,ur „Äugsimrger Post^kitnng." Nr. 19. Mittwoch, 7. März 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hi-rschfeld. (Fortsetzung.) „Lassen Sie mich zum zweiten Mal Ihrer wankenden Stärke zu Hülfe kommen, gnädige Frau", sagte der Verwalter. „Noch ist Ihres Sohnes Tod nicht bestätigt und vielleicht wird morgen schon die Nachricht dementirt. Was aber Ihre Nich — — Alida Barfeld wollte ich sagen, betrifft, so können Sie nichts Gescheidteres thun, als der Fieberphantasie ihren Lauf lassen, die sie plötzlich erfaßt. Wir sind es nicht, d-e sie aus dem Hause getrieben und kehrt Herr Oscar, was noch immer möglich, heim, so wollen wir ihr schon die Rückkehr unmöglich machen, wenn nicht das Schicksal uns die Mühe erspart; leicht verlischt in des Krieges Wogen eine Mädchenspur, und an den Schauplatz des Kampfes, wenn mich nicht alles täuscht, gedenkt sich Alida Varfeld zu begeben." „Dies sollte mein Platz sein", rief Frau von Solmitz heftig, „soll ich mich von ihr beschämen lassen? — Noch heute fahre ich zur Stadt, genaue Erkundigungen einzuziehen und morgen —" „Uebercilen Sie nichts, gnädige Frau, ich bürge Ihnen, für Alles zu sorgen", unterbrach sie der Verwalter. „Vielleicht ist der junge Herr nur verwundet und in diesem Falle ein schleunigster Transport in seine Heimath viel angebrachter. Diesen zu beschaffen, sei meine Sache, und wenn Alida Barfeld wirklich bis dorthin gelangen sollte, wo Ihr Sohn gekämpft und gefallen, so ist es besser, daß dieser längst auf dem Wege der Heimath, als daß sie, eine Samariterin der Liebe, mit Ihnen an seinem Lager zusammentrifft» Muth! Muth! gnädige Frau. Sebastian Streland wird Sie auch diesmal den rechten Weg leiten und Sie werdens ihm danken." Als nach einer Stunde Frau von Solmitz mit dem Ausdruck der Fassung den Salon verließ, in dem der Vermalter sie allein gelassen, um sofort zur Stadt zu eilen, nähere Erkundigungen zu veranlassen, händigte der alte Diener ihr einen Brief des Fräulein Alida Barfeld ein; er enthielt wenige Zeilen: Die Bitte, ihre wenige Habe an arme Dorfbewohner zu vertheilen und einen Abschied auf Nimmerwiedersehen. „Fräulein Barfeld", erzählte der Alte ungefragt, „habe bleich zum Erschrecken ausgesehen und bei dem Krugwirth ein Fuhrwerk bestellt, mit dem sie vor einer halben Stunde zur Stadt gefahren, ein kleiner Koffer, in der Eile gepackt, sei Alles gewesen, was sie mitgenommen." Frau von Solmitz hörte ruhig zu, aber als der Alte schüchtern die Frage zu äußern wagte, ob wohl dem jungen gnädigen Herrn etwas zugestoßen, erwiderte sie: „In diesem Falle wäre es nicht Fäulein Varfeld, die nöthig hätte, das Schloß heimlich, in aller Eile zu verlassen; wenn sie es that, muß sie wohl ihre Gründe gehabt haben und ich wünsche, daß ihr Name nicht weiter in meiner Gegenwart genannt, noch ihres Andenkens erwähnt werde. Diesen meinen festen Willen mögt Ihr der übrigen Dienerschaft mittheilen und entlassen ist, wer ihm zuwiderhandelt!" 146 Drei Tage verstrichen in peinlicher Aufregung, gewitterschwül wie die Athmosphäre lagerte es über dem Hause Solmitz. Das Gerücht, das nimmer rastende, das seine Schatten durch alle Hüllen wirft, mit denen man den Thatbestand selbst zu verschleiern sucht, war nicht müßig gewesen, und hatte rasch in Schloß und Dorf die Kunde verbreitet, daß ein Unfall den Erben des Hauses betroffen. Nähere Erkundigungen einzuziehen, war unmöglich, denn die Gutsherrin kam nicht aus ihrem Kabinet hervor und Streland, der Verwalter, der seine Tage auf der Landstraße zwischen der nahen Kreisstadt und dem Gute verbrachte, wich jeder Frage aus. Am dritten Abend ließ er sich bei Frau von Solmitz melden; es war bereits dunkel geworden, und die mit einem Schirm bedeckte Kuppellampe brannte auf dem Schreibtich der Schloßherrin, das Licht warf eben seinen Schein auf Frau von Solmitz und unwillkürlich drängte sich dem Verwalter die Bemerkung auf, daß diese kurze Spanne Zeit "nngereicht habe, die Züge der Dame zu verändern; es war, als ob ein milder Hauch arüber gegangen und das sonst so kalt und streng blickende Auge war geröthet wie von vergossenen Thränen. Stumm heftete sie ihren Blick auf den Verwalter, erst als Streland schwieg, als suche er nach einer Einleitung seines Berichtes, fragte sie: „Sie haben Nachricht, reden Die, mit einem Schlage die fürchterlichste Qual eines Mutterherzens zu enden — die Ungewißheit; hat man Nachrichten über den Verbleib meines Sohnes, ist er todt?" „Danken Sie mir, gnädige Frau, wenn ich Sie vor übereilten Schritten zurück hielt", erwiderte der Verwalter, der gern die Wichtigkeit seiner Person in den Vordergrund stellte, „nie war Ihre Anwesenheit auf Solmitz, abgesehen von der Ceremonie der Todeserklärung Leopold's von Bernau, deren Termin in vier Wochen abgelaufen, nöthiger 'ls jetzt. Gnädige Frau, Ihr Sohn, Oscar von Solmitz, ist gefunden; für eine Leiche hielt man ihn, da hülfreiche Johanniter den leblosen Körper vom blutgetränkten Boden erhoben, aber schon im Begriff, ihn der Erde zu übergeben, entdeckte man, daß sich noch der Athem rege in der durchschossenen Brust." Wie ein Aufjauchzen drang eS aus Frau von Solmitz Brust empor. „Er lebt?" „Ja, er lebt und mehr noch, seine Wunde, obwohl schwer und ernst, gestattet den Transport; schon ist er unter sorgsamer Hut auf dem Wege hierher und in wenigen Tagen können wir ihn auf Solmitz erwarten." „Mein Sohn!" Wie ein Heller Glanz flog es über der Mutter Antlitz, aber es war die letzte Regung der weichern Stimmung, die sich ihrer bemächtigt hatte, seit die verhängnißvolle Kunde mit dem bedeutsamen Zeichen zusammentraf, als ihr der jung» schwärmerische Mann beim Abschied verheißen. Nun, da sie wußte, daß er lebte, schämte ''sie sich fast ihrer Schwäche. „Es soll alles zu meines Sohnes Empfang vorbereitet werden", sagte sie, „und mit Gottes Hülfe dürfen wir ihn ganz der Genesung zurückgeben, nur eines, Streland, eines macht mir bei seinem excentrischen Charakter Sorge; nicht alles findet er auf Solmitz wieder, wie er es verlassen, wenn er nach Alida fragt, nach ihr verlangt? —" „So tritt die Baronesse Ebersdorf an sein Lager und in Kurzem wird die Seifenblase seiner Jugendideale verschwunden sein, wenn Sie sich ferner meiner Leitung unterziehen. Ein Kranker kann nicht immer ungeschminkte Wahrheit vertragen, nicht seinetwillen muß Alida das Haus Solmitz verlassen haben, sondern um der Weisung zu folgen, die dieser Brief des Oberlieutenants von Alten enthielt und den er ihr zu übergeben mir am Tage seines Scheidens anbefohlen." „Sie haben ihn geöffnet?" fragte Frau von Solmitz lebhaft. „Ja", entgegnete Streland, „denn der ihn geschrieben, ist nicht mehr. Soeben bringt der Telegraph die sichere Kunde, daß der Oberlieutenant von Alten bei einem Eisenbahnunfall verunglückt und als Leiche gefunden ist. Dieser Brief aber enthält die beschwörende Bitte an Alida Barfeld, unser Haus, 147 das ihr kein Glück zu gewähren vermag, zu verlassen und sich in den Schutz seiner Schwester, einer verwittweten Schloßherrin im südlichen Frankreich, zu begeben, die er von allem unterrichtet. Dieser Brief, sorgfältig wieder geschlossen und sobald es deS jungen Herrn Zustand erlaubt, ihm eingehändigt, wird ihn Alidens Verschwinden rasch vergessen lassen und sollte sie wirklich nochmals den Solmitz'schen Boden betreten, sei eS unsere Sorge, sie den Sohn des Hauses als glücklichen Gatten der Baronesse Fanny von Ebersdorf antreffen zu lassen." „Sei es, wie Sie vorgeschlagen", erwiderte Hermine, „so tief bin ich von der Schuld umstrickt, daß eine mehr oder weniger in der Waage nicht zählt. Ach, Streland, es ist doch immer meine Nichte, ist meines Bruders Kind, die ich hilflos und allein weiß in der Welt, inmitten eines Chaos entfesselter Leidenschaften. Wenn es wirklich eine Vergeltung gäbe und Leopold von Bernau sie einst am Throne des Weltenrichters — — doch komme es wie es will. Oscar ist frei von aller Schuld und der Erbherr auf Solmitz braucht nicht von einer Proletarirrtochter sein Glück zu empfangen." 3. Kapitel. Ein wüstes Durcheinander herrscht in Pont L Mouffon; einig« Tage vorher war jene entscheidende Schlacht geschlagen, die das Schicksal der Festung Metz besiegelt«. Mit blutig schweren Opfern war der; Sieg errungen und ein nur allzusichtbares Zeugniß legte der Ort davon ab, in dem sich das Hauptquartier des Königs von Preußen befunden; jedes nur einigermaßen bewohnbare Gebäude war zum Hospital eingerichtet, an allen Ecken und Enden begegnete man Gestalten des Leidens in Körben und auf Bahren, theils zu den iniprovisirten Heilstätten, theils zu den Eisenbahnzügen geleitet, die sie weiteren Pflegestätten zuführen sollten. Aber auch das minder trübe Bild des Krieges fehlte nicht, zwischen allem Elend, allem Jammer tönte das wirre Durcheinander der verschiedensten Stimmen, Fouragewagen und Kanonen rasselten, in unaufhaltsamer Reihenfolge und in bunter Menge schwirrte und wirrte es durcheinander von Johannitern, Ordonanzen, barmherzigen Schwestern, Geistlichen und allen Repräsentanten des endlosen Gefolges, das sich Humanitätszwecken geweiht oder durch Geschäftsinteressen veranlaßt, der kriegerischen Wolke anschließt, die verderbenbringend dahinbraust. Inmitten alles Menschentreibens stand ein junges Mädchen in einfach hochreichendem Kleide, einen kleinen Handkoffer im Arm, einsam und rathlos da, es war Alida Barfeld; sie hatte nicht Rast gehabt noch Ruhe, zu den blutgetränkten Feldern der Ehre hatte es sie getrieben, um, falls es ihr nicht vergönnt sein solle, ihn lebend, wenn auch verwundet, wieder zu finden, und seiner Pflege sich zu weihen, den Boden mit ihren Thränen zu netzen, der seine irdische Hülle deckte, ehe sie ihr junges Dasein in irgend einem stillen Erdenwinkel begrub. Einer Gesellschaft grauer Schwestern hatte sie sich angeschlossen, die gern und willig das junge Mädchen in ihren Schutz genommen hatten. Bis hierher war sie glücklich mit ihren frommen Begleiterinnen gelangt, aber die Verwirrung, die ringsum herrschte, das unbeschreibliche Gedränge hatte sie von ihnen getrennt und soeben noch war es ihr gelungen, zu erfahren, daß ihre Beschützerinnen in Folge erhaltener Weisung Pont L Mouffon schon wieder verlassen, um sich nach Weißenburg zurück zu begeben. Viel hatte sie nach dem Regiment gefragt, in dem Oscar von Solmitz gestanden, dasselbe war bereits in weiter Ferne; wo es augenblicklich stand, wußte keiner genau dem jungen Mädchen anzugeben und über Oscar selber vermochte sie eine zuverlässige Kunde nicht zu erhalten. Trostlos stand sie da; jetzt allein auf sich angewiesen, trat erst das „Warum" und das „Wohin" an ihre Seele; die ganze Abenteuerlichkeit ihres Unternehmens war ihr »nt einem Schlage klar geworden. Wenn es ihr wirklich gelang, Oscar aufzufinden, obwohl sie fest von seinem Tode überzeugt war, mit welchem Recht sollte sie seine Pflege beanspruchen, wenn er verwundet, mit welchem Vorwand gar ihm gegenüber treten, wenn er unverletzt geblieben und nur ein Zufall war, was sie in ihrem überreizten Nervenleben für ein Zeichen des Schicksals gehalten? Da tönte der Ruf einer Mannesstimme an ihr Ohr, die mit dem Ausdruck der höchsten Ueberraschung ihren Namen nannte; so schwach sie immer war» diese Stimme war ihr nicht fremd und sich hastig umwendend, gewahrte sie auf einem von zwei Wärtern getragenen Krangenstuhl Paul Halsen, den Waffengefährten und treuen Diener des jungen Herrn von Solmitz. Durch die Menge sich Bahn brechend, eilt sie zu ihm hin. „Gelobt sei Gott!" rief sie, „Ihr seid es, Paul — Ihr lebt — o gebt mir Auskunft, was ward aus Oscar? —" „ArmeS Fräulein", sagte der Müllerssohn theilnehmend, „gewiß sendet Euch die gnädige Frau, und ich mit meinen zerschossenen Füßen kann Euch nicht schützend zur Seite stehen in all' diesem Trouble, kehrt heim, Fräulein, kehrt heim, es ist alles, alles aus." Ein Nebel schwamm vor Alidens Blicken, sie hörte nicht das Wogen und Brausen um sich herum, sie horchte nur auf des Soldaten Worte. „Er ist todt?" wie ein Hauch kam es über ihre Lippen. „Er fiel an meiner Seite, fast gleichzeitig mit mir getroffen, ich kämpfte mit dem eigenen furchtbaren Schmerz ihm zu helfen. „Eine Kugel hatte die gute treue Brust durchbohrt, aber es half alles nichts, die Nacht b^-ach an, man hat uns nicht gefunden und wir lagen hinter einer Hecke zwischen mehreren gefallenen Kameraden. Lassen Sie es gut sein, Fräulein, was soll ich Ihnen viel erzählen, ich sah sein Auge brechen, da schwand auch mir die Besinnung und als ich erwachte, lag ich in einer Ambulante; vierundzwanzig Stunden waren verstrichen; von meinem jungen gnädigen Herrn aber mußte keiner etwas mehr, den haben sie wohl auf dem Felde der Ehre eingescharrt." Der arme Bursche weinte bitterlich bei diesen Worten, aber keine Thräne entrann Aliden's Augen. Was ihr als gewiß gegolten, war durch Paul's Erzählung nun zur unumstößlichen Thatsache geworden. Oscar von Solmitz, der Jugenvfreuno, der Geliebte, war todt, was brauchte sie bessere Zeugen? „Man will mich nach Berlin zur Heilung schicken", fuhr Paul Halsen fort, „ich möchte nicht eher in meiner Eltern Haus wiederkehren, als bis ich, wenn auch an Krücken, zu Ihnen durch die Thüre marschiren kann; doch meine Freunde, die Krankenwärter, werden ungeduldig, sie haben noch viel zu thun, darum Gott befohlen und auf ein fröhliches Wiedersehen. Die Träger, die schon lange sichtliche Zeichen der Ungeduld hatten merken lassen, die zu äußern nur der Respekt gegen das junge Mädchen sie zurückgehalten, hoben den Verwundeten empor und brachen sich Bahn durch das Gewühl. Alida beachtete kaum, daß sie auf's Neue allein stand, ein führerloses Fahrzeug inmitten tosender Meereswogen. „Bist Du eine gute Schwester?" Schüchtern klang eine Kinderstimme an das Ohr des jungen Mädchens und eine leichte Hand berührte den Sanm des Kleides der Waise; „bist Du eine gute Schwester?" fragte dieselbe Stimme noch einmal, da Alida, in ihrer Starrheit versunken, nicht einmal vie Augen vom Boden erhob. Nun schreckte sie auf; vor ihr stand ein kleiner etwa achtjähriger Knabe, rosig und blondlockig, er war es, der die Frage gethan hatte. „Was willst Du, mein Kind?" ohne zu wissen, daß sie redete, kam es von Alidens Lippen. — „Wir sind Deutsche, gute Schwester und nicht geflohen", sagte der Knabe fast stolz; „wir wollten unseren Landsleuten beistehen und haben sechs Verwundete im Hause. Der kranke Herr aber, aus Amerika, will sterben und möchte gern eine von den guten Schwestern sehen, da bin ich auf den Markt gelaufen, Dich zu holen, nicht wahr, Du kommst mit zu dem armen blinden Mann, der nicht einmal ordentlich deutsch sprechen kann und weit, weit her ist aus Amerika." Wie ein elektrischer Funken schienen des Knaben Worte der Seele des jungen Mädchens neue Spannkraft zu geben. „Ein Leidender, ein Sterbender bedarf des Trostes, vielleicht mehr des Trostes der Eieele, als Linderung der körperlichen Schmerzen." Konnte sie zögern, eine heilige Pflicht 149 zu erfüllen, sollte sie vielleicht eine Seele verderben sehen, um der Verzweiflung eines Todten willen, den sie nimmermehr zum Leben erwecken konnte? Ein hoher Entschluß tauchte in ihr auf. Dem Dienst des Leidens wollte sie sich weihen, unablässig Tag und Nacht, so wollte sie Oscar's Andenken in Ehren halten, und im Innern an ihn jene Stunden verbringen, die ihr als Muse nach der beschwerlichen Aufgabe übrig bliebe», die sie sich zum Ziel gesetzt. Und jetzt schon sollte die Mission begonnen werden; wie ein Himmelsbote erschien ihr der liebliche Knabe. „Ich komme", sagte sie rasch entschlossen, „zeige mir den Weg, mein Kind." (Fortsetzung folgt.) Das Kostümfest im königlichen Schlosse in Berlin. Ueber den am 28. Februar im weißen Saale des kgl. Schlosses in Berlin statt- gehabten kostümirten Festzug zur Nachfeier der silbernen Hochzeit des kronprinzlichen Paares entnehmen wir der „Franks. Ztg" folgenden Bericht: Mendelssohns für Gelegenheiten dieser Art klassisch gewordener Hochzcitsmarsch zum Sommernachtstraum bildet die von der Höhe des Orchesters herab tönende musikalische Introduktion. Dann folgt im Saale selbst ein schmetternder Trompelentusch. Er ent- schallt den silbernen Instrumenten an den Lippen der vier stattlichen Trompeter, die in farbenreichen Kostümen, wie sie bei mittelalterlichen Tournieraufzügen üblich waren, den Zug eröffnen. Ihnen folgen zwölf zu drei Reihen angeordnete Herolde in ähnlicher Tracht. Gravitätisch aufmarschirend, nehmen sie Frontstellung in einem Gliede den fürstlichen Herrschaften gegenüber. Nunmehr tritt der von zwei weiteren Herolden in den Saal geleitete Sprecher (Hauptmann von Hülsen) vor. Er trägt das Kostüm jüngerer Kavaliere aus der florentinischen Glanzzeit, das seine jugendlich schlanke und elastische Erscheinung trefflich kleidet. Die Musik verstummt. In beschwingten Dactylen hebt der Prolog Ernst von Wildenbruch's an und zieht eine Parallele zwischen den festlichen Empfindungen vom 25. Januar 1858 und von heute. Dann nimmt der Zug seinen Fortgang. Eine prächtige Patrona sdame in Nothsammet mit Silber (Gräfin Szächönyi), geführt von einem Kavalier in der karmoisinrothen langen faltigen Seidenrobe der venetianis.be n Senatoren, das Haupt mit einem tleinen rothen Käppchen bedeckt (Graf W. Pourtales), schreitet als Patronatsdame dem Zuge Friedrichs !l . voran. Dieser deutsche Kaffer selbst, dem die Geschichte den Beinamen des Schönen gegeben hat, wird durch den Groß- hrrzog von Hessen dargestellt, der die Prinzessin Friedrich Karl als Repräsentantin der gefeierte» Eleonore von Portugal an der Hand führt. Sie trägt eine Nobe von purpurrothein Sammet, deren Hüfttaille mehr als handbreit mit Hermelin verbrämt ist, der zunächst den eckigen Halsausschnitt umgibi, über der Mitte der Brust sich zu einem einzigen breiten, in der Taillengegend sich verengenden Streifen verbindet und nach und nach unten den Abschluß der Taille bildet. An die Schulterpuffen der engen, mit goldenen Spitzenmanchetten abschließenden Aermel reihen sich lang herabwaUende Oberärmel von schleierdünnem weißen Seidenstoff. Ueber dem schlichtgescheitelten dunklen Haare wölbt sich ein Diadem von Gold und Brillanten auf purpursanrmslner Unterlage. An ihm ist ein langer Schleier befestigt, unter welchem der durch ein Netz von feinen Silberfäden zusammengehaltene Haarschmuck des Hinterhauptes sichtbar wird. Zwei zierliche Pagen tragen die gewaltige Schleppe des aus Hermelin und Golobrokat gefertigten Mantels. In rothen Kostümen mit den Emblemen ihres Gebieters geschmückt, eröffnen Schwert- und Schildträger den Zug des Erzherzogs Maximilian (Prinz Albrecht), der in blauem Gewand mit silbernem Schuppenpanzer und purpursainmetnem Mantel mit Her? mclinbesatz erscheint. Zu seiner Seite schreitet Maria von Burgund (Prinzeß Albrecht), das Haupt von der charakteristischen Flügelhaude bedeckt. Ihr folgen drei Prinzessinnen (Elisabeth und Victoria von Hessen und Louise Sophie zu Schtesivig-Holstein) — 150 — als Brautjungfern, die jene hohen, dütenartig zugespitzten Hauven mit oben angehefteten Schleiern tragen, wie sie damals in Frankreich für höfische Frauentracht beliebt waren. Ein reiches Gefolge von Damen und Kavalieren schließt diesen Zug. Die nächste Abtheilung eröffnen der Kurprinz Joachim von Brandenburg und die Markgrafen Albrecht und Kasimir desselben Fürstenhauses (Erbgroßherzog von Baden, Prinz Friedrich Leopold und Prinz Wilhelm von Hohenzollern). Ihre Kostüme sind nach gleichzeitigen Gemälden und Nelief's angeordnet. Die burgundischen und italienischen Trachten ihres männlichen und weiblichen Gefolges scheinen an Pracht der Farben und Echtheit des Schnittes die vorangegangenen Abtheilungen noch überbieten zu wollen. Namentlich gilt ersteres von dem pompösen dunkelrothen Burgunder Kostüm des H erzogS von Iülich (Herzog von Natibor) und letzteres von den Anzügen der Patrizier und Patrizierinnen von Gent und Brügge, die diese Abtheilung beschließen. Alle bisher geschilderten Gruppen gelten als Vorhut des Zuges der Königin Minne. Den Kern desselben eröffnen nunmehr zwei jugendliche Kavaliere, denen unmittelbar der Triumphwagen der holden Märchenkönigin selbst folgt. »Wagen" ist freilich nur die technisch richtige Bezeichnung. Dem äußeren Anscheine nach naht die Fürstin auf einem beweglichen Thron, den sechs junge Kavaliere auf den Schultern tragen. Nur zur Erleichterung für diese und zur größeren Sicherheit für die Thronende ist das Gerüst auf Räder gestellt, die jedoch von herabhängenden Teppichen völlig verdeckt werden. — Prinzessin Wilhelm, der die Rolle der Königin Minne vorbehalten blieb, ist, obgleich seit zwei Jahren zu den Frauen zählend, dem Aeußern nach noch heute eine jungfräuliche Erscheinung, und jungfräulicher noch als sonst erscheint sie in der lichten duftigen Toilette, die sie bei dieser Gelegenheit trägt. Dieselbe besteht aus einer blaßrosafarbenen Robe, über welche eine Tunique aus Hellem millestleures-Stoff fällt, der im Ensemble den Eindruck eines blassen stahlbläulich angehauchten Silbergrau macht. Die ziemlich tief ausgeschnittene Spencer-Taille ist ihrer ganzen Ausdehnung nach mit Arabesken von Brillanten und anderen kostbaren Steinen besetzt. Den Oberarm bedecken weite, offen herabhängende Aermel von elfenbeinartigem Tüll. Das blonde Haar ist oberhalb der Scheitelgegend zu einem einfachen Knoten geflochten, von welchem aus es frei über den Nacken herabwallt. Ein Kranz von Rosen, die das blasse Rosa der schlichtesten Centi- folien zeigen, liegt leicht auf der durch dichten Haarwuchs begünstigten Frisur und wird von einem Brillantendiadem überragt. Mit ebensolchen Rosen ist die Tunique aufgerafft und an den Schultern unter Zuziehung schmaler himmelblauer Bündchen, deren Enden herabflattern, der Goldbrokatmantel befestigt. Der Thron der Königin Minne ist von einem muschelartig gewölbten Baldachin überragt, der von schlanken goldenen Renaissance- Säulen, die einige Verwandtschaft mit Thyrsusstäben haben, gestützt wird. Nebenher schreiten sechzehn rosenbekränzte Pagen in der an den provencalischen Liebeshöfen üblich gewesenen Tracht. Sie tragen auf hohen goldenen Stangen ebensolche Blumenkörbchen, deren je zwei durch grüne Festons mit einander verbunden sind. Indem sie so den Thron rings umgeben, entfaltet sich das Gesammtbild eines grünenden und blühenden Frühlings, der sich an goldenen Schmuckgerüsten emporrangt. Nachdem der Thron der Liebeskönigin gegenüber den Thronen der Gefeierten Aufstellung genommen hat, gruppiren sich sechzehn Paare zur Minne-Quadrille. Die vier ersten Paare, an deren Spitze die Prinzessin Friedrich von Hohenzollern und Prinz Eduard von Anhalt stehen, tragen Maigrün und Violett mit Silber, das 'bei den Herren in Gestalt von Schuppenpanzerärmeln vertreten ist. Vier weitere Paare, deren Herren als Troubadours erscheinen, tragen Hochroth mit Grün. Dann folgen vier in florentinischem Stil geharnischte Kavaliere und Damen in Roth und Lachsfarbe mit Silber. Die letzten vier Paare endlich erscheinen Blau mit Gelb. Herren wie Damen haben ihre Baretts, Helme, Häubchen oder offenen Haare mit Rosenkränzen umwunden. Nachdem die Klänge der von Kapellmeister Hertel melodisch komponirten Minne- Quadrille verhallt sind und die Minnekönigin mit,ihrem Gefolge wieder abgezogen ist, 151 — eröffnen vier Trompeter und zwei Herolde den englischen Zug. Dann folgen Kammer« Herr und Patronatsdame (Lady Amthill), sechs BeefeaterS und der Hofmarschall, sämmtlich in der Tracht des Hofstaats der Königin Elisabeth von England. Für diese interessante historische Gestalt hat sich in der Gräfin Udo zu Stolberg-Wernigerode eine so geeignete Vertreterin gefunden, daß man sich versucht fühlen könnte zu glauben, eS sei für die Dame die geeignetste Rolle gesucht und gefunden worden. Das schmale, längliche Gesicht, das scharf geschnittene Profil, die hohe Gestalt, der entschlossene Ausdruck, das hoch aufgebundene röthlich blonde Haar, auf dem das rothgefütterte goldene Krönchen sich prächtig ausnimmt, — Alles stimmt haarscharf mit dem uns überlieferten historischen Bilde der energischen Königin überein. In den ersten Reihen der englischen Quadrille, deren Musik nach altenglischen Motiven orchestrirt ish tanzen Lady Ampthill, Prinz Wilhelm, Prinzessin Victoria rc. Die Erbprinzeß Sachsen-Meiningen und die Prinzessinnen Sophie und Margarethe weilen, von einem indischen Schirmträger begleitet, als Prinzessin von Navarra mit ihren Töchtern als Zuschauer unter den Gästen der Königin von England. Und nun folgt ein Neigen jugendlicher Damen, die mit ihren Querscheiteln, mit den blonden Löckchen die Stirn und Wangen umrahmen, den zartfarbigen Schnebbtaille» und vorn getheilten breit bordirten Roben, den bauschigen Aermeln rc. uns einerseits an die lieblichsten Portrait-Gemälde Van Dyck's, andererseits an Thekla im Wollenstem, wie ihre Bühnenerscheinung durch die Meininger eingeführt worden ist, gemahnen. Es sind die Damen der deuschen Quadrille, die in die Jugendzeit des Großen Kurfürsten verlegt ist und den Schluß des höfischen Aufzugs bildet. Um denselben haben sich als künstliche Leiter Graf Harr ach, August von Heyden, die Professoren Döpler, Gentz und Edwald, die Maler Lulvos und Skarbina, sowie für den plastisch ornamentalen Theil die Architekten Kayser und von Groß heim verdient gemacht. Zur ganz ausschließlichen Richtschnur aber wurde das echt historische Gepräge für die Gestaltung des nunmehr folgenden Künstlerzuges, der seinen Namen in doppelter Bedeutung trägt. Erstens sind die Betheiligten durchgehends ausübende Künstler und zweitens stellen sie eine aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzte Künstler- Deputation aus den Blüthenzeiten der Hochrenaissance dar. Als stattlicher Hauptherold schreitet ihm Maler Prell, der Schöpfer der Fresken im großen Gesellschaftssaale des Architektenhauses, voran, geleitet von zwei jugendlichen Nebenherolden, einem deutschen und einem englischen. Dann folgt ein schwarzgekleideter Magister der Musik (Professor von Hertzberg) als Anführer und Dirigent von fünfzehn Knaben vom königlichen Dom- Chor, die rosenbekränzt im Stile reformationszeitlicher Maienfeste erscheinen und eine von Mendelssohn für doppelten Diskant und Alt kompouirte Festhymne singen, die a eupolla den Aufzug der Künstler begleitet. Fricke, hier nicht als Sänger der Hofoper, sondern als achtbarer Landschaftsmaler, der er ebenfalls ist, eingereiht, trägt das Banner der Künstlerschafl mit den drei silbernen Schilden auf blauem Grund, begleitet von zwei Marschällen (Bildhauer Schweinitz und Maler Nheinemann), welche die Enden der silbernen Bannerschnüre fassen. Ihm folgt die deutsche Künstlerschaft aus den Zeiten eines Peter Bischer, dessen Person durch Professor Siemeriug treffend genug charakterisirt erscheint. Dieser Abtheilung folgen die nicht minder charakteristisch kostümirten Professoren Karl Becker und Scheurenberg als erster und zweiter Vorsitzender des Vereins Berliner Künstler und Anton von Werner als Präsident des Festkomitös. Sodann wird auf rothgepolsterter Tragbahre, die an der Vorderseite mit dem preußischen Adler, an der Rückseite mit dem englischen Wappen dekorirt ist, das Festgeschenk der Künstler, ein über einen Nieter hoher Pokal, herbeigebracht und vor dem gefeierten Paare niedergesetzt. Dieser „Willkomm", wie unsere Vorfahren solche Humpen, in denen der Begrüßungs- trunk verabreicht zu werden pflegte, nannten, ist aus dem Zinn einer Unzahl von den Malern gesammelter Oelfarbenknpseln gegossen und hat ganz das Ansehen eines schönen vioil ui^ent erhalten. Bildhauer Herter hat ihn unter Mitwirkung von C. Bieber — 162 - auf eigene Kosten modellirt, H. Glaoenbea u. Sohn ebenso gegossen. Auf hohem Fuß, an dessen Bassis sich zwei in Arabesken übergehende weibliche Halbsiguren lehnen, tragen drei sitzende Männergestalten das eigentliche Gesäß, auf welchem durch ornamental« Umrahmung mehrere theils mit Inschriften ausgefüllte Medaillons abgetheilt sind. Zwei hüben und drüben angebrachte Putten repräsentiren die Bildhauerei und Malerei. An dem stark ausgebauchten oberen Theile des Kelches sind sodann das Allianz-Wappen von Preußen und England, sowie vier reliefirte Allegorien: Erziehung, Arbeitseifer, Kriegs- wissenschaft und Frömmigkeit, und im sechsten Felde die Zahl XXV angebracht. Zwischen diesen sechs Feldern finden noch zwei Greifen Raum, die in ihren Schnäbeln feine Ketten halten, an denen einerseits das Berliner Stadtwappen, andererseits das Künstler- wappen hängen. Den konisch gestalteten, mehrfach gegliederten Deckel bekrönt ein Landsknecht mit fliegendem Banner, eine ebenso kraftvoll konzipirte, als in ihre» Einzelheiten zierlich durchgebildete Gestalt. *) Sobald der von seinem Bildner E. Herter begleitete „Willkomm" niedergesetzt ist, tritt Maler Dielitz vor und spricht einen von Julius Wolfs gedichteten Festgruß, dessen Kern der Satz bildet: Die Form ist Schein, doch Wahrheit der Gehalt. Dann folgt ein Zug italienischer Künstler, denen Gentz als Orientale gesellt, und endlich beschließen die Niederländer den Künstleraufzug und mit ihm den gesammten osfizielen Theil des Festes. In ihren schwarzen Kostümen mit den hohen zugespitzten Filzhüten überaus echt und nobel erscheinend, bilden sie einen durchaus würdigen Schluß. Wenn man nur hinsichtlich der Physiognomien die Phantasie ein klein wenig mitsprechen läßt, so findet man leicht seinen Rubens» seinen van Dyck, seinen Frans Hals rc. heraus. Der Leser selbst dieser einfachen Schilderung, welche sich jeder Ausschmückung enthält, wird mir Recht geben, wenn ich den empfangenen Eindruck zusammenfassend sage, daß dieses Kostümfest nicht leicht seines Gleichen finden wird. Otto Baisch. M i s - e l l e,r. (Boshaft.) Bauer (im Amtszimmer des Negistrators): „Guten Tag, Herr Negistrator!" — Bauer (einige Schritte näher tretend): „Guten Tag, Herr Negistrator!" — Bauer (an das Pult des Negistrator's tretend): „Guten Tag, Herr Negistrator!" — Negistrator: „Donnerwetter, sieht Er denn nicht, daß ich rauche!" — Bauer: „Entschuldigen S', Herr Negistrator, aber ich hab' halt denkt, wenn mer so a groß Maul hätt' wie der Herr Negistrator, könnt' mer rauche, und schwätze' mitanand!" (Der g a l a n t e «T ü r k e.) Einem vornehmen Türken wurde von einer etwas prüden Europäerin die Verwerflichkeit seiner Religion vorgehalten, die jedem Manne erlaube, mehr als eine Frau zu haben. Fein erwiderte er: „Unser Islam gestattet es, damit mir in verschiedenen Frauen die Eigenschaften finden, die bei Ihnen, Madame, alle in einer Person vereinigt sind." (Auch nicht übel.) Einem patrouillirenden Gensdarm machte ein armer Teufel die Anzeige, es sei ein höchst zudringlicher Mensch in seine Wohnung gekommen, der sogar Anstalt treffe, von seinem Eigenthum Einiges mitzunehmen. Der Gensdarm beeilte sich in die Wohnung des Mannes zu kommen, und fand einen — Gerichtsbeamten, der ihn pfändete. (Vorsicht.) Officiersbursche: „Erlauben S' Herr, haben Sie das Inserat: „Krankheitshalber wird ein Pferd verkauft" in die Zeitung drucken lassen?" — Herr: „Jawohl!" — Officiersbursche: „So, dann lasten der Herr Oberlieutenant fragen, ob der Herr krank sei oder der Gaul?" ") Ein getreues Abbild dieses Pokals in Lichtdruck wird nächster Tage im Verlag von Paul Bette in Berlin erscheinen. Für die Redaktion verantwortlich Mphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Or. Max Huttler.