Nr. 25. 1833. »ur „Ängsburger postMuug." Mittwoch, 28. März I e r n n n - e. Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. (Nachdruck verboten.) Ein fröhliches Bild lag vor Fernandens traurigen Augen, als sie an einem Wintertage am Quai der schönen alten Stadt Nantes am Üser der Loire vorüberging. Auf einer Seite prangten die Schiffe aller Nationen, die Wellen strömten klar und rasch dem Meere zu; auf der anderen Seite lockten in großen Schaufenstern die Waaren der glänzenden Weihnachtsausstellungen; Equipagen rollten im milden Wintersonnenschein, und hinter der Stadt und thurmreichen Kathedrale nistete an den grünen Ufern manche Hütte und kleine Kirche. Bon allen französischen Städten ist diese alte Hauptstadt der Bretagne sicherlich die angenehmste und fröhlichste, sowohl im Sonmer, als im Winter» Trotz ihres schweren Herzens fühlte Fernande die Fröhlichkeit dieser Umgebung; sie wollte ihren eigenen Gedanken entgehen und stand still, um Alles anzuschauen. Die schwerbeladenen kleinen Dampfschiffe, welche zwischen der Stadt und den benachbarten Dörfern hin und her gingen, die auf hohen Masten flatternden ausländischen Flaggen der Kauffahrteischiffe, der Lärm im Hafen, die prächtigen Schaufenster erregten ihre Aufmerksamkeit, obgleich sie diese Gegenstände täglich gesehen. Dann setzte sie sich und beobachtete einen ankommenden Eisenbahnzug, denn zwischen dem Boulevard und dem Quai mitten durch die Stadt, geht die Eisenbahn und trägt zur Belebung des Bildes bei. Es war der Zug aus Paris, und als er langsam der Stadt zufuhr, ereignete sich ein unerwarteter, sonderbarer Vorfall. Gerade gegenüber der Bank, auf welcher Fernande saß, warf eine schöne weiße Damenhand aus einem Coups kleine gedruckte Zettel, welche nach allen Richtungen flogen. Die Dame selbst blieb unsichtbar, obgleich die reizende Hand während der ganzen Fahrt durch den Hafen die kleinen Botschaften zum großen Vergnügen der Zuschauer hinausflattern ließ. Fernande erhob sich eilig» um einen der Papierstreifen aufzufangen; als sie ihre Hände ausstreckte, flatterte ihr der Zettel wie ein Schmetterling zu und blieb auf ihrer Brust hafte». Lächelnd sagte sie sich, das könne ein gutes Omen sein, und las eifrig folgende Worte: „Madame Lorenzi, früher Tragödin des Theater franqais, wird morgen Abend Scenen aus dramatischen Werken und eine Auswahl Poesien von bretanischen Dichtern der Gegenwart vortragen." Die Sorge schärft djs Fähigkeit mancher Menschen, und während Fernande über die gelesenen Worte nachsann, schien ihr ein hoffnungsvoller Gedanke zu kommen. In jugendlicher Unerfahrenhsit machte der Kummer sie ungeduldig; sie hätte das Glück mit Liebe und Leben auffassen können und war zu jeder Anstrengung bereit, um es für sich und ihren geliebten Gatten zu erlangen. Sie sann nach, machte einen Plan und ging eilig mit dem elastischen Schritt einer frohen Stimmung weg. Ihre bescheidene Wohnung bestand aus ein paar kleinen Zimmern in einem entlegenen alten Stadttheil. Der kalte Ofen betrübte Fernande, sie wußte, daß ihr Speiseschrank fast leer sei, aber die Einrichtung sprach von glücklicher Zeit, in welcher sie vor zwei Jahren als Neuvermählte 194 diese Räume betreten hatte. Dort standen wohlgsfüllte Bücherbretter und ein Pianino Bilder schmückten die Wände, enr warmer Teppich bedeckte den Fußboden. Nur die bitterste Noth hätte das junge Paar zur Veräußerung dieser Gegenstände zwingen können. Es war noch früh am Nachmittag, und eine klügere Person als Fernande hätte sich mehr Zeit zur Ueberlegung vor der Ausführung ihrer Absicht gelassen. Fernande wollte keine Minute länger warten. Nachdem sie in den vergangenen Wochen mit gefalteten Händen über ihrem Kummer gebrütet hatte, fühlte sie jetzt einen heftigen Trieb zu hoffen und izu handeln. Morgen konnten ihr vielleicht wieder die Unternehmungslust und Freudigkeit fehlen. Sie schloß eine Schieblade im Schreibtisch ihres Mannes auf unv nahm behutsam ein Manuskript heraus. Ach! Es trug leider die unverkennbaren Spuren, daß es. schon oft vergeblich auf gut Glück in die kalte Welt gesendet worden war. Gewisse höfliche Bleistiftbemerkungen der Verleger, gewisse leichte Zeichen der Durchsicht und Verpackung waren zu deutlich. Vielleicht war das Werk genial, aber es hatte noch nicht das Herz des Kritikers gerührt und sein Gemüth begeistert. Fernande lächelte jedoch, als sie die wohlbekannten Blätter erblickte. Für sie gab es nur einen Dichter in der Welt, wenigstens diesen einen Dichter, dessen Laufbahn einen Theil ihres Daseins bildete, und sie glaubte noch jetzt an die Schönheit seiner Dichtung, wie in den ersten Tagen ihrer Ehe, als das Vorlesen des Manuscripts und die durch dasselbe erregten Hoffnungen ein neue^ süßeS Band um Mann und Frau geschlungen. „Ich werde jetzt Alles vollenden, was ich zu schaffen hoffte, weil du mein bist und uich ermuthigen und begeistern wirst", hatte er gesagt; sie glaubte ihm und gab sich glücklichen Hoffnungen hin; ach! eine nach der anderen mußte verschwinden. Kein Seufzer klagte heute über die anscheinend so harmlosen, und doch so verhängnißvollen Bleistift- zeilen. Sie drückte das Manuscript entzückt an das Herz, verbarg es unter ihrem abgetragenen Tuch und ging wieder hinaus auf die heiter belebten Straßen, diesmal nicht auf den Boulevard am Hafen, sondern auf die schönen Plätze im Mittelpunkt der Stadt wo die Gasthäuser ersten Ranges standen. Im vornehmsten Hotel fragte sie den Portier: „Ist Madame Lorenzi hier? Könnte ich sie sprechen?" „Ja, Madame logirt hier. Darf ich Ihre Karte hinauftragen?" sagte ein Kellner, argwöhnisch in Bezug auf Fsrnandens Anliegen. Wir erzählen den Leuten unsere Geschichte viel öfter, als wir es vermuthen! — Er nahm die Karte, indem er ihre schlechten Handschuhe betrachtete, sprang die elegante Treppe hinauf und ließ sie unten warten. Einige Minuten später ging Fernande die breiten teppichbelegten Treppen hinauf. Nachdem sie zweimal angeklopft, (wie kommt es, daß das erste Klopfen eines Bittenden so selten gehört wird?) rief eine wohlklingende, jedoch gedämpfte Stimme: Herein! Fernande überwand ihre Schüchternheit im eifrigen Streben nach dem ersehnten Ziel; sie öffnete die Thüre und befand sich der großen pariser Künstlerin gegenüber; es war die Tragödin und Vorleserin, von welcher man sagte, daß sie das Glück und den Ruhm manches jungen Dichters nur durch ihre Deklamation einiger Verse gegründet. Ein so sonores, klangvolles und biegsames Organ wie das der berühmten Madame Lorenzi konnte keiner unbedeutenden Erscheinung angehören; Fernande hatte eine ungewöhnliche, bewunderns- werthe Frau erwartet und wurde nicht enttäuscht. Dieses herrliche Wesen war so groß, gebieterisch und majestätisch, daß die arme junge Frau ein drückendes Gefühl ihrer eigenen Ünscheinbarkeit empfand, sowie eine fast heidnische Verehrung,»als müsse sie auf ihre Kniee sinken und diese entzückenden weißen Hände zum Zeichen der demüthigsten Huldigung küssen. Aber in diesem Augenblick war keine Art der Begrüßung möglich, und wäre Fernande in anderer Stimmung gewesen, so hätte sie über die Seltsamkeit dieses Empfangs gelächelt. Von Wohlwollen getrieben hatte die Tragödin die bescheidene Besucherin vorgelassen, als sie sich vor dem Toilettentisch frisirte; bei Fernanvens Eintritt waren ihr Gesicht, ihre Schultern und Arme von wunderschönem, dunkellockigem Haar verhüllt« Solches Haar sieht man selten mehr als einmal im