rm „Äugsburger Postzeitung.- Nr. 32. Samstag, 21. April 1883. Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Der Landkamir errath schwieg zu dieser Erklärung seines Sohnes, der ihm in einem neuen, nicht geahnten Licht erschien, und blickte immer verwunderter auf die Titel der von ihm begehrten Bücher, welche fast sämmtlich wissenschaftlichen Inhalts, und von dem Pastor mit großer Sorgfalt ausgewählt wäre», die er aber kaum dem Namen nach kannte» Endlich sagte er nach längerer Pause: »Ich sehe zwar nicht ein, wozu Dir alle diese Werke dienen sollen, doch finde ich es für einen jungen Mann Deines Standes angemessen und richtig, namentlich wenn er auf dem Lande lebt, seine freie Zeit, wie Du vorhast zu benutzen, und will ich dem Hof« buchhändlcr Dein Vcrzeichniß schicke», damit er Dir das Gewünschte durch den Boten nach dem Buchenhof sendet. Einmal mit ihm in Verbindung, wird es für die Folge richtig sein, wenn Du Dich selbst an ihn wendest l — Und nun wüßte ich für heute nichts weiter zu erwähnen. Schicke mir Bergmann und Kohring, mit denen ich über die neue Tannenpflanzung bei den Steinbrüchen reden wollte, und treffe alle erforderlichen Vorbereitungen. Wir werden diesen Nachmittag um 3 Uhr fahren; ich möchte nicht zu spät auf dem Buchenhof ankommen, wo ich mancherlei Angelegenheiten zu besorgen habe." Ludwig von Bodenwald verließ seinen Vater, der ans Fenster trat und ihm nach» blickend sagte: „Es ist mehr aus ihm geworden, als ich gedacht — sollte er den Geist und Ver« stand besitzen, den Kohring rühmt? — Dann wäre es ja ein doppelter Jammer, daß er hinkt und ein Krüppel ist, was man allerdings vergißt, wenn man ihm in's Angesicht blickt und ihn reden hört! — Die Bücher will ich ihm sobald wie möglich schicken, und freue mich, daß mein Sohn, dessen Dasein mir bisher nur Kummer bereitet, an Bildung wenigstens seinen Standesgenossen nicht nachsteht!" Als Ludwig, die von seinem Vater begehrten Männer zu ihm geschickt, begab er sich nach dem Försterhause, um, wenn möglich, noch einmal mit Anna zu sprechen und einstweilen von ihr und ihrer Mutter Abschied zu nehmen. Die Försterin war in's nächste Dorf zu einer Kranken gegangen, doch konnte sie jeden Augenblick wiederkommen, Anna aber war, wie stets am Morgen in der Haushaltung beschäftigt und ernster als sonst, als sie ihn begrüßte. Ihre Augen und Züge erheiterten sich auch nicht, als er sagte: „Anna, ich komme, Dir und Deiner Mutter Lebewohl zu sagen —" „Ich kann es mir denken", entgegnete sie mit gepreßter Stimme. „Und Dir noch einmal zu wiederholen, daß ich Dich als meine Braut betrachte, wie Du fest darauf bauen kannst, daß ich, sobald ich allein auf dem Buchenhof wohne, Dich von Deinen Eltern als meine Frau begehre!" „Ludwig", erwiderte Anna in ruhigem fast traurigem Ton, „Du hast sicherlich 250 diesen Morgen schon eine Unterredung mit Deinem Vater gehabt, ist Dir da nicht die Ueberzeugung gekommen, daß er sich unserer Verbindung stets widersetzen wird?" Sie einen Moment überrascht anblickend, erwiderte er dann in heftigerem Ton: „Anna, soll das heißen, daß ich auf Dein Gelübde nicht mehr zu bauen habe?" „Ludwig", erwiderte sie mit unsicherer Stimme, „Du weißt, daß ich Dir Wort halte, denn ich liebe Dich und mein Herz wird Dir immer angehören. Wenn ich aber denke, daß Du meinetwegen Deiner Familie entsagen mußt, vielleicht auf immer von ihr getrennt sein wirst —" „Bin ich nicht seit meiner Kindheit von ihr getrennt gewesen?" antwortete er ihr ebenso zornig, wie erbittert. „Haben nicht meine Eltern mich fern von sich aufwachsen und erziehe» lassen, und mich nie ihrer Liebe und Sorge gewürdigt? — Hat heute wohl mein Vater mich aufgefordert, meinen Bruder zu besuchen, für dessen Genesung und Gesundheit alles nur Erdenkliche geschehen soll und muß, während wenn ich bisher krank und leidend war, der Arzt nur mit Mühe das für mich Erforderliche erlangen konnte? — Ich hätte sterben können, ohne daß meine Familie sich um mich gekümmert, kann noch sterben unb weder Vater noch Mutter werden kommen, um meinem letzten Athemzuge zu lauschen, um mit liebender Hand mir die Augen zuzudrücken!" „Ludwig, Du wirst nicht sterben!" rief leidenschaftlich Anna, ihn zugleich mit beiden Armen umschlingend. „Du wirst leben, für mich, die ich Dich so innig liebe, für mich, die, wenn ich erst Dein Weib bin, für Dich sorgen und über Dich wachen kann!" „Theure, geliebte Anna!" flüsterte der Junker von Bodenwald, sie zärtlich küssend, „Beruhige Dich, ich werde leben, den» ich will leben und in der stillen Abgeschiedenheit des Buchenhoses werden wir uns unseres Glückes freuen! — Aber verzeihe, wenn ich Dich aufgeregt, heute, wo wir ruhig von einander gehen müssen, damit wir nicht unser Geheimniß verrathen. Laß uns, bis Deine Mutter kommt, von anderen Dingen sprechen, ich will Dir die Unterredung mit meinem Vater wiederholen", und er begann ihr zu erzählen, was dieser für ihn bestimmt, ivard aber bald durch den Eintritt der Förstern: unterbrochen. Diese bemerkte nur noch geringe Spuren der Aufregung in den Zügen der einstigen Spielgenossen und fand diese die Veranlassung von Ludwigs Besuch errathend, erklärlich. Einen heiteren Ton erzwingend, obgleich es auch sie schmerzlich berührte, ihn von der Stätte scheiden zu sehen, wo sie ihn seit seiner Kindheit gekannt, sagte sie, nachdem sie sich begrüßt: „Nun, Junker Ludwig, gedenkt der Vater noch heute nach dem Buchenhof zu fahren? —" »Ja, Frau Förstern,, und ich wollte von Ihnen und Anna Abschied nehmen!" „Sie werden bald genug wieder nach Bodenwald kommen — — —" „Gewiß! — Schon in den nächsten Woche» können Sie darauf rechnen, mich hier zu sehen!" „Und wir und Frau Bergmann werden Sie eines Tages überraschen, um uns zu überzeugen wie Sie sich eingerichtet haben, und zu ei fahren, wie es Ihnen an Ihrem neuen Wohnort ergeht und gefällt!" „ES wird und muß mir dort gefallen, da ich der Bestimmung meines Vaters zufolge mein Leben daselbst verbringen soll", entgegnete mit Nachdruck und einem Anflug von Bitterkeit der junge Mann. „Darüber läßt sich von Menschen kaum etwas bestimmen", sagte sanft die Försterin, „denn für uns Alle liegt die Zukunft in höherer Hand. Der Buchenhof aber wird Ihnen, sobald Sie dies nur selbst wollen, ein lieber Aufenthalt werden — —" „Ja, das wird er und das soll er!" rief lebhaft der junge Mann. Als der junge Herr den überraschten Blick der Försterin gewahrte, fügte er schnell hinzu: „Bin ich dort erst alleiniger Herr, was bald genug sein kann, so habe ich auch da- Recht, Alles nach meinem Wunsch und Willen einzurichten, und da wäre es meine Schuld wollte ich von diesem Recht nicht Gebrauch machen! — Doch nun, Frau Försterin leben Sie wohl! — Ich will von hier zum Herrn Pastor gehen -- und er reichte ihr die Hand, die sie ergriff und mit bewegter Stimme erwiderte: „Leben sie wohl, Junker Ludwig, und möge Gottes Schutz und Segen mit Ihnen sein! —" „Ich danke Ihnen für Ihre Wünsche", entgegnete ebenfalls bewegt der junge Mann, und sich an Anna wendend, gab er auch ihr seine Hand und sagte: „Lebe wohl, Anna — —" „Lebe wohl, Ludwig", erwiderte sie, ihre Rechte in die seinige legend« Er drückte diese Hand, die ihm gehörte, fest in der seinen, blickte der Geliebten noch einmal in die thränengesüllten Augen rief mit kaum vernehmbarer Stimme der Försterin nochmals Lebewohl zu, verließ hastig das Zimmer und eilte, so schnell er vermochte dem Prediger- hause zu. V. Wie bereits erwähnt, lag der Buchenhof anderthalb Meilen von Bodenwald entfernt, und war gleich diesem von Bergen umgeben, die links und rechts zurücktraten, und dadurch die Ausdehnung des Gutes gestatteten. Das Herrenhaus mit dem Garten» den Wirthschastsgebäuden und Tagelöhnerwohnungen, war nach der nahegelegenen Landstraße zu, von einem kleinen Theil des ansehnlichen Buchenwaldes umgeben, der sich jenseits derselben erstreckte und für den Besitzer einen bedeutenden Werth repräsentirte. Durch diese Waldstrecke führte ein breiter, wohlerhaltener Weg zum Gutshof, an dessen äußerstem Ende sich das Wohnhaus befand, zu beide» Seiten von den übrigen Baulichkeiten begrenzt. Ersteres war ein größeres, zweckmäßiges Gebäude, das jedoch keinen Vergleich mit Schloß Bodenwald aushielt, und seit langen Jahren verschiedenen Inspektoren und deren Familien zum Aufenthalt gedient hatte. Jetzt aber wurden mancherlei Veränderungen in demselben vorgenommen, Handwerker und Arbeiter aller Art waren darin thätig denn Ludwig von Bodenwald, nachdem er ein Jahr und mehrere Monate als Unterinspektor gewirkt, hatte die selbständige Verwaltung des Gutes über» nommen. Der Verwalter Baumgart hatte sich in der nahegelegenen Provinz angekauft, und war bereits mit seiner Familie dorthin übergesiedelt. Der junge Herr vom Buchenhof, wie allgemein der jüngste Sohn des Landkammerraths genannt ward, war während des Aufenthalts daselbst größer an Gestalt und diese kräftiger geworden, was ihm ei.i männliches Aussehen verlieh. Seine Gesundheit schien sich befestigt zu haben, wenngleich seine schwache Brust sich bei jeder Anstrengung geltend machte. Er freute sich der neuen Thätigkeit, und mehr noch der Selbständigkeit, und war überzeugt, das Gut mit dem schon angelangten Inspektor zur Zufriedenheit seines Vaters zu verwalten. Laut Uebereinkunst hatt« er diesem von Allen, was daselbst geschah, Rechenschaft abzulegen, und »rußte er dies schriftlich thun, da vor kurzer Zeit — zu Anfang Oktober — der Landkammerrath mit seiner Gattin und seinem Sohn Hugo zu längerem Aufenthalt nach Italien abgereist war, was auf den dringenden Wunsch der Aerzte geschehen, und die Gesundheit der Genannten erforderlich gemacht. Denn was anfänglich Niemand geglaubt, und glauben wollte, der sonst so rüstige, kräftige und noch immer stattliche Landkammerrath, hatte Krankheitshalber seine vorläufige Entlassung aus dem Staatsdienst genommen, und der Fürst, wenn auch nur sehr ungern, sie ihm bewilligen müssen. Die Krankheit aber schrieb sich von einer heftigen Erkältung her, die er sich aus Jagd zugezogen, jedoch so wenig berücksichtigt hatt:, daß sie ein schweres rheumatisches Fieber zur Folge gehabt, von welchem er nach Monate» genesen, das aber empfindliche Gliederschmerzen, und besonders eine ihn ängstigende Augenschwäche hinterlasse». Beider Leiden wegen hatte er schon, jedoch vergeblich, mehrere Kuren gebraucht und waren die 252 ihn behandelnden Aerzte einstimmig der Ansicht gewesen, daß nur der Aufenthalt in einem gleichmäßig warmen Klima ihm Genesung sichern würde. Zu diesem Aufenthalt hatte er sich lange nicht entschließen können, obgleich auch das Nervenleiden seiner Gattin zugenommen und der Mevizinalrath die bestimmte Meinung ausgesprochen, daß Orts- und Luftveränderung die einzige Hilfe und Rettung für sie sei. Endlich aber trat ein Fall ein, der ihn zu einem schnellen Entschluß brachte. Sem ältester Sohn hatte sich von den, bei dem Umsturz des Postwagens erhaltenen Verletzungen vollständig erholt, so daß er wieder in den Staatsdienst treten und seine frühere Lebensweise als reicher, junger Kavalier und Majoratserbe fortsetzen konnte. Dies hatte seinem Vater ebenso viel Freude, wie Beruhigung gewährt, der nun ernstlich an seine Verheirathung dachte, und die zu seiner Verlobung mit der von ihm zur Schwiegertochter ausersehenen jungen Gräfin erforderlichen Schritte erwog. Im letzten Sommer war er einer Einladung seines Bruders Karl nach dessen Garnison gefolgt, um als geschickter Reiter an den dort stattfindenden Wettrennen Theil zu nehmen. Er hatte sich dem anstrengenden und aufregenden Vergnügen während dreier Tage überlassen, und war darauf an einer Lungenentzündung erkrankt, die indeß seinen Eltern verheimlicht ward, von der er aber schnell genug genas und zu ihnen in die kleine Residenz zurückkehrte, wohin sie sich nach einem nur kurzen Sommeraufenthalt in Vodenwald begaben. Hier nahm er auf seine, vielleicht geschwächte Lunge keine Rücksicht, sondern ritt, jagte und tanzte, wie er sonst gethan. Eines Nachts kehrte er mit einem stechendem Schmerz in der Brust aus einer Hofgesellschaft heim, und hatte kaum sein Zimmer erreicht, als er zum Schrecken des ihn begleitenden Dieners in einen Sessel sank, das Blut langsam seinem Munde entquoll und er die Besinnung verlor. Bald war das ganze Haus aus dem Schlafe geweckt» und die aus's Höchste beunruhigten Eltern ließen den Medizinalrath rufen. Diesem gelang es, das Blut zu stillen; er erklärte, daß in der Lunge des jungen Mannes ein Gesäß gesprungen, bei vorsichtiger Pflege und großer Schonung aber keinerlei Gefahr vorhanden sei. Hugo von Bodenwald's Herstellung währte verhältnißmäßig lange, und er mußte mehrere Wochen streng das Bett hüten. Als er anhaltend sprechen durfte, erzählte er seinen Eltern wie dem Arzt von seiner Erkrankung in B., und Letzterer sprach die Ueberzeugung aus, daß seine Lunge durch den Unfall des verflossenen Sommers doch gelitten habe und längere Zeit darüber vergehen könne, bevor sie gründlich geheilt sei. Er rieth, damit dies vollständig und dauernd geschehen könne, zu einem längeren Aufenthalt in Italien, und wußte dem Landkammerrath die Sache so dringend vorzustellen, daß dieser sich auf der Stelle entschloß und die erforderlichen Vorbereitungen mit großer Eile betrieb. Auch Frau von Bodenwald that dies, und zu Anfang Oktober wurde von den zurückbleibenden Söhnen Abschied genommen, und die Reise angetreten. Die Reise führte zunächst nach Neapel» wo eine vollständig eingerichtete Villa gemiethet werden sollte. Das Haus in der Residenz blieb in der Obhut eines älteren Dieners, und Rente Ludwig von Bodenwald bei seiner eigentlichen Anwesenheit in der Stadt zum Aufenthalte. Die Verwaltung der Güter war in sicheren Händen, und mit den übrigen geschäftlichen Angelegenheiten der Familie der Rechtsanwalt derselben betraut. Die mehrwöchentlichen Arbeiten im Herrenhaus des Buchenhofs waren beendet, auch der letzte Handwerker hatte es verlassen, und befriedigt durchschritt der junge Gebieter sämmtliche Räume, die er mit allem was sie enthielten, sein eigen nannte. Dabei gedachte er mit stiller seliger Freude der nicht mehr allzusernen Zukunft, wo ein geliebtes theueres Wesen sie mit ihm bewohnen, und als sein Weib ihm liebend und stützend zur Seite stehen werde. Denn Anna Kohring liebte ihn mit unveränderter Treue und hatte ihm noch kürzlich in Vodenwald, wo er bisher fast wöchentlich gewesen, gesagt, daß, sobald ihre Eltern ihre Einwilligung zu der Verbindung geben würden, sie jeden Tag bereit sei, ihm anzugehören. (Fortsetzung folgt.) 253 Zitr Geschichte der Spielkarten. Vo» Klara Reichner. Welche Bedeutung die kleinen, bunten Kartenblättchen im Leben der Menschen gewonnen haben, ist Jedem wohlbekannt. Nicht nur „hoffähig" sind sie, sonder» auch in fast jedem Bauern-Wirthshaus ein beliebter, ja nothwendiger Gast; nicht nur in den Gesellschaftsräumen haben sie festen Sitz und Stimme, sondern auch in jedem Haus ihr größeres oder kleineres Plätzchen. Welche Rollen auch spielen sie als zerstreuende Genossen für Kranke oder Ruhende, in Form der Patience-Karten, was für Unterhaltung gewähren sie, in Form von Karten- Kunsl stücken oder harmloser Kartenschlägereil Oft ist freilich dieses „Wahrsagen" schon zum schädlichen Gewerbe, oft das Unterhaltungsspiel der bunten, leichten Blätter zum bittern, grausen Ernst geworden, das manch' ein Lebensglück, ja, das Leben selbst gefährdete dessen, der sie wie mit Zauberbanden an sich und ihr wechselndes Glück gekettet hielten. Was aber können sie, die kleinen Kartenblätter wohl dafür? Sind sie schuld daran, wenn der Mensch sein ganzes Geschick oft „aus eine Karte setzt", wenn er es wie die Kinder macht, und „Kartenhäuser" baut, die doch natürlich stürzen müssen, wie die lustige» Gebäude von des Kindes Hand, sobald ein Hauch sie anbläst? — Wer die Erfinder der ersten Spielkarten gewesen sind? — Man bezeichnet die Araber als Urheber, außerdem aber findet man ihrer bereits in alten Sagen bei den Indern und Chinesen erwähnt; — zur Zeit der Kreuzzüge gelangten sie dann über Griechenland nach Europa, und kamen in Italien schon zu Ende des 13. Jahrhunderts vor. Auch wird von König Eduard I. von England (1272—1307) der mit Ludwig IX>, dem Heiligen von Frankreich im 13. Jahrhundert einen Bekehrungszug nach dem Orient unternommen, erzählt, daß er ein Spiel: „die vier Könige" gespielt haben soll. Sicher ist jedenfalls, daß die Karte» aus dem Orient stammen, und nicht — wie auch behauptet worden — aus Spanien; — waren sie dort auch bereits seit dem vierzehnten Jahrhundert bekannt, und sogar durch einen spanischen König einmal verboten worden, — sie stammen doch — trotz der verschiedenen spanischen Benennungen, die sich beim Spiel erhielten — weder aus Spanien, noch aus Italien, wie auch irrthüm- licherweise geglaubt ward. Italien, die Heimath des allbekannten und allbeliebten Tarok» spiels, theilte die Bezeichnungen der vier Farben: roth grün, schwarz, gelb, in: Becher» Pfennige, Schwerter und Stäbe. Im vierzehnten Jahrhundert führte man sie, um den kranken König Karl VI. zu zerstreuen, in Frankreich ein, und aus dem folgenden Jahrhundert stammen die sogen, „französischen", unsere eigentlichen Whist-Karten, die am Gebräuchlichsten geworden sind, und deren vier Farben eine Art von Kriegssymbolik haben. „Oa ur" — „Herz" bedeutete ein tapferes Soldatenherz, — „Spitze" und „OarrauG — „Viereck" sollte die Waffen bezeichnen, — I?iizuo die Lanze und Oarreau die viereckigen, schweren Pfeile, welche zu der Armbrust gehörten, und endlich „Prokkie ^ „Kleeblatt" sollte daran mahne», im Lager nicht zu vergessen, auch solche Plätze zu wählen, wo die Pferde mit Futter wohlversorgt seien. — Aber noch weirer ging die Allegorie der französischen Spielkarten! Die Hauptkarte, dem Werthe nach, das Aß, repräsentirte das allregierende Geld, von dem auch sogar Könige nie zuviel haben, und sich ihm unterordnen müssen. Die vier Könige selbst vertraten vier weltgeschichtliche Helden: König David, Alexander der Große, Julius Cäsar, uud Kaiser Karl der Große. — Auch die Damen waren der Wirklichkeit entlehnt, wenn auch meist etwas »lehr der Gegenwart: Ooaur-Dame stellte Agnes Sorel, des Königs Karl VlI. Favoritin vor, ki(zu,--Dams die berühmte Jungfrau von Orleans, M'cMo-Dame die Königin Marie von Anjou, und Onrroau-Dame die Gemahlin König Ludivig des Frommen. Die Benennung „Bube" (französisch „Valut") rührt von der Sitte her, damals 254 jeden jungen Edelmann: „Vulot" zu nennen, welchem noch nicht der Ritterschlag er» theilt war. — Das erste Kartenspiel mit 52 Karten in Frankreich war das kiqust-Spiel; — allerdings haben seit jenen Zeiten die Karten in ihrer Form gar manche Abänderung erlitten, trotzdem aber sind die französischen Spielkarten in der Hauptsache: Eintheilung und Werthordnung — dieselben geblieben, wie ehedem. Was nun unser deutsches Vaterland betrifft, so waren die Spielkarten dort bereits im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts, seit 1321, bekannt, und zwar sch.'int es so, als hätten sie bei uns sich ganz besonders schnell verbreitet, da die starke Frequentirung des Spiels verschiedene Verbote und Einschränkungen seitens der hohen Obrigkeit hervorbrachte; — so untersagte z. B. auch ein Bischof von Würzburg dazumals seinen Geistlichen, sich diesem neuen Sports hinzugeben. — Ursprünglich bestanden die Karten aus Handzeichnungen; erst später wurden sie in Nürnberg durch Holzschnitte hergestellt, allein auch damals mußte mit der Hand noch nachgeholfen werden, da nur die Umrisse geliefert wurden, bis endlich die Kupferstecherkunst und zuletzt der Farbendruck die Nachhilfe entbehrlich machten. Daß zu jener Zeit, als noch Stift und Pinsel ausschließlich dafür thätig waren, die Spielkarten für etwas sehr Kostbares galten, ist wohl klar, — dem entsprechend waren auch die Preise. So kam es auch, daß derartige theure Blättchen sogar zu Anfang ihres Aufkommens einen Schmuck mehr zur Aussteuer fürstlicher Frauen bildeten. Die sogenannten: „deutschen Karten" erhielten — ebenso wie die französischen — sehr kriegerisch-klingende Bezeichnungen. „Daus, König, Ober und Unter" bedeuten zum Beispiel allerlei militärische Grade, als: General, Hauptleute, Unteranführer, „Schellen, heißt: Avel, anknüpfend an die damalige Sitte der Ritter, bei besonders festlichen Gelegenheiten an Wams und Schuhen Schellen zu tragen. Das Herz bedeutete: herzhaften, muthigen Sinn, „Blatt" und „Eichel": Nährstand und Landmann. — Der Ausdruck: „Trumpf" entstammt dem französischen Wort „l'riomple" Triumph, Sieg. Daß die französischen Spielkarten gebräuchlicher und die eigentlichen Spielkarten sind, ist allgemein bekannt; — sogar im stolzen England sind sie acclimatisirt und nationalisirt, um das Hauptspiel der Britten: „Whist" in Scene zu setzen, welches ja bei uns auch in so hohem Grade eingebürgert ist. Der Erfinder soll ein englischer Arzt sein, und der Name „>V!n8t," von: „Still! Pst!" herkommen, weil das Whist-Spiel besondere Stille und Aufmerksamkeit verlangt. Die ältesten Karten der Welt, — wenigstens die, welche man kennt, — sind von Pergament gefertigt, und rückwärts mit gefärbten, Kartenpapier bezogen — früher niag man andere Stoffe dafür verwendet haben, — z. B. sind indische Karten erhalten geblieben, bestehend aus Cartonstücke», mit allerlei gemalten, wunderlichen Zeichen versehen; außerdem auch Karten der Chinesen auf Holzblättchen, woraus wohl zu entnehmen ist, daß man früher, etwa seit anno 1350, ehe Papier aus Lumpen angefertigt worden, eben mit anderem Material auch in Europa sich behalfen haben mag, um Spielkarten zu sabriciren. Gewiß ist aber, daß so allbekannt und allbeliebt auch heut' zu Tage Spielkarten in jeder Ltadt, ja jeden, Dorfe, sind, daß trotzdem keine Braut mehr Spielkarten als besondere Gabe für die Aussteuer erhalten wird, und daß ein Spiel Karten im Brautschatz sie nicht mehr so angenehm überraschen werde, wie das z. B. einst der Gräfin Barbara, Gemahlin des berühmten Grafen Eberhard im Barte von Württemberg, geschah, welches ihr, wie uns berichtet wird, „zu hoher Freude gereichte." — Freilich sind wir auch inzwischen um mehr als vier Jahrhunderte älter geworden — ob aber auch um soviel weiser? — Darüber mögen in Bezug auf sich die Spielkarten am Besten Jede», selbst erzählen, denn es sollen hier keine Geheimnisse ausgeplaudert werden, sondern nur etwas: zur Geschichte der Spielkarten! 255 König Ludwig I. und die Schildwache. König Ludwig I. von Bayern erzählte einmal ein kleines Abenteuer, das ihm in München mit einer Schildwache begegnet war. Der König ging nämlich im englischen Garten spazieren und traf, weit daußen, an einer einsamen Stelle, auf eine Schildmache, welche, als sie Jemanden kommen sah, schleunigst etwas in den Waffenrock schob. Auch blickte der Soldat mißtrauisch auf den Spaziergänger. Da dieser aber in Civilkleidern ging, entwölkte sich die Stirne des biederen Kriegers bald wieder und er sagte gemüthlich zu dem Unbekannten: „Na, Sie hob'n mich schön erschreckt, Herr!" „Sos" sprach der König im Münchener Dialekt, „ hob'n S' denn vielleicht a bös Gewiss'»?* „No, dös grad net", antwortete der Soldat, aber schaun' S' i bin erst ganz kurz hier in Minchen un' kenn no niemand. Un' der König that manchmal do 'raus spazier'n. No hob' i g'rad was g'gessen, dös derf der Soldat nit auf Wacht', un' do hob' i 's glei unter die Jacken do g'sä ob'n. Aber jetzt efs' i glei' weiter, denn 's is wos zu Gut's un's wird jo nit wirrer Aaner kemme, was »innen S'?" „I glaab nct!* antwortete der König. „No sogen S' aber e niol, was hob'n S' denn Gut's z'essen?" „Wissen S' wos» roth'n S' amal", antwortete die Schildwache. „No", meinte der König, „vielleicht hob'n S' aan Schwcinsbrot'n?" „Jo Schweinsbrot'nl Dös is was Gut's, aber so hoch steig' i »et; abi (abwärts)!" „Hob'n S' vielleicht aan Kalbsbrot'n?" fragte der König weiter, den die Treuherzigkeit des Soldaten höchlich amüsirte. „Is aa wos Gut's, aber abi, sog i, roth'n S' weiter!* „Vielleicht aan Schink'n?" „Schink'n loß i mir scho g'fall'n a, aber heut net, abi!" „Do hob'» S' gewiß aan Schweizerkas!" rieth der König weiter. „O geh'n S' zu mit Jhr'm SchweizerkaSl" lachte der Soldat; „was i hob, i- viel besser, aber abi, sog' il" „No, do hob'n S' vielleicht gor aan Radi?" rieth der König belustigt. „Ja nadierli, fast geroth'n; aber zwoa Radi san's; den «anen hob' i schon beinah g'gessen un den andern hob' i noch; vielleicht kann i dienen I No nor zug'riff'n un net schenirt." „Dank virlmol", sagte der König, „lass' S' sich die Radi gut schmeck'n, i muß jetzt zum Mittagessen un will mir 'n Abbetit net verderbe, adjel" Als der König ein paar Schritte gemacht, rief die Schildwache, welche munter den Nest des ersten Rettigs verzehrt hatte, auf einmal: „Sie, hören S' doch amol!" Der König wandte sich um. „Woll'n S' nit so gut sein, um mir sog'n wer Sie sän? Sie war'n so freundlich, da möcht i doch aa wiss'n mit wem i die Ehr' g'hobt hob'?* „Do bleibt nix anders iwrig, als daß Sie aa roth'n", sagte der König; „Sie hob'n mich aa roth'n loss'n." Die Schildwache biß kräftig in den zweiten Rettig, sah den König scharf an unb sagte: „No, Sie sän vielleicht aa Kanzlist oder so wos?" „A Kanzlist is wos ganz Schönes", sagte der König, „aber auffi (aufwärts!)". „Do fan S' wohl 'n Herr Assessor?" „Is a wos ganz Schön's, aber auffi!" „Sän S' vielleicht goar 'n Herr Roth?" „'n Herr Noth is wos ganz Schön's, aber auffi!" „So sän S' am End goar 'n Herr Direkter?" „Dös loß i mir a g'fall'n", sprach der König, „so'n Herr Direkter is wo- ganz Schöns, aber auffi, sag' il" „Die G'schicht' g'fällt wer", sprach die Schildwache, un i freu' mi, daß i d' Ehr 256 hob', so'n hoh'n Herrn kennen z' lerne: d'rnm will i jetzt aber emol was Tüchtig's roth'n; Sie sän g'wiß 'n Herr Excellenz?" „Js wos recht Schöns, aber i sog' Jhne, auffi!" „Do — sän S' am End' goar — der König?" — rief der Soldat und rieß dle Augen weit auf. „G'roth'n, g'roth'nl" antwortete der König. „Jesses, Mari' un' Joseph!" rief der Soldat verblüfft, „do halten S' um GotteS Will'n nor glei' wol den Radi, daß i pressentir'n kann!" Der König that's, die Schildwache präsentirte — und vergnügt schieden beide von e,»ander. Goldkörner. Hoheit, wenn sie auch wie Andre irrt, Trägt eine Art von Heilkraft in sich, Die Fehl' und Wanden schließt. Sei so keusch wie Eis, so rein wie Schnee, Du wirst der Verleumdung nicht entgehen. Shakespeare. Eitelkeit ist eine persönliche Ruhmsucht. Goethe. Fliehe den Mann, der mit schiesem Verstand der Empfindungen spottet, Mehr noch ein witziges Weib, das mit Empfindungen spielt. Schil'ler. Die Tugend ist das Göttliche, die Liebe das Menschliche im Menschen; wo sie sich vereinigen, wird ein schönes Dasein verlebt. Ehren der g. Der Mensch wird nicht gut, obwohl besser, wenn er sich bekehrt, sondern er bekehrt sich, weil er gut ist. Jean Paul. Die Menschen suche» nicht Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit, sie suchen nur sich selbst. I a c o b i. Des Neides Laster ist nicht Deiner Strafe werth, Neid bricht sich selbst den Hals, fällt in sein eigen Schwert. T s ch e r n i n g. Es gibt Menschen, — aber, dem Himmel sei Dank, nur wenige, — die Feinde der Musik find; ich traue keinem solchen Menschen, denn ich denke immer, er ist auch mein Feind. Karl v. B. Wer Engel sucht in dieses Lebens Gründen, Der findet nie, was ihm genügt; Wer Menschen sucht, der wird den Engel finden, Der sich an seine Seele schmiegt. Mise-llen. (Angeboren.) „Kaum zum elften Male wegen Diebstahls aus dem Arrest entlassen, isi er schon wieder hier. Kann Er denn das Stehlen gar nicht lassen, KripS- huber?" — „Ne." — „Zum Henker! Es ist ihm doch nicht angeboren?" — „Leider Gottes doch, Herr Landrichter; ich habe ein Paar Nabeneltern gehabt." Sinnen, der seiner Zeit berühmte und angesehene Professor sollte in den Adelsstand versetzt werden. Er lehnte jedoch diese Auszeichnung rundweg ab und erklärte in einer Gesellschaft, nach dem Motive gefragt: „Man kann doch unmöglich von mir verlangen, mich immer mit den Worten vorzustellen: „Ich bin von Sinnen." (Bei der Musterung.) Oesterreichischer Korporal (zu einem Rekruten): „Kerl, Du bist doch ein rechtes Schwein! Wenn Du Bedienter beim General wärst, ich glaub', Du thät'st ihm die Eicheln von, Kragen 'runterfress'n!" Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von 0r. Max Huttlcr.