Unterkaktunggbkatt »ur „Äugslmrger postjeitimg." Nr. 30. Samstag, 14. April 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Junker Bobenwald führte die Försterstochter in eine Baumhütte, welche beide vor Jahren errichtet, und neben ihr auf der Bank Platz nehmend sagte er in einem so entschlossenen Tone, wie sie noch nie von ihm vernommen: „Anna, laß mich die Sache kurz machen, denn ich darf Bergmann's nicht mit dem Mittagessen warten lassen, da dies heute zu Vermuthungen führen könnte, und Niemand darf «ine Ahnung von unserer Unterredung haben. Du weißt, daß ich in diesen Tagen für immer auf den Buchenhof übersiedele, um zuerst mich unter dem Inspektor in die Verwaltung hineinzuarbeiten, dann aber sie selbst zu übernehmen.« „Ich weiß es, Ludwig«, entgegnete Anna so ruhig wie vorher, obgleich ihr junges Herz dasselbe Weh empfand, das sie gefühlt, als eines Tages der Landkammerrath zu ihrem Vater gesagt, daß er seinen jüngsten Sohn nach dem Buchenhof bringen wolle. „Und weißt Du auch weshalb meine Eltern, denn meine Mutter ist nur allzusehr mit den Ansichten meines Vaters einverstanden, mich nach dem stillen Buchenhof ziehen lassen wollen, jetzt, wo ich erst einundzwanzig Jahre alt bin, und noch nichts von der Welt, die doch so groß und schön ist, gesehen habe, während sie doch meinen Brüdern zu reisen gestattet, und Hugo erst jetzt wieder von B. zurückkehrt, wo er Karl in der Garnison besucht, und die Festlichkeit bei Hofe mitgemacht hat? — Weil sie sich meiner als ihres Sohnes schämen, weil ich, der ich schwächlich und verwachsen bin und dazu hinke, mich neben meinem Vater und meinen Brüdern nur schlecht als ein Bodenwald ausnehme, wenngleich sie meinen, mein Kopf doch die Familienähnlichkeit trägt!« „Ludwig«, unterbrach Anna den heftig erregten Jüngling in bittendem Ton. „Laß mich ausreden, Anna«, unterbrach sie dieser schnell, „denn einmal muß ich sprechen, mich aussprechen über das, was mein Herz empfindet, seit meiner Kindheit empfunden hat und mich voll Bitterkeit gegen meine Eltern erfüllt, zu denen ich keine Liebe hege, und die ich doch so gerne geliebt hätte!" „Armer Ludwig«, sagte Anna in innigerem Ton, als vielleicht sie selbst wußte, und legte ihre Hand auf seinen Arm, wie sie es wohl als Kind gethan, wenn seine Eltern den tieffühlenden Knaben durch eine harte Bemerkung verletzt hatten, und sie ihn still weinend im Hause oder Garten des Verwalters gefunden. Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest in der seinen, während seine Wangen glühten, und seine Augen gleich denen seines Vaters funkelten. Nach einigen Sekunden fuhr er in ruhigerem Tone fort: „Ja, Annas meine Eltern schämen sich meiner und wollen mich für immer von sich entfernt halten, mich auf dem Buchenhof ansässig und beschäftigt wissen, wo mich tief im Gebirge kaum Jemand sieht, noch besuchen wird. Ich bin auch mit ihrem Willen einverstanden, denn ich weiß» daß ich nicht für die Welt, in der sie leben und glänzen, geeignet bin, doch will ich, wenn ich einmal als Herr dort wohne, kein so einsames, 234 trauriges Leben führen, wie vielleicht mein Vater meint, und bei meinen Schwächen und Gebrechen für mich angemessen hält, nein, ich will, wenn es möglich ist, glücklich werden und mir heute die Gewißheit sichern!" „Was willst Du thun, Ludwig?" fragte Anna und versuchte vergeblich ihm ihre Hand zu entziehen. „Was ich thun will, Anna?" entgegnete er in tiefem, bewegtem Ton, und seine Augen blickten voll Liebe in die ihrigen, die sie schnell senkte. „Ich will Dich fragen, ob Du, die bisher meine liebe, theure Schwester gewesen, und als solche das Leben des armen Ludwig von Bodenwald erheitert und beglückt hast, nach zwei Jahren die Meine — mein Weib werden und mit mir auf dem Buchenhof leben kannst und willst?" „Ludwig", brachte kaum hörbar Anna hervor, und er fühlte ihre Hand, die sie nicht zu befreien vermocht, in der seinen zittern. „Antworte mir, Anna", fuhr er noch leiser fort, „kannst Du Dich dazu entschließen und mir schon heute das Versprechen geben?" „Hast Du auch bedacht, was Du forderst?" fragte Anna ebenso leise. Er hatte sie mißverstanden und erwiderte schnell und mit erregter Stimme: „Ja, Anna, ich weiß, was ich von Dir fordere, von Dir dem blühenden lebensfrohen Mädchen, dem es jedoch vielleicht unmöglich erscheint, Demjenigen einmal als Gattin anzugehören dem es bisher wohl nur aus Mitleid Freundlichkeit erwiesen!" „Ludwig", antwortete Anna in schmerzlichem Ton, „Du thust mir bitteres Unrecht, und eine solche Anschuldigung habe ich nicht um Dich verdient!" „Du könntest also darauf eingehen, mit mir, als mein geliebtes Weib, denn, Anna, so lange ich über meine Gefühle klar zu denken vermag weiß ich, daß ich Dich mit aller Kraft, deren mein Herz fähig ist, liebe, auf dem Buchennof zu wohnen, der dann ein Paradies für mich sein würde?" rief freudig der Jüngling aus. „Ja, Ludwig", entgegnete mit tiefer Bewegung die Försterstochter, und blickte voll Liebe auf ihren einstigen Spielgefährten, dessen Augen jetzt eine unbeschreibliche Freude ausdrückten, „ich will Dein Weib werden, sobald Du mich von meinen Eltern forderst, will Dir durch meine Liebe zu ersetzen suchen, was Du seit Deiner ersten Kindheit schon entbehrt —" „Anna, sprach Ludwig mit sichtlicher Rührung und umschlang sie zugleich mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, „Ana, meine Braut!" und Alles um sich her vergessend, tauschte das jugendliche Paar den Verlobungskuß aus. Dann entrang sich Anna plötzlich seinem Arme, und sagte hastig und mit verändertem Gesichtsausdruck: „Ludwig, meine Frage, die Du mißverstanden und unterbrochen —" „Worauf bezog sie sich, Geliebte?" „Auf Deine Eltern! — Dein Vater —" „Wohl wußte ich, daß dieser Einwand Deinerseits kommen wurde, und so lange ich auf diese Stunde der Entscheidung gewartet, habe ich mich auch vorbereitet, ihn zu widerlegen! —" „Und was wird Dein Vater, wenn Du ihm unsere Verlobung mittheilst, sagen?" „Er wird sich wundern, daß ich gewagt sie einzugehen!" antwortete Ludwig von Bodenwald mit einer Ruhe und Sicherheit, die Anna bisher noch nicht an ihm gekannt. „Er wird sie für nichtig erklären und Dir gebieten sie aufzulösen!" „Das kann er nicht, denn ich bin mündig und damit Herr meiner Handlungen!" „Dein Vater wird Dich enterben, wenn Du Dich seinem Willen widersetzest —" „Auch das kann er nicht, Anna", entgegnete zuversichtlich ihr Verlobter, „denn er muß unsern Familienbestimmungen gemäß handeln. Während der langen Abende des vergangenen Winters habe ich mich mit den alten Papieren bekannt gemacht, die im Wand- Schrank meines Vaters Arbeitszimmer verschlossen liegen, darin aber nicht gefunden, daß ein Bodenwald seinen Sohn enterben kann, wenn dieser eine Bürgerliche heirathet!" „Meine Eltern aber werden kaum ihre Zustimmung zu einer Verbindung geben, die die Deinigen nicht billigen —" „Anna, theure Anna, quäle Dich und mich jetzt nicht mit solchen Gedanken, sondern vertraue mir und laß mich gewähren", erwiderte, das jugendliche Haupt mit dem reichen goldblonden Haar, und den blitzenden, blonden Augen hoch aufrichtend, Ludwig von Bodenwald. „Vorderhand darf natürlich Niemand unsere Verlobung erfahren, das mußt Du mir versprechen." — „Ich verspreche es Dir, Ludwig, wenngleich ich bisher nie ein Geheimniß vor meinen Eltern