zur -4 Nr. 9 Mittwoch, 31. Januar L883. Jörg von Mrilderk. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) V. Es war um die fünfte Nachmittagsstunde des Laurenzitages. Ein wolkenloser Himmel wölbte sich über dem schönen Schliersthale und spiegelte sich und die malerischen Berge und Wälder in der klaren Seefläche. In der schattigen Laube des Jägerhauses auf der Halbinsel saßen vier Personen. Frau Agatha von Waldeck, die edle Wittwe von Pienzenau, Pater Raimund von Schliers und Probst Christian von Weyarn, welcher zur Erhöhung der heutigen Kirchenfeierlichkeit in Schliers eingetroffen und in der Waldecker Burg zu Gast geladen war. Nachmittags begleiteten die Geistlichen die Herrschaften auf die Halbinsel, wo dieselben mit Wein und kaltem Wildpret bewirthet wurden, während die Frauen ihren gewöhnlichen Nachmittagsimbiß, kalte Milch, zu sich nahmen. Pater Raimund hatte von dem im Jahre 1346 stattgehabten Brande des Stiftsgebäudes und der Kirche zu Schliers erzählt. Da gedachte der Weyarner Probst der Verdienste des verlebten Ritters Georg von Waldeck für sein Stift und betonte, daß Weyarn seinen Bemühungen und seinem hohen Ansehen die Einverleibung der Pfarrei Neukirchen zum Stifte Weyarn zu danken habe, denn das Kloster sei in Folge von Brandunglücken gänzlich verarmt. „O, erzählet doch!" bat Agatha. „Ich höre gerne von dem seligen Schwiegervater. Er war ein treuer, gewissenhafter Schirmherr ves hiesigen Stiftes, ein Freund der armen Klöster und ein thätiger Verehrer seines heiligen Namenspatrons, denn ihm zu Ehren erbaute er um 1350 das Kirchlein auf dem Weinberge, wo ich oft für sein Seelenheil mit meinem armen Jörg betete. — Noch jetzt ist mir das stille Gotteshaus ein Lieblingsaufcnthalt, den ich niemals ohne Trost und Hoffnung verlasseI" — Probst Christian begann nach einer kleinen Pause: „Ich muß um Nachsicht bitten, wenn ich eines wichtigen Ereignisses wegen, in meiner Erzählung in die Zeit des ersten Brandes in Weyarn zurückkomme. Die Folgen des ersten Brandes sind ja die Ursache des völligen Zusammensturzes der Klostermauern bei dem zweiten Brande und der gänzlichen Verarmung des Stiftes, welcher nur durch Einverleibung einer größeren Pfarrei einigermaßen entgegengetreten werden konnte. Es war im Herbste des Jahres 1236 als in dem nördlichen Flügel des Convent- gebäudes Feuer ausbrach und den größten Theil des Klosters zerstörte. Die Umfassungsmauern bestanden aus Kalktuff aus dem nahen Mühlthale, welches durch die große Hitze, wie in einem Ofen gebrannt wurde und seine Tragfähigkeit einbüßte. Dennoch setzte man später die neuen Umfassungswände der zerstörten oberen Gaben auf dieses Mauerwerk, ein Fehler, der sich 114 Jahre später unter Probst Albertus schrecklich rächte. 66 Hierüber erzählt uns 'Probst Heinrich, der Nachfolger des unglücklichen Albert,' Folgendes: Albert, ein frommer und gelehrter Chorherr, war im Jahre 1350 nach Conrad II, Tode von seinen Mitbrüdern zum Probst gewählt worden und erwarb sich in kurzer Zeit durch strenge Nechtlichkeit und sein versöhnendes Wesen die Liebe und Achtung seiner Untergebenen. Albert lebte, wie als Chorherr, so als Probst zurückgezogen, meist in seiner Zelle mit Arbeiten oder Studien beschäftigt, wenn ihn nicht seine Pflicht zu den Brudern rief. Oftmals saß er am offenen Fenster und schaute sinnend hinab in das malerische Thal, welches dir grüne Mangfall im raschen Laufe durchströmt; sah hinüber auf die bewaldeten steilen Uferhänge und Höhen,' oder hinab nach Nordost, wo die Zinnen der Burg des wilden Kunz von Darchingen trotzig über die Wipfel der Tannen und Buchen hervorlugten. An einem Herbstabende desselben Jahres saßen der Probst und Pater Dominikus der Kastner im eifrigen Geschäflsgespräche in des Ersteren Zelle. Der Wind, welcher den Tag über von Westen her geweht und die welken Blätter der Eschen, Ulmen und wilden Kastanienbäums an der Fronte des Conventgebäudes von den Aesten getrieben hatte, steigerte sich allmülig und wuchs endlich zum heftigsten Orkan an. Da vernahm man plötzlich den Ruf: „Feuer!" — Die beiden Mönche erhoben sich rasch von ihren Sitzen und eilten der zum Corridor führenden Thüre zu, als diese durch den Frater Pförtner rasch geöffnet wurde. „Der Nefektoriumstock und die Bibliothek brennen!" rief der bestürzte Frater. Der Probst eilte den Corridor entlang und rief: „Vrüder, helft! rettet die Urkunden, bringt die Kirchenschätze in Sicherheit!" Die Chorherrn waren aus ihren Zellen herbeigeeilt und folgten rasch den Befehlen ihres Oberen, doch vergebens! — Die hölzernen Bedachungen der Neben- und Rück- gebäude, ja selbst das Kirchenbuch, waren durch die vom Sturme getriebenen brennenden Schindeln des Nefektoriumstockes, rasch in Brand gerathen. Uebcrdieß war an ein Löschen und Netten nicht zu denken, denn bei jedem heftigen Anpralle des Sturmes stürzten Massen von Umfassungswänden ein, so daß sich Niemand ohne Lebensgefahr den brennenden Theilen nähern konnte. Die Chorherren suchten in entfernteren Hütten und Häusern Schutz. Nur Probst Albert rannte, einem Wahnsinnigen gleich, im äußeren Klosterhofe umher. Vergebens suchte ihn Pater Dominikus von dieser, durch den Brand des Kirchendaches immer gefährlicher werdenden Stelle zu entferne». — Da brach der Dachstuhl der Kirche zusammen und durchschlug das Gewölbe. Eine mächtige Feuersäule stieg zum Himmel, wurde aber sofort vom Sturme ostwärts gegen das Haus des Hofwirthes getrieben. Probst Albert sank, wie ohnmächtig zusammen. Man brachte ihn sofort in Sicher» heit, aber kaum hatte sich der Arme erholt, stürmte er wieder dem brennenden Kloster zu. Gegen Morgen des nächsten Ta.geS ließ der Sturm nach und die aufgehende Sonne beleuchtete einen rauchenden Trümmerhaufen, — die Neste des Chorherren-Stiftes Weyarn. — Probst Albert war verschwunden und selbst die sorgfältigsten Nachgrabungen in dem Steinschutte führten zu keinem Nesultate, den Unglücklichen aufzufinden." — — „Schrecklich!" — So rief nach einer Pause Anna von Pienzenau. Frau Agatha fragte: „Hat man denn gar nichts mehr von dem Aermsten gehört?" „Nichts mehr!" antwortete ernst der Probst.- Nach einer peinlichen Pause, während welcher die Sämmtlichen in Wehmuth des armen Albert gedachten, fuhr der Chorherr von Weyarn fort: Mit Hilfe der Angehörigen und Lehensleute des Klosters wurde wenigstens der Convcntstock sogleich in bewohnbaren Stand gesetzt. Inzwischen thaten edle Wohlthäter ihr Möglichstes, durch Geld und Materialsendungen die Mittel zur Wiederherstellung der Kirckie -u beschaffen. Einer der größten Wohlthäter war Georg von Waldeck, dem Gott gnädig seil — Nachdem ein halbes Jahr nach dem Brande verflossen war, wählten die Vrüder zu des unglücklichen Albert Nachfolger den thätigen und einsichtsvollen Pater Heinrich. Dieser unermüdliche Klostervorstand wird in der Chronik der zweite Stuter genannt, denn seinen Bemühungen gelang es, das Stift in einigen Jahren wieder einigermaßen brauchbar herzustellen. Aber noch fehlten Paramente, Altäre und andere nothwendige Kirchenrequisiten. Die Bibliothek war, wenige Urkunden abgerechnet, ein Raub der Flammen geworden. Die Oekonomiegebäude waren nur zur Noth rasch aufgebaut, bedurften daher einer solideren Construktion. Alle diese Bedürfnisse konnten vom armen Chorherrenstifte nicht beschafft werden und wenn auch aus Salzburg und Tegernsee, dann von nahen Augustinerklöstern manche Geschenke anlangten, so reichte das nicht aus. Probst Heinrich mußte weitere Hilfe aussinnen. — Da kam er auf den Gedanken, die Einverleibung der Pfarrei Neukirchen zu erbitten. Diesen theilte er dem bewährten Freunde seines Stiftes, dem edlen Ritter Georg von Waldeck eines Tages mit, als dieser zum Besuche nach Weyarn geritten war. Georg billigte den Plan des Probstes und versprach, bei nächstem Besuche in Freising, dem Bischöfe Paulus daselbst den Wunsch Heinrichs vorzutragen und dessen Erfüllung zu bewirken. Wenige Wochen nach dieser Unterredung, — es war im Frühling des Jahres 1371 kam Herr Georg von Waldeck wieder gen Weyarn und überbrachte dem Probste die erfreuliche Nachricht, daß ihm von dem Bischof der Rath ertheilt worden sei, die Angelegenheit wegen Neukirchen bei Sr. Heiligkeit dem Papste persönlich mit dem Probste von Weyarn vorzutragen. Er werde als Beweis seines Einverständnisses die beiden Herren von seinem Freunde, dem gelehrten Theologen I)r. Alban von Fünfkirchen begleiten lassen. Bald darauf traten die drei Männer in Begleitung von zwei Dienern des Ritters die Reise nach Avignon in Frankreich an, wo damals die Päpste residirten. Es war wohl eine beschwerliche Reise in damaliger Zeit, durch Schwaben an den Genfersee und auf der Rhone abwärts nach Lyon und Avignon! Papst Gregorius XI. willfahrte den demüthigen Bitten des Probstes, nachdem auch Ritter Georg die traurigen Verhältnisse des Klösterleins zu Weyarn in rührendster Weiss geschildert und der bischöfliche Abgesandte dieselben bestätiget hatte. Die Reisenden kehrten wenige Tage darauf mit der päpstlichen Ermächtigung, wonach die Pfarrei Neukirchen dem Kloster Weyarn inkorporirt wurde, in die Heimath zurück und bald darauf traf der Freiiinger Bischof in Weyarn ein, um den Willen des Papstes zu vollziehen. Das Kloster aber wird, so lange dasselbe besteht, niemals vergessen, was es dem edlen Georg von Waldeck verdankt, wie es denn auch die von dem Genannten, im Jahre 1386 gestifteten Seelenämter in würdigster Weise feiert, wobei alle im Convente anwesenden Priester Beimessen für den unvergeßlichen Wohlthäter und seine Angehörigen celebriren. „Ich danke Euch, Herr Probst!" sagte Frau Agatha. „Ich wußte wohl, daß mein seliger Schwiegervater ein Freund und Gönner Eures Klosters war. Auch mein Jörg wird, wenn ihn Gott wieder in die Heimath zurückführen sollte, um was ich ihn ja stündlich bitte, dem Weyarner Kloster gewiß mit Rath und That beistehen, wenn es desselben bedarf.« Dann sprach der Probst zu Frau Anna von Pienzenau: „Auch Eurer Angehörigen gedenken wir in Folge der Stiftungen des Ritters Christian von Pienzenau in den Jahren 1380 und 1381 am St. Bartholomäusiage jeden Jahres.« „Ich weiß es!« erwiderte diese. „Mein seliger Christian war ja auch ein Freund der Augustiner Chorherren und ruht nun seit nahezu dreißig Jahren in der Weyarner Stiftskirche. Am nächsten Jahrestage der Stiftung komme ich ohnehin nach Weyarn. Vielleicht begleitet mich meine liebe Agatha?« „Recht gern", erwiderte diese. „Nun aber wird's kühler in der Laube; ich denke, 68 wir lassen uns wieder heimfahren und die Herrn bringen den Abend auf der Hochburg zu. Morgen wird der Herr Probst für die baldige, glückliche Heimkehr meines theuren Jörg in der Georgskapslle eine heilige Messe lesen. Nicht wahr, Hochwürden?" „Wie Ihr wünscht, edle Fraul" antwortete der Probst. „Doch Mittags muß ich wieder in Weyarn sein, denn ein unaufschisbliches Geschäft erwartet mich dort." „Ganz gut", bemerkte Frau Anna. „Ich habe*in Pienzenau zu thun und lasse Euch nach Weyarn fahren." Die vier Personen nahmen von der Jägerswittwe freundlichen Abschied und stiegen Mit Martha, der Zofe, zum bequemen Nachen hinab, der von zwei kräftigen Ruderern gezogen, rasch ans jenseitige Ufer eilte. — (Fortsetzung folgt.) Goldkörner. Sind die Frauen gut, so stehen sie zwischen dem Mann und dem Engel: sind sie schlecht, so stehen sie zwischen dem Mann und dem Teufel. Kvtzebue. Das ist nicht immer Gnade, was so scheint, Verzeihung ist die Amme küust'gen Weh's. Shakespeare. Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte. Goethe. Was sich nie und nirgend hat begeben, Das allein veraltet nie. Schiller. Alles, was wir wirklich liebe», ist unersetzlich, und Alles, wofür Ersatz uns denkbar ist, haben wir niemals wahrhaft geliebt. Nierltz. Etwas fürchten und hoffen und sorgen Muß der Mensch sür den kommenden Morgen, Daß er die Schwere des Daseins trage Und das ermüdende Gleichmaß der Tage. Schiller. Willst du das höchste Ziel, so lern' entsagen! Die Alpenhöh' kann keine Reben tragen Willst dn empor aus Adlerflügeln steigen, Verzicht aus's Ncstlein in den Blüthenzweigen! Willst dn der Sterne Spielgeselle werden, Verzichte auf die Blumen hier aus Erden! Such' in dir selbst dann deines Glückes Bronuen! — Einsam geh'n durch den Weltenraum die Sonnen. Emil Rittorhaus. Die Menschen wären glücklich, wäre nicht der Mensch des Menschen Henker. R aupa ch. 1 Friedrich Freiherr v. Flotow. In Darmstadt ist am 24. Januar Vormittags Flotow, der Schöpfer der „Martha", gestorben. Sein Name hat einst hell am deutschen Theaterhimmel gestrahlt, und vermochte Flotow auch in späteren Jahren nicht auf der Höhe des Ruhmes zu bleiben, die er in der Mitte unseres Jahrhunders erklommen hatte, so reichen doch die wenigen voll- giltigen Gaben seines anmuthigen und heiteren Talentes hin, um ihm für immer eine vornehme Stelle in unserer Musikgeschichte zu sichern. Gerade in unseren Tagen, da man das nach melodischen Schöpfungen dürstende Publikum Deutschlands zu einem wahrhaft asketisch strengen Tonleben verurtheilen will, hören wir mit doppelter Trauer vom Tode eines Mannes, dessen liebenswürdige Laune uns Alle bezauberte und der uns einst wre ein reicher, sonnig erglänzender Springquell mit seinen harmonischen Gaben überschüttete. Flotow gehörte nicht zu den himmelstürmenden Geistern, seine Begabung war eher französisch zierlich oder sanft sentimental, aber er gab, was er besaß, mit vollen Händen; sein Melodienquell sprudelte frisch und erfrischend, er quälte das Publikum nicht mit erhabener Langweile, und als ihm die Erfindung spärlicher floß, versagte er sich die Genug- thuung, dicke Bücher zu schreiben, deren Autor die Melodie verketzert, weil sie ihm untreu geworden . . . Flotow ist nicht blos in seiner musikalischen, sondern auch in seiner persönlichen Erscheinung den Wienern wohluertraut; er weilte mit Vorliebe unter uns und hatte viele Jahre ein ländliches Vesitzthum bei Neichenau, das ein Sammelpunkt der Wiener Kunstkreise war und später in das Eigenthum der Familie Erlanger, mit welcher er die sreundschaftlichsten Beziehungen unterhielt, überging. Er war ein geborener Mecklenburger und hat am 27. April 18 l2 in Nentendorf auf dein Ritterguts seiner Familie das Licht der Welt erblickt. Sein Vater hatte den Sohn für die diplomatische Carriere bestimmt, doch zog es schon den Jüngling zur Musik hin, und das reiche Kunstleben in Paris, das er frühzeitig kennen lernte, bestärkte ihn nur in seiner Neigung. Seine Jugendopern verriethen schon das graziöse Talent Flotow's, und mit der vieractigen Genre-Oper: rmukigAv clo la. ALcluso", von welcher er drei Acte schrieb, da Piloty nur einen Act componirt hatte, machte er den ersten großen Treffer auf der Bühne; sie erlebte in den Jahren 1839 und 1840 mehr als fünfzig Aufführungen. Wir übergehen in dieser flüchtigen Skizze einige andere Werke Flotow's, um von „Stradella" zu spreche», welche Oper zuerst in Paris aufgeführt wurde und Anfangs der Vierziger-Jahre von hier ihren Triumphzug über alle europäischen Bühnen antrat. Dann folgte „Martha, oder: Der Markt zu Richmond", deren Handlung Flotow schon früher in einem Ballet: „Lady Harrtet", das er musikalisch illustriren geholfen, vorgefunden hatte. Die komische Oper „Martha" errang eine beispiellose Popularität; ihre Melodien wurden zu Volksliedern, und es gibt keine Opernbühne der Welt, welche nicht heute noch dieses liebenswürdig heitere Werk als Repertoirestück pflegt, das in pikanter, feiner Darstellung noch durch Decennien seine Schuldigkeit thun mag, vorausgesetzt, daß unsere Generation inzwischen über der gähnenden Leere mancher hochtrabenden Werke nicht schon längst eingeschlafen sein wird . . . Flotow hat später noch eine Reihe von romantischen und lyrischen Opern geschrieben ohne damit seine ersten Schöpfungen an Frische und Unmittelbarkeit zu erreichen; sein „Schatten" („I/ombrv«) hat in der Pariser Opera Comique im Jahre 1669 sehr gefallen; auf deutschen Bühnen hat sich das Werk nicht halten können. Im Jahre 1896 wurde Flotow zum Intendanten des Hoftheaters zu Schwerin ernannt, welches Amt er bis zum Jahre 1863 mit großer Umsicht führte. Dann zog es ihn wieder nach Paris, wo er einen großen Theil seiner letzten Lebensjahre verbrachte. Bei zunehmendem Alter verlor Flotow das Sehvermögen, und als er die verflossenen Monate bei seiner greisen Schwester in Darmstadt zubrachte, war ihm der Segen des Augenlichtes fast ganz versagt. In Wien haben wir Flotow erst im vorigen Jahrs gesehen, als man die 900. Aufführung der „Martha" festlich in der Hofoper beging. Der stattliche elegante Mann mit dem lebensfrohen Gesichte, aus welchem ein Paar freundlicher Augen strahlte, saß bei dieser kleinen musikalischen Feierlichkeit in der Loge des General-Intendanten Baron Hofmann, und der Greis lächelte still vor sich hin, während von da unten die bald übermüthigen, bald gefühlvollen Melodien aus seiner Jugendzeit heranfklangen und ihn wie anmuthige Genien aus der Vergangenheit umschwebten . . . Bis zu seinem Lebensende hat Flotow dem Dränge musikalischer Production nicht widerstehen können, und wollte sich kein größeres Werk gestalten, so strömte er seine Empfindung in Liedern aus. Er hat erst jüngst einige Romanzen componirt, welche er seiner Frau, die, wenn ivir nicht irren, einst dein Theater angehörte, gewidmet hat. Im Nachlasse Flotow's soll sich übrigens noch manches unbekannte Tonstück und unter Andern: auch eine unvollendete Oper vorfinden. Flotow hinterläßt außer seiner Wittwe einen Sohn und eine Tochter. Wenn er Memoiren hinterlassen hat, so werde» sie ein anziehendes Bild seiner vielen Beziehungen zu interessanten Persönlichkeiten geben. Vor Kurzem erst hat Flotow, welcher eine gewandte Feder führte, in einem deutschen Blatte heitere Erinnerungen aus seinem Pariser Aufenthalte während der Fünfziger-Jahre veröffentlicht. Wie ehedem Fastnacht gefeiert wurde. Erzählt von Klara Reichn er. * Es ist ein sehr alter Brauch, das Fest der Fastnacht zu begehen, welches bis auf unsere Tage mit soviel Scherz und Lustbarkeit gefeiert wird. Allerdings ist unsere heutige Art eine etwas andere, als die vor ehedem, und die damaligen Gebräuche würden wohl kaum viel Glück mehr machen und zeitgemäß mehr sein. So zum Beispiel herrschte in etlichen deutschen Städten der Brauch, zur Fastnachtszeit eine riesenlange Wurst umherzutragen. Dies geschah von Seiten der Verfertiger, der Metzgerzunft, welche dabei allerlei Schwank und Possen trieben. — In Königsberg in Preußen fabricirten die Metzger im Jahre 1583 eine Riesen-Bratwurst von 434 Pfand Gewicht, und einer Länge von 596 Ellen, welche von nicht weniger als 91 Metzgerburschen auf Gabeln von Holz durch die Stadt getragen wurde, indem sie gar muntere Liedlein dazu sangen. Noch größer war die Wurst, welche man 18 Jahre später durch die Stadt trug, denn deren Gewicht bestand aus — 900 Pfund und ihre Länge 1005 Ellen. — Diese Niesenwurst ward dann feierlich verspeist, und zwar hatte die edle Metzgerznnft zu diesem Zwecke auch die der Bäcker mitgeladen, welche sich für dieses Festmahl dadurch revanchirte, daß sie sechs Riesen-Bretzeln und acht Niesen-Strietzel von je 5 Ellen Länge backten, und 12 Scheffel Weizenmehl dazu verwendeten; diese Kunstwerke der Bäckerzunft wurden dann ebenfalls durch die Stadt getragen, und gleichfalls in Gesellschaft der Metzger verzehrt. Außerdem aber fand sich auch sogar ein Dichter, der diese wichtige Begebenheit gebührend in einem großen, lateinischen Gedicht besang. Auch in Bayern, und zwar in Nürnberg, herrschte früher der Brauch, zur Fastnacht eine ungeheure Wurst im Triumph umherzutragen; — zum letzten Mal geschah der feierliche Akt im Jahre 1658. — Auch diese letzte der Fastnachts-Niesenwürste von Nürnberg wurden verewigt» — durch eine möglichst naturgetreue Abbildung. Ueber diesem in Kupfer gestochenen Wurst-Portrait aber befand sich die folgende Inschrift: „Eigentliche Abbildung der langen Bratwurst, welche von den Knechten des Metzgsr- Handwerks den 8. und 9. Februar dieses ablaufenden 1658. Jahres ist in der Stadt von ihren zwölf herumgetragen worden, und war ihre Länge 658 Ellen, hat an Gewicht gehabt 514 Pfund; die Stangen, daran sie ist getragen worden, war 49 Schuhe lang. Die Wurst war oben mit Grün besteckt. Die Träger hatten in der linken Hand Gabeln, damit sie ruhen konnten." — Eine andere Fastnachtssitte in Nürnberg, welche nahezu 100 Jahr lang in Gebrauch war, bestand in dem sogenannten „Schönbartlaufen." — Der Name stammte her von Schön- oder Scheinbart, das heißt: einer Larve, die verschönt, beziehungsweise vermummt. — Die Entstehung dieses „Schönbartlaufens" geschah, seit onno 1349 die Zünfte in Nürnberg gegen den hohen Rath der Stadt sich erhoben, und denselben mit Ueberfall und Todschlag bedrohten, welch' Ungemach indessen durch die rechtzeitige Warnung eines Mönches abgewendet wurde, indem die also Bedrohten durch die Flucht sich retten konnten. Während nun der eigentliche Rath der Stadt nahezu IV 2 Jahr sich fern halten mußte, setzten die Zünfte einen neuen ein, bis Kaiser Karl IV. gen Nürnberg kam, die Rädelsführer der Rebellien durch Kerkerhaft und Enthauptung richtete, und den früheren Rath wiederum in seine früheren Rechte setzte. — Nur die Zunft der Metzger hatte sich durch Nichtbetheiligung an diesem Aufstand ausgezeichnet, folglich zeigte sich der strafende Kaiser auch allein gnädig gegen sie, und ertheilte ihnen zum Zeichen und Beweise seiner ganz besondern Wohlgeneigtheit das Privilegium, eine Fastnachts-Lustbarkeit alljährlich abhalten zu dürfen, während er sonst alle bis dahin erlaubten Vergnügungen verbot. — Dieses besondere Privilegium der Metzgerzunft war das „Schönbartlaufen", welches bald so beliebt wurde, daß die reiche männliche Patrizierjugend der Stadt Nürnberg der Zunft das Recht alljährlich abkaufte, und auf diese Weise das „Schönbartlaufen" sehr zu Glanz 71 und Aufschwung kam; es etablirte sich sogar eine Art von „Schönbart-Verein", bestehend zuweilen aus mehr denn 100 Mitgliedern, dessen Vorsteher und Leiter wohlangesehene Männer waren, welche auch die „Schönbartbücher" zu führen hatten. Die alljährliche Maskerade nebst den, Aufzug dieser Fastnachts-Lustbarkeit geschah in vorgeschriebener Weise. Einige Narrcn-Masken eröffneten den Zug, das heißt, sie liefen voran, und machten, mit Peitschen oder Kaulen bewaffnet, demselben Platz. — Unmittelbar darauf folgte zu Pferd ein anderer als Narr Vermummter, der einen Sack, gefüllt mit Nüssen bei sich führte, dessen Inhalt er unter die schaulustige Jugend leerte, in Folge dessen natürlich ein gar lustiges Gerauf entstand. Ein anderer Maskirter — ebenfalls zu Pferd — folgte nun, mit einem Korbe voll von Eiern, deren Füllung aus wohlriechendem Rosenwasser bestand, und die er nach den Vertreterinnen des schönen Geschlechtes warf, wo dasselbe sich auf der Straße oder in den Häusern erblicken ließ. Dann erst erschienen die wirklichen „Schönbartleute", nebst Hauptleuten, Schutzhaltern und Musikanten. — Ihr Anzug war in jedem Jahre anders, aber gleiche Tracht für alle; nur hie und da zeigte irgend eine absonderliche Maske, zur Erhöhung der allgemeinen Heiterkeit, sich dazwischen, z. B. ein mit Kastanien dekorirtes Jndianerweib, natürlich von einem Manne dargestellt, oder ein Anderer als Wolf vermummt u. s. w. Von anno 1470 an beschloß den Zug eine sogenannte „Hölle", entweder von Menschen oder von Pferden gezogen, und bestehend aus einem Schloß, Schiff, Thurm, einer Windmühle oder einem Drachen, oder aus einem Teufel, welcher böse Weiber verspeist u. s. w», und deren Inhalt aus einem Feuerwerk bestand, das Abends dann feierlich vor dem Naihhaus abgebrannt wurde. — War es gerade eine „weiße" Fastnacht, so gab's auch Schlittenfahrt beim „Schönbartlaufen", mit allerlei verschiedenen Masken, Musikanten und Gewappneten im Harnisch, welche eine Art von Turnier zum Besten gaben, indem sie mit ihren Lanzen sich auszustechen suchten — man hieß dies das „Gesellenstechsn." Während der Jahre 1524 bis 1538, also volle 15 Jahre, unterblieb dann wegen Kriegs- und anderer Noth das „Schönbartlaufen", um im Jahre 1539 dann noch einmal, und zwar mit größerm Pomp als je, gefeiert zu werden. HanS Sachs dichtete, 184 Herren von Avel halfen den Zug verherrlichen, — 135 vollständig in Atlas kostümirt, mit weißen Hüten und goldenen Flügeln darauf, und die klebrigen 49 als Teufel maskirt. Außerdem belheiligten sich viele Bürger, und eine reiche Kaufmannsfamilie veranstaltete ein Schlittsnstechen. Dieser Glanz aber sollte das letzte Aufleuchten bedeuten, denn es war zum letzten Male, daß damals das „Schönbartlaufen" in Scene ging, wiewohl Niemand von der ganzen, lustigen Gesellschaft eine Ahnung davon hatte, — und zwar trug die „Hölle", die auch bei dem damaligen prächtige» Aufzuge nicht fehlen durfte, die Schuld. — Man hatte dieselbe nämlich zu einer Art Demonstration gegen eine beliebte, angesehene Persönlichkeit benützt, welche sich durch die unzweideutige Anspielung so beleidigt fühlte, daß sie Klage beim Magistrat erhob. Die Folge davon war, daß die Hauptleute der „Schön- bartgesellschaft" in den Thurm geworfen, das „Schönbartlaufen" selbst aber ein für alle Mal verboten und abgeschafft wurde. Eine andere alte Sitte in Deutschland, welche trotz aller Lustigkeit auch arge Schattenseiten im Gefolge führte, war die des sogenannten „Pflugcinspannens" zu Leipzig. — Allerlei vermummte Gestalten zogen zur Fastnachtszeit mit einem Pfluge durch die Stadt, ergriffen noch alle ledigen Mädchen —> ob jung, ob alt — wo sie solche fanden, um sie^an den Pflug zu spannen, angeblich „zur Strafe dafür, daß sie noch ledig seien." Diese Sitte, beziehungsweise Unsitte gab einmal Veranlassung zu einem sehr tragischen Ausgang. Es war im letzten Jahr des l5. Jahrhunderts, rrnno 1499, als ein Maskirter ein Mädchen, das sich arg dagegen sträubte und sich in ein Haus geflüchtet hatte, trotzdem an den Pflug spannen wollte. Sie aber wehrte sich energisch, und erstach ihn dabei mit einem Messer. AIs Rechtfertigung gab die unfreiwillige Verbrecherin dann 72 vor Gericht an, sie habe gemeint, nach einen, Gespenst, nicht aber nach einem Menschen von Fleisch und Blut zu stechen! — Deutschland ist aber doch nicht so recht eigentlich der rechte Boden für die tolle Fastnachtslustigkeit; das Land der ausgelassenen Maskerade ist vorzugsweise ja Italien, während auf deutscher Erde leicht Lustigkeit in solche», Falle zur Derbheit wird. Jedenfalls ist aber unsere oft geschmähte „moderne Zeit" trotz Allem und trotz r Allem nicht so extravagant, als man es ehedem gar häufig war, in der viel gepriesenen, goldene», der „guten, alten Zeit", wenn Fastnacht gefeiert wurde. — ^ Missellsrr. (Zur Genealogie der Familie Goethe.) In der „Darmstädter Zeitung" hat der Gymnasiallehrer Hr. Robert Schäfer in Friedberg interessante Forschungen über den Friedberger Zweig der Familie Goethe veröffentlicht. Daß Goethe Verwandte väterlicherseits in der Wetterauer Reichsstadt Friedberg besaß, wissen wir aus seinen Mittheilungen in „Dichtung und Wahrheit". Genaueres war über den genealogischen Zusammenhang beider Zweige nicht bekannt. Hrn. Schäfers Untersuchungen führten den Ursprung des Friedberger Zweiges zunächst nach Allstedt (Sachsen-Weimar) und dann nach Ariern in der Grafschaft Mansfeld, welches längst als Sitz der Famile Goethe bekannt ist. Der Großvater des Dichters und der Stammvater der Friedberger Familie waren Brüder. Ihr gemeinsamer Vater war der Hufschmid Hans Christian Goethe zu Ariern, ch 1694. Sein Sohn der Schreiner Johann Christian Goethe zu Friedberg (ch 1768) hatte eine Tochter, geb. 1731, welche von Frau Cornelia Goethe zu Frankfurt, der Großmutter des Dichters, aus der Taufe gehoben wurde und deren Namen führte. Die Familie Goethe ist in Friedberg erloschen, und das Haus zum Ritter, welches ihm von 1730—1770 gehörte, ist 1879 abgebrochen worden. („Was ist der Ehestand?") P. Abraham a. S. Klara beantwortet diese Frage also: „Der Ehestand ist ein Garten in welchem die Brennesseln die Blumen vorstellen. Es ist ein Nuß bäum, worauf Kümmernisse wachsen; eins Stadt, so sich schreibt Klagefurt; ein ABC, in welchem der Buchstabe W der fürnehmste ist; ein Lazareth mit zwei Suchten: Herrschsucht und Eifersucht; ein Himmel, an dem nichts zu sehen ist als Unstern; eine Jagd auf der man zum öftesten fangt ein — Elendthier; eine Prozession, wo allzeit das Kreuz vorangeht; eine Hauskapelle der Nothburga; ein Wald, worin alles Holz wächst, nur der Segenbaum nicht." (Zur Steuer-Reform.) Ein Wink oder Rath an unsere Finanzminister und Steuerbeamten rc. zugleich eine heilsame Lehre für manchen geschwätzigen Ort. „Besteuert alle Verleumdungen und alle Lüge n mäuler mit; Das höchste Ziel ist dann errungen. — Gedeckt wird jedes Defizit, Fünf Pfennig nur für jede Lüge Und zehn für jede Klatscherei; Was solche Steuer wohl betrüge? Ich glaub', wir mär en steuerfrei." (Das Garderobezimmer) eines Pariser Theaters war allabendlich so mit alten Frauen überfüllt, welche den jungen Schauspielerinnen dienten, daß sich der Direktor endlich genöthigt sah, folgendes Placat in dem Zimmer anbringe» zu lassen: „Es wird den zum Verbände des Theaters gehörigen Damen absolut verboten, mehr als eine Mutter auf einmal mitzubringen!" (Ein guter Anfang.) Mutter: „Aber Mann, schau her, wie der Karl gebückt daher kommt." — Vater: „Weibchen sei froh, daß er sich frühzeitig kümmern lernt, wenn er noch entsprechend dumm ist kann er's zu was bringen." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.