Nr. 11. 18L3. jur „Äugslmrger pojheitmig." Mittwoch, 7. Februar Jörg von Mrrlderk. Eine Erzählung aus dem sünfzehnten Jahrhundert von F. Schenk. (Fortsetzung.) Andres nahm Nucksack und Stock und eilte zum Jäger hinab. — Als dieser den Waldteufel vor sich sah, kam er ihm wie ein rettender Engel vor. Ja, dieser verwilderte Mann war durch Gottes Fügung wieder ein braver Mensch, ein Samaritan geworden! Mit schwacher Stimme sprach der Jäger: „Andres! — Hat Dich der liebe Gott zu mir geschickt? — Wasser, Wasser!" — Der alte Kräutersammler griff in die Kraxe, nahm eine Flasche alten Enzianbrannt- wein heraus, brach ein Stückchen Brod ab, träufelte einige Tropfen Branntwein darauf und reichte es dem Verwundeten. Sodann untersuchte er die Wunde am Fuße und sagte ernsthaft: „Kuno, ich bin noch gerade recht gekommen, sonst käme der Brand in den Fuß. Jetzt hole ich gleich da d'runten Wasser, ich kenne die Quelle schon; gleich bin ich wieder heroben. Trink aus der Flasche, aber grad einen kleinen Schluck und iß dazwischen ein Vröckerl Brod!" Andres holte aus der Kraxe einen Krug und eilte abwärts. Kuno fühlte langsam die Kräfte wiederkehren. Er faltete die Hände und dankte inbrünstig dem Himmel, der ihm in dieser schrecklichen Lage noch einen Netter gesandt. — Von Zeit zu Zeit nahm er einen Schluck aus der Flasche und brach ein Stückchen Brod ab, von dem er auch dem Hunde mittheilte. Als Andres mit dem Wasser angelangt war, reichte er dem Jäger den Krug zum Trunke, dann wusch er die Fußwunde, nahm Pflaster und Leinwandstücke aus der Kraxe und verband die Wunde. Hierauf sagte er: «Jetzt hole ich den Nudi und die Oberdirn, daß wir Dich auf die Spitzingalm bringe» können." Darauf eilte er rasch abwärts. Nachdem Kuno glücklich in die Alphütte gebracht war und sich mit warmer Milch- suppe gelabt hatte, auch der treue Wolfshund mit Dopfen und Milchbrod gesättigt war, gönnte man dem Jäger noch so lange Ruhe, bis von Fischhausen ein Wagen angelangt war. Sorgfältig bettete Andres den Verwundeten und ging neben dem Wagen her. Der Wolf wurde dem Saumpferde auf den Nückcn gebunden und stolz trabte der Hund neben demselben her, von Zeit zu Zeit seinem todten Feinde einen finsteren Blick zuwerfend. — Es war Abend gegen sechs Uhr, als das Fuhrwerk durch Schliers kam. Alles lief aus den Häusern und staunte über die Bürde des Rosses. Bald gewahrten die Leute, daß Kuno, der mit bleichem Gesichte um sich sah, verwundet sein müsse, worauf allgemeines Bedauern ausgesprochen wurde, als Andres die Fragen hierüber bestätigte. , Auch Martha kam des Wegs. Als sie ihren Liebling erkannte, brach sie in heftiges Schluchzen aus. Andres rief ihr aber zu: 82 „Sei ohne Sorge, Marthal Ich stelle den Kuno schon wieder her, möchte auch > einmal ein gutes Werk thun, es ist doch nicht mehr zu frühe!" Ueber Westenhofen brachte man den Jäger auf die Halbinsel. Wie jammerte die ' alte Frau Martha, als man ihren Kuno vom Wagen hob und sie erfuhr, was ihm begegnet seil — Sorgsam bereitete sie demselben in der Wohnstube auf dem Ruhebette des seligen Jägers ein Lager und Andres sagte zu ihr: „Ich komme jeden Tag herüber in's Jägerhaus und sehe nach dem Fuß. Meine > Salbe wird bald wirken und in vier oder sechs Wochen kann Kuno wieder seinen Dienst ^ machen." ^ „Gott wird's Dir vergelten!" sprach leise der Jäger. „Ich vergesse meiner Lebe- tage nicht, daß Du mich vom Hungertod gerettet hast, guter Andres!" Nun war Kuno geborgen in mütterlicher Pflege und unter der Behandlung deS