Nr. 36. 1883. »m „Äugsburger PostMimg." Samstag, 5. Mai Des Försters Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Es war ein Bild glücklichsten Familienlebens, und eben überlegte Anna, ob es, da offenbar in Bodenwald kein Brief angekommen, nicht richtiger sei, den erhaltenen einstweilen zu verheimlichen, als ihre kleine Tochter in einer nur ihm verständlichen Sprache ihrem Vater erzählte, daß ein Pferd und ein Brief gekommen sei. Mit einem schnellen fragenden Blick sich an seine Gattin wendend» ergänzte diese die Worte des Kindes, und den Brief aus der Tasche ziehend, wollte sie ihn ihm reichen, doch sagte er abwehrend: „Behalte ihn bis nach dem Mittagessen, Anna, und laß uns dann erst sehen, was er enthält. Es wird die Todesanzeige meines Bruders sein, auf die wir längst vorbereitet gewesen, nur weiß ich nicht, weshalb mein Vater sie durch einen besonderen Boten hierher geschickt hat!" Die Anwesenden stimmten ihm mit plötzlich ernst gewordenen Gesichtern bei, und begaben sich dann in's Wohnzimmer» wo der Förster an den Geburtstagstisch geführt ward, und seine Enkelin ihn auf den großen Kuchen besonders aufmerksam machte. Das Kind vermittelte für den Augenblick eine heitere Stimmung und in dieser ging man zu Tisch. Allein, wenn auch den vorzüglich zubereiteten Speisen der jungen Hausfrau genügend zugesprochen ward, so lag doch auf jedem Gemüth ein düsterer Schatten, und jeder freute sich, als das Mahl beendet war, und man sich in's Wohnzimmer zurückbegeben konnte. — Hier übergab Anna ihrem Gatten den Brief seines Vaters. Er erbrach ihn sogleich und las. wie folgt: „Mein lieber Sohn! Wie Du gewiß längst erwartet, «hälft Du heute die Todesnachricht Deines ältesten Bruders, der endlich von seinem Leiden erlöst ist. Sein Verlust hat Deine Mutter und mich schwer getroffen, er war uns ein theure« Sohn und hätte einmal unseren Namen würdig vertreten. Meine Hoffnungen, diesen noch lange durch unsere Linie fortblühen zu sehen, sind seit mir der Tod in so kurze« Zeit zwei Söhne und zwei Enkel genommen, bedeutend geschwunden. Nach diesem letzten Sterbefall haben Deine Mutter und ich beschlossen, schon in nächster Zeit nach Deutschland zurückzukehren. Die Leiche Deines Bruders, welche in emer hiesigen Kapelle beigesetzt worden ist, wird bis zum Tage unserer Abreise bleiben dann aber von Einfeld begleitet, direkt nach der Heimath fahren, während wir langsame« folgen. Sie wird bis zu unserer Ankunft in unserem Hause in der Stadt bleiben, dann begleiten Karl und ich sie nach Bodenwald, wo am nächsten Tage die Beisetzung stattfinden soll. Unsere Ankunft werde ich Dir und Bergmann noch näher bestimmen, theil «hm und Kohring vorläufig die Todesnachricht mit. Der öffentlichen Todesanzeigen, wegen 282 habe ich an Doktor Müller geschrieben, der auch Sorge tragen wird, daß das Haus zu unserer Aufnahme bereit ist. Im Schlosse müssen ebenfalls einige Zimmer in Stand gesetzt werden, da möglicherweise einige von Hugo's Verwandten und Freunden die Leiche geleiten, und dort übernachten werden. Nichte Dich ein, mährend meiner und Karl's Anwesenheit in Bodenwald zu sein, mir haben nach der langen Trennung Mancherlei zu besprechen. Dies wäre für heute Alles; mein letzter Brief von hier wird alles Uebrige bestimmen. Deine Mutter schickt Dir ihre Grüße, denen ich die meinigen binzufüge. Dein Vater Friedrich von Bodenwald." Dieser Brief hatte die Aufmerksamkeit der Zuhörer in so vollem Maße gefesselt, daß sie darüber Anna nicht beobachtet, die mit bleichen Wangen, ihr Kind fest an sich gedrückt im Hintergründe des Zimmers saß. Aus ihren mit Thränen gefüllten Augen waren schon zwei schwere Tropfen auf das lockige Haupt ihrer Tochter gefallen. Sich nach ihr umsehend gewahrte das ihr Gatte. Er eilte zu ihr, schloß sie und sein Kind in die Arme, und fragte bestürzt, während auch die übrigen Anwesenden hinzukamen: „Anna, was ist Dir? Weshalb Dein bleiches Gesicht und wozu diese Thränen?" „Ludwig", erwiderte sie mit unsicherer Stimme, „ich fürchte, eS wird eine schwere Zeit über uns hereinbrechen —" „Ueber uns?" fragte kaum seinen Ohren trauend ihr Gatte. „Wie wäre das möglich? — Der Tod meines Bruders, der im Leben mir so fern gestanden, kann doch auf uns keinen Einfluß haben?" „Er wird es dennoch", entgegnete sie langsam aber mit Nachdruck, „laß nur erst die Zeit herankommen —" „Aber, Kind, wie sprichst Du da?" fragte jetzt ihr Vater, indeß Frau Kohring die kleine Anna, welche traurig und fragend auf ihre Eltern blickte, zu beruhigen suchte, Bergmann's aber sie betroffen ansahen. Anna beschrieb, was sie beim ersten Anblick des Briefes empfunden und fuhr dann weinend fort: „Ich konnte mir nur theilweise sage», was er enthalten würde, allein ich hatte die Ueberzeugung, daß mit dem Augenblick seiner Ankunft mein Unglück beginnen werde und der Inhalt bestätigt dies!" „Aber in welcher Weise, Anna?" fragte ihr Gatte und blickte sie voll Unruhe und Besorgniß an. „Durchschaust Du denn nicht, Ludwig, was meine Liebe zu Dir und unserm Kinde schnell entdeckt? — Fällt Dir diese plötzliche Berücksichtigung Deines Vaters nicht auf, der während Deines ganzen Lebens Dir so wenig Beachtung geschenkt?" Die Anwesenden sahen sich betroffen an, sie aber fuhr fort: „Du und Dein Bruder Karl, Ihr seid jetzt seine einzigen Erben —" „Anna!" unterbrach hastig der Gutsherr. „Laß mich ausreden, Ludwig, und Du und Ihr Alle werdet und müßt mir beipflichten, und wenn nicht, werdet Ihr Euch vielleicht schon bald überzeugen, daß ich Recht gehabt! — Deine Eltern, die nie mich und unser Kind anerkannt, werden sich Dir zu nähern suchen, wozu schon der Brief den Anfang gemacht. Als ihr Sohn kannst Du Dich ihnen nicht entziehen, und wenn der geeignete Augenblick gekommen ist, —" „Anna, jetzt begreife ich, was Du sagen willst, doch sprich es nicht aus!" rief ihr Gatte, sie voll leidenschaftlicher Liebe an seine Brust schließend. „Nie, nein, nie könnte ich mich von Dir und unserm Kinde trennen, von Dir, die Du seit meiner Kindheit die Freude meines so traurigen Lebens gewesen, der Gedanke allein könnte mich rasend machen!" „Mein theurer, geliebter Ludwig", flüsterte die junge Frau, durch Thränen zu ihm aufblickend. „Anna, ich nehme in diesem Augenblick Gott zum Zeugen —" „Schwöre richt, Ludwig«, unterbrach sie ihn, sich innig an ihn schmiegend, „denn ich glaube Deinem Wort und Deiner Versicherung! — So viel aber ist gewiß, ich würde die Trennung von Dir nicht ertragen, ich glaube selbst um unseres theuren Kindes willen vermöchte ich es nicht, und bald würde dies Herz brechen, das nur Dich so unaussprech» lich geliebt!« Ihres Gatten Liebeswort, wie die ernsten Vorstellungen ihrer Eltern und Berg« mann's schienen sie nach und nach zu beruhigen und zu überzeugen, daß sie sich und si« alle mit Befürchtungen quäle, wozu nie ein Grund vorhanden sein könne und würde. Dankbar für die Bemühungen, ihr die Sorge ihres Herzens zu nehmen, versuchte sie zu lächeln, allein es gelang ihr nicht, sie brach nochmals in Thränen aus und verließ eiligst das Zimmer. Bestürzt blickten die Ihrigen und Bergmann's ihr nach und ihr Gatte wollte ihr folgen, doch hielt der Förster ihn zurück und sagte: „Laß mich gehen, Ludwig, und versuchen, ihr die krankhaften Vorstellungen auszureden, die sich nicht in ihrem Kopf und Herzen festsetzen dürfen", und das Zimmer ebenfalls verlassend, folgte er seiner Tochter. Er fand sie in ihrem Schlafzimmer, wo sie weinend am Fenster stand. Ihren Vater erblickend, warf sie sich an seine Brust, umklammerte ihn mit beiden Armen und schluchzt«: „Vater, ich kann mich nicht so schnell von diesen schrecklichen Gedanken losmachen, von denen ich nicht weiß, wie sie über mich gekommen sind!« „Sie sind aber eben so ungerechtfertigt wie sündlich, mein Kind, und Du kränkst Deinen guten Mann tief damit«, antwortete Kohring mit ernstem Nachdruck. „Du bist mit der Bewilligung des Landkammerraths Ludwig von Bodenwald's Frau, wirst als solche genannt und anerkannt. Euer Kind führt seinen Namen, glaubst Du, daß solche Bande sich so schnell und leicht lösen lassen, und dies dem Landkammerrath ohne Grund und Eure gegenseitige Zustimmung möglich wäre? — Nein, Kind, die bestehenden Gesetze gelten, und müssen ohne Ausrahme der Person, von Jedermann gehalten werden, waS würde wohl sonst aus der staatlichen Einrichtung, die doch die Grundlage der Ordnung und Ruhe des Landes ist?« Anna antwortete nicht sogleich, dann aber sagte sie mit unsicherer Stimme: „Du magst Recht haben, Vater, wie ihr Alle gewiß Recht habt, aber auch ich täusche mich so ganz nicht, was Euch der Brief beweisen kann. Versprich mir daher, jetzt wo wir hier allein sind, und uns nur Gott hört, daß, wenn je meine Befürchtungen dem ganzen Umfange nach eintreffen sollten-« „Anna!" Sie ließ sich nicht stören, sondern fuhr fort: „Wenn einmal das Unglück über uns hereinbrechen, und mein Kind, mein IheureS, geliebtes Kind, allein in der Welt dastehen sollte, Du es zu Dir nehmen, es nie auS Deinen Händen geben willst — —" „Falls es Dich beruhigt, will ich Dir geloben, Anna, daß, wenn einmal die Nothwendigkeit eintreten sollte, ich Dein Kind zu mir nehmen, ihm Vater und Mutter sein, und seine Rechte vertreten will«, antwortete feierlich der Förster, wohl einsehend, daß eS richtiger sei, seiner Tochter zu willfahren, als sie durch Widerspruch noch weiter aufzuregen. „Genügt Dir das?" „Ja, Vater, erwiderte Anna mit einem Seufzer der Erleichterung, und blickte gefaßter zu ihm auf. „Mag nun geschehen was da wolle, ich bin meines Kindes wegen beruhigt —« „Und nicht Deines und Ludwigs wegen, Anna?« fragte sanft der Förster, seine Hand auf das schöne Haupt seines Kindes legend, das an seiner Brust ruhet«. „Unser Glück ruht in Gottes Hand, Vater«, entgegncte leise die junge Frau» „möge er es uns zu einem gnädigen werden lassen! — Verzeihe aber, daß ich auf diese Weise Demen Geburtstag, auf den^wir uns Alle so sehr gefreut, gestört. — 284 „Nicht Du hast es gethan, sondern der Brief, der füglich bis morgen hätte ausbleiben können", antwortete im leichtere» Ton der Förster. „Sei indeß meines Geburtstages wegen unbekümmert, wir wollen ihn im nächsten Jahr um so fröhlicher begehen." „Ja, im nächsten Jahr l" wiederholte Anna langsam und mit leisem Nachdruck, hing sich an den Arm ihres Vaters, und kehrte mit ihm in's Wohnzimmer zurück. — (Fortsetzung folgt.) GoldkSrner. Die ernste Strafe schlich der Sünde nach; sie wollte Ihr Schwert schon zieh'n da trat die Reue vor sie hin, Die Strafe wich; eh' mag die Sünde frei entflieh'n, Sprach sie, als daß mein Schwert die Reue treffen sollte. Pfe fsel. Schöner ist kein Lächeln als das, welches mit der noch nicht versiegten Thräne im Auge kämpft; höher und dauernder ist keine Sehnsucht, als die nie zu befriedigende; reiner und wahrer genießt Niemand als der freiwillig Entbehrende; und so mag und wird das Kreuz mit Rosen umschlungen E. v. Feuchtersleben. das tiefste Symbol unseres Lebens bleiben. Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Schiller. Georg Keil. Frag um den Weg nicht viel. Sonst kommst Du spät an's Ziel. Durch den Nachgeschmack des vergangenen und den Vorgeschmack des zukünftigen Leidens überfüllen wir den Kelch des Augenblickes. Jean Paul. Ja der Menschheit schönste Zierde ist ein freier, franker Mann, Der die Wahrheit, feinen Glauben, »»erschüttert sagen kann, Der der glatten, bunten Schlange Schmeichelei den Krieg erklärt, Weil sie am ErkeniitnißbaumcBlatt und Blüth' und Frucht zerstört. A. Grün. Der Vater straft sein Kind, und fühlet selbst den Streich; Die Härt' ist ein Verdienst, wo Dir das Herz ist weich. Rückert. Wohl zu besänftigen ist die Leidenschaft. Doch Ueberzeugung, Grub sie Verstand in's Gemüth, bleibt unvertilgbar der Zeit. v. Halem. Da- Panorama der Schlacht von Weißenvurg tm Elsaß. München ist um ein unvergleichliches Kunstwerk reicher. Professor Louis Braun, her Schöpfer des Panoramas der Schlacht von Sedan in Frankfurt a. M. und zahl« «sicher Schlachten» und Genre-Bilder, hat sein Rundgemälde der Schlacht von Weißenburg vollendet. Er bedurfte, um die Riesenaufgabe zu bewältigen, nur der unglaublich kurzen Frist von fünf Monaten, und hat sie in einer Weise künstlerisch gelöst, die in ihrer Art wohl einzig dasteht. Es war am 4. August 1870, als die deutsche Heeresführung die allgemeine Offensive mit dem Vormärsche der dritten Armee (1. und 2. bayerisches Armeecorps, 5. und 11. preußisches ArmeecorpS, württembergische und badische Division) unter dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen gegen die.Lauter, den damaligen Grenz-Fluß zwischen Bayern und Frankreich, begann, die bayBffche Division Bothmer als Avantgarde vorauf. Ihr war die Aufgabe gestellt, die dicht an der Grenze liegende französische Stadt Weißenburg zu nehmen, welche noch aus alter Zeit mit Graben und Wall umgeben und von dem französischen DivisionS-General Douay besetzt war. Auf den Höhen südlich der Stadt hatte derselbe ein Zeltlager aufgeschlagen und eine Abtheilung Infanterie und Artillerie (Mitrailleusen-Batterie) auf den nahen Geisberg geworfen, der mit seinem, von einer hohen Mauer umgebenen massiven Schlöffe den Schlüssel der ganze» Stellung bildete. Obwohl die Franzosen am frühen Morgen ein Detachement zur Necognoscirung über die Grenze geschickt hatten, waren sie gegen >^9 Uhr doch sorglos mit dem Abkochen beschäftigt, als die ersten bayerischen Granaten unter ihnen einschlugen. Als die Bayern unter Oberst Mühlbauer (5. Jnf.-Negt.) gegen Weißenburg vorgingen, fanden sie die Zugbrücken der drei Thore der Stadt aufgezogen und die Wällt 285 — besetzt; es entwickelte sich alsbald ein heftiges Artillerie- und Jnfanterie-Feuergefecht. Die Turkos hielten die Weinberge an den südlichen Abhängen des Wurmberges im Nord- Osten der Stadt besetzt und vertheidigten sie mit zäher Tapferkeit. Um 9 Uhr ließ der Kronprinz von Preußen das 5. und 11. preußische Armeecorps von Osten und Norden her gegen den Geisberg und die Stadt vorrücken und der Kampf ward bald ein allgemeiner, nachdem die Bayern ihrerseits im oberen Lauterthale vorgedrungen waren. Ein paar preußische Geschütze beschoßen das Landauer-Thor, ein paar bayerische folgten ihnen und thaten das Gleiche, nachdem sie dicht am Grabenrande abgeprotzt, und legten die Brückenpfeiler nieder, worauf die Zugbrücke zum Fallen gebracht wurde und die Bayern in die Stadt eindrangen und bis zum Marktplatze vordrangen, woselbst sie die Mairie besetzten. Inzwischen hatten die Preußen den Bahnhof genommen und verfolgten die sich auf die südlich von der Stadt gelegenen Höhen zurückziehenden Franzosen, wobei die erste feindliche Kanone und das Zeltlager erbeutet wurde. Gleichzeitig erstiegen die preußischen Sturmcolonnen von drei Seiten her den Geisberg und zwangen die Besatzung desselben nach hartnäckigem Kampfe, bei dem die Artillerie den Ausschlag gab, indem sie in die Umfassungsmauer des Schloßhofes Bresche legte, zur Kapitulation. Nun war auch die Stadt nicht länger mehr zu halten und streckte gegen 2 Uhr Nachmittags deren Besatzung die Waffen. Ueber 1000 unverwundete Gefangene, ein Geschütz, eine Proviant-Colonne und das gesammte Zeltlager war der Gewinn der Sieger, die ihrerseits freilich auch schwere Verluste erlitten hatten. Noch wichtiger aber war die moralische Bedeutung des Sieges, dem bald neue folgen sollten. Diesen Kampf nun um die Stadt Weißenburg und die benachbarten Höhen führt uns der Künstler in einem kolossalen Nundgemälde vor, in dessen Mitte wir auf einem erhöhten Standpunkte stehen. Und er thut das mit solcher Naturwahrheit, daß wir der Täuschung kaum inne werden. Nur die Stelle, die uns umgibt und die wir mit den Pulverdampswolken nicht vereinbaren können, welche ringsum aufsteigen, macht uns klar, daß wir nur einem Bilde gegenüberstehen. Und diese Täuschung wird durch die geistreiche Ausfüllung des ZwischenraumeS zwischen unserem Standpunkte und dem Nundgemälde mit plastischen Gegenständen, wie Weinpflanzungen, Straße, Markstein, Kornfeld, Ackerland rc. noch außerordentlich gesteigert. Mit glücklichster Berechnung hat Professor Louis Braun für seine Darstellung die Zeit um Mittag 1 Uhr gewählt: noch sind die entscheidenden Würfel nicht gefallen, noch wogt die männermordende Schlacht, noch dauert das Ringen um jeden Fuß breit Boden. Dort lacht die Nheinebene in Hellem Sonnenschein, bläulich schaut der badische Schwarzwald herüber. In der Ebene blinken die Gewehre der Preußen, auf den Abhängen des Geisberges sehen wir ihre Sturmcolonnen vordringen, weiter oben speit die Mitrailleusen-Batterie Tod und Verderben in ihre Reihen. Weiter nach rechts hin hängen schwere Regenwolken über den letzten Ausläufern der Vogesen und mit ihnen vereinigen sich die Rauchwolken, die aus der brennenden Stadt aufsteigen. Und dann ist auf einer Anhöhe jenseits des Hohlweges, in dem die alte Neichsstraße hinzieht, bayerische und preußische Artillerie aufgefahren und sendet Granate um Granate hinüber nach der Stadt und den nun auf dem Rückzüge befindlichen feindlichen Massen. Hinter den Batterien halten die bayerischen Generale mit ihrem Stab, lauter bekannte Namen, wie von Bothmer, von Hartmann, Lutz, von Maillinger, weiterhin sehen wir den Oberstkomman- dnenden Friedrich Wilhelm von Preußen mit seinem Generalstabs-Chef General von - Blumenthal, mit dem Herzog von Sachsen-Coburg und reichem Gefolge auf dem Kampf- platze erscheinen. — Aber es sind nicht blos Fürstlichkeiten und Generale, deren wohl- getroffene Bildnisse der Künstler in charakteristischer Weise auf seinem Gemälde anbrachte, unter den vierzig Porträts befinden sich die vielen Stabs- und Subalternofsiziere; 286 selbst ein wackerer Unteroffizier und «in Pferdemärter fehlen nicht, auch nicht der brave bayerische Feldgeistliche, der einem Sterbenden Trost zuspricht. Die geschichtlich« Gerechtigkeit forderte vom Künstler» daß er den Antheil, den das ö. und 11. preußische Armeecorps an der Entscheidung des Tages nahm, geeignet zum Ausdruck brachte, der Standpunkt, von dem er sein Rundgemälde aufnahm, machte es natürlich, daß er die Bayern in den Vordergrund der Aktion stellte. Und sie war für sie rühmlich genug, um diese ihre Stellung auch nach einer anderen Seite zu rechtfertigen. Das Handgemenge in dem nahen Weinberg, welchen Bayern von darin versteckten Turkos säubern, das Herausbringen von Verwundeten, das Einschlagen von Granaten, das Vorstürmen eines Bataillons von der Höhe in den Lautergrund und gegen die Stadt die Thätigkeit der Aerzte auf den Verbandplätzen, der stumme Jammer eines hochverdienten bayerischen Obersten an der Leiche seines jüngste» Sohnes —, er sollte im selben Kriege noch zwei ander« verlieren — die aus der geängsteten Stadt aufschlagende Lohe, der Kontrast einer friedlichen Natur mit dem blutige» Tagewerk der Menschen — Alles das und noch vieles Andere, dessen Ausführung hier zu weit führen würde, hat der Künstler mit einer Meisterschaft zur Anschauung gebracht die zu seinen und der Münchener Kunst Lorbeer» ein neues Blatt fügt. Der Georgiritt zu Statt». Vom herrlichsten Sonnenschein begünstigt, fand am Tage St. Georgi der alljähriz übliche Ritt zu Ehren dieses Heiligen statt. 15 Kilometer nördlich von Traunstein, an der grün rauschenden Traun, liegt die herzoglich leuchtenbergische Herrschaft Stain mit zwei Burgen und einem Schlosse. Die älteste dieser Burgen besteht aus mehreren in den Felsen gehauenen Gemächern und Gängen, stammt vermuthlich noch aus vorrömischer Zeit und in ihr hauste, der Sage nach, der fabelhafte Mädchenräuber und Raubritter Heinz von Stain. Den Berg krönt eine von hohem Wall und tiefem Graben umzogene Feste, am Fuße desselben liegt das aus neuerer Zeit stammende Schloß im Kranze der Oekonomiegebäude, Mit der Romantik uralter Geschichte wetteifert der Reiz der lieblichen Landschaft; über das anmuthige Thal hinweg schweift der Blick zu den schneebedeckten Alpen, deren Kette von der Salzach bis zum Jnn den Horizont säumt und bleibt auf der gothischen Kirche zu St. Georgen weilen. Malerisch auf einem Vorsprung des rechten Ufers gelegen, streckt sie ihren Spitzthurm gen Himmel. Hier m dieser Gegend, welche uns die bis in's achte Jahrhundert zurückreichenden Salzburger Urkunden noch dicht besiedelt von den Nachkommen der keltisch-römischen Bevölkerung zeigen, hat sich bis auf den heutigen Tag ein abgeblaßter Nest uralt feierlichen Brauches erhalten. Am Morgen des Georgitages, 24. April, versammelt sich im Schloß- hofe zu Stain die Bauerschaft der umliegenden Ortschaften. Jeder Hof stellt zwei Rosse, meistens junge Hengste, deren Rücken in der Regel keine» Sattel, sondern nur eine Decke trägt; die Reiter sind gewöhnlich der Bauer selbst und sein Sohn; in feurigem Roth leuchtende Bänder zieren Mähne und Schweif. Um 8 Uhr erfolgt der Aufbruch. Die Spitz; eröffnen Postillone in Galla-Uniform, flatternde Standarten mit den freundlichen Landessarben in der Hand, darauf folgt die Musik und nun die insgesammt auf Schimmeln reitenden Hauptpersonen des Zuges: 2 Engel, der heilige Georg, 4 Engel und der Schloß- kaplan von Stain im Chorrock. Hieran reihen sich paarweise die Bauern, in ihrer Mitte ein blauweißes Banner führend und Heuer 68 Paare zählend. Der heilige Georg, von einem ehemaligen österreichischen Grenadier dargestellt, trägt das traditionelle Costüm seiner Figur in den Landkirchen: weißseidenes Wamms und gleiche Beinkleider, beide mit reicher Nococo-Stickerei, gelbe hohe Reiterstiesel mit goldenen Sporen, einen wallenden Mantel von rother Seide und auf dem Haupte den blitzenden Helm von gelbem Metall mit dem Kreuze statt des Federbusches, in der Faust die große Fahne von weißem Atlas mit den rothen Schrägebalken des Andreaskreuzes und dem goldenen Auge Gottes auf schwarzem Atlasschilde in der Mitte. Die Engel stellen 4jährige Knaben dar, bekleidet mit weißen, bauschigen, lange» Röcken, rosafarbenen Hosen und einem grünen Kranz um die blonden Locken. Die Köpfe der Schimmel schmücken weiß-rothe Federbüsche, gesattelt sind nur jene des KaplanS und des heiligen Ritters, dieser mit dem altdeutschen Sattel: die Engel sitzen auf rothen Schabrake». In der bereits angegebenen Ordnung setzt sich der Zug unter den Fanfaren der Trompeter im Schritte in Bewegung und begibt sich auf der alten, vielleicht von den Römern erbauten Salzburger Straße nach Weisham, von da nach St. Georgen, ein ungemein malerisches Bild bietend» wie er durch das frische, glänzende Grün der Fluren die Höhe der Uferterrasse sich hinaufwindet, während im fernen Hintergründe die schimmernden Vergeshaupter emporragen. — Sobald der Zug St. Georgen naht, kommt ihm der dortige Pfarrhcrr mit dem Sanctissimum entgegen, ihn begleiten die Männer der Georgi-Bruderschaft in weißen, rothverschnürten Talaren mit rothen Schulterkrägen, Pilgerstäbe in den Händen und die fliegende rothe Kirchenfahne mit sich führend. Auf freier Straße macht der Zug Halt und unter dem Donner der Böller ertheilt ihm der Pfarrer den Segen, worauf dieser sich mit den Georgi-Brüdern an die Spitze setzt, am Eingänge des Ortes, an der Stelle einer uralten Linde beim Schul- hause stehen bleibt und den ganzen Zug an sich vorüberdefiliren läßt, indem er jeden einzelnen Reiter mit Weihwasser besprengt und dadurch Roß und Mann auf Jahresfrist gegen Schaden feit. Hieraus folgt Hochamt, Predigt und Litanei, die Reiter steigen ab, um dem Gottesdienste beizuwohnen und darauf zu Fuß heimzukehren, die Rosse aber werden von anderen Leuten sofort nach Hause geritten. Schmauß und Zechen bilden den Schluß des Festes, auch mancher Pferdehandel geht vor sich. So verläuft das Fest gegenwärtig; verschiedene charakteristische Züge, die noch Altmeister Steub schaute, kamen im Laufe der Jahrzehnte in Wegfall. — Gleich unseren Cürassiereu, die den Panzer ablegten schirmt sich auch St. Georg mit keiner ritterlichen Rüstung mehr» sein Schwert zerfiel, vom Rost zerfressen, in Trümmer und ist durch kein anderes ersetzt, an die Stelle des echten alten Helmes trat eine moderne Nachahmung. Die meiste und bedauerlichste Einbuße jedoch erlitt das Fest dadurch, daß die alte Linde nächst der Kirche in St. Georgen umgehauen wurde. Mise-ll-n. (Die Vater heirathsfähiger Töchter) werden in ihren Hoffnungen oft bitler getäuscht. Ein solcher Märtyrer schreibt dem „D. Mtgs. Bl>": „Ich besuchte mit meiner Tochter Eva in diesem Karneval mehrere Bälle, und da lernte Eva einen jungen Mann kennen, der durch ein elegantes Exterieur und tadellose, gewandte Manieren auffiel. Seine Karte enthielt nur die Worte „Friedrich Müller« — Generalsekretär. — Unter einem „Generalsekretär" stellt man sich doch Etwas vor; nun machte er mir außerdem den Eindruck eines Menschen, der vor einer ehelichen Verbindung nicht zurückschreckt; wir näherten uns, eS schien, daß er auch an mir — nicht nur an Eva — Gefallen fand, und da ich auch bei dem Mädchen ein gewisses lymphatisches Interesse zu entdecke» glaubte, war ich zu geheimen Hoffnungen berechtigt, die dem Vater eines fast 23jährigen Mädchens nicht übel gedeutet werden können. Mein Herr Müller machte Visite, er kommt ein zweites Mal und beginnt im Beisein meiner Tochter — die nur die ersten Worte hörte und dann indignirt und verlegen das Zimmer verließ: „Mein Herr, das Glück der Ihrig«!, welches Ihnen gewiß nicht gleichgiltig sein wird, sollte Sie bestimmen, einem Antrag näher zu treten, den ich Ihnen hiermit unterbreite —" Dabei griff er an seine linke Seite, aber nicht um die Gegend seines Herzens anzudeuten, sondern um ein dickes Portefeuille herauszuziehen, welches mit Schriften rc. gefüllt war — dann fuhr er fort: „Ich bin nämlich Generalsekretär der Amerikanischen Vsrsichrrungs-Gesellschaft „Ohio," unsere Bedingungen sind die coulantesten; wir versichern für Leben und Todesfall ..." — Sie können sich denken, daß ich diese Auseinandersetzungen, welche mich über den Zweck seiner Annäherung mit einem Male hinreichend belehrten, bei dem ersten Komma, welches er sich gestattete, abschnitt. — Ich begleite ihn zur Ausgangsthüre, nicht aus Höflichkeit, fanden um mich zu überzeugen, daß er wirklich gehe. O meine Illusionen!!" (Prinzeß Ludwig Ferdinand.) Aus Anlaß der Vermählung der Spanischen Jnfantin Donna Paz theilt ein Pariser Blatt die folgende wie es behauptet, völlig authentische Anekdote mit. Im April des vorigen Jahres machte die Jnfantin in Begleitung ihrer Schwester Jsabella eine Reise nach Granada. Paläste, Museen, Kirchen, die Alhambra, kurz alle Sehenswürdigkeiten der historisch merkwürdigen Stadt wurden von den beiden Prinzessinnen der Reihe nach in Augenschein genommen. Zum Schluß kamen sie in das Kolleg von Sacra Monte, wo sich eine Krypta mit den Gebeinen des heiligen Cecilo befindet. In dieser Krypta sind außerdem zwei Steine angebracht, die jeder Besucher kennt: der eine ist bekannt unter dem Namen des „Heiraths "-Steins, während der andere einen Namen führt, der das Gegentheil, also etwa „Trennungs-" „Scheidungs-"Stein bedeutet. Der Abbö, der die beiden hohen Besucherinen herumführte und ihnen als Cicerone diente, zeigte denselben auch die beiden Steine und bemerkte, daß nach der Legende ein jedes Mädchen, welches den „Heiraths"-Stein berühre, binnen Jahresfrist vermählt sein würde. Die Jnfantinnen lachten. „So berühre ihn doch!" sagte Jsabella zu Ihrer Schwester und Donna Paz berührte den Stein lächelnd. Das geschah am 3. April 1882. Genau nach Ablauf eines Jahres aber, nämlich am 2. April 1883, wurde Donna Paz in Madrid mit dein Prinzen Ludwig von Bayern vermählt. (Wie man in Schwaben zänkische Eheleute „einigte".) In oberschwäbischen Gebieten war es in der „guten alten Zeit" nicht selten, daß zänkische Ehegatten, welche ihren Nachbarn ein Aergerniß gaben, gemeinschaftlich in den Thurm gesperrt wurden. Obendrein mußten sie sich mit einem Messer, einer Gabel, einem Stuhle und was, wie die Schwaben sagen, „das Fürnahmst" war, einer Bettstelle begnügen! Das war ein probates Mittel! Gar häufig sah man Mann und Frau unmittelbar aus dem Thurm in's Wirthshaus gehen, und hörte, wie sie bei einer Flasche Wein oder einem Glase Bier die besten Vorsätze aussprache». Auch in Memmingen kam es vor zweihundert Jahren gar häufig vor, daß in argem Unfrieden mit einander lebende Ehegatten verurtheilt wurden, mit einem Löffel zu essen. Das Nathhausarchiv enthält ein Docu- ment, in dem es heißt: „^.niio 1624, den 13. Juli» hat man zwei Eheleute, so übel mit einander gelebt, in das Blockhaus gethan und mit einem Löffel essen lassen." Das war nicht dumm; „essen," so calculirten die Schwaben, „wollen und müssen die Beiden; da sie aber nur eine Gabel und ein Messer und einen Stuhl hatten, mußten sie sich vereinbaren." (Schwäbische Höflichkeit.) „Herr Präsident, i bitt' um's Wort!" — „Der Herr Schlankele hat's Wort!" — „Drum hab' i no vor ere Viertelstund' mein Dos' zum Schnupfe rumgange lasse und kann se jetzt nemme finde. I möcht' daher no die Herre bitte, daß se nachsehe sollet, ob keiner mein Dos' in sein Sack g'steckt hat, in der Meinung, er steck' se in de meinig!" (Grab schrift auf einen Zänker.) Krakehl, der große Zänker. Er ruht in diesem Grab. Lies still die Worte Wanderer, Sonst streitet er's Dir ab. (Ein Berliner Tischlermeister) bot seinem widerspenstigen Lehrburschen Ohrfeigen mit folgenden Worten an: „Wenn du weißnäßige Kröte nu nich den Ogen- blick det Maul hälft, so werfe ick dir einen Fünfdahlerschein in die Viehsionomie, deff du acht Tage daran zu wechseln haben sollst!" (Bedenkliche Aehnlichkeit.) Hören Sie mal, das Bild meiner Frau sieht scheußlich aus. — Maler: Ja, aber Sie müssen zugeben» daß es ungemein ähnlich ist. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlas des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.