Unternaktunggökatt i»r „Äugslmrger Postzeitung." Nr. 5. Mittwoch, 17. Januar 1883. Der HieuHirant freit. Eine Heiralhsgeschichte, erzählt von Klara Reichn er. (Schluß.) Während seines Spazierganges überdachte Lieutenant Adrian noch einmal sich den Feldzugsplan, und trat dann guten Muthes wieder in sein Zimmer, gerade als Kaspar Mayer mit Kennerblicken die allerdings sehr blank geputzten Knöpfe der Paradeuniform betrachtete. „Doch — mit des Geschickes Mächten Ist kein ewiger Bund zu flechten!" — Kaum hatte er die Thür geöffnet, als schon der Bursche diensteifrig aus ihn zugestürzt kam, indem er ihm ein Schreiben präsentirte, das die Hiobspost enthaltend, daß der plötzlich aus allen seinen Himmeln gestürzte Lieutenant um gerade dieselbe Zeit, welche so entscheidend hatte auf sein Geschick einwirken sollen, in einer dienstlichen Angelegenheit zu seinem Oberst kommandirt wurde, ohne daß er im Stande war, mit Gewißheit vorauszusehen, bis wann er wieder sein eigener Herr sein dürfte. Was war da zu thun? Von einer Opposition konnte natürlich keine Rede sein» ebenso wenig aber war daran zu denken, rechtzeitig zum Mittagessen um 1 Uhr bei Herrn Korbinian Noth eintreffen zu können! Umsonst also alle schönen Vorsätze — dem guten, alten, d^tschen Sprichworts folgend — der Frau Schwiegermama in «p«; alle möglichen Aufmerksamkeiten zu erweisen und den ganzen Aufwand an vorhandener, persönlicher Liebenswürdigkeit vor ihr zu entfalten, denn: „Willst Du gern die Tochter han Sieh vorher die Mutter au!" — Mit einem innerlichen Seufzer der Resignation ergab der arme Lieutenant sich in sein Geschick, alle dienstlichen Pflichten in diesem Augenblick zum Kukuk wünschend! Es blieb aber nichts Anderes übrig, als sich in das Unvermeidliche zu fügen und in Gottes Namen ruhig zu Haus allein zu essen, wie er meist zu thun, pflegte (unsere Geschichte spielt nämilch noch vor der Zeit der allgemeinen Einführung von Ossizier-Speiseanstalten), an den Vater seiner Angebeteten aber einige Zeilen zu richten, des Inhalts, daß leider die Dienstpflicht ihn zu kommen hindere. Diese Zeilen übergab er seinem Burschen mit den Worten: «Hier! An Herrn Privatier Roth, Glückstraße 12, 1 Stiege hoch. Sofort hintragen und abgeben! Nimm auch den Speisekorb und bringe mir gleich das Essen mit!" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" Und Kaspar Mayer entfernte sich mit dem Billet und dem Speisekorb für das Mittagsessen, während der arme Lieutenant ziemlich unmuthig seine Toilette wechselte. Als der Bursche zurückkam stand er bereits zum Ausgehen gerüstet da, aber der Sonnenschein aus seinen sonst so frohen Zügen waren für den Augenblick verschwunden. Nun mochte es vielleicht lange genug dauern, bis wieder einmal eine so günstige Gelegen- 34 hsit sich finden würde, ganz abgesehen davon, bah es ja auch Leute in der Welt geben sollte, welche ungerechtermeise den Unschuldigen leiden lasse», wofür der Arme gar nichts kann — kurz und gut, der Lieutenant befand sich in einer keineswegs rosenfarbenen Stimmung, als Kaspar Mayer mit einer gewissen Feierlichkeit wieder in's Zimmer trat, den Speisekorb sorgfältig in der Lmnd trauend, aus welchem gar liebliche Düfte verlockend hochstiege». Der Lieutenant war indessen durchaus nicht gegenwärtig in der Stimmung, um dergleichen zu bemerken, obwohl er sonst den Tafelfreuden gar nicht abhold war, und größtentheils nur aus dem Grunde, um gemächlich in seinen vier Pfählen es sich in Ruhe schmecken lassen zu können, es nicht vorzog, sein Mittagessen — namentlich bei chlechtem Wetter — aus dem nahen Wirthshause holen »» lassen, anstatt in dem un- gemüthlichen Gastzimmer zu tafeln. Erst, als der Bursche ihm die Suppe auftrug, und der Lieutenant den ersten Löffel in den Mund gleiten ließ, wurde er plötzlich aufmerksamer und hielt mit Essen inne. Ja — was war denn das? Eine so vortreffliche Suvve hatte er ja noch nie im Wirthshause gegessen, selten sogar anderswo. Er schüttelte den Kopf, aß aber ruhig weiter, denn zu seinem Erstaunen bemerkte er jetzt erst, daß entweder der Appetit beim Essen kommt, oder daß er, ohne es zu merken, einen ganz respektabel» Hunger gehabt hatte. Während er sich so in seine Aufgabe vertiefte, daß er momentan sogar den Schmerz der eben erst erlittenen Enttäuschung schwinden fühlte, trug Kaspar Mayer mit Stolz einige neue Schüsseln auf, bei deren Anblick der Lieutenant plötzlich hochfuhr. Filetbraten, Hühner mit Kompot — der Lieutenant sah nichts weiter — er achtete auch nicht des süßen Duftes, der verlockend hochstieg. „Das ist aber doch zu toll!" rief er. „Was fällt denn der Wirthin heute ein?" Dabei sah er den Burschen an, als erwarte er von ihm eine Aufklärung der wunderbaren Thatsache, wieso sein sonst ziem ich frugales Mahl sich plötzlich wie durch Feen- hände in ein so reichliches und seltenes umgewandelt habe. „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" sagte Kaspar Mayer. „DaS sagte ich dem Fräulein auch, nämlich, daß wir eigentlich so etwas Feines gar nicht gewöhnt sind!" „Dem Fräulein? Welchem Fräulein denn?" fragte aufspringend der Lieutenant, dem plötzlich aller Appetit vergangen war, denn die Ahnung von etwas^Entsetzlichem sing an in ihm aufzudämmern. „Zu Befehl, Herr Lieutenant, Fräulein Noth, zu deren Herrn Vater ich ja eben erst gegangen bin." „Und Fräulein Noth hat Dir — — —?" Der Lieutenant vermochte den Satz nicht zu vollenden, indessen Kaspar Mayer ganz unbeirrt fortfuhr: „Zu Befehl, Herr Lieutenannt! Fräulein Noth hat mir das Essen gleich mitgegeben und recht freundlich hat sie dazu gelacht, als ich ihr sagte, daß ich das Essen für den Herrn Lieutenant gleich mitbringen sollte, wie sie mir das Billet aus der Hand nahm!" „Unglücksmensch!" Mehr vermochte der Lieutenant einstweilen nicht hervorzubringen. Er mußte sich erst sammeln — das aber Vernommene war zu überwältigend für ihn. War es denn glaublich! Auf viel war er bei seinem neuen Burschen gefaßt gewesen — auf so viel Mangel an Verstandesüberfluß indessen doch nicht! Hatte der Mensch, anstatt im Wirthshaus das Essen zu holen, diese» Auftrag bei Herrn Korbinian Noth, an Fräulein Mina ausgerichtet! Mißgeschick ohne Gleichen! Was würde Herr Korbinian, was seine Gattin von solcher Dreistigkeit sich denken — noch dazu bei einem Gast, den man zum allerersten Mal zum Essen eingeladen! Was mußte Mina sagen! Freilich hatte sie gelacht, freundlich gelacht, wie Kaspar Mayer sagte, also konnte das Uebel wohl nicht gar so schlimm 35 sein nach dieser Richtung hin. aber die Mutter, die künftige Schwiegermutter, diese vor allen Dingen wußte erst versöhnt werden durch irgend eine Aufmerksamkeit, eine Ent» schuldigung. „Schwiegermutter — Tiegermutter l" sagt ja der Volksmund. Der Lieutenant war bei diesen unerquicklichen Betrachtungen mehrmals mit starken Schritten durch das Zimmer hin- und hergelaufen, während sein Bursche, an die Thür gedrückt, mit fragendem Blick« jede seiner Bewegungen verfolgte. Ihm mochte es wohl unerklärlich dünken, wie ein vernünftiger Mensch es vorziehen könnte, im Zimmer herumzurennen, anstatt die delikate Mahlzeit zu verzehren, die nun ungegessen kalt wurde. Endlich blieb der Lieutenant stehen, und zwar dicht vor Kaspar Mayer, der wie ein armer Sünder vor ihm stand. Es war Licht geworden in dem arbeitenden Kopf deS Lieutenant! Ja, so mußte es gehen — die Familie Noth, vorzüglich die beleidigte Schwiegermama in sxe mußte versöhnt werden um jeden Preis! Der Lieutenant faßte in seine Tasche, nahm seinen Geldbeutel heraus, entnahm diesem ein Fünfmarkstück, und sagte mit sehr deutlicher Betonung langsam: „Kaspar Mayer! Mensch! Mach' daß Du fortkommst, aber erst mach'Deine Ohren auf und höre! Was ich mit Dir beginnen soll, zur Strafe für Deine grenzenlose Bornirt- heit, weiß ich im Augenblick noch nicht — das wird sich später finden! Jedenfalls wird meine Verzeihung und Deine Strafe davon abhängen, wie Du jetzt meinen Aufrrag ausrichtest! Also — Tu gehst sofort hin zum Konditor an der Ecke, kaufst für fünf Mark eine schöne Torte — ich sah solche selbst vorhin im Fenster stehen — und trägst sie zu Herrn Noth. Schreiben kann ich jetzt nicht mehr, weil ich fort inuß — es ist die höchste Zeit. Also sagst Du Herrn Roth in meinem Namen, daß Du ein Dummkopf vorhin warst, und daß ich vielmals um Entschuldigung bitten lasse, und inzwischen diese Torte freundlichst anzunehmen bitte, bis ich nachher selber komme, und hoffe, sie mitverspeisen zu dürfen! Hast Tu mich verstanden, Kaspar Mayer?" Kaspar bewies sein diesmal richtiges Verständniß durch ziemlich richtiges Wiederholen der ihm vorgesagten Worte, worauf der Lieutenant etwas beruhigt das Haus verließ. Die dienstliche Angelegenheit beim Oberst war schneller erledigt, als er es selbst geglaubt, und, so kam es, daß der Lieutenant schon nach verhältnißmäßig kurzer Zeit mit Sturmesschritt nach Hause eilen konnte, um das Resultat der neuen Mission, die er seinem Burschen ertheilt, zu hören. „Nun?" war sein erstes Wort, als der Bursche mit seinem dummen Gesichte freundlich ihm entgegentrat, und den Helm ihm abnahm. „Nun? Wie ist die Sache abgelaufen?" Kaspar zeigte nach dem Tisch. „Zu Befehl, Herr Lieutenant! Da liegen die fünf Mark!" sagte er, wie Jemand, der sich bewußt ist, seinen Auftrag glänzend ausgeführt zu haben. „Die fünf Mark?" wiederholte der Lieutenant! „Habe ich Dir nicht gesagt, Du solltest eine Torte für fünf — fünf Mark besorgen?" „Zu Befehl, Herr Lieutenant! Aber gerade deshalb sagte ich auch zur Frau Noth, die mir die Torte abnahm, die Torte hätte fünf Mark gekostet und nicht zwei! Kein Konditor könnte eine solche Torte um zwei Mark hergeben — auch nicht der an der Ecke, bei dem die hier gekauft wäre — sie brauchte nur zu fragen." „Mensch!" schrie jetzt der Lieutenant, roth vor Zorn. „Was hast Du wieder angestellt? Wirst Du wohl reden?" „Zu Befehl, Herr Lieutenant!" sprach Kaspar Mayer mit unerschütterlichem Gleichmut!). Ich ging zum Herrn Noth, gab der Frau, die mir entgegenkam» die Torte» und sagte dazu genau Alles, was mir Herr Lieutenant aufgetragen haben. Darauf nahm sie die Torte und gab mir ein Zweimarkstück. Da das aber doch zu wenig war, weil ja die Torte beim Konditor fünf Mark gekostet hat, sagte ich das, und da gab sie mir noch drei Mark, und meinte: „einen recht schönen Gruß an Herrn Lieutenannt, und er würde erwartet, sobald sein Dienst zu Ende sei!" 36 Die Scene, die nun folgte, entzieht sich der Beschreibung, denn es ist wahrscheinlich, baß der sonst so gutartige Lieutenant sich in seinem Zorn soweit vergaß, durch Thätlichkeiten, deren Zielscheibe Kaspar Mayer war, diesem gerechten Zorns Luft zu machen, ohne Rücksicht darauf, ob das Recht der körperlichen Züchtigung ihm auch zustehe, ob nicht. Das Ende aber von des Lieutenants Freiere!? — Es war trotzdem ein gutes, denn so peinlich ihm auch erst das Wiedersehen der Familie Noth erschien, seine Bitte um Entschuldigung ward nicht in deren Luft gesprochen — im Gegentheil, es ward ihm gern verziehen, und in Mina's munteren.Augen stand überdies so viel Ermuthigung geschrieben, daß der Lieutenant hätte ein großer Thor sein müssen, wenn er es nicht verstanden, die beredte Schrift zu lesen, und so geschah es, daß er als Bräutigam der hübschen Mina Abends heimkehrte, und endlich glücklich in der Ehe Hafen einlief, was er auch nie bereut hat. Und Kaspar Mayer? — Blieb als getreuer Pudel auch im neuen Haushalt seines Lieutenants, und zwar auf besondere Fürbitte der Frau Lieutenant Mina Schnell geb. Noth, denn es ist ja nichts mehr zu befürchten, daß er nochmals dumme Streiche macht, wen» — der Lieutenant freit. Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia. I. So überraschend reichliche Schätze hat der fruchtbare Boden der classisch-hellenischen Welt lange Zeit nicht hergegeben, wie in den letzten zehn Jahren. Wenn die Resultate dieser erfolgreichen Bemühungen der Alterthums-Wissenschaft aller Culturstaaten zu gute kommen, der Ruhm, sie veranlaßt und mit Consequenz durchgeführt zu haben, gebührt deutschen Forschern. Im alten Mykenä und der Ebene von Troja war es der mecklenburgische Landsmann Heinrich Schliemann, der alle» Einwendungen zum Trotz suchte und fand: auf der Akropolis von Pergamon entdeckten Karl Human» und Conze umfangreiche Marmorwerke von hohem geschichtlichen und ästhetischen Werthe und führten sie nach Berlin, und im alten Elis am rechten Her des Alpheios wurde auf Ernst Curtius und Fr. Adlers Anregung, durch Hirschfeld, Bahn, Treu, Dörpfeld u. a. in sechsjähriger angestrengter und nicht immer gefahrloser Arbeit die „Altis", die alte Stätte der olympischen Spiele, bloßgelegt und Werke gefunden, welche Belege für eine mehr als tausendjährige ununterbrochene Kunstübung bilden. Die Ausgrabungen in Olympia sind unter den eben genannte» Leistungen nicht nur die mit der meisten Berechnung und Ueberlegung unternommenen, sondern auch recht eigentlich die erste That des geeinigten Deutschlands auf rein idealein Gebiete. Und da dieses kühne Werk jetzt zu einem glücklichen Ende geführt ist und die fünf Bände der Berichte geschloffen vor uns liegen, so ist es wohl an der Zeit, den Werth des Erreichten für die Alterthumswiffenschaft, sowie für die Kultur- und Kunstgeschichte abzuschätzen; er ist in der That nicht gering, aber auch nicht mit wenigen Worten zu bezeichnen. Um ihn beurtheilen zu können, muß die Stellung, welche der Cultus des olympischen Zeus und der mit demselben verbundenen Festspiele im Leben der hellenischen Stämme eingenommen hat, präcisirt werden. Als die Dorer in die „PelopS-Jnsel" erobernd einzogen, um sich in mehrhundert- sährigem Kampfe in den Besitz der schönsten und reichsten Landschaften Griechenlands zu setze», wurden die dort ansässige» „Achäer" zum Theil vertrieben, zum Theil geknechtet; «inzelne der Stämme aber machten ihren Frieden mit den rauhen Eroberern, die das von hnen vertretene Recht des Stärkeren später durch mythische Ansprüche, als „Erben des . Herakles", zu maskiren suchten. Die Bewohner der milden und fruchtbaren Landschaft Elis im Westen der „Pelops-Jnsel" traten bald in bundesgenössische Beziehungen und zu den Dorern im Eurotasthale, den Spartiaten, uyd die seit Urzeiten von den Einwohner» gepflegte Cultusstätte am rechten Ufer des Alpheios, etwa 20 Kilometer oberhalb der Mündung des Flusses, gewann Bedeutung auch für die Spartaner, welche sich 37 an den alle vier Jahre mit besonderem Glänze gefeierten, großen Opferfesten betheiligten. Die wachsende Macht Spartas, welche mit der Ausbreitung des hellenischen Wesens über einen beträchtlichen Theil der Mittelmeerküsten zusammenfällt, steigerte naturgemäß das Ansehen der von ihnen protcgirten Zeu-Feste in Olympia, so daß dieselben allgemach zu einem allgemeinen Nationalfeste aller Hellenen heranwuchsen, eine Stellung, welche die pythischen, isihmischen u. a. „Spiele" nie erreicht haben. Die olympischen Götterfeste können das Verdienst beanspruchen, der hellenischen Welt eine Art idealen Mittelpunkt gegeben zu haben in einer Zeit, da dieselbe sich von dem Asom'schen Meere bis zur Nhonemündung, von der libyschen Wüste bis zum Vesuv hin ausgebreitet hatte, und in allen diesen Gegenden blühende selbstständige Gemeinde« wesen entstanden waren. Aehnlich wie unsere „Messen- ihren Namen von Kirchenfesten erhalten habe», dann aber mehr und mehr weltlichen Zwecken dienten, so wurden bei den alle vier Jahre stattfindenden Zusammkünften neben der religiösen Festfeier offenbar noch merkantile und sonstige Nebenzwecke verfolgt und erreicht. Daß nun jene Cultnsslätte am Alpheios zugleich den wichtigsten Einfluß auf die Entwickelung der bildenden Kunst erlangte, hat seinen Grund in einer Besonderheit der Ncligionsübung der Griechen. Alan vermeinte, den Göttern keine werthvollere Gabe darbringen zu können, als den durch Fleiß und Uebung zur Kraft, Gesundheit und Schönheit entwickelten Körper des Mannes. Dieses ist die Idee der Wettspiele („Agonen") zu Ehren der Gottheit. Gleichzeitig setzte sich die Sitte fest, den Siegern Monumente zu errichten, und nach mehrfachem Siege durfte dasselbe ein Biidniß des Betreffenden sein. Wenn alw der Bildner« hier die stets neue und schöne Aufgabe gestellt wurde, den Leib eines kräftigen und entwickelten Mannes oder Jünglings in den verschiedensten Haltungen darzustellen, so hatte der Künstler auf den Uebungsplätzen der Knabe» und Männer (den „Gymnasien") zugleich eine unvergleichliche Schule, um Körperbau,'Mus- kalatur u. s. w. zu studiren, eine Schule, wie sie der modernen Kunst durch alle „Actsäle" unserer Akademicen nicht im entferntesten geboten werden. Wir haben also bei diesen „Agonen" eine ganz eigenthümliche und sonst nicht bekannnte Vereinigung von religiösen, künstlerischen und rein menschlichen Motiven, wie sie jafreilich dem Charakter des Griechen« thumS auch sonst entspricht, und an die man sich gewöhnen muß, wenn man verstehen will, um was es sich in Olympia gehandelt hat. (Pr. Kr. Ztg.) Gol-körrrer. Jedes Ceclenleid hat seine warmen Thränen, die manche stechende Eiszacke der Empfindung weg schmelzen, nur die Eifersucht hat sie weht, und das trockene, verkohlte Auge zeigt den dürren Grund eines ausgebrannten Kraters. Jeder Schmerz hat seine» Schlummer, der ihn in Vergessenheit wiegt: nur die Eifersucht wacht immer, und kein schmeichelnder Traum gibt ihr zurück, was ihr der Tag genommen. . Bürne. Und wie war' es nicht zu trage», Dieses Leben in der Welt? Täglich wechseln Lust und Plagen, Was betrübt, und was gefällt. Schlägt die Zeit dir manche Wunde, Manche Freude bringt ihr Lauf: Und nur eine jet'ge Stunde ' Wiegt ein Jahr von Schmerzen auf. Wisse nur das Glück zu fassen, Wenn es lächelnd sich dir beut: In der Brust und auf den Gassen Such' es morgen, such' es heut. Doch bedrängt in deinem Kreise Dich ein flüchtig Mißgeschick, Lächle lege, hoffe weile Auf den nächsten Augenblick. Geibel. 98 Der Httnger irn- der Appetit. Viele Menschen werfen diese beiden Worte ineinander und meinen, sie wären völlig synonym oder mindestens so in Napport miteinander, daß man sie verwechseln könne. Daß dem nicht so ist, darüber geben uns die physiologischen Studien zweier renomniirter Aerzte, des Dr. Leven und Dr. Fournw genaue Auskunft. Der Hunger ist nach Du Leven das lebhafte Verlangen, das uns wünsche» läßt, irgend etwas zu genießen, um das Gefühl der inneren Leere zu beseitigen. Der Appetit ist hingegen ein koinplizirteres Gefühl, das uns nicht nur wünschen läßt, irgend etwas zu essen, sondern auf ganz besondere Gerichte hinzielt, die unsern Gaumen und die GeschmackSnerven angenehm reizen. Das alte Sprüchwort: „i'nMk-tit vienr an mongeunt", rechtfertigt die Erklärung des Herrn Leven; denn gewiß ist, daß unser Appetit durch den Anblick gewisser Gerichte, wie durch den Geruch derselben erregt wird, obwohl wir vorher, ehe wir dadurch angeregt wurde», keinen Hunger verspürten; ebenso werden durch Speisen, die uns unangenehm, schon in ihrem Duste widerwärtig sind, die Erregungen des Appetits, den wir zu haben meinten, völlig herabgedrüät. Dr. Fouriö gibt eine andere, mir scheint noch richtigere Definition der beiden Empfindungen; er betrachtet den Hunger als das unerläßliche Be- dirrfniß, das nicht so wählerisch in den Speisen ist; denn in der Noth nimmt man mit Speisen vorlieb, die man sonst nicht anrührt; «in der Noth frißt der Elephant Mücken" — ist sehr bezeichnend dafür; während der Appetit das Gefühl eines Vergnügens ist, das die Befriedigung der Nothwendigkeit begleitet. Der Unterschied zwischen beiden ist nicht gerade die Hauptsache, denn Bedürfniß ist beides, nur der Hunger das Pressantere. Wo aber ist der Sitz des Hungers? Alan weiß es nicht, sagt D/. Leven, während Dr. Langet und Schiff behaupten, daß derselbe nicht im Magen, sondern im ganzen Organismus liegt; „ein offenbarer Irrthum", ruft Dr. Fournie. Man bedenke nur, daß bei " Fieberkranlheiten, wie bei chronischen Leiden man die Menschen wegen Mangel an Nahrung hinsiechen und sterben sieht, ohne daß die Empfindung des Hungers sich bei ihnen geltend macht. Fourniö verwirft auch Leven's Behauptung, daß der Sitz des Hungers als unbekannt erwiesen sei. Eine gründliche Analyse der Phänomene des Lebens, sagt er, gestattet uns, darzulegen, daß alle Organe ohne Ausnahme ihren Ausgangspunkt in der Empfindung haben, die wir unter dem Namen: „Nothwendigkeit des Funktionirens", bezeichnen. Selbstverständlich hgt der Vcrdauungsapparat auch seine Nothwendigkeit, thätig zu sein, und dieses Bedürfniß drückt man durch die Empfindung aus, der man ^ den Namen „Hunger" gegeben hat. Trotz der Enthaltsamkeit vollzieht sich die Absonderung ; die Gewebe ernähren und erneuern sich; daher setzen sich auch, die Absonderungen der Magendrüsen fort, und wenn der gewohnheitsmäßige Augenblick des Einnehmens von Nahrung herantritt, dann sind die Magendrüsen vollsäftig und zum Funktioniren bereit, d. h. das Verdaute herauszuwerfen. Die darin vorübergehende Stockung ist es, die uns die lokalisirte Empfindung des Hungers verursacht. Fourniü's Ansicht beschränkt sich mithin darauf, daß es genügt, den Magendrüsen Gelegenheit zu gebe», sich zu entleeren, um momentan die Empfindung des Hungers verschwinden zu machen; es kommt nur darauf an, irgend einen Körper, ernährungsfühig oder nicht, in den Magen zu bringen, so wird derselbe, indem er die Verdauungsthätigkeit der Magendrüsen hervorruft, die Empfindung des Hungers besänftigen. Es ist zieimlich allgemein bekannt, saß die Indianer tagelang das prinvolle Gefühl des Hungers dadurch bewältigen, daß sie ganze Stücke von Thonerde verschlingen, von der sie meinen, sie sei auch nahrhaft. Fourniö schließt, indem er sagt, daß das Gefühl des Hungers, weit entfernt, der Ausdruck jener organischen Schwäche zu sein, ganz im Gegentheil das momentan höchste Lebensbedürfniß ausdrückt, das seinen Sitz in den Magendrüsen hat; daher ist der Sitz des Hungers nicht so unbekannt, als Dr. Leven es annimmt. Wir sind sehr geneigt, die Theorie des Dr. Fourniä als die durchaus richtige anzuerkennen. 39 Des Mild schuhen Rettung. Ballade. Das war der Wildschütz in hohem Wald, Der arme Wilduhütz so nah dem Grad: Die Beeren sucht er aus grünem Spalt Und schlürft den Thau von den Blättern ab. Er hat verloren den sichern Weg, Er irrt umher schon den dritten Tag, Und findet nimmer den alten Steg, Und hört nicht Uhren- und Glockenjchlag. „Und noch ein Tag, und ich find' ihn nicht," — So flucht er wild in den Wald hinein - — „Doch wird das Tannengezweig hier licht; Wird doch ein Ausgang, kein Hohlweg sein!" ,Jch hab' geirrt, und ich dacht' es gleich! — Gut steckt die Kugel, — was liegt daran? — Ob heut', ob morgen ich eine Leich,- Was sollst Du leiden noch, armer Mann?" Er hat's gesprochen, den Hahn gespannt, Und schallt iu's Dunkel noch einmal lang, Ulld wie ein Steinbild er droben stand, Schweißtropfen per eu ihm von der Wing'. Dann späht er wieder und fragt und flucht, Ob Hilf', ob Rettung denn keine wär'; Scheu rüst der Uhu in schwarzer Schlucht, Das Echo gibt Antwort dumpf und schwer. Wild reißt den Rock er vom Leib herab, Una theilt das Hemd und entblößt die Brust: „Hier ist des Wilderers wildes Grab!" Spricht halb in Schmerz er und halb in Lust. Doch auf der Brust mit der kalten Hand Der Wilderer fühlt ein Medaillon: AIs er beim Sterben der Malter stand, Da gab mit Weinen sie's ihrem Sohn. Längst war vergessen das Kleinod werth» Jetzt sah cr's wieder und sah's so lang; — Er wirst sich betend zur grünen Erd' Und eine Thräne rann von der Wang'. Er macht sich auf durch den dunklen Wald, Im jungen Herzen ein Bittgebet; Sieb dort, sieh dort eine Frauen gestalt Die Reiser sammelnd im Hochwald stehtI „Ich hab verirrt mich im Dickicht hier, Drei Tage renn ich im Wald dahin: O zeigt den Ausweg in Güte mir, Nicht sollt ohn' Lohn Ihr von dannen zieh'nl Erbarmen faßte die alte Frau, Sie führt den Wildrer zum kühlen Trank, Und zeigt den Weg ihn, durch's Dickicht grau: „O guter Engel, habt meinen Dank!" Er drückt der Alten so, fest die Hand Und sah ihr Auge wie Perlen klar, Sein Herz ein Ahnen so tief empfand: Ob nicht die Frau «eine — Mutter war? bl. U. M L s e e l l e n. (Louis Vlanc.) Französische Blätter erzählen folgende Neminiszenz aus den Jugendjahren des verstorbnen Publizisten Louis Blanc: „Er kam nach Paris ohne Geld, ohne Freunde und verfiel gleich so manchem Andern aus Noth auf den Gedanken, Journalist zu werden. Louis Blanc verfaßte einen Artikel, der die damalige politische Lage besprach, und eilte, sein Manuskript in der Hand, in das Nedaktionsbureau eines großen Journals. An der Thür angelangt, verließ ihn plötzlich der Muth und er zögerte die Glocke zu ziehen. Hinter LouiS Blanc stand ein robuster Zeitungsausträger, der bei dem Seelenkampfe des Schriftstellers unwillig den Kopf schüttelte. Endlich ward dem Manne die Zeit zu lang, er öffnete d.ie Thür und stieß Louis Blanc vor sich hinein.' Der Schriftsteller taumelte in die Arme eines Herrn, dieser nahm ihm das Manuskript aus der Hand und versprach für den nächsten Tag die Entscheidung. Als Louis Blanc die Antwort zu holen kam, bot man ihm sofort eine Stelle als Redakteur mit einem Gehalt von 300 Franks. So oft der neue Neda'teur dem erwähnten Austräger begegnete rief er: „Das ist der Mann, welcher mir zuerst vorwärts geholfen!" (Vom Manöver.) General I. operirt zur Zeit des Manövers gegen General P. und hält in Begleitung zweier Adjutanten auf einer Anhöhe, von wo aus er den Operationen seiner Truppen mit größter Spannung folgt. Adjudant: „Ich'erlaube mir ganz gehorsamst zu bemerken, Herr General, daß es mir scheint, als ob der Feind dutch jene Bewegung beabsichtige, unsere linke Flanke anzugreifen." — „Unmöglich, mein lieber N., unmöglich! Bedenken Sie das Terrain geradezu ungangbar! Kann mir nicht denken, dxch General P. mit derartiger — ich möchte sagen brutaler Unverfrorenheit auf mich losgeht und so den Ochsen direkt bei den Hörnern anfaßt." 40 (Ersparnisse durch Nichtrauchen.) Zwei ältere Männer promenirten vor Kurzem in einer Vorstadt Wiens. Der eine von ihnen hielt sinnend einen glimmenden Cigarrenstummel im Munde. Sie gingen eben an einem netten, emstöckigen Häuschen vorüber. „Welche Cigarrensorte rauchst Du?" frug der Nichtraucher. — „Londres zu 11", erwiderte der Raucher wehmüthig zwischen den Zähnen. — „Und wie lange rauchst Du schon mein Freund," setzte der Andere fort. — „Seit meinem 17. Lebensjahre, also seit 34 Jahren." — „Siehst Tu," meinte der Andere, „wenn Du all' das Geld nicht verraucht hättest, könntest Du jetzt schon Eigenthümer dieses wunderschönen Häuschens sein!" — „Sehr wahr, nur zu wahr'" erwiderte der Raucher im Tone resignirter Nachdenklichkeit. Nach Kurzem aber raffte er sich aus seiner Reflexion auf und sprach: „Welche Cigarrensorte rauchst Du?" — „Ich?" frug erstaunt der Andere, Du weißt doch, daß ich nicht rauche!" — „So? Nun dann bitte ich Dich, mir das Häuschen zu zeigen, das Du Dir aus Deiner Cigarrenersparniü gekauft hast!" (Ein Handschriftenkenner.) Der Theater-Dnekior..««.» berühmt dadurch, daß er..weder lesen noch schreiben konnte, befand sich einst an einer Takle d'hote, wo eine goldene Uhr ausgespielt wurde. Jeder der Gäste gab zwei Thaler, schrieb seinen Namen auf einen Zettel, warf ihn in einen Hut, und dann sollte sogleich gezogen und abgemacht werden. Der erwähnte Theaterdirektor war in nicht geringer Verlegenheit, als auch er seinen Namen aufschreiben sollte. Um sich keine Blöße zu geben, that er als ob auch er schriebe, rollte das leere Blättchen zusammen und warf es in den Hut; das Glück wollte, daß gerade dieses gezogen wurde. Allgemeines Staunen, als das Blatt aufgerollt und leer befunden wurde. Doch der anwesende Komiker B. ließ es sich geben, und als er es betrachtet hatte, rief er aus: „Ich kenne diese Zügel Das ist die Handschrift unseres Herrn Theatcrdireklors." (Dirk ant torri die.) Onkel Willibald hat gcheirathet, und das junge Paar wird zum Besuche erwartet. Endlich fährt her Wagen vor, der die neue Tante bringt; dieselbe wird von den Kindern, wahrscheinlich des mitgebrachten ConlecteS wegen, stürmisch begrüßt; nur der/leine Kurt sieht seiner Gewohnheit zuwider still dabei, die Tante fortwährend fixirend. Tante: „Nun, Kleiner, willst Du mir einen Kuß geben? Weshalb schaust Du mich denn so genau an?" — Der kleine Kurt: „Weißt Du, Tante, so dumm siehst Du doch nicht aus, als wie die Mama Dich beschrieben hat!" (Laspus in der gerichtlichen Rhetorik.) Präsident (bei Eröffnung des Schwurgerichts): „Wir beginnen die bevorstehende Sitzungs Periode heute mit einem wissentlichen Meineid: an den folgenden Tagen werden wir uns mit einem Morde, einem Raube, mit sechs verschiedenen Diebstählen im Nückfalle und mit Sittlichkeitsverbrechen beschäftigen, um haun endlich mit einem großartigen Betrüge und Schwindel zu schließen." (Das Vermächtniß.) Ein altes Weib tritt mit folgenden Worten unter die Stubenthür: „Madame, ich bitte schön um das wöchentliche Almosen, welches die alte Bärbel seither erhielt —> sie war eben eine gute Freundin von mir und hat mir beim Sterben das Almosen vermacht." (Demüthige Betrachtung.) „Gnädiger Herr ich habe Ihnen zu melden, daß heute Nacht Ihr Fuchswallach krepirt ist." — „Mein FuchSwallach krepirt! O Gott, was sind wir doch für gebrechliche Wesen." (Ein kleiner Redacteur.) Der Redacteur des „Kieze liVe^t Demokrat" ist nur 40 Zoll groß und wiegt nur 45 Pfund. Wenn Jemand mit einem Prügel in der Hand in sein Bureau kommt und fragt, „welcher Kerl den Artikel schrieb," schlüpft der Redacteur jn seinen Kleistertopf und macht den Deckel zu. (Bauernregeln für Januar.) Die Nenjahrsnacht still und klar — Deutet auf ein gutes Jahr. — Wenn im Januar Mücken geigen, — Müssen sie im Märzen schweigen. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.