zur „Äugslmrger PostMung." Nr. 26. Samstag, 31. März 1883 Fernande. Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. (Fortsetzung.) 2. Kapitel. Fernande war entschlossen, diesen Besuch zu verschweigen, und die in Aussicht stehende Vorlesung wurde erst am nächsten Morgen erwähnt. Als das Ehepaar schweigend beim Frühstück saß, — seltsam, daß die Sorge stumm und die Freude gesprächig macht — sah sie auf zu dem schönen dunkeläugigen Gesicht ihr gegenüber und sagte: „Etienne, willst Du heute Abend mit mir in die Vorlesuug der Madame Lorenzi gehen? Die Billete wurden mir geschenkt." Ohne von seinem Teller aufzusehen erwiderte der junge Professor: „Ja; wir hätten hingehen müssen, auch wenn die Eintrittskarten uns nicht geschickt worden wären. Alle Professoren und Schüler des Lyceum werden dort sein, wie ich hörte. Bliebe ich weg, so würden die Leute sagen, daß ich mich zu erscheinen schäme, oder daß wir in der Welt keine zwei Francs zum Eintrittsgeld auftreiben konnten." Er lachte mit schrecklichem Hohn und fügte hinzu: „Es ist eine heitere Welt. Wie wäre es, wenn wir uns entschlössen, ihr Lebewohl zu sagen?" „O, sei nicht so bitter — so gottvergessen!" sagte die junge Frau flehend. „Gott hat uns nicht verlassen, wir werden bessere Tage sehen." Statt einer Antwort zuckte er nur die Schultern. Fernande beobachtete ihn und sann traurig über die verändernde Macht der Sorge nach. Sehr stolz und sarkastisch war ihr Mann immer gewesen, aber Niemand könnte gütiger und genialer sein als er, so lange das Glück ihnen günstig war. Es schmerzte sie unaussprechlich, daß ihre Neigung ihn jetzt kaum trösten konnte. Das kleinste Zeichen seiner Liebe zu ihr hätte ihr die dunkelste Stunde erleichtern können, aber er schien in sich zusammen zu sinken und jetzt im Gefühl seines Unglücks und seiner Verlassenheit sogar die Liebe zu vergessen. Nie hatte eine zahlreichere, verschiedenartigere Versammlung das geräuinige Theater gefüllt als heute zum Willkomm der großen Künstlerin. Das angekündigte Vergnügen paßte sowohl für Ernstgesinnte, als Leichtfertige, für Jung und Alt, Gebildete und Un» wissende. Wer unter den Franzosen, sei es Mann, Frau oder Kind, könnte sich nicht freuen über eine Scene aus Racine, ein Lied Börangers, eine Idylle von Lamartine oder eine Fabel von Lafontaine, besonders beim Vertrag der mächtigen, lieblichen und pathetischen Stimme einer Lorenzi? Diese Dichtungen sind Allen bekannt und durchdringen eine französische Zuhörerschaft mit edler Begeisterung. Beim Beginn des Vortrags der herrlichen Tragödin aus Victor Hugo's „Emu" herrschte lautlose Stille unter der großen Menge; die süße Macht der Beredtsamkeit, die volle, musikalische, tönereiche Stimme erhob sogar Fernandens trauriges Herz in höhere Regionen. Als sie mit angehaltenem Athem auf Athalie's leidenschaftliche Reden lauschte, vergaß sie die während des Tages gehegten Hoffnungen; sie hörte nicht in Erwartung, sondern in einer Gemütsverfassung zu, mit welcher ihre eigenen Gefühle Nichts zu thun hatten. Vor der großen, lebens» wahren Welt der Poesie erloschen ihre kleinlichen Sorgen. Etienne vergaß ebenfalls bald seine zerschmetterten Pläne, seine tiefgewurzelte Bitterkeit, während er unter diesen raschen Eindrücken glühte. Fernande sah sein erregtes Gesicht und erinnerte sich plötzlich ihrer süßen Hoffnungen, welche sie bereits als thöricht erkennen mußte; sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß dieser Abend ihr und ihrem Manne einen edlen Genuß geboten habe. Madame Lorenzi konnte ihnen weder Ruhm noch Reichthum bringe» aber sie hatte ihnen eine unauslöschlich schöne Erinnerung geschenkt. Fernandens hochfliegende Hoffnungen verschwanden in der Erregung dieses unvergleichlichen Abends. Als ein herrliches Gedicht nach dem anderen vorgetragen wurde, als abwechselnd die zarteste Anmuth und die höchste Leidenschaft des Ausdrucks jedem Vers und sogar jedem Wort größere Schönheit und tiefere Bedeutung