Unterstaktung8ökatt »ur „Äugsburger Postzeituilg." Rr. 38. Samstag, 12. Mai 1883 . Pfingsten. Mit ihrem Sternenglanz entflieht die Nacht. Es wehen kühl die jungen Morgenlüste, Und sie durchwollt das Meer der süßen Düste, Im Blüthenreich zum Fest des Tags erwacht. Die Sonne schwebet durch des Ausgangs Thor, In ihrem Licht erglüh'» die Tempelzinnen, Und sreud-erröthend steigt aus Nebelflor Jerusalem, die Feier zu beginnen. Durch alle Thore strömt das Volk herein, Im Festgemaiid, mit reichgesüllteu Händen, Dem Gott der Saat die Erstlingsfrncht zu spenden Von seiner Felder fröhlichem Gedeih'n. Und Alles eilt und fliegt zur Stadt hinaus. — Wie Meeresflutheii schwillt der Opsrer Menge; Sie ordnet sich — und zu Jehoven's Haus Wallt hin der Zug mit fröhlichem Gepränge. Die Priester steh'» im festlichen Talar, Vorn Volk empfangend die geweihten Brode, Und Opserthiere nah'n, bekränzt zum Tode, Das Haupt gesenkt und zitternd, dem Altar. — Die Flamme kündend wirbelt hoch der Rauch; Sie schlägt empor — das Heiligthum erglühet. Der Priester Mund entweht Grbeteshauch, Und Alles legt die Hand aus's Herz und knieet. In Freundeshaus, dem prächt'gen Tempel fern, Vom heimathlichen Volke, wie verloren, Verweilt die Schaar, die Christus sich erkoren, Einmüthiglich versammelt in dem Herrn. Verhangnißvoll umwebt sie Gottes Rath, Den Tag zu weih'n mit hohen Wunderdingen; Im Morgenglanze winkt des Meisters Saat, Auch ihre Erstlingsfrucht dem Fest zu bringen. Gedankenvolle Still' ist im Gemach, Der Jünger Geist dem Meister nachgezogen: Nur je und dann, der tiefsten Brust entflogen, Durchbebt die Luft der Sehnsucht leises Ach! — Doch schöner, denn des Mundes Rede, spricht Mit zartem und bedeutungsvollem Regen Der Sinnenden bewegtes Angesicht Voin Gottessohn und seiner Liebe Segen. Und sieh'! da zuckt aus blauer Lust ein Strahl. Des Hauses Beste bebt vom dumpfen Brausen. Es wirbelt sich empor, wie Sturmcssausen, Und blendeiid Licht erfüllt den hohen Saal. Doch von der Windsbraut hin und her durch» schnaubt . .. Muß bald der helle Wunderglanz sich theilen; Dann wird es still — und über jedem Haupt Sieht man ein Flämmcheu liebeglühend weilen. Wie von verborgner Gluten Donnerstoß Der heilige Tiberias erbebet, Und Well' aus Well' empor zum Lichte hebet, Was ewig barg der dunkelu Wasser Schooß: So bebt der Jünger Herz dem Wetterschlag Und den bedeutungsvollen Wunderzeichen, Und was in tiefer Brust noch schlummernd lag, Ringt sich empor — und alle Nächte weichen. Da sieht ihr Aug', was »och kein Auge sah, Des Menschensohiis vollkommne Gottesnähe Und fernes Planes Weite, Tief' und Höhe Und seiner Schöpfung Leben fern und nah. Hernieder strahlt auf sie des Meisters Glanz, Und sie erschau'» des eignen Geistes Würde, Das Hirtenamt, des Sieges Stcrnenkrauz Nach ihres Werkes wohlgetragner Bürde. Ihr Herz entbrennt von heißer Liebesglut, Versöhnend Erd' und Himmel zu umfangen; Eutfloh'n ist ein Kiudertraum, ihr Bangen» Die Brust erfüllt mit frohem Glaubensmuth. Und zu dem Glauben strömt auch wunderbar Von oben her die heil'ge Kraft der Zungen: Da wird das Wort vom Tröster ihnen klar, Von höhrer Andacht ihr Gemüth durchdrungen. Des Wunders Sage wälzt sich fort und sort Bis zu Jerusalems eutsernlsten Hütten, Ulid Alles staunt und kommt mit schnellen Schritten, Um selbst zu schau'» an den geweihten Ort. Das Haus, das bald ein Heer von Fragern füllt, Durchtönt der Sprachen wild verworr'nrs Rausche»; Ein Wink der Jünger» — und es ist gestillt, Und rings umher ein odemlojes Lauschen. 