Nr. 23. 1883. »m „Augslmrger Posheituug." Mittwoch, 21. März N e L m rr t h l o s. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann .Hirschfeld (Fortsetzung.) Mitleidig ruhte Alida's Auge auf ihrer Tante. „Sie bereuen", sagte sie mild; „wohl Ihnen, daß noch der Strahl der Erkenntniß Ihre Seele zu durchleuchten vermag, o halten Sie ihn fest, diesen Strahl, daß er Ihr Herz gut und weich mache und ich verspreche Ihnen, den Theuren zu ersetzen, um den das Kleid der Trauer Sie umhüllt und der schwarze Schleier Ihr Haar schmückt; die Zeit, die ich erübrigen darf im heiligen Dienst der leidenden Menschheit, ich, will sie Ihnen-" Wie abwehrend streckte Frau von Solmitz dem Mädchen die Hände entgegen. „Nicht weiter, Alida, nicht weiter, Du zerreißest mir das Herz. Du weißt nicht Alles, was geschehen ist, seit Du von Solmitz flohest. Dein Kommen bringt neue Verwirrung in's Haus und ich bin abermals die Ursache. Wisse denn, Alida, Oscar, mein Sohn» er lebt!" Sprachlos starrte Alida in das Antlitz ihrer Tante; „er lebt, er lebt!" wiederholten ihre Lippen mechanisch» Dann aber, wie überwältigt von dem ungewohnten Glück, sank sie auf ihre Kniee nieder und heiße Thränen überströmten ihr Antlitz. „Allmächtiger Gott» wie reich machst Du nuch", drang es über ihre Lippen, wie ein heißes Dankgebet, „nicht Alles sollte ich verlieren, was meinem Herzen theuer war." Dann, sich erhebend, fuhr sie fort: „O laßen Sie mich zu ihm, zu dem neu Gefundenen, mir neu Erstandenen, lassen Sie mich ihn sehen, daß ich das Wunder glaube." „Du willst ihn sehen?" Schmerzlich zuckte es durch Frau von Solmitz Antlitz. „Alida, kennst Du nicht Oscar's Charakter? trotz aller Weichheit, aller Biegsamkeit, würde er unerschütterlich in dem Entschluß sein, Dir das Erbe Deines Vaters zurückzugeben, unbekümmert, ob Du ihm entsagen wollest, oder nicht!" „Das wird Oscar nicht thun", rief Alida eifrig, „er wird nicht als Almosen ein Geschenk aus der Hand ansehen, die er einst würdig genug fand, als die Hand seiner Gattin in die seine legen zu wollen, und die sich jetzt als treue Schwesterhand ihm entgegen streckt. Nun wird sein Herz nicht mehr von Zweifeln belastet werden, denn selbst jetzt, dessen bin ich gewiß, hat er Alida nicht vergessen, und glücklich werde ich sein in seinem Glücke, an jenem Tage, da ich Fanny von Ebersdorf meine Cousine nennen darf." „Du darfst es, Alida", flüsterte Frau von Solmitz tonlos — „denn heute, vielleicht in eben diesem Augenblick, bietet mein Sohn der Baronesse Herz und Hand — dort, blick hin, — dort sind sie." Starren Auges schaute Alida durch das Fenster; wie ein Dolchstich schnitt es ihr durch die Seele, denn unten Arm in Arm, anscheinend in tiefernstem Gespräch, schritten Oscar und Fanny von Ebersdorf eben vorüber und verschwanden um «ine Ecke. — 176 - „Er hat mich rasch vergessen!" Wie ein schmerzlicher Hauch drang es über ihr Lippen. — Eine lange Pause entstand, in ängstlicher Spannung ruhten die Blicke Herminen's von Solmitz auf Alida; konnte sie ihr enthüllen, welche neue Intrigue sie gewoben, um dem jungen Mädchen das Herz ihres Sohnes zu entfremden? Nein, sie durfte es nicht, sie fühlte, daß es die Ehre Aliden's gelte, sich in Oscar's Augen zu rechtfertigen, und dann schlich sich, wie ein nagender Wurm, zum ersten Male die Neue wie ein bitteres Gefühl in ihr Herz und so klein, so verächtlich kam sich die sonst so stolze Frau, der Waise gegenüber, vor. Alida war die Erste, die das Schweigen brach. Die Freudenthränen, die sie vergossen, da sie vernommen, Oscar von Solmitz sei dem Leben erhalten, sie waren versiegt und starr und trocken ihre Augen, todtenbleich ihr Antlitz. „Sie haben Recht", sagte Sie endlich, unter diesen Umständen dürfte Oscar jede Theilung von sich weisen; es ist besser, er sieht mich nicht mehr, mein Anblick könnte ihm trübe Erinnerungen in der Seele wecken; ich will zur Stadt zurückkehren und überlegen, wie ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden; ich kann ihm nicht Alles rauben, was er einst gehofft, sein eigen zu nennen. Sie sollen meinen Entschluß hören, für jetzt entscheide ich nichts; ohne meine Zustimmung darf Keiner die bestehenden Berhältnisse ändern. Und nun leben Sie wohl, gnädige Frau, lassen Sie um Leopold von Bernau willen uns scheiden ohne Groll, sagen Sie Oscar und Baronesse Fanny, daß ich sie segne und es hoffentlich einstens mir vergönnt sei, mich ihres Glückes zu freuen, wenn es ruhig und still geworden — hier und hier." Auf Haupt und Herz wies ihre Hand. Frau von Solmitz streckte der Nichte die hageren Finger entgegen; sie waren eisig kalt und zitterten. „Gehen Sie, Alida", sagte sie, und ihre Stimme klang fast tonlos, „und Gott lenke ihren Entschluß, Gott, der Sie segnen möge — und mir verzeihen." Sie wandte sich ab, es war ein Rest des alten Stolzes, der sich in ihr aufbäumte; sie wollte Alida nicht die Thränen zeige», die ihren Augen entflossen, Thränen der Reue, Thränen der Scham. Geräuschlos entfernte sich das junge Mädchen; nun schloß sich hinter ihr die Thür, sie war allein auf dem weiten, öden Korridor. Der furchtbare Schmerz, den sie stumm getragen, da sie die Kunde der raschen Verlobung Oscar's vernommen, er zuckt« noch in unsäglicher Qual durch ihr Herz. Wohl war sie stets bereit gewesen, seiner Hand zu entsagen, noch ehe sie das Familienband kannte, das sie mit ihm umwob, und jetzt hätte es sie so glücklich gemacht, in schwesterlicher Liebe die Freundin mit dem Vetter zu vereinen. Aber, daß er sie so rasch zu den Todten werfen konnte, daß er eS nicht einmal der Mühe werth hielt, der Spur nachzuforschen, die ja leicht zu erkunden war, daß er solche Eile hatte, seine Verlobung abzuschließen — das schlug ihrem Herzen die tödtliche Wunde, das wirkte wie ein betäubender Schlag, der ihre Geisteskraft zu lahmen drohte. Nur einen Gedanken vermochte sie zu fassen — nicht dem jungen Paare zu begegnen, das sie vom Fenster aus bemerkt hatte, ihr Anblick sollte ihn nicht mahnen, daß er nur allzurasch vergessen, was er ihr gelobt, ihr bleiches Antlitz ihm nicht als ein stummer Vorwarf entgegentreten. Mit der Oertlichkeit des Schlosses vollkommen vertraut, wühlte sie den entgegengesetzten Weg, den Oscar und Fanny von Ebersdorf eingeschlagen hatten, sie wollte von der Hinterpforte aus durch den Park unbemerkt das Schloß verlassen. Vorsichtig, aufmerksam auf jeves Geräusch, schlich sie dahin, wie mit Freundesaugen grüßten sie die Blumen, ihre Hand hatte sie gepflanzt, hatte sie genetzt, wenn die Sounen- gluth ihnen mit Verwelkung drohte; mit lustigem Schlag riefen ihr die Vüglein von den 179 Zweigen ein Willkommen zu, sie hatten sie lieb, das bleiche holde Kind, das sie erblühen sahen von Jahr zu Jahr, wenn sie heimkehrten aus wärmeren Sphären zum Sommer des Nordens; Alida verstand nicht die Sprache, der sie sonst so gern gelauscht; eine Fremde hatt« Hermine von Solmitz sie einst genannt, jetzt gehörte sie zum Hause, des Geschlechtes Wohl und Wehe lag in ihrer Hand, und doch war's ihr, als sei sie nimmer hier so sremd gewesen als heute, als sei sie eine Ueberflüssige, Ausgestoßene, die nur gekommen, sein Glück zu zerstören und Verderben zu bringen. Weiter und weiter war sie gelangt und Keiner hatte sie bemerkt; nun war sie an jenem Ort, wo sie die treue, redliche Werbung des Oberlieutenants vpn Alten abgewiesen hatte, um Oscar's willen; vor ihren Blicken lag crystallhell, von der Sonne bestrahlt, daß er schimmerte wie flüssiges Gold, der Teich und in des Pavillons Fenstern leuchtete eS im Widerscheine der Himmelskugel blitzend wie in tausend und abertausend Diamanten. Ihr Fuß blieb wie gefesselt stehen, die Erinnerung überkam sie in ihrer ganzen Macht; aber neben der Vergangenheit schmerzlichen Bildern stieg die Zukunft noch düsterer vor ihrer Seele auf. So allein, so verlassen fühlte sie sich, wie noch nie. Wie wenig sie Oscar galt, das wußte sie jetzt; nur der Impuls des Augenblicks, nur das Bewußtsein des älteren Rechtes an seiner Zuneigung, hatten ihn vermocht, ihr seine Hand anzubieten und seine schwache Seele war froh, sobald sie die Fessel löste. „O, hörte er nie mehr von mir", klang es in ihrer Seele, „wäre ich allem Leid entrückt und droben bei meinen Eltern, dann wäre ja alles gut und Oscar unbestritten der Erbe.« „Und ist des denn so schwer, zu ihnen zu gelangen, ist's denn so schwer, den Frieden zu gewinnen, nach dem mein Herz sehnt?« Wie ein düsterer Geist breitete ein furchtbarer Gedanke, der Hölle entstiegen, seine schwarzen Fittige über Alidens's Seele aus. „Wenn ich todt wäre — dann brauchte die Tante nicht mehr zu fürchten und Oscar nicht, selbst wenn er es annehme, ein Geschenk der Großmuth aus meiner Hand zu empfangen.« Sie starrte in die Tiefe, wie lachte und lockte es ihr entgegen, wie schön mußte es dort unten sein — am Grunde zu liegen still und starr, wie lindernd die dumpfe Schwere, die ihr das Haupt betäubte, wie eine Last bedrückte. So seltsam war's ihr zu Muthe» ihr schien es, als streckten sich Geisterhände hervor, aus der goldstrahlenden Tiefe ihr winkend, und leise Stimmen murmelten; „Komm, komm«, tiefer neigte sie lauschend ihr Ohr — so süß klang es, so lockend. „Ich komme, ich komme!« „Fräulein! Um Gotteswillen, Fräulein, was thun Sie?« Die kräftigen Arme eines jungen Mannes, dessen etwas schleppender Gang ein Stock unterstützte, riß das halb bewußtlose Mädchen vom Teichrande hinweg. «Erkennen Sie mich nicht?" fragte er» als Alida ihn groß und verwirrt anstarrte« „Ich bin ja Paul Halse», der Solmitzer Müllerssohn. Vor einer Stunde langte ich, von meiner Wunde geheilt, bei meinen Eltern an und zu meinem Jubel vernahm ich» daß auch mein lieber, junger gnädiger Herr dem Leben erhalten geblieben. Da machte ich mich auf, ihn zu begrüßen und wählte der Kürze halber den Parkweg, es war Gottes Hand, die mich leitete. Fräulein, Fräulein, noch einmal frage ich Sie, was wollten Sie thun?" „Eine elende, schlechte That, Paul, eine That, die mich dem ewigen Gerichte als Schuldige überliefert hätte. Der böse Geist, der hinter dem Menschen steht, jeden Augenblick bereit, den Staubgeborenen bei einer Erdenschwäche zu fassen, er hatte sich meiner bemächtigt und meine Sinne getrübt. Nein, nicht von mir werfen will ich mein Dasein in eitlem Jammer, das ich der leidenden Menschheit gelobt. Die Hand Gottes, Du sprachst es aus, Paul Halsen, sie war es, die mich durch Dich vom Abgrund rettete; überwunden ist der Schmerz der Seele, überwunden die furchtbare Versuchung.« 180 Paul blickte sie ängstlich an. „Man kommt!" sagte er hastig, „ich bitte Sie dringend, lassen Sie sich so nicht finden, Sie" sind bleich wie eine Leiche, ein Jeder würde aus Ihrem Antlitz lesen, daß etwas Ungewöhnliches hier vorgefallen. Kommen Sie in den Pavillon, sich einen Augenblick zu erholen und Fassung zu gewinnen. Sie bedürfen ihrer, kommen Sie, ich bitte Sie, theures Fräulein." Willenlos, wie ein Kind, ließ Alida sich von dem getreuen Paul fortziehen; sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe, da sie auf des jungen Mannes Arm sich stützend den Pavillon betrat und dort, bis zum Aeußersten erschöpft, auf das kleine Sopha sank. Näher und näher kamen die Schritte. Paul Halsen war nicht in geringer Aufregung; wenn man den Pavillon betreten sollte — Plötzlich schreckte das junge Mädchen empor; bekannte Stimmen drangen an ihr Ohr, Oscar von Solmitz und die Baronesse Fanny von Ebersdorf waren die Kommenden. Deutlich drang die klare melodische Stimme des jungen Mannes bis in das Innere des Pavillons. „Lassen Sie uns hier Platz nehmen, liebe Fanny", sagte er, „ich fühle mich etwas erschöpft und habe Wichtiges mit Ihnen zu rede», ehe mich die Pflicht in den Saal ruft, iHeine Unterschrift zu dem traurigen Akte zu geben, der meine» Oheim, Leopold von Bernau, zu den Todten wirft." Auf die Bank unter den Fenster des Pavillons, auf der einst Alida gesessen, da Edmund von Alten ihr Herz und Hand angetragen, fließ sich das junge Paar nieder, vom goldenen Sonnenschein umstrahlt. „Sie sehen, lieber Oscar, ich bin Ihnen willig gefolgt, da Sie mich um eine Unterredung baten, jetzt reden sie frei und unbekümmert, denken Sie, eine Freundin, eine Schwester sei es, die Ihnen ihre ganze Seele öffnet; denn ich kenne Sie, nichts Böses kann es sein, das Sie mir zu vertrauen haben." „Sie haben Recht, wie immer, Fanny", rief Oscar, „ja, gießen Sie Trost und Balsam in mein krankes Herz, daß es sich zu neuem Dasein erschließe." „Armer Freund!" sagte das junge Mädchen leise, „Alida heißt die Wunde." „Ja, Alida", rief Oscar stürmisch, „Alida die Vergangenheit und Fanny meine Zukunft, aber wie beide Namen sich wie eine Kette in meiner Seele verknüpfen, so kann ich auch jetzt mich noch nicht des Glückes der Zukunft freuen, ehe ich überzeugt, daß ich mit der Vergangenheit brechen darf. Fanny, die Tugend, die Aufrichtigkeit sind Sie selber, antworten Sie mir, was wissen Sie von Aliden's Verschwinden?" Fanny seufzte. „Was ich nimmer geglaubt, hätte Ihre Mutter selber es nicht angedeutet. Nachdem der Oberlieutenant von Alten um ihre Hand geworben, habe sie, seiner Weisung folgend, plötzlich das Schloß verlassen, wahrscheinlich um sich zu seiner in Süd-Frankreich lebenden Schwester zu begeben. Die ersten Spuren deuteten darauf hin, später seien diese im Gewirr des Krieges verschwunden." Wie ein erstickender Aufschrei klang es vom Innern des Pavillons, aber die jungen Leute draußen im Sonnenlicht achteten nicht darauf, zu ernst, zu wichtig war ihnen das Gespräch, das ihre Seele erfüllte. „Ganz recht", entgegnets Oscar, „so ward auch ich berichtet, mehr noch, ein Brief Eduard's, augenscheinlich nach Aliden's Verschwinden gefunden, ward mir von Streland eingehändigt, der mich vollends überzeugen sollte. Und doch, Fanny, doch vermag ich noch nicht zu glauben. So hold, so rein, so treu steht Aliden's Bild vor nieiner Seele, daß ich erröthe, es mit einem häßlichen Fleck zu belasten." „Hören Sie, was ich gethan; In diesem Augenblick befindet sich ei» treuer, ergebener Freund bei der Schwester des Verunglückten, er soll prüfen, er soll forschen; täglich erwarte ich seine Antwort, Keiner, selbst meine Mutter weiß nicht, daß ich diesen Schritt gethan." 181 „Es ist ein guter Schritt, Oscar", rief Fanny innig, „möge Gott alles zum Guten lenken." Der junge Mann preßte warm die Hand der Baronesse. „Sie sind e,n edles, gutes Mädchen, Fanny, nun lassen Sie mich ganz mein Herz ausschütten." „Ich höre"; ein unwillkürliches Errathen überflog die feinen Züge der Baronesse, sie mochte ahnen, was kommen werde. „Mit Alida Barfeld seit meiner Kindheit emporgewachsen", nahm Oscar von Neuem das Wort, „war sie als meine Gespielin, wie es so oft geschieht, auch der Gegen« stand meiner jugendlichen Neigung, ich liebte sie warm und innig und glaubte das höchste Glück zu genießen, wenn es mir vergönnt sei, sie einst meine Gattin nennen zu dürfen. Da wurden Ihre Eltern unsere Gutsnachbarn, Fanny, da sah ich Sie, und auch zu Ihnen zog mich mein Herz in mächtiger Neigung; nicht, daß ich Alide weniger geliebt, aber alle guten, alle edlen Gefühle meiner Brust theilten sich zwischen Ihnen, und den- nocb unglücklich genug machte mich dieser Zwiespalt, genug der Stunden höchster Verzweiflung verursachte es mir. Aber Alida Barfeld hatte ältere Rechte, und nimmer, so hold Fanny von Ebersdorf als lieblicher Stern mein Dasein durchleuchtete, hätte ich einem anderen, als dein Mädchen meine Hand gereicht, das den Schwur meiner Treue empfangen." (Schluß folgt.) Zur Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichner. V. Das Stadttheater zu Anfang unseres Jahrhunderts. ^ Als im Jahre 1776 das neue Stadttheater, welches dann sehr lange Zeit hindurch das „alte" in Augsburg blieb, erbaut und durch die Schopf'sche Gesellschaft am 16. Oktober eröffnet »norden war, wurde zugleich gar Mancherlei geändert und aeregelt, was Be« dingungen und Anordnung betraf. Der Direktor hatte fortan nach erhaltener „Pernüssion" 400 Fl. Kaution (später bald auf 100 herabgesetzt) dem Almosenamt zu erlegen, wovon er die Hälfte bei recht« zeitiger Eröffnung der Bühne» den Nest indessen erst bei seiner unbeanstandeten Abreise zurückerhielt. Außerdem hatte er für jedesmaligen Gebrauch des Theaters 16 Fl. zu entrichten — später, als das Almosenamt nicht mehr die Beleuchtung und das Theater- Dienstpersonal besorgte: 10—12 Fl. — und die Kosten für Bühnen- und Orchester- Beleuchtung, Musik, für „Kassa und Cinfeurung", sowie für die Theaterzettel zu tragen, mit der besondern Verpflichtung, auf diesen Zetteln mindestens zweimal dein Publikum bekannt zu geben, daß es: „den Theater-Personen nichts borgen solle." Endlich waren bestimmte Frei-Logen und Frei-Billets dem Almosenamt rc. rc. ausbedungen, und vom hohen Rath eine große Anzahl verbotener Spieltage — in Summa etwa 140, darunter z. B. auch alle Sonntage — festgesetzt; »vas die aufzuführenden Komödien anbetrafl so ward dem Direktor vorgeschrieben: „nur regelmäßige, unanstößige Stücke, Ballete und Opern aufzuführen" ; der Beginn der Vorstellungen geschah damals noch ziemlich früh am Abend: 6 Uhr ist die späteste Zeit, welche wir bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts verzeichnet finden, und das Eintrittsgeld betrug für die ganzen Logen 2 und 3 Fl., für den einzelnen Logenplatz 1 Fl., für erstes Parterre und mittlere Galerie 30 Kr., für Weites Parterre und Seitengalerie 6 Kr. (Sperrsitze gab es dazumals noch nicht); außerdem aber stand an der Eingangsthür zum Theater ein vom Almosenamt aufgestellter „Bixenheber" mit seiner klappernden Blechbüchse zum Besten der Armen. Und nun sehen wir bis zum Jahre 1795 Thsatergesellschaften verschiedener Lluan- titüt und Qualität die „Permiision" erhalten, sich mit ihren Künstlern zu produziren, deren Personal zwischen den Zwanzigen, Dreißigen und Vierzigen hin- und herwechselte; die Zahl der Stücke ergab im Allgemeinen eine sehr verschiedene Ziffer, da durch die be- — 182 - schränkte, oft durch längere Pausen unterbrochene Spielzeit der Aufenthalt der betreffenden Gesellschaften von verschieden langer Dauer war, sich auch nach mehrmonatlicher Zwischenzeit zuweilen wiederholte. Dadurch gestalteten sich oft mehrere „Saisons", als Vorläufer der späteren regelmäßigen Winter- und Sommer-Saison, und die Zahl der Stücke während dieser verschieden langen Spielzeiten (3—7 Monate durchschnittlich) wechselte meist zwischen 30 und 80, ja, es wurde sogar die Höhe von circa 100 erreicht. An besonders Hervorzuhebendem während der ersten zwanzig Jahre des alten Stadt- Theaters — von 1776 bis 1796 — treffen wir auf Mancherlei des heut' zu Tag Befremdlichen, z. B. bei einer Gesellschaft vom Jahre 1781, als Ueberreste einer ehemaligen „Kindertruppe", eine ungewöhnlich große Anzahl von weiblichen Kräften, welche spielten, fangen und tanzten, darunter vier, die von Jugend auf nur Männerrollen gaben; die besten Künstler dieser Gesellschaft erhielten pro Woche eine Gage von 9 Fl.! Unter der folgenden Direktion — anno 1782 — geschah das Kuriosuin eines förmlichen Scharmützels zwischen dem Direktor in höchst eigener Person nebst Sicherheitswache und den die Theaterbesucher abholenden Dienern und Mägden; letztere wollten nämlich sammt ihren Fackeln und Laternen in's Parterre eindringen, um dort — anstatt draußen — den Schluß der Vorstellung abzuwarten» und widersetzten sich durch höchst energische Thätlichkeiten, als man sie davon hindern wollte. Bemerkenswerth ist auch die Direktion Dobler mit ihrer „durch Kunst, Statur und Moralität berühmten Komödiantentruppe", bestehend aus einem Personale von 31 Mitgliedern und einem der üblichen Kinder (meist waren es 2—3, zuweilen auch mehr noch), welche vom 23. September 1782 bis zum 4. März 1783 nicht weniger als 95 Stücke aufführte, und über die ein „reisender Kritiker" jener Zeit sich folgendermaßen äußerte: „Wenn ein Prinzipal beinahe jeden Tag seinem Auditorium etwas Gutes und Neues «ufschüsselt, und dennoch fast lauter leere Bänke vor sich siehet, ist's am Ende denn da ein Wunder, wenn ihn dies Unglück trifft, woran schon so mancher Prinzipal gestrandet? u. s.w." Und allerdings strandete noch so mancher an „diesem Unglück", nämlich an den leeren Bänken» denn nicht nur dieser eine Direktor erlitt allein vom 30. Dezember bis 14» Januar den für damalige Zeit gewiß nicht unbedeutenden Verlust von 459 Fl. 45 Kr.; er kam verhältnißmäßig noch gut davon. Auch das Almosenamt beklagte sich bitter über den ungünstigen Theaterbesuch, da es öfter vorkam, daß die Direktoren ihre Abgaben nicht zahlen konnten. Trotzdem kehrten etliche der Gesellschaften wiederholt zurück, wenn sie auf's Neue „Permission" erhielten, obwohl es manches Mal geschah, baß sie an Beifall reicher als im Geldbeutel die Stadt verließen. Im Jahre 1789 erfahren wir auch von einer Gesellschaft, welche — „silhouettirt" wurde, wie gegenwärtig die Künstler photographirt werden; es war im vorigen Jahrhundert bereits eine beliebte Sitte geworden, hervorragende Künstler durch Portraits in Form von Kupferstichen oder Silhouetten zu verewigen, und besonders in Augsburg gelangten durch einen Zeichenlehrer und einen Kunsthändler sogar ganze Gesellschaften auf diese Weise in die Hände und den Besitz des theaterfreundlichen Publikums. Nachdem von 1776 bis 1790 circa zwölf Direktionen zusammen 892 Stücke zur Darstellung gebracht hatten, erschien Oktober 1790 der Direktor Josef Voltolini mit einem Personal von 43 Mitgliedern und 3 Kindern. Sie spielten (bis März 1791) 74 Stücke, unv erfreuten sich der Theilnahme in so hohem Grade, daß die Direktion es wagen durfte, drei aufeinander folgenden Wintern, jedesmal 4—5 Monate vas Feld zu behaupten. Es war allerdings eine gute Gesellschaft mit tüchtigen Kräften, welche nicht nur die neuesten und besten Erezugnisse damaliger Zeit auf dem Gebiet des Trauer- und Lustspiels zur Darstellung brachte, sondern auch größere und kleinere Opern und Ballets. Damals begann auch der Hervorruf für Leistungen, die dem Publikum besonders gut gefielen, gebräuchlicher zu werden; auch findet sich zum ersten Male eine Vorstellung bei „erhöhten Preisen", als „die Zauberflöte" von Mozart 1793 aufgeführt wurde. Die Spieltage waren imnzer nur; der Montag, Dienstag, Donnerstag oder Freitag — Sonntags durste nicht gespielt werben. Die Theaterzettel waren meist mit einer sehr beredten, schwungvollen Reclame für das betreffende Stück, zuweilen auch mit der vielsagenden Bemerkung versehen: „Jedermann wird ersucht, keine Hunde in's Schauspielhaus mitzunehmen!" — M«„ — „mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zn flechten, und das Unglück schreitet schnell!" Das Schicksal, welches der Direktion Loltotini in Augsburg drei Jahre hintereinander hold gewesen war, sollte ihr schließlich um desto treuloser den Rücken wenden. Als im Jahre 1794—95 Herr Josef Loltoltni wiederum aus dem Schauplatze erschien, diesmal — da er selbst für Negensburg verpflichtet war — durch Vertretung, in Gestalt seiner Gattin: Madame Friederika Voltolini mit 26 Mitgliedern und vier Kindern, ging die Gesellschaft, trotz aller Anstrengung, schließlich doch zu Grunde. Ein erhalten gebliebener Brief des armen Voltolini, einige Zeit vor Ausbruch des Bankerotts an eines seiner Mitglieder geschrieben, lautet, als eine Art von Vorbote, wie folgt: „Daß Schücksall, so mich trif zwing mich dazu ihnen zu ersuchen, sich in Zeit von heut an 6 Wochen um ein anderes umzusehen, Gott weiß es thut mir leud ihnen so was zu sagen, allein ich kann es nicht enderen, ich muß meine Gesellschaft suchen zu verkleinern, «einen sie es nicht übel, allein Umstenden zwingen mich dazu. Ihr wahrer Freund Voltolini." — Das Ende vom Liede war, daß 1795 die Gesellschaft sich auflösen mußte; Madame Friederika Voltolini verblieb in sehr dürftigen Umständen in Augsburg, d. h., sie fristete ihr späteres Leben dort durch Vermiethen von Zimmern, Kochen und Waschen für Schauspieler, eventuell auch durch deren Wohlthätigkeit. — Der Fall Voltolini, im Verein mit allerlei Nebenumständen und vorangegangenen ähnlichen Erfahrungen, veranlaßten aber doch nun die Nothwendigkeit energischen Eingreifens in die theilweise auch durch die Ungunst der Zeitverhältniffe veranlaßten, ungünstigen Theaterverhältniffe. So stellte sich denn eine Art von Comits, gebildet von dem Adel und sonstigen Patriziern und Notabilitäten Augsburgs, als „Entrepreneurs" an die Spitze der Leitung, woran der Neichsgraf Josef Fugger von Kirchheim, welches — statt der bisher reisenden Gesellschaften ertheilten Conzession — selbst die Sache in die Hand nahmen, indem sie alles Mögliche in's Werk setzten, um ein Theater, Augsburgs würdig, herzustellen. Weder Mühe noch Geld wurde gespart, um von überall her brauchbare Mitglieder zu verschreiben und kommen zu lasten; zwei Regisseure — für das Schau- und Singspiel — wurden eingesetzt, ein verstärktes Orchester mit bestimmter Jahres-Gage gebildet, und die Contrakte mit den Schauspielern gleich auf ein ganzes Jahr geschlossen; auch auf Dekorationen wurde große Sorgfalt, ja sogar Glanz verwendet, und das ganze Unternehmen, das auf Aktien gegründet war, durch feste Gesetze geregelt. Die „Entrepreneurs" hatten dir Conzession gleich auf sechs Jahre erhalten, aber — die böse Zeit, die böse» Franzosen und das böse Geld, das die Sache verschlang, machte ihr schon im selben Jahre — 1796 — den Garaus, d. h>, es wurde Alles dem bisherigen Oberregisseur für eigene Rechnung übergeben. Mit wechselndem Glücke spielten nun während der folgenden, kriegerischen Jahre verschiedene Direktionen, darunter von 1803 bis 1806 viermal hintereinander die Direktion Vanini, eine Gesellschaft, deren zahlreiche Mitglieder fast nur aus den Bestandtheilen zweier verwandter Familien sich zusammensetzte. Bemerkenswerth ist» daß damals der zweite Opernversuch Karl Maria's von Weber (der Componist zählte zu jener Zeit siebzehn Jahre): „Peter Schmoll" in Augsburg zur Aufführung gelangte. Ferner ist ein Theaterbrand aus dem Jahre 1803 zu verzeichnen, freilich nur des hölzernen Puppentheaters auf dem Obstmarlt, dessen Leiter der letzte der Meistersinger: Sartor, war, welcher als Ueberbleibsel des ehemaligen, deutschen Hanswurst, dort seine sehr derben Schwünke gegen ein Eintrittsgeld von 1 Kr. per Akt zum Besten gab. Man hatte bisher noch immer ein Auge zugedrückt, wenn es der in seiner Weise vortreffliche, nun bald 74jährige, greise Hanswurst nicht gar zu toll mit seinen Späffen trieb, es war ihm aber zur Pflicht bei der alljährlichen „Permission" gemacht worden, jegliche „Zote", bei Strafe' der Conzessions-Entziehung, zu unterlassen, ja er hatte endlich — anno 1790 etwa — seine Puppenkomödie vor der Aufführung dem Bürgermeisteramts Zur Begutachtung, beziehungsweise „Censur", einreichen müssen. Als nun aber der Zufall sich selber in's Mittel legte, und bei einer großen, kriegerischen Darstellung durch die dazu gehörigen Schüsse die Papier-Dekorationen und dadurch das ganze Bretter-Theater in Brand versetzte, da trieben die Flammen auch die Ueberreste des letzten, eigentlichen, deutschen Hanswurst von Augsburg aus seinem letzten Schlupfwinkel, in den er sich geflüchtet, hervor, und er verschwand auf Nimmerwiedersehen in seiner althergebrachten Form und Gestalt! Der letzte der Augsburger Meistersinger und Hanswurste erhielt nun nicht mehr die „Permission" sein hölzernes Puppen-Theater neu zu errichten, dafür aber durfte er drei Tage lang bei der gesammten Bürgerschaft zu seinem eigenen Nutz und Frommen sammeln gehen. „Die Kunst geht nach Brod!" — Dasselbe hätte fast auch der Direktor Vanini mit seiner ganzen Gesellschaft thun müssen, wenn ihm dazu die „Permission" ertheilt worden wäre, wenigstens durfte er schließlich im Jahre 1806 nach dem vierten Jahre seines Wirkens froh sein, daß er die „Permission" zum Rückzüge erhielt, bevor seine Zeit eigentllich abgelaufen war, nachdem er sich schließlich genöthigt sah, mit seinen Gläubigern gerichtlich zu akkordiren. Die Gesellschaft welche ihn ablöste, stand unter der Aegide einer weiblichen Direktion von Adel, wie denn überhaupt weibliche Direktoren oder Theilhaber, ebenso wie adelige Namen, hier und da auftauchten, welche zu Anfang des Jahres 1806 mit großem Glan e ihren Einzug hielt. Sie besaß nicht nur eine schöne Equipage und ein Reitpferd, die „Frau Baronin Lina von Schleppegrell", prächtige Garderobe und eine große Bibliothek, sondern auch das bedeutende Personal von 49 Personen und 3 Kindern. Der Aufwand dieser noblen Direktion war indessen ein so arger, daß die Wirthschaft naturgemäß nur wenige Monate so fortgehen konnte, — dann verließ die einst so glänzend eingezogene Direktorin zu Fuß mit einem Bündelchen die Stadt, während die Gläubiger leer ausgingen, und die Mitglieder in sehr übler Lage sich befanden. So waren im Laufe dieses einen Winters zwei Direktionen banquerott geworden, — ein Glück, daß unter der nun folgenden Gesellschaft wieder eine bessere Zeitperiode anbrach sür das alte Augsburger Theater; für eine Weile wenigstens, diene die Wahrnehmung, daß solche Katastrophen nicht vereinzelt blieben, sondern von Zeit zu Zeit sich regelmäßig wiederholten, sollte auch in Zukunft sich bemerkbar machen, und nicht nur bis zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Miseellen. (Dem Verdienst seine Krone.) Der Kaiser von Oesterreich hat kürzlich einer Hofdame, der Gräfin Kornis, den Titel einer Geheimräthin verliehen. Sollte dieses Beispiel Nachahmung finden, so müßte man für die Folge darauf bedacht sein, die betreffenden Titel den Eigenthümlichkeiten und Fähigkeiten der Auszuzeichnenden möglichst anzupassen. Es müßte demnach beispielsweise ernannt werden: eine excellente Köchin zur Gerichtsräthin; eine Dame, welche ihre Stuben in vorzüglicher Ordnung hält, zur Cabinetsräthin; eine Dame welche auf dem Markte gut zu handeln versteht, zurCommer- zienräthin; eine Frau, welche sich gern putzt, zur Staatsräthin; eine solche, welche im Hause das Regiment führt, zur Negierungsräthin; eine andere, welche es liebt, sich die Cour machen zu lassen, zur Hofräthin; ein klatschsüchtiges Weib zur Botschaftsräthin. (Für Atheisten.) Ein Darwinianer entwickelte in einer Gesellschaft dessen Theorie von der Abstammung der Menschheit. „Nun," sagt einer der Anwesenden „mir genügt es zu wissen, daß meine Voreltern im Garten Eden gelebt, suchen Sie immerhin die Ihrigen im zoologischen Garten." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.