zur „Äugslttlrger Postzeitung." Nr. 6. Samstag, 20. Januar 1883« Jörg von Maldeck. Eine Erzählung aus deni fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Nachdruck verboten.) I. Es war Vorabend vom heiligen Dreifaltigkeitsfeste des Jahres 1144. Die Sonne hatte sich hinter den Bergen des Schliersee-Thales zurückgezogen. Dämmerung war all- inählig in der Niederung eingetreten, nur die Zinnen der Felsberge erhielten noch den letzten glühenden Alschiedskuß des scheidenden Tagesgestirns. Da erklang vom Thurme der Stiftskirche zu Schliers die Aveglocke und ein leiser Lusthauch trug des Engels frommen Gruß durch's Thal in die Ferne und hinauf zu den Alpentristen. Stern um Stern zog am stillen Nachthimniel und mit der fortschreitenden Abkühlung der schmalen Gebirgsthäler mehrte sich der leichte Wellenschlag des See's, bis die nächtliche Kühle sich über Berg und Thal verbreitete und auch die Seefläche beruhigte und glättete. Aus der Dorsschenke hatten sich die wenigen Gäste entfernt und in den bescheidenen Häusern und Hütten der Handwerker und Söldner war's stille geworden. Nur vom Chöre der Stiftskirche her tönte noch der fromme Horagesang der Augustiner Chorherrn, bis auch dieser verstummte und die ernsten Gestalten aus der Kirche ihren Privatwohnungen zuschritten. Doch oben in der Waldecker Burg, welche sich hinter dem Weinbergs-Kirchlein auf halber Höh« des Schlierberges erhob, war das Söllerfenster der Frauenstube noch beleuchtet und ließ wahrnehmen, daß die edle Burgfrau, Agatha von Waldeck noch wache. Sie leite ja in schwerer Sorge um den geliebten Burgherrn, den tapfern und frommen Ritter Jörg von Waldeck, welchen vor einem halben Jahre der Hilferuf der Christen im kernen Ungarlande gegen die Türken fortgetrieben hatte aus den Armen der theuren Agatha» aus der trauten Burg und der schönen Heimath. Nicht vergebens drang der Aufruf des Papstes durch den Mund des Franziskaner- Predigers Johannes von Capistrano, des Christenapostels, wie ihn seine Zeit nannte, zum Kampfe der Ungläubigen in das Bayerland. Die zahlreichen Klöster sandten Boten nach allen Richtungen bis in die entlegensten Gebirgsthäler, in welche die Ritterburgen niederschauten, ernst und trotzig. Aber in diesen wohnten doch viele Männer von frommer Denkungsart, welche nicht säumten, da, wo dem Mitmenschen Gefahr drohte, einzustehen mit Leib und Leben und begeistert in weite Ferne zogen, wo es galt, für den Glauben zu kämpfen. Als daher am ersten Sonntage nach Epiphani dieses Jahres ein Abgesandter des Abtes Kaspar von Tegernsee die Edlen der Umgegend um ihres Seelenheiles willen aufforderte, sich dem kühnen Wojwoden Hunyadis in Ungarn gegen Murad II. anzuschließen, da trieb auch Jörgen die gläubige Begeisterung fort in fernes Land, vielleicht in tiefes Weh! — 42 Wer möchte den Schmerz der zwar glaubensstarken, aber sehr besorgten und treu liebenden Agatha schildern, der ihr Herz ergriff, als Jörg mit seinen Reisigen an einem kalten Wintermorgen auszog aus der Burg; wer möchte die Thränen zählen, die sie weinte, als der Theure am Westenhofer-Hügel noch einmal sein Roß wandte und nassen Auges den letzten Abschiedsgruß dem Söller der Burg zugewinkt! — Wenige Wochen später war Frau Agatha auf Anrathen ihres Beichtvaters, des Gelehrten und frommen Chorherrn, Pater Raimund, mit ihrer Zofe Martha nach Pienzenau gefahren, wo ihre mütterliche Freundin, die Wittwe Anna von Pienzenau als letzte Burgfrau daselbst lebte. Bei dieser edlen, durch herbe Schicksalsschläge gestählten Freundin hoffte sie Trost zu finden und sie fand ihn, denn Anna verband mit Herzensgute und Frömmigkeit, Verstand und hohe Bildung. Der längere Umgang mit der Wittwe, ihre belehrende Unterhaltung und ihre Fertigkeit im Harfsnspiele verschafften Agathen viele angenehme Tage, in denen ihr. die Sorge um den fernen Gatten doch einigermaßen erträglicher wurde, nachdem auch sie, im Kloster zu Frauenwörth im Chimsee erzogen, eine vorzügliche Sängerin und Lautenspielerin war. Von Zeit zu Zeit lud die Wittwe Chorherrn vom nahen Weparn zu sich auf die Burg, welches Kloster immer den Ruf genoß, daß die Musik dort eifrigst und mit Erfolg gepflegt werde. So verstrich der Winter und war der liebliche Frühling in die Vorberge gezogen und mit ihm neue Hoffnung, neuer Trost in manche Menschenscele. Agatha erwartete mit jedem Tage Nachrichten aus Ungarn, da seit Jürgens Abreise bereits mehrere Monde verstrichen waren und weil solche ausblieben, entschloß sich Anna von Pienzenau auf einige Wochen nach München zu gehen, wo eine Base als Hof-Fräulein der Herzogin Anna, der Gemahlin Albrecht des Frommen sich aushielt. Dort hoffte sie jedenfalls Kunde über Jörg von Waldeck zu erhalte», dann wollte sie heimkehren und den Sommer und Herbst auf Waldeck bei Agatha zubringen. Bald schieden die beiden Freundinnen, denn auch die Waldeckerin mußte auf die heimische Burg zurück, da ihr Kunde ward, daß der treue, alte Jäger Kurt bedenklich erkrankt sei und seine Tochter Martha, Agathens Zofe noch zu sehen wünsche. Der herrschaftliche Jäger hatte seine Wohnung auf der Halbinsel an der Westseite des See's, welche auf drei Seiten ziemlich steil gegen diesen abfällt, oben jedoch ein bewaldetes, nur nach Osten freies'Plateau bildete. Dort stand das Jägerhaus, aus Lerchenholz gezimmert und nur im Keiler und an den Heizvorrichtungen, wie dem Kamine in Mauerwerk ausgeführt. Man gelangte von dein an der Südseite angebrachten Eingänge aus in einen Hausflur. Der . Eingangsthüre gegenüber befand sich die Küche mit Speisekammer, darunter der gewölbte Keller. Rechts vom Eingangs lag die behagliche Wohnstube, deren Wände und Decke getäfelt, erstere mit Jagdgeräthe», Hirschgeweihen, Eemskrükeln und Bärentatzen geschmückt waren. Ein großer grüner Kachelofen erweckte das Gefühl der behaglichsten Wärme während des langen Winters. Hinter der Wohnstube lag die Schlafkammer des Jägers und seiner Hauswirthin Martha mit der große», zweischläfrigen Bettlade. Im Hausflur führte die Treppe mit Palustergeländer in den oberen Gaben und auf die Altane, welche diesen auf drei Seiten umgab. Drei Kammern bildeten dieses Stockwerk und eine derselben, die sogenannte gute Kammer enthielt in alterthümlichen, geschnitzten Schränken die Aussteuer der Tochter, der herrschaftlichen Zofe, Mariha; dann das Brautbett, sowie einige Truhen für Kleidungsstücke. An das Wohnhaus war ein kleiner Stall für zwei Kühe angebaut, an welchen sich lie Streuhütte anschloß. Ein Gemüse- und Blumengärtchen umgab das Jägerhaus auf drei Seilen und war der Stolz des alten Kurt, welcher verschiedene Alpenpflanzen in einzelnen Gruppen hieher versetzt hatte und dieselben sorgfältig pflegte. Der Jäger hatte bereits das siebenzigste Lebensjahr erreicht, war jedoch verhältniß- mäßig rüstig, denn er scheute keinen Aufstieg auf die Berge mit seinem jungen Gehilfen. Abgehärtet durch den so häufigen Aufenthalt in frischer Bergluft erhielt Kurt seinen Leib 43 gesund und kräftig, obwohl Haare und Bart längst erbleicht waren. Erst vor wenigen Tagen hatte den hübschen alten Mann Unwohlsein befallen, welches sich so rasch ver» schlimmerte, daß Pater Markus von Schliers, welcher häufig bei Kurt's zusprach, sich entschloß, die Tochter an des Vaters Krankenlager zu rufen. Hinter dem Jägerhause führte ein schmaler Fahrweg an den Breitenbach und über denselben zur Mühle Rauhenstein — jetzt Waxenstein — über welcher sich ein waldeckischeS Jagdhaus erhob. Dieses war für Jagdgäste des Ritters bestimmt und enthielt auch eine Kammer für den Jagdknecht Kuno» einen Sohn des gräflichen Jägers zu Maxirain. Der junge, tüchtige Schütze war von Jörg dem alten Kurt zur Unterstützung beigegrben, weil dieser die ausgedehnten Waldungen allein nicht mehr zu überwachen vermochte. — Als Martha wenige Tage, nachdem sie Kunde von des theuern Vaters Erkrankung erhalten hatte, in das Jägerhaus und in die Schlafstube trat, gab ihr Pater Markus, der treue Freund der Jägcrsehcleute, zu erkennen, daß der gute Alts mit dem Tode ringe. Wie sie an das Bett des Sterbenden trat, erkannte dieser die geliebte Tochter noch und ergriff ihre Hand, während das brechende Auge noch den letzten, vielsagenden unvergeßlichen Blick auf Martha richtete, dann aber dasselbe für immer schloß. Markus, der in seinem langen Priesterleben wohl oft am Sterbebette gestanden, konnte sich selbst der Thränen nicht erwehren, als er das Schluchzen der Mutter und Tochter vernahm. Er wußte, daß in diesem ersten Schmerze seine Trostworte vergebens seien, deshalb besprengte er nur das friedliche Antlitz des Heimgegangenen Freundes mit Weihwasser und ging tiefbewegt aus der Stube und dem Hause. Frau Agatha, welche den Jägersleuten sehr zugethan und bei ihnen so manchen angenehmen Sommerabend verlebt hatte, suchte sowohl Mutter als Tochter, so viel möglich, zu beruhigen. Sie wußte, daß die Familie einen treuen Gatten, sorgsamen Vater und daß ihr Jörg einen alten, erprobten und eifrigen Diener verloren habe. Sie sorgte für ein ehrenvolles Begräbniß und ordnete an, daß Kuno das Nauhensteiner Schloß verlasse und zur Wittwe hinüberziehe, damit diese eines männlichen Schutzes nicht entbehre. II. An, Vorabend des Dreifaltigkeitsfestes zur Nachmittagsstunde ließ sich die Burgfrau von Waldeck mit der jungen Martha in einem Kahne an die Halbinsel zum Jägerhause führen, um die gute Wittwe zu besuchen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Sie saßen lange in der traulichen Gartenlaube beisamen, in welcher Agatha mit ihrem Jörg schon so manche traute Stunde verlebt hatte. Erinnerungen aus vergangenen Tagen, frohe und trübe Ereignisse bildeten die Gespräche der beiden Frauen, bis die zunehmende Dämmerung zur Rückkehr in die Burg mahnte. Frau Agatha hatte ihren Abend-Imbiß eingenommen und Martha die Lampe auf das Erkertischchen gestellt, weil die Burgfrau dort noch einige Zeit bis zum Schlafengehen spann, — als man vom Burgwege herauf Wagengerassel vernahm. „Jetzt kömmt die Prienzenauerin!" rief Frau Agatha. „Eile, Martha, in die Waffenkammer meines Gatten, das Fenster dort liegt nach der Burggasse." Martha eilte fort und erschien bald darauf mit der Nachricht, daß die Kutsche der edlen Wittwe bereits an der Zugbrücke angelangt sei. Nasch eilte Agatha der Freundin entgegen und voll bangen Gefühls schloß sie die Wittwe, als diese im Burghofe die Kutsche verlassen hatte, in ihre Arme. Diese erwiderte die Liebkosungen innig, aber mit Thränen in den Augen. „Du bringst mir keine freudige Kunde?" frug Agatha besorgt. „Sei stark, meine junge Freundin!" antwortete Anna. „Was ich am Hofe erfahren, klingt schmerzlich; doch hoffe ich, Dein Jörg werde unversehrt heimkehren." Die Waldeckerin mußte sich auf den Arm ihrer Zofe stützen, als sie die Antwort der Wittwe vernommen, denn trübe Ahnungen waren in ihrem treuliebcnden Herzen auf« gestiegen und sagten ihr, daß die Freudin sie vorerst nur schonen wolle, daß ihr aber später großes Herzeleid bereitet werden würde. 44 Nachdem sich die Wittwe in dem für sie bestimmten Frauengemache hatte umkleide» lassen, nahm sie in der Söllerstube bei Frau Agatha einen Imbiß zu sich und nachdem Martha sich die Lampe angezündet und das Gemach verlassen hatte nahinen die Frauen am Erkertischchen Platz. — Eben wollte Anna von Pienzenau ihre Erzählung beginnen, als die Abendglocke vom Stiftsthurme hell und feierlich zur Burg herauf klang, ein Himmelsbote, der Balsam in das wunde Herz Agathens träufelte. Schweigend und voll Andacht beteten beide Frauen das trostreiche „Ave Maria!" Hierauf ergriff die Wittwe die Hand ihrer Freundin und sprach: „Nun höre, Agatha, und sei stark! — Ich war kaum zu München angelangt, so eilte ich trotz der Ermüdung von der langen Fahrt in die Hofburg zu Agnes von Ahaim, konnte sie jedoch erst gegen Abend treffen, weil sie an diesem Tage Dienst bei der gnädigen Herzogin hatte. Als ich ihr mein Anliegen vorgetragen, sprach sie innigen Antheil an Deinem Schmerze aus, konnte mir jedoch Näheres aus Ungarn nicht mittheilen, sondern vertröstete mich auf den nächsten Abend, bis zu welchem sie jedenfalls Nachricht erhalten würde, weil, wie sie hörte, vor wenigen Tagen ein niederbayerischer Ritter als Abgesandter des verwundet aus Ungarn heimgekehrt«» Grafen Albert von Bogen an den herzogliche» Hof nach München gekommen sei." Dann fuhr sie ernster fort: „Die Nachricht, welche ich erhielt ist freilich recht traurig, doch nicht ohne Hoffnung, meine Agatha!" „O, sag' Alles, Anna, nur martere mich nicht lange!" bat unter Thränen die Burgfrau. „Jörg wurde an der Save bei Brod verwundet und —" „Und?" rief Agatha, „um Gotteswillen, was hast Du noch zu sagen!" Die Wittwe umarmte die trostlose Burgfrau und fuhr fort: „Laß mich reden, Anna, ich darf Dir ja nichts verschweigen. Jörg gerieth in türkische Gefangenschaft!" — „Gerechter Gott, dann ist er verloren!" schrie händeringend Agatha. Thränen brachen aus ihren Augen und die Wittwe mußte ihre ganze Körperkraft aufbieten, um die Burgfrau aufrecht zu erhalten. Sie lehnte das schöne Haupt derselben an ihre Brust und sprach selbst tief ergriffen: „Vertraue auf den Himmel, meine Freundin! Warum soll Jörg nicht mehr zurück- kehren? Sind ja auch Kreuzritter aus dem fernen Palästina und aus sarazenischer Gefangenschaft in die Heimath zurückgekommen. Dann wurden sicher in dem Kampfe an der Save auch türkische Edle von den Ungarn zu Gefangenen gemacht und werden dann gegen Devise und ihre Kampfgenossen ausgewechselt, sohin in Freiheit gesetzt. Ich bitte Dich, theure Agatha, gönne Deinem Schmerze nicht mehr Raum im Herzen, als dem Eottvertrauen! — Ich will Dich nicht mehr verlassen, bis wir beruhigende Nachricht erhalten. Agnes gab ihr Wort, sogleich Kunde zu geben, wenn wieder Boten aus Ungarn zu Herzog Albrecht kommen. Also, Muth und Vertrauen zum Lenker unseres Geschickes!" „O, wie dank' ich Dir, Anna", sprach in Thränen die Waldeckerin, „daß Du mich nicht verlassen willst! Ich möchte um keinen Preis in dieser schweren Zeit Dein theil- nehmendes, tröstliches Wort entbehren." „Jetzt gehen wir zur Ruhe", sprach Anna, sich erhebend. „Es -ist spät geworden und ich sühle, daß mich die ungewohnte Fahrt in die Stadt und zurück, sowie der aufregende Aufenthalt daselbst ermüdet und abspannt. Ich bin eben alt und gebrechlich geworden, während das Herz trotz tiefer Schläge des Schicksals, — ja vielleicht durch dieselben — erst gestählt wurde. Nun, gute Nacht, mein Liebling!" Sie erhob sich von ihrem Sitze, half dann der noch immer schluchzenden Agatha und rief nach den beiden Zofen, worauf sich die Frauen trennten. (Fortsetzung folgt.) Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia. II. Die Richtung auf diese seitdem noch nie wieder erreichte Naturwahrhsit hin erhielt die griechische Plastik durch jene Feste und Wettkämpfe — im Dienste des Cultus allein hätte sie ihr Ideal nie erreichen können. Dagegen bleibt die A r ch i t e kt ur lange Zeit völlig abhängig von den sacralen Bedürfnissen; dem Tempel, welcher bei den Hellenen nicht der Versammlungsvrt der Andächtigen, sondern lediglich die Wohnung der Götter« bllder war, aus rohen Anfängen allmählich jene höchste tektonische Vollendung zu geben, war das Bestreben, welches ganze Generationen von Architekten beseelt haben muß, Be-> strebungen, deren letztes Glied allein wir mit dem äußeren Auge noch sehen können. In der That sind von der Fest- und Culturstätte Olympia's sehr beträchtliche Einwirkungen auf alle Zweige der griechischen Kunstthätigkeit ausgegangen; aber auch an Ort und Stelle ist eine sehr erkennbare Arbeit im Dienste der Kunst entfaltet worden. Wenn nun diese Einwirkung des Heiligthums auf die Kunst von den frühesten Anfängen der specifisch hellenischen Cultur beginnt und bis in die byzantinische Zeit hinein sich fortsetzt da erst die christlichen Kaiser die Festspiele verbieten; so ist es klar, daß die Hoffnung, dort noch beträchtliche Neste antiker Bild- und Bauwerke zu finden, keine allzu kühne war. Konnte man auch an verschiedenen anderen Stellen der alten griechischen Culturwelt hoffen, bei etwaigen Ausgrabungen erhebliche Resultate zu erzielen, in Olympia waren diese letzteren fast im Voraus garantirt. Denn zunächst stand die Lage der Altis völlig fest; ferner war es so gut wie sicher, daß man nach Wegräumen des Schuttes die Ausdehnung des heiligen Haines, die Größe der Baulichkeiten, ihre Lage zu einander würde feststellen können. Deshalb drang besonders Ernst Curtius seit Jahren unermüdlich darauf, daß die Neichsregierung diese lohnende Aufgabe in die Hand nähme» Dies geschah denn endlich auch; die Verhandlungen mit der griechischen Regierung wurden angeknüpft und nach einigen Zwischenfällen im athenischen Parlamente konnte der Vertrag abgeschlossen werden, daß Deutschland alle Kosten und Mühen übernähme und nur das Recht der ersten Abformungen erhielte» Griechenland blieb im Besitz aller Funde, nur etwaige Doubletten, auf welche von vorn herein wenig Aussicht war, sollten den Deutschen überlassen werden dürfen! — In der That konnte man den Vertrag als ei» Muster der Selbstlosigkeit von unserer Seite bezeichnen. Im Oktober 1875 begann die Arbeit des Spatens. Die Hoffnungen» mit denen diese Campagne eröffnet wurde, erfüllten sich im Laufe der nächsten sechs Jahre sämmtlich, ja es wurden weit über diese Hoffnungen hinaus eine Reihe von Funden gemacht, welche unsere Kenntniß der griechischen Kunstgeschichte ganz wesentlich erweitert haben. Es gibt keine wichtige Periode der allen Kunst der classischen Völker, für welche in Olympia nicht etwas abgefallen wäre. Um zuvörderst von der Architektur zu sprechen, so wissen wir daß die älteste arische Bevölkerung von Hellas, die Achäer und Pelasger, eine eigene Bauthätigkeit im höheren Sinne nicht mit sich brachten; die Anregung hierzu ist ihnen von Osten durch Berührung mit den Phönicier», Egyptern und den kleinasiatischen Stämmen gekommen. In den Residenzen Affurs, in Egypten und den von ihnen abhängigen Landschaften wurde der Süulenbau längst geübt, bevor die Hellenen sich ihn zögernd aneigneten. Was dieselben dann freilich aus diesen Anfängen zu n achen verstanden haben, ist ihr eigenstes Werk und größtes Verdienst. Das Problem für den Historiker liegt nun in der Frage, ob der älteste Tempelbau der Griechen aus Stein ausgeführt war, so wie wir ihn kennen, oder aber von Holz (mit Metallbeschlag) gewesen ist. Letzteres ist die Annahme des geist- und kenntnißreichslen aller derer, die sich neuerdings mit griechischer Architektur- Geschichte befaßt haben, Gottfried Sempers« Derselbe vertritt mit vollster Ueberzeugung die Ansicht, daß der Steinstil des griechischen Tempels nur aus einem vorangegangenen Holzstil zu erklären ist. Nun ist es sicher, daß das älteste und ehrwürdigste der Heiligthümer von Olympia, der Tempel der Hera, viele Absonderlichkeiten 46 ausweist, welche darauf hinzudeuten scheinen, daß dieser Steinbau an Stelle eines früheren Holzbaues getreten ist und selbst noch hölzerne Bestandtheile hatte. Es ist nicht ein Stück drS Gebälkes in den Trümmern gefunden worden, was kaum als bloßer Zufall zu erklären sein würde» wenn das Gebälk aus Stein gewesen wäre. Das