298 Da steht der Helden gottgeweihtec Bund Und schaut auf sein Geschlecht mit Wonnebeben, Laut schlügt die Brust — und ihr verklärtes Leben Entwallet rein dem hochberedte» Mund. Die Hörer sind erschüttert und entzückt: Ein solches Wort ist ihnen nie verkündet. Des Ew'gen Geist hat sie der Welt entrückt — Und Christi Reich ist felsenfest gegründet. Nikolaus Leonard Heilmann. Des Jörstero Enkelkind. Original-Novelle von Mary Dobson. (Fortsetzung.) Das alte Leiden hielt bis nach dem Weihnachtsfeste an, das von den drei so eng verbundene» und befreundeten Familien auf dem Buchenhof begangen worden, und da in den ersten Wochen des neuen Jahres mildes feuchtes Wetter vorherrschend war, erklärte eines Abends der junge Gutsherr in Anwesenheit seiner Schwiegereltern, die am Nachmittag gekommen waren, am nächste» Morgen nach der Stadt zu fahren und seinen Eltern den längstversprochenen Besuch abstatten zu wollen. Anna und Kohrings stimmten ihm bei, und der Förster fügte hinzu: „Wie lange gedenkst Du zu bleiben, Ludwig? Wir könnten uns möglicherweise treffen, denn ich muß Deinen Vater sehen und sprechen —" „Ich komme aber morgen Abend bestimmt wieder", entgegnete Ludwig von Bodenwald mit einem schnellen Blick seine Gattin streifend, die indeß mit unverändertem Gesichts- ausdruck sich mit einer Handarbeit beschäftigte- „Dann werden wir uns wohl morgen Mittag sehen, und ich begleite Dich am Abend hierher! —" Kohrings brachen bald auf, und beim Weggehen bat Anna ihre Mutter, doch den nächstfolgenden Morgen zu kommen, und den Tag auf dem Buchenhof zu verleben, was diese ihr bereitwilligst zusagte. Ludwig stand am nächsten Morgen mit seiner Gattin und Tochter im Wohnzimmer und nahm, zwar. nur auf zwei Tage, Abschied von ihnen, Anna's Wangen waren bleicher als sonst, doch erwiderte sie mit ruhiger Fassung seine zärtlichen Worte, und bat ihn besonders für seine Gesundheit Sorge zu tragen. Er versprach ihr dirs und fügte hinzu: „Morgen in der Dämmerung siehst Du mich wieder, Geliebte", drückte sie dann nochmals an seine Brust, nahm auch das Kind auf seine Arme, das mit lebhafter Zärtlichkeit seinen Hals umschlang, küßte es wiederho't, reichte seiner Gattin nochmals die Hand und verließ das Zimmer, doch folgte sie ihm mit der Kleinen auf den Flur hinaus. Im Begriff die Hausthür zu öffnen, kehrte er nochmals zu Beiden zurück umfaßte sie mit einer hastigen Umarmung, verließ schnell das Haus und bestieg den Wagen, der dann sogleich davon fuhr. Jn's Wohnzimmer zurückgekehrt, blickte die junge Frau, ihr Kind auf dem Arm, dem den Gutshof verlassenden Gatten nach, und als dieser ihren Augen entschwand, sank sie auf einen Stuhl und brach in Thränen aus. Die Kleine betrachtete sie erschrocken eine Weile, legte dann ihre Händchen an die Wange der Mutter, und versuchte, sie mit zärtlichen, beredte» Worten zu trösten. Gerührt von der schon so deutlich hervortretenden kindlichen Liebe ihrer kleinen Tochter, und bestürmt von den verschiedenartigsten Gedanken, küßte sie diese mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, versuchte sie zu beruhigen, denn auch sie schien dem Weinen nahe zu sei», trocknete ihre Thänen, und begann ihre gewohnten Morgenarbeiten in der großen Haushaltung vorzunehmen. Sie hatte indeß kaum das Erforderliche mit der Haushälterin geordnet, als sie einen rasch näherkommende» Wagen vernahm. Bei diesem Geräusch 299 klopfte