gehabt", antwortete seine Braut, deren sonst so heitere Gesichtszüge einen ernsten, nachdenklichen Ausdruck hatten. „Sie werden es Dir später gewiß verzeihen", entgegnete ihr Verlobter mit ruhiger Entschiedenheit. „Wenn ich erst den Buchenhof zur Zufriedenheit meines Vaters allein verwaltet, und ihm dadurch beweisen kann, daß ich nöthigenfalls im Stande bin, Deinen und meinen Unterhalt zu erwerben, will ich Dich als Frau von Deinen Eltern begehren, und die Erlaubniß der meinigen zu unserer Verbindung fordern!" „Es sei» wie Dm sagst, Ludwig", erwiderte Anna, welcher die ruhige Sicherheit ihres Verlobten zwar Muth einflößte, indeß noch immer nicht ohne Bedenken war. „Meine Eltern werden von mir noch nicht erfahren, was sich soeben in dieser Baumhütte zugetragen." — „Und alles Uebrige überlasse mir, theure Anna, Du wirst schon sehen, daß ich meine Pläne wie meinen Willen auszuführen vermag. Doch nun muß ich nach Hause eilen, damit nicht Bergmann's auf mich warten, oder vielleicht gar zu Vermuthungen kommen, Auch geht es nach dem Essen wieder in's Feld, wo noch viel Arbeit zu besorgen ist, weil ich zum Empfang meiner Eltern diesen Abend frühzeitig im Schlosse sein muß!" Nach einer innigen Umarmung verließ Ludwig von Bodenwald seine Braut und ging so schnell es seine Gebrechen zuließen dem Verwalterhause zu. Anna aber blickte ihm mit dem Ausdruck zärtlicher Liebe in den dunklen Augen nach und sagte ernst und sinnend: „Ob wir Recht gethan, ich weiß es nicht, doch konnte ich nicht anders, denn mein Herz gehört ihm und wird ihm immer gehören, und nur ich kann den armen Verstoßenen, den Niemand von den Seinen liebt, glücklich machen, denn für mich sind alle seine Schwächen und körperlichen Mängel nicht vorhanden!" und langsam den Weg nach dem Försterhause einschlagend, gelobte sie sich streng über ihr und Ludwigs Geheimniß zu wachen, damit Niemand es binnen der folgenden zwei Jahre ahne. — (Fortsetzung folgt.) ««ldk-vner. Ueber Wetter- und Herren-Launen Runzle niemals die Augenbraunen; Und bei den Grillen der hübschen Frauen Mußt Du immer vergnüglich schauen. Goethe. Der Schnupfen der Seele, den man wohl viel zu gelinde üble Laune nennt, verbreitet sich über Alles, was der Angesteckte berührt, begleitet ihn zu seinen Geschälten, hinkt neben ihn auf seinen Spa- ziergängen und verlöscht die lauterste Flamme der geheiligte» Freundschaft. Arbeite und bewege Dich W werden Seele und Körper sich einander so begegnen, als pichten sie die ehemalige Freundschas wieder zu erneuern, die ein geringes Mißverständlich unterbrochen hat. Thümmel. Wird Deine Jugend gemartert und beraubt, so blüht sie Dir im Alter nach, ivie der Rasenstück, dem im Frühling die Blätter ausgerissen werden, im Winter Rosen trägt. So hoffe, Erdensohn. Jean Paul. Hast Du etwas Gutes gethan, so vergiß es und thue etwas Besseres. Ein Jeder sucht ein All zu sein, Und Jeder ist im Grunde nichts. Lavater. Platen. Plaudereien für's tägliche praktische Leben. Von Dr. I. A. Schilling. Euer Wo h'l geboren! Hochwohlgeborenl Wie viele Briefe haben täglich die Posten zu befördern, auf denen in einfacher oder Schnörkelschrift obenan das „Seiner oder Ihrer W o h l g e b o r e n" pranget» Ich möchte diese täglich geschriebenen Wohlgeboreu nicht zählen. Es ist eine alte Sitte oder Unsitte, Jeden oder Jede, die ein bischen etwas sind — mit „Wohlgebore n" zu traktiren. Und Wer wollte so unhöflich sein, diese Formel das Wohl oder Hochwohl? oder Edel oder Hochgeboren? zu vernachlässigen? Und fragen wir uns, — die Hand auf's Herz offen und ehrlich — was denkt der Schreiber des „Wohlgeboreu" in der Regel dabei? — Meist ja in vier- fünftel der Fälle gewiß Nichts. Würde man beim Niederschreiben solcher Höflichkeitsformen wirklich seinen Gedankenapparat in Thätigkeit setzen, so würde sich zeigen, daß der Hochgeborne manchmal ganz tief unten in einem „kühlen Grunde" und der Nicht« wohl oder Niedergeborne wirklich hoch d. i. droben an der Schneegränze zur Welt kam. Und wie ist's wirklich mit dem Wohl und noch Wohler, dem H o ch- wohlgebornen? Sehen wir nicht täglich Hunderte an uns vorüberschleichen, -huschen, -fahren, -hinken, die „w o h l g e b o r e n" genannt werden und die ihr Geborensein bedauern und ihr Wohl oder Hochgeborensein überhaupt geradezu verlachen oder beweinen, wenn nicht sogar verfluchen. Geboren sind wir, die wir auf diesem Planeten uns herumtreiben und den Kampf um's Dasein kämpfen, Alle aber das wie? ist die große Frage? Leider sind gar Viele bei ihrer Geburt statt wohl oder sehr d. i. Hochwohl — im Gegentheil sehr unwohl, sehr krank, schlecht, siech und elend zur Welt geboren worden. Oft klingt es genau und naturwissenschaftlich betrachtet, wie bitterer Hohn, einen elenden mit Krötenbauch, Hühnerbrust und Säbelbeinen zur Welt gekommenen — Halbcretin Wohlgeboren zu nennen I Man thut's aber doch, wenn der Mensch nur ein bischen was geworden ist oder ein wenig mehr Geld hat, als andere arme Teufel seiner Umgebung! „W ir sind halt ein höflich Volk", sagt der Wiener und küßt jedem „Gnaden" von Geldmäckler die nickelschmutzige Hand. Dagegen ist mancher Holzknecht im bayerischen Gebirge, — den man „dutzt" oder „erst" und ihm auf dem Briefe kein Wohlgeboren gönnt, sondern ihn nur „den und den Hans oder Michel titulirt, wirklich recht wohl und weil er droben in der Hütte an der Felsenwand zur Welt kam, wirklich hoch und wohlgeboren also h o ch w o h l g e b o r e n zugleich. Dies zeigen ja seine geraden Glieder, sein kernig frisches Aussehen, seine geistige Kraft, seine körperliche Gewandtheit u. s. w. Kurz und gut, beim wirklichen Wohlgeboren, bei dem man auch wirklich etwas denkt, kommt es vor Allem darauf an, ob man wirklich wohl d. h. frisch und gesund in dieses irdische Dasein trat, oder ob man als Siechling und Schwachmatikus schon das Licht der Welt erblickte. Aber gerade bei uns Europäern spielt die Erblichkeit d. h. die angeborne Anlage zu Krankheiten oder spielen auch die von Vater oder Mutter übertragenen wirklichen Krankheiten eine Hauptrolle. Sind ja gerade die schlimmsten Uebel und die unheilbarsten und qualvollsten allmeist mit an's Licht der Welt gebrachte. Sind nun solche mit erblichen Leiden Geborne, wirklich wohlgeboren? Gewiß nicht. — Wer in Neichenhall oder Davo's oder Kreuth die Leberthran- und Ziegen-Molken- kneiper oder Bergluftschnapper fragen wollte, wird von Vielen erfahren, daß solche sehr schlecht geboren wurden. Wer eine Krankheitsanlage oder wirkliche Krankheit von seinen Erzeugern ererbt hat d. h. mit solcher, höchst bedauernswerthen Mitgift zur Welt kam, ist nur nicht wohl, sondern sogar sehr unwohl, sehr übel geboren. 237 Ja es liegt eine großartige, erschütternde Mark und Bein durchdringende Wahrheit in den paar Liederzeilen: „Und die Kinder, die mich erben, Erben anch mein Fleisch und Blut!" ' Wenn auch die nachfolgende Erziehung und sogenannte Kultur des jungen und wachsenden Menschen die ererbte schlimme Anlage etwas zu fördern oder auch zu hemmen ^ vermag, ganz wird diese üble Erbschaft n i e erlöschen und zwar schon deshalb nicht, , weil auch das alte deutsche Volkssprichwort hier gilt: „Wie die Alten sungen, So zwitschern die Jungen, d. h. weil die Jungen meist durch das Beispiel der Alten angezogen in die Fußstapsen der Eltern treten, welche gar oft sich ihre Uebel, die sie weiter vererbten, anjubilirt und durch Saus uns Braus angeworben haben. — Die Sprößlinge oder Kinder sind aber so enge mit ihren Erzeugern verbunden, wie die Rose mit ihren Zweigen. Aber auch der Brand des Getreides ist mit der Mutterähre engstens verknüpft und die faule Kartoffel hängt so fest am Mutterknollen wie die gesunde. Fast Alles aber kann sich vererben, Hautfarbe, Haarwuchs, oer gesammte Körperbau, die Haltung, eine langsam einherschreitende wie eine zappelnde Figur u. s. w. Taubstummheit und sogenannte Hasenscharten erben sich so oft fort wie schielende Augen und Adlernasen oder wie Sanftmuth und Wildheit. Schon Horaz singt: „Wilde Geier werden nie zahme Tauben erzeugen!" — Doktor Baumgärtner erzählt in den „Vermächtnissen eines klinischen Arztes" er habe in einer Stadt die Geschichte der Blödsinnigen amtlich aufgenommen und gefunden, daß dort unter 43 solcher Blöden volle 42 aus geistig zerrütteten Familien stammen, welche dem Trunke ergeben waren. Wir dürfen jedoch dabei nicht vergessen, daß es ebenso gut unverschuldeten Blödsinn wie unverschuldete Brandbeschädigung gibt. Eine Hauptschuld des Nichtwohlgeborenseins liegt bekanntlich in den Ehen. Nachdem die Ehe der Neuzeit meist nichts weiter zu sein scheint, als ein gegenseitiger Vertrag, nachdem nur selten vollste Liebe und Sympathie weder Gesinnungsähnlichkeit noch körperliche Vorzüge, sondern gar oft nur Geld und Gut und andere soziale Standes-, Protektions- oder dergleichen noch mehr andere verwerfliche Interessen den sonst so geheiligten Ehebund auf dem Markte des Lebens schließen lassen, nachdem und seitdem dieser Kauf oder Verkauf häufig vorkommt, ist auch das erbliche Unheil sehr viel größer geworden. Heutzutage heirathen nahe oder nächst Verwandte oft ohne ' Spur von gegenseitiger Neigung zusammen, damit die Kapitalien und der Refach in den , Familien schön beisammen bleiben. Gar oft heirathen noch unmündige, unreife Knaben ^ und Mädchen aus finanziellen oder Familieninteressen. Wie oft heirathen alte, decrepide, abgehauste Lebemänner irgend eine abgetragene, in ihren alten Tagen eine gute Erbschaft gemacht habende Wirthschaften» wegen des „uuri suoras kumis" d. h. aus Geldhunger und zur Sicherung weiterer Subsistenzmittel? Traurig aber wahr! Schon Confucius erlaubte seinen Chinesen nicht, daß zwei Leute mit gleichem Familiennamen zusammen heirathen. Eines der hochwichtigsten Kirchengesetze für's praktische Leben ist gewiß das Verbot der Verwandtenheirathen. Solon verbot den Athenern, ihren Töchtern eine Mitgift zu geben, damit ja die vernünftigen und natürlichen Motive der Ehe von dem Gelde nicht überragt werden. Ja die Kinder erben leider die Sünden der Väter bis in's dritte und vierte Glied ^ und werden so oft „schlechtgeborne" Menschenkinder. — Es „menschelt", wie Joh. Scherr sagt, gar oft und vielfach. Verbindungen von alten Leuten sind ebenso unerquicklich, wie die von allzu jungen. Hippel sagt: „Alte Jungfern werden in der Regel überfromm und alte Hagestolze sind meist gottlos, darum schon paffen sie nicht zusammen. 238 Die Mitgift wird aber, wie das Wort schon sagt: nicht selten zum schlimmsten der Gifte und mit Gift ist gar schlimm umzugehen. — Die Kinder von sehr jungen Eltern werden meist schwächlich. Frühzeitig alte Frauen, Leidensschwestern und Jammerbasen ersten Ranges, finden sich zahlreich unter allzufrüh Verheiratheten und wer Aerzten und Apothekern, Kurorten und Heilanstalten, „mit und ohne Schwindel« wie Sonderegger treffend ^ sagt, dauernde Beschäftigung und Bevölkerung geben will, — der copulire — Kinder! Hektische Familien sind höchst gefährlich für die Bevölkerung der Welt. Gefährlicher sind solche mit Epileptikern und Irren, am allergefährlichsten ist aber die Dummheit und die Geldgier, erstere ist gleich trostlos im Reichthum wie in der Armuth, unvergeßlich und erbarmungslos vererblich, — letztere ist gemein und erzeugt viele Niedertracht. Auch diese ist erblich und unheilzeugend. Gar so gerne heirathen viele aus Geldsucht. Die Kinder aber kommen gar oft mit blinden Augen zur Welt, namentlich bei Reichen. Darum gibt's heute blinde, auch so viele blinde Augen, die nichts mehr vom poetischen Glauben an eine bessere Zeit und an ein Ideal wissen und sehen wollen und nur noch für edle Metalle, Gewicht, Länge- und Hohlmaße eine Seh- und Empsindungskraft besitzen. Wie oft heirathen nach jetzigen, laxen Prinzipien, erblich sieche, in Fabriken beschäftigte oder ebenso sieche an der Börse schachernde decrepide Jünglinge, — irgend welche bleichsüchtige scrophulöse Dirne oder ein krampfsüchtiges Fräulein? Die Folgen bleiben sicher nicht aus. Von den sämmtlichen männlichen Nachkommen solcher Ehepaare sind oft kein Zehntel tauglich — als Vertheidiger des Vaterlandes ihre Pflicht zu thun. Dafür muß dann der kräftig gesunde Schlag des Bauern oder Mittelbürgers Gut und Blut opfern. Das Siechthum sitzt dann zu Hause hinter dem Ofen und pflanzt sich fort. Die kräftige, zur Verbreitung der Nasse und Verbesserung der Generation taugliche Gesundheit aber tränkt vorzeitig den wälschen Boden mit seinem Herzbluts — und stirbt ohne Nachkommen. So tief einschneidend für's ganze spätere soziale Wohl sind unpassende Ehen. — „Jede Schuld rächt sich auf Erden« — wenn auch nicht gerade heute und morgen. — Einer der hauptsächlichsten in der Neuzeit so häufig zu Mord und Selbstmord führender, meist ererbter Zustand ist die sogenannte Nervosität. Diese gewaltige und dunkle Macht in unserem geistigen Culturzustande, deren unheilvolle Tyrannei oft übersehen wird, wie auch W. A. Riehl richtig betont — ist erblich. Diese krankhafte Nervosität ist aber vielfach die Ursache zu den schlimmsten sozialen Uebeln und Gebrechen auch nicht selten zu Verbrechen. , Diese krankhafte Reizbarkeit des Nervensystems wird nicht selten irrthümlich das genannt, was man auf modernem Gebiete der Kunst und Literatur „genial« i betitelt. In ihr, dieser krankhaften Nervosität wurzeln auch die meisten unserer modernen ^ Phantastereien. Welcher Vollgehalt unverdorbener, natürlicher Nervenkraft spricht zum Beispiel aus den Werken eines Shakespear's, Michel Angel o's, Händel s, B a ch' s gegenüber den oft krankhaft bizarren Kunst- und Dichtungswerken eines-ja „Nomina, oäiosa snnt" — um eines entweder aus einer Irrenanstalt Gekommenen oder für dieselbe wohl reifen Poeten, Musikers, Farben- oder Pinselkünstlers I — Sind solche hyper-nervöse Menschen auch manchmal genial genannte wirklich wohlgeboren? — Der wirklich wohlgeborne Geistesheld ist in der Regel auch langlebend, weil körperlich und geistig gesund. Denken wir nur an einen Kaiser Wilhelm, Humbold, Goethe, v. Kobell, Ringseis u. s. w. Diese Männer sind wahrlich hochundwohl- ^ geboren zugleich. Auch die Hypochondrie, dieses Chamäleon aller Krankheiten, mit ihren Tantalusqualen für den Besitzer und für Andere zugleich, ist erblich. Dieses Zerrbild menschlichen Daseins, dies Leiden, das für die Umgebung nicht nur höchst beschwerlich, sondern auch 239 wegen Weiterverbreitung auch durch geistige Ansteckung gefährlich wird, ist vielfach eine Mitgift der Eltern. Ist etwa solch ein Hypochonder wirklich wohlgeboren? — Hierher gehört auch die Schwindsucht mit ihrer Schwester Scrophulose. Legionen von Phtisikern danken ihr Elend ihren Eltern. Eine Summe von Eigenthümlichkeiten des Körperbaues werden von den Erzeugern den Kindern mitgetheilt, aus denen sich dann die Scropheln und Tuberkeln herausbilden. Ist etwa solch ein Sprößling wohlgeboren, dessen Hauptbeschäftigung Husten und dessen Körperzier Geschwüre sind? Außer allem Zweifel steht auch die Erblichkeit von Krebsgeschwülsten. Ist zum Beispiel der Vater krebsleidend, die Mutter außerdem an einem constitutionellen, (d. h. auf einem kranken Blutleben beruhenden) Leiden z. B. Blei-Quecksilberdyscrasie, Scrophulose rc. zehrend, dann kann es leicht vorkommen, wie B. W. Nichardson erzählt, daß, wie die traurige Erfahrung lehrte, das erste Kind an fressender Flechte (Imxus), das zweite an Lungenschwindsucht, das dritte an Gehirntuberculose und Fallsucht, das vierte an Zuckerharnruhr, das fünfte und letzte aber an Krebs zu Grunde geht. , Für viele solcher elend geborner Kinder ist es noch am Besten, recht bald zu Grunde zu gehen bevor sie etwa groß geworden, durch allenfallsige spätere Heirathen wieder neuen Unglücklichen das Leben geben. — Erblich ist auch die Gicht, wie neuerdings Jonathan, Hutchinson und Andere nachgewiesen haben. Fast ausschließlich wird das Podagra vom Vater auf die Kinder und ausnahmsweise nur von der Mutter weiter vererbt. Die Uebertragung der Lustisuche oder Syfilis ist allzu bekannt, als daß man darüber weiteres zu sagen brauchte. Auch von Vätern erbt sich das Uebel auf die Mütter» ebenso oft sogar auf die noch ungebornen Kinder fort. Sind solche mit dem Kainszeichen der Lues Behafteten wenn auch „von" zugenannt, etwa Wohlgeboren? Erblichkeit ist auch ziemlich häufige, ebenso fruchtbare wie furchtbare Quelle des Jrrseins. Was bei Großeltern oft nur „Nervosität" gewesen, wird bei den Enkeln Wahnsinn, besonders wenn gleiche Lebensverhältnisse fortdauern und das Blut nicht durch slückliche Kreuzung verbessert wird. Nur aller Jrrseinsfälle soll nach Angabe des berühmten Doktors Moreau nicht vererbt sein und bei d/,„ soll Erblichkeit als Veranlassung in Betracht kommen. Gar oft ist „Sauferei", d. h. Trunksucht der Eltern die Ursache des Jrrseins bei den Nachkommen. Meine Erfahrungen bestätigen dies vollkommen. Ich hatte einmal während eines Monats drei Geisteskranke in eine Anstalt zu schaffen. Der Eine, ein Kaufmann, hatte einen Vater» der bereits wiederholter Bewohner derselben Anstalt gewesen, der zweite — hatte einen Trunkenbold zum Erzeuger. Dieses Irren noch einziger Bruder ist aber ein Idiot. Die dritte Kranke — der gräßlichste Fall, der mir in meiner langen Praxis vorkam, war eine wunderhübsche» üppig gebaute, junge Dame, die an ihrem Hochzeitstage tobsüchtig wurde und die ich nur mit Aufwand aller Mannskraft in die Anstalt bringen konnte. — Das Mädchen war körperlich vortrefflich geformt und in ihrer Aeußerlichkeit „Wohlgeboren." — Der Geist aber sehr schlecht geboren! Ihr Vater hatte sich vorher in einem Anfalle von Melancholie erhängt, ihr Bruder hatte sich in einem Delirium zum Fenster hinausgestürzt. — Nur mit Haarsträuben denke ich an dieses Mädchen — das ihr baldiges Ende im Wahnsinne fand. In jedem Lande steigt aber der Irrsinn mit der zunehmenden Trunksucht. Mit der Trunksucht, die auch nicht selten angeboren wird und ebenso mit der Nervosität steigern sich die Selbstmorde zur schaudererregenden Höhe. CretiniSmus ist erwiesenerweise erblich, wie die Taubstummheit. Ebenso der Kröpf. Diese Uebel werden meist durch die Väter fortgepflanzt. Auch die Hämo- philie (d. i. Bluter-Krankheit) wie die Epilepsie sind bekanntlich häufig; erstere fast immer durch Erbschaft entstanden. Der gesammte moralische Charakter der Kinder hängt gar oft von den Eltern, meist von den Müttern ab. 240 Nicht leer und eitel ist der Spruch: „daß Tugenden und Laster mit der Muttermilch eingesogen wurden." Schon Lucretius CaruS in seiner Naturgeschichte sagt mit Recht: „Gar oft tragen die Enkel und Urenkel der Großvater und Urgroßvater Gestalten und Zustände an sich." Noch einige Zahlen zur Beweisführung. Nach einer Aufnahme von Landes waren von 287 taubstummen Personen 79 von Geburt an taubstumm und davon entsprangen 24 aus Ehen zwischen Blutsverwandten. Howe berichtet uns von 17 unter den nächsten Verwandten geschlossenen Ehen. Aus diesen gingen zusammen 95 Kinder hervor» davon waren 44 Idioten, 12 Scrophulose, 1 taub» 1 zwerghaft und nur 37 von erträglicher Gesundheit und Gestaltung. MoriS beweist, wie von 100 aus blutsverwandten Ehen hervorgegangenen Kindern durchschnittlich 61^ Prz. schlecht constituirt und krank waren. Auch geht leider die Neigung zum Selbstmorde von den Erzeugern auf die Erzeugten über, wie C. A. Dietz und Andere dies durch zahlreiche Beispiele darlegten. In dieser Beziehung sind bei uns für die nächsten paar Dezennien die Aussichten bezüglich der Selbstmordstatistik gewiß sehr trübe. Kurz und gut ich wollte nur darthun, daß gar Viele, die man Wohlgeboren nennt, dies bei weitem und leider! nicht sind und nie gewesen sind. Trotzdem wird diese Sitte — der Wohlgeborenheit-Titulatur fortdauern, wie auch die Sitte des Hutabnehmens bei Sturm und Ungewitter und wenn auch Rheuma und Ohrenreißen diese letztere höfliche Gewohnheit vielfach verleiden! — Uebrigens habe ich die Ehre, mich den wirklich „Wohlgebornen" Lesern bestens zu empfehlen. Nichts für ungut! Miseellen. (Eine wenig bekannte Beethoven-Anekdote) wird in der „Revue Arti- stique" von Brüssel erzählt: Paör hatte seine Oper „Leonore" in Wien zur Aufführung gebracht, welche ein Sujet enthielt, das Bouilly zuerst bearbeitet hatte, und welches nachträglich für den „Fidelio" diente. Beethoven hatte der Paör'schen Aufführung beigewohnt. Beim Verlassen begegnete er dem Autor, schüttelte ihm die Hand und sagte ihm in seiner gewohnten Gradheit: „Ihre Oper gefällt mir sehr gut; ich habe Lust, sie in Musik zu setzen" .... So entstand „Fidelio." (Die höchste Zeit.) An der Nandolph-Straße in Chicago wurde kürzlich in einer dunkeln Nacht ein Mann von zwei Räubern angehalten, die ihn fragten wie viel Uhr es sei. „Zündet ein Streichhölzchen an, damit ich nachsehen kann," sagte der Mann. Als das Streichholz brannte hatte er auch richtig die Uhr in der Hand, aber quer über dem Zifferblatt lag ein eklich aussehender Revolver. Es ist jetzt anderthalb Sekunden bis 11 Uhr," sagte er, „und ihr habt gerade anderthalb Sekunden Zeit zu verduften, ehe es anfängt zu schlagen." Sie verdufteten. In einem Berliner Gymnasium passirte dem Cultusmini ster neulich bei einem Besuche desselben ein hübscher Scherz. Er fragte nämlich einen kleinen Sextaner, ob er auch schon spare. „Jawohl," lautete die Antwort. Und was machst Du mit dem Gelde?" forschte der Minister weiter. „Dafür kaufe ich mir Sonntags Bonbons," antwortete prompt der kleine Kerl. Direktor und Lehrer wurden verlegen, der Minister aber lachte. Die Theorie der Schul-Sparkaffen schien ihm dadurch etwas erschüttert. (Ein gefährliches Leiden.) Ein alter französ. Richter, der sich stets einer eisernen Konstitution rühmte, kam zu einem Arzt. „Sie hier?" „Ich bin ein wenig beunruhigt über meinen Gesundheitszustand, lieber Doktor". „Ä?o sitzt denn das Uebel? Im Kopf, im Magen?" „Nein, das ist Alles in Ordnung, aber in letzter Zeit litt ich während Gerichtsverhandlungen häufig an — Schlaflosigkeit." Tür die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler,