Nr. 20. Samstag, 10. März Heimathlos. Eine Erzählung aus längster Zeit von Hermann Hirsch selb. (Fortsetzung.) Der Knabe schritt voran und bald war er am Ziel. Es war das Haus eines Tischlers, in das er Alida führte; das kleine Gebäude trug äußerlich keine Spur der Verwüstung, aber im Innern sah es um desto schlimmer aus, die Einquartirung wechselte von Tag zu Tag und außerdem lagen mehrere Verwundete in den Räumen. Der Knabe öffnete die Thür zu einer hellen Kammer. „Dort liegt der fremde Mann", flüsterte er dem jungen Mädchen zu» auf das dürftige Lager deutend, das an der Langseüe des Raumes, dicht am Fenster aufgeschlagen, „die Mutter ist bei ihm." Eine junge, einfache Frau erhob sich bei dem Eintritt Alidens. „Da liegt der arme Mann", sagte sie leise, ihr entgegenkommend, „er ist typhus- krank, unrettbar verloren und hat nach einer grauen Schwester verlangt; ich glaube, er hat etwas auf dem Herzen, sprecht Ihr mit ihm, ich bin eine schlichte Frau und kann ihn nicht verstehen." Das junge Mädchen näherte sich dem Bette. Auf ihm lag ein bleicher Mann, er mochte etwa in den fünfziger Jahren stehen, sein Haar, wie der volle Bart, der sein bleiches Gesicht umrahmte, war stark mit Grau untermischt, aber die Augen leuchteten in Hellem, fieberhaften Glanz und die geschlossenen Lippen murmelten leise Worte» die Alida als englisch erkannte. Sie trat dem Bett vorsichtig näher und warf einen Blick auf den Kranken, in dessen Züge der unerbittliche Tod bereits sein Zeichen geprägt hatte, ein seltsames Gefühl beschlich sie, da sie des Sterbenden große dunkle Augen mit starrem Ausdruck auf sich gerichtet sah, ihr war's, als seien ihr diese Augen nicht fremd, als habe sie in dieses Mannes Antlitz schon früher geblickt. Der Leidende machte eine hastige Bewegung, als er des jungen Mädchens ansichtig ward. „Ella", murmelte er in englischer Sprache, „Ella, kommst Du schon, mich zu holen? —" „Hier ist eine fromme Schwester, nach der Ihr so inbrünstig verlangtet, nachdem Ihr durch den Beistand des Priesters Euch mit Gott versöhnt. Soll ich Euch mit ihr allein lassen?" Der Kranke neigte das Haupt zum Zeichen der Bejahung, die Frau winkte dem Knaben und verließ das Zimmer. Der Sterbende versuchte sich emporzurichten, Alida unterstützte ihn, ihre Hand zitterte es war das erste Mal, daß sie Hülfe leistete. „Sie sprechen englisch, fromme Schwester?" fragte der Sterbende. „Achtzehn Jahre lebte ich tief in den Prairien Südamerika's und meine Muttersprache ist mir fremd geworden, wenn auch mein Herz an meiner Heimath mit gleicher Treue hing." „Ich verstehe Sie", entgegnete Alida in demselben Idiom, „nur müssen Sie etwas 154 Nachsicht mit mir haben. Vergönnen Sie mir vor allein die Bemerkung, ich gehöre nicht dem Stande an, den Sie wähnten, keine Ordens-Regel bindet mich, allein ich bin ein Mädchen, das sich, nachdem sie alles verlassen, was ihr lieb und theuer auf Erden, dir Aufgabe gestellt den Leiden der Seele, den Leiden des Körpers sich zu weihen, und selber lechzend nach Trost und Hülfe, däuchte es mir eine Fügung Gottes, als eines holden, unschuldigen Kindes Stimme mich an das Bett eines Trostbedürftigen rief. Kann ich Ihnen helfen, kann ich Ihnen dienen, sprechen Sie, je härter die Aufgabe, je dornenvoller, um so mehr des Glückes soll sie mir gewähren." „Armes Kind", sagte der Fremde leise; „so jung, so gut und unglücklich; ist mir noch eine längere Frist des Daseins vergönnt, als ich glaube, denn meine Krankheit ist tödtlich und mein Leben zählt nach M nuten, so wollen wir Leid um Leid tauschen, aber jeder Sterbende ist egoistisch und ich habe noch eine Pflicht, habe noch einen Auftrag zu hinterlassen; nicht ruhig könnte ich sterben, wüßte ich ihn nicht in treue Hand gelegt; nur ein mildes Frauenherz kann mich verstehen, nur ein Weib allein mir verzeihen, was ich an einer der Holdesten ihres Geschlechtes beging. „Und Sie, Kind, Sie werden es, denn wie ein Engel der Milde und Vergebung, von Antlitz ähnlich dem Opfer meines sträflichen Leichtsinnes, erschienen Sie mir, und mit Himmelsglanz erfüllt sich dieser elende Raum.* Er hielt erschöpft inne, aber die Unruhe ließ ihn nicht lange rasten. „Sie sehen einen Elenden, einen Verrüther an: Heiligsten der Erde und des Himmels vor sich", nahm er von Neuem das Wort, „wollen Sie eines Solchen Geständnisse vernehmen, wollen Sie die Aufträge erfüllen, die der Sterbende tief, tief bereuend Ihnen übergeben will?" Empor hob Alida ihre Hand. „Ich will es, so wahr Gott mir helfe", sagte sie feierlich, „armer Mann, daß Sie gelitten, daß Sie gebüßt — das sagte mir die Sympathie, die ich, gleich Ihnen, empfand, als meine Blicke auf Ihr Antlitz fielen. Und jetzt reden Sie, was ein armes» verwaistes Mädchen, das nichts besitzt als einen festen Willen, vermag, es soll geschehen." Der Sterbende streckte die welke, abgezehrte Hand unter der Decke hervor und drückte des jungen Mädchens Rechte. „So hören Sie. Ich stamme aus einen: altadeligen Geschlecht Deutschlands; von Natur gutmüthig, wäre es leicht gewesen, mich zu einen: ehrenwertheu Manne, einem würdigen Mitglied des echten Adels zu bilden, allein man verstand nicht, einen wilden leidenschaftlichen Knaben in Schranken zu halten, das sanfte Joch der Liebe, das nur einer Mutter Hand zu leiten versteht, es fehlte meiner Jugend. Mein Vater kümmerte sich wenig um mein Treiben und meiner Schwester Charakter war so schroff und starr, ,tvie der meine weich unv jeder Regung zugänglich, sei sie gut oder böse. Unser Vater starb früh, meine Schwester verehelichte sich mit einem Edelmanne und verließ mit ihm die Provinz. Ohne Anhalt nur selbst überlassen, gab ich allen verderblichen Leidenschaften mißleiteter Jugend nach und die Schmarotzerschaar falscher Freunde wußte sie zu nähren und von ihnen zu zehren bis sie das letzte Mark aus der Frucht herausgepreßt und hohnlachend die morsche Schnale bei Seite warf." Er hielt inne, kalter Schmeiß trat auf seine Stirn, die Anstrengung des Redens erschöpfte sichtlich seine Kraft. Auf einem Tischchen vor dem Bette stand ein kühlender Trank, Alida benetzte mit ihn: die Lippen des Leidenden und bald öffnete» sich die Augen auf's Neue. Man las in den wachsbleichen Zügen des Sterbenden die feste Willenskraft, mit dem Tode zu ringen, bis er seine Mittheckung vollendet. Rascher fielen die Worte aus seinem Munde, als begreife er, wie kurz die Spanne Zeit sei, die ihm zugemessen, und er wollte sie benutzen. „Nuinirt an Körper und Vermögen, siech und zerfallen, von Gläubigern bedrängt", fuhr er fort, „verließ ich die Residenz, wo ich bisher als Meteor der goldenen Jugend - l55 - geglänzt, wenn auch die eigene Jünglingszeit schon längst hinter mir lag. Ich führte ein unstetes Wanderleben; bei meiner Schwester ein Asyl zu suchen, hätte ich nimmermehr vermocht — eher hungern» eher betteln, als Gnadenbrod empfangen." „Auf meiner Irrfahrt gelangte ich in ein kleines Gebirgsstädtchen Thüringens, es war ein stiller, entlegener Winkel, dort endlich hatte ich Ruhe vor meinen Gläubigern, die mich mit Zähigkeit verfolgten, es war ein traulicher Ort und doch hätt« ich die Ein» tönigkeit des Lebens nicht zu ertragen vermocht, hätte nicht die Liebe meine Verbannung versüßt; zum ersten Male lernte ich, bisher nur von schäumender Leidenschaft berauscht, die wahre innige Liebe kennen; ein schlichtes Mädchen, einer Lehrerwittwe Tochter, hatte meine Seele gefesselt und Frieden in ihre sturmbeivegten Wogen gegossen. „Nur einen Weg gab es aber für mich, den Besitz der Geliebten zu erringen, und ich wählte in allem Leichtsinn diesen Weg, unbekümmert um seine Folgen — ich reichte Ella Härtung, der Tochter des Landschullehrers in einem Neste Thüringens meine Hand, die Hand Leopold's von Bernau und erhob sie zu einem Mitglied eines der ältesten Geschlechter Deutschlands." Abermals trat eine Pause ein, mit zitternder Hand berührte Alida des Sterbenden Stirn, mächtig, mit unbeschreiblicher Regung, ergriffen sie die Worte desselben. Fest preßte er seine Lippen zusammen, er wollte nicht unterliegen, bis er zu Ende war. „Freilich hielten wir die Ehe geheim", redete er weiter, „ich wollte kein Aufsehen erregen, und nach wie vor lebte Ella im Hause ihrer Mutrer, ich wußte, ich konnte auf ihre Verschwiegenheit zählen, um so mehr, da sich die betreffenden Papiere in dem Besitze meiner Gattin befanden und nur der Geistliche des Ortes um unser Geheimniß wußte." „Ein halbes Jahr lang trug ich die Fesseln, die das junge Glück noch unter Nosen- ketten verbarg — aber schon sehnte sich mein rastloser Geist nach Veränderungen, schon erweiterte meine Sehnsucht die engen Grenzen, die ich mir selber gezogen. Auch bis in mein stilles Asyl verfolgten mich meine Gläubiger, sie hofften, sobald sie nur meiner Person habhaft zu werden vermochten, meine Verwandten würden schon meine beträchtlichen Schulde» bezahlen und mich aus ihrer Tyrannei befreien. Da kam der alte Geist der Leidenschaft über mich, der jedes Zwanges spottete» keine Rücksicht kannte und als eines Morgens die Sonne aufging, lag der Rest meiner Baarschaft vor dem Bette Ella's, mich selbst aber fand sie weit, weit entfernt, auf dem Wege nach Hamburg, mein Weib hinter mir lassend und mein Kind, das des Lichtes in ihrem Schooße harrte." „Wehe Euch, wehe Euch", rief Alida bebend. „Ich war nicht schlecht, ich wollte die Einzigen nicht verlassen, an denen mein Herz hing, aber es kam anders; in St. Louis angelangt, erkrankte ich schwer; Monde vergingen, und als ich zu neuem Dasein erwachte, war niir meine europäische Vergangenheit wie ein schwerer, drückender Traum, den ich von mir streifte, erwachend in der wonnigen Luft der Freiheit; mit vollen Zügen erschöpfte ich, am Tage hart arbeitend, in wild durchschwärmten Nächten des Lebens berauschende Genüsse und als ich auch dieser Existenz müde geworden, da flüchtete ich in die unendlichen Prairien, das nimmer löschende Feuer, das mich verzehrte, zu dämpfen in lobender Jagd auf Büffel und Bär, in wildem Kampf der Gewalt und der List mit den Nothhäuten. Sechszehn Jahre ver» gingen so, sechszehn lange Jahre, wie ein einziger Augenblick." „Und was führt Euch nach Europa zurück, was ward aus dem armen Weibe, was aus dem Kinde, das nimmer in des Vaters Antlitz blicken durste?" Fast athemloS brachte Alida die Frage hervor, so seltsam war's ihr, so beklommen, als hinge ihr eigenes Geschick von des Sterbenden Rede ab, und doch war er ihr so fremd. Schwerer hob sich des Sterbenden Brust, keuchender ward sein Athem., „Müde kehrte ich einst von der Verfolgung eines Jndianertrupps in mein Blockhaus zurück, ich fühlte mich abgespannt, beinahe leidend, zum ersten Mal drängte sich das „Warum", die große Frage unseres Daseins, in meine Seele. „Da stiegen sie empor, die Erinnerungen, die lang gebannten, wie drohende Rache- — 156 — > gespenster, da kostete ich alle Schrecken des Schuldbeladenen in der Einsamkeit, ich fühlte mein Blut sieden, wie Bjahnsinn tobte es in meinen Schläfen. Der Cherry, zu dein ich Zuflucht nahm, linderte nicht meine Pein, ich schmachtete nach einem betäubenden Mittel, das ich vor Jahren einst in einer Apotheke gekauft und achtlos in dem Koffer geborgen, den ich aus Europa mitgebracht; vielleicht vermochte es noch zu wirken, wenn ich es .fand. Ich durchwühlte die Effekten, da fiel ein Bild in meine Hand, und meine Blicke hefteten sich darauf, ein Antlitz so rührend, so mild, schaute mir wie bittend entgegen, ein Mund, der nimmer fluchen konnte des Verräthers, fragte so wehmuthsvoll, — was < thatest du? Es war meines Weibes Bild, das Bild meiner Ella." Eine Stille entstand in dem kleinen Raume, lautlos flössen Aliden's Thränen, so weh war ihr's um das Herz, als drohe es, seine Hülle zu sprengen. „Weinen Sie, theures Kind", sagte der Sterbende tief bewegt, „auch meine Zähren flössen, wie ein Felsbach, der, lange zurückgedämmt, die Ufer überfluthet und steiniges Land urbar macht, so schmolzen sie die Rinde meines Herzens, das die Jahre verhärtet — alle besseren Gefühle, die einst darin geschlummert, tauchten mächtig empor, wie in Himmelsklarheit. Heim — tönte es in mir, heim, zu meinen, deutschen Vaterlands, heim zu ihr, zu ihren Füße», Verzeihung zu erflehen, zu meinem Kinde, um es an die Vaterbrust zu drücken. Dieses Bild, es verließ mich nimmer, in jener Stunde entstand der Zauber, der mir ein neues Dasein erschließen sollte." Mit diesen Worten zog er ein kleines Miniaturportrait hervor, das er auf der Brust barg und reichte es dem jungen Mädchen. Durch den Schleier ihrer Thränen schaute Alida auf das liebliche Antlitz — aber plötzlich zuckle sie zusammen, ein erstickter Schrei entrang sich ihrer Brust, ihre Knie versagten ihr den Dienst und halb bewußtlos brach sie am Bette des Sterbenden zusammen. Bernau versuchte sich empor zu richten, aber hülflos sank er auf das armselige Lager zurück. „Um Gottes willen, armes Kind, was bewegt Dich, was ist Dir geschehen?" Mit der furchtbarsten Anstrengung, ihre Erregung zu bemeistern und Fassung zu erringen, raffte sich Alida empor. „Nichts, nichts" — sagte sie hastig — obwohl ihre Stimme kaum vernehmbar war, „ein plötzlicher Schwindel — aber weiter, weiter — laßt wich Alles wissen." „Der Nest ist kurz, ich kehrte nach Thüringen zurück — achtzehn Jahre waren seit meiner Flucht verschwunden, mich kannte Keiner mehr, der Pfarrer, der einst meine Ehe mit Ella gesegnet, war versetzt, eine neue Welt war in diesem Thal entstanden, die Mode hatte es zu ihrem Aufenthalt erkoren und mein Weib fand ich dort nicht; Ella Härtung» so lauteten die Worte der Aelteren im Dorfe, die sich der Lehrerstochter entsonnen, sei eines Schwindlers Beute geworden und bald, nachdem sie einem Kinde das Leben gegeben, und ihre alte, verzweifelnde Mutter unter des Grabes Hügel gebetet, mit dem Töchterchen in die weite Welt gegangen und nun wohl längst verdorben und gestorben." Alida hatte das Haupt wie müde auf den Holzrand des ärmlichen Lagers gelegt. „Verdorben und gestorben", tönte es leise klagend wie ein Echo von ihren Lippen wieder. Der Sterbende legte seine Hand auf das Haar des jungen Mädchens, schon waren die Finger steif und kalt, aber Alida durchzuckte die Berührung, als ob eine Gluth auf ihrem Scheitel brenne. „Ehe ich weitere Nachforschungen begann", fuhr der Sterbende fort, „entdeckte ich mich dem Geistlichen des Ortes, einem würdigen Greise, er versah mich mit der beglaubigten Kopie aller Dokumente, die auf meine Heirath und meines Kindes legitime Geburt — denn einem Töchterchen hatte Ella das Leben gegeben — Bezug hatten. Ich selber theilte ihm meine Muthmaßung mit, daß sich mein Weib, nachdem sie sich von mir verlassen sah, an meine Schwester, deren Name und Aufenthalt ihr bekannt war, gewendet haben mochte; der würdige Pfarrer übernahm es, mir Auskunft zu verschaffen und brachte mir — 157 — > die Kunde, daß auf dem Gute meiner inzwischen verwittweten Schwester ein holdes Mädchen lebe, das dort erzogen sei, die Tochter einer fremden, armen Frau, die gleich nach den. Tage ihrer Ankunft, vor langen Jahren verschied. Es war mein Kind, die Ahnung sagte mir's — als Geduldete, als aus Mitleid Angenommene, lebte sie im Hause ihrer Tante und meine Kenntniß des Charakters meiner Schwester sagte mir, daß ihr * das Band des Blutes, das sie mit der Schutzlosen verband, wohl bekannt sei —" Plötzlich verstummte Bernau, seine Brust hob und senkte sich konvulsivisch — „das < ist der Tod", flüsterte er — „der Tod und ich habe noch nicht vollendet." Ueber ihn warf sich das schluchzende Mädchen. „Nicht sterben darfst Du", rief sie in höchster Verzweiflung, „ohne Deine Seele ganz entlastet zu haben in jene Brust, der Deine Worte ein heiliges Vermächtniß sind. Leopold von Bernau, wenn es ein Mittel gibt, Dich, und sei es nur einen Augenblick, der Lethargie des Todes zu entreißen, es sei gewagt; mit dem grimmen Feinde will ich ringen, daß er nicht eher Hand an Dein Haupt lege, bis ich Dir zurufe: Leopold von Bernau, Du Wilder, Bereuender, im Namen Deiner Gattin, die längst unter grünem Hügel den stillen Schlaf der Ewigkeit schlummert, vergibt Dir Deine Tochter, denn das Kind der armen Wanderin, die Solmitz, das Gut Deiner Schwester erreichte, um dort ihr Ende zu finden, die arme geduldete Waise, die nach längerer Unterredung zwischen Hermine von Dolmitz und der sterbenden Mutter auf dem Schlosse ein kaltes, freudenleeres Asyl fand — ich bin es und küsse Deine Stirn und grüße Dich mit dem heiligsten der Namen, der durch Erden und Himmel klingt: Mein Vater!" (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte des Augsdurger Theaters. Von Klara Reichner. III. Liebhabertheater und Kunstfreunde. Das Jahrhundert, in welchem gar Alles in Augsburg Komödie zu spielen liebte, war das vorige, das achtzehnte. Meistersinger und Handwerker, Studenten und Schüler, Wandertruppen und Liebhaber-Gesellschaften spielte» um die Wette, und die Komödien- spielerei ward in solchem Grade zur Manie, daß Geistlichkeit und hoher Rath sich veranlaßt fand, diese allgemeine Leidenschaft durch Verbote und Beschränkungen verschiedener Art einigermaßen zu verkürzen. Es ist bereits erwähnt worden, daß schon im siebenzehnten Jahrhundert eine Vorliebe für Liebhabertheater unter den Bürgern Augsburgs aufzutauchen begann, welche zu allerlei Konflikten und Verordnungen führte, aber die Liebhaberei siegte doch schließlich über alle Beschränkungen, indem sie sich behauptete, ja, nur noch mehr erstarkte, wenn schon es dabei zuweilen nicht ganz ohne Hinderniß und unliebsame Unterbrechung herging, so z. B», als im April des Jahres 1712, der Gelegenheitsdichter und AugSburger Procurator Wilhelm Merz die liebliche Absicht hatte, dem Magistrat zu Ehren eine von ihm verfaßte Komödie, mit Hilfe von Bürgern und deren Söhnen zur Aufführung zu bringen. Da aber das betreffende Stück gar zu zeitgemäß befunden ward, indem nicht nur vor Kurzem erst verstorbene, hochstehende Persönlichkeiten, sonder» sogar noch lebende, an Ort und Stelle sich befindende Zeitgenossen darin vorkamen, so verbot man das anstößige Stück, und zwar geschah dies am Abend vor der Vorstellung. Das war ein harter Schlag für den Dichter und Unternehmer! — Er verfiel zwar auf den Ausweg, schleunigst sämmtliche Namen umzuändern, und überall für die Aufführung zu petitioniren, allein das half ihm nichts — sein Stück blieb verboten, das schaulustige, Nachmittags um — 3 Uhr zur Vorstellung sich einfindende Publikum mußte ruhig wieder nach Hause gehen, und der Theaterdichter selber wurde auf zwei Tags eingesperrt. Trotz aller dieser Hindernisse aber erlebte er doch die freudige Genugthuung, das Kind seiner Muse und 158 Muße glücklich noch in demselben Monat, wenn auch mit veränderten Benennungen der Personen, in Scene gehen zu sehen. In Mitte des achtzehnten Jahrhunderts findet sich auch bereits das weibliche Geschlecht bei den Liebhabertheatern der Bürger vertreten. — Größtentheils Handwerker und Musikanten waren so industriell gewesen, förmliche bürgerliche Schauspieler-Gesellschaften zu etabliren, so anno l723—38 ein Bortenmacher, welcher auf eigenes Nisico im „Baugarten" geistliche Komödien zur Darstellung brachte, ferner 1744 ein „bürgerlicher Stadt-Musikus", Valentin Wagner mit Namen, dessen Schauspieler aus buntem Gemisch von allerlei Ständen bestanden. Musikanten, die während der Fastenzeit brodlos waren, Studenten, Wasserbrenner und Nachtwächter, nebst Frauen und Töchtern. Auch diese Vorstellungen fanden im „Baugarten-Wirthshaus" statt, und zwar in der ganzen Fastenzeit an jedem Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag um 2 Uhr Nachmittags, an den Sonntagen aber nach der Kirche um 4 Uhr, bei einem Eintrittsgeld von 30, 15, 10 und 6 Kreuzern. Die gespielten Stücke, halb religiös, halb possenhaft, wechselten nur ein einzig Mal, denn man gab während der ersten Hälfte der Fastenzeit: „König Kodrus ein guter Hirt, mit schöner Musik und anderen theatralischen Vorstellungen ausgezeichnet", und in der anderen Hälfte eine Komödie: „Die wunderbare Bekehrung", titulirt. — Nach dem Tode des Unternehmers führte dessen Wittwe sein Werk noch fort, indem sie im Jahre 1747 zuerst eine Komödie: „Unglückseliges Schlachtopfer des Neides in einem Brudermörder vorgestellet" zur Aufführung brachte, und dann als folgendes Stück: »Protasius, ein christlicher Held." — Zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts, in den Jahren 1783, 84 und 85 stoßen wir gar auf eine Liebhaber-Gesellschaft von Patriziern und adeligen Kunstfreunden, welche öffentliche Vorstellungen im Stadttheater gaben, bis der eigentliche Leiter, Baron von Götz, Augsburg verließ und nach München zog. Diese Vorstellungen scheinen eine Art von Ehrenrettung für die von gar Manchem als „sündhaft" erklärte „Komödie" vorgestellt, und außerdem WohltlMigkeitSzwecke verfolgt zu haben; z. B. wurde im Jahre 1784 eine Vorstellung für die Armen, zur Beschaffung von Brod und Holz gegeben, betitelt: „Der deutsche Hausvater oder die Familie", verfaßt von einem Freiherrn von Gemmingen. Außerdem wurden Drama, Lustspiel und Melodram kultivirt. — Ferner sehen wir in den Jahren 1797—1807 „die ledige Gesellen-Congregation" im Jesuitentheater Aufführungen veranstalten, und endlich anno 1833 die sehr in Blüthe stehende, dramatische Liebhaber-Gesellschaft im „oberen Baugarten" sogar Theater im Freien spielen, und zwar am 10. und 12. September auf dem Exerzierplätze, bei Gelegenheit eines acht Tage währenden, landwirth- schaftlichen Festes, dem zu Ehren die Stadt für Unterhaltung aller Art, als: „Wettrennen und Wettlaufen, Klettern und — Theaterspielen" sorgte. Das damals gespielte Stück war ein militärisches Schauspiel: Graf Waltron, oder die Subordination" mit Namen, welches sich besonders gut für die Aufführung im Freien eignete, — die prächtigen Kostüme dazu zahlte die Stadt. Zuweilen geschah es auch in früheren Zeiten, daß Dilletanten und Fachleute sich zu gemeinschaftlichem Spiel zusammenthatcn, oder daß gar Liebhaber-Gesellschaften, gleich wie Komödianten von Beruf, umhergezogen. So „gastirten" in Augsburg am „Katzen- stadel" die ehrsamen Bürger von Kaufbeuren, deren „Schauspieler-Innung" sogar eine so alte war, daß sie 1801 ihr 300jähriges Jubiläum feiern konnte. Sie führten ordentliche Jahrbücher, die bis 1540 zurückreichen, und besaßen seit 1570 ihre „Artikul" und „Ornungen". welche vom Magistrat bestätigt wurden. Auch einen eigenen Theaterdichter nannten die „Agenten" von Kaufbeuren ihr Eigen, in dem Gelehrten Chr. Jak. Wagenseil; — sie bestanden bis zum Jahre 1803. — Noch eine andere „Bürgerschaft" gastirte etliche Male — im August und September 1745 — in Augsburg auf dem Nathhause in einem „erschröcklichen Trauerspihl", mit Namen: „Wie das Leben, also der Tod, oder Chrpsarius, Ein Hochadelicher Herr und dessen unglückseliger Tod." — Es waren die Bürger der „Chur-Bayer'schen Gränitz-Stadt Friedberg", welche diese Tragödien auf- führten, bestehend aus Uhrmachergeselle», einen, Schneider, einem Leistschneider, Drechsler, und als Sängerpersonal einem Schulmeister und Meßner, Stadtmusikanten rc. rc. Auch als 1697 das erste Singspiel in Augsburg zur Aufführung kam, wurden von dem Kapellmeister der reisenden „Oper" auch einheimische Kräfte mitverwendet, das heißt also: „Studenten, Weber, Wasserbrenner, Nachtwächter" und ähnliche „Dilletanten." — Auch später kam es öfter noch vor, daß Theaterliebhaber oder sonstige disponible Kräfte in irgend einer Weise mit zum Komödiespielen verwendet wurden, so z. B. anno 1777 und 1795, als im „Stadttheater" und auf der „Viehweide" das erwähnte Spee- takelstück: „Graf Waltron" mit Hilfe von je 74 und 66 Stadt-Gardisten-Statisten dargestellt ward, ferner als 1806 im Freien auf der Bleiche bei Haunstetten ein großes militärisches Schauspiel mit Schlacht-Manövern und Scharmützeln, betitelt: „Die Schlacht von Austerlitz", oder „Unerforschlich sind des Herrn Wege" von der damaligen Stadttheater-Gesellschaft gespielt wurde, und „einige Herren Theaterliebhaber die Güte hatten, zu ihrem Vergnügen die Anordnungen und das Kommando der vorkommenden Schlacht- Manöver der militärischen Ordnung gemäß zu übernehmen." — Auch 1822 und 1823 wurden, um den Theaterchvr zu verstärken, allerlei städtische Kräfte mitverwendet; junge Hautboisten und Schulgehilfen, während Waisenknaben Alt und Sopran sangen. Aber nicht nur auf solche Weise machten Liebhabertheater und Kunstfreunde sich beim Komödienspielen nützlich — die Zeit der allgemeinen Vorliebe für dasselbe zeitigte auch gar manchen Theaterdichter in der alten Reichsstadt, welcher mit mehr oder minderem Glück und Erfolg geschrieben; — außerdem aber brach ja im achtzehnten Jahrhundert für tue deutsche Literatur jene „Sturm- und Drangperiode" an, fand jener Um- und Aufschwung statt, welcher dem Geschmack eine ganz und gar andere Richtung gab, was namentlich auch auf dramatische Dichtung und dramatische Aufführungen von größtem Einfluß sich erwies. , Mit den, besseren Geschmack aber verschwanden auch von selber jene viele» Dile- tanten-Produktionen, deren Schauspieler zuweilen einfach nur in Straßenröcken, mit Tressen von Goldpapier und Papiermanschetteu ausgeputzt, Komövie spielten, — verschwand auch der Liebling des Volkswitzes, der HauSwurst in seiner ursprünglichen Gestalt, verschwanden auch endlich jene Puppenspiele von damals, bei welchen Handwerker und Mägde die Marionetten spielen und sprechen ließen. Die neue Zeit verlangte doch ihr Recht, und machte dadurch die Liebhabertheater und Kunstfreunde der Vergangenheit mit allem Zubehör zum großen Theil unmöglich, wenn sie einst auch in der That als beachtenswerthe Konkurrenten und Rivalen der Fach-Schauspiele gelten durften. — M i s - e l l s (Korallenfischerei an den Enpverden.) Seither kannte man die Edelkoralle nur aus dem vorderen Mittelmeer; sie wurde namentlich an den Küsten von Nordafrika, wo La Calle und Stora die Hauptsitze sind und an denen von Sardinien und Korsika, neuerdings auch bei Sciacca an der Südküste von Sizilien gefischt. Die Fischer stammen zum weitaus größeren Theile von Torrs del Greco und Nesina am Golf von Neapel. Schon seit einigen Jahren gehen diese aber mit ihren kleinen, aber starken Fahrzeugen auch in den atlantischen Ozean und machen besonders an den Küsten der capverdischen Insel Sän Thiago reiche Ausbeute. Pros. Greesf hat diese Insel neuerdings besucht und die Koralle ganz mit der des MittelmeerS identisch gefunden. Schon 1879/80 wurden gegen 3000 Kilogramm erbeutet, darunter verhältnißmäßig viele von der so geschätzten blaßrotheu Färbung, die im Mittelmeer seltener ist. Seitdem haben sich Gesellschaften zur Ausbeutung der Insel gebildet und sollen sehr gute Resultate erzielt haben» (Wie soll man in Eisenbahnwagen sich schlafen legen?) O-. Outte», ein nahmhafter Arzt, räth den Eisenbahn-Reisenden, wenn sie Schlaf suchen, so zu legen, daß der Kopf gegen die Lokomotive gerichtet ist. In dieser Lage werde das Blut durch 160 die Bewegung des Zuges aus dem Kopf getrieben, was demselben eine» leichteren und ^ ruhigeren Schlaf verschaffe. Wenn man dagegen wie gewöhnlich geschehe, die Füße gegen die Lokoniotive richtete, so ströme das Blut aus dem Unterkörper nach dem Kopfe, verscheuche den Schlaf und bringe in vielen Fällen heftige Kopfschmerzen hervor. Dr. Outten gründet diese Ansicht auf seine eigene Erfahrung und auf die Erfahrung langjähriger Reisenden, welche die von ihm angegebenen Regeln allgemein und längere Zeit beobachteten. Im Fall einer Kollision würde der Kopf einem empfindlichen Stoß ' ausgesetzt sein, während die Füße mit ihren elastischen Sehnen viel weniger darunter leiden. ' (Enttäuschung.) Köchin: „So, mein lieber Fritz, nun laß' Dir's gut schmecken! f Grenadier: Ja, du liebes Jettchen! wo soll ich nur all' die Fourage Hinstecken? — o Gott, wenn doch unser Oberst etwas vernünftiger wäre, dann-Köchin (ihn hastig unterbrechend): Dann ließe er uns heirathen und — — Grenadier: Hm-— ja — auch das; aber vorerst ließe er uns größere Rock- und Hosentaschen machen! - (Die Post zu Gera) erhielt dieser Tage einen Brief zu bestellen mit wörtlich folgender Adresse: An das Nahthaus zu Gera. ich bite in Ab zu geben An Herre Herrmann Wirner Vabrikarbeiter lauker Mensch licht blond Haar den Sommer von Merane niber gezochen ich bite das gehertzte Nahthaus zu Gerna den Wirner zu verlangen und gem, da ich seine Wonung und Luschi nicht weis. Absenter: Emilie K. in Krimitschau." (Disciplin.) Major: „Aber sagen Sie doch, Herr Adjutant, warum stehen wir denn mit den Truppen schon seit zwei Stunden im vollsten Regen, der uns bis auf die Haut durchnäßt hat? Wären wir gleich ausmarschirt, so könnten wir jetzt schon in der neuen Garnison sein." Adjutant: „Wir warten auf den Herrn General; er will uns vor dem Abmärsche erst einen guten Morgen sagen." (Beim Sanitäts-Unte rricht.) Stabsarzt: „An was erkennt man bei einem Soldaten, daß der Tod eingetreten ist?" Füsilier Baudistel: „Wenn er nicht mehr athmet." Stabsarzt: „Gut." Grenadier Schlaue: „Wenn der Puls nicht mehr schlägt." Stabsarzt: „Gut! Und noch weiter?" Musketier Schwitzgübele: „Wenn em a Kanonenkugel de Kopf ra griffe Hat!" (Der Erste.) Dem Fürsten Kaunitz wurde einst nach einer durchschwärmten Nacht, als er sich müde und schläfrig fühlte, ein als fader Witzjäger bekannter Baron gemeldet. „Mein Gott," rief der Eintretende dem schläfrigen Baron zu: „Em. Excellenz gähnen, gewiß hatten sie heute recht langweilige Besuche?" — „O nein," erwiderte Kaunitz; „Sie sind der Erste." (Der gute Hecht.) Frau: „Nun, wie hat Ihnen der Hecht geschmeckt, den ich Ihnen neulich gegeben habe?" , Bäuerin: „Er war ganz gut; aber er Hot uns so arg im Hals gekratzt, mer mußte all worge!" Frau: „Aber, mein Gott, wie haben Sie ihn denn gegessen?" Bäuerin: „Ich hatt'n in die Kartosfelsupp' rein geschnitte." (Irisch.) Ein irländischer Soldat zeigte einer neugierigen Menge seinen hohen Hut der oben von einer Flintenkugel durchbohrt war. „Seht Euch einmal das Loch an," sagte er, „wenn das ein niedriger Hut gewesen wäre, so wäre mir die Kugel gerade in die Stirn gefahren." Nicht gleich. Der Himmel ist nicht immer blau, Die Erd' nicht immer grün, Selbst aus der reichsten gold'nen Au Nicht immer Blümlein blühn. Nicht gleich kann jeder Tag hier gehn, Nicht gleich scheint auch die Sonne, Sonst wär' die Welt nicht halb so schön Nicht halb so süß die Wonne. v. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.