Nr. 27. 1883. zur „Ärrgslmrger Pojheitimg." Mittwoch, 4. April Fernande. Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn. .(Fortsetzung.) 3. Kapitel. „O, wie bitter ist unsere Armuth!" lauteten Etienne's erste Worte beim Eintritt in seine Wohnung. „Morgen, wenn ich unserer Wohlthäterin meinen Dank ausspreche, werde ich der einzige anwesende Dichter sein, welcher ihr keine Blumen anbieten kann." „Sie wird keinen Dank verlangen", sagte Fernande in Erinnerung an die Gut- müthigkeit, mit welcher sie empfangen worden war, „und auch keine Blumen; —" sie wollte hinzufügen, ihr Tisch war mit Bouquets bedeckt; aber sie besann sich und sagte: „Aber obgleich wir NickM für sie thun können, wer weiß, was sie für uns thun kann?" „Ja, wer weiß!" rief Etienne. „Sie kann mich mit Pariser Verlegern bekannt machen, und ich kann sogleich literarische Beschäftigung erhalten. Jedenfalls kann der heutige Abend nur gute Wirkung haben» Ich bin nicht mehr ein armer Wicht in oen Augen meiner Mitbürger." „Wie die Leute Beifall klaschten! O, ich bin zu glücklich!" rief Fernande. Sie weinte wieder vor Freude, und als sie sich zur Ruhe legte, geschah es, um zu träumen, nicht um zu schlafen. Auch Etienne brachte die Nacht schlaflos zu, aber wie verschieden waren die Gedanken des Mannes und seines Weibes! Fernande sah in diesem glücklichen Ereigniß die Aussicht auf eine verbesserte mate« rielle Lage, die Tilgung drückender Schulden, eine wohlgefüllte Vorrathskammer und lange entbehrte häusliche Behaglichkeiten. Die Anerkennung der Dichterkraft ihres Mannes gewährte ihr höhere Befriedigung als diese Gedanken, aber sie war eine Hausfrau und als solche durch die Entbehrungen des letzten Jahres tiefbetrübt. Sie mußte unwillkürlich an die materiellen Erfolge des unerwarteten Glückes denken, und ihre Phantasie schweifte weit bis zu einem Kanarienvogel, einem Blumentisch und neuen Vorhängen, statt der verblichenen, rothwollenen, welche in den letzten Monaten ihren Schönheitssinn verletzt harten. Etienne dagegen gab sich Träumen anderer Art hin. Die Pariser Verlagsbuchhändler würden ihn aussuchen. Das Prognostikon, welches Madame Lorenzi ihm durch die Vorlesung seines Gedichts gestellt, sollte ihn zürn Ruhm und Vermögen führen, vielleicht mit der Zeit zu einer hohen Stellung in der literarischen Welt. Er würde die Bekanntschaft geistesverwandter Männer machen, Bücher kaufen und reisen können, und vor Allem Werke schaffen, welche allgemeine Anerkennung finden müßten. Fieberhaft verging den Beiden die Nacht und als der Morgen anbrach, konnte Etienne kaum die passende Visitenstunde erwarten, um der großen Dame seinen Dank abzustatten. Fernande sah ihn weggehen, und die Sorgen waren fast aus ihren Zügen entflohen. Ihr Mann hatte sie zum Abschied zärtlich geküßt, er hatte beim frugalen Frühstück sein früheres heiteres Wesen gezeigt. Gewiß, ihre lange Prüfung war zu Ende, bessere Tage sollten kommen. Nach einer Stunde kehrte der junge Pofessor wieder zurück, sein Schritt schien 210 beflügelt. Sie hatte ihn noch nie so lebhaft, so heiter gesehen. Auch aus seinem Gesicht waren die Linien der Sorgen wie durch Zauberschlag verschwunden. „Denke Dir", rief er eifrig, „Madame Lorenzi gibt heute in ihrem Hotel ein großes Abendessen, zu welchem alle hiesigen Literaten eingeladen sind, ich ebenfalls. O, das edle Wesen dieser Frau! Sie wird unser Glücksstern sein, Fernande." „Ich bin nie bei einem großen Abendessen gewesen", sagte Fernande einfach. „Eö wird für mich ein größeres Ereignis; sein, als für irgend Jemanden." „Mein liebes Kind", antwortete Etienne mit leichtem Vormurf in seinem Ton, „Damen sind nicht eingeladen, Du natürlich auch nicht. Madame Lorenzi gibt ihr Ban- quet den