zur „Äilgslmrger postseitnug." Nr. 12. Samstag, 10. Februar 1883. Jörg von Maldeck. Eine Erzählung aus dem fünfzehnten Jahrhundert von F. S ch e n k. (Fortsetzung.) Ritter Jörg wandelte auf den Kieswegen zwischen den Blumenbeeten, dann ging er wieder in die Laube, sah durch die schtyale Maueröffnung hinaus auf das Meer, da seufzte er: Wie oft werde ich dich von hier aus noch schauen müssen, du gewaltige Wasserfläche und wie viel lieber möchte ich den winzigen, aber so lieblichen See meiner Heimath schauen, wie ihn, wohl mit nassen Augen meine theure Agatha steht! — Da öffnete Selima die Thurmthüre und trat mit einem Packe in die Laube. »Setzt Euch zu mir", sagte sie mit zitternder Stimme, „ich habe Wichtiges mit Euch zu sprechen, denn heute brachte ich Euch zum letzten Male die Abendsuppe — es war auch die letzte Speise, die Ihr in dieser Festung genossen habt!" Besorgt frug Jörg: »Was hat man mit mir vor, Selima? O, sag' mir's offen, Mädchen, ich bin auf Alles gefaßt!" „Habt keine Sorge, edler Ritter! — Was Ihr so oft im heißen, innigen Gebete erfleht, die Heimkehr zu Eurer lieben Burgfrau, sie soll nicht mehr verzögert werden. Noch diesen Abend naht Euer Retter, ein Matrose des braven Kaufherrn Antonio Nossi aus Venedig, welcher Euch auf das Fahrzeug bringen wird, das um Mitternacht die Anker lichtet!" — Dann auf den neben sich im Kiese liegenden Pack weisend fuhr sie fort: „Hier ist ein Matrosenkleid, dieses ziehet an, ehe es dunkel wird und ich wieder komme, denn, wenn der Jmam das Abendgebet gesprochen haben wird, — wie Jhr's ja so oft schon gehört habt, — kommt Andrea Euer Netter an die Oeffnung dort unter dem Oleandergebüsch und wird dreimal leise klopfen, worauf Ihr n it diesem Schlüssel — sie gab ihm denselben — öffnet und durchkriechet. Den Schlüssel aber laßt stecken, damit ich wieder schließen kann. Jörg hatte dem Gespräche des Mädchens fast athemlos zugehört« Dann, als diese geendet, faßte er tiefbewegt beide Hände des guten Mädchens, drückte sie innig und sah ihr lange sprachlos in die immer noch hübschen Züge. Thräne um Thräne rann dem Ritter aus den Augen und als er auch in jenen des Mädchens solche glänzen sah, da rief er: Wie danke ich dem Ewigen, der Dich mir als rettenden Engel in dieses schauerliche Gefängniß gesandt! Wenn Ibrahim nicht erkrankt wäre, hätte ich wohl dieses mir Ho lieb gewordene Gärtchen niemals betreten» mich niemals erquickt an der stärkenden Meeresluft, an dem Dufte der Blumen, die Deine glückliche Hand, herrliches Mädchen, gepflegt. — O, ich hätte Dich wohl auch niemals kennen gelernt und wer weiß, was mit mir geschehen wäre! Aber Gott lenkte es zu meinem Besten durch Dich, Selima!" Er nahm sein kostbares Medaillon vom Halse und reichte es der Retterin, welche heftig schluchzend sich auf die Bank niedergelassen hatte. „Ich weiß nicht, wie ich Dir dieses Liebeswerk vergelten soll, sprach der Ritter. Nimm dieses werthvolle, mir so theure Geschenk meiner Agatha als ein Andenken an den deutschen Ritter, den Du so treu gepflegt, den Du den Seinen wiedergegeben hast! Ich weiß es, ich darf Dir's gebe»,. das Geschenk meiner Gattin, sie selbst würde es der Retterin ihres Jörg anbieten! — O Luzia! Möge es Dich zurückgeleite» in Dein schönes Heimathland, zu Deinem Kinderglauben und möge es Dir einst, wenn nothwendig, auch materiellen Nutzen gewähren!" — Selima betrachtete das Medaillon unter Thränen, küßte dasselbe und sagte: „Ich danke Euch, Herr Ritter! Ja, ich nehme das Kleinod als Geschenk von Euch, als Andenken an den frommen deutschen Ritter. Ich hoffe, Gott wird mir gnädig sein und mein Samariterwerk als Sühne für den Abfall vom Christenthums ansehen, bis ich wieder so glücklich sein