ihr Herz hörbar, denn er konnte es sein, er konnte ein Unglück gehabt haben! — Doch nein, es war das Fuhrwerk des Verwalters von Bodenwald und bald erkannte sie auch Frau Bergmann darin. Als die Gäste ausstiegen und Mutter und Kind begrüßten, sagte Frau Bergmann zu der jungen Frau: „Anna, wenn Du mich hier behalten willst, werde ich bis Deine Mutter kommt, oder noch länger hier bleiben —" „Das ist sehr freundlich von ihnen, liebe Frau Bergmann-, entgegnete Anna lebhaft, während die Kleine dre Großmama, wie sie sie nannte, fröhlich umsprang. „Hat Ludwig Ihr Kommen veranlaßt?" „Aufrichtig gesprochen, ja, Kind, dennoch würdest Du mich auch ohne seinen Wunsch sehen, denn es taugt nicht für Dich, allein zu sein! — Du hast geweint — " „Noch nie ist mir die Trennung von ihm so schwer gefallen, und meine Angst wird nicht eher schwinden, als bis ich ihn gesund wiedersehe!" „Das ivird schon morgen Abend sein, er ist kaum einige Stunden von hier entfernt-- „Stellen Sie sich vor, Frau Bergmann, wenn ich ihn nie wiedersehen sollte!" und wie vor einer furchtbaren Erscheinung erschaudernd, blickte die junge Frau zu ihr auf. „Anna, wie kannst Du, die stets so ruhig und besonnen gedacht, jetzt Dich und uns alle mit solchen Gedanken quälen? Du kannst doch Deinen Mann nicht seinen Eltern entziehen!" „Es drängen sich mir aber immer wieder die alten Befürchtungen auf — —" „Und daß diese thöricht und grundlos sind, hast Du längst einsehen müssen! — Uebrigens habe ich vollauf Beschäftigung mitgebracht, und Du, die Du so geschickt bist, muht mir helfen. Den arnien Stcinhauerfamilien an den Brüchen gebricht es an vielem, und der Winter ist noch nicht vorüber. Ich wollte ihnen warme Kleidungsstücke geben, und Dich bitten, mir beim Einrichten derselben zu helfen, damit ich sie sogleich anfertigen lassen kann!" Ludwig von Bodenwald war mit unverkennbarer Freude von seinen Eltern empfangen worden, sie hatten alles aufgeboten, ihm den Aufenthalt im Vaterhause angenehm zu machen, was ihm nicht entgangen war, und ihn lebhaft an die Befürchtungen seiner Gattin erinnert hatte. Er setzte ihrer Freundlichkeit Vorsicht und eine leichte Zurückhaltung entgegen, die, wenn sie sie bemerkten, ihnen nur allzu gerechtfertigt erscheinen mußt«. Am Abend fand sich eine kleine Gesellschaft bei ihnen ein, von denen die meisten den jüngsten Sohn des Landkammerraths nicht kannten, ihn wenigstens selten oder lange nicht gesehen hatten. Nach der Vorstellung seines Vaters ward er von Allen, wenngleich die Familiengeschichte der Bodenwald im Lande kein Geheimniß geblieben mit besonderer Höflichkeit und Zuvorkommenheit behandelt, und bei eingehender Unterhaltung mit ihm konnten die alten Freunde seines Vaters nicht umhin, seine vielseitige Ausbildung anzuerkennen. Als die Gäste in einer späten Stunde auch von ihm Abschied nahmen, geschah eS mit der Aufforderung, ihnen Gelegenheit zu geben, eine Bekanntschaft fortzusetzen, die ihnen so große Freude gewährt. Als am nächsten Morgen nach dem mit seinen Eltern eingenommenen Frühstück er und sein Vater nach den neuesten Zeitungen griffen, fragte die Landkammerräthin, welche mit einer leichten Handarbeit beschäftigt war: „Ludwig, befriedigt Dich der Aufenthalt auf dem Lande — auf dem Buchenhof?" „Ob er mich befriedigt?" entgegnete verwundert ihr Sohn und fing zugleich einen Blick des Einverständnisses seiner Eltern auf. „Gewiß, Mutter, wo sollte es mir auch besser gefallen, als im Kreise