Dichtern, aus deren Werken sie gestern Abend vorgelesen hat, und nach dem Essen will sie uns Kritiken mittheilen." Fernande schwieg. Sie sah ein, daß sie keine Einladung erwarten konnte, und fühlte sich nichtsdestoweniger enttäuscht; jedoch nur für einige Minuten, sie war zu glücklich, um an sich selbst zu denken. Sie sagte sich, er sei der Dichter, nicht sie, und wie hätte sie in solcher gelehrten Gesellschaft erscheinen sollen? Sie sah Etienne wieder mit heiterer Miene fortgehen, und als er spät Abends noch nicht zurückgekehrt war, legte sie sich mit glücklichen Träumen zu Bett. Madame Lorenzi's deutliche Gunst bewies den Wunsch, ihnen zu helfen. Sie sank bald in den liefen ununterbrochenen Schlaf der Jugend und Hoffnung. Am andern Morgen hörte sie wieder eine fröhliche Nachricht, und leider folgte ivieder ein Rückschlag. „Madame Lorenzi beweist mir entschieden ihr Wohlwollen", lauteten Etienns's erste Worte. „Heute soll ich mit ihr röta-ü-tsto frühstücken, um über meine Pläne zu sprechen, und Nachmittags will sie mich dem Präsidenten der Kunstakademie vorstellen, einem Manne, der, wenn er wollte, mir morgen ein Amt geben könnte. Und denke, Fernande, ein hiesiger Buchhändler, Pierre am Quai, erbot sich bereits zum Berleger meines Gedichts; aber ich will es nur in Paris erscheinen lassen. Ein Provinzialverlag drückt dem Buche den Stempel der Unbedeutsamkeit auf." „Erzähle mir Alles aus der Gesellschaft", sagte Fernande und suchte ihre unwill- ckürliche Verwirrung bei dem Gedanken an das tsts-ü-töta Frühstück zu verbergen. „War die Unterhaltung geistreich? Sprach Madame Lorenzi herrlich?" „Ach, Fernande, sie ist eine unvergleichliche Frau!" rief der junge Professor von wirklich dankbarem Enthusiasmus hingerissen. „Man wird von ihren Worten wie von herrlicher Musik begeistert. Sie las uns aus unseren Werken vor. auch meine Verse, und wir mußten abwechselnd weinen und lächeln bei unseren eigenen Dichtungen." „Das muß drollig gewesen sein", sagte Fernande fröhlich lachend. „Das Uebrige muß ich Dir ein anderes Mal erzählen", sagte er, in seiner Brieftasche blätternd. „Ich habe ein Dutzend Besorgungen für Madame Lorenzi zu machen. Sie hat uns Alle beschäftigt — Andrn, meinen alten Schulkameraden, dessen Gedichte vor einem Jahre veröffentlicht wurden, Bertrand, den Mitredakteur der hiesigen Zeitung, und Nager, den großen Schriftsteller aus Paris, der sich nur zuweilen herabläßt, seine Geburtsstadt und seine alten Freunde zu besuchen. Wir sind natürlich Alle stolz und glücklich, ihr dienen zu können; sie würde noch ein Dutzend ergebene Diener finden. Du weißt, sie ist auf einer Rundreise durch die Provinzen, und Alles muß vorher bestellt werden." „Hoffentlich wird uns etivas Gutes durch ihre Bekanntschaft zu Theil werden", sagte Fernande zweifelhaft und selbstsüchtig. „Erfuhren wir das Gute nicht bereits?" entgegnete Etienne. „Es ist eine Gold- Mine für einen jungen Dichter von solcher Kritiken» anerkannt zu werden. Aber nun darf ich keinen Augenblick länger zögern." Er eilte hinweg, und Fernande verlebte den langen Tag voll Einsamkeit und Hoffnung, welche jedoch nicht mehr so ungetrübt war, als am vorhergegangenen Tags. 211 4. Kapitel. Fernandcns eifersüchtige Gedanken hätten sich beruhigt, wenn sie gewußt, daß die Tragödin über ebenso viele weibliche als männliche ergebene Personen verfügte« Stets zum Wohlthun bereit war sie an Dankesbeweise gewöhnt, und ihre Ankunft in einem Ort gab das Zeichen zum Ausbruch eines Wetteifers unter ihren Bewundern. Die geringste ihr erwiesen« Dienstleistung wurde als ein Privilegium betrachtet. Die große Dame bedurfte weder einen besoldeten Secretair, noch einen Ausläufer, noch eine Kammerzofe. Ein Dutzend angehender Literaten waren zu den erstgenannten Besorgungen bereit, während bescheidene Theaterdamcn sich zu weiblichen Dienstleistungen anboten. Nie wurde eine Königin der Tragödie königlicher und für geringeren Lohn bedient. Ein Lächeln, ein freundliches Wort, ein Händedruck schien Lohn genug, obgleich Madame Lorenzl oft substavzielle Gaben austheilte. Fernande blieb gänzlich außerhalb des belebten, fröhlichen Kreises, dessen Mittelpunkt Madame Lorenzi war. Die Tragödin hatte keinen Wunsch nach ihrer Bekanntschaft ausgedrückt, denn sie war bereits von mehreren erwartungsvoll auf sie blickenden Dichtersrauen umgeben. Für die arme Fernande war daher eine täglich zunehmende Einsamkeit das einzige Ergebniß von Etienne's Triumph. „Wieder Aufträge? Wieder Einladungen?" fragte Fernande am Morgen des sechsten Tages, als Etienue sich sorgfältig angekleidet und augenscheinlich im Begriff stand, den Tag in gewohnter Weise zuzubringen. „Meine liebe Fernande", antwortete Etienne verletzt, „Du grollst doch nicht über irgend einen Zeitaufwand, den ich dieser Dame widme?" „O, nein; aber — ist etwas in Bezug auf das Gedicht geschehen?" fragte sie, besorgt den Hauptpunkt im Auge zu behalten. „Hast Du Aussicht auf Beschäftigung?" „Ja, ich habe Aussicht —" Er sah sie durchdringend an und fügte sichtlich zögernd hinzu: „Ich sollte auf kurze Zeit nach Paris gehen. Das wäre das Beste. Bist Du damit einverstanden?" Thränen traten in Fernandens Augen, denn sie verstand augenblicklich, daß er nach Paris reisen und sie allein zurücklassen wolle. „Wir müssen heute Abend darüber sprechen", sagte er hastig. „Du wirst sehen, wie vortheilhaft es wäre, wenn ich dort sogleich durch Madame Lorenzi in literarische Kreise eingeführt würde. Wegen der anhaltenden Kälte will sie die Reise aufgeben und in acht Tagen nach Paris zurückkehren. Sie will Alles, was sie kann, für mich thun." Fernande hörte ihn an und ließ ihn ohne ein Wort der Erwiderung weggehen. Als er am Abend wieder über seinen Plan sprach, sagte sie Nichts. Jede Einwendung, die nicht aus seinem Herzen kam, schien ihr nutzlos. Sie hörte traurig und erstaunt zu und fragte sich, welcher Zauber ihren Mann gegen seine Pflicht verblende. Konnt« die große Künstlerin mit ihrer fast kindlichen Gutmüthigkeit und ihrem herzgewinnenden Lächeln eine Ahnung von dem Leid haben, welches sie bereitete? Etienne war stets zur Bitterkeit und Unzufriedenheit geneigt gewesen, aber bisher hatte» nur die Wolken der Armuth ihr eheliches Leben getrübt. Beide besaßen kein Vermögen und keine Connexionen, sie hatten einander aus Neigung gewählt und waren im bescheidenen Wohlstand glücklich gewesen. O! Es war hart, dachte Fernande, daß sie in einen Fallstrick des Mißgeschicks gerieth, indem sie dem Glück nachging. Als sie mit dem Manuskript ihres Mannes unter ihrem Tuch schüchtern vor die große Dame trat, wie wenig konnte sie da solche Möglichkeit voraussehen — ein wachsendes Mißtrauen von ihrer Seite und eine wachsende Entfremdung von seiner Seite. In diesen ersten Augenblicken des Schmerzes glaubte sie, daß ihr früheres Glück nie wiederkehren könne I An einem frühen Morgen — dem letzten des Jahres — rüstete Etienne sich wie gewöhnhnlich zum langen Tagesauszug. Fernande konnte ihre eifersüchtige Gedanken nicht langer zurückhalten. Bleich und hohläugig von durchweinter, schlafloser Nacht sagte sie, während sie den Kaffee in seine Tasse goß: „Morgen ist der Neujahrstag, Etienne» 212 Du wirst wenigstens diesen für mich behalte», nicht wahr? Wir haben kein Geld zum Einkauf der Geschenke, aber wir werden wie gewöhnlich Besuche machen." Er trank rasch seinen Kaffee und that, als bemerke er ihren erwartungsvollen Blick und das Zittern ihrer Stimme nicht. „Laß uns zuerst unsere Angelegenheiten ordnen, und dann unsere Neujahrsbesuche machen, mein Kind. Du bist ehrgeizig, Fernande, Du wünschest mich als Dichter anerkannt zu sehen; also kannst Du nichts gegen die Reise nach Paris haben. Was ist es, wenn ich einige Wochen abwesend bin und mit reichen Mitteln zurückkehre?" Diese übrigens wohlgemeinten Worte hatten einen unbeschreiblich barschen Klang für Fernande. Vor einem Augenblick war sie bereit gewesen, sich an seine Brust zu werfen und alle ihre Befürchtungen auszuweinen; jetzt blieb sie hoffnungslos stumm und kalt. Ein ihr unbekanntes Etwas in seiner Stimme, ein Hauch der Leichtfertigkeit schien sie mehr als je von ihm zu trennen. Als er nach einem kalten, hastigen Adieu wegging, fühlte sie eine Erleichterung allein zu sein; aber im Laufe des Tages wurde die Einsamkeit immer unerträglicher. Sie hatte keine Lust zu ihren häuslichen Beschäftigungen; sie konnte die Börse, welche sie zum Neujahrsgeschenk für Etienne gestrickt, nicht beenden — welch ein Hohn wäre jetzt solche Gabe! Endlich nahm sie Hut und Shwal und ging aus. — Ein Sturm mit Regen und Hagel war vorübergegangen; jetzt schien die Sonne, und die Straßen zeigten das fröhlichste Treiben. Jedermann war ausgegangen, um die Neujahrsausstellungen in den Ladenfenstern zu sehen und Einkäufe für morgen zu machen. Fernande fühlte sich trostlos verlassen, als sie den belebten Quai erreichte und sich in der Gartenanlage zwischen der Straße, der Eisenbahn und dem Fluß setzte. Auf derselben Bank hatte sie vor vierzehn Tagen gesessen, als die verhängnißvolle Botschaft ihr zugeflattert; jetzt fuhr eine Equipage vorüber, in welcher ihr Mann und Diadame Lorenzi saßen. Es war durchaus nichts Außergewöhnliches in diesem Zufall. Die große Dame hielt keinen Lakei und fuhr nie aus, ohne einen ihrer ergebenen, Diener zur Seite zu haben. Ihr Sammetkleid sollte nicht den Straßenschmutz streifen, wenn sie unterwegs ein Zeitungsblatt oder eine Schachtel Bonbons zu kaufen wünschte. Jemand mußte sie dieser Mühe überheben, und stolz und glücklich war die von ihr bevorzugte Person. Heute war Etienne an die Reihe gekommen; kein Wunder, daß sein Gesicht vor Freude glühte, während er der von Witz und Verstand sprudelnden Unterhaltung seiner Gefährtin zuhörte; kein Wunder, daß er in dieser Stunde Fernandens angstvolle Blicke und die daheim nagenden Sorgen vergaß. Die unglückliche junge Frau legte jedoch seiner lebhaften Fröhlichkeit eine ganz andere Bedeutung bei, als den Reiz einer Stunde, die Zerstreuung eines Tages. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck und einem Herzen, in welcher» die Hoffnung erstarken war, stand Fernande auf. Sie zog ihren Schleier vor das Gesicht und entfernte sich eilig in einer ihrer Wohnung entgegengesetzten Richtung. Wie traurig sind oft die Folgen eures einzigen Mißverständnisses! (Schluß folgt.) Goldrörner. glückselig nenne ich den, der, um zu genießen, nicht nöthig hat, Unrecht zu thun und, um recht ^iu handeln, nicht nöthig hat, zu entbehren. Schiller. Es tauscht der Mensch den Vortheil der Gesellschaft Nur für die Freiheit seines Herzens ein; Je größer jener Vortheil, desto mehr Geht auch von dieser Freiheit uns verloren; Denn immer zwingender, je höher wir Im Leben steigen, ist die Macht der Dinge Naupach. Nur ein Mädchen. (Aus der Selbstbiographie eines Säuglings.) Da liege ich in einer schönen Wiege. Ich bin erst seit anderthalb Stunden auf der Welt. Üm mich her tiefe Stille, nur zuweilen tritt Jemand an die Wiege und zeigt mich verschiedenen Personen, die alle viel größer sind als ich und zum Theil Bärte haben, zum Theil auch nicht. Und dazu sagt sie in der Negel: „Nicht wahr, ein hübsches Kind?" Oder: „Ist es nicht reizend?" Worauf die Betreffenden wie unwillkürlich lächeln und sagen: „Sehr lieb." Dann rathen Sie wem ich gleiche. Es scheint, daß mein Wesen aus den Bestandtheilen verschiedener Personen besteht und daß ich eigentlich gar nichts eigenes besitze, denn aus dem bisher Gehörten muß ich annehmen, daß ich Mama's Augen» Papa's Stirne und Großpapa's Kinn habe, während auf meinen Mund mehrere Mitglieder der Familie Anspruch erheben. Aus Eigenem habe ich also während meines kurzen Daseins recht wenig erwerben können. Nun, das ließe ich mir noch gefallen, Eines aber verbittert mein junges Gemüth. Ein junger Mann steht neben den Besuchern. Dieser junge Mann ist mein Papa, dem ich schon so früh und wahrlich ohne meinen Willen Kummer verursacht haben mag. Denn sein Antlitz ist trüb und ernst, und manchmal zerdrückt er eine Thräne im Augenwinkel. Anfangs glaubte ich, er sei so bekümmert über den Zustand Mama's, welche in einem Bette liegt, ganz nahe bei mir; aber Mama fehlt nichts. So viel merk' ich, daß ich etwas verfehlt habe, irgend eine Unbesonnenheit gethan — aber ich möchte wissen, was das ist und bin auch entschlossen, dahinter zu kommen. Jetzt tritt Großmama in's Zimmer, mit einigen Visitkarten und Depeschen; lauter Gratulationen und sie zählt Mama die Namen auf. „Ernst, Dein Vater gratulirt ebenfalls", sagt sie zu Papa. — „Wie ist das Telegramm abgefaßt?" fragte er. Großmama ließt vor: „Enkelchen willkommen, grüße herzlich; Euch, meine Kinder, umarme küssend. Acht geben Lilla's Gesundheit. Komme Anfang nächsten Monats. Paul." „Hab's ja gewußt", sagte Papa düster. — „Was hast Du gewußt?" fragt Großmama. — „Daß er erst nächsten Monat kommt, denn er hat ja vorher geschrieben: wenn es ein Junge ist, fliege ich, wenn aber ein Mädchen, dann krieche ich nur zu Euch. Er wird also kriechen." Mit gespanntem Ohre hörte ich diese Worte, denn soweit mein jugendlicher Scharfsinn sich auf Combinationen einlassen kann, mußten diese Reden den Schlüssel des Geheimnisses enthalten. „Ernst", sagt jetzt Großmama, „Du könntest wahrhaftig Vernunft annehmen. Sieh doch, die arme Lilla ist so gekränkt." — „Nun, in ein paar Tagen wird ja auch mein Verdruß verschwunden sein", sagt Papa etwas gereizt, „ab-r kann ich es leugnen, daß ich heute meiner nicht Herr bin? Heute verdrießt mich das Ding, es ärgert mich. Ich war meiner Sache so sicher." — „Nun ja, weil Ihr in Eurer Familie lauter Jungen habtl" — „Und dann", unterbricht sie Papa, „ist es nicht verdrießlich, daß wir jetzt gar nicht wissen, auf welchen Namen wir sie taufen tollen?" Diese Worte Papa's waren sozusagen mit herzzerreißender Verzweiflung ausgesprochen und ich beginne nun allgemach zu fühlen, daß ich in der That einen großen Fehler beging, als ich gegen den Willen meiner lieben Eltern es wagte, als Mädchen geboren zu werden. — Die Großmama ist eine eifrige Verfechterin meiner Sache. Sie tritt zu mir lüftet meinen Schleier und betrachtet mich lange, dann sagt sie: „Armer, kleiner Wurm! Darum hast Du geboren werden müssen . . . Aber die Vater sind so egoistisch! Sie denken nur an sich. Sie brauchen einen Sohn, der ihren Namen führt, damit der Name, der große Name, der Familienname nicht aussterbe. Damit Jemand da sei, der Cariöre macht, so daß ihre Eitelkeit sich darin bespiegeln kann. Und so oft er etwas Großes vollbringt, können sie dann sagen: Das ist mein Sohn! Wie aber, wenn er ein Lump wird, ein Schuldenmacher, ein Wechselritter, oder wenn man ihn im Krieg oder Duell todtschießt? — Da lob' ich mir doch ein Mädchen! Das ist ein ganz anderes Ding. Der Sohn, wenn er erst einmal aus Papa's Schublade eine Cigarre gemaust hat und ihm davon — 214 — Übel geworden ist, fühlt sich als ganzer Mann, Papa und Mama sind nicht mehr stark genug für ihn und er kann es kaum erwarten, daß er aus dem Elternhaus« fortkomme, als sein eigener Herr, dem kein Mensch mehr befehlen kann. Er wird ein Gast im Vaterhause» sein Heim ist anderswo. Die Tochter ist's» die die Flamme am elterlichen Herde entzündet. Sie belebt, verschönt das Haus, sie erheitert es und erwärmt es in trüben Stunden» Wenn man sie dann hinwegführt — denn man führt sie, sie geht nicht — scheidet sie unter Thränen vom theuern Heim und sie sehnt sich stets dahin zurück. Ihre Heimath ist das Elternhaus» wohin sie heimzukehren pflegt, auch dann, wenn sie einen eigenen Herd besitzt . . . Und wenn ihre Eltern alt geworden, wer besucht sie in ihrer Einsamkeit, wer eilt zu ihnen, sobald das geringste Unheil droht, wer pflegt sie und ist ihre beste Stütze? Die Tochter! Und dennoch wird sie so unfreundlich empfangen." Diese Rede, welche meine Aufmerksamkeit nicht wenig ermüdete, mag auf Papa doch einigen Eindruck gemacht haben, denn er sagte in entschuldigendem Tone: „So hatte ich's ja auch nicht gemeint" .... Dann war Alles still. Mir aber war Klarheit geworden. Jetzt erinnerte ich mich an den sonderbaren Ausdruck, init dem ich gleich, als ich mich zum ersten Male im Zimmer umsah die Leute hatte sagen hören: „Ein Mädchen!" Neue Besuche erschienen, lauter Verwandte. Ich werde Allen gezeigt und die Meisten sehen mich mit einer gewissen Geringschätzung an. Und immer wieder das Bedauern: Schade, daß es kein Junge ist." Schließlich wird diese verächtliche Behandlung selbst Papa zu arg. Ich gewahre mit Befriedigung, daß er sich gegen den Einen und den Andern in Vertheidigungsstellung setzt. Besonders einen jungen Vetter hat er ordentlich gezaust, weil derselbe etwas spöttisch bemerkt hatte: „Siehst Du, Ernst, Du hättest nicht im Voraus so groß thun sollen!" — „Na warte nur", entgegnete Papa, „das Mädchen soll nur groß werden, die wird einmal eine Ballkönigin, wie sie im Buche steht, aber Deine zwei Buben sollen sich um sie die Beine umsonst ablaufen." Ich muß gestehen, daß dieses Vertrauen in meine dereinstige Eroberungsfähigkeit meiner zarten Seele wohlthat und mich einigermaßen mit dem bisherigen mürrischen Benehmen Papa's gegen mich versöhnte. Ueberhaupt beginnt er sich zu ändern. Je mehr man ihn hänselt, desto eifriger vertheidigt er mich. Einmal hat er sogar schon gesagt, er freue sich, daß ich ei» Mädchen geworden, und hat hierfür dieselben Argumente angeführt, welche Großmama eben erst gegen ihn gebraucht hatte. Diese Mannsleute sind doch ein drolliges Völkchen; ihre Ueberzeugungen wenigstens stehen auf recht schwachen Füßen. Plötzlich kam ein eigenthümlicher Laut vom Bette her. Wie leises, verhaltenes Schluchzen. Auch Papa hat es gehört und sieht sich erschrocken um. „Was hast Du, Lilla?" sagt er, indem er hastig an's Bett tritt. „Was sehe ich? Du weinst? Um Gott, diese Gemüthsbewegung könnte Dir schaden!" Mama antwortet nichts, das Schluchzen wird leiser, nur ab und zu bricht es in einem abgerissenen Laute los, mit einem tiefen Seufzer vermischt. „Warum weinst Du, mein Kind?" fragt Papa recht besorgt. Aber Mama erwidert kein Wort. Papa redet ihr bittend zu, er gibt ihr die liebsten Namen; umsonst, er kann ihr Herz nicht erweichen. Die Großmutter tritt ein und sieht erstaunt die Thränen auf Mama's Antlitz.' „Ich bin in Verzweiflung", klagt Papa, „Lilla will mir nicht sagen, was sie drückt." — „Und Du erräthst es nicht?" fragt Großmama. — „Wie sollte ich?" — „Du hast ja Deine Tochter noch nicht einmal geküßt!" — Papa springt auf! „Darum weinst Du, Lilla?" Und rasch trat er an meine Wiege, hob mich heraus, trug mich zu Mama hin, aus deren Augen nur Liebe, eitel Liebe mich anstrahlte. Mit diesem Ausdruck hat mich noch Niemand angesehen. Papa aber faßte mich, ich fühlte die Berührung eines Vaters, was mich ein wenig kitzelte, dann rief er: „Mein liebes, kleines Mädel!" Und er bedeckte mein Gesicht mir Küssen, so daß mich sein Bart ordentlich stach und ich heftig zu weinen begann. „Um Gvttesmillen, Du erdrückst es ja!" sagte Mama, gebt es her!" Und man legte mich dicht neben sie auf die blauseidene Decke. Mama sah mich lange, lange an. Da verging mir das Weinen. „Bist Du glücklich?" flüsterte Mama. Und Papa küßte sie und sagte: „Ich bin glücklich." M i s e e l l e,r. (Eine Prophezeihung für den diesjährigen Frühling.) Der bekannte, französische Astrolog Notredame (Nostradamus),,der im siebzehnten Jahrhundert lebte und die Geschicke Frankreichs aus Jahrhunderte im vorhinein in schönen Versen verkündet hatte, hat für den heurigen Frühling folgende. Prophezeihung hinterlassen: „Ln mil stuit ovuts ffuutrs-vwAt trois, (jnunck on varra varäir los b»,is, Oontro Asno ot Lontl'L mslestunes, Dn doiteux suuverw lu j^rnneu." (Im Jahre tausendachthundertachtzigunddrri, Wenn von den Bäumen werden die Knospen springen, Allen Hindernissen zum Trotz Wird ein Hinkender Frankreich Rettung bringen.) Diese Prophezeihung wird nun auf den Grafen Chambord, welcher ein wenig hinkt, bezogen. Nostradamus hat bekanntlich auch von Napoleon III. verkündet, daß er »achtzehn Jahre weniger ein Viertel, nicht einen Tag mehr, nicht einen Tag weniger regieren werde," und so ist es auch eingetroffen. (Der schlaue Caro.) Jägerlatein. Akiba, der alte Ben, würde seinen weisen Ausspruch: „Es ist alles schon dagewesen," nicht gethan haben, wenn er meinen Caro gekannt hätte. Ja, ja, ich sage Ihnen, meine Herren, mein Caro ist ein merkwürdiges Thier. Aber einmal, da hat er mir doch eine schöne Geschichte angerichtet. Früh Morgens bekam er immer das Semmelkörbchen in's Maul, darin schön in Papier eingewickelt das Geld, um beim Bäcker das Frühstücksgebäck zu holen. Lange ging das so fort. Da bekomme ich aus einmal zu Neujahr von, Bäcker eine Rechnung. Na, denke ich, das ist hübsch, bin ja dem Menschen gar nichts schuldig. Ich ging also hin und fragte den Bäcker, wie das komme, da das Geld täglich im Körbchen lag. Das gab aber der Bäcker nicht zu und bestand auf Bezahlung der Rechnung. Nicht lange darauf mußte ich einmal noch vor dem Frühstück fortgehen. Wie ich beim Fleischer vorbei komme, springt gerade der Caro heraus, das Semmelkörbchen um den Hals und gar fröhlich an einer fetten Knackwurst kauend. Hat also der verfluchte Kerl sich jeden Tag eine Wurst gekauft und ist dem Bäcker die Semmeln schuldig geblieben: nun wußte ich, wieso die Bäckerrechnung entstanden war. Ja, meine Herren, 's ist ein merkwürdiges Thier, mein Caro. (Varus, gieb mir meine Legionen wieder.) In einem Provinzial-Theater wird ein pompöses Drama aufgeführt, in welchem der Hauptdarsteller zu sagen hat: „Varus, gieb mir meine Legionen wieder!" Varus, der sich nicht an die Antwort erinnern kann, die er zu geben hat, bleibt sprachlos. „Varus," wiederholt der Erste „gib mir meine Legionen wieder." Varus (?) immer verwirrter, sieht ein, daß er seinen Partner unmöglich ohne Erwiderung lassen kann. Schon aber ruft dieser zum dritten Mal: „Varus, so gib mir doch meine Legionen wieder!" Hierauf Varus rasch entschlossen: „Wenn Du so schreist, dann bekommst Du sie erst recht nicht." (Ein in Berlin bekannter Musiker) spielte dieser Tage in einem gemischten Konzert in einer Provinzialstadt. Als er als Arrangeur des Konzerts das Programm dem Unternehmer zur Drucklegung brachte, schien es demselben, als wäre der Berliner Musiker zu karg gewesen» Er äußerte sein Bedenken. Der Virtuose erwiderte: „Lassen Sie'S gut sein, wenn applaudirt ivird, spiele ich zum Schluß noch die Mazurka von M" Der Unternehmer gab sich zufrieden. — Auf dem Programm, welches am Abend ausgegeben wurde, fand sich aber wörtlich folgende Fußnote: üiÜ. Wenn applaudirt wird, spielt Herr G. noch die Mazurka von T. (Geometrische Scherzfrage.) Wo liegt die Spitze des Kreises? — Antwort: „Der Herr Landrath liegt auf dem Sofa." 216 (Redaktionelle Menagerie.) „Sie, Herr Wolf, welcher Esel hat denn statt dem auf Urlaub befindlichen Fuchs den zweiten Leitartikel geschrieben?" — Entschuldigen Sie Herr Hirsch, weil der Hahn nicht da war, hat der Bär geschrieben." — „Sagen Sie dem Bär, daß er «in Ochs ist." (Der rücksichtsvolle Hund.) „Sie, hören's, Ihr Hund heult ja die ganze Nacht hindurch!" — „Geltsn's ja, das gute Thier! Wenn er den ganzen Tag so heulen thät, könnten die Leut' gar nichts arbeiten!" F1! ühlirigs - Stimirren. IrühUrigoUed. Nach Heine. Leise zieht durch mein Gemüth Wonnig Lenzeshoffcn, Kling' hinaus, du Frühlingslied, Such' nach warmen Stoffen! Wo du einen Wirth erschaut, Welcher hat zum Frommen Seiner Gäste Grogk gebraut, Sag', ich werde kommen! Job des Urühlings. Nach Uhland. Schneegestöber aus Nordost, Windesbrausen, Hagetschlag, Zehn Grad Kälte, Eis und Frost! Wenn ich solche Worte singe, Braucht es dann noch großer Dings, Dich zu preisen, Frühlingstag! Getäuschtes D offen. Die Frühlingslnste sind erwacht, Es kam der Lenz leis über Nacht Auf woll'nen Wlnterjocken; Nicht hat er, wie zu andrer Zeit, Mit Blüthen sich den Weg bestreut, Ach nein! mit jchnee'gen Flocken. Es stürmt und friert an jedem Tag, Was erst der Sommer bringen mag, O weh! wer sieht dahinter? Die Köhleurechnung schwillt und schwillt, Aus tiefster Brust der Seufzer quillt: Ach! wär' es doch erst — Winter! Das erste Detlcherr. An einem sonn'gen Wieienhang Wußt ich bei alten Linden I» jedem März beim Lenzanfang Veilchen genug zu finden. Doch als ich diesmal suchend kam, Versank ich fast im Eise, Und über mir rauscht' wundersam Die Linde diese Weise: Was will der Fant? Der blöde Thor Sucht Veilchen hier am Hügel? Ihr Winde, klatscht ihm um das Ohr, Peckscht ihn, ihr Stnrmesflügel! Und sieh! fort war mein Hut geweht, 's war einer von den besten — Wohin die Weltgeschichte geht, Entflog auch er: gen Westen. Da riß ich aus, dem Hanfe zu. Ersaßt von jähem Schrecken, Doch einen Gummi-Ueberschuh, Den ließ im Schnee ich stecken. Wanderlust. Nach Geibel. Der Lenz ist gekommen, die^Schlitten heraus, Wie läuten sie lustig in's L-chneeseld hinaus! Wie tanzen die Flocken und wirbeln so wild, Wie schimmern frostbläulich die Nasen so mild! Frisch aus drum, hinaus auf die blinkende Bahn, Am Wege der Schneemann glotzt freundlich mich au, Und hoch in den Lüften begleitet den Zug Der Raben Geschrei und ihr kreisender Flug. Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt', Ich fahre gen Lappland, wo die Sonne noch glüht, Wo der Frühling noch leuchtet aus saftigem Moos, Beim Rennthier, ich ahn' es, da ist noch was los, Und Abends im Stüdllein verklammt kehr' ich ein, Wie weit noch, Herr Wirth, mag's bis Hammer- fest sein? Ich suche den Frühling, möcht' einmal noch seh'n Den Reanmur über dem Nullpunkte steh'n. Im Süd ist er nimmer, wo soll er denn sein? Bei den Robben am Rordcap, da schlief er wohl ein! Greif aus drum, mein Rößlein, und fliege die Bahn, Wie Thanwind schon weht es aus Norden heran. O Wandern, o Wandern, du freie Bnrschenlust, Im lenzlichen Rauhfrost, wie hebt sich die Brust! Wenn Rum und heiß Wasser die Kehlen frisch halt, Wie klingt da und jauchzet der Sang durch die Welt! mn.) Auslösung des Original-Räthsel in Nr. 26: „Verstand." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.