1883, M „Äiigglmrger Postseitimg/' o Nr. 31. Mittwoch, 18 . April Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) III. In dem stattlichen Hause des Landkammerraths, das in der Residenz neben dem fürstlichen Schlosse lag, und seit seiner Erbauung der Familie von Bodenwald gehört» herrschte rege Thätigkeit, denn der Augenblick des Aufbruchs, wenigstens der beiden Gepäck- und Prooiantwagen, die den Bedarf vieler Personen für mehrere Monate ent- hie ten, war gekommen. In dem geräumigen von der Straße durch ein hohes Gitter getrennten Vorhof, standen die bereits fertigen Fuhrwerke, und lautes Sprechen und Pferdestampfen in den umliegenden Ställen ließ schließen, daß sie sogleich bespannt werden und den Weg nach Bodenwald antreten sollte». Es war gegen neun Uhr Morgens, als der Landkammerrath, welcher seine Geschäfte und Pflichten für längere Zeit erledigt, in das Zimmer seiner mit Schreiben beschäftigten Gemahlin trat und in sichtlich heiterer Stimmung, die gewöhnlich man bei ihm vermißte, zu seiner Gemahlin sagte: „Nun, wie ist's, Josephine, können wir in einer Stunde die Stadt verlassen? ich wollte die Wagen fortschicken — " „Ich habe nur diese Briefe zu beenden, lieber Bodenwald, und dann noch einmal mit der Haushälterin alle Arbeiten zu besprechen, die während unserer Abwesenheit hier vorgenommen werden sollen!" entgegnete, ohne aufzusehen die Landkammerräthin. „Schärfe ihr nur ein, sogleich damit zu beginnen, und sie nicht, wie gewöhnlich, bis zum letzten Augenblick hinauszuschieben. Wir könnten früher, als ivir denken, zurückkommen, und dann — — was geht da draußen vor? Wer mag da so laut reden?" und durch das Vorzimmer in den Hausflur tretend, sah der Landkammerrath neben seinen Bedienten einen fremden Mann, dessen schweißtriefende Stirn und staubige Kleidung andeuteten, daß er schnell und weit gegangen war. Den allgemein bekannten Beamten erblickend, zog er seine Mütze und war im Begriff ihn anzureden, als dieser ihm zuvorkam, und barsch und in strengem Ton fragte: „Was gibt's? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr?" „Herr Landkammerrath", begann der Bauer, seine Kopfbedeckung in der Hand hallend, und sah mit einiger Scheu zu ihm auf, „ich komme aus Langenhagen, und wollte Ihnen nur anzeigen, daß bei uns ein Unglück geschehen ist!" „Das wolltet Ihr mir anzeigen?" fragte nicht freundlicher der Herr von Bodenwald. „Was kümmert mich das Unglück, das sich in Eurem Dorfs zugetragen, habt Ihr nicht einen Arzt, den Schulzen und den Polizeidiencr? — Es wäre doch arg, müßte ich mich auch um Dergleichen kümmern", und sich abwendend, wollte er sich zu seiner Gemahlin zurückbegeben, als der momentan eingeschüchterte Landmann sich faßte, und kühner als vorher sagte: 242 „Ein Wort noch, Herr Landkammerrath! Das Unglück, von dem ich gesprochen, kümmert Sie wohl, und um ihretwegen bin ich hierher gekommen, wie Sie sogleich hören werden I — Ihr ältester Sohn liegt seit einigen Stunden in unserm Gasthaus; er hat den linken Arm gebrochen und ist außerdem noch verwundet!" „Mein ältester Sohn sollte in Eurem Dorf verwundet liegen?" unterbrach ungläubig der Landkammerrath. „Das muß ein Irrthum sein, denn er ist nicht einmal in dieser Gegend, wir erwarten ihn erst in den nächsten Tagen von B. zurück!" „Es ist dennoch, wie ich sage, Herr Landkammerrath, und der Doktor, der ihn verbunden, hat mich-, hergeschickt, um Ihnen die Anzeige zu machen. Auch hat der junge Herr mir eine Karte gegeben, die ich Ihnen einhändigen sollte", und der Bote begann nach dem ihm anvertrauten Blättchen Papier zu suchen, und zog es endlich aus einer tiefen Rocktasche hervor, in der es in friedlicher Gemeinschaft mit seiner Pfeife und seinem Tabaksvorrath gelegen. Es dem Herrn von Bodenwald reichend, sagte er triumphirend zu ihm aufblickend: „Da lesen Sie selbst den Namen, Herr Landkammerrath —" In diesem Moment öffnete Frau von Bodenwald die Thür des Vorzimmers. Sie hatte der lauten Unterredung gelauscht, und mehrfach ihren ältesten Sohn nennen hörend, fühlte sie sich von einer plötzlichen Angst ergriffen. Jetzt sah sie in der Hand ihres Gatten die Visitenkarte, und fragte hastig und in besorgtem Tone: „Hat der Mann uns irgend eine Nachricht gebracht, lieber Bodenwald?" Ihr die Karte mit dein Namen des Sohnes reichend berichtete ihr der Landkammerrath in aller Kürze, was er von dem Boten vernommen, und dieser die sichtliche Aufregung der erschreckten Mutter gewahrend, fügte hinzu: „Fahren Sie nur gleich zu Ihrem Sohne hinaus, gnädige Frau, der, als ich ging, kaum seine Besinnung wieder bekomme» —" „Wie aber konnte das Unglück geschehen?" fragte Herr von Bodenwald den Boten, dessen Schüchternheit vollständig geschwunden war, und der schnell entgegnete: „Das ist einfach genug zugegangen, Herr Landkammerrath. Die Pferde des Postwagens, in dem sich der junge Herr befunden, und der noch dazu stark besetzt war, sind vor einer Heerde Kühe, die über den Weg rannte, scheu geworden und durchgegangen, und haben den großen Kasten gegen einen Meilenstein geschleudert, daß er umgefallen und zum Theil zerbrochen ist. Es liegen noch mehrere Verwunvete in unserem Wirths- hause, die übrigen Passagiere aber hat der Postillon in einem anderen Wagen weiter gefahren, und werden sie auch wohl in der Stadt ankommen!" „Aber, lieber Bodenwald", kam die Landkammerräthin, welche um ihren Lieblingssohn die größte Besorgniß empfand, einer zweiten Frage ihres Gatten zuvor, „laß uns doch so schnell wie möglich mit dem Medizinalrath hinausfahren, und selbst sehen, wie es um unseren Sohn steht, der einige Tage früher, als anfänglich er gewollt, zurückgekommen sein wird!" Das Nichtige dieses Vorschlages einsehend, befahl der Landkammerrath dem Diener anspannen zu lassen, den Boten nach dem heißen Weg durch Speisen und Trank zu erquicken, und den Hausarzt zur Mitfahrt nach Langenhagen aufzufordern. Dann folgte er seiner Gattin in ihr Zimmer, wo sie bereits ihrer Kammerfrau hastige Befehle ertheilte, und hinzufügte, sich zur Mitfahrt nach Langenhagen bereit zu halten, wo sie vielleicht gar einige Zeit bleiben würden. „Liebe Frau", begann der Landkammerrath nicht ohne Besorgniß auf ihr bleiches Gesicht blickend, „Du solltest Dich noch nicht allzu sehr ängstigen, denn da jede Aufregung Deiner Gesundheit schadet —" „Und thust Du es vielleicht nicht?" fragte sie schnell. „Müssen wir nicht wiederum auf's Schlimmste gefaßt sein? — Denke doch nur an den Morgen, wo wir die Nachricht erhielten, daß Friedrich schwer getroffen in einer Dorfschenke liege, und wir, obgleich wir auf der Stelle zu ihm eilten —" 243 »Wozu das noch immer so Schmerzliche wiederholen?- entgegnete der Landkammerrath mit düsterem Ernst. „Laß uns hoffen, daß Hugo's Verletzungen schließlich nicht bedeutender Art sind, und wir unsern blühenden kräftigen Sohn, die Zierde unseres alten Namens, behalten. Ich könnte fast wahnsinnig werden, daß das Unglück ihn betroffen, während doch Ludwig der jämmerliche Schwächling-doch wir vergessen die Wagen, die schon nach Bodenwald unterwegs sein sollten — —- »Sie müssen einstweilen noch hier bleiben-- »Ich will einen der Knechte zurückschicken und Bergmann sagen lassen, was sich zugetragen. An Ort und Stelle werden wir schon sehen, was wir für die nächste Zeit zu beschließen haben!- Nach einer halben Stunde bestiegen Herr und Frau von Bodenwald mit dem Haus- Arzt, der Kammerfrau und dem Boten den mit vier kräftigen Pferden bespannten Wagen, und schlugen die Schloß Bodenwald entgegengesetzte Richtung ein. Mit schwerem Herzen fuhren sie an dem schönen Julimorgen dem Ziele zu, wo, wie sie nur zu gut wußten, ihr verwundeter Sohn ihrer sehnlichst harrte. — IV. »Das ist ein schweres Mißgeschick, das uns da wiederum betroffen, Kohring-, mit diesen Worten empfing drei Tage nach dem Unfall seines Sohnes der Landkammerrath seinen Förster, welcher zu seiner Begrüßung sich in's Schloß begeben und ihn in seinem Arbeitszimmer aufgesucht hatte. »Ja, Herr Landkammerrath, ein Mißgeschick, das wir Alle bedauert haben-, entgegnete der Förster, ein etwas jüngerer, doch ebenso stattlicher Mann wie der Gutsherr, dessen schwarzes Haar und dunkle Augen auf seine Tochter vererbt waren. ^.Wie steht es um den jungen Herrn von Bodenwald? — Hat er außer dem Armbruch noch anderweitig« Verletzungen erlitten?- „Für den Augenblick geht es ihm schlimm genug, wenngleich keine bestimmte Gefahr vorhanden ist-, entgeguet« mit umwölkter Stirn der Landkammerrath. »Als wir mit dem Medizinalrath in Langenhagen ankamen war sein linker Arm regelrecht von dem dortigen Arzt geschient, und wird nach Verlauf von sechs Wochen wohl geheilt sein. Außerdem hat er «ine Wunde am Kopf, die ebenfalls verbunden war, und was das Schlimmste ist, hat auch die Brust eine Verletzung bekommen, über die der Medizinalrath sich noch nicht aussprechen will oder kann.- »Auch die Brust ist verletzt?- fragt« theilnehmend der Förster, welcher unterdeß dem Landkammerrath gegenüber Platz genommen, der für ihn als einen tüchtigen und thätigen Fachmann eine besonder« Zuneigung empfand. „Mein Sohn hat beim Sturz des Wagens einige Rippen gebrochen, und muß dadurch die Lunge gelitten haben, da er beim Athmen Schmerzen empfindet!- erwiderte sichtlich bekümmert Herr von Bodenwald. »Diese Schmerzen können auch eine Folge der großen Erschütterung des Körpers sein", meinte der Förster. »UebrigenS ist es mir einmal gerade so ergangen, und haben sich die Schmerzen, als die Rippen geheilt waren, verloren!- »Und haben Sie von Ihrem damaligen Unfall keine nachteiligen Folgen behalten?- fragte der Landkammerrath mit einem fast ängstlichen Blick auf seinen Förster. „Nein, Herr Landkammerrath, denn wie Sie zur Genüge wissen, habe ich meinen Dienst seinem ganzen Umfang nach stets zu Ihrer Zufriedenheit versehen!- „Ja, ja, Kohring, und mögen Sie «S noch recht lange thun! — Auf meinen Sohn zurückzukommen, soll er, sobald er nur im Stande ist, die Fahrt zu unternehmen, nach der Stadt kommen, weil der Medizinalrath, der schon unsertwegen seine Reise aufgegeben, ihn dort unter Augen haben und besser behandeln kann!" »Und wie befindet sich die gnädige Frau nach dem gehabten Schrecken?- fragt« der Förster. „Meine Frau hat allerdings sehr dadurch gelitten, und ich fürchte auch, «S wird 244 nicht ohne nachtl,eilige Folgen bleiben. Doch denkt sie jetzt nur an die Pflege ihres Sohnes, und will ihn keinen fremden Händen überlasten!" „Dann werden wir sie hier wohl vorerst nicht sehen?" „Es ist möglich, daß wir im August kommen, wenigstens meine Frau und unser Sohn, doch läßt sich darüber noch nichts bestimmen. Ich bleibe einige Tage hier, um vor allen Dingen den Ludwig nach dem Buchenhof zu bringen, wo er dann wohl sein ganzes Leben bleiben wird, denn nach einigen Jahren muß er doch im Stande sein, das Gut zu verwalten!" „Dazu hat Junker Ludwig neben dem besten Willen auch die Fähigkeit, und wenn nur seine körperliche Kraft der semes Geistes gleichkäme —" „Ja, dieser elende, schwächliche Körper!" unterbrach mit finsterer Stirn der Landkammerrath. „Sollte man wohl, das Gesicht allerdings abgerechnet, die jämmerliche Gestalt, die kaum größer als Ihre Tochter ist, für mein n und meiner Frau Sohn halten?" „Herr Landkammerrath", entgegnete fast vorwurfsvoll und mit Nachdruck der Förster, welcher eine wahrhaft väterliche Zuneigung zu besten schwächlichem Sohn empfand, „der arme Junker hat sich diesen nicht selbst gegeben, und auch am schwersten darunter zu leiden und immer zu leiden gehabt!" „Schweigen wir von ihm", erwiderte fast rauh der Gutsherr, „er wird nie im Stande sein, etwas zum Glanz und Ruhm unseres alten Namens zu thun, denn wer wird eine solche Jammergestalt heirathen wollen? — Das wäre anders bei Hugo, den ich mit einer sehr schönen und reichen jungen Gräfin zu vermählen gedachte, und der nun mit gebrochenen Gliedmaßen, und vielleicht schon kranker Lunge in dem elenden Dorfe liegt! —" . Hoffen wir das Beste, Herr Landkammerrath", unterbrach der Förster, der seine Härte und Lieblosigkeit gegen den jüngste» Sohn stets getadelt. „Junker Hugo wird bei seiner kräftigen Gesundheit sich erhulen, zumal Sie keine Kosten zu scheuen haben!" „Der Medizinalrath hat von Seebädern gesprochen, und uns Ostende empfohlen, und würde auch die dortige Luft für meine Frau, die ihn begleiten will, zuträglich sein!" Der Förster mußte bei dieser Erklärung an den armen Ludwig denken, für dessen schwächlichen Körper und zarte Gesundheit bisher weder Vater noch Mutter gesorgt, und da der Landkammerrath sich erhob, verließ auch er seinen Platz und trat mit ihm an's Fenster. Hier siel Beider Blick auf zwei herankommende sehr verschiedene Gestalten; es waren der Verwalter Bergmann und Junker Ludwig, weiche lebhaft sprachen, und ihre Hüte zogen, als sie des Gutsherrn ansichtig wurden, welcher flüchtig grüßte und sich dem Förster zuwendend sagte: „Habe ich nicht recht? — Ein Jammer ist's um den Kopf, daß er nicht auf einen« sechs Fuß hohen Körper sitzt!" „Und mehr noch, daß der Geist und die Thatkraft, die Ihren jüngsten Sohn zu einen« der tüchtigsten Männer des Landes machen würden, nicht einen solchen beleben^, konnte der Förster sich nicht enthalten zu erwidern. „Sollte der Ludwig wirklich damit versehen sein?" fragte ungläubig der Gutsherr» „Geiviß, Herr Landkammerrath, allein da Sie Ihren jüngsten Sohn kaum kennen, können Sie das allerdings «richt wissen! — Da Sie aber sicherlich noch mit ihm zu sprechen haben, will ich mich entfernen — —" „Das habe ich in der That — —" „Nach einigen Sekunden gingen der Förster und der Verwalter dem Hause des Letzteren zu, Ludwig von Bodenwald aber betrat das Arbeitszimmer seines Vaters, mit den« er schon das Frühstück eingenommen, und der sich jetzt am Fenster niedergelassen. Auf einen Sessel deutend sagte er in gemessenem Tone: „Setze Dich, Ludwig, denn ich habe noch mit Dir zu reden!" Der Sohn kam seiner Aufforderung nach, und ihn mit unverkennbarem Jntereste betrachtend, begann der Landkammerrath.' 245 „Es ist nothwendig, noch einmal auf Deine Uebersiedlung nach dem Buchenhof zurückzukommen. Du wirst, so lange Baumgart dort ist, als Unterinspektor eine allerdings ihm untergeordnete Stellung einnehmen, doch hast Du, wie Du weißt, Deine eigene Häuslichkeit, wenn Du auch das Haus mit ihm theilen mußt!" „Die Haushälterin hat, wie ich mich vor einigen Tagen überzeugt, schon Deinem Willen gemäß Alles eingerichtet, Papa", entgegnete der junge Mann. „Ich habe es ihr dringend genug anempfohlen", antwortete der Landkammerrath. „Hoffe, tlich wirst Du Dich schnell und hinlänglich in die Lerwaltung des Gutes hineinarbeiten, damit wenn Baumgart geh', was binnen zwei Jahren gewiß geschieht, Du, obgleich immerhin noch sehr jung, es allein bewirthschaften kannst!" „Ich werde gewiß meine Pflrcht thun, Papa", erwiderte sein Sohn, und richtete mit einer raschen Bewegung den ausdrucksvollen Kopf höher auf, indem er zugleich die reiche Fülle des goldblonden Haares von der weißen Stirn zurückstrich. „Das erwarte ich auch von Dir, da ich Dir auch eine selbstständige Stellung übertragen, die zugleich, weil Du im Leben keine andere bekleiden kannst, Deinem Stande angemessen ist." Ludwig von Bodenwald's Züge umdüsterten sich, doch hatte er keine Erwiderung auf diese Bemerkung seines Vaters, der alsbald fortfuhr: „Ich werde wohl noch diesen Herbst nach dem Buchenhos kommen, doch läßt sich darüber noch nichts Näheres bestimmen, dg Alles von dem Befinden Deines Bruders abhängt, von dem man noch nicht einmal weiß, wie schwer er verwundet ist!" Des jungen Mannes Züge blieben unverändert, er enthielt sich jedoch jeder Bemerkung über den Unfall, der schon einmal besprochen war, und sein Bater fuhr fort: „Du wirst ein Viertel der Gutseinkünfte als Dein Taschengeld beziehen, ich habe Baumgart bereits angewiesen, es Dir vierteljährlich auszubezahlen. Sobald Du den Buchenhof allein bewirthschaftest, gehört Dir der ganze Ertrag desselben, doch hast Du alsdann die Kosten, die er erfordert, zu tragen. Wenngleich Du Dich von der Zeit an als Herr des Gutes zu betrachten hast, darfst Du doch ohne meine besondere Erlaubniß keine besondere Veränderung vornehmen." „Ich wüßte nicht, welcher Art die sein könnten, Papa!" „Ich in diesem Augenblick auch nicht, doch finden neue Herren leicht Veranlassung zu Veränderungen! — Etwas weiteres wüßte ich in Bezug auf Deine nächste Zukunft nicht, solltest Du noch besondere Wünsche haben-" „Ja, Papa, ich möchte Dich ersuchen, mir Einiges in der Stadt zu besorgen, wohin ich vorerst wohl kaum kommen werde." — „Darüber habe ich kein Urtheil, doch stehen Dir, wie ich Dir bereits gesagt, Wagen und Pserde, so bald es sein muß, zur Verfügung. Laß inveß hören, was Du wünschest ?" „Vor allen Dingen Bücher, um mich an den Abenden, ivo ich allein sein werde, zu beschäftigen." „ t ücher?" wiederholte überrascht der Landkammerrath, der für diese nie eine große Vorliebe gehegt, seit seine Ausbildung auf der Universität beendet, mit aller Wissenschaft abgeschlossen hatte und nur zuweilen in einem ihm gerühmten Roman blätterte. „Du — erhälst verschiedene Zeitungen — —" „Die reichen nicht aus", entgegnete Ludwig mit mehr Entschiedenheit, als er bisher gesprochen. „Auch will ich die begonnenen Srudien fortsetzen, und habe hier ein Ver- zeichniß der verschiedenen Werke, die ich dazu gebrauche." Und ein gefaltetes Papier aus seiner Brusttasche nehmend, überreichte er es seinem Vater. Dieser überblickte die mit schöner, fester Hand geschriebenen Aufzeichnungen und sagte sichtlich überrascht: „Englische und französische Spezialgeschichte in der Ursprache — — verstehst Du denn diese Sprachen?" „Ich habe sie von dem Herrn Pastor erlernt und seitdem fortgeübt!" 246 „Und davon weiß ich nichts?" An Deiner Stelle aber wiirde ich lieber englische als französische Romane lesen." „Es stehen auch einige der ersteren, die der Pastor mir besonders empfohlen, verzeichnet, die französischen Romanverfasser will ich erst später kennen lernen." (Fortsetzung folgt.) Das Muster eines katholischen Seelsorgers. * Christoph v. S ch m i d stellt, da er von seinem Aufenthalte an der Universität Dillingen schreibt, im zweiten Bündchen seiner „Erinnerungen aus meinem Leben", welches Buch wir unseren Lesern erst kürzlich ganz besonders für geisterfrischende Lektüre empfohlen haben, als solches den Pfarrer Jgnaz Valentin Heggelin» einen Freund des hochseligen Sailer, dar. Die hübsche Erzählung mag hier Platz finden. Echmid schreibt: Jgnaz Valentin Heggelin, Pfarrer in den gräflich stadionischen Marktflecken Warthausen und Kämmerer des Landkapitels Biberach, war ein wahrhaft großer Mann, von ausgezeichneten natürlichen Geistesgaben, seltener Weisheit und Menschenkunde, und als Seelsorger von allumfassender, unermüdeter Thätigkeit. Er hatte Sailer's Schriften gelesen, wünschte ihn näher kennen zu lernen, lud ihn auf das Pfingstfest zum Predigen ein, und fand alle seine hohe Erwartungen weit übertrofsen. Beide wurden innige Freunde. Sailer schickte mich zu ihm. „Em künftiger Seelsorger", sagte er, „kann im Umgänge mit ihm niehr lernen, als in allen meinen Vorlesungen." Heggelin behielt mich einig« Tage, ja Wochen bei sich. Er schenkte mir vom frühen Morgen bis zum späten Abende alle seine freien Stunden. Ich fragte ihn über Vieles. Wenn ihn aber seine Geschäfte riefen oder, bevor ich mich am Abende zur Ruhe begab, zeichnete ich jedesmal auf, was er mir gesagt hatte. Am folgenden Morgen forderte er mich auf, wieder Register zu ziehen, wie er zu sagen pflegte. Was ich damals aufzeichnete, hat Sailer in Heggelin's Biographie aufgenommen. Doch mag noch «ine kleine Nachlese stattfinde». Heggelin ließ sich durch nichts von Befolgung der kirchlichen Anordnungen abhalten, und zeigte da einen strengen entschiedenen Ernst. Einst war eine ansehnlich« Gesellschaft bei ihm, und eben in einem interessanten Gespräche mit ihm begriffen. Da läutete man die Gebetglocke, zur Erinnerung an den Gruß des Engels und an die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Er brach das Gespräch augenblicklich ab, und sprach mit der ihm eigenen Energie: „Da jetzt die ganze Pfarrgemeinde auf den Knieen liegt und betet, so wäre eS schlecht, wenn der Pfarrer allein von andern Dingen reden wollte. So wichtig diese Gespräche sein mögen, so ist nach fünf Minuten noch Zeit dazu." Er betete stillschweigend, und auch alle Anwesenden beteten. So ernsthaft er aber sein konnte, so freundlich war er, zum Beispiel gegen Kinder, gleich der liebreichsten zärtlichsten Mutter. Von den Heilsmitteln, welche die Kirche uns darbietet, machte er gewissenhaften Gebrauch. Er pflegt« jede Woche zu beichten. An jedem Freitage kam ein frommer Geistlicher aus der Nachbarschaft zu ihm, um ihn Beicht zu hören. Einmal, da mehrere Gäste da waren, ging Heggelin mit ihm in ein anderes Zimmer, und als er zurückkam, war sein Angesicht — was auch Sailer einmal bemerkt hat! — von sanftem mildem Glänze wie verklärt und so helle, als fiele ein Strahl der Sonne oder des Mondes darauf. Ich glaubte nun zu verstehen, was die heilige Schrift mit den Worten sagen wollte: „Das Angesicht des Stephanus habe geleuchtet." Heggelin hatte auch ein sicheres Ahnungsvermögen, desgleichen wohl jedein Menschen einwohnet, das aber nur bei sehr ruhigen, von Leidenschaften gereinigten Gemüthern sich äußern kann. Er hatte mir und einem Freunde versprochen, nach Tische mit uns nach Biberach zu gehen. Er säumte aber lange bis er Hut und Stock nahm, ging sehr langsam, blieb unterwegs öfter im Gespräche stehen, und setzte sich zuletzt gar auf «ine von 24? Bäumen beschattete Bank, die nächst dem angenehmen Spaziergange von Warthausen nach Biberach angebracht war. und die er die wohlthätige Bank zu nennen pflegte. Ich begriff nicht, warum er gar so sehr zögere und dachte, er habe gar nicht mehr im Sinn, heute in die Stadt zu gehen. Da kam auf einmal ein schöner, wohlgekleideter Herr zu Pferde hierher gesprengt, grüßte Heggelin schon von Weitein, stieg ab und sagte, auf seiner sehr eiligen Reise sei er nur für einige Stunden nach Warthausen gekommen, habe in dem Pfarrhofe vernommen, Herr Pfarrer sei gegen Biberach hin spazieren gegangen; er freute sich sehr, seinen väterlichen Freund doch wenigstens auf einige Augenblicke zu sehen. Dieser Herr war der Graf Philipp von Stadion, nachmals kaiserlich-österreichischer Minister. Beide gingen jetzt, angelegentlich miteinander sprechend, auf und ab. Der Graf schwang sich dann wieder auf sein Pferd und eilte weiter. Heggelin sprach hierauf zu uns: „Es war mir immer, heute Nachmittags dürfe ich mich nicht weit von Hause entfernen. Ich sagte deshalb, bevor ich ging, zu meiner Haushälterin, wenn etwas vorfallen sollte, so sei ich auf dem Wege nach Biberach, bis zu der ihr bekannten Bank sicher zu treffen; denn ich dachte, wiewohl wir heute nicht nach Biberach kommen, so ist es in dem schönen Rißthale doch ein angenehmer Spazier-, gang. Meine Ahnung hat mich auch nicht getäuscht." Als beide Grafen Lipps und dessen Bruder Fritz, nachmals kaiserlich-österreichischer Gesandte in München und späterhin Armee-Minister, noch Knaben waren, harten sie den Pfarrer Heggelin, der mit ihnen so liebreich umzugehen und sie, wie sonst Niemand, zu unterhalten wußte, von ganzem Herzen lieb gewannen. O, wie oft erzählte Heggelin mir von ihnen! Er sprach auch immer von deren Eltern, besonders deren vortrefflichen Mutter, Gräfin Luise, mit Ehrfurcht, Liebe und Anhänglichkeit. Als Jünglinge brachten die Grafen Lipps und Fritz ihm einmal Schiller's Schauspiel „die Räuber", das Goethe die erste vulkanische Explosion eines Genie's nennt. Die Hauptpersonen darin hatten sie hingerissen; wie denn die Ruinen eines großen Gebäudes noch immer mehr interessiren, als das artigste Gartenhäuschen. Vieles aber hatte ihnen, als zu gräßlich, mehr mißfallen. Sie wollten hören, was Heggelin dazu sage. Er wußte über Alles, worüber er gefragt wurde, etwas Treffendes und geeignetes vorzubringen. Was war aber da zu sagend Heggelin sagte: „Ich vermuthe, der Verfasser habe zeigen wollen, daß adelige Jünglinge, aus deren Erziehung so Vieles verwendet wird, wenn sie doch ausarten sollten, äußerst böse und grundschlechte Menschen werden." Der berühmte Schriftsteller Wieland, damals noch Stadtschreiber in Biberach, hielt sich viel bei der gräflichen Herrschaft in Warthausen auf. Er lernte Heggelin kennen, und ehrte ihn sehr hoch. Einst kam die Herrschaft in den Gottesdienst und Wieland begleitete sie. Heggelin bot dem Grafen und der Gräfin Weihwasser, ihm aber nicht. Wieland fragte nachher: „Warum haben Sie mir kein Weihwasser geboten?" Heggelin sprach: „Weil Sie, Ihrer Konfession zufolge, das Weihwasser als eine leere Zeremonie betrachten müssen, ich aber die Gebräuche meiner Kirche entweihen würde, wenn ich sie zu bloßen Höflichkeitsbezeugungen herab würdigte." Der angesehenste Beamte und Rath der gräflichen Herrschaft Stadion sagte mir einmal: „Pfarrer Heggelin ist ein Mann von ganz außerordentlicher Einsicht und Willenskraft; er eignete sich zu einem ganz vortrefflichen Papst." Sailer hat Heggelin's Biographie geschrieben. Jeder Seelsorger sollte sie lesen. Mich beschämt sie tief. Wie wenig, wie nichts erschein' ich mir, wenn ich mich mit Heggelin vergleiche. Freilich kann nicht jeder mit Adlern fliegen; allein Heggelin's Leben und Wirken sollte doch Jeden anregen, nicht auf einer niedrigen Staude oder ganz auf der Erde sitzen zu bleiben. — 248 Miseelleir. (Prinzessin Ludwig von Bayern). Die „Epoca" veröffentlicht abermals ei» Gedicht der jungst vermählten Infantil! Donna Paz de Borbon, welches der am 5. d. Mts. in Madrid unter Anwesenheit des kgl. Hofes vollzogenen Grundsteinlegung einer neuen Kirche seine Entstehung verdankt. Die „Allg. Ztg." stellt den spanischen Wortlaut und eine sich in Form und Inhalt möglichst treu an das Original anschließende Uebersetzung neben einander, wobei sie meint, daß die Schlichtheit und rührende Innigkeit des Gefühlsausdrucks, welche aus den kunstvollen Seguidillen der erlauchten Verfasserin sprechen, auch nicht entfernt erreicht seien. Das Gedicht ist der Schutzheiligen der Kirche, der Virgen de la Almudena, gewidmet und lautet: jOd Vwgon oaorosanta l>6 tu -rlmuckona! Rozc voiiZo amo tu plsuta Övtt uns. pena. Vicgsn ütuiia, Oonsuota, eowo siemprs, Dl alma mia. * Rux ssres ev el wuucko, Leres gngriäos, tzuo anbelo ver alegrss, Ikuuca aüigickos . . . ;Ob Vtigen dc»va, lw imptoro ante tu uiiLgeu tüö ka ^Imuckeua! vios, st crear 6> muucko, Viö xa 8808 S6l'68, 1k uuu gutüä tes reserva keuas erueles. lrtts gue cmmbie Docks s inis slogriss t?or sus pössres. 1k 8! tü 88 to ckieös 6uat z'v to pick», La ckö iiuoör to guö guioroo Du 8>jo guericko. 1k xv, sereus, Oraeias ckarö 4 tu imägsa Os Is ^twuckens. Jungfrau von Almudena, Voll Huld und Gnaden, Sied mich zu Deinen Füßen Mit Gram beladen! In keiner Schickung Sucht' ich bei Dir vergebens Trost und Erqnicknng! Es lebt manch theures Wesen Mir auf der Erde, Das gern ich glücklich sähe, Frei von Beschwerde . . . Vor Deinem Bilde Von Almudena fleh' ich: Füg' es, Du Milde! Gott sah am ersten Tage Schon diese Wesen, Vielleicht zu schwerer Drangsal Von ihm erleien. Sag' ihm: nnt Freuden Tausch' ich das Glück des Lebens Um ihre Leiden! Sagst Du's, wie ich's erflehe Mit heißen Zähren, So wird Dein lieber Sohn es Dir gern gewähren. Und ich, Du Milde Von Almudena, spende Dank Deinem Bilde. (Die kürzeste Depesche,) die es jemals gegeben hat, schrieb unstreitig Suwarow. Nach der Einnahme von Praga schrieb er der Kaiserin die drei Worte: „Hurrah Praga! Suwarow.* — Ebenso kurz machte sie ihn auch mit drei Worten zum Feldmarschall, denn sie schrieb als Antwort: „Bravo, Feldmarschall. Katharina." („L iterarische s.") Ein junger Mann der gelegentlich Artikel für Zeitungen schreibt, hat seiner Feder ein Vermögen zu verdanken. Sein Vater grämte sich zu Tode, nachdem er einen seiner Artikel gelesen hatte und hinterließ ihm ein Vermöge» von 150,000 Dollar. (Er und Sie.) Eine junge Frau war im Besitz eines sehr dicken Gatten. „Wie kann man sich nur mit einer solchen Last beladen!" sagte Jemand dazu. „Ich bitte Sie," versetzte ein Kenner, „sie ist ja so leicht, daß sie ohne diese Last gar keinen Halt haben würde." (Jammer eines Kaufmannes.) Die guten Käufer zahlen schlecht. — Die guten Zahler kaufen schlecht. — Die schlechten Käufer zahlen gut. — Die schlechten Zahler kaufen gut. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.