meiner Familie und inmitten der mir so lieben Thätigkeit?" „Das klingt ganz gut und schön", fuhr Frau von Bodenwald fort, während ihr Gemahl anscheinend eifrig las, „und mag Dir jetzt genügen, später aber, glaub« mir, 300 thut es das nicht mehr. Du mußt auf den Umgang mit Deinesgleichen verzichten, und hast dafür den täglichen Verkehr mit Knechten und Tagelöhnern —" Der junge Mann blickte ruhig auf seine Mutter und antwortete in entschiedenem und ernstem Ton: „Einem solchen Verkehr kann sich kein Landwirth entziehen, und sind sämmtliche Leute auf dem Buchenhof brave, rechtliche Menschen. Den weiteren Umgang mit Meinesgleichen muß ich augenblicklich meiner Gesundheit wegen meiden, im Hause aber bei meiner Frau und Tochter —" „Deiner Frau und Tochter", wiederholte jetzt langsam der Landkammerrath, „ja, dieser wegen wollten wir schon lange mit Dir reden, und ist augenblicklich dazu die geeignetste Zeit —" „Was könnte das sein?" fragte in gemessenem Ton der junge Mann, und blickte ernst, fast streng auf seine Eltern, denn seiner Gattin Sorge und Befürchtungen traten vor seine Seele. „Ludwig, verkenne uns nicht in dnn, was ich jetzt sagen werde und sagen muß, seit wir Dich als Mann kennen gelernt", fuhr in überredendem Ton sein Vater fort, während Ludwigs Erregung mit jedem Augenblick zunahm, wenngleich er entschlossen war, seinen Eltern ruhig zuzuhören. „Als Du vor einigen Jahren Anna Kohring heirathen wolltest, habe ich allerdings meine Zustimmung dazu gegeben, allein dies seitdem tausendmal bereut „Ich hätte Anna auch ohne Deine Zustimmung geheirathet, Vater", unterbrach der junge Mann mit einem festen entschiedenen Blick. Der Landkammerrath sah diesen Blick, der ihm nur zu deutlich sagte, daß sein Sohn die Wahrheit gesprochen. Dieser fuhr fort: „Doch wollten Kohrings ihrer noch damals unmündigen Tochter nicht ihre Einwilligung geben!". „Daran erkenne ich ihre Anhänglichkeit und Treue an uns — —" „Lassen wir das, Vater, und sage mir, weshalb Du bereut, daß Anna meine Frau geworden, und ich, der ich seit meiner Kindheit in meiner Familie weder Glück noch Freude gekannt, ein glücklicher Mann, Gatte und Vater geworden bin?" Seine Eltern sahen sich betroffen an, die Mahnung an ihre beiderseitige Schuld reizte aber den Landkammerrath, der so lange seine Ruhe bewahrt, und mit lauterer Stimme, als er bisher gesprochen, antwortete: „Solltest Du, ein Bodenwald, das nicht einsehen?" „Nein!" „Nun, so muß ich Dich daran erinnern, daß seit Hugo's und seiner beiden Söhne Tod Du und Karl die einzigen Erben unseres Namens seid, Karl hat noch keinen Sohn —" „Es können deren noch hinreichend aus seiner Ehe erwachsen, um unsern alten Namen fortzupflanzen, wie auch meine Frau mich noch mit mehreren Söhnen beschenken kann —" „Du meinst doch nicht etwa Anna Kohring?" fragte seine Mutter in geringschätzendem Ton. „Gewiß, Mutter, denn meines Wissens nach, besitze ich nur eine Frau!" erwiderte ihr Sohn, seine funkelnden Augen auf sie richtend. „Die Söhne aus Deiner jetzigen Ehe könnten unsern alten Namen nicht fortpflanzen -" „Sie ist eine gesetzliche-" „Die Du jedoch aufgeben mußt!" fuhr der Landkammerrath heftig auf. „Ich will für die Försterstochter und ihr Kind hinreichend sorgen; sie kann in einer andern Gegend oder in einem anderen Lande-" „Vater, was wagst Du mir zu sagen?" entgegnete sein Sohn. „Ich wiederhole Dir, daß es mein fester Wille ist! — Ich werde die nöthigen Schritte, Deine Ehe zu lösen, thun, und mit meinem Einfluß-" In maßlosem Erstaunen hörte Ludwig seinem Vater zu. Sein Blick begann heftig zu rollen, und er fühlte das laute Pochen seiner Schläfe und seines Herzens. Von seinem Arzt vor jeder heftigen Aufregung gewarnt, suchte er sich zu beherrschen und schwieg einen Moment. Sein Vater aber, der seinen jüngsten Sohn nicht kannte, glaubte, daß wie immer, sein Wille gesiezt habe, und fuhr in erhobenem, befehlendem Tone fort: „Du wirst für den Augenblick nicht nach dem Buchenhof zurückkehre», den Berg mann bis auf Weiteres vermalten kann. Unterdcß wende ich mich an das Konsistorium." „Vater", rief jetzt der Sohn, dessen Vernunft seine Aufregung und seinen Zorn nicht mehr zu beherrschen vermochte, unterlaß alle Deine Bemühungen, denn ich, ein Bodenmald erkläre, ja, schwöre Dir — —" „Schwöre nicht!" riefen einstimmig seine Eltern, und sein Vater fügte hinzu: „Denn Du wirst Deinen Schwur nicht halten können —" „Ich werde ihn dennoch halten und schwöre, daß nur mit meinem Leben ich mich von meinem Weibe und Kinde trennen werde!" „Entarteter Bube! man sieht, daß Du nicht in meiner Zucht erwachsen bist!" rief außer sich vor Wuth sein Vater aus. Diese Worte aber raubten Ludwig alle Besinnung. Er sprang von seinem Sessel auf, und was geschehen wäre, ist schwer zu sagen. Im nächsten Moment aber stieß seine Mutter einen lauten Schrei aus, denn ein rother Strahl stürzte aus seinem Munde und kraftlos erbleichend, stützte er sich gegen den Tisch. In diesem Augenblick ward die Thür aufgerissen, Förster Kohring trat in's Zimmer, und den schon fast bewußtlosen jungen Mann in seinen Armen auffangend, trug er ihn auf das nahe Sopha. (Fortsetzung folgt.) Was uns der Mai und das Pfingstfeft erzählen. Der Mai war gekommen — ja: „Er war gekommen In Sturm und Regen!" aber nun war er da! Mai, Mail — Wie wiegt doch diese kurze Silbe ein ganzes, langes Gedicht auf! -- Die Maiensehnsucht ist wie das Heimweh, und welcher Mensch möchte oder könnte dieses Sehnens entbehren? Wohl hat jede Jahreszeit, jeder Monat eigemthümliche Reize, der Mai aber ist der Freund aller Menschen, er pocht an unsere Thüren, an unsere Herzen, ein Schritt hinaus aus dem dumpfigen Treiben der Städte, und aufathmet der Mensch wie verjüngt, wie neugeboren. — Die kleinen Blattspitzen lugen so naseweis hervor, wie verhätschelte Kinder, die uns so lange necken, bis wir selber heiter iverden, die Blüthen kommen heraus, — ein Jahr nach dem andern, und doch jedes Jahr neue Zaubergewalt übend auf das arme Menschenherz. — Der Mensch müßte sehr unglücklich oder sehr elend sein, der keine Freude mehr haben könnte an dem lieblichen Schmuck des sich entwickelnden Jahres, — o Maienzeit, du Brautzeit des Jahres! — Ab streifen wir den Winter, die Frühjahrssonne macht ihr liebfreundlichstes Gesicht, und im Zwitschern jedes Vogels, im Pfeifen jedes Bahnzugs liegt für den Menschen mit seiner Zugvogelnatur eine eindringliche Mahnung: „Hinaus! Hinaus!" und den jubelnden Lockruf: „Wunderseliger Mensch, welcher der Stadt entfloh!" Auch des MaimonatS alljährliche Attribute halte» den feierlichen Ein- und Umzug ein wie alle Mal: der Maitrank und die Maiblumen und die Maikäfer, und nun naht des Maies Krone'und des Sommers Herold sich: Pfingsten, das liebliche Fest der Freuds! Seine Boten hat es längst geschickt, den Weg ihm zu bereiten: die Schwalben, von denen ein alter Spruch sagt: „An Maria Verkündigung Kommen die Schalben wiederum", und