Ullter^aktungA^Lstt »ur „Augsbllrger Postzeitimg." Nr. 16. Samstag, 24. Februar 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Fortsetzung.) Frau Solmitz neigte grüßend das Haupt und verließ, von dem Verwalter gefolgt, der ihr dienstfertig die Thür öffnete, den Salon, kalt und unbeweglich wie immer. Das junge Mädchen blieb allein,» es war, als ob eine Last von ihrem Busen genommen, auch das Herz hat seine Thränen und sie hatten sie zu ersticken gedroht, nun traten sie ihr in's Auge und schluchzend barg sie das Antlitz in den Händen. „Ja, eine Fremde", sagte sie im halblauten Selbstgespräch, „eine aus Mitleid Geduldete, einer Bettlerin Kind, das eine Laune aus dem Nichts erhob, eine Laune in das Nichts zurückschleudern kann. Warum, stolze, kalte Frau, ließest Du, die mir Meister gab, meine Fähigkeiten zu bilden, daß das Schaustück Deiner Großherzigkeit Dir Ehre mache, mich nicht unterweisen, zugleich Herz und Sinn zu tödten, warum, selbst empfindungslos, unbewegt, wo des Krieges blutige Sichel das Haupt des Sohnes bedroht, ersticktest Du nicht in mir jedes Gefühl? Nun ist's zu spät. Ich habe ja keinen, keinen als mich selbst, ein unerfahrenes Mädchenherz, das mich führt, mich leitet, und ach, das Herz ist ein trügerischer Pilot auf des Daseins sturmbewegten Wellen, und selbst die letzte Zuflucht hat keinen Trost für mich, das letzte theure Vermächtniß, das Du, verklärte Mutter, in des Kindes Hand drücktest, und das ich wie ein Heiligthum barg, die Zuflucht, in der ich sonst Stärke fand und süßen Frieden. Sie zog ein schlichtes, goldenes Medaillon hervor; der Glanz des Metalls war verblichen, vielleicht war es eine Wirkung der zahllosen Thränen, die darüber geweint. Der Druck einer Feder öffnete die Kapsel und wies zwei Miniaturbilder, die Portraits einer jungen Frau, von hoher Schönheit und das eines stattlichen Mannes mit dunklem Haar und Bart und großen leuchtenden Augen. Sie drückte die Bilder an ihre Lippen. „Ihr habt es gehört", sagte sie leise, „eine Fremde — eine Fremde in diesem Hause nennt mich die Mutter Oscars — o gebt mir eine Heimath, laßt mich die Eure theilen, daß es still werde, still und friedlich i» dieser sturmbewegten Seele." „Alida!" Eine jugendsrische Mannesstimme klang von der Schwelle des Salons her und ließ das junge Mädchen erzittern. Von ihr unbemerkt war Oscar von Solmitz eingetreten, ein stattlicher, junger Mann mit feinen weichem Antlitz, das fast eine allzu- große Willenlosigkeit verrieth und durch den Mangel an energischem Ausdruck verlor. „Alida!" wiederholte er, „gelten diese Thränen mir, liebes Mädchen?". Die Waise suchte sich zu fassen. „Sie haben mich überrascht, Oscar", erwiderte sie, „Sie wissen, ich hüte meine Thränen, die Schmerzensperlen der Seele, wie ein Geiziger sein Schatzkästlein. Allein da sie Ihnen nicht entgingen, so will'ich Ihre Frage beantworten: sie gelten der Zukunft." Der Zukunft? Eine mystische Antwort, dunkel und bedeutungsvoll, wie der Schleier, 122 der die räthselhaste Göttin selber deckt, hinter ihm sehe ich den Lorbeer des Helden mir winken, durchflochten von der Liebe Myrthe, aber das grüne Reis ist blutbespritzt und das holde Bild wandelt sich in einem Augenblick zum Todrenkranz des Kriegsopfers." „Alida!" der Zukunft gelten Deine Tränen — weißt Du, daß ich in jedem Augenblicke zu meinem Regiment berufen werden kann, um gegen Frankreich in's Feld zu ziehen?" „Ich weiß es und flüchtete zu Ihrer Mutter, Oscar, und hoffte bei ihr ein Echo des Schmerzes zu finden, der meine Seele durchzittert — wo ist der Mosisstab, der die Brust Herminens von Solmitz dem Gefühl erschließt — ich schlug an Marmor. Und es ist doch Ihre Mutter, Oscar." „Vermag ich das Mutterherz nicht zu erwärmen: die holdeste, die reinste Liebe habe ich mir errungen, die Liebe, die für mich sorgt, die für mich betet. Alida, einem ungewissen Loose, dem Loofe des Soldaten ziehe ich entgegen, bange Ahnungen beklemmen meine Brust, aber eine Gewißheit will ich mit hinausnehmen in's Feld der Ehre, die Gewißheit, daß Du mir einst gehören sollst. Noch heute rede ich mit meiner Mutter." Alida schrack zusammen. „O nimmer, Oscar, nimmer, meinst Du denn. Hermine von Solmitz, die scharfblickende, seclenkundige Frau las nicht seit geraumer Zeit in unseren Herzen? Daher ihre Kälte, daher ihre Schroffheit gegen mich, daher ihre Ruhe, wo mein Herz aufschreien möchte — nein, nicht mein Herz — denn ihre eigenen Worte waren's ja: die Fremde, die aus Mitleid aufgenommene Fremde hat nicht Herz noch Hoffnung an dieses Haus zu hängen." „Eine Fremde Du? O niemals." Sanft umfaßte sie der kräftige Arm des jungen Mannes und zog sie an das Fenster. „Blicke in den Garten, Alida", fuhr er fort, „erkennst Du jene Linde, die wir einst als Kinder gepflanzt und an der wir den ersten Schwur treuer Neigung getauscht? Mächtig strebt sie empor, wie ein theueres Kleinod bewachte ich ihr Gedeihen. „Wie sie aus zartem Sprößling emporwuchs, den Stürmen trotzend und den Jahren so soll auch unser Bunnd sich festen und grünen wie diese Linde, daß sein Schatten noch Enkeln Segen spende." Alida schüttelte das Haupt. „Nicht so, Oscar", sagte sie; „wie theuer, wie lieb S'e mir sind, brauche ich es Ihnen zu verhehlen? Und doch, es gibt noch ein holdes, liebliches Wesen, das mit mir Ihr Herz theilt, und Sie vielleicht glücklicher machen wird, als ich, die arme Waise. Sie sind jung wie ich, Oscar — lassen Sie die Zeit walten und entscheiden." „Was brauche ich Zeit", rief Oscar stürmisch, „hold und gut ist Fanny, aber Alida, der erste Name, den mein Mund mit treuer Neigung nannte, Alida heiße einst meine Brant, meine Gattin." Für einen Augenblick vergaß das junge Mädchen ihre Selbstbeherrschung. Sie blickte in Oscars treue Augen und wie ein süßer Traum von glücklicher Zukunft zog es durch ihre Seele. Ach, schon schreckte sie die Wirklichkeit jäh und rauh empor, denn eine Seiten- portiere theilend, erschien die hohe Gestalt der Gutsherrin im Salon. „Oscar", sagte sie und nichts weiter. Aber für den, der Frau von Solmitz und ihr Wesen konnte, mußte das eine Wort genügen, die Bedeutung zu ermessen die ihm sich aussprach. Aber Oscar, der sonst so gefügige Sohn, auf dessen Seele die erfahrene Mutter spielte, wie eine Meisterin auf wohlbekanntem Instrument, ließ sich heute nicht schrecken; zu mächtig war die Erregung des Augenblicks; fast zu Frau von Solmitz Füße» sinkend, rief er flehend: „Mutter, ich liebe sie, gib sie mir zum Weibe l" Kalt trat die Gutsherrin zurück. „Steh' auf, Oscar", erwiderte sie, „Du weißt, ich liebe keine Sentimentalität, noch 123 überschwengliche Familienscencn, hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt, daß ein Verhältniß, das sich wir als bloße Vermuthung aufdrängte, an das ich nicht glauben konnte, ohne zugleich ein Wesen, das Alles meiner Güte dankt, des schändlichsten Verraths, des bittersten Undanks zu zeihen, schon so weit gediehen sei — ich hätte längst das entschiedene Wort gesprochen, das ich Dir heute zurufe, Dir, dem Sprossen eines adeligen Geschlechts, das kein trüber Flecken belastet und dieses Wort heißt — nein!" „Mutter! Du bist grausam, wiegen nicht Alidens Eigenschaften, ihre Sanftmuth, ihre Güte, tausend Ahnen auf? Mutter, ich beschwöre Dich, sei mild, sei gut, bedenke, daß in jedem Augenblick die Botschaft auf Solmitz eintreffen kann, die eine Todesbotschast für Deinen Sohn bedeutet." Zitternd hatte Alida der Verhandlung zwischen Mutter und Sohn beigewohnt, sie hotte den Fuß erhoben, das Zimmer geräuschlos zu verlassen und doch war es ihr, als müsse sie bleiben, als flöße ihre Anwesenheit dem jungen Manne höhere Kraft und Vertrauen ein. Auf sie fiel jetzt Frau von Solmitz's Blick. „Bleiben Sie!" befahl sie kurz, „ich, habe mit Ihnen zu verhandeln, um ähnlichen Scenen vorzubeugen, wie die jüngst erlebten, deren Wiederkehr n eine Gesundheit schwer zu widerstehen vermag; ich hoffe, Sie, in deren Adern kein Nitterblut fließt, die proletarische Grundsätze mit der Muttermilch eingesogen, werden vcm praktischeren Standpunkt aus mit sich reden lassen, mehr als mein excentrischer Sohn, denn, nicht wahr, das Praktische ist doch immer die Hauptsache?" „Mutter!" schrie Oscar auf, „nimm dies Wort zurück; fleckenlos nanntest Du den Adel der Solmitz; wenn es wahr ist, dann, bei Gott, dankt seine Ehre den ersten Flecken Deiner scharfen Zunge." Frau von Solmitz preßte die Lippen zusammen; sie fühlte, daß sie zu weit gegangen war, aber sie schwieg, denn nun ergriff Alida das Wort. „Sie haben Recht, gnädige Frau" sagte sie ruhig, nur die Blässe ihrer Züge legte von der Aufregung ihres Innern Zeugniß ab, „undankbar, verrätherisch ist Alida Barfeld, ich hätte ein Haus meiden sollen, in das meine Gegenwart Unfrieden zu säen drohte, ich hätte mich Ihnen offenbaren müssen, aber die Scheu hielt meine Zunge gefesselt, wie das Grab meiner armen Mutter den Fuß; und dann — o nach Theilnahme dürstete meine Seele, uns nach dem Thau die jungen Pflanze lechzt; Sie gaben mir alles, alles — nur nicht Liebe, nur nicht Vertrauen, — fremd stand ich all in; sollte ich die eine Seele, die sich der meinen sympathisch nahte, fragen, wie ein Zöllner nach Paß und Form? Ich flog ihr entgegen — verständnißinnig, denn ich verstand, daß der Obulus. mit dem ich sie erkaufen durste, Entsagung hieß." Frau von Solmitz lachte auf. „Nennen Sie Entsagung die Situation, in der ich Sie überraschte?" rief sie, „fürwahr, wenn Sie die Liebe vergeblich gesucht, die Sophistik haben Sie reichlich gefunden." Der Eintritt des alten Dieners unterbrach die Familienscene. „Gnädige Frau", sagte er, „unten ist Paul Halsen, der jüngst einberufene Müllers- sohn, er bringt eine Depesche und einen Brief aus der Stadt, ich glaube, eS ist die Einberufungsordre." Der Alte wandte sich ab, die Rührung zu verbergen, die ihn zu übermannen drohte. Frau von Solmitz ergriff die günstige Gelegenheit, dem peinlichen Auftritt ein Ende zu machen. „Paul Halsen soll herauf kommen", befahl sie. Wenige Augenblicke später erschien ein junger, kräftiger Soldat im Salon, es war ^r Sohn oes Solmitzer Mühlenbesitzers, der in demselben Regiment mit dem Sohn der Gutsherr!» stand und Oscar treu ergeben war. „Ich komme als Ordonnanz", sagte er, keineswegs durch die aristokratische Umgebung eingeschüchtert, sich vor der gestrengen Frau verbeugend; „hier ist die Einberufungsordre für unseren jungen gnädigen Herrn und ein Brief des Oberiieutenants von 124 Alten. Es wird Ernst, gnädiger Herr, das wird ein ander Ding, als unsere Manöver, trotz allem Pulverdampf und Hurrahgeschrei, daß die Erde bebte." Oscar hatte das amtliche Schreiben erbrochen, jetzt reichte er es seiner Mutter, während er selbst den zweiten Brief erbrach. Frau von Solmitz konnte, wo nun die Wirklichkeit an sie herantrat, doch eine leichte Bewegung nicht verbergen, als ihre Augen die verhängnißvolle Ordre durchflogen, die ihren einzigen Sohn mit dem frühesten des nächsten Morgens zur Einstellung bei seinem Regiment beschiel». Derselbe sollte sich sofort zum Abmarsch nach dem muthmaßlichen Schauplatz des Krieges bereit halten. Die Mutter trat zu Oscar und drückte einen Kuß auf ihres Sohnes Stirn. »Das Mutterherz muß schweigen, weiln das Vaterland ruft", sagte sie, „ich werde für Dich beten, Oscar, möge der Herr Dich behüten und mit Dir sein. Ich aber will wenigstens thun, ivas in meinen Kräften steht, für Dein leibliches Wohl zu sorgen, soviel es mir in den wenigen Stunden möglich ist, die mir dazu vergönnt sind." „Alida", fuhr sie fort, sich an das junge Mädchen wendend» und herzlicher als vorher klang ihr Ton, „das Schicksal selbst hat die Rolls des Vermittlers im peinlichen Dilemma übernommen, wir haben jetzt Zeit, friedlich zu lösen, was im Sturme zu brechen drohte, denken wir heute an nichts Weiteres, als an die Ausrüstung des Scheidenden." Sie winkte dem jungen Mädchen, ihr zu folgen, allein des Sohnes Hand hielt sie zurück. — Dann wandte Oscar sich zu Paul. „Du wirst, wie ich hoffe, stets als mein Diener mir zur Seite bleiben", sagte er herzlich, „wir waren immer gute Kameraden, wir werden es auch ferner sein; nun gehe und stärke Dich, ehe Du zur Stadt heimkehrst und dem Lieutenant von Alten die Antwort auf seinem Brief überbringst." Treuherzig reichte der Soldat dem jungen Gutsherrn die braune Rechte. „Sie sollen auf Paul Halsen zählen dürfen, wie einst in der Jugendzeit; in Noth und Tod der Ihre, junger, gnädiger Herr." Er entfernte sich und als hinter ihm die Thüre geschlossen, verschwand das Lächeln von Oscars Lippen. „Vergönne mir noch einige Worte, Mutter", sagte er; „dieser Bries des Lieutenants von Alten kündigt mir an, daß er militärischer Zwecke halber einige Zeit in dieser Gegend verweilen muß und Solmitz, als Mittelpunkt des ländlichen Kreises, zu seinein Aufenthalte ersehen hat; ich glaube, ivir können nicht umhin, obwohl ich ihm sonst ziemlich fern gestanden, ihm eine Wohnung im Schlosse anzubieten." „Die ich ihm gern zur Verfügung stelle", entgegnete die Gutsherrin, „wenn Herr von Alten wie ich hoffe, von guter Familie und gutem Leumund." „Er ist aus gutem Hause und ihn schlechter Sitten zeihen, hieße Verleumdung, und doch — ich wollte, es gäbe ein Mittel, diesen Besuch abzuwenden, da ich fern sein muß." Er fuhr sich über die Stirn, als wolle er die bösen Gedanken verjagen. „Ist das alles, Oscar?" fragte Frau von Solmitz sichtlich ungeduldig. „Du solltest doch Deine Mutter kennen, daß sie sich selber genug ist, ihr Recht und die Achtung zu bewahren, die man ihr und ihrein Hause schuldig ist. Du aber, mein Sohn, hast noch eine unerläßliche Pflicht vor Deinein Scheiden zu erfüllen, den Abschiedsbesuch auf Schloß Ebersdorf." Heller leuchteten die Augen Oscar's auf. „Freilich", sagte er, „will ich nach Ebersdorf; es ist ein schmerzlicher Gang uird schwer ivird es mir iverden, daran zu denken, die Gegenwart der anmuthigen Baronesse Fanny zu entbehren, die ich verehre wie einen Engel des Friedens. Ihre Wünsche sollen das Geleit des Scheidenden sein." „Du aber, Mutter, versage mir eine Bitte nicht, es ist vielleicht die letzte, die Dein Sohn an Dich richtet. Vergebens, ich kenne Dich und Deinen Sinn, ist es, an Dein Herz zu appelliren, und Dein Nein ist ein Fels, an dem die Hoffnung scheitert, die ihn — 125 so gerne im Sturms sprengen möchte. Aber selbst den Felsen untergräbt die Zeit, ich will denken, daß sie Deinen Sinn mildert, und ihr, der versöhnenden das Geschick meiner Liebe überlassen. Vielleicht kehre ich auch nimmer wieder heim, aber laß mich nicht hinaus ziehen, zu loosen mit des Todes blutigen Würfeln, den Alp auf der Brust, der mich verfolgen würde wie ein Dämon, daß Du Aliden das Asyl raubst, das Du ihr auf« gethan, die Stätte, wo unsere Jugend verstrich. Versprich nur, bis ich heimkehre, Alida nicht aus unserem Hause zu entfernen uud Du, Alida, versprich mir, auszuharren bis zu meiner Rückkehr und eine Stütze meiner Mutter zu sein, wie Du es warst bisher.« Einen Angenbiick lang zögerte Frau von Solmitz mit der Antwort, dann aber brach doch das Gefühl der Mutter siegreich durch alle Bedenken. „Ich verspreche es Dir; so lange Alida von Barfeld nicht vergißt, daß Ehre und Anstand die Grundpfeiler des Hauses von Solmitz, soll sie bei mir bleiben und müßte ich sie von dieser Stätte weisen, so geschehe es nicht eher, als bis Du selber damit einverstanden. Bist Du zufrieden, Oscar? Du weiht, Deiner Mutter Wort ist heilig." Der leicht erregte junge Mann schloß Frau von Solmitz in seine Arme. Sein leichtes Naturel ließ ihn nur in Idealen leben und ein Lichtstrahl dünkte ihm schon eine Flamme, die ihm Wärme spenden konnte. „Und Tu, Alida?" fragte er dann, seinen Blick auf das Mädchen richtend. Schweigend reichte Alida ihm die Hand; ihr Auge sprach, es sprach der leise Druck. „Wie glücklich macht Ihr michi« rief Oscar; „nun weiß ich, daß Ihr vereint meiner gedenkt und dort unten die Linde, mein Liebling, wird den Winden Eure Gedanken, Eure Wünsche zurauschen, daß sie nur Grüße hinübertragen in's ferne Feindesland. Euch aber empfehle ich mei'nen lieben Pflegling; er sei Vermittler zwischen mir und Euch. Und n enn er, der jetzt dasteht, prangend in üppiger Jugendkraft, verdorren sollte, von des Sturmes Hand getroffen, so denket, daß mich mein Geschick ereilt, und eint Eure Gebete für meiner Seele Frieden." Frau von Solmitz schüttelte leicht das Haupt, ihres Sohnes Sentimentalität be» rührte siicht ihr Herz, sie hatte kein Verständniß dafür. Doch hielt sie jede Aeußerung darüber zurück und begnügte sich damit, zu erwidern: „Dein Pflegling wird ferner blühen und gedeihen wie bisher, der Solmitz'sche Grund ist guter Boden, und Du selber Oscar, wirst heimkehren frisch und blühend wie Du ausgezogen, gereift an Körper und an Geist. Doch nun", fuhr rasch sie fort, als wolle sie den Eindruck der letzten Bemerkung verwischen, ist es für Dich die höchste Zeit, wenn Du noch zu den Ebersdorfern willst. Alida und ich wollen indessen die bsscheioene Aussteuer des Kriegers besorgen." (Fortsetzung folgt.) Zrrr Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichn er. II. Schulkomödien und Studentenspiele. „Meistersinger" und „Schulmeister" standen von je sich feindlich gegenüber, und zwar naturgemäß: aus Concurrenz-, aus Brodneid. Es ist bereits aus diese Feindschaf, hingewiesen worden, und zwar in Bezug auf die stete Fehde um ein passendes Lokalt allein die Concurrenz ging noch viel weiter, denn es handelte sich um mehr, als um einen Streit wegen des Spiel-Raumes. Die „Schulmeister" waren eben überhaupt von Anbeginn die Rivalen der Meistersinger im gewissen Sinn gewesen, indem die Letztern sich, z. B. seiner Zeit, als sie noch zum Neben-Erwerbzweig Gesangunterricht ertheilten, bitter darüber beklagten, daß die „Schulmeister" ihnen diesen Erwerb durch Eoncurrenz verkürzten. Bon damals her also datirte bereits die Nebenbuhlerschaft, und reicht somit sehr weit zurück in Zeiten, wo eigentliches Theater noch gar nicht stattfand. Als später dann 126 die Meistersinger-Zunft — im Jahre 1540 — ihr erstes Stück in der St. Martinsschule, nach erhaltener hoher, obrigkeitlicher Erlaubniß, zur Aufführung gebracht, ließ sehr bald der jung aufkeimende Ruhm der Meistersinger den „Schulmeistern" offenbar keine Ruhe, — wenigstens fingen sie schleunigst auch an, selbst Komödien zu dichten, und mit ihren Cchulknaben zur Aufführung zu bringen, obschon es nicht an einsichtsvollen Gemüthern fehlte, die da meinten, daß diese Komödienspiclerei der Schule just nicht zu Nutz und Frommen wäre. So erhielt z. B. im Jahre 1549 der deutsche Schulhalier Kaspar Brunnenmaier die Erlaubniß zuertheilt — sehr zum Schmerz der Meistersinger — mit seinen Knaben „zu einer Uebung und Anreiznng guter Sitten" eine Komödie aufzuführen. — Diese Komödie: „Von der Susanne" betitelt, war die erste „Schul-Komödie" in Augsburg, (die einst im Mittelalter schon in Klosterschulsn stattgehabten Spiele waren — doch sehr anderer Art —) und der Anfang einer neuen Reihe von Feindseligkeiten zwischen Meistersingern und Schulmeistern. Zuweilen geschah es auch sogar, daß im eigenen Lager Verrath lauerte, indem es z. B. vorkam, daß auch „Singer" selbst mit zu den Feinden halfen, und gegen die eigene Zunft „agirten", wenn sie unzufrieden mit ihre» Rollen oder Einnahmen rc. waren, in Folge dessen die Meistersinger sich genöthigt sahen, nimo 1614 ihren Statuten die besondere Bemerkung anzufügen, daß es keinem Meistersinger gestattet sei, in den Schul- komödien der Schulhalier mitzuwi.ken. — Dazu gesellte sich der fortwährende Kampf um das Komödien-Lokal. Aus dem ehemaligen St. Mnrtinskloster hatten die bösen „Schulmeister" die armen Meistersinger schon verdrängt; — kaum aber waren diese mit ihren Komödien nach erhaltener Bewilligung in's „neue Tanzhaus" übersiedelt, als auch die Schulmeister flugs wieder da waren, lind auch ihrerseits Anspruch auf das neue Lokal erhoben, um ihre: „Lustige Tragödie von der Zerstörung der Stadt Troja" dortselbst darzustellen. So spielten dann die Schulhalter mit ihren Eleinentarschülern gegen Eintrittsgeld mit den Meistersingern um die Wette» — aber das war noch nicht Alles! — Auch die Studienanstalten begannen im 16. Jahrhundert ihre „Schul- und Erziehungsspiele", welche — als etwas Neues — vielen Beifall fanden. Diese „Studenten-Komödien" wurden durch einen geborenen Angsburger: stüstus Wirk, in Augsburg eingeführt. Als 1531 das Karmelitenkloster zu St. Anna zur ersten Lateinschule eingerichtet wurde, berief man ihn — 1536 — von der Schule zu Basel und dem dortigen Lchrerposten als Rektor in seine Vaterstadt zurück. In Basel hatte er derartige Spiele schon geleitet, und als nun im Jahre 1538 auch an der Schule von St. Anna die erste Studenten-Komödie unter dem Tirel: „I-no-noisi.-," zur Aufführung gelangte, war der Beifall schon deshalb, weil die Sache etwas Neues war, ein so allgemeiner, daß die neue Schule von St. Anna sehr schnell davur h zu' Ehren kam- Zuerst wurden diese Spiele oder „Uebungen" in einem Saal des Klosters, oder auch im „Ballhaus" abgehalten, das heißt, in einem Hause, welches ausschließlich zum Zwecke des in jener Zeit sehp beliebten und gebräuchlichen Ballspiels erbaut worden war, und zwar erhielt der Rektor Zsistus Birk für solche Darstellungen ein Geschenk von 2 Fl., während die Schüler mitsammen 6 Fl. bekamen. Seine Dramen sind meist in der Sammlung der »Orunmlu -märn" — 1547 in Straßburg erschienen — enthalten; — übrigens ging sein Werk nicht mit ihm zu Grabe. Auch sein Nachfolger im Amt brachte unter Anderem eine „Tragödie: „Von der Enthauptung Johanni's" zur Aufführung. — Als das Ballhaus abgebrochen, und statt dessen 1562 und 1563 die Stadtbibliothek erbaut wurde, spielte man die Studenten-Komödien sogar auf einem eigenen, kleinen Theater, welches in einem unter der Bibliothek gelegenen Saale sich befirnd. — Durch zwei Jahrhunderte — bis zum Jahre 1737 — erhielten diese Spiele in St. Anna sich; — das zweihundert- jährige Jubiläum der Lateinschule wurde noch feierlich von dem derzeitigen Rektor Crophius mit seinen Schülern begangen, nachdem er im Jahre 1726 das neu eingerichtete 127 Theater durch eine von ihm selbst verfaßte Tragödie mit Chören und Tänzen betitelt: „Syphax und Sophonisle", eröffnet hatte; — wenige Jahre darauf — im Jahre 1737 — verschwanden indessen die Stude ten-Komödien von St. Anna gänzlich, welche einstmals soviel Aufsehe» erregt und soviel Glück gemacht hatten. — Länger erhielten sie sich dagegen am Jesuiten-Gymnasium zu St. Salvator, errichtet 1579 mit Beihilfe der Fugger von den Jesuiten, welche schon früher in München sehr glänzend ausgestattete Schülerspiele gegeben hatten, und nun derartige in Augsburg darstellten. Es waren dies die sogenannten „Imäi uutumnules", welche jedes Mal zu Schluß des Schuljahres stattfanden, und die sogar in den Jahren 1618 bis 48, als der 30jührige Krieg seine Geißel über Deutschland schwang, nicht lange stockten. Ueber die Art dieser Aufführungen berichtet eine erhalten gebliebene, mit dem Jahre 1614 beginnende Sammlung der „IMo-xceiu " (Programme, Textbücher), der verschiedenen Stücke, welche die Studenten, die natürlich auch die Damenrollen spielen mußten, in lateinischer Sprache aufführten,'womit auch gleichzeitig die Bertheilung der Preise verbunden war; — für die des Lateinischen nicht mächtigen Zuschauer waren die hauptsächlichsten Details des Stückes in dem Ist'oopaotus deutsch enthalten. Die Stoffe dieser Spiele pflegten der biblischen Geschichte oder Legende entnommen zu sein, und bestanden z. B. aus einem „fröhlichen Schawspiel" oder einem „Trauer-, Freuden-Spihle" in drei oder fünf Aufzügen, — gewöhnlich niit einem musikalischen Prolog beginnend, und in den Zwischenakten durch einen moralisirenden Chor fortgesetzt. Auch diese Solo- und Chorgesänge führten die Studenten selbst aus, komponirten sie sogar theilweise selber. — Außer den religiös gehaltenen Siücke», brachte man aber auch symbolische Stücke zur Darstellung: „Moralitäten" genannt, welche schon früher außer geistlichen Schauspielen in Frankreich, England, Italien z. B. schon seit Anfang des 15. Jahrhunderts Sitte waren. — Zum Unterschied mit den „Mysterien" (geistlichen Schauspielen) besaßen sie keine biblische Grundlage, sondern brachten irgend eine bestimmte Moral zur Anschauung, in welcher Tugenden und Laster persönlich auftraten, und in Gesellschaft griechischer Götter „agirten." — So wurde z. B. im Jahre 1660 ein solches symbolisches Stück zur Aufführung gebracht, d. h. „auf frewdiger Schawbine gesangs- weise eröffnet ; — Kupido und Diana traten darin neben Christus auf, welcher die sieben Todsünden und die höllischen Schaaren des Pluto besiegte. Bis sie ein eigenes Theater besaßen, spielten die Studenten diese Komödien in der Kirche von St Salvator oder im Saal des Klosters; auch wurde öfter vor hohen Gästen geistlichen und fürstlichen Standes gespielt. Auch „Fastnachtsspiele" wurden aufgeführt, z. B. zu Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts» — Im Allgemeinen gab man die Stücke dreimal. Das erste Mal gewöhnlich allein für Frauen, und die folgenden Male allein für die Männer; — später — vor 1736 — sogar nur noch vor Männern. Im Jahre 1712 bot die große Jubiläumsfeier des ViSthumspatrons von St. Ulrich den Studenten Veranlassung' ein großes Schauspiel: „Der heilige Ulrich" betitelt, zur Darstellung zu bringen; — nach und nach aber begannen die dargestellten Stücke mehr und mehr dem Zeitgeschmack,' dem veränderten, des Publikums sich anzupassen, — so trat die Legende und die lateinische Sprache fast ganz in den Hintergrund und historische Stoffe, in deutscher Sprache aufgeführt, »ahmen den Vorrang ein. Auch das Ballet begann eine Art von Rolle dabei zu spielen, nachdem durch wandernde Truppen Pantomime und Ballet bekannt geworden waren, und so finden wir den» bereits im Jahre 1713 14 Tänzer erwähnt, und 1715 gar die Zahl 34, nebst einem Vortänzer angegeben, aus dem Jahre 1718 aber die folgende Anmerkung in lateinischer Sprache: „ Der ehren- geachtete Herr Johann Georg Krauß, Magister der Tanzkunst, studirte die Tänze den Edeln ein." — Im Jahre 1739 wurde bann, auf Kosten der Stadt, ein eigenes Theater, der Krrche von St. Salvator gegenüber für diese Studentenspiele gebaut, das 1743 feierlich 128 mit einem Prolog eröffnet wurde ^in welchem — außer Apollo und Orpheus — Vitru- vius der Baumeister und Apclles der Maler auftraten, welche der Stadt „Augspurg" das neue Theater präsentirten, während Apollo auf das bevorstehende „Spill" hinwies, und Orpheus in schönen Worten pflichtschuldigst „vor das neu Gebäu" den Dank auS- sprach. Diese»! Prologe folgte die deutsche Tragödie: „Absalon", über welche am besten der damals verfaßte und gedruckte „l'ropxvLtua" selbst Auskunft ertheilt, welcher lautete wie folgt: „Gleichwie nun einem Hochedlen und Hochweisen Magistrat allhiesiger Freyen Stadt Augspurg gnädig beliebet hat, so herrliches Gebäu der Studirenden Jugend zu ewigem Nutzen mit großen Kosten aufzuführen, und man nunmehr das Erstemal auf der Neuerbauten Schaubühne ein Trauerspill vorstellet, wird zu nehreren Erläutherung gegenwärtigen Vorhabens undieniich sein, eine kurze Beschreibung des Dorgerüstes (vorderer Theil der Bühne und Vorhang) allhier beizusetzen. — Es stellet dasselbe in der Mitte vor „die göttliche Vorsichtigkeit", welche nach Zeugnuß Heiliger Schrift auf der Erden spillet; indem sie die Fromme manchesmal drucken lasset, hienach erhöchet: die Gottlose auf einige Zeit beglücket, gar bald aber umb so tieffer stürtzet, je höchere Stupfen Sie zuvor erstiegen. Beydes erhellet auß dem Beyspill des frommen Egyptischen Joseph und gottlosen Absalon, welche ebenfalls in dem Gemähl nebst der Göttlichen Vorsichtigkeit erscheinen. Ersterer zwar, wie er von seinen Brüdern unschuldig verfolgett, von 60NP endlich zu sehr hochen Würden erhoben wird. Der Letztere aber, wie Er Anfangs Sich für einen König aufivurffet, jedoch gar bald zu verdienter Straff an einem Eichbaum elendiglich hangen bleibet." — Es ist bereits erwähnt, daß auch Tänzer verwendet worden waren, — seit dem Jahre 1744 fanden sich dann auch noch „Oäackiatoien" bei diesen Spielen ein, welche ein Fechtmeister einschulte. — So gewannen diese Studenten-Komödien immer mehr an Reiz und Ausstattung für das schaulustige Publikum. Bemerkens werth ist noch, daß, wie im Jahre 1770 die später so unglückliche Königin von Frankreich, Marie Antoiuctle, als Braut des Dauphins, von Wien nach Paris ihrem tragischen Schicksal entgegeneilte, damals bei ihrer Durchreise in Augsburg, die Studenten ihr zu Ehren eine Komödie aufführten, und zwar: „Die drei Sultaninnen" von Voltaire. — Bis zu Anfang unseres Jahrhunderts währten sie, diese Studentenspiele (trotzdem man ihr Schauspielhaus während des Krieges — in den Jahren 1796—1800 — wiederholt als Militärmagazin verwendete), — bis zum Herbste 1805. Von da ab wurden sie verböte», und die Preisausthcilungen für die Studenten mußten fortan im Jesuitensaale — anstatt aus der Bühne — vertheilt werden; ihr einstiges Theater aber verwandelte sich in — die Militär-Reitschule!" — Es hat nicht sollen sein. , So Manches will sich sägen nicht im Leben. Was oft voll Nutzen scheint und auch so klein; Jedoch ein mächtig undurchdringlich Weben, Spricht ojt so klar: es hat nicht sollen sein! So Mancher stand schon nah' an seinem Ziele, Ein Windeshauch — vom Felsen fällt der Stein, Tie Lull stand still, es schien wie Lodteustille; Es kam die Zeit und sprach: noch hats nicht sollen sein! Doch wenn oft jedes Hoffen wollt verzagen Fügt Alles sich, wie durch der Sonne Schein, Dein Herzen bleiben dann nicht mehr so viele Fragen, Null Dank spricht es: Nun hat es sollen sein! 17 V. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Lit.erariich.en ^nstituiZ von vr. Map Hniiler.