Verständniß für die Entstehung des antiken Tempels ist uns durch die Entdeckung dieser Ruine wesentlich erleichtert worden. Den Mittelpunkt der heiligen Stätte bildete natürlich der gewaltige Zen Stempel, ein mächtiger aus dem dort wachsenden Muschelkalk (Poros) aufgeführter Bau dorischen Stiles, dessen Trümmer, so wie sie ein Erdbeben wild umhergeschleud-rt hat, dem Beschauer noch jetzt imponiren müssen. Dieser Tempel barg das von Phidias angefertigte Gold-Elfenbein-Bild des Gottes, die Bewunderung des gesammten Alterthums; — „wer dieses Werk geschaut, der könne nicht mehr ganz unglücklich sein!" Natürlich ist eS längst zerstört, nicht einmal Nachbildungen sind uns erhalten; wohl aber haben sich von den unter Leitung und zum Theil durch Schüler des Phidias ausgeführten marmornen Tempelsculpturen dekorativen Charakters zahlreiche Neste gefunden. Die beiden Giebelgruppen haben im wesentlichen wieder hergestellt werden können; es wird später noch davon die Rede sein, in welcher Weise sie eine empfindliche Lücke in unserer Kenntniß der antiken Sculptur ausfüllen. Englisches Kasernenleben in Kairo. — r— Kairo, 23. Dezember. Wem es vergönnt gewesen ist, von der eisernen Brücke, welche in Ghezireh über den Nil geschlagen ist, einen Blick auf Kairo zu werten, dem bietet sich unstreitig eine der bemerkenswerthesten Aussichten auf jene lange Flucht von Bauwerken dar, welche den Palast und die Kasernen von Kasr el Nck zu einem großen Ganzen vereinigen. Diese Gruppe von Gebäuden umfaßt zwei große Vierecke, welche sich im Westen nach der Nilseite öffnen. Das südliche, der Brücke zunächst gelegene Carrä wird augenblicklich von dem 74. Hochländer-Regiment, das nördliche von den 42er Königin Hochländern bewohnt» letztere speziell unter dem Namen der „schwarzen Garde" bekannt. Diese beiden Regimenter nebst einer Genie-Kompagnie bilden die Garnison von Kasr el Nil. Die weiten Zwischenräume, welche sich zwischen der großenkStraße und der östlichen Häuser-Fayade befinden, nehmen die Parkanlagen auf, an welche sich eine lange Reihe von einer Akazien-Allee eingeschlossener Stallungen anschließt, die zur Aufnahme der Kavallerie bestimmt sind. So bietet Kasr el Nil im Augenblick ein lebhaftes militärisches Bild dar. Am Haupteingang, an der Wache vorüber, im ersten Häuscrviereck, befinden sich unter Sykomore» und Feigenbäumen die Küchen. Die Truppen haben sich hier bereits vollkommen häuslich installirt und des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr wird auch hier wie überall durch die Magenverhältnisss regulirt. Das muß man den Engländern lassen, ihre Truppen verpflegen sie brillant. Die dem Vegetarianismus par korco huldigenden Egypter sehen mit scheelen Blicken auf die Fleischmassen, die hier in die Kochkessel wandern und es läuft ihnen sicher das Wasser im Munde zusammen, wenn ihnen die kräftigen Gerüche englischer Fleischspeisen in die Nase steigen. Die englische Armee ist wohl am besten verpflegt von allen europäischen Armeen, wenigstens was die Menge und die Güte der Fleischportionen betrifft. Alle zwei Tage haben die Leute Braten, die übrigen Tage gekochtes Fleisch und zwar in einer Brühe, die den meisten Hotelküchen, in denen allerlei Kinkerlitzchen fabrizirt werde», unstreitig den Rang ablaufen würde. Die Kochöfen sind aber auch in einer Weise praktisch eingerichtet, daß es geradezu unmöglich ist, etwas Schlechtes zu bereite», vorausgesetzt, daß das Fleisch rechtzeitig geschlachtet ist, denn die FeuerungSapparate sind auf daS Genaueste regulirt und die Oefen selbst hermetisch verschlossen. — In dieser Beziehung können mir von den Engländern lernen. Man sieht es auch den Mannschaften an, daß eS ihnen gut geht. In den Erdgeschossen befinden sich die Bureaux der verschiedenen Stäbe und die Handwerksstätten. Die Cantinen sind groß, vorzüglich vsntilirt und auf durchaus praktische Weise ausgestattet, die Preise nicht zu hoch. Selbst einen Lesesaal haben die Mannschaften, der ihnen außer diversen Zeitungen Schach-, Dame-, Trictrac und andere Spiele liefert. Die Unteroffiziere sind wie kleine Prinzen installirt, und man versteht sehr wohl, daß dieselben sich in ihrem neuen Heim ivohlfühlsn. — Der Saal ist mit Bildern aus der neuen englischen Kriegsgeschichte dekorirt. — Billards sind selstverständlich. Kasr el Nil ist ein dreistöckiges Bauwerk, die erste und zweite Etage haben rundherum" laufende Balkons oder richtiger gesagt Galerien, mit welchen die Zimmer kommuniziren. Auf diese Weise sind die Mannschaften nicht in ihre Zimmer eingepfercht und können auf die bequemste Weise die herrliche Kairiner Luft genießen. In jedem Zimmer schlafen 22 Leute. Bis jetzt haben die Soldaten auf arabischen Bettstellen geschlafen, den sogenannten Kaffassen, welche aus dünnen Palmenstöcken, ähnlich unseren Hühncrstüllen fäbrizirt werden, selbstredend darf es an guten Matratzen nicht fehlen, weil man sonst seine Knochen am nächsten Morgen ganz bedenklich fühlt. Diese Kassassen werden aber jetzt durch eiserne Bettstellen aus England ersetzt, die nach englischer Sitte während des Tages zusammengeschlagen werden, wodurch der durch die weniger praktikablen egyptischen Palmenbetten bisher fortgenommene Raum in: Interesse der Bequemlichkeit der Truppen gewonnen wird. Die Zimmer werden musterhaft rein gehalten, aber die Mannschaft hat viel Zeit und Arbeit nöthig gehabt, um die von den eingeborenen Truppen systematisch verdreckten und verlausten Räume in ihren heutigen Zustand zu versetzen. — Die Aerzte haben ein nettes Quantum Tesinfectionsmittel verbraucht, ehe sie den Truppen den Einzug in ihre neue Heimath gestatten konnten. Die Osfiziersmesse befindet sich auf der Nordwestecks des Palastes. Die edlen Sportsmen können es sich wirklich nicht besser wünschen. Eine breite Treppe von weißem Marmor führt in einen Saal von majestätischer Bauart und fürstlicher Ausstattung. In der Mitte befindet sich ein wunderbarer Kronleuchter. Zur Rechten sieht man in den Speisesaal, einen Saal, der mit dem rafsinirtesten Luxus dekorirt ist. An diesen schließt sich ein im arabischen Stil eingerichtetes Rauchzimmer, der gemüthlichste und wohnlichste Aufenthalt, den man sich nur denken kann. Sie sehen aus dieser skizzenhaften Schilderung, die ja nur in großen Zügen ein Bild geben soll, daß die englischen Offiziere und Soldaten keinen Grund haben, sich über diesen Garnisonwechsel zu beschweren. Kasr el Nil macht nun allerdings auch eine rühmliche Ausnahme, wiewohl die Truppen in Alexandrien auch keinen Grund zur Klage haben, denn im Ras el Tin-Palaste am Meere läßt sich's auch leben, aber die ganzen Arrangements bei der Auswahl und Anlage von Kasr el Nil konnten nicht praktischer getroffen wcrden. — Ein Schienenstrang geht mitten in den Kasernenhof hinein. Bequemer kann man's doch weiß Gott nicht haben — und diese Verkehrsmittel erleichtern natürlich die ganze Handhabung des Dienstes, besonders aber die Verpflegung der Truppen ungemein. Mit einem Worte, die Engländer sind mal wieder in der Wahl ihres Bratens sehr vorsichtig gewesen, und von ihren» Standpunkte aus kann man ihnen zu dieser neuen Acquisition nur Glück wünschen. Ich glaube, daß Kairo von allen englischen Kolonial - Garnisonen die schönste und angenehmste ist, und daß es den Truppen sehr schwer fallen würde, sollte der Fall einmal eintreten, sich von den Fleischtöpfen Egyptens loszureißen. Und dies Alles haben sie indirekt dein alten viel geschmähten und vielfach verkannten Exkhedive Ismail Pascha zu danken, denn dieser ist der Erbauer von Kasr el Nil. 48 Mis-ellsn. (Jude und Christ.) Als Herzog Christoph von Bayern in Schongau lebte, hörte er von zwei Wucherern. Von denen war der Eine ein Jude, Namens Aaron, der Andere aber war ein Christ, und hieß Petrus Großwein. Es wurde Beiden der Proceß gemacht, und weil sie Beide gleichauf gefehlt hatten, wurde ihnen auch gleiche Strafe zuerkannt, die war: Einhundert Goldguldeo und zwei Monats Gefängniß. Das wollten sich die Zwei nicht gefallen lassen und beriefen sich auf des Herzogs weiteren Ausspruch. Da nun der Amtmann kam und die Angelegenheit vorbrachte, sagte Herzog Christoph: „Die Beiden haben ganz recht, daß sie an mich kommen. Denn der Aaron wird seines Theiles um die Hälfte zu streng bestraft, der Großwein aber deßgleiche» zu mild." — „Aber, hoher Herr!" sagte der Amtmann, „das versteh' ich nimmer. Haben Beide doch auf gleiche Summa und in gleicher Weise gefrevelt: wie sollten sie dann verschieden bestraft werden?" — „Warum denn nicht!" entgegnete Christoph. „Eben weil sie gleich gefehlt haben. Der Aaron ist ein Jude, hat's als solcher nicht fast zum Besten, vor Allem aber entbehrt er unserer göttlichen Lehre. Der Großwein hingegen ist wohl auf und in jeder Art geschützt, dabei ist er ein Christ und soll die Lehr' und christliches Gesetz wohl kennen. Wo er nun thut was betrügiich ein Jude thut, ist er mindestens viermal schuldiger — als Jener." Der Jude Aaron wurde auf einen halben Monat in Haft gesetzt und mußte fünfzig Goldgulden zahlen. Der Petrus Groß- wein aber ward auf zwei Monate gesetzt und mußte zweihundert Goldgulden zahlen. (Jeden andern, nur den nicht!) Der hochselige am 2.Jan. 1861 entschlafene König Friedrich Wilhelm IV. befand sich bereits in hoffnungslosem Zustande, als seine besorgte Gemahlin zu dem Hofleibarzte Dr. Schönlein, der mit dem I)r. Weiß zusammen den königlichen Patienten behandelte, den Wunsch äußerte, noch einen dritten berühmten Arzt hinzu zu ziehen. Die hohe Frau machte den Vorschlag, den ihr persön ich bekannten Geheimrath Nix aus München zu berufen, aber hartnäckig weigerte sich Hofrath Schönlein, diesen College» anzunehmen. „Jeden andern Arzt, Majestät, nur diesen nicht!" war seine Rede. Schließlich sagte die Königin etwas gereizt: „Aber, lieber Schönlein, sagen Sie mir doch endlich einen vernünftigen Grund für Ihre Ablehnung." Der Leibarzt antwortete nach kurzem Zögern respectvoll: „Majestät, jetzt steht unter den täglichen Bulletins über vas Befinden Sr. Majestät des Königs: „„Schönlein. Weiß!"" und das treue Volk ist beruhigt. Soll etwa künftig darunter zu lesen sein: „„Weiß Schönlein Nix?"" — Einen Augenblick flog ein leises Lächeln über die Züge der Königin, die dann ironisch meintet „Lieber Hofrath, ich würde vorziehen zu unterzeichnen: „Schönlein weiß Nix!" (E,n nicht unverdienter Mann) ist am 23. Dec. in Eldena bei Greifswalde gestorben, nämlich der Gastwirth Richter, allen Greifswäldern als Wirth des Haines bekannt. Aber weit über die Grenzen Deutschlands hinaus wurde sein Name rühmend genannt als derjenige, der zuerst die Nistkästehen für die Staare und andere Waldvögel praktisch zur Anwendung brachte. Von Eli'enham nach Eldena aus hat sich diese wohlthätige Einrichtung dann über die ganze civilisirte Erde verbreitet und trotz manchen Widerspruchs werden in jedem Frühling den freundlichen Sängern neue Wohnungen bereitet. (Eine öcono mische Braut.) „Nun, Clara, wählst du das Collier, oder die Ohrgehänge oder das Bracelet?" — „Nur wirthschaftlich, lieber Heinrich! Ich bin überzeugt, daß, wenn du alle drei Gegenstände zusammen nehmen würdest, du sie gewiß bi lliger kaufen möchtest." (Gambettistische s.) Schultze: „Haste jelesen. Alle französischen Blätter meinen, Frankreich habe mit Gambetta einen jroßen Staatsmann verloren!" Müller: „Kennen jrvßen, aber eenen dicken; denn er war die letzte Zeit mehr beleibt als beliebt." Sch.t „So is etl" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von llr. Max Hnttler.