kann, zur lieben Kirche meiner Jugend heimzukehren!" — Darauf erhob sie sich, trocknete ihre Thränen und indem sie den Krug ergriff, sagte sie noch: „Jetzt kleidet Euch um, ich muß zu Ibrahim, komme aber noch vor dem Gebete. Laßt des Alten Kleider nur hier in der Laube, ich versorge sie später." Ritter Jörg sah dem Mädchen nach, bis dasselbe unter der Thurmthüre verschwand, dann kniete er nieder und betete lange und innig. — VII. Als Selima wieder an das Lager des Kranken trat, hatte sich der Kaufherr bereits entfernt. Ibrahim winkte dem Mädchen näher zu treten und sprach dann mit leiser, matter Stimme: „Antonio ging zufrieden fort, nun ist uns Beiden gedient. Er hat, was er so lange ersehnte, erhalten und ich habe die Kaufssumme, so angelegt, wie ich's für's Beste halte, nämlich für Dich bei dem Kaufherrn." „Wie dank ich Euch, mein zweiter Vater, für Eure Liebe!" antwortete ergriffen das Mädchen und drückte die dürre Hand des Alten. Nach einer Pause fuhr dieser fort: „Antonio wird, wenn ich nicht mehr bin, für Dich sorgen. Du warst mir nicht nur eine treue Sklavin, sondern mehr noch, eine sorgsame Tochter und Pflegerin. Nach .meinem Tode bist Du frei, Selima. - Dann verlasse diese Festung, die Dir nur den Anblick armer Unglücklicher geboten. Kehre zurück in Deine schöne Heimath und gedenke manchmal des alten Ibrahim, der Dir so lange Freund und Vater war." — Dann fuhr er fort: „Wie steht es mit dem Ritter im rothen Thurmes Ist seine Wunde geheilt?" Selima entgegnete etwas betroffen: „Die Wunde verursacht dem Ritter wenig Schmerz; doch kann er sich nicht recht erholen, er kann nicht zu Kräften kommen, wenn er nicht kräftigere Nahrung erhält." „Wir dürfen dem Gefangenen nur das Vorgeschriebene geben, doch magst Du ihm manchmal ein wenig Obst reichen, jedoch vorsichtig. — In drei Tagen kommt ein neuer Transport Gefangener aus der Schlacht von Varna. Diese wird der Commandant der Festung selbst empfangen und da müssen mehrere der älteren Gefangenen ausgelöset sein, außerdem werden sie verkauft. Sorge, daß der Ritter bei Ankunft des Gouverneurs in Ketten sich befindet, wie der Befehl lautet." — „Der arme Ritter!" seufzte Selima. „Wer sollte für denselben Lösegeld senden? Gewiß kennen seine Angehörigen in Deutschland den Aufenthalt des Unglücklichen gar nicht und wie lange muß er noch in dem feuchten Thurme liegen, bis diese Angelegenheit bereiniget sein wird! — Der Gouverneur wird eben die armen, vermögenslosen Gefangenen als Sklaven verkaufen, um Platz zu machen; die Besseren aber, von denen ^ er reichliches Lösegeld hofft» werden diese Burg wohl lange nicht verlassen dürfen!" „Wir können Nichts ändern!" lispelte der Kranke. .Wie froh war das Mädchen, daß alle Vermuthungen des Gefängnißwärt-rs bezüglich der Zukunft des Ritters durch dessen Flucht gegenstandslos würden. Sie war 91 entschlossen, mit Beihilfe eines Unterwärters von dem sie früher einmal die Bastonade durch ihre Fürbitte bei Ibrahim abgewendet hatte, und der ihr seitdem sehr zugethan war, einen anderen Gefangenen besseren Standes in Jörgs Gefängniß zu bringen. Der Alte wurde plötzlich wieder von einem so heftigen Husten befallen, daß Blut aus dem Munde strömte und der Verband der Brustwunde sich lockerte, so daß Selima nicht rasch genug Hilfe leisten konnte. — Die Athemzüge des Kranken wurden kürzer und schwächer. Das Mädchen sandte eine Sklavin in die Stadt, um einen Arzt zu holen, denn sie merkte wohl, daß es mit Ibrahim bald zu Ende gehen müsse, der nach dem Anfalle bewußtlos lag. Nachdem der Arzt nicht vor einer Stunde eintreffen konnte, eilte das Mädchen noch in den Garten hinunter, um von dem Ritter Abschied zu nehmen. Jörg von Waldeck saß im Matrosenanzug in der Laube, als Selima die Thurm» thüre öffnete. Er eilte ihr entgegen, wollte seiner Retterin noch einmal die Hände drücken, diese aber sprach: „Kommt rasch zum Oleanderbusch, schon höre ich den Jmam das Abendgebet sprechen!" — Sie gingen an die bezeichnete Stelle, dort öffnete Selima das Thürchen, dann sagte sie leise: „Lebt wohl, edler Ritter! Ich muß zu Ibrahim eilen, denn er wird diese Nacht kaum mehr überleben. Gedenkt manchmal an Selima, in welcher Euer frommer Sinn die Sehnsucht nach der Heimah, nach den seligen Kinderjahren so mächtig geweckt, an das Mädchen, welches durch Eure Rettung die Abtrünnigkeit vom Christenglauben zu sühnen und bald selbst wieder Christin zu sein hofft. Lebt wohl!* — Nasch eilte sie aus dem Gebüsche und ehe der gerührte Jörg ein Wort zu sprechen vermochte, sah er das brave Mädchen in der Thurmthüre verschwinden. Als das Gebet des Priesters auf dem Minarete verstummt war, vernahm der Ritter an dem zugelehnten Thürchen dreimaliges leises Klopfen. Er öffnete und kroch durch die schmale Oeffnung in's Freie, wo der treue Matrose Andrea, der ersehnte Netter, stand. Jörg drückte diesem die Hand, dann schritten Beide schweigend den schmalen Pfad durch die Weinberge hinab, durchwanderten eine schmutzige Vorstadt und langten endlich am Ufer der Narenta an, wo sie eine Gondel bestiegen und kurze Zeit daranf das Handelsschiff des Antonio erreichten. „Habt Dank, mein Netter!" sprach Ritter Jörg, als sie auf dem Verdecke des Schiffes standen. „Gott lohne Euch, was Ihr einem unglücklichen Gefangenen Gutes gethan habt!" „Ich vollzog nur die Befehle meines Herrn", entgegnete Andrea. „Ihm dankt, Ritter, denn ohne seinen guten Willen müßtet Ihr wohl lange noch in der grausigen Festung dort oben schmachten, oder, wer weiß, welches traurige Loos Eurer gewartet hätte! — Nun folgt mir in die Kajüte des Herrn. Dort liegen Kleider für Euch, dann erwartet dort Signor Antonio, welcher gegen Mitternacht auf das Schiff kommt, ehe dasselbe in die See sticht." Darauf begaben sich Beide in den unteren Schiffsraum, wo sich die Schlafkabine des Kaufherrn befand. Dort wechselte Jörg die Kleider, während Andrea auf's Verdeck stieg und die schlummernden Matrosen weckte. Obwohl der Ritter glücklich war, daß er sein düsteres Gefängniß verlassen hatte, so konnte er sich seiner Rettung dennoch nicht so ganz erfreuen, weil immer noch eine Entdeckung seiner Flucht möglich und eine Verfolgung zu fürchten war. Erst nachdem der Kaufherr das Schiff betreten und Befehl zur Lichtung der Anker gegeben hatte und das Fahrzeug bei gutem Winde rasch in's Meer hinausschmamm» erst dann fühlte sich Ritter Jörg sicher und gab sich seinen nun heftig vordringenden Dankgefühlen ungehindert him — (Fortsetzung so 92 — Symbolische Handlungen bei Rechtsgeschäften. Von Dr. Friedrich Leist. Es war nicht zu allen Zeiten so einfach und leicht, ein Rechtsgeschäft abzuschließen, wie dies heutzutage der Fall ist, wo man mit seinem Kontrahenten eben geradenweges zum dienstwilligen Notarius sich begibt, dort urkundlich das vorgehabte Rechtsgeschäft verbriefen läßt, die entsprechenden Taxen bezahlt und den gewallten neuen Nechtszustand schwarz auf weiß und wohlbesiegelt als für alle Zeiten gültig und unanfechtbar getrost nach Hause tragen kann. In der „sogenannten" guten alten Zeit, wo man noch, um eben diese Güte der Zeit der Nachwelt im rechten Lichte zu zeigen, nach der peinlichen Halsgerichtsordnung die Menschen folterte, eine Lüge mit Zungenabschneiden, eine Ohrfeige mit Handabschlagen, eine Verleumdung mit Augenausstechen und das Schuldenmachen möglichenfalls mit dem Tode bestrafte, da war's auch mit allen Rechtshandlungen eigenthümlich bestellt; sie erforderten