das heilige Osterfest mit seiner hohen Festeszeit und seiner schönen Weihe, und dann steckte der Winter noch einmal seinen weißen Kopf zur Thür hinein, und lächelte gar grimmig und schadenfroh und schüttelte den weißen Pelz, daß nur so die Flocken flogen. „Freut Euch nur nicht zu früh!" brummte er, „denn ich bin auch noch da! Mit dein grünen Anstrich da, dem Firlefanz, eilt's nicht so sehr — ich bin ein treuerer Gesell — mich werdet Ihr nicht so leicht los!" Aber die Kinder Alle — die großen wie die kleinen — schlugen ihm ein Schnippchen und sangen ihm ein Trutz- und Spotrlied: „Winter lauf', Winter lauf' Deinen weißen Pelz verkauf'! Frühling kommt mit Sonnenschein, Frühling will zur Thür hinein, Schwülbcben singt schon seine Lieder, Ließ im Nest sich häuslich nieder, Winter, Winter, lauf', lauf'! — Winter lauf', Winter laus', Schon sind alle Thüre» auf, Frühling streut sein frisches Grün, Blaue Beilchen auch schon blüh'u, Schneeglöckchen gar munter klingen, Frühling, Frühling, hör' ich's singen, Witter, Winter, lauf', laus'! — Winter lauf', Winter laus', Deinen Bart von Eis zerraus', Sonst schmilzt ihn der Sonne Glut, Sonne ist Dir gar nicht gut. Fort mit Dir, Herr Wintersmann, Niemand Dich mehr brauchen kann! Winter, Winter, laus', lauf'!" — Und auf den wetterwendischen» launenhaften April, der uns so oft zum Besten hat, und in den April schickt, folgt nun der vielliebe, wunderschöne Monat Mai mit all' seiner reichen Knospenpracht und Blüthenfülle wie sehnsüchtig herbeigewünscht und herbeigerufen: „Komm, lieber Mai, Komm, mach' uns frei, Jage den Winter hinaus, Mache die Bäume grün, Laß bunte Blumen blüh'u, Komm, lieber Mai, Schnell komm herbei!" — Und so war er denn gekommen, und mit ihm der Tag vor Christi Himmelfahrt, und endlich auch der letzte Sonntag vor dem heiligen Pfingstfest, und alle Glocken läuteten recht hell und freudig durch die maienfrische Luft. „Könnt' ich in dem Zimmer bleiben, Wenn das Volk zur Kirche wallt? Könnt' ich Alltagswerke treiben, Wenn der Glockenruf erschallt?" — Ja, und doch trieb er Alltagswrrke, der fleißige Mann dort, der in seinem Gärtchrn hinter dem Hause, behaglich sein Pfeifchen rauchend, sich mit seinem Steckenpferd, der Blumenpflege, beschäftigte, eine Arbeit, wie er sie in seinen Musestunden besonders gerne zu verrrichten pflegte. Heute trug er zum ersten Male seine Topfgewächse wieder in'3 Freie, stellte sie dort auf, begoß sie, deckte seine selteneren Rosenarten ab, band sie in die Höhe, beschnitt und stutzte Alles, und pflanzte einige zartere Gewächse in die Erde, mit denen er sich zuvor noch nicht herausgewagt hatte. Indessen läuteten die Glocken in die Kirche zum Tag des Herrn, und seine Frau trat zu ihm hin im Festtagskleide, das Gebetbuch in der Hand, bereit in die Kirche zu gehen; sie sah ihn fragend an, — er aber schüttelte den Kopf. „Laß nur", sprach er. „Gott ist ja überall — man braucht ihn also nicht nur in der Kirche aufzusuchen. Hier in seiner freien Natur ist er auch zu finden!" Der Mann meinte es nicht böse, aber der Frau gab's einen Stich durch'S Herz. „Aber, Martin, heut' am heil'gen Sonntag, am Sonntag vor dem Pfingstfest» wo Du ohnehin den Ausflug in's Gebirge machen willst, also wieder Predigt und Amt versäumst I —" 303 „Geh', Frau!" sprach Martin, „das verstehst Du nicht! Es kann Eins ein braver Mensch sein, und unsern Herrgott und Heiland im Herzen tragen, auch wenn er einmal nicht mit in die Kirche geht." Und die Frau ging, sie gmg allem, wie öfter, sie seufzte aber leise vor sich hin. Ihr Martin war gewiß ein braver, arbeitsamer Mann, — daß er aber am Tag des Herrn Aütagswerke trieb, und deshalb nicht mit ihr in die Kirche ging, das war doch eine rechte Sünde! — Und so ging sie dann allein, und betete so recht von Herzen für den Daheimgebliebenen, und daß die heilige Mutter Gottes, die holde Maienkönigin, sein Herz doch noch wenden und behüten möge, damit Gott ihn nicht strafe, um seiner Sünde willen. Wie sie dann von ihren Knieen sich erhob und heimging, fühlte sie sich wundersam getröstet, ja, und es müsse etwas Wunderbares sich ereignen, um das Herz des sonst so braven Mannes zu erweichen und die Augen ihm zu öffnen. — Das Fest des heilige» Geistes, das liebliche Freudenfest, es war ja nahe, — wer weiß, ob nicht da auch der Tröster für sie kommen, und ein Strahl des ewigen Lichtes auch für ihren Martin leuchten wird!" — Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen, mit seinen grünen Maienzweigen und Maibäumen, seinen Pfingströslein und seiner hellen Maienfreude: „Pfingsten ist gekommen, Gold'ne Blüthenzeit! Rings in Glanz verschwommen Liegt die Erde weil! Nun mit Maien kränzt Euch, Schmücket und beglünzt Euch, Singt und feiert auf das Best' Frühling's Maienfest! Pfingsten ist gekommen, Grün bergauf bergab, Nun zur Hand genommen Hut und Wanderstab!" — Ja, es wur so recht ein schöner, sonnenheller, frischer Maientag, als Martin am Pfingstsonntags.norgen zu Hut und Wanderstab auch greifen wollte, um hinaus in die Berge zu wandern, als die Festtagsglocken in die Kirche riefen; — zuvor aber trat er noch in den Garten hinaus, um wie tagtäglich, nach seinen Lieblingen zu sehen, weil Nachts ein starker Reif gefallen war. Doch erschreckt fuhr er zurück! Was sah er dort! Ein einziger Frost hatte all' sein „Alltagswerk", das er am Tag des Herrn so oft getrieben, zerstört — die zartesten Gewächse waren ganr vernichtet, Anderes arg verwüstet, ein trauriger Anblick, der ihm tief in's Herz schnitt. Und hinter ihm stand seine Frau, — sie faltete die Hände und sprach kein Wort und sah ihn stumm nur an, aber er verstand den Blick, und ivußte, daß es der Finger Gottes war- der ihn berührt, — sanft zwar nur, aber doch berührt hatte. — „Sei froh, laß uns Beide froh sein", sprach tröstend nun sein gutes Weib, „daß es nur Blätter und Knospen sind, welche des Herrn Hand getroffen. So hat Gott Dich warnen wollen, Martin!" Er sagte Nichts, der Wink war ihm in's Herz gefahren, und er legte Hut und Wanderstab ganz stille von sich, und vertauschte schweigend seinen Äanderanzug mit dem Festtagsrocke, und als alle Kirchenglocken das Fest des heiligen Geistes läuteten und zum Haus des Herrn riefen, schritt, auch Martin an der Seite seines Weibes still und demüthig zur Kirche hin, das heilige Pfingstfest dort zu begehen, und Gott herzinniglich zu danken, daß er ihn so gnädiglich gestraft. — So war auch ihm der heilige Geist gekommen, denn fortan hat Martin msmals mehr bei einem sonntäglichen Kirchgänge gefehlt, weil er kein Alltagswerk mehr trieb am Tag des Herrn, und die Frau fühlte es mit tiefer Dankbarkeit, daß Maria geholfen hatte; und die Psingstmaien, die draußen grünten und die Pfingstrosen- die draußen blühten, erglühten auch lebendig in Beider Herzen, und Frühling war's allüberall ge- 804 worden, zur Maien-, zur heiligen Pfingstzeit, wenn auch etliche Blüthen und Knospen dem warnenden Reif zum Opfer fielen. — Und Alles jubelte dem Freudenfeste zu, dem Fest der Rosen und des Maien! — »An ihren bunten Liedern klettert i Da sind, soweit die Blicke gleiten, Die Lerche selig in die Lust, I Altäre schlich ausgebaut; Ein Jubclchor von Sängern schmettert > Und all' die tausend Herzen läuten Im Walde voller Blüth' und Dust. > Zur Liebesscier dringend laut. Der Lenz hat Rosen angezündet, An Lichtern von Smaragd im Don: Und jede Seele schwillt und mündet Hinüber in den Opferstrom." — Llara Leiekner. Mis-sH-ir. (Ein gutes Geschäft.) Zwei Wallachen treten in einen Trödlerladen« —- „Guten Morgen!" sagt der eine; „ich brauche fünf Gulden, leihe mir sie und ich will Dir fünf Gulden Interessen zahlen, überdies meinen Rock hier zum Pfande lassen. Jst's gefällig?" — Der Trödler besinnt sich ein wenig, endlich antwortet er, indem er eine Fünfguldennote aus der Tasche zieht: „Gut, Bojar, Du sollst Dein Verlangen haben, ziehe Deinen Rock aus." Der Bojar thut es; der Trödler ninimt den Rock. „Sieh," fängt nun dieser an, „ich borge Dir aus diesen Rock fünf Gulden für eben so viel Gulden Interessen. Da es nun Sitte ist, die Interessen gleich abzuziehen, so behalte ich die fünf Gulden und den Rock und Du schuldest mir noch fünf Gulden, worüber Du mir einen Wechsel ausstellen wirst." — Verblüfft schaut der Wallache drein und sich an seinen Begleiter wendend, sagt er: „Jetzt habe ich keinen Rock, kein Geld und der Kerl hat doch Recht." > (Der Bedarf einer Weltdame.) Ein Pariser Blatt richtete vorige Woche an seine Leserinnen die Interpellation, wieviel eine anständige elegante Pariserin für ihre Toilette braucht. Hier die erste Antwort, die der Zeitung aus honetten Kreisen zukommt. Die Einsenderin setzt das Vorhandensein eines vollständigen Toilettenfonds an Kleidern und Schmucksachen voraus. Unter diesem Vorbehalte braucht die zur „großen Welt" gehörende Pariserin für Schneiderin 12,000 Fr., Putzmacherin 3000 Fr., Leibwäsche 4000 Fr., Schuhmacher 1500 Fr., Handschuhe, Strümpfe, Bänder, Cravatten und sonstige Kleinigkeiten 6000 Fr., Alltagsspitzen 3000 Fr«, Parfümerien und Coiffeur 4600 Fr., Regen- und Sonnenschirme 500 Fr. Zu diesem Total von 34,500 Franks kommen noch ungefähr 600 Fr. monatlich für Wäscherei, Fr. 300 monatlich für Putz und Färbung von Seide, Strümpfe rc. und 200 Fr. monatlich für Reparaturen, im Ganzen also 47,700 Fr. (Die trauernde Wittwe.) Eine Dame, die vor drei Tagen ihren geliebten Gatten verloren, kommt weinend und jammernd zu ihrer Mutter. „O, Mutter," ruft sie, die Augen verzweifelnd zum Himmel aufschlagend, „mein halbes Leben gäbe ich dasür, wenn ich die nächsten acht Tage erst hinter mir hätte!" — „Aber warum denn, mein Kind?" — Die trauernde Wittwe sieht thränenden Auges auf das Bild des verstorbenen Gatten und antwortete wehmüthig: „Weil ich dann — nicht mehr daran denke!" (Mißverständniß.) Der Landesherr besuchte einen Ort, in dem eine große Feuersbrunst stattgefunden hatte, und sagte zu dem ihn begrüßenden Ortsvorstand: „Ich habe mit Bedauern gehört, daß Sie kürzlich einen größeren Brand gehabt haben." Derselbe erwiderte unter dem Drucke eines schlechten Gewissens: „Ew. Durchlaucht, es war nicht schlimm, wir waren nur etwas zu lustig." (Schnell gefaßt.) Madame: „Wie kannst Du Dich unterstehen in der Küche zu lesen?" — Köchin: „Aber, Madame, da steht es ja d'rauf, Unterhaltungen am häuslichen Heerd. Tür die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler.