Nr. 34. 1883. zur „Äugst!urger PostMuug." Samstag. 28. April Des Jörsters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) VI. Ein harter Winter, namentlich fühlbar in den Berggegenden» die durch den tiefliegenden Schnee längere Zeit von allein äußeren Verkehr fast abgeschnitten gewesen, war vergangen. Dem Ende Februar eingetretenen Thauwetter war die Märzsonne zu Hülfe gekommen, und diese, sowie ein scharfer Nordostwind hatte nach und nach die Landstraßen mit ihren Nebenwegen wieder brauchbar gemacht. Dies war auch in der näheren und weiteren Umgebung von Schloß Bodenwald und dem Buchenhof der Fall gewesen, wo es oft tagclanger Arbeit bedurfte, um die haushohen Schneemassen zu durchbrechen, die ihnen der Sturm zugeführt. Ungeachtet des Winters, des Schnees und der Kälte aber war die Zeit unter gewohnter Arbeit, die keinen Aufschub litt, vergangen. In Bodenwald hatte die Verwalter« und die Försterfamilie sich des besten Wohlseins zu erfreuen gehabt, doch war dies leider mit dem jungen Gutsherrn des Buchenhofes nicht der Fall gewesen, den eine heftige Erkältung gezwungen, während dreier Monate das Haus zu hüten. Bergmann - und Kohring waren, soweit eS das Wetter und die Wege gestatteten, fast täglich u ihm hinübergefahren oder geritten, um ihm in der Leitung der Gutsangelegenheiten beizustehen; deren Gattinnen halten ihn ebenfalls besucht, und Frau Bergmann war sogar, als sein Husten einen schlimmeren Charakter angenommen, mehrere Wochen bei ihm auf dem Buchenhof geblieben, um ihn, wie in seinen Kinderjahren zu pflegen, und ihm in dem großen, stillen Hause Gesellschaft zu leisten. Während dieser Zeit hatte sie bemerkt, daß neben seinem körperlichen Leiden, er in fortwährender Gemüthsverstunmung und Aufregung war, die außer den traurigen Familien- verhältnissen noch einen anderen Grund haben konnten, denn sie, wie ihr Gatte hatten ihres ehemaligen Schützlings Neigung zu seiner sonstigen Spielgefährtin längst durchschaut und wußten auch nur zu gut, warum deren Eltern ihr einziges Kind von sich gegeben. — WaS nun Anna Kohring anbetraf, so war Ludwig von Bodenwald ihretwegen gänzlich beruhigt, da ihr Vater und auch Bergmann, welche sie gelegentlich besucht, stets die günstigsten Nachrichten von ihr mitgebracht. Sie selbst aber war seinetwegen stets in großer Sorge; man hatte ihr seine Kränklichkeit während des Winters nicht verheimlichen können, und wenngleich sie erfahren, daß er genesen war und das Haus wieder verlassen durfte, so verschwand damit ihre Angst um ihn nicht, und sie sehnte den Augenblick herbei, wo sie nach Bodenwald zurückkehren und auch ihn wiedersehen würde. Von dem Landkammerrath waren zu Zeiten Briefe an seinen Sohn, wie an Bergmann angelangt. Die des Letzteren handelten meistens nur von Geschäfts-Angelegen- 266 heilen des Gutes, wenngleich sie auch zuweilen kürzere Familienmittheilungen enthielten. Letztere waren an den jungen Gutsherrn vom Buchenhof ausführlicher; er erfuhr, daß die Gesundheit seiner Eltern sich in Italien kaum gebessert habe, sein Bruder aber fast vollständig genesen sei. Außer verschiedenen Bekannten, die sie während des Winters gesehen, war auch die gräfliche Familie von Eschenbach in Neapel angekommen, deren älteste Tochter von den beiderseitigen Eltern zur Gattin des Majoratserbcn ausersehen war. Das junge Paar hatte sich kennen und lieben gelernt, die Verlobung im Februar stattgefunden, und sollte im Mai die Vermählung folgen. Bei dieser wünschte der Landkammerrath seinen zweiten Sohn zu sehen; er trug ihm auf, deshalb einen mehrmonatlichen Urlaub zu nehmen, und sobald wie möglich nach Neapel zu kommen. Ein zweiter Grund zu dieser Reise war die Anwesenheit einer sehr reichen, jungen verwaisten Baronesse, die mit ihren Verwandten Italien bereiste, und dem Landkammerrath so gut gefallen, daß er sie seinem zweiten Sohne als Gattin bestimmt. Karl von Bodenwald erhielt leicht den begehrten Urlaub, und reiste im März nach Neapel, ohne jedoch, weder auf Bodenwald noch dem Buckenhof gewesen zu sein, wohin an den jungen Gutsherrn keine Einladung zur Hochzeit seines Bruders gelangt war. Diese Lieblosigkeit der Seinigen kränkte ihn tief, entfremdete ihn seiner Familie immer mehr, und befestigte in ihm den Entschluß, Anna Kohring so bald wie möglich ! als seine Gattin heimzuführen. So war der Mai herangekommen, das Hochzeitsfest seines Bruders in Neapel begangen worden, doch hatte er darüber noch keine nähere Nachricht erhalten. Eines Nachmittags fuhr er nach Bodenwald, um sich nach Frau Kohring's Befinden zu erkundigen, die eine kranke Bauernfrau gepflegt, und von derselben Krankheit befallen worden war. Auf dem Wege dahin übergab ihm der Postbote einen Brief seines Vaters, den er sogleich öffnete und zu lesen begann. Er enthielt die Schilderung der Hochzeitsfeier, an der sich mehrere der ihnen bekannten Familien betheiligt. Nach der Festlichkeit war das junge Paar auf einige Wochen nach Sorente gegangen, um später mit der ganzen Familie eine nördlichere Gegend aufzusuchen. Außer dieser Nachricht theilte aber auch der Landkammerrath seinem jüngsten Sohne mit, daß sein .Bruder Karl sich mit der Baronesse von Sommerfeld verlobt habe, die Hochzeit im Herbst stattfinden, und die Neuvermählten ebenfalls im Winter in Italien bleiben würden. Dieser Brief enthielt noch einige geschäftliche Mittheilungen, allein keine Erkundigungen nach Ludwig von Bodenwald's Gesundheit, oder überhaupt seinem Ergehen, und schloß, wie immer, mit einem Gruß seines Vaters, ohne der übrigen Familie weiter zu erwähnen. Mit einer raschen Haudbewegung steckte der junge Mann das Schreiben wieder in das Couvert, und dies ebenso heftig in seine Brusttasche, lehnte sich dann gegen die Wagenecke, i und überließ sich seinem Nachdenken. Beim Anblick des Försterhauses, das ihm von» Eingang des Waldes her entgegen leuchtete, erheiterten sich seine Züge und er dachte: „Anna wird in nächster Zeit zurückkommen und dann, sobald nur ihre Eltern einwilligen bekommen die meinigen eine dritte Schwiegertochter, ich aber ein theures, liebes Weib, an dessen Seite ich bald meine Familie und deren Lieblosigkeit vergessen werde!" Nach einer Weile ließ er halten, stieg aus und schickte den Wagen nach dem Gutshof, (wohin er sich später ebenfalls begeben wollte), dann vernahm er die Stimme des Försters, der aus einem Seitenweg kommend, ihn begrüßte, und bei dem er sich nach dem Befinden seiner Gattin erkundigte. Es steht leider mit meiner Frau nicht gut, Herr von Bodenwald, entgegnete der Förster traurig, „und seit wir uns vor acht Tagen zuletzt auf dem Buchenhof gesehen, < hat das Fieber bedeutend zugenommen, so daß der Medizinalrath seine ganze Sorge und GeschickUchkeit aufbietet, um den Typhus abzuwenden!" 267 ' „Den Typhus?« fragt« theilnehmend der junge Mann, „dazu wird es hoffentlich nicht kommen!" — „Wer aber pflegt sie?" „Seit einigen Tagen ist Anna wieder hier —" „Anna?" wiederholte schnell der Junker, und dem Förster entging das freudige Aufleuchten seiner Augen nicht. „Sie wußte von der Krankheit ihrer Mutter", erwiderte dieser, „und hatte in M. keine Ruhe mehr. Bergmann, der des Kornhandels wegen dorthin fahren mußte, hat sie mitgebracht!" / „Und ist Ihre Frau damit einverstanden?" fragte Ludwig von Bodenwald, der sich von seiner freudigen Ueberralchung schon erholt hatte. „Gewiß, Junker Ludwig, und ich bin es ebenfalls, denn die Haushaltung kommt aus dem Geleise, wenn die kundige Hand sie zu leiten fehlt!" Anna hatte vom Fenster aus die Männer herankommen sehen und Zeit gehabt, sich auf das unerwartete Wiedersehen ihres Geliebten vorzubereiten, und war daher im Stande ihm mit ruhiger Freundlichkeit entgegen zu treten. Sie begrüßten sich mit herzlichen Worten, und der junge Mann fügte theilnehmend hinzu: „Deine schnelle Rückkehr, Anna, die ich von Deinem Vater erfahren, hat eine traurige Veranlassung gehabt —" „Ja, Ludwig", entgegnete Anna, welche sich schon durch einen prüfenden Blick überzeugt, daß seine äußere Erscheinung sich nicht zu seinem Nachtheil verändert hatte, „doch wolle» wir hoffen, daß bald alle Besorgniß überflüssig ist!« Der Förster und sein Gast nahmen vor der Thür Platz» Anna aber ging in's Haus zurück, schickte ihnen einige Erfrischungen, ihres Vaters Pfeife und Cigarren, und begab sich dann wieder an das Krankenbett ihrer Mutter, welcher sie unbefangen erzählte, daß Ludwig von Bodenwald gekommen sei, und mit dem Vater sich vor der Thüre befinde« Ungeachtet ihrer Krankheit beobachtete die Försterin ihre Tochter mit scharfem Blick, konnte aber keinerlei Veränderung in deren Zügen erkennen, und schloß die matten, fieberheißen Augen. — Unterließ hatte der Förster die Gläser gefüllt und seine Pfeife genommen, der junge Gutsherr aber den Brief seines VaterS aus der Tasche gezogen, und ihm reichend sagte er: „Lesen Sie, Kohring, oder haben Sie schon die neuesten Nachrichten aus Neapel erfahren? —" Der gereizte Ton des jungen Mannes fiel dem Förster auf, der ruhig erwiderte: „Bis diesen Mittag hatte Bergmann noch keine Nachrichten, Junker Ludwig — —" „Ich habe diesen unterwegs in Empfang genommen, lesen Sie auch, damit Sie erfahren, daß mein Vater auch meinen Bruder Karl verlobt!" > Der Förster kam der Aufforderung nach, und hüllte sich in immer dichtere Rauchwolke» «in, Junker Ludwig blies ebenfalls den Dampf seiner Cigarre schneller vor sich ^ hin, und als Ersterer den Brief, den er zweimal gelesen, vor sich auf den Tisch legte, trat Anna hinzu und sagte in ganz unbefangenem Ton: „Du hast wohl Nachricht von Deinem Vater erhalten, Ludwig?" „Ja, Anna", antwortete er mit verfinstertem Gesicht, „und wenn eS Dir Vergnügen macht, kannst Du lesen, daß mein Vater Hugo mit einer Gräfin verheirathrt, und Karl mit einer Baronesse verlobt hat!" Anna, welche sich zu ihrem Vater gesetzt, las ebenfalls den Brief des Landkammerraths, der dann in eingehender Weise von ihnen besprochen ward, doch konnten weder Kohring noch seine Tochter, dessen Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit gegen seinen Sohn beschönigen noch vertheidigen. Anna war im Begriff in'S Haus zu ihrer Mutter zurückzukehren, als der Jägerbursche erschien und ihrem Vater meldete, daß ein benachbarter Landmann ihn in der Baumschule zu sprechen wünsche. Kohring folgte dem Jäger- burschen, ünd kaum hatten sich Beide entfernt, als Ludwig hastig und mit unterdrückter Stimme sagte: 268 „Anna, ich muß Dich einige Augenblicke ungestört sprechen —" „Es wird uns hier Niemand belauschen noch unterbrechen, Ludwig. Was aber hast Du mir zu sage» — —" „Ich will Dich fragen, ob ich mich auf Dein mir gegebenes Versprechen verlassen kann-" „Ludwig!" antwortete vorwurfsvoll seine Braut. „Verzeihe, Anna, vergib! Allein wir haben uns seit Deiner Rückkehr noch nicht gesprochen — Du könntest während Deines Aufenthalts in der Stadt — —" „Still, still, Ludwig", unterbrach Anna ihn schnell, „und rege mich und Dich nicht unnöthig auf! — Nimm aber die Versicherung, daß seit vergangenem Herbst ich mich als Deine verlobte Braut betrachtet habe-" * „Dank, Anna, Dank", sprach Ludwig von Bodenwald mit unterdrückter Stimme. „Sobald Deine Mutter hergestellt ist, werde ich bei Deinen Eltern um Deine Hand anhalten, und die Einwilligung der meinigen zu unserer Verbindung schon zu erlangen wissen! —" „Hoffst Du nicht zu viel, Ludwig?" — nach den Heirathen, die Deine Brüder geschloffen-" „Wir werden sehen, was sie sagen, ich bin auf Alles vorbereitet, und ist's nicht auf dem Buchenhof, Anna, so werde ich für unser stilles Glück schon eine andere Stätte finden! —" Nach diesen Worten erhob er sich schnell und fügte lebhaft hinzu: „Anna, ich will zu Deinem Vater und dann zu Bergmann's gehen, da ich heute nicht zu spät fahren möchte. Sage Deiner Mutter meine besten Wünsche zu ihrer baldigen Genesung, und möchtest Du vor jeder Krankheit bewahrt bleiben!" Sie nahm in wenigen Worten Abschied, und während Ludwig von Bodenwald der Baumschule zuschritt, begab Anna sich zu ihrer Mutter zurück. — Vll. „Und glauben Sie wirklich, Junker Ludwig, daß Ihre Eltern zu solchen Plänen, die Sie und meine Tochter so lange verfolgt, ihre Zustimmung geben werden?" fragte der Förster den jungen Gutsherrn vom Buchenhof, als einen Monat später, denn die Genesung der Försterin war nicht so schnell, wie man g-'glaubt, erfolgt, sie durch den Schloßgarten gingen. Letzterer hatte Anna's Eltern seine Werbung um ihre Tochter vorgetragen, und diese schritt in einiger Entfernung von ihnen mit ihrer Mutter durch die stillen Wege und Alleen, die jetzt selten ei» Menschenfuß betrat, und wies voll freudiger Zuversicht, auf ihren Verlobten, als Frau Kohring ihr jede Hoffnung auf eine solche Verbindung zu nehmen suchte. „Geben Sie und Ihre Frau unS nur erst Ihre Einwilligung, Kohring, so will ich noch heute den Versuch machen, sie zu erlangen", entgegnete mit erhobenem Haupt und leuchtenden Augen der junge Mann, froh, endlich sein und seiner Braut Geheimniß deren Eltern anvertraut zu haben, ohne dabei auf eigentlichen Widerstand gestoßen zu sein. „Und wenn sie sie verweigern-" . Darauf bin ich vorbereitet, doch lasse ich mich dadurch nicht abschrecken, sondern werde meine Sache bis auf's Aeußerste verfolgen!" „Ihr Vater wird mit Enterbung drohen —" „Das kann er nicht, Kohring, und Sie wissen so gut wie ich, daß er die alten Familiengesetze einhalten muß» Er kann mir höchstens den Aufenthalt auf dem Buchenhof verweigern —" „Das wird er kaum thun, denn er ist mit Ihrer Verwaltung sehr zufrieden —" „Und geschieht es dennoch, so nehme ich, sein kränklicher, hinkender Sohn, eine Verwalterstelle an, und daß ich das thue, dafür bürgt ihm die Thatsache, daß von seinen Söhnen ich vielleicht der einzige echte Bodenwald bin!" Förster Kohring wußte nur zu gut, daß dies auch der Landkammerrath dachte, und 269 einsehend, daß alle seine Einwände vergeblich sein würben, beschloß er, sie noch einmal bei seiner Tochter zu versuchen. Er stand mit seinem Begleiter still, ergriff, als sie herankam, ihren Arm, führte sie davon und überließ es diesem, sich seiner Gattin anzuschließen. „Anna", begann er, als sie außer Hörweite waren, „ist es Dein fester Entschluß, Ludwig als Frau anzugehören?" „Ich kann nicht anders, Vater", entgegnete sie kaum hörbar, ohne ihn würde mein Leben freudlos und traurig sein —" „Es kann aber auch freudlos und traurig in seinem Besitz werden! — Denke an seine Familie — —" „Die wird uns immer fern bleiben!" — „Hat sie doch Ludwig seit seiner Kindheit verstoßen und ihn auch jetzt an keinem Familienfeste theilnehmen lassen. — Seine Brüder haben es nicht einmal der Mühe werth gehalten, ihm ihre Verlobung anzuzeigen!" ^ Diese Thatsache ließ allerdings keinen Widerspruch zu, dennoch sagte der Förster! „Denke an seine schwächliche Gesundheit seinen — gebrechlichen Körper —" „Ich werde ihn wie einen Augapfel hüten, und in meiner stete» Sorge und Pflege wird er sich immer mehr kräftigen." „Und wenn er Deinetwegen den Buchenhof, wo er sich so heimisch fühlt, verlassen muß? —" „Dann, Vater, dann muß meine Liebe ihm einen andern Aufenthalt theuer machen", entgegnete Anna, durch Thränen zu ihm aufblickend. Ihr Vater schloß sie gerührt an seine Brust und sagte mit bewegter Stimme: „Möge alles zum Guten enden, mein einziges, theueres Kind! — Ich will nur Dein Glück, und würde es mit jedem Opfer erkaufen!" Anna schmiegte sich fest an ihren Vater, sie gingen noch eine Strecke weiter, dann stand abermals Förster Kohring still, bis seine Gattin mit ihrem Begleiter herangekommen, er legte ihre Hand in seinen Arm und führte sie schweigend davon, während Ludwig und Anna ihnen ebenso schweigend folgten. Nach einer Weile sagte er in ernstem, fast bekümmerten Ton: Es ist also gekommen, wie wir gefürchtet, Frau, und meine Vorstellungen vermögen über Beide nichts — —" „Auch ich habe das Meinige gethan", erwiderte Frau Kohring, „um sie zu überreden, diese Verbindung aufzugeben, die der Landkammerratb nie gestatten wird, allein Beide wollen nicht daran denken und sehen darin allein ihr Glück." (Fortsetzung folgt.) G-ldkSrner. — Denn so geschieht^, Daß, was wir haben, wir nach Werth nicht achten» So lange wir's genießen; ist's verloren, Dann überschätzen wir ven Preis; ja dann Erkennen wir den Werth, den uns Besitz Mißachten ließ. Shakespeare. Tadeln ist leicht, erschaffen so schwer; ihr Tadler des Schwachen, Habt ihr das Treffliche denn auch zu belohnen das Herz? Goethe. Ach, die Liebe beweget das Leben, Daß sich die graulichen Farben erheben. Reizend betrügt sie die glücklichen Jahre, Die gefällige Tochter des Schaums; In das Gemeine und Traurigmahre Webt sie die Bilder des goldenen Träumst Schiller. Der Mensch nimmt viel leichter als man glaubt das Widersprechen und Zurechtweisen auf, nur kern Hemgcs verträgt er, und wäre es em gegründetes. Die Herzen sind Blumen: deni leise fallenden Thau bleiben sie offen, aber vor dem Platzregen verschließen sie sich. tzean Paul. 270 Ueber Sie Anfänge des Vogelschießens. Mancher unserer Leser hat wohl schon oft einen Schuß und noch dazu einen treff« lichen — nach dem Vogel gethan, ohne zu wisse», daß er damit einem heidnischen Brauche huldigte. — Der Gebrauch der Vogelschießen ist bekanntlich sehr alt und reicht hinab bis zu den verworrenen grauen Zeiten, wo in den germanischen Wälder» das Christenthum noch mit dem Heidenthum im Kampf« lag. Wie die durch Religionsvrrschiedenheit getrennten und zu wildem Haß gegeneinander getriebenen Völkerschaften sich gegenseitig zu vernichte» strebten, so machten sie ihren Vernichtungstrieb an ihren beiderseitigen religiösen Symbolen geltend. Die christliche Axt fällte die den Göttern der Walhalla gewidmeten heiligen Bäume, von denen mancher unter fanatischem Jauchzen seine Wipfel beugte, und die Heiden Übte» das Vergeltungsrecht an dem Bilde der Friedenstaube, unter welchem die Christen den heiligen Geist anbeteten. Zu diesem Zwecke schnitzten sie sich dergleichen Sinnbilder — unter ihren Händen wurden es freilich eher Zerrbilder — befestigten sie an Stangen und Bäumen und schössen nach ihnen mit Bogen und Pfeil, woraus später die sogenannten Armbrüste entstanden sind. Diesen heidnischen Schießübungen verdanken unsere „Vogelschießen" ihren Ursprung. In manchen deutschen Landen, z. B. in Franken, heißen dieselben auch heute noch „Taubknschießen." Auch findet man die Form der hölzerne» Vogel hin und wieder noch den Tauben ähnlich, wie man sie öfter in Kirchen abgebildet sieht. Allmälig, als der ursprüngliche Zweck solcher Schießvergnügungen in Vergessenheit grrjeth und dieselben sich zu volksthümlichen Festen erweiterten, wursen die Formen der Vögel größer, mannigfaltiger zusammengesetzt und stattlicher. Die friedlichen Tauben verwandelten sich in Adler, und im Schutze ihrer viel- fedrrigen Schwingen wurden Kleinode und Ehrenzeichen angebracht, auf welche die gr- wandten Schützen vorzugsweise gern zielten. Wer das letzte Stück vom Vogel schoß, ward zum König ausgerufen und blieb in dieser Würde bis zum nächst wiederkehrenden Feste und bis der neue Königsschuß fiel. Bekanntlich ist das Alles noch heute so. Ehe aber dies« »Vogelschießen" eine Sache des, wie wir aus der Geschichte wissen, oft ziemlich rohen und ausgelassenen Vergnügens wurden, hatten sie anfangs den Zweck, tüchtige Schützen zur Vertheidigung der Städte gegen äußere Angriffe und für den Krieg zu bilden. Mehr oder minder ist dieser Zweck selbstverständlich in den Hintergrund getreten, doch begünstigt z. B. die österreichische Regierung noch immer die Büchsenschießseste in Tirol aus den» nämlichen Grunde. Eine gleiche Bedeutung haben sie in der Schweiz. Allgemeiner und mit Volks festlichkeiten verbunden wurde das Schießen nach dem Vogel im vierzehnten Jahrhunderte. Aber schon im vorhergehenden Jahrhundert wurde es in geselliger Weise geübt und die Städte Augsburg und Nürnberg sollen eS bereits im Jahre 1286 aufgebracht haben. In dem alten Preußen (Porussien) ward es wahrscheinlich zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts eingeführt. Bis zum Jahre 1808 sollen sich noch Rechnungen der waffenkundigen „Erasmus-Brüderschast" aus dem Jahre 1342 in der Lade der Danziger Schützenbrüderschast vorgefunden haben» doch sind sie vielleicht unter dem Einfluss« der kriegerischen Unruhen verloren gegangen. Geschichtlich erwiesen ist, daß der Hochmeister des deutschen Orden», Winrich von Kniprode, der vorher mehrere Jahre Komthur des Danziger Schlosses war, bald nach seinem Regierungsantritt, etwa im Jahre 1352, das Vogel- und Königsschießen für alle Städte des Ordensgrbietes einzurichten befahl, wobei er vielleicht die in Danzig bestehende Sitte zum Muster nahm. Die von ihm angeordneten Schießübungen fanden in Zwingern und Schießgärten statt, indem man mit der Armbrust nach hölzernen Vögeln oder nach der Scheibe schoß. DaS große Vogelschießen nach den vom Hochmeister ausgesetzten Preisen hielt man in der Pfingstzeit ab. Wem dabei der beste Schuh gelang, der ward 271 ^ Schützenkönig. Mit Blumen bekränzt und mit einer silbernen Kette mit Wappenschildern geschmückt, ward er in festlichem Zuge nach seiner Wohnung geleitet, und neben manchen Vorrechten ward ihm auch bei festlichen Gelegenheiten der Schmuck jener Halskette und der Ehrenplatz neben den Herren des Rathes gestattet. Es wird wohl nicht uninteressant sein, den Bericht eines alten Schriftstellers, LukaS Davio, darüber zu vernehmen, der sich wie folgt ausspricht: „Nachdem er (Meister Winrich) wohl erfahren, daß mit Armbrustschießen — weil zu der Zeit die Handröhre nicht in Brauch — zu erwehren und abzuhalten die Feinde von den Mauern der Städte / sehr nutz- und fürtrefflichen", ließ er vor allen Städten einen Schießbaum setzen und einen Vogel von Holz gemacht, ungefähr in der Größe einer Henne» die ihre Flügel ausbreitet, aufstecken. Dabei verordnete er Geschenke, die denen gegeben wurden, „so die Flügel oder sonst ein merklich Stück am Kopf oder Schwanz abgeschossen. Der aber den Vogel ganz oder vollbereit zerstucket, das letzte Stuck «beschoß, der sollte das ganz Jahr über der Schützenkönig sein und geheißen werden, denn dann ein sonderlich und besser Geschenk, denn den andern, nämlich ein gut stark Armbrust verordnet und gegeben ward. Auch ward diesem ein silberner, überguldeter Vogel mit einer silberne» Ketten, der an der vorigen Könige Wapfen hing, um den Hals bis an die Brust schwebende gehenkt. (Daher hieß der Schützenkönig auch „Wappenkönig.") Dazu hatte er auch die Ehre vor andern, daß er an Feiertagen allewege zunähest dem Rath und Gerichtspersonen, den Vogel am Halse tragend, vor jedem anderen gemeinen Mann in der Prozession oder Umbgang fürherging. Ueber das hatte er in etlichen Städten in seinem Jahr der Herrlichkeit oder Freiheit, daß, wenn er in den gemeinen Garten oder sonst wohin in die Zeche ging, da einer oder mehr der Schützen-Brüderschaft vorhanden, mußten der oder die, so gegenwärtig waren, in der Zeche ihren König freihalten. Dadurch brachte er den gemeinen Mann dahin, daß unter ihnen viel guter Schützen, die Stadt in Nöthen zu erwehren, erfunden wurden. Und obwohl die Armbrust fast nicht mehr in Brauch, sondern an ihre Statt die Büchsen, Haken und Handröhre aufkommen, dennoch der Vogelschoß mit Armbrust jährlich wird gehalten. Und damit sich die Bürger desto fleißiger im Schießen üben möchten, gab er Rath, daß sie in den Zwingern ihrer Städte Schieß« gärten und Wände von Lehm zurichteten, dahin die Bürger sich zu erlustigen begeben möchten, und umb Kleinode, die von zusammengelegtem Gelde durch die Schützen erkauft oder von der Herrschaft aufgesetzt waren — danebst dann sonderliche Wetten einliefen — schießen sollten; alles dazu dienende — wie auch itzo mit Feuerbüchsen Haken und Handröhren beschicht, — daß die junge Mannschaft desto geübter werde und im Fall der Noth sich und die Stadt wider tue Feinde schützen könne." Der gemeinschaftliche Versammlungsort der Bürger wurde die Schießbude, auch der Hof genannt. Uebriaens mußte jedes Mitglied eine eigene Armbrust und bei jedem Schießen den vorgeschriebenen Anzug — die Gartsn-Kögel — haben und durfte diesen ^ auch vor Ablauf eines Jahres von keinem Nichtmitgliede tragen lasten. A. Löhn - Siegel. Mise-ll-n. (In Auerbach's Keller) in Leipzig finden sich folgende humoristische Verse: Wenn auch kein Rheinwein, Wenn der Wein nur rein; Wenn auch kein Mainwein, Wenn der Wein nur mein; Wenn auch kein Steinwein, Wenn nur kein Weinstein; So saß ich ',nal am Rheinfall, Da kam mir der Einfall, Wäre der Rheinfall ein Weinfall, Das wäre mein Fall. 272 (Das Ideal eines Reporters.) Der Correio Mercantil de Pelotas (Brasilien) betrauert den Verlust seines besten Reporters und berichtet über dessen tragisches Ende folgendermaßen: Vor 8 Tagen schrieb Snr. Monteiro in unseren: Blatte eine Notiz, der Echweinefetthändler Nudolfo Alschero sei ein ganz miserabler Gauner, und seine Waare alles andere nur kein Schweinefett. Der Fetthändler nannte Monteiro einen infamen Lügner und forderte ihn zum Duell. Dieses fand gestern hinter dem Caminho Nuovo statt. Während Alschero einen Schuß in den Schenkel erhielt und in vier Wochen wieder hergestellt sein wird, bekam unser braver Monteiro eine Kugel in die Brust und die Versicherung der Aerzte, daß er gerade noch fünf Minuten zu leben habe. Monteiro benutzte nun diese kleine Frist nicht etwa dazu, um in einem kurzen Stoßgebet seine Seele Gott zu empfehlen, nein, der pflichtgetreue Reporter raffte seine letzte Kraft zusammen und schrieb Folgendes an unsere Redaction: „Duell. Snr. Alschero und Snr, Monteiro hatten heute um 9 Uhr Morgens wegen einer Dummheit einen Zweikampf hinter dem Caminho nuovo. Snr. Alschero kam mit einer leichten Verwundung davon, Snr. Monteiro bekam eine Kugel in die Brust und starb einige Minuten nachher." Macht ein Extra- Honorar von rund 2 Mrlreis, welche Sie meiner Gattin zustellen wollen. Hierauf senkte er sein Haupt in den Schooß. (Eine ganz neue Kurmethode.) In Sän Franzisko prügelten sich zwei Aerzte am Bette eines Kranken, der darüber so heftig lachen mußte, daß er in Schweiß gerieth und hierauf gesund wurde. (Auf Abschlag.) Ella (eine 5jährige Kleine, die beim Schneeballenwerfen eins Fensterscheibe zerbrochen hat und dafür eben von Papa gestraft werden soll, fleht mit aufgehobenen Händen): Lieber Papa, bitt', nicht hauen; zieh mir's lieber von meinem Heirathgut ab!" (Gute Hausordnung.) Frau zu ihrem Manne: „Jetzt haben wir den ganzen Vormittag den Schuh unserer kleinen Elise gesucht, da steckt er mitten im Kraut. Ich wußt' es ja, daß bei mir nichts verloren geht!" (Zweideutig.) „Haben Sie nichts Uebertragenes?" „Gegenwärtig nichts." „Vielleicht die Frau Gemahlin?" In weltentrückter Einsamkeit, Wenn mir der Freude Blumen sprießen, Wenn ferne Gram und düstres Leid, Dann tuet,' ick seliaes Genießen Doch wenn die Stürme mich wild umtosen, Wenn mich das Glück nur verspottet und haßt, Wenn grausam es Disteln mir bietet statt Rosen, Wenn mich der Verzweiflung Macht ersaßt; Wo hinter dicht verschloss'nen Zweigen Ein trautes, stilles Plätzchen winkt, Wo alle Stürme ruh':: und schweigen, Den Morgenthau die Blume trinkt! Wenn alle Hoffnungen meines Lebensl Nur wie ein trügerisch' täuschend Licht, Dann lockt mich der Schöpsung Frieden vergebens, Gibt ihre Ruhe mir Ruhe nicht! Zu mir nnt wunderbaren: Dust, Es tönen srob der Walenr L:ede Es neigen sich Jasmin und Flieder Dann eil' ich hinaus auf schäumenden Wogen, Wenn stürmend am Ufer die Brandung sich bricht — Und hat sie auch Manchen hinab schon gezogen Es tönen sroh der Wglen: Leder Hoch über nur in blauer Lust. Und hat sie auch Manchen hinab schon gezogen Jn's feuchte Grab — ich sürchte es nicht! Es ruh':: der Leidenschaften Flammen, Nur Friede athmet die Natur, — Wir sitzen schweigend dann beisammen, Beglückt von treuer Liebe nur. Dann eil' ich trotz Blitz und trotz Donnerrollen Hinaus auf die düster umnachtete Flur; — Da dünkt nur ein Labsal Dein finsteres Grollen, Hinaus auf die düster umnachtete Flur; — Da dünkt nur ein Labsal Dein finsteres Grollen, Du stürmisch erregte, Du große Natur! Wir sitzen schweigend da und lauschen Der Vögten: fröhlichem Gesang, Umwogt von fausten: Blätterrauschen, — Der Liebe dünkt's wie Sphürcnklang! Wie groß die unendliche Schöpfung ist, Bis endlich des Kummers Wolken scheiden, Das Herz seine kleinen Leiden vergißt I Du lehrst mich, wie klein meine irdischen Leiden, Carl Felix. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von vr. Max Hwtler.