heilkundigen Waldteufels. — VI. Ibrahim lag auf einem niederen, mit Teppichen bedeckten Ruhebette. Eine alte Brustwunde war wieder aufgebrochen und verursachte ihm nicht nur viele Schmerzen, sondern trübte auch sein Gemüth, da der eifrige, strenge Gefangenwärter sich zur Un- thätigkeit gezwungen sah. Selima mußte manches harte Wort hören, und Alles aufbieten, den Alten zu beruhigen und zu zerstreuen. Da erschien eines Tages ein alter Bekannter des Gefängnißwarters, ein gerne gesehener Gast, der reiche, joviale Kaufherr Antonio Rossi aus Venedig. Dieser besuchte von Zeit zu Zeit die in der Nähe des adriatischen Meeres gelegenen Städte in Handelsund Tauschgeschäften. In Mostar war in der Regel letzteres der Fall, da die Klingen, welche hier gefertiget wurden, wegen ihrer Güte und Schönheit sehr gesucht waren. — Mit Ibrahim war der Venetianer schon längere Zeit in Unterhandlung ivegen Ankaufes eines sehr werthvollen albanesischen Schwertes, welches der Alte als junger Krieger von einem Häuptlinge erbeutete und das Antonio um jeden Preis erwerben wollte, während Ibrahim sich nur schwer von diesem Schatze trennen konnte. Wieder brachte der Kaufherr das Gespräch auf die kostbare Waffe und Selima mußte dieselbe zur Ansicht aus einer verschlossenen Truhe herbeiholen. Da schon die Scheide des Schwertes reiche Vergoldung trug, so durfte man annehmen, daß das Schwert selbst ein Juwel sein müsse und so war es auch. Die prächtige DamaSzener-Klinge, welche sich wie ein Drahtreif biegen ließ, enthielt goldene Buchstaben, Koransprüche, während der elfenbeinerne Griff theilweise mit Goldfäden umschlungen war, zwischen welchen kostbare Steine und Perlen hervorlugten. Obwohl Antonio keine Bewunderung äußerte, konnte er sich doch nicht satt sehen an dem Kleinode und sprach: js „Für mich hat dieses Schwert in so ferne ein Interesse, als es aus Damaskus V selbst stammt und meine Waffensammlung nur noch Eines enthält, welches ähnliche Arbeit nachweiset. Sonst, lieber Ibrahim, würde ich Euch nicht so häufig wegen des Verkaufes plagen. Heute möchte ich zum Abschlüsse kommen, denn meine Geschäfte rufen mich nach Deutschland und ich werde vor dreiviertel Jahren nicht mehr bei Euch zusprechen können." „Ihr plagt mich nicht", sagte Ibrahim mit schwacher Stimme, — „ich trenne mich eben schwer von der Waffe, welche mich immer an eine schöne Zeit zurückerinnert, wo ich noch-" Ein heftiger Stickhusten hinderte ihn am Sprechen und Selima bedeutete dem Kaufherrn, daß Ibrahim nun der Ruhe bedürfe. Antonio sagte: „Ibrahim, Ihr dürft jetzt nicht sprechen, ich komme gegen Abend noch einmal herauf in die Festung, dann entschließt Euch und gebt mir das Schwert; - die Summe wißt Ihr, sie ist gewiß groß genug." Ibrahim nickte bejahend, dann entfernte sich der Kaufherr mit Selima. 83 — Am Vorplätze sagte dieser zu dem Mädchen: „Selima, wenn Du den Alten beredest, daß er mir heute sein Kleinod überläßt, so will ich Dir eine kostbare Perlenschnure in dein schönes Haar zum Geschenke bringen." Diese besann sich nicht lange, sondern antwortete: „Ihr sollt' die Waffe heute Abend erhalten und ich nehme gerne einen Gegendienst dafür an. Doch fordere ich keinen Schmuck für meinen Leib, sondern ein ächt christliches Werk. —" „Wie kommt Ihr, Selima, dazu? So viel ich weiß seid Ihr keine Christin mehr, sondern Mohamedanerin!" „Kommt in meine Stube", entgegnete das Mädchen, „damit uns Niemand hört." Als Beide dort eingetreten waren, fuhr Selima fort: „Ich habe nur eine Bitte an Euch, guter Antonio! Von der Erfüllung derselben hängt meine Verwendung bei Ibrahim wegen der Waffe ab. So höret denn: „Seit mehreren Monaten weilt in diesen Festungsmauern und zwar dort im rothen Thurme ein Gefangener. Es ist ein frommer deutscher Ritter, welcher an der Save schwer verwundet, in türkische Gefangenschaft gerieth. Früher bediente ihn Ibrahim, doch seit Monatsfrist muß der Arme das Lager hüten und übertrug mir die Pflege des Ritters, für welchen der Pascha, wenn er vollkommen Henesen ist, hohes Lösegeld fordern, oder ihn als Sklaven nach Asien verkaufen will. Ich kann auch nicht sagen, Antonio, was dieser schöne Ritter ausgestanden hat und nun, da die Wunde theilweise geheilt ist und die Kräfte wiederkehren, hat den Aermsten ein anderer, nicht weniger heftiger Schmerz, das Heimweh, ergriffen. Ich versichere Euch, Antonio, jedesmal möchte ich weine», wie ein Kind, wenn der Ritter auf den Knien am kalten Pflaster zum Himmel fleht, so innig, so herzerschütternd, daß Gott ihn glücklich in die Heimath führen möge! — O, Antonio! Ich habe ja auch das Heimweh kennen gelernt als junges Mädchen und hätte mein Loos als Sklavin gewiß nicht ertragen, hätte mich Ibrahim nicht wie ein Vater behandelt." — Nach kurzer Pause fuhr sie fort: „Den Ritter muß ich retten und zwar heute noch, denn für die nächsten Tage ist ein Transport gefangener Ungarn aus der wüthenden Schlacht bei Varna angesagt, da merkt Niemand die Flucht des Gefangenen und außer Ibrahim und mir weiß keine Seele, daß in dem rothen Thurme der deutsche Ritter verwahrt ist. O, nehmt ihn auf Euerm Fahrzeuge heute Nacht mit nach Venedig, er wird Euch's gewiß lohnen dieses Liebeswerk!" „Das ist ein gefährliches Unternehmen, meine Selima!" sprach der Kaufherr. „Was würde Ibrahim sagen, wenn er von der Befreiung des Ritters erführe?" „Ueberlaßt diese Sorge mir!" entgegnete rasch das Mädchen. „Ibrahim wird sein Krankenlager nicht mehr verlassen und bis zur Zeit, da der Krieg beendet sein wird, kümmert sich Niemand um die einzelnen Gefangenen. Dann aber wird Vater Ibrahim gewiß bei Allah im Paradiese sein! — Sorgt also, mein lieber Antonio, als frommer Christ, daß ich gegen Abend die Kleidung eines Matrosen erhalle; dann, wenn der Jmam von der Murad-Mosche das Gebet gesprochen, schickt einen Vertrauten zum rothen Thurme herauf, zu welchem durch die Weinberge ein leicht zu findender Weg führt. An den Thurm stößt unsere Gartenmauer und diese hat, wo ein Oleandergebüsch sie überragt, eine schmale Oeffnung, welche mit einem eisernen Thürchen verschlossen ist. An dieses soll er klopfen, dann öffnet es der Ritter von Innen und schlüpft hindurch." „Es sei!« rief Antonio. „Die kostbare Waffe ist dieses Wagstück wohl werth!" „Nun lebt wohl, Antonio!" sagte Selima. „Ich zähle auf Euch und Ihr dürft auch auf mich vertrauen. Kommt mit den Kleidern bis zur sechsten Abendstunde, dann sollt Ihr bei Ibrahim die Waffe erhalten."' Beide verließen die Stube. Der Kaufherr ging seinen Geschäften nach, Selim« aber trat zu dem Kranken, der eingeschlummert war. 84 Als derselbe erwachte und die Lieblingssklavin an seinem Lager gewahrte, frug er > nach dem Venetianer. Das Mädchen antwortete, daß dieser erst gegen Abend von der Stadt heraufkommen werde und mit dem Waffenhandel zum Abschluß gelangen möchte. „Das soll er auch", entgegnete Ibrahim; „ich möchte das Kleinod nur noch einmal sehen, ehe ich mich von demselben für immer trenne. Gib mir's, Selima!" Diese reichte ihm das Schwert. Lange und aufmerksam betrachtete der Alte die prächtige, kunstvoll gearbeitete Waffe, > dann gab er sie dem Mädchen zurück, während sich eine Thräne nach der anderen aus t den Augen stahl. » „Das war noch eine schöne Zeit, Selima", sprach er mit schwacher Stimme, „wo ^ ich als rüstiger, junger Krieger unter dem kühnen Murad I. gegen vie Ungarn, Wallachen und Albanesen kämpfte, Sieg auf Sieg erfocht und reiche Beute machte! — Jetzt bin ich alt, müde und todesmatt; die Wunde, welche mir bei Kassowa ein ungarischer Reiter schlug und die längst vernarbt war, sie muß wieder aufbrechen und die letzten Lebenskräfte mir nehmen! — — Führe Antonio gleich zu mir, wenn er wiederkehrt, ich habe Wichtiges mit ihm zu sprechen." — Der Husten stellte sich wieder ein. Selima reichte dem Kranken Arznei, worauf sich dieser auf die Polster zurücklegte und nach einiger Zeit wieder einschlummerte. Das Mädchen blieb noch eine Weile in der Stube, dann, als der Alte nicht erwachte, begab sie sich in die Küche um das Neismuß für den Ritter zu bereiten. Zur bestimmten Stunde erschien Antonio mit einem Matrosen, welcher in Seiden- tvaare versteckt, die Kleider für den Ritter trug. Selima eilte ihnen entgegen, nahm dir Kleider in Empfang und trug sie in ihr Gemach, dann sprach sie zu Antonio: „Habt Dank! — Nun geht zu Ibrahim, er wird erwacht sein. Das Schwert liegt für Euch bereit." Antonio wies auf seinen Begleiter und sagte, indein er sich zur Thüre des Kranken« gemaches wandte: „Andrea ist mein vertrautester Diener, besprecht mit ihm Alles wegen der Flucht des Ritters. Wir lichten um Mitternacht die Anker." Darauf verließ er die Beiden. Selima trat zu Andrea, reichte ihm die Hand und sprach zu dem hübschen, wetter- gebräunten Matrosen: „Wie dank ich Euch, Andrea! Ihr kennt doch den Fußsteig durch die Weingelände zum rothen Thurme?" „Ich habe mich, nachdem Signor Antonio mit mir darüber gesprochen, sofort zum Thurme begeben und fand auch die kleine Oeffnung in der Mauer beim Oleandergebüsch." „Um so besser!" rief Selima erfreut. „Nun sorgt, daß Ihr noch vor dem Gebete des Priesters an der Oeffnung seid, und sobald dasselbe beendet ist, klopft leise dreimal an die eiserne Thüre, welche dann der Ritter öffnen wird. Ich bitte, Andrea, bringt ihn sicher auf Eures Herrn Fahrzeug!" ^ „Seid unbesorgt, gutes Mädchen!" entgegnete der Matrose. Ich hoffe, daß der Ritter in wenigen Tagen mit uns im schönen Venedig landen und von dort aus die Heimath aufsucht. — Nun lebt wohl! Vielleicht sehen wir uns im Vaterlands wieder, denn wir sind ja, wie Signor Antonio sagte, Landsleute und Ihr werdet nach dem Ableben Ibrahims wohl nicht in der Türkenstadt hier bleiben. Bis dahin wird mir der Kaufherr in seinem großen Geschäfte eine Stelle geben, denn ich habe das Leben als Seeratte schon satt." „Wohl möglich, Andrea", antwortete Selima, »daß wir uns in Venedig wiedersehen, dann will ich Euch zum zweiten Male danken für Euren Liebesdienst. Nun muß ich nach dem Gefangenen sehen, lebt wohl, Gott führe Euch!" „Er wird mit uns sein!" entgegnete dieser, drückte die Hand des Mädchens und verließ die Wohnung, nicht ohne der lieben Selima noch einen innigen Blick zuzusenden. Diese eilte mit dem Abendimbiß, welchem sie noch etwas Wein beifügte in das 85 t ? Gefängniß hinab, wo Jörg von Waldeck bekümmert auf und ab schritt, denn draußen im Gärtchen sangen die Dögel voll Lust und von Zeit zu Zeit setzte sich das Nothkehlchen, des Ritters LieblingSvögelchen, auf die Eisenstange des Fensters und jubelte dem armen Gefangenen zu. Vielleicht ahnte der kleine Sänger die nahe Befreiung des Ritters, denn er wollte gar nicht aufhören demselben vorzusingen, als wüßte er, daß ihn der Ritter nicht lange mehr hören sollte. Selima begrüßte Jörgen, wie gewöhnlich, stellte die Schüssel mit dein Neismrch, dann Obst und Wein auf die Bank und sagte: „Eßt nur, lieber Ritter, mit Lust; dann kommt in das Gärtchen, ich lasse die Thüre zu demselben offen und werde gleich wieder kommen." Jörg aß nur weniges vom Rcismuß, dann nahm er Obst und das Krüglein mit Wein, und ging hinab in die Laube. Der Abend war schön und vom Meere her wehte eine erquickende, kühle Brise. Die Blätter der Bäume und Sträucher singen an sich zu färben. Aber die Herbstblumen im Gärtchen standen im schönsten Schmucke, gepflegt von der sorgfältigen und kundigen Hand Selima's. Fortsetzung folgt.) Goldkörner. 2)er Frohsinn gleicht der kleinen Biene, Die aus die Blumen niedersinkt, Und, taumelnd durch die süßen Düfte, Den Honig nur, und nie die Gifte Aus jungen Blüthenkelchen trinkt. Elisa v. d. Recke. Bor mir sei höflich, o Mann! Hinter mir redlich und klug. Ernste Thätigkeit söhnt zuletzt immer mit dem Leben aus. Das größte Glück im Leben Und der reichlichste Gewinn Ist ein guter, leichter Sinn. Herder. Jean Paul. Goethe. Eine Neminiszenz an Walter Scott. Im Frühling und noch mehr im Herbst ist Schottland das Reiseziel zahlreicher Touristen, welche dem Lande mit den tiefblauen Seen und den röthlich schimmernden Bergen einen Besuch abzustatten kommen, um sich an den wechselnden, bald überwältigend großartigen, bald lieblich idyllischen Bildern, welche die Gcbirgsnatur bietet, zu erfreuen. Mit diesen Eindrücken verbindet sich in unmittelbarer Weise die Erinnerung an Walter Scott, jenen begeisterten Sänger und Dichter, dessen Lieder und Romane so viel dazu beigetragen haben, Natur und Bewohner seines Heimathlandes dichterisch zu verklären. Unwillkürlich späht der fremde Gast nach Andenken an den beliebtesten Poetcn und besteigt gern den Eisenbahnzug, der ihn nach dem Hause desselben und zu den Trümmern der alten Abtei Melrose führt. Ganz Schottland könnte in gewissem Sinne den Namen „Scottland" tragen, denn es gibt hier wohl kaum einen Winkel, den der Verfasser der Waverley-Nomane nicht weltbekannt gemacht hätte. Ganz besonders bezieht sich dies auf das den Grenzen Englands benachbarte Gebiet von Lowland, das vom Tweed und seinen Zuflüssen durchströmt wird und mit dessen Thälern und Bergen, mit dessen Wäldern und Triften das Andenken an die Person und den literarischen Ruhm des genialen Autors eng verknüpft ist. Die beste Zeit zu einem Besuchs dieser Gegend ist der Beginn des Maimonats. Das in üppigster Vegetation prangende Tweedthal übt alsdann einen unwiderstehlichen Reiz auf den Besucher. Der wunderbare Wechsel von sanft gewellten ^ Hügel», von flachen Einsenkungen, von malerischer Felsenküste, von Seen, Flüssen, Wasser- ! fällen verleihen der Landschaft den Zauber höchster Romantik. Ein saftiger Laubwald' 86 bedeckt alsdann das Gelände der Grafschaft Selkirk, deren Hauptstadt das pittoresk ' gelegene Melrose. Zwei Drittel der Höhen bedeckt hier ein wohlgepflsgter Anbau, hier und da unterbrochen von kleineren Waldgürteln, die sich gleich Laubkränzen um die Krippen des Hügellandes schmiegen, und in denen das dunkle Grün der Tannen und Lerchen- bäume mit den lichten Farbentönen wechselt, welche die Birke zeigt. Wer die Grafschaft Selkirk, dieses paradiesisch von der Natur geschmückte Stück Erde, näher kennen lernen will, thut am besten, seinen Aufenthalt in Edinburg zu nehmen ^ und von dort aus seine Exkursionen zu machen, und wer im Mittelpunkt der Stätten, ^ an welche sich die Erinnerungen eines glänzenden Geisteslebens knüpfen, weilen will, ^ wählt das Städtchen Melrose für einige Tage zum Domizil. Von hier aus läßt sich mit Leichtigkeit den Ruinen der Abtei Melrose ein Besuch abstatten, ebenso dem von einem poetischen Hauch umwehten Schloß Abbotsford, das, ungefähr 2000 Fuß über Melrose an dem steil abfallenden Ufer des Tweed gelegen, längere Zeit von dem Dichter bewohnt wurde. Die Lage der Burg ist prächtig. Von den Zinnen derselben schweift der Blick über die beiden Ufer des Flusses weit in die Ferne. Dichter Wald umsäumt den altehrwürdigen Nitersitz, dessen graue Thürmchen in ihrer Spitzbogenform an den sogenannten Baronet- styl des schottischen Landhauses erinnern. Wer Schloß Abbotsfort, das aus manchen Jugendreminiszenzen her wohlbekannte, näher kennen lernen will, dem ist gleichwohl manche Enttäuschung vorbehalten. Durch eine schmale dunkle Pforte wird man in einen verwilderten Garten geführt, von dort aus betritt man ein düsteres und niedriges Souterrain. Eine Hintertreppe führt zu den eigentlichen Wohngemächern, auf ihr gelangt man zu einer Flügelthür dem Eingang in das Arbeitszimmer Walter Scott's, das sich in seiner schmucklosen und einfachen Ausstattung als eine Stätte ernsten Studiums kennzeichnet. Nun folgen die anderen Räume, zuerst die mit auserlesenen Werken und werthvollen Schätzen der Literatur ausgestattete Bibliothek, ein Saal mit großen und kleinen Gemälden und einem Ebenholz-Ameublement, ein Geschenk König Georg I V., dann der Wasfensaal mit vielen archäologischen Seltenheiten und kostbaren Werthgegenstäuden, endlich der Speisesaal, in welchem der berühmte Schloßherr den letzten Athemzug that. Am tiefsten sind die Eindrücke, die der Besucher von Abbotsfort bei dem Durchschreiten der genannten Gemächer empfindet, in dem großen Vorsaal, der mit seinen Holzschnitzereien aus dem 15. Jahrhundert, mit den zahlreichen alten Waffen, Rüstungen und historischen Reliquien (unter ihnen die Schlüssel zum Kerker von Edinburg) der historischen Betrachtung ein weites Feld eröffnet. Das Grab des Dichters befindet sich in der Abtei Dryburg. Ein tiefer und ehrwürdiger Ernst lagert über dieser von tiefstem Schweigen umgebenen Stätte des Todes. Der Verewigte ruht hier in dem schönsten Theile der Ueberreste des alten Klosters, zwischen seiner Gattin und dem ältesten Sohn. Der Weg von Melrose nach Drpburg längs des Bemerflusses ist von hoher pittoresker Schönheit — von einer am Ufer des Wassers ansteigenden Höhe übersieht man < das weit geöffnete Tweedthal —, auf der einen Seite streift der Blick bis zu den Thürmen ^ von Melrose auf der anderen reicht er bis weit südlich über Dryburg hinaus. Auch die Lage dieser Abtei ist überaus malerisch, inmitten eines mit Bosquets besetzten Wiesen- geländes, das von dem Tweed in großen Bogen umslossen wird. Wer von den diese Stätte besuchenden Touristen ein näheres Interesse an dem Leben und den Werken Walter Scott's nimmt, der wird gerne noch die Orte kennen lernen, an welchen derselbe mit Vorliebe weilte, so namentlich den Landsitz Sandiknowe, wo er einen großen Theil seiner Kindheit verbrachte, und Smailholm Tower, wo ihm die Schätze der volksthüm- lichen schottischen Sage und Legende eine so reiche Ausbeute für feine Arbeiten gewährten. Vor dem Verlassen Mclrose's wird der Besucher jener durch romantische Erinnerungen reich ausgezeichneten Landschaft auch seine Schritte zum Nymerthal lenken, dem Lieblings- Spaziergang des großen Romanschriftstellers, welchen er häufig unternahm, um feinein Freunde Fergusson einen Besuch abzustatten. Goldene Regel»» für Sondwirthe. (Auch sür andere Leute nützlich zu lesen.) Wer seinen Acker fleißig baut, Aus cig'ne Tüchtigkeit vertraut: Wer gleichermaßen wohl bemißt, Was er der Wiese schuldig ist; Wer seinen Viehstand sorgsam pflegt Und Füller stets im Vorrath legt; Wer jeden Handel baar besorgt Und nicht leichtsinnig kaust und borgt: Wer mit der Sonne sriih aussteht Und srijch an seine Arbeit gehl: Am Sonntag ruht und Herz und Geist Mit Früchten edler Geister speist: Wer sich an Ordnung, Reinlichkeit Im Hans und Hof und Stall erfreut: Wer Habsucht und Verschwendung flieht Und seine Kinder brav erzieht; Wer Mäßigkeit liebt in guter Zeit Und gern entbehrt in Noth und Leid; Wer auch in dem Geringsten treu, In Wort und Werk von Falschheit frei; Mit dem wird's gut im Hause stehn; Wie es auch kommen mag und gehn. M i s - e l l e rr. („Der richtige Verliner") — jene fleißige Sammlung von Berliner Redensarten, die im Verlage von H. S. Herrmann erscheint, hat abermals eine neue Auflage erlebt' Unter den neueren, interessanten geflügelten Berolinismen finden wir „Nitzenschieber" für „Geleise-Reiniger bei der Pferdebahn." Ein Schüler sagt zu einem anderen: „Au, Dir zeig' ick an!" Die Antwort ist: „Na, zeige man nich vorbei." Für „eenen drinken" heißt es auch „eenen uf'n Diensteid nehmen." Weil die Dienstboten am dritten Feiertag freien Tag zu habt» und dann zum Tanz zu gehen pflege», heißt eine nicht sehr noble Tanzgesellschaft: „Drittes Feierdaas-Publikum." „Wat is schneller wie'» Gedanke?" Antwort: ,,'n Berliner Droschceupserd; wenn man denkt, et fällt, denn liegt et schon." „Sein Se milde", deutet an: „Sie übertreiben." „Eenen mit de Nase uf die Duschecke traktiren" heißt: „Jemanden nichts vorsetzen," und die Frage: „Haben se Dir denn wat vorgesetzt?" wird beantwortet: „Die sind froh, det se alleene nischt haben." „Haare apart, Boulctten apart" sagt man, wenn man ein Haar im Essen findet. Mit „Kellneer, 'n andern Jast", giebt mau einem mißliebigen Tlschnachbar in der Kneipe sein Unbehagen verstehen. Vokabeln wie „Thrankonditor" für „Materialienwaarenhändler" und „Waden- Oper" für „Oper mit Balle!" können gewiß nur in Berlin entstehen. Für „Er heirathet eine Waise" ist die Redensart aufgekommen: „Er genießt seine Schwiegereltern kalt". „Ick habe blos eenen Jungen" wird auch ausgedrückt durch: „Ick habe.blos eenen Jungen zu verzehren". Schon früher sagte man: „Er is'n bisken schüchtern uf de Oogen" für „Er schielt". Danach ist gebildet: „Er is schüchtern uf de Casus", d. h. er kann „mir" und „mich" nicht unterscheiden. Zur Empfehlung eines Magenligueurs sagt man: „Er hitzt, kühlt, führt ab, stoppt ooch, nimmt den Schwindel, stärkt's Jedächtniß un jiebt 'n verlorenen Verstand wieder". Zur Definition vom „Stiesel": Präsident: Angeklagter, Sie sollen zum Zeugen „Stieselcr" gesagt haben." — Angeklagter: „Nischt vor unjut, Herr Gerichtshof, aber erschtenS heeßt et „Stiesel", det iS nämlich 'n Mann, der immer so dnht, als wenn er wat dächte und am Ende en janz jewöhnlicher Ochse is, aber zweetens habe ick det Wort jar nich jejen ihm jebraucht." 88 * (Eine Prophezeihung.) Im Bisthum Trier ist auf einer in der Kirche unter der Orgelbühne angebrachten alten Stein-Tafel folgende Prophezeihung zu lesen: „(Pmucko Nnrouo pusolla, 6ubit. Dt ^i.toniuo pon!66o tsm aolobradit, Dt llollunnos Olir'otmn ackorubit, Dotus muuckus vuealuinabit." Das heißt: „Wenn St. Markus (25/ April) das Osterlamin reicht, St. Antonius (,3. Juni) Pfingsten feiert, und St. Johannes (24. Juni) am Fronleichnamstage .Christum im heiligen Sakrament anbetet, — dann wird die ganze Welt Wehe schreien." Nosiradamus hat diese Prophezeihung in seine „6ancuvi«?8" in französischer Nebsrsetzung aufgenommen: „(juanck OecwMZ Oisn oruait'sra, (Zuo Naro Is rossusoitora, Dt czuo stean lo pootera, I-a iin <1u mmuko arrivora." Diese 3 Zeitangaben sind für das Jahr 1886 zutreffend. Wer also dieses Jahr erlebt, wird als Zeuge für oder gegen die Wahrsagung auftreten können. (Wie hoch werden in Brasilien die Menschen geschätzt?) Ein Edital äas llui '2 6a iCroveitoria in Vakcnea gibt darüber genügende Auskunft. Derselbe bietet 11 Sklaven zum Verkauf aus, und zur besseren Orientiruug der Reflektanten ist auch gleich der Preis, zu welchem die „Waare" abgeschätzt ist, beigefügt: Manoel 78 Jahre, 5 Doll.; Luiz, 8 Jahre, 5 Dost.; Carolina, 69 Jahre, 5 Dost.; Hilario 5 Dost.; Gregoria 5 Dost.; Christine, 78 I., 5 Dost.; Maria, 17 I., 5 Dost.; Joao, 88 I., 5 Dost.; Susann«, 67 I., 5 Dost.; Felicidade, 75 I., 5 Dost.; Jsabella 75 I., 5 Doll. Alle 11 zusammen also 55 Dost. Das in Nio erscheinende Blatt „H. Isalsta U/nv»" fügt dem Vorstehenden folgende Notiz bei: Vor Kurzem fand in London eine Hunde- Ausstestung statt, wo 252 Stück der edelsten Nm.en zu sehen waren. Einer derselben war auf 10,000 Guinöcn oder ca. 94,500 Doll. geschätzt. Wenn in London ein Hund 94,500 Doll. werth ist, so ist das im Vergleich zu obiger Sklaven-Abschätzung der gleiche Werth, den 18,900 Personen in Brasilien haben. Ländlich, sittlich! (Schicksal.) In Würzburg lebt ein Kellner, der — vielleicht ist er der einzige Mensch auf Erden, der diesen Namen führt — Schicksal heißt. Die Gäste rufen ihn des Spaßes halber stets bei seinem Namen. Nichts Komischeres, als wenn man an der Takle d'hote rufen hört: Schicksal, einen Zahnstocher! Schicksal, ein Stück Rindfleisch, Schicksal noch ein bischen Sauce! rc rc. Als dieser Kellner neulich einer jungen Dame eine Mehlspeis-Sauce auf's Kleid goß, sagte ein neben ihr sitzender Schriftsteller: „Das ist nicht deS Kellners Schuld, das ist des Schicksals-Tücke!" (Probates Mittel.) Die Kaiserin von Oesterreich war vor zwanzig Jahren schwer krank und von Aerzten beihnahe aufgegeben; da kam ein alter bayerischer Arzt (Name?), ein Freund ihres herzoglichen Elternhauses, und ricth der hohen Frau, alle Arzneien zum Fenster hinauszuwerfen, sich viel in freier Luft aufzuhalten, zu reiten upd zu gehen. Seither befolgt die Kaiserin diese Lebensweise, die ihre Gesundheit erhält. (Die NothWahrheit.) Student A.: „Ich glaube, unser Freund Hugo kann überhaupt nicht die Wahrheit sagen; ich erstaune oft, wie er die einfachsten Dinge mindestens in ein falsches Licht rückt. Wer glaubt ihm wohl noch?" — Student B.r „Sein Vater, wenn Hugo ihm Schulden beichtet." — Student A.: „Das ist aber nur eine Ncthwahrheit." (Abgeführt.) Unmittelbar am Dom zu Köln steht ei» spleeniger Engländer, der sich in den Straßen nicht „auskennt", und fragt einen Eckensteher: „Könn' Sie mir nich steigen, wo iß der Kölner Dom?" Eckensteher: „Nä Här ick ben selver voll!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischcn Instituts von Dr. Max Huttler.