Nr. 24. nterüttktuntigi-ktttt »ur „Äugslmrger pojheituug." Samstag, 24. März 1883. O ft e r m o r g e n. O Stern in dunkler Nacht! Wer hätte das gedrcht, Bei deiner Jünger Kummer, Daß nach so kurzem Schlummer Dein Morgen würde tagen Und alle Furcht verjagen! In Thälern und auf Höhn Schon viele Blümlein stehn, Manch Blumenglöcklein heute Mit lieblichem Geläute Beruft zum Frühlingsieste Bon allen Seiten Gäste. Doch keine schönre blüht, So weit die Sonne glüht, Als jene Saronsbluine, Die heut' zu ew'gem Ruhme In Joseph's stillem Haine Entsproßt' im Morgenscheine. Ihr Menschen, seht euch um: Ob solche Frühlingsblum' In irgend einem Garten, Den kluge Hände warten, Die Hülsen abgestreifet, Und so behend gereifet? Das muß ein Frühling sein Von Gottes Gnadenschein, Den eine solche Blüthe Verkündet dem Gemüthe; Ein Frühling der Genesung, Ein Sommer der Erlösung I Wie wird in kurzer Zeit Auf Erden weit und breit Ein Blümlein nach dein anderi Aus seinem Grabe wandern, Und selbst in Felsenspalten Den Himmels glänz entfalten! Und wenn sie weiß und roth Erstehen aus dem Tod; So laß', o ew'ge Güte, Auch mich als eine Blüthe, Wo deine Düfte wehen, In deinem Garte» stehen! Chr. G. Barth. Heimathlos. Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann Hirschseld. (Schluß.) „Da kam das Scheiden, zum ersten Mal weilte ich entfernt von den beiden Wesen, denen ich gleiche Neigung weihte und da, Fanny, da ward es klar in mir, da überkam das Gefühl der Wahrheit mit ganzer Macht meine Seele. Wie eine theure Schwester liebte ich Alida — Sie aber, Fanny, sehnte ich zu begrüßen, mit dem holdesten der Name», mit dem Namen meiner Braut. Und doch, nimmer hätte ich Ihnen offenbart, was in mir zur Gewißheit geworden und nie hätte Alida es empfunden, was mir die Selbsterkenntniß gesagt, hätte ich sie 186 auf Solmitz angetroffen, als ich schwer verwundet heimkehrte. Und Fanny, — Jh» edle Seele wird mich verstehen, — ist Alida unschuldig an dem, was man ihr zur Last gelegt, trieb irgend eine Intrigue sie aus diesem Hause, dann gebietet inir es die Pflicht, alles aufzubieten, den Widerstand meiner Mutter zu besiegen und mein Wort zu lösen. Trifft sie aber ein Vormurf, verließ sie schnöde, des sichern Vortheils halber ein Haus, das ihr Liebe» das ihr ein Heim geboten, konnte sie so rasch vergessen, daß sie mir gelobt zu bleiben, bis ich heimgekehrt, dann, Fanny, lassen Sie mich zu Ihnen flüchten — dann seien Sie mein Eines und mein Alles, und lasten mich Aliden's Bild aus jenem Traum streichen, den ich so gern geträumt, wenn ich mir ein holdes Bild des Glückes ausmalte: Sie, Fanny, als Gattin mir zur Seite und Alida als Freundin, als Schwester unserm Kreise eng verbunden — es war ein Traum — und wie es immer kommen mag, ein Traum wird's ewig bleiben.* Ein Aufschluchzen ertönte hinter den beiden jungen Leuten, daß sie erschreckt empor fuhren. — Auf der Schwelle des Pavillons, vom Sonnenschein bestrahlt, stand Alida, das Antlitz von Thränen überströmt; wie segnend breitete sie die Hände aus. Hinter ihr erhob sich die Gestalt Paul Halsen's. „Alida!" rief Oscar, der nun das junge Mädchen bemerkte, „Alida, Du hier? Du hast vernommen? — —" „Ja, Oscar, ich hörte Alles, und nicht länger vermochte ich an mich zu halten. Oscar, das Gefühl, das Dich leitete in Deinen Neigungen, das Gefühl, das mir selber zur Richtschnur diente, da ich niemals Deine Hand beanspruchen wollte, es war das rechte. Und beiden darfst Du gehören, der holden Fanny als Gatte und mir als Freund und Bruder, denn Bande des Blutes verknüpfen uns enge, — soeben überreichte ich Deiner Mutter und denn Herren vom Gericht die Beweise meiner legitimen Herkunft: ich bin die Tochter Leopold's von Bernaul" Wie ein Jauchzen der Freude entrang es sich der Brust Oscar's: „Alida, Du meine Cousine!" rief er, „o, nun ist ja alles gut, alles! und doch, nein", fügte er hinzu, die Hände zurückziehend, die er dem jungen Mädchen entgegengestreckt hatte, wie zu innigem Umfangen, „als Du Solmitz verließest, um Herrn von Alten's Weisung zu folgen, da warst Du ja nichts als Alida Barfeld, die mir Treue geschworen und sie brach — das kann ich nimmer vergessen." „Du hast gezweifelt, ob ich schuldig, Oscar", sagte das junge Mädchen sanft und ernst, „ich segne Dich dafür. Ja, Oscar, ich bin unschuldig an dem, was man mir vorwirft, meine verletzte Würde gebietet mir, es Dir zu sagen. Als der zuckend- Blitzstrahl Deine Linde traf, in jenem Augenblick, da Deine Mutter durch ein unbedachtes Wort das Schicksal beschwor, hielt ich den Zufall für Deines Todes Zeichen; wie von Grauen ergriffen, trieb es mich von hinnen, den Stätten zu, wo ich Dich gefallen wähnte, wo ich vielleicht hoffen durfte, des Verwundeten Pflege zu übernehmen, wenn Gott gnädig das Aeußerste verhindern wollte. Paul Halsen, Du treuer Zeuge, rede Du und gib der Wahrheit die Ehre." Nun erst bemerkte Oscar die Anwesenheit seines Kriegskameraden. „Paul!" rief er, ihm die Hand drückend, „mein lieber Paul, sei tausendmal willkommen." Herzlich erwiderte der Müllerssohn die Begrüßung seines jungen Herrn, dann aber sagte er mit lauter, feierlicher Stimme: „Danken Sie Gott, Herr Oscar, daß er zu dieser Stunde meinen Schritt hierher gelenkt, seine Allmacht wühlte mich schlichten, einfältigen Menschen, Zeugniß abzulegen und zu erklären, wo Hochgebildete von Irrthum befangen sind. Ich traf das Fräulein in Pont ä Mousson, nach Ihnen forschend, Herr Oscar, und da ich ihr die Kunde geben mußte, daß Sie gefallen auf dem Felde der Ehre, da weihte sie sich, wie ich vernahm, der Pflege eines Typhuskranken mit kindlicher Sorge. Nach seinem Tode aber ward sie der hülfreiche Engel schwer Verwundeter und bis in die Räume meines Lazareths zu Berlin drang der Ruf ihrer Opferfreudigkeit." „Alida, Theure!" rief Oscar, zu des jungen Mädchens Füßen sinkend, während Fanny von Ebersdorf die Weinende eng umschlang; „kannst Du mir vergeben?" Unter Thränen lächelte das junge Mädchen. „Ich will es unter einer Bedingung» Oscar", sagte sie sanft. „Als ich in dem Typhuskranken zu Pont ü Mousson meinen Vater kennen lernte, als ich ihn einsenkte in fremde Erde, stand es fest in mir, mein Dasein den Trostbedürftigen zu weihen. Ich glaubte Dich todt und wollte einen Theil des mir zugefallenen Vermögens milden Zwecken opfern, das Uebrige sollte der Mutter Oscar's von Solmitz zum standesgemäßen Unterhalt dienen. Nun aber kam es durch Gottes Fügung anders; gönne mir das Glück, durch Entsagung der Ansprüche als Erbin Leopold's von Bernau zum Gedeihen des Hauses Solmitz, dem ich ja nun auch angehöre, beizutragen; laß mich dagegen unter dem Dache dieses Hauses ein gastliches Asyl finden, in dem ich mich Deines Glückes freuen und Deine Kinder segnen darf, wenn ich auf kurze Weile rasten möchte von meinem Wirken. Willst Du mir diese Bitte erfüllen?" „Alida, als Schwester wollen wir Dich liebend umfangen", rief Oscar feurig; „Dein soll sein was wir besitzen; bleibe bei uns, verlaß uns nicht, Alida." „Bleibe bei uns, Schwester!" sagte auch Fanny leise, „Edle, Großmüthige, bleib als unseres Hauses Segen." Alida schüttelte das Haupt. „Laßt mich ziehen, ich kehre wieder ich verspreche «S Euch. Noch heute will ich scheiden, zu voll ist mein Herz, der Einsamkeit bedarf ich, der Ruhe." — Sanft machte sich das junge Mädchen aus den Armen Fanny's los und wandte sich zum Gehen, aber noch einmal hielt sie Oscars Hand zurück. „Alida, noch eine Frage, eine entscheidende; wußte meine Mutter, die, um uns zu trennen, sich zu einer Intrigue verleiten ließ, wußte meine Mutter schon früher um des Blutes Bande, die uns vereinten? Die Wahrheit sage mir, Alida, Wahrheit, die stets die Richtschnur Deines Handelns war." Alida antwortete nicht; so sehr die neue Intrigue ihrer Tante ihre Seele empört hatte, vermochte sie es doch nicht über sich zu gewinnen, dem Sohne gegenüber die eigene Mutter anzuklagen. Aber die Antwort blieb ihr erspart. „Frage sie selber, Oscar", sagte sie, in die Ferne deutend, dort kommt sie selber." In der That erschien auf dem Gartenwege die hohe Gestalt Herminen's von Solmitz, aber ihre Haltung war schwankend und gebeugt, ihr Antlitz bleich und leidend. Hastig ergriff Oscar die Hand Aliden's und eilte, trotz des Widerstrebens des jungen Mädchens, der Kommenden entgegen. „Mutter, Mutter!" sagte er vorwurfsvoll, „vermagst Du's, der Tochter Deines Bruders frei in's Auge zu schauen?" Zu Boden senkte sich der Blick Frau Herminen's, von Thränen getrübt» Thränen, die keine Verstellung erpreßten. „Verzeiht, verzeiht", sagte sie leise, „ich werde büßen hier und droben." „Nicht so!" rief Alida; „gnädig ist Gott, der alles zum Guten lenkt, und mit seinem himmlischen Strahl Licht in Finsterniß gegossen — sollten wir grollen und zürnen, ob Menschenirrthums hienieden? Vergebung — heiß« unsere Devise, Vergessen!" Das Erscheinen des alten, im Hause Solmitz ergrauten Dieners verhinderte das weitere Gespräch, seine Hand hielt ein Schreiben, das er Oscar überreichte. „Dieser traf soeben mit der Weisung eigenhändiger Abgabe im Schlosse ein", sagte er, „und da man mir mittheilte, der junge gnädige Herr sei im Garten, wollte ich nicht zögern -" „Von meinem Freunde", rief Oscar, ihn unterbrechend und den Brief seiner Hand entnehmend; „wahrlich er kommt zur gesegneten Stunde." In höchster Erregung brachen die Finger des jungen Mannes das Siegel und sem Auge durchflog den Inhalt des Schreibens. 188 „Alida", rief er dann, und oer Ausdruck hohen Glückes spiegelte sich in seinen Zügen, „dieser Brief bestätigt Alles; eine edle, würdige Dame ist Frau von Marselly, die Wittwe eines französischen Edelmann's, die Schwester Edmund's von Alten. Sie weiß, das; Du ihres Bruders Hand ausgeschlagen, dessen letzter Gedanke nächst Gott an Dich gerichtet war; allein in der Welt, kinderlos, des Bruders beraubt und leidend, sehnt sie sich nach einer Tochter, einer Stütze bei ihren Werken der Mildthätigkeit, die ihren Namen zu einem gesegneten machen weit und breit. Sehnend streckt sie dem. Mädchen die Arme entgegen, das der letzte Gedanke des Bruders war, mit ihr von ihm zu reden, durch gute Werke sein Gedächtniß zu ehren." Hell erglänzte Aliden's Antlitz. „Sie soll mich nicht vergebens rufen", sagte sie, „Thränen zu trocknen und Leid zu stillen gibt es ja überall, und so weit Gottes Himmel reicht, beut sich ja stets Gelegenheit, die Mstsion zu erfüllen, der ich mich geweiht. Und wenn ich einmal zu Euch komme, mich Eures Glückes zu freuen, Ihr Lieben, dann laßt uns so treu, so eng verbunden finden wie heute, ohne Falsch und Hehl, glaubend, vertrauend Einer dem Andern." „Wir geloben es", rief Oscar, „und auch der treue Paul soll diesem Kreise nicht fern stehen, ein lieber Freund soll er unserem Hause bleiben." „Er verdient es", sagte Alida tief bewegt, „denn auch ich verdanke ihm mehr, als Ihr ahnen mögt; später vielleicht, in einer Stunde des Vertrauens, wenn die bewegte Seele ruhiger geworden, vermag ich Euch zu enthüllen, von welchem Abgrund mich die Hand dieses Braven gezogen. Nun aber lebt wohl, Ihr Lieben, lebt wohl bis auf ein schönes Wiedersehen. Gute Werke und Dankesthrünen durch uns Getrösteter, sie seien das Band, das uns verbinde, und wollt Ihr meiner in Liebe gedenken, so haltet das Grab meiner Mutter in Ehren, das Grab Ella's von Bernau." Sie reichte Allen die Hand, dann wandte sie sich zum Gehen. Hell umfloß das Sonnenlicht die zarte, schlanke Gestalt der Scheidenden, bis sie im Dunkel der Tannen des Parkes verschwand. In tiefer, stummer Rührung blickten Alle ihr nach, erst nach langer Pause trat Oscar an seine Mutter heran. „Vergebung, Frieden war ihre Forderung; wir wollen sie erfüllen", sagte er. Verbannt sei jedes störende Element aus unseres Hauses Bund, verbannt Alles, was uns an Zeit.n der Schuld und des Irrthumes mahnt I Darf ich den Mann gehen heißen, von den; mir ahnt, daß er Deines Handels Triebfeder gewesen? Wohlstand hat sich Streland bei uns erworben, wir wollen nicht forschen, auf welche Weise er zu ihm gelangt er wird keinen Mangel leiden." „Du bist Herr von Solmitz, Oscar, jetzt und künftighin", entgegnete Frau Hermine fast demüthig. „Thue, was Dein Gefühl Dir gebietet. Mir aber vergönne als Sühne des Geschehenen die marmorne Tafel, die den Namen der Gattin meines Bruders trägt, auf das Grab der Mutter Aliden's zu legen und es zu schmücken mit dem ersten Kranz, ein Zeichen des Gedenkens, ein Zeichen der Neue." „O Mutter, wie glücklich machst Du uns", rief Oscar, Thränen im Auge. „Ja, so handle, unter dem Eindruck dieses Gefühls zeige Dich uns fortan und am Grabe der Mutter unserer Alida, das Deine Hand zu Ehren gebracht, da wollen wir uns wiederfinden, dort, an geheiligter Stätte im Angesicht verklärter Geschiedenen, die auf uns Herabblicken, versöhnt und befriedigt, — dort sollst Du Deine Kinder segnen und milde Lüfte mögen unsere Wünsche, unsere Grüße hinübertragen zur Ferne, zu unserer Freundin, unserer Schwester — — zu Alidenl" - I8d — Was die Schwalbe fingt. Ein Öfter- und Frühlingslied von Klarn Reichner. Sie ist unsere Freundin, die kleine Schwalbe, gerade sie! Wann sie kommt, so ist es Frühling, wenn sie geht, erwartet uns der Herbst, und wo sie hinbaut, da soll Glück und Frieden wohnen. Hoch geht ihr Flug und weit — über.Alles fliegt sie hin, und überall kann sie hincinschau'n; wer ihr Lied verstehen könnte, Vieles würde er vernehmen, das ihm wohl und weh thut: was die Schwalbe singt. Ihr erstes Lied. Herbst war es geworden, kalter, feuchter Herbst. Der Sonnenstrahl, der auf den Blättern tanzte, war so schwach und müde, das Laub nicht mehr so grün und dicht, weiße Sommcrsäden zogen durch die rauhe Luft. Sie mußten fort, die Schwalben, fort; — weit, weit fort. — In der alten Reichsstadt steht ein altes Haus. Das hat schon Jahrhunderte die Glieder derselben Familie beherbergt, das heißt, nicht dieselben, denn Eines um das Andere hatte man hinausgetragen auf den stillen Gottesacker in die steinerne Familiengruft. Da ruhen sie in Friede». Aber den Todten folgten die Lebendigen in dem alten Hause der alten, stillen Gasse. Unter den. Dache des alten Hauses hatte ein Schwalbenpaar sein Nest gebaut; wie lange schon, das wußte Niemand. Das Nest gehörte so zum Hause, wie ein Stein dort zu den, andern, und ebenso gut, wie die Menschen drinnen wechselten und doch zu gleicher Familie zählten, geradeso war's mit den Schwalben. In den Frühling kamen sie, und wenn es Herbst ward zogen sie von bannen, wie es in ihrer Art lag, und nun war's wieder Herbst geworden. — An einem Fenster von dein alten Hause, wo sie nisteten, stand ein kleiner, wilder Knabe. Er hatte gar oft zugesehen, wie sie Halm um Halm hintrugen, wie sie fleißig ihre Jungen fütterten, und sie dann einübten für die lange, weite Reise nach den warmen Ländern. — Ob es wohl schön dort wäre? — hatte der Knaoe sie gefragt, aber diö Schwalben hatten ihm darauf nicht Antwort geben können, denn sie verstanden seine Sprache nicht. ^ „Quiwit, guiwit!" zwitscherten sie; es klang fast so, als riefen sie: „Komm mit, komm mit!" und das hätte er auch für sein Leben gern gethan, der kleine, wilde Knabe, wenn nur seine Eltern es erlaubt hätten. Er mußte aber daheim bleiben und fein brav sein, und recht Vieles lernen, und die Schwalben zogen fort. „Adieu!" sagte der kleine Knabe. „Ich weiß wohl, daß Ihr nach den fernen, warmen Ländern zieht — weit, weit fort. Da muß es lustig sein; könnte ich nur mit! Aber ich weiß auch, daß Ihr wiederkommt, und dann wird es Frühling sein. Bringt mir nur was Schönes mit!" Wäre er nicht ein unverständiger kleiner Knabe gewesen, so hätte er gewußt, daß die Schwalben ja das Allerscbönste, den Frühling selber, mit sich bringen; aber die großen Leute sind auch nicht immer viel geschcidterl — Doch nun wurde es lange noch nicht Frühling, sehr lange nicht! Denn nach dem Herbst, als alle Blätter von den Bäumen fielen, und die nicht fielen von dein Wind verjagt und weggetrieben wurden, da kam erst der Winter in seiner starren, eiskalten Majestät dahergesaust auf seinem glänzenden Eiswagen, gerade wie ein echter, stolzer König, der nach rechts und links grüßt, und jedesmal, wenn er grüßte, flogen die weißen Flocken wie ein Bienenschwarm umher, und das hatte eigentlich Niemand recht gern, so schön es auch aussah. Endlich aber wurde der alte König Winter matt und schwach, sein Regiment war nun zu Ende, ein Jeder konnte es fühlen und merken; nicht mehr so eisig kalt blies sein Odem, nicht mehr so schwarz stand der Wald, nicht mehr so weiß und so erstarrt lag jetzt die Erde ausgebreitet, nicht mehr so still war's in der Luft: ja, König Winter's Kraft sie war gebrochen, er mußte scheiden bald, und ein leises Regen und 190 Keimen der Natur verkündete als Herold des jungen Herrschers Ankunft, der jetzt erst noch ein Prinz war, bald aber König werden sollte; der junge Frühling, der eigentliche König des ganzen langen Jahres. Und dann kam der Tag, an dem sich grüne, leichte Schleier über die, ganze Erde webten, zum Empfang des neuen Herrschers; wie Teppiche, durchsichtige, breiteten sie sich aus, um ihm den Weg zu schmücken — er sollte doch nicht sehen, wie arg der Winter überall gehaust, wie kahl und trostlos Alles war. „Quiwit» quiwit!" erscholl's auch eines Tages durch die Luft. Die Schwalben waren wieder da, und nun wußte man gewiß, daß der Frühling nahe; — sie hatten ihn ja mitgebracht, fern aus den warmen Ländern! Warm schien die Sonne auf die Erde — da schmolz der letzte Herrscherschein des Winters — weg war er, wie verschwunden! Und Niemand weinte ihm zum Abschied eine Sehnsuchtsthräne nach — Alles jubelte dem jungen Könige entgegen, der soeben Einzug hielt, Keiner dachte mehr daran, daß der todte Winter doch auch wohl manche Freude und Wohlthat spendete: „Der König ist todt — es lebe der König!" So sind die Menschen! Und der junge König Frühling grüßte huldvoll hin nach allen Seiten, gar nicht stolz und majestetisch, und so oft er grüßte flogen zarte Flocken, leicht und weiß wie Schnee, hin durch die Luft, hin an die Bäume. Dort blieben sie als Blüthen hängen, und wenn er lächelte, wurden sie ganz rosig angehaucht vor Freude, und wo der Frühling hinblickte und Hinschritt, da grünte es hervor, da wachten alle Knospen auf und wurden Blätter, streckten weiße Anemonen und blaue Veilchen die Köpfe hoch, und lächelten wie fromme Kinderaugen auf zum blauen Himmel. Und mit den Blumenaugen um die Wette lachten die der Kinder! Ja, sie waren hoch am Frohsten und jubelten am Lautesten! — Auch der kleine Knabe in dein alten Haus der Reichsstadt durfte nun wieder hinaus; drinnen im Hause wurde er gar streng gehalten, und das thut nicht immer gut. Sowie er draußen war, trieb er's dann um so ärger. „Quiwit, quiwit!" erklang es durch die blaue Luft. Die Schwalbenfamilie oben unter dem Dach des alten Hauses war auch zurückgekehrt und bezog das heimathliche Nest. - „Hurrah! Da seid Ihr ja nun endlich wieder!" rief gleich der kleine, wilde Knabe. „Habt Ihr mir was Schönes mitgebracht?" Er meinte immer noch, das Schöne müßte etwas recht Fernes, Fremdes sein, der kleine Knabe. Aber sie antworteten ihm Nichts, die Schwalben, als nur ihr frohes Frühlings- Gezwitscher, ihr zufriedenes, das er nicht verstand, und schwangen sich jubelnd durch die Luft, hoch hinauf zum blauen, klaren Himmel. Nein, er verstand sie nicht, und das kam daher, weil er nur ein kleiner Knabe war — deshalb verstand er nicht: was die Schwalbe sang! — Ihr zweites Lied. „An Maria Geburt Zieh'» die Schwalben wieder fürt." sagt ein alter Spruch, und so geschieht's auch Jahr für Jahr, wenn auch nicht alle Mal am Tage selbst, und: „An Maria Verkündigung Kommen die Schwalben wiederum." sagt em anderer, der nicht minder wahr ist, ob auch Zeiten und Menschen vergehen. — Zuweilen aber hat der alte Winter seine Launen — er will nicht scheiden — es wird ihm schwer vom Regiment zu lassen, bis er endlich doch weichen muß, so sehr er sich auch sträubt. Frühling wird's ja jedes Jahr, und die Schwalben kehren jedes Jahr in ihre alten Nester. — Auch die Schwalbenfamilie des alten Hauses in der Reichsstadt kam alljährlich wieder, oder wenigstens Nachkömmlinge von derselben^ denn es sind schon viele Jahre - 191 - h«, seit damals jener kleine, wilde Knabe am Fenster stand und nach den Schwalben schaute, — viele, lange Jahre. Wo war er geblieben? — „Quiwit, quiwit!" zwitscherten die Schwalben. Aber es verstand sie Niemand. „Fort ist er — fort!" sagten sie vielleicht. Ja, er war wirklich fort! Der kleine Knabe war zum Jüngling worden, und in der alten Reichsstadt war er auch nicht mehr; die war ihm lange viel zu eng geworden — hinaus in die weite, weite Welt war er gezogen, wie einen Zugvogel hatte es auch ihn hinansgetrieben in die blaue Ferne, die ihm im Sonnenglanz entgegenlachte, — in die Fremde! Vielleicht auch wollte er das Land aufsuchen, wohin die leichtbeschwingten Schwalben ihren Flug lenken, wenn sie die traute Heimath verlassen müssen! Niemand fast mehr spricht von ihm, die Eltern zürnen, die Freunde haben sein vergessen, Keiner denkt an ihn — er ist so wie gestorben; — nur im Mutterherzen lebt er, ein Mutterherz kann nicht so leicht vergessen, wenn es noch so tief verwundet wird. Ja, dort lebt er! — Ostern ist's und Maria Verkündigung zugleich, aber die Schwalben sind noch nicht gekommen, noch nicht einmal die Vorboten. Es war noch gar zu früh im Jahr, obschon der Frühlingsanfang, der im Kalender stand, vorüber. Doch danach fragt so eine kleine Schwalbe nicht — die hat ihren ganz eigenen Kalender, ganz für sich, und das ist der, den der Frühling selber macht, und zu welchem jede Knospe, jede Blüthe und jedes kleinste Blättchen einen Beitrag liefern ninß. — Die Osterglocken läuteten durch die festtägliche, stille Stadt. Mit Feierkleidern angethan zogen die Menschen ihnen nach — hin in das Gotteshaus, wohin die Klänge riefen, das Auferstehungsfest zu feiern, und für die Erlösung Dank zu sagen, die wie Frühlingswehen die Menschheit überkam. Fast alle Menschen spürten einen solchen Frühlingshauch, ob sie es gleich nicht immer wußten. Aber wie die Glocken so festlich läuteten und die Erde so frühlingsfrisch und hoffend vor ihnen lag, da fühlten sie den Auferstehungssegen, und das Herz ging ihnen auf, so weit und warm. Frühling — Ostern war's! — Da kam ein Mann die Straße entlang, in der das alte Haus stand. Es stand noch gerade da wie sonst, eben noch so alt, so grau und so verwittert; auch das Schwalben- Nrst war noch da droben an dem Dache, aber keine Schwalbe ließ ihr frohes Jubellied als Glücksverkündigung ertönen. Der Mann sah müde aus, doch nicht allein vom Weg. Bei dem alten Haus blieb er stehen und sah hinauf — lange, starr. Ach, er kannte es so gut; unvergessen hat es in seinem Innern dagestanden, genau so grau und so verwittert, wie es jetzt vor ihm steht. Dort hatte einst des Kindes Wiege sich geschaukelt, dort war der kleine Knabe aufgewachsen, der dann ein trotziger, rastloser Jüngling wurde, den es Hinaustrieb, weit hinaus, bis er ein müder, ernster Blau» geworden war. Niemand kannte ihn hier mehr — nein, Niemand! Keine freundliche Stimme hieß ihn willkommen, den endlich Heimgekehrten, keine Hand streckte sich zum Gruße ihm entgegen. Er kam sich selber fremd vor — so fremd. Alles, was er anblickte, that ihm weh, sogar die helle Sonne, die doch so warm und golden schien. Sie blendete und stach ihn so, daß er mit. den Augen blintzeln mußte, als wäre ihm etwas hineingeflogen — wie lange war das Auge sonst so trocken, so starr gewesen, als wäre ein Eissplitter des Winters darin stecken geblieben, den nun die heimathliche Frühlingssonne fortgethaut. — Und die Osterglocken läuteten vom Dome fort und fort. Da war er oft gewesen in dem Tome, wie er noch ein wilder Knabe war. Dann hatte es ihn Hinausgetrieben in's Leben — weit hinaus. — Wie schien die Welt so reich und weit, so groß und schön! Das Leben hatte ihn betrogen um den Preis, den er dafür gezahlt — die Blüthen alle waren welk zu Boden gesunken, wie vom Frost geknickt, das Gold war unecht, Flittertand gewesen, Schaumgold nur. Und nun war er ein Fremder in der Heimath — 192 überall — auch selbst hier, vor dem Hause seiner Kindheit. Draußen stand er, wie ein Fremder, und wagte nicht zu pochen, und um Einlaß nicht zu bitten. Oeffnete sich nicht das Fenster ? Grüßte sie denn nicht zu ihm hinaus, zu ihm, dem Müden, Heimathlosen, die Mutter mit dem milden Blick, den er zuletzt umflort von einem Thräncnschleier sah? Winkte sie ihn nicht herein, wie ehedem vor langer, langvergangener Zeit, als er noch ein Knabe, ein kleiner, wilder Knabe war, dein der Osterhase, wenn er brav gewesen, ein Nest gebracht, worin die vielen bunten Eier lagen? — Nein, sie winkte ihm nicht mehr, das Fenster blieb geschlossen — Niemand rief ihn, Niemand kannte ihn mehr — Niemand?! — „Quiwit, quiwit!" erklang es plötzlich über ihm, undßjubelnd schwangen sich die ersten heimgekehrten Schwalben durch die milde Frühlingslufts; — die ersten Schwalben kehrten in ihr heimathliches Nest zurück — die Schwalben! — Er dachte nicht daran, daß es ja nicht dieselben Schwalben waren, die er damals als kleiner Knabe so oft befragt und nicht verstanden, wenn sie ihm Antwort gaben. — Jetzt verstand er sie schon besser — jetzt! Sie kannten ihn ja, sie grüßten ihn, sie hieße» ihn willkommen in der Heimath; — so war's ihm wenigstens, und nun schmolz auch der Eissplitter, den die lange, herbe Winterszeit in seinem Herz zurückgelassen, und Früh« ling ward es in ihm — Auferstehung! Die Schwalben hatten ihm nun endlich doch das Schöne mitgebracht» um das er früher so oftmals sie gebeten, oder hatte er sie nur früher nicht verstehen können? Jetzt dachte er nicht mehr voll Trotz daran, ob ein treues Mutterherz wohl noch auf Erden für ihn schlage, dachte nicht daran, ob ihm der strenge Bater jetzt die Hand zum Gruße reichen, oder sich von ihm abwenden werde» wie er ihn zuletzt gesehen; er dachte nur an Eines: daß er wieder in der Heimath sei, vor seinem Elternhaus« stehe, und daß die Schwalben den Frühling ihm gebracht — auch ihm! — Ach, wie war die Welt so weit, so leer und weit, und wie war die Heimath doch so schön, wie war so schön und lieblich: was die Schwalbe sang! Der Himmel hat gar viele Mittel und der Boten viele, wenn er ein Menschen« herz zurückführt in die Heimath! — Noch läuteten die Glocken — die Osterglocken zum Fest der Auferstehung, — sie führten mit ihrem Mahn- und Jubelklange den Heimgekehrten den Weg hinein in's Vaterhaus, sie öffneten die Pforten ihm, die Herzen, sie legten ihm die rechten Worte auf die Lippen, die nicht an's Ohr nur, die in's Innere drangen. Frühling, Ostern war's! — In Mitte seiner Eltern zog der aus der Welt zurückgekehrte Sohn hin zu dem Gotteshause, von ganzem Herzen Gott dem Herrn zu danken, daß Jesus Christ auch für ihn auferstanden, daß es auch Frühling da innen ihm geworden sei — zur Osterfeier. „An Maria Verkündigung Kommen die Schwalben wiederum." die Schwalben, des Frühlings Boten. — Möchten sie Jedem so den Frühling bringen! Möge ein Jeder so sein Herzsns- Ostern feiern, möge doch Jeder so gut verstehen: „Was die Schwalbe singt!" — Arithmogrypl). Hier geben die Anfangs- und Endbuchstaben von oben nach unten gelesen, die Namen 2 deutscher Dichter: 1. eine wohlriechende Pflanze. 2. ein deutsches Knstenmeer. 3. ei» österreichischer Dichter. 4. ein weiblicher Eigenname. 5. ein Raubvogel. ck. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler.