Nr. 33. 1883. zur „Äugslmrger Pojheitimg." Mittwoch, 25. April Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Ludwig von Bodenmald hatte seinem Vater den ersten gewissenhaft abgefaßten Bericht geschickt, und erhielt nach einiger Zeit von ihm eine Antwort, die erste Nachricht aus Neapel, welche also lautete: „Mein lieber Sohn! Wir sind glücklich angelangt, wie Du wohl denken kannst, denn das Gegentheil hättest Du durch die Zeitungen erfahren, die ja nur zu gern nach Neuigkeit spüren und auch meinen Namen, verbunden mit irgend einem Neiseunfall bereitwillig in ihre Spalten aufgenommen hätten. Da ich kein Freund von Schreibereien bin, und nur die Geschäftsbrief« besorge, die übrigen aber Deiner Mutter überlasse, so will ich Dir nur mittheilen, daß wir noch im Hotel sind und so lange bleiben werden, bis wir eine anständig eingerichtete Villa gefunden. In Deiner Mutter und meinem Befinden ist noch keinerlei Aenderung eingetreten; Deinem Bruder ist von einem Spezialarzt die größte Vorsicht anempfohlen, doch hat er uns die Versicherung gegeben, daß keinerlei Gefahr für ihn vorhanden sei, eine Erklärung, die mir große Beruhigung gewährte. Daß unser Hotel den Blick auf den immer gerühmten Golf von Neapel hat, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen, und denke ich auch, daß wir uns nach und nach an diesen Aufenthalt gewöhnen werden, zumal wir hier wenigstens zwei Jahre bleiben sollen. Deinen Bericht habe ich geprüft und finde, daß Du für die Erneuerung des Hauses zu viel Geld ausgegeben, wenn Du es auch von Deinen Ersparnissen bezahlt hast. Das ist für Dich vollständig überflüssig und rathe ich Dir, sparsam zu sein, und an die einen den Landwirth stets schwer treffenden unfruchtbaren Jahre zu denken, die auch Dir nicht ausbleiben werden. — In einem solchen Falle bin ich außer Stande Dir zu helfen, da wir hier bedeutende Summen gebrauchen, und besonders der Gesundheit Deines Bruders wegen nichts gespart werden darf. Der Brief ist, wie ich sehe, länger geworden, als ich gedacht, obgleich ich Dir gesagt, daß ich nur ungern schreibe. Deine Mutter und Dein Bruder wiffen nichts davon, sie haben eine Spazierfahrt unternommen, an der ich meiner Gichtschmerzen wegen mich nicht betheiligen konnte. An Bergmann schreibe ich, da ich zu Hause bleiben muß, ebenfalls; es hat mich sehr gefreut, daß der letzte Holzverkauf so günstig ausgefallen ist. Schicke mir Deinen nächsten Brief erst im nächsten Jahr» bis dahin wird sich auf dem Buchenhof kaum etwas von Wichtigkeit ereignen. Es grüßt Dich Dein Vater Friedrich v. Bodenwald. Diesen Brief überlas der junge Mann mehrere Male, seine Züge nahmen dabei einen traurigen Ausdruck an, und halblaut sagte er: «Keine Frage nach meinem Befinden und Ergehen, keine Bemerkung über meine — 253 - Gesundheit — mein Vater denkt nur an seinen ältesten Sohn, dessen Leben ihm ein so kostbares ist, daß kein Geld dafür gespart werden darf! — Ich bin ihm nichts, wie das immer gewesen, und seiner Meinung nach hätte ich nicht einmal dies Haus nach meinem Gutdünken, und noch dazu mit den Mitteln errichten sollen, die ich lange dazu gesammelt l — Ich sparen für die Zeit der Noth, in der mein Vater mir nicht beistehen will und kann, weil meines Bruders Gesundheit so große Ausgaben erfordert! — Nie, nie werde ich ihn, und Karl gleichgestellt werden, nie wird mein Vater an eine Freude, an ein Lebensglück für mich denken, und gewiß wird meine Mutter der Ansicht sein, daß ich unter Arbeit und Mühe als Einsiedler meine Tags auf dem Buchenhof verleben soll!" — „Da aber haben sie sich verrechnet", fügte er heftig hinzu, „denn, wenn ich hier bleibe, so ist es nur mit Anna, als meiner Frau, und wollen meine Eltern unsere Verbindung nicht zugeben, so erlebe» sie, daß ihr Sohn, ein Bodenwald, sich einen Platz als Verwalter sucht, und Niemand wird anstehen, mir einen solchen zu übertragen! Ich mochte aber wissen", fuhr der junge Mann fort, „was mein Vater Bergmann geschrieben, und will noch heute nach Bodenwald fahren. Auch will ich zu Kohrings gehe», denn, da Anna während dös Winters bei ihren Verwandten in der Stadt bleiben soll, werde ich sie vorher kaum noch oft sehen!" Frühzeitig am Nachmittag führte er diesen Plan aus, verließ am Förstsrhause seinen Wagen, und schickte ihn mit der Meldung, daß er folgen werde, nach dem Gutshos. Er fand Anna allein, und als sie grüßend ihm in der Hausflur entgegentrat, sagten ihm ihre geratheten Augen, daß sie geweint hatte. Ihr in das Zimmer folgend wo sie vorher mit einer Handarbeit beschäftigt gewesen, sagte er schnell und besorgt: „Anna, Du hast geweint! Sage mir Alles, was geschehen ist, denn hast Du mir nicht das Recht gegeben, Deinen Kummer und Schmerz als den meinigen anzusehen?" „Ja, Ludwig, das habe ich, und werde es Dir nie wieder aus freien Stücken nehmen", erwiderte des Försters Tochter, die seit der Zeit, wo ihrer zuerst Erwähnung geschehen, sich zu einer blühenden Jungfrau entfaltet, deren Haltung und Züge man den energischen Charakter ihres Vaters ansah. „Es hat sich hier in diesen Tagen etwas ereignet, an dessen Möglichkeit ich nicht gedacht —" „Was ist es, Anna? sprich schnell!" und des jungen Mannes Stimme klang so befehlend, wie die ihres Vaters. „Der Bentzer von Königssee hat bei meinen Eltern um meine Hand angehalten —" „Negensburg? — Der könnte dem Alter nach Dein Vater sein, und denkt daran, Dich zu heirathen?" fuhr der junge Gutsherr auf. „Ich bitte Dich, Ludwig, höre mich ruhg an —" „Anna, wenn ich denke, Du könntest ihn mir vorziehen, weil vielleicht Deine Eltern es wünschten, denen die Partie annehmbar erscheinen könnte —" „Sei unbesorgt, Ludwig", entgegnete das junge Mädchen, ihm in die erregten Züge blickend, „ich habe meinen Eltern erklärt, nur einen Mann heirathen zu wollen, den ich liebe, und da Herr Negensburg mir gänzlich gleichgültig sei, könne ich mich nicht entschließen, ihm anzugehören!" „Dank, Anna, Dank, daß Du mir Dein gegebenes Versprechen hülst", erwiderte der junge Gutsherr sie an seine Brust schließend. Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Und was haben Deine Eltern erwidert?" „Meine Eltern, die in gegenseitiger Liebe so glücklich sind, werden mich nie zu einer Verbindung überreden, die meiner Meinung widerspricht. Sie haben dies auch Herrn Negensburg gesagt, und ihn gebeten, jeden Gedanken an meinen Besitz aufzugeben." „Aber Geliebte", konnte Ludwig sich nicht enthalten zu sagen, „wenn die Sache auf eine so glückliche Weise beseitigt ist, wie konnte sie da noch Deine Thränen veranlassen?" „Sie ist der Grund", entgegnete Anna mit unverkennbarer Bewegung, „daß ich schon nächste Woche zu meiner Tante gehe, und da ich Dich so lange nicht gesehen, und 259 Dir auch keinen Boten schicken konnte, so fürchtete ich, Bodenwalb verlassen zu müssen' ohne Dir dies selbst mitgetheilt und Abschied von Dir genommen zu haben." „Wie glücklich macht mich Deine Liebe und Sorge, Anna", entgegnete gerührt der junge Mann, „aber ich werde sie Dir vergelten, sobald Du meine Gattin bist! —" „Aber nun höre auf das, was ich Dir und Deinen Eltern mittheilen wollte. Ich habe von meinem Vater einen Brief erhalten — —" „Aus Neapel?" Und wie befindet sich Deine Familie?" fragte Anna schnell. „Ueberzeuge Dich selbst!" erwiderte er, ihr das Schreiben reichend, welches sie sogleich und mit wechselndem Gesichtsausdruck las. Es ihm schweigend zurückgebend, fragte er in bitterem Ton: „Nun, was sagst Du zu diesem ersten Brief meines Vaters, der erst im neuen Jahr einen zweiten von mir haben will, und mir nicht einmal die Freude gönnt, das alte Eulennest, wie er sonst immer den Buchenhof genannt, freundlich und wohnlich eingerichtet zu haben!" „Ludwig rege Dich nicht wieder auf", bat Anna voll Besorgniß auf seine flammenden Augen und glühenden Wangen blickend. „Das habe ich zu Hause gethan, jetzt aber denke ich ruhiger über die Sache, und auch darüber, daß er sich nicht einmal nach meinem Ergehen erkundigt, während er doch mehrfach Hugo's Gesundheit erwähnt!" „Du bist, dem Himmel sei Dank, jetzt wohler und kräftiger als sonst — —" „Da hast Du recht, Geliebte, wozu auch immer wieder der Lieblosigkeit meiner Eltern erwähnen! —" „Doch ich will jetzt zu Bergmann's gehen und hören, was ich noch weiter aus Neapel erfahren werde. Nachher komme ich noch einmal hierher, um Abschied von Dir zu nehmen, und Deine Eltern, wenn sie zurückgekehrt sein werden, zu sehen!" Der junge Gutsherr verließ das Försterhaus und begab sich nach der Verwalterwohnung, Anna aber blickte ihm in der Dämmerung nach, bis er ihren Augen entschwunden war und begab sich dann an einige häusliche Arbeiten, die sie wie allabendlich zu besorgen hatte. So verfloß ihr schnell eine Stunde, dann kamen die Eltern heim, die sie mit herzlichem Gruß empfing und ihnen zugleich mittheilte: „Ludwig ist diesen Nachmittag hier gewesen, er hat einen Brief von seinem Vater gehabt! —" „Was mag der Landkammerrath geschrieben haben?" fragte der Förster mit einem forschenden Blick auf seine Tochter, die ihm ruhig aushielt und erwiderte: „Du sollst den Brief selbst lesen, Vater. Er hat ihn unter die Zeitungen gelegt!" „Ist der Junker schon wieder zurückgefahren?" fragte die Försterin. „Nein, Mutter, er ist bei Bergmann's und wird nachher wiederkommen!" Den Brief von der bezeichneten Stelle nehmend, begann der Förster ihn zu lesen. Seine Züge umdüsterten sich dabei immer mehr, und als er bis zum Schluß gelangt» sagte er, ihn auf den Tisch werfend: „Eine schöne Epistel das, an seinen jüngsten Sohn, der mit seinem schwächlichen Körper schon weit mehr geleistet, als einer seiner Brüder, für die er vielleicht noch gar Schätze sammeln soll. Es wird aber immer so bleiben und ein Glück ist'S, daß er gesund geworden ist, und selbständig in der Welt dastehen kann!" Als Ludwig von Bodenwald im Försterhause, wo er noch einige Stunden geblieben, in herzlichster Weise, denn das gestattete ihr früheres Verhältniß, auf längere Zeit von Anna Abschied genommen und sich entfernt, diese selbst aber sich in ihr Stübchen begeben, da sagte der Förster, welcher noch einen Blick in die Zeitungen thun und wie allabendlich seine Pfeife rauchen wollte, in ernstem Ton zu seiner neben ihm sitzenden Gattin: „Es freut mich, Frau, daß es soweit gekommen ist und Anna, wenn wn sie auch überall entbehren werden, einstweilen fortgeht, denn ich fürchte, ich fürchte —" „Was?" fragte die Försterin schnell doch anscheinend unbefangen. 260 „Solltest Du es nicht ebenfalls bemerkt habe»/ und hast doch sonst ein scharfes, wachsames Auge auf Deine Umgebung?" „Doch, doch, Kohring, ich weiß, was Du sagen willst", entgegnete eben so ernst seine Gattin, „und es ist schon lange meine stille Sorge gewesen, daß der Junker und Anna sich nicht mehr wie in früheren Tagen gegenüberstehen könnten!" „Mir ist kürzlich", versetzte der Förster, „als sie Regensburgs Bewerbung so entschieden zurückgewiesen, dieser Gedanke gekommen, obgleich wir sie nie veranlassen würden einen so viel älteren Mann zu heirathen. Zu begreifen wäre es wohl —" „Ja, denn die gebrechliche Gestalt abgerechnet, ist auch wohl der Junker im Stande, das Herz eines Mädchens zu fesseln, zumal diesem bisher nicht viele Vergleiche zu Gebote gestanden. Gesetzt aber, sie hätten sich in einander verliebt, so sollte mir das für beide Theile innigst leid thun, denn sie müßten doch dieser Neigung entsagen, und würde sie ihnen nur eine schöne Erinnerung ihrer Jugendzeit bleiben!" „Und deshalb ist es gut, daß sie getrennt werden", antwortete der Förster, einige hastige Züge aus seiner Pfeife thuend. „Sollte aber wirklich der Junker unserer Anna mit der ganzen Kraft der ersten Liebe zugethan sein, so ist mir bange, daß er sie weder aufgibt, noch vergißt." „Das könnten aber schlimme Zeiten für uns geben", sprach traurig die Försterin. „Dennoch sind wir außer Stande, ihnen vorzubeugen", entgegnete ihr Gatte, fügte aber zugleich ermuthigend hinzu: „Mache Dir aber noch keine Sorgen, Frau, und laß uns vor allen Dingen Anna verbergen, was wir, und vielleicht ohne Grund, von ihr und dem Junker muthmaßen. Kommt Zeit, kommt Rath, und damit laß uns von dieser Sache abbrechen, über die wir uns aussprechen mußten", und sich in dicke Dampfwolken hüllend, nahm der Förster die eine der Zeitungen zur Hand und schob seiner Gattin die andere hin. Als Anna ihr Erkerstübchen erreicht, begab sie sich nicht, wie ihre Eltern angenommen» denen sie eine gute Nacht gewünscht, zur Ruhe, sondern überließ sich dem so lange zurückgedrängte» Schmerz über die Trennung von dem Geliebten, den sie während vieler Monate nicht wiedersehen würde, und brach auf einen Stuhl sinkend in lautes Schluchzen aus. Wie lange sie so geweint, wußte sie kaum, doch vernahm sie endlich Fußtritte auf der Treppe, und sich leise erhebend, drehte sie, um vor jeder Ueberraschung sicher zu sein, den Schlüssel im Schlöffe um, überzeugte sich aber bald, daß es das Mädchen gewesen, welches sich in ihre Stube begeben wollte. Dann versuchte sie sich zu fassen, begann ihre, nach und nach langsamer fließenden Thränen zu trocknen, und sagte, nachdem sie noch eine Weile sinnend und gedankenvoll dagesessen: „Sechs oder sieben Monate vergehen schnell, und dennoch — dennoch kann in dieser Zeit viel geschehen! — Ludwig ist schwächlich, der Winter immer sein Feind gewesen, allein er wird um meinetwillen seine Gesundheit schonen, denn er weiß» wie unaussprechlich ich mich ängstigen würde, wüßte ich ihn krank auf dem Buchenhof! — Es kann aber noch Schlimmeres eintreten — er kann sterben, auf immer von mir gehen — — o, «nein Gott!" stöhnte leise die bleiche Försterstochter, „laß es nicht dazu kommen, schütze ihn, erhalle ihn mir! — Ohne sei» Dasein und seine Liebe würde auch das meinige bald enden, seinen Tod möchte ich nicht lange überleben!" Von ihren schmerzlichen Gedanken überwältigt hielt sie inne, und fuhr erst nach einer Weile fort: „Sollten wohl die Eltern eine Ahnung von Ludwigs und meiner Liebe haben? Ich glaube es, denn ich bin kürzlich so oft den forschenden Blicken des Vaters begegnet, und gewiß lassen sie mich nur aus dem Grunde so schnell von hier fortgehen! — Wie mag nur alles enden, denn trotz Ludwigs Muth und Zuversicht ist mir so bange um's Herz-« Jetzt hörte sie unten die Hausthür öffnen, und vernahm zugleich die Stimme ihres Vaters und des Jägerburschen, der wie allabendlich tue Schlüssel zu den verschiedenen 261 Stallungen gebracht. Dann ward die Hausthür verschlossen und verriegelt, ihre Eltern begaben sich in ihr Schlafzimmer, das unter ihrem Erkerstübchen lag, und so leise wie möglich eilte auch sie jetzt, zur Ruhe zu kommen. Aber noch lange lag sie wachend und mit traurigen Zukunftsbildern beschäftigt da, und als sie endlich nach Mitternacht eingeschlummert, verfolgten diese sie selbst in ihren Träumen. — (Fortsetzung folgt.) Frühjahrshüte. Der Berliner Feuilletonist Siegfried Haber schreibt: In den Schaufenstern unserer Putzhandlungen liegen garnirte Damenhiite aus, welche so ziemlich das Monströseste sind, was man seit langer Zeit gesehen hat: Babylonische Thurmbauten aus Stroh, mit Rändern, unter denen eine ganze Familie inklusive Kinderwagen Schutz vor einem plötzlich ausbrechenden Platzregen finden könnte, aufgetakelt mit einer Wagenladung von knallig bunten Bändern, Vogelbälgen und künstliche» Obstsorten. Wenn man diese Ungethüme zum ersten Male sieht, wird man ausschließlich von einem Gefühl des Schreckens beschlichen. Das also sollen unsere des Tragens großer Lasten ja so ungewohnten Damen in der kommenden Saison auf den Kopf setzen! — Wahrlich, es ist kein Wunder, wenn bei dem Gedanken hieran ein Grauen jegliches weibliche Wesen befällt. Wäre nun der Frühling ganz plötzlich von gestern zu heute in's Land gekommen, dann hätte sich die gesammte Damenwelt in der fürchterlichsten Verlegenheit befunden: Sie würde gezwungen gewesen sein, sofort und ohne weiteres ihre Wahl zu treffen, respektive sich für einen derartigen Koloß zu enticheioen. Die Natur aber, in ihrer unendlichen Milde und Güte, läßt Nachsicht walten. An straffem Zügel hält sie den Lenz zurück, damit das schwache Geschlecht Zeit gewinne, sich mit dem Gedanken an die unvermeidliche Kopfbethürmung vertraut zu machen. Auf diese Weise ermöglicht sie den nachstehend in großen Umrissen charakterisiern Uebergang: Erster Tag. Bor dem Schaufenster. „Nein, diese Hüte! Das ist ja etwas geradezu Scheußliches I" Zweiter Tag. Bei einer Freundin. „Hast Du denn schon die fürchterlichen Hüte gesehen, die in diesem Jahre Mode sind? Ich glaube, ich würde mich nie entschließen können, dergleichen zu tragen." Dritter Tag. In einer Gesellschaft. „Also die Kommerzienräthin P. trägt schon einen solchen Hut? Nun ja, bei diesen Damen ist man ja von jeher an Extravaganzen aller Art gewöhnt." Vierter Tag. Im Thiergarten. „Sieh' mal, da geht eine mit einem solchen Hut. Dort wieder eine. Es sieht doch zu kurios aus! Das heißt, für manche Gesichter scheinen sie sehr kleidsam zu sein." Fünfter Tag. Im Laden der Putzhandlung. „Könnte man denn vle Garmtur nicht weniger aufbauschen, und würden statt der drei reizenden Vögelchen nicht zwei genügen? —» Sechster Tag. In einem anderen Putzladen. „Allerdings, ich sehe es wohl ein, eine weniger splendide Garnirung steht in keinem Verhältniß zu dem natürlichen Volumen des Hutes." Siebenter Tag. Vor dem Spiegel in einem dritten Putzgeschäft. „Da ist nicht zu leugnen, so gut wie dieser Hut kleidet mich kein anderer. Und sehr praktisch scheinen sie zu sein. Gegen die Sonne zum Beispiel gibt es gar keinen besseren Schutz. Was haben die Männer skandalirt, als wir früher die kleinen Miniaturhütchen trugen! Und sie hatten wahrhaftig recht!" Achter Tag» Zu Hause. „Männchen, ich habe mir einen Hut gekauft, weißt Du so einen großen, mit vier reizenden kleinen Vögelchen d'rauf — ich sage Dir: entzückend!" 262 Ueber die wahre Lage der Villa des Horaz. Frankfurt, 20. April. Der gelehrt« Engländer James A. Lawson macht in einem interessanten Reise« bericht, den die neueste Nummer der „Times" veröffentlicht, wesentlich neue Mittheilungen. Er schreibt: »Von einem Freunde begleitet, der ein Kenner und 'Verehrer des Dichters ist, verließ ich Tivoli früh am Morgen, um in das Sabiner Land zu fahren. Der Weg ist die alte Villa Valeria und zieht sich durch eine reizende Gegend. Wir begegneten den malerischen Ueberresten einer alten Wasserleitung und der sehr unmalerischen Form einer neuen. Wir schauten hinab auf die Wendungen des „praooapa ^nio.^ Der erste bemerkenswerthe Ort heißt Vico Varo, ein Dorf, das hoch auf seinem Felsenfundamente steht, die Straße beherrscht und sehr alte Unterbauten, auf dem es ruht, ausweist. Es ist das Varia, zu dem fünf wackere Familienvater vom kleinen Gütchen des Horaz zu gehen siegten, um als stimmfähige Bürger Theil an den in der Hauptstadt des Distriktes zu verhandelnden Gemeinde-Angelegenheiten zu nehmen. Der Weg rechter Hand führt nach Subiaco, während der des Licenza-Thales links abgeht. Der Bach Licenza, Horazens Digentia, fließt mit klarem Wasser in der Tiefe des Thales weit unter uns dahin und eilt hastig dem Anio zu. Auf der anderen Seite des Baches liegt auf einem erhabenen Hügel ein Dorf, jetzt Cantalupo Bardclla genannt, das bei Horaz Mandela heißt und von ihm wegen seiner erhabenen Lage als „ruAoous kriZors puZus" bezeichnet wird. Wir konnten uns den Dichter noch wohl vorstellen, wie er diesen Weg entlang schlenderte und die Dorfbewohner den Hügel Herabkommen sah, um ihren Wasserbedarf aus der an dessen Fuße dahinrauschenden Digentia zu schöpfen. Wir setzten dann unsere» Weg, der jetzt sehr verbessert und für Wagen fahrbar gemacht worden ist, bis an das Ende des Thales fort, wo wir noch die Spuren der alten Straße, auf der Horaz zu reiten pflegte, recht wohl unterscheiden konnten. Zunächst kamen wir in das Dorf Rocca Giovani, das auf einem Felsenhügel in einer beträchtlichen Höhe an der Seite des Berges sitzt, der das Thal zu unserer Rechten abschließt. Nach einer Fahrt von drei bis vier englischen Meilen erreichten wir das Ende des Thales, das von allen Seiten von einem Amphitheater von Hügeln eingeschlossen ist. Hier hat man in der That vor Augen, was Horaz mit den Worten beschreibt: „Lontinui nisi äisrooieiitur opuou Vnl's." Die Fahrstraße hört auf; aber, wenn man zu Fuß über eine kleine Brücke geht, gelangt man auf einem steilen, felsigen Wege zum Dorf Licenza empor, das ein armer Ort ist und keine Zeichen von Alterthum an sich trägt, allein von seiner hohen Lage einen herrlichen Blick auf das ganze Thal gewährt. Hinter dem Dorfe ist ein Steigpfad, der zu einem höher gelegenen Dorfe, Civitella genannt, führt und von dort durch die Gebirge nach Palombaro. Das Thal ist so ein oul-cks-ouo, und die Ausdrücke „vallis rockuvtrr" und „latebru« äulosn" bezeichnen seinen Charakter treffend. Als wir von diesem Punkte hinabblickten und uns Horazens Beschreibung vergegenwärtigten, waren wir überzeugt, daß die horazische Farm gerade unter uns auf dem rechten Ufer der Digentia gelegen haben mußte, von der einen Seite von diesem Flüßchen, und von der anderen von einem kleinen Bache oder Zuflüsse der Digentia begrenzt war, die zu unserer Rechten in's Thal hinabrauscht und in deren Laufe man die §ons Lunckuisnö, wenn sie überhaupt in dieser Gegend war, finden müßte. Das Gütchen des Dichters umfaßte einige Acker bebautes Land, Weideplätze, einen Weinberg und einen Wiesengrund, der vom Bache selber bespült war, mit einem Streifen Wald dahinter, der den Abhang deS Hügels beschattete, welcher jetzt Comazzano und bei Horaz Lucretilis heißt. Wie weit des Dichters Besitzthum in das Thal hinabreichte, kann jetzt nicht mehr bestimmt werden; allein nach den,, was wir von seiner Ausdehnung nach der Beschreibung des Dichters schließen dürfen, konnte es nicht sehr groß gewesen sein, da es außer des Herrn Villa nur fünf kleine Behausungen für die Arbeiter enthielt. Sie lag so in einem Winkel „un§ulus ist,«" am Ende des Thales und erstreckte sich bis an die Ufer der Digentia. Auf diesen Punkt lege ich ein besonderes Gewicht, denn er schien uns entscheidend und widerspricht der 263 Lage, welche Signor Rosa der horazischeu Villa gibt. Daß die Farm an den Bach grenzte, beweist die Epistel des Horaz an seinen Verwalter, lud. I, op. 14: Opus pigeo rivus, 8i esoillit imber, Llulta molo ckoeonüno aprioo paroore prato." Was die Quelle Lanäugiu betrifft, so habe ich sie nicht als seinen Gegenstand angesehen, um die Lage der Farm festzustellen, da man doch streitet, ob sie bei derselben oder in Venusia, dein Heimathsorte des Dichters war. Diesbezüglich möchte ich übrigens einfach fragen, warum Horaz in so herrlichen Worten eine Quelle in Venusia besingen sollte, welchen Ort er höchst wahrscheinlich, seit er nach Nom gekommen, nie mehr besucht hatte? Setzt nicht seine Beschreibung und das gelobte Opfer eines Ziegenböckleins, das ihr Wasser röthen sollte, eine tägliche Bekanntschaft mit dieser Quelle voraus und eine Anhänglichkeit, wie sie ein Dichter für eine klare Quelle in der Nähe seines Lieb« lingsspazierganges „empfinden mußte?" Und warum sollte die Quelle Bandusia nicht dieselbe sein wie »k'ons ötinm rivo änrs uoinen iäoncni^", die offenbar ein Wässerchen sein mußte, das durch sein Besitzthum floß und sich in die Digentia ergoß und ihr soviel Wasser zuführte, daß man dem Bache füglich ihren Namen hätte geben können? Auf dem Boden, den man mit aller Wahrscheinlichkeit als die Lage der Farm ansehen kann, zeigte uns der Eigenthümer im Weinberge etwas über dem Wegs die Reste eines Gebäudes, woselbst er etwas Erde mit einer Schaufel wegnahm, wonach ein Mosaikboden zum Vorschein kam. Darauf lege ich zwar nicht viel Gewicht, denn Horazens Villa war eine bescheidene, so daß man nicht erwarten kann, daß von ihr, sowie von den Hütten der Arbeiter viel hat übrig bleiben können; auch möchte ich die Lage der Villa selber nicht genau sixiren. Allein die Lage des Gütchens ist deutlich abgegrenzt und paßt in jeder Weise zu Horazens Gemälde, dem geschützten Winkel, dem Flüßche» Digentia vor seiner Thüre, in dessen kühlen Wellen er sich erfrischen konnte; der Morgensonne, die die Hügel zur Rechten vergoldete und der Abendsonne, die deren rechte Seite erwärmte. An einem solchen Abende, wie wir einen genossen, ist es nicht schwer, sich den Horaz vorzustellen, wie er außer seinem Thore an den Ufern des Baches herumschlendert und nach seinen Freunden in der Abendsonne späht, die auf der Straße von Tibur daherkommen und von ihm eingeladen sind, die „nootös ooLuno^uö Osuiu" zu genießen. G o l d r s r n s r. Größe, wen» sie mit dem Glück zerfällt, Zerfällt mit Mensche» auch. Shakespeare. Wer dem Publikum dient, ist ein armes Thier; Er quält sich ab, Niemand dankt ihm dafür. Goethe. Freundschaft ist die Blüthe eines Augenblickes nnd die Frucht der Zeit. Es ist nicht genug, Herr über viele Leidenschaften geworden zu sein! nein, Alle muß mau sie besiegt haben; eine einzige, die zurück bleibt verunreinigt die Seele des Weisen, wie ein einziger Tropfen Blut den Becher voll kristallhellen Wassers. Kohebne. Gegen srechcu Lug Den listigen Betrug, Den stolzen Uebermnth Und die Pertolgnngswnth — Wird Geduld Zur Mitschuld. Jak. V-nedey. Reichthum macht das Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei. Borne. Mit dem Rechte soll der Mensch nicht dingen: Es gibt nur einen hellen Punkt des Rechts, Und ringsum liegt die Finsterniß der Sünde. R a u p a ch. 264 Ehemaliger Kleiderluxus. * Man schmäht so sehr über den Aufwand der mordernen Moden, und doch war dies ehemals weit ärger! Namentlich scheint das 16. Jahrhundert Hervorragendes an Luxus geleistet zu haben, wie die folgenden Beispiele beweisen mögen. — Die Königin Elisabeth von Spanien, eine Tochter der berüchtigten Katharina von Medicis, und Gemahlin König Philipp II.» trug nie ein Kleid zweimal — ihr Schneider brachte ihr täglich ein neues, im Preise von 900—1200 M., und wurde dabei in etlichen Jahren zum reichen Mann. — Auch die Königin Elisabeth von England, ebenfalls zur Gattin Philipp II. aus- ersehen, besaß eine außerordentliche Vorliebe für Luxus in der Kleidung, und pflegte sich deshalb stets in die kostbarsten Anzüge, nach den Moden aller Länder von Europa angefertigt, zu kleiden, oft verziert mit Gold und Edelsteinen von unschätzbarem Werthe. Sie besaß 3000 verschiedene Gewänder, darunter z. B. Eines von weißer Seide, ganz und gar mit Perlen in der Größe von Lohnen besetzt. Auch ihre Juwelenbüchse war mit allen erdenklichen Schmuckgegenständen versehen, außerdem aber mit vielerlei Kopfputz, als Haarnetzen mit goldenen Knöpfen und mit Perlen u. s. w., und mit vielen — Perrücken. Dieser Luxus, der von der Königin ausging, theilte sich dem ganzen Hofe mit. Der berühmte Hofmann und Weltumsegler, Sir Walter Raleigh, warf einmal seinen Prachtvollen Plüschmantel in den Schmutz, nur um der Königin einen etwas bequemeren Weg dadurch zu verschaffen. Er wurde portraitirt in einem Wams von weißem Atlas, besäet mit echten Perlen, und noch im Tower, während seiner späteren 19jährigen Gefangenschaft, ging er in Sammet und kostbarem Stoffe gekleidet. Und er war nicht der einzige Mann seiner Zeit, welcher „sein Gut am Leibe trug", wie es in einer Predigt von damals, welche sehr gegen jenen Mode-Luxus eifert, heißt! Ebenfalls ein Zeitgenosse: 6k okkroi äv In Volvo, der 1573 wogen einer Schrift, die er verfaßt, gehangen und dann verbrannt wurde, besaß nicht weniger als für jeden Tag im Jahr ein anderes — Hemd, und zwar schickte er alle diese Hemden stets extra nach einer Stadt in Flandern — zur Wäsche! — Dagegen kommt der Kleiderluxus von heute wohl doch kaum auf! L. R. Mtseellen. Ein Leser der „Köln. Volksztg." theilt derselben folgendes Histörchen aus einem von Amerika an ihn gesandten Briefe mit: „Der Grocerist (Krämer) John Dohlen in New- Uork, wurde jüngst von einem jungen Manne ersucht, eine 10-Dollar-Note zu wechseln. Dohlen leistete dem Wunsche Folge und zog dabei eine Rolle Banknoten aus der innern Tasche seiner Weste. Der junge Mann dankte für die Gefälligkeit und empfahl sich. Etwa zehn Minuten später kamen zwei wohlgekleidete junge Leute in den Laden. „Wir haben eine sonderbare Wette gemacht," hob einer derselben an, „mein Freund behauptet, daß sein Hut eine größere Qantität Molasses halten könne, als meiner. Füllen Sie meinen Hut mit Molasses und messen.es ab; ich bezahle dafür!" Dohlen, der allein im Laden war, lachte, ging nach der Syruppfanne und füllte den Hut bis zum Rande. Der Fremde nahm den „Cylinder, der, nebenbei gesagt, sehr weit war, und stülpte ihn dem Erocer (Krämer) auf den Kopf. Der Hut sank dem Manne bis auf die Ohren während der Syrup ihm über die Augen lief. Im nächsten Moment hatten die Kerle dein Manne 274 Dollars in Papiergeld gestohlen, und ehe er den Hut vom Kopfe ziehen konnte, waren sie verschwunden." Ein süßer Hut! (Auf der Leipziger Promenade.) „Bitte, bleiben Se bedeckt. Herr Advegate, Ihre Freindlichkeet kost't mich doch ooch Widder änne Mark uff d'r neien Rechnung!" (Immer ächt.) Pfarrer zu einem Tproler: „Ist es dein freier ungezwungener Willen, in das Sakrament der Ehe einzugehen, so sage ja." — Tproler: „Sei wohl." Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttlcr.