zm Nr. 21. Mittwoch, 14. März 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirsch seid. (Fortsetzung.) Eine seltsame Veränderung ging i» dem Antlitz des Sterbenden vor» es war, als ob noch einmal der Todesengel seine Flügel senke und Leben und Bewegung zurückkehre, wenn auch nur wie ein flüchtiger Hauch. „Blein Kind — meine Tochter", stammelte er, „des Herzens Stimme sprach zu mir und doch — es kann nicht sein — es wäre zu viel des Glückes — Beweise, Beweise!" „Kennst Du dies Medaillon?" Und vor des Sterbenden Auge hielt Alida das unscheinbare Kleinod, das der Eltern Bild enthielt, „in des unverständigen Kindes Hand drückte es die Hand der sterbenden Mutter, aber so flehend war ihr Blick, so ausdrucksvoll die Geberde, mit der sie die Finger an die Lippen legte, zum Zeichen des Schweigens, daß es tief in meine Seele drang und ich sie verstand. Wie ein Heiligthum, wie eine kostbare Reliquie barg ich die Kapsel, meine Ahnung sagte mir, daß sie meiner Eltern theure Züge enthielt." „I" — sie ist es — ist meine Tochter", rief Bernau, „dies Medaillon war meine letzte Gabe an Ella, sie isUtreu bewahrt, mein Kind, mein theures, geliebtes Kind!" „Alida nennt man mich!" stammelte das junge Mädchen unter Thränen. „Alida", wiederholte der Sterbende selig — „doch noch ist nicht alles gethan — noch sollst Du hören, was geschehen muß. Eine reiche Erbschaft fiel mir zu; meine Schwester vermaltet sie — ich galt für verschollen und nahe ist der Termin meiner Todeserklärung. Eile, eile zu retten." Keuchender ward sein Athem, seine Augen nahmen einen gläsernen Ausdruck an. „Um vor allen Dingen meine Identität noch besser zu beweisen" — stoßweise kam es aus seiner Brust — „ich suchte den Geistlichen selber, der mich getraut, im Felde auf — vor Metz fand ich ihn — alles ist beglaubigt — dort jenes Portefeuille birgt jene Papiere <— aus der Rückreise erkrankte ich, — bis hierher vermochte ich mich zu schleppen — ich sollte mein Kind nicht wiedersehen, glaubte ich, eine Strafe der Gerechtigkeit und nun — —" Er sank zurück, unzusammenhängende Worte entglitten seinem Munde. Verzweifelnd schrie Alida auf, sie preßte ihren Mund auf des Vaters zuckende Lippen, als wolle sie ihm ihren Athem einflößen oder in einem Hauch mit dem Sterbenden vergehen. Die Thür öffnete sich, ein ältlicher ernst aussehender Mann, militärisch gekleidet, trat in Bekleitung der Wirthin des Hauses über die Schwelle. „Das ist der Arzt", erläuterte die Frau, „Herr Doktor Langer, der den fremden Herrn behandelt." Der Arzt trat näher. Einen etwas erstaunten Blick warf er auf das junge Mädchen, als er nach flüchtiger Prüfung des Sterbenden Züge kopfschüttelnd Bernau's Puls befühlte. „Es ist mein Vater! Netten Sie — retten Sie, -aß ich nicht Alles missen muß, was meinem Herzen theuer." „Braves Kind!" sagte der Arzt leise — „meine Kunst ist zu Ende — beten Sie für eine scheidende Seele. Der Herr von Bernau geht hinüber." „Hinüber!" Wie ein Geisterhauch klang es röchelnd aus des Sterbenden Brust. — „Doktor, ich sterbe zufrieden, mein Kind fand ich — seien Sie Zeuge meiner letzten Worte, schützen Sie unumstößliches Recht, legitim ist ihre Geburt — Alida von Bernau, meine Tochter, meine Erbin — —" Ein Kochen, ein Pfeifen, der Athem versagte, nur noch ein Dehnen und das erstarrende Auge brach — Leopold von Bernau hatte geendet. In stummem, thränenlosem Schmerz knieete Alida an des Vaters schnell erkaltender Leiche, — vergebens suchte der gütige Arzt sie zu bewegen, die Stätte des Todes zu verlassen, — an das Todtenbett gebannt, weilte sie bis schon einige Stunden später die Träger erschienen, dem Geschiedenen die letzte Ruhestätte zu bereiten, denn der Krieg kennt keine Rücksicht. Sie sah den hölzernen Brettersarg versinken in die hastig gegrabene Tiefe; kein Kranz, keine Blume war aufzutreiben, die dunkle Grabesnacht zu schmücken, die ihn umfing; mit der ersten Schaufel Erde, die ihre kalte Hand in die schaurige Oeff- nung warf, fielen die ersten Thränen, die Erleichterung der qualvoll gepreßten Brust, und ihr war's, als müsse der Todte, der nun vor dem höheren Richterstuhle seines Urtheils harrte, sie fühlen, als ein Zeichen der Vergebung, der Liebe. Die kurze, einfache Ceremonie war beendet, auf dem prunklosen Erdhügel strahlte die Sonne, fie beleuchtete die Züge Aliden's, denen die Eindrücke der letzten Tage Jahresreise verliehen. Sie beugte sich nieder und nahm eine Hand voll Erde vom Grabe. „Dies bringe ich zur Stätte der Mutter", sagte sie fast laut; „Gräber, wohin ich blicke, Tod, nichts als Tod. Kommen wir zum Abschluß mit den Lebenden. Dem Andenken ihres Vaters ist Alida von Bernau schuldig zu handeln, wie die Pflicht und ihres Namens Ehre es gebieten, und Ehre und Pflicht, sie rufen mich zurück nach jener Stätte, wo jede Spur, jedes Blatt, jedes Lüftchens Wehen auch an ihn mahnt, an den ewig Geliebten, ewig Verlorenen — nach Solmitz — zur Abrechnung zwischen mir und meiner Tante." 4. Kapitel. Eine ungewöhnliche Bewegung herrschte auf dem Schlosse Solmitz. Der große Saal, selten und nur bei feierlichen Gelegenheiten benutzt, war schon am Tage vorher aller Zierathen entkleidet worden, die ihn in seiner Eigenschaft als Gesellschaftsraum bezeichneten. Eine Art Estrade, mit einen, grün behangenen Tisch darauf, von einfachen Sesseln umgeben, erhob sich am oberen Ende und eine Anzahl Stühle, die rings an den Wänden aufgestellt waren, deuteten auf eine zahlreich zu erwartende Versammlung, die hier stattfinden sollte. Und wohl Keiner im Dorfe und dessen Umgebung versäumte, sich um die eilfte Vormittagsstunde einzufinden, denn wen nicht die Neugier herbeiführte, einer gerichtlichen Formalität beizuwohnen, wollte nicht die Gelegenheit versäumen, auf einem Schloßsaal- Parketboden gestanden zu haben, wenn freilich bei der Öffentlichkeit des Verfahrens dies eben keine Auszeichnung genannt werde» konnte. Der Tag, an welchem die Erklärung verlesen werden durfte, die den Bruder der Eutsherrin, Leopold von Bernau, als bürgerlich todt bezeichnete, war gekommen; schon am Abend vorher waren zwei Geiichtsbevoll- mächtigte und der Anwalt der Frau von Solmitz auf dem Schlosse angelangt; schon lange vor der bezeichneten Stunde begann es auf den breiten Stiegen, die zum Saal führte», lebendig zu werden und der weite Raum füllte sich mit Landleuten, die staunend die nie gesehenen Herrlichkeiten musterten, deren der schwarz dekorirte Raum noch genug barg, ihre des Glanzes ungewohnten Augen zu blenden. Im linken, dem Garten zugewandten Schloßflügel herrschte dagegen Todtenstille, mit weichen Teppichen war der Boden belegt, kein Laut vermochte bis hierher zu dringen, 163 denn hier befanden sich die Zimmer des Sohnes vom Hause, der vor wenigen Wochen schwer verwundet in das Haus seiner Mutter gebracht war. Allein die gute Pflege, die unermüdliche Sorge, die, fast bei einer Frau ihres Charakters überraschend, seine Mutter ihm zu Theil werden ließ, vereint mit der kräftigen Natur des jungen Mannes, ließen rasche Heilung eintreten. Die Schußwunde, unterhalb der Brust, hatte sich bereits geschlossen und schon durfte er auf kurze Zeit das Krankenzimmer verlassen, um sich in die von seiner Mutter bewohnten Räume zu begeben.. In ihrem Kabinet weilte Frau von Solmitz, sie- war vollständig schwarz zu der bevorstehenden Ceremonie gekleidet, ein Spitzenschleier, mit einem Perlendiadem befestigt, wallte von ihrem Haupte hernieder und verlieh ihr einen zwar majestätischen, aber noch strengeren Ausdruck als gewöhnlich. Frau von Solmitz war nicht allein, vor ihr stand in dienstlicher Haltung Herr Streland, ihr Verwalter, er hatte für diesen Tag das Amt eines Haushofmeisters übernommen. „Ist alles bereit?" fragte die Gutsherrin eben. „Alles, gnädige Frau, schon beginnt der Saal sich zu füllen, und Ihrem Befehle gemäß, werden die Herren aus der Stadt Sie fünf Minuten vor eilf Uhr im blauen Zimmer erwarten, um Sie in den Saal zu geleiten." „Und meines Sohnes Gegenwart ist unerläßlich? Ich ersparte ihm so gerne jede Aufregung." „Es bedarf nur auf einige Minuten seiner Anwesenheit, gnädige Frau, nur seiner Unterschrift, es ist Zeit, wenn der junge gnädige Herr erst um halb zwölf im Saale erscheint, um sich sofort wieder zurückzuziehen!" „Wenn er wüßte, was es für ihn bedeutet, Streland, wenn dieser Tag ohne Unfall für uns geendet — er ist von einer Reizbarkeit, wie nie zuvor, seit er weiß, daß Alida für ihn verloren. Streland, wenn er erführe, daß man ihn getäuscht, wenn das Mädchen wiederkehrt«!" „Sie häufen Sorgen über Sorgen, gnädige Frau, kaum, daß Sie mit dem heutigen Tage von einer schweren Last befreit, der Sie zur Herrin des Ihrem Bruder zugefallenen , Vermögens eingesetzt, schaffen Sie sich selber eine mit grundlosen Befürchtungen. Glauben Sie mir, selbst wenn Alida erfahren sollte, daß Oscar von Solmitz als Genesener auf seinem Erbe weilt, wird sie nicht wiederkommen, und die einlaufenden Korrespondenzen überwachen wir gemeinschaftlich. Auch hoffe ich, daß Sie heute die Gelegenheit benutzen, die Verlobung Ihres Sohnes mit der Baronesse Ebersdorf zu proklamiren, so verschanzen wir den schwankenden Charakter des jungen Herrn hinter starken Bollwerken, die weder die Intriguen noch die Leidenschaft durchdringen." „Die Portiere theilte sich: „Ist es erlaubt, Mutter?" fragte eine wohlklingende, wenn auch etwas schwache Mannesstimme, und Oscar von Solmitz erschien auf der Schwelle. Der junge Mann war noch sehr blaß, die Weichheit seiner Züge hatte sich noch gesteigert, aber um den Mund hatte sich eine tiefe Furche gegraben, mehr Leid der Seele, als die Einwirkung körperlicher Schmerzen mochte sie gezogen haben. Ein bequemer Hausrock von schwarzem Sammt umschloß seine schlanke, bedeutend mager gewordene Gestalt. „Nur näher, mein Oscar, nur näher", sagte Frau von Solmitz und der Ton klang herzlich, wie nie zuvor. „Du weißt, für Dich hat Deine Mutter stets ein Willkommen." „Ich freue mich seiner", entgegnete Oscar, „freue mich, daß ich endlich das Mutterherz schauen und erkennen darf in seiner Wahrheit, nicht eingehüllt in belauschenden Duft der Schmeichelei und überschwenglichen Weichheit, wie ich es mir einst ersehnt, sondern mist und strenge, aber desto wahrer, desto tiefer, o Mutter, o Mutter, ich habe ja nun Kernen, als Dich, zu der dieses Herz sich flüchten darf, wenn die Erinnerung es überkommt in ihrer ganzen Macht. Nicht wahr, bei Dir darf ich vergessen?" „Bei mir und bei jenem leiblichen Wesen, das mit Thränen Deiner gedacht, so 164 lange Du fern warst, das sich un^)ich gehärmt, als Deine Wunde Dich an das Krankenlager fesselte. Oscar, wie anders wäre es gekommen, hättest Du Fanny von Ebersdorf in ihrer jungen mädchenhaften Schüchternheit, in der ganzen unschuldigen Reinheit ihres Herzens gekannt, wie viele Thränen hättest Du mir gespart." Aber ein gütiges Geschick ließ es geschehen, daß wir noch zeitig genug nach dem Glück haschen dürfen, das, von glänzenden, aber desto nichtigeren Schatten verdrängt, sich uns zu entziehen suchte. Oscar, ein feierlicher, ernster Tag ist heute die Baronesse hat ihren Besuch versprochen, wenn ich hoffen dürfte —" „Hold und gut ist Fanny von Ebersdorf, wie ein Engel der Milde trat sie an »nein Lager", unterbrach Oscar die Rede seiner Mutter. „Ja, ich will zu ihr reden, sie »vird mich verstehen; es wird eine ernste Stunde, Mutter, an dem ernsten Tage, wo ein vielleicht noch lebender zu den Todten geworfen wird. Sie soll entscheiden, ob ich ein Recht habe, zu verdammen, ehe ich Atida selber gehört, ehe ich weiß, daß es Egoismus, Leichtsinn war, der sie von hinnen trieb? O lebte nur Edmund von Alten noch, er sollte mir Rede stehen und sei es mit der Waffe in der Hand." »Wenn es einem treuen Diener vergönnt ist, eine Meinung zu äußern", nahm Herr Streland das Wort, „so dürfte Ihr Zweifel Ihrer Mutter Herz und meine eigene erprobte Anhänglichkeit kränken. Ich kann beschwören, daß »»eine eigenen Augen Zeuge waren als von Alten an der Bank des Pavillons beim Teiche zu den Füßen des Fräuleins Alida Barfeld lag und ihre Hand in der seinen ruhte, kann beschwören, daß ein Zufall mich in den Besitz des Briefes setzte, den Sie selber gelesen, in dem der Oberlieutenant der Geliebten seine Hand anbietet und sie auf das Gut seiner Schwester bescheivet; auf Befehl der gnädigen Frau ließ ich die Spur der Flüchtigen verfolgen, sie führte zu der Richtung, wohin Herrn von Alten's Zeilen sie wiesen — nach Frankreich." Mit tiefem Seufzer ließ sich Ocar in einen Kessel fallen. „Ja, ja, ich glaube, ich will glauben; einer berechneten Intrigue willenloses Spielzeug war ich, das Opfer einer Coguetten, die, als sich ihr eine Sicherheit ihrer Zukunft darbot, diese der Wahrscheinlichkeit vorzog, ihr galt nicht die Person sondern nur die Existenz. Und doch, so sehr, so innig habe ich sie geliebt." Er barg sein Antlitz mit beiden Händen, die Thränen zu zerdrücken, die seine Wangen netzten. Streland winkte der Gutsherrin, ihn gewähren zu lassen, und Frau von Solmitz war einsichtig genug, die Weisung d.s Mannes zu befolgen, von dem sie sich jetzt widerstandslos leiten ließ, obwohl der Verwalter klug genug war, sich nie den Anschein zu geben, als mache er seine Herrschaft geltend. — Der alte Diener öffnete die Thüre des Zimmers. „Gnädige Frau", meldete er, »die Herren aus der Stadt harren im blauen Zimmer Ihres Erscheinens." (Fortsetzung folgt.) Hur Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichner. IV. „Banden" und Wandertruppen. Zur Zeit des M ttelalters war es Sitte gewesen, den „fahrenden Sängern", welche — ihre Kunst ausübend -- im Lande umherzogen, Zehr-Pfennige zu verabreichen; — ohne Zweifel sind diese wandernde» Sänger als die Vorläufer der ersten Schauspieler und als Vater jener Wandertruppen zu betrachten, die später das Land durchzogen, nachdem aus den reisenden Sängern «llmählig Komödianten und Gaukler verschiedener Art hervorgegangen waren, deren Kunst allerdings sehr viel zu wünschen übrig ließ, da sie zumeist in, Possenreißen bestand; — trotzdem pflegte man sie für besonders festliche Gelegenheiten: fürstliche Vermählungen rc. rc., extra zu verschreiben, um die Feier durch ihre Künste zu verherrlichen. — Diese ursprünglichen, wandernden Komödianten reisten 165 indessen anfangs nur allein, auf eigene Faust, — bald aber begann eine Art von Zunft sich unier ihnen auszubreiten; so tauchten auch in Augsburg bereits im 13. und 14« Jahrhundert hier und da schon Wandertruppen, sogenannte „Banden" aus, welche, von Ort zu Ort ziehend, überall ihr luftiges Bretterwerk aufschlugen, darinnen sie die aufmerksamen Zuhörer durch Darstellung religiöser oder weltlicher Dinge: geistliche Schauspiele, allerlei aus der biblischen Geschichte, oder Sprüchwörtliches, gar höchlichst ergötzten. Leider aber dienten diese umherziehenden Banden just nicht dazu, verbessernd auf den Geschmack einzuwirken, indem ihre Hauptanziehungskraft auf die Schaulust des großen Publikums sich gründete. — Als später dann durch die Privilegien der „Meistersinger" den Wandertruppen das Einkehren in Augsburg sehr erschwert war, kam es vor, daß den reisenden Gesellschaften die Erlaubniß zum „Agiren" auch wohl vom hohen Rath in Folge Protestes der Meistersinger, verweigert wurde, so z. B. geschah dies anno 166? den „hochdeutschen Compagnie-Komödianten", welche abgewiesen wurden: „von wegen böser Lauften und Zeiten» und weilen durch dergleichen im Land hin und wieder reisende Personen, bald was verdächtige und schädliche einschleichen können." Endlich aber half dieses Absperren der Stadt, nach theatralischer Richtung hin, auch Nichts mehr. Die reisenden Patrizier und Kaufleute von Augsburg sahen auf ihren Reisen eben auch, was gut und besser in künstlerischer Beziehung schien, als daheim, und das Ende vom Liede war, daß man das damalige „Stadttheater", d. h. die dem Almosen- Amte zugehörigen Uranfänge desselben, doch den fremden Komödianten öffnen mußte, wenn dies freilich auch unter für Diese erschwerenden Umständen und Bedingungen geschah; aber der Bann war doch damit gebrochen, und dem Uebergang zur neuen Aera freies Feld gestaltet. Damals reisten diese Banden schon organisirt, mit einem Oberhaupt als „Prinzipal" versehen, so besaß z. B. die hervorragendste unter ihnen, die sogenannten: „englischen Komödianten", nicht nur einen ordentlichen Direktor, eine eigene Rangordnung, einen besonderen Gruß, sondern auch außerdem bestimmte Zunft-Gesetze, deren eines also lautete: „Es soll bei den Komödien Niemand hinter den Fürhang gelassen werden." — Diese „englischen Komödianten", welche eigentlich als die Gründer der „Komödianten-Profession" — von „Kunst" konnte ja wohl kaum die Rede sein — zu betrachten sind, stammte» allerdings ursprünglich aus Engst nd her, später aber blieb wohl nur mehr der Name übrig, als das Einzige, was wirklich echt war. In den Niederlanden tauchten sie bereits vor dem Jahre 1600 auf — von dorther kamen sie auf deutschen Booen, führten die Bühnensitten Englands und Hollands ein, spielten englische Stücke, durchaus weltlicher Art, woll Blut, Mord und Graus, gemischt mit derben Schwänken als Zwischenspiele, bei denen der englische und niederländische Hanswurst: „Clown" und „Ptckelhäring" genannt, eine große Rolle „agirlen." — Die guten „Meistersinger" beschwerten sich im Jahre 1681 gar herzhaft über diese „sogenannten Engländer", welche die Dreistigkeit besessen hatten: „2 Groschen Eintrittsgeld und in den 15 Stüblin (Logen) einen Groschen weiter" pro Person zu fordern. Und die bedrängten und bedrohten Meistersinger mochten wohl nicht so ganz Unrecht haben, wenn sie von den „sogenannten Engländern" sprachen, denn es liegt sehr nahe, daß die Trauer« und wchanerspiele der ersten, wirklichen Engländer sehr bald Nachahmer in Deutschland weckten, wo auch kein Mangel derzeitig an Blut-Tragödien (von Kaspar Daniel von Lohenstein rc. re.) war, und der deutsche „Hanswurst" gab sicherlich dem „Clown" und „Pickelhäring" auch an possenhafter Derheit gar nichts »ach. — Das Jahr 1697 hatte in Augsburg ein besonderes Ereigniß zu verzeichnen: die erste „Opera!" Eine reisende Gesellschaft, geleitet von einem Kapellmeister aus Braune schweig, führte zuerst diese italienischen Fortsetzungen der „Singspiele" ein, und erregte dadurch lebhafte Bewunderung. Aber auch au anderen Produktionen derberer Art war durchaus kein Mangel; — sehr beliebt z. B. waren seiner Zeit die: „Fecht-, Kampf- und Thierhetz-Spiele", dargestellt 166 von allerlei herumziehenden Thierbändigern, Raufern und Ringern von Beruf, deren Kraftübungen sehr warmen Anklang fanden. Diese Vorstellungen fanden in der „Fecht- schule" statt, einem 1631 von einem Methsieder aus fernem Stadel und Hof hergerichteten Komödienhaus, in welchem nicht nur die Fechtübungen der Jugend, sondern auch allerlei Darstellungen gegen Eintrittsgeld abgehalten wurden; „bei Fechtschulen 2 Heller, bei Komödien 1 Kreuzer." 1661 kaufte das Almosen-Amt die „Fechtschule", ipid erzielte eine hübsche Einnahme durch die dortselbst stattfindenden Aufführungen, von denen es freilich um's Jahr 1700 durch Verbot des hohen Rathes die für die eigentliche „Schul-Fechterei" der Jugend verlor, die anderweitigen Produktionen, wie: Bären- und Ochsen-Hetzen, Auftreten von Gauklern, Seiltänzern, Kunstreitern, ja sogar Opcrn-Gesellschaften, aber fortsetzen durfte, trotzdem das Holzgebäude durch die zuweilen auch stattfindenden Feuerwerke mehr als einmal in bedenkliche Gefahr gerieth. Nachdem noch zwischen den Jahren 1710 und 19 in dem sehr baufälligen Gebäude ab und zu Fechtschaulpiele stattgefunden hatten, wurde es endlich, als man 1776 das neue Stadttheater baute, abgerissen, — eine Tänzergesellschaft im Jahre 1762 „gastirte zuletzt darin. — Um nun zum eigentlichen Stadttheater „zurückzukehren", so muß vor allen Dingen konstatirt werden, daß dessen Vorstellungen doch »ach und nach durch die reisenden Gesellschaften ein ganz anderes Gesicht erhielten, und zum Mindesten an Vielseitigkeit, wenn nicht immer an Kunst, gewannen; — hatten doch diese Gesellschaften selbst eine andere Form genommen. Auf die Tragödie pflegte nachdem als Einleitung der übliche Prolog vorangegangen, als Schluß der Vorstellung jetzt erst ein Singspiel oder Ballet, und dann noch ein „allegorisches Dankspirhl" zu folgen, statt des früher gebräuchlichen Epilogs, den kein Mensch mehr hören wollte» so sehr hatten die Ansprüche sich bereits gesteigert. „Ihr hört kurz Predigt gern, Wenn die Bratwurst destlänger wern!" tadelt 1618 schon der berühmte Jakob Aprer das Publikum, in Bezug darauf, daß die Moral des ganzen Stückes sonst im Epilog enthalten, beziehungsweise zu Nutz und Frommen der Zuhörer wiederholt wurde, wie eine Art von Predigt. Auch „Prinzipalinnen" begannen mit ihren Truppen Augsburg zu besuchen; schon gleich zu Anfang des spicllustigen achtzehnten Jahrhunderts erschien „die kgl. polnische und churfürstlich-süchsische Komödianten-Prinzipalin" Geldin mit ihrer Gesellschaft auf dem Schauplatz, deren Kunstfertigkeit hauptsächlich im Aufführen sogenannter „Haupt- und Staats-Aktionen" bestand, d. h. extemporirter Komödien, bei welchen jedem Darsteller wohl der Charakter seiner Rolle im Großen und Ganzen, nicht aber die einzelnen Worte, die er zu sprechen hatte, vorgeschrieben waren» Diese mußte Jeder selbst erfinden, so gut er es vermochte, was natürlich — namentlich bei ungeschickten Nachahmern, die bald genug sich fanden, — Veranlassung zu vielem Unsinn und manchem Mißbrauch werden mußte, da es oft an hinreichender Begabung und Bildung fehlte, um der schwierigen Sache mit eingehendem Verständniß gerecht zu werden, und viel absichtliche und unbeabsichtigte Possenhaftigkeit folglich mit unterlief. — Und nun sehen wir im Fortschreiten des achtzehnten Jahrhunderts mehr und mehr ordentliche Wandertruppen die Stadt Augsburg auf ihren Reifen berühren. Im städtischen Komödienhaus sowohl, als in anderen geeigneten Lokalen, sogar auf eigens aufgebauten Bühnen ließen sie sich blicken, insofern man ihnen die Bewilligung dazu nicht versagte. Wir sehen in den zwanziger» Jahren den berühmten, letzten, eigentlichen „Hanswurst" (Prehauser) auftreten, sahen zu ähnlicher Zeit seine größte Feindin, die berühmte Theater- Direktorin und Schauspielerin Neuber (eine der ersten — nach jeder Richtung, auch der äußerlichen Bedeutung., hin — deutschen Schauspielerinnen, welche die Bühne betraten), die gegen Mitte des Jahrhunderts hin, im Verein mit dem Leipziger, gelehrten Professor Gottsched, den Hanswurst feierlich auf ihrer Bühne, als nicht mehr zeitgemäß verbrannte und verbannte, bei so „ausverkauftem" Hause mit ihrer Trupps spielen, daß, wer nicht frühzeitig genug kam, keinen Platz mehr erhielt. Wir sehen ferner anno 1769 eine weitere 167 „Prinzipalin": Frau Theresnia von Kurtz, mit 28 Personen, als „churfürstl. bayer. Hof- Direktorin mit ihrer Gesellschaft deutscher Hosschauspieler" erscheinen u. s. w. Ferner fehlte es auch nicht an einer Anzahl ausländischer Truppen; — so 1733 italienische Opern nnd Schauspiele, in den 40er Jahren eine italienische „Operisten-Banda", 1753 und 5!) italienische Pantomimen u. s. w. 1759 spielte sogar eine französische Kinder-Pantomimen-Gesellschaft, und in den 60er Jahren finden sich immerfort Wandertruppen ein, italienische Sänger, welche Opern und Operetten gaben, doch war keine dieser Gesellschaften eine regelmässige, wenn auch ihre Spielzeit öfter durch Wochen währte, und sich zuweilen sogar auf 40—50 Mal belief. Auch die jetzt — von 1760 ab — „verbürgerten Komödianten und Meistersinger" konnten dagegen nicht auskommen, mit sammt ihren Privilegien und „regelmäßigen, von den berühmtesten Skribenten verfertigten Stücken", und obwohl diese Privilegien sich inzwischen nicht verringert, sondern im Gegentheil im Laufe der Zeiten Begebenheiten vermehrt hatten. Erhielten sie doch 1723 auf ihre Beschwerde hin das Recht, eine beliebige Entschädigung von den Wandertruppen fordern zu dürfen, falls diese die Absicht hallen, an ihren eigenen, privilegirten Spieltagen zu „agiren", und ward doch dieses Dekret durch die Verordnungen vom Jahre 1733 und 1767 noch dahin bestätigt, daß die fremden Komödianten erst ein Fixum von drei Gulden den Meistersingern zu zahlen hatten, wenn sie an deren Spieltagen auftraten, und von 1767 ab für jeden Spieltag überhaupt dies Fixum zahlen mußren. 1768 wurde diese „Steuer" auf fünf Gulden für eine Woche ohne Festtag, und für eine solche mit Festtag auf drei Gulden berechnet, wozu natürlich stets die Abgaben an das ältere Almosen-Amt noch kamen. Sobald also der Neubau des Stadttheatcrs 1776 in Aussicht genommen war, lag auch die Nothwendigkeit nahe, die alten, veralteten Dekrete und Privilegien aufzuheben, welche der Kunst und den Einnahmen nur schädlich sei» konnten. Nachdem in den Jahren 1770—76 die Wandertruppen — gewöhnlich mit einem Personal von 16, 18, 19 und mehr Personen — immer regelmäßiger einkehrten; darunter mehrere Kinder-Gesellschaften, Oporu bukkn in deutscher und italienischer Sprache» sowie deutsche Operetten, wurde mit dem Direktor Peter Rohr und seiner Opera liusiku die alte Bühne des Stadt-Komödisnhauses zu Augsburg geschlossen, und der Umbau des Theaters im Juni 1776 begonnen. — Bereits am 16. Oktober desselben Jahres wurde das neue Stadttheater eröffnet, durch die Schopf'sche Gesellschaft, mit einem Personal von 22 Erwachsenen und einem Kinde; man begann mit: „Essex", und spielte bis zum 11. Februar 1777 vierundsechzig Stücke. — Was die Preise der Plätze und den Anfang der Boxstellungen anbetrifft, war auch darin bereits eine große Veränderung gegen früher nach und nach eingetreten! Hatte man noch bis zu Mitte des Jahrhunderts um 2, 3 oder 4 Uhr begonnen, so finden wir später schon 5 und i/.,6 Uhr verzeichnet; — auch die Preise halten bereits merklich sich gesteigert. — Mit einem Pfennig hatte man einstmals begonnen bei den Meistersingern, war dann auf 5 Heller bis 6 Kreuzer gediehen, die englischen Komödianten nahmen „sogar" 2—3 Groschen, in der „Fechtschule" kostete es 1 Kreuzer, im „Baugarten" 30, 15, 10 und 6 Kreuzer, im „Stadtheatsr" noch anno 1766 auch nicht mehr, und 1769 schon „1 Gulden" für die besten Plätze, für den geringsten freilich nur 6 Kreuzer, und so war es auch, als 1776 das neue Stadttheater eröffnet wurde — die Zwischenplätze kosteten 30 und 15 Kreuzer. Mit Eröffnung des neuen Komödienhanses oder „des alten, Augsburger Stadttheaters", darf man wohl getrost den Beginn einer neuen Zeit in der Theatergeschichte von Augsburg rechnen, schon deshalb, weil von da ab von eigentlichen „Banden" und Wandertruppen die Rede nicht mehr sein kann, weil fortan eine Art von regelmäßiger, ständiger Saison-Zeit beginnt, in ähnlicher Weise, wie sie unsere Stadtthsater noch H ut' zu Tag besitzen. — 168 Mise-lleir. (Gefährliche Belohnung.) „So, Karl! also wegen Faulheit und Nachlässigkeit hast Du heute vom Lehrer Schläge bekommen? Recht so! Jetzt trägst Du mir gleich eine Flasche vom besten Wein zu ihm und dankst ihm für die verdiente Strafe." Sohn: „Nein, Papa! das thue ich nicht; denn wenn dSr Herr Lehrer jedesmal eine Flasche Wein dafür kriegt, so prügelt er mich jeden Tag drei Mal." (Als Curiosum) sei hier nachstehende Annonce aus dem „Hannov. Cour." vom 7. ds. Alts. wiedergegeben: Ein Tiroler, der lange bei einer osterreichisch - ungalisch en Familie i. Rußland a. Schweizer in Dienst stand, sucht e. Stelle, am liebsten a. englischer Jockey bei e. französischen Herrschaft in Italien. Gef. Adr. rc. (Der zureichende Grund.) Zwei Bauern, Schwiegervater und Schwiegersohn gehen über Land. Als sie einen Hügel Hinansteigen, hören sie auf der anderen Seite des Hügels ein fröhliches Jodeln. — Schwiegervater: „Was hat der da drüben so zu jodeln?" — Schwiegersohn: „Es wird ihm wohl ebbe der Schwiegervatter gestorben sin." (Nationalstolz.) Die Hauptstadt Belgiens ist neuerdings durch den Prozeß Peltzer in aller Mund gekommen. Ein Belgier, schreibt der „Gaulois," erzählte jüngst einem Preußen von dieser traurigen Mordaffaire und fügte mit Stolz hinzu: „Ein großartigeres Berbrechen hat sich in ganz Deutschland noch nicht zugetragen!" (BlitzHinrichtung.) „Die Daily News" gibt einem „Eingesandt" Raum, in welchem ganz ernstlich der. Vorschlag gemacht wird, zum Tode verurtheilte Verbrecher nicht mehr durch den Strang, sondern durch — Elektricität- hinzurichten. (Im Wohlthätigkeitsbazar.) Herr: „Was kostet eine Tasse Kaffee, mein Fräulein?" — Künstlerin: „Einen Thaler, und nun — (nachdem sie vom Kaffee genippt) fünf Thaler!" — Herr: Hier sind sechs Thaler, iMlin Fräulein, aber jetzt bitte ich um eine reine Tasse." (Auf dem Schützenfest.) Schütze: „Bester Herr Oberschützenmeister, Sie wollen doch den Toast auf den Durchlauchtigsten nicht vergessen?" — Obcrschützenmeister: „Ne, ne, nur woll'n wir's Rindfleisch noch rmn gehen lassen. Gleich nach'n Rindfleisch kömmt der Ferscht!" (Wie viel Köpfe hat ein Hamburger?) Nach der „Post" begann Dr. Wendt jüngst seine Socialistenrede im Reichstage folgendermaßen: „Die Ausführung des Socialistengesetzes in Hamburg ist eine durchaus loyale gewesen, trotzvem sind etwa 200 Personen mit etwa 1000 Köpfen ausgewiesen worden." Das letzte hl Die Mutter stirbt; der Abend schaut berein, Und gold'ne Lichter spielen um den Schrein, Als sei der Engel nahe, der den Gram Aus ihren Zügen still zu löschen kam. Den Gram? O nein! sie lächelt sanitbeglückt, Als Hütte man zur Feier sie geschmückt. Der Priester mit dem Sacrament, — um ihn Des Hauses Kinder alle aus den Kuie'u. Es ist der S o h», au dem ihr Auge hangt, Aus dessen Hand die Hostie'sie empsängt. „Er ist so gut, so kindlich fromm und rein, Herr, deiner Huld lass' thu befohlen sein!" Dem Jüngling rollt die Thräne aus dem Aug', Doch treu und fest übt er der Kirche Brauch- Sacramerrt. Und salbt mit heil'gem Oel der Mutter Munds Der ihn geküßt seit seiner erste» Stund', Die Hände, die ihn liebend zart geflegt, Zum weichen Schlummer sorgsam hingelegt, — Die Augen, die zeitlebens ihn bewacht, Und die er schließen soll zu ew'ger Nacht! — Gebet und Schluchzen rings im Schwesterkreis, Ein Engel wandelt, durch das Zimmer leis. Mit deines Sohnes Antlitz fromm und mild Der Bote stammet aus dem Lichtgesild! Was nur dem Mutterherzeu Glück gewährt Das Hut sich dir zum Heiligsten verklärt. Es leitet dich durch aller Set'gen Chor Die Kind es lieb' zu Gottes Thron empor. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hutllcr.