zu ihrem Vollzug eine umfangreiche Symbolik, die sich in alle Zweige des Rechtes ausdehnte, vorzugsiveise aber eine große Bedeutung erlangte beim Eigenthumserwerb an Grundstücken. Kleine Ueberreste aus jenen symbolischen Handlungen sind uns bis heute noch erhalten; es mag nur daran erinnert werden, daß heute noch in vielen Orten üblich ist, gewisse Rechtsgeschäfte, namentlich Kauf und Verkauf, durch Handschlag perfekt zu machen, oder das Darreichen einer bestimmten Münze trägt gleichfalls bindende Kraft für eine in Aussicht gestellte noch zu erfüllende Rechtshandlung; die große Menge symbolischer Handlungen aber haben wir längst glücklich über Bord geworfen, und wir schätzen die Erinnerung daran jetzt nur noch etwa, wie man auch andere Gegenstände schätzt, die in Folge ihres Alters schon lange jeden Gebrauchswerth verloren, dafür aber einen um so höheren Alterthumswerth gewonnen haben. Der Zweck der Anwendung solch symbolischer Zeichen bei Abschluß von Rechtsgeschäften war in erster Linie, bei Verbriefung derselben Siegelung und Unterzeichnung entweder ganz zu vertreten oder den Urkunden mindestens eine erhöhte Glaubwürdigkeit zu verleihen. .Vorzugsweise ist es die sogenannte Investitur, d. h. die Einführung in den Besitz einer Sache, in Aemter Würden und Rechte, die eine ganze Reihe symbolischer Handlungen hervorrief, und die, schon in Urkunden des 7. Jahrhunderts, noch häufiger von, 9. Jahrhundert anfangend, ihre letzten Ausläufer fast bis in das moderne Nechts- leben erstreckt. Es mag darum nicht uninteressant sein, zunächst in Kürze zu erfahren, wie es um diese Investitur bestellt war. Ein Beispiel möge dies erklären: Der Uebergang eines Grundstückes durch Kauf in die Hände eines anderen als des bisherigen Eigenthüm'ers erforderte zwei Handlungen: die Auflassung, eine Art Vorbereitungsgeschäft, bei welchem der Kauf, der Tausch, die Schenkung abgeschlossen, der Uebergang des Eigentumsrechtes von einem auf den anderen Kontrahenten erklärt und darüber eine Urkunde aufgenommen wurde. Auch diese Handlung wurde von symbolischen Formen begleitet. In der Regel nämlich wurde das für die Urkunde bestimmte Pergamentblatt auf den Boden gelegt und darauf alsdann die sogenannte Testula, ein Messer, ein Handschuh, eine Erdscholle, ein Zweig, Schreibfeder und Tintenfaß. Alle diese Gegenstände wurden hierauf mit dem Pergament vom Boden erhoben und von dem Veräußerer unter bestimmten Worten dem neuen Eriverber übergeben, worauf dieser den Schreiber zur Abfassung der urkundlichen Aufnahme veranlaßte. An diese Handlung schloß sich dann die Investitur, deren juristische Bedeutung darin lag, daß damit auch der volle körperliche Besitz auf den neuen Eriverber überging. Die einzelnen Rechte haben verschiedene Wandlungen dieser Formeln hervorgebracht, so daß eine ganze Reihe der sonderbarsten symbolischen Gebräuche Gegenstand kulturhistorischer Erinnerung geworden ist. — S3 — So wurde die Investitur vollzogen mittels Überreichung eines Ringes, namentlich bei Uebertragung von hohen Würden und Aemtern, sowie mittels eines Stabes, der entweder auf den Altar gelegt oder demjenigen, der investirt werden sollte, in die Hand gegeben wurde. Das berühmteste historische Beispiel dieser Art von Amts- und Würdenverleihung liefert uns bekanntlich jener mehr als fünfzigjährige Streit, der zwischen Papst und dem deutschen Könige durch das Verbot einer Synode zu Nom 1075 hervorgerufen wurde, wonach den Geistlichen auferlegt wurde, sich von den weltlichen Fürsten nicht mehr die Investitur ertheilen zu lassen. Das Ende des Jnvestiturstreites durch das Wormser Konkordat 1122 brachte eine neue Art der Investitur durch Einführung der Ueberreichung eines Szepters. Die Investitur mittels eines Stabes ging übrigens sogar so weit, daß nicht selten auch die Holzart genauer bestimmt war, von welcher er genommen sein sollte, und da galten vorzugsweise brauchbar: die Eiche, die Esche, die Haselstaude und die Tamarisken- staude. — Eine Art Verkleinerung des Stabes konnte in der Weise stattfinden, daß man kleine Hvlzstücke, gleichfalls von bestimmten Baumarten stammend, als Jnvestiturzeichen übergab oder sonstige Gegenstände von Holz, und bisweilen findet es sich noch, daß diese hölzernen Gaben in dem unteren Theil der Urkunden/ die über den Akt aufgenommen wurden, eingenäht erscheinen. Die verschiedenen Arten der Rechtsgeschäfte brachten den großen Wechsel in die Investitur. So wurden Königreiche mittels des Symbols eines großen Schwertes übergeben oder direkte Ueberreichung einer goldenen Krone, in welch letzterer Form z. B. Ludwig der Fromme im Jahre 813 von seinem Vater Karl dem Großen das Kaiserthum erhielt. An Stelle der Krone konnte der Hut treten, ein Gebrauch, der vorzugsweise in England üblich war. König Richard von England z. B. übergab durch Ueberreichung eines Fürstenhutes Heinrich VI., in dessen Gefangenschaft er gewesen, das Königreich. Länder, Städte und Dörfer werden durch das Symbol des AermeIs übergeben, indem die Urkunde mit einem Stücke des Aermels vom Kleide des Veräußersrs zugleich dem neuen Erwerber zugestellt wurde. Bestimmte Rechte dagegen wurden nicht selten durch den Gürtel übergeben. Auch hier wurden gewöhnlich genauere Anordnungen wegen des Gürtels getroffen; er mußte in der Regel von Hirschleder sein und ein kleines Messer sollte daran hängen. Bisweilen wurden an den Riemen einzelne Knoten zum Andenken eingeflochten und die Riemen dann entweder auf den Altar niedergelegt oder wieder in die Urkunde eingenäht. War bei der Investitur ein Messer in Verwendung, dann wurde es zumeist in Aller Gegenwart zerbrochen und die Stücke wurden hierauf vertheilt oder es. wurde dasselbe, wenn es etwa ein Schnappmesser war, zuerst vor Aller Augen aufgemacht, dann von dem Veräußerer wieder geschloffen und mit entsprechenden Worten auf den Altar niedergelegt. Dieser Gebrauch fand gewöhnlich bei Wiedererstattung von gewaltsam entrissenen Gütern statt. Nicht selten bestand dabei noch die besondere Vorschrift, daß es ein Messer mit weißer Schale sein sollte, oder es waren mit dein Messer noch andere Symbole verbunden, z. B. Münzen, die dann wohl durchbohrt und unter bestimmtem Zeremoniell der Urkunde gleich Siegeln angehängt wurden. An Stelle des Messers konnte übrigens auch ein anderes schneidiges Werkzeug, so namentlich die Scheere, für die Investitur Dienste leisten. Vom Grafen Odo von Corbeil z. B. wird in einer Chonik erzählt, daß er auf Bitten seiner Mutter, der Gräfin de Croccio, einen Mönch Nobertus mit einer geistlichen Pfründe belieh, indem er gleichzeitig mit der Scheere demselben eine Stelle des Hauptes schor. Ueberhaupt konnten auch Haupthaare zur Investitur verwendet werden, ja selbst Varthaare dienten hierfür, indem sie dem Jnvestirten aus dem Barte genommen und dem Altare übergeben wurden. Eine weniger unzarte Investitur geschah durch den Kuh. Beispiele dieser Art -- 94 finden sich in mittelalterlichen Urkunden für gewisse Fälle bisweilen genau beschrieben. So finden wir z. B. einen derartigen Fall im Archiv des heil. Albin zu AngerS beschrieben. indem nämlich Maino, der Sohn Gualons, mit Zustimmung seiner Gemahlin Vieta dem hl. Albin das Land von Brilchiot schenkte und zur Befestigung seiner Schenkung dem Mönche Waller einen Kuß gab; da aber seine Frau doch dem Mönch keinen Kuß appliziren konnte, so gab dieser seine Einwilligung, daß an seiner Stelle ein weltlicher Klostervogt von der Frau mit der gleichen Verbindlichkeit geküßt wurde. Wo aber das süße Bindemittel des Kusses nicht auszureichen schien, konnte man auch zu der drastischen Investitur mittelst Ohrfeige seine Zuflucht nehmen. In der Stiftungsurkunde der Abtei St. Pierre de Preanx in der Diöcese Lisieux findet sich folgendes Beispiel für dieses Symbol: Bei einer Vergebung eines Landgutes durch den Grafen Robert von der Normandie war auch der Erbauer desselben» Humfridus, mit seinen Söhnen Noger und Robert Wilhelm anwesend. Jeder erhielt zur Erinnerung an diese Handlung vom Vater eine Ohrfeige; die größte Ohrfeige aber gab er dem Richard von Lillabona, welcher das Weingefäß des Grafen Robert getragen hatte, und als dieser die Frage an ihn stellte, warum man ihn wohl mit der ausgiebigsten Ohrfeige bedacht habe, erhielt er die Antwort: weil er als der Jüngste die meiste Wahrscheinlichkeit der längsten Lebensdauer biete und darum auch des stärksten Erinnerungszeichens bedürfte, um noch in späteren Jahren, wenn vielleicht Niemand der Anwesenden mehr lebe, für die eben verhandelte Schenkung einzutreten. Ein beliebtes Symbol, wodurch insbesondere Bischöfe und Aebte ihre kirchlichen Würden erhielten, waren die Glockenseile, welche beim ersten Eintritt in die Kirche dem Jnvestirten in die Hände gelegt wurden, worauf derselbe hierdurch die Kirchengloclen selbst läutete und in dieser Weise die Kirchengemeinde zum Gebet vereinigte, wogegen die Glieder der Gemeinde ihre in kirchlichen Angelegenheiten übernommenen Verpflichtungen dadurch bethätigten, daß jede einzelne Person ein Wcihrauchkorn auf den Altar niederlegte. Andere Investituren fanden durch Ueberreichung eines Handschuhs der rechten Hand statt, durch einen Spieß, eine Fahne, durch Auflegung des Evangeliumbnches; übergebene Häuser oder deren Wiederabtretung wurden durch Binsen, Grundstücke in der Regel durch ein Stück ausgeschnittenen Rasens, durch eine Hand voll Erde, die von dem Acker oder Grundstück selbst genommen sein mußte, investirt, durch einen Strohhalm, der in den untern Rand der Urkunde eingelegt wurde, durch Uebergabe von Reliquien- kästchen, durch Aufstellung eines Bechers auf den Altar, durch Ueberreichung eines Taschentuches, eines Altartuches von bestimmtem Stoffe, durch Hingabe einer Feoer und eines Schreibrohres, wie dies namentlich bei Investitur von Notaren der Fall war; endlich konnte auch noch eine Häufung von Symbolen stattfinden, eine Investitur also z. B. mittels Schwert, Mütze und Ring, mit Ring und Stab, mittels Jagdhorn und Gürtel, mittels Schwert und Spieß und dergl. stattfinden. Im Laufe der Zeit treten naturgemäß auch in diesen Verhältnissen mehrfache Aenderungen ein. Namentlich die Veräußerung von Grundstücken wurde mit der Zeit vor den Vogt oder Schultheißen gebracht, und wurde hier dann eine Urkunde darüber ausgefertigt und diese mit dem Stadtsiegel versehen. Bald entstand auch der Gebrauch, sie in einem dazu bestimmten Stadtbuche einzutragen, und mit diesen Eintragungen entwickelte sich zeitig auch die Entrichtung bestimmter Gebühren. Das Eeremoniell der Investitur aber hielt sich daneben durch Jahrhunderte hindurch fort, und noch heute sind in einzelnen Gegenden die Neste solcher Gebräuche nicht vollständig erstürben. G»l-rörner. Wie wenige Freunde würden Freunde bleiben, wenn einer die Gesinnungen des andern im Gauzev >ehen könnte. Lichtenberg. Wisse, daß man nicht gleich ein Riese heißet,. Wenn man kein Zwerg mehr heißen kann. Pfeffel. Der Wirth zirm goldenen Lümmle. In der schwäbischen Stadt mit dem kurzen Namen und dem langen Münsterthurm war einst der Wirth K. „zum goldenen Läminle." Einstmals hatte auch der Alterthumsforscher-Verein eine Zusammenkunft in der Stadt und es fanden sich von allen Gegenden so viele Leute zusammen, daß Mangel an Quartier war. Nun kam auch der heitere Herzog M. vom benachbarten Lande an und der Herr fand in den ersten Gaßhöfen eben auch kein Quartier. Es wurde ihm sodann das „Lümmle" empfohlen, wo er zwar ein bescheidenes, aber reinliches Zimmer mit schöner Aussicht auf'die Donau und eine treffliche Einsicht in Küche und Keller habe. — Der hohe Gast machte sich auf den Weg, und obwohl es spät Abends war, entschloß er sich doch, das „Lämmle" aufzusuchen. Beim Eintritt wurde er von dein in Hemdärmeln anwesenden Wirth auf das Freundlichste mit den Worten begrüßt: „Sie hent heut wahrscheinle wo anders kein Quartier kriegt, sonst kämet Se net zu mir." — „So ist es", erwiderte heiter gestimmt der Herzog. „Ich habe befohlen meinen Koffer hierher zu bringen, im Falle ich hier bleiben kann." — „Ja wohl", sagte der Wirth, „Sie g'fallet mir und obwohl i's Quartier heut' scho' hätt' zehnmal vergebe könne, so hab i' mir denkt, es kommt dcch no' was Besser's." — Der Herzog meinte: „Das Sprichwort sagt aber, eS kommt nichts Besseres nach." — „Auf d' Sprüch geh' i net", erwiderte der Wirth, „i seh' den Mann an. Was wünschen Sie zu trinken, Herr?" — „Eine Flasche Champagner!" — „Blitz, Sie müaßet heut' scho' guets G'schäft g'macht habe, wenn Sie Nachts zehn no' Champaninger saufet." — Der Herzog lachte herzlich auf die Derbheit, staunte aber, als der Wirth den Champagner mit zwei Gläsern servirte. „Zu was zwei Gläser?" frug der Herzog. — „I sauf au mit", erwiderte der Wirlh, „denn i hab' heut an guete Geschäfte g'macht, no pasche mer den Plunder raus." — „Wohlan", meinte der Herzog, „bin einverstanden." — Die Flasche wurde entkorkt und immer heiterer wurde die Unterhaltung, welche durch Niemanden gestört wurde, weil Wirth und Gast die alleinigen Zecher in der Stube waren. Es war wenige Minuten nach elf» als die Thür aufging und ein Neger einen schweren Koffer hereintrug. Der Wirth erschrack entsetzlich, doch wurde er ruhiger, als der Sohn Afrika's auf den Herzog zutrat und frug: „Hoheit, wo habe ich den Koffer hinzuthun?" — „Dies wird der Wirth bestimmen", war die Antwort.— „Was? Hoheit?!" rief der noch immer frappirte Wirth. — „Nun ja, beruhigen Sie sich, ich bin der Herzog M. in B. Dies soll aber unsere Unterhaltung nicht stören. Weisen Sie gefälligst den Diener mit dem Gepäck in mein Zimmer und geben Sie ihm ein Nachtmahl." — „Blitz, Fix, Donnerwetter, Hemdärmel und Sie a Hoheit! Weib komm rei, i kann die Schand alloi net trage, hilf mir!" — „Du hast mi zum Trinka a net g'rufa, trag no die Schand alloi!" — „No, so bring' dein Mohren was! Entschuldigen, Hoheit, was frißt denn der Kerle?" Der Gast lachte und erwiderte: „Geben Sie ihm Braten und Salat und etwas Wein, er wird nichts übrig lassen. Doch kommen Sie, wir wollen noch beisammen bleiben." — Die Glocke des alten Münsters kündete mit zwölf Schlägen die Mitternacht: und wieder geht die Thüre des Gastzimmers auf und herein tritt mit schwerem Schritt kein Schwarzgeborener, aber ein Weißer der hohen schwäbischen Polizei. Selbst der Diener am hintersten Tisch erschrack über die Erscheinung in Amtsmiene, welche direkt auf den Gastwirth und seinen Gast zuschritt mit den Worten: „Höret Se, Ihr Herra, 's ischt Zwölfe und d' Polizeischtond vorbei." — Der Gastwirth darüber entsetzt, weil ein so sehr verehrter Gast gestört wird, erwiderte in ruhigem, aber ernsthaften Tone: „Höret Sia jetzt, der Herr, der bei mir sitzt, ischt a königliche Hoheit, — und i be der Wirth mi kennet Se, und daß der Bedeant da hinta koi Ulmer ischt, des meret Sie eam wohl anseha." — Und die Polizei ging beruhigt von bannen. Herzog M. v. B. freute sich aber noch lange über den urwüchsigen Wirth „zum goldenen Lümmle." Miseellen. (Verlorenes in London.) „Entschuldigen Sie, mein Herr, haben Sie etwa eine Doppelkrone verloren?" fragte ein ernstblickender Mann mit Notizbuch in der Hand einen ihm Begegnenden. Der Angeredete suchte mit nervöser Hast in verschiedenen Taschen und rief: „Ja wirklich! Wie konnte ich nur so unachtsam sein. Fort ist sie. Ich muß sie hier ganz in der Nähe, wo wir stehen, verloren haben!" Der Mann mit dem Notizbuch zog einen Bleistift hervor und sprach: „Bitte um Ihren Namen und Adresse." Nachdem dies notirt, wolliger sich entfernen, aber der Ausgefragte rief: „Wohin? Wo ist mein Geld? Meine Doppelkrone will ich haben!" — „O, ich habe gar keine gefunden. Heute Früh fiel mir ein, daß in einer so großen Stadt, wir diese, wo stündlich Millionen in Umlauf sind, auch sehr viel verloren werden müsse und das wollte ich ergründen. Auf einer Strecke von etwa tausend Schritten habe ich schon sieben Herren getroffen, deren jeder eine Doppelkrone verloren hatte, wie Sie! Guten Morgen, mein Herr!" (Blühende Katheder-Weisheit.) Auf dem Korridor eines Berliner Gymnasiums: Lehrer zum Schüler: „Sie haben überhaupt kein Recht hier auf dem Korridor herumzugehen und wenn Sie dieses Recht gar noch mißbrauchen, so wird es Ihnen genommen werden!" — Ordinarius von Quarta: Hören Sie, lieber Löffel, Sie übersetzen heute sehr schlecht. Schüler: Ich übersetze ja in dieser Klasse zum ersten Male. Lehrer: Trotzdem! — „Die lächerliche Geschmacklosigkeit eines Zylinderhutes ist selbst neben einer persischen Lammfellmütze immer noch auf unserer Seite." — „Königs Literaturzeschichte ist ein Bilderbuch, das mehr durch den hübschen Einband und die Ausstattung wirkt, als durch die auf vielen Seiten allseitig hervortretende Einseitigkeit." — „Na, ein Resultaz kann doch nur richtig sein! Wenn Ihres richtig wäre, so wäre meines falsch, — was aber falsch ist, denn es ist richtig!" (Trinkbarometer eines alten „Kneipgenies".) Wissen Sie, pflegte Herr Schwips zu sagen, wie ich merke, wenn ich vom Trinken eine schwere Zunge bekomme?" So lange ich „Exterritorialität" ohne Anstoß aussprecheu kaun, bin ich noch ganz nüchtern; wenn ich die „Jncompatibilität" deutlich herausbringe, geht's noch an; wenn ich bei der „Excentricität" stolpere, wird's bedenklich; wenn ich aber „Eulalia" nicht mehr sagen kann, dann ist's gefehlt. (Weshalb er sich so gut erinnert.) Ein Pariser trifft auf den Boulevards einen Geistlichen und grüßt ihn in herzlichster Weise. „Verzeihung, mein Herr," sagte der Abbe verlegen, „ich erinnere mich nicht, die Ehre Ihrer Bekanntschaft zu haben." „Wie, Sie erkennen mich nicht?" fragte erstaunt der Pariser. „O, ich meinerseits werde Sie niemals vergessen: haben Sie doch damals auf dem Lande — meine Schwiegermutter begraben." (Auch eine „Ziehung.") Student: „Ja, lieber Herr Meister, thut mir leid daß Sie solch ein Pechvogel in meiner Lotterie sind! Sehen Sie, ich werfe meine sämmtlichen Rechnungen in diesen Papierkorb hier und veranstalte alle halbe Jahre eine Ziehung, was ich herausziehe wird prompt bezahlt — Sie sind eben leider — noch nie herausgekommen. (Nicht nöthig.) Engländer: „Sagen Sie mir doch gefälligst, wie kommt es denn, daß Ihre so wortreicht Sprache kein Wort besitzt, welches das Gegentheil von Durst ausdrückt?" — Deutscher: „Ja, wissen Sie, lieber Herr, wir brauchen eben kein's, denn Durst hat der Deutsche immer." 1 2 1 3 4 5 6 . Arithmogryph. 6 . . . eine asiatische Halbinsel. ein Vogel. 2 13 6 4 2 16 6 5 2 1 Hochland in Asien. Nebenfluß des Tib, ein Nebenfluß Füi! bis Redaktion verantwortlich AlphonS Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.