühlt haben muß. Ich nahm auf sein Geheiß ihm gegenüber Platz und unterhielt mich mit ihm wohl über 20 Minuten. Dann überreichte ich ihm den Peterspfcnnig (2,400 Rupien) in Gold, welchen er auf den Tisch legte. Ehe ich mich verabschiedete, zog ich ein schönes polychromisches Bildniß der heiligen Jungfrau hervor, und überreichte es dem Papst mit den Worten, daß meine Gemeinde zu Bombay seinen Segen sich schriftlich erbäte. Hierauf ergriff er seine Feder und schrieb unter das Bildniß: vous deneckieat populum Lonckm^onsem, et lidoret eum üb omni malo, ot ckvckuout 6uin in somilss zusliti-ie, ckliritutis olikkiientjgo eijslam 8. 86m junii 1869. ?iu5 ?. ?. IX. — Das Gemäl- wird eingerahmt und in der Kathedrale in perpelinim roi mnmnriain aufgehangen tv erden. Nachdem ich Sr. Heiligkeit in den herzlichsten Worten meinen Dank ausgesprochen, entfernte ich mich.* * (Dominospieler unterm Wasser.) Eine der interessantesten Abtheilungen der letzten Pariser Welt-Ausstellung war die sogenannte Burg, welche, zwischen der Jena-Brücke und der Brücke deS Jnvalidcn-Hotels am Ufer der Seine gelegen, alle auf den Sccdienst und die Flußschifffahrt bezüglichen Gegenstände umfaßte. Da die Taucher namentlich die Aufgabe haben Werthgcgcnstände, die auf gestrandeten Schiffen sich befanden, aus der Tiefe des Wassers hervorzuholen, so wurden auch die zur Ausstellung gebrachten Taucher-Apparate jener Abtheilung zugewiesen. Ein Vergleich derselben mit den einstigen Taucherglocken weist darauf hin, daß die Technik auch auf diesem Gebiete einen gewaltigen Schritt nach vorwärts machte, obwohl das Princip, dem unter dem Wasserspiegel beschäftigten Arbeiter die zur Erhaltung seines Lebens nöthige Lust zuzuführen, dasselbe geblieben ist. Die schwerfällige Taucherglocke siel aber weg und während die minder empfindlichen Theile des Tauchers durch einen Kautschuk-Anzug lediglich gegen den Andrang des Wassers geschützt sind, ist der Kopf des Taucbcrs von einem Apparate umschlossen, bei dessen Herstellung der. Maschinenschlosser, der Metalldreher, der Glaser, der Riemer, der Handschuhmacher und Seiler in gleicher Weise mitwirken. Derselbe bildet eine Maske, welche an ihrem oberen Theile am Kopfe des Tauchers festsitzt und demselben erlaubt, mittelst der an dem Helme angebrachten Fenster nach allen Richtungen umherzuspühcn. Gegen den Mund zu erweitern sich dieselben derart, daß der Taucher die in der Maske vorhandene unverdorbene Luft aufathmen kann, während er die von 320 der Lunge ausgcstoßenc Luft durch ein Ventil in das Wasser hinausbläst. Selbstver- stündlich wird die gute Luft fortwährend erneuert, da eine auf dem Schiffe befindliche Luftpumpe, welche mit dem Taucher durch einen wasserdichten Schlauch in Verbindung steht, dem Apparate fortwährend frische Luft zuführt. Die mit solchen Apparaten versehenen Taucher der Pariser Ausstellung hielten sich stundenlang unter dem Wasserspiegel auf, und das Publikum konnte mittelst eines bis auf den Grund der Seine hinabrcichen- den wasserdichten Baues bis zu ihnen hinabsteigen, alle ihre Bewegungen beobachten und zu seinem Erstauen bemerken, wie diese modernen Flnßgölter, in der Tiefe dcS Wassers in bequemen Lchnstühlcn sitzend, auf einem kleinen Tischchen ihre Partie Domino spielten. ^ (Jeder sein eigener Leuchter.) Ivctot, von Böranger im „König von ?)vetot" besungen, wird bald auf eine reellere Weise als durch die Dichtung unsterblich gemacht werden. Ein dortiger Hutmachar hat nämlich unser an Erfindungen so reiches Jahrhundert um eine neue bereichert. Er hat einen Leuchthut erfunden, mit welchem er in getreuer Nachahmung des Berangcr'schen Königs, der blos mit einer baumwollenen Nachtmütze gekrönt ist, seinen Kunden das Haupt bedecken wird. Dieser Leuchthut ist zur Aufnahme einer Laterne eingerichtet und macht es einem Jeden möglich, selbst in dunkelster Mitternacht sein eigener und fremder Leute freundlicher Leitstern zu sein. Natürlich findet die Erfindung sofort universelle Anerkennung, Jedermann wird Latcrncnträgcr und — man bedenke nur, welche Summen Geldes jährlich allein Herr Hausmann in Paris an Straßen-Beleuchtung ersparen und dem General Leboeuf zur Fabrikation neuer ChassePotS zur Verfügung stellen kann! Ohne Frage, der Hutmacher von Hmtot ^ Wohlthäter der Menschheit und man würde ihm sofort ein Denkmal errichten, wenn auch nur, um ihn schon bei Lebzeiten in Stein gehauen zu sehen, wenn nicht jede Nacht sein lebensvolles Denkmal wäre. Unsere Straßen und Plätze werden bei Nacht wie frisches Gehölz in Sommernächten aussehen, in welchem sich eine Masse Johanniskäfer und Irrlichter Rendezvous geben, und diese fortdauernde Illumination wird so allgemein werden, daß in künftigen Zeiten, wenn zu Ehren eines hohen Gastes illuminirt werden soll, man tiefe Dunkelheit vorschreiben wird, auf daß Jedermann sein eigenes Licht sein müsse. — Unbestreitbar gehen wir erleuchteten Zeiten entgegen. Auf einer alten Tafel im Dom zu Lübek steht geschrieben: Ihr nennet mich Meister — und fraget mich nicht, Ihr nennet mich Licht — und sehet mich nicht, Ihr nennet mich Weg — und gehet mich nicht, Ihr nennet mich Leben — und begehret mich nicht, Ihr heißet mich weise — und folget mir nicht, Ihr heißet mich schön -- und liebet mich nicht, Ihr heißet mich reich — und bittet mich nicht, Ihr heißet mich ewig — und suchet mich nicht, Ihr heißet mich barmherzig — und trauet mir nicht, Ihr heißet mich edel — und dienet mir nicht, Ihr nennet mich allmächtig — und ehret mich nicht, Ihr nennet mich gerecht — und fürchtet mich nicht. Werd' ich Euch verdammen — verdenkt mir's nicht. Vater: Karl, warum hast du nicht geweint, wie man deine Großmutter begrabe» hat? — Sohn: Guck, Vater, ich habe allewcil druckt, aber — ich kann nicht greinen, außer ich krieg' Prügel. Druck. Vorlag und Redaction des Literarischcn Instituts von Dr. M. Huttler. Nro. 41. 10. Octbr. 1869. Angsbnrgev Den lohnt des Himmels Friede, der sein Schwert Nur in gerechtem, frommen Kriege zieht. Shakespeare, König Johann, Akt 1., Scene 1. Die Hand Historisckc Novelle von Ludwig Habiekt. (Fortsetzung.) , „Du darfst nicht so von uns scheiden," sagte er zärtlich, „ich will nicht, daß du mein Haus als unwirthbar anklagst, bleibe hier und Alles wird sich wieder aussöhnen!" „Nichts wird sich aussöhnen!" entgegnen die einmal aus ihrer Lethargie aufgerüttelte Margarcth, „wir sind am Ende! Du hast gewählt, nun denn, so muß ich gehen, und nach solcher Erfahrung gehe ich gern." Und ehe noch Bolcstaus Zeit zu einer Antwort finden konnte, war sie verschwunden. Die beiden Zurückgebliebenen sahen sich einander erstaunt an. Bolcslaus war bestürzt und erschüttert. Diese Entschlossenheit hätte ihm in früherer Zeit imponirt, heute aber war es bereits zu spät. Der Croatin höhnisches Gelächter, ihre Liebkosungen erstickten bald die sich regenden Gewissensbisse und Neuegedanken. Solche Naturen, ivie die Margareth's, lassen bis zu einem gewissen Punkt Alles über sich ergehe», wenn aber ihre Widerstandskraft aufgestachelt wird, führen sie ohne Schwanken, ohne das mindeste Zögern, mit einer Strenge und Entschlossenheit, die einmal erfaßten Gedanken aus, die uns bei den sonst so schüchternen, rücksichtsvollen Charakteren in Erstaunen setzt. Noch ehe Bvleslaus an die Tiefe des Bruches geglaubt, hatte Margarcth schon ihre Befehle zur Abreise gegeben und in wenigen Stunden war Alles gepackt. Was hatte sie denn viel mitzunehmen? An Sachen und Kostbarkeiten wenig — nur ihren großen, fürchterlich nagenden Schmerz trug sie mit hinweg, der schwer wog und schwerer drückte, als Alles Ucbrige. Boleslaus saß noch, das Jüngsterlebte sowie die vorgenommene Jagd vergessend, an der Seite der Croatin, da ritt schon Margarcth, von ihrem Sohne und einem kleinen Gefolge begleitet, zum Thore hinaus. Er blickte erschrocken ausi den kleinen Zug, das kam ihm doch zu plötzlich, überraschend, und sich den Liebkosungen der Croatin entwindend, die ihn vergeblich zurückzuhalten suchte, stürzte er hinunter und auf die Abreisenden zu, die noch am Thore durch den kleinen Wenzel aufgehalten worden waren, der durchaus sein Pscrdchen allein führen gewollt, und jeden Beistand hartnäckig zurückgewiesen. „Du gehst, Margarcth?" rief BoleslauS weich und mitd, und das ganze Unrecht seines Thuns schien er in diesen halb vorwurfsvollen, halb herzlichen Worten bekennen zu wollen. Sie sah ihn ruhig und gelassen an, als habe sie ihn nie gekannt, gab ihm keine Antwort und rief dann ihrem Gefolge zu: „Nur fort!" „So gehe!" — rief Boleslaus, von dieser kalten Ruhe erbittert, — „aber der Wenzel bleibt hier! " Bei diesen Worten wandte sie ihr Pferd um, richtete sich hoch auf, ein Flammen- 322 blick zuckte aus ihren Augen, sie war wieder ganz die Löwin, die ihr Junges schützt, und mit schneidender Stimme schlenderte sie ihm die Worte zu: „Wage nicht, mir mein zweites Kind von der Brust zu reißen." Es lag so viel Bitteres, — so viel drohend Jmponircndcs in ihren Worten, daß Boleslaus im Bewußtsein seiner Schuld niedergeschmettert schwieg, und ehe er ganz wieder „er selbst" wurde, war Margareth mit ihrem Gefolge schon seinen Augen entschwunden. Betäubt und niedergedrückt ging er zurück, verschloß sich für heute, — finster und menschenfeindlich, in seinem Zimmer, und ließ selbst die dringend klopfende „Croatin" nicht herein. Eine Falle der Croatin fürchtend, wich Margareth bald von dem gewöhnlichen Wege nach Böhmen ab und suchte durch Niederschlcsicn nach Prag zu kommen. Da, so nahe dem Schauplätze früherer, tiefer Schmerzen, stieg die Erinnerung an ihr geliebtes Kind lebendig in ihrer Seele auf. Sie wollte die alte Hütte wiedersehen, noch einmal etwas vor? ihrem Ludwig hören, und wie der kleine Engel von dieser Welt geschieden. Sie schlug dorthin den Weg ein; der Platz war nach einigem Forschen gefunden, und um ungestört zu sein, betrat sie, ihren Sohn der Obhut eines alten, treuen Dieners überlassend, allein die Hütte, die noch heute so morsch und zerfallen wie damals, gerade in ihrer Gebrechlichkeit dem Sturm der Zeit getrotzt zu haben schien. Auch drinnen in der Wohnung hatte sich nichts verändert. Vielleicht stand das ärmliche Hausgcräth nur bunter übereinander, als ob die Hütte schon seit Wochen nicht mehr bewohnt gewesen wäre. Ein schwaches Stöhnen aus der an die Stube anstoßenden Kammer lenkte ihre Aufmerksamkeit dorthin und sie trat ein. Da lag die Alte, bleich und elend auf ihrem Strohlager, halb besinnungslos nnd schon mit dem Tode kämpfcnd. Sie trat dicht an das Bett der Alten, beugte sich über sie hinweg und frug sie mit zitternder Stimme: „Kennst du mich noch?" Die Alte richtete das ausgebrannte trockene Auge auf Margareth, schrack zusammen und erst nach einer langen Weile, wie sich besinnend, erwiderte sie: „Ah, die Königstochter!" „Woher weißt du das? frug diese erstaunt. „O Kleine, so heimlich du auch thatest, mir entging es nicht. Kommst du nach deinem Kinde?" frug sie dann lauernd, „hi, hi, das würde Geld kosten." „Ich weiß ja, daß es todt," erwiderte Margareth mit tonloser, von der Erinnerung des Schmerzes überwältigtet- Stimme, „aber erzähle nur, wie der kleine Ludwig gestorben, doch rasch, rasch, ehe du mit ihm sein Schicksal theilst." „Ja so, ganz recht, er ist gestorben," sagte die Alte, als müsse sie an dem hingeworfenen Faden erst selbst die vergessene Vergangenheit aufsuchen, plötzlich durchkreuzte ein neuer Gedanke ihr dumpfes Hirn. Sie konnte ja für die Nachricht, daß der Kleine noch lebt, von der zärtlichen Mutter Geld erpressen. In ihren Augen funkelte es noch einmal unheimlich auf und sie keuchzte heraus: „Wenn nun das Kind noch lebte?" Ein Schauder überrieselte Margareth. Wir können ohnehin nicht an den Tod dessen glauben, den wir nicht sterben gesehen, und darum brauste es wunderbar beglückend durch ihre Brust, sie mußte diesen Worten glauben und doch, dieser Trug von Boleslaus, das wäre zu grausam, zu fürchterlich gewesen — sie frug, um sich zu vergewissern: „Lügst du nicht? O, spotte nicht meinem Schmerz, — zeige mir nicht trügerisch einen Himmel, um ihn sogleich zu vernichten. Wage es nicht, du solltest schrecklich büßen, mit mir dein Spiel getrieben zu haben," fügte sie drohend hinzu. 323 „Nein, ich schwöre dir, Ludwig lebt!" „Weib! bist du toll? sag' mir, wo du ihn hast, ich will ihn suchen, und müßte ich die ganze Welt durchwandern." „Aber ich bin arm, du läßt mich hier verschmachten, während ich dich glücklich gemacht," seufzte die Alte kläglich. „Du sollst Alles haben, reich werden, wie du dir's nie hast träumen lassen, überrede — rede! wo ist mein Kind?" rief ängstlich und hastig die Mutter. „Reich werden," krächzte die Alte langsam nach, sie wollte weiter sprechen, aber ein Krampfanfall erstickte ihre Stimme und regungslos lag sie eine Weile dort, mit dem Tode ringend. „Sage wo? — wo ist mein Ludwig?" rief die Unglückliche in Verzweiflung und suchte die sterbende Alte zur Besinnung aufzurütteln, die wirklich noch einmal die grauen > Augen aufschlug und kaum verständlich keuchte. „Also hundert Dukaten erhalt' ich, ist's nicht so? Nein — zweihundert Dukaten, welch' schöne Summe." „Aber sprich nur, sprich, du sollst ja Alles erhalten!" drängte Margaret!), die schon die vernichtende Sense des finstern Todes über der Alten schwingen sah. Sie wollte sich aufraffen, doch vergebens; immer unsicherer, schlaffer wurden die Bewegungen der Sterbenden, ihre Zunge schien gelähmt, die Finger tasteten au der zerrissenen Decke herum, die Augen begannen sich zu verschleiern — es mußte schnell Nacht werden, und mir auf den schrillen Angsiruf Margarethe: „Du sollst - du darfst nicht sterben!" schien daS Lcbenslämpchcu noch einmal aufflackern zu wollen, aber bereits war ihr Denken zerrissen, unzusammenhängend, und vorn Arm des Todes umschnürt, murmelte sie in kurzen Absätzen: „Ja warte — es war Freitags — Donnerstag — nein, richtig — eines Freitags, da nahm ich den Jungen — er schlief so gut, was die für Augen gemacht haben — hi, hi" — „Aber wohin? — unseliges Weib, wohin schlepptest du meinen armen Ludwig, ich lasse dich nicht sterben, — wo ist mein Sohn?" Zu spät. Die Alte keuchte verworren hervor: „Gute Leute das -- im Wagen;" ihre Rede wurde völlig unverständig, ein heiseres, „hi — hi" — blieb noch halb auf den Lippen und die Alte — war todt. „Todt — todt! mit meinem Sohne todt!" rief Margareth so schneidend klagend, daß es unheimlich durch daö Zimmer zitterte, „o, das ist mehr wie teuflisch, aber es taucht mir ein Lichtschimmer auf, ich soll meinen Sohn wiederfinden, wenn auch dieses tückische Weib mit dem Geheimniß auf den Lippen stirbt!" Der Schlag war zu hart für ihre ohnehin von den mannigfachen Qualen zermarterte Brust. Ein Blitzstrahl schien vernichtend auf sie niedcrzuzucken, und sie sank an dem Todteubettc der Alten bewußtlos zusammen. Als der kleine Wenzel, durch ihr langes Ausbleiben unruhig gemacht, — mit den Dienstleutcn hcreintrat, erwachte sie endlich aus ihrer Ohnmacht, richtete sich halb in die Höhe, und schlug ein Helles, erschütterndes Lachen auf: „Du lügst, Alte! sagtest du nicht, du wärest — ha, ha — ich glaube Niemand mehr, Boleslaus ließ auch meinen Ludwig sterben und er lebt! Alles — Alles — ist eine Lüge! Wie sie so stumm da liegt," — fuhr sie zum starren Schrecken der Umstehenden fort: „Lache nicht so tückisch — horst du das Gold, wie es klingt? — mein Sohn — mein Sohn — ich komme, ich rette dich. Ha, du willst ihn auf den Wagen legen; nein, nein, ich lasse dich nicht — ich vernichte dich — denn ich bin eine Mutter!" und sie stürzte auf die Leiche zu. Ihre Begleitung hielt sie mit Gewalt zurück, — man versuchte sie aus's Pferd zu 324 bringen, sie seufzte nur schwer auf. Ihr WuthauSbruch hatte sich gelegt, aber die Nacht des Wahnsinns breitete sich doch düster schaltend um ihre Stirn. Der kleine Wenzel stand jetzt plötzlich rath- und hilflos allein. lV. Daran ist schuld dein süßer Kuß, Der schnelle, zündende Funken, Daran ist schuld dein süßer Kuß, Den ich hinabgetrunken. M o s e u. Es war ein lustiges Treiben vor dem Schlöffe des Briegcr Herzogs. Knappen putzten die Waffen, Reisige zogen heran mit bunten Fähnlein, und die guten Bürger selbst Probten auf einem nahen Schießstande ihre Armbrust. Allem Anschein nach sollte ein neuer Strcifzug dcS kampflustigen BoleslauS beginnen, der jetzt bald hier, bald dorthin eilte, um zu ordnen, zu schlichten und Alle» in das gehörige Geleis zu bringen. Drei Jahre waren vergangen, seitdem Bolcslaus von der Erkrankung Margareth's berichtet worden, und er hätte sogleich seine Ehe durch den Bischof trennen lassen, um bald nachher zu einer Verheirathung mit der Croatin zu schreiten. später noch kam ihm das Gerücht, Margareth sei todt, daS im ganzen Lande verbreitet, vielleicht von dem Glogauer geflissentlich ausgestreut worden war, um die Unglückliche jedem verfolgenden Blick desto sicherer zu entziehen. Jetzt erst, nachdem BoleslauS die Croatin besaß, fühlte er die scharfen Dornen jener Rose, nach der er so verlangend die Hand ausgestreckt. Sie hatte sich schnell die Herrschaft über das ganze Hcrzogthum angemaßt, und schaltete mit einer Rücksichtslosigkeit und Willkür, die selbst dem an Quälereien und Druck aller Art gewohnten Volke auf die Länge zu hart und unerträglich wurde. Die Steuern und Zölle mußten erhöht werden, nur um die hohen Summen für die wilden Festlichkeiten, die sich förmlich zu jagen schienen, aufzubringen. In nie gesättigter, bacchantischer Lust stürzte sie den Herzog aus einem Vergnügen in das andere, so daß ihn selbst ein unbehagliches Gefühl heimsuchte, von einem Weibe in diesem tollen Treiben übertreffen zu werden. Ost hatte er Stunden, in denen er sich nach seiner sanften Margareth zurücksehnte. Sie war so ganz anders, stets lieb und freundlich gewesen, an ihrem stillen und ruhigen Wesen hatte sich die heiße Brandung seiner Leidenschaft am ehesten abgekühlt, und selbst über den wildesten Mann hat ja ein echtes Fraucngemüth einen gewissen besänftigenden Zauber, der gewöhnlich erst dann gewürdigt und geschätzt wird, wenn der gute Engel von der Seite gewichen, In solchen Stunden sann er oft gedankenvoll vor sich hin; die Bilder der Vergangenheit siegen in seiner unruhigen Seele auf, — er gedachte mit bitterer Reue seines ersten Weiches, die er so tief und mannigfach gequält, wie er sie von ihrem ersten geliebten Kinde hinweggerissen, und dann noch mit der Nachricht seines Todes getäuscht. — Sie war dabin gegangen, die arme, zu milde, weiche Frau, aber ihr Sohn konnte noch leben, und jftußte jetzt ein kräftiger Junge sein. Der Kleine war schon damals ganz das Ebenbild seiner Mutter, vielleicht würde ihm die Nähe dieses Knaben wohlthun, — wenn er so weiter nach der Mutter geartet. Wenigstens hätte er dann ein einzig anschmiegend Herz, das seiner bedurfte, und nach einem solchen sehnt sich ein kräftig fester Charakter stets, so viel er auch, in Stunden des Unmuths, die zärtlichen Arme dcS schwachen Epheu mit wildem Sinne von sich stößt. Die Croatin war ihm ähnlich, ja im Hang nach Tollheiten überlegen, und seinen Wenzel hatte der Glogauer nicht zurückgegeben, der mit Freuden die Gelegenheit ergriffen, 325 > 7 ^ einen Schatz des früheren Feindes in Händen und damit die Handhabe zu besitzen, seiner Zeit die Feindseligkeit zu erneuern. Bolcslaus hatte vor ihm auf der Hut zu sein, und wollte doch dem Münstcrbcrger auf den Leib rücken, welch' so lange vorher entworfenes Unternehmen von der Croatin aber bis jetzt hinausgeschoben worden, die lieber den Herzog auf dem Schlosse zechend, als auf dem Felde kümpfend sah. Vielleicht konnte sie die Vergnügungen nicht entbehren, vielleicht wollte sie noch ihre volle Kasse schonen, genug, sie hatte bisher verstanden, den Streifzug aufzuhalten. Endlich war cS ihm nun gelungen, die Croatin für seine Pläne zugänglicher zu stimmen, und alle Vorbereitungen zum li-a>npse wurden getroffen — aber jetzt, da ihn die Croatin noch mit keinem Kinde beschenkt, erwachte auch die Sehnsucht nach dem Erstgebornen um so stärker, und er beschloß, Schritte für dessen Aufsuchung zu thun. Es galt ja eine schwere Schuld abzubüßen, die er an Margareth, wie an seinem eigenen Sohne begangen, und der verklärte Geist Margareth'S niußte freundlich auf ihn niederlächeln, wenn sie ihren Sohn wieder bei ihm aufgenommen sah. Indessen war er gegen den herrschsüchtigen Charakter seiner jetzigen Frau mißtrauisch geworden, die gewiß den jungen Eindringling mit scheelen Augen ansehen würde; er wollte die Sache überhaupt geheim halten, und den jungen Ludwig an den Hof ziehen, — ohne daS wahre Sach- »erhültniß aufzudecken. Wer war zu dieser geheimen Sendung geschickter, als sein früherer Page Georg — der in die ganze Angelegenheit eingeweiht, jetzt aber Edler von Strahlen, noch immer sein Vertrauter geblieben. Er zog ihn eines TageS heimlich in sein Gemach und machte ihn mit dem Plane, seinen Ludwig aufsuchen zu wollen, vertraut. „Ich habe eine unendliche Sehnsucht nach dem Jungen," fügte BoleSlauS hinzu, „und wenn du mir ihn glücklich bringst, dann will ich dich zum Grafen ernennen. Ich weiß, daß dich schon lange darnach gelüstet." Georg nahm den Auftrag freudig an und entgcgncte: „Ich fürchte nur, daß der Kleine wirklich todt ist, oder daß sich die Alte ihn vom Halse geschafft." „Nein, das glaub' ich nicht," — entgcgncte BoleSlauS, „ich habe eine recht starke Hoffnung, ihn wieder zu sehen; ich. verlasse mich auf deine Verschlagenheit, setze Alles daran, mir den Jungen zu schaffen, und du bist — Graf." „Ich werde Alles aufbieten, ihn zu finden," erwiderte Georg, „und sollt' ich ganz Schlesien nach allen Himmelsgegenden durchstreifen müssen, wenn er noch lebt, dann bring' ich ihn zurück, denn an dem sonderbaren Maal ist er zu erkennen." „Wohl! — aber nur dann, wenn du Jedem den Rock von der Brust reißt," — versetzte Boleslaus lachend, „doch noch einmal, tiefes Schweigen über das Ganze, und reise sofort ab!" Georg, von der winkenden Grafenkrone angelockt, versprach Alles und ging. Noch ehe Georg sich zur Abreise vorbereitet hatte, wurde er Plötzlich zur Croatin gerufen. Sie hatte ihn zum Herzog eintreten sehen, und da sie jeden Schritt desselben bewachte, so mußte sie wissen, was dieses Hcimlichthun bedeuten solle. Sie empfing ihn, auf weichen Polstern ruhend, nur nachlässig angekleidet. Ihre volle üppige Gestalt trat durch die leichte Kleidung nur noch mehr hervor: welch' volle, blühende Arme, — welch' schwellende. Brust, welch' sinnlicher Zauber in ihrer ganzen Erscheinung! Die Korallenlippen schienen nur zum Kusse einzuladen, und in den dunklen, tiefliegenden Klugen brodelte ein verzehrend Feuer, das beutelüstern jeden Augenblick hervorzubrechen drohte. Zu diesem glühenden, leidenschaftlichen Wesen harmonirte vollkommen das dunkle, rothseidene Kleid, das leicht ihre noch immer imponirende Gestalt umschloß. 7 ^' c I .'I I 326 Sie richtete jetzt ihre durchdringenden Augen auf den Eintretenden und frug bestimmt und forschend: „Was solltest du bei dem Herzog?" „Rathpflcgen über den neuen FeldzugSplau," cntgegnete Georg mit ziemlicher Sicherheit und doch nicht fest genug, um das schlaue Weib zu täuschen. „Und das hieltet ihr so geheim?" frug sie weiter inguirircud. „Wir wollen den Münstcrberger überraschen und damit in die Enge treiben!" „So?! >— und wenn ich jetzt dich selbst in die Enge triebe?" frug die Croatin scharf, und ihr Auge ruhte durchbohrend auf Georg. „Glaubst du mich zu täusche»? Ihr führt etwas ganz Anderes im Schilde!" „Und wenn es wäre?" — entgegnete Georg, der jetzt seinen kecken Trotz wiedergefunden hatte, nicht ohne Absicht. „Dann würdest du mir vertrauen, Georg!" entgegnete die Vorsichtige schmeichelnd, die zu fühlen begann, daß sie ihm auf andere Weise beikommen müsse. „Und wenn ich es nicht dürfte, Herzogin? Wenn Boleslaus mir strenge Verschwiegenheit anbefohlen?" „Ich bin sein Weib, die früh oder spät jedes Geheimniß von ihm doch erführt, also vertraue mir, ich will nur deine Ergebenheit gegen mich erproben." „Wie kannst du daran zweifeln? Fordere von mir, was du willst und ich werde es thun, aber mein Wort gegen BoleSlans darf ich nicht brechen!" cntgegnete Georg, der damit nur seine Forderung höher schrauben wollte. Das schlaue Weib schien ihn durchschaut zu haben und entgegnete freundlich: „Du willst dir deine Worte gut bezahlen lassen, nun wohl! . 50 Dukaten — machen die dich sprechend?" Er schüttelte bedenklich das Haupt. „Sei kein Thor," drängte die Croatin, „ich weiß, du brauchst fortwährend Geld, verschmähe nicht diese hübsche Quelle! Oder willst du mehr? Hundert Dukaten?" Georg fühlte, daß er dennoch der Croatin nicht entgehen könne, ja sich dieselbe nicht zum Feinde machen dürfte, — 100 Dukaten waren doch eine schöne Summe, und was lag denn an der ganzen Geschichte? Nichts! — Er hatte schon Viel in seinem Leben geschwatzt, aber so gut waren ihm die Worte noch nicht bezahlt worden. Er willigte ein und trat geheimnißvoll zu ihr heran, um die früheren Begebnisse und seinen jetzigen Auftrag mitzutheilen. Inmitten des Erzählens war er der Herzogin immer nähe? gerückt, kauerte zuletzt zu ihren Füßen, während die Herzogin sich begierig lauschend über ihn bückte, und ihr warmer Athem seine Stirne berÜHÄe. Zhr Auge funkelte bei der Berichterstattung unheimlich, — diesen Knaben Margarethe durfte sie nimmermehr in Boleslaus Hände lassen, dies mußte eine Theilung seiner Liebe herbeiführen, und sie war viel zu herrschsüchtig, um nur eine Faser seines Herzens irgend einem anderen Wesen zu überlassen. Der Sprößling der verhaßten Margaret!) sollte einst den Besitz des Hcrzogthums antreten, während sie selbst nicht alle Hoffnung aufgegeben, Boleslaus einen Erben zu schenken? Alles das genügte zu dem raschen Entschlüsse, durchkreuzend in die Pläne Boleslaus einzugreifen. Georg war mit seiner Erzählung zu Ende — und blickte jetzt auf in das über ihn ruhende, dunkle Auge der Herzogin. Er erschrack fast selbst über die Vertraulichkeit, zu der ihn sein flüsterndes Erzählen veranlaßt, und doch lag in der Erscheinung der vor ihm Sitzenden ein Zauber, dem er sich nicht zu entwindeu vermochte. „Und du gehst jetzt, den Auftrag auszuführen? Wirst du den Knaben finden?" frug die Croatin. »Ich muß!" — entgegnete dieser — „Boleslaus will es." 327 „Was kümmert dich Bolcslaus," entgegnete die Croatin warn: und beugte sich noch tiefer über Georg — „wenn ich dich nun bäte, auf jeden Fall — allein zu kommen?" Ihr Auge ruhte mit einem eigenthümlichen Glänze auf dem schon halb Gefangenen. „Ich kaun es nicht!" erwiderte sich halb aufraffend Georg. „Du kannst es ohne Mühe!" — und der volle weiße Arm legte sich um seinen Nacken, „fordere, was du willst von mir, ich will dich reich — königlich belohnen^— aber tritt mir den Wurm in den Staub, - wenn . er noch lebt — nur bring' ihn nicht hierher!" „Fordere Alles," das Wort zuckte dämonisch durch seine Brust, seine Augen blitzten in leidenschaftlichem Verlangen, die Brust hob sich und er erwiderte sich selbst vergessend: „Hab' ich dich verstanden? — nein, du hältst nicht Wort!" „Zweifelst du?" — sagte die Croatin feurig, und drückte ihn mit leidenschaftlicher Gluth an ihr Herz, und einen Kuß auf seine Lippen pressend, flüsterte sie: „Dies ist mein Herzogswort, das ich nicht breche." Wie berauscht und entzückt, versprach er mehr, als die Herzogin selbst gefordert, und schwur, den Knaben aus dem Wege zu räumen, wo er ihn finde. „Nun, so gehe!" sagte die Herzogin mit vielsagendem Lächeln, und entwand sich seiner Umarmung, geh' und hole dir den Preis -— 1000 Dukaten — nicht?" „Tausend Dukaten!" entgegnete Georg lachend, und entfernte sich, noch völlig in seine wilden, leidenschaftlichen Träume verloren, um seine Reise augenblicklich anzutreten. Die Erzählung hatte alte Erinnerungen aufgefrischt, er besann sich der Hüttcn- bewohneriu und jubelte: „Alte Hexe, so hast du doch nicht geschwindelt, und dein Prophctcnwort wird dennoch wahr! Es ist doch wunderlich, daß ein solch' altes Dings mehr weiß, als ich mir je habe träumen lassen. — Gelingt mir nur der Streich, werde ich ihr Günstling, dann bin ich mehr als Graf. Bolcslaus! — dann bin ich Herzog!" (Fortsetzung folgt.) Ein Verbreche«, das sich selbst rächt. Folgende ächt russische Geschichte hat sich unter der Regierung des Czar Nikolaus zugetragen. Ein großer Herr, mit einer wichtigen Mission nach einer der Städte des russischen Reiches entsendet, hatte dortselbst in einem der ersten Hotels Wohnung genommen. — Man weiß, wie die Gemächer der Hotels beschaffen sind. Eines sieht dem andern gleich. Eine dünne Wand trennt sie von einander, aber das hindert nicht, daß man Alles hören kann, was im Ncbcugemache vor sich geht. Der obbcsagte große Herr bewohnte eines dieser Gemächer. Er hatte eine gehcimnißvolle Nachbarschaft. Der Nachbar kam und ging Tag für Tag zur gleichen Stunde, mit der Pünktlichkeit eines Chronometers. — Das machte den großen Herrn neugierig. Er hatte bald heraus, daß der Nachbar ein Jude war. Zwischen der Neugierde und dem Spioniren lag nur — das Schlüsselloch. Unser großer Herr legte also sein Auge an das Schlüsselloch der Thüre, welche die beiden Zimmer mit einander verband. Er sah, wie der Nachbar Jude, nachdem er vorher sorgfältig untersucht hatte, ob er allein sei, in den Alkoven trat, wo das Bett stand und von dort ein Kästchen holte, welches, nach der Anstrengung zu schließen, die das Tragen desselben dem Juden verursachte, ziemlich schwer sein mußte. Der Jude stellte das Kästchen auf den Tisch. Er blickte noch einmal furchtsam und mißtrauisch nach allen Seiten um sich Dann öffnete er das Kästchen und nahm ein — zweites Kästchen aus demselben. Aus dem zweiten kam ein drittes Kästchen zum Vorschein. Dieses letztere öffnete der Jude unter denselben Vorsichtsmaßregeln wie die vorhergehenden. Die Blicke des Juden versenkten sich in das dritte Kästchen und betrachteten mit gierigem Ausdruck den Inhalt desselben. Den Blicken folgten die Hände und durchwühlten das Kästchen mit fieberhaft zitternder Hast. Endlich kamen sie wieder aus dem Kästchen hervor und 328 brachten ein ansehnliches Päckchen von Banknoten zum Vorschein. Der Inhalt des Kästchens mußte Millionen von Rubeln werth sein!! Der große Herr stand wie geblendet. Dieselbe Scene wiederholte sich Abend für Abend. Der sinneberückende Anblick solchen Reichthums ließ einen teuflischen Gedanken in dem Hirn des Spähers vor der Thür aufblitzen. Er wollte sich die dreifache Kassette des Juden, oder wenigstens deren Inhalt aneignen „Ein Jude!" — sagte er zu sich selbst — „was hat das auf sich? Wenn er es wagen sollte, zu widerstehen, so werde ich ihn wohl zum Schweigen bringen!" Der große Herr begab sich zum ersten Polizeibcamtcn der Stadt, — der natürlich sowohl ihn selbst als auch seine hohe Mission kannte, und ihn daher mit sklavischer Unterwürfigkeit empfing. „Mein Herr" — sagte der große Hcrr zum Polizeibeamten, „ich bin das Opfer eines Dicbstahls geworden, eines schweren Diebstahls." — „Sie, mein Herr?" — „Ich selbst!" — „Und wer hätte es gewagt..." — „Ein Jude! Mein Zimmer im Hotel T. . . befindet sich neben dem Scinigen. Meine Werthpapiere waren unter dreifachem Verschlüsse in einem dreifachen Kästchen verschlossen. Mein Nachbar hat durch die unsere Zimmer verbindende Thüre in mein Gemach einzudringen gewußt, und mich meines Geldes beraubt." — „Oh, oh! Dicbstahl mit Einbruch! Darauf steht lebenslängliche Deportation nach Sibirien. Wir wollen sogleich die Verhaftung des Elenden vornehmen lasten." Und der Polizei-Chef begab sich in Begleitung des angeblich Bcstohlenen und mehrerer Agenten nach dem Hotel. Der Jude war so eben in seine Wohnung zurückgekehrt. „Im Namen deS CzarS, öffnet;" schrie der Polizeibcamte, indem er an die Thüre pochte. — Der Jude öffnete sogleich. Sobald er aber den Chef der Polizei und seine Begleiter erblickte, verzerrte sich sein Antlitz, und ein schmerzliches Lächeln trat auf seine erbleichenden Lippen. „Ich weiß, was Sie wollen, mein Herr!" sagte er — „und ich werde in einem Augenblicke zu Ihren Diensten stehen. Er trat in den Alkoven. Eine Sekunde später krachte ein Schuß. Man stürzt in den Alkoven. Der Jude hatte sich eine Kugel durch den Kopf gejagt. „Der Elende!" rief der Polizei-Chef aus. „Er hat sich selbst gerichtet!" Der große Herr, an welchen diese Worte gerichtet waren, — stand sprachlos einer solchen Entwicklung gegenüber. Der Polizei-Chef fuhr fort: „Nehmen Sie, mein Herr, hier ist Ihre dreifache Kassette, und hier die Schlüssel; untersuchen wir vorerst noch den Inhalt, um zu sehen, ob er vollständig ist." Man öffnete das Kästchen und Prüfte die Banknoten. Während dieß geschah, runzelte sich die Stirne deS Polizei-Chefs, und sein Gesicht nahm einen finstern Ausdruck an. „Sind Sie sicher, mein Herr, daß diese Banknoten Ihnen gehören?" fragte er. — »Ohne Zweifel." — „Sie beschwören es?" — «Ich beschwöre es!" — „Wohlan, mein Hcrr, dann verhafte ich Sie im Namen des Czars. Diese Banknoten sind falsch." Der große Hcrr war vernichtet. Aber was wollte er antworten? Er wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und zu lebenslänglicher Bergwcrksarbeit in Sibirien verurtheilr. Die Erklärung dieses Drama's ist einfach; der-Jude war ein Fälscher. Als er die Polizei in sein Zimmer dringen sah, glaubte er sich entdeckt, und gab sich den Tod. Ein Gerichts-Beamter vernahm eine alte Frau, welche Zeuge von einem thätlichen Angriffe gewesen war, über die Identität des Beklagten „War es ein langer Mann?" >— „Nicht sehr lang, ungefähr von Ihrer Größe." — »Sah er gut aus?" — „Nicht besonders, ohngcfähr wie Sie." — „Schielte er?" — „Ein wenig, doch nicht so sehr wie Sie!" Dem Könige Jakob I. von England setzte sich eine Fliege auf die Nase. „Ich habe drei Königreiche," rief er, „kannst Du darin keinen anderen Platz finden?" Druck, Verlag und Redaction des Literarischcn Instituts von Dr. M. Huttler. « Nno. 42. 17. Octbr. 1869. O Gvtt der Schlachten! stähle meine Krieger, Erfüll sie nicht mit Furcht, nimm ihnen nun Den Sinn des Rechnens, wenn der Gegner Zahl Sie um ihr Herz bringt. ^ Shakespeare, Hernrrch 4. Mt, 1. Scene. Die Hand Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) V. Ha . hämmere, Meister, ruhig fort, Dein Feuer blinke licht und loh! Wohl dir, o Freund, ein einfach Streben, Genügt dir durch dies Menschenleben. K. Mayer. Georg wandte seine Schritte natürlich zur Alten, bei der ihm allein über den Sohn Margarelh's Aufschluß werden konnte. Er crschrack — die Hütte war zerfallen und zerstört, keine Spur eines menschlichen Wesens war darin. Die Alte mußte todt sein, denn sonst würde sie sich schwerlich von ihrem L-cblingssitz getrennt haben. Wie schade, — die Alte in ihrem zähen, verknöcherten Wesen hatte ein langes, gar nicht zu Ende bringendes Leben versprochen, und ihm mit ihrem unverantwortlich schnellen Sterben einen schlechten Streich gespielt, — denn damit war ihm jede Spur des WeiterforschcnS abgeschnitten. Unmuthig ritt er hinweg, um wenigstens noch in der Gegend hcrumzuschweifen und den Schein zu retten. , Kurz vor Sprottau verlor zu seinem neuen Acrgcr sein Pferd ein Eisen, und er war froh, gleich am Thore eine Schmiede-Werkstatt zu erblicken. Ein junges Mädchen stand an der Thür des stattlichen Hauses; die liebliche Erscheinung übte auf das für solche Eindrücke ganz besonders empfängliche Herz Georg's sogleich ihren Zauber aus und er frug höflich: „Mein Kind, kannst du mir nicht einen Arzt verschaffen für mein Pferd?" „Nein, Herr! —- wir find nur ehrliche Schmiedclcutc!" „Eben recht," cntgcgnete Georg, „mein Pferd hat ein Hufeisen verloren," und erschwang sich herunter, band das Pferd an einen der am Schmicdcsländcr hängenden Ringe und trat mit dem Mädchen, das ihn freundlich au zwei am Feuer stehende Gestalten wies, in die Werkstatt. Der Eine, in dem wir Meister Baltzcr wieder erkennen, war noch derselbe geblieben, kaum merklich gealtert, obwohl er jetzt beinahe ein tiefer Scchszigcr sein mochte, nur hatte er jetzt eine stolzere, selbstbewußtere Haltung, seitdem ihn die chrcnwcrthc Bürgerschaft seines männlichen, thatkräftigen Wesens und seiner tüchtigen Erfahrung wegen zum Rathsherrn ernannt. In dem ihm zur Seite stehenden Gehülfen erkennen wir Ludwig, der hochaufge- schössen, ein kräftiger, hell um sich schauender Bursche geworden. In seiner ganzen Erscheinung lag etwas EdlcS, etwas über seine niedrige Stellung Hinausragendes, das selbst durch die unscheinbare Schmicdejacke hindurchschimmerte. 330 War schon Georg dieser etwas Apartes an sich habende Schmicdcmeister aufgefallen, , so sprang ihm der neben dem Meister stehende Ludwig noch lebhafter in's Auge. Dieses feine, geistreiche Gesicht mußte er unbedingt schon gesehen, in diese blauen, schönen, — fast schwärmerischen Augen geblickt haben. Er ging die ganze Reihe seiner bunten Erinnerungen durch, konnte aber zu keinem Resultat kommen, da hörte er den Schmied sagen: „Nun, Ludwig, dann frisch an's Werk." ^ „Ludwig!" — Der Name wurde zum Ariadnefaden, der ihn in dem verworrenen Labyrinth seines Gedächtnisses znrechtführte, und plötzlich schoß ihm der Gedanke auf: „Ich hab's! Diese Ähnlichkeit ist untrüglich, das ist Margareth's Sohn! Ich Thor, wie konnte ich nur einen einzigen Augenblick im Finstern tappen? Doch, ich muß der Sache auf den Grund kommen!" Nachdem das Geschäft des Beschlagens zu Ende war, suchte er mit dem Schmied ein Gespräch anzuknüpfen, der davon geschmeichelt, gern darauf einging, und den vornehmen Kunden in seine Stube nöthige. Er war so offen, so ehrlich gegen den Schmied, und sagte: daß er ein Edler von Strahlen im Dienst des Bricger Herzogs und sogar dessen Liebling sei; erzählte von seinen Abenteuern, den Schicksalen seines Herzogs, und hatte sich bald mit ihm in recht unterhaltende Dinge hineiugeplaudcrt, und dadurch des Schmiedes Zuneigung gewonnen. i Das Töchterlein hörte dem feinen Herrn andächtig zu, während die Hausfrau, auf einen Wink des Schmieds, sich in der Küche zu schaffen machte, um dem Fremden einen s Imbiß zu bereiten. ! Georg frug dann, wie von ungefähr, nach dem Gehülfen des Schmieds und meinte: h „Ein frischer, gesunder Bursche, der einmal ein tüchtiger Kriegsmann werden wird!" § „Jä, das glaub' ich auch," entgegnete der Schmied, „eö zieht ihn schon recht hinaus, e aber er ist noch zu jung und mag warten." „Hm, was kann er hier verlieren, er muß sich draußen herumtummeln, das macht j erst einen festen Kerl!" H „Wir wollen sehen," entgegnete Baltzer. „Ach Gott," sagte die eben mit den Speisen hcrcintrctcndc Hausfrau. „Sprich i nur nicht wieder vorn Kriege, Hermann, du hast damit den apmcn Ludwig ohnehin von l Kindheit an den Kopf verdreht." „Aber Ludwig will Ritter werden, und das ist prächtig!" — bemerkte das junge > Mädchen. „Von Kindheit auf, Meister? Ist er Euer Sohn?" frug Georg, — „ich hielt ihn für Euren Gesellen." „Nein, Herr, wir fanden ihn als kleines Kind in unserer Haidc, und ich nahm ihn zu mir und hab' ihn groß gezogen." Nachdem nun einmal Ludwig's Geburts-Verhältnisse zur Sprache gekommen,, hatte er kein Geheimniß mehr daraus zu machen. „Und nie etwas über ihn gehört?" frug Georg. ^ „Nie," — war die Antwort. Die Frau setzte redseliger hinzu: „Es ist uns nie gelungen, die Sache aufzuklären, so viel Mühe wir uns gegeben, und wenn ihm nicht einmal sein sonderbares Mal die Mutter zuführt, dann wird er sich wohl mit uns armen Leuten begnügen müssen." , , „Ein. Mal?" — frug von Neuem Georg, der jetzt nicht mehr den mindesten Zweifel haben konnte, daß er hier am Ziel sei. - „Ja, eine förmliche Hand auf seiner Brust, daß man jeden Finger sehen kann." » Ludwig trat jetzt eben herein und das Gespräch wurde unterbrochen. S Man setzte sich zu Tische. Georg stimmte sein hochfahrendes Benehmen sehr herab, 'k um sich bei dem Schmied recht einzubürgern. Unter anderen Verhältnissen würde er die ! gut und ehrlich gemeinte Einladung des Schmieds höhnisch ausgeschlagen haben, hier I 331 willigte er gerne ein und that dem Essen tüchtig Bescheid, daß er sich damit selbst die Zufriedenheit der Hausfrau erwarb, denn bekanntlich wollen diese guten Seelen, daß man zu ihren freundlich bereiteten Speisen stets einen guten, für ihre preiswürdige Thätigkeit empfänglichen Magen mitbringt. Das junge Mädchen saß Georg gegenüber und konnte nicht genug den feinen Hofmann bewundern, der ja ganz dem Phantasiegebilde entsprach, das sie sich von einem solchen entworfen. Die feine Haltung, — das interessante, kecke Gesicht mit dem zierenden Bart, das einschmeichelnde, freundliche Benehmen, übten auf das junge, — unbefangene Herz einen eigenen Zauber aus. Auch Georg fühlte sich unwillkürlich in dieser so fremden, neuen Welt recht heimisch, denn selbst für sein im Hofleben vergiftetes Gemüth mußte dieses ruhige und harmlose Familienleben etwas Wohlthuendes, und das junge Mädchen, diese Unschuld und Natur, etwas ungemein Fesselndes haben. Er sagte, daß ihn wichtige Geschäfte in Sprottau zurückhalten würden, und bat sich die Erlaubniß aus, wiederkommen zu dürfen, weil er hier im Orte völlig fremd und nur bei solch' wackeren, biederen Leuten sich heimisch fühlen könne. Der Schmied hatte gleiches Interesse an Georg gefunden und schlug herzlich in die ihm von diesem dargebotene Hand, mit der Bitte, so oft wieder zu kommen, als es die Geschäfte immer erlaubten. Wie würden die guten Sprottaucr auf ihn sehen, daß der Vertraute eines Herzogs mit ihm verkehre — ihn besuche, das kitzelte doch seinen Rathsherrnstolz! Das junge Mädchen nickte ihm so freundlich zu, als er vom Wiederkommen sprach, daß er fühlen mußte, er wäre dem guten Kinde wirklich angenehm. Nur Ludwig schien von dem Fremden nicht erbaut, — er konnte sich das augenblicklich entstandene Gefühl der entschiedensten Abneigung nicht erklären, aber ihn durchzuckte eine Ahnung, als müsse von diesem so freundlichen Menschen ihm recht Schmerzliches begegnen. Diese glatten, einschmeichelnden Manieren behagten seinem offenen, geraden Wesen auf keinen Fall, und diese unruhigen Augen, die so beobachtend auch auf ihm geruht, hatten etwas Tückisches, hinter denen nichts Gutes lauern konnte. Aber bei dem allgemeinen Lobe des Fremden mußte er mit seinem nüchternen Urtheil zurückhalten, um nicht die Uebrigen zu verletzen, denn er fühlte wohl, daß nichts unangenehmer berührt, als auf Enthusiasmus und Voreingenommenheit solche kalte, die gute Meinung zerschneidende Ansicht. Wir lassen uns nicht gern unsere Götzenbilder in den Staub werfen und zerschlagen, selbst von unseren besten Freunden nicht. Der Fremde kam wieder und immer wieder, und wurde zuletzt der tägliche Gast des Hauses, zur nicht geringen Qual des armen Ludwig, — der zugleich die wachsende Neigung Ulrikcn's zu dem Fremden sah und dennoch nicht wagen durfte, dagegen warnend aufzutreten. Was hatte er für einen Grund? Nur sein eigenes, unbehagliches Gefühl; konnte das der Thatsache gegenüber Stand halten, daß Georg eine angenehme, freundliche Erscheinung war, die Vertrauen zu erwecken verstand? Und Ludwig liebte — mit der ersten Wärme aufkeimender jugendlich schwärmerischer Leidenschaft — Ulriken; erst seitdem der Fremde störend zwischen sie getreten, war ihm die ganze Gluth und Fülle seiner Gefühle so recht klar und bewußt geworden. Sie war ja von Kindheit auf in seine Seele gewachsen, der freundliche Genius, der sein sonst dunkeles Leben erleuchtet, und wie oft auch kühne Traumbilder ihn weit hinausgeführt in die bunte, phantastische Welt, ihm Bilder voll Ruhm und Glück vorgegaukelt, glücklicher und ruhiger fühlte er sich jedoch, wenn er sich an der Seite Ulrikcns dachte, und in stiller, harmloser Beschränktheit in den lieben, alten Räumen ein freundliches Stillleben träumte. Ihrer Liebe glaubte er früher gewiß zu sein. Sie hing mit voller Innigkeit an ) - Ä» 332 ihm, er mußte ihr überall rathen und helfen, er war der Gegenstand ihrer kleinen Neckereien und Späße; so recht lieb und traut schloß sie sich an den Jüngling, — dem diese Unbefangenheit hätte lehren sollen, daß gerade dieses Zeichen auf ein mehr der Freundschaft, als der Liebe verwandtes Gefühl schließen lasse. Wohl war der Pflegevater etwas stolz, aber doch, Ludwig galt für seinen Liebling, und gegen ihn war der herrische Mann stets lieb und freundlich gewesen. Und die Mutter? An ihr hatte er längst bemerkt, daß ein Zusammcnthun der beiden Kinder sogar ein Lieblingsgedanke von ihr sein müsse, denn in manchem Wort und Blick ließ sie etwas davon hindurchschimmern. Sie war zu verständig, um nicht eine solche Verbindung recht passend zu finden, und dann einen kleinen Nebenzweck würde man in den Falten ihres Herzens doch aufgespürt haben. Sonderbar von der sonst ruhigen und verständigen Frau! Den Gedanken, daß Ludwig möglicher Weise dennoch ein wilder Sprößling ihres Mannes sei, konnte sie, obwohl sie ihn hartnäckig und klug verschwieg, nicht los werden; so begünstigte sie das Verhältniß der jungen Leute, das die Sache am ehesten zum AuStrag bringen müsse. — War ihr Mann schuldig, dann konnte er in die Verbindung nicht willigen, dann mußte er bekennen. Welches Hinderniß zu seinem Glücke stand Ludwig noch entgegen? Keines, wenn Georg nicht gekommen. Ulrike wurde immer mehr von dem glänzenden Auftreten des Gastes geblendet, und wenn sie auch Stunden hatte, in denen eine wärmere Neigung für Ludwig sich geltend machte, so waren diese zu kurz, um dem Einflüsse Georg's die Waage zu halten. Es waren gewöhnlich diejenigen Stunden dem Jugendfreund günstiger, in denen sie mit ihm in der Laube des kleinen Gartens saß, und Ludwig mit seiner klangvollen, melodischen Stimme jene Lieder sang, die er von einem wandernden Sänger in Musestunden gelernt. Ulrike horchte dann aufmerksam zu und schien sich in diese Melodien tief hincinzu- senken. Die frische, blühende Gestalt, das schwärmerisch zum Himmel schauende Auge Ludwig's hatten einen wunderbaren Zauber, es lag so viel Poesie darin, es war das Ringen eines edleren Geistes aus niederdrückenden, unpassenden Verhältnissen, und das wirft stets einen eigenthümlichen Glanz über solche Charaktere und weckt unser Interesse. Er wußte vielleicht selbst nicht, was in ihm lebte und wogte, aber oft wurde ihm die dunkle Schmicdewerkstatt zu enge und dann sehnte er sich hinaus, einem Phantom nachjagen zu können, das in unsicheren Umrissen vor seiner Seele stand! Waren es die wiederkehrenden Kindcrträunie, war eS ein echter, unverfälschter Quell seines Herzens, der sich unwiderstehlich Bahn brechen mußte — er wußte es nicht! Wohl hatte Ludwig eine Hand auf seiner Brust, — aber sie zeigte ihn auf seinem dunklen Lebenswege nicht zurccht, und bald behielt die glänzende Erscheinung des GastcS bei Ulrike völlig die Oberhand. Georg war ja noch immer eine stattliche Figur und jetzt in der ganzen Fülle seiner Manncskraft, und gerade diese üben auf junge Mädchen einen besonderen Zauber aus, weil sie dort die kräftigste Stütze zu finden meinen. Georg hatte an dem lustigen Hofe Bolcslaus die Welt und Menschen genugsam kennen gelernt, aber die Kunst, Weiberhcrzcn zu gewinnen, — war ganz besonders das weite Feld seiner früheren Thätigkeit gewesen. Jedoch der Abstand zwischen all' den lustigen, übermüthigen Weibern bei Hofe und dieser reinen, unverfälschten Natur konnte selbst einem Hofmanuc, wie Georg, nicht verborgen bleiben, und wo er überall nur gescherzt und getändelt, leichtsinnig von Blume zu Blume geflattert, so fühlte er jetzt zum ersten. Mal alles Ernstes sein Herz gefesselt. Ihr heiteres, glückliches Wesen hatte etwas unendlich Wohlthuendes, er fühlte sich in ihre Nähe gebannt, fühlte sich als besseren Menschen, und suchte mit zartem Taktgefühl all' das frivole Geplauder zu vermeiden, das ihm fast zur zweiten Natur geworden war. Er scherzte und lachte mit ihr, fand sich mit seiner Gewandtheit in ihr lustiges, tändelndes Wesen, daß sie sich fortwährend mit ihm angeregt und belustigt fühlte, — während das mehr brütende, ernste, fast melancholische Wesen Ludwig's in ihr eine Art Unbehagen hervorrief, weil der in ihr sprudelnde, pnrpnrrothe Lebenssaft jeden dunklen Tropfen von sich wies. Ludwig's Charakter drückte sie, weil sie sich nach ihm stimmen mußte, während der Georg's sie weich und dehnbar wie die Luft umgab, daß sie ihn niemals störend fühlte, und so konnte rasch in den beiden sich nähernden Herzen die Flamme ausbrechcn, wozu noch kam, daß der Evenstochter an der Seite dieses vornehmen Mannes ein anderes, glänzenderes Loos winkte, als es in ihre Kinderträume phantastisch verlockend hineingeragt. Schien es doch, als ob das Glück durch Zuführen dieses Mannes ihr den blühendsten Kranz zu Füßen legen wollte. Dem stolzen Schmied war das immer mehr hervortretende Werben des hohen Freiers um sein Töchtcrchcn gar nicht unlieb. Er hatte keine Scheu vor einer solch' gewagten Verbindung, der Gedanke hieran schwellte vielmehr die Segel seiner Eitelkeit, daß sich das ganze Kühnlein darunter bog und alle Mitbürger zu überflügeln drohte. Er hatte sich, seines Dünkens, einem solchen Eidam gegenüber nicht zu schämen. Ein wohlchrsamcr Rathshcrr der alten betriebsamen Stadt Sprottau, dessen Küche und Keller reichlich gefüllt, der draußen vor dem Thore die fruchtbarsten Aecker, die fettesten Wiesen sein eigen nannte, hatte nicht nöthig, vor einem Edelmann die Flagge zu streichen, und zu alle dem ein ehrsam, wohlanständig Handwerk, — dessen sich schon viele Herren vom Adel nicht geschämt, und das zu dem fleißig und ehrlich Erworbenen noch mehr hinzu- schaffte: war dies nicht genug, die wohlan sehnlichsten Freier für sein einzig Töchterlein herbeizulocken? Und dieser Georg war ganz ein Mann nach seinem Geschmack. In der That, der verschlagene Hofmann hatte gewußt, des Schmiedes schwache Seiten zu benutzen, ihm viel erzählt von bunten, gefährlichen Abenteuern aller Art und von den hohen Ehren, in denen er bei dem Herzog stände, ihm sein wackeres Handwerk gerühmt, das zu ergreifen er nicht wenig Lust habe, wenn er daS Schwert zu führen müde werden sollte. Er meinte oft schmeichelnd: „Hinter dem Ritter, der das Schwert führt, kommt der tüchtige Mann, der es gemacht, die Beiden müssen Hand in Hand gehen und gar viele Fürsten haben sich schon des Schmiedens beflissen." Solche Reden thaten dem Schmiede unendlich wohl, weil cr's so selten in seiner Stadt gehört, und Alle dort in seinem Schmiedehandwerk nichts Besonderes finden konnten, und doch war der gute Mann so stolz darauf und ganz glücklich, Jemand zu finden, der seinen höheren Standpunkt zu würdigen wußte. Oft saß er dann im vertraulichen Gespräch mit seinem treuen, lieben Eheweib, und sie plauderten von dem Glück ihres Kindes. Der Schmied meinte: „'s wäre nun doch Zeit, für Ulriken's Ausstattung zu sorgen, denn man wisse nicht, wie sich's schicken könne." Seine Frau bemerkte: „Aber sie ist ja noch zu jung und unerfahren." „Hm, bald fünfzehn," — erwiderte der Schmied, „und geht Alles nach meinem Wunsch, dann bleibt sie hübsch in unserm Haus und kann noch viel von dir, der guten Wirthin, lernen." , Nach dieser Aeußerung konnte seine Frau nur auf Ludwig schließen, denn bis zu dem Ritter von Strchlen verstieg sich nicht ihr schlichter Sinn, und sie cntgcgncle: „Das ist doch schön, daß wir immer einen Gedanken haben. Ich wüßte auch nicht, wer besser für sie paßte. Sie sind für einander bestimmt, das kannst du glauben, und daß sie sich lieben, hab' ich ihnen längst angemerkt." 334 „Oh! das will ich meinen," bemerkte heiter der Schmied, „euch Weibern kann so etwas nicht entgehen." „Aber der arme Junge muß einen Kummer haben, — er sieht so blaß und abgehärmt aus." „Dächte nicht — hat's auch gar nicht nöthig," entgegnete der Schmied. „Ich glaubte, du wärest zu stolz, ihm Ulriken zu geben!" „Zu stolz?" — fragte dieser befremdet, „das wär' doch etwas stark — im Gegentheil — " „Ja, ich hab' immer gefürchtet, du würdest dich daran stoßen, daß er nur ein — Findelkind." „Ein Findelkind? Potz Betten, meinst du den Ludwig?" fuhr der Schmied heftig auf und sein gerathetes Gesicht verrieth, — wie plötzlich und unangenehm er aus den Wolken gefallen. „Zum Teufel mit dem Jungen, dem's nicht im Traume einfallen soll, an die Ricke zu denken." Die arme Frau sah ganz bestürzt und unglücklich darein. Sie konnte dieses Aufbrausen nicht begreifen und der Schmied, dessen Zornesausbrüche, weil so heftig, nie von langer Dauer wa,ren, setzte begütigend hinzu: „Nein, Alte, wie kannst du nur so albern fein, ich meine den edlen Herrn von Strehlcn, der die Ricke heimführen wird!" Da die sanftesten Einreden hiergegen gleich ihres Mannes Zorn von Neuem erregten, fühlte die Frau wohl, daß des armen Ludwig's Liebe, zu ihrem großen Schmerz, eine hvffnungs- und zukuuftslose sei; doch wollen ja eben edle Fraueuherzen den zarten, duftigen Lebenstraum zu einem glücklich versöhnenden Ende führen. Zugleich erwachte von Neuem in ihr der beunruhigende Gedanke an ihres Mannes begangene Untreue, weil er gleich so heftig den Vorschlag einer Heirath zwischen Ludwig und Ulriken von der Hand gewiesen. „Sie sind doch Geschwcster," dachte sie jetzt von Neuem, „nur deßhalb dürfen sie sich nicht heirathen. O diese Männer!" und sie spann sich ganz still und geschäftig in ein recht quälend Netz von Gedanken und Vermuthungen hinein, — während es nur des Schmieds Eitelkeit war, die ihn so handeln ließ. Georg behandelte Ludwig mit ausgesuchter Höflichkeit; es schien, als werbe er stets um seine Gunst, während dieser sich nur uni so entschiedener zurückzog — und ihm mit schlecht verhehlter Abneigung begegnete. Auf die zuvorkommendsten Fragen erhielt er von Ludwig ein mühsam hervorgcprcßtes „Ja" oder „Nein" zur Antwort, und die sonst so offene, freundliche Natur hatte gerade gegen diesen von den klebrigen so geschätzten Mann eine Kälte und Verschlossenheit, die Allen im Hause auffiel. Der Schmied schalt auf dieß ungebührliche Betragen gegen feinen Gast, selbst die gutmüthige Hausmutter machte Ludwig sanfte Vorstellungen — vergebens — er blieb in seiner schroffen, abwehrenden Haltung. Wenn er hätte Gründe, überzeugende Thatsachen zur Rechtfertigung seines Benehmens angeben sollen, es würde ihm schwer gefallen sein. Er folgte nur der Stimme seines Herzens und hatte vom ersten Augenblick des Zusammentreffens mit Georg an geahnt, daß zwischen ihnen nie Harmonie walten, kein einziger Ton zusammenklingen könne. Und er konnte nicht anders, er mußte ihn hassen, obgleich keine einwirkende Ursache vorhergegangen; in seinem Herzen war dies Gefühl unwillkürlich aufgeschossen, — wie es mit der eisten Liebe geschehen soll. Dieser Haß ist der dauernde, uuvcrlöschbare, weil er auf keiner wiederfahrenen Kränkung, keiner bitteren Erfahrung beruht, sondern ganz aus ^ich selbst hcrvorgewachsen, so recht ohne Anfang, ohne Ende ist. Vom Feinde erlittenes Unrecht, so tief es uns Anfangs schmerzt, bietet auch zugleich die Handhabe zur Versöhnung, wir haben etwas Positives, das ein glücklicher Zufall hinwegräumen und das frühere Verhältniß herstellen kann, während es dort nichts auszulöschen gibt, wo sich die Hände begegnen konnten. Georg fühlte sich davon, daß in dem Hause des Schmiedes eine einzige Person ihm mit offener Verachtung begegnen durfte, tief verletzt. Der in den Tiefen des Mcnschen- herzcns bewanderte Hofmann wußte recht gut, daß die von Einigen auf uns übertragene Liebe immer mehr Herzen heranzieht, aber auch ebenso der auf uns gerichtete Haß uns Andere entfremdet, weil eine scharf ausgesprochene Meinung sich stets Geltung zu verschaffen weiß, und diesen ungünstigen Einfluß befürchtete er besonders bei Ulriken, von der er wußle, daß sie auf Ludwigs Meinung etwas gab, weil sie von Kindheit auf gewöhnt gewesen, in ihm ihren natürlichen Berather und Schützer zu suchen. Obwohl er diesen schädlichen Einfluß schon zu fühlen vermeinte, denn Ulrike war in ihrem Schwanken uud Wählen abwechselnd bald wärmer, bald kälter, so hätte er doch ohne Sorge sein können, — wo einmal die Liebe mit flammender Leidenschaft eingezogen, da findet die Stimme der Vernunft, rathender Freundschaft kein Gehör, und Ludwig war auch zu stolz, ein Wort der Warnung zu sagen, weil er fürchten mußte, dies doch' nur als Folge von Eifersucht betrachtet zu sehen. (Fortsetzung folgt.) Der Blick in das Grab. So wie langwierig und unheilbare Kranke, wenn das Ende ihrer Leiden naht, bei der besten Zuversicht ihrer Genesung doch gewöhnlich von einer Unruhe, einer Sehnsucht nach Aenderung ihres Aufenthaltsortes lebhaft ergriffen werden, die sie ein anderes Klima, eine andere Wohnung, wenigstens eine andere Stube oder doch immer wieder eine andere Stelle für ihr Bett dringend begehren machen — das Weh des Zugvogels im Käsige, wenn seine Zeit herankommt — so sehen wir anderseits, daß gegen den Schluß der rasch verlaufenden Krankheiten die Leidenden sich schon in der Fremd?, von Unbekannten umgeben, gequält, zurückgehalten wähnen und heftig und angstvoll heim verlangen. Der talentvolle Chemiker L *** lag im Entzündungssiebcr. Das Uebel hatte die Hirnhäute ergriffen, er rang zwischen Leben und Tod. Seine schwcrbckümmcrte Gattin klagte dem Arzte, wie er — auch sogar in dem qualvollen Zustande der Kranken, wo in das wache Bewußtsein und Erkennen sich die Ficbcrbildcr mit unabweisbarer Frechheit eindrängen — forwährcnd nicht zu Hause zu sein behaupte wie ihn Dieß sehr beängstigte und er durch alles Zureden kaum für Augenblicke zu überzeugen sei, daß er nicht eine Stube in der Wohnung einer Frau Hill habe beziehen müssen, welche einen sehr widrigen Eindruck auf ihn gemacht habe. Er nannte diese Frau oft, sah sie leibhaftig, und war viel beschäftigt, sich aus ihrer Behausung loszumachen. Der Arzt fragte, ob der Kranke eine Frau dieses Namens kenne oder vielleicht in der letzten Zeit irgend eine englische Novelle gelesen habe? Aber der tüchtige. Praktische Mann hatte so viel in seinem Fache zu lesen, daß er an Uuterhaltnngslektürc nie denken mochte, auch gab es keine Frau dieses Namens unter allen, die er kannte, und sie erschien ihm selbst als eine Fremde. Nicht Nückerinnerung also, sondern reine Fiebcrphantasic. Er unterlag der Krankheit, und die trostlose Wittwe sah den Vater ihrer drei unmündigen Kinder zum Fricdhofe hinaustragen. Es war ihr Bedürfniß, einen Theil des geringen Nachlasses zu einem Gedächtnißstein für den theuern Todten aufzuwenden. Als er fertig war und aufgerichtet werden sollte, betrat sie selbst zum ersten Male den Gottesacker; sie ließ sich den Grabhügel zeigen, der ihr Glück einschloß, und las dicht neben ihm auf einem Kreuze die Inschrift: „Hier ruhet in Gott die Wohledle Frau Anna Hill." 336 Glaubens-Enrhsit. Ich kenn vier Brüdcr, die wohnen zusammen, Beschenkt von der Mutter mit gleicher Montur: Am Haupte den Helm und das Schwert an der Seite, Den Mantel, gehalten von goldener Schnur. Den Ersten beschwerte der Helm auf dem Kopfe, Er warf ihn von dannen. Der Zweite darauf Warf weiter den Mantel. „Der ist mir zu eng". So sprach er, „und hemmt mich im eilenden Lauf." Dem Dritten gefiel nicht daS Schwert an der Seite: „Ich liebe den Frieden! ich hasse den Krieg!" Die völlige Rüstung behielt nur der Vierte, Wollt' ehren die Mutter und wahren den Sieg. Doch als sie nun sah'n sich so ungleich gerüstet. Entspann sich ein Streit, wie zur Einheit zurück Sie möchten gelangen; das meinten sie würde Bestärken den Frieden, begründen das Glück! Der Erste begann: „ich entfern auch den Mantel! Leg' ab du den Helm! du verzicht auf dein Schwert!" „Ich wcrf auch das Hemd weg, cntgcgnct der Dritte, Sobald es im Fortschritt und Laufe mich hemmt!" Der Vierte nur klagte: „so kann ich nicht einen Mit euch mich: ich wahr', was die Mutter mir gab'; Ich brauchs zur Bedeckung zur Wehr und zur Wärme, Ihr liefert durch Nacktheit euch selber ins Grab!" Zu zerren beginnen mit Wuth sie am Letzten: „Durch Nacktheit zur Einheit" ist ihre Devis'. — Bald kommt wohl der Frost und die Ruhr und der Russe, Und zeigt, daß ein Traum nur ihr Ncu-Paradics! O Hollen sie lieber den Helm (Z und den Mantel (?) Das Schwert ('') und das Hemd (->) und die ganze Montur So würden sie einig und könnten sich retten. So blühte das Volk aus Gcrmanias Flur! —- Hdart Uivstel. Papst. (-) Kirche. Gotteswort. I) Gottesglaube. (')^Katholicitäl. Vor dem Schwurgerichte eines preußischen Provinzial-Städtchens stand kürzlich ein schwerer Verbrecher, dem als besondere Vorsichtsmaßregel ein Soldat mit geladenem Zündnadel-Gewclir an die Seite gestellt wurde. Plötzlich beginnt einer der Geschworenen sich unruhig auf seinem Platze hin und her zu bewegen, und überhaupt mimische Zeichen einer lebhaften Bcsorgniß von sich zu geben. Erstaunt fragt ihn der Präsident des Gerichtshofes um die Ursache seines Benehmens. „Ja, sehen der Herr Präsident denn nicht," erwiderte der Geschworene, „daß der Soldat da immerwährend mit seinem Gewehre spielt? Wie leicht könnte es losgchen und Einen von uns treffen." — „Beruhigen Sie sich," meinte der Präsident, „es sind zwei Ersatz-Geschworne da!" Druch Verlag und Redaction des Bterarischcn Instituts von Dr. M. Huttlcr. Ni-O. 43. 24. Octbr. 1869. Gibt nicht der Hagedorn einen süßern Schatten Dem Schäfer, der die fromme Heerd erblickt, Als wie ein reich gestickter Baldachin Dem König, der Verrath der Bürger fürchtet. Shakespeare, Heinrich VI., Z Theil Akt 2. Scene 5. D i e H a n d. Historische Novelle von Ludwig Habicht. (Fortsetzung.) Georg wurde durch das schroffe Auftreten Ludwig's seine eigentliche Mission in's Gedächtniß gerufen, — die er über einer so heftig aufgeloderten Leidenschaft beinahe vergessen hatte. Jetzt, da ihm Ludwig feindlich in den Weg trat, mahnte es ihn doppelt, daß es seine Aufgabe fei, sich des Burschen zu entledigen. Es war nicht seine Art, Auftrüge gewissenhaft zu erfüllen, er behandelte gern Alles so obenhin, und nur so lange ein beobachtend Auge auf ihm ruhte, rüstete er mit unermüdlichem Eifer und großer Umsicht, aber wenn er auf dem Sattel saß und dem Späher- blicke entschwunden, überließ er sich völlig seiner leichtsinnigen Natur, die ihn in gedanken-z loser Laune, ganz wo anders, nur nicht au das ihm gestellte Ziel hintricb. Zurückgekehrt, wußte er dann mit beredter Zunge die fabelhaftesten Berichte abzustatten, und diese so früh geübten Pagenstreichc waren ihm endlich zur zweiten Natur geworden. Diesmal hatten ihn die Flammenaugcn der Croatin auf längere Zeit an seinen Auftrag gefesselt, aber als er in die blauen, freundlichen Augen Ulrikens geblickt, war ihm Alles rasch in Vergessenheit gerathen. Für ihn gab es keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur die Gegenwart war sein, und er besaß jene liebenswürdige Sehnsucht, die so eifrig für das eigene Wohl zu sorgen weiß, daß kein fremdes, wenn auch nur Augenblicke lang, sich Geltung zu verschaffen vermag. Ihm fehlte eine Cardinaltugend, die vor leichtsinnigem Versinken in das Schlechte schützt — Gewissenhaftigkeit. Aber jetzt, der Gedanke an die unliebsame Erscheinung Ludwig's, die entfernt werden mußte, brachte ihn auf die Herzogin, deren Wunsch es ja eigentlich auch war, wie ihm einfiel — und welcher heiße Wunsch! — er sah wieder die dunkeln Augen, hörte die brennenden Lippen flüstern „Alles" und wie Feuer stürmte es durch sein Blut. „Ah, ich Thor," rief er lebhaft aus, „wie konnte ich vergessen, was mir winkt! — Du stolze Herzogin, wüßtest du, wie sich jetzt unsere Wünsche vereinigen, du würdest weniger freigebig gewesen sein. Ich kühle mir mein Müthchcn au dein hartnäckigen Burschen und dann wird es mir noch zum Schlüssel für ein anderes köstliches Glück, — es gilt rasch handeln, ehe der gute Gedanke verdampft!" Es war im Walde wieder Holz einzukaufen und da sich der Schmied nicht ganz wohl fühlte, so beeraute er Ludwig mit dem Geschäft. „Du kannst dann die Stelle wieder aufsuchen, wo wir dich im Frühstückskorbe fanden!" sagte er scherzend zu Ludwig, denn er hatte sie ihm schon früher gezeigt. Ludwig mochte mehr Spott als Scherz darin finden und schwieg. 338 Georg war bei dem Abgänge des Letzteren zugegen und wünschte ihm auch eine glückliche Reise, ohne kaum ein Nicken des Kopfes als Antwort zu erhalten. Der Schmied wollte sich gegen Georg darüber entschuldigen, doch dieser cntgegncte so laut, daß es Ludwig noch hören mußte: „Lasset immer den armen Jungen, er scheint mir meinen höheren Stand zu beneiden! Ich verarg's ihm nicht, das Schicksal hat ihm doch zu schlecht mitgespielt, ihn als Findelkind in die Welt zu schicken." Ludwig warf ihm einen Blick voll kalter Verachtung zu und eilte hinweg. Ihn seine Geburt so recht fühlen zu lasten, darauf hatte Georg bei Allen hinzuwirken gesucht, und stets die Betonung darauf gelegt, daß mit einem Findclkinde doch nicht so viel Aufhebens zu machen sei. Ulrike crröihcte, sie fühlte heute wieder recht klar den Unterschied zwischen Beiden, und daß ihr Pflegcbruder doch nur ein armer Findling war. Georg machte nach Tisch noch einen kurzen Besuch bei dem kranken Meister, der davon recht erfreut war. Erst mit der nahenden Abendstunde empfahl er sich. Ludwigs Geschäfte hatten ihn wirklich auf jene Stelle geführt, auf der er als Kind gefunden sein sollte. Ein wehmüthig schmerzliches Gefühl überschlich seine Brust. Die alten Eichen rauschten über seinem Haupte, sie mußten Denjenigen gesehen haben, der über seine Geburt Auskunft zu geben vermochte. Er kniete und küßte den Boden. „Vielleicht," dachte er, „ist hier die Thräne gefallen, die um mich geweint, als man mich hüls- und namenlos in die Welt hinauszuschleudern gewußt." Er hätte die Bäume fragen mögen, aber sie rauschten gedankenvoll weiter und schienen ihm zuzuflüstern: „Wir Wissens nicht, du bist nur ein Findling." „Die Schritte dessen, der mich diesem Schicksal überliefert, sind längst verhallt," — klagte er weiter, „keine Spur läßt sich finden — keine. Da singen die Leute: die dunkelsten Geheimniste werden licht — es wird überall Tag, nur auf mir ruht eine ewige Nacht! Ich fühle mich so fremd dort bei den Leuten, die mich aufgenommen, — daran trägt dieser tückische Mensch die Schuld, er verstand es erst, mich „Findelkind" zu nennen, und seitdem sie mich dort Alle zu dem gestempelt, ist's so leer, so kalt in meiner Brust — ich sehne mich nach einem Multerherzen, an dem ich liebend ruhen, nach einem Vater, .dessen Stolz ich werden könnte." Er streckte die Arme verlangend aus, — seine Brust wogte, seine Schläfen pochten, — aber still und schweigend blieb's im Walde und der Abendwind wehte nur kühlend um seine Stirn. „Die Hand auf meiner Brust ist so deutlich, so scharf, aber meine fernen, unbekannten Eckern kann sie mir nicht zeigen, führt sie mir nicht zu, und doch war dies so lange meine einzige Hoffnung." Die untergehende Sonne glitzerte durch die Bäume und zog ihre lichten Fäden, zauberisch durch das Waldesgrün, als er sich sinnend ^und träumend auf den Weg machte. Der letzte freundliche Strahl der Sonne zerdrückte die Thräne in seinem Auge, er beflügelte die Schritte, um sie auf einer kleinen Anhöhe noch einmal zu erreichen, aber er kam zu spät — sie war untergegangen, „und so meine Hoffnung, mein ganzes LebenSglück," feufzte es in seinem Herzen nach. Es dunkelte schon, als Ludwig den Waldessaum erreichte; Plötzlich stürzte ein Mann mit hochaufgeschwungencm Schwert auf ihn zu und kaum, daß Ludwig den Kopf erschrocken zurückbeugen konnte, saß die Waffe auf seiner Schulter. Das noch zu wenig lichte Gehölz mochte den Angreifer am kräftigen Ausholen gehindert haben, denn der Schlag, der auf den Kopf gerichtet, war nicht einmal tief in's Fletsch gedrungen. Ludwig sprang jetzt zurück und ehe noch sein Feind das Schwert von Neuem erheben konnte, sauste sein -eiserner Stock, bester treffend, als derbe Antwort auf des Angreifers Haupt, daß dieser davon wie eine im Kern getroffene Eiche zusammenbrach. Er beugte sich jetzt über den Gefallenen, der betäubt kein Glied zu rühren vermochte. und wer schildert sein Erstaunen, als er in das düstere, verzerrte Antlitz Georgs blickte! Das war also der Edle, der im Schmiedhause so hoch geehrt wurde — und an dessen Schicksal Ulrike so gern und gläubig das eigene knüpfen wollte, — ein feiger Mörder, der unter der Maske der Freundlichkeit seine teuflischen Gedanken ausbrütete. „Nein, nimmermehr, das darf nicht geschehen. Elender!" donnerte er ihm zu; „du bist entlarvt und jetzt in meiner Hand, ich werde deine Pläne durchkreuzen." Georg öffnete bei diesen Worten die Augen, ein düsterer Blick des Haffes blitzte daraus hervor und dann schloß er sie wieder wie bewußtlos, während um seine Lippen ein Zug ohnmächtig bitterer Wuth spielte. Ludwig eilte in das Dorf, um Georg auf einen Wagen laden und ihn heimführen zu können. Es gelang ihm auch, schleunigst ein Fuhrwerk zu beschaffen, und trotz seines Abscheues gegen den Schurken fühlte er Besorgnisse, — daß sein Beistand zu spät kommen möchte. Und in der That, er kam zu spät — Georg war trotz des eifrigsten SnchcnS nicht mehr zu finden, und sich selbst biltere Borwürfe machend, seinen Feind so ohne Beistand gelassen zu haben, trat er den Heimweg an. Er mußte wahrscheinlich im Dunkeln den Ort verfehlt, oder Georg sich tiefer in's Gebüsch geschleppt haben, und wollte bei Tagesanbruch sein Suchen fortsetzen, da die Bauern sich geweigert hatten, wegen eines Mörders die ganze Nacht zu suchen. Jetzt erst begann Ludwig's Wunde zu schmerzen; dies brachte ihm den heimtückischen Angriff und den Gedanken in Erinnerung, seinen Pflegevater zu warnen und dem frechen Burschen das Handwerk zu legen. Ludwig wußte wohl, daß Ulrike den Edlen von Strchlen heiß und glühend liebe, sein schmerzdurchwühltcs Herz halte ihm dies nur zu oft gesagt, aber solchen Thatsachen gegenüber konnte sie sich nimmermehr verschließen; sie mußte das Bild des Elenden auS ihrem Herzen reißen. „Und werde ich darum glücklicher?" seufzte er tief, „für mich ist sie doch verloren, ja sie wird mir nicht einmal verzeihen, daß ich es war, der ihr das Bild des Geliebten zertrümmert, und doch muß ich's thun, um ihrer selbst willen; sie darf nicht das Weib eines Mörders werden." Der Schmied war allein in seiner Stube, als Ludwig eintrat, und rief sogleich seine Frau aus dem Garten, um für den Angekommenen ein kleines Abcndbrod zu bereiten. Sie kam und ihr besorgter Blick siel sogleich aus den Blutflecken und das verstörte, blaffe Gesicht Ludwigs. Sie fragte ängstlich besorgt, was ihm zugestoßen, und dieser erzählte nach einigem Drängen das unerfreuliche Ercigniß und warnte mit beredten, warmen Worten vor dem heuchlerischen Schurken. Der Schmied hatte ihm schweigend bis zu Ende zugehört, plötzlich donnerte er ihm zu: „Du lügst, frecher Junge!" „Ich! lügen?' brauste Ludwig auf, der seine Ehre bei diesen Worten so tief verletzt fühlte, um seine Ruhe und die nöthige Achtung vor seinem Pflegevater zu bewahren: „weil du verblendet genug, meinen Worten nicht zu glauben, strafst du mich Lügen?" „Du lügst, sag' ich dir noch einmal, der Herr von Strchlen war es nicht, das ist nicht möglich." „Weil er ein Edler?" fragte Ludwig bitter. „O nein, ich habe den theuren, verehrten Mann nur zu gut erkannt; aber du glaubst nicht an solche Schändlichkeit, weil er dich blind gemacht durch seine Schmeichelrcden." „Du wagst auch mich zu besudeln, Knabe, wie du den guten Mann schon lange angefeindet, ich kenne schon die Quelle deines Denkens. Doch dein erbärmlich Treiben soll zu Schande werden. Ulrike und theurer Herr," — rief er in den Garten hinaus, „kommt auf einen Augenblick herein." 340 Ludwig wollte kaum seinen Augen trauen, den noch vor Kurzem für todt am Boden liegenden Georg an der Seite Ulrikens Hereintreten zu sehen, und er stand, wie in die Erde gedonnert, als ihm der Schmied wüthend zurief: „Nun, Verleumder! wiederhole noch einmal deine frechen Lügen!" Sich dieses Räthsel augenblicklich zu erklären, vermochte Ludwig nicht; es mußte entweder die Erscheinung im Walde oder die jetzige ein Trugbild der Hölle sein, und in dumpfem Hinbrütcn hierüber ließ er gleichgültig Alles über sich ergehen, ohne nur ein Wort der Abwehr, der Entschuldigung zu sagen. Der Schmied erzählte entrüstet das so eben von Ludwig Berichtete, — und Georg sagte höhnisch lachend: „Du siehst, was in dem Jungen steckt, der zu den frechsten Verleumdungen fähig, um sich hier einzunisten und mich zu verdrängen. ' Wer weiß, in welcher Schenke er sich herumgetrieben und Prügel bekommen, und jetzt will der Bube das klüglich benützcn und mich aus dem Sattel heben. Weit gefehlt, mein Söhnchen, der Meister ist zu erfahren, dir solch' albern Zeug zu glauben." Alle waren plötzlich von den tückischen Lügen Ludwigs überzeugt, und trotzdem, daß Jahre des innigen, trauten Zusammenlebens, in denen sie ihn als eine ehrliche, offene Natur kennen und schätzen gelernt, für ihn sprachen, so lag doch Vieles vor, das seiner Aussage jeden Halt und Glauben rauben mußte. Georg war ein so feiner, edler Mensch, pah! einen Mord ihm anzudichten, war schon ein Verbrechen, — und dann, wie konnte ein Mensch, der für todt auf die Erde gestreckt worden, gesund und munter fast zu derselben Zeit beim Schmied einsprechen und harmlos mit Ulriken in der Laube plaudern? Und doch kannten sie sämmtlich nicht die wunderbare gewaltige Macht des menschlichen Willens, die, wenn sie durch irgend eine Feder auf's Höchste gespannt wird, das Unmöglichste möglich macht. Georg hatte Anfangs nur Ludwig aus dem Hause zu verdrängen gesucht, weil er geglaubt, es genüge, den Jungen in die Welt hinauszujagen, und da ihm dies nicht gelungen und auch nicht sicher genug schien, so mußte blutiger durchgcgriffcn werden. Pah — ein Mord — was wollte der in jenen Tagen sagen, und dann blieb er ja für immer in Nacht gehüllt! Die heutige Gelegenheit war eine besonders günstige, er kannte den Platz, wo Ludwig gefunden worden, da er mit dem Schmied einmal dort gewesen — und wußte, welchen Weg Ludwig bei der Rückkehr einschlagen mußte. Er warf sich daher rasch auf's Pferd, um Ludwig aufzulauern, und noch so früh zurückzukommen, daß nicht ein Funke Verdacht auf ihn fallen konnte. Sein Mordanfall scheiterte, wie wir gesehen, an des Angegriffenen Entschlossenheit. Ludwig hatte sich kaum entfernt, als Georg von Neuem die Augen aufschlug, und zum völligen Bewußtsein kam. Er knirschte vor Wuth mit den Zähnen, nicht nur seine Pläne waren vernichtet, sondern er selbst in die Hände seines Feindes gegeben. Der Gedanke konnte ihn rasend machen. „Ich Thor, warum vergaß ich meinen Dolch, der hätte bester gesessen!" murmelte er vor sich hin; plötzlich schoß im ein anderer, neu belebender Gedanke durch den wirren Kopf. Er versuchte aufzustehen, taumelte zwar Anfangs wie betrunken noch einmal zurück, dann gelang es ihm endlich, sich auf den Beinen zu halten. Ein teuflisches Lächeln spielte um seine Lippen und er keuchte hervor: „Ich muß eher dort sein, als der alberne Junge, und sollte ich dann zusammenbrechen. Nur in dem liegt meine Rettung vor Schimpf und Schmach." Er schleppte sich mühsam nach seinem in der Nähe stehenden Pferde, und der ihn fast vernichtenden Qualen nicht achtend, jagte er Sprottau zu, um den summenden, geschwollenen Schädel, der einen ganzen Bienenstock zu beherbergen schien, in kaltes Master zu stecken, sich umzukleiden und zur Schmiede zu eilen. 341 Die ihm drohende Schmach keck und kühn abzuwenden, hatte er Alles daran gesetzt, und es war ihm gelungen, weil es in seiner Natur lag, sich zur äußersten Kraftanstren- gung aufzustacheln, wenn diese keine langdauernde zu werden versprach. Je schwächer und elender Georg sich gefühlt, je toller war er zugeritten, weil dies das beste Mittel war, seine Leiden abzukürzen. Ludwig hatte so genau auf die Zeit nicht geachtet und nur von Sonnenuntergang gesprochen, und eine Stunde darauf saß der Erschlagene bereits in der Schmiede und lächelte zu den Scherzen des jungen Mädchens, wie heftig und quälend es auch durch seinen Kopf zuckte. Er war dann mit Ulriken und der gutmüthigen Hausfrau in die Laube gegangen, hatte dort innerlich frohlockend dem Streite zugehört, und Iriumphirend den Lohn für feine übermenschliche Aufregung eingeerntet. Mit kurzen Worten stellte G.corg das Unsinnige und Abgeschmackte der Anschuldigungen des Findlings in das rechte Licht, doch dessen bedurfte es kaum, der Schmied, außer sich gebracht über das ihm so schurkisch erscheinende Benehmen Ludwigs, wandte sich zu Letzterem mit schneidender Kälte: „Du Findling, den wir hier mitleidsvoll aufgenommen, lohnst uns mit solchem Undank und häufst im frechen Uebermuth, vielleicht aus Neid und Eifersucht, die schändlichste Verleumdung über einen Mann. vor dem du dich im Staube winden solltest; weißt du, daß er ein Edler und du nur eine gemeine Brüt — hinaus mit dir, einen solchen Lügcngeist duld' ich nicht in meinem Hause!" Ludwig, obwohl ihm gerade die kecke. Alles so scharf beleuchtende Vcrthcidigungs- Rcde Aufschluß über den möglichen Sachverhalt gegeben, schwieg noch immer, nicht mehr aus Bestürzung, sondern aus Stolz, aus jenem Stolz, der im Bewußtsein seines Rechtes sich nicht vertheidigt, und eher Alles über sich ergehen läßt, als ein Wort der Aufklärung zu verlieren. Und solche Charaktere ertragen mit geschlossener, kaum zuckender Lippe die plumpsten Angriffe, weil in ihnen ein reinerer, edlerer Fond ruht, der es sie unter ihrer Würde halten läßt, sich zu rechtfertigen und zu vertheidigen. Er sah eine mitleidige Thräne über den so unerquicklichen Vorfall in dem Auge der gutmüthigen Hausfrau, auch Ulrike schien bestürzt, und doch wagten Beide nicht, gegen den aufbrausenden Schmied ein Wort der Vermittlung fallen zu lassen. Sie hielten das Benehmen Ludwigs für einen Ausfluß unglücklicher Eifersucht. Am andern Morgen schon wanderte Ludwig mit vergiftetem, zermartertem Herzen in die Welt hinaus. Nur seiner wohlmeinenden Pflegemutter hatte er Lebewohl gesagt mit der Bitte, seiner nicht völlig zu vergessen, verharrte aber auch gegen sie in hartnäckigem Schweigen, und so schied er wehmüthig und ernst von den geliebten Jugendplätzcn, wo er so unschuldig glücklich gewesen — in dem Rufe eines frechen Lügners und Verleumders. Auch Georg nahm nach einigen Tagen mit dem feierlichen Versprechen baldiger Rückkehr, Abschied. Er mußte endlich von seiner Sendung Bericht erstatten. Es wurde jetzt im Schmiedehause recht still und leer, und damit kamen auch, wenigstens bei den Frauen, trübe Gedanken über den Verlust des so ehrlichen, treuen Ludwig. Besonders die Schmiedefrau war untröstlich, sie glaubte, daß ihr Mann aus Verschlossenheit und Stolz, statt seine Schuld zu bereuen, lieber den eigenen Sohn in die Welt hinausgeschlcudcrt. Vielleicht würde der leichtsinnige Georg nicht wiedergekommen sein, wenn seine Aufnahme am Hofe Bolcslaus eine freundlichere gewesen wäre. Silber Boleslaus, ohne lange zu grübeln und an der Wahrheit dieser Bericht- Erstattung zu zweifeln, grollte seinen Acrger über das vergebliche Suchen an dem Boten aus und befahl ihm, sofort das Herzogthum zu verlassen. Das war ein harter Schlag, der Georg aus all' seinen Himmeln riß! — Noch 342 war nicht jede Hoffnung verloren — die Croatin, die Alles vermögende, mußte den Befehl des Herzogs rückgängig machen. Die Croatin schien große Eile zu haben, sie wollte morgen mit Bolcslaus in's Feld rücken, dennoch hörte sie auf Augenblicke dem Berichte Gcorg's aufmerksam zu und ihr Auge ruhte so forschend und durchdringend auf dem Berichterstatter, daß der sonst so lügengcwandte Georg kaum'seine Sicherheit behielt. „Also er schweigt für immer?" — fragte sie zu Ende seiner Erzählung langsam und lauernd. „Sei ohne Sorge! Es ist gethan!" „Nun denn," entgegnete die Herzogin mit einer stolzen Handbewegung und dem süßesten Lächeln, „in einigen Tagen erhältst du die 1000 Dukaten, heute habe ich sie nicht." Georg war verlegen, bestürzt, und stotterte endlich sein bei dem Herzog gehabtes Unglück hervor. Die Croatin zuckte die Achseln und entgegnete ruhig: „Vor der Hand vermag ich nichts zu thun, laß nur seinen Aerger verdampfen und dann komm wieder!" Er wollte mehr sagen, sie drehte ihm aber den Rücken und er war entlasten. Knirschend vor Wuth und Groll, reiste er noch selbigen Tages ab und nach Sprottau zurück. Es war entschieden, er wurde des Schmiedes Eidam. Ein hübsches Mädchen und Geld und Gut die Hülle und Fülle, das half über jedes ängstliche Anstandnehmen hinweg. Ulrike wurde in wenigen Wochen die glückliche Frau des Edlen von Strehlcn. (Fortsetzung folgt.) Unter Todten. Der Fremde, der den Hort der Hansa, die alte freie Stadt Bremen, besucht, versäumt gewiß nicht, in den durch Hauff berühmt gewordenen Bremer Rathskcller zu gehen. — Der Leser gestatte uns, ihn heute gleichfalls in einen „Keller" zu Bremen zu führen; aber nicht an eine Stätte der Lust und des frohen Scherzes, sondern in einen stillen, friedlichen Raum: unter Todte, in den „Bremer Bleikeller". Der Bleikcller zu Bremen ist eine Merkwürdigkeit, wohl einzig in ihrer Art. Lieben dem östlichen Chöre der uralten Domkirche befindet sich eine Krypta, unter dem Namen Bleikeller bekannt, weil dort das Blei vom Dache des Doms aufbewahrt, oder, wie andere Angaben besagen, geschmolzen wurde. Der Fußboden dieser Krypta liegt nur wenig tiefer, als die Erdoberfläche; die Luft in ihm ist aber so trocken, daß dort aufbewahrte Leichen nicht verwesen, sondern in einen mumicnartigcn Zustand ausdörren. Wann diese Eigenschaft des Bleikcllers entdeckt wurde, ist unbekannt, wie denn specielle Nachrichten über ihn fehlen. Die älteste, dort befindliche Leiche ist diejenige eines vom Thurme gestürzten Dachdeckers, welcher bei dem Fall sich das Genick gebrochen hat; sie ruht, laut Angabe der Beschließerin des Domes, welche die Fremden führt, über 400 Jahre. DicS dürfte zutreffend sein, denn 1446 wurde unter dem Erzbischof Gerhard III. das oberste Geschoß des nördlichen Domthurms vollendet. Dabei mag jener Unglücksfall vorgekommen sein. Die Gesichtszüge dieser, wie aller übrigen Leichen, sind noch deutlich zu erkennen; man sieht ein von Ensctzen verzerrtes Anlitz, der Mund weit offen, wie nach Hilfe schreiend. Außer dieser ruhen noch sieben Leichen im Bremer Bleikeller: ein schwedischer General mit seinem Adjutanten, beide Opfer des dreißigjährigen Krieges, in welchem 1614 bekanntlich die Schweden das Herzoglhum Bremen eroberten. Der General siel, wie man noch genau sieht, durch einen Stich in den Hals, während den Adjutanten ein Schuß in die rechte Seite hinraffte. Als durch den wcstphüiischen Frieden das Erzstift Bremen der Krone Schweden als 343 Schadloshaltung für die gehabten Kriegskosten mit überlassen war, siedelten sich viele Schweden in Bremen an. So u. a. eine schwedische Gräfin, welche, da sie kinderlos und ohne Verwandte zu hinterlassen, starb, im Bleikellcr beigesetzt wurde; die ehrwürdigen Züge der Matrone sind von mildem Frieden übergössen. — Außerdem erhebt sich inmitten der Krypta ein verschlossener Steinsarkophag, der die Gebeine des 1730 entschlafenen schwedischen Kanzlers Georg Bernhard von Engelbrcchten birgt. Eine sünste Leiche, welche fast 200 Jahre im offenen Sarge im Bleikellcr schlummert, ist die eines im Duell erstochenen Studenten. Ein Stoß in den Hals machte dem jugend- frohcn, übermüthigen Leben ein jähes Ende. Da später die Herzogthümer Bremen und Verdcn durch Kauf an Churhannover übergingen (1715), dessen Herrscher zugleich Könige von England waren, nahm manche britische Familie ihren Aufenthalt in der reichen und schönen Stadt Bremen. So kamen dorthin, um nicmchr zu scheiden, eine englische Gräfin und ein englischer Major, jene ruht 130, dieser 110 Jahre lang in der merkwürdigen Todtengruft. — Vor 99 Jahren endlich setzte man darin noch die Leiche eines alten Ärbcitsmanncs bei, um zu ermitteln, ob der Keller seine seltsame Eigenschaft so viel Jahrhunderten zum Trotz bewahrt habe. Der Todte trocknete ein, ohne zu verwesen. — Zu diesem Experiment mußte man die Leiche eines solchen nehmen, der vereinsamt gestorben war; es hat sich bisher noch keine Familie bereit finden lassen, die leblose Hülle eines ihr Angehörigen der Gruft anzuvertrauen. Nur mit den Körpern todter Hunde, Vögcl und anderer Thiere hat man jüngst Versuche angestellt, welche dargethan haben, daß der Keller seine ausdörrende Kraft noch nicht verloren hat. Sechs Wochen — und ein solches Thier scheint wie aus Pergament gemacht, ohne daß man indeß die Eingeweide herausgenommen oder sonst eine künstliche Manipulation angewendet hätte. Auch schrumpft die Leiche nicht etwa auffallend ein. Bei den Jahrhunderte lang in ihren Särgen Ruhenden ist fast noch die ganze Fülle des Fleisches vorhanden, nur gebräunt und ganz hart. Das sie einhüllende Linnen ist indeß durch die Macht der Zeit in Staub zerfallen und muß bisweilen erneuert werden. Die Luft in dem Keller ist nicht im Geringsten modrig oder verdorben. — Der Temperatur- grad bleibt sich Winter und Sommer ziemlich gleich; etwa I- 12" I(. Alle diese Seltsamkeiten erscheinen noch auffallender, wenn man erfährt, daß derjenige Raum, welcher gegenwärtig „Bleikellcr" heißt, die Leichen erst seit einigen Decennien birgt, während der eigentliche Bleikeller — eine absonderliche Verwerthung der Krypta einer im gottesdienstlichen Gebrauche befindlichen Kirche! — seit eben so langer Zeit als Weinlager vermuthet ist. Neben den beschriebenen Leichen sind noch Ueberrcste uralter Särge aufgestellt, welche man bei dem Bau der neuen Börse zu Bremen tief unter der Erde gefunden hat. Archäologischen Forschungen zufolge stammen sie aus der Zeit Willehads , des ersten, von Carl dem Großen 788 eingesetzten Bischofs von Bremen. Es gewahrt einen unvergeßlichen Anblick, bei dem in der Krypta herrschenden Dämmerlicht jene acht stummen Zeugen vergangener Jahrhunderte so vcrhältnißmüßig lebensvoll vor uns zu sehen. Werden wir schon in jedem Todtcngewölbc ernst gestimmt, erinnern schon die verschlossenen Särge an die Vergänglichkeit alles Irdischen —> so ist hier, wo durch die erloschenen Augen, die welken Lippen gleichsam der Tod selbst zu unö spricht, der Eindruck überwältigend. *L. Eine Grabschrift in dem alten Gottesacker in der Westen zu Eich statt lautet wörtlich also: „Am 22sten Januar 1802 starb allhicr im 82sten Jahr ihres Allekw Jungfrau Maria Sophia Köttnerin von Titting im Eichstättischen, diente zur Zeit der verewigten Kaiserin Maria Theresia beim K. K. Infanterie-Regiment von Hagcnbach beinahe 6 Jahr als Gemeiner und Korporal, und bezog deßhalb von daher eine monatliche Pension von 8 fl. 20 kr." 344 Der kühne Schiffer Siehst du das Schifflcin tanzen Im klaren Wellcnspiel, Hinaus mit vollem Segel Zum fernen, stolzen Ziel. Der Wind huscht um die Nahen Und lustig geht die Fahrt, Der Schiffer sieht die Hoffnung Mit schönstem Glück gepaart. Da horch ein fernes Tosen, Die Windsbraut naht heran, Die Wogen hemmen drohend Des kühnen Schiffers Bahn. Er späht durch graue Regen Umsonst nach sichrer Bucht, Die Stürme heulen höhnend Aus wilder Wogenschlucht. Der Mastbaum ist zersplittert, Kein Retter nah und fern; — Kein Kompaß schien ihm nöthig Im vollen Glückesstern. Wie würde der ihm zeigen Den nahen Meeresstrand; — So findet sich kein Ausweg Zur Rettung an das Land. Die Welle peitscht den Nachen Und schwärzer gähnt der Schlund, Ein Hülfruf, dann ein Stöhnen — Es war die letzte Stund! — So geht es oft dem Menschen Im weiten Weltgewühl; Kaum kommt er aus der Schule, So steckt er hoch sein Ziel. Verwegen stürzt er weiter, Das Glück bläht ihn noch auf. Er hascht nach Gold und Krone, Nach Ehren rennt sein Lauf. Er opfert seine Kräfte Und wühlt im Erdenstaub; Stets kühner macht er Plane, Der guten Warnung taub. Doch plötzlich bleicht das Sternlein, Das Unglück naht heran, Und Dornen wirft es grausam Auf seine stolze Bahn. Er zagt, er schaut verzweifelnd Um Hülfe in die Welt; Er sieht im weiten Meere Das prächl'gc Schiff zerschellt. Wohl gab ihm einst die Mutter Den rechten Kompaß mit. Nach ihm sich stets zu richten Bei jedem Lebensschritt. Der Kompaß wies zum Himmel, Er selbst war das Gebet, Für den der beste Führer, Der durch das Leben geht. Er zeigt uns einen Hafen In wildem Sturmgebraus Und selbst in öder Wüste Ein liebes Vaterhaus. Der Mutter brach das Auge, Der Jüngling eilte fort, Und frevelnd warf der Kecke Den Kompaß über Bord. So ist er nun verlassen Hat nirgends eine Asyl; Die stolzen Plane finden Im Untergang ihr Ziel. (Makaroni.) Die Philologen haben heraus gebracht, daß diese Speise bis in die Zeilen der alten Griechen zurück reicht. Sie nannten dieselbe umlmrios (glücklich), und ihr Vaterland: nmoarvn nosoi (glückliche Inseln). Fürst Pücklcr-Muskau bringt eine andere Lesart. Ein Cardinal liebte einen guten Tisch und hatte einen erfinderischen Koch. Als einst die neue Speise mit dem besten Parmesankäse vorgesetzt wurde in guter Sauye, rief der Cardinal: Luri! (Liebe Speise!) Später, als sie immer besser mundete: um cmi-i! (Aber was für eine liebe Speise!) Zuletzt im ganzen Enthusiasmus: um «mroni! (Aber was für eine außerordentlich liebe Speise!) Von nun an blieb dieser Name. Druck, Vertag und Redaction des litterarischen Instituts von vr. M. Huttlcr. N,-». 44. 31. Octbr. 1869. Meinst dn, daß Pflicht zu reden scheut, weil Macht Zum Schmeicheln sinkt? —Die Ebre fordert Bravheit. Weuu Könige thöricht werden. Shakespeare, Lear, Akt l. Scene 1. Die Hand VI. Ihr müßt' euch fleißen, Im Fall ihr wollt heißen Ein edles Blut, Von Schwert und Eisen Im Felve zu weisen Den kühnen Muth. Aßmann v. Abschatz. Boleslaus hatte drei Jahre mit wechselndem Glück gegen den Müusterberger ge« kämpst, ohne ihn völlig besiegen zu können, ihn aber doch endlich so in die Enge getrieben, daß der in seinen Geldmitteln erschöpfte Feind keinen Ausweg sah, als den Herzog Heinrich von Glogau um Hilfe anzuflehen, von dem er zu allererst Beistand erwarten konnte, da er voran setzte, daß Heinrich die seinem Vater entrissenen Lande noch nicht verschmerzt haben würde. Um seine Bitte recht dringend zu machen, schickte der Müusterberger diesmal, da er selbst an sein bedrängtes Heer gefesselt — den eigenen Sohn an den Glvgauer Herzog. Er hatte schon früher sich an den Herzog Heinrich um Hilfe gewandt, die ihm zwar zugesagt, aber von einer Zeit. zur andern hinausgeschoben worden, jetzt galt kein Säumen, dringender als je erschien die Gefahr. Der Sohn des Müusterberger war zu jung für eine solche Sendung, er sollte auch nur die Wichtigkeit derselben andeuten, als wirklichen Abgesandten hatte er ihm seinen Liebling, einen jungen Feldhauptmann, mitgegeben, auf den er sein vollstes Vertrauen setzte und von dessen angenehmer Persönlichkeit und einnehmendem, herzgewinnendem Wesen er das Gelingen seiner Botschaft mit Sicherheit voraussetzte. Er war erst nach Ausbruch des Krieges zu dem Müusterberger Herzog und noch dazu als gemeiner Landsknecht gekommen, hatte aber in dem hartnäckigen Kampfe dem Herzoge treu und aufopfernd beigestanden und sich durch Muth, Ausdauer und Umsicht rasch bis zu seinem jetzigen Grade aufgeschwungen. Er war in seinem jugendlichen Feuer, seinem Scharfblick, seinen, trotz der niederen Geburt allgemein anerkannten ritterlichen Tugenden, eine Zierde des Heeres geworden. Ohne den Ucbermuth deS Emporkömmlings, besaß er doch jenen höher blickenden Stolz, der auf erworbenen Lorbeeren nicht auszuruhen vermag, sondern rastlos und entschlossen weiter streben muß. Wir finden in ihm den so schimpflich aus dem Schmicdchausc gejagten Ludwig wieder. Die angethane Schmach halte tief und lange an seiner Seele gezehrt; er war versucht gewesen, in dem ersten Anfall der heftigsten Erbitterung diesen elenden Burschen,, dem der Teufel selbst bei jenem Vorfall bcigcstanden haben mußte, zu vernichten und auch den Uebrigcn den Schimpf zurückzuzahlen. Aber bald siegte seine edlere Natur und er sagte tröstend zu sich selber: „Die 346 Zeit wird aufkläre», wer der Bessere war, denn sie reißt ja jedem Betrüger die Larve ab, aber räche» will ich mich doch an ihnen, wenn auch auf andere Ärr, sie sollen sehen, daß ich kein Verleumder war, und daß meine Seele stark genug ist, das zu erringen, was Jenem schon das Glück in die Wiege legte." Und doch, gerade diese Herde Erfahrung hatte ihn wunderbar verwandelt — den langsamen, schleichenden Tropfen aus seinem Blut hinausgeworfen und die Fesseln gelöst, die träumerisch seine Seele umsponnen. Der sonst etwas verschleierte Blick war frei und hell geworden, nnd richtete sich fest und unverwandt auf das hohe Ziel. Die Havd, — die ohne dies kränkende Ercigniß noch lauge spielend gewartet, bis irgend ein reiches, volles Glück an sie herangeschwomnicn, theilte jetzt unermüdlich die Wogen und strebte an's andere Ufer. Er mußte sein Leben tausendfach einsitzen, mutzte endlich ein Edler werden, wie Jener, um an der Stelle, wo man ihn so tief beschimpft, sagen zu können: „Bekennt, daß Ihr Euch getäuscht, daß in mir etwas Besseres lebt, als Ihr je geahnt." Lächeln wir nicht über diesen Gedanken! Der heitzcstc Sporn unseres Ringens und Strcbens ist so oft, ja fast immer, die winkende Theilnahme und Bewunderung unserer Freunde. Sagen zu können: „Seht! das wurden wir, das erreichten wir, trotz eures bedächtigen Kopfschüttelns," dünkt uns ein Glück, um dessen Erreichung wir alle Kräfte einsetzen msissen, und sind wir endlich am Ziel, dann hat uns wohl die Zeit gerade diesen Genuß entrückt, und die Freunde, um deren Beifall wir rangen und strebten, sind uns verloren und entfremdet, und das erziehende Schicksal hat unö längst durch eine tiefere Lebensanschauung über die Genüsse hinausgehoben, daß wir sie zu unserem Glücke nicht mehr bedürfen. Der Herzog Heinrich hatte die Gesandtschaft freundlich ausgenommen, und dieöma! allen Ernstes den schnellsten und thatkräftigsten Beistand zugesagt. Er halte nur auf diesen Augenblick gewartet, Boleslaus sollte sich entkräftigt, au Lein Münstcrbcrger die Zähne ausgelassen haben, dann würde ihm der volle, eingetheilte Ruhm des Sieges, und --- was noch mehr galt — die ungcthcilte Beute. Der halb vernichtete Münsterberger hatte beim künstigen Frieden auf eine Entschädigung keine Ansprüche zu machen, er mußte noch froh sein, daß ihm Schutz nnd Beistand geworden. And dann — sein Licblingswunsch war es ja stets, Boleslaus zu verjagen und dessen Sohn Wenzel zum Fürsten einzusetzen, unter dem Borgeben persönlicher Freundschaft für die Vertriebenen, wahrend ihn doch ein ganz anderer Beweggrund leitete. Ihm galt es nur, die an Boleslaus verlorenen Länder wieder zu gewinnen, nnd, wie er hoffte, diesmal für immer. In diese Pläne paßte die so augenscheinlich hervortretende Liebe Wenzels zu seiner Tochter Hedwig. Er hatte mit Freuden die früh aufkeimende Neigung desselben zu Hedwig bemerkt, eine Neigung, die sich mit den kommenden Jünglingsjahrcn zur heißesten, glühendsten Liebe gestaltete, und weit entfernt, diese aufsprossende Liebe zu dämpfen, ruhte sein Auge mit sichtlichem Wohlgefallen darauf. Er nannte sie oft scherzend das junge Brautpaar, und ließ Wenzel nicht im Mindesten fühlen, daß er eigentlich nur ein armer, vertriebener Fürstcnsohn; stand es doch Ä seiner Macht, ihm sein Herzogthum zu erobern, das sonst vielleicht für immer verloren Hing, wenn der Herzog eher als die Croatin starb, die dann gewiß die Herrschaft an jich gerissen haben würde. Glückte Alles, dann sollte der in feinem Ehrgeiz befriedigte, und ihm zu ewigem Danke verpflichtete Wenzel die geliebte Hedwig heimführen, und selbst wenn nicht Dankbarkeit, so mußte diese Heirath ein freundschaftliches Band zwischen den beides Fürstenhäusern herstellen und Wenzel übersehen lassen, daß Heinrich durchaus nicht so uncigen- nützig gewesen, indem er sich mit sicherer Gewandtheit den Löwenanteil, die irnher besessenen Ländcreicn angeeignet. Damit war dem ewigen Hin- und Herzerren, diesem fortwährend au? den Händen« reißen klüglich ein Ende gemacht. Heinrich blieb dann, durch die Freundschaft Wenzels geschützt, im ruhigen Besitz der wiedcrerworbcnen Lande, während, wenn er auf andere Weise zu deren Besitz gelaugt, die Fehde nimmer ein Ende gefunden hätti. Das war Alles in dem scharfsinnigen, gewiegten Kopfe des Herzogs reiflich überlegt worden, und nach diesem streng vorgezcichncten Plane mußte gehandelt werden. Stimmten nun diese Pläne und Berechnungen mit den Wünschen und Gedanke» der Betheiligten wirklich übcrcin? Der trotzige, wilde Jüngling Wenzel war noch derselbe, der er als Knabe gewesen. Reiten, Fechten, und alle die ritterlichen Uebungen sagten seinem unruhigen Geiste am meisten zu, nur tag in seinem ganzen Treiben etwas Exzentrisches, eine Hast und Unruhe, die stets mit Leidenschaft etwas schnell ergriff, um es eben so schnell wieder fahren zu lasten. Hcdwig war ein Paar Jahre jünger als Wenzel, aber schon eine völlig entwickelte, hochaufgeschossene Jungfrau, und wer die Beiden zusammen gehen sah, der mußte unwillkürlich ausrufen: „Ein schönes Paar." Welcher Stolz und Adel lag auf diesem schönen, fein geschnittenen Antlitz, welch' jugendlich begeistertes Feuer blitzte aus ihren Augen'. Auf ihrer Stirn thronte ein reiches, wunderbar entwickeltes Denken, und eine königliche Hoheit, die unwillkürlich Achtung abzwang, lag in ihrer ganzen Haltung, nur gemildert durch jene ächt weibliche Grazie, die allzustrenge Formen stets zart und duftig verschleiert. Es war ein mit Wenzel verwandter Fenrrgeiü. Dieselbe Thatenlust, — dasselbe Streben nach Außerordentlichem, Ungewöhnlichem, derselbe unbeugsame Trotz in dem Festhalten des einmal Erfaßten, das Alles waren Tugenden, würdig eines männliche» Geistes, und wenn der Herzog die Beiden auSreitcn sah und Hedwig iin kecken llebermuth mit Bolcslaus um die Wette dahin sprengte, murmelte er wohl auch selbstgefällig vor sich hin: „Ein schönes Paar, wie für einander geschaffen." Und doch, eben ihre so bewundernswürdige Achulichkeit in ihren Neigungen und ihrem Charakter bildeten eine Kluft, die sie über Kurz oder Lang für immer trennen mußte. Wenzel fühlte dies nicht. Sein jugendlich erregtes Auge sah nur in ihr das Weib, wie es eines Ritters würdig, die einstige Genossin seiner Thaten; mit abgöttischer Verehrung hing er an der Frühgeliebtcn und sein heißester Wunsch war es, sie sein nennen zu können, sobald es der Vater oder das Schicksal irgend zuließ. Hedwigs klarer, gedankenvoller Geist blickte tiefer. Sie ahnte bereits, daß Wenwl ihr niemals etwas Anderes werden könne, als ein theurer Bruder, weil sie in ihm nicht jene Saite fand, die trotz ihres etwas überkräftigcn.Gebahrciis dennoch tief und zart in ihr nachklang, die — des Gemüths. Sie harte in frühester Jugend von einem Sänger ein Gedicht gehört, in dem eine Königstochter einen armen Knappen mit ihrer Liebe beglückt und zu sich hinaufzieht. Das hatte wunderbar in ihr nachgeklungen und beschäftigte noch heute ihre Phantasie. In ihrem stolzen, hochwogenden Herzen lag dieselbe Sehnsucht, sich einst tief hinab- zubcugcn und den Niedersten durch ihre Hand zur Höhe zu ziehen. — Dieser künftige Glückliche sollte ihr Alles danken, in ihr ein gütiges Schicksal verehren, von dem er Licht und Wärme erhielt. Hedwig hatte bisher Niemand gefunden, der diesem Traumbild geglichen, denn vor Allem forderte sie von ihrem künftigen Geliebten jene Beweglichkeit des Geistes, die zum Besteigen eines Herzogsthroncs befähigte. Da hätte es ja etwas dem Vater und aller Welt abzutrotzen gegeben, uud das liebte ihre, mit jugendlicher Begeisterung alle Fessel» abstreifende Seele 348 Sie war lange, da ihre Mutter früh verstorben, die einzige verzogene Tochter des Herzogs geblieben, und so hatte sie sich früh daran gewöhnt, überall als Herrscherin aufzutreten. Später freilich war sie vielleicht zurückgesetzt und kühler behandelt worden, — als Herzog Heinrich noch einmal heirathetc, aber auch diese zweite Frau starb schnell hinweg, nachdem sie ihm zwei Knaben hinterlassen, — und so wandte sich die Liebe des Herzogs bald von Neuem seinem früheren Liebling zu und hielt sich leider nicht in jenen Schranken, die zu einer vernünftigen Erziehung erforderlich. Hätte der Herzog ahnen können, welch' phantastisch Gedankenspicl sich hinter dieser hohen Stirne regte, er würde aus seinen süßesten Träumen aufgeschreckt worden sein und hätte Vorkehrungen zu ihrer Abwehr getroffen. Das waren die Personen, mit denen Ludwig zu verkehren hatte. Der Herzog behandelte die Abgesandten, besonders den jungen Feldhauptmann, mit großer Aufmerksamkeit. Letzterer hatte ein angeborenes feines Taktgefühl, das ihn im Umgänge stets das Rechte treffen ließ, und dies erwarb ihm rasch des Herzogs ganze Hinneigung, die zuletzt eine solche Wärme annahm, daß ihn der Herzog nur ungern von der Seite ließ. Hcdwig schien Anfangs ihre übermüthige Laune auch an dem neuen Gaste ausüben zu wollen, begegnete aber einem so feinen, undurchdringlichen Widerstände, daß ihr Blick zum ersten Male mit einer gewissen achtungsvollen Scheu auf einem Manne ruhte. Die Rüstungen des Herzogs wurden mit großem Eifer betrieben, überall Schaaren geworben und ganz Glogau zu einem einzigen Waffenplatzc verwandelt, denn nur bis au die Zähne gewappnet von einem tüchtigen Heere gefolgt, wollte der Herzog dem Bricgcr den Fehdehandschuh hinwerfen, — und eine solch' ungewöhnliche Rüstung erforderte viel Zeit und Geld. Ludwig hatte dabei vollauf zu thun und da seine Gegenwart hier nöthiger war, als beim Münstcrberger, so blieb er auf die Einladung des Herzogs so lange dort, bis sich das Heer selbst in Bewegung setzen und zu den Verbündeten stoßen konnte. Nur die Abendstunden waren noch sein, in denen er im Park herumschweifte, oder sich ermüdet auf eine Bank des Schloßgartens warf. Dort fand er eines Abends eine Laute. Welch' schmerzliche Erinnerungen weckte nicht in ihm das Instrument! Er gedachte der Zeit, wo er Ulriken vollen Herzens seine schönsten Lieder vorgespielt und doch nicht ihr eitles Herz bewegt. Unwillkürlich langte er nach dem Instrument und griff einige Akkorde, die sich bald zu einem jener Lieder aus früherer Schmcrzcnszeit gestalteten. Ganz in seine Träume verloren, gewahrte der Spielende nicht, daß er einen aufmerksamen Zuhörer erhalten. Hedwig, die in weichen Stunden gern auf diesem Instrument spielte, hatte es dort am Nachmittage liegen lassen und kam jetzt, die Laute wieder zu holen. Sie war überrascht, — den Gast ihres Vaters, den sie nur für einen tüchtigen, anspruchslosen Kriegsmann gehalten, diese schöne Kunst ausüben zu sehen — und blieb schweigend in der Nähe stehen, um mit ganzer Seele diese Töne cinzusaugen. Endlich sah Ludwig auf und bemerkte die lauschende Hcdwig. Bestürzt wollte er sich entfernen, aber diese vertrat ihm den Weg und sagte: „O nein, so entgeht man mir nicht! Das Lied hat mich Alles gelehrt, — ich kenne jetzt unseres Gasteö Kummer." Er mußte lächeln, obgleich es ihm unangenehm war, sich vor diesem brauscköpsigen Mädchen in einer solch' weichen Stimmung gezeigt zn haben. Doch diese beseitigte seine Verlegenheit, indem sie von ihrer Vorliebe für Musik sprach, und bald hatten sich die Beiden in eine trauliche, gemüthanregcnde Unterhaltung hineingeplandert. 349 Ludwig bemerkte mit Vergnügen, daß in diesem anscheinend so übcrkräftigen, mann» lichcn Frauencharaktcr dennoch alle zarten Saiten eines ächten Weibes schlummerten, die ächt und melodisch wiedcrklangen, wenn sie eine geschickte Hand berührte. Alle Abend brachten von nun an die Beiden mit Spiel und Unterhaltung zu, was dem scharfblickenden Wendel Anfangs lächerlich und albern, später aber verdächtig erschien und seine Eifersucht erregte. Der fremde Hauptmann hatte dem jungen Wenzel wegen seines ritterlichen, besonnenen Benehmens in der ersten Zeit Achtung abgezwungcu, aber von seinem Lautcnspicl hörend, meinte er verächtlich: „Der Teufel hole alle Musik, die nicht zum Schwertertänze führt, wer die Laute schlägt, muß Unterröcke tragen." Eines Tages ritt der Herzog mit seiner Tochter, Ludwig und dem jungen Müuster- bergcr spazieren. Wenzel hatte sich unmuthig von der Partie ausgeschlossen. Man kam in den entlegenen Theil des Parkes. In der Ferne schimmerte ein Jagdhaus mit einem kleinen Thurm. Sie kamen näher und sahen, wie Plötzlich auf der Plattform desselben eine weiße Frauengcstalt erschien. „Mein Gott!" — rief ängstlich Hcdwig, „das ist Margareth, die ihrer Wärterin entsprungen sein muß." Und der Herzog fügte erläuternd hinzu: „Das ist Bolcslaus unglückliches Weib, die nicht eher Ruhe hatte, bis ich ihr dies Haus eingeräumt; hier scheint sie noch am ehesten Frieden zu finden, die Waldesstille thut ihr wohl " „Ich hörte, sie wäre längst todt," bemerkte Ludwig. „Ja, für die Welt," war die Antwort, „und ist sie nicht wirklich todt? Ihr Geist ist ja unheilbar verwirrt." Man sprengte auf das Gebäude zu, um ein Unglück zu verhüten. Aller Blicke wandten sich ängstlich auf die dort oben wie ein Irrlicht herumgaukclude Erscheinung. Aber kaum war man dicht herangekommen, da — vielleicht aufgeschreckt durch das Geräusch der Kommenden — streckte sie ihre Arme aus und schwang sich über das schwache Geländer in die beträchtliche Tiefe. Hedwig rief jammernd aus: „Sie ist verloren!" Und das gleiche Wehe durchzuckte die Anwesenden, deren Augen sich unwillkürlich auf den Boden richteten, wo die Aermstc, blutig, verletzt und verstümmelt, wenn nicht entseelt, liegen mußte. Doch nein — noch war sie nicht verloren, wenn auch bereits der Abgrund des sichern Todes vor ihrem Auge gähnte. Ihr Kleid war an einem äußeren Haken des Geländers hängen geblieben, und so schwebte sie über dem Abgrund, jeden Augenblick in Gefahr, daß der dünne Stoff völlig reißen und sie rettungslos in die Tiefe schicken konnte. „O Gott, noch ist es nicht zn spät," rief Hedwig aus, „um des Himmels willen rettet mir die Unglückliche!" Und sie eilte in beflügelter Hast, von ihrem Vater und dem Münsterbergcr HcrzogSsohne gefolgt, in das Gebäude, während Ludwig schnell entschlossen mit Gewandtheit an den vorspringenden Ecken dcd Thurmes hinaufkletterte, und zu derselben Zeit auf dem höchsten Absatz desselben festen Fuß fand, — als die Unglückliche herabzustürzen drohte. Er nahm sie in seine Arme, sie schien davon zusammen zu zucken und zur Besinnung zu kommen; das sonst so verstörte, verglaste Ange ruhte mit einem eigenen, wiedergekehrten Lichtschimmer auf Ludwig, der sie mit Hilfe der jetzt oben auf der Plattform Angekommenen über das Geländer hob und sich dann ebenfalls darüber schwang. Der Herzog dankte dem Netter in freundlichen Worten für seinen rasch gewagten Beistand, aber mehr wie dieses lohnte ihm ein einziger Blick aus Hedwigs dunklem Auge für feine kühne That. Sie hatte an der unglücklichen Margareth das lebhafteste Interesse genommen uiid 350 hing an ihr mit der Liebe eines Kindes, nnd diese hinwiederum klammerte sich in ihren lichten Augenblicken mit Innigkeit an das junge Mädchen an. Margareth zitterte jetzt am ganzen Körper und ihre Augen ruhten, wie das Geschehene selbst nicht begreifend, auf den Anwesenden, Der Herzog wollte Margarcth's Arm ergreifen, um sie in Sicherheit zu bringen; sie wehrte ihn aber heftig ab, und indem sie sich an Ludwig anklammerte, rief sie wild verworren aus: „Mein Sohn! Ja, ich habe dich! Ich höre das Klopfen deines Herzens, — so warm — so innig — ha, wie die Alte winkt — dort — dort ist er — auf dem weiten — weiten dunklen See, wie ich die Wogen zertheile — so nah, so nah, o unend. liches Glück, ich erreiche dich und die tausend Thränen, die langen finstern Nächte sind keln zu hoher Preis — ich habe dich gefunden und lasse dich nimmer los.* Sie hatte während des Sprechens Ludwig losgelassen, — und erst bei den letzten Worten eilte sie von Neuem auf ihn zu und drückte ihn mit fieberhafter Unruhe an die Brust. (Fortsetzung folgt.) Die Liebe am Grabe Am schwarzen GrabeSrande In dunklem Trauerkleid Steht tief in Schmerz versunken Und weinend eine Maid. Ihr Haupt umhüllt der Schleier, Ihr Auge deckt die Nacht: Wer ist dies Bild des Schmerzcus In dieser düstern Tracht? Es ist das Bild der Liebe, Die heiß am Grabe weint. Bis daß ein holder Knabe Am Trauerort erscheint. Das ist des Christen Glaube: Die Fackel in der Hand Weist er der Maid die Wege Ins bcss're Vaterland. Nun wird ihr Herz erweitert, Ihr Auge strahlt im Licht; Doch weint sie fort; — es trocknet DaS Licht die Thränen nicht. Da eilet eine Freundin Mitleidig noch herzu, Sie stillt den Schmerz der Liebe, Gebeut den Thränen Ruh. DaS ist die süße Hoffnung, Die tröstend sprint zu ihr: „Die Trennung ist nicht ewig, „Wohlan! so folge mir! „Ich führ' dich sicher über, „Wo dein Geliebter weilt, „Dort ist die Nacht zu Ende, „Dort ist der Schmerz geheilt!" Nun seh' die Lieb' ich wallen, Vom Glaubcnslicht erhellt. Begleitet von der Hoffnung Nach jener bessern Welt! - A. Nicdcl. „Der Schlaf ist, wie der Tod, ein großer Gleichmache!," — sagte Herr W. . . gähnend, und klappte ein dickes Buch zu, da er sich niederlegen wollte. „Goethe war, wenn er schlief, nicht größer, als irgend ein anderer Sterblicher, also bin ich, wenn ich schlafe, eben so groß, wie Goethe." — „War Goethe Ihnen, Ihrer Meinung nach — wenn er schlief, iu jeder Beziehung gleich?" fragte sein Freund. — „Ganz gewiß," erwiderte Herr W^. . . — „Dann muß Goethe ein schrecklicher Schnarcher gewesen sciu." Eine Klosterhetze und das Hausrecht in England. Vor 16 Jahren machten sich zu St. Benno, bei Asaph in der Grafschaft L: Es die l' Jesuiten ansäßig. Sie bauten auf einem reizenden, das ganze Thal beherrschenden Hüget ein großartiges Convcnt; weithin blickt es, einem Ritterschlosse ähnlich, überrag: von einer herrlichen gothischen Kirche; in ihm weilen mehr als 60 Konvcntualcn in ihrem OrdcnSltcidc. Einer hochkirchlichcn Lady in der Thalticfe war das Entstehen dieses Con- vcntes ein Dorn im Äuge; Tag und Nacht ließ es ihr keine Ruhe; denn schon strömten die Hochkirchlcr haufenweise hinauf zu den Predigten der Schwarzröckc. Mit geistigen Waffen wollte die Lady diese Feinde bekämpfen. Sie baut in der Thattiefe auf ihre Kosten eine großartige Kirche und stellt einen als Redner berühmten Pastor dazu an; dieses Alles sollte die Thalbewohncr vom Hinaufsteigen nach St. Benno abbringen. Doch was geschieht: ein Professor von Oxford wurde Convcrtit und trat in das Jcsuiten-Cvllegium zu St. Bcuno. Da der Pastor im Thale und der Convcrtit zu Oxford Freunde gewesen waren, so machte der Convcrtit seinem Freunde öfter einen Besuch; sie unterrcdeten sich gerade über Rcligionsgegcnständc. Die Tochter des Pastors, eine schöne 19 jährige Blondine war oft bei diesen llntcrrcdungcn, und wanderte in Folge dessen bald hinauf zu den Predigten in Si. Bcnno. Eines Tages nun erklärte die Tochter ihrem Vater allen Ernstes, daß sie katholisch weiden wollee. Der Pastor stutzte anfangs, erklärte jedoch als freisinniger Engländer, daß er diesem ihren Vorhaben kein Hinderniß in den Weg legen wolle, daß sie das freie Bestimmungsrecht, den eigenen Verstand habe. Und wirklich legte die Pastorstochtcr in St. Benno das katholische Glaubensbekenntnis; ab. Darüber gcricth nun die fromme Hochkirchncr-Lady und die ganze hochgläubigc Umgebung in Wuth; die Lady fanaiisirte das Volk und selbst den Bürgermeister derart, daß ein Haufen von mehr als 2000 Menschen mit Brechstangen, Schaufeln, Pickeln, Waffen und Knitteln nach dem Hügel aufbrach, um St. Benno der Erde gleich z'u machen. Unter Jauchzen und Brüllen ging es mit dem Bürgermeister an der Spitze dem Convcnte zu Der Pater Rektor, ein Engländer, sah die furchtbare Rotte herannahen. Ruhig ging er dem Haufen bis an's geöffnete Thor entgegen. WaS wollen Sie hier? fragte er den Bürgermeister? Das Nest ausbrennen, zerstören, antwortete der Bürgermeister. Gut, erwiderte der Rektor, Sie können es thun. Sie k.nncn aber auch die Strenge der englischen Gesetze über das Hansrccht. Die Gemeinde wird, wenn Sie unser Convcnt zerstören, es auf ihre Kosten wieder ausbauen und uns schadlos halten müssen. Heilig ist das Eigenthum, heilig das Hansrccht! Nun thun Sie, was ihnen beliebt. Der Bürgermeister gebot dem Haufen Ruhe und erklärte ihm die Worte des Rektors. Der Mann hat Reche, sprach er. Und ruhig, und ohne einen Stein zu verletzen, zog die Menge wie durch ein Sturzbad abgekühlt von danncn. Solche Macht übt das einzige Wörtchen: „Eigenthum, Hansrccht" in dem hochkirchlichen England aus. Ich habe dieses aus des R.Uors eigenem Munde. Noch steht St. Benuo unverletzt und die Patres wandern im schwarzen Habit ruhig im Convcnte umher. Was sagen denn unsere freisinnigen Kloster- stürmer zu Krakau, Prag, Berlin, Graz u s. f. dazu? (N. T. St.) (Eiserne Stuben- und Schul-Ocfen.) Da in Deutschland sowohl wie in Frankreich von vielen Seiten behauptet worden war, daß die Heizung eiserner Zimmeröfen durch ausstrahlende Entwicklung von Kohlenoxydgas die Stubcnluft verpeste und so vielfach Veranlassung zu tiefgreifenden schleichende» Gesundheitsstörungen biete, so ernannte die Akademie der Wissenschaften zu Paris jüngst eine wissenschaftliche Kommission zur technischen und experimentalen Untersuchung dieser für die öffentliche Gesundheitspflege ss wichtigen Kohlcnoxydfrage. Diese Kommission veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Untersuchungen, die sich in folgenden Sätzen kurz zusammenfassen: 1) Im Allgemeinen leiten alle metallenen Heizapparate und gußeisernen Oefen und Ofenröhren ohne Ausnahme beim 352 Gebrauch bedeutende Mengen Kohlenoxyd auö dem Feuer in die Zimmerluft über. 2) Dieses Ncbcrleiten des giftigen Gases ist durchschnittlich weniger energisch bei Oefcn von Eisenblech und nicht zu dünnem Kcfselblech. Die Kommission hat ferner als neue Wahrnehmung nachgewiesen: 3> daß die normal in der Lust enthaltene Kohlensauere (4 — 6 Zehntausend-Velumcnthcilc), besonders aber die von unsern Lungen auögcathmetc und von der Haut verdunstende Kohlensäure (in Schulzimmern und Hörsälen bei 1ü" D manchmal sieben pro Mille der AthmungSluft betragend) bei Berührung mit rothglühenden eisernen Oefenivändcn ununterbrochen in Kohlenoxyd umgewandelt werde und das so entstehende geruchlose Kohlcnoxydgift sich der Athmungsluft beimenge. Auf Grund dieser Beobachtungen empfiehlt die Kommission der Akademie der Wissenschaften: man solle gußeiserne Oefen im Innern mit feuerfesten Ziegeln ausfüttern und sie außen mit einem Mantel von Eisenblech umgeben, der eine freie Cirkulation von Lust gestatte, die mit einem gut ziehenden Kamine in Verbindung stehe. * (Ein Gott zu Vclociped!) Die Hindu's in der Umgebung von Bombay erwarten große Ereignisse. Ihr Gott Wischn», der nach alten Traditionen den Gläubigen auf feurigem Wagen erscheint, hat sich unserer gottlosen Zeit erbarmt und ist, wahrscheinlich um seine Verehrer vor der Pest der Civilisation zu behüten, wieder auf die Erde zurückgekehrt. Mehrere bei der Stadt Bombay wohnende Jndicr sahen nämlich bei verschiedenen Gelegenheiten eine Gestalt auf feurigen Rädern in dunkler Nacht um- herfahren und hatten natürlich nichts Eiligeres zu thun, als in den Staub zu fallen und zu warten, bis das höchste Wesen des Hindu dem irdischen Auge entrückt sei. Es unterliegt natürlich keinem Zweifel, daß der Mann auf deni feurigen Nade Wischn» in Person gewesen sei, obgleich das ungläubige Christenvolk von Bombay eine ganz andere, aber vom höheren Standpunkte der Wischn»-Theologie gar nicht beachtcnswerthe Theorie, aufgestellt hat. In Bombay behauptet man nämlich, die neue Jncarnation des Wischnu sei Niemand anders, als ein gewisser Herr Kamp, welcher das erste Velocipcd in Indien eingeführt hat, und — da ihm die Sonne dort zu heiß ist, — seine Strampelbcim Uebungen bei finsterer Nacht anstellt. I» der Kunstausstellung. Schlaft ruhig fort, ihr alten Meister, Um's edle Haupt den Lorbecrkranz, Von all' den Jüngern, die hier prunken, Verdunkelt Keiner euren Glanz. Gar viele schlichen unberufen Sich ein in disscs Heiligthum; D'rum nichtig, wie der Eintagsfliege Vergänglich' Dasein, ist ihr Ruhm. Viel Flachheit un' Viel Haschen nach ' Viel Cult der na Die Signatur dei Ob auch an technischer Vollendung Manch' Werk von euch den neuern weicht. An genialer Kraft und Tiefe Bleibt ihr doch ewig unerreicht. Ein Dutzend flücht'ger Pinselstriche Von eurer kräfl'gen Meisterhand Beschäftigt mehr den Geist, als hundert Moderne Bilder an der Wand. Jdcenarmuth, Effekt und Gunst, tcu Sinnlichkeit ist neuen Kunst. lsttl- liiedtl. Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von 0r. M Huttler. Aro. 45. 7. Novbr. 1869. Augsburgev > Der Größe Mißbrauch ist, wenn von der Macht Sie das Gewissen trennt. Shakespeare, Julius Cäsar, Akt 2. Scene 1. Die Hand. (Fortsetzung.) .Sie glaubt, ihren Sohn wieder gefunden zu haben," sagte mitleidig der Herzog, .armes Weib!" ,Ja, armes Weib, mit ihrem liebreichen, gebrochenen Mutterherzen!" seufzte Hedwig. Ludwig erschien dies Alles fremd und räthselhaft, — bis ihm der Herzog durch Erzählung all' jener düstern Ereignisse, so weit sie ihm selbst bekannt, den lösenden Schlüssel dazu gegeben. Margareth war ruhiger geworden, als man heruntergestiegen. Sie wurde auf ein Bett gelegt, wo sie bald in einen wohlthuenden Schlaf fiel. Als man anderen TageS sie besuchte, schien sie den ganzen Vorfall vergessen zu haben, und starrte gedankenlos auf die Kommenden. Wie nahe schlugen sich die beiden Herzen! Hätte der freundliche Zauber bis heute bei Margareth angehalten, dann würde dieser so sonderbare Umstand Aufsehen gemacht und zu der glücklichen Entdeckung geführt haben, daß die arme Margareth in ihrem düstern Traumleben dennoch so licht und scharf gesehen, um das Herz ihres Sohnes in einem wunderbaren, durch ihre Krankheit geschärften Instinkt herauszufinden. Ludwig hatte sich zwar in den letzten drei Jahren bedeutend verändert, die weichen, träumerischen Züge waren fest und dem Schicksale trotzend geworden. Ein voller Gart umrahmte sein Gesicht — und doch war immer noch Ähnlichkeit genug mit Margareth vorhanden, die den durch das Benehmen derselben aufmerksam Gewordenen nicht entgehen konnte. Man würde dann nach Ludwig's früheren Schicksalen gefragt haben und das entdeckte Mal hätte Margareth die beseligende Ueberzeugung bringen müssen, daß ihre Sehnsucht gestillt und sie ihren Sohn wieder gefunden habe. Ihr heutiges Zurücksinken in die alte Nacht sollte die beiden sich so liebend suchenden Herzen noch lange trennen, — denn ihr gestriges Benehmen konnte man nur für eine krankhafte Erregtheit halten, die, ohne tiefere Bedeutung, eben so rasch verschwunden, — wie sie entstanden. „Ihre Nacht wird sich wohl nie aufhellen," bemerkte Hedwig nicht ohne Schmerz, .und doch — gestern schien es wie ein erlösender Lichtstrahl durch ihre Seele zu zucken, «nd daß dieser Lichtfunkc wieder spurlos vorübergegangen, scheint mir ein schlimmes Zeichen." Aber, wenn auch dies so spurlos an Margareth vorübergegangen, — in Hcdwig's Herzen hatte es sich um so tiefer eingelebt. Diese rasche — entschlossene That im drängenden Augenblick hatte ihr wieder ganz andere Seiten in dem Charakter Ludwig's enthüllt. Er schien sonst gar so besonnen, so zögernd, und doch, wie anders — wie rasch «nd kühn hatte er hier gehandelt, und wo wir mit unseren Vorurtheilen aus dem Felde geschlagen werden, da ist die nachhcrige Verehrung um so größer, denn wir haben ja, wenn auch nur heimlich, gethanes Unrecht gut zu machen. 354 Auch Ludwig wurde von der Kundgebung ihres warmen, theilnehmenden, offene» Herzens überrascht und fühlte sich mehr als je zu einer Erscheinung hingezogen, die bei oll' ihrem brausend-männlichen Geiste und aufschäumenden Wesen immer noch ein Frauen- 'hrrz bewahrt, und so warm und liebevoll für eine Unglückliche zu sorgen verstand. Dieses gegenseitige Sichbesserfinden mußte auch die Herzen näher zu einander führen, nur fand unter dem Geräusch der Kampfvorbereitungen der neckische Gott nicht Zeit, die Fackel völlig anzuzünden, denn bald darauf zog der Herzog Heinrich zum blutigen Strauß aus den Mauern Glogaus, um unerwartet in die Lande Boleslaus einzubrechen «nd seine strdnge Forderung: ehrenvoller Friede mit dem Münsterberger, Abtretung des HcrzogthumS an Wenzel, Vertreibung der Croatin und Ausnahme Margarethe — an Boleslaus zu stellen. Hedwig begleitete ihren Vater, wie dies Alle ganz natürlich fanden. Auch Ludwig war in des Herzogs Gefolge, da er auf Bitten desselben völlig in seine Dienste getreten war, gewiß nur, um in der Nähe Hcdwigs bleiben zu können, während er sich selbst überredete, daß es nur des größeren Wirkungskreises wegen, der sich ihm hier darbiete, geschehe. Wenzel machte sich kein Gewisien, gegen den eigenen Vater in'S Feld zu rücken. — „Er hat's an mir verschuldet — aber nein, es gilt nicht ihm, nur der Croatin," tröstete « sich selbst; „nnd nur die arme Mutter will ich räche». — Wahrt EuchI" VII. Nichts ist süßers, als zwei Treue, Wenn sie eines worden sein. Dieß ist's, daß ich mich erfreue Und sie gibt ihr „Ja" auch d'reiu. Mir ist wohl bei höchstem Schmerze, Denn ich weiß ein treues Herze. Paul Flemmiug. BoleSlauS war von diesem gewaltigen Flankenangriff überrascht worden, und in mehreren Feldschlachten geschlagen, mußte er sich mit den Trümmern seines Heeres auf Brieg zurückziehen, — das jetzt Heinrich in Gemeinschaft mit dem Münsterberger zu belagern begann. Obgleich die Stadt von der Willkühr des Herzogs oft heimgesucht war, leistete sie ihm doch den größten und aufopferndsten Beistand, und nur ihrer wackeren Haltung, ihrem Heldenmuthe hatte er die so lange und kräftige Abwehr des Feindes zu danken. Durch häufige kühne Ausfälle vereitelten die Belagerten oft in wenigen Stunden Wochen lange Bemühungen der Belagerer. Einer dieser Ausfälle hätte beinahe unglücklich für die Belagerer enden können. Drei tollkühne Bursche, von einem Ueberläufer geführt, — den die Croatin durch schweres Geld gewonnen, hatten sich bis zum Zelt des Herzogs geschlichen, in dem dieser allein mit seiner Tochter schlief. Die Wache wurde geräuschlos überwältigt und die Mörder schlichen in das Zelt, wo sogleich zwei an das Lager stürzten; dieser aber, durch das Geräusch geweckt, hatte schnell nach seinem Schwerte gegriffen, — und ehe jene zum Schlage ausholen konnten, stand der Herzog schon kampfbereit ihnen gegenüber und die Klingen durchkreuzten sich. Unterdeß war der dritte Mörder an Hedwig's Lager geschlichen, welche fest und glücklich schlief; ein süßer Traum schien ihre Lippen zu küssen, denn sie lächelte mild und freundlich, wie man's im Leben selten an ihr gewohnt. Ungerührt von dem entzückenden Bilde friedlicher Ruhe, welches sich den mordgierigen Blicken des Gesellen darbot, erhob dieser den bewaffneten Arm, das Schwert zuckte über dem schönen Opfer, — da durchschnitt in demselben Moment eine scharfe Klinge den gehobenen Arm, daß das Schwert klirrend zu Boden fiel. 355 Hedwig erwachte, übersah die Scene und blickte mit seelenvollem Dankgefühl i» die Angen Ludwig's. Denn er war cS, — der noch im rechten Augenblick als rettender Engel erschienen. Ihn hatte der Schlaf geflohen, und von einer unerklärlichen Unruhe getrieben, war er beim herzoglichen Zelte auf- und abgewandert, um in der Nähe Hedwig's weilen und au sie denken zu können. So hatte er die verdächtigen Gestalten heranschleichen gesehen, und stand nun mit Blitzesschnelle im rechten Augenblicke an dem Orte der Gefahr. Noch war indeß zum Austausch von Worten zwischen den Liebenden keine Zeit. Erst eilte Ludwig dem Herzog zu Hilfe, der sich bis dahin wacker gegen seine Angreifer vertheidigt hatte. Mit Ludwig's Erscheinen sank den Angreifern der Muth, sie wollten sich ergebe», aber schon drangen die von dem Waffcnlärm herbeigezogenen Leute des Herzogs in das Zelt und hieben in Erbitterung die Mörder erbarmungslos nieder. Der Herzog gab Ludwig die Versicherung, ihm diesen Liebesdienst in dankbarer Erinnerung zu bewahren und jede Bitte zu erfüllen, die er in Zukunft an ihn stellen würde. In die Herzen der beiden Anderen schlug dieß Ereigniß wie ein zündender Blitz und die Flammengluth der Liebe lohte in voller Leidenschaft in ihnen auf. In den seligen Stunden, die sie von nun an verlebten, preßte Hedwig den Geliebten oft stürmisch an die Brust, als wollte sie ihn wahren und schützen vor aller Sorge, aller Noth und muthig durch alle Hindernisse zum schönen, großen Ziele tragen. Der sonst so besonnene Ludwig wurde mit in diesen Gcfühlswirbel hineingcrissen. Sein so lange verschlossen und ruhig gehaltenes Herz war plötzlich aufgebrochen und die darin heimlich schlummernde phantastische Gluth verdunkelte sein sonst so klares Denken. Er halte ihr offen und ehrlich mitgetheilt, daß auf ihm «der Fluch einer dunkel» Geburt laste, und daß er nur ein Findling und nie wagen dürfte, nach ihr die Hani» auszustrecken. Statt ihn nach diesem Bekenntniß zu fliehen, schloß sie ihn um so inniger an die Brust. Das Ideal ihrer Träume war ja gefunden; so arm, so verachtet und doch so edel, hocherhabcn sollte Derjenige sein, dem sie ihre Liebe schenkte, und sie fühlte die Kraft, um seinetwillen einer ganzen Welt zu trotzen — und zu zeigen, daß ihre Liebe stärker als der Tod. Sie hatte Muth genug, dem Sturme zu trotzen und schaute sorglos in den blauenden Himmel, obwohl sich daran schon ein leichtes Wölkchen zeigte, eines von denen, die so unscheinbar und luftig, die finstersten Wetter in ihrem Schooße tragen. Der Herzog bemerkte längere Zeit nichts von dem so innigen und unauflösliche» Anschluß der beiden Herzen und hielt den wackern Hauptmann von Hedwig durch den Gedanken, daß sie eines Herzogs Tochter, — entfernt genug, als daß nicht gerade der Umgang mit diesem der unschädlichste und einflußloseste von Allen. Als Wenzel, der mit grollend unmuthiger Laune die Liebenden längst durchschaut, im eifersüchtigen Miß- muth gegen den Herzog Worte von einem Liebesvcrhältniß fallen gelassen, hatte er zwar befremdet aufgeblickt, dann aber gleich geantwortet:' „Pah — sie ist meine Tochter und stolz wie eine Königin!" Auf Wenzel machte das Gewahrwerden dieser heimlichen Liebe einen vernichtenden Eindruck. Er liebte Hedwig, und jetzt, da sie sich von ihm gewandt, mit um so heftigerer, an Wahnsinn grenzender Gluth. Jede kleine Gunstbezeugung, die früher ihm zu Theil geworden, und jetzt au Ludwig verschwendet wurde, schnitt ihm wie ein Dolchstich in's Herz. Er hätte laut aufschreien und seinen glücklichen Nebenbuhler ermorden mögen. — Dann wieder tröstete er sich, daß es nur ein flüchtiges Spiel sei, welches Hedwig mit 356 dem verlaufenen Burschen treibe, und sie würde gewiß wieder zu ihm zurückkehren, der ihr ebenbürtig und seit der Kindheit Tagen ihr als Mann bestimmt. Hcdwig bemerkte jetzt zuweilen einen spähenden Blick ihres Vaters, der ihr stolzes, offenes Herz wie ein Messer durchzuckte und sie zu dem Entschlüsse drängte, lieber sogleich Alles auf einen Wurf zu setzen, als sich überwacht und beobachtet zu sehen. Eines Abends, als sie mit ihrem Vater allein in seinem Zelte saß. eröffnete sie ih» ihr Herz und bekannte ihm ihre tiefe, unauslöschliche Liebe. Sie hatte Aufbrausen, den heftigsten Widerstand erwartet und war erstaunt, ihre» Vater bei dieser Eröffnung so ruhig, ja fast gütig zu finden. Sie schob es auf seine Dankbarkeit gegen Ludwig und auf das Versprechen, ihm eine Bitte, selbst die kühnste, zu erfüllen. Aber der schlaue, gewandte Herzog dachte nicht daran, er kannte nur den Charakter seines Kindes viel zu gut, um nicht zu wissen, daß ein schroffes Ankämpfen gegen ihren Willen gerade ihren entschlossensten Trotz hervorrufen würde, und er liebte allzusehr sei» Kind, um einen solch' hartnäckigen, vernichtenden Kampf heraufzubeschwören. Den Unwillen über diese tiefe Verirruug verbergend, und als ob es nur die Ehre Hedwigs erheische, erwiderte er freundlich: „Nein, H^wig, noch verdient er nicht eiucr Herzogs - Tochter Hand, er mag durch irgend eine kühne That beweisen, daß er deiner würdig ist." Eine solche Idee mußte in Hedwig's romantischem Kopfe sogleich lebhaften Anklang finden, und sie erwiderte begeistert: „Ja, das wird Ludwig, er ist eine edle Natur, die muthig nach der höchsten Palme ringt. Schon längst ist er dieses entschcidungslose« Kampfes müde, und wen» er diese That vollbringt, Vater — dann?" „Dann ist er deiner würdig!" „Dank, herzinnigen Dank, — mein Vater, doch halt — bestimme, welche That du meinst!" Der Herzog schwieg einen Augenblick und starrte sinnend vor sich hin. Endlich sagte er gedehnt und mit Betonung: „Nun denn, er mag mir BolcSlauS todt oder gefangen bringen." „Das ist abenteuerlich, das kann er nicht; was dir mit deinem ganzen Heer nicht gelungen, soll der Einzelne ausführen?" „Sticht?! — dann ist er ein gewöhnlicher Mensch, der deiner nicht werth!" „Aber das Unmögliche vermag er nicht zu leisten!" „Das Höchste muß vollbringen, wer nach dem Höchsten trachtet!" Hcdwig blickte einen Augenblick fest auf ihren Vater, als wolle sie seine innersten Gedanken erforschen, — und als sie seine unerschütterliche Ruhe bemerkte, entgcgnete sie stolz: „Ich kenne ihn, er wird es wagen! Doch, wie viel Leute stellst du ihm zur Verfügung?" „So viel er braucht! Doch, je weniger Mannschaft, desto größer ist sein Ruhm!" war die gelassene, berechnende Antwort. Hcdwig entfernte sich, den Ausgang ihrer Unterredung Ludwig mitzutheilen. Es hatte des Herzogs ganzer Gewandtheit bedurft, dem durchdringenden Blick seiner Tochter mit geschlossenem Visir zu begegnen, denn hinter dieser unbeweglichen eiserne« Maske von Nutze und Gleichgültigkeit bargen sich die feindlich dunkelsten Gedanken. Die Dienste Ludwigs und die Nettung vom Tode waren vergessen, — er sah nur noch in ihm den gemeinen, niedrigen Eindringling, der es wagen wollte, sich in ein altes, hohes Fürstenhaus auf jämmerliche Weise einzustehlen und seine süßesten, Jahre laug gehegten Pläne zu durchkreuzen. Darum diese Bedingung, die ihn unfehlbar dem Untergänge weihen mußte. Wie konnte Ludwig mit einer Handvoll Leute eine That vollbringen, die ihm mit einem ganzen Heere nicht gelungen?' So rechnete er und sah daher ruhig den Vorbereitungen deS kecken Abenteurers zu." Ludwig fühlte, als er von Hedwig die Bedingung des Herzogs hörte, daß mau ihn in den Tod schicken wolle, und doch war's ihm ein eigenes Wohlbehagen. Das Leben ohne Hedwig hatte für ihn ohnehin keinen Werth; warum es nicht wegwerfen, wenn er in diesem Augenblick zugleich nach dem Höchsten streben konnte? Mit voller jugendlicher Begeisterung versprach er Hedwig, sein Wort zu lösen. Er bat sich nur fünfzig Mann Begleitung aus, das Wagniß zu bestehen, doch unter dem Beding, daß der Herzog am Tage vorher einen allgemeinen Sturm versuche» und so die Belagerten ermüden solle, damit ein nächtlicher Ueberfall mit so wenig Leuten nicht gerade aller Aussicht und jedes Erfolges baar sei. Der Herzog mußte nach einigem Zögern darein willigen und gewahrte wohl, daß sei» im eigenen Lager aufgetauchter Feind mit der größten Umsicht zu Werke gehe. Der Angriff des Herzogs war gemacht und wie immer zurückgeschlagen worden. Ludwig rüstete sich jetzt zu seinem kühnen Handstreich. Er wollte von Hedwig Abschied nehmen, da trat sie ihm in voller Rüstung entgegen. „Wo willst du hin?" fragte Ludwig erstaunt. „Zu dir, Ludwig, um an deiner Seite zu kämpfen!" „Nein, Hedwig, das darfst du nicht, um unserer Liebe willen, das darfst du nicht; wenn ich fallen soll, dann laß es mich in dem beglückenden Gefühle, — allein unterzugehen." „Und was wäre mir das Leben ohne dich? Ich muß dich begleiten, dich schützen, wir licgt's so kalt, so ahnungsschwer auf dem Herzen!" „Und willst du deinen Vater rasend machen?" entgegnete Ludwig; „glaubst dn, wenn ich an's Ziel gelange, er würde mir es je verzeihen, — dich schonungslos dieser Todesgefahr ausgesetzt zu haben?" „O, laß sie hasten und verfolgen, wenn wir uns nur recht innig lieben, dann ist Alles gut!" — entgeguete Hedwig warm und begeistert. „Aber meine eigene Ehre, Hedwig! fordert, daß ich allein den Strauß auskämpfe," bemerkte Ludwig entschieden. „Willst du mich zum Spott des ganzen Heeres machest? Bleibe hier, Geliebte, wenn ich glücklich wiederkehre, dann bin ich deiner ganz würdig." Sie kämfte lange mit sich selbst, — aber die Liebe brach zum ersten Male ihren eisernen Willen. Ihn noch einmal stürmisch an die Brust drückend, rief sie innig aus: „Geleite dich Gott!" und schritt dann fest und entschlossen ihrem Zelte zu. Eine sternenlose, trübe Nacht begünstigte das Wagniß, und an einer von dem Feinde für unzugänglich gehaltenen und darum am wenigsten bewachten Stelle erklomm die kecke Schaar, Ludwig an der Spitze, die Mauer. Lautlos sank der dort halb im Schlafe stehende Wachtposten, von dem Schwerte deS Führers durchbohrt, zusammen. Vorsichtig schlich man nun hinunter in die Stadt. Nichts regte sich in den öden, finstern Straßen. Ein von Ludwig mitgenommener Ueberläufer zeigte den Weg zum Schlosse. Plötzlich hörten sie an dem oberen Ende der Straße Geräusch; ein Zug mit Fackeln kam von dort herab. „Zurück in die Seitengasse!" befahl Ludwig leise; aber ehe noch dieses Manöver völlig ausgeführt werden konnte, drang der ankommende Trupp auf sie ein. Es war die Croatin, die mit noch größerer Umsicht als der Herzog die Belagerung leitete, und rastlos überall erschien und sich zeigte, um anzuspornen und die gesunkenen Kräfte zu beleben. Nicht allein, daß ihr feuriges Blut sie zu uncrmüdetcr Thätigkeit antrieb, mochte auch die Furcht vor dem Schicksal, das ihrer wartete, wenn die Stadt in des Feindes 358 Hände fiel, fie zu verdoppelten Anstrengungen drängen. War doch der junge Löwe im Lager, der das Unglück seiner Mutter zu rächen hatte! Die Croatin hatte auch heute wieder, von ihrer gewöhnlichen Unruhe getrieben, mit einem kleinen Gefolge die Stadt durchstrichen und langte jetzt zu Ludwig's Verderben au. Dieser stürmte sogleich, da ein Ausweichen nicht möglich war, auf die Kommenden ein, um sie zu überraschen, und da sie in der Minderzahl, rasch unschädlich zu machen. Die Croatin hatte kaum diese Ueberlcgenheit der Angreifer bemerkt, als sie vermittelst einer Signalpfeife ein schrilles Allarmzeichen ertönen ließ, worauf sich die Straße Augenblicks zu beleben begann. AuS allen Thüren stürzten Bewaffnete, — so daß sich die kleine Schaar bald vollständig umringt und verloren sah. Ludwig selbst kämpfte in den vordersten Reihen, er suchte, keinen Ausweg der Rettung sehend, den Tod und blutete schon aus mehreren Wunden, da stürzte, von dem so hartnäckigen Widerstände desselben gereizt, die Croatin mit geschwungener Waffe auf ihn ein und rief: „Glb dich gefangen, Ihr seid doch Alle verloren!" „Einem Weibe nicht!" cntgegncte Ludwig, und statt fernerer Antwort sauste sein Schwert hernieder. Doch die Croatin war dem Streiche ausgewichcn, setzte dem von seinem Blutverluste erschöpften Ludwig hart zu und rief lachend: „Gerade dich, Trotzkopf, will ich lebendig haben; herbei, fangt ihn!" Auf diesen Ruf stürzten schon einige Feinde von hinten auf ihn zu, wanden dem halb Ohnmächtigen das Schwert aus den Händen und rissen ihn nieder. Die Croatin nahm einem Bürger die Fackel aus den Händen und leuchtete damit in's Gesicht ihres so entschlossenen Feindes. „Ah, ein hübscher Bursche, gewiß der Anführer der tollen Schaar, tragt mir ihn aufs Schloß!" herrschte sie den Umstehenden zu, und ihr Blick ruhte wohlgefällig auf der kräftigen, schönen Jünglingsgestalt. In Ludwig's Brust wogte ein einziger, dumpfer Schmerzensschrei: „gefangen!" — In den Tod zu gehen, das hatte er gewollt, das war schon und muthig, aber jetzt in den Händen eines elenden Weibes! In seinem Herzen brannte eine Fackel der Verzweiflung, düsterer, verheerender, als seine Träger in den Händen hielten. Er schloß endlich die Augen und eine tiefe Ohnmacht legte sich bleischwer auf seine zerquälte Brust. (Fortsetzung folgt.) Der Arme. Der Arme hüte ja sich, wie ein Kranker, Nichts über sein Vermögen erst zu wollen! Denn dann empfindet er erst seine Schwäche, Die Kraft genug ihm war, so lang er ruhte Auf seinem Krankenbett: das Nächste sich Herbeizulangcn; dann empfindet er Erst recht, was Alles ihm gebricht, nnd trüb Und schwer versinkt er in sein tiefes Leid. Darum, geduldig iu dem Kreis verharren, Den uns ein Gott gezogen, gibt uns Stärke Des Stärksten, Freude selbst des Freudigsten. Leop. Schcfer. 359 Protestantische Touristen bei Pins LL- *) (Ein Vorfall jüngster Zeit.) Eine Anzahl Preußischer Touristen, bestehend aus Predigern mit ihren Frauen, sowie aus Professoren und Künstlern, machte jüngst eine Reise in Italien, indem sie von dem ermäßigten Eiscnbahntarif Gebrauch machte, welcher den Preis einer sog. „Rundreise" um 45 pCt. vermindert und einem Billet 40 Tage Giltigkeit verschafft. Diese Herren baten bei ihrem Aufenthalt in Rom um eine Audienz beim heil. Vater und es ward dieselbe ohne Anstand gewährt. Die Frage stellt sich ihnen nun hier, zu wissen, bis wie weit ihre persönliche Würde und Stellung es ihnen erlaubte, dem Ceremonie! zu gehorchen, welches vorschreibt, daß man vor seiner Heiligkeit niederknien und seinen Fuß küsse. Der heil. Vater aber, von diesem Bedenken unterrichtet, sagte: „Mögen sie thun, was ihnen ihr Herz eingeben wird!" Die Audienz fand statt. Die Reisenden traten ein und augenblicklich — die einfache und doch so majestätische Haltung des Papstes, sein so reiner milder Blick, der so sympathetische Klang seiner Stimme — Alles das ergreift sie so lebhaft, daß sie unwillkürlich im hergebrachten Ceremonie! darinnen sind, ohne es zu wollen. Die größten Zndifferentisten, ja selbst die Feinde des Papstes gestehen: eine geheime Kraft geht- von diesem Manne aus, etwas wie Kraft des Statthalters Christi. Mit Salbung sprach der hl. Vater zu den Versammelten von den Hoffnungen der Kirche und drückte seine Freude darüber aus, Christen um sich zu sehen, welche trotz ihrer Uneinigkeit „unter sich und mit ihm" dennoch seine Kinder seien. Darauf sagte er mit bewegter Stimme folgende Worte: „Ich will Euch den Segen des Statthalters Christi geben. Wenn ihr auch an den Stellvertreter Christi noch nicht glaubet, so werdet Ihr wenigstens den Segen eines Vaters empfangen." Das ist dieselbe hohe Gesinnung, welche den Papst zu den Vertretern deS Gesellen- vercins sagen ließ: „Ich segne die Katholiken, daß sie im Glauben gestärkt werden! ich segne die Protestanten, daß sie zu uns kommen!" *) Aus den „Rhein. Volksblätteru." (Indische Zeitungen.) In einer Rede, welche Garcin de Tofsi an der Schule für lebende orientalische Sprachen zu Paris hielt, schilderte dieser Gelehrte, der so viel zur Kenntniß der Fortschritte des Indischen Kultur- und Literaturlcbcns beigetragen hat, wie das Hindostani anfängt, als Sprache der Gebildeten jenes Landes seine Herrschaft immer mehr auszudehnen. Jenen Mittheilungen zufolge dürfte unzweifelhaft das' Hindostani binnen wenig Jahren eine der wichtigsten Sprachen des Ostens sein, mittelst der sich Millionen von Asiaten verständigen. Ein Beweis sür das kräftige Wiederaufblühen der indischen Literatur liegt in dem überraschenden Stande des heutigen Zeitungswesens, von welchem wir eine Skizze folgen lasten wollen. Es erscheinen daselbst folgende Blätter: „Das für Alle Nützliche." — „Was den Geist erweitert." (In Agra), — „DaS frische Blumengewinde." (In Caronpur). — „Die besten Neuigkeiten." Eine Wochenschrift. — „Der Spiegel Indiens." — „Tageblatt für die Kenntniß des Wichtigsten." — „Beruhigung des Volkes" (erscheint halbmonatlich in Schahjchanpur) — „Das Licht der Augen." Eine Wochenschrift (in Bulandschar). — „Bekanntmachung ungewöhnlicher Dinge." Eine Wochenschrift. — „Lawrence Gazette." Eine Wochenschrift. — „Zeitung von Mirat." Eine Wochenschrift, welche Kritiken neuerer Hindostani-Werke enthält. — „Gesetzblatt von Agra" (Englisch). — „Panjabe" (in Lahoya). Eine von Studenten der Medizin herausgegebene wissenschaftliche Zeitschrift. — „Zeitung von Oude" (in Lachuau), ein Blatt, welches vorwiegend nützliche Künste zu verbreiten sucht, aber auch Dichtungen «. s. w. veröffentlicht. — „Garten der Neuigkeiten." Eine Wochenschrift. (Ju Bombay). — „Der Kühler der Herzen." (In Shikarpur). — „Aufgang der Sonne." (Ja 360 Karatschi), erscheint zugleich Indisch und Persisch. — „Die Neuigkeiten der wahren Mor- genröthe." (In Madras). Eine freisinnige Wochenschrift. — Schließlich: „Das Panjabi- Magazin für Erziehung." (In Lahore). Eine englische Monatsschrift. Wer diese beträchtliche Anzahl von Blättern überblickt, muß zugestehen, daß ein Land, welches eine derartige Tagespreise ausweisen kann, noch der größten Zukunft entgegengeht, und daß die „Wiege der Menschheit" mit ihrer uralten Literatur noch heute unter den Stätten der Bildung einen hohen Rang einnimmt. * Die Cultur der Ramie-Pflanze erregt in den Bereinigten Staa- ten beträchtliche Aufmerksamkeit. In New-Aork hat sich unter dem Namen „l'Iio kumiö LrocluoinA und 8uppl^ Oompan^" eine Gesellschaft gebildet, welche beabsichtigt, in der Nähe von New-Orlcans 2000 Morgen des besten, für Ramie-Cultur vorzüglich geeigneten Alluvialbodens anzukaufen, so daß schon nächstes Frühjahr der Ertrag von 4—500 Morgen an den Markt gebracht werden wird. Englische Fabrikanten haben, indem sie Ramie zur „Kette" benutzten, aus dieser Pflanzenfaser und Wolle neue und geschmackvolle Webstoffe hergestellt; Proben davon wurden nach 8on kraneisco gesandt und daselbst für den Verkauf dieser Stoffe eine Agentur etablirt. Die Ramie-Pflanze verspricht binnen kurzer Zeit ein gesuchter Stapelartikel zu werden. * Die Seidenfabrikation in den Ver. Staaten. — Nähseide wird in den Der: Staaten an sehr vielen Orten fabricirt und das italienische und französische Fabrikat ist fast gänzlich aus dem Markte verdrängt. Die Fabrikation der Bänder, Borten und Besätze hat in den letzten zehn Jahren bedeutend zugenommen, so daß der europäische Fabrikant gegen eine große Concurrcnz zu kämpfen hat. Die von den zahlreichen amerikanischen Fabriken verwendete rohe Seide wird zollfrei von China und Japan importirt, geht jedoch zuerst über England, welches die zu zahlenden Preise feststellt, — welchem Verfahren wahrscheinlich durch die Pacisicbahn ein Ende gemacht werden wird, und ebenso darf man auch hoffen, daß die Seidenraupen - Cultur an der Küste des Stillen MeercS Amerika der Nothwendigkeit überheben wird, die Seide vom Orient zu importiern. (Der richtige Gebrauch des Dampfkoch topfs.) Der Dampftopf ist in unseren Küchen eingeführt, aber noch nicht sein richtiger Gebrauch. Möchte es der folgenden neuen und einfachen Flcischzubereitungsmcthodc gelingen, sich Bahn zu brechen. Man legt die frischen und die schon einmal abgekochten Knochen ziemlich stark zerhackt auf den Boden des nicht zu großen Dampftopfcs und auf dieselben das frische ungesalzene Stück Rindfleisch, gießt jedoch uur so viel Wasser mit dem üblichen Wurzclwerk und Gewürz dazu, daß der Boden des Topfes davon bedeckt ist (auf 5 Pfund Fleisch ist Schoppen Master nicht zu wenig, doch richtet sich das Quantum stets nach der Menge der Knochen und dem Raum des Topfes). Hauptsache ist, daß das Wasser gar nicht in Berührung mit dem Fleisch kommt, sondern dieses im eigenen Safte durch den Dampf gar wird. Die zweite Bedingung ist sehr langsames Kochen, oder vielmehr Dämpfen, damit der Flcischsaft sich nicht verringere; bei richtiger Hitze muß sich derselbe noch um vermehrt haben und einen Extrakt liefern, welcher Suppe und Gemüse kräftig macht. Auch im Sommer hält sich dieser vermöge seiner Fettschichte lange Zeit gut, und es ist anzurathen, immer den erkalteten Extrakt zu der frischen Suppe zu verwenden, damit sie nicht im Wasser erst allein gekocht werden muß. Der Dampf, welcher das Fleisch binnen einer Stunde gar macht, vermag auch die Kraftbestandtheile der Knochen so zu lösen, daß neben dem Vortheil des Wohlgeschmacks, welcher dem Fleisch erhalten bleibt, auch die Sparsamkeit bei dieser Bereitungsart ihre Rechnung finden kann. Gelingen muß die Sachs, wenn man sich des starken Feuerns und des überflüssigen Oeffncns des Topfes zu enthalten weiß und in der Quantität des Masters die gegebenen Vorschriften genau cinhält. _ Druck, L-rlag und Redaction des Lllerarisch » Instituts von Ur. M. Huttler. s§ro« 46. Augsburger 14. Novbr. 1869. > Nicht alle fsluth im wüsten Meere kann Den Balsam vom gesalbten König waschen; Der Odem ird'jcher Männer kann des Herrn Geweihten Stellvertreter nicht entsetzen. Shakespeare, König Richard II. Akt III. 3 Scene. Die Hand VIII. Lieb ist, der nichts gleich zu schätzen; Wenn man alles Gold der Welt Gleich wellt' auf die Waage setzen, Lied ist, die den Ausschlog bäll. Lieb ist trotz der Silberbaufen Nur durch Liebe zu erkaufen. G r y p h i u s. Hedwig hatte in äußerster Spannung die Nacht verlebt, ihr Auge war starr und unbeweglich auf einen Punkt des Zeltes gerichtet, während die schrecklichsten, blutigsten Bilder an ihr vorübcrschwebten. Als am Morgen das dunkle Gerücht durch's Lager lief, daß die kleine Schaar vollständig aufgerieben worden, — bemächtigte sich Verzweiflung ihrer Seele, aber kein Klagelaut drang über ihre bleichen Lippen. Der Herzog fühlte zwar einige Gcwisiensskrupel, Ludwig in den Tod geschickt zu haben, aber der Gedanke: „es mußte sein," beruhigte ihn bald und er war zuletzt froh, daß die Sache einen solchen Ausgang genommen. Gegen Hedwig wagte er nicht eine einzige tröstende Aeußerung, er kannte ihr stolzes Herz, das jeden Zuspruch auf das Entschiedenste zurückgewiesen haben würde. Auch Wenzel war von dieser Nachricht freudig berührt, mit dem Untergänge seines Nebenbuhlers tauchten alle seine Hoffnungsträume in blühender Schönheit wieder auf. Er wußte, wie nahe er Hedwig's Herzen stand; hatten sie doch ihre Jugend miteinander verspielt und verträumt und nur das Dazwischentreten Ludwig s sie entfremdet. Jedoch hielt er sich für heute, nur eine freundlich-herzliche Theilnahme zeigend, — in gemessener Entfernung, weil er Scharfsinn genug besaß, ihrem verwundeten Herzen nicht mit solchen Hoffnungsträumcn zu nahen. Doch schon am andern Morgen brachten Spione die Nachricht, Ludwig sei nicht todt, sondern nur gefangen. „Gesängen!" mit diesen Worten zuckten wunderbare Gedanken durch Hedwig's Brust. Jetzt war ja nicht Alles verloren, eine kühne That,- und er konnte, er mußte gerettet werden! — Mit glühender Begeisterung spann sie diese Idee weiter aus, die so ganz ihrem thatenlustigcn Herzen entsprach. Sie entwarf fortwährend Pläne, sah aber wohl ein, daß es durchaus unmöglich wäre, dieß kühne Vorhaben allein auszuführen! Sie sann darüber nach, wem sie sich anvertrauen könne und dachte an Wenzel; er war der Einzige, durch den das Wagniß gelingen konnte, da er ja von seiner Jugend her die Stadt und das Schloß kennen mußte, und ihm noch sein alter Diener zur Derfügnng stand. 362 Aber würde er, der leidenschaftliche, heißblütige Mensch zur Befreiung seines Nebenbuhlers beitragen? Das war kaum zu hoffen! Dennoch galt es einen Versuch. Sie suchte Wenzel auf und theilte ihm frei und unumwunden ihr Vorhaben mit. Wenzel schaute düster und unheimlich darein, er hatte ganz andere, für ihn erfreulichere Eröffnungen erwartet und entgegnete deßhalb auf die Mittheilung Hedwigs, Ludwig retten zu wollen, rasch und entschlossen: „Hedwig, das kann dein Ernst nicht sein, solch' eine Tollheit wirst du dieses Menschen wegen nicht begehen?" „Wie kannst du zweifeln, wenn du die Macht der Liebe kennst?" „Ob ich sie kenne? — Ich würde den tausendfachen Tod suchen, wenn du es erfordertest. O Hedwig, überlaß den armen, niedrig geborenen Ludwig seinem Geschick; fordere von mir das Größte, Unmöglichste, und ich will es thun!" „Das fordere ich eben von dir, rette Ludwig und ich will dich verehren und heilig halten, wie nie einen Menschen zuvor." „Nein, Hedwig! das geht über meine Kräfte," entgegnete Wenzel abwehrend, „ich bin nur ein Mensch, und für Jenen das Leben einzusetzen, der mir das Schönste und Köstlichste, deine Liebe, geraubt, das vermag ich nicht." „Er ist in Gefahr, Wenzel, der Pfeil des Todes zuckt über seiner Brust, hast du denn kein Erbarmen mit meinem Schmerz?" klagte Hedwig mit zum Herzen dringender Stimme. Er schüttelte düster das Haupt und entgegnete: „Ich weiß, daß ich ihn am ehesten retten könnte, aber nein — ich kann es nicht. Ha, ich wäre ein Thor, ihn zu retten; mag er untergehen, dann wird Alles wieder gut!" „Nichts wird wieder gut, Wenzel!" — erwiderte Hedwig fest und ruhig. „Niemand soll von seinem Tode Vortheil ziehen, das schwöre ich dir, meine Liebe folgt ihm in das Grab!" Und begeistert fügte sie hinzu: „Willst du ihn nicht retten, so wage ich allein den Versuch, ich muß Ludwig befreien, oder mit ihm sterben!" Also auch der Tod des Verhaßten sollte ihm Hedwig nicht wieder näher bringen? Dies brach die starre Säule seines Widerstandes. Er fühlte, daß Hedwig ihm für immer verloren, so daß seine Weigerung die Kluft zwischen ihm und ihr zu einer unausfüll- baren machen mußte, er sah ihren festen, unabänderlichen Entschluß, der vor keinem Hinderniß zurückscheute; wie hätte es seine glühende Liebe vermocht, sie hilf- und rathlos einer Gefahr zu überlassen, die ohne ihn zum sichern Verderben führen mußte! Er dachte nicht mehr an den Zweck ihres Unternehmens, fühlte vielmehr nur, daß jetzt seine Hand sie schützen müsse, und sagte deßhalb: „Wann willst du aufbrechen?" „Um Mitternacht!" „Ich werde dich am Ende des Gehölzes mit meinem Diener erwarten," — entgegnete Wenzel. Ein Freudenstrahl blitzte in den Augen der Ueberraschtcn, sie preßte überglücklich seine Hände in die ihrigen und sagte warm und innig: „Vergib, daß ich dich verkannt, du bist eine große, opfermüthige Seele! „Laß das," — sagte ihr Jugendfreund wieder kalt und unzugänglich, und schritt düster hinweg. » Als Ludwig am Morgen nach seiner Gefangennehmung erwachte und sein Blick über die kahlen Wände seines Gefängnisses streifte, da sah er Plötzlich das Gesicht eines Mannes vor sich, den er hier am wenigsten erwartet hatte — das seines frühern Todfeindes, des Ritters Georg. Gerade diesem Menschen, dem er das Zertrümmern so vieler Hoffnungen zu verdanken, als. Gefangener in die Hände zu fallen, war ein tückischer Schicksalsstreich. Er hätte sich Georg in Sprottau und im glücklichen Besitz Ulriken's gedacht; mit 363 feinem Hierverweilen war'S ihm klar, daß der Elende an den armen Schmiedeleuten treulos gehandelt, wie er'S vorausgesehen. Und in der That, wie hätte Georg's unruhiger, verworrener Kopf in der stillen Schmiede ausharren können? Nachdem er ein gut Stück Geld des Schwiegervaters todt geschlagen, war er lustig von danncn und zu seinem alten Herrn gezogen, wo er diesmal freundlicher empfangen wurde, denn in dieser bedrängten Zeit war jede helfende Hand zu schätzen und darum wurde das Vergangene gern vergessen. Er war jetzt Hausverwalter des Herzogs — und hatte nebenbei die Kerker zu beaufsichtigen. So sollte der Zufall die beiden Gegner auf eine sonderbare Art zusammenführen, und noch mehr zum unbeschreiblichen Schreck des Gefangenaufsehers, als des Gefangenen selbst, denn nach dem Zittern Georg's wäre man zweifelhaft geworden, welcher von Beiden das Schicksal des Andern in Händen hatte. Wie nahe lag für den Ersteren die Gefahr — der kleinste Zufall konnte eine Entdeckung herbeiführen, Ludwig in die Hände der Croatin oder des Herzogs liefern, und dann war er unrettbar verloren! Er kannte die Croatin! Ludwig mußte so rasch wie möglich bei Seite geschafft werden — ein Mord?! — er schauderte davor zurück, — „ich tauge dazu nichts," sagte er sich selbst, „und dann, Ludwig mißtraut mir, — er wird gegen einen zweiten Angriff auf seiner Hut sein und ihn mit Anstrengung aller Kräfte abwehren." „Pah, was quäle ich mich — ich flüchte mit ihm, dann sind wir Beide gesichert, dieß ewige Eingeschlossensein in den engen Mauern — das Hungern und Darben habe ich ohnehin herzlich satt, und bring' ich den kecken Burschen mit, dann empfängt mau mich draußen mit offenen Armen." Er war mit sich im Reinen, und Ludwig mit heuchlerisch-freundlicher Miene die Hand reichend, sagte er: „Verzeih' mir Alles, was ich dir angethan, ich habe es nur zu bitter bereut und das Gewissen hat mir nirgends Ruhe gelassen." Ludwig war erstaunt, den früher so kecken, trotzigen Burschen mild und versöhnlich zu finden, er konnte an die Aufrichtigkeit einer solchen Gesinnung noch nicht glauben, und fragte daher ausweichend nach den Schmicdeleutcn. Der schlaue Patron gewahrte das Mißtrauen seines Gefangenen — und gab zur Antwort, daß er von seinem Herzog zurückgerufen worden und nie mehr etwas über die Leute erfahren habe. „Ich habe die Früchte meines Treibens nicht genossen," fügte er ernst und reuevoll hinzu; „eine schwere Krankheit warf mich aus's Krankenlager und die langen, einsam qualvollen Nächte brachten mich zur Erkenntniß meiner That. — Kannst du mir nicht verzeihen? " Die Worte wurden so warm und herzlich gesprochen, daß Ludwig, in dessen Seele kein Arg, an der Wahrheit derselben nicht mehr zu zweifeln vermochte. Er entgegnete daher: „Mich frcut's, wenn du mir Gerechtigkeit widerfahren läßt. Ich hätte nimmer gedacht, daß unser Wiedersehen ein so friedliches werden könnte." „Ich fühle nur zu schmerzlich die große Schuld gegen dich, aber vielleicht vermag ich sie jetzt abzutragen, indem ich dir die Freiheit zu verschaffen suche." „Die Freiheit?" fragte der Gefangene vor Freude aufjauchzend; „das wolltest du? Mein früherer Todfeind! Nein, nein, es ist nicht möglich!" „Und doch ist es wahr, ich schwöre dir, deine Rettung ist mir heiliger Ernst! — Gedulde dich noch wenige Tage, vielleicht Stunden, dann ist Alles zur Flucht vorbereitet und du bist frei! Doch für jetzt leb' wohl!" Er drückte dem Gefangenen freundlich die Hand, die dieser herzlich schüttelte. Hätte Ludwig in das Herz des Fortgebenden sehen können, er würde um ein groß 364 Theil Glauben an die Menschheit ärmer geworden sein. Dem elenden Georg kam nicht einmal der Gedanke in den Sinn, den Knoten mit einem kühnen Schlage zu durchhauen. Hätte er sich entschlossen, Bolcslaus mitzutheilen, daß ganz in der Nähe, in seinem eigenen Schlosse, sein so sehnsüchtig herbeigewünschter Sohn sich befinde, so hätte er erst in Wahrheit seine Schuld gebüßt und er konnte dann getrost abwarten, ob ihn BoleslauS gegen die Croatin schützen würde. Diese hatte beim Anblick des Gefangenen ein besonderes Interesse für ihn gefaßt und fragte, als sie noch an dem nämlichen Tage mit Georg zusammenkam: „Was macht dein Gefangener?" „Schlecht, sehr schlecht," war die Antwort, „der arme Teufel wird uns sicher zum ersten und letzten Male überfallen haben." „So? — Kein Besserwcrden?" „Keines," cntgcgnete Georg lebhaft, „die Wunden sind zu tief." „Nun — dann glückliche Reise, dem tollen Wicht!" Und sie ging zurück in ihr Zimmer. Aber, so gleichgültig ihre Fragen, — sie hatte den Gefangenen einmal in's Auge gefaßt und mußte ihn wiedersehen. Am andern Tage wurde Georg für den Vormittag unter irgend einem Vorwande vom Schlosse entfernt, und sie eilte sogleich zu dem Schließer, sich Ludwlg's Gefängniß öffnen zu lassen. Gespannt und forschend trat sie ein. Zu ihrem großen Erstaunen fand sie statt deS zum Tode kranken, einen wieder recht rüstig aussehenden, kaum seine Wunden fühlenden Menschen. Die Aussicht auf Freiheit hatte wunderbar belebend auf den Gefangenen gc« wirkt. Dahinter mußte ein Geheimniß stecken, das zu ergründen war; sie näherte sich mit ihrem freundlichsten Lächeln dem Gefangenen und sagte: „Ich komme, die Wunden zu heilen, die ich dir geschlagen." „Wunden von Weibern gehen niemals tief," cntgcgnete ruhig der Gefangene. „Ich würde dein Herz schon gefunden haben, wenn ich dich nicht schonen gewollt; du solltest mir dankbar sein," bemerkte die Croatin freundlich, die gerade von der Schroffheit des Gefangenen angezogen wurde. „Wofür? — Für eine schmachvolle Gefangenschaft, die verfluche ich tausendfach — lieber den Tod!" „Junger Freund, das Leben ist schön, man wirft es nicht so leicht weg, wen» ma« den Becher noch nicht ausgekostet!" * „Für mich sind nur noch Hefen darin!" „Sollte dir ein liebend Frauenherz uicht eine andere Meinung bringen?" —> fragte die Croatin zutraulich. „Reiß mir uicht eine Wunde auf, die mich am Tiefsten schmerzt," — cntgcgnete Ludwig düster. „Das will ich in Wahrheit," entgegnete lachend die Croatin, „ich will sehen, ob dein Verband kunstgerecht angelegt, denn ich verstehe mich darauf." Er wollte sie finster abwehren, aber warum schnöde eine freundliche Gesinnung von sich stoßen? Er ließ es zögernd zu. Sie streifte den alten Verband von der Achselwunde ab, um einen neuen aufzulegen. Kaum aber hatte sie das Hemd etwas zurückgeschoben, als sie wie von einer Schlange gestochen zurückfuhr. Ihre Hand zitterte, ihre Lippen wurden bleich — und sie gericth in die heftigste Bestürzung. Dennoch, ehe Ludwig ihre Aufregung gewahren konnte, hatte sie sich mit stählernem Willen bcmeistert und errang ihre gewöhnliche Ruhe, so daß sie freundlich dem Gefangenen den Verband anlegen konnte, während ihr Inneres von tausend wilden, — düsteren Gedanken durchzuckt wurde. 365 Das war kein Zweifel, sie hatte den Sohn von BoleslauS vor sich, hatte sie doch dieselbe deutliche Hand auf der Brust des Fremden bemerkt, die ihr der lügnerische Georg als das Erkennungszeichen beschrieben! Sie brachte damit das sonderbare Benehmen Georg'S, sein Heimlichthun mit dem Kranken, sein ängstlich Hüten in Einklang, — und hierzu kam das zutreffende Alter, die Augen Margareth's — Teufel! ihr Sohn war in BoleSlaus Nähe und der geringste Zufall konnte eine Entdeckung herbeiführen und ihre Plane vernichten! Sie hatte Alles daran gesetzt, nach BoleSlaus Tode im Besitz des Hcrzogthums bleiben zu können. Wenzel war durch seinen Aufenthalt beim Feinde dem Barer für immer entfremdet und aus seinem Erbe verdrängt, — und nun sollte ihr dieser in die Hände gefallene Bursche gefährlich werden? Sie hatte ihm in einem Anfalle guter Laune das Leben geschenkt, jetzt, wo er ihr feindlich in den Weg trat, glaubte sie das Recht zu haben, ihn hinwegräumen zu dürfen. Ihr erster Gedanke war, Rache zu nehmen an dem lügnerischen Georg, aber er war für den Augenblick nicht da und hier war ein Feind aufgetaucht, der vernichtet werden mußte, noch ehe er, wie eine Blindschleiche, warm geworden, und stechen konnte. Nimmermehr durfte eine Entdeckung erfolgen. Ihr Auge funkelte unheimlich, die Hand griff unwillkürlich nach dem Dolch, und sie würde ihn auf der Stelle ermordet haben, wenn nicht der abwägende Verstand ihr klüglich zugeflüstert: „Wie, wenn du ihn nicht in's Herz triffst, und der Verwundete noch im Todcszucken dich mit seinem starken Arm erdrückt, und dann — am Tage, wo sein Tod Aussehen erregen und vielleicht den Herzog herbeiführen kann? Nein, nein, nichts Uebcrciltes, lieber warten bis zu gelegener Stunde, bis zu schweigender Nacht!" Mit gewinnendem Lächeln beugte sie sich von Neuem über den Kranken, zu sehen, ob der Verband genügend, und sagte dann mit herzlicher Theilnahme Lebewohl, während in ihrem Innern nur der heißeste Wunsch brannte, ihn zu vernichten. (Fortsetzung folgt.) Die Aeolsharfe. Dieses romantische Instrument, dessen harmlose Naturmclodien und bald frohe, bald sehnsüchtige Hauchaccorde, in tiefer Nachtstille zwischen dem melancholischen Säuseln dcS Laubes von eigenthümlichster Wirkung sind ist bei uns lange' nicht genügend bekannt. Dem spät noch unter den Sternen Wandelnden bereiten diese Töne manches Vergnügen, und der eigentliche Musiker wird nicht umhin können, die ewige Gesetze der Harmonie in ihnen zu bewundern. Es dürfte den Leser daher intcreffiren, etwas Näheres über die Natur und Verwendung dieses Instrumentes zu erfahren. Dieses Saiteninstrument verlangt von seinem Besitzer keinerlei Kunstfertigkeit noch Vorübung, denn es klingt ganz von selbst. Die merkwürdige Eigenschaft, im Lustzuge saufte Harmonien, wie Musik aus weiter Ferne, hervorzubringen, macht es für Gärten und ruhig liegende Zimmer höchst angenehm. Die Aufstellung ist leicht erlernt. Man öffne nämlich ein Fenster, auf das eben ein frischer Wind trifft, drei Zoll weit, beseitige eS mittelst eines BandcS, und stelle nun die Harfe mit ihrem trichterförmigen Lnflfange dicht anschließend an diese Feusterspalte, so daß der eindringende Wind durch den Sciten- chor ziehen muß. Anfangs hauchen die Töne tief und im erwachende Dreiklange. Kaum übersetzt der Wind lebendiger ein, so steigen die sanften, feierlichen Accorde höher und höher und eS entwickelt sich eine reizende Mannigfaltigkeit von hellen Flöten- und Clarinelttöncn. Verhauchen sie wieder, so hallt die Melodie noch in den Baßsaiten fort, wie ersterbende Klänge von fernen, gedämpften Waldhörnern. Alle übrigen Fenster und Thüren nach außen müssen geschloffen sein: wohl aber muß man die Stubenthür oder besser noch die eines Kamins öffnen, um so den nöthigen Gegcnzug zu bewirken. Wer 366 diesen Wink beachtet, wird die Aeolsharfe, mit Recht launenhaft genannt, fast jederzeit zum Spielen bringen. Die Septimenaccordc und vor Allem das Crescendo in schwellenden und wieder sinkenden Musikstrophcn sind unnachahmlich schön und dürften selbst dem geübtesten Geigenspieler ein kleines Studium werden. — Im Garten wählt man einen Ort wo' ganz freie Luftströmung herrscht. Hier kann man in eine Nische eine Art Lust» fang anbringen und würde die Harfe darin zugleich vor Regen geschützt sein. Fast alle künstlichen Decorationsstücke eines Parkes, als: Säulen, Ruinen, Grotten, Denkmäler, Statuen, Fontaineu, vor Allem aber Grotten, die starken Zug haben, lassen sich zur Anbringung einer Aeolsharfe benutzen. Die gewöhnliche Sorte, für fast jedes Stubenfenster passend, hat eine Höhe von lU /2 Fuß, ihre Breite ist 8 Zoll und die Weite des Luftfauges 4 Zoll. Das Gewicht einer solchen Harfe ist 6^/^, niit der Kiste 14 Pfund. Sie sind verfertigt von ausgewähltem Holze der Lerchentannc, welches durch langes Trocknen einen klingenden Ton angenommen und mahagoniähnlich polirt ist. Der Preis nebst Stimmschlüsscl und Verpackung ist ungefähr 4—5 Thlr.; von massiven Mahagoni mit hübscher Auslegearbcit natürlich etwas theurer. Die großen Harfen für Parks sind 5Vr Fuß hoch, mit Violoncelli-Saiten bezogen, ihr Tonumfang ist 7 Octaven, und ihre Baßtöne sind so ausgezeichnet schön, daß sie an das Herübcrhallen einer Kirchenorgel erinnern. Die Negerfrage in Amerika, gelöst durch einen katholischen Orden. Es kommt da eine kurze und schlichte Nachricht aus der „neuen Welt," daß in New-dork Ncgcrschwcstcrn sich niedergelassen haben. Diese Nachricht ist aber von außerordentlicher Wichtigkeit. Sie zeigt, daß die katholische Kirche auch an die Ncgerfrage gedacht und auch für sie die geeigneten Heilmittel gefunden hat. Der ganze 5 jährige furchtbare Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten wurde wegen der Negerfrage geführt. Der Norden hat gesiegt, die Neger wurden frei und sclbststän- dig; aber da fing ihr Elend und die allgemeine Rathlosigkeit erst an. Wohl wurden den Negern die gleichen staatsbürgerlichen Rechte mit den Weißen zuerkannt, aber die Achtung läßt sich durch Gesetze nicht erzwingen. Giftmischer, Räuber und Mörder werden in Europa nicht so verachtet und gemieden, wie die Neger in Amerika. Vor dem Kriege hatten sie als Leibeigene wenigstens Brod bei ihren Herren; hernach aber hatten sie keine Achtung und kein Brod. Diese Verachtung ging so weit, daß selbst in den Kirchen, in welchen sich doch Alle als Kinder desselben Gottes fühlen sollen, die Neger von ihren eigenen Glaubensgenossen gar nicht zugelassen wurden, oder eigene streng abgeschlossene Stellen einnehmen mußten. Da kommt die Nachricht: Negcrschwestern beschäftigen sich mit der Erziehung von Ncgermädchcn. Was besagt diese Nachricht? Sehr viel: Die katholische Kirche nimmt auch Schwarze als Ordensschwestern an, stattet sie aus mit Achtung und Würde. Und was ist damit gewonnen? Unendlich viel. Die schwarzen Ordensschwestern werden sich durch ihr frommes aufopferndes Leben und Wirken Achtung erzwingen. Diese Achtung wird auch auf die Zöglinge der Negerschwestcrn sich erstrecken und so in immer wettern Kreisen Platz greifen. Die Ächtung von der einen Seite wird Zutrauen, Selbst- und Ehrgefühl auf der andern Seite erzeugen, und so ist die Ncgerfrage, die, sozial so wichtig, unlösbar schien, auf dem Wege gelöst zu werden. Diese Lösung haben nicht die Staatsgcsctze angebahnt, nicht Mcnschenwitz und Philosophie, die so etwas nie und nimmer zu Stande bringen kann, weil sie nicht genügende Motive für Selbstaufopferung und Selbstentäußerung bietet —, noch viel weniger die Freiinaucr-Loge, sondern die katholische Kirche durch ihre Orden. Wann wird doch die Welt einsehen, daß die katholische Kirche — und nur sie allein — das Heil enthält für alle sozialen Uebel, weil sie die wahre Gottcsanstalt auf Erden ist, und wann wird die Welt ferner einsehen, daß die Orden nicht zum Faulenzen, zum bequemen Leben und Sündigen sich konstituiren, sondern zur Selbstaufopferung, zum Heile des Nächsten. Kommt Noth, Typhus, Krankheit, Krieg, da sind die Ordensleute gar liebe Leute, kaum ist die Noth geschwunden, so wirft man Steine auf die Wohlthäter der Menschheit. * (An Bord eines Leuchtschiffes.) Dickcn's Wochenschrift „,VII iliv Vonr Ikonncll'' enthält folgenden Bericht über das Leben an Bord eines Leuchtschiffes r Das Geschäft der Bemannung eines Leuchtschiffes besteht darin, gute Leuchtfeuer zu unterhalten, das Ankcrkabel, so oft als erforderlich, vermittelst eines Krahnes ein- und auszn- winden; wenn ein Schiff in Gefahr ist, Warnsignale abzubrennen, und Unglückssignale, wenn Hülse von der Küste aus nöthig wird, mit einem Worte, den vorbeifahrenden Schiffen sich so dienstbar wie möglich zu machen. Die gesammte Bemannung besteht aus eilf Personen: einem Capitain, einem Steuermann, drei Lampenanzündern und sechs Matrosen; von letzteren sind aber immer vier Mann abwechselnd an der Küste, so daß nur sieben permanent an Bord des Schiffes bleiben; der Capitain und der Steuermann sind altcrnirend einen Monat auf dem Wasser und einen an der Küste; der Nest der Bemannung bleibt abwechselnd zwei Monate zur See und einen Monat am Lande. — Anfangs jeden Monats fahren die Dampfer des Trinity - Amtes mit recht verdrießlich aussehenden Mannschaften aus, die ihren zweimonatlichen Sccdicnst antreten, und kehren mit einer lustigen Schaar von Leuten zurück, welche ihren Küstenmonat hat. Letztere kommen öfters mit Spielsachcn, Schuhwerk u. s. w. beladen zurück, welche Artikel sie während ihrer müßigen Zeit an Bord des Leuchtschiffs angefertigt und nun an der Küste absetzen. — Es ist kein Spaß, sich an Bord eines Leuchtschiffs während stürmischen Wetters zu befinden. Hier sei ein trauriger Vorfall wieder erzählt, — der vor einigen Jahren sich ereignete. Zwei Matrosen des Leuchtschiffes in der Morecambebucht hatten einst in einer fürchterlichen Nacht die Wache; Einer war auf einen Augenblick nach der Cajütc hinuntergegangen, als er plötzlich den Stoß einer furchtbaren Mcercswoge gegen das Schiff verspürte. Er eilte auf das Deck zurück, fand aber seinen Kameraden nicht vor; zweifelsohne hatte ihn die wüthende See gepackt und über Bord geschleudert. — Eine neue mächtige Woge ergoß sich jetzt über das Schiff und dieses Mal führte sie auch den zweiten Matrosen hinweg in die schäumende Brandung. Der wachthabende Offizier, welcher während eines Sturmes häufig auf das Deck gehen muß, um nach dem Rechten zu sehen, vermißte auf seiner Roudc die beiden wachthabenden Leute. Ein Blick auf das tobende Wetter sagte ihm Alles, ruhig übernahm er selbst die Wache, nachdem er vorher die Vorsicht gebraucht, sich fest an den Mastbaum zu binden. Zahllose große Wogen überschütteten das Deck, aber er harrte standhaft auf seinem nassen Posten aus. Inzwischen brannte das Feuer hell und klar, und trotz der Wuth des Sturmes flackerte es über die empörten Gewässer, somit seinen wohlthätigen Zweck erfüllend. (Die sogenannten wilden Iren.) Ein Berichterstatter des „Echo" schildert die Zustände im Westen Irlands bei den sogenannten „wilden Iren" folgendermaßen: „Ich werde nie die erste Hütte vergessen, in die ich eintrat. Zch hatte beabsichtigt, einige Wochen ausschließlich unter den irischen Armen zu verbringen, indem ich zu Fuß wandern und auf dem Wege über Nacht in solchen Kotten einkehren wollte. — Sobald ich meinen Kopf in eine derselben streckte, ließ ich diesen Gedanken fahren. Äch bin nicht zimpferlich in den kleinen Dingen des täglichen Lebens, aber ich möchte doch nicht meine Feieuage in einer solchen Wohnung und mit der dort üblichen Nahrung zubringen. Hören Sw nur! Auf der rechten Seite in der Hütte war ein Haufen Torf aufgeschichtet, auf der linken ein Misthaufen. Tiefe Drecklachen bildeten den größeren Theil des Bodens; da und dort war ein großer Stein gelegt, — damit man darüber hinwegschreitcn könne. Eine niedrige Thür vollendete den schönen Anblick. Eine dünne 368 blaue Wolke von Tonkunst suchte aus diesem schmutzigen Gefängnisse so schnell als möglich zu entkommen. Keine Fenster! Alles ist daher anfänglich dem Auge dunkel. Die Finsterniß löst sich bei näherer Besichtigung in Koth, Dung, ein Schwein, eine Henne mit einer Brüt von Küchlein, ein molkenbcrcitendes weibliches Wesen, ein anderes, das langen Wegs unter einem Hausen Kartoffel liegt und aus denselben die größeren für das Mittagsmahl aussucht; drei kleine Kinder, von denen jedes nur einen Unterrock anhat und im Koth und Mist sitzt, und ein Paar Stühle und eine Truhe auf. Noch muß ein unbeschreiblicher großer Bündel erwähnt werden, der in einer Ecke liegt und an dem sich das Schwein reibt — das ist das Familicnbett! Hier im Dreck und Mist, unter dem niedrigen, schwarz-geräucherten Dache, in dieser gräulichen Höhle sind in der Dunkelheit Vater, Mutter, sechs Söhne und Töchter, von denen drei selbst Eltern sein könnten, zusammengedrängt, schlafen Alle bei einander und bewahren ihre Seele!" — Und doch geben diese Bei icht - Erstatter den Iren das Zeugniß, daß sie bei aller Verwahrlosung und Qucrköpsigkeit an Sittlichkeit im Allgemeinen höher stehen, —- als das englische Volk und die übrigen Völker Europa's überhaupt, daß gemeine Verbrechen höchst selten sind und der einzige dunkle Punkt in dieser Beziehung die agrarische Mordthat ist, an welcher freilich fast die gesammte irische Nation sich in größerem oder geringerem Maße moralisch mitbetheiligt. Die Sittlichkeit der Frauen und Mädchen namentlich heben die Berichte einstimmig hervor. Bei den oben geschilderten häuslichen Zuständen erregt diese Reinheit des Lebens immer wieder und wieder die Verwunderung der Reisenden und der den Verhältnissen des Landes nachforschenden Correspondenten. (Eine Fabel ) Bor Zeiten gab es auch bei uns im Vayerulande Wölfe. In solcher Schreckenszeit hielt der fromme Schäfer Albert mit seinem Sohne German auf dem Felde, das jetzt noch das Feld zum guten Hirten sich nennt, die Nachtwache bei einem Theile seiner Heerde. Es war schon den ganzen, späten Herbsttag über nicht warm gewesen; doch die Nachtluft umwehte von Stunde zu Stunde kälter die mit Baumrinden nur dürftig bedeckte und beschirmte Feldhütte, darin Vater und Sohn schweigend saßen. Der kleine German, den es sowohl zu schläfern als auch zu frieren anfing, unterbrach die nächtliche Stille, indem er anhub, also zu reden: „Mein Vater! Wie. wenn jetzt auf einmal mehrere Wölfe herbeikämen- sich Schafe zu holen, wäre es dann nicht wohl gethan, ihnen gutwillig alle Schafe da zu überlassen, in Erwartung, daß sie, weil vollkommen gesättigct durch Schafskeisch und Blut, dann auch wie unsere übrigen Lämmer und Schafe alle saust und friedlich werden, und auch ihre Jungen dazu kommen, künftig ihrem Beispiele zu folgen." Vater Albert schüttelte den souuenbrauuen Kopf und sagte mit ruhigem Ernste zum kleinen German: „O hüte Sohn dich zu vergessen: Der Appetit kommt mit dem Essen. — Erwarte nie vom Uebermaß, Daß Isegrim ^um Schafe werde; Was Wolf bleibt Wolf auch nach dem Fraß Der allergrößten Wollenheeroe." So blieb' auch Preußen doch noch Preußen, Wenn nach Bavarien's Verspeisen , Germanien es ließ' sich heißen. (Urtheil einer Frau über die Frauen.) Als Lady Montague gefragt wurde, ob sie es vorziehen würde, ein Mann zu sein, antwortete sie: »Nein, ich bin sehr zufrieden, iaß ich eine Frau bin, wenn ich bedenke, daß ich der Gefahr nicht ausgesetzt bin, eine zu nehmen." Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von l)r. M. Huttler. Arv. 47. 21. Novbr. 1869. Man muß das Volk nicht vom Gesetz losreißen, Und an die Willkür kellen Shakespeare, Heinrich VIll. Akt 1 Scene 2. Die H a u d. (Fortsetzung.) Noch an demselben Tage kehrte Georg auf s Schloß zurück — und versprach dem Gefangenen noch für heute Nacht sichere Befreiung. Dieser war von dem Gedanken völlig berauscht — und vergaß darüber schnell den Besuch der Herzogin. Mit Umsicht und Geschick traf Georg alle Anstalten zur „Flucht." Kurz nach Mitternacht hörte der Gefangene auch wirklich den Schlüssel drehen und sein Befreier forderte ihn auf, ihm leise und vorsichtig zu folgen. Sie kamen glücklich, ohne störenden Aufenthalt, durch mehrere finstere Gänge aus dcni Schlöffe iu's Freie. Georg selbst athmete hoch auf, denn jetzt war nur noch der Park zu durchwandern, dann noch die Mauer zu übersteigen und sie waren Beide gerettet und in Sicherheit. Kaum waren aber die Flüchtlinge im Park angelangt, als sie einen kleinen Trupp Leute auf sich eindringen sahen. Sie wollten ausweichen, es war zu spät; ehe sie sich in Vcrtheidigungs-Zustand setzen konnten, waren sie umzingelt. „Schweigt, oder ihr seid des Todes!" herrschte sie eine dumpfe Stimme an. Aber das Auge der Liebe dringt durch die dickste Nacht. Hedwig — denn sie war B — von Wenzel und zwei Dienern gefolgt, sank mit einem Schrei freudiger Ueber- raschung dem Geliebten in die Arme. Die kühnen Abenteurer hatten sich glücklich bis hierher durchgeschlagen und wollten nun eben sich zu dem schwierigsten Theil ihres Unternehmens, der Befreiung Ludwig's aus dem Kerker, rüsten, als sie plötzlich das Glück aller weitcrn Sorge überhob und ihnen den Gefangenen selbst so überraschend wunderbar zuführte. „Du hier?" — rief der Letztere erstaunt, und eine wunderbare Seligkeit durchwagte seine Brnst. ^ „Ich komme, dich zu retten, Ludwig! Doch nicht allein. Hier ist der edle Wenzel, der mir treulich bcigestandcn." „Das vergesse ich dir nie!" — erwiderte Ludwig mit weicher, aus dem Herzen kommender Stimme. „Eilen wir, den glücklichen Zufall zu benutzen und aus der Stadt zu kommen," entgegnetc ablenkend Wenzel, — und diese Mahnung war keine ungegründete, denn im nächsten Augenblick hörten sie ein wildes Geräusch vom Schlöffe. Eine Menge Fackeln tauchten in der Ferne auf. Dem feigen Georg entfiel der Muth, seine Kniee schlotterten, die Croatin stand finster drohend vor seiner aufgeregten Phantasie. Da zuckte ihm ein anderer Gedanke durch das Hirn — er brauchte ja nicht heute zu flüchten, in dieser so gefährlichen Stunde, — konnte vielmehr seine Flucht auf eine günstigere Zeit verschieben. Niemand hatte seine Flucht bemerkt, auf ihn siel der wenigste Verdacht. Umkehr 370 war sonach das Klügste, und indem er noch ängstlich ausrief: „Ihr seid verloren, wenn ihr nicht eiligst die Mauer sucht!" eilte er hinweg, sich in's Schloß zu schleichen uvd ss sich in Sicherheit zu bringen. Aber gerade am Ende des Parkes kam er der wüthenden Croatin in den Wurf. Sie war so eben mit entblößtem Dolch zu dem Gefängnisse Ludwig's geschlichen, wer aber malt ihr Erstaunen, als sie das Gemach leer und den Gefangenen verschwunden fand. „Ah, dieser Teufel von Georg ist mir zuvorgekommen," schäumte sie in höchster Erbitterung; „ich zermalme ihn, wenn er in meine Hände füllt, er hat ihm zur Flucht verhelfen, weil er Unrath gewittert, wehe ihm!" Einen Augenblick blieb sie starr und stumm, ihre Lippen zuckten krampfhaft, dann warf sie sich auf ein Pferd, ließ so viel Leute aufsitzen, als nur in der Eile aufzutreiben, und jagte mit ihnen in den Park. Dort traf sie zu ihrem unaussprechlichen Jubel auf Georg, der sich in Sicherheit zu bringen trachtete. Sie wollte vom Pferde steigen und ihm den Dolch in's Herz stoßen, besann sich aber plötzlich und befahl Einigen ihrer Begleitung, den Schurken zu knebeln. Dann setzte sie hinter den übrigen Flüchtlingen her, auf deren Spur sie bald gekommen. Diese hatten bereits das Ende des Parks erreicht, — nur noch wenige Schritte bis zur Mauer, und sie waren dem Bereiche jeder Verfolgung entrückt und in Sicherheit. — Jetzt hörten sie die Verfolger immer näher hinter sich, — und Wenzel so wie Hedwig drangen ängstlich auf die größte Eile. „Wenn wir nur die Mauer erreichen, dann sind wir gerettet," — sagte Wenzel drängend und schritt in ungeduldiger Hast voran, während Ludwig durch seine schmerzenden Wunden gehindert, nicht so rasch zu folgen vermochte, und mehr von Hedwig und ihrem Diener getragen wurde, als sich selbst fortbewegte. „Mein Gott, Ludwig, nur nicht untergehen, so nahe dem Ziele. Raffe deine letzten Kräfte zusammen und wir sind gerettet!" ruf Hedwig in voller Seelenangst aus. „Ich kann nicht weiter!" flüsterte Ludwig halb besinnungslos. „Hedwig! ich ziehe dich und euch Alle nur mit in den Abgrund. Laßt mich hier. Allein könnt Ihr noch die Mauer erreichen." „Nein, nimmermehr, nicht ohne dich, das hab' ich mir geschworen!" — entgegncte Hedwig bestimmt. Ludwig versuchte noch einmal sich aufzuraffen, brach aber sogleich wieder zusammen. Nur wenige Augenblicke Verzug und sie waren unrettbar verloren. Wenzel setzte schon den Fuß auf die Mauer, sie zu erklimmen, und beschwor Hedwig, ihm zu folgen, sich nicht unnütz zu opfern, vergebens! Sie schüttelte schweigend das Haupt und beugte sich mitleidig nur noch tiefer über den Zusammengesunkenen. „Nun denn, so muß ich dich deinem Geschicke überlasten, es mit dir theilen, darf ich nicht. Dieser Croatin will ich nicht um alle Schätze der Welt in die Hände fallen." Mit diesen Worten erklomm Wenzel in demselben Augenblicke, als die Verfolger bei den Zurückgebliebenen angekommen, mit Leichtigkeit die Mauer, rief dann noch cr- muthigend zurück: „Ich rette dich!" — und erreichte glücklich die andere Seite, um sich auf das zurückgelassene Pferd zu schwingen und davon zu jagen. Die Croatin rief jubelnd aus: „Das ist prächtig, wir fangen ja mehr ein, als «nS entflohen." Sie hatte Hedwig sogleich erkannt, waren sie doch Beide in gewisser Hinsicht Riva- linnen, die sich schon im Kampfe gesehen. Denn Hedwig wurde im feindlichen Lager «beuso als Heldin gefeiert, wie dies in der Stadt mit der Croatin der Fall war. - Sie mußte dem jugendfrischen Mädchen ihre Schönheit neiden und freute sich, sie i» ihrer Gewalt zu haben. Daß nur eine glühende Liebe Hedwig zu einem solchen rücksichtslosen Streiche verleitet haben konnte, durchschaute die Croatin augenblicklich, und so stand es bei ihr fest, Ludwig mußte als Flüchtling gerichtet werden, das war das einfachste, sicherste Mittel, ihn für immer aus dem Wege zu schaffen, und auch Hedwig, die schöne Feindin, wurde damit in's Herz getroffen. Für Georg hatte sie etwas ganz Besonderes ausgesonnen; der Blutscheue sollte seinem Schicksale nicht entgehen und er selbst an Ludwig die Hand anlegen — sein Henker werden. Hatte er sich zu diesem schmachvollen Werke brauchen lasten, dann wurde auch er bei der ersten passenden Gelegenheit beseitigt und Alles war für immer in Nacht gehüllt. Zunächst galt es, von Boleslaus das „Todcsurtheil" seines so lange ersehnte» Sohnes zu fordern. Sie eilte, ganz mit der Ausführung ihres Planes beschäftigt, zu ihm und erzählte ihm den Vorfall. Dieser hörte kaum darauf, erst als sie von der Gefangennehmung Hedwig's sprach, wurde er aufmerksam und jubelte: „Hedwig gefangen, ist es wahr?" Als die Croatin es noch einmal bejahte, athmete er hoch auf, als sei ihm eiuc recht schwere Last vorn Herzen genommen und sagte: „Nun ist Alles gut." Er knüpfte daran die Hoffnung nahen Friedens, denn mit diesem Pfand in Händen mußte der Glogauer seine Forderung bedeutend hcrabstimmcn. Die Croatin wollte die gute Laune des Herzogs schnell benutzen, ihn zur Bewilligung ihres Urtheils zu bewegen und sagte: „Aber — der flüchtig gewordene Gefangene muß gerichtet werden und der Schurke Georg soll das Henkeramt übernehmen." „Warum das?" fragte der Herzog erstaunt. „Du fragst? — Zu ihrer strengen, gerechten Strafe!" „Weil der Arme die Flügel geregt, als sich ihm der Käfig geöffnet? Katharina, das wäre hart und grausam!" ° Jetzt in seiner glücklichen Stimmung fühlte der Herzog so ganz den Werth der Freiheit, — war's ihm doch in der belagerten Stadt zu eng geworden — und er sollte es Jemand verargen, der die Kette seines Gefängnisses glücklich abgestreift und fliehe« gewollt? Er wußte einen solch' kühnen Streich zu schätzen und fügte deßhalb hinzu: „Das ist ja ein kecker, tüchtiger Bursche und für's Richtbeil zu gut, wir könne« ihn selbst noch brauchen." Die Croatin crschrack, eine solche Wendung durfte die Sache auf keinen Fall nehmen und sie entgegnete deßhalb fest und entschieden: „Boleslaus, sollen wir die Verräther nutzlos füttern, während unsere Bürger leiden?" „Ach, zwei Magen mehr oder weniger, was thut das?" „Wohl thut es viel, es weckt Entrüstung über solch' thörichte Schwäche." „Sie müssen unsern Leuten zur Genugthuung fallen," fuhr sie scharf und schneidend fort, „ließ doch der Glogauer jüngst die armen Bursche auch hängen, die ich ihm zugeschickt. Wir wollen nur Vergeltung üben!" „Laß das! — stacheln wir den Feind nicht mehr auf, als nöthig ist," — war die beschwichtigende Antwort des Herzogs. „Nein, — wir müssen zeigen, daß wir ihn nicht fürchten, und ihn durch den Tod eines seiner geschicktesten Feldhauptleute entmuthigen." Boleslaus war schon halb besiegt. Die Croatin fügte schmeichelnd hinzu: „Sieh, du weißt, daß ich immer das Rechte treffe. Du bist oft zu gut, das taugt nicht; habe« sich nicht meine Anordnungen stets bewährt? Laß mir nur freie Hand; ich bringe dir jetzt diese Freudcnpost, und du trittst mir so schroff dort entgegen, wo es sich um bei» eigenes Wohl handelt?" 372 Dem konnte der Herzog nicht länger widerstehen, und er gab rasch und flüchtig — wie um sich Ruhe zu verschaffen, seine Einwilligung. Die Croatin triumphirte — jetzt war sie am Ziel und ihre Opfer für immer vernichtet. Sie ließ mit dem Grauen des Morgens alle Anstalten treffen und verkündete den Gefangenen ihr Urtheil. In Ludwig's Augen leuchtete es wunderbar auf, als lösten sich mit diesem Worte die Ketten und er würde dennoch frei. Sterben war ja sein heißester, sehnlichster Wunsch, er begrüßte den Tod mit Freuden. Die Croatin bemerkte dies, und um ihm wenigstens die letzten Augenblicke zu vergällen, wendete sie sich an die schweigend dastehende Hcdwig und sagte: „Du magst Zuschauerin des Schauspiels sein und ihm das Haupt zurecht legen, daß es der Henker sicher trifft." Der Pfeil prallte ab. Hedwig's Lippen verzogen sich nur zu einem verächtliche» Lächeln, stolz und kalt ruhte ihr Auge auf der Croatin und schien zu sagen: „Was du mir zur Straf' ^usgesonnen, ist mir eine Wohlthat, ich bin stark genug, — ihn sterbe» zu sehen." Nur Georg war von dem Urthcilsspruch wie niedergedonnert. Er wollte um Gnade flehen, aber er sah dies steinerne, felsenharte Gesicht, — die rachefunkelnden Augen und fühlte, daß jede Bitte an einem solchen Stahlpanzcr abprallen mußte; dann dachte er ihrer Forderung zu trotzen und lieber den Tod zu suchen, als diese Schmach auf sich zu laden. Aber sterben! — vielleicht unter den gräßlichsten Martern sterben, wie's ihm da eiskalt über den Rücken lief; er war nicht der Mann dazu, um seiner Ehre willen den Märtyrer zu spielen! Daß die Croatin ihn dessen ungeachtet zum Tode bestimmt hatte, daran dachte er nicht. Bleich und zitternd, halb mechanisch, befolgte der Eingeschüchterte die Befehle der Croatin. So viel der Schloßhof Leute fasten konnte, so viel standen neugierig umher, um auf das ungewohnte Schauspiel zu sehen. Alles war jetzt vorbereitet zur schmachvolle« That; die Herzogin gab ein Zeichen^— von zwei Henkersknechten begleitet, schwankte Georg auf den Richtplatz, und wenn man nicht in seiner Hand das blanke, funkelnde Schwert gewahrt, man würde versucht gewesen sein, ihn für das Opfer und den so ruhig dastehenden Ludwig für den Vollstrecker des Urtheils zu halten. Ein lautloses, tiefes Schweigen trat ein; aller Augen ruhten erwartungsvoll auf die in der Mitte Stehenden. Hcdwig trat noch einmal an den Geliebten heran und sah ihm fest und ruhig in's Auge. Kein Zucken ihres Mundes verrieth den wilden Schmcrzens - Aufschrei ihres Herzens, und sie sagte mit weicher, klangvoller Stimme, die nicht das mindeste Zittern verrieth: „Leb' wohl, Ludwig! Verzeih', daß ich dich nicht retten, nicht glücklich mache» konnte, trotz meiner heißen, unendlichen Liebe!" „Leb' wohl, Hcdwig! Wie ist der Tod so süß, wo's keine, keine Hoffnung gab!" erwiderte Ludwig. Mit eisigem Lächeln blickte die Croatin auf die Scene, während von manch' gebräunter Wange eine Thräne der Rührung hcrniederfloß; denn gerade solch' festes, ruhiges Ausharren im Unglück, das packt und erschüttert die starren Herzen. „Jetzt an dein Werk, Herr Ritter!" herrschte die Unbeugsame Georg zu, der i» Verzweiflungs-Qual vergeblich nach Haltung und Fassung zu ringen versuchte. Ludwig kniete auf den Holzblock nieder, den Todcsstreich zu empfangen, nachdem er seinem Henker vorher die Hand geschüttelt und lächelnd gesagt: „So thust du mir doch noch einen Freundschaftsdienst, redlicher, lange verkannter Mann, nun säume nicht!" Die Croatin lächelte über den Irrthum des Verurtheilteu dämonisch, und hätte ihm 373 so gern auch diesen süßen Wahn benommen, wen» sie gedurft, doch die Zeit drängte — ^ und sie herrschte jetzt dem Ritter zu: „Nasch, rasch, wir haben nicht Lust zu warten!" Georg hob gedankenlos das Schwert, blickte noch einmal auf, wie ein Ertrinkender, ! der nach einem Strohhalm ausspäht, und ließ den Arm wieder sinken. „Bist du toll?" wüthete die Herzogin, „soll ich dich mit Ruthen peitschen lasten?" I Es mußte geschehen — er faßte entschlossener, kräftiger das Schwert — da plötzlich < erblickte er Boleslaus aus dem Thore des Schlosses tretend, — und sogleich schoß ih« blitzschnell ein Gedanke, der sie Alle retten mußte, durch den Kopf. Der Herzog hatte von einem Fenster seines Schlosses aus dem Schauspiel zugesehen, und kam jetzt in der Absicht, dem auf's Höchste getriebenen Spiel ein Ende zu machen. > Für einen Fluchtversuch war der Tod doch allzu grausam — und schon diese ernste Drohung Strafe genug. Dem Willen seiner Frau war Genüge gethan, und er wollte > jetzt dem Gefangenen unter dem Beding, — in seine Dienste zu treten, — Leben und k Freiheit schenken. (Fortsetzung folgt.) Beispiele hohen Lebensalters in Großbritannien. Busfon und Haller haben behauptet, das theoretische Lebensalter der Menschen sei 90 bis 100 Jahre. Ein Hund nämlich erreiche in 2 Jahren die Altersreife und lebe dann 5- bis 6mal so lang als seine Entwickelung dauerte. Das Pferd sei mit 4 Jahren ausgewachsen und genieße eine Lebensdauer von 25 bis 26 Jahren. Folglich, meint Busfon, wenn dem Menschen kein Unfall sein Dasein verkürze, so mäste er 6 bis 7mal so lange leben, als seine Entwickelung dauere, nämlich 90 bis 100 Jahre. Den Untersuchungen über hohes Lebensalter haben die Engländer großen Geschmack abgewonnen, und das Beste, was ihre ältere wie neuere Literatur enthält, ist jetzt von einem Essayisten des Quarterly Review zusammengestellt worden. ^ Gewiß ist eins: wer hundert Jahre alt werden will, darf eine Krone nicht trage» und nicht Prinz von Geblüt sein, denn seit Christi Geburt kennt die Geschichte nicht eine» beglaubigten Fall, daß irgend ein Glied irgend eine Dynastie das Alter van l 00 Jahre» erreicht hätte. Die drei ältesten Leute der englischen Geschichte sind die Gräfin von DeSmond, der „alte Parr" und Henry Jenkins. Der Mädchenname der genannten Dame war Katharina Fitzgcrald. Sie soll im Jahre 1465 geboren worden sein und zählte 124 Jahre, als Sir Walter Naleigh 1589 ihre Bekanntschaft machte. Daß sie von 1599 bis 1608 in Irland lebte, steht fest, und daß sie 140 Jahre alt wurde, darf noch mit Beruhigung angenommen werden, ebenso daß ihr im hohen Alter frische Zähne nachwuchsen. Unbeglaubigt dagegen ist, daß sie in einem Alter von 150 Jahren nach London reiste und ebenfalls nur eine ausgeschmückte Ueberlieferung scheint es zu sein, daß sie schließlich ihr Ende durch einen unglücklichen Fall von einem Nußbaume fand. — Ueber Henry Jenkins Alter herrschen leider Zweifel. Er war ein Zeitgenosse von Thomas Parr, welcher letztere, geboren 1483, neun Jahre zählte, als Amerika entdeckt wurde und bis in die Mitte des 30jährigen Krieges lebte. Er hcirathete erst in dem reifen Alter von 80 Jahren und überlebte seine Frau nach 32jähriger Ehe. Nach achtjährigem Wittwerstand schritt er, 120 Jahre alt, zur zweiten Ehe mit einer Dame, für die er schon zu Lebzeiten seiner ersten Frau geschwärmt hatte. Nach dieser zweiten Hochzeit lebte er 32 Jahre, im Ganzen 152 Jahre, und vielleicht hätte er es noch weiter gebracht, wenn ihn nicht Carl von Arundcl als eine Art ^ Curiosität nach London geschleppt und wie ein Menageriestück am Hofe Carls I. gezeigt t hätte. Er wurde dort gefüttert mit dem Besten was zu haben war, und dadurch zog ^ er sich ein „verfrühtes" Ende zu, denn der berühmte Physiolog l>r. Harvcy (der Entdecker ' des Prinzips der Blutcirculationj der seine Leiche öffnete, versicherte, daß, wenn der Man» * i» seiner ländlichen Lebensweise nicht unterbrochen, sei» tägliches Brod nach wie vor mit 374 Zwiebeln und Käse gewürzt, nur Milch oder gelegentlich ein Glas Ale oder Aepfelwei« getrunken hätte, er noch recht lange sein Leben gefristet haben würde. Unter anderen absonderlichen Fällen, die aber als gut verbürgt betrachtet werden dürfen, wird angeführt, daß eine Dame Südcarolinas in ihrem 99. Jahre noch von den Masern befallen wurde, und daß ein Herr John Wceks, der 114 Jahre alt wurde, neun Frauen überlebte, die zehnte aber ein 16jährigcs Mädchen, noch im Alter von 106 Jahren ehelichte. Schon Hufeland wußte, daß Frauen durchschnittlich länger leben als Männer, und verheiratete Frauen länger als ledige. Trotzdem sind die Fälle von außerordentlicher Lebensdauer bei Männern wieder häufiger als bei Frauen, wenn sie auch bei letzteren nicht völlig fehlen. Die Wittwe des bekannten Schauspielers Garrick, eine Wienerin und ursprünglich Ballettänzerin einer Londoner Bühne überlebte ihren Mann 43 Jahre und starb 1822 im Alter von 99 Jahren. Eine wahre zweibeinige Fofsilie war aber die Frau oder im Volksmnnd eine „Lady" Lcwson, die, jung verheirathet, schon mit 26 Jahren eine reiche Wittwe war. Geboren im Jahre 1700 alterte sie mit ihrem — dem achtzehnten Jahrhunderte —- und überlebte es noch bis 1806. Sie war voller Exccn- Iricitäten, zu denen auch gehörte, daß sie die Modctrachten ihrer Jugendzeit im Style König Georgs I. nie ablegte, wahrscheinlich zum Ergötzen des Straßenpublikums. Auch sie bekam im Alter von 87 Jahren neue Zähne, nämlich 2 Stück. Sie beschloß den Rest ihrer Tage in Gesellschaft eines männlichen Bedienten, zweier Hnndc und einer Katze. Zu ihren Seltsamkeiten gehörte die Wasserscheu, d. h. nicht sowohl Hydrophobie, als vielmehr Scheu vor dem Waschwafser. Leute, die sich waschen, behauptete sie, seien beständig Erkältungen unterworfen. Sie Pflegte sich statt dessen mit Schweinsfctt zu salben. Gelehrte Berufsartcn, meint der Essayst, seien einer langen Lebensdauer nicht förderlich. Doch muß er sogleich die Juristen ausnchmen, denn Lord Manssicld wurde 89, Lord Kaimes 86, Lord Monboddo 90, Lord Stowcll 91, Lord Eldon 87 Jahre alt. Von Aerzten läßt sich derartiges nicht berichten, denn daß Galen 140, Hippokratcs 104 Jahre gelebt haben sollen, wird in unserer skeptischen Zeit wenig Gläubige finden; von neueren Aerzten wird uns Ör. Heberdcn angeführt, der über 90 Jahre alt wurde, und der Schwede Jcrnitz, der 104 Jahre bei seinem Tode zählte. Von großen Schriftstellern weiß er nur Samuel Nagers anzuführen, der 1855 93 Jahre alt wa^, dann Hohle, den Verfasser eines Wistbuchcs mit 98 Jahren und Fontenellc der 100 Jahre alt wurde. Goethe, Alex. v. Humboldt, Hammer-Purgstall u. a. gehören noch nicht in den Rang der höchsten Lebensalter. Erfinder scheinen auch nicht große Aussicht zu haben, die Welt durch ihre Lebenszähigkeit in Erstaunen zu setzen, immerhin erreichte James Watt, der Erfinder der neuen Dampfmaschine, ein Alter von 83, der ältere Brunel, Erbauer des Themsetunnels, 81 Jahre. Der Baumeister Sir Christopher Wrcn starb 91jährig, Michael Angela Buonarotti wurde 90 Jahre alt, Titian starb an der Pest im 99. Jahre und Conrad Nocpcl aus dem Haag, brachte es noch ein Jahr weiter. Von Scehelden wird der „blinde alte Dandolo" erwähnt, der 1204 als 90jährigcr Greis noch das Markusbanncr auf die eroberten Wälle Consiantinopels pflanzte. Ein gleiches hohes Alter erreichte der Marschall Nadetzky, während Wellington 82jährig starb. Lord Lansdown und Palmcrston sind Beispiele dessen, was Staatsmänner selbst als Achtziger noch zu leisten vermögen. Man bildet sich in der Regel ein, daß die Bauern ein gesünderes Leben führen, als die Stadtbewohner, doch zeigt die englische Statistik, daß die rein bäuerlichen Gebiete nur je einen Todesfall von 200 weniger als die Großstädte, und je einen weniger unter 500 als die Kleinstädte zählen. Der Unterschied gehört demnach zu den verschwindenden Größen. Strenge des Klimas trägt auch nicht nothwendig zur Verkürzung des Lebens bei, denn Norwegen ist berühmt durch seine große Anzahl sehr alter Leute. Auch das ist ein Irrthum, das sitzende Lebensweise der Lebensvcrlängcrung schädlich sei, indem einige Fälle schon vorhanden gewesen sind, daß Männer über 100 Jahre alt -wurden, die täglich nur ein paar hundert Schritt vom Hause nach ihrem Bureau und zurückgingen. Zu dem schwindelhasten Aberglauben früherer Zeit gehört auch das, was ein deutscher Arzt Cohauscu in seinem Hormippus rvclivivus oder „des Weisen Triumph über hohes Alter und Grab" behauptet hat. Elodius Hermippus soll nämlich 115 Jahre geworden sein, und dieses Kunststück ausgeführt haben zufolge einer dem Aeskulap geweihten Tafel „puellnrum iinlwlilu", oder wie andere lesen ,.puvioruu> Iislitu", was so ziemlich auf dasselbe hinauskommt. Von einem reichen Banguier in Deutschland wußte die ganze Stadt, in der er lebte, daß er, „um sich jung zu erhalten," immer junge frische Mädchen—lionni «oit qui mal v peusu — neben sich schlafen ließ, folglich hielt er sich an die Lesart puollrirum nnlx'lllu. Der gute Mann hätte aber jedenfalls bester gethan, ganz allein in einem hohen Zimmer zu schlafen, denn jede ausgcathmctc Lust, auch die Luft junger und frischer Mädchen ist Gift im Vergleich zu reiner Luft. Der Minorit Roger Baco und sein Namensnachfolgcr Lord Baron glaubten beide an die Möglichkeil von Lebcnselixiren. Paracelsus (1493 im Conton Schwyz geboren) soll auch einen solchen Trunk besessen haben, und würde, wenn er in seinem Gebrauch nicht gestört worden wäre, wahrscheinlich noch jetzt leben, so aber ist er erst 48 Jahre alt am Fieber gestorben. Thomas Baughan, geboren 1612, verordnete eine Kost von Hühnchen, die mit Vipern gemästet, dann gegeißelt, geköpft und gelinde in einem Topf mit Rosmarin und Fenchel gekocht werden sollen. Fragen wir nun die Physiologie, was den eigentlich das Altern sei, so sagt die einfach und bündig: Ausartung der Zcllcubildung. Würde heute ein Elixir gegen diese Ausartung gefunden werden, sicherlich möchte der Zlauuf zu dem Wunderdoktcr sehr groß sein. Nun gehe man aber herum und frage der Reihe nach, wer wohl sein Leben noch einmal vom Anfang bis Ende durchzuleben wünsche. Junge Leute freilich wohl viele, ältere viel weniger, sehr alte vielleicht gar nicht. (Nach d. Ausland.) Sonntags O heiß ersehnter Sonntags-Morgen! Wie eine Mutter sanft umfängt Den Sohn, der fern, gehetzt von Sorgen, Zur Heimath seinen Schritt gelenkt: So breitest du mit mlldem Lächeln Den Arm um mich zur süßen Ruh', Und deine thau'gcn Lippen fächeln Der heißen Stirne Kühlung zu. Der ird'schcn Sorgen Furien jagen Den Sohn der Arbeit fort und fort. Und das Gemüth, gehetzt, zerschlagen. Ersehnt umsonst den Fricdensport — Da hauchst du, gold'ncr Sonntags-Morgen, Dein „Friede mit Euch!" in die Welt, Und das Gemüth fühlt sich geborgen; Die es umschloß, die Kette fällt. - Morgen. O welches Glück, sich selbst gehören. Wenn wir entronnen rauhem Zwang, In das Gemüth tief einzukehren, Zu lauschen seiner Glocke Klang. Da sprießt die Quelle hoher Freuden, Die nie versiegt in Lebens Gluth, Sprießt Balsam auch für herbe Leiden, Zu neuen Kämpfen frischer Muth. Sei, SonntagS-Morgen, mir gcgrüßet. Du Bote Gottes, licht und hehr. Der mich mit weichem Arm umschließet. Wenn mir das Haupt von Sorgen schwer, Der von dem ew'gen Sonntags-Morgen Dem Herzen sel'ge Kunde thut. Da es, vor jedem Sturm geborgen, In Gottes Vaterschooße ruht. (Eine gesegnete Familie.) „Billets für fünfzehn Personen und neunund- drcißig Billets für Kinder unter sieben Jahren," sagte neulich ein Reisender, der vom Salzsee kam (dem Lande der Mormonen), zu dem Billeteur einer Eisenbahn-Station in Massashusets.— „Wenn es für eine Pension oder sonst eine Anstalt gehört, so darf ich Ihnen einen Rabatt am Preise der Billets bewilligen!" sagte der Beamte zuvorkommend. — »Ach, was Pension, was Anstalt! Ich habe die Billets für mich, meine Frauen und meine Kinder verlangt!" — rief der entrüstete Jünger Brigham Poungs 376 Den mannigfachen Bestrebungen unserer Zeit gegenüber, welche auf eine Eman» zipationder Frauen — (und zwar selten in der edlen Richtung, welche die eben erwähnten amerikanischen Lehranstalten zum großen Theil hicbei verfolgen) hinzielen, ist eS vielleicht nicht uninteressant, auch einmal die Stimme einer Frau zu hören, die sich im entgegengesetzten Sinne ausspricht. Eine amerikanische Dame, Miß Emma Webb, hielt kürzlich in Brooklyu einen Vortrag über „das wahre Rittcrthum des Weibes." — Dieß Ritterthum ist nach ihrer unmaßgeblichen Meinung in der Liebe, im Zander der ächten, edlen Weiblichkeit enthalten, — und sie sagt unter Anderem: „Ich kenne keinen widerlicheren, keinen abstoßenderen Anblick als den eines Mannes, der sich zum Weibe zu machen sucht — wenn es nicht etwa der eines WeibeS ist, — das sich zum Manne zu machen bestrebt. Solche geistige, sittliche und berufliche Verirrungen sind stets wider die Natur, und wo sie nicht der Thorheit entspringen, da müssen sie ihren Grund in der Verdcrbniß haben. Die zarte, sanfte, überzeugende Gewalt der Anmuth macht das Weib tausendmal mehr fähig, — den starren Sinn des Mannes zu beugen, als die klobigen Argumente der starkgeistigcn oder vielmehr starkzringigcn Weiber, welche sich jetzt in der Welt breit machen. Die Zunge eines zornigen Weibes ist in der Gesellschaft dem Manne gegenüber so machtlos, wie das Lächeln der Liebe, und Bescheidenheit allmächtig ist. Das Weib übt mindestens eben so viel Despotismus über dtn Mann aus, wie der Mann über das Weib. ES gibt auf der Welt keinen solchen Gewalthaber, wie die Frau es sein kann, wenn sie will. Aber ihre Herrschaft muß sie mit Sanftmuth und Liebenswürdigkeit ausüben. Gelüstet es den Frauen nach einer noch weiteren Ausdehnung ihrer fast schon unumschränkten Gemalt? Durch Theilnahme an öffentlichen Bersammlungen können sie nicht dazu kommen, sondern nur die Macht verlieren, welche sie jetzt besitzen. Durch den Stimmzettel wird das Weib nie eine solche Macht über den Mann ausüben können, wie sie es jetzt durch den Zauber der Weiblichkeit thut. Ein einziges gebildetes, bescheidenes, hingebendes Weib wird im häuslichen Kreise, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu bietet, mehr auf die Gesetzgebung des Landes influiren können, als zehntausend Blaustrümpfe, welche ihrem Herzen auf Konventionen Luft machen." Störe nicht Siehst du den Schlaf auf einem Angenlidc, O, stör' ihn nicht, wenn deinen Feind er auch Umweht mit seinem sanften Balsamhauch, In des Vcrgefsen's Wunderqucll ihn badet! O, stör' ihn nicht, und hemme deine Schritte! Verscheuch' ihn nicht! mit dieser frommen Bitte Spricht jeder Athemzug des Schlaf's dich an. Leis', auf den Zehen schleich an ihm vorüber. Und wünsch' ihm, daß kein Traum, kein banger, trüber, Eich neidisch möge feinem Frieden nah'n. im Schlaf. Bei jedem Schlafe hält ein Engel Wacht, Der legt die Finger auf die Lippen sacht Und winket schweigend dir: Sei stille! zu. Auch selbst bei dem entschlaf'ncn Missethäter Wacht er, ein ernst versöhnungsvoller Beter Um Fricdcn für die Seele ohne Ruh. Ja, heilig ist der Schlaf, wie die Natur, Wie das geheime Wachsthum auf der Flur, Das leise webt im Blatt und in der Blüthe; So ist auch er ein still geheimes Weben, Und keine Waff' ist ihm zum Schutz gegeben. Hast du vor ihm nicht Ehrfurcht im Gemüthe. Wenn Geliert bei irgend Jemand zur Tafel geladen war, so erschien er immer mit unter den ersten Gästen. — „Ich thue dies aus Politik," — sagte er, „denn die Viertelstunde, die Jemand in Gesellschaft auf sich warten läßt, — wird leicht zur Aufsuchung oder Andichtung von Fehlern angewandt!" Druck, Vorlag und Redaction des litterarischen Instituts von t)r. M. ^»ttlec. «»vSÄ- SS?-' I^ro. 48. Augsburger 28. Novbr. 1869. latt. Wer klügelnd abwägt und dem Ziel entsagt, Weil er vor dem, was nie geschehn, verzagt, Erreicht das Grüßte nie. Shakespeare, Ende gut, Alles gut. Akt 1, Scene I. Die Hand (Fortsetzung.) Noch ehe die Croatin den Herzog gewahrt, rief Georg, dem der drängende Augenblick ungewöhnlichen Muth verlieh, mit lautschallcndcr Stimme: „Boleölaus, — rette deinen Sohn! Der Vcrurthcilte ist Ludwig, den du so „lange gesucht." Die letzten Worte schon erstarken auf seinen Lippen, denn der Dolch der wüthend auf ihn zugesprungenen Croatin saß ihm tief in den Rippen: „Hier deinen Lohn, du elender Wurm!" schäumte sie ihrer Sinne kaum mächtig. Das war so blitzschnell, so unerklärlich an den Zuschauern vorüber gegangen, daß diese kaum den Vorgang wahrgenommen. Der Herzog trat jetzt auf die Scene; zum ersten Mal überkam ihn ein tiefer Abscheu vor dieser blutgierigen Megäre. „Was ist hier vorgefallen?" fragte er finster und streng. Der auf den Boden gesunkene Georg versuchte zu sprechen und stammelte: „Nette deinen Sohn!" Die Croatin versuchte vergeblich ihn zu überschreien. Der Herzog, aufmerksam geworden, gebot ihr rasch und entschlossen Schweigen und beugte sich über den Sterbenden, um sein Geflüster zu verstehen. Dieser zeigte auf den befremdet darein schauenden Ludwig und wiederholte: „Es ist dein Sohn, dein verlorener Ludwig — ich sollte ihn todten, die Croatin wollt's, o hätte ich sie nie gesehen!" — Dann drückte er kramphaft die Hand auf die Brust, wie um den hervorquellenden Blutstrom zu stillen. „Georg, fasele nicht solch' dummes Zeug — rede vernünftig — das wäre mein Sohn?" cntgegnete der Herzog halb zweifelnd, halb hoffend. „Ruf' ihn nur her und ziehe sein Hemd von der Brust," keuchte Georg mühsam hervor; „das Mal!" „Haj wär' es möglich? Das Mal!" Mit diesem Ausruf stürzte Bolcslaus aus Ludwig zu und jubelte gleich darauf, als er das Mal erblickte, mit tief auS dem Herzen kommender Stimme: „Gefunden! mein Sohn, mein Sohn!" Er umarmte ihn unter Thränen freudiger Rührung, kniete dann nochmals vor Georg nieder und fragte wiederholt: „Ist er auch wirklich mein Sohn?" „Zweifelst du noch? Ich hab's genau erforscht — uud schwöre dir bei Allem, was heilig." „Ja, es ist wahr, mit einer Lüge auf den Lippen geht man nicht aus der Welt!" erwiderte BoleslauS, und fügte, zu Ludwig gewendet, hinzu: „Dank es dem armen Burschen, daß ich dich gefunden, du längst verlorener, theurer Sohn! i" „Nein, mir nicht — jetzt büße ich meine Schuld, größer, als du geahnt." o verzeihe, Ludwig, sie war 378 Nach diesen Worten sank Georg zurück, ein Blutstrom quoll aus seinem Munde, ei» heftiges Aufzucken und er hatte die schuldbeladene Seele ausgehaucht. Plötzlich hörte man heftiges Sturmläuten; der bestürzt dastehenden Croatin war es Musik — das mußte den Herzog aufrütteln, zu anderen Gedanken bringen und das Geschehene vergessen machen. Sie trat auf ihn zu und sagte hastig: „Der Feind dringt in die Stadt, laß hier die Thorheit, handle, kämpfe! —- jeder Augenblick bringt dir Verderben." Er hörte sie nicht, der alte, — seit Langem von weicheren, zarteren Empfindungen bewegte Mann hielt den Sohn innig umschlungen und vergaß darüber die Welt. „Nun, so will ich wenigstens mich nicht wehrlos niederhauen lasten, feiger Tropf! Mir nach!" rief die Croatin und stürmte dann mit ihren Leuten fort, sich Vergessenheit im Kampfgewühl zu holen. Der Herzog blieb mit Ludwig und Hcdwig fast allein zurück. „O, wenn Margareth noch lebte, welche Seligkeit wäre das für sie!" — seufzte Boleslaus. „Sie lebt!" mit diesen Worten trat jetzt Hedwig, die bisher schweigend den seltsamen Auftritten zugesehen, auf den Herzog zu, der, sich selbst und Alles vergessend, nur auf die Erzählung seines Sohnes hörte, um jedes Wort zu merken, das ihm sein Glück, den Sohn vor sich zu haben, vergewissern mußte. „Sie lebt?" rief Boleslaus glücklich überrascht aus, „mein Gott, ein solches Glück wird ja ihr schwaches Herz nicht fasten, und ist sie wieder gesund?" Hcdwig schüttelte traurig das Haupt. Aber Boleslaus entgcgncte mit Zuversicht: „Dann wird sie es werden, ich hoffe es!" Und du hast meinen Sohn retten wollen?" — wandte er sich wieder an Hcdwig. „O, das ist groß, das ist schön! Ludwig, das darfst du ihr nie vergessen, und nun ist Alles gut, wir sind im Hafen!" Ludwig machte ihn jetzt darauf aufmerksam, daß vielleicht der Feind wieder stürmen und es Zeit zum Kämpfen sei. „Wozu, Ludwig?" entgcgncte der Herzog, „schade um jeden Tropfen unnütz vergossenen Blutes. Ihr Beiden sichert mir den Frieden. — Ich will hinaus und dem Kampfe ein Ende machen." Er wollte fort, aber schon stürzte die Croatin, bleich und blutend auf ihn zu und rief: „Wir sind verloren!" um dann erschöpft zusammen zu sinken. Ihr folgte auf dem Fuße eine Schaar Gewappneter, Herzog Heinrich und Wenzel an der Spitze. Der Letztere hatte nach seiner Flucht sogleich dem Herzog Heinrich von dem Unglücke berichtet, der — Anfangs darüber erbittert, Wenzel der Ermordung seines Kindes anklagte, dann aber wohl einsah, daß er nicht anders gekonnt und nur ritterlich gehandelt. Schnell entschlossen, gab er sogleich Befehl zum Angriff, und als dazu Alles vorbereitet war, ritt er an seinen Leuten vorüber und rief ihnen zu: „Es gilt meine Hedwig; haltet Euch wacker!" Thränen rannen ihm dabei an den Wangen herunter. Hei, das war ein Ringen — so toll, so verzweifelnd hatten die Briegcr den Feind uie anstürmen sehen. Eine Todcsbcgeisterung hatte sie erfaßt und die Mauern wurden trotz der wüthigsten Gegenwehr genommen. Und nun hinunter in die Stadt — der alte Herzog mit Wenzel und eine Schaar Auserlesener, Getreuer immer voran — da kam die Croatin angebraust. Gift und Galle im Herzen, in toller Verzweiflung Tod oder Freiheit suchend. „Ha!" rief ihr Wenzel entgegen, „treffen wir uns hier? Mutter, jetzt gilt es, deine Rechnung zahlen," und rasch und muthig drang er auf die Croatin ein, die noch wüthend von dem Iüngsterlebten hier zum Unglück wieder auf ihren gefährlichsten Gegner stieß und sich daher verzweifelt zur Wehr setzte. Wenzel schien Anfangs mit seiner Gegnerin spielen zu wollen, und als er ihr «ine ticfklaffendc Wunde in die Achsel beigebracht, sagte er lachend: »Nicht wahr, ich zahle in blanker Münze für den Peitschenhieb?" Die Croatin, durch den Spott aufgestachelt, drang toll und unbesonnen auf ihn ein und rannte sich fast selbst, so viel sie auch Wenzel schonen gewollt, das Schwert in die Seite. Die Wunde war keine tödtliche und mit Anstrengung aller Kräfte ergriff sie die Flucht, mit ihr der Rest ihrer Leute, während die Angreifer hinter ihnen herstürmten. Heinrich erblickte sogleich seine Tochter und rief jubelnd: „Du lebst! — o Gott, so komme ich nicht zu spät — mein böses, engelgutcs Kind!" — und er schloß sie in Uebcrscligkcit in seine Arme. „Und du, mein hartnäckiger Feind, bist endlich doch jetzt besiegt!" wandte er sich an Boleslaus. „Wohl, du hast mich überwunden," entgegncte dieser, „ich bin dein Gefangener, aber eben nur ein unerwartetes großes Glück war mein Verderben! Ich habe meinen Sohn wiedergefunden und deine Tochter war's, die ihn hat retten wollen!" „Dein Sohn? — Meine Tochter?" rief Heinrich. „Da seht sie Beide!" und Boleslaus fügte lebhaft hinzu: „Wenn die Kinder für einander in den Tod gehen, dann dürfen sich die Alten nicht die Hälse brechen. Ich reiche dir die Hand zur Versöhnung und zum Frieden!" „Pah! Du hast nur einen Sohn, und der ist hier," entgcgnete Heinrich, indem er auf Wenzel zeigte. „Wenzel! auch dich erhalt' ich wieder? DaS ist zu Viel des Glücks!" — rief freudig Boleslaus und umarmte seinen Sohn herzlich. „Aber du glaubst mir nicht? Heinrich," wandte er sich wieder an diesen, „nun, bei Allem, was mir heilig, schwöre ich vor dir und vor allem Volk, daß dies mein erstgeborener Sohn. Wie alles daö gekommen, laßt's euch von Margareth erzählen. —- Doch genug, Ludwig ist mein Sohn — und in wenig Tagen mit Wenzel Herzog von Brieg, — denn ich bin des Negierens müde — und werbe jetzt für ihn um die Hand deiner Tochter." Herzog Heinrich besaun sich einen Augenblick, ihm war es ja nicht um die Person, nur um den Erben des Herzogthums zu thun, und wenn Ludwig ein Herzogssohn, dann söhnte sich ja Alles freundlicher aus, als er je zu träumen gewagt — dann konnte er dieser Verbindung nicht entgegentreten, die ihm dieselben Früchte bringen mußte. Das waren Gründe genug, Wenzel aufzugeben und den früher verschmähten Eidam freundlich anzunehmen und er sagte daher, wie recht freudig überrascht: „Ludwig, ein Herzogssohn?! Daß edleres Blut in deinen Adern rollte, hab' ich wohl geahnt. Ihr seid doch nicht zu trennen, habt schon die Hände ineinander geschlagen und predigt damit Frieden, und deßhalb heiße ich dich als Eidam freudig willkommen!" Hcdwig mußte sich erst daran gewöhnen, einen Hcrzogssohn an der Seite zu haben, damit war ja ihr Jugcndtraum zertrümmert, aber doch nur ein Traum, in Wirklichkeit, daß Ludwig ihr ebenbürtig geworden, hatte doch einen ganz anderen Zauber. „Und wir sind Brüdcr, Wenzel!" Mit diesen Worten trat der überglückliche Ludwig auf diesen zu; „wir werden treue, Herzliebe Bruder sein und wollen fortan redlich zu einander halten." IX. Wer mit seinem Lebensschiffleiu Nie gescheitert — nie gestrandet. Hat auch in den sichern Hafen, Ueberglücklich — nie gelandet! An einem Frühlingstag« des darauf folgenden Jahres sprengte ein prächtiger Reiter- zug durch das südliche Thor Eprottau's — und hielt vor dem uns schon bekannte» Schmiedchause. Es war ein sonnenheller Tag, die Erde schien im ersten Entzücken der »atzend« Frühlingsboten wunderbar aufzuathmen, und mid jugendlicher Begeisterung an der Brust 380 der ihr wieder freundlich zugewendeten Sonne zu ruhen. Aber in dem Herzen der dort Kommenden war es noch hellerer, wärmerer Sonnenschein, — denn in ihnen wogte der Zauberstrahl des Glückes auf und nieder. Voran ritt ein stattliches, jugendliches Paar. Eine im Glanz der Jugend und des Glückes strahlende junge Frau, die auf dem weißen Zelter im schwarzen Neitkleid eine sehr anmuthige Erscheinung abgab. Ihr Begleiter trug ein reich mit Gold verbrämtes Wams, — das seine schlanke, blühende Gestalt in ein noch vortheilhaftcrcs Licht hob. Auf seinem, mit wcrthvollen Steinen geschmückten Barett schwankte eine stolze Feder und bekundete den Edelmann. Man sah der ganzen Erscheinung des Reiters an, daß sie von Glück und Liebe gehoben und begeistert war. Welch' seliges Lächeln spielte nicht um seine Lippen, wie leuchteten nicht die Augen, als suchten sie überall ein thcilnchmcnd Herz für die Fülle seines Glücks Ihnen folgten ältere Personen. Eine bleiche — halb zusammengebrochene Frauen- Gestalt, die leicht und ätherisch nur noch mit wenigen Fäden an diese Erde gefesselt schien. ES war Margarcth — an ihrer einen Seite ritt Herzog Heinrich, — an der anderen Bolcslaus, und sein sorgend-freundlicher Blick verrieth, daß sich die Herzen ausgesöhnt haben mußten und die Sonne der alten Liebe noch am Abend durch die dunklen Wolken gedrungen und mit ihrem Strahlenlicht die entfremdeten, erstarrten Herzen erwärmt und durchleuchtet. Man sah der armen Frau noch immer an, daß der tiefste Scclenschmcrz sie heimgesucht haben mußte, denn nur dieser unterwühlt so tief und unaufhaltsam die innersten Wurzeln des Lebens, um doch zugleich den ganzen Menschen wunderbar zu durchgcistigen und für eine höhere Welt geschickt zu machen. Nur in ihrem Auge lag eine wunderbare Seligkeit, als habe eine gütig-freundliche Macht mild-vcrsöhnend die Hand aus ihr gequältes Her; gelegt. Und so war cS auch. Nachdem sich durch die jüngsten Erlebnisse Alles so wunderbar ausgeglichen, war man versöhnt und glücklich nach Glogau abgereist, nm die arme Margarcth abzuholen und dort die Hochzeit glänzend und prächtig zu feiern. Dem verarmten Wenzel war es unmöglich gewesen, sie zu begleiten und er hatte seinen Vater gebeten, ihm während seiner Abwesenheit die Verwaltung des HcrzogthumS allein zu übertragen, bis dieser nach der Rückkehr auch Ludwig mit in die Herrschaft eingesetzt. Nicht einmal Lebewohl zu sagen, hatte er vermocht, denn der jetzt sichere Verlust Hcdwig's war doch ein zu harter, — grausamer Schlag für seine leidenschaftlich bewegte Brust, und als die Karavane heiter und glücklich über die Schloßbrückc zog, da sah er ihr von seinem Fenster düster nach und seufzte bitter: „Sie sind Alle frei und glücklich, nur ich — ich schleppe die Ketten und darf nicht einmal Diejenigen Haffen, die sie mir angelegt; ich kann, ich darf es nicht! Es ist ja mein Bruder, der mir den theuersten Schatz entwendet, es ist die heiß und einzig Geliebte, die mir so tiefe Wunden schlägt." Er versank in düsteres Hinbrüten. „Wie leicht und glänzend hat nicht mein Leben begonnen? Die Sonne schien'warm und hell — Alles bog sich zu mir hernieder, mich weich und glücklich zu betten. Diese'Hedwig? — welch' ein herrliches Wesen! Sie schien für mich geschaffen. Wie tanzte das stolze Lebcnsschifflein so keck und frei hinaus auf die See und jetzt — wie dürftig und zertrümmert kehrt es nicht zurück! — Ich bin arm geworden — wie anders mein Bruder — er ist der Glückliche, ich möchte ihn nicht nur um dies Weib, auch um seine Vergangenheit beneiden. DaS Geschick trug ihn aus dem Staube hinaus zum höchsten Glück, er hat im Fluge erreicht, was seine kühnste Phantasie sich nur träumen konnte. Hch fühle eS jetzt, nur wer vorwärts kommt, ist reich und glücklich, wer stehen bleibt —schon Bettler. Ich will nach Ruhm uud Ehre geizen, in mir kocht des Vaters dunkleres Blut!" 381 Dieser Gedanke fuhr ihm jetzt durch den Kopf und sänftigte seinen Schmerz, der nur von dem ewigen darüber Brüten ein unheilbarer wird, dort aber stets an Macht verliert, wo neue, kräftigere Wellen ihm ein sicheres Grab betten. Aber wie kam die still und fast gedankenlos in ihrer Jagdhütte öde, freudenlose Tage hindämmernde Margarcth zu diesem Sonnentag? Die Verzweiflung über den gewissen Verlust ihres Sohnes hatte sie in die Nacht des Wahnsinns gestürzt, sein Wiederfinden sollte der leuchtende, freundliche Genius werden, der sie wieder hinauf znm Sonnenlicht deS gesunden Seins und Denkens trug. Die Worte: „Hier ist dein Sohn, dein Jahre lang verloren r Sohn," wirkten Anfangs auf sie vernichtend. Sie zitterte am ganzen Körper, stieß einen Schrei auS und tastete in der Luft. Als Ludwig näher trat und sie in die Arme schloß, da schob sie in ficberischer Hast das Wams zurück, erblickte das ErkcnnungS-Zcichcn — und mit dem Ausruf: „Mein Sohn, mein Sohn!" sank sie ohnmächtig zusammen. Die Welle des Glücks war zu hoch, zu gewaltig, und Alle zitterten für ihr Leben, und doch — nur eine solch' mächtige Woge sollte glättend, sänftigend ihrer Seele den Frieden zurückbringen und die verstörte, verrückte Geisteskraft in ihre ruhige Bahn lenken. Als sie wieder erwachte, war ihr erster, ängstlich suchender Blick nach Ludwig. Sie sah ihn am Bette sitzen, strich mit der weißen, durchsichtigen Hand über die umwölkte Stirn und flüsterte dann: „So ist es doch kein Traum, du bist hier — und gehst mir nicht mehr verloren?" „Nein, geliebte Mutter, ich bleibe bei dir," cntgegnetc warm und innia Ludwig, „ich will dich lieben, hegen und Pflegen, wie du cS bedarfst. Wie bin ich glücklich, an einer liebenden Mutterbrusl auszuruhen, nach der ich mich so heiß und innig gesehnt." (Schluß folgt.) Das Leben a«f dem Grunde des atlantischen Oceans. Ueber „das Leben auf dem Grunde des atlantischen OccanS" theilt Herr Oskar- Schmidt nach den neuesten Tiefensondirungen in der „N. Fr. Pr." Folgendes mit: Schon vor mehr als drei Jahrzehnten machte Ehrcnberg die Entdeckung, daß die europäischen Kreidefelsen zum größten Theile aus den Schalen und Schalcntrümmern mikroskopischer Thierchen niedrigen Ranges gebildet seien, und bald darauf konnie er eine Abhandlung veröffentlichen über noch jetzt im Wasser und Schlamm der Nordsee „lebende Krcidcthicrchen." Man erwog damals und bis in die neuere Zeit die Bedeutung eines solchen Ausspruches nicht genügend; ein verwandtes Interesse knüpfte sich aber an jene ersten Entdeckungen mit dem Beginne der Tiefensondirungen, welche am Großartigsten behufs der Lcgung des „transatlantischen Kabels" ausgeführt wurden. Auch die schon vorher begonnene, sorgsame Untersuchung der Meeresströmungen und überhaupt der ganzen physikalischen Beschaffenheit des Meeres zum Zwecke der Erleichterung und Sicherung der Schifffahrt, worin der berühmte Nautiker Maury seinen Namen begründete, lenkte die Augen auf die bisher nur angeregten Poblcme. Es wau dabei von äußerster rechnischer Wichtigkeit, die wahre Beschaffenheit und Zusammensetzung des Meeresbodens zu wissen, auf und in welchen das Kabel gebettet werden sollte. Es genügten die Proben nicht, welche an dem alten, — mit Talg cingericbenen Lothe hafteten, und es wurden mehrere sinnreiche Apparate erfunden, um ausreichende Grundprobcn herauszubekommen. Die mit den anderen Hilfsmitteln ausgeführten Sondirnngcn erstreckten sich auf etwa 2000 Faden oder 12,000 Fuß, und es fand sich, daß die größte Strecke des Bodens des mtantischen Oceans aus feinem Schlamm besteht, von welchem theils Trümmer, theils ganze Schalen und Gehäuse mikroskopischer Wesen die Hauptmaste bilden. Ehreuberg behauptete wiederum, aus dem Befunde dieser Gruudproben schließen zu .382 müssen, daß jene Thierchen auf dem Grunde wirklich lebten, — trotz des ungeheure» Wasserdruckes. Allein man warf ein, gestützt auf die Beobachtung ganz ähnlicher Wesen, welche sich in geringer Tiefe oder an der Oberfläche schwimmend aufhalten, daß die An- Häufungen auf dem Meeresboden durch das Sinken der Schalen abgestorbener Thierchen geschehen. Auch Sccsterne wurden nicht selten bei den Lothungcn an'S Tageslicht gebracht, allein es blieb immer ungewiß, in welcher Tiefe und unter welchen Verhältnissen überhaupt sie sich an die Taue und Leinen angeklammert hätten. So galten bis vor Kurzem die Aufstellungen, welche der frühvcrstorbene englische Zoolog Forbes nach seinen Untersuchungen in griechischen Meerestiefen angestellt hatte: daß von der Strandzonc an sich die Thiere und Pflanzen nach verschiedenen Schichten rangirten, daß aber im Allgemeinen über 100 Faden in die Tiefe das normale Leben sich nicht erstrecke. Da machte vor zwei Jahren der jüngere SarS, der tüchtige Sohn des berühmten Zoologen in Christiania, einen sehr merkwürdigen Fund. Zur Untersuchung der Dorf-Fischereigründe an die Küsten und Umgebungen der Loffoden gesendet, wendete er das Schleppnetz in größeren Tiefen an, als man bisher damit gearbeitet, — bis 300 Faden. Er fing unter Anderem eine Anzahl kleinerer Haarsterne, eine neue Gattung aus einer Familie, welche man längst und zwar seit der Kreidezeit ausgestorben wähnte. Eine nähere Beschreibung würde hier nicht am Platze sein, wir begnügen uns mit dem Namen UIii 20 oririu 8 lolluckensis. Als nun die Professoren Wyville Thomson in Belfast und Carventcr in London an der Küste von Nordbritannicn in ähnlichen Tiefen dasselbe Krcidethier fanden, unternahmen sie im vorigen Jahre eine großartige Schleppnetz- Excurston, wozu ihnen die Admiralität einen eigenen Dampfer zur Verfügung stellte. — Ueber die Resultate derselben hat Professor Thomson in einer öffentlichen Vorlesung in Dublin Rechenschaft gegeben. Man untersuchte die Strecke zwischen Schctland und den Färbern, sowohl den Bezirk des Goldstromes, als die kältere Mcereszone zu den Seiten desselben, und das Schleppnetz wurde im Golfstrombezirke auf eine Tiefe von 3180 Fuß versenkt, bei welcher das sich selbst registrirende Thermometer über 6'' N. Wärme angab. Es wurde von ihnen erstens nochmals constatirt, daß der feine Kalkschlamm des BodenS in der Hauptsache aus den kleinen Schalthierchcn besteht und fortwährend gebildet wird, die namentlich zur Gattung 6Ioki^nrinu gehören. Und wenn Ehrenbcrg einst sagte, daß noch jetzt Thierchen aus der Kreideperiode lebten, so geht Thomson weiter: der heutige Boden des atlantischen Ozeans, — soweit er auS jenem Kalischlamm bestehe, sei geradezu der Boden des Kreidemecrcs. „Es gibt eine Ticfcnzone im atlantischen Ozean," sagt der englische Forscher, — „worin der Himalaya Platz hätte, ohne daß die darüber rollenden Wogen sich an ihm brächen, und es scheint nicht, daß seit der Ablagerung der älteren Tertiärschichten jenseits der Tiefe von 1500 Fuß auf der Strecke zwischen Nord- Europa und Nordamerika Bodcnhebungcn und Senkungen stattgefunden haben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Hauptzüge der Contouren der Erdrinde seit dem Anfange der mesozoischen Periode nur geringe Veränderungen erlitten haben, und daß die große Tiefe des atlantischen, pazifischen und antarktischen Ozeans ihre Bildung solchen Ursachen verdanken, welche schon vor jener so sehr entlegenen Zeitpcriode wirkten." ES soll dabei, meint Professor Thomson, nicht in Abrede gestellt werden, daß im Laufe der Jahrmillionen kleinere Erhebungen und Veränderungen stattgefunden haben; da und dort sind die Temperaturen in Folge der durch lokale Hebungen abgeleiteten Meeresströmungen andere geworden, und die nach und nach sich vollziehenden, unwesentlichen und leichteren Veränderungen und Umgestaltungen haben auch eine allmälige, aber nicht durchgreifende Umwandlung der Thicrwclt der Tiefe» nach sich gezogen. Zu Dem, was im Vorausgehenden über das Vorkommen deS merkwürdige» RhizoorinuS gesagt ist, ist noch hinzuzufügen, daß da- Thier auch auf dem Golfstromboden zwischen Florida und Kuba gefunden worden ist. In diesen Gegenden läßt die Regierung der Vereinigten Staaten seit mehreren Jahre» Küsten^Sermeffungen und Tiefe»- 383 Sonderungcn vornehmen. Die Expedition ist von dem Zoologen Grafen Pourtales begleitet, und die wissenschaftliche Bearbeitung des mit größter Sorgfalt gesammelte» Materials ist theils von Pourtales selbst und den Professoren Agasiz, Vater und Sohn, in Cambridge in Massachusetts übernommen, theils dem Verfasser Dieses übertragen. Bon Pourtales wurden interessante Schwämme gefunden, und Thomson förderte aus den Tiefen zwischen Shelland und den Faröern auch eine Anzahl sehr zierlicher, in ihrem mikroskopischen Detail bewunderungswürdiger Spongicn oder Schwämme herauf, und hat in dem erwähnten, in Dublin gehaltenen Vortrage es wahrscheinlich zu machen gesuckt, daß gewisse Versteinerungen der Kreide, die Ventrikulitcn, mit diesen heutigen Schwämmen in direktem Zusammenhange stehen. Er kommt dabei zurück auf die schon oft ausgesprochene Vermuthung, daß die Kieselknollcn und Feuersteine der Kreide dadurch entstanden seien, daß die Kieselsubstanz der Krcidcschwämme aufgelöst und dann wieder zu Feuerstein konzentrirt worden sei. Die Frage über die Beziehungen der lebenden zu den fossilen Spongicn hat in neuerer Zeit einige Aufhellung gefunden. Zuerst handelt es sich um den Zusammenhang der lebenden Schwämme. Wenn Zoologen heute vom Zusammenhang der Organismen sprechen, so meinen sie darunter den der Abstammung und Blutsverwandtschaft. Zu den Spongicn, welche einer rationellen Systematik Trotz zu bieten schienen, gehört ein wundersames Produkt der japanestschcn Gewässer, welches als ächter Japanese mit einem Zopf von über fußlangen gedrehten Kieselfäden versehen ist (ll^ulonoma), — und ein zweites, röhrenförmiges Gebilde von der Küste der Insel Kuba, dessen Kicsclnetz mit der feinsten Stickerei und Filigranarbeit wetteifert. Das ist die berühmte Euplektella, welche noch vor wenigen Jahren mit zwanzig Pfund bezahlt wurde, seitdem aber in ziemlich vielen Exemplaren in unsere Museen gekommen ist. Zu diesen vereinzelten, durch ihre Kicselkörperchen auf einander hinweisenden Arten wurden nun sowohl an der portugiesischen Küste als auf dem Golsstromboden nördlich von Shctland Pendants gefunden. Und die ergänzenden systematischen Glieder liegen mir von Kuba und Florida und von den Kapverdischen Inseln vor. Noch mehr. Manche Eigenthümlichkeiten der sogenannten GlaSspongien mit zusammenhängendem Kieselgerüst wiesen auf die enge Verwandtschaft mit der Euplektella und Hyalonema. Eine neue Gattung von Florida zeigt nun zu der vollsten Evidenz an einem und demselben Exemplare den Uebcrgang der isolirten Nadeln in das kontinuirliche Geflechte, und wenn auch noch manche erläuternde Beobachtungen und Funde fehlen, so ist über die Zusammengehörigkeit aller dieser Organismen entschieden. Bevor dieser Zusammenhang nachgewiesen, ließ sich schwer über die eigentliche Natur und die natürliche systematische Stellung der fossilen Schwämme urtheilen. Man war noch vor Kurzem geneigt, sie als eine ganz besondere, mit den jetzt lebenden Schwämmen kaum verwandte Gruppe niederster Organismen zu halten, bis Professor Thomson wieder die Behauptung aufstellte, daß die heutigen „GlaSspongien," das sind die Schwämme mit zusammenhängendem Kiesclgcflechte, ganz nahe Verwandte jener das Jura- und Kreidemeer bevölkernden Gebilde seien. Dieß kann nun, auf Grund sehr spezieller mikroskopischer Verglcichungcn, mit völliger Gewißheit ausgesprochen werden. Die beiden Hauptgruppcn der fossilen Schwämme, die mit dem sogenannten wurmförmigen und die mit dem gittcrförmigcn Gewebe, existircn uoch heute. Die geographische Verbreitung dieser lebenden Fossile ist, wie aus den obigen Mittheilungen hervorging, eine sehr merkwürdige; sie scheinen nicht bloß im nördlichen atlantischen Ozean, sondern auch in den tropischen Meeren die größeren Tiefen zu lieben, und haben diese Wahl des Standortes aller Wahrscheinlichkeit nach von ihren Urvorfahren ererbt. Ihre Genossen in jenen Tiefen-Plateau's sind und waren fast ausschließlich Wesen, gleich ihnen zweifelhafter, unentschiedener Natur, — sogenannte Protoplasma- Organismen, und zwar in so ungeheurer Fülle, daß der ganze Meeresboden nicht als ri» todter, sondern als ein zusammenhängendes Lebendiges erscheint. Protoplasma ist 384 «mf Protoplasma gehäuft, jede mikroskopische Probe, von Thomson's und Carpcnter'S Kreuzfahrt heimgebracht, enthüllte dasselbe. Angesichts dieser uncrmcßbar großen Lebens- menge ist der Fund von 10- bis 20,000 Fuß tiefen Schichten der Laurcnzihchcn Formation in Kanada, — bestehend aus den Schalen - Anhäufungen des ältesten bekannten Protoplasma-Thieres, des ko/.oon c-Lnullenne, nichts Außerordentliches. Muster - und MilitärstaatlichcS in Norddeutschlaud. Die Iugendlehrer würde man Gern reichlicher belohnen; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes — für Kanonen. Die Lehrer-Wittwen würde man Vor Hunger gern bewahren; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Husaren. Man würde auch Asyle bau'n, Als Obdach für die Armen; Allein, allein man braucht zu viel DeS Geldes für — Gensdarmen. Man baute gern der Intelligenz, Dem Fortschritt neue Bahnen; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Uhlancn. Man ließe gern von Steuern frei Die ärmeren Bewohner; Allein, allein man braucht zu viel DeS Geldes für — Dragoner. Den Rcichstags-Gliedern gönnte mau Bon Herzen gern Diäten; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Musketen. Man baute gern ein Waisenhaus Hinauf bis zu den Sternen; Allein, allein man braucht zu viel Des Geldes für — Kasernen. Wcnn'S nur noch kurz so weiter geht In jenem Musterstaate, Dann gibt'S dort bald nichts weiter mehr, Als — und Soldaten. (Er ist ein Pariser.) Irgend ein Kauz hat, um die schlechte Meinung, welche der Pariser vom Auslande hat, darzuthun, eine kleine Blumenlcsc der für gewisse sociale Untugenden dem Bewohner der Weltstadt geläufigen Metaphern zusammengestellt. In der Pariser Umgangssprache heißt der Uebcrvorlhcitcr im Geschäfte Jude, der Wucherer Araber,, der in gewissen Specialitäten exzellircnde Dieb Amerikaner, der ungeschliffene Grobian Savoyard, der Tölpel Wälscher, der Trunkenbold Pole, der Landstreicher Böhme (oder Zigcuüer), der Thürstehcr Schweizer, der bezahlte Klalschcr Römer und der falsche Spieler Grieche. Auch der Chinese hat in der „Pariser Sprache" einen sehr niederen Cours. Wenn aber in dem übrigen Frankreich von einem Tagdicb die Rede ist, — so heißt cS: „Er ist ein Pariser!" ^Mittel gegen Ungezogenheit.) Der Besucher einer Bibliothek in Paris glaubte zu bemerken, daß jedesmal, wenn er in den Lese-Salon trat, zwei der Beamten, welche bei der Büchcrverthcilung beschäftigt sind, von einer plötzlichen Heiterkeit ergriffen wurden, deren Objekt augenscheinlich er selbst war. Um dieser muntern Laune ein für alle Mal ein Ziel zu setzen, schrieb er eines Tages auf den Zettel, auf welchem mau den Titel des gewünschten Buches vermerkt: „Geschichte eines kleinen Bücherwurmes, welchem eine unzeitige Lachlust sechs Zoll Eisen in den Leib einbrachte. Paris, 1869." Seit dieser Zeit thront auf dem Antlitze der beiden Beamten der unerschütterlichste Ernst. Druck, Vertag ane Redaction d«S Literarische« Instituts dv» 0r. M. Huitler. Nr-v. 49. ü. Decbr. 1869 ArrasLnrraer Arrasbrrraer Gefühl, an Inhalt reicher als an Worten, Ist stolz auf seinen Werth, »nd nicht anf seinen Schmuck! Nur Bettler wissen ihres Guts Betraq. Shakespeare, Romeo und Julie. Akt N. Scene S. Die Hand. (Schluß.) „Ach, Ludwig, wie hab' ich dich gerufen, wie hab' ich geseufzt und geklagt und die Arme ausgestreckt — aber du warst immer so weit — du kamst nie bis zu mir, nur einmal, da hatte ich dich — da schloß ich dich an meine Brust, aber nur einen Augenblick, ich hörte die Alte lachen und du warst verschwunden." „Das war kein Traum, Mutter, ich war es selbst, den du in die Arme schlössest, »nd Sohn nanntest, — hätt' ich es damals ahnen können!?" „Nun, Gott sei gelobt, ich habe dich jetzt und halte dich fest!" Die Nähe ihres Sohnes that Wunder. Der Geist der armen Frau wurde immer lichter und freier — und am Hochzeitstage deS jungen Paares schlich schon das erste, so innige Lächeln über dies bleiche Antlitz und verkündete völlige Genesung. Ludwig hatte nach der Hochzeit darauf gedrungen, die Heimreise nach Brieg über Eprottau anzutreten, um die Spielplätze seiner Kindheit aufzusuchen — und den alten Schmicdclcuten sein ungewöhnliches Glück zu verkünden. Waren sie auch in einer befangenen Stunde rauh und unfreundlich gegen ihn gewesen, er hatte ihnen ja doch so unendlich Vieles zu verdanken, und auch Margarcth's weichem Herzen that es wohl, die guten Menschen kennen zu lernen, die ihren Sohn aufgenommen und liebevoll gepflegt, um vielleicht in Etwas ihre große Schuld, die nur ein liebend Mutterhcrz würdigen konnte, abzutragen. Die Gesellschaft langte in der glücklichsten Stimmung vor dem Schmicdehausc an, in dessen Thür schon der von dem Geräusch herbeigelockte Schmied stand, und vor dem hohen, seltenen Besuch ehrerbietig das Käppchcn zog, um seine Befehle zu erwarten. — Gewiß gab'S eine kleine Arbeit. Der kleine Zug hielt und Ludwig rief lachend aus: „Kennst du mich nicht, so müssen die wenigen Jahre Euren Ludwig sehr verändert haben." Der Schmied blickte jetzt schärfer hin, — aber er wollte kaum seinen alten Augen trauen, das waren wohl die Züge Ludwig's, jedoch das kostbare Kleid, — die Ritter im Gefolge — daraus sollte ein Anderer klug werden und er lies, ohne ein Wort zu antworten, völlig außer Fassung gebracht, in die Wohnstube, um seiner Frau und Tochter die Ankunft solch' wunderlicher Gäste mitzutheilen. Diese stürzten mit weiblicher Neugicrde heraus und blieben in eben dem maß- und sprachlosen Erstaunen als der Schmied. „Nun, Leute, seid Ihr toll?" — jubelte der Reiter, vom Pferde springend und sie Alle umarmend. „Kennt Ihr den Ludwig nicht, der Herzog geworden ist, nicht nur Graf?" „Herzog?" riefen die Drei wie aus einem Munde, „das ist nicht möglich." „Und hier bringe ich meine junge Frau, — die Tochter des Herzogs Heinrich von Glogan," fuhr der Glückliche erläuternd fort. 386 Die verwunderten Blicke wendeten sich jetzt auf die Bezeichnete, von deren Schönheit das ganze Land erzählt, und die Wahrheit der Wundermähr begann in den vor Erstaunen starren Herzen Eingang zu finden. Bolcslaus mit Margareth und dem Herzog Heinrich waren jetzt angekommen und stiegen ebenfalls vom Pferde, und damit begannen die Schmiedclcutc die frenide ungewöhnliche Scene ganz zu fasten. Es war kein Trug — volle, blühend üppige Wirklichkeit, — wie sie das des Ausführlichsten aus dem Munde des überglücklichen Ludwig erfahren sollten. Das war ein Leben, eine volle, herzerquickende Seligkeit, was mau da Alles zu sagen, zu erzählen und mitzutheilen hatte. Das Vergangene war vergessen und als der Schmied daran erinnerte und gestand, wie sehr er es bereut, seinem armen Ludwig wehe gethan zu haben, wie er dann später die Schlechtigkeit Georgs eingesehen und daran auch geahnt, daß nur dieser der Vertäuender und Betrüger, cntgegnete Ludwig freundlich: „Laß das, wäre denn Alles so gekommen, wenn nicht Georg mich aus Eurem stillen Hause getrieben? Ich schulde ibm sonach mein Glück, wie wenig redlich er's auch gemeint, und dann, der arme Mensch hat es büßen wüsten, wir sind versöhnt!" Die Schmiedeleute fragten erstaunt nach den ferneren Schicksalen Georgs, und als sie von dessen Tode hörten, schien ihnen eine rechte Last vom Herzen gefallen zu sein. Jetzt erst sah Ludwig sich seine alten Freunde näher an. Welche Veränderungen hatte das Auftreten dieses einzigen Menschen hervorgebracht! Ulrike war nicht mehr das spielende Kind, ein strenger, herber Zug spielte jetzt um die früher nur lächelnden Lippen. Es mußten harte Kämpfe gewesen fein, sie mußte viel gelitten und geduldet haben, ehe sich solch' ein tiefer, unfreundlicher Ausdruck in ihr Gesicht eingeprägt. Und war das Wiedersehen Ludwig's nicht auch ein bitterer Tropfen mehr in ihr vergälltes, vergiftetes Leben? Sie sah ihn, den sie zu schlecht befunden und zurückgesetzt, hoch über sie Hinwegragen, sich im vollsten, reichsten Strahl des Glückes sonnen, während über ihr Leben nur eine ewige Nacht ausgebreitet schien, die schlimmer, dichter und dichter sich zusammenzog. Wenn sie ihm damals ihre Hand gereicht, dann wär' sie jetzt eines Herzogs Weib; so rhöricht, possenhaft der Gedanke, so quälend war er doch, denn er kam ja aus einem eitlen Weiberherzen. Auch der Schmied hatte in den „drei Kummerjahren" mehr gealtert, als in zehn glücklichen vorher. Des Bürgers glänzendes Ziel und Streben ist die Erreichung eines gewissen Wohlstandes. Darnach wird gerungen, geschafft und unermüdlich gespart und gedarbt. Geht diese Aussicht durch einen tückischen Schlag des Schicksals verloren, dann sinkt der früher so Streb- und Arbeitsame muthlos zusammen — und überläßt sich dem Treiben seines dunkeln Geschicks. So war es dem Schmied ergangen. Georg hatte sich des Ackerbaues befleißen wollen, und zu diesem Zweck vom Schwiegervater die sämmtlichen Ackerstücke geschenkt erhalten. Das war freilich sehr übereilt — denn kaum war der Erstere im Besitz derselben, als er eines nach dem andern zu verkaufen begann. Anfangs hatte er bei den Ermahnungen des Schmiedes noch Vorwände; da wollte er bester gelegene Ländercien erwerben, aber als der Schmied sah, daß die schönen Ackerstücke seine nie rastende Gurgel verschlang, da gab es heiße Kämpfe. — Georg lenkte dann gewöhnlich ein, versprach Besserung, bis er mit dem Kaufschilling des letzten Ackerstückcs selbst verschwand. Dem Schmied wurde mit seinem Wohlstand auch Frieden, Gesundheit und gute Laune untergraben, sein Stolz und mit ihm seine Lebensfreude war gebrochen, er hatte der Rathshcrrnstelle entsagt, weil ihm der seines Düukcns nach nöthige Reichthum fehlte, 387 und still und in sich gekehrt mied er seine Mitbürger, um nicht, was ihn am Tiefste« verwundete, beklagt zu werden. Die Lust zum Arbeiten, — mit ihr der Verdienst, — fiel weg, und er war der Verarmung nahe. Nur die gute Schmiedefrau hielt in Noth und Unglück aus. Sie war nicht nur dieselbe geblieben, sondern noch emsiger, — geschäftiger geworden, und mit ihrem liebe- sorgendeu Herzen suchte sie ihre Umgebung aufzuheitern und glücklich zu stimmen, so viel sie es vermochte. Sie murrte nicht, wenn manch' altmütterlicher, werthvoller Hausrath hinauswandern und geringerem Platz machen mußte. In neuester Zeit war es durch den Beistand eines wackeren Gehülfen, der ganz in der Stille um die verlassene Ulrike warb, wieder etwas bester gegangen, das hatte diese eingesehen und deßhalb den Gedanken einer Verbindung mit ihm nur ungern vo« der Hand gewiesen. Die Nachricht von dem Tode ihres Mannes konnte daher keine Wunde schlagen, mußte ihr vielmehr neue Lebenshoffnung geben, denn damit war jedes Hemmniß beseitigt und sie konnte dem treuen Gesellen Herz und Hand bieten. Boleslaus bot nun dem Schmied ein ansehnliches Geschenk, das dieser, — obwohl zögernd, annahm. Margareth, die besonders von der Frau des Schmiedes sich angezogen fühlte, und in warmen, herzlichen Worten ihre Dankbarbeil ausdrückte, ließ sich's nicht nehmen, für die Aussteuer Ulrikens sorgen zu wollen. Das junge Ehepaar bat, daß diese nunmehr sich zu ihrer baldigen Verbindung entschließen möge, um ebenfalls werkthätig eingreifen zu können. Auch der Herzog, von Glogau wollte nicht zurückstehen und bewilligte dem Schmied für sich und seine Nachkommen freies Holz im Sprottauer Walde, so viel seine Schmiede bedürfe. Das war ein Jubel ohne Ende! Dem alten Schmied liefen die hellen Thränen an den Wangen hinunter, zu viel des Glückes kam über seine hoffnungs-crstorbcne Brust und er rief jubelnd zu seiner Frau: „Siehst du, das war doch der reichste Fund, den ich dir in's Haus gebracht." Die Gäste wollten nur wenige Stunden bleiben, aber der Schmied mußte doch wenigstens mit seinem hohen Besuche Aufsehen machen und bat so lange, bis die Gäste eine Mahlzeit bei ihm einzunehmen versprachen. Er hatte in seinem Eifer wenig auf die abwehrenden Worte seiner Frau geachtet, die ihn endlich bei Seite zog — und ihm vorwurfsvoll zuflüsterte: „Was hast du nur gemacht, wir haben ja nichts im Hause, das ganze Silbergeschirr ist fort — und solche Gäste — ich weiß nicht, was ich anfangen soll." Margareth aber, welche die Verlegenheit der guten Leute bemerkte, ließ schnell de« mitgebrachten Mundvorrath und das Silbergeschirr auspacken, und so war bald Alles z« einem frugalen Imbiß geordnet. Nachdem das Mahl beendet, bat Ludwig, in den Garten hinauszuwandern. Herr Gott, wie war der zusammengeschrumpft; die Stadtmauer stieß ja schon a» die nächsten Bäume an, und wie war er früher so groß gewesen, so groß-und weit, daß ihn kaum die Kinderphantasie erschöpfen und ergründen konnte! Nur der alte Baum hing noch immer die wieder grünen Aeste über die Mauer, dorthin zeigend, sagte Ludwig bewegt zu Ulrike: „Siehst du die Zimmer unseres Schlöffe-, wie weit, wie weit ragten die nicht über die Erde hinaus! Nicht wahr, Ulrike, hier sind wir glücklich gewesen, das war einmal ein Traum — und daS Schicksal hatte gar fleißig daran zu spinnen, um all' Das so reich und freundlich wahr zu machen." Er trat jetzt allein dicht heran und blickte iu das frische, warme Grün, er lauschte 388 auf das Rausche» der Blätter, aber sie sprachen nicht mehr, eS war Alles stumm nud schweigend. Eine Thräne stahl sich ihm in's Auge und er seufzte: „Vielleicht war ich damal- glücklicher als heute, wo alle Hoffnung in dem einen Wunsch erstirbt: Möge mein Glück von Bestand sein! Gottes Hand hat wunderbar über mir gewaltet, ich will nicht nach verlorenen Träumen haschen, sondern mich des Sonnenlichtes freuen, das hell und glänzend um meine Seele spielt I" Ulrike bemerkte jetzt: „Sieh, die Hand auf der Brust war doch eine recht freundliche, denn ohne sie wärest du nie zu deinen Eltern gekommen." „So hat mich in Wahrheit eine Hand geführt," erwiderte Ludwig, „eine wundersame Gotteshand, und ich will mein Geschick segnen. Aber welcher Ursache danke ich ihr Entstehen?" wandte er sich fragend an Margareth, „das möchte ich doch gerne wissen." „Es war noch im Kloster zu BreSlau," erzählte diese, „als ich, in düstere Gedanken versunken, in meiner Zelle saß, denn ich trug dich bereits unterm Herzen. Bei meinem Fenster stand ein Lindenbaum, der meinen verweinten Augen so wohl gethan. Da zog eines Tages ein fürchterliches Gewitter herauf, die Blitze zuckten nicht mehr, nur ein einziger gerader Strahl schien aus den Wolken zu dringen. Schon schien sich das Gewitter vergrollt zu haben, die Schläge folgten langsamer auf die niederrauschcndcn Fcuergarben und ich athmete hoch auf. Plötzlich fuhr ein noch heftigerer, gewaltigerer Blitz als die früheren hernieder, ei» fürchterlicher Donnerschlag folgte, ich hörte es prasseln und krachen, als ob das ganze Kloster in seinen Grundfesten erschüttert worden, und schlug erschrocken mit der stachen Hand an meine Brust. Das Gewitter war, wie dieß in schwülen Tagen oft der Fall, mit verdoppelter Gewalt zurückgekehrt. Ich sah hinaus und erblickte den schönen, prächtigen Baum, der so kühn und gewaltig sein Haupt in die Höhe gestreckt, zersplittert und völlig zermalmt am Boden. Ich hatte den Vorfall über manch' anderen Sorgen und Schmerzen vergessen, erst als du das Licht der Welt erblicktest und ich das sonderbare Mal, die Hand auf deiner Brust, gewahrte, kam mir das sonderbare Ereigniß wieder in Erinnerung." Ludwig erwiderte hierauf warm und bewegt: „Nun, ich will dieser Hand auf meiner Brust vertrauen und der leitenden dort oben über den Wolken." Man reiste endlich unter herzlichem Lebewohl ab. Wenige Wochen später gab eS in der Schmiede Hochzeit — und zum Erstaune» Sprottau's waren die herrlichsten Hochzcitsgeschenkc aus weiter Ferne angelangt. Jetzt erst wurde den Schmiedclcuten geglaubt, daß Herzöge bei ihnen eingekehrt waren. — Ludwig und Wenzel traten wirklich in friedlicher Gemeinschaft den Besitz der Herzogthümcr an, residirten aber — Brieg, den Sitz so vieler düsterer Erinnerungen weidend, in dem rasch ausblühenden Liegnitz Nur einmal wäre es fast zu Zerwürfnissen gekommen, als der Glogaucr sich jetzt die abgerissenen Lande zurückerbat. Wenzel und BoleslauS schienen nicht abgeneigt, dem Wunsche Hcinrich's zu willfahren, aber das junge Ehepaar wies das Begehren mit Bestimmtheit von der Hand. Der kluge Schwiegervater hätte nimmer geglaubt, daß gerade an dem Widerstände seiner Kinder die liebsten Pläne scheitern sollten. > Dem armen „Münstcrberger" war dagegen ohne Verzug sein Ländchcu zurückgegeben worden. Nur das Glück Margareth's sollte, wie sie wohl geahnt, nicht von Bestand sein. BoleslauS, der jetzt durch einen frommen Wandel das Vergangene gut machen wollte, hatte im allzustrcngen Eifer in der Charwoche zu viel gefastet, und holte sich au der erste» kräftigen Mahlzeit den Tod. Er wurde §uf seinen Wunsch im Kloster LeubuS bestattet und hatte im frommen. 389 büßenden Eifer verordnet, daß für immer eine brennende Kerze an seinem Grabmal gehalten werden sollte. Ein Jahr darauf folgte ihm die arme Margareth nach, um an seiner Seite von dem wilden Geräusch des Lebens auszuruhen, das ihre zarte Seele so tief verletzt. Das waren die Wermuthstropfen, die nun einmal selbst in dem golden, hcllschäu- mendsten Becher nicht fehlen dürfen. Viele Jahre verlebten die klebrigen in Frieden und Glück. Die weiteren Schicksale der beiden Herzöge erzählt die schlesischc Geschichte. Ein Schreckensbild aus Litthauen. Jenseits des am Vorwerk Beresina vorbeifließcnden FlüßchenS liegen einige Dörfer und der herrschaftliche Wald Soli. Auf den zwischen dem letzteren und dem Dorfe Pocie liegenden Bauernfcldern arbeiteten kürzlich gegen Abend vereinzelt einige Fraueu, als sich plötzlich aus dem Walde ein ungewöhnlich großer Wolf stürzte und ciue derselben in wenigen Minuten zerriß. Die übrigen Frauen, dies von Weitem sehend, eilten nach dem Dorfe, allein bevor die Männer herbeikamen, war der Wolf verschwunden. Die Leiche zeigte einen entsetzlichen Anblick. Gesicht und Schädel waren bis auf den Halsknoche« zerbissen; Brust und Bauch aufgerissen, die Eingeweide zerstreut. Der Aeltcste der Bauerschaft gab von dem Vorfall sofort der Polizei Nachricht und stellte bis zum Herbeikommen derselben sechs Wärter in der Nähe der Leiche auf. Einige Stunden später, als dieselben am Feuer lagen, erschien der Wolf aufs Neue. Nur mit der verzweifeltsten Gegenwehr gelang es den Männern, bis zu der am Waldrande liegenden Wohnung des herrschaftlichen Buschwächtcrs Jalewski zu retirircn, wo sie Thür und Fenster verrammelten. Einer von ihnen, ein starker Bauer, war auf der Flucht etwas zurückgeblieben. Der Unglückliche wurde von der Bestie gepackt und zerrissen. Gleich darauf kehrte der Busch- wächter aus dem Walde zurück. Auch ihn faßte der Wolf am Halse und riß Fleisch vom Kinnbacken ab. Mit großer Mühe und halb todt gelang es ihm, nach seiner Wohnung zu kommen. Der Wolf begab sich von dort nach den Dörfern Pocie und Ptoranie, überfiel förmlich einige Bauernhöfe, drang in die Stuben ein, welche, so lange im Ofen gefeuert wird, wegen des Rauches in der Regel offen gehalten werden, und verwundete Menschen und Vieh. Dann sprang er auf die Dorfweidc, beschädigte drei Knechte und viele Pferde und lief auf die Wiese, dicht an dem Vorwerke Beresina, wo die herrschaftlichen Pferde weideten. Hur verwundete er zehn Stück derselben, und als die Hirten zu Hilfe eilten, warf er sich auf diese, zerfleischte dem einen den Kopf, dem andern die Hand, deßglcichen der Magd des Buschwächters Mankiewicz, welche das Pferd des letzteren weidete. Hals und Oberschenkel. Dann lief der Wolf nach den Dörfern Chonytony und Makanynienta, tödtetc dort noch eine Frau, verwundete Hunde, Menschen und Vieh und verschwand im benachbarten Walde. — Im Verlaufe weniger Stunden hatte die Bestie drei Menschen getödtet, ciuunddreißig Personen (aber durchweg Erwachsene) und vierundsünfzig Stück Vieh mehr oder weniger stark verwundet. — Es ist dies eine grausige Erscheinung und noch mehr, wenn man bedenkt, wie alle Anzeichen dafür sprechen, daß der Wolf toll gewesen sei. Der Hcrzschlag will Einem stocken, stellt man sich die weiteren Folgen dieses Unglückes vor. — Die Aussagen der Verwundeten stimmen darin überein, daß der Wolf Schaum vor dem Maule hatte und den Schwanz hängen ließ. Nur beim Angriffe richtete er den letzteren auf and sprang auf die Hinterbeine — immer gleich nach dem Kopfe beißend. Wie stark dabei der Anprall war, beweist z. B. der eine Fall, wo er mit dem Gebiß einem jungen Bauer fünf Zähne einschlug. Sehr verdächtig ist der Umstand, daß der Wolf die Leichen nicht fraß, also nur aus reiner Wuth anfiel und mordete. Da es Nacht war und die Menschen ganz unverhofft überfallen wurden, so konnten sie auch nur wenig zu ihrer Vertheidigung thun. Ein Bauer schoß dem Wolfe eine Kugel durch den Hinterleib; ein anderer trieb ihm während des Herumbalgens das Vordertheil einer Schuhahle, die er zufällig in der Tasche hatte, in den Bauch. Wenn diese Verwundungen auch nicht sofort tödtlich waren, trugen sie doch dazu bei, die Bestie zu schwächen, welche am andern Tage auf merkwürdige Weise erlegt wurde. Man veranstaltete eine große Treibjagd. Die Bauern strömten von allen Seiten nach dem Versammlungsplatz in der Nähe des Waldes Sofki. Nicht weit von demselben, inmitten der Bauernfelder, befindet sich ein kleines Dickicht, Dombrawa genannt. Um näher zu gehen, nahm eine Abtheilung Bauern, sich bückend unter den Kiefern hinkriechend, ihren Weg durch dasselbe. Plötzlich fühlte sich der eine Bauer, zufällig ein sehr großer, starker Mann, von hinten am Pelze gepackt. Ohne eine Ahnung zu haben, daß es der Wolf ist, greift er mechanisch mit der Hand nach hinten und faßt die Bestie gerade im Genick. Zu gleicher Zeit sieht er die eine Vordertatze derselben an seiner Seite, faßt schnell auch diese, und nun überzeugt, es mit dem Wolfe zu thun zu haben, hält er denselben — sich mit dem Rücken an eine dicht danebenstchende Kiefer prcsiend — so lange, bis die im ersten Schrecken davon gelaufenen Bauern herbeispringen und ihn mit Beilen todtschlagcn. Der erlegte Wolf war von ganz besonderer Größe und hellfarbig. Die in seinem Leibe steckende Schuhahle bewies, daß er derjenige war, welcher am Abend vorher so entsetzlich gewüthet hatte. — Der Bauer, welcher den Wolf hielt, ist nur leicht am Rücken verwundet. Kinder wurden nicht gebissen, da diese zur Zeit, als der Wolf in die Häuser eindrang, bereits auf ihren gewöhnlichen Plätzen — auf den großen Backöfen — schliefen! Da man zu gleicher Zeit in der Nähe der oben erwähnten Dörfer noch mehrere Wölfe gesehen, so wurden bereits einige Jagden auf dieselben veranstaltet, allein bis jetzt ohne Erfolg. Nachdem man die Behörden von dem Ereigniß in Kenntniß gesetzt, trafen sofort der oberste Polizeibeamte, so wie verschiedene Doctoren des Kreises hier ein. Sämmtliche Verwundete wurden in dem Bauernschulgebäude, oben neben der Kirche untergebracht. Dort werden ihre Wunden von den Aerzten behandelt. Gegen die Tollkrankhcit nehmen sie die Mittel eines Wunderdoctors ein, der seither diese furchtbare Krankheit stets mit Erfolg curirt haben soll. Die in den Dörfern gebissenen Hunde und Schweine sind todtgeschofsen worden. Rindvieh und Pferde befinden sich in ärztlicher Behandlung. Von unseren verwundeten Vorwerkspferden mußte eins, als unheilbar und schrecklich verstümmelt, gleich am anderen Tage getödtet werden. Zwei andere, die am Kopfe gebissen waren, crepirtcn gestern, ohne daß sich vorher entschiedene Zeichen der Wuthkrankheit wahrnehmen ließen. — Die Bauern mußten bereits drei ihrer verwundeten Pferde tödten, bei welchen alle Anzeichen der Tollheit hervortraten. — Unter der ganzen Bevölkerung der Besitzung herrscht eine ungeheure Aufregung. Niemand will in jener Gegend, wo das Unglück geschah, auf das Feld oder in den Wald gehen, Niemand das Vieh weiden u. s. w. — Gebe Gott, daß es mit dem bereits vorhandenen Unglück sein Bewenden hat und die armen verwundeten Menschen wieder gesund werden!" „Helf Gott" und „wohl bekomm's!" Wer hätte in seinem Leben noch nicht niesen müssen? Ganz unerwartet überfällt es einen oft. Und dann ist alles Stemmen und Sträuben dagegen vergebens. War man vielleicht gerade in einem Gespräch mit Jemandem oegriffcn, wurde etwas Wichtiges erzählt, ein Urtheil gefällt, ein Beschluß gefaßt oder eine Klage geäußert, und es sängt einer aus der Gesellschaft zu niesen an, dann sagt der Aberglaube: „Er hat es beniest," und meint damit, daß das dabei ausgesprochene Wort eine ganz besondere gute oder schlechte Bedeutung haben müsse. So geht es mit Allem, was zufällig, plötzlich und unerwartet eintritt in diesem Leben, es trägt etwas Geheimnißvollcs, Orakelhaftes an sich. Was das Piesen aber eigentlich ist, und worin es seinen Grund hat, — dürste 391 Manchem noch unbekannt sein. Niest Jemand, so erfolgt erst ein tiefcS Einathmen, eS durchbebt alle Muskeln eine gewaltsame, nicht zu verhindernde Erschütterung, die Lunge zieht sich Plötzlich zusammen und alle in derselben befindliche Luft wird durch die Nase, und theilwcise auch durch den Mund — mittelst einer plötzlichen Zusammenziehung der Athmungs - Muskeln von Bauch und Brust mit einem eigenthümlichen Geräusche ausgepreßt. Ursache ist stets ein sonderbares Kitzeln in der Nase, oder auch bisweilen in der Herzgrube, erzeugt durch eine Reizung der Nasenschleimhaut und ihrer Nerven mit fremden in die Nase eingeführten Körpern, oder beim Katarrh mit Schleim und Thränen, mittelbar auch durch Sehen in die Sonne oder Reizung der Unterleibs - Nerven. Alsdann stehen gleichsam alle körperlichen Funktionen still, und der Mensch erscheint eigentlich in der Situation, als warte er der Dinge, die da kommen sollen, bis endlich mit einem Male die so eben geschilderte Erscheinung erfolgt. Während dieses Vorganges wird der Durchgang des Blutes durch die Lunge und der Rücktritt desselben aus dem Kopfe, obwohl letzterer durch die Schlagadern ungehindert gefüllt und ausgedehnt wird, gehemmt. Aus diesem Grunde entstehen durch allzuhcftiges und anhaltendes Niesen verschiedene unangenehme und geradezu schädliche Folgen. — Alle Sinne, sammt der Bewegung der Musleln, beginnen ihre Dienste zu versagen, das Gesicht schwillt auf, die Augen thränen und die Nase fängt an zu tropfen, ja endlich werden alle Funktionen des Gehirns in Unordnung gebracht. Im Winter und im Frühjahr oder Herbst sind solche Erscheinungen an der Tagesordnung Trotzdem hat das Niesen auch seinen wohlthätigen Einfluß auf die Constitution des Körpers, und wird deßhalb oft künstlich zu Wege gebracht. Dies geschieht namentlich bei Kopfschmerz, Funktionsträgheit des Gehirns rc. Denn durch das Niesen wird hauptsächlich der Nasenschleim gesetzt und abgeführt. Dies sind Thatsachen, die Jedermann schon an sich selbst beobachtet haben wird. Interessant sind einige Notizen aus der Geschichte, welche auf das Niesen Bezug haben und hier eine Stelle finden mögen. Was zunächst die Entstehung der Sitte betrifft, ein „Wohl bekomm's!" — oder dergleichen dem Niesenden zu wünschen, so ist Folgendes nicht ohne Wichtigkeit: Polydorus Virgilius aus Urbino, ein gelehrter englischer Theologe des sechzehnten Jahrhunderts, — versichert, cS habe zur Zeit des Papstes Grcgor'S des Großen im Jahre 591 eine heftige epidemische Krankheit geherrscht und die davon befallenen Personen hätten durchgehend so heftig und andauernd niesen muffen, daß sie davon gestorben wären. Um nun die Fortschritte der Krankheit zu hemmen, habe der Papst Gebete und Gelübde angeordnet, und daraus sei die Sitte entstanden, wenn Jemand niese: „Helf' Gott!" („Gesundheit!" — „Dein Wohlsein!" — „Wohl bekomm's!" u. s. w.) zu wünschen. Dieser Gebrauch findet sich jedoch im Alterthume und zwar in allen Welttheilcn, ja die Entdecker Amerika's fanden die Sitte sogar dort bei den Ureinwohnern. Von den Kaffern erzählen Reisende, daß dieselben niemals niesen. Es ist dies kaum glaublich und aus der physischen Beschaffenheit des indogermanischen Menschenschlages nicht zu erklären. Sonderbar ist die Sage, welche die hebräischen Schrift- und Gcsctzkundigcn vom Niesen erzählen. Als Vater Adam, so berichten die Rabbinen, durch den Ungehorsam gegen Gott seine Unsterblichkeit verscherzt hatte, beschloß Gott: Jeder Mensch solle einmal in seinem Leben niesen, und zwar kurz vor seinem Tode. Nur der Erzvater Jakob habe es durch einen unsträflichen Lebenswandel so weit gebracht, niesen zu dürfen, ohne zu sterben, und seitdem er beim Niesen am Leben geblieben, haben Alle „Prosit" gerufen. Und dieses „Prosit" fand Erhörung. Er lebte noch viele Jahre bei guter Gesundheit. Die griechischen Mythologcn erzählen: Als Prometheus in einer verschlossenen 392 Phiole das Feuer vom Himmel holte und seiner aus Thon geformten Mcnschenfigur den, Aethcr vor die Nase hielt, habe das menschliche Individuum, dem der geistige Aether in's Gehirn gestiegen, geniest, und Prometheus, darob entzückt, ihm ein „Wohl bekomm's!" zugerufen. Auch schon als Anzeichen „bevorstehenden Glückes" finden wir das Niesen in den Schriften der Alten verzeichnet. So z. B. in folgender Episode: Als Penelope, die schöne und tugendhafte Gemahlin des Odysscus, während dessen langer Abwesenheit standhaft und listig der sie umdrängenden Freier sich erwehrte, und zu den Göttern um Rückkehr des Gatten betete, nieste ihr Sohn Telemach so stark, daß das Dach des Palastes erbebte, — woraus die Mutter schloß, daß ihr Gebet erfüllt werden würde. Der als Feldherr wie als Gcschichtsschreiber gleichberühmte Grieche Lenophon, einer der treucsten Schüler des Sokratcs, hielt eine Rede an die zehntausend Mann, die er bekanntlich zum allgemeinen Erstaunen aus der unglaublichen Schlacht bei Kunaxa nach Griechenland zurückbrachte. In dieser Ansprache schilderte er die große Schwierigkeit des Rückzuges, wies aber gleichzeitig nach, daß es keinen anderen Weg der Rettung gebe. Da huben Mehrere an, ihre Bedenken laut werden zu lassen, aber — da nieste ein Soldat — und dieser geringfügige Zufall ward vom gesammten Heere als Wink der Götter aufgefaßt, und ohne Widerspruch folgten die Zehntausend dem Einen zum Rückzug in's Vaterland. Heut zu Tage Pflegt bloß Einer dem Andern beim Niesen „Wohl bekomm's!" zu wünschen. Bei den Alten scheint es Personen gegeben zu haben, die sich diese Höflichkeit selbst erwiesen. Marcus Aemilius Martialis, — ein römischer Epigrammen-Dichter — (s- 100 n. Chr.) erzählt von einem gewissen Proklus, daß von seiner Nase nach den Ohren eine so große Entfernung gewesen sei, daß sich der Arme nicht hätte niesen hören und somit den üblichen Wunsch, sich selbst zu ehren, nicht hätte äußern können. Von den Peruanern berichtet man, daß, wenn ihr Häuptling nieste, alle Indianer durch laute Signale von dem glücklichen Ereigniß in Kenntniß gesetzt wurden, damit sie ein „Wohl bekomm's ihm!" beten konnten. Der französische Schriftsteller Claude Adricn Helvctius (ft 1771) erzählt: Wenn der König von Monomotopa (ein Gebirgßland im südlichen Ostafrika) niest, so sind alle Hofleute Auslands wegen genöthigt, ebenfalls zu niesen, und indem so das Genicse sich vom Hof auf die Stadt, und von der Stadt in die Umgegend weiter Pflanzt, so scheint es, als habe das ganze Reich den Schnupfen. Die bekannte, namentlich in England verbreitete Rcligionssektc der Quäcker, ebenso wie die Wiedertäufer (Anabaptisten) haben den nach dem Niesen üblichen frommen Wunsch unter sich abgeschafft. Eine Zigeunerin gab ihrem Kinde eine Schale und hefahl ihm, Essig zu holen. Bevor aber das Kind fortging, wurde es von der Mutter geprügelt. Ein Fremder, der vorüber ging, fragte, warum die Kleine geschlagen werde? „Damit sie die Schale nicht zerbricht," war die Antwort. — „Ich meine," versetzte der Fremde, „dazu hätte cS noch Zeit, wenn sie die Schale zerbrochen hat." — „O nein," erwiderte die Mutter, „dann wär' es schon zu spät." (Zur Geschichte der Druckfehler.) Ein junger Mann suchte seine Geliebte in einem veröffentlichten Gedichte zu verherrlichen; dasselbe begann: „Du meines Lebens Treucrkor'ne!" Aber wie bitter mochte die Braut überrascht sein, als sie las: _ ^ „Du meines Lebens Trauerkrone!" Druck, Verlag und Redaction des Litcrarischcn Instituts von Dr. M. Huttlcr. Aro. 50. 12. Decbr. 1869. Den hemm' ich, den ich lieb'; eS wird sein Lohn, Verspätet, süßer mir. Trau't meiner Macht; Mein Arm hebt auf den tiesgefallnen Sobn, Sein Glück erblüht, die Prüfung ist vollbracht. Shakespaere, Cymbeline Mt V. Scene 4. Der Suez-Kanal. Nach einem Expose der Compagnie bearbeitet. In diesen Tagen vollzog sich an der Grcnzscheidc zwischen Asien und Afrika ein Ereigniß, das namentlich für den Welthandel, nicht viel minder aber auch in politischer Hinsicht, gewaltige Folgen nach sich ziehen wird. So weit hinauf wir den Verlauf der Geschichte zu verfolgen vermögen, hingen die genannten Erdtheile durch das schmale Band der Landenge von Suez zusammen, welches somit das Mittelmeer von den Gewässern des indischen Oceans schied. Von jeher ist es eine Licblingsidee der Fürsten und Völker gewesen, durch Kanalisirung des Isthmus das terrestrische Band zu lösen, und das fehlende interoccanischc Mittelglied herzustellen. — Was in Jahrtausenden vergeblich erstrebt worden, das blieb unserem rastlos voran- schreitenden Jahrhundert zu erfüllen vorbehalten. In demselben Jahre, wo die neue Welt eine nicht weniger großartige Schöpfung in der pacisischen Eisenbahn zur Vollendung gebracht hat, hat die alte Welt die Bereinigung der Gewässer des Mittel- und rothen Meeres durch einen feierlichen Akt sich besiegeln sehen, an welchem Theil zu nehmen alle gebildeten Nationen ihre Delcgirten sandten und Repräsentanten vieler Herrscher- Familien eine weite beschwerliche Reise nicht gescheut haben. Nach manchen schweren Kämpfen mit der Natur sowohl, als mit politischer Intrigue, nach Aufwendung kolossaler Summen und der großartigsten technischen Hilfsmittel ist die große That vollbracht, — Afrika ist zur Insel geworden. Wenn auch der Kanal noch nicht durchweg die festgesetzte Tiefe erreicht hat und vielleicht noch einige Jahre Arbeit dazu gehört, um ihn den größeren Luftschiffen passirbar zu machen, so steht doch die Anlage auf einem Standpunkt, daß das Fehlende im Vergleich zu den überwundenen Schwierigkeiten als untergeordnet erachtet werden kann, und dem Termin zur feierlichen Eröffnung seine volle Berechtigung zuerkannt werden muß. Treten wir zunächst den geographischen Verhältnissen der Landenge etwas näher, um daraus die Größe der gestellten Aufgabe ermessen zu können. Das rothe Meer, welches sich als schmaler, langgezogener Wasscrstrcifcn zwischen die arabische Halbinsel und das nordöstliche Afrika drängt, endet an seiner Nordwcstspitze (etwa untern dem 30. Grade nördlicher Breite) mit einer Bai, welche von der an derselben liegenden alten Handelsstadt Suez den Namen führt. Der Isthmus von Suez bildet an seine? schmalsten Stelle — zwischen jener Bai und dem Golf von Pclusium — einen ca. 16 geographische Meilen breiten, zuni größten Theil den Charakter der Wüste tragenden Landstrich. Westlich der kürzesten Verbindungslinie beider Meere zweigt sich von Suez eine deutliche markirte Bodensenkung ab, welche durch trocken liegende Secbccken führt und nur an zwei Stellen von geringen Erhebungen unterbrochen wird. Dieselbe mündet an ihrem nördlichen Ende in den durch eine schmale Sanddüne vom Mittclmeer getrennten sumpfigen Menzaleh- See, der mit seiner südlichen Fortsetzung, den Ballah-Seen, fast die Hälfte der ganzen Strecke einnimmt. Von den trockenen Seebcckcu sind die südlichen — die Bittersten — 394 ) durch eine ca. 25 Kilometer breite Sandbarre von theilweise felsigem Charakter von der Bai von Suez getrennt, während nördlich davon das Serapeum eine der genannten Erhebungen bildet. Im Norden dieser liegt der fast immer trockene Timsah-See; hiervon, zweigt sich westlich eine zweite Bodensenkung ab, welche für das Zustandekommen des Kanals nicht ohne Bedeutung war. Von den Ballah-Seen ist der Timsah-See durch die zweite bedeutendere Erhebung El - Guisr getrennt. Man nimmt an, daß in vorhistorischer Zeit die Gewässer des rothen Meeres bis in das Becken dcr Biterscen hineingereicht haben, während diejenigen des Mittclmeeres an der Erhebung El Guisr ihre Grenze gefunden. Durch die Linie Suez, Timsah-, Ballah-Seen war somit die Richtung des Kanals gegeben und galt es nun, durch den Menzaleh-See auf kürzestem Wege das Mittelmcer zu erreichen, wozu ein Punkt jener Sanddüne, auf welchem jetzt das rasch emporgcblühte Port-Sald liegt, als der passendste sich darbot. Ein Niveau-Unterschied zwischen dem Mittel- und rothen Meere ist an sich nicht vorhanden und enstcht nur durch die diesem eigene Ebbe und Fluth. Die geuanntc Bodensenkung hat eine Höhe von 2 bis 3 Meter über dem Niveau der See, welche am Serapeum auf 8, bei El Guisr auf 20 Meter steigt. Schon im 19. Jahrhundert vor Christi Geburt hatte man es unternommen, das rothe Meer durch einen Kanal mit dem Nil in Verbindung zu setzen, welcher erst unter den Ptolemäern, 260 vor Christi, vollendet wurde und sich durch die vorgenannte westliche Bodensenkung zum Timsa-See, von hier nach der Bai von Suez erstreckte. Bis in's 8. Jahrhundert nach Christi scheint derselbe benutzt worden sein; von da ab ist er allmälig versandet und verfallen. Nachdem erst der Seeweg nach Ostindien entdeckt war, verlor die Verbindungslinie überhaupt an ihrer ursprünglichen Bedeutung. Der erste, welcher die Idee mit Lebhaftigkeit wieder aufgefaßt, war Napoleon l. Bei seiner Anwesenheit in Aegypten gab er Auftrag, die Landenge zu nivclliren, wobei sich irrtümlicher Weise für das rothe Meer eine Höhendifferenz von -s- 30 Pariser Fuß ergab. Erst in den 40 er und 50 er Jahren gelang es, durch neue Vermessungen des Irrthums inne zu werden. Darauf hin fand sich der für die Sache lebhaft interessirende Vizekönig von Aegypten, Muhammed Said Pascha, Vorgänger von Ismail Pascha, veranlaßt, dem Franzosen F. de Lefseps die Konzession zur Erbauung des Kanals und zur Bildung einer Akticn- Gesellschaft zu ertheilen. Ungeachtet mancher Widerstünde, so z. B. seitens der Türkei, welche die Bestätigung zunächst zurückhielt, und Englands, welches dem Unternehmen am meisten entgegen war, kam. Dank namentlich dem Einflüsse Frankreichs und Oesterreichs, das Aktienkapital von vorerst 200 Millionen Francs dennoch zusammen. Die Gesellschaft erhielt ihr Privilegium auf 99 Jahre, nach welcher Zeit Aegypten Eigenthümer des Kanals wird. Der Ertrag soll bis dahin zwischen beiden getheilt werden. Aegypten trat dafür Grund und Boden unentgeltlich ab, stellte die Steinbrüche des Landes zur Disposition und machte sich verbindlich, eine bedeutende Zahl eingeboruer Leibeigenen — Fcllahs — der Kompagnie als Arbeiter gegen mäßigen Lohn zu stellen. Die Leitung der Gesellschaft, welche sich ^ompgAniö universelle clu cunul maritime (io Luvn" nennt, übernahm F. de Lcsseps selbst. Man projektirte nachstehendes Profil des Kanals: Tiefe unter dem Wasserniveau 8 Meter, Breite in letzterem 100 Meter, untere Breite 22 Meter; bei El-Guisr und Serapeum auf einer Gesammtlänge von 33 Kilometer wurde die obere Breite in Anbetracht der Terrainverhältnisse auf 58 Meter reduzirt. Der Kanal soll für Schiffe bis 2000 Tonnen Gehalt pasirbar sein; seine ganze Lüngenentwicklung beträgt 160 Kilometer. Die Summe der Ausschachtung wurde zu 60—70 Millionen Kubikmeter Erde berechnet. Die wasserlosen Seebeckcn sollten durch Hinleitung des Meerwassers zu inneren Häfen umgestaltet undf die Niveau-Unterschiede in Folge der Fluth, resp. der vielfach herrschenden Nordwcstwinde dadurch ausgeglichen, somit die Anlage von Schleußen entbehrlich gemacht werden. Die Zeitdauer der Arbeiten war auf 6 Jahre festgestellt, welche indeß bedeutend überschritten worden ist. Der Beginn derselben fällt in das Jahr 1858. Wesentlich 395 förderlich für das Zustandekommen des See-KanalS war die Anlage des Süßwaffer-Kanaks, gewissermaßen eine Erneuerung des Ptolemäischen, welcher von dem Moses-Kanal bei Zagazig ausgehend, nach dem Timsah-See und nach Suez führt. Unter Mehemet-Ali schon war die alte Leitung bis in das sogenannte Wady hergestellt worden; von hier aus unternahm die Gesellschaft 1861 die Fortsetzung, — durch das gesegnete Land Gasen, jetzt eine Sandwüste — welche 1852 bis zum Timsah-See, 1864 bis Suez vollendet wurde, und auf der letzten Strecke zwei Schleußen zählt. Nicht bloß, daß dieser Kanal das gänzlich fehlende Trinkwasser liefert und die Kultivirung des umliegenden Geländes begünstigt, hat er auch solche Dimensionen, — 15 Meter obere Breite, 2 Meter Tiefe — um als Wasserstraße, selbst für größere Flußschiffe, benutzt zu werden. Nicht bloß Lebensrnittel und Baumaterial wurden damit transportirt, sondern er diente auch bis zur Vollendung des See-KanalS zum Wassertransit. Vom Timsah-See bis Suez wird' zu diesen Transporten das System der Tonage benutzt. Der ganzen Länge des Kanals nach ist nämlich eine Kette gespannt, in deren Glieder die Remorqueure mittelst Zähnrädcr eingreifen und sich so an ersterer hinziehen. Die Remorqueure haben Maschinen von 18 Pferde- kraft, und schleppen mehrere Lastschiffe hinter sich. Acgypten hat dem Süßwasser-Kanal durch eine neue Leitung — Oanal ä'^Iimentation — einen vermehrten Wasserzufluß gesichert. Eine doppelte Nöhrenleitung führt das Trinkwasser von JSmailia nach Port Said, wozu am ersteren Orte starke Dampfmaschinen aufgestellt sind. — Von nicht geringer Wichtigkeit war auch die Anlage eine Eisenbahn, welche Jsmailia mit dem Nil- thal verbindet und 1867 vollendet wurde, ähnlich wie Suez mit Cairo und jetzt auch mit Jsmailia in Verbindung steht. Die Hauptarbeiten bei der Anlage des See-Kanals bestanden in Herstellung eines sicheren Zugangs und Hafens am Mittelmecr, der Anlage einer durch Erddämme gesicherten, hinreichend tiefen Fahrwassers durch den Menzaleh- und die Balla-Seen, die Ausschachtung der Erde in nöthiger Breite und Tiefe auf den Landstrecken und Sicherung gegen Versandung, wo sich namentlich bei El-Guisr, am Serapeum und bei Chalouf Schwierigkeiten boten, Ausbaggerung des Timsah-SeeS und Füllung desselben, sowie der Bitter-See« mit Mccrwasser, Herstellung von Hafenanlagcn und Stapelplätzen auf der Kanalstrecke, sowie einer gesicherten Einmündung in das rothe Meer. Die Erdarbeiten gingen unter den Händen der FellahS nur langsam voran; entstehende Differenzen hatten die Zurückziehung derselben zur Folge, wofür die ägyptische Regierung eine bedeutende Entschädigung zahlte. Man gab dieselben dem Hause IlorsI 6t 1>av6l- in Entreprise, welches sich verpflichtete, sie mittelst Maschinen herzustellen. Da wo durch die Arbeiten der FellahS bereits eine Wasserrinne gewonnen war, konnte mau Baggermaschinen in Thätigkeit setzen. Oft erlaubte die Fülle des ausgegrabencn Sandes nicht, sich der Schiffe zum Fortschaffen desselben zu bedienen; man schuf einen Ausweg, indem man mittelst langer Röhren, in welchen ein Wasserstrom thätig war, den Grund in beträchtlicher Entfernung von der Maschine auszuschütten vermochte. Man hatte Ausschüttröhren bis zu 70 Meter Länge; überhaupt wurden dieselben in sehr großer Anzahl angewandt. Um den Sand in die Höhe zu schaffen, bediente man sich eines Dampfhebeapparats (sbrateur). Für die höchsten Stellen, wie bei El-Guisr, wo man ganz im Trockenen arbeiten mußte, konstruirte man Dampf-Erdräumer (exoavgteur L Leo) und schaffte den Grund in Waggons fort. Am Serapeum und auf der südlichsten Strecke konnte man das Wasser des Siißwasserkanals benutzen, um durch Zuleitung Bassins zum Aufstellen der Bagger zu bilden. An kolossalen Dimensionen und sinnreicher Ausführung überboten die angewandten Maschinen alles bisher Dagewesene. Besondere Schwierigkeiten boten die Anlagen bei Port-Said. Auf der schnuAe« Sanddüne, welche noch vor wenigen Jahren die Gewässer des Mittelmeeres und des Sees sich streitig machten/ wo kein menschliches Wesen Hausen konnte, nicht einmal ein Baum oder Strauch wuchs, steht jetzt ein stattlicher Hafenplatz von 10,000 Einwohnern Ein doppelter Damm, der westliche 3000 Meter der östliche 1800 Meter lang; am Lande. 396 1400, an den Spitzen 400 Meter von einander entfernt, erstreckt sich nach Norden zu convergirend in das Meer, und gewährt so für Hunderte von Schiffen eine sichere Unterkunft. Die Wassertiefe beträgt 10 Meter, das ganze Areal umfaßt 51 Hektaren; davon nehmen 4 gesonderte Bassins 15 Hektaren ein. Acht große Dampfbagger, von welchen jeder 1200 Kubikmeter täglich förderte, waren bei der Ausschachtung thätig. Die Hafen, dämme sind mittelst künstlicher Steinböcke aus Sand und hydraulischem Kalk hergestellt, von welcher Jeder 25,000 Kilogramm wiegt. ES waren 250,000 Kubikmeter solcher Böcke zu legen. Im April 1867 war die Hälfte der Arbeit fertig. Der Schifffahrtsverkehr belief sich damals schon anf 880 Fahrzeug pro Jahr. Unter den Ansiedlungen auf der Kanalstrecke nimmt Jsmailia, welches ähnlich wie Port-Said nach Said Pascha, so nach Ismail benannt wurde den ersten Rang ein, eS ist der Sitz der Vcrwaltungsbranchen der Kompagnie und ihrer Bureaux, des General- directorS, der Unternehmer, sowie eines viceköniglichen Bevollmächtigten. Von Port-Said bis zu dieser Stadt wurde der Kanal, wenn er auch noch nicht die gehörige Tiefe hatte schon 1667 befahren. Das erste Fahrzeug, welches nach JSmailia gelangte, war ein österreichisches Schiff, zufällig des Namens „krimo". Man richtete einen regelmäßigen Dienst zwischen Said und Suez ein, von Jsmailia bis zu letzterem Orte vorläufig auf dem Süßwasserkanal. Zum Schleppen der Lastkähne waren auf der Strecke des Seekanals 6 Remorqueurc L 100 Pferdekraft thätig. Es konnten 1000 Tonnen täglich transportirt werden. Zwischen den Bittersten und Suez bot die felsige Beschaffenheit dcS Bodens bei Chalouf erhebliche Schwierigkeiten dar. Zum Glück besteht die Bodenart überall sonst auS Sand und Thon; dort mußte man aber bedeutende Sprengungen vornehmen. Von Suez auS arbeiteten die Dampfbagger nach Norden zu den übrigen Unternehmen entgegen Letztgenannte Stadt ist seit Entstehung des Kanals von 3000 auf 15,000 Einwohner gestiegen. Die Füllung der Bittersten mit dem Wasser deS Mittelmeeres sollte nach Berechnung 10 Monate dauern, diejenige deS Timsah-SeeS hat deren 3 in Anspruch genommen. Die gesammte zu den Arbeiten zu Gebote stehende Dampfkraft betrug im Jahre 1867 17,768 Pferdekraft bei einem monatlichen Kohlenverbrauch von 11,219 Tonnen. Hiervon fallen auf LorsI ot Imvellezs 13 061 Pferdekraft und 9890 Tonnen. Die Zahl der Arbeiter auf der ganzen Strecke belief sich auf 13,000, bei einer Bevölkerung von im Vanzcn 25,000 Menschen. An Maschinen zählte man zu jener Zeit u. A. 78 meist große Dampfbagger von in Summe 2370 Pferdekraft 67 Gabaren (Dampfschiffe zum Wegschaffen des Schuttes), 36 Seedampfschiffe zu gleichem Zweck, 18 Elevatcurs, SO Schalken mit Schuttkastcn, 20 Dampfkrahnen, 19 Excavateurs und 18 Locomotiven. Im Ganzen werden die Kasten zu 385 Millionen Francs veranschlagt, so daß außer dem Anlage-Kapital b»n 200 Millionen und den nahezu 100 Millianen betragenden Kompensationen der ägyptischen Regierung noch eine weitere Anleihe nöthig ist. Dagegen werden der Gesellschaft durch Verkauf des Grundeigenthums längs des Kanals noch große Revenuen erwachsen. Das Wady allein hat sie ini Jahre 1866 für 10 Millionen Francs veräußert. Bedeutende Kosten wird sich die Unterhaltung des Kanals noch bedingen, doch haben sich die gefürchteten Sandwehen bei dem Süßwasserkanal als nicht gefährlich gezeigt. Für die Rentabilität des Unternehmens wird es wichtig sein, daß kein zu hoher Durchgangszoll erhoben wird; nach dem Vertrage sollte derselben 10 Frcs. Per Tonne nicht übersteigen. Abgesehen »on der Kultivirung der umliegenden Landstriche, welche im Gefolge deS BaueS bereit» begonnen ist, wird der Kanal sicher zur Hebung von Aegypteu viel beitragen. Seine allgemeine Bedeutung liegt aber darin, daß für alle Handelsartikel der Seeweg nach Ost-Indien, dem östlichen Asien überhaupt und nach Australien um mehr als die Hälfte abgekürzt ist. Für lediglich den Personen- und Postverkehr hätte die Eisenbahn »on Alexandria nach Suez trotz ihrer Mangel auch künftighin ausgereicht; ein um js größerer Dortheil wird es aber für Waaren sein, daß sie ohne Umladung und ohne Landtransport die kürzere Route benützen können. Wenn schon die Schwierigkeiten der Schifffahrt im rothen Meere nicht gering anzuschlagen sind, namentlich für Segelschiffe, welche sich mit dem halbjährlich wechselnden Monsun: zu kämpfen haben, so wird doch für den Handel mit den Küstenländern deS indischen Oceans und Ostasien ein großer Aufschwung nicht ausbleiben, welcher sich namentlich für die Mittelmeerstaatcn fühlbar machen muß. Im Gefolge davon wird sich der politische Einfluß Europas in jenen Ländern noch bedeutend heben und es werden sich vielleicht ganz neue Constellationcn ergeben. Wenn der Kanal auch uur kleinere Kriegsschiffe, etwa im Range der Corvetten, faßt und namentlich für die Mehrzahl der Panzerfahrzeuge ungeeignet ist, so bildet er bei den Kriegen europäischer Mächte in Ostasien doch eine für den Transport von Truppen und Material brauchbare Militärstraße, so daß ihm selbst eine gewisse militärische Bedeutung innewohnt. Das Land, welches schon im Alterthum durch seine großartigen Bauwerke berühmt gewesen ist, zählt nunmehr, Dank den Bestrebungen unserer Zeit, ein neues Monument, das aber bei seiner praktischen Nützlichkeit hoch über jene zu stellen ist. Die Name» derjenigen, durch deren Energie das Unternehmen begründet und entgegen allen Zweifeln und Hindernissen vollführt worden ist, — und unter diesen nehmen die beiden Bizckönige eine bedeutende Stelle ein; als eigentlichen Träger der Idee und Hauptmotor ihrer Ausführung, mit einem Worte als Seele deS Ganzen aber dürfte Herr Ferdinand von LessepS zu bezeichnen sein — werden der Nachwelt nicht verloren gehen. Vielleicht ist die Vollendung deS Kanals für die neue Welt ein Sporn, um einer noch ungelösten Aufgabe ähnlichen Charakters, der Durchstechung der Landenge von Panama, mit vergrößertem Eifer sich zu unterziehen. Allerseelen. Ich war im vorigen Jahre Ende October nach Regcnsburg gegangen, um Behufs Vollendung einer beschreibenden Arbeit mir die Sehenswürdigkeiten der alten Donaustadt wieder aufzufrischen. Mit unendlicher Sorgfalt war. ich den Merkwürdigkeiten Punkt für Punkt nachgegangen. Ich hatte die stolze Brücke gesehen, welche altdeutsche Baukunst schon 1135 über den wilden Strom geworfen, ich war in den leeren Fürstenzimmern im Rathaus gewesen und dachte im Rcichssaal an das einstige heilige römische Reich- dessen Geschick hier so ernsthaft berathen wurde. Das DollingerhauS mit seinen Erinnerungen an die wundersame Märe von: heidnischen Riesen Krako und dem frommen Dol« linger, der historische Haidplatz mit seinen blutigen Erinnerungen, das goldene Kreuz mit seiner Geschichte von: verliebten Kaiser Karl V. und der schönen Wirthin Barbara Blom, berg, welcher reizenden Historie der tapfere Sceheld Don Juan d'Austria bekanntlich sein Leben verdankt — das alles und noch vieles Andere mehr war an meinen staunenden Blicken vorübergezogen und mein Respekt vor der alten, winkeligen und nicht gerade besonders reinlichen Bischofsstadt wuchs immer mehr und mehr und damals hatte ich doch nur den Dom von außen gesehen und St. Emmeran noch gar nicht. Ich kam aber nach St. Emmeran. Schon wie ich über den Platz schritt und die romanische Pfeilerbasilika mit dem stattlichen freistehenden Campanile von fern sah, ging mir die Bedeutung der Kirche auf. Die seltsame Vorhalle, mit ihren uralten steinernen Sesseln und dem Grab deS alten AventinuS bereitete würdig auf das Mausoleum drinnen, so reich an historischen Denkmälern wie kein anderes mehr in Deutschland vor. Die ursprünglichen schönen Verhältnisse der Kirche sind, wie leider so oft, vollständig verzopft, aber das, Auge schweift nur flüchtig über den Rococomust und sucht lieber die alten Inschriften auf den Grabsteinen zu enträthsrln. Da schlafen Viele den letzten Schlaf, deren Namen auS fernen, fernen Jahrhunderten schier märchenhaft an das Ohr klingt. Die Grabsteine, auf deue» 398 »ir stehen, decken die Gruft, in der Kaiser Arnulf und sein Sohn Ludwig liegen, dort die Statue soll das Bild der Kaiserin Uta sein, hier ruht der stolze Graf Babo von Abensberg, von dem noch heute viele Sagen im VolkeSmund leben, nntcr den Steinen drüben schlafen die Herzoge Arnold, Arnulf und Heinrich, diese Hochgräber sind den Heiligen: Emmeran und Wolfgang errichtet, jene Tumba der heiligen Aurelia! Ueberall historischer uralter Staub und Moder! Wie oft schon hatte ich den berühmten Kreuzgang von St. Emmeran als ein wahrhaftes Wunderwerk der Frühgothik loben und Preisen hören! Dieser Krcuzgang also und die fürstl. Tayis'sche Gruft blieben mir zu sehen noch übrig. Man konnte jedoch von der Kirche aus nicht hinkommen, sondern mußte vom ehemaligen Klostcrgebäude, dem jetzigen Taxis'schen Palais, aus eintreten. Am Thor empfing mich ein alter Portier und sagte mir, daß ich jetzt nicht in die Kapelle könne, da die Frau Erbprinzestin gerade am Sarge ihres verewigten Gemahls bete. Es war ja Allerseelen heute! „Das ist ganz gleich, ob Allerseelen oder nicht", bemerkte der alte ergraute Diener des fürstl. Hauses. „Die Frau Erbprinzestin ist jeden Tag einige Stunden in der Gruft, oft auch mehrmals täglich." Der Mann mochte jedoch bemerken, daß mir viel daran lag, den Krcuzgang und die Gruft zu sehen, und fragte deßhalb freundlich, ob ich nicht so lange bei ihm eintreten wolle. Gerne nahm ich das gutgemeinte Anerbieten an und ließ mich in dem warmen Stübchen, das mit allerlei Bilderwcrk und Schnörkelkram gar nett verziert war, für einige Zeit nieder. Ein Sakristan kam und brachte einen prachtvoll gearbeiteten Chorrock. „Ist die Messe schon zu Ende?" fragte der Portier. „Die Messe ist aus", antwortete der eilige Kirchendiener, „aber die Frau Erbprinzestin betet noch am Sarge!" „Da haben Sie noch eiue gute halbe Stunde Zeit", wandte sich der Alte zu mir. „Heute zu Allerseelen ist die Messe unten in der Gruft selbst gelesen worden." „Sehen Sie", fuhr der alte Mann fort, „Das hat die hohe Frau Alles selbst gestickt, betrachten Sie nur die prächtige Arbeit, diese Goldstickerei!" In der That war der Chorrock ein Meisterwerk fleißiger und kunstreicher Finger. „So arbeiten Prinzessinnen?" fragte ich zweifelnd. „Das hat sie Alles selbst gemacht", antwortete er entschieden, „Alles, was unten in der Gruft an Stickereien und weiblichen Handarbeiten ist, das Bahrtuch, die Altardccke und noch vieles Andere hat die Frau Erbprinzestin selbst gestickt. Seitdem der durchlauchtigste Erbprinz gestorben, thut sie nichts anderes, als für seine Gruft sticken und an seinem Sarge beten und weinen, immerfort weinen", dabei schüttelte der Alte wehmüthig sein graues Haupt. Ich sah aber die hohe Frau vor mir, die ich als Herzogin Helene in Bayern wie oft in München gesehen hatte. Wie war Alles damals so glücklich über diese Heirath, die eine reine Herzensverbindung war und bei der die Staatsraison nichts zu thun hatte. Da hing das Portrait des Erbprinzen, nur eine schlechte Lithographie, aber die Ähnlichkeit doch nicht zu verkennen. Was war das für ein schöner, stattlicher, lebensfroher Herr gewesen! Der Stolz seines alternden Vaters, der Abgott seiner Frau, der Gegenstand der Verehrung und Liebe für alle Die, die das Glück hatten, ihm näher zu stehen. Und das Alles moderte da unten im Sarge. Ein Wagen fuhr donnernd vor, und im Gang draußen wurde eS lebhaft. Der Alte und der Portier stürzten hinaus und ließen die Thür offen. Es schien, als ob die Andacht beendigt sei. Zuerst kamen einige Herren, dann zwei reizende Kinder in tiefes düsteres Schi rz gekleidet, sie kamen vom Grabe des Vaters. Dann folgte eine Dame ebenso in tiei e Trauer gekleidet. Kaum hätte ich die Herzogin Helena in den abgehärmten, bleichen, di :chschmerzten Gesichtszügen der Erbprinzessin wieder erkannt. Der Portier, kam zurück nit einem großen Schlüsselbund. „Jetzt wenn's gefällig wäre!" Ich folgte dem alten Herrn, zwei mächtige Flügelthüren öffneten sich und wir traten in den berühmten Kreuzgang St. Emmeram ein; der Alte ging glcichgiltig an dem oft Gesehenen vorüber, ich folgte staunend ob der Pracht der Steingebilde, die mir hier in wahrhaft überwältigender Weise entgegentrat. Alle die gewaltigen Zauber der Gothik schienen mir in diesen einen Kreuzgang gebannt zn sein, und stummbewundernd schritt ich von Fenster zu Fenster. Wir kamen zu einem stilgerechten doppelten Gitterthor. „Wollen Sie hinaus 399 in die Kapelle oder hinunter in die Gruft?" Zuerst in die Kapelle, wenn ich bitte» darf! Wir waren vollständig allein in diesen der frommen Erinnerung gewidmete» Räumen, die Bewunderung des schönheitsdurstigen Auges, das sich an den wundervollen Linien dcS eben so edlen als einfachen Bauwerkes erfreuen wollte, wurde zurückgedrängt durch die weihevolle ernste Stimmung, die sich hier auch solchen Regungen gegenüber verknöchcrtsten Menschen aufdrängen mußte. Ein Blick auf den Dannccker'schen Christus, und das Herz zitterte nach in den Gefühlen, die einst dieses unerreichte Bildwerk schufen Der Alte klapperte mit den Schlüsseln, vielleicht mochte er ungeduldig geworden fein. Wir stiegen hinunter in die Gruft. Ziemlich hoch und schön gewölbt, wie sie war, fiel durch ein in die obere Kirche gehendes Oberlicht eine matte unbestimmte Helle in diese Wohnnng der Todten. Im Hintergründe ein einfacher Altar, an beide Seiten auf hohen Bahren Särge, in den die in den letzten Jahrzehnten gestorbenen Glieder der fürstlichen Familie ruhen. Noch schwebteu die Wcihrauchwolken der jüngst gelesene Messe unter den Gewölben, ihr scharfer Duft mischet sich mit dem herrlichen Geruch frischer Blumen, von Moder und und Verwesung keine Spur! Mit entblößtem Haupt traten wir zu dem Sarge, in welchem der edle Erbprinz ruht. Wie oft hatte ich ihn gesehen, wenn er in der Fülle seiner Kraft mit Vieren vom Bock fuhr, eine schöne prächtige Männergestalt mit kräftiger sicherer Hand das feurige Viergespann zügelnd. Und nun lag von all der Jugend, von all der Kraft und Schönheit nur die entseelte Hülle in dem-Sarge, dessen reiche Verzierungen kaum zu sehen waren vor der üppigen Blumensülle, welche die Liebe hier niedergelegt hatte. Zu Füßen des Sarkophagen lag ein Teppich, auf ihm hatten wohl noch kurz vorher die Gattin, die Kinder gekniet. Es wahr als wollte die unsägliche Traurigkeit des Ortes mich überwältigen, mich, der ich doch hieher gekommen war als ein kalter gleichgiltiger Fremder, der gothische Fenster sehen wollte und nichts weiter. Ich nahm mir eine Blume aus der überreichen Fülle und schied von diesem Orte des Friedens. (N. K.) * Ueber die Einwanderung in die Bereinigten Staaten hielt Herr Friedrich Kapp vor Kurzem in der Sitzung der „American Social Science-Association" einen höchst interessanten Vortrag, dem wir Nachstehendes im Auszug entnehmen: Die Gründe der Auswanderung von Europa sind Verfolgungen Seitens der Regierungen und üble sociale Verhältnisse; diese Gründe einerseits, und die mehr oder minder hervortretenden Chancen für Fortkommen und Erwerb in den Vereinigten Staaten andererseits bedingen die Fluctuationen, welche wir im Laufe der Jahre in der Einwanderung wahrnehmen. In den Jahren, welche sich durch große Unglücks- fällc, Revolutionen oder nationale Zerrüttungen im alten Vaterlande kennzeichneten, hat die Einwanderung stärkere Dimensionen angenommen, während sie umgekehrt abnahm, wenn in Amerika schlechte Zeiten herrschten. So z. B. veranlaßte die Hungersnoth der Jahre 1816 und 1817 eine großartige deutsche Einwanderung, ebenso das Mißlingen der Revolution von 1848 — 51; in dem, mit dem Jahre 1845 beginnenden Jahrzehmt kamen 1,226,332 Deutsche hierher; während desselben Zeitraumes sandte Irland 1,512,100 Immigranten, seitdem jedoch ist die Einwanderung von dort auf die Hälfte des Durchschnitts der letzten 10 Jahre gesunken; von 1775 bis 1815 war die Einwanderung in Folge der amerikanischen Revolution sehr schwach und beschränkte sich auf 3 bis 4000 Personen jährlich. — Der durch die Einwanderung repräsentirte, direkt und indirekt den Vereinigten Staaten erwachsende Gewinn ist ein ungeheurer. Man schätzt die Gelder, die jährlich von deutschen Auswanderern in dieses Land gebracht werden, auf 11 Millionen Dollars. Jeder bringt außerdem Kleider, Werkzeuge und auch Werthsachen mit, deren Werth sich mit den Baarvermögen auf 150 Dollars pro Person (eine niedrige Schätzung) belaufen mag; die 250,000 Immigranten, die im Jahre 1859 in Netn-Mr! ankamen, vermehrten den National-Wohlstand also um 37>/a Millionen Dollars. Ferner aber ist der Immigrant für das Land gerade so viel werth, wie es kostet, einen einge- 400 hörnen Arbeiter zu derselben Durchschnittsfähigkeit heranzubilden; das Netto - Produkt seiner Arbeit, durch das sein Adoptiv-Vaterland wächst und gedeiht, variirt nach seinen intellektuellen Fähigkeiten, den ererbten Gewohnheiten und nationalen Eigenthümlichkeiten. Man hat berechnet, daß ein amerikanischer Farmer oder qualisicirter Arbeiter für die ersten 15 Jahre seines Lebens, oder bis er sich selbst ernähren kann, 1500 Dollar kostet, ein Frauenzimmer 750 Dollar. Ein Fünftel der Immigranten ist unter 15 Jahren; aber dafür wandern auch mehr Männer als Frauen ein, und sehr Viele von ihnen sind höher gebildete Arbeiter, deren Ausbildung hier fünfmal 1500 Dollar kosten würde. — Nimmt man jedoch an, daß ebenso viele Männer wie Frauen ankommen, so ist jede einwandernde Person diesem Lande 1125 Doll. werth, frei von Ausgaben. Die Anzahl der vom 5. Mai 1847 bis zum 1. Januar 1859 im Hafen von New-York angelangten Immigranten beträgt 4,038,991. Diese Zahl repräsentier einen Capitalwerth von 1125 Doll. und einen Baarwerth von 150 Doll., zusammen also 1275 Doll. pr. Kopf, somit ein Gesammt-Wachsthum des National-Reichthums um 5,149,713,525 Doll. — Nimmt man die Gesammt-Einwanderung in die Union jährlich mit 300,000 Seelen an, so gewinnt das Land jährlich 862^ Millionen Dollars oder mehr als 1 Million Doll. pro Tag. Ohne die Einwanderung beträgt die Zunahme der Bevölkerung circa 1,38 Procent per Jahr; mit derselben betrug sie in den Jahren 1840 — 50 35,87 Procent, und von 1850—60 35,59 Procent jährlich, mithin hat die Immigration dieses Land in seinem nationalen Fortschritte um 40 Jahre vorwärts gebracht, und dabei hat die innere Entwickelung mit der Zunahme der Bevölkerung stets gleichen Schritt gehalten. — Die Einwanderung ist lediglich Sache der einzelnen Staaten; die Idee, daß der Congreß die Sorge für die Immigranten nach ihrer Ankunft in die Hand nehmen, die Commutations- Gclder von 2 Doll. 50 C. per Kopf einziehen und pro rnlu unter die einzelnen Staaten vertheilen solle, ist unausführbar; es würde politischen Chicanen aller Art dadurch unabsehbaren Vorschub geleistet werden. Gegen 50 Procent aller Einwanderer, und gerade die gesundesten Elemente, gehen in's Land, und von diesen wieder drei Viertel nach den westlichen Staaten. Die Gründe, weßhalb sie den Vereinigten Staaten vor andern, gleich fruchtbaren und schönen und gleich leicht zu erreichenden Ländern den Vorzug geben, sind: Billigkeit deS Grundbesitzes, höherer Werth der Arbeit und sociale Freiheit. Der Colonist muß sein eigener Herr sein, um seine physischen nnd geistigen Hülfsquellen vollständig ausbeuten und ein freies Gemeinwesen aufbauen helfen zu können. Die teutonischen Ratzen repräsentiern das erfolgreiche Princip der Selbstregicrung, — und die lateinischen Ratzen das Erfolglose der Abhängigkeit und des Schutzes durch den Staat. Deßhalb vermied auch bis jetzt die Einwanderung den Süden, weil dort die bürgerliche Freiheit fehlte; jetzt allerdings wird sich aus allbekannten Gründen ein großer Theil derselben dorthin wenden. —- Die Geschichte der Immigranten zeigt große und erfreuliche Fortschritte; in früheren Jahren wurde der Einwanderer hier im Lande nicht bester als Vieh behandelt; er mußte die hochgestellte Ucberfahrt nebst einem enormen Zuschlage von oft 100 Procent für das Nisico durch Jahre lange Arbeit abverdienen, und konnte während dieser Zeit wie ein Sklave verkauft werden, ohne die geringste Chance für sclbstständigen Erwerb zu haben. Jetzt aber, seit 1847, sorgt die Emigrations-Commission in jeder Hinsicht für den Ankommenden, er wird im Falle unverschuldeter Noth unterstützt und verpflegt, er hat 5 Jahre lang Anspruch auf Zulassung zu dem Hospitale auf Ward's Island, er findet in Castle Garden einen freien Markt für seine Arbeitskraft, sein Gepäck wird kostenfrei gelandet — und ihm die Weiterfahrt so billig und mühelos wie nur möglich gemacht. Das Einzige, was dem Congreß noch obliegt, ist, den Einwanderer auf hoher See zu schützen, und auch dazu sind neuerdings lobenswcrthe Schritte gethan, wie unter Anderem in dem Anerbieten der Norddeutschen Bundes-Rcgierung; so dürfen wir hoffen, bald auch in dieser Beziebung kinsichtlich der Immigranten völlig ohne Sorge zu sein. Druck, Aenag und rkrvucitcm vcs mrcrurgchcn Hnfnluts von 1>r. M. Hutiler. Ai-O. 51. 19. Decbr 1869. Denn solche Göttlich! it schirmt iincn König: Veriab. dcr nur erblickt, was er gewollt, Steh! ab von seinem Wellen. Shakespeare, Hamlet, Akt IV. Scene 2. Ei« Weihnachts-Abend in Frankfurt. Die Schneeflocken tanzten um die Straßenlaternen und umhüllten die Lichter wie mit einem weißen, durchsichtigen Schleier. Es war ein unfreundlicher, kalter Abend Der alte ehrwürdige Dom schaute auf die Häuser von Frankfurt nieder, seine Thurmspitze aber verlor sich im dicht fallenden Schnee. Die Karaffen fuhren mit laut tönendem Schellcngeklingcl über das weiche Pflaster und hielten Kalo vor diesem, bald vor jenem Kaufladen. Bejahrte Frauen saßen hinter den mit weißem Linnen umspannten Tuchen und froren bis in's Mark neben ihren Wmdlichtcrn. Manche prächtig gekleidete Dame rauschte an den ärmlichen Buden vorüber und würdigte sie keines Buckes, und manches Augenglas richtete sich auf die großen, glänzenden Scheiben, hmlcr denen viel schimmernde Herrlichkeit ausgebreitet lag, und wußte das arme Mütterchen nicht zu finden das bei ihren weißen Schäfchen und ihrem winzigen Christbäumchen sitzt, und den lullenden Blick an die Vorübergehenden richtet. Und auch aus den Kiemen achtet Keiner, dcr dort in dem Hänferwiukel unter dcr Laterne steht und die halb erfrorenen Hände in die dünne,> Äerniel hinauszieht Der Schnee hat fein letztes Weihnachtsbaumchen wie mit weißen Blüthen überschüttet und nun steht er seit Sonnenuntergang im schneidenden Wurde und kalten Schnee, „nd Niemand fragt ihn und Keiner erlöst den armen zitternden Knaben. Und Viertelstunde um Viertelstunde verrinnt, die Straßen werden leerer, — aber in den hohen Häusern mit den großen, glitzernden Fenstern wird es immer Heller. Und zuweilen schweben reich gekleidete Damen drinnen an den Fenstern vorüber - und dcr arme Kleine meint zu vernehmen wie eine frohe Kinderschaar jubelnd in die Hände klatscht. Uns wie er so hinüdci schaut nach dem Lichtglanze, dcr ihm aus dem Himmel herüberzulcuchten scheint, da flimmert cS vor seine» Augen, wie von tausend Flänimchen und er meint sich niedersetzen rn müssen im Anblick all' dieser Herrlichkeit, denn seine Augenlider sind schwer geworden und der Arme fühlt seine Glieder nicht mehr, sie sind halb erstarrt. ' Da ließ er sich sachte an der Mauer auf die Erde nieder, und es war ihm so süß und wohl, — er stand in einem großen glänzenden Saale, in dessen Mute ein hoher Weihnachtsbaum mit hundert Lichtern strahlte, und hinler dem Baume her erklang eine sanfte Musik und liebliche Stimmen sangen: „Ehre sei Gott in der Höbe!" Und dann bedeckte ein ganzer Berg von Schnee all' die Pracht und hoch auf demselben stand die Großmutter um einem Weihnachlöbäumchcn in der Hand, sie war aus dem Wege nach dem Himmel zum Christkindlciu. Und der Kleine sah. wie sich die Thee des Himmels austheilen, so daß mau tief hineinsehen konnte. Große Porzcllaiiöfen halb so hoch, wie dcr Thurm des granlfurtcr Domes, standen einer hliitcr dem andern und die Engel schwebten darüber und jeder hatte sein Wcihnachlsbäumcheii ii, der Hand! Nun wird Alles sonnenhell und die giößic Stille hcnschr im ganzen Himmel — Das „Christ!,ndlciu," weiß wie Schnee und strahlend wie Gold, hall seine» feierlichen 40 ^ Umzug — und die Sonne geht vor ihm her, und der Mond folgt ihm mit lächelndem Antlitz. Der Knabe steht an der großen Pforte in einen Winkel gedrückt und Niemand sieht ihn. Aber mit einem Male fällt ein Strahl auf ihn, und er steht da vor dem hellen Auge in seinem ärmlichen Röckchcn und in seinen zerrissenen Schuhen. Er meinte in den Boden sinken zu muffen vor Schani, — aber das Christkindlein winkte ihm mit freundlichem Lächeln. — Dann kam eine düstere Wolke hernieder und Alles war dunkel und still. Und still war's auch auf den Straßen geworden, nur ein Mann stand noch vor dem großen Goldladen neben dem Dome und schaute träumend in die dichter, die darinnen brannten. Der dreitkämpige graue Hut, der ihm tief in'S Gesicht hineinreichte, — der braune, nachlässig umgeworfene Mantel, das schalkhafte Lächeln, daS zuweilen um seinen Mund spielte und dann wieder die düstere Wolke des Unmulhes, die über seine Stirne zog, das Alles machte den Mann zu emer räihselhasteu Erscheinung. Jetzt eilte er schnellen Schrittes von dannen in der Richtung auf den Dom zu. — „Ich had's gefunden,- — murmelte er vor sich hin. Dann summt er nach einer alten Melodie das Lied: „Was ist das doch ein holdes Kind, Das man hier in der Krippe find't." Plötzlich bleibt er stehen bei der Laterne, die immer trüber brennt, dann tritt er dicht unter sie hin und beugt sich zu dem dunkeln Gegenstände nieder, den der Schnee bereits wie mit einem weiße» Tuche bedeckt hat. Er hebt den armen, bewußtlosen Knaben in die Höhe, derselbe gibt kein Lebenszeichen mehr von sich, — seine Wangen sind weiß, wie das WeihnachtSbäumchen neben ihm. Der Mann nimmt den Mantel von seiner Schulter, und schlägt ihn um das Kind, er hält es fest in seinen Armen und trägt es durch den kalten Abend und erwärmt eS an seiner Brust. Mus Straßen durcheilte er, und dann machte er vor einem großen, hellcrleuchictc» Hause Halt. Mit der Rechten ergreift er den Schellenzug, daß es durch's ganze Hans tönt. „Wer ist da?" fragte eine zarte Frauenstimme von innen. „Clemens," schallt es zurück. „Oefsne schnell." Der Wanderer tritt mit seiner Last ein und schüttelt den Schnee von den Füßen. „Hab' ich's nicht gesagt, Ludovika, daß ich noch etwas finden würde, woran Ihr Alle nicht gedacht?" Die Dame schlug den Mantel zurück und sah in das bleiche Gesicht des erstarrten Kleinen. Er schlug die Augen auf — und wo war er? Hohe Fenster mit prächtigen Vorhängen waren an dem Gemach, in dem ei» weißer Ofen eine wohlthuende Warme verbreitete. Er lag in dem schneeweißen Beuchen, vor dem ein Man» mit einem großen Filzhnie stand. Der Kleine hatte ihn nie gesehen, aber der Fremde lächelte so sreundlich, daß der Knabe die Hand ausstreckte und seine rauhe Wange streichelte. Da trat eine Dame in's Z»»mcr und licbkvsete den vom Starrschliimmcr erweckten Knaben. Sie legte ihm schöne Kleider an, wie sie die Kinder der Reichen tragen und dann labte sie ihn mit einem süße» Tränke. Der Man» mit dem großen Hute war hinausgegangen, die Thüre stand angelehnt und bald schallte ganz von ferne Lrcdcrklang. herüber und der sanfte Ton einer Geige. „Willst Du bei uns bleiben, lieber Kleiner?" fragte die Dame. Da kamen Thränen in die Augen des Kindes und es stammelte: „Ach, es ist hier so schön, wie im Himmel, aber meine Mutter wartet auf mich — und hat noch nichts gigrffn heule Abend." „Wer ist denn Deine Mutter?" „O, sie i r schon lange krank und hat viele Schmerzen, und wir leiden so großen H>ug r. O, laßt mich, ich muß zu ihr, sie ist gewiß in tausend Aeugsten um mrch. 403 Wir kommt rs denn, daß ich nicht bei ihr bin — und was find LaS für schöne, groß« Zimmer und wer hat mich hierhin g,bracht?" „Der Mann, der eben an Deinem Bcttchen saß, hat Dich vor einer Stunde hierhi» getragen. Du warst auf der Straße eingeschlafen bei Deinem Wcihnachtsbäumchen." „Ich will es holen," rief der Kleine lebhaft, „und dann zu meiner Mutter heim.* „Warte nur noch eine kleine Zeit, und ich will Dir etwas Schönes zeigen." ^ ,O, es ist gewiß nicht so lieb und schön, wie das Gesicht meiner Mutter, wenn sie mich anlächelt und von den lieben Engeln' erzählt, die mich gern hätten, wenn ich g «t bin." . Die Dame nahm den Kleinen an ihre Hand und durchschritt drei Zimmer mit ihm. DaS eine war noch schöner als das andere, aber gegen das dritte waren sie alle nichts. Eii. großer runder Tisch stand in der Mitte, von dem ein Lichtmeer ausstrahlte, so hell wie die Sonne. Um den Weihnachtsbaum saßen frohe Kinder und sangen dem Kindlein zu Ehren, das heul sie so glücklich gemacht. Und beiseits saß der Mann mit dem großen Hure und spielte die Geige und sang mit klarer, voller Stimme, daß die Kiemen oft schwiegen und still dasaßen und andächtig lauschten. Als die Dame mit dem armen Knaben in den Saal trat, verstummte das Lied, der freudige Mann legte die Geige bei Seite und die Kinder umdrängten den Ankömmling. Sie standen um ihn im Kreise, jedes hatte irgend Etwas von seinen Gaben in der Hand und bot eS dem Knaben zum Geschenke an, — sie dachten an den schneidenden Wmd, der an den Fenstern rüttelte und an den kalten Schnee, aus dem der gute Onkel den Armen hervorgezogen. Alnr sie machten betrübte Gesichter, als der Kleine nichts annehmen wollte, und nur nach semer kranken Malier verlangte. Sie fragten ihn, ob er nicht bald wieder komme» werde, und erst als die Dame es ihnen versprochen, daß er noch oft kommen sollte, ließe» sie es ruhig geschahen, daß der Mann, der eben die Geige gespielt, ihn bei der Hand «ahm und mit sich hinausführte. Als sie aus der Straße waren, ward der Knabe gesprächig, und erzählte dem wohlwollenden Manne seine ganze Leide, sg schichte, wie sie seinen Batcr vor einem Jahre zum Kirchhofe getragen hätten und wie sie nun so große Noth litten. Die Häuser wurden immer kleiner und ärmlicher, je weiter sie gingen. Hier und da brannte noch ein lrüb.ö Oelflämmchcn hinter den Fenstern, sonst war nichts zu sehen. Zn der Sackgasse, in die sie nun yineinschrillen, war Alles still, man konnte keine Hand vor den Augen sehen. - Mit sicherem Schritt ging der Kleine vorwärts. Er stieg dan« zwei Treppen hinan und öffnete eine niedere Thür. Er stand still und horchte, nichts regte sich, eine furchtbare Angst überkam das Kind. Wenn die Mutter gestorben wäre, während er in dem großen glänzenden Hause war? Schnell stieß er eine zweite Thür auf, die in ein kleines, dunkles Gemach führte. Aus der Ecke drang der Laut schwerer Athemzüge hervor. Der Kleine zündete Licht an und trat mit bebenden Knieen au das Bett seiner kranken Mutter. Er rief sie laut bei Namen, aber keine Antwort erfolgte; da stieg seine Angst aufS Höchste, — er wandte sich mit einem flehenden Blicke zu dem Fremden hin, der unter der Thür stehen geblieben war. Der Mann halte die stumme Bitte des Kleinen verstanden, er trat näher, und sah das Elend in seiner wahrsten Gestalt. Da lag die Arme mit bleichem Antlitze, -Hunger und Noth und Schmerz stand in ihren Zügen geschrieben. Wie ein Engel waltete der Wohlthäter an dem Krankenlager der armen Wutwe, — er zog ein Fläschlein hervor und benetzte ihre Lippen mit einem stärkenden Trunk, er drückte dein Knaben ein Geldstück in die Hand und hieß ihn Speise kaufen, während er selbst an dem Bette blieb und auf jeden Athemzug der Kranken lauschte. Nach einer halben Stunde schlug sie die Augen auf und wußte nicht, — wie ihr geschehen war. Da erzählte ihr der Fiemde Alles und als er geendet, küßte sie seiA Hände, und als der Kleine in seinen prächtigen Kleidern zur Thüre hereintrat, da schloß sie ihn in ihre schwachen, vor Freude zitternden Arme, und dankte unter Thränen dem Kindlein, das ihr so viele Gnaden erwiesen in der heiligen Weihnacht. Noch eine Weile blieb der Fremde in der Kammer der armen, — kranken Wittwe, und tröstete sie und rief mit seinen sanften Worten alle Frcudcngcfühle in dem armen, granigcdrückten Herzen wach. Und als er Hinausschritt und durch die dunkeln öden Straßen ging, da war wohl Keiner glücklicher in dczn großen Frankfurt, als der unscheinbare Mann mit dem grauen Hut und braunen Mantel. Es war still geworden im Slübchen der armen Wittwe. Der Knabe schlief sank und ruhig, — die Mutter war eingeschlummert mit einem Gebete für ihren Wohlthö ^r auf den kippen. Die Sonne ging auf und fand zum ersten Male seit einem Jahre in dem kalten Gemach zwei lächelnde Gesichter. Doch die Freude wurde zum Jubel, als der Kleine die Thür aufmachte. Da stand in der schmalen Flur ein Tisch, mit Geschenken reichlich bedeckt, die Morgcnstrahlen vergoldeten das Weihnachtsbüumchen des armen Knaben, das nun mit Lichtern geziert, wie ein lachender Frühling zur kalten, öden Kammer hereinschaute. Und es war mehr Freude an dem Weihnachismorgen in der Kammer der armen Wittwe, — als in ganz Frankfurt in allen Häusern zusammen. Und wollt ihr misten, wie es hernach gegangen? Die Wittwe ist bald gesund und der Knabe ein kräftiger Jüngling und ein Mann geworden. Der Unbekannte hat ihn nie verlassen. Und wollt ihr besten Namen misten, so schlaget die Geschichte Deutschlands auf, denn man nennt dort auch seinen Namen. Es ist derselbe, der immer bereit war, zu helfen, der als Dichter mächtig in die Saiten schlug, um die harten Herzen zur Mildthätigkeit zu bewegen, es ist derselbe, der am Lcidcnobctle der seligen Katharina von Emmerich die wahre Nächstenliebe gelernt, Clemens Brentano. Die Eröffnung des Suez-Eauals. Jsmailia, 18. November. Die Hälfte des Beweises für die Schiffbarkeit dcS Kanals ist geführt. Im Hafen von Jsmailia liegt eine ansehnliche Flotte von etwa 28 großen Schiffen, und noch ftt Raum genug für eine dreifache Anzahl. Gestern früh um 8', 2 Uhr setzte sich das Geschwader von Port Said in Bewegung, voran der „Aigle" mit der Kaiserin der Franzosen, ihm nach der „Greif" mit dem Kaiser von Oesterreich und die „Grille" mit dem Kronprinzen von Preußen, den der General-Consul des norddeutschen Bundes begleitete, während das übrige Eonsular-Personal auf dem „Dclfin" folgte. „Walk" mit dem Prinzen Heinrich, „Phönix" mit dem englischen, „Wladimir" mit dem russischen Botschafter, der „Peluse," Dampfer der Mestagerie Jmpcriale, mit den Beamten der Compagnie „Suez," ein englisches Kanonenboot, der Loyd-Dampfer „Bulcan" schloffen sich an. Da man vorsichtshalber mit der Distanze von 500 Nieter fuhr, und um diesen Zwischenraum einzuhalten, häufig stoppen mußte, so dauerte die Passage zicmM lange. Unter den Schiffen soll das größte einen Tiefgang von 5'. 2 Meter gehabt haben. Jedes hatte einen Lootsen an Bord; auf dem Schisse der Kaiserin sun- girtc Lcstcps, auf jenem des Kaisers Voisin-Bcy als solcher. Der Durchzug bis JSinailia erfolgte anstandslos durch die 75 Kilometer lange Strecke; um ^, ^5 Uhr langte der „Aigle" daselbst an. Bon den folgenden hatte nur der Mestagcric-Dampfer das Malheur, hart am Eingänge des Hafens durch ungeschicktes Lavirxp aufzufahren — und so den Durchgang zu verstopfen. Die größeren der nachfolgenden Schiffe gericthcn so iu die mißliche Situation, die Nacht über im Kanal, dem schönen Ziele so nahe, liegen bleiben ru muffen. Eine ganze Reihe von Kanonenbooten englischer und französischer Flagge Hi trotzdem die Pastage und kam an all' den, den Weg sperrenden Schiffen glücklich Deutsche Christbaume im Ausland. Der vielgereiste Fr. Verstärker bespricht diesen für deutsche Leser so anziehenden Gegenstand in einem deutschen Blatte. Bon seinen Mittheilungen hierüber ist das Folgende ein Auszug. Ich habe Weihnachten, beginnt er, in den verschiedensten Landern der Erde zugebracht, und ordentlich rührend war es — zu sehen, wie hartnäckig die Deutschen aller Orten an der lieben alten Sitte festhielten, und diese, während ihre Erinnerungen wie in einer Art von Heimweh an dem alten Vaterlande hafteten, gleichsam über die Erde säeten. In England hat der „Christbaum" schon durch die halbdeulsche Königin Bicloria feste Wurzeln geschlagen. Langsam aber sicher streut er von London aus seinen Samen durch das ganze brittische Reich, und die Zeit wird kommen, wo ein englisches Kind so wenig, wie ein deul>ches, sich ein WcihnachtSfest ohne Baum denken kann. Und Amerika? wohin ich nur hörte, wurde dort, wenn von Weihnachten die Rede war, von einem Baum gesprochen, und in Venezuela sagte mir ein ächter Acmkee, als die Rede auf Weihnachten in den Vereinigten Staaten kam, und ich ihn fragte, ob er auch den Christbaum kenne: „Nun, wir werden doch das Christfest nicht ohne Tanne verbringen sollen?" Größere Hindernisse haben südlichere Völker zu bewältigen, da unsere Nadelholzbäume unter den Tropen nicht so recht gedeihen; wo sie jedoch durch die Nähe hoher Gebirge begünstigt sind. Pflanzt mau jetzt auch die Christbäume an. Als ich vor mehr als 20 Jahren in Louisiana war, hatten wir große Noth um einen Christbaum, da Fichten und Tannen fehlten; nur einzelne Kiefern standen dort in dem niedrigen Lande. Deßhalb mußte ein Kieferwipfel zu einem Christbaume ausgeschnitten werden. — Drei Christtage hinter einander lag ich in den wilden Wäldern von Missouri und Arkansas einsam bei meinem Lagerfeuer, aber stets suchte ich mir dann einen Nadelholzbaum, unter dem ich mein Feuer anzündete, und war im Geiste bei meinen Lieben in der deutschen Heimath. Ein Weihnachten verbrachte ich in Batavia. Auch dort wissen sich die Deutschen, und mit ihnen schon manche holländische Familie zu helfen, und aus Taxus oder einem andern ähnlichen Stamme wird ein Weihnachtsbaum hergestellt. In Lima verbrachte ich eine andere Weihnacht. Dort, wo kein Ziegen fällt, kein Baum gedeiht, gab es keine Christbäume, auch fast keine deutschen Familien, und die einzige Erinnerung war Sonne- bcrger und Nürnberger Spielzeug, auf dem Marktplatze feilgeboten, während ringsumher angezündete Lichter den Baum ersetzen mußten. Ein Weihnachten verbrachte ich in der Südsee auf einem Wallfischfänger — trauriger heiliger Abend! Da gab es keinen Baum und keine Lichter. Nur eine trübe Oellampe brannte in der Kajüte, und die einzigen Bäume, welche wir dort hatten, waren die Mastbäume. — Besser war es in Mexiko, in öcfsen Hauptstadt ich das letzte Weihnachten verlebte. Der dortige Christmarkt versetzt unS im Nu in die Heimath. Ein Wald von Fichtcnbäumen ragt hier überall empor, und in den zahlreichen Buden werden Zuckerbackwerk und tausend verschiedene kleine, oft sehr originelle Spielsachen feilgeboten. Die Hochebenen von Mexiko sind unseren Nadelhölzern besonders günstig. Ich habe wirklich in meinem Leben keine schöneren Fichten gesehen, und wie prachtvoll werden sie dort von den „Deutschen" aufgeputzt! Statt vergoldete Acpfel hängen vergoldete Bananen und Granatäpfel daran; die Kinder jauchzen ihnen in gleicher Lust entgegen und in den Eltern lebt die eigene Jugend wieder auf. Da sich viele Deutsche mit mexikanischen Familien verheirathet haben, so rückt unser alter lieber Christbaum mit fliegenden Fahnen in dem den Fremden sonst eben nicht freundlichen Lande immer weiter vor. Nur in dem durch die Natur eben so begünstigten Venezuela fehlt es noch an Fichten und Tannen, obgleich seine 5 — 7000 Fuß hohen Gebirge die beste Gelegenheit bieten, solche anzupflanzen. Dürftige Kiefern keimen da wohl, aber noch haben es die Deutschen dort zu keinem wirklichen Christbaum gebracht, was aber hoffentlich nicht mehr lange dauern soll. Aus dem allen Thüringer-Walde habe ich mir nämlich guten Samen zu Fichten und Tannen verschrieben, und wenn man diese Zeilen in Deutschland liest^ 408 schwimmt er schon seinem Ziele, dem fernen Süden, entgegen. Dort werden ihn dann sorgende deutsche Hände pflegen, und in wenig n Jahren sollen die deutschen Kii der in Denczuela eben so freudig den liebe» Christbaum umtanzcn, wie daheim bei uns im allen Valerlande. (Der Mann im Monde.) Wcßhalb stellen die Rüpel im „SommernachtsTraum" bei ihrem Bühnenspicl vor dem Herzog den Mondschein als einen Mann mit einer Laterne, einem Hund und einem Dornbusch dar? Auch wird manchem Leser a»S Shakespearc's „Sturm" die Rede des Caliban an Steffano erinnerlich sein: „Ich habe dich im Monde gesehen, — meine Gebieterin zeigte dich mir, deinen Hund und deinen Busch " — Eine Abhandlung von Oskar Peschel in der „Angsburger Ättgem Zeitung," die sich über den Mann im Monde," das heißt über die Deutungen verbreitet, welche die verschiedenen Völker den Figuren im Mondbilde geben, ertheilt den folgenden Auf- .s schluß: Shakespeare spielt damit auf eine Sage an, die seine Zeitgenossen von ihren Ammen einsogen, deren aber schon Alexander Neckam (geb 1>5k), der Milchbruder Richard Löwcnhcrz, gedenkt. „Kennst du nicht," sagt er, „die Geschichte von dem Bauern im Monde, der den Dornbusch trägt und auf den sich der Vers bezieht: liuk-trcur; ni ^, 1 »'«» s ? n.n llvsri'niltr u„r« KIunZi^rit pen 8piii»e> r.uili pirxli'rr.*»" rnj»i». Dieser Bauer ist nämlich ein Holzdieb, der zur Strafe für sein Vergehen in den Mond verbannt ward, uud er rührt, stark umgewandelt, aus einer uralten nordischen Sage her, welche Baring Gould in seinen „Mythen des Mittclaltcrs" erläutert hat: „Mani, der Mond, stahl zwei Kinder von ihren Eltern und trug sie uui sich in den Himmel. Ihre Nanien waren Hinki und Bil. Sie hatten Wasser 'geschöpft von der Quelle Byrgir, im Schlauche Socgr, der an der Stange Simul hing, die sie auf ihren Schultern trugen. Noch heutigen Tags sollen die schwedischen Baiicrn ihren Kindern die Mondflcckcn erklären, als wäre ein Knabe und ein Mädchen sichtbar, die einen Eimer Wasser zwischen sich tragen." — In dieser germanischen Sage, die auch noch in Schweden ihre lebendigen Spuren hat, liegt der Kern zum dcuische» Mann im Blonde und zu dem englische» Märchen mit dem Hund, der Laterne und mit dem Dornbusch, welch' Letzterer das gestohlene Holz bedeuten soll. * Die Anzeichen, daß der amerikanische Continent früher, vor Jahr-I^ lausenden, durch Menschen bewohnt wurde, die eine hohe Eu ltnr stufe, einnahmen, mehren sich von Tag zu Tag. So erhielt erst neulich wieder das General- Landamt in Washington die Vcrmcssungs-Berichte von fünf Städte-Bezirken am Gila- Flussc im südlichen Arizona—im Ganzen 105,152 Acker Ägricullnr- und Weideland — das offenbar Jahrhunderte lang in hoher Cultur gestanden haben muß und eine große Anzahl Ruinen von ausgezeichneter und in manchen Fällen prachtvoller Arbeit ausweist, nebst Gerathen, HandweikSzeugen u. s. w. einer aiisgeslordenen, aber jedensaUs aus einer vorangeschrittenen Cultur stehenden, Kunst und Gewerbe treibende» Rare. Unter den größten sind die sogenannten Casa-Grande-Ruincn, ungefähr zwei Meilen südwestlich von den Ost- und Süd-Kanälen des Gila-Flusfes. Friedrich der Große dekorirte einst einen Offizier. „Ew Majestät," sagte dieser, „nur auf dem Schlachtfelds kann ich einen Orden annehmen." — „Ah bah," entgcgncte der König, „sei er kein Narr und hänge er sich das Ding an; ich kann um Seinetwillen doch keinen Krieg anfangen!" Druck, Verlag und Redaction des Litcrarlsckcn Instituts uen t-r. lil>. Hiitls. I Nro. 52. 26. Decbr. 1869. Augsburger Welch ein Gewühl auf Markt »vd Gassen Vöm Thurme schallt das Festgeläut', Kaum kann der Raum die Meuge sassen, Es ist ja heil'ge Christnacht heut. Iah. Nep. Vogl. Am Weihnachts-Abend. Skizze von Ludwig Habicht. (Nachdruck verboten.) Cstristmas," ruft in Dickens ^6Iiri5lmn8 Csrol" ein Neffe seinem Onkel Seronge zu, und wem in aller Welt gleitet wohl nicht unwillkürlich an diesem Abend das Wort über die Lippe: „Glückliche Weihnacht." O schöne, glanzvolle Zeit, die von dem bedrängten, gequälten Herzen den düstern Schleier hinweghebt, Alles rosig und golden färbt und wär' cS auch nur für einen einzigen, glücklich durchträumten Abend! ... In dieser seligen Stunde fühlen wir nicht mehr den Druck des Schicksals, — die Schwere unseres Kummers; wir tauchen mit hinab in die helle, silberglänzende Fluth der schönen, rosigen Stunden, und lassen uns so recht warm und innig umspielen von den Schaumpcrlen einer schönen, längst vcrklungcnen Zeit. Wir sind glücklich, für eine Stunde glücklich, denn es ist Weihnachten und der grüne Christbaum mit seinen leuchtenden Flammen erzählt uns von einer schönen, heitern Vergangenheit, von Jugcndtraum und Kindcrlust, von allem Theuersten der Erde! . . . Es. liegt eine Poesie, ein Zauber in diesem Abend, der seine verklärenden, leuchtenden Strahlen bis in die fernsten Zeiten wirft, und das Herz immer wieder jung zu machen weiß, weil immer neue, glücklich bewegte Menschen den brennenden Baum umringen und damit die vcrklungene Zaubcrwclt vor's Auge rücken. Und wer kein Herz mehr für diese sonnigen Stunden hat, — wem es erstarrt und erfroren im Gewühl des Lebens, wer dürr und nüchtern mit verdrossenem Auge auf diesen Jubel, diese Seligkeit, dieses „Glücklichmachen und Glücklichscin" blickt, wem Geld und Geschäft — Alles und Weihnacht - Poesie und Sonnenschein nur unnützer Trödel scheint, der fasse einmal den Muth, die oben bezeichnete Wcihnachts-Geschichrc des berühmten englischen Humoristen zu lesen, und wie ein Frühlingsschaucr wird's über seine Seele wehen und die harten, — rauhcu bedanken werden aufthauen und sich warm und liebend um die Menschheit schlingen. An diesem Abend, an dem jedes Auge nach einem Funken Freude, jedes Herz nach einem Tropfen „Glück" schmachtet, wird er sich auch mit reichen, vollen Händen beigetragen sehnen: Glückliche zu machen und Sonnenschein zu bringen, auch in die umnachtctsic Urnst. Möchte an diesem heiligen Abend der Weihnachtsengel überall den verhärteten und versteinerte», im „Geld- und Marklwcsen" verrosteten Herzen die „sanfte Leuchte" der vorhalten, daß es ihnen plötzlich tage und sie einsehen lernen: — Geld — Reichthum — Ehre ist kein Glück — und nur die dankbare Thräne, die uns aus dem Astge vom Untergänge Geretteter cntgcgenzittert — der warme Händedruck eines Freundes — in Liebe und Treue verbundene Herzen — das ist Alles — das ist der Reichthum einer Welt! Wenn keines, dann ist Boz Dickens „Olirislinns. Csrol" das Werk eines Dichters »o» Gottes Gnaden; denn es liegt eine Poesie, eine GcmüthStiefe und Gcinüthswärme -arm, die zu jedem Herzen dringen und überall ein lebendiges Echo finden muß. Der Dichter läßt darin den „Weihnachtsengel" einen alten, verhungerten Geizhals besuchen, der nichts kennt, als sein Geld und sein Geschäft und ein elendes, jämmerliches Dasein, mit ewig geschlossener Hand und steinernem Herzen hindüstert und den jetzt der Weihnachtsengcl zurückführt in die Tage der Kindheit, in das Land der Jugendträume, wo das Herz jung war — und eine glückliche, helle Weihnacht noch den Weg zu seiner Brust fand, wo auch er so glücklich war und Alles ihm entgegen jubelte: ,,.llori^ Vkiriulmas." O goldene, schöne Zeit! .... Und jetzt an diesem letzten Wcihnachts- Abend, da hatte auf des heitern Neffen Glückwunsch sein vertrocknetes, kaltes Herz her- vorgekrächzt: „Osll tll>r>8ti»»8 — llumdu^ Der Engel führt ihn zurück in Scenen seiner Jugendzeit, wo der arme Lehrling so glücklich ist, weil es wieder Weihnachten geworden und Alles in dem großen, reichen Hause seines Herrn sich versammelt, um den Abend zu feiern, und — wo ein einziger gütiger Blick aus den Augen seines Prinzipals ihn so glücklich, — so unendlich glücklich gemacht. Dann kommen trübere Weihnachten; sein weiches, liebendes Weib sitzt weinenden Auges dort und klagt: „Ich lebe nicht mehr in Deinem Herzen, Du hast nur noch rinen Gedanken, den Gedanken: reich zu werden. Du hast kein Herz, — kein Gemüth mehr für das Leben, und wenn ich fern von Dir lebe, dann wirst Du hoch aufathmen und jubelnd rechnen, wie viel Du dabei gewonnen." Sie trennte sich von dem harten, versteinerten Manne und sie hatten sich doch einst so innig geliebt — damals, als Beide noch arm waren und das Leben sonnenbestrahlt vor ihnen lag. . . . Wie arm, wie bettelarm macht doch — nur Geld!-Der Engel mit den Weihnachts - Geschenken führt Scrooge dann durch die bunte, lachende Welt von Heute, zeigt ihm überall heitere, glückliche Gesichter, die, von dem Strahl dieses schönen, glücklichen Abends angeglüht, selig lächelnd in die Zukunft blicken. „Es war nichts Freundliches in der Witterung oder in der Stadt, und doch war eine Luft von Heiterkeit ausgebreitet, daß die klarste Sommcrluft und die glänzendste Frühlingssonne vergebens mit ihr zu wetteifern versucht haben würde," — sagt Dickens begeistert, und wer hat nicht den warmen Athem dieser Luft an seiner Wange gefühlt, trotzdem der kälteste Wind da draußen wehte und der Schnee vielleicht Fuß hoch auf Weg und Stegen lag. Ein einziger volltönender Augenblick des Glücks ist dieser Abend; — der Lärm auf den Straßen verstummt, sogar die großen Städte scheinen ruhiger und langsamer zu athmen, selbst die wenigere Armseligen, die au keinem häuslichen Herde ein Plätzchen gefunden, gleiten geräuschloser als gewöhnlich durch die Straßen. ... Ah, es ist doch ein Abend, der still und traut, wie kein anderer des Jahres, und von einem göttlichen Frieden, der sich schmeichelnd selbst um die vcrhärtetste Brust legt. Der freundliche Führer zeigt Scrooge den Weihnachtsabend seines Schreibers, der mit seiner Familie so kümmerlich und dürftig lebt, und doch heute so glücklich ist, weil es Weihnachten ist und ein Stück Himmel auch in das verlassenste Herz herniederlacht. Die Kinder stürzen jubelnd in die Stube, sie haben schon, mit feinem Spürsinn, beim Bäcker ihre Gans herausgerochen, die dort gebraten wird, und heute als Juwel ihrer lange herbeigeschmachteten Mahlzeit glänzen soll. Dann kommt der Vater herein, der seinen jüngsten Sohn, den kranken, verkrüppelten Tiny Tim, auf dem Rücken hat, mit dem er in der Kirche gewesen, und der dort kindlich-fromm zu ihm gesagt hat: „Er hoffe, daß sich die Leute bei seinem Anblick an Christus erinnern würden, der Lahme gehend und der Blinde sehend gemacht," und der jetzt von den nur für die köstliche, seltene Mahlzeit schwärmenden Brudern in die Küche getragen wird, um dort den Pudding in der Pfanne „singen zu hören." Sie feiern eine Weihnacht, recht einfach und ärmlich, diese armen Leute, aber daT Herz weiß nur von Glück und Freude, und athmet die warme Strömung der ewige» Gottesliebe. Der arme Tiny Tim sitzt dicht bei seinem besorgten Vater, der liebevoll die Hand seines Kindes erfaßt, als fürchte er, es könne ihm entrissen werden. Auch der stcinharte Scrooge wird davon gerührt und frägt den führenden Engel mit warmem Interesse: „Sage mir, wird Tiny Tim leben?" Der Geist erwidert ihm: „Ich sehe einen leeren Stuhl in dem Winkel des Kamink und Krücken sorgfältig aufgehoben ohne ihren Besitzer." „O sage, bleibt er verschont?" ruft Scrooge lebhaft aus; doch sein Führer mähst ihn an sein eigenes Wort, „daß ja solch' ein Tod nicht viel bedeuten wolle, und damit nur ein überflüssiger Mensch weniger würde." Aber dieser Krüppel ist seines Vaters geliebtestcs Kind, — und dann hat er seine« Platz, dann erwärmt und erleuchtet er das Herz desselben, er ist kein unnützer Krüppel mehr, er ist sogar die Stütze des armen Mannes, die ihm das Leben leichter und angenehmer macht. Selbst das Unscheinbarste, Unbedeutendste wird lieb und theuer, wenn eS ein Strahl unserer Liebe vergoldet und dadurch für immer an unser Herz fesselt! Der arme Schreiber trinkt die Gesundheit seines filzigen Herrn, so wenig sich dessen Geiz um ihn verdient gemacht, und entgegnet auf den Einspruch seiner Frau: „Meine Theuere — — heiliger Abend!" Ja, ein heiliger Odem weht dann läuternd, versöhnend durch die Herzen, und licht und freundlich wird es darin, jede Flamme des Hasses, die so heiß in unserer Brust gelodert, ist zu Asche gebrannt und nichts übrig geblieben, als eine freundliche Wärme gegen das Leben und gegen die Welt. Sein Führer zeigt Scrooge überall lachend-verklärte Gesichter, im dunklen Schacht, wie auf wogender See: allüberall der eine helle, freundliche Klang. —, als habe eine mächtige, wunderbare Glocke ihre Zaubcrtöne zu Aller Herzen geschickt und sie zu stiller Feier, zum Eingang in das Tiefinnerste der eigenen Brust gestimmt. O, das ist herrlich, daß es noch Stunden gibt, die läuternd-belcbcnd eine denkend-glaubcnde Welt durchzucken und gleiche Gefühlsseligkeit, lichte, — liebe „Kinderträume" allüberall hervorrufe« und wecken! Der Engel führt den von mannigfachen Empfindungen bestürmten Scrooge in das Haus seines Neffen. Auch dort ist Weihnacht, heitere glückliche Weihnacht, — und sein junger Neffe lacht trotz seiner Armuth so fröhlich, so recht aus beglückter, offener Brust, daß es überall ein Echo findet und unwillkürlich zum Mitlachen zwingt. Sie plaudern von dem Onkel, lachen gutmüthig über den Geizhals, der über seinem „Scharren nnd Kratzen" die lachende, blühende Welt vergißt und mühsam dumpf dahinkcucht, das Leben aus hohlen, verhungerten Augen betrachtend. Der Geizhals muß gewahr werden, daß „er" keine Schätze besitzt, sondern nur die Schätze „ihn" und noch dazu mit jeder Faser seines Herzens, daß er nicht mehr freudig aufathmcn, nicht mehr ruhigen Auges in die Sonne blicken kann, denn ewig klirrt die Kette seines Reichthums hinter ihm und schmiedet ihn an die Galeere eines elenden, — jämmerlichen, von jeder Freude, allem Lebensgenuß entblößten Daseins. Um ihn vollends zu bekehren und umzuwandeln, zeigt ihm der Weihnachtsengel der Zukunft seinen Tod — kalt — einsam-gräßlich. Keine Thräne fließt auf sein Grab — Niemaud auf der Welt, der ihn betrauert, --- und als er, bewegten Herzens, seinen Führer nach einem Menschen fragt, den sein Tod vielleicht beglückt, da zeigt ihm dieser einen seiner Schuldner, — der hoch aufathmet,. daß der ihm verfolgende erbarmungslose Gläubiger nun todt ist und er nun hoffen kann, die Erben milder und nachsichtiger' zu finden. Ob Traum, ob Geisterspuck das Alles? Scrooge weiß eS nicht — er fragt auch nicht darnach — genug, die wechselnden Bilder des Wcihnachtsengcls haben seine starre Seele erschüttert und das von Geiz und Habsucht gefrorene Blut seines Herzens beginnt zu rollen, Jkiristmas, glückliche Weihnacht!" ruft er jubelnd aus, und Alles erhält in seinem Auge eine lebhaftere, schönere Gestalt. Der Nebel ist gefallen, —> daS Herz kann fühlen für fremdes Leid, kann klopfen für fremdes Glück, und jubelnd man» dert er hinaus in die klingende, lachende Welt, um Glückliche zu machen und fremde» Leid zu lindern, daß es hell zusammenklinge, der Friede da außen mit dem Frieden der eigenen Brust. Er sucht seinen Neffen auf und feiert eine glückliche, frohe Weihnacht, aber noch eine glücklichere, als er am andern Morgen dem armen, schon ängstlich für sein Zuspät- kommen besorgten Schreiber seinen Gehalt erhöht, und dann für den kranken Tiny Tim mit väterlicher Liebe sorgt. Wie kalt ist die Welt ohne Liebe, wie öde das Leben ohne Freund! Wir dürfen nur die Hand ausstrecken und Alles sinkt uns zur Brust: Liebe, Freude und Glück. — Ein Weihnachtsabend ist es ja eben, der die Herzen aufthaueu soll, daß sie liebevollen Sinnes für das Glück ihrer Umgebung sorgen und ein Lächeln auf die Lippen führen, die vorerst Schmerz und Verzweiflung zusammengezogen. Halten wir Weihnacht in unserer Brust, daß darin der grüne Baum wahrer reiner Menschenliebe brenne, und dann wird uns auch das Verständniß aufgehen zu dem ewig schönen, kindlich-reinen Fest der Weihnachten, daß wir, geweiht und gehoben, dem neu beginnenden Leben entgegentreten. Es lächelt nichts so himmlisch in unser Auge, als eine getrocknete Thräne, und da» unerbittliche, eiserne Schicksal sorgt dafür, daß dieser Quell nie versiegt. Wo wir trösten, helfen uiid lieben, da zieht in unsere Seele stillgeräuschlos der Weihnachtsabend ein, dem jedes Herz entgcgenharrt. Und so rufen auch wir mit Boz Dickens auS: Oliristinus, — glückliche Weihnacht!" Möge der Weihnachtscngel Glück und Freude zu jedem Herzen tragen — und die dunkelste Nacht erleuchten, möge überall Glück und Freude walten, der Weihnachtsbau« hell und freundlich brennen und um ihn glückliche, lachende Gesichter gaukeln! Glückliche Weihnacht für die ganze Welt, und wo irgend eine schwer beladene, keuchende Brust, da laßt uns helfen — die Hand darauf — und, wie Tiny Tim sagt: „Gott segne uns Alle!" Titian's Tod. Selten wohl führte ein Künstler ein glänzenderes Leben, als Titian. Ruhm, Ehre, Reichthum alles war sein. Der Himmel hatte im sein Talent und seine Kraft, so frisch erhallen, daß sein letztes Gemälde, welches er ihm Alter von 99 Jahren malte in nichts seinem ersten nachstand, durch das er seinen Ruhm begründete, ja sogar in den Auge» vieler noch übertraf. Ungetrübt floß sein Leben dahin in dem stolzen Venedig, unter allen Genüssen der Ueppigkeit und des Reichthums z zur Muse hatte er eine Bachantin und seine Poesie ergoß er in das Haar seiner Geliebten, das wie ein Goldregen auf dem Schnee ihrer Schultern niederfiel. Nie hatte Titian mit den Versuchungen des bösen Engels zu kämpfen, nie wurde seine Liebe betrogen, nie durfte er mit dem Elende ringen, nie nahte ein großer Schmerz seinem Herzen. Er lebte 99 volle Jahre, bewundert von Allen, selbst von den Königen, selbst von den Kaisern. Franz I., hob seinen Pinsel auf und Karl V. verlieh ihm einen seltenen Adelsbricf. Dieser lautete: „Nachdem wir den Rath unserer vielgeliebten Fürsten, Grafen, Barone und andere 413 r 413 Würdenträger des heiligen Reichs gehört, ernennen wir Dich in der vollen Macht unserer kaiserlichen Gewalt zum Grafen des heiligen Palastes Lateran, unseres Hofes, unsere- Consistoriums, und geben Dir durch diesen Brief den Titel, erheben Dich zu dieser Würde und schreiben Dich ein unter die Zahl der andern Pfalzgrafen. Dich und Deine Kinder und ihre Erben und Nachkommen in aller Zeit erklären wir auch für' s» adelig, als man es nur in den höchsten menschlichen Stellung sein kaun, gleich als ob sie aus dem edelsten Stamm geboren wären und vier väterliche und mütterliche Ahnen hätten. Wir verleihen Dir Schwert und Sporn und Adelsgewand und goldenen Gürtel." Aber wie verschieden von diesem langen, glänzenden, sturmloscn Leben sollten die letzte finstere Stunden dieses Mannes sein! Titian hatte zwei Söhne und eine Tochter: PomponiuS, Horaz und Lavinia. Die Pest suchte Venedig heim, und Horaz war der Ersten einer der von ihr ergriffen wurde. Titian wollte seinen Sohn pflegen, seinen geliebten Horaz, den er dazu bestimmt glaubte, der Erbe seines Ruhmes zu sein; er sank von der gleichen Krankheit ergriffen auf dasselbige Lager nieder. Hier hatte er den Schmerz seinen Horaz sterben zu sehen. Er selbst war dem Tode nahe, als PomponiuS mit Postpferden von Mailand herbeieilte und sich in den Palast Barbarigo stürzte, den sein Vater seit langer Zeit bewohnte. Er kam nicht um seinem Vater die Augen zuzudrücken, aber er raffte die werthvollen Möbel und die kostbaren Gemälde zusammen, um sie unter öffentlichem Aufgebot zu verkaufen. Titian, der glorreiche Künstler, starb allein, ohne einen Diener, der ihm ein letztes Lebewohl sagte. PomponiuS war noch schlechter als der schlechteste Diener. Er entfloh > in aller Hast aus Venedig und ließ seinen Vater unbeerdigt zurück. Der, welchen Franz I. uns Karl V. als ihres Gleichen betrachtet hatten, fand nach seinem Tode nicht einmal ei» Grab. C h r i st n a ch t. Heil'ge Nacht, auf Engelschwiugen Nahst du leise dich der Welt, Und die Glocken hör' ich klingen. Und die Fenster sind erhellt. Selbst die Hütte trieft von Segen Und der Kindlein froher Dank Jauchzt dem Himmelskind entgegen, Und ihr Stammeln wird Gesang. Mit der Fülle süßer Lieder, Mit dem Glanz um Thal und Höh'n, Heil'ge Nacht, so kehrst du wieder, Wie die Welt dich einst geseh'n; Da die Palmen lauter rauschten Und, versenkt in Dämmerung, Erd' und Himmel Worte tauschten, Worte der Verkündigung. Da mit Purpur übergössen, Aufgcthan von Gottes Hand, Alle Himmel sich erschlossen. Glänzend über Meer und Land; Da, den Frieden zu verkünden, Sich der Engel niederschwanz. Auf den Höhen, in den Gründen Die Verheißung widerklang. Da der Jungfrau Sohn zu dienen, Fürsten aus dem Morgenland In der Hirten Kreis erschienen, Gold und Myrrhen in der Hand; Da mit seligem Entzücken Sich die Mutter niederbog, Sinnend aus des Kinde- Blicke» Niegefühltc Freude sog. Heil'ge Nacht, mit tausend Kerzen Steigst du feierlich herauf; O so geh' in unsern Herzen, Stern des Lebens, geh' uns auf! Schau', im Himmel und auf Erde» Glänzt der Liebe Nosenschein: Friede soll's noch einmal werde» Und die Liebe König sein! s? -s s (Zwei Sonntage in der Woche.) In der neuesten Nummer der Zeitschrift; „Die Natur" veröffentlicht Dr. Ule folgende interessante Notiz: Bekanntlich verliert man auf keiner Reise um die Erde, wenn man dem Laufe der Sonne folgt, einen ganzen Tag. Dasselbe geschieht natürlich auch, wenn Völker wandern und wenn sie dann, nach entgegengesetzten Richtungen ausgezogen, inmitten ihrer Wanderung etwa an den Ufern eines Meeres zusammentreffen und jedes seine gewohnte Zeitrechnung mit sich bringt und beibehält, so geschieht es, daß das eine seinen Sonntag feiert, wenn das andere noch seinen Sonnabend hat. Ein solches Zusammentreffen vokl Völkern von verschiedenen Richtungen her hat besonders an den Küsten des nördlichen Stillen Ozeans stattgefunden wo die Russen nach Osten, die Amerikaner nach Westen hin die Küsten erreicht haben und wo es sich nun um so auffallender geltend macht, seit das frühere russische Amerika in den Besitz der Vereinigten Staaten Nordamerikas übergegangen ist, ohne daß man die alte russische Zeitrechnung aufgegeben hat. Ein gut gesinnter Bürger Amerikas hat es daher in seiner Macht, sich zwei Sonntage in jeder Woche zu machen, neben dem allgemein gefeierten russischen auch noch den amerikanischen am Montag zu feiern. Freilich kann das auch für die Geschäfte recht störend werden. Kommt er nämlich von Sau Francisko, wie eine kalifornische Zeitung sagt, in Sitka der Hauptstadt von Alaska, dem ehemaligen russischen Amerika, nach seiner Berechnung am Freitag Abend an, so findet er am nächsten Morgen die Läden geschlossen und alle Geschäfte unterbrochen. Er verliert dann nicht bloß diesen Tag, sondern auch den nächsten dazu, wenn er aus Gewohnheit oder aus Ueberzeugung seinen Sonntag feiern will. Auf der anderen Seite wird der fromme Kaufmann aus Alaska ihm heutigen Sitka mit wahrem Abscheu sehen, daß der gottlose Amerikaner am Sonntag Kattun mißt oder Messer schleift, am Montag Morgen aber Plötzlich ein reines Hemd anzieht, einen schwarzen Frack anlegt, durch die Nase spricht und jene feierliche und selbstzufriedene Miene annimmt, die der nationale Ausdruck für religiöse Stimmung in Amerika ist. L ii r 1 e r i r > l 1 1 « Weihnachts-Abend. ES schlingen sich die alten Kreise wieder, Die alte Freude klopft an uns'rc Brust, Und an des Baumes Zweigen auf und nieder Sucht unser Blick der Kindheit süße Lust. Ersehnte Stunden, hoffnungsreiches Dunkeln, Wo jeder Lichtstrahl nächstes Glück uns malt. Wo nun der hundert Lichter buntes Funkeln Mit eins dem überraschten Auge strahlt. Seht ihr die Engel nicht vorübersliegcn? Sie zündeten ja selbst die Lichter an, Und wie sie froh verbreitet vor euch liegen, Die Gaben alle rief ihr Wink heran. Wohl fliegen Engel auch durchs spät're Leben Und zünden Frcudenlichter um uns an,. Zhr Gruß heißt Liebe, ihr Vorübcrschweben Es kündet sich in frohen Herzen an. Beglückt, wer ihren leisen Gruß vernommen, Ihm wird die heil'ge Flamme nie verglühn. Der Kindheit Lust ihm ewig wieder kommen Und aus dem Wintergrün ein Frühling blüh'«. (Ein Witz von Abraham a Santa Clara.) Vor hundert Jahren trugen »Üe Damen des Wiener Hofes so tief ausgeschnittene Kleider, daß Abraham a Santa Clara dagegen von der Kanzel herab eiferte und mit den Worten schloß: „Weiber, die sich so sehr entblößen, sind nicht werth, daß man ihnen in's Gesicht spukt." Die Kaiserin, darüber ergrimmt, ließ ihm sagen, daß er sein Amt verlieren würde, wenn er dieß nicht widerrufe. Am nächsten Sonntag that er es folgendermaßen: „Ich sagte neulich: Weiber, die sich so entblößt tragen, seien nicht werth, daß man ihnen in's Gesicht spukt p dies widerrufe ich hiemit feierlich und erkläre: sie sind eS werth!" Clara Ziegler. 2 Sonntag den 19. Dezember gastirte die k. Hofschauspielerin Fräulein Clara Ziegler von München am Stadlthcater in Augsburg als „Medea" in dem gleichnamigen vieraktigeu Trauerspiele von Grillparzer. Diese Grillparzer'sche Medea hat vor jener des Enripides voraus, daß sie unserem Mitgefühle näher steht, weil sie nicht allein als leideuschastliches dämonisches Weib, nicht allein als schuldbeladene Verbrechers» und racheschnaubende Furie erscheint, wndern auch. und sogar vorwiegend, als in ihren heiligsten Gefühlen gekränkte Liebende, als Dulderin, welche durch das auf sie hereinbrechende Elend zum Schrecklichsten getrieben wird. Wir schaudern, wenn ihre mühsam zurückgedrängte wilde Natur in Folge der Kränkungen immer wieder aus's Neue hervorbricht, wir können sie aber nicht absolut verurtheilen. Gr,llparzer hat dem barbarischen Zauberweid mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, als die griechischen Dichter, welche die Fremde wohl aus nationalen Gründen als das verabscheunngswurdigste Ungeheuer zeichnen mußten. Unser Dichter motivirt alle Verbrechen Medcas durch ihre Liebe zu Jasou. Diese Liebe treibt sie, den Vater zu verrathen, den Tod des Bruders zu dulden und selbst der Tod des Oheims ihres Gemahls ist, wenn er ihr überhaupt zur Last fällt, nur JasouS wegen von ihr bereitet. Grillparzcrs Medea ist nicht die wilde Colcherni, die e Medea suhlt vielmehr wie eine Europäerin unserer Zeit, wie ein seines Werthes bewußtes gewaltiges Weib. das der Liebe ihres Mannes Alles dahin gegeben hat und jetzt einsieht, daß sie einem Unwürdigen ihr Vaterland, ihre Blutsverwandten, sich selbst geopsert hat. Furcht und Mitleid mit ihr ergreift uns, und schon ehe das Schrecklichste geschieht, faßt uns die Ahnung des furchtbaren Ausgangs, ein Beweis, daß unser Rechtsgefühl ihr Concessionen macht Bevor mir zur Darstellung übergehen, müßen wir uns einige Worte über die Technik unserer Künstlerin erlauben. Shakespeares Fundamentalsatz für die Kritik der Vortragsweise lautet bekanntlich: „Ich bitte Euch, haltet die Rede leicht von der Zunge weg, denn wenn Ihr den Mund so voll nehmt, wie Viele unserer Schauspieler, möchte ich meine Verse eben sv gern von dem Ausrufer hören." Die Art und Weiss, wie Frl. Ziegler den G-ist dieser Worte erfüllte, verdiene allein schon Bewunderung. Sie besitzt die Kunst, in den bedeutendsten, erhabensten Momenten die Sprache leicht, ohne irgend sichtbare physische Anstrengung von den Lippen fließen zu lassen und das ist das größte^Geheimniß der Redekunst. Ihr zweites Geheimniß ist nicht etwa der höchste Wohllaut ihrer «spräche, — der natürliche Klang ihres Organs allein, sondern die Gewandtheit, mit der sie die seltene Kraft und Biegsamkeit dieses Organs verwerthet. Die Künstlerin vermag in den schwierigsten, ihren glänzendsten, Momenten die Stimme, trotz ihres Umfangs, mitten im hastigsten Sturm der dahiu- brauienden Leidenschalt in wenigen Tönen zusammen zu halten, sie bringt die Betonung allein durch die Abwechslung von Forte und Piano hervor; sie erhält die tonlosen Silben fast ganz auf derselben Tonhöhe, und gewährt auch, wenn sie meuru vooa spricht, dem unverdorbenen Ohr eine Musik der Sprache, die unmittelbar aus der Seele qmllt und deren tief- innerstes Walten offenbart. Im höchsten Pathos dagegen verst ht sie den vollausklingendeu Ton nicht nur musterhast zu halten, sondern auch unnachahmlich schön zu tragen und den dritten Hebel zu einer keiner Steigerung versagenden Beredsamkeit, eine unvergleichlich- Athemsühruug zu kaum geahnten Wirkungen zu verwerihcn. Tcnhalten, Tontragen Athmung holte» wir aber für die bedeutendsten Faktoren der Redekunst. So gewaltig-r- schüttelnd und markdurchdringend in den wilden Ausbrüchen der Leidenschaft, so bezaubrno milde ist ihre Rede, wenn sie gewinnen, wevu sie rühren Will. In Leu süßen Worten, nnt denen sich Medea im dritten Akte noch einmal den Gatten zurückzuschnnicheln versucht,. ,chreu sie nicht nur der ganzen lauschenden Menge, sondern sogar dem Darsteller des Jajox selbst das Herz aus der Brust zu schmeicheln. Wem ging eS nicht tief in die Seele, als sie rm zweiten Akt mit wachsender Erfersucht die Aufmerksamkeit Jasous von Kreusa hinweg auf sich 416 s z« lenken suchte, indem sie wiederholt sagte: „Jasou, ich weiß ein Lied." Diese wenige» « Worte vermag ihr kein Mensch mit gleicher Betonung und annäherndem Effekt nachzusprechen, s Nebenbei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß Frl Ziegler, die geborue Müuch« ^ «eriu, ein besseres, reineres Deutsch spricht, als alle ihre Rivalinen, bei welchen entweder der o slavische, ungarische, norddeutsche oder sonst ein Acceut sich mehr oder weniger bemerklech macht. Wem hörte mau je die deutsche Sprache wohl so schön und zugleich so absichtslos von den Lippen fließen? Diese Sprachschöuheit ist ganz unvergleichlich. Frl. Ziegler ist vom technischen Gesichtspunkte auS entschieden die größte Sprechküusilerin, die exiftirt. Nimmt mau s hiezy ibrc imposante Erscheinung, ihr großes feuriges Auge, ihr normal schönes Antlitz, die vollendete Plastik ibrer Attitüden, deren jede ein Modell sür>inso Bildhauer sein könnte, die , Corrcctheit der Auffassung bei der noch frischen Gluth der Genialität, noch nicht verkühlt ^ durch objectiven Verstand uud blasirte Virtuvsenroutine, so ist es kein Wunder, daß ihre Dar- i stellsug einen überwältigenden Eindruck bewirken muß. Und was wir nicht hoch genug au- j schlagen können, Frl. Ziegler scheint uns berufen, die Kluft zwischen dem augenblicklich herr- z sehenden Realismas und dem süßlichen inhaltslosen Idealismus einer vorausgegangen Periode auszufüllen und iu einem versöhnenden Gleichgewicht beider den höchsten Ausdruck der Kunst ' zu verkörpern. s Was sagen wir von dem Eindrucke, den Frl. Ziegler als Medea erzielte? Mit dem « festen boshaften Vorsätze, alles nur einigermaßen Tadelnswerthe aufzuspüren, waren wir zur i Vorstellung gegangen; dabxn wrr doch seinerzeit Dawiscu, H-ndrichS und ankeren Virtuosen s selbst enthusiastiicheu Anbetern gegenüber rücksichtslos Charlatanerie und Coulrsseureißerei nach- > gewiesen. Nach dem ersten Akte der Medea glaubten wir die Deklamation einzelner Verse als zu gedehnt, das Hinabsteigen in die wunderbar klangvolle Tiefe als zu schnell und häufig rügen zu dürscu, jedoch die edle Vollendung der Technik hiebei schlug uns ins G wissen. Im zweiten Akt dagegen ergriff uns die Gewalt der Darstellung so mächtig, daß wir Leu Kritikus s und uns selbst ganz vergaßen. Höher und höher stiegen die Wellen der Leiden chaft und unserer j Bewunderung. Wie mit tausend feurigen Zungen leckten Eifersucht und Haß an der gigantischen Gestalt dieser Medea empor, vrkauäholich, Alles vor sich nieder chmetterud. brach ihr > Grimm los, iu Allem von dem Momente an, wo zum erstenmal ihre ungezügelte Seele in den l Strahlen der griechischen Souue austtzaut und doch die wilde Natur nicht verläugnen kaun, bis zu dem furchtbaren Wulhausbruche am Schlüsse war diese Medea ein unvergleichlich ge- , waltiges, entsetzliches Weib — als vb Jedem der Tod von ihrer Hand drobte, wagte mau , kaum zu athmen uud erst mit dem Fallen des Vorhauges entlud sich die fieberhafte Spannung der Zuhörer in eine söimlicheBeifallsraserei, wie wir eine ähnliche noch selten in einem Theater erlebt baden und wir — rasten unwillkürlich mit. < Bei alledem beruht der Erfolg dieses Altes mehr aus der äußerlichen Größe der Aktion. Deu tiefsten Eindruck, der uns diesmal und überhaupt bis jetzt von der Buhne gewviden, ' empfingen wir im dritten und vierten Akt. Mau könn Gcwaliigeres gesehen haben, doch nie ! so schauerlich Schönes und Harmonisches. Die zu mäuvlich ertönende Stimme der Rachel, die zu absichtsvoll dervortrelerden Stellungen der Ristori erregten uns trotz aller Bewunderung immer ein lerieS Mißbehagen. Bei Clara Ziegler dagegen folgt man mit einer gewissen dä- , monischen Billigung der Seele Medeas in den tiefsten Abgrund des Elends, der Verzweiflung, der.verbrecherischen Rache. Mehr als einmal stockte urs der Aibem, das Auge verbot deu l Wimpern zu zucken, als sie sich mit unerbittlicher Consegnenz zum Mord der Kreusa und der eigenen Kinder entschloß, da der verschmähten Mutterliebe einer Medea eben nichts übrig bleibt, als die Vernichtung dieser Kinder, die mit den zärtlichsten Schmeich leien nicht mehr von der Seite der Nebenbuhlerin zu locken waren. Und die Schlußscene! Medea war keine gebrochene Sünderin, sondern eine durch ein surchtbares, selbstverschuldetes Unglück niedergebeugte Heldin, die sich der ganzen Schwere ihrer Verbrechen bewußt ist. Die Einfachheit und majcstäti.che Ruhe, mit der sie die versöhnenden Verse zu Jason sprach, war ergreifend und doch aufrichtend; wir fühlten noch einmal die gaoze Gewalt des furchtbaren Schicksals, aber trotzdem athmeten wir erleichtert auf. Ein Gefühl überkam uns, wie nach ein-m Gewitter, das ringsum Verderben ausgesandt, aber dennoch die Lust von der drückenden Schwüle befreit hat. Der Zorn der Götter kann die große Colcherin strafen mit schwerer Buße, aber sie zu vernichten wäre ungerecht. Wir glaubten es Medea, daß sie Versöhnung zu finden hofft am Llta zu Delphi. „Warum lieben denn alte Jungfern die Katzen so sehr?" fragte ein junger Witz- üsl. eine ältliche Dame. — „Weil sie sich in Ermangelung von Ehemännern an das "ächt? falsche und selbstsüchtige Geschöpf hängen," war die Antwort. Druck, Verlag und Redaktion des Lttrrurische»'Jristiturr von vr. M. Huttler. v