Leben; die schwarzen glänzend gewellten, wogenden Massen schienen eine Last für die Besitzerin. Einige Minuten vsr- 195 gingen, ehe es den zarten Fingern, welche den Elfenbeingriff einer Bürste hielten, gelang, die schwarzen Massen über der Stirn zu theilen; dann ruhte die Dame von ihrer Mühe aus und wendete ihr Gesicht, in welchem Wohlwollen und fast kindliche Naivetät strahlten, mit fragendem Blick der Eingetretenen zu. Ermuthigt kam Fernande näher und legte ihr Manuskript auf den Tisch. „Ah", sagte die Tragödin lächelnd, „Sie möchten auch eine Dichterin sein und begehren den Ruhm. Armes Kind! Ueberlassen Sie solche vergebliche Hoffnungen den Männern. Die Frauen haben genug Täuschungen anderer Art!" Es gehört geringe Scharfsichtigkeit dazu, um in Frankreich eine arbeitende, mit Sorgen kämpfende Frau zu erkennen. Das schwarze Kleid ist die Livre der Arbeiterin, und Fernandens Gesicht mit dem sehnsüchtigen Blick und den kummervollen Linien hätte einem kämpfenden Genie angehören können. Ein stolzeres Erröthen, als das der Selbstachtung flammte auf ihrer Wange, as sie antwortete: „Nicht meinetwegen wollte ich mit Ihnen sprechen, Madame, sondern wegen meines Mannes. Seine Dichtungen sind gewiß nicht unbedeutend, jedoch gelang es ihm noch nicht, einen Berleger zu finden. Vor einem Jahr verlor er seine Professur am hiesigen Lyceum, weil er sich an einer politischen Demonstration betheiligte, und seitdem war es ihm nicht möglich, irgend eine Beschäftigung zu finden. Dieses Mißgeschick verbittert ihn — wir sind sehr unglücklich —" „Nun wollen Sie, daß ich seine Verse vorlese und die Kritiker zu seinen Füßen bringe?" fragte die Dame schelmisch, aber mit augenscheinlicher Bestürzung. „Da Sie gekommen sind, um für Ihren Gatten zu sprechen, weiß ich, wie schwierig es sein wird, Ihre Bitte abzuschlagen. Aber Sie muffen bedenken, mein Kind, daß der Dichter nur Einer ist, während die Zahl der Kritiker Legion ist, und wenn Alle ihn verwerfen, muß er das Verbiet annehmen." Das auf dem Tisch liegende Manuscript hatte diesen erfahrenen Augen bereits seine Geschichte erzählt. „O, es ist, wie Sie sagen", sprach Fernande eifrig, „aber, bitte, durchblättern Sie das Gedicht. Es ist eine auf diese Stadt bezügliche Sage. Die Verse sind voll edler Gefühle, und die Schilderungen würden den ortskundigen Leuten gefallen." „Sie sind eine ausgezeichnete Fürsprecherin", erwiderte die Tragödin gütig, wiewohl etwas nachlässig, denn sie war an solche Bitten zu sehr gewöhnt. „Und ich will Ihnen wenigstens eines versprechen. Ich will das Manuscript durchlesen, und wenn mein Urtheil meiner Sympathie für Sie gleichkommt, so sollen Ihre liebsten Wünsche erfüllt werden." Sie blickte lächelnd in das junge, bereits von Sorgen durchfurchte Gesicht und mußte unwillkürlich hinzufügen: „Wenn, wie Sie sagen, das Gedicht ein besonderes lokales Interesse hat, wer weiß, ob ich nicht wirklich das Mittel zum Ruhm des Dichters sein kann." „O, Sie sind engelgut!" rief Fernande, neigte sich und küßte die schöne weiße Hand, welche noch die Elfenbeinbürste hielt. „Ich werde heute Nacht glückliche Träume haben." — „Jedenfalls sollen Sie die Befriedigung haben, meine Vorlesung zu hären. „Bitte/ nehme» Sie diese beiden Eintrittskarten. Jetzt möchte ich meine Toilette beendigen, denn ich erwarte viele Besuche." Fernande sprach ihren Dank aus, fo gut sie konnte, warf einen letzten zärtlichen Blick auf das Manuscript und eilte hinweg. Sie wußte kaum, ob sie auf die Verwirklichung ihrer Träume hoffen dürfe oder nicht. Unerfahren in der großen Welt wußte sie nicht, wie weit sie sich auf solche Bereitwilligkeit ihr zu helfen verlassen könne, oder' ob sie die Kritik fürchten muffe. Sie machte sich Vorwürfe, weil sie keinen tieferen Eindruck hervorzubringen versucht hatte; so schwer wird es uns zu glauben, daß wir genug gethan haben, wenn unsere Anstrengungen einem geliebten Wesen gelten. (Fortsetzung folgt! 196 Sellrsterkrnntniß. Das Menschenleben bietet So manche herbe Quai Und Sorgen zieh'» vorüber Und Leiden ohne ZabI, Die obne Selbstverschnlden Des Schicksals Tücke bringt, Daß, sie zu überw-nden, Nur mübvoll oft gelingt. Doch ach, die größten Leiden, Den allergrößten Schmerz Schafft sich gar meist das eig'ne. Das stolze Menschenherz! Wer immer nur den Splitter Im fremden Auge sucht Und nicht der eignen Thorheit, Dem eignen Laster flucht; Wer seine Nebenmenschen Voll Neid und Mißgunst höhnt Und in dem eignen Herzen Den Leidenschaften sröhnt; Wer lieblos nur auf And're Und übermüiyig schaut, Und aus die eigne Tugend Zu stolz und mächtig baut: Dem wird die Erde immer Em Jammerthal nur sein, Dem hüllen immer Wolken Den reinen Himmel ein; Dem blüden keine Blumen, Es lacht ihm nicht die.Welt, Weil er ja selbst die Freuden Des Lebens sich vergällt! Willst Du die Welt verbessern. Dann bessere erst Dich, Und lerne erst erkennen Dein eignes, schwaches Ich; Dann lösch' die Leidenschaften Im eignen Herzen aus Und kämpfe unverdroßen Der Tugend harten Strauß! Carl Felix. Eine rührende und wunderbare Begebenheit. Christoph v. Schmid erzählt im dritten Bündchen in den Erinnerungen aus seinem Leben, Augsburg, 1853—57, einem Buche, das so viel Schönesund Anniuthendes enthält und auch ein treffliches Stück Kulturgeschichte bildet, so daß man sich wundern muß, wenn es nicht eines der gelesensten Bücher geworden ist, — Christoph v. Schmid erzählt also in dem gedachten Buche, drittes Bündchen Seite 123 u. f„ eine wunderbare Begebenheit, die unsere Leser ergreifen wird, daher wir sie mittheilen. Für's Erste ist die Wohlthätigkeit eines braven Landgeistlichen gegen einen arme» Hilfelosen fremden Knaben recht rührend, und dann die Erscheinung aus der jenseitigen Welt ungemein tröstlich und überzeugend. Christoph v. Schmidt hatte den Kaplan Johann Kapistran Weber in Mittelberg im Algäu kennen gelernt. Kapistran Weber war ein Schüler Sailer's, als dieser Professor in Dillingen war. Von diesem Kaplan Weber, den Christoph v. Schmid kurzweg Kapistran nennt, erzählt er nun, wie schon bemerkt, eine ebenso rührende als wunderbare Begebenheit in seinen Lebenserinnerungen folgendermaßen: „Eines Tages im Frühling« machten wir zusammen eine kleine Fußreise und be- viitzten dazu noch ein paar Stunden der Nacht, die ungemein schön war. Es schwebt mir Alles noch so lebhaft vor den Augen, als ob es erst heute wäre. Wir wanderten durch ein angenehmes Wiesenthal nächst einem Wäldchen hin. Der Mond schien überaus helle; Alles schwieg, nur der Gesang einer Nachtigall erschallte ungemein lieblich in der tiefen Stille der Nacht. Unsere Herzen ergossen sich recht vertraulich gegen einander. Wir theilten uns unsere Erfahrungen in der Seelsorge mit. Da erzählte mir denn Kapistran, (und ich erinnere mich zwar nicht der einzelnen Worte, aber des Inhalts seiner Erzählung sehr genau), folgende Begebenheit. Er saß als Kaplan in der großen, viele Filialen einer gebirgigen Gegend umfassenden Pfarrei Mittelberg an einem rauhen, sehr kalten Winterabende eines Tages mit seinem Pfarrer bei Tische. Ein armer, dürftig gekleideter Knabe kam an das Fenster und flehte» vor Frost zitternd und mit den Zähnen klappernd, kläglich um ein Almosen. Kapistran bat den Pfarrer um Erlaubniß, den Knaben hereinzurufen und ihm einen Teller warmer Suppe zu geben. Der Pfarrer erlaubte es gerne und theilte dem hungrigen Knaben von allem mit, was aus den Tisch kam.- Nachdem der Kleine nach langer Zeit wieder einmal sich satt gegessen hatte, dankte er mit Thränen in den Augen und wollte weiter gehen; allein es wurde ihm übel. Er hatte sich »erkältet und die Kälte wurde ihm in der warmen Stube erst recht fühlbar. Pfarrer und Kaplan fanden, es sei ihm unmöglich, weiter zu gehen. . Der Kaplan schlug vor, dem armen Knaben das kleine Zimmer anzuweisen, wo die Kapuziner, wenn sie in der Gegend umher Almosen sammelten, zu übernachten pflegten. Der Pfarrer fand den Vorschlag gut. Der Kaplan führte den Knaben dahin, brachte ihn zu Kette und ging, den Arzt zu rufen. Der Arzt versicherte, ein heftiges Fieber sei im Anzüge und verschrieb Arznei. Der gutherzige Kaplan Kapistran wartete nun seinem kranken Pflegesohne so lieb« reich ab, wie nur immer die zärtlichste Mutter ihr Kind verpflegen könnte. Als die Heftigkeit des Fiebers nachgelassen hatte, redete Kapistran mit dem Knaben, um ihn naher kennen zu lernen. Der Vater desselben war schon vor längerer Zeit, die Mutter erst vor kurzer Zeit gestorben. Die fromme Mutter hatte ihrem kleinen Sohns das Vater unser und andere kurze Gebete gelehrt, welche dieser auch sogleich recht deutlich und mit Andacht und mit gefalteten Händen hersagt«. Der Kinderfreund Kapistran, der sich den Unterricht der Kinder von jeher zur wahren Herzensangelegenheit gemacht hatte, lehrte nun seinem Pslegekmde „Gott i» Christus" näher kennen lernen und lieben. Die Erzählungen aus der Gesmichte Jesu hörte der Knabe mit der größten Aufmerksamkeit und sie machten ihm unbeschreiblicke Freude; er gewann eine solche Erkenntniß und Liebe Gottes und Jesu Christi, wie Kapinran sie noch an keinem Kinde bemerkt hatte. Eben so groß war dessen kindliches Vertrauen zu unserm Vater im Himmel und zu unserm göttlichen Erlöser. Die Krankheit wurde zu einem zehrenden Fieber. Das Kind litt in unbeschreiblicher Geduld und war immer freudig. Es freute sich darauf, zu Gott und zu Jesus Christus zu kommen und im Himmel auch seine Mutter und seinen Vater wieder zu sehen. Im Herbste starb der Knabe oder schlief vielmehr sanft ein, um im besseren Leben wieder zu erwachen. Im folgenden Winter besuchte Kapistran in einem etwa eine Stunde weit entfernten Filialorte einen Kranken, und verweilte dorr so lange bis es Nacht geworden. Der Knecht des Hauses erbot sich, ihn heimzubegleiten. Kapistran wollte ihm, der sich den Tag über schon müde gearbei^r hatte, keine weitere Blühe machen; er wisse, sagte er, den Weg, den er schon oft gemacht habe. ohne Wegweiser zu finden. Allein während Kapistran bei dem Kranken verweilt hatte, war eilt frischer Schnee gefallen, und hatte alle die wenig betretenen Fußwege bedeckt und unkenntlich gemacht. Kapistran verirrte sich. Auf einmal brach mit Krachen der Voden unter ihm. Er war an einen überfrorenen Weiher gerathen, dessen Eis aber noch nicht stark genug war, «inen Menschen zu tragen. Kapistran war bis an den halben Leib in das kalte Wasser gesunken, ohne mit den Füßen einen Grund zu finden, er fand nichts, woran er sich halten konnte und sah keine Möglichkeit sich herauszuhelfen. Da erblickte er auf einmal einen hellen Glanz. Von leichtem Gewölle umgeben, erschien ihm das verklärte, freundlich lächelnde Angesicht des Knaben, den er zum Tode vorbereitet und ihm die Augen zugedrückt hatte. Der Verklärte bot ihm die Hand, stellte ihn heraus auf den festen Boden, deutete mit ausgestrecktem Arme, wohin er gehen sollte und verschwand. Der so wunderbar Gerettete kam unter Empfindungen, die er nicht ausspreche» konnte, glücklich nach Hause. Sobald der Tag angebrochen war, ging er hinaus zur Stell«, wo er in Gefahr gestanden zu ertrinken und durch höhere Hilfe gerettet worden. Er bemerkte in dem Schnee seine Fußstapfen bis zu der