Nr. 7. 1883. zur „Äugsliilrger postMuug." Mittwoch, 24. Januar Jörg von Maldeck. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch e n k. *) (Fortsetzung.) Martha ergriff, als sie mit der Burgfrau allein war, die Hand derselben und küßte sie unter Thränen. „O wie schmerzlich berührt uns Alle in der Burg die traurige Nachricht!" sprach sie. „Wir lieben ja unsern Burgherrn wie den leiblichen Vater und sind überzeugt, daß die Kunde nicht nur im Dorfe, sondern auch in der ganzen Waldecker Herrschaft allgemeine Trauer erwecken wird. — Der Burgwart und das ganze Gesinde wollte Euch, edle Herrin, noch heute das Beileid ausdrücken, doch bat ich sie, dieses auf morgen zu verschieben. Die alte, treue Gertrud wollte sich gar nicht abhalten lassen, Euch noch zu trösten! — Ach, wie wird meine gute Mutter jammern, wenn sie morgen Nachricht erhält! Und der, brave Kuno, der treue Jägerbursche! — Gottlob, daß mein Vater diesen Schmerz nicht mehr erleben mußte!" — Dann nach dem Auskleiden fuhr sie fort: „Wir Alle glauben und hoffen, daß Herr Jörg wiederkehren wird und Gertrud sagte: Seid unbestrgt, Kinder! Wir sehen den edlen Ritter gewiß bald wieder, denn ich habe, wenn ein Todfall in einer mir befreundeten Familie eintreten wird, jedesmal eine Vorahnung, die mich noch nie getäuscht hat. Als Herr Jörg im Winter, in tiefem Schnee fortzog aus Waldeck, da war ich wohl tief betrübt ob seinen Scheivens, mehr aber jammerte mich die edle Burgfrau. Doch, ich sage euch, ich hatte damals das Gefühl, daß Herr Jörg glücklich Heimkehre» werde und habe es noch. — Dann erzählte sie uns Folgendes aus ihrer Jugend: Als ich noch eine junge, saubere Dirne war, sagte sie, da ging mir ein schöner Bursche nach, des herrschaftlichen Fischers Sohn, Martin. Er kam auch in das Haus meiner Eltern und gefiel ihnen wohl, denn sie wußten» daß er fromm und arbeitsani war und seinen alten, kränklichen Vater dankbar unterstützte, wie das vierte Gebot es von uns fordert. Als er eines Tages die Frage an mich stellte, ob ich sein Weib werden möchte, wenn er das Fischergeschäft allein übernehmen würde, da mußte ich Ja sagen und auch meine Eltern waren einverstanden. Aber, denkt Euch, ich konnte den Gedanken nicht aus dem Kopfe bringen, daß aus der Heirath nichts werden wird. Eine Ahnung sagte mir, daß ein wesentliches Hinderniß eintreten werde und so kam's auch. Der Tag der Hochzeit war festgesetzt, aber am Vorabend ertrank Martin beim Fischen, indem der Seesturm den Einbaum umstürzte." Frau Agatha hatte schweigend der Erzählung zugehört, dann dankte sie der Zofe für ihre und des übrigen Gesindes Theilnahme und verabschiedete Martha mit den Worten: „Betet für unseren theuren Burgherrn! Gute Nacht!" *) Zu Anfang unserer Erzählung ist in Folge eines Druckfehlers vom Jahre 1144 die Rede, was jelbstverständlich in 1444 zu corrigire» ist 50 Selbst die Natur trauerte mit Agatha, denn das Firmament, von welchem noch kurz vorher die Sterne so friedlich niederblickten auf See und Thal, wurde allmählig von Wolkenschleiern überzogen, die sich mehr und mehr verdichteten und endlich in schweren Regengüssen sich entleerten. III. Eine Wegstunde von Schliers entfernt befindet sich am Nordfuße des Romberges der Weiler Attenhofen. Einer der dortigen Bauernhöfe heißt: der Jrgenbauernhof. — Schon im zwölften Jahrhundert befand sich hier eine waldeckische Schwaige, welche Ende des vierzehnten Jahrhunderts von Georg oder Jörg dem Aelteren von Waldeck die Jürgen- Schwaige genannt wurde. Dort hatte auch unser Jörg ein Oekonomiegut mit Schweizerei, zu welchem die Valepp- und Spitzingalpe gehörten. An einem warmen Sommerabend, wenige Tage vor St. Johannis, saßen zwei Männer auf der Bank vor der Alphütte am Spitzing. Der Eine, ein kräftiger, hübscher, blondlockiger Bursche in den dreißiger Jahren mit frenndlihem Gesichtsausdrucke war der Senne und Schweizer, Rudi, von Altenberg. Der Andere war ein alter, gebückter Mann mit dunkler, von der Sonne gebrannter Gesichtsfarbe, ernsten, ja nnheinüichen Blicken. Sein graues Bart- und Haupthaar hing in schmutzigen Strähnen auf Brust und Genick lieder. Der Mann, ein tiefer Sechziger, mochte einst groß und kräftig gewesen sein, jetzt verriethen seine gefurchten Züge, sein unheimlicher Blick, daß in seiner Seele heftige Stürme getobt haben und daß noch keine Ruhe in dieses Herz sich gelegt habe. Der lederne Anzug war beschmutzt und geflickt, der breitkrmnpige, spitze Filzhut trug die Farben des Regenbogens. Reben dieser Banditengestalt stand am Boden die Kraxe, in welcher sich Enzianwurzeln, Kräuter und einige Flaschen mit Medikamenten für krankes Bieh befanden. Der Bolkemund nannte diese verwitterte unheimliche Gestalt: der Waldteufel. Sein Taufname war Andreas, jedoch unter diesem hörte man ihn nur von zwei Personen nennen, nämlich von Rudi, dem Senner und von Martha deä' Zofe. Andreas war in Wälschland geboren, hatte früh seine Eltern, welche sich als Hirten kümmerlich fortbrachten, verloren und war von einem tiroler Benediktiner-Mönche, welcher den Knaben auf einem Krankenbesuche getroffen und von dessen mißlicher Lage erfahren hatte, in sein Kloster gebracht worden. Hier gefiel es dem wilden Knaben nicht, er suchte das Weite und als Hirte sein Brod. Auf einer Alpe des Grafen von Wollenstem nahm ihn der alte Senne auf, unterrichtete ihn in der Kenntniß der Alpenkräuter und ihrer Wirkungen, wie in der Bereitung von Heiltränken für Menschen und Bieh. Durch Ritter Äuno von Wollenstem wurde Andreas dein Vater unsers Jörg von Waldeck empfohlen und kam nach Altenberg, wo er sich als tüchtiger Schweizer, sorgfältiger und eifriger Senne bewährte. Andreas war bereits zehn Jahre in waldeckischen Diensten, als ein seltsames Er- eigniß den sonst so heiteren, lebenssrischen und rührigen Burschen vollständig veränderte. Er hatte eines Sommers die Valepp-Alpe bezogen und ihm waren zwei Mägde gefolgt, welche ihn in der Pflege des Vieh's zu unterstützen hatten, für ihn kochten und außerdem das Bieh hüten mußten. Eines dieser Mädchen, Namens Mechtild, war erst in den Dienst getreten. Ihre schönen Körperformen, ihr heiteres, unschuldiges Gemüth und die Gabe des Gesanges, den Andreas so sehr liebte, ließen in seinem Herzen bald die stille Liebe sprossen. — Häufige Besuche eines jungen Fischers vom Schliersee auf der Valeppalpe erfreuten ihn, denn dieser brachte jedesmal seine Zither mit und so schwanden die Sonntag-Nachmittags- stunden unter Gesang und munteren Gesprächen. Bald aber merkte Andreas, daß zwischen Mechtild und dem Fischer ein inniges Liebesverhältniß bestehe, und als er eines Tages im Scherze Anspielung auf ihre Zuneigung zu dem hübschen Burschen machte, gestand Mechtild offen ihre Liebe und die Hoffnung einer baldigen Vereinigung Beider. Andreas ließ dem Mädchen nicht merken, was in seinem Herzen vorgehe; nach wie 5l vor war er ihr gegenüber der heitere Senne und empfing den Fischer so freundlich, wie früher. — Da kam eines Tages der Vater des Fischers auf die Alpe und erkundigte sich nach dem Sohne, welcher schon seit vier Tagen abgehe. Er sei letzten Sonntag nach der Kirche zu Fischhausen fort und, wie er einem Bekannten mitgetheilt hatte, auf dem Wegs in die Valepp. Mechtild, wie Andreas und die ältere Dirne behaupteten, ihn zwar erwartet, aber nicht gesehen zu haben. Die Fischhauser und Nachbarn suchten mehrere Monate nach dem Vermißten, endlich kurz vor Abtrieb von den Alpen fand der Jäger Kuno in einer Schlucht des Todten- grabens, nicht weit vom Saumwege, welcher vom Spitzingsee nach der Valepp-Alpe führt, unter Tannen- und Fichtenästen den halb verwesten Leichnam des Fischers. Die Rüden des verstorbenen Jägers hatten ihn aufgespürt. Als man das Vieh von den Alpen Heimtrieb und der stattliche Zug geschmückter Kühe und Kalben, die Saumrosse mit den Alpen-Geräthschasten beladen, gegen den Spitzingsee hinauf zogen, hatte sich Andreas von den Dirnen getrennt und war voraus» gegangen. Er wußte, daß die Eltern des ermordeten Fischers einstweilen ein hölzernes Kreuz neben der Brücke des Todtenbachgrabens aufstellen ließen, damit Wanderer für die arme Seele ihres Sohnes ein andächtiges „Vater unser" beten. Mechtild hatte mit der älteren Dirne einen Kranz aus Epheu und Immergrün gewunden und trugen denselben mit sich, um ihn an dem Kreuze aufzuhängen. Andreas gab vor, früher als der Alpenzug in Attenhofen eintreffen zu müssen. Als er an die Brücke trat und das Erinnerungsdcnkmal an den ihm so bekannten jungen Fischer zu Gesicht bekam, erbleichte er und eilte rasch über die Brück«. — Was erschreckte denn den so rüstigen Sennen? — Rings um ihn her war kein Mensch, kein Thier zu sehen! Soll das Rauschen des neben dem Wege lustig dahin strömenden Spitzingsee- baches, das ihm doch so bekannt war, ihn beängstigen? — Wohl zieht heute der Wind durch's enge Thal und rauschen die Blätter der Buchen am Wege, aber dieses Rauschen hörte der Senne so oft und gerne! — Längst war das Gerede über das Auffinden der Leiche im Todtengraben verstummt, da faßte Andreas, als er an einem stürmischen Winterabend am warmen Kachelofen in der Jörgenschwaige saß und Mechtild neben dein Eichentische spann, denn Entschluß, dem Mädchen seine innige Liebe zu gestehen. Diese aber wies ihn entschieden ab, versicherte ihn, daß mit dein Fischer ihre Liebe begraben sei und daß sie in wenigen Tagen die Schwaige verlassen und zur kranken Mutter nach Reichersdorf ziehen werde. Sie bat ihn, ihrer nicht mehr zu gedenke», sie nie zu belästigen, denn nie könne sie sein Weib werden. Wenige Tage darauf, als Andreas abwesend war, verließ Mechtild die Schwaige; Ersterer aber ward trübsinnig, scheu und kümmerte sich wenig mehr um sein Geschäft. Tagelang war er abwesend, theils in den Wäldern, theils um krankes Vieh der Nachbarn zu behandeln. Die Folge davon war selbstverständlich seine Entlassung aus dem waldeclischen Dinste. Nun ging es rasch abwärts mit dem einst so braven, tüchtigen Sennen. Rastlos trieb es ihn von einem Orte zum Andern, nirgens fand er Ruhe, bis er nach dem Tode des alten Waldeckers wieder an den Echliersee zog, ein unheimlicher Gast in Burg und Solde, doch gesucht wegen seiner Geschicklichkeit in der Behandlung kranker Menschen und Thiere und in der Bereitung des Enzian-Branntweins. In der verödeten und in Folge eines Felssturzes größtentheils zerstörten Burg Hohen-Waldeck, davon Reste am östlichen, walvigen Berg-Gehänge dem Wanderer von längst vergangener Z it erzählen, hatte sich der Waldteufel in dein aus der Römerzeit stammenden Wartthurme sein Lager bereitet und benutzte das im Kellergeschoße befindliche, ehemalige Verließ, zu welchenr man mittelst einer Leiter gelangen mußte, zur Aufbewahrung seiner Kniutcr- und Branntweinvorräthe. 52 Einsame Wanderer, welche um Mitternacht von Fischhausen her um das Waldeck gegen Fischhausen zogen, sahen häufig das Thurmfenster erleuchtet und flüsterten sich leise zu: „Der Waldteufel kocht noch seine Kräuter!" — Kehren wir zur Spitzing-Alphütte und zu den beiden Männern, welche vor derselben saßen, zurück. „Was sagst Du", begann Rudi, „zu der traurigen Nachricht über unsern lieben Ritter Jörg? Ich habe seitdem keine fröhliche Stunde mehr, und die arme Burgfrau jammert mich schon recht, der sieht man Sorge und Kummer wohl an!" Andreas starrte vor sich hin, dann entgegnete er: „Was kümmerts mich? — Des Jörg's Vater hat mich kurz vor seinem Tode fortgejagt, weil ich eine Zeit lang närrisch gewesen bin, wegen der Mechtild. Ich wäre schon wieder zu mir kommen, das Leid hätte sich gelegt. Aber wie ich keinen Dienst mehr gehabt habe, bin ich ganz verrückt geworden und mag nichts mehr, was waldeckisch ist, außer Dich und die Martha. Ihr Beide seid noch freundlich mit mir und heißt mich den Andres, nicht den Waldteufel, wie die andern." „Du", sagte Rudi, „weil Du von der Martha redest, fällt mir ein Auftrag ein. Sie möchte ein Fläschchen Wurzen-Branntwein. Ich muß es ihr durch den Hirtenbbuben schicken in die Burg." Der Alte hob die Kraxe auf und suchte unter den Kräutern »ach der Flasche, während Rudi in die Hütte ging und einige Käslaibchen holte, als Gegengabe. Als er sich wieder niedergelassen und die Flasche zu sich genommen hatte, frug Andreas: „Trinkt die Martha den Enzian selbst?" dabei sah er den Rudi spöttisch an. „Beileib nicht!" antwortete dieser und rückte näher zu dem Alten heran. Dann fuhr er leiser sprechend fsrt: „Ich bin schon darauf gekommen, wer den Enzian trinkt. Ehe wir auf die Alm hinaufgezogen sind, habe ich der Jägerswittwe auf der Halbinsel Käslaibl'n bringen müssen. Wie ich über die Breitenbachbrücke in den Wald hinein gekommen, steh'n der Kuno und die Martha am Weg. Er hat seinen Arm um ihren Hals gelegt und ganz leise haben sie miteinander geredet, bis sie mich gehört haben." „So, so!" — rief der Alte. — „Der Kuno und die Martha! — Er wird wohl bald herrschaftlicher Jäger, nachher kann die brave Martha sein Weib werden. — So hätte es der Andres mit der Mechtild auch vorgehabt!" — Er senkte sein Haupt und kratzte mit der Bergstockspitze in die rauhen Pflastersteine vor der Hütte. — Da tönte vom Thals herauf vielstimmiges Abendgeläute. Der Senne nahm seinen Hut ab, bekreuzte sich und betete leise. Andreas aber sah starr hinaus in die Nacht und murmelte, dem Betenden unverständliche Worte. „Es war", sagte er, „eine schöne, unvergeßliche Zeit, da ich noch habe recht innig beten können, wie der Senn' da. Aber seit vierzig Jahr kann ich's nimmer, wenn ich auch möchte! So oft ich anfangen will, steht der junge Fischer vor mir. Aus der Brust quillt ihm das Blut und wie er zusammenstürzt ruft er: Andres, der Lohn bleibt nicht aus!" Tiefaufseufzend fuhr er dann fort: „Er ist nicht ausgeblieben der Lohn l — Der Mord verfolgt mich Tag und Nacht, bis in Ewigkeit!"- Der Senne bekreuzte sich wieder setzte seinen Hut auf und sagte: „Was hast Du denn gebetet, Andres? Ich habe kein Wörtchen verstanden!" „Du brauchst nicht zu verstehen, was ich bete", entgegnete dieser. „Es ist ein gar trauriges Gebet das!" — Dann erhob er sich von der Bank, nahm die Kraxe auf die Schulter und sagte: „Jetzt wird es hell hinterm Romberg; der Mond kommt bald herauf. Heute haben wir St. Achaz, da muß ich, wenn der Mond das alte Kreuz im Krottengraben beleuchtet, das Lungenkraut brocken." „Nun, Andres!" entgegnete der Senne, der sich ebenfalls erhoben hatte. „Da hast Du noch einen weiten, beschwerlichen Weg!"' „Thut nichts! — Für einen Waldteufel ist kein Weg zu schlecht", antwortete Andres „Heute gilt es, der saubern Freudenreich-Nesl einen heilsamen Trank zu kochen. Die Dirn darf nicht an der Lungenschwindsucht sterben, so lange der Waldteufel noch helfen kann." „Gute Nacht, Andres!" rief der Senne. „Komm bald wieder in Heimgarten!" Die Beiden reichten sich die Hände, dann stieg Andreas rechts dem Jägerkamm zu; Rudi aber ging in die Hütte, schloß die Thüre und legte sich in's Heu. Bald erquickte ihn ei» wohlthätiger Schlaf. (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Melancholie, Wer maß je deine Tiefe? fand den Boden? Zu rathen, welche Käst' am leichtesten Der schwer belad'nen Sorg' als Hafen dient? Wie entzückend Und süß ist es, in einer schönen Seele Verherrlicht uns zu fühle»; es zu wessen, Daß uus're Freude fremde Wange röthet, Daß uns're Angst in fremdem Busen zittert, Daß uns're Leiden fremde Augen wäffern. Shakespeare. Schiller. Es gibt zweierlei Gattungen von Zufriedenheit: Die eine mit der Welt, die andere mit sich selbst. Beide genießen ist freilich schön — aber schwer. Kannst Du sie aber nicht beide vereinigen, so laß' die Welt fahren und halte Dich an Dein Herz. Kotzebue. Unschuld! Nur wen» Du Dich nicht kennst, wie die kindliche, dann bist Du eine; aber Dein Bewußtsein ist Dein Tod. Jean Paul. Was plötzlich kommt, hat stets des Wunders Kraft. N a u p a ch. Nie erwirbt man sich Hochachtung, Wo man Alles von sich wissen, Alles übersehen läßt. Herder. Die Hoffnung gleicht der Palme; sie strebt zum Himmel kühn, Doch gleich der trauten Myrthe wahrt sie ini Herbste ihr Grün. Jul. Hammer. Die Resultate der Ausgrabungen von Olympia. III. Diese beiden großen dorischen Tempel vermehren unseren knappen architektonischen Denkmäler-Vorrath der griechischen Welt recht erheblich. Nichts Wesentliches bietet das „M etroo n", der jüngste und kleinste von den drei Tempeln der Altis. Was sonst noch innerhalb der letzteren an Bauten zu finden war, beschränkt sich auf die Schatzhäuser, welche sämmtlich nach dem Schema kleiner Tempel gebaut waren und den Nordrand der Altis bildeten; ferner auf einige Hallenbauten. Außerhalb des heiligen Bezirkes, zum Theil mit der Mauer desselben in Verbindung stehend, zog sich eine Reihe der verschiedenartigsten Gebäude hin: Ningschulen, Palastanlagen der römischen Kaiser, ein Nath- haus, Hallenanlagen, Gebäude zu gastlichen Zwecken, vor Allem nach Osten zu die beiden Rennbahnen für die Menschen und die Pferde. Sie bieten dein Archäologen und Architekten des Interessanten und Neuen sehr viel; uns soll hier nur noch die Ausbeute in Anspruch nehmen, welche die Geschichte der Plastik dorr gemacht hat. Auch diese Kunst ist den Hellenen nicht ursprünglich, sie haben sich dieselbe erst in Folge der Berührung mit semitischen Stämmen angeeignet. Denn die arischen Völker bildeten sich ursprünglich allesammt keine greifbaren Idole ihrer Gottheiten. Sicher ist eS, daß die griechische Plastik, der wir in ihren reinsten und reichsten Schöpfungen mit Recht die bedingungsloseste Bswunderuna »ollen eininal auf dem Nivean gestanden hak, 54 kleinasiatische Idole einfach nachzuahmen. In Olympia fehlt es keineswegs an Funden, welche auf diesen frühesten, kindlichen Zustand der griechischen Kunst hinweisen. Es wird auch für den Dilettanten ganz lehrreich sein, diese steifen, abstoßenden Werke einmal ins Auge zu fassen, um sich klar zu werden, welcher Entwickelungsgang von da bis zur Hera Ludovisi oder dem Sophokles des Lateran in einem Zeitraum von 400 Jahren zurückgelegt worden ist. Abgesehen von einigen kleineren Idole», die man außer den Olympia- Merken auch in der Ausstellung der Gyps-Copieen im Oumpo snnvto am Tom in Augenschein nehmen kann, verdient der Kopf des Tempclbildes der Hera Beachtung, dessen Erhaltung als besonders günstiger Zufall bezeichnet werden darf. Es ist dies ein Werk von ausdrucksloser, maskenhafter Häßlichkeit. Dann aber beginnt das Leben der hellenischen Kunst sich zu regen, die Behandlung der Muskulatur und des Fleisches wird natürlicher, die Bewegungen ungesuchter und freier, der Gesichtsausdruck sprechender. Auch das Compositioustalent entfaltet sich; in den spärlichen Resten eines Hochreliefs, welches den Giebel des Schatzhauses der Megareer füllte, haben wir eine der ältesten Kampfesgruppen, und zwar aller Wahrscheinlichkeit zufolge einen Gigantcnkampf. Stufenweise werden wir in die Periode der reifsten Entwickelung der griechischen Plastik hineingeleitet — um hier gerade enttäuscht zu werden. Der Stil der großen peloponnesischen Künstler Polykletos und Lysippos ist nicht in Olympia vertreten, und aus der Werkstatt des größten attischen Meisters Phidias haben wir in den Sculpturen des Parthenon in Athen Kunstwerke, welche technisch sehr viel höher stehen, als die Tempelsculpturen von Olympia. Dennoch sind die letzteren immerhin von unschätzbarem Werthe; namentlich ist es ein Schüler und Nachfolger des Phidias, und zwar „der seiner künstlerischen Weisheit nach ihm zunächst Stehende" (wie Pausanias meldet), den wir in Olympia zum ersten Male kennen lernen. Alkamenes hatte den Auftrag erhallen, die Füllung des westlichen Giebelfeldes am Zeustempel anzufertigen; er wählte oder erhielt den Auftrag, den Kampf zwischen Lapithen und Kentauren zu bilden, und hat eines der leidenschaftlichsten, wildesten Schlachtbilder geliefert, das wir aus dem Alterthum kennen. Die Betrachtung desselben, wie es in der Olympia-Ausstellung wieder hergestellt ist, kann als höchst lohnend bezeichnet werden. Die östliche Giebelgruppe ist in einer weit weniger genialen Weise von Paionios angefertigt worden, einem thrakischen Künstler, dessen Nike, eines der am frühesten entdeckten Werke, ziemlich allgemein bekannt geworden ist. Dasselbe ist in der That eine großartige Lösung des Problems, eine vom Himmel zur Erde herabfliegende Frauengestalt plastisch darzustellen, und es zeigt das Können des Meisters in weit vortheilhasterer Weise, als jene Giebelgruppe, die in der That erhebliche Mängel auszuweisen hat. — Nicht quantitativ, aber qualitativ glänzend ist die jüngere attische Kunstschule in Olympia vertreten. Der in ästhetischer Hinsicht werthvolle Fund der gesammten olympischen Grabungen, der schnell populär gewordene Hermes mit dem D i o n y s o s k n a b e n bietet das einzige, völlig sicher aus der Hand des P r a x i t e l e s hervorgegangene Werk, welches wir haben. — Die Zeit der Diadochen ist schwach vertreten, dagegen sind werthvolle statuarische Bildwerke in großer Anzahl zu Tage gekommen, welche von römischen Kaisern und Großen nach Olympia gestiftet wurden. Sie bieten mit den glänzenden Bauten zugleich den Beweis, daß die alte Fest- und Culturstätte auch in der Kaiserzeit noch in hohem Ansehen stand. An die Marmorplasti! reiht sich naturgemäß die T ö p f e r k u n st an. Ungewöhnlich zahlreich und zum Theil von großer Schönheit sind die in Olympia gefundenen Bau-Orna- wente, Zierglieder und Architekturtheile aus gebranntem Thon. Der Mangel an guten, bequemen zu bearbeitenden Steinsorten in jener Gegend mag diese Industrie in Olympia besonders befördert haben. Einige dieser Terrakotten lassen deutlich erkennen, daß sie als Bekleidung hölzerner Balken verwandt wurden. Wir konnten hier das Wesentliche in den am Alpheios gemachten Funden und Entdeckungen bestenfalls eben nur streifen. Wer auf dieses und jenes genauer einzugehen 55 wünscht, dem seien die fünf Bände des großen „Olympia-Werkes" (Verlag von E. Was» muth) empfohlen, welches von Adler und Curtius herausgegeben worden ist: sehr belehrender Text und Tafeln in Lichtdruck, bez. Holzschnitt. Allein dies Werk ist sehr theuer und somit nicht Jeder»,an zugänglich; deshalb war es ein guter Gedanke, daß die unternehmende und rührige Verlagsbuchhandlung von Ernst W a s m u t h in Berlin einen Auszug des umfangreichen Werkes gebracht hat, der an Text und Abbildungen das Wesentliche enthält. Auch das von E. Curtius und F. Adler herausgegebene chartographische Werk „O lympia und U m gebung" mit sehr schönen von Kaupert aufgenommenen Karten, kann zur Orientirung über die Bodenformation von Elis und die Lage der Altis dienen. — Alles in allem hat das deutsche Reich mit dieser seiner ersten größeren wissenschaftlichen Unternehmung Ehre eingelegt und der Alterthums-Wissenschaft einen erheblichen Dienst erwiesen. Dürfen wir an dieser Stelle einen Wunsch äußern, so ist es der, daß, sofern die Finanzen des Reichs es erlauben, bald einmal ähnliche Mittel der Erforschung der vaterländischen Kunst dienstbar gemacht werden. Daß hier noch Mancherlei in. Argen liegt, weiß jeder Kundige. L. l?. Weisung. Tief in die Berge flieh hinein Mit aller Deiner Herzenspein, Wenn Dn Dir keinen Freund gewannst, Bon dem Dn Trost empfangen kamist. Dort, wo der Lärm der Stadt verhallt, Im wilden Bach, im dunklen Wald, Aas Bergeshöh' im stillen Thal Genesung suche allzumal. Der Frieden felt'nen Zauber übt, Der weit und breit Dich dort umgibt, Er schleicht sich in das wunde Herz Und lindert selbst den herbsten Schmerz. Du stehst allein und bist's doch nicht, Weil die Natur rings zu Dir spricht Im Wasscrbransen, Windesweh'n, Im Grünen, Blühen und Vergeh',,. Dn findest, Dich zu fassen, Zeit Tief drinnen in der Einsän,keit, Und sammelst Deine ganze Krast Znm Kamps mit Schmerz und Leidenschaft. Und siegreich wirst Dn ihn besteh',. Gefaßt zurück in's Leben geh'», Das neuen Reiz und Glanz gewinnt, Wenn wir ihm lange serne sind. Heinrich Frei mann. M L s e e l l e,r. (Die im Jahre 1882 errichteten Denkmäler) repräsentiren eine hübsche Zahl. Ob die Zahl der Männer, welche einst würdig erachtet werden, in Stein oder Erz nach ihrem Tode verewigt zu werden, in gleichem Verhältniß zugenommen hat, ist schwer zu beantworten. Jedenfalls muß dein Jahre 1882 eine gewisse Manie im Errichten von Mnkmälern zugeschrieben werden. Auch wird es nicht mehr als Regel betrachtet, daß verdienstvollen Männern er st nach ihrem Tode ein Monument errichtet wird, denn verschiedene genießen schon das Vorrecht, bereits bei Lebzeiten das eigene Denkmal anschauen zu dürfen. Im Nachfolgenden führen wir die im Jahre 1882 errichteten Denkmäler in alphabetischer Reihenfolge auf: 1. Alexander II., Kaiser von Rußland, enthüllt in Sofia, der Hauptstadt von Bulgarien, am 11. Juli; 2. Arnold von Brescia, in Zürich (14. Aug.); 3. Franz von Assisi, in Assist (1. Oct.); 4. Robert Burns, schottischer Dichter, in Dunsries (12. Mai); 5. Becquerel in Chavillon-du-Lond (12. Sept.); 6. Thomas Carlyle in London Chelsea (26. Oct.); 7. Carnot in Nolay (3. Sept.); 8. Pierre Fermant in Beaumont de Lomagne (12. Aug.); 9. Fröbel in Schweina (21. Juli); 10. Philippe de Girard, Erfinder der Flachsspinnmaschine, in Avignon (7. Mai); 11. v. Graefe, der bekannte Augenarzt, in Berlin (22. Mai); 12. Gladstvne in London (9. Aug.); 13. Hache in Oran (25. Juni); 14. Karl v. Holtet in Breslau (im Januar); 15. Kaiser Joseph II. in Neustadt (27. Aug.), rn Saaz (7. Oct.) und in Mukhow-Hiobschitz (8. Oct.); 16. Corn van Kiel, belgischer Dichter und Historiker, in Dussel (8. Mai); 17. Lakanal, Unterrichtsreformer der ersten französischen Republik, in Foix (24. Sept.); 18. Lessing in Frankfurt a. M. (27. Sept.); 19. Mazzini in Genua (22. Mai); 20. August Mariette - Bey, Egyptologe in Boulogne-sur-Ncar (16. Juli); 21 O'Connell in Dublin (15. Aug.); 22. Petöfi, ungarischer Dichter, in Pest (15. Oct.); 23. Sir Novland Hill, Reformator des Postwesens in England (17. Juni); 24. Rabelais in Chinon (2. Juli); 25. Nouget de l'Jsle, der Dichter der Marseillaise, in Choisy le Roi (23. Juli) und in Lons le Saulnier (27. Aug.); 27. Savanarola in Florenz (25. Juni); 27. Oliver de Serres, welcher im 16. Jahrhundert die Seideuindustrie in Frankreich einführte, in Aubenas (l. Mai). Daneben wurde noch eine Anzahl Gedenktafeln an den Geburtshäusern :c. hervorragender Männer, sowie verschiedene Grabdenkmäler errichtet. In Deutschland für den Dichter Hammer in Pillnitz bei Dresden (7. Juni), Professor Römer in Clausthal (ilb. Juni), für den Dichter Wilhelm Hauff in Stuttgart (7. Juli), den Dichter Ludwig Storch in Nuhla in Thüringen (2. Juli), auf dem Grabe des Nordpolfahrers Weyp recht in König im Odenwald, Hessen (11. Aug.), für Stüve, hannover'scher Staatsmann, in Osnabrück, (17. Sept.), Prinz Adalbert von Preußen in Wilhelmshafen (16. Sept.), auf dem Grabe der Loise Büchner in Darmstadt (26. Sept.), des Zoologen Ph. F. Siebold in Würzburg (2. Oktober), des Pädagogen und Kinderschriftstellers Diesterweg in Mörs (7. Oct), endlich des Architekten Lucae in Berlin (19. Dec>). (Für Autographensammler.) An Paul Lindau wandte sich dieser Tage ein Mitglied der Familie Rothschild, welches Autographen sammelt, und bat den bekannten Bühnenschriftsteller zur Vervollständigung seiner Sammlung um eins von Paul Lindau geschriebene Zeile. Dieser schrieb auf ein Blatt: „Reichthum schändet nicht. Paul Lindau." (Philosophie.) Ein englischer Soldat, der zum erstell Mal ein Feuergefecht mitmachte, vollzog plötzlich eine Bewegung nach rückwärts. „Du bist ein elender Feigling!" rief ihm einer seiner Gefährten zu. „Möglich erwiderte der Netirirende, „allein ich ziehe es vor, 5 Minuten lang ein Feigling zu sein, als mein ganzes Leben hindurch — ein Leichnam." (Glückliche Familie.) Die „MecklenburgerZig." veröffentlicht folgende Familisn- nachricht: „Die Verlobung unserer Tochter Luise mit dem Herrn Ludwig Notemann in Berlin beehren wir uns hierdurch anzuzeigen. Schwerin, den 1. Januar 1883. Schleifer H. Conze und Frau. Dat is de Letzt von dat half Dutzend." (Aus der Weihn nchts woche.) Stoßseufzer eines Hausherrn, der mit Nadel und Zwirn bewaffnet ist: „Meine Frau und meine Töchter haben mit den gestickten Hosenträgern und Pantoffeln so viel zu thun, daß ich mir selber die Hemdknöpf' annähen muß." *' (Entla-stung.) Richter (zu einem Studenten, der wegen nächtlichen Exzesses angeklagt ist): „Da Sie Jurist sind, ist Ihr Vergehen um so strafbarer!" — Ücuckicwus zum.-: „Dagegen muß ich als mildernden Umstand anführen, daß ich bei meinem letzten Examen durch gefallen bin, man mir also doch nicht Rechtskenntniß vorwerfen kann." (Triftiger Grund.) „Was ist denn das den ganzen Tag für ein einsames Gepfeife?" — Gefreiter: „Entschuldigen, Herr Lieutenant, die Mannschaft muß für die Menage Wecke schneiden, dazu muß man pfeifen lassen, sonst fressen sie 8ie Hälfte davon weg." (Das Lebensglück des Herrn Schnelzle.) Schnelzle (wehmüthig): „Ich habe auch einmal mein Lebeusglück mit Füßen getreten. Ich konnt' ein Mädchen haben, schön, häuslich, klug, mit 50,000 Thalern. (Mit gesteigertem Pathos:) Sie mochte mich aber nicht!" Für die Redaktion verantwortlich Alphous Planer in Augsburg. — Druck und Verlag dcs Literarischen Instituts von Or. Max Huttler.