verliehen, fühlte sie, daß sie glücklicher und demüthiger wurde. Nein; es war nur Selbsttäuschung und Kühnheit zu hoffen, daß ihr Mann schon jetzt in die Gesellschaft der gottbegnadeten Dichter gehören könne. Er mußte größere Anstrengungen machen und auf die Zukunft warten. So vergingen die entzückenden Augenblicke, und endlich kündigte die Tragödin einige Gedichte lebender bretanischer Dichter an; Fernande hörte es kalt und erwartungslos. Sie hoffte nicht mehr auf die Verwirklichung ihres Planes und wünschte fast, der Abend möge vorüber sein, weil sie wehmüthig ihrer Illusion gedachte. Sie mußten morgen wieder zu ihren Sorgen erwachen, als ob Nichts geschehen sei, und mußten sich rüsten, die Prüfungen zu ertragen, welche Gott ihnen noch senden wollte. Das Unglück konnte nicht in einem Tage verschwinden; allmählig würden die Wolken vorüberziehen und die Sonne gewiß zur rechten Zeit scheinen, aber nicht jetzt und nicht plötzlich, wie durch einen Zauberschlag. Sie saß mit theilnahm- losen Blicken und gefalteten Händen, nicht mehr in Selbsttäuschung sondern nur in Verwunderung über ihre vor einer Stunde gehegten kühnen Ziele. Träumte sie? Hörte sie wirklich oder nur in ihrer Einbildung den Namen ihres Gatten? Sie neigte sich in ver« zweiflungsvoller Erwartung vorwärts, als ob ihre Existenz von den nächsten Worten der Tragödin abhänge; die Letztere sprach noch einmal unzweifelhaft klar und wohllautend den Namen ihres Mannes aus, und Fernande konnte kaum ihre Fassung behaupten. Sie wagte es nicht, ihren Mann anzublicken, aber sein leiser Seufzer, sein rascher Athem verriethen ihr seine Aufregung. Es gibt Augenblicke iin Leben, wo In jois kuit xeur, *) und dies war ein solcher Augenblick. j Der junge Professor war leichenblaß geworden. Jetzt sollten seine armen verachteten i Verse keiner Kritik und kalten Analyse unterworfen werden, sondern Lob und warmen Beifall hervorrufen. Jetzt konnte er diese begeisterten Zuhörer mit poetischer Kraft durch- dringen und vor seinen Mitbürgern im unauslöschlichen Licht des Dichters, des des Lehrers der Menschen erscheinen! Solch ein Triumph hätte ein noch größeres Talent befriedigen > und für noch schwereres Unglück entschädigen können. Mit der schnellen untrüglichen ^ Entscheidung des richtigen Urtheils hatte die Künstlerin aus dem umfangreichen Manus- cript gerade den Theil gewählt, welcher für die Zuhörer und die Gelegenheit paßte. Ein s reizendes poetisches Miniaturgemälde schilderte die schöne alte Stadt im Mondschein einer - Sommernacht — die düstere Kathedrale, die Schloßbastei, die breite Loire, den belebten ^ Hafen, die waldigen Jnselchen. Dieses Bild mußte die hier aufgewachsenen Zuhörer ! rühren, und durch den ganzen Abschnitt ging ein Zug tiefer Trauer und glühender Vaterlandsliebe. Ueberdieß erzählten die Verse von Begeisterung und Täuschung, von einem durch gewöhnliche Dinge unbefriedigten Leben. Das Probestück eines jungen seiner Kraft bewußten Dichters hätte schärfer kritisirende Zuhörer befriedigen können, besonders weil es die wunderbare Stimme voll starken, biegsamen Klanges vortrug. Edelmüthig ergriffen die Zuhörer die Gelegenheit einen vom Unglück verfolgten Mann zu erheben. Fast jeder der Anwesenden kannte die Geschichte des jungen Professors; ungewöhnlicher Applaus ertönte; man rief: „Der Dichter! Der DichterI" Ein Zurückziehen war un- *) Die Freude macht Furcht. Französisches Sprichwort. L03 möglich. Bleich und zitternd, mehr gleich einem Schuldigen an der Gerichtsschranke, als einem Helden im Augenblick seines Triumphes stand Etienne auf, versuchte zu lächeln und verbeugte sich rechts und links. Noch nie hatte das Ehepaar eine so tiefe, gewaltige Bewegung empfunden; nachdem der Beifallssturm vorüber, vermochten sie den Zwang nicht länger zu ertragen; sie standen ruhig auf, verließen das Theater und eilten schweigend und mit Freudenthränen Heini. — (Fortsetzung folgt ) Zur Geschichte des Augsburger Theaters. Von Klara Reichner. VI. Das alte Stadttheater und die neuere Zeit. Es ist hier nicht der Zweck und die Aufgabe, den einzelnen Direktionen auf all' ihren verschiedenen Rosen- und Dornenpfaden zu folgen, doch sei wenigstens ein flüchtiger Blick» als eine Art von Rundschau, auf die neuere Zeit bis zu den letzten dreißig Jahren noch geworfen. — Nach dem großen, theatralischen Direktionen-Krach des Jahres 1806 erhielt die Conzession der Direktor Friedrich Müller, nebst Frau als ze'tweise Stellvertreterin, (eine damals sehr beliebte Methode l) und zwar auf sein Ansuchen gleich auf sechs Jahre, wofür er sich verpflichtete, Winter und Sommer zu spielen. Mit einem Prolog des Augsburger Tabaksfabrikanten und Magistratsraths Philipp Schmid wurde am 15. September 1807 der einstweilige Jnterimszustand beschlossen, dessen Geschäftsführer der nunmehrige Direktor gewesen, und die neue Aera eröffnet, durch welche in der That eine bessere Zeit dein Stadttheater zu erblühen begann. Zahlreiche neue, mehr oder minder werthvolle Produkte jener für unsere Literatur so fruchtbaren Zeit der „zweiten Sturm- und Drangperiode" gelangten, von, Beifall des Publikums begleitet, zur Darstellung; auch der erwähnte Augsburger Prolog-Dichter zeichnete sich nicht nur durch die damals sehr üblichen GelegenheitsDichtungen, wie: Prologe» Epiloge, Festspiele, welche zuweilen auch in Musik gesetzt wurden aus, sondern er war auch glücklich als Verfasser der zu jener Zeit sehr beliebten Ritterstücke, — namentlich aus der Geschichte Augsburgs. — Das Personal der neuen Direktion bestand anfänglich aus 78 Personen und 10 Kindern, darunter tüchtige Kräfte ersten Ranges, außer berühmten Gästen. So schienen denn freundlichere Sterne dem Theater Augsburgs leuchten zu wollen, Direktion und Publikum standen sich gut dabei, und diese Periode durfte für die bis dahin hervorragendste in Augsburg gelten. Sechs Jahre aber sind eine lange Zeit, während welcher sich Mancherlei des Wechselnden ereignen kann! Auch wirkte die unruhig-kriegerische Franzosenzeit nicht günstig ein. Einmal — es war am 6. September 1809 und just der Beginn einer neuen Saison — gestattete sogar erst der derzeitige, französische Platzkommandant und dann der französische Gouverneur im letzten Augenblicke, als das Publikum schon auf den Plätzen sich befand, nicht die Eröffnung der Bühne. Erst drei Tage später durste dies geschehen, weil die übermüthigen Herren Franzosen der Ansicht waren, daß die Erlaubniß für öffentliche Vergnügungen ihnen, und nicht der Polizei-Direktion zukomme; — Direktor Müller hatte damals den Muth, dem anmaßenden Gouverneur-General des allmächtigen Kaisers Napoleon auf dessen Frage, wer ihm die Erlaubniß denn ertheilt habe, ganz ruhig zu antworten: „Se. Majestät der König von Bayern l" — Auch diese traurigen Zeiten gingen allerdings vorüber, doch nicht ohne störenden Einfluß auszuüben. So wurde im Sommer, wegen der kriegerischen Zsstände — entgegen dem Vertrage — mehrmals nicht gespielt, außerdem aber verringerte sich das Personal und verschlechterte sich überhaupt die ganze Sachlage dadurch, daß der Direktor- Müller in verschiedenen Städten Gesellschaften besaß, und sich schließlich ganz durch seine Frau vertreten ließ, nachdem im Jahre 1813 sein erster bjähriger Contrakt abgelaufen 204 »var, und er auf's Neue die Conzesfion für weitere 6 Jahre erhalten hatte. Diese Zersplitterung, im Verein mit den schlechten Zeiten, führte endlich — es waren von dem zweiten Contrakte erst 3 Jahre abgelaufen — einen Krach herbei. Zwar hatte „Madame Karoline Müller" alles Mögliche versucht, um auf den Geschmack und die Schaulust des Publikums zu spekuliren: biblische Tableaux aus der Leidensgeschichte mit begleitendem Vortrag in der Charwoche, ein Oratorium mit biblischen Gemälden am Himmelfahrtstags. Ferner wurde der Einzug der verbündeten Truppen in Paris bei festlich beleuchtetem Hause durch eine Festvorstellung mit Schlachtengemälden gefeiert (1814), ebenso 1815 die siegreiche Heimkehr der bayerischen Soldaten; außerdem einmal ein Transparent- Gemälve: „Der Brand von Moskau" mit Musikbegleitung aufgeführt u. s. w. Als aber endlich gar während der Saison 1815/10 Madame Karoliue Müller, um die Zugkraft zu vermehren, jedes neue Stück — oft von sehr zweifelhaftem Werthe — pomphaft auf den Zetteln anpries, und endlich gar im Theater — ein Lamm ausspielte, da war der Anfang vom Ende gekommen. Das Ende bestand in finanziellen Verlusten der Direktion und in ihrem Verschwinden von dem Schauplatz, lange vor Ablauf der zweiten Conzesfion, »vorauf ein Direktor, Karl Hain, wieder nebst Frau, erschien, welche ihm indessen um so nothwendiger war, als er, in Folge seiner Gicht, stets gefahren oder getragen werden mußte; er gab mit seinem Personal von 33 Mitgliedern und 11 Kindern 98 Vorstellungen vom 17. November 1816 bis 30. Mai 1817, ohne sonderlichen Erfolg zu haben. Trotz dieser traurigen Erfahrungen erhielt der nun folgende Direktor Josef Scheinen« auer, wegen des guten Rufes, der sich an seinen Namen knüpfte, abermals, wie der Direktor Müller, die Conzesfion gleich auf sechs Jahre. Ein Prolog: „Thaliens schöne Zukunft" eröffnete verheißungsvoll die neubeginnende Saison, dessen Verfasser ein Nachfolger des erwähnten, dramatischen Gelegenheitsdichters Philipp Schmid, Doktor Wilhelm war; auch ein auf sonstigem dramatischem Gebiet mit glücklichem Humor, trotz feines jahrelangen Gichtleioens, thätiger, Augsburger Theaterdichter, der nicht nur: „die ^ Hunnen vor Augsburg", sondern auch Puppenspiele für's Marionettentheater schrieb. Unter dem Direktor Schemcnauer, der Winter und Sommer spielte, entstand der Anfang der Sperrsitze, indem vorerst die drei vordersten Parterre-Bänke dazu eingerichtet wurden. Gespielt wurde für gewöhnlich: Sonntags, Dienstags, Freitags — Anfang: 6 Uhr; das Winter-Abonnement währte vom 1. September bis Ende April, und die Preise der Plätze waren — ohne je erhöht zu werden: 1 Fl. für 1. und 2. Rang, 48 Kr. für Sperrsitz, 36 Kr. für 1», 18 Kr. für 2. Parterre, 12 Kr. für Galerie und 6 Kr. für den letzten Platz. Das während der ersten drei Jahre aus 69 Mitgliedern und 9 Kindern bestehende Personal leistete im Verein mit hervorragenden Gästen (darunter Franz Liszt als 12jühriger Knabe) sehr Tüchtiges, das Nepertoir war vielseitig, reichhaltig, theilweise aus bedeutenden Erzeugnissen der „zweiten Sturm- und Drangperiode" bestehend, theilweise jedoch schon beeinflußt durch die nachfolgende, minder glückliche Zeit unserer dramatischen Dichtung (Schicksalstragödien u. s. w.). Auch ein sehr vielseitiger Augsburger Dichter trat mit Erfolg hervor in der Person des Freiherr» Ecker von Eähofen, welcher, außer den gebräuchlichen Gelegenheitsdichtungen, durch Uebersetzen und Dramatisiren hervor sich that. — Trotz Alledem aber schlug auch die unfreiwillige Abschiedsstunde des Direktors Schemenauer, nachdem er auf sechs weitere Jahre der Permission erhalten, als die erste von 1817 abgelaufen war; dieses zweite halbe Dutzend lief indessen nicht mehr völlig ab, denn nach zehn Direktionsjahren in Augsburg mußte er die Bühne schließen, mit Verlust all' seiner Habe. Ungeachtet der ohnehin schon stattgehabten Gagen-Abzüge, betrug die Schuldenlast der letzten zwei Jahre 6451 Fl>< von denen die Gläubiger die Hülste erhielten. Und nun begann abermals eine Jnterimszeit l Die Mitglieder gaben auf eigene Rechnung etliche Vorstellungen, alsdann trat ein Comitä zusammen, bestehend aus Augsburger Honorationen, das zwei Jahre lang das Theater leitete, und einen Geschäftsführer 205 anstellte, bis die Verluste, die auch sie erlitten, die Aktionäre veranlaßten, die Sache wieder aufzugeben. Es war freilich eine gute Zeit für Mitglieder und Publikum gewesen, was Gage für die Einen und Ausstattung der Stücke für die Andern anbetraf, aber das Nachspiel war — des Gegensatzes halber — um so trauriger, da ein Direktor natürlich erst recht nicht im Stande war zu leisten und durchzuführen, was ein bemitteltes Privatunternehmen auf die Dauer nicht erhalten konnte. Vom Jahre 1829—34 versuchte der „von Jugend auf an eine Direktionsführung gewöhnte" Johann Weinmüller sein Heil, ebenso zum zweiten Male 1837—41 und sogar zum dritten Male 1843—44. Es war dies eine um so eigenthümlichere Passion und kostspieligere Gewohnheit, als er von der jährlichen Nente und dem kleinen Baarkapital, die er besaß, jedenfalls sorgenfreier hätte leben können, als sich bis in seine achtziger Jahre hinein, ohne Vortheil schließlich, mit beständiger Direktionsführung zu plagen. Auch in Augsburg lächelte ihm das Glück nicht sehr holdselig entgegen. Zwar begann er mit einigen guten Kräften — im Ganzen mit 85 Mitgliedern und 2 Kinder —> führte auch allerlei neue Stücke von Albini, Birch-Pfeiffer, Deinhardstein, Holtei, Naupach, Raimund, Wolf rc. rc., sowie neue Opern von Auber und Rossini in's Treffen, ferner als Gäste die beiden berühmten Charlotten: Birch-Pfeiffer und von Hagen, den Geigen- könig Paganini rc. rc., aber — darüber ging sein Baargeld zu Grunds, und sogar seine Rente mußte er für mehrere Jahre verpfänden, obwohl ihm die Stadtkasse einen außerordentlichen Zuschuß von 1000 Fl. und die Abonnenten 1600 Fl. gewährten. — Um auch ein wenig Humor in diese Tragik zu bringen, sei eines tragi-komischen Ereignisses erwähnt, das unter dieser Direktion als eine Art von Unicum passirte. Der Musik- Direktor Maurer hatte zu seinem Benefiz eine Oper: „Abraham's Opfer" componirt. Der Abend ist gekommen, das Publikum zahlreich versammelt, doch fehlt der Held, die Hauptperson — Abraham selbst, in Folge einer hartnäckig geschwollenen Wange. Was thun? — Der Mensch muß sich stets zu helfen wissen — wie viel mehr nicht ein Direktor und ein Venefiziant in solchen Nöthen I Ein anderes Opernmitglied wird schnell in das Kostüm des Abraham gesteckt, singt die Partie flottweg aus der Stimme heraus, während daneben im schwarzen Frack ein Zweiter steht, die Prosa dazu lesend! — „Wenn Kunst sich mit Natur verwandelt, Dann hat Natur mit Kunst gehandelt!" — Unterbrochen wurde diese dreifache Serie Weinmüllrr durch zwei andere Direktionen. Zuerst 1834—87 durch seinen Schwiegersohn August Nothhammer, der mit einem Personal von 71 Mitgliedern und 5 Kindern die Bühne eröffnete. Er war dies eine sehr thätige Direktion, deren Personal sich nicht verminderte, sondern auf nahezu 80 Mitglieder erhöhte; auch die Zahl der neugegebenen Stücke war z. B. im zweiten Jahrgang die respektable von 43 von meist bedeutenden Verfassern. — Unter dieser Direktion hört auch zum ersten Mal das Zahlen der Abgaben auf, welche allerdings von den ursprünglichen 16 Fl. pro Spielabend seit etwa 1803 auf 5 Fl. 30 Kr. für den Wintcrspiel- Abend und 2 Fl. 4b Kr. für den Sommer herabgemindert worden waren. 1836 erhielt Direktor Rothhammer sogar einen Zuschuß von 600 Fl., welcher in Zukunft jeder Direktion per Jahr auf Ansuchen ertheilt wurde, bis die Direktion Beurer (die zweit«, welche — 1841—43 — die verschiedenen Serien Weinmüller unterbrach) diesen Zuschuß als Subvention erhielt. Unter Direktor Nothhammer traten auch verschiedene sonstige Aenderungen in's Leben: er entfernte das 2. Parterre, und setzte für den ganzen Parterre-Raum 30 Kr. Eintrittsgeld für die Oper, 24 Kr. für das Schauspiel fest. (Anfang halb 7 Uhr). Auch eröffnete er ein Sommer-Abonnement (denn die Gesellschaft spielte zum ersten Mal seit Schemenauer während des einen Sommers 1836), bestehend aus 28 Abenden, getheilt in zwei Abonnements zu 12 Vorstellungen nebst zwei Suspen- dus. Auch an hervorragenden Mitgliedern war kein Mangel — es sei hier nur des so viele Jahre dem Augsburger Stadttheater angehörenden Komikers Frdr. August Witz gedacht — ebensowenig, als an berühmten Gästen. Eslair, Wilhelmine Schröder-Devrient, 206 Vespermann (der zuerst in Augsburg Goethe's „Faust" gab) und Frau Sigl-Vespermann, Charlotte Birch-Pfeiffer, Lang rc., ebenso wie dem größeren, schaulustigen Publikum in entsprechender Weisx Rechnung getragen wurde durch das Auftreten einer spanischen Hof- tänzergesellschaft Tourniaire, die mit Pferden auf die Bühne kam. So bemühte sich der thätige Direktor, «S gar Allen recht zumachen, und das auf möglichst künstlerische Weise; — Letzteres gelang ihm — mit einem Chelard als Capellmeister und Wolff als Regisseur zur Seite — auch sehr wohl, Ersteres dagegen gelang ihm leider nicht. Wenigstens ging er trotz Alledem mit allein seinem guten Willen und aller Anstrengung, das Beste zu leisten und zu bieten, doch schon im dritten Jahr« seiner Theaterleitung vollständig zu Grunde, namentlich, da die im Winter 1837 in Augsburg herrschende, heftige Grippe das Publikum noch weit mehr als sonst dem Theater fernhielt. Als der arme Noth» Hammer sich zahlungsunfähig erklären mußte, spielten die Mitglieder auf eigene Rechnung fort, bis der Schwiegervater Weinmüller seinen Schwiegersohn wieder in der Direktion ablöste, um endlich selbst ein ähnliches Schicksal zu erleben. Er schloß die Bühne: »wegen des grassirenden Nervenfiebers und der wachsenden Theuerung aller Lebensmittel." — (Während dieser zweiten Serie Weinmüller gelangte das Augsburger Theater aus den Händen der St. Martins-Stiftung, in welche es seit etwa 1803 aus denen des Almosen» Amtes übergegangen, in die der Commune.) Auch dem andern Direktor — Carl Beurer — der die verschiedenen Direktionen Weinmüller unterbrach, wäre es nicht besser ergangen, wenn er nicht sammt seiner Gattin einer „weisen Sparsamkeit" gehuldigt hätte — auch in Bezug auf die Wahl der Stücke, deren Zugkraft und Wiederholungen sich sehr glücklich-speculativ erwiesen. Als Beispiel, wie es zu seiner Zeit (1841—43) mit der Wiederholung von Stücken beschaffen war, diene die folgende Notiz: Die Oper „Czar und Zimmermann" von Lortzing, und Marie, die Tochter des Regiments" von Donizetti, sowie die Nestroy'sche Posse „Einen Jux will er sich machen" waren z. B. damals Novitäten, welche 6—8 Wiederholungen per Saison mit Erfolg gestatteten. Direktor Beurer hatte keinen besonderen Vor- aber gerade keinen Nachtheil von seiner Direktion in Augsburg, dafür aber hatte auch das Augsburger Theater weder unter ihm, noch unter seinen Nachfolgern einen Aufschwung zu verzeichnen; im Gegentheil, denn es ergab sich nach Nothhammer 16 Jahre hindurch eine gewisse Ebbe und Dürre in den Theaterverhältnissen Augsburg's, die ihren Gipfelpunkt in einem vierblättrigen Direktions-Kleeblatt, bestehend aus zwei Männlein und zwei Weiblein» fand, die sich folgerichtig stets befehdeten. Deren Nachfolger — Wilhelm Lippert (1845—51) — hielt viel auf äußern Glanz, war thätig und speculativ und erhielt viel Erleichterung und vielen Zuschuß; so hielt er sich auf diese Weise über Wasser. Unter dieser Direktion verschwand — 1850 bis 1851 — zuerst die »och aus dem vorigen Jahrhundert herrührende Bezeichnung: „Madame und Demoisellö" von den Zetteln, um dem deutschen: „Frau und Fräulein" Platz zu machen. Nach einem nochmaligen kurzen Auftauchen von Karl Beurer (1851—52) erschien für den folgenden Jahrgang ein Direktor, welcher mit Recht besonderer Erwähnung verdient, als Derjenige, welchem es gelungen, mit verhältnißmäßig geringsten Mitteln den verhältnißmäßig größten Bortheil in Augsburg zu erzielen. Es war dies Ernst Walter — wegen seiner Manier, alle Welt mit „Freundchen" anzureden: „Freundchen Walter" genannt. Während seiner nicht viel über fünf Monate währenden Direktion war eS allerdings stets voll, denn die Anziehungskraft seines Programms bestand in der Berück» fichtigung des allgemeineren Publikums, durch viele Possen, durch die Sonntags gegebenen Nitterkomödien, wie: „Blaubart, oder die Todtengruft und Maklerkammer", mit bengalischer Feuerbeleuchtung. Ferner z. B. „der gebändigte Tiger" mit der fett gedruckten Zettel-Notiz: „Der Tiger kommt lebendig vor!" — Und er kam wirklich, d. h. der „lebendige Tiger" bestand aus einem Statisten, eingenäht in eine bemalte Tigerhaut. Als „Freundchen Walter" von Augsburg schied, erklärte er zum Abschied, daß: »was gefordert werde, mit den gegebenen Mitteln nicht zu beschaffen sei", und wenn s — 207 — schon nach seinem Abzug darüber berathschlagt ward, ob im folgenden Winter das Theater „icht ganz geschlossen werden solle, so wurde schließlich doch beschlossen, statt dessen lieber dem folgenden Direktor, außer freier Heizung und Beleuchtung für Oper und Orchester einen Zuschuß von 1000 Fl., für das -Schauspiel aber 600 Fl. zu gewähren, während zuvor die Subvention sich nur auf 1200 Fl. beziffert hatte. Dieser folgende Direktor war Friedrich Engelken! Unter ihm begannen — 1853 — wieder bessere, künstlerische Zeiten für das Augsburg« Theater, ein idealeres Streben! Ihm wurde auch bewilligt, was vordem nur auf erfolgte Eingabe gestattet war: stets fünfmal wöchentlich zu spielen; von 1853 an staminte auch das für die ganze Winter- Saison bindende Abonnement. — Doch das Jahr 1853 führt uns schon in die bekanntere Neuzeit, um welche es sich hier nicht handeln soll! Aus dem Gesagten wird ohnehin hervorgehen, daß im Großen und Ganzen kein guter Stern über dem Theater AugburgS leuchtete. Erschien er, erschien auch bald die Wolke, die ihn zu umhüllen drohte, obwohl die beschwerlichen Abgaben endlich ganz aufhörten, obwohl der Zuschuß und die Spieltage sich nach und nach vermehrten. — Während 1836—42 dieser Zuschuß jährlich 600 Fl. — außer verschiedenen außerordentlichen Beiträgen — betragen hatte, erhöhte er sich im Jahre 1842 von 600 auf 1200 Fl., ohne die indirekten Zuschüsse, durch die 1848 von der Stadt übernommene Heizung, und 1849, nach Einführung des GaseS, auch fortfallenden Veleuchtungskosten. Wenden wir uns nun schließlich noch den Wandlungen und Kämpfen zu, die endlich das alte Stadttheater zu Gunsten eines neuen verschwinden ließen! — Der alte Bau hatte schon von Anbeginn gar nirgends recht genügen wollen; gar zu eilfertig ward er anno 1776 hergestellt, über 100 Menschen waren täglich dabei beschäftigt gewesen, um in 29 Wochen das Theater fertig zu stellen. 21,147 Fl. 38 Kr. hatte dieser Bau ursprünglich gekostet, ursprünglich, denn die zahlreichen Flickereien und Nachbesserungen im Verlauf der Jahre kosteten viel Geld und halfen doch nicht viel. 1832 wurden dann noch die von rückwärts anstoßenden Schießel'schen Häuser für das Theater angekauft und mit der Bühne vereinigt; man benützte die neuen Räumlichkeiten, (für welche der Direktor erst 75 Fl. Zins zahlen mußte, bis allmählig eine Null aus diesen 75 Fl. ward), zu Bürerau-, Garderobe-, Bibliothek-Lokalitäten rc. rc. Da indessen sehr bald eine Decke einstürzte, und die Parterrezimmer unbewohnbar feucht waren, so mußte 1846 Alles niedergerissen und frisch aufgebaut werden. Schon sehr bald nach dem Bau des alten Stadttheaters waren Projekte für einen Neubau aufgetaucht. Schon unter der Direktion Voltolini (1790 beginnend) sprach man in der ersten Begeisterung von dem Bau eines neuen Theaters, der Gedanke aber an die großen Kosten kühlte die ohnehin im Laufe der Begebenheiten sich legende Begeisterung bald wieder ab. 1793 legte der unternehmende Direktor Wenzeslaus Mihule der Stadt einen Plan für ein neues Theater auf Aktien vor, wenn man auf einem entsprechenden Platze ein passendes, nicht benütztes, städtisches Gebäude dazu fände. Es fand sich aber nichts Dergleichen. Im Jahre 1807 tauchte neuerdings ein Vorschlag auf, der scheiterte, ebenso wie im folgenden Jahre der Plan einiger Spekulanten; 1817 wurde gar schon ein Kosten-Voranschlag gemacht init 56,000 Fl. für ein Theater, zu welchem die Függer'sche Kanzlei in Aussicht genommen war; 1825 zog man das Fuggerhaus selbst in Erwägung, und die Idee, einen Theaterbau dort mit „Harmonie-Gesellschaft" und „Börse" zu vereinigen, eine Idee, welche beim Bau der „Börse" 1829 sich wiederholte, ohne zur Ausführung zu kommen. 1837—38 unterbreitete ein spekulativer Kopf dem Rathe Augsburgs seinen Plan, eine Aktiengesellschaft für bauliche Verschönerungen im Allgemeinen und Besondern für München—Augsburg zu gründen; das „Besondere" galt einem großen Gasthof in München und einem neuen Theater in Augsburg! Auch im folgenden Jahre spukte das alte Gespenst von Neuem, ohne Erlösung zu finden; 1851 wurde das ehemalige Armenhaus (später dann „Museum") für ein Theater vor- — 208 geschlagen — ebenso vergebens. Die Zeit der Reife des Projekts war immer noch nicht da, bis sie endlich kam, den Spruch erfüllend: „Was lange währt, wird gut!" So wurde denn inzwischen weiter fortgeflickt, und das Unbequeme mit Heldenmuth ertragen; es kam z. B. unter Anderem vor, daß in den, strengen Winter 1828—29 das Theater vom 12. bis 15. Februar wegen Unheizbarkeit geschlossen werden mußte, und daß um Weihnachten 1831 eS so kalt in dem »»heizbaren Theater war, daß die berühmte Sophie Schröder sich genöthigt sah, ihr Gastspiel abzubrechen, nachdem sie — die „Medea" im Pelzkragen gespielt hatte! — Außerdem gab'es gewisse gefährliche Stellen auf der Bühne, zu welchen Schnee und Regen freien Zutritt hatten. Freilich brachte dann das Jahr 1841 nicht nur einen neuen Giebeldachstuhl gegen das Einschneien, sondern es brachte auch eine Heizvorrichtung, einen schönen Oellampen-Lüstre (Gasbeleuchtung begann ja erst 1849 und wurde in den fünfziger Jahren nach und nach fortgesetzt) und allerlei andere bauliche Verbesserungen, welche in Summa fast 5000 Fl. kosteten; dafür aber bestand auch seitdem, bis von 1848 ab die Stadt in eigener Regie die Beheizung besorgte, für den Direktor die contraktliche Verpflichtung, die Wärme im Zuschauerraum nicht unter 6 Grad zu halten. Als Curiosum aus dem Jahre 1844 mag zur Illustration jener einstigen Zustände eine Zettelnotiz dienen, welche damals als besonderes Zugmittel angewendet wurde: „Das Theater wird gut geheizt!" Ein historischer Rückblick auf all' die vielfachen größeren und kleineren Reparaturen und Bauflickereien des alten Augsburger Theaters, von jener unterthänigen Petition eines Direktors zu Anfang der zwanziger Jahre an, welcher um neue Polstcrüberzüge der Logen-Brüstungen bat, da die alten längst in einem traurig-zerrissenen Zustande seien, bis zum endlichen Bau des neuen Stadttheaters, der zu Anfang der siebziger Jahre wieder lebhaft — und zwar mit 500,000 Fl. — geplant ward, würde zu umfassend werden, ebenso, wie es zu weit führen würde, hier das Nähere untersuchen zu wollen, woher der von jeher über dem Theater Augsburgs schwebende Unstern wohl stammt. Jedenfalls hat jene Stimme doch nicht Recht behalten, welche einst mit der Behauptung sich dort erhob: „es sei das Theater nur ein nothwendiges Uebel!" Denn wenn eine Stadt so viel Kunstsinn und Würdigung besitzt, daß sie im Stande ist, ein solches Stadttheater herzustellen, wie das seit 1878 bestehende, neue Stadttheater von Augsburg, das endlich wie ein Vogel Phönix nach ca. 100 Jahren aus der Asche des alten sich erhob, so ist kaum anzunehmen, oaß die Bewohner dieser Stadt das Theater für „nur ein nothwendiges Uebel" halten! Möge ein freundlicher Stern dem schönen Hause fortan leuchten als neuer Beitrag zur Geschichte des Augsburger Theaters! Wenn ich zwei Menschen glücklich seh Wenn ich zwei Menschen glücklich seh' In einander die Hände legen, So fühl' ich altes Sehnsnchtsweh Sich tief im Herzen mir regen. So tönt in mir ein Klagelied Um den Frühling, welcher entschwunden, Um Hoffnungsblumen, die abgeblüht, Um schöne, selige Stunden; Es tönt durch's Herz mir wehmuthsvoll Mit dem frommen Wunsch für die Beiden, ^l.lr ucul i».viillttc«i ^Tnuls^ jttt. vir oewcll, Daß ihnen der Frühling der Liebe soll So bald wie mir nicht scheiden. Heinrich Freimann. Original-Räthsel. * Vers bin ich zur Halste, zur Hälfte nur Tand; Erräthst Du das Ganze, so hast Du Verstand.' Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Hnttler.