verhäng,lißvollen Stelle, ebenso seine Fußstapfen v- seinem Krankenbesuche bis hierher. Sonst war keine Spur eines menschlichen Fußtritts zu sehen. Er betrachtete das eingebrochene Eis; der Weiher war gerade hier am tiefsten Kapistran blieb hier anbetend und dankend stehen. Diese Erzählung machte auf mich wohl einen fast so tiefen Eindruck als die Begebenheit auf Kapistran selbst. Uns beiden, mir und ihm war diese Erscheinung aus jener Welt ein überzeugenderer Beweis eines Lebens nach dem Tode, als die feinsten Vernunft- schlüsse, und sogar die göttlichen Verheißungen erschienen uns in hellerem Lichte. Auch sahen nur daraus, daß fromme, geliebte Verstorbene in jener Welt noch um uns missen, an dem, was uns begegnet, liebevollen Antheil nehmen, und wenn Gott es ihnen gestattet, uns in Gefahren des Leibes und der Seele zu Hilfe kommen. Noch ganz besonders nahmen wir die Worte, die Jesus, als er die Kleinen zu sich rief, gesagt hat, auf's Neue recht zu Herzen: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf!" Also die Erzählung Christoph v. Schmid's in seinen Eingangs gedachten „Erinnerungen aus seinem Leben" (Augsburg 1853—1857). Wer könnte diese Erzählung ohne tiefste Rührung lesen! ll. L. I?. G l ü ck. In jeder Menschenbrust Ruht, wenn auch unbewußt, Des Glückes hoffnungsvoller Keim verborgen. Wenn Dir das trübe „Heut" Nur Noth und Sorgen beut, So lächelt Dir vielleicht ein frohes „Morgen." Hält auch die Liebe nicht, Was sie Dir hold verspricht, Und reißen jäh der Freundschaft zarte Bande! Wirft Dich des Schicksals Loos Tief in des Unglücks Schook Und stehst Du vor des Abgrund's düsterm Rande: Berzage nicht, o Herz, Blick hoffend himmelwärts, Noch bist Du nicht verlassen und verloren, Denn wenn Dn's ahnest kaum, Erscheint das Glück im Traum, Das Menschcnherz ist ja zum Glück geboren > Erfüllt der Tugend Glanz Die reine Seele ganz, Dann wirst des Lebens Unbill Du vergessen. Nur wenn Du trauernd Nagst * Und nach dem Glücke jagst, Dann kennst Du's nicht und hast es nie besessen! Carl Felix. Miseelleir. (Aus einer Gerichtsverhandlung.) Richter: „Sie sind als Zeuge vorgeladen ; ich fordere Sie auf, Nichts von dem Vorfall zu verheimlichen und nur die lautere Wahrheit zu sagen." — Zeuge: „Also damals saß ich in der Wirthschaft und da kam der Jakob und setzte sich zu mir und als wir den ersten Schoppen getrunken hatten, ließen wir uns noch einen kommen, denn der Wein war sehr gut und schmeckte so gut baß ... ." — Richter: „Aber halten Sie sich doch an das Factum!" — Zeuge: „Das Factum kommt schon. Der Wein also, ja der schmeckte uns so gut, daß wir uns noch Jeder einen Schoppen bestellten und da...." — Richter: „Aber kommen Sie doch endlich zum Factum; machen Sie doch nicht so viel Gerede!" — Zeuge: „Ja, ja. Da kommt nun der Seppel mit dem Factum auf'm Rücken und hängt's draußen auf und setzt sich auch zu uns an den Tisch. Als der den ersten Schoppen getrunken, läßt er sich noch eine» kommen und der...»" — Richter: „Aber halten Sie sich doch an das Factum, machen Sie doch nicht solche Umwege." — Zeuge: „Und wie wir so dasitzen und trinken, kommt der Peter, nimmt's Factum und läuft damit weg. Als wir das sehen, springen wir ihm nach und nehmen ihm's Factum wieder ab und haben ihn dabei etwas g'sloßen. So war's Herr Richter und nun hab' ich Ihnen Alles erzählt, wies war; jetzt will ich Ihnen auch noch das sagen: es war kein Factum — es war ein Kalb." (Flgd. Bl.) 199 (Alexander Dumas' Mutter.) In dem soeben im Verlage von Kaiman Lävy erschienenen „Werke Alexander Dumas'letzte Jahre" (Jahr 1864 bis 1870) erzählt der Verfasser Herr Gabriel Ferry Einiges über die bis jetzt wenig bekannte Mutter des jüngeren Dumas, der Verfassers der „Kameliendame". Dumas Vater lernte Madame L ..... im Jahre 1824 kennen, als er eben von Villes les Cottöres kommend, in den Bureaux des Herzogs von Orleans, nachher Louis Philippe, als Schreiber beschäftigt war. Madame L . . . . . war bereits verheirathet, aber auf gütlichem Weg von ihrem Manne, einem Notar in Nouen, geschieden. Der Zufall fügte es, daß sie in demselben Hause wohnte, wie Dianas und seine Mutter. Beide Nachbarn gefielen sich und diesem Verhältnisse ist der heutige Akademiker entsprossen. Alexander Dumas lebte in fast vollständiger Gemeinsamkeit mit der Mutter des kleinen Alexander, bis ihm seine ersten dramatischen Erfolge die vornehmsten Kreise der Pariser Gesellschaft eröffneten. Der Knabe blieb bei der Mutter bis zu seinem achten Lebensjahre. Um zu leben, hatte Madame L .. ..., die zu stolz war, die Hilfe ihres Geliebten in Anspruch zu nehmen, eine Stelle in einem großen Crziehnngs-Jnstitut inne, die ihr gestattete, nicht nur eine anständige Existenz zu führen, sondern noch Ersparnisse zurückzulegen. Sie brachte ihrem Sohne den Ordnungssinn und die Grundsätze ernster Lebensauffassung bei, welche einen so grellen Kontrast zwischen dem Verfasser der „Dcmimonde" und jenem der „Drei Musketiere" schufen. Im Jahre 1832 übernahm Dumas Vater die Erziehung des Knaben, er übergab ihn einem Schriftsteller Namens Goubaux, der ein Institut errichtet hatte. Mit diesem Goubaux zusammen verfaßte Dumas eines seiner besten Stücke: „Richard d'Harlington." Der Autor von Dumas' letzte Jahre" erzählt ferner, daß nachdem er seine Erziehung beendet, der junge Dumas bei seinem Vater lebte, der damals am Zenith seiner Berühmtheit und Popularität ein luxuriöses Leben führte. Da kam die Revolution von 1848. Das von Dumas gegründete und geleitete „Theatre Historique" gerieth in Konkurs und es war dem Vater nicht mehr möglich, den Sohn pekuniär zu unterstützen. Da kam Madame L . .... ihren, Sohn zu Hilfe. Sie lebte sparsam aber anständig in einem kleinen Apartement der Rne Pigalle. Sie nahm ihren Sohn auf, ermunterte ihn und unterstützte seine Bestrebungen, sich eins unabhängige Existenz zu gründen. Damals entstand „Kameliendame" und bis dieses Stück mit kolossalem Erfolg ausgeführt war, mußte die Muttter manchmal ökonomische Wunder wirken, um ihre und ihres Sohnes Subsistcnz zu sichern. Madame L . . . . . starb in, Jahre 1868, zwei Jahre früher als Alexander Dumas, mit dem sie sich ausgesöhnt hatte. (Die nachstehende Zusammenstellung des Lebensalters hervorragender Tonkünstler) dürste anläßlich des Todes Richard Wagners von Interesse sein. Franz Schubert erreichte ein Alter von 31 I. 9 M. 18 T.; Bellini 33 I. 10 M. 22 T.; Mozart 35 I. 10 M. 8 T.; Mendelssohn - Bartholdtz 38 I. 9 M. 1 T.; Nikolai 38 I. 11 M. 2 T.; E. M. v. Weber 39 I. 5 M. 18 T.; Herold 41 I. 11 M» 21 T.; Schumann 46 I. 21 T.; Lortz'mg 47 I. 2 M. 28 T.; Donizetti 49 I. 6 M. 14 T.; Adam 52 I. 9 M. 9 T.; Mehul 54 I. 3 M. 24 T.; Beethoven 56 I. 4 M. 11 T.; Halevy 62 I. 9 M. 12 T.; Bach 66 I. 2 M. 7 T.; Marschner 66 I. 3 M. 28 T.; Conradin Krcutzer 67 I. 22 V.; Richard Wagner 69 I. 8 M. 22 T.,' Flotow 70 I. 8 M. 22 T.; Spontini 72 I. 1 M. 20 T.; Meyerbeer 72 I. 7 M. 27 T.; Gluck 73 I. 4 M. 13 T.; Handel 74 I. 1 M. 21 T.; Spohr 75 I. 6 M. 17 T.; Rossini 76 I.; 8 M. 15 T.; Haydn 77 I. 2 M.: Cherubin, 81 I. 6 M. 7 T.; Auber 87 I. (Zur Beherzigung zur Concert- und Theaterbesucher) erzählt die „Saale-Ztg." folgende Reminiscenz: Am 24. März 1835 war Nikolaus Lenau in München, wo er Abends im Odeonsnale einem Concerte von A.rtot, erstem Geiger des Königs von Belgien, beiwohnte. An, 27. März schrieb er an die Hofräthin Neinbeck in Stuttgart: „War auch das Spiel dieses außerordentlichen Virtuosen groß und herrlich und namentlich sein Adagio wahrhaft bezaubernd, so mußte er dennoch die Kränkung erfahren, daß 200 der größere Theil des Publikums noch während seiner letzten Variationen aufbrach. Sehr - ärgerlich und grundphilisterhaft ist diese erbärmliche Besorgnis; des Publikums um seine Mantel, während es in eine Welt versetzt sein sollte, wo man keine Mantel mehr braucht. Hätte doch der Künstler allen Störern zugleich seine Geige an den Kons schlagen können! Doch nein! An diesem Felsen sollte das edele Saitenspiel nicht zerschellen! Einen Blick aber warf Artot auf die Barbaren herab, so zürnend und verachtungSmächtig, daß er mir in der Seele wohlthat; aber nur Einen. Von diesem Augenblicke klang sein Adagio noch viel leidenschaftlicher und tiefer; es klang wie ein schmerzliches Fortflüchten aus dem Kreise dieser Rohen und Kalten und wie ein Ausweinen in den Armen seines Genius. Artot soll leben! Er ist ein wahrer Künstler; ein unechter hätte, beleidigt schlechter gespielt; Artot spielte besser." (Was Knübbe sagen würde.) Oberst (zum Musketier Knübbe, welcher bisher alle Fragen des Officiers über das Gewehr unbeantwortet gelassen hat): Na, mein Sohn, Du mußt doch etwas vom Gewehr wissen, bist doch lange genug darüber instruirt. Du mußt Dich nicht etwa ängstigen weil ich hier zuhöre; nimm einmal an, daß Dich einer Deiner Kameraden fragt: Knübbe, sage mir 'mal, aus welchen Theilen besteht das Gewehr, was würdest Du da antwortend — Knübbe (nach kurzen: Besinnen): Ick würde sagen: Hlat das Maul, Kerl, wat geht Dich meine Flinte an! (Sparsystem.) „Ja," sagt der Barbier von Segringen, „das ist ein strenger s Winter und alle Geschäfte gehen schlecht; Jeder hält sein Geld zurück, nicht einmal die ^ paar Pfennig für's Haarschneiden wollen sie sich mehr kosten lassen. Wißt Ihr, wie's i der Bachschuster macht, wenn die Zeit zum Haarschneiden da ist? Er und seine Buben tauchen die Köpfe in ein Schaff mit Wasser, stellen sich dann hinaus in den Hof, lassen ^ die Haare gefrieren und brechen sie dann ab. Aus diese Weise haben sie das Geld für s * Haarschneiden erspart." (Wohl noch nicht dagewesen!) Ein von Mewe in Westpreußen nach Amerika ^ Ausgewanderter war mit seinen Steuern im Rückstands geblieben unv schickte dieselben - von Newyork nn die Kämmereikasse seiner Vaterstadt. Das erinnert ja fast an das „Wunder von Jena": Eine große Menge Menschen (fast die halbe Stadt) hatte sich auf dem dortigen Marktplatz mit Kind und Kegel versammelt, um einen Studenten zu begrüßen, der soeben ein Zwanzig-Markstück auf die städtische Sparkasse getragen. (Visitenkarten) sind bequem — Und oft im Leben angenehm. — wer danken will schreibt d'rauf p. r. — Das heißt zu deutsch: ich danke sehr. — Willst ferner sagen du Adieu, — So schreibst du einfach x. p. o. — Bringst einen Fremden du ins Haus, — So drückst du durch x. p. es aus. — Thür Dir das Leid des andern weh, — Schreibst ! auf die Karte du p>. e. — Der Glückwunsch, was er auch betreff' — Er lautet einfach nur x. k. — Und in der Kart ein Eselsohr — Bedeutet: „Ich sprach selber vor." ! (Ein Farme r) kaufte in der Stadt in einem Fruchtladen für einen Cents Kastanien. Nach einer halben Stunde kam er zurück und legte eine Kastanie auf den Ladentisch. ' ' „Was soll das bedeuten?" frug der Ladenbesitzer. „Das ist die einzige gute Kastanie die im Papicrsack war," antwortete der Farmer, „uyd ich nehme an, daß Sie dieselbe irrthümlicher Weise hineingethan haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, der aus einem Irrthum keinen Vortheil ziehen will." Auslösung des Arithmogryph in Nr. 24: I, avsnds D O 8tss 12 k rü N nn ^ v Ii II " Fllr die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttier.