Unternaktungsvkatt zur „Angglmrger Postzeitung." Nr. 37. Samstag, 5. Mai (Abends) 1883. Des Försters Enkelkind. Original»Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) IX. Hugo von Bodenwald's Beerdigung hatte stattgefunden, doch ward der Landkammer» rath, der mit seiner Gemahlin in der Residenz eingetroffen, durch Krankheit verhindert, daran theil zu nehmen. Das plötzliche eingetretene feuchte Herbstwetter hatte ihm einen heftigeren Gichtanfall zugezogen, und mußte der jetzige Majoratserbe bei der traurigen Feier seine Stelle vertreten. Bei dieser Veranlassung hatten sich auch die Brüde" wieder getroffen und sich fast wie zwei fremde Menschen begrüßt, doch war Karl von Boden« wald nicht entgangen, daß während der Jahre, wo er ihn nicht gesehen, das Aeußere seines Bruders sich vortheilhaft verändert hatte und er ein entschiedenes männliches Auf» treten bekommen. Ludwig dagegen hatte seinen Bruder gealtert gefunden; er war nicht mehr der fröhliche, leichtlebige Offizier, der er gewesen, das eheliche Leben und die trau« rigen Familienereigniffe hatten ihn zum gereiften Manne gemacht. Bald nach der Beerdigungsfeier hatte der junge Gutsherr vom Buchenhof sich zu seinen Eltern begeben, ein Besuch, für den auch seine Gattin gestimmt. Er hatte seinen Vater, auf dem Sopha liegend, und unfähig das Zimmer zu verlassen, gefunden; sein« Mutter, in Folge der Ortsveränderung zur ungünstigen Jahreszeit und der gehabten Aufregung ebenfalls leidend, und war von Beiden, was er indeß weder Anna, ihren Eltern noch Bergmann's mittheilte, mit besonderer Freundlichkeit empfangen, und während seines ganzen Aufenthaltes behandelt worden. Sie hatten sich eingehend nach seinem Leben auf dem Buchenhof erkundigt, und er nicht unterlassen, ihnen sein häusliches Glück wie sein« Gattin und Tochter zu schildern. Sie hatten dieser Beschreibung zugehört, mit keiner Silbe jedoch seine Frau «der sein Kind genannt, wenngleich sie mehrfach von Kohring'S und Bergmann's gesprochen. Ludwig war die Freundlichkeit seiner Eltern zwar neu, doch war sie zu natürlich, um ihn nicht wohlwollend zu berühren; er trat ihnen indeß einigermaßen gemessen gegen» über, hatte er doch zu lange das Gegentheil von ihnen erfahren, und gleichzeitig war ihm die Aufregung seiner Gattin am Geburtstag« ihres Vaters, die einen schmerzlichen Eindruck auf ihn gemacht, stets gegenwärtig. Als Ludwig von Bodrnwald nach zwei Tagen des Beisammenseins von seinen Eltern Abschied nahm, sagt« sein Vater: „Du mußt einsehen, Ludwig, daß ich wahrscheinlich während des ganzen Winters nicht nach Bodenwald und dem Buchenhof kommen kann, laß Dich also so bald wie mög« sich hier wieder sehen. Vergiß nicht, daß Du allein uns jetzt nahe wohnst, denn Karl darf sobald keinen längeren Urlaub wieder nehmen, auch ist seine Frau gern in der großen Stadt, wo sie noch dazu viele Verwandte hat. Mir wäre es schon recht er könnte den Militärdienst verlassen und mit seiner Familie hier in Bodenwald wohnen, doch muh «r wenigstens als Rittmeister abgehen, und damit hat «8 noch einige Jahre Zeit." 290 — Der junge Mann versprach seinen Eltern, den Besuch noch im alten Jahr zu wiederholen, nahm Abschied und kehrte nach dem Buchenhof zurück, wo er seine Gattin voll Sehnsucht seiner wartend, wußte. Zu Anfang gemährte ihm die Fahrt an dem schönen Oktobertag, der ihm die nächste Umgebung der freundlichen Residenz im Herbstkleide zeigte, Zerstreuung. Sie ward durch die Bewohner derselben belebt, die das herrliche Wetter benutzt hatten, und in Zügen aus den bewaldeten Bergen heimkehrten, die bald schon ihres buntfarbigen Schmuckes beraubt sein konnten. Nach und nach aber ward der Weg, der jetzt durch ausgedehnte Holzungen führte, einsamer, und als erst zu beiden Seiten die Berge sich erhoben und die Dämmerung eintrat, begegneten ihm nur noch einzelne Wanderer oder Fuhrwerke, und sich in die Wagenecke lehnend, begann er sich seinen Gedanken zu überlassen. Diese führten ihn nach der Stadt und zu seinen Eltern zurück; er sann über deren so auffallend verändertes Benehmen gegen ihn nach, und suchte sich ebenfalls zu erklären, wie auch seine früheren Gefühle und Empfindungen, seine Gleichgültigkeit gegen sie zu schwinden anfing, und er sich kindlicherer Regungen gegen sie bewußt ward. „ES ist das verwandle Blut —,die Gottesstimme, die jedem Menschen inne wohnt*, sagte sich endlich Ludwig von Bodenwald, „und es wäre sündlich gegen sie ankämpfen zu wollen. Allein", setzte er nach einigen Sekunden erregter hinzu, es ist auch sündlich sie zu unterdrücken, oder ihr nicht Gehör zu geben, wie meine Eltern gethan, die jetzt die Früchte davon ernten, denn hätten sie ihr jüngstes, schwächliches Kind voll Liebe und Sorgfalt erzogen, sie ständen jetzt, wo auch sie Kränklichkeit und Körperschwäche zu tragen haben, nicht so vereinsamt da!" Dann traten die Bilder der geliebten Gattin und holden kleinen Tochter vor sein geistiges Auge, und er sagte nun halblaut: „Sollte ich es nicht, wenn sich das Verhältniß zwischen mir und meinen Eltern immer herzlicher gestaltet, dahin bringen, daß sie Anna und unserem Kinde die gebührenden Rechte in der Familie einräumend — Niemand sonst versagt sie ihnen, sie selbst hören sie meine Frau und Tochter nennen, allein", unterbrach er sich mit gerunzelter Stirn, „es ist für Beide schließlich auch gleichgültig, ob sie sich sehen wollen oder nicht, ihre Rechte kann ihnen Niemand nehmen, und vor dem Gesetz stehen sie Karl's Frau und Tochter gleich! — Wie Anna sich auf meine Rückkehr freuen und mich mit unserem Kinde schon erwarten wird! — In einer halben Stunde bin ich bei ihnen, seit unserer Berheirathung sind wir noch nie so lange getrennt gewesen. Während mit diesen Gedanken und Bildern beschäftigt Ludwig von Bodenwald der Stätte seines häuslichen Glückes, dem stillen Buchenhof, zufuhr, saß seiner harrend die junge Gebieterin im bereits erleuchteten Wohnzimmer. Sie hatte am Tische Platz genommen, hielt ihre kleine Tochter, welche eifrig mit dem reichlich vorhandenen Spielzeug beschäftigt war, auf dem Schooß, und das Kind schon instinktiv hütend, achtete sie für den Augenblick auf dessen Beschäftigung nicht, sondern dachte an ihren Gatten, der ihr für den Abend seine Heimkehr zugesagt. Sollte er wohl Wort halten, oder sie warten lassen und noch länger bei seinen Eltern bleiben? Anna'S Züge nahmen einen trüben Ausdruck an, und sich den traurigen Gedanken überlastend, die stets für sie mit den Eltern ihres Gatten verbunden waren, verfolgten sie wiederum die Bilder, die sie schon oft gequält, und Thränen füllten ihre Augen. Bald aber hörte sie das Rollen eines Wagens, und schnell ihre schmerzliche Erregung bekämpfend, wandte sie sich ihrer Tochter zu, die ebenfalls das Geräusch gehört haben mußte, denn sie sagte lebhaft und in freudigem Tone: „Mama, Papa kommt — Papa bringt Anna auch die große Puppe mit-* Die Kleine auf den