»ur „Äugslmrger Postzeitimg.^ Nr. 22. Samstag, 17. März 1883. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann tzirschfeld (Fortsetzung.) Erleichtert athmete Frau von Solmitz auf, um der peinlichen Situation ein Ende zu machen. Sie näherte sich dem jungen Manne, und einen Kuß auf seine Stirn drückend, sagte sie: „Muth, mein Sohn, gedenke, daß Du eine Mutter besitzest, der kein Opfer zu groß für Dein Glück ist, sobald es sich mit dem Glänze und der Ehre unseres Geschlechtes vereinigen läßt. Ich habe mehr für Dich gethan, Oscar, als Du ahnen magst, und je erfahren wirst, dessen sei eingedenk. In einer halben Stunde erwarte ich Dich in dem Saale, die Akte meines verstorbenen Bruders zu unterzeichnen. Deine Unterschrift ist unerläßlich, sonst hätte ich Dir die Formalität erspart. Die Baronesie wird in jedem Augenblick eintrefsen, empfange sie in meinem Namen, und erinnere Dich, daß es an Dir liegt, den Herzenswunsch Deiner Mutter zu erfüllen." Sie winkte dem Verwalter, ihr zu folgen und verließ das Gemach. Auf dem Wege zunr Hauptsaale mußte sie das blaue Zimmer durchschreiten, in das sie den Anwalt des Solmitz'schen Hauses und die beiden Aktuare beschieden hatte, die von Seiten des Gerichts gesandt waren, die offizielle Todeserklärung Leopvld's von Bernau zu erklären, da die Proklame, die ihn aufforderten, sich zur bestimmten Frist zu stellen, oder sich durch einen Bevollmächtigten vertreten zu lassen, bis jetzt erfolglos geblieben. Mit tiefer Verneigung ward Frau von Solmitz von den Herren begrüßt, sie spendete ihnen einige Worte, dann schritt sie ihnen voran, dem großen Saal des Schlosses zu, aus dem ein dumpfes Summen und Brausen, wir von einer großen Versammlung, ihnen entgegen schallte. Die hohen Flügelthüren des für die Herrschaft bestimmten Seitenraumes öffnete» sich, eben hob die Thurmuhr zum eilften Stundenschlag aus. — Der Lärm machte einer erwartungsvollen Stille Platz, und fast sämmtliche Anwesende begrüßten durch Erheben den Eintritt der Schloßyerrin, die mit herablassendem Neigen des Hauptes die fast ausschließlich ländliche Versammlung begrüßte» und dann die Estrade bestieg, wo sie an dem grün behangenen Tisch den Ehrenplatz inmitten des Anwalts und der Herren vom Gerichte einnahm. Herr Streland hatte wie ein dienstthuender Marschall auf der untersten Stufe seinen Platz genommen. Unter dem tiefsten Schweigen der Zuhörer erhob sich Frau von Solmitz. Sie begann mit fester Stimme von dem Schmerz zu reden, den ihr die Entfernung eines geliebten Bruders verursache, der seit achtzehn Jahren kein Zeichen der Existenz von sich gegeben, und der bitteren Nothwendigkeit zur Regelung der Familienverhältnisse, zur Klarheit über ihres Sohnes Zukunft, die Formalität der Todeserklärung nun eintreten zu lassen, , nachdem alle Versuche» den Aufenthalt Leopold's von Bernau oder etwaiger Erben desselben zu erkunden, vergebens aewesen. So endete ihre Rede mit der Mittheilung, daß sie eine — 170 — milde Stiftung in's Leben zu rufen gedenke, die zum Gedächtniß an den Geschiedenen seinen Namen tragen und zur Unterstützung armer Greise der Gemeinde Solmitz bestimmt sein solle. Nun war sie zu Ende, ein unterdrücktes Murmeln des Beifalls und der Theilnahme, von Respekt gedampft, ging durch den Saal, als sich Frau Hermine von Solmitz wieder auf ihren Sitz niederließ und sich tief in den Sessel zurücklehnte, als habe die nachfolgende Formalität gar kein Interesse für sie oder erwecke höchstens nur ihre Schmerzen auf'S Neue. Nun erhob sich der Gerichtsaktuar; er verlas mit einförmiger Stimme nochmals das bereits mehrfach veröffentlichte Proklama, dann fügte er lauter hinzu: „Und so erkläre ich denn im Namen des Gesetzes Leopold von Bernau für bürgerlich todt, verlustig aller Rechte, die ihm durch Erbschaft oder Schenkung erwachsen dürften, es sei den», daß sich jetzt in dieser Stunde noch ein'Einspruch erhebe gegen diese Bestimmung, dessen Billigkeit anerkannt ist vor den Schranken des Rechtes. Wer daher gesonnen ist und vermag, die Existenz besagten Leopold's von Bernau oder legitimer Erben desselben nachzuweisen, der trete vor und lasse es geschehen in dieser Stunde." Warum zuckte Hermine von Solmitz plötzlich zusammen, der trotz der anscheinenden Apathie nicht die kleinste Bewegung im Saale entging? Was lief flüsternd, murmelnd von Stuhl zu Stuhl durch die Reihen, warum theilte sich die dichtgedrängte Menge am Eingang? In bescheidener, aber ernster und fester Haltung schritt ein in tiefe Trauer gekleidetes junges Mädchen vor und dieZ ganze Länge des Saales durchmessend, trat sie Lis an die Stufen der Estrade. „Alida Barfeld!" Wie ein unwillkürlicher Ausruf des höchsten Erstaunens klang eS aus Herrn Streland's Munde und wie abwehrend streckte er der Nahenden den Arm entgegen. „Im Namen der Gerechtigkeit erhebe ich Einspruch gegen die Versammlung in dieser Stunde", sagte das junge Mädchen mit ruhiger, fester Stimme, und jede Silbe hallte in dem weiten Raume bei der Todtenstille, die nun in demselben herrschte, wieder. „Ich, die Tochter und Erbin des jüngst zu Pont ü Mousson verstorbenen Leopold von Bernau, nehme alle meine mir zukommenden Rechte in Anspruch und namentlich die meinem Vater durch das Vermächtuiß seines Onkels, des Erbherrn auf Gradenow, zugefallene Erbschaft." Wäre der Geist ihres Bruders selber dem Grabe entstiegen und drohend vor Hermine von Solm'tz aufgetaucht, die Ueberraschung, das Entsetzen der Gutsheriin hätte kein größeres sein können, als Alida, die namenlose Waise, ihr mir dem Titel der Ansprüche gegenübertrat. Ihre Fassung drohte zu schwinden und doch fühlte sie, daß sie ihrer in diesem Augenblick, da sie aller Augen auf sich gerichtet wußte, mehr bedurfte als jemals, Sie erhob sich in ihrer ganzen Würde. „Fräulein Alida Barseld, wenigstens bezeichnete mir einst die sterbende, völlig Mittel- und legitimationslose Frau, die als Fremde vor etwa achtzehn Jahren im Sol- mitzer Wirthshanse anlangte und noch in derselben Nacht verschied, mir das hinterlassene Kind, ihre angebliche Tochter mit diesem Namen, da sie es mir, der hülfreich Herbei- geeilten, unter Thränen und Beschwörungen, mich der verlassenen Waise anzunehmen, vertraute. — Fräulein Alida Barfeld, die mir ihre Ausbildung und Erziehung dankt, verließ mein Haus auf eine so eigenthümliche Weise, nachdem sie genug der trüben Stunden über dasselbe gebracht, daß ich glaube im Recht zu sein, wenn ich die genaueste Untersuchung der Dokumente verlange, die sich ohne Zweifel in dem Besitz der Dame befinden, um sich mit Recht die Tochter Leopold's von Bernau und Nichte Hermann's nennen zu können." „Ich war auf diesen Empfang vorbereitet", erwiderte das junge Mädchen völlig ruhig. „Mich gegen Vorwürfe der Frau von Solmitz vertheidigen zu wollen, hieße eine Anklage aufnehmen, die, Gott ist mein Zeuge, mich nimmer trifft. Wenn ich hier und in dieser Stunde erscheine, meine Rechte geltend zu machen, so soll es nicht einen affek- 171 jjrten Theatercoup bedeuten, soeben treffe ich voin Elsaß kommend auf Solmitz ein. Gott verhinderte, daß ich zu spät kam. Hier, meine Herren", und ihre Hand zog ein Convolut Papiere hervor, „hier übergebe ich Ihnen die Dokumente, die mich als Tochter und Erbin Leopold's von Bernau legitimiren. Ehrenwerthe Männer, der Feldprediger Bartels und der Stabsarzt Doktor Langer, beide augenblicklich im Gefolge des deutschen Kriegsheeres, sind bereit, ihre mündlichen Aussage» der schriftlichen Bürgschaft hinzuzufügen, die sich in diesen Blättern befindet." So fest, so ruhig konnte keine Betrügerin sprechen, das fühlte ein jeder der im Saal Anwesenden, das fühlte auch Hermine von Solmitz. Wie eine Angeklagte im Antlitz ihrer Richter, forschte ihr Blick in den Zügen der Herren voin Gericht, die mit dem Anwalt in leisem Flüstern die ihnen eingehändigten Papiere tauschten und, sie flüchtig durchsehend, zunächst Unterschriften und Siegel prüften. Endlich erhob sich der Gerichtsassessor, Todtenstille herrschte im weiten Raume. „Die uns von dieser Dame übergebsnen Papiere", nahm er das Wort, „sind anscheinend echt und berechtigen sie, als Tochter und Erbin Leopold's von Bernau Protest gegen den Erbsausschluß der Nachkommen des Genannten zu erheben; es steht bei Ihnen, gnädige Frau, ob Sie schon jetzt diese Dame als Nichte anerkennen wollen; wir aber müssen die für diese Stunde beabsichtigte Verhandlung vorläufig für aufgehoben erklären." „Mein Anwalt, Doktor Schmidt, ist damit einverstanden?" Gepreßt, kaum verständlich kam es über Herminen's Lippen. Der Jurist zuckte mit den Achseln. „Unter dem Vorbehalt strengster Prüfung dieser Papiere", entgegnete er, „kann ich mit meinem Gewissen nicht auf Vollziehung einer Handlung dringen, die einer schreienden Ungerechtigkeit gleichkäme." Schwer athmend hob sich die Brust der Gutsherrin. Ohne ein Wort weiter zu verlieren, richtete sie sich empor und ihre ganze Willenskraft aufbietend, die gewohnte Sicherheit zu bewahren, stieg sie von der Estrade, um sich aus dem Saale zu begeben. Sie mußte an dem jungen Mädchen vorbei, ihre Blicke begegneten sich, keine Spur einer Leidenschaft blickte Hermine von Solmitz aus dein Auge Aliden's entgegen, — sie las in ihr nichts, als eine eisige Ruhe. Einige Schritts weiter blieb sie stehen. Die wenigen Minuten, die verstrichen waren, seit der Eintritt der Waise Alles zu nichte gemacht, was sie seit Jahren für ihres Sohnes Glück gewirkt und gesündigt, hatten eine Fluth der düstersten Gedanken in ihrer Seele beschworen. Nicht allein, daß die Tochter Leopold's von Bernau das väterliche Erbe beanspruchte und ihr den Reichthum nehmen konnte, an dem ihr ganzes Leben hing, sie drohte ihr auch des Sohnes Liebe zu rauben, wenn es ihr gelang, Oscar zu beweisen, daß seine Mutter ihn getäuscht, da sie ihm Aliden's Verschwinden als Frucht des Ver- rathes einer berechnenden Coguette geschildert. „Ich mochte mit Ihnen reden", sagte sie, zu Alida gewandt, und trotz alles Bemühens konnte ihre Stimme nicht ein leises Beben unterdrücken. Was sollte sie ihr sagen, sie wußte es selber nicht und doch mußte ein Mittel gesunden werden, die Netze zu lösen, die sie selbst geschlungen hatte; um Zeit zu gewinnen und die Herrschaft über sich selber, das war die Hauptsache. Kalt und förmlich neigte Alida das Haupt. „Ich bin bereit", erwiderte sie, „den Wunsch der Schwester meines Vaters zu erfüllen." Frau von Solmitz athmete auf. „Darf ich Sie bitten, mich zu begleiten?" fragte sie vorauschreitend und den Saal durch eine Seitenthür verlassend. Das junge Mädchen folgte ihr in ein Zimmer des Hintern Schloßflügels; es war ein isolirt gelegenes Gemach, gewöhnlich zum Fremdrnaufenthalt bestimmt und gewährt« die Aussicht in den Garten. Eine kurze, peinliche Stille entstand, da sich die Thür hinter Tante und Nichte Lcschlossen. 172 Alida blickte kalt und ruhig in Frau Herminen's Antlitz und diese fühlte, daß es an ihr sei, das entscheidende Gespräch zu eröffnen. „Wollen Sie mir eine Frage beantworten?" begann sie endlich, „eine Frage, die Sie von einAi liebenden Schwester natürlich finden werden. Wie kamen Sie zu Leopold von Bernau, meinem unglücklichen Bruder, und wie hat er geendet?" „Mein Vater starb tief bereuend, versehen mit den Tröstungen der Religion", erwiderte Alida, „über seine Schuld möge ein höherer Richter entscheiden; mitten im Kriegs- gewirr, in Pont u Mousson, führte mich die Hand Gottes an sein Sterbelager; dort, wo ich ihn der Erde übergab, begriff ich die heilige Pflicht, das Andenken meiner Mutter und meinen, eigenen Namen zu Ehren zu bringen, und diese Pflicht zu erfüllen", deutlich hörte man das Schwanken des sonst so festen Tones der gestrengen Frau, „rauben. Sie, im Fall Sie auf das Vermögen Anspruch machen, das Ihnen als Ihres Vaters Erbtheil zukommt und das bisher unter meiner Verwaltung war, dem Hause Solmitz seine Habe; Alida, Sie wissen, ich bin eine Feindin aller Sentimentalitäten, lassen Sie mich Ihnen mit dürren Worten sagen: mein Gatte starb arm und mein Sohn, Oscar von Solmitz, wäre eines Bettlers Kind gewesen, hätte nicht das Glück mir die Verwaltung der reichen Erbschaft verliehen, die meinem Bruder zugefallen. Mit ihr erhob ich das Gut Solmitz zum alten Glanz, Oscar hatte keine Ahnung, daß der Reichthum, als dessen Erbe er sich glauben konnte, nur erborgt sei, nimmer dachte ich, werde Leopold heimkehren, und wenn dies der Fall war, hoffte ich auf seinen Leichtsinn, auf sein gutes Herz. Was ich that, geschah meines Sohnes willen." Keine Spur im Antlitz »des jungen Mädchens' zeugte von dem Eindruck der Worte ihrer Tante. Sie schwieg einen Augenblick, dann richtete sie ihr Auge auf Frau von Solmitz. „AIs ich an jenem unseligen Tage das Schloß verließ", sagte sie, „dem ersten Impuls der höchsten Verzweiflung folgend, da fehlte mir noch jene geistige Reife, die entweder die Jahre verleihen oder zu der man durch schweres Herzeleid und Erfahrung gelangt, ach, der Kummer war mein Lehrmeister und die Erfahrung kühlte das fieberhaft wallende Blut; nicht als Alida von Barseld von einst steht Alida von Bernau Ihnen gegenüber. Nicht Haß und Groll trage ich Ihnen nach, obwohl Sie oft mir recht, recht weh gethan; nicht in Armuth will ich Sie stürzen, da ich mich und das mir zufallende Vermögen der leidenden Menschheit zu weihen beabsichtige. Aber eine Frage beantworten Sie mir offen und ehrlich: hat meine Mutter, da sie fremd und sterbend in der Scl- mitzrr Schenke anlangte und nach Ihnen begehrte, Ihnen das Band entdeckt, was mich mit Ihnen verbindet?" >Es war ein entscheidender Augenblick, Hermine von Solmitz konnte ein unwillkürliches Zittern nicht bemeistern. Und doch, sie fühlte es, nur ein offenes Spiel konnte sie retten. „Hören Sie mich, Alida", erwiderte sie, „und richten Sie nicht eher über mich, ehe ich vollendet. Ja, Alida, ich kannte das Band, ich mußte, daß Leopold von Bernau's Gattin und Kind als Verlassene auf meiner Besitzung angelangt waren; freilich von ihr, die schon am nächsten Tage der Hügel deckte, hatte ich nichts zu fürchten, aber das Kind drohte, falls seine Legitimität bekannt würde, meinen Sohn zu einem armen Blaun zu machen, wenn er nicht der Gnade seiner Cousine sein Glück danken wollte. Darum, Alioa, darum bemächtigte ich mich aller Papiere, die einst die Sterbende mir anvertraute, darum behielt ich unter dem Namen Barfeld die Waise bei mir. — Darum aber auch, weil ich nicht ein Bündniß naher Verwandter dulden konnte, suchte ich später das innige Band zu lösen, das sich um Sie und meinen Sohn gewoben. Alida, ich hätte ja dann, um eine solche Verbindung zu ermöglichen, ohne in Sünde zu verfallen, Ihrer Geburt Geheimniß offenbaren müssen und nimmer vermocht ich's, konnte ich abhängen, wo ich bisher geherrscht hatte? Konnte ich auf einen Besitz verzichten, den ich als reiches Erbe 173 meinem Sohne zu hinterlassen gedacht, um ihn denselben aus der Hand einer Fremden empsangen zu lassen?" Frau von Solmitz schwieg, aber das Zucken ihres Antlitzes, das Heben und Senken ihrer Brust bekundete die hohe Aufregung, die noch in ihr nachwirkte. „Wehe Ihnen!" erwiderte Alida, „wehe Ihnen, verblendete Frau. Wie viel des Leidens, wie viel des Jammers hätten Sie uns ersparen können, hätten Sie sich mir entdeckt; so wahr Gott mein Zeuge, freilich hätte ich allen Ansprüchen entsagt, zu denen ich im Fall des Todes Leopold's von Bernau berechtigt gewesen wäre; und nie hätte Oscar erfahren, daß ich Ihnen ein Opfer gebracht. Wehe Ihnen, daß Sie im Herzen Ihres eigenen Sohnes einen Zwiespalt hervorgerufen, denn was ihn zu mir hinzog, was mich zu ihm Hintrieb, es war das Band des Blutes, was uns Beiden unbewußt war und Fanny von Ebersdorf gehörte seine Liebe. Was ich gethan hätte, die Fremde, wenn es Oscars Glück erfordert, wie viel leichter wäre es der Tochter seines Oheims geworden, ihn mit der holden Baronesse Fanny vereint zu sehen und als treue Freundin, als Schwester, mich seines Hauses Glück und Gedeihen zu erfreuen. Sie aber behandelten mich als eine Fremde. Sie glaubten mit dem Geschick ringen zu können, aber das Schicksal ist mächtiger, als wir Staubgeborenen und geht den Weg, den höhere Hanv ihm weiset, es offenbart sich Ihnen in seiner ganzen Macht, da ich als Ihre Nichte vor Ihnen stehe und Ihnen zurufe in meinem Namen, im Namen Ihres Sohnes, im Namen Ihres Bruders: Hermine von Solmitz, über Dein Haupt komme, was Du gethan!" Zusammenbrach die gebieterische Gestalt der Schloßherrin. „Alida, das Schicksal rächt sich grausamer, als Sie meinen, meine eigene Saat, von der ich Segen hoffte, sie wird mir zum Fluch." (Fortsetzung folgt.) Sagen aus dem Schwabenlande. Mitgetheilt von Alois Gutbrod. * Im Munde des Volkes schlummert ein gar köstlich Ding; es heißt Sage und ist zu Märchen und Fabel nahe verwandt. Letztere wurden meist von Dichtern und Denkern gebildet; die Sage jedoch stammt mitte» aus dem Volke. Sie ist ein echtes Kind desselben, geboren zum fröhlichen Leben, nicht aber zum ewigen Schlummer. Wie Volkslied und Sprichwort, so will auch die Sage ihr Plätzchen in der deutschen Familie haben; sie will nicht todtgeschwiegen, sondern erzählt werden von Mund zu Mund. Sagen gibt es im Ueberfluß, und fast jede Gegend hat ihre eigenen. Auch unsere Heimath ist reich an allerlei schönen Sagen. Ich habe etliche davon gesammelt und will dieselben an dieser Stelle mittheilen. 1) Ulrich, der berühmte hl. Bischof von Augsburg, wurde zu Wittislingen geboren und erzogen. Er mußte täglich nach Dillingen in die Schule und kehrte gar oft erst bei stockfinsterer Nacht wieder heimwärts. Da hörte er nun jedesmal auf dem Schloßthurme ein Glöcklein läuten, ging dem Getöne nach und verirrte sich nicht. Eines Abends schwieg aber das Glöcklein still. Ulrich kam von dem rechten Weg ab und lief stundenlang im Dunkel der Nacht umher. „Warum ließ sich denn heute mein Glöcklein nicht hören?" sprach er erstaunt zu sich selbst, als er endlich todtmüde nach Hause kam. Da siel ihm ein, daß der Stecken daran schuld sein könne, den er unweit Dillingen von einem Zaun gebrochen und mitgenommen hatte. Am andern Morgen brachte er darum denselben wieder an seinen Ort, und siehe, beim Heimgänge tönte das Glöcklein, wie ehedem, und Ulrich kam nie mehr von dem rechten Weg ab. 2) Bei Bicsenhofen, eine halbe Stunde oberhalb Kausbeuren, stand auf einer Anhöhe im Gehölz eine Burg, von der jetzt wohl kein Stein niehr vorhanden ist. Ein Fräulein dieser Burg hat aber heute noch keine Nuhe, sondern erscheint bald hier, bald dort als Geist. Es setzt sich dem Wanderer, den es trifft, auf die Schultern und bittet ihn, er möge es doch in die Stadt bis zur St. Martinskirche tragen; dann sei es erlöst, und er bekomme all' seine Schätze. Viele haben solches schon probiert, aber keinem ist bis jetzt der Versuch ganz gelungen. Gewöhnlich brachte man das Fräulein nur bis zum Gottesacker; dann wurde es jedesmal so schwer, daß es nicht mehr weiter getragen werden konnte. Das Fräulein weinte bitterlich und kehrte traurig zu seinen Schätzen zurück. Man meint, es sei bei Lebzeiten nicht fleißig in die Kirche gegangen, und darum sei es auch jetzt noch so schwer zur Kirche hinzubringen. 3) Im oberen Jllerthal liegt auf einem grünen Hügel das Dorf Obermcnselstein, anmuthig von Bäumen beschattet. Nicht weit davon erheben sich ganz seltsam gestaltete, arg zerrissene Felsenschichten, die sogenannten „Gottesackerwände." In frühester Zeit dehnte sich hier eine weite, sonnige Alp aus, schön und üppig wie ein Garten. Die Kühe fanden auf ihr das köstlichste Futter; sie gaben so viel Milch, daß man Lebensrnittel in Hülle und Fülle hatte. Da wurden die Leute mitten in diesem Ueberflusse muthwillig und böse. Sie machten sich Kugeln aus Butter, kegelten damit und trieben sonst noch allerlei Unfug. Aber siehe! plötzlich nahte ein heftiges Gewitter heran; der Tag wurde zur Nacht, und feurige Blitze fuhren durch die Luft. Die Liefen der Erde thaten sich auf und verschlangen alles — Alpe, Menschen und Vieh. Wo früher Wachsthum und munteres Leben war, da stehen jetzt nackte Felsen und öde Steintrümmer. 4) In den Bergen zwischen Jmmenstadt und Staufen gab es vor hundert Jahren noch eine Menge Bergmännlein. Sie ließen sich sogar am hellen Tags sehen, trockneten ihre Wäsche und fegten den Hausrath. Wenn es nach längerem Regen gut Wetter werden wollte, machten sie Feuer und kochten, so daß man die kleinen Nauchwölklein deutlich sehen konnte. In der Allerseelen-Oktav und zu andern heiligen Zeiten jammerten und weinten die Männlein. Sonst waren sie aber ganz heiter, hatten am Jodeln und Jauchzen ihre Freude und gaben gerne an, wenn man ihnen zujauchzte. Oft kamen sie zu den Holzhackern, zeigten ihnen Weg und Steg und halfen sogar bei der Arbeit mit. Wenn aber ein Holzhacker zornig wurde und fluchte, dann wurden die Bergmäimlein böse und spielten ihm allerhand Schabernack. Bald machten sie, daß ihm die Axt von dem Stiele fiel; bald gaben sie dem Baume, den er fällen wollte, eine solche Richtung, daß derselbe in einen Dobel oder sonst recht ungeschickt zu Boden kam; bald führten sie den Arbeiter gar in eine dunkle Schlucht, aus der er nicht sogleich wieder herausfand. 5) Auf der Burg Tegelstein bei Lindau hauste in früherer Zeit eine stolze Baronin, die das gemeine Volk arg verachtete. Zu dieser kam einmal eine Pächtersfrau und bat um etliche Rosen aus dem Vurggarten, denn sie wollte ihrem verstorbenen Töchterlein einen Kranz winden. Die Baronin machte aber ein wildes Gesicht und sprach ganz barsch: „Pflücket mir Breimnesseln und windet sie zum Kranze; die gemeinen Leute sind der sreiherrlichen Rosen nicht werth!" Solch rohe Worte thaten der armen Frau sehr' wehe. Voll Herzeleid ging sie von bannen und sagte noch im Fortgehen: „Mögen Eure Rosen lauter Todtenkränze für Eure Töchter werden!" Allso geschah es auch. Bald darauf starben der Unbarmherzigen drei Töchter schnell nach einander. Diese konnten aber nicht im Grabe ruhen. So oft eines aus der freiherrlichen Familie dem Tode nahe war, sah man die drei Fräulein um Mitternacht unten in dem Burggarten, Kränze windend für das Sterbende. 6) Im Walde „Weihgäu" bei Lauingen zeigt sich hin und wieder eine weiße Klosterfrau. Sie hat ihre größte Freude daran, große Leute in dem Gehölz irre zu führen, oder ihnen durch schlechtes Wetter zu schaden. Die Kinder sieht sie aber sehr gerne, namentlich die Sonntagskinder, und fügt ihnen nicht das geringste Leid zu. Einst wollte eiil Knabe seinem Vater das Mittagessen bringen. Der Weg führt« ihn durch das Weihgäu. Da sah er auf einmal die weiße Frau in seiner Nähe. Sie winkte dem Kleinen freundlich und bot ihm viel Geld an, wenn er mit ihr gehe. Der Knabe folgte ihr und kam bald zu einem tiefen Gewölbe, in dem eine prachtvolle Goldkiste stand. 175 Doch siehe, auf der Goldkiste saß ein großer, schwarzer Pudel mit feurigen Augen; er trug einen goldenen Schlüssel in seinem Maule. Der Knabe erschrack so sehr, daß er den Topf mit dem Essen fallen ließ und eiligst davonsprang. Auch einem Wildschützen erschien einmal die Klosterfrau. Sein Hund zog ängstlich den Schweif ein und schmiegte sich winselnd an seinen Herrn. Die Frau schritt mit gehobenem Zeigefinger ernst und drohend auf den Wilderer zu. Dieser ergriff aber schnell die Flucht und gab von nun an sein unsauberes Geschäft auf. 8) Manche Leute in Schwaben erzählen gern von dem wilden Heere. Dasselbe ließ sich schon oft zur Nachtzeit höre», sagen sie, bald als wunderliche Musik, bald aber auch als fürchterliches Gerassel und Gepolter. Neugierige kamen in der Regel schlecht weg. So gingen einst mehrere Klostermägde von Kirchheim näch Nördlingen. Auf einmal vernahmen sie oben in der Luft ein Tosen, ein Sausen und Brausen, Lärmen und Pfeifen, Singen und Geigen, daß es einem wirklich Angst werden konnte. Die Mägde legten sich augenblicklich mit kreuzweis vor die Brust geschlagenen Armen in den Straßgraben. Eine von ihnen war aber srech, blieb stehen und schaute neugierig umher. Sie wurde von dem wilden Heere mit fortgenommen, zwei Stunden weit durch die Lust getragen und endlich neben einem Brunnen niedergelassen. Die andern Mägde fanden sie dort besinnungslos liegen. Neben ihr lagen yoch allerlei Sachen, die das wilde Heer aus der Luft herabfallen ließ. 7) Am hellen Tage offenbart sich das wilde Heer als Windsbraut. Wenn ein Landmann seine Pferde quält, oder seine Rinder hungern läßt, kommt schnell die Windsbraut und richtet auf seinen Feldungen mancherlei Schaden an. Ein Bauer im Unterland düngte einst seinen Acker mit Asche. Da er aber ein Grobian war, kam die Windsbraut, nahm alle Asche mit hinauf in die Luft und ließ sie anderswo in einen Sumpf oder Weiher falle». Ganze Flüchen hat sie auf diese Weise schon kahlgesegt und so manche Feldarbeit vereitelt. Im Oberlande wurde einmal die Windsbraut gar von einem alten Weibe hergezaubert. Letzteres hatte in aller Frühe an einem Biehbruiinen Aepfel gewaschen. Ein benachbartes Bäuerlcin sah dieses, und weil es Unheil befürchtete, ging es sogleich auf das Feld hinaus. Als die Windsbraut sich erhob, stand das Bäuerlein schon auf seinem Acker und rief: „Im Namen des Herrn! Mir darfst du nichts nehmen!" Der Sturm ging vorüber und that dem Bäuerlein nichts zu leide; die Aecker der Nachbarn wurden von ihm aber scharf mitgenommen. — Zum Schlüsse noch ein kurzes Wort. Mancher Leser wird vielleicht fragen: Sind diese Geschichtchen auch wahr? Ich antworte: Nein; sie sind eben Sagen, d. h. von dem Volke erdichtete Erzählungen. In dem Märchen werden Dinge verzaubert; in der Fabel kommen Thiere und Pflanzen zum Sprechen, und in der Sage läßt man oft die Toden geistern. Alle drei Stücke sind nur Dichtungen oder Gemälde der Phantasie; was sie aber enthalten, ist nicht selten ein goldener Kern in silberner Schale. 1 _ . . M i s e - l l e rr. (Das wahre Geburtsjahr Jes n.) Herr Professor Sattler in München legt in einer scharfsinnigen Erörterung in der „Allgemeinen Zeitung" dar, daß die Geburt Christi in das Jahr 749 »ach Erbauung Noins fällt, daß die christliche Zeitrechnung um 5 Jahre zu spät beginnt und daß wir statt !883 das Jahr 1888 schreiben sollten. Die christliche Zeitrechnung nimmt das Jahr 754 nach Erbauung Roms als Jahr der Geburt Christi an. Die Frage wurde endgiltig gelöst durch einige unansehnliche Kupfermünzen, welche Herodes AntipaS, einer von den Söhnen Herodes des Großen prägen ließ. Hat Herodes Agrippa dem Datum einer dieser Münzen gemäß im Jahre 40 nach Christus im 44. Jahre regiert, so muß er 4 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung seinem Vater Herodes dem Großen gefolgt sein, dieser also im Jahre 4. vor der christlichen Zeitrechnung gestorben sein. Da nun aber Herodes nicht im zweiten Jahre der Geburt Jesu, kurz vor Ostern gestorben ist, so müß Jesus, da Herodes der Große im Jahre 750 »ach 176 Erbauung Roms gestorben ist, im Jahre 749 nach Erbauung Roms, d. i. fünf Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung, geboren sein. Die Evangelien bieten uns hie- für vier Daten: 1) Jesus wurde unter der Regierung Herodes des Großen gegen das Ende desselben geboren; als der König starb, war Jesus noch ein Knäblein (Matthäus 2, 20). 2) Gleichzeitig mit der Geburt Jesu fand eine Volkszählung statt, die vonr Kaiser Augustus ausgeschrieben und von Quirinus, dein Präses von Syrien, vorgenommen wurde (Lucas 2, 1 und 2). Ausgeschrieben wurde die Volkszählung 746 nach Erbauung Roms, begann sie 747, so konnte es leicht Dezember 749 weroen, bis sie über die großen weitentlegenen Centralpunkte hinaus Jerusalem erreichte. 3) Johannes der Täufer begann seine öffentliche Wirksamkeit im fünfzehnten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius und taufte in diesem Jahre Jesum (Lucas 3, 1—22). Kaiser Augustus hatte im Februar 766 Tiberius zum Mitregenten erhoben und ihm das Imperium Procon- sulare in allen Provinzen übertragen. Gemäß dieser Mitregentschaft begann das fünfzehnte Negierungsjahr des Tiberius mit dem Februar 780. 4) Jesus war ungefähr 30 Jahre alt (Lucus 3, 23), als er im fünfzehnten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius und im sechsundvierzigsten Jahre des Herodianischen Tempeibaues (Joh. 2, 20) seine öffentliche Wirksamkeit begann. Der Tempelbau begann im Jahre 734 nach Erbauung Roms im Oktober. Zählen wir 46 dazu, so ergibt sich Ende 780 als erstes Jahr des öffentlichen Lebens Jesu, und ziehen wir von 780 (von 779 Jahren 10 Monaten und 17 Tagen) die 30 Jahre 10 Monate und 22 Tage, welche Christus bei Beginn seines öffentlichen Lebens zählte, ab, so bleiben 748 Jahre 11 Monate und 25 Tage — 25. Dezember 749 nach der Erbauung Roms als die Zeit der Geburt des Heilandes. An der Hand der astronomischen Berechnungen kommen wir zu dem Resultate, daß Jesus am 7. April 783 gekreuzigt wurde, und am 18» Mai in den Himmel aufgefahren ist. Demnach füllt das öffentliche Leben Jesu in die Zeit vom 17. November 780 bis zum 18. Mai 783, dem Tage seiner Himmelfahrt, und füllt, weil das Jahr 783 ein jüdisches Schaltjahr von 13 Monaten war, die Zeit von 2^ Jahren, oder ganz genau berechnet, die Zeit von 2 Jahren und 7 Monaten aus. (Narren-Liste.) Der Khalif Aron Erechid fragte seinen Hofnarren Bahalul, wie viel Narren es in Bagdad gäbe, und trug ihm auf, mit aller Genauigkeit eine Liste derselben anzufertigen. Bahalul entgegnete aber: „Das Verzcichniß würde zu umfangreich werden, und da mein Gebieter weiß, welch ein Feind der Arbeit ich bin, so will ich lieber eineListe der Klugen aufsetzen; die wird wahrhastig kurz genug werden» und mein Herr erfährt daraus doch, was er zu wissen wünscht, wie viel Narren Bagdad umfaßt." (Ein alter Ansiedler) in Texas erzählte neulich viel von den guten alten Zeiten. „Es wurde mir einst für ein Paar Stiefel eine Meile Land angeboten," sagte er — „Nahmen Sie den Handel nicht an?" — „Nein." — „War das Land nichts werth?" — „Es war das beste im ganzen Staat. Das Gras wuchs fünf Fuß hoch, ein kleiner Bach floß hindurch und in einer Ecke war eine noch unberührte Silbrrmine." — „Aver warum nahmen Sie es nicht an?" — Mit trauriger Stimme sagte der Alte: „Weil — weil ich keine Stiefel hatte." (Ueber Italien.) Ein Reisender kam aus Italien und wurde gefragt: „Welches wird wohl das Loos dieses herrlichen Landes sein?" „Da ist sehr viel los," gab der erstere zur Antwort, „nämlich Schulden zahllos, Steuern endlos, Volk geldlos, Schule konfessionslos, Verwirrung heillos, Lage trostlos, Presse gottlos, Theater schamlos, Sitten zügellos, Aufklärung hirnlos, Klöster schutzlos, Schwindelei maßlos, Geschäft creditlos, Literatur glaubenslos, Pöbel gewissenlos und obendrein der Teufel los." (Unüberlegt.) Professor: „Denken Sie sich also, meine jungen Freunde, daß beispielsweise mein Kopf die Erde vorstelle; wenn nun die Sonne am höchsten steht, dann halten die Bewohner meines Kopses Mittag!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarüchen Instituts von Dr. Max Huttler.