! 883 . Ütttcrliiiltiitt zur „Augsbilrger Postseitung." Nr. 1S. Samstag, 3. März Fasten- Elegie. „b'ecorunt sibi vitulam oouüatilem et aäoraveruut," II. Aiosis 32, 8. Ernste Schatten liegen auf der Erde, Ernste Bilder schweben vor dem Sinn! Sehnend, daß ein neuer Frühling werde Schleppt der Wintermüde sich dahin. Tage des Erbarmens, Tage des Erbarmens Kommt ihr wieder mit dem Amselschlage, Kommt ihr wieder gottgeschenkte Tage, Da die Wahrheit von der Höhe rauscht, Und das Volk aus seine Priester lauscht? Aus dem Berg in flehendem Verlangen Vor dem Herrn des Himmels Moses kniet. Hat den hehren Gottesschatz empfangen, Wie voll Ehrfurcht seine Wange glüht I Selig steigt er nieder — Wehe! welche Lieder Füllen mit Getöse rings die Lüste; Welchem Götzen diese Weihraucbdüste? Welch' ein Irrwahn hat das Volk ersaßt Daß es so den Weg des Heils verlaßt? In des Tabernakels heil'ger Stille Opfert Jesus für sein Volk sich dar: „Vater I es gcscheh' an mir Dein Wille, Bin Erlöser der bethörten Schaar!" Hier das tieie Schweigen — Dort der laute Reigen: , Das Idol geschmückt mit Blumenkränzen, Jubclraufch und Rausch bei Todtentänzen . . . Horch! wie flehend am Altar es spricht: „Vater! was sie thu», sie «issens nicht. F. v. Hoffnaaß. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirschfeld. (Fortsetzung.) Herr von Alten verließ den Garten und eilte um das Schloß auf den freien Platz vor demselben, wo der Wagen seiner harrte. Noch einmal blickte er sich um, aber wie von einem unheimlichen Gefühl durchfröstelt, wandte er das Auge ab, auf der Freitreppe erhob sich die hagere, kalte Gestalt der Gutsherrin, die ihn mit förmlichen Neigen des Kopfes begrüßte. Sobald der Wagen verschwunden war, wandte sie sich an ihren Verwalter. „Streland", sagte sie, „das Glück ist uns günstig; Alidens Gatte ist gefunden, ich brauche mir keine Sorge über des Mädchens Zukunft zu machen. Der Oberlientenant von Alten nimmt sie — ohne zu forschen woher — ich gab ihm mein Jawort und hätte nicht die Zeit gedrängt, wäre noch heute die Verlobung abgeschlossen, aber ich will sofort mit Aliden reden/' „Die Mühe, gnädige Frau, können Sie sich ersparen", entgegnste der Verwalter, „denn Herr von Alten hat sich bereits von Fräulein Barfeld einen Korb geholt." Eine Bewegung des Zornes durchzuckte die Gestalt der Gntshcrrin, „es ist unmöglich", sagte sie, die Lippen fest aufeinander gepreßt — „unmöglich." „Ueberzeugen Sie sich selbst, denn da kommt sie eben", bemerkte Streland, zufällig einen Blick nach den hohen GlaSthürsn werfend, die den Durchblick bis zum Garten gestatteten, und das junge Mädchen eben in's Haus treten sehend. Alida hatte sich entschlossen, ihren Lieblingsplatz zu verlassen. Sie wußte, daß Frau von Solmitz die einsamen Ausflüge bei drohenden Gewittern nicht gern sah und war überzeugt, daß die Mutter Oscar's nach ihr verlangen würde, um ihr den Vorschlag des Lieutenants an das Herz zu legen. Wohl war sie auf eine stürmische Scene gefaßt, allein sie hatte den festen Willen, ruhig zu bleiben und der Ausdruck dieser Willenskraft spiegelte sich in den ernsten, aber sanften Zügen wieder, da Frau von Solmitz durch die Hausthüre der Lorderfronte ihr am Fuß der Treppe entgegen kam. Draußen war es mit jeder Minute dunkler geworden, dumpf grollte der Donner des nahenden Gewitters. „Komm!" sagte Frau Hermine kurz, dem jungen Mädchen voranschreitend, „ich habe mit Dir zu reden." Willig folgte Alida der Dame, sie betraten denselben Salon an der Hinterseite des Schlosses Solmitz, in dem die Mutter des theuren Entfernten ihr entschiedenes Veto gegen ihres Sohnes Verbindung mit der Waise eingelegt hatte. Absichtlich näherte sich die Gutsbesitzerin dein Fenster und veranlaßte dadurch Alida, ihr zu folgen, denn es war so dunkel im Gemach, daß sie kaum anders die Züge des jungen Mädchens zu erkennen vermochte und Frau von Solmitz liebte es, den Eindruck ihrer Worte in dem Antlitz der ihr Zuhörenden zu lesen. „Alida", nahm sie nach einer kurzen Pause das Wort, „Du weißt, alle Weitschweifigkeit, alle Sentimentalität ist mir verhaßt, daher laß uns in Kürze den Gegenstand erledigen, den ich mit Dir zu verhandeln habe; der Oberlieutenant von Alten, ei» vermögender Mann, dessen Name kein Flecken verunziert, hat um Deine Hand angehalten und ich wünsche, verstehst Du mich, ich wünsche, daß Du seinen Antrag acceptirst." „Verzeihen Sie mir, meine gnädige Beschützerin, wenn ich diesen Wunsch nicht zu erfüllen vermag", entgegnete Alida bescheiden, aber fest; „in persönlicher Unterredung mit Herrn von Alten habe ich dankend seinen ehrenvollen Antrag bereits abgelehnt und als Freunde für das Leben sind wir geschieden." Frau von Solmitz zwanz sich, die Ruhe des jungen Mädchens mit gleicher Kälte zu erwidern. „Da sprechen sie immer von Gefühl und stellt man diese Gefühlsmenschen auf die 139 Probe, wiegt einer Feder Schwere sie auf. Alida, begreifst Du denn nicht, daß es das einzige Mittel ist, die unseligen Verhältnisse in diesem Hause zu lösen, das einzige Mittel, Oscar der Vernunft wiederzugeben und ihn dein blinden Strohfeuer der Leidenschaft zu entreißen, wenn Du die Hand Edmund's von Alten annimmst? Alida, bedenke, daß Diejenige dies Opfer von Dir verlangt, wenn es wirklich ein Opfer zu nennen, der Du Alles verdankst, ohne deren Beistand Du verkommen wärest, einer namenlosen Fremden blutarmes Kind, preisgegeben allen Gefahren der Dürftigkeit, allen Versuchungen des Lasters." „Ich danke Ihnen, gnädige Frau, was Sie an mir gethan, danke Ihnen aus Herzensgründe", entgegnete Alida bewegter, „und nicht, wie Sie meinen, will ich durch schnöde Undankbarkeit Ihnen lohnen, nicht zwischen Sie und Oscar treten, zwischen Mutter und Sohn ein feindliches Element. Ich liebe Oscar, ja, gnädige Frau, ich liebe khn mit aller Innigkeit eines jungen Herzens, aber ich erstrebte nicht seine Hand. Auch der lieblichen Fanny gehört sein Herz in reiner Neigung und gern stehe ich zurück, wenn ich weiß, daß es zu seinem Glücke dient. Oscar's Entfernung sei der Prüfstein seiner Seele; fern von uns beiden mag sie entscheiden zwischen uns und deuten wird uns des Heimgekehrt«» erste Begrüßung, wen seine Neigung als treue Schwester, wen als geliebte Braut erkor. Und trifft mich das Schwesterloos, fast glaube ich selbst daran, dann null ich ohne Groll ihn vereint sehen mit Fanny von Ebersdorf, will entsagend in die Ferne gehen, aber eines Andern Gattin werden — niemals." Und als wollte der Himmel selbst das Wort Aliden's bekräftigen, dröhnte dumpf ein mächtiger Donnerschlag, dem ein Blitzstrahl folgte. Frau von Solmitz' Zorn flammte auf; alle ihre Hoffnungen, Alida auf anständige Weise versorgt und aus dem Schlosse entfernt zu sehen, die Beruhigung, jeder weiteren Nachforschung überhoben zu sein, war mit einem Schlage durch die entschiedene Weigerung Alidens vernichtet und von Neuem mußte sie fürchten. „Und wenn ich Ihnen nun die Bedingung stelle, die Hand des Herrn von Alten zu acceptiren, die Sie in verblendetem Hochmuth verworfen, um Unglück unv Zwist über ein friedliches Haus zu bringen, oder dieses Schloß sofort zu verlassen? Wenn ich meine Hand von Ihnen ziehe, da Sie mir offen Trotz zu bieten wagen, um Sie zurückzustoßen in das Elend dem ich Sie entrissen?" „Sie werden mir d es Asyl nicht entziehen» ehe Oscar von Solmitz heimkehrt; gedenken Sie unseres Versprechens, gnädige Frau, am Tage seines Scheidens", entgegnete Alida mit zitternder Stimme. „Darf ich so glücklich sein, ihn gesund und unverletzt die Räume seines väterlichen Schlosses betreten zu sehen, dann, fest steht mein Entschluß, verlasse ich von selber dieses Haus, um in der Ferne, vergessen und verborgen, mir eine Zukunft zu suchen." „Und Sie meinen, Hermine von Solmitz durchschaue nicht das plumpe Manöver einer Coquette, unter der Larve der Demuth und Sanflmuth, um einen verblendeten Jüngling noch tiefer in ihr Netz zu ziehen? Nun, ich hoffe, mein Sohn wird ein Anderer, an Erfahrungen reicher heimkehren und wenn nicht — bei Gott, ich sähe ihn lieber nimmer wiederkehren —" »Halten Sie ein, Sie beschwören das Schicksal!" schrie Alida in höchster Leidenschaft. — „Als daß ich in meinen Enkeln die Frucht einer Mesalliance umarmen mußte." „Gott, allmächtiger Gott, höre sie nicht, nicht auf sein Haupt komme der Frevel ferner Mutter." Wie flehend hob Alida die Hände empor zum fahlen Gewitterhimmel. Aber als zürne die Natur, dröhnte in seinen vollen Schlägen der Donner, zuckte Blitz auf Blitz mit grellem Schein durch das Gemach und beleuchtete das bleiche Antlitz der Gutsherrin, die krampfhaft die Hand auf das Herz preßte und ihre Bewegung über das furchtbare Wort nicht zu verbergen vermochte, das thr entfahren. — ^40 — Da tönte ein lauter Schrei, ein Schrei des höchsten Entsetzens durch das Gemach, er kam von Alidens Lippen ihr Antlitz war bleich wie das einer Leiche und ihre Hand deutete auf das Fenster, hinter dem es auflohte in Heller Glut, trotz des strömenden Regens. „Wehe Ihnen, wehe uns allen!" kaum vernehmbar drang es durch den Raum — „er ist todt — die Linde-es ist seines Todes Zeichen." Starr richtete Hermine von Solmitz ihre Blicke in die Richtung, die Alidens Hand andeutete. Da flammte sie jäh empor, von einem Blitzstrahl getroffen, die stattliche Linde, die einst in früher Jugendzeit des Sohnes Hand gepflanzt, die Linde, die ein Mittler sein sollte zwischen dem Krieger auf dem Felde der Ehre und seiner Heimath. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. „Gott sei mir gnädig", flüsterten ihre bleichen Lippen. In der Mitte des Zimmers aber lag Alida auf ihren Knieen und barg in den Hände» das Antlitz. Draußen erlosch die Flamme; ein verkohlter Stamm, entlaubt, bis in's innerste Mark getroffen, lag der herrliche, kräftig emporstrebende Baum am Boden, vom Regen überströmt, als ob der Himmel seine Thränen darüber weine. Leise pocht es. Das Geräusch drang nicht zu den Ohren der beiden Frauen, die bange, furchtbare Ahnung nahm jede Regung ihrer Seele gefangen, eine peinliche, unheimliche Stille herrschte im Gemach. Das Klopfen wiederholte sich und Herrn Streland's Fuchsgesicht ward auf der Schwelle sichtbar. Langsam, fast zögernd trat er näher, eine peinliche Verlegenheit malte sich in seinen Zügen. „Gnädige Frau." Frau von Solmitz zuckte zusammen. „Was gibt's?" „Gnädige Frau, es sind Neuigkeiten aus dein Kiege, soeben trifft ein Bote aus der Stadt ein. Eine große, glorreiche Schlacht bei dem Dorfe Gravelotte ist geschlagen, ein glänzender Sieg erfochten." Von Alidens Haupt sanken die Hände, ihr todtcnbleiches Antlitz starrte auf den Redenden, als wolle sie jede Silbe von seinen Lippen lesen. „Und weiß man schon Näheres", entrang es sich aus Frau von Solmitz Brust, „ist Oscars Regiment — Mann, Du bringst mir eine furchtbare Kunde", schrie sie auf, da Herr Streland sich abwandte, wie um eine Theilnahme zu verbergen, die er nicht empfand. „Gnädige Frau, ich kenne Ihre Festigkeit", — zögernd kamen die Worte über Streland's Lippen, „jetzt gilt es, sie zu erproben — das Regiment des jungen gnädigen Herrn war engagirt und Herr Oscar ist unter den Vermißten — man fürchtet das Schlimmste." „Er ist todt! er sandte das Zeichen!" Gellend drang der Aufschrei aus Aliden's Brust; aller Jammer, alle Verzweiflung des Herzens lag in ihm. Plötzlich sprang sie empor; ihre Äugen leuchteten fieberhaft in unheimlichem Feuer, zwei rothe Flecken brannten auf bleichen Wangen. So dicht trat sie vor Frau von Solmitz, daß die Gutsherrin erschreckt zurück wich. „Sie drohten mir das Asyl zu rauben,- das ich Ihrer Güte verdanke und das ich oft genug mit Thränen und Qualen der Seele bezahlen mußte, — Sie sollen befriedigt sein. Möge Gott Ihnen gnädig sein und diese Stunde Ihnen nicht anrechnen am Richterthron der Ewigkeit." Sie stürzte aus dein Salon, mechanisch erhob sich Frau von Solmitz' Fuß, ihr nachzueilen, um sie zurückzuhalten, aber der Arm des Verwalters wehrte ihr. (Fortsetzung folgt.) 141 Richard Wagner. Biographische Skizze von A. Planer. * Eine Sonne ist plötzlich am Himmel der Kunst hinabgesunken in das „Nirwana" der ewigen Nacht, um schopenhauerisch zu reden, eine Sonne, deren feuersprühendes Leuchten das freundliche milde Licht anderer, ewiger Sterne zeilenweise zu verdunkeln drohte. Nun hat er Frieden gefunden der stürmische „Tannhäuser" von allein „Wähnen" in der stillen Gruft zu „Wahnfried", und bald werden ihm Schlummerlieder singen die Vogel, die aus dem Süden kommen, aus dem Süoen, wo er so gerne weilte, wo er Genesung gesucht und Friede fand der Sänger des „Lohengrin" — Richard Wagner. An einem Herzschlage ist er am Nachmittag des 13. Februar in Venedig verschieden, in jener phantastischen Lagunenstadt, wo er einst, vor mehr als dreißig Jahren, begann, sein großes Nibelnngenwerk durch Töne zu beleben. Sein Wunsch, wenn es einmal sein müßte, schnell und schmerzlos aus der Welt zu scheiden, wurde erfüllt, aber seine Hoffnung nicht, ein hohes Alter zu erreichen, um mehr und immer mehr wirken zu können, in's Große, Allgemeine. Dem Unermüdlichen, rastlos Wirkenden, sich nie genug Thuenden, der immer auf Jahre hinaus seine Pläne gemacht hatte, ist nun ein jähes Ende bereitet worden vom unerbittlichen Geschick. Richard Wagner — nie ist ein Künstler, ein „Meister" schon bei lebendigem Leibe in so überschwänglicher Weise gerühmt, gefeiert, glorifizirt und vergöttert, noch nie sind einem Dichter und Musiker solche Ehren und Huldigungen, Huld und Gunst, Freundschaft und Auszeichnungen hoher, höchster und reichster Personen, die Güter und Genüsse der Erde in so reichem Maße zu Theil geworden, wie dem modernen „Tannhäuser." Kann Ruhm und Erdengut den Menschen glücklich machen, dann haben sie in Vayreuth den Glücklichsten der Glücklichen begraben. Und doch ist der Wahlspruch: „I? 6 r usporn nä nstrn" auch seine Devise gewesen. Keiner hat heißer kämpfen müssen, um aus der Tiefe sich emporzuringen bis zu den Sternen hinauf. Die ersten 30 Jahre von Richard Wagners vielbewegtem Leben bieten kein erfreuliches Bild; seine Schicksale ähneln hier denen von so manchem jungen hochbegabten Musiker, der von seinem Berufe ganz erfüllt ist, aber umher irrt, „weder Glück noch Stern" hat und keinen festen Grund findet, auf dem er sicher fußen und weiter bauen kann. Viele gehen in diesen Irrfahrten zu Grunde; die Wenigsten erreichen mehr als ein kleines Amt, einen beschränkten Wirkungskreis, und die Meisten bescheiden sich auch dabei. Für Richard Wagner waren aber die ersten 30 Jahrs seines Lebens — in denen Viele sich schon ausgelebt haben — gleichsam nur die Vorgeschichte seines Künstlerlebens, die Urzeit seiner Entwicklung, das Traumleben vor dem Erwachen. In engen bürgerlichen Verhältnissen wurde er am 22. Mai 1813, in einem kleinen Hause im Brühl zu Leipzig, als neuntes und letztes Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater war Polizei-Actuar und starb noch in demselben Jahre. Seine Mutter (eine geborene Johanna Beetz) vermählte sich zwei Jahre später wieder, mit dem Schauspieler, Portraitmaler und Schriftsteller Ludwig Geyer, welcher aus dem kleinen Richard „Etwas machen wollte." Die Familie zog nach Dresden. Aber auch der Stiefvater starb, als Richard erst sieben Jahre alt war, und die Erziehung des Knaben war nun ganz der Mutter anheimgegeben. Der allererste Bildungsgang Richards war von dem anderer junger Leute keineswegs verschieden. Er besuchte in Dresden die Kreuzschule, denn er wollte studieren und galt in der Schule als ein guter Kopf in litteris; an Musik wurde nicht gedacht. Sein Stiefvater hatte ihn zum Maler machen wollen, Richard war aber sehr ungeschickt im Zeichnen; heimliche Versuche im Clavierspielen sielen ebenso wenig ermunternd aus. Mit 11 Jahren wollte Richard Dichter werden; zwei Jahre lang arbeitet er an einen: großen Trauerspiele nach dem Vorbilde Shakespear's, nachdem er zuvor Tragödien nach griechi- 142 schein Muster entworfen hatte. Unterdessen hatte die Familie Dresden wieder verlassen und war nach Leipzig zurückgezogen; Richard besuchte die Nikolaischule; wurde hier — aber „faul und lüderlich" (wie er selbst erzählt), weil ihm nur noch sein großes Trauerspiel am Herzen lag. Höchst charakteristisch für den künftigen Dichtercomponisten ist es nun, daß er sein großes Trauerspiel auch sofort mit Musik ausstatten wollte; Beethovens Musik zu „Egmont" hatte ihn dazu begeistert. Weber (Freischütz) und Beethoven (Symphonien) waren schon damals seine Ideale; sie sind es immer geblieben. Er studierte nun heimlich Generalbaß und faßte schon damals den Entschluß, Musiker zu werden, was harte Kämpfe mit seiner Familie verursachte, als diese endlich dahinter kam. Dennoch setzte er seinen Willen durch (er war damals 16 Jahre alt geworden) und erhielt nun theoretischen Unterricht bei einem tüchtigen Musiker, dem er aber viel Noth machte, weil Richard die Theorie zu trocken und langweilig fand. Er zog es vor, Ouvertüren im größten Style zu componiren, von denen eine sogar im Leipziger Theater zur Aufführung kam — und durchfiel. Jetzt fürchtete seine Familie, daß auch als Musiker „nichts Gescheidtes" aus ihm werden würde, und Richard bezog die Universität, nicht um sich einem Facultäts- studium zu widmen, sondern um Philosophie und Aesthetik zu hören; diese Collegien vernachlässigte er aber ebenso, wie die Musik. Richard gab sich einem wilden Sludenten- leben hin, das ihn jedoch bald genug anwiverte. Dies führte zu einem glücklichen Wendepunkt in Richard's Jugendleben. Er kam zur Besinnung und raffte sich auf; er fühlte die Nothendigkeit eines streng geregelten Studiums der Musik, und die Vorsehung ließ ihn in dem trefflichen Kantor an der Thomasschule in Leipzig, Theodor Weinlig (der damals auch Dirigent der Gewandhaus- Concerte war) den rechten Mann finden, der ihm Liebe zum ernsten Studium einflößte und einen tüchtigen Contrapunktisten aus ihm machte. Damals lernte Richard auch Mozart innig erkennen und lieben; bis an sein Ende gehörte die „Zauberflöte" zu feinen Lieblingsopern, die noch im November 1880 bei seiner Anwesenheit in München auf Wagners speciellen Wunsch zur Aufführung kam. In Leipzig entstanden auch seine ersten Kompositionen, von denen eine Symphonie 1838 im Gewandhause aufgeführt wurde. Die französische Julirevolution warf ihn mitten in den Strudel des so sehr bewegten geistigen Lebens von damals hinein, er ward nunmehr Operncomponist. Die Schröder-Devrient erschloß ihm, vor allem durch ihren Fidelio, den' vollen GM der musikalischen Bühne, sie blieb wo er ging und stand sein Vorbild in plastischen Gestalten seiner Ideen für die Oper. Eigene Jugendversuche waren vorerst erfolglos. Er ward Theater-Kapellmeister, zunächst in Rudolstadt und Magdeburg, dann in Königsberg und Riga. Das Elend kleiner deutscher Verhältnisse führte ihn von hier 1830 jählings nach Paris; es war die Zeit, wo Meyerbeer's Stern glänzte; ihm wollte er es gleichthun, es entstand seine erste große Oper, der Rie nzi. Die Fahrt durch die norwegischen Schüren aber hatte ihm auch bereits das Sujet des fliegenden Holländers vertraut gemacht« Seine Seelensehnsucht begriff er, als er jetzt in Paris erst recht das Darniedergeworfene alles deutschen Lebens erkannte. Die gleiche Sehnsucht nach dem Heimathlichen, Eigenen und Wahren führte ihm dort bereits auch Tannhäuser und Lohengrin zu. Als Rienzi in Dresden, Holländer in Berlin angenommen waren, kehrte er 1842 in die Heimath zurück, wo er zum ersten Male den ihm gefeiten Nibelungenstrom sah. Der Erfolg des Rienzi machte ihn im Jahre 1843 zum königlichsächsischen Hofkapellmeister. Die innere Versenkung in die tiefe Poesie unserer heimischen Mythenwelt enthüllte ihm aber bald den bloßen Scheinglanz jener Bühne, die damals von Paris aus die Welt beherrschte, er wollte vor allem den wahren dichterischen Gehalt auch für die Oper erobern. Dieser „Handlung" sollte selbst die Musik nur den tiefen, seelischen Untergrund bereiten und der Gesang allüberall deutliche Rede sein. Er übertrug Glucks Forderung 143 vom Sänger auf den Musiker und wollte blos da Musik gemacht wissen, wohin sie gehört. Diese Forderungen führten ihn zur offenen Empörung gegen die herrschenden Kunst« zustande und, da er ihren eigentlichen Grund in den sozialen und politischen Zuständen erkannte, aus Kunstinteresse zur Theilnahme an dem Dresdener Maiaufstande von 1849. Die Verbannung folgte. Wagner flüchtete nach der Schweiz und nahm zunächst in Zürich seinen Wohnsitz. Hier schrieb er die beiden, kolossales Aufsehen erregenden ästhetischen Abhandlungen: „Die Kunst und die Religion" und „Das Kunstwerk der Zukunft." 1850 ging er nach Paris und sandte von dort aus seinen inzwischen vollendeten „Lohen- grin" nach Weimar an Franz Liszt, der das Werk noch im August desselben Jahres auf der Weimar'schen Hofbühne zur Aufführung brachte und damit den weiteren Ruf Wagner's erst begründete. Nachdem dieser 1851 die Schrift „Oper und Drama" veröffentlicht hatte, machte er sich an die Ausarbeitung der Siegfried-Sage, so daß bereits 1853 die ganze Dichtung „Der Ring der Nibelungen" erscheinen konnte, deren Komposition aber erst 1870 vollendet wurde. In den dazwischenliegenden Jahren, die er theils in Paris, theils in der Schweiz zubrachte, und während deren er mit des Lebens Sorgen und Nöthen den schwersten Kampf zu bestehen hatte, schuf er seinen „Tristan und Isolde" und „Die Meistersinger von Nürnberg." Im 17. Lebensjahre, zu seinem Geburtstage am 25. August 1861, hatte der damalige Kronprinz, unser König Ludwig II., als erstes Theaterstück den „Lohengrin" gesehen — erzählt Ludwig Nohl im 5. Bd. seiner „Musikerbiographien" — und dann voll Begeisterung auch nach den übrigen Werken dieses Meisters gefragt. Sein stilles Gelübde war, diesem „Einen" seine Hand zu reichen, sobald er König sei. Nach dem raschen Tode Maximilian's II. war auch eine der ersten Negierungshandlunaen des jungen Königs die Berufung des begeistert verehrten Künstlers. Bald war Richard Wagner in München. Nach der ersten Audienz äußerte sich Wagner: „Er hat mich wie mit einem Füllhorn überschüttet! Das Undenklichste und doch einzig mir Nöthige ist völlig Wahrheit geworden. Im Jahre der ersten Aufführung meines Tannhä users gebar mir eine Königin den Genius m e i n e s L e b e n s. Er i st mir vomHimmel gesendet, durch ihn bin und verstehe ich mich." Und der König bewahrte dem Dichter seine Gunst und Freundschaft in allen Wechselsüllen bis zu dessen Tode. Richard Wagner hat diese Huld und Freundschaft eines Königs auch als seinen schönsten Stern betrachtet und die Größe dieses Glückes dankbar anerkannt. Wenn er seinen Dank gegen den „königlichen Freund" zum Ausdrucke bringen will, da entlockt er den Saiten seiner Harfe die schönsten Klänge und singt er sein schönstes Lied. So sang er im Sommer 1864 „dem königlichen Freunde": O König! holder Schirmherr meines Lebens! Du höchster Güte woimereicher Hort! Wie ring' ich nun, am Ziele meines Strebens, Nach jenem Deiner Huld gerechten Wort! In Sprach und Schrift, wie such ich es vergebens: Und doch zu forschen treibt mich's fort und fort, Das Wort zu finden, das den Sinn Dir sage Des Dankes, den ich Dir im Herzen tröge. Was Du mir bist, kann staunend ich nur fassen, Wenn mir sich zeigt, was ohne Dich ich war. Mir schien kein Stern, den ich nicht sah erblassen, Kein letztes Hoffen, dessen ich nicht bar: Was einsam schweigend ich im Innern hegte, Das lebte noch in eines Anderen Brust; Was schmerzlich tief des Mannes Geist erregte, Erfüllt' ein Jllnglingsherz mit hcil'ger Lust. 144 Du bist der holde Lenz, der neu mich schmückte, Der mir verjüngt der Zweig' und Aeste Säst. Es war Dein Ruf, der mich der Nacht entrückte, Die winterlich erstarrt hielt meine Kraft. Wie mich Dein hehrer Segensgrus; entzückte, Der ivoimestürmisch mich dem Leid entrafst, So wand't ich stolz beglückt nun neue Pfade Im sommerlichen Königreich der Gnade! Schon im Jahre 1867 siedelte aber Wagner nach Triebschen bei Luzern über und vollendete dort die Composition der Nibelungen-Trilogie, die dann an den denkwürdigen Tagen vom 13. bis 17. August 1876 in Bayreuth zur ersten Aufführung gelangte. In demselben Bühnenfestspielhause, das ihm seine Anhänger und König Ludwig erbaut hatten, brachte Richard Wagner dann im Juli des vorigen Jahres auch sein letztes Werk, seinen „Parsifal" zur Aufführung. Wie man sieht, ist die künstlerische Thätigkeit Wagner's Zeit seines Lebens fast ganz auf das Gebiet der Oper oder des Musikdraina's beschränkt gewesen und von seinen sonstigen Compositionen wären nur einige wenige Ouvertüren und Märsche zu erwähnen. Seine gesammelten Schriften und Dichtungen sind 1870—71 in neun Bänden erschienen. In Bayreuth, wo sein größtes Werk zuerst an die Öffentlichkeit trat, hat Richard Wagner mit wenigen Unterbrechungen die letzten Jahre seines Lebens zugebracht. Dort in seiner Villa „Wahnfried" ruhte er aus von den Kämpfen und Mühen seines Lebens, in Bayreuth ist er zur letzten Ruhe gebettet worden, dort „wo sein Wähnen Frieden fand." Nun schläft der müde Tannhäuser. Wohl verstand cr der Harfe Accorde zu entlocken» wie Wenige, wohl hat er in jüngeren Tagen erschaut „den Bronnen, den uns Wolfram nannte"; aber aus seinen letzten Werken sprechen Düsterniß Lüsterniß und Hoffnungslosigkeit des Schopenhauer'schen Dichters und Denkers. Aus Wolfram'S zartem und mildem Epos „Parcival" hat er ein Gleichniß des Hartmann'schen Unbewußten, der pessimistischen Verzweiflung und des excessiven Sinnengenusses gemacht. Das war des Meisters letztes Werk, und darum ist er für Viele der moderne Klingsor geworden. Doch uns dünkt, der Grundton seines Wesens wäre dem des Tannhäusers gleich gewesen, und wer weiß, ob in letzten Tagen nicht an sein Ohr noch der Sang der Pilger von der waldumrauschten Wartburg an sein Ohr gedrungen: >eil! Heil! Der Gnade Wunderheil! L ösung ward der Welt zu Theil! ES that in nächtlich heil'aer Stund' Der Herr sich durch ein Wunder kund: Den dürren Stab in Priesters Hand Hat er geschmückt mit frischem Grün. Dem Sünder in der Hölle Brand Soll so Erlösung neu erblüh'n! Anst ihm es zu durch alle Land', Der durch dies Wunder Gnade fand! Hoch über alle Welt ist Gott Und sein Erbarmen ist kein Spott! Hallelnja! Halletuja! — Miseellei». (Aus dem Konservatorium.) Musiklehrerin: „Was versteht man unter ein« Koloratursängerin?" Schülerin (nach einigem Nachdenken): „Eine Sängerin, bei deren Vortrag man die Cholera kriegt." (Hyperbel.) „Was, die Milch willst Du nicht trinken und nur weil eine Fliege hinein gefallen ist?! Da wurde ich ganz anders erzogen! Ich hätt' meine Milch trinken müssen, und wenn ein Hund hineingefallen wär'!" Für 1>ie Redaktion verantwortlich Alvhons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag d» Literarischen Instituts vou l)r. Max Huttler,