Arm nehmend, küßte sie sie zärtlich und trat mit ihr an das noch nicht verhangene Fenster. Ja, es war ihr Gatte, jetzt bog er auf den Gutshof ein, und nach wenigen Minuten hielt er sie und seine Tochter umfaßt, begrüßte beide 291 voll Liebe und Zärtlichkeit, und führte sie in'S Zimmer zurück. Beim hellen Schein der Lampe betrachtete er mit forschendem Blick sein Weib, und da« Aug« der Liebe war scharf genug, die Schatten zu entdecken, die noch theilweise auf ihren, jetzt allerdings von Glück und Freude strahlenden Zügen führten. Sie hatte seinen Blick verstanden und entschlossen, ihn nicht zu betrüben, fragt« sie schnell: „Wie hast Du Deine Eltern gefunden, Ludwig? Sind sie so leidend, wie Bergmann sie unS beschrieben?" Zu einer Antwort kam er nicht, denn seine Tochter machte ihre Rechte geltend» und seine Hand ergreifend, forderte sie mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit und Entschiedenheit die versprochene Puppe. In diesem Momente brachte das Mädchen verschiedene Kasten und Pakete, die im Wagen Platz gehabt, und den größten der ersteren ergreifend, legte er ihn auf die ausgebreiteten Arme seines freudig jubelnden KindeS, und sagte zu seiner lächelnden Gattin: „Anna, Du wirst mit dem Inhalt besser umgehen können als ich-" Sie öffnete, während unter allen Zeichen der Ungeduld die Kleine dabeistand, die Schachtel und nahn: eine sehr schöne Puppe hervor, welche sie dieser reichte. Das freudige Staunen über den so sehr begehrten Schatz raubte dem Kinde einige Augenblicke die Sprache, dann aber ergriff sie das herrliche Spielzeug, betrachtete eS forschend, prüfte mit den kleinen Fingern die Augen, Wangen und Haare, die in der in der That an Farbe und Frische den ihrigen glichen und brach dann in lauten Jubel auS. Die glücklichen Eltern blickten voll Freude und Rührung auf das Kind, bis Ludwig von Bodenwald zu seiner Gattin sagte: „Und forderst Du nichts, Anna, das ich Dir hätte mitbringen können?" „Ich weiß im Voraus, daß Du alle meine Aufträge besorgt hast", entgegnete sie vollständig aufgeheitert. „Sie sind sämmtlich ausgerichtet, und was ich nicht mitgebracht, wird Dir geschickt werden. Aber sieh einmal, ob ich es verstanden, Deine Wünsche zu erspähen", und ein zierliches Päckchen aus der Brusttasche nehmend, legte er es in ihre Hand. „Du machst mich wirklich neugierig, was eS sein kann", entgegnete sie mit glücklichem Lächeln, und die Papierhülle, abnehmend, hielt sie ein länglich-rundes Moroquin- Etui in der Hand, auf den von zierlichen Umschlingungen eingefaßt die Buchstaben: „A. v. B." zu lesen waren. Es schnell öffnend, rief sie mit freudigem Staunen: „Ludwig!" Dieser blickte voll Zärtlichkeit auf die überraschten Züge seiner Gattin, mit denen sie jetzt die Miniaturbilder — eS war das ihrige und das feinige — betrachtete. Die Bilder waren sprechend ähnlich, sie zeigten ein schönes, jugendliches Paar, auf dessen Gesichtern der Ausdruck stillen Glücks hervortrat. „Habe ich es getroffen, Geliebte?" fragte ihr Gatte, sie zärtlich umfassend. ,O, nur zu sehr", erwiderte sie voll Liebe, ihm in die Augen blickend. Wie Ist eS nur möglich gewesen, dies in aller Stille zu vollbringen?" „Als vergangenes Frühjahr wir uns malen ließen, da sagtest Du, daß es einmal für unser Kind eine hübsche Erinnerung sein würde» die Bilder ihrer Eltern in jugendlichem Alter zu haben und ich beschloß, sie, wenn irgend möglich, im Geheimen herstellen zu lassen. Ehe der Maler unsere Portraits als vollendet aus den Händen gab, hatte er schon diese Medaillons darnach angefertigt, die er erst kürzlich zurückerhalten, da er die Fassung auswärts besorgt. Ich wollte sie auf Deinen Weihnachtstisch legen, da ich aber noch eine Menge Wünsche von Dir entdeckt-" „Ludwig!" lachte die junge Frau in der heitersten Stimmung. „Du mußt sehr vorsichtig sein, mein theures liebes Weib, wenn Du nicht am Weihnachtsabend eine ganze Ausstellung auf Deinen Tischen haben willst", entgegnete ebenfalls lachend der junge Gutsherr, „denn ich halte eS für meine Pflicht, so viel ich vermag, einen jeden Deiner Wünsch« zu erfüllen!" 2S2 Glücklich, und beruhigt in ihrem Herzen verging Anna der Abend und die nächste Zeit, die, da ein leichter Frost eingetreten, ihren Gatten oft fern von ihr in den herrlichen Waldungen hielt, wo er mit seinem Schwiegervater beschäftigt war, denn die Zeit der Holzverkäufe war für beide Güter gekommen. Einige Wochen vor Weihnachten erhielt er von seinem Vater die Aufforderung mit Kohring und Bergmann zur Stadt zu kommen, doch war er zu Anna's stiller Freude nicht im Stande, diese Fahrt zu unternehmen, denn kaum wissend wie, hatte er sich eine Erkältung zugezogen, und der stets so gefürchtet« Husten hatte sich in leichtem Grade eingestellt. (Fortsetzung folgt.) Ave Maria! Wie soll ich Dich grüßen? Ich weiß keinen Namen, So schönen, so süßen Als: Ave Maria! Ave Maria. Ave Maria! Laßt freudig mich singen, Am Morgen, am Abend Den Engelsgruß bringen Dir: Ave Maria! Ave Maria! Die ewige Liebe Hat selbst ihn ersonnen, Daß ewig er bliebe Dies: Ave Maria! Ave Maria! So sing ich auf Erden, — Im Himmel auch einsten! Ein Sänger laß werden Mich: Ave Maria! mb. Aus dem Tagebuche eines Schulgehilfeu. Von I. Mayerhofer. Das ist jetzt Jahre her: da hatt' ich als bayerischer Schulgehilfe im schönen Monat Juli und August die Ferien. Mein vorgesetzter Lehrer hatte sechs kleine Mädchen, und jedes Mädchen hatt' ein Brüderchen. — Da kam's dem Magister eben recht, daß alljährlich zwei Monate Vakanz einfielen. Da pflegten nämlich wir „Gehülfen" unsere Löffel nicht in des Lehrers Familien- Schüssel zu stecken und machten die ganze Zeit über keinen Versuch, aus dem Haufen Kraut darin ein Stückchen Fleisch herauszuangeln. Meine Collegen im Revier verflogen wie die Schwalben auf „Maria Geburt" zu Eltern heim und zu Verwandten. — Mir aber waren beide, Vater und Mutter, todt, und hatt' ich auch Verwandte, so waren die gar arm, so daß ich nicht zu ihnen gehen konnte. Da dacht' ich mir: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt, — erhob mein bischen Sold, schwang frohgemuth mein Ränzlein auf die Schulter und wanderte in's offne Land hinein. Auf solcher Fahrt gelangt' ich eines Tages an das große Wasser, das der Jnn heißt, und darüber lag das schöne Oesterreich. Ehrwürdig grüßten Braunau's geschwärzte Thürme und Mauern herüber, freundlich blickte ein Kloster vom Berge nieder und mir ivar's, als schaue die Sonne viel wärmer und lieblicher auf das Land da drüben hinterm schwarz-gelben Grenzpfahl. Da faßt es mich im Herzen und ich dachte: Jetzt hast du dich durch all' das matte Bier im „Wald" und „Gäu" hindurch geplempelt, daß dir's im Magen kalt und sauer ist, — nun trinkst dich einmal auf der Wein-Seite durch alle christlich-billigen Sorten Seiner kaiserlichen Majestät durch und den ganzen Weg retour bis gen Paffau hin, auf daß dir's wieder bester wird. Und schritt über die lange Holzbrücke zwischen den „Grenzern" durch, am heiligen Johannes von Nepoinuk vorbei und durch den tiefen Thorbogen in die Stadt hinein. Darin besah ich mir das Bild des alten Bürgermeisters, dessen Bart so lang war, daß er darauf stehen konnte» und als ich ihn und die alte Pfarrkirche mit den vielen Steindenkmalen genugsam betrachtet hatte, besprengte ich mich mit Weihbronn und trat, um mich zu stärken für den Weitermarsch, in'S Hintergärtchen des „Wein-Hauses.* War das ein seliger Winkel! Wie prickelte der helle flirrende Wein auf »reiner trock'nen Zunge! Die leis bewegten Zweige der Garte.ibäume warfen ihren Schatten über mich, des Brünnleins Wasser rauschten klingend auf die Tropfstein-Mulde nieder — ja wär' meines Beutels Inhalt nicht gar so dürftig gewesen, hier hätt' ich etlich' Tage Rast gehalten. Wie schwer mir auch das Scheiden fiel, die Furcht, es möchte mir in der Stadt die Herberg' für die Nacht zu theuer sein, trieb mich wieder weiter. Ich zog den Jnn entlang, lag Nachts in einem Dorf im Heu und wanderte des andern Tages wieder zu. Ueber Nacht war schlechtes Wetter eingetreten. Die Wolken hingen tief vom Himmel nieder, ein feiner Regen rieselte sachte und schläfrig auf die Erde und erreichte den fetten Lehmboden, daß mir das Gehen sauer ward. Vor Hunger, Müdigkeit und Nässe war ich herzlich froh, als aus dem Regen- und Nebelschleier endlich wieder ein Dorf auftauchte. Und war mein erster Gang natürlich in's Wirthshaus. War aber mein Eintritt in die Wirthschaft gedrückt, und erhofft' ich mir darin nicht etwas anderes Erfreuliches zu finden als Obdach gegen das Unwetter, — so sollte bald der Schalk nur im Nacken sitzen und mir so Fröhliches adveniren, wie bis dahin nicht auf meiner ganzen Fahrt; und war ich doch in manch' einer guten Schenke gesessen bei lustsamen Menschen. Das ging also zu: Ich sprach: Grüß Gott, Herr Wirth! Darauf fragte der: Was kriag'n S'? A Bier? Ja, weun's frisch is. Als ich dies gesagt hatte, ging er ab und humpelte in dem Keller. Er ging sich nicht leicht, hatt' einen dicken Bauch, war in mittleren Jahren und trug die alte Wirths- tracht: grünes Sammtkäppchen, rothe Weste und mit zwei Reihen silberner Knöpfe besetzt, schwarze Le'oerhose, blaue Strümpfe und Bundschuh'. Dieweilen er im Keller hantirte, hing ich mein Ränzchen an den Nagel und setzte mich an den Tisch, woran nur ein einziger Gast saß. Der sah mich scharf an und fragte: G'wiß sän S' a Student? Und weil der Schelm mir in Herzen erwachte, so antwortete ich: Ja, Wo studir'n S' denn? In Wean oder z'JnnSbruck? In Boar'n drent, z'Münka drob'm. Und was studirn S' denn? Und antwortete ich stolz: ^us. Was is denn dös:? Dös is dös, wo man a'n Advokat wird» Also a Herr Advokat sind S'? Der bin ich. Mittlerweilen kam der Wirth aus dem Keller herauf gekeucht und hörte mit Erstaunen, wie mein Gesprächs-Part und die Leute an den Nachbartischen mich „Herr Advokat* titulirten. Rückte darnach in Etwas sein Sammtkäppchen und frug: Was? Üs seid schon an Advokat und seid'S noch so jung? Ja wißt's, ich bin halt früh zur Studi kemma und bin iazt a g'rad fertig wor'n. ... ""hm er das Käppchen ganz vom Kopfe und während er es zwischen den buken Händen drehte, sagte er: 294 O, Sie, Herr Advokat, ich hätt' Ihnen Eppas z' sagen. Vielleicht könnt' Ös mir da an Rath geben. Wißt's, ich hab' mit einem Nachbarsbauern Streitigkeit von -'wegen einem Joch Wiesen und da kimmt's iazta zum Klagen. Jetzt kann's gut geh'n, dacht ich. Soll ich nun wirklich den Advokaten spielen, oder soll ich mich ergeben und bekennen, daß ich nur eitel geflunkert? — Sicherer war das Letztere. Da trat des Wirthes blühend Töchterlein aus der Küche in die Gaststube, stellte sich an den Gläserkasten und warf unterm Nadeln am Strickstrumpfe vielhelle Blicke auf mich herüber, als wollt' sie mich ermuntern, ein gutes Werk zu thun. Also, auch sie hielt mich verwundert für einen, ob zwar jungen, dennoch wahrhaftigen Advokaten. Wie konnt' ich jetzt noch eingesteh'n, daß ich ein bloßer armer Schulgehilfe sei? — Du mußt die aufgenommene Rolle weiterspielen, ermuthigte ich mich und und sagte laut: Ja, mein lieber Wirth, das kann ich Euch auch nicht grade sagen, wie's mit der Wiese steht, und wem von Euch Beiden sie gehört. Da müßt' ich erst Eure Kataster sehen und müßt' auch mit dem Bauer reden können. An alter Spruch hoaßt eben: auckiatur et altsra paro, auf deutsch: die andere Partei muß auch vernommen werden. Und wenn ich recht thue und ordentlich zwischen Euch entscheiden sollt, so müht ich auch, wie g'sagt, den Bauer hören. Vielleicht geht der nicht bei, hofft' ich im Stillen. Es dauerte aber nicht lang, und Kataster und Bauer waren herbeigeholt. Der war ein langer Mann; als er zur Thüre hereintrat, mußte er den Kopf bücken; er richtete ihn aber sogleich wieder auf und überschaute die Versammelten mit dem Blicke eines Mannes, der sich selten unter ihnen sieht. Die Leute grüßten ihn fast ehrfurchtsvoll und flüsterten dann unter sich; er dankte kurz und setzte sich mit leichtem Kopfnicken an meine Seite. Der Wirth brachte für ihn ein Glas Wein und an Stelle des abgetragenen Bieres auch eines für mich. Als ich dasselbe geleert hatte, ließ mir der Bauer eines auf« setzen; dann ließ der Wirth wieder eines bringen durch sein Töchterlein, und dann machte eS der Bauer wieder nach. Dabei wurde mir bald vom Einen, bald vom Andern der Streit um die Wiese vorgetragen und ich gab bald dem Wirthe Recht in seinen Ansprüchen und bald dem Bauer, doch keinem zu viel und keinem zu weh. Nachdem ich also an die sechs Gratisschoppen in den Magen gegossen und mich auch in den Kataster — Kapadaster nannten ihn die Guten — vertieft hatte, kam ich zu dem salomonischen Schlüsse: Ja. meine lieben Leute! Im Kataster ist dieser höchst eigenthümliche Fall nicht vorgemerkt. Um daher über vorwürfige Streitsache einen richtigen Ueberblick gewinnen zu können» müßt' ich'S Grundstück selbst seh'n. DaS sagt' ich aber nur, weil mir bei dem ganzen Handel immer weniger wohl ward und ich nicht absah, wie mich draus Hinauswickeln. Die Parteien aber waren mit einer Besichtigung der Wiese sofort einverstanden und drängten sogar dazu. Bevor wir jedoch aufbrachen, mußt' ich noch auf jedes Klienten Wohl ein weiteres Glas Wein trinken, und — notn bens! — keinen „Tischwein" mehr, sondern feurig „schnalzenden". Mir ward im Kopse ziemlich schwank: seit zehn Uhr Vormittags trank ich auf Beiden Rechnung ungewohnten Wein, und jetzt war's zwei Uhr Nachmittags. Trotzdem der Regen noch immer niederrieselte, war's mir angenehm erleichternd, daß wir uns endlich aufmachten nach der eine 1/2 Stunde entfernten Wiese. Ich trug den „Kapataster" unterm Arme und ließ das unschuldige Papier zu Nutz und Frommen eines k. k. Notarschreibers weidlich durchwalken. Was kümmert« mich der Kataster? Ich dachte nur: Josephus, Josephus! wie kommst du wohl noch leidlich aus dieser Schlinge? Wir kamen an Ort und Stelle an; zweimal gingen wir um die ganze Wiese herum, langsam, sachte: mir fiel kein Ausweg ein. Ich zog die „kapadastrische" Urkunde von 295 — Schritt zu Schritt zu Rathe, umwandelte zum drittenmal die Flur und stieß mit dem Fuße an jeden Grenzstein und besah ihn, als ob, Gott weiß waSl auf ihm geschrieben steh« — und immer, immer noch kein Ausweg! Josephus, JosephuS, da hast du dir eine schöne Suppe eingebrockt! Schon flucht' ich heimlich allen Gratisschoppen, da firl'S mir zündend ,n die Seele, was meine Rettung sei. Ich machte plötzlich halt, legte den linken Zeigefinger über die Nase an die Stirne und sagte: Liebe Leute: Das ist der seltsamste Fall. der mir bislang in meinem ganzen Leben vorgekommen, und es nimmt mich gar nicht Wunder, daß Ihr darüber streitet und nicht in's Reine kommt. Denn er ist so verwickelt und verworren, daß alle Advokaten in der? Welt den Knoten nicht zu lösen in der Lage sind. Ich geb' Euch drum den Rath, daß Ihr die Wiese theilt, und Jeder sich die Hälfte nimmt. Fügt Euch meinem Urtheil: wenn Jhr's zum Processe treibt, so nehmen Eure Advokaten Euch nur Euer Geld ab, und mehr Geld, als die ganze Wiese werth ist. Es kriegt aber, wenn's mit rechten Dingen zugeht, keiner von Euch die ganze Wiese zugesprochen, sondern Jeder nur die Hälfte, weil eben Niemand auf Gottes Erdboden sagen und entscheiden kann, wein von Euch die ganze Wiese zugehört. Und daß das also kommen wird, das weiß ich ganz genau, dieweil ich eben erst vor wenig Wochen ausstudirt hab'. — Auf diesen Entscheid war Keiner der Guten gefaßt. Erst starrten sie mich an, dann räusperten sie sich etzliche Male, ließen den Blick über die Wiese schweifen und versanken in Trübsinnigkeit, und trüb und trist fiel dazu der Regen nieder. Endlich faßte sich der Bauer und sprach: Ich glaub', der Herr Advokat hat Recht. Wir theilen d' Wies und lassen 'S Streiten gut sein, und wenn wir von dein Geld, was uns das Prozessiren kosten that, nur einen zehnten Theil vertrinke», so ha'm wir alle drei an guten Tag, und wir zwei werden wieder gute Nachbarsleut'. Was moanst denn, Wirth? Und weilen ich ihm lächelnd zunickte und ihn solchen Entschlusses halber lobte, erheiterte sich auch des Wirthes umflorte Miene und er bot versöhnt dem Widersacher die Hand auf dem strittigen Grundstück. Dann aber kehrten wir zum „goldenen Hirschen" zurück, wo bis in's Dunkel der Nacht hinein ein fröhliches Trinken stattfand. Das halbe Dorf nahm zechend Theil an der Wiederversöhnung der zwei angesehensten Männer der Gemeinde, die lange wie Achill und Agamemnon gehadert an deren Zwiespalt ganz „Kirchdorf" in zwei Lager getrennt hatte. Bon allen Tischen klang das Lob des „g'scheidten Advokaten" mir in's Ohr, dem solches Wunder in so kurzer Frist gelungen sei. Dazu ein beständiges Klingen und Anstoßen der Gläser, und war es nur gut, daß es an vielem und gutem Essen nirgends fehlte, als: Blut- und Leberwürsten, Schwarten« magen und Kalbsbraten. Obwohl ich mich aber tapfer an diese guten Dinge hielt, war gleichwohl das Resultat des Tages dies: Wirth und Bauer waren versöhnt und ich, als deren „Advokat" war unmenschlich — betrunken« Ich trage aber gutes Verhoffen, daß der Himmel dieses Uebcrnehmen im Wein mir gnüdiglich verzeihen werde. Mich hat halt meine „Friedensstiftung" und mein gutes Werk so gar sehr überfreut. Es scheint mir übrigens, als habe sich auch der Wirth in Etwa gar zu stark der Freude hingegeben. Denn als ich nächsten Tages erst nach acht Uhr in die Gaststube herab kam, hieß es, daß er noch gut schlafe. Und war mir das zu hören lieb. Wie leicht konnte ein unbedachtes Wort, in deß Morgens Nüchternheit gesprochen, den armen Schulgehilfen verrathen l 29b Gab also noch gute Grüße an die Versöhnten auf und wandert' raschen Fußes au», dem Dorfe die Straße entlang. Gegen Mittag langte ich im hochragenden Stifte ReicherSberg an und sah im Kreuz- gang die alten Ritter auf den Steindenkmalen und im Klostergarten den sehr freundlich grüßenden Prälaten, der mit dem jungen Dechant Konrad spazieren ging. Dann zog ich wieder weiter und kam nach Schärding, wo ich mein letztes Gläschen Wein trank« Und ob der auch um vieles saurer war, weil ich den Preis dran sparte, so schmeckte er mir doch nicht minder, als der „schnalzende- in Kirchdorf, well ich nun nimmer fürchtete, daß der falsche Advokat entlarvt werden und damit mein gut gelungenes Werk in'S Wasser fallen könne. Verblieb mir aber noch immer ein Gefühl der Aengstlichkeit im Busen, und ging ich d'rum in Kurzem über die Brücke nach „Neuhaus- hinüber. Erst als ich wieder bayerischen Boden unter den Füßen spürte, war auch mein 'letztes Bangen fort, und mit dem Hut nach Oesterreich grüßend, sang ich mit lauter Stimme: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt. Himmelsschal» im Monat Mai« — >. Merkur L kommt nach Sonnenuntergang am nordwestlichen Himmel im Stier zum Vorschein und ist am besten gegen Mitte des Monats zu beobachten. Am 1. findet man ihn 4" nördlich vom Saturn. Venus y steht am 2. in Sonnenferne zwischen Fische und Widder und ist nur kurz« Zeit in der Morgendämmerung sichtbar. Mars im Sternbilde der Fische und des Widders geht Morgens 3 Uhr in Osten auf und erreicht zwischen 10 und 9 Uhr Vormittags seine größte TageShöhe. Am 4. steht er 4° südlich vom Mond, am 10. gegen 1" südlich von der Venus. Jupiter geht gegen 11 Uhr Vormittags durch den Meridian und verschwindet in den Zwillingen 11 Uhr Nachts. Am 19. passirt er die Erdbahn und steht 4" nördlich vom Mond am 9. Von seinen Trabanten werden sichtbar verfinstert: der erste am 8.; der zweite am 2. und 9.; der dritte am 6. und 13. Saturn H kommt mit der Sonne in Conjunktion und geht mit ihr auf und unter« Miseellen. (»Fafcht unglaublich-!) Kurz nach dem 70er Krieg bramarbasirte ein junger preußischer Offizier, welcher nach Stuttgart commandirt war im Kreise württembergischer Kameraden mit seinen Kriegsthaten. Mit unverfälschter schwäbischer Derbheit erlaubte sich hierauf ein württembergischer Marssohn die Bemerkung: „Aber Herr Kamerad» feie se net so saumäßig verloge,- woraufhin der Norddeutsche ein Pistolenduell für unumgänglich nöthig erklärte Indeß wurde der Zwist dadurch beigelegt» daß ein älterer württembergischer Kapitain den hitzigen Preußen mit den klassischen Worten: „Beruhige Se sich, Herr Kamerad, saumäßig verloge heißt soviel als wie bei Ihn« fascht un- glaublichl- (V e r sch na p pt.) Wirth (zum Weinreisenden): „Warum verkaufen Sie denn Ihren rothen Landwein theurer, als den weißen?" — Weinreisender: „Ja, glauben Sie denn, wir kriegen die Färb' geschenkt? l- (Traurige Erfahrungen.) Schulinspektor: Ich finde, daß die Mädchen dieser Classe durchwegs Besseres leisten als die Knaben« Lehrer: In der That sind hier die Knaben das